Wir sind Kinder Gottes

Predigt über Römer 8, 14- 17: Das Leben im Geist

14. Sonntag nach Trinitatis, 28.8.2016, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Im Gottesdienst wurden Artur und Stefanie, ein zweijähriges Kind und seine Mutter getauft.

Römer 8, 14- 17

14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden,
damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

 

Liebe Gemeinde.
Ein Kind wird normalerweise von seinen Eltern angenommen und geliebt. Bei Artur ist das auf jeden Fall so, er ist ja auch ein Wunschkind und Sie freuen sich jeden Tag an ihm. Er ist das Wertvollste, was Sie haben, aber er muss das nicht beweisen. Sie haben ihn einfach sehr gern. Seine Daseinsberechtigung ist an keinerlei Bedingungen geknüpft, er muss nichts leisten, um von ihnen ins Herz geschlossen zu werden. Er muss noch nicht einmal besonders brav sein. Sie mögen auch seine Eigenwilligkeiten und wenn er sich mal durchsetzen möchte. Denn das zeigt, dass er gesund und munter ist und bereits jetzt eine kleine Persönlichkeit. Sie verbieten ihm nicht seine eigene Meinung, er soll sich Ihnen nicht völlig anpassen. Im Gegenteil, je selbständiger er sich verhält, umso mehr Freude bereitet er Ihnen.
So ist das mit Kindern immer, wenn das Verhältnis zu ihren Eltern ungestört und schön ist, wenn sie gewollt sind und in Frieden aufwachsen.
Das hatte auch schon Paulus vor Augen. Er benutzt die Kindschaft deshalb als ein Bild, mit dem er unser Verhältnis zu Gott beschreibt. Er sagt: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“
Mit diesem Vers beginnt unsere Epistel von heute. Sie ist ein Teil aus Römer acht, dem Kapitel, in dem Paulus das „Leben im Geist“, d.h. das Leben als Christ oder Christin beschreibt. Dabei greift er auf biblische und frühjüdische Überlieferungen zurück, und zwar denkt er an die Zusage für den Messias. Er wird „Sohn Gottes“ (2. Samuel 7, 1-14) genannt werden, d.h. Gott wird für ihn wie ein Vater sein. In Christus hat sich diese Zusage erfüllt, davon ist Paulus überzeugt. Und alle, die an ihn glauben, werden dadurch ebenfalls zu „Söhnen“, bzw. „Kindern Gottes“. Durch Tod und Auferstehung Christi hat Gott seinen Geist auf alle Christen ausgegossen. Jetzt können sie gemeinsam mit Jesus Christus Gott mit „Abba“ anreden, das heißt „lieber Vater“, oder sogar „Papa“. Jesus hat das als erster getan, so vertraut und persönlich war sein Verhältnis zu Gott. Wer an ihn glaubt, darf das ebenfalls, denn er hat Anteil an der Gottessohnschaft Jesu.
Und das heißt weiter, dass er frei ist. Er muss vor Gott keine Angst haben, wie etwa ein Sklave vor seinem Herrn. Paulus sagt das so: „Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: „Abba, lieber Vater!“
Uns wird hier also zugesagt, dass wir als Christen vom Geist Gottes erfüllt sind und das Erbe empfangen, das Gott den Vätern des alten Bundes versprochen hat. Allerdings heißt das nun nicht, dass wir frei von allem Leid sein werden. Es geht Paulus nicht um ein innerweltliches Heil oder ein materielles Erbe. Das wünschen wir uns zwar oft, aber so ist es leider nicht. Im Gegenteil, die „Miterben Christi“ werden auch „mit ihm leiden“. Das fügt Paulus noch an. Der Weg Christi führte durch den Tod in die Auferstehung. Denn was er uns schenkt, ist ein ewiges Erbe, d.h. eine kommende Erlösung, die wir durch die Leidensgemeinschaft mit Christus erlangen. Wir leiden und sterben mit Christus, damit „wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden“.
Und das alles geschieht bei der Taufe. Da wird ein Mensch mit Christus verbunden und zu seinem Kind, er wird Erbe der ewigen Verheißung. Das gilt also auch für Sie beide, Stefanie und Artur Vullriede. Lassen Sie uns deshalb fragen, was das bedeutet und wie sich Ihr Leben dadurch gestaltet bzw. verändert. Wir können uns das gut in drei Schritten klar machen.
Zunächst betonen wir, dass wir Kinder Gottes sind, d.h. für Christen gilt dasselbe wie für alle Kinder: Wir müssen Gott nichts beweisen. Oft denken wir ja, dass wir nur dann gute Christen sind, wenn wir Gott auch entsprechend dienen. Paulus benutzt nicht umsonst das Bild vom „Knecht“ oder „Sklaven“ als Gegenbeispiel. Er kennt die Gefahr, dass sich in den Glauben immer wieder ganz leicht die Vorstellung mischt, dass Gott uns als seine Knechte sieht: Er will, dass wir seinen Willen tun, er ist streng und fordernd, wir haben Angst vor ihm und fühlen uns unter Druck. In vielen anderen Bezügen unsres Lebens ist das ja so, es ist von Leistungsdruck und Furcht durchzogen. Und so übertragen wir dieses Gefühl auch auf Gott.
Doch so ist es bei ihm nicht. Wir sind nicht seine „Sklaven“, sondern seine „Kinder“, und das heißt, dass wir sein dürfen, wie wir sind, dass wir so geliebt werden, wie wir sind, dass wir ohne Bedingungen angenommen werden. Gott möchte, dass unser Leben gelingt, so wie Eltern das ihren Kindern wünschen. Er hat ein Bild von uns, das sich entfalten soll, und dafür ist die absolute Daseinsberechtigung der Wurzelboden. Und die schenkt Gott uns durch seinen Sohn Jesus Christus und die Taufe.
Es ist also vor allen Dingen die Liebe, die Gott wichtig ist. Sie bestimmt unser Verhältnis zu ihm. Das bringt auch Ihr Taufspruch zum Ausdruck, Stefanie. Er steht im ersten Brief des Paulus an die Korinther im 13. Kapitel und lautet: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor.13,13) Das ist das erste, was in einem christlichen Leben wichtig ist: die Liebe Gottes zu uns und unsere Liebe zu ihm. Und natürlich wirkt die sich auf unser Miteinander aus: Auch unser Zusammenleben kann frei von Angst und Unterdrückung sein, wenn wir uns Christus anvertrauen.
Doch dass wir Kinder Gottes sind, bedeutet noch mehr. Das wird klar, wenn wir die Betonung auf Gott legen, denn das heißt, dass wir nicht nur Kinder von Menschen sind. Jeder von uns ist ein Traum Gottes. Gott wollte uns, wir sind seine Wunschkinder. Wir können uns vorstellen, dass wir ein Wort von ihm sind. D.h. es gibt etwas, das er nur in uns spricht, wir sind unverwechselbar und einzigartig, und unsere Aufgabe ist es, dieses unverwechselbare Wort Gottes in uns zu entdecken. Das gibt uns eine unantastbare Würde und zugleich eine große Freiheit, die Freiheit von den Erwartungen und Ansprüchen anderer Menschen, die Freiheit von Bildern, die wir und andere uns gerne überstülpen möchten. Auch der Sinn unsres Lebens ist frei von jedem Zwang. Wir müssen die Frage, wer wir sind und sein wollen, nicht immer wieder neu stellen und Antworten darauf finden. Wir haben eine bleibende Bestimmung, denn wir sind Kinder des Himmels und nicht nur Kinder dieser Erde. Wir haben in uns einen göttlichen Kern. Paulus sagt: „Der Geist Gottes treibt uns“, d.h. wir sind von Gottes Geist durchatmet, oder anders ausgedrückt: Wir atmen die Weite des Himmels trotz der Erdenschwere, die uns manchmal festzuhalten droht. Wir haben eine Bestimmung, die unser Tagesgeschäfte übersteigt. Wir lassen uns nicht einfach einspannen, denn in uns ist etwas, das keiner menschlichen Herrschaft unterliegt. Als Kinder Gottes sind wir frei wie die Vögel des Himmels. Keiner kann uns festhalten. Und das heißt, wir sind vor Traurigkeit und Angst geschützt, wir finden immer wieder den Mut und das Vertrauen zum Leben, das wir brauchen.
Paulus verbindet diese Botschaft mit der Einladung, zu Gott „Abba, lieber Vater“ zu sagen. Das hatte für ihn einen positiven Klang. Heutzutage ist das leider nicht mehr selbstverständlich. Oft entziehen sich die Väter ihrer Verantwortung oder sie sind nicht gut zu Ihren Kindern. Doch so soll es nicht sein, das wissen wir alle, und wir freuen uns, wenn ein Vater mit seinem Kind zusammenlebt und es liebt. Bei Artur ist das zum Glück so. Er hat einen Vater, der für ihn da ist, der ihm Vertrauen ins Leben schenkt, ihm Mut macht, etwas zu wagen. Artur kann sich bei ihm anlehnen und Halt finden. Das gilt natürlich genauso für eine Mutter. Wir können uns hier auch die Eltern vorstellen.
Und selbst wenn wir nicht alle die Erfahrung gemacht haben oder machen, dass sie uns lieben, so steckt doch in jedem von uns eine Ahnung von dem positiven Vater- oder Mutterbild. Es ist dem menschlichen Herzen als Urbild eingeschrieben. Jeder und jede hat eine Sehnsucht nach dem Vater und der Mutter, von der er oder sie sich verstanden fühlt, in deren Nähe er sein Leben anpacken und wagen kann. Jesus lädt uns ein, Gott so zu sehen, dieses Bild auf ihn zu übertragen und ihn „lieber Vater“ zu nennen. Vor Gott können wir unsere Sehnsucht zulassen. Sie bleibt keine Illusion, kein Wunschbild, sondern wird wahrhaftig erfüllt. Gott ist unser Vater, der uns zutiefst versteht, der uns herausfordert, der uns etwas zutraut, der uns Lust am Leben schenkt. Wir müssen ihn im Heiligen Geist nur „lieber Vater“ nennen und zu ihm beten, dann können wir etwas erahnen von der tiefen Geborgenheit, die er uns schenkt, von dem Gefühl, zu Hause zu sein. Wir finden zu einer vertrauensvollen Zustimmung zu allem, was ist. Das ist der zweite Punkt.
Und als drittes ist wichtig, dass wir mit der Gotteskindschaft „Erben“ der ewigen Verheißung werden. Unsere Bestimmung und der Sinn unseres Lebens gehen weit über diese Zeit hinaus. Sie umfangen nicht nur die Lebensspanne, die wir hier auf der Erde haben, sondern sind in eine unbegrenzte Zukunft gerichtet. Denn wir haben Teil am Tod und an der Auferstehung Christi.
Und das ist wichtig, denn wir werden – wie gesagt – nicht automatisch vor allem Leid bewahrt, wenn wir „Kinder Gottes“ sind. Auch dem leiblichen Tod kann am Ende niemand entkommen. Wir werden wie Christus leiden und sterben. Aber wenn wir es mit ihm tun, werden wir auch mit ihm auferstehen, und das heißt, wir gewinnen etwas, das durch nichts ausgelöscht werden kann: Wir gewinnen die Ewigkeit.
In dem Taufspruch, den Sie für Artur ausgesucht haben, kommt dieser letzte Gedanke sehr schön zum Ausdruck. Er steht in Psalm 23 und lautet: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“ (Psalm 23,6) Dieses Wort stammt aus dem Psalm über den guten Hirten. Mit ihm bekennt ein Beter sein Vertrauen zu Gott. Er weiß, dass er das braucht, denn sein Weg führt ihn nicht nur durch helle Landschaften. Es wird auch dunkle Täler geben, Feinde, die ihm das Leben schwer machen. Doch selbst wenn das passiert, wird das „Gute ihm folgen“. Die „Barmherzigkeit“ Gottes wird nie weit entfernt sein, denn Gott geht ihm nach und verliert ihn nicht aus den Augen. Das Leid wiegt deshalb nie so schwer, dass es ihn erdrückt oder auslöscht. Er geht da hindurch wie durch „ein finsteres Tal“ (Psalm 23,4), an dessen Ausgang wieder das Licht steht. Und am Ende des Lebens wird er für alle Zeiten bei Gott sein. Das „Bleiben im Haus Gottes“ ist ein schönes Bild für die Ewigkeit, die den Gläubigen und Getauften versprochen wird.
Und das ist eine großartige Perspektive. Selbst der Tod kann den Christen nichts anhaben, wir sind „Kinder Gottes“ in Ewigkeit. Durch den Tod und Auferstehung Christi haben wir den Geist empfangen, der uns lebendig macht. Wir müssen nur immer wieder zu Gott rufen und dürfen ihn dabei ihn „lieber Vater“ nennen.
Amen.

Bei der Vorbereitung habe ich mich von Anselm Grün inspirieren lassen und ihn teilweise sogar zitiert. Er hat eine wunderbare Predigtmeditation zu dem Text geschrieben, zu finden in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigtreihe II,2, Rogate bis Ewigkeitssonntag, Göttingen, 1992, S. 264ff

 

Nicht resignieren!

Predigt über Markus 10, 46- 52: Die Heilung eines Blinden bei Jericho

4.8.2016, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Es ging heute um den blinden Bartimäus aus dem Markusevangelium. Es wurde Jesus nicht „zu bunt“ mit ihm, wie man so sagt. Unter dieser Überschrift stehen in diesem Sommer  fünf Gottesdienste in der Luther- und Jakobikirche. Heute war es der vierte.

Markus 10, 46- 52

46 Und sie kamen nach Jericho. Und als er aus Jericho wegging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
47 Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
48 Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
49 Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!
50 Da warf er seinen Mantel von sich, sprang auf und kam zu Jesus.
51 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde.
52 Jesus aber sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

Liebe Gemeinde
„Resignation“ – mit diesem Wort bezeichnen wir eine bestimmte menschliche Haltung. Sie entsteht, wenn eine Situation sich aussichtlos anfühlt. Dann fügt man sich und findet sich mit seinem Schicksal ab, denn es scheint unausweichlich zu sein. Man sieht ein, dass man ein Ziel nicht mehr erreichen kann, und gibt auf. Es fehlen die Mittel und die Wege, es zu verwirklichen.
Resignation kann außerdem verursacht werden, weil man erkennt, dass das, was man angestrebt hat, zu viel Einsatz kostet. Man fühlt sich den Folgen nicht gewachsen und verzichtet lieber auf die Umsetzung.
Spontan finden wir Resignation eher negativ, denn meistens dämpft sie die Gefühle. Entmutigung und Antriebsschwäche sind die Folgen. Aktivitäten werden gemindert oder ganz eingestellt.
Bei einer Überforderung ist das so, wenn man z.B. weiß, dass die Prüfungen für ein Studium zu schwer sind. Ebenso kann man in der Erziehung resignieren, wenn Kinder sich einfach nicht so verhalten, wie wir es gut für sie finden. Auch im Beruf, in der Politik oder in einer persönlichen Leidsituation ist Resignation manchmal das einzige, was zu bleiben scheint.
In unserem Evangelium von heute kommt ein Mensch vor, der dazu ebenfalls viele Gründe gehabt hätte, Bartimäus. Er war blind, und das bedeutete in der damaligen Gesellschaft, dass er keinerlei Chance auf ein normales Leben hatte. Er konnte keine Arbeit verrichten und war für die anderen Menschen nur eine Last. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu betteln und darauf zu hoffen, dass sich ab und zu jemand über ihn erbarmte. Doch das taten nur die wenigsten, die meisten wären ihn am liebsten los geworden. Das wird in unserer Geschichte zwar nicht direkt erzählt, das Verhalten der Umstehenden macht es aber deutlich.
Die Begebenheit spielte in Jericho, einer Stadt, durch die Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem kam. Seine Jünger waren bei ihm und zusätzlich viele andere Menschen, die bereits von ihm gehört hatten und ihn nun begleiteten. Sie kamen an der Stelle vorbei, an der Bartimäus saß. Und nun geschah das, woran deutlich wird, dass er ihnen peinlich war:
Als er nämlich hörte, dass Jesus vorbei kam – und das war wohl nicht zu überhören – rief er laut, er schrie sogar, und bat Jesus um Hilfe. Die anderen wollten ihn daran hindern, mit Jesus in Kontakt zu kommen. Er sollte sich in sein Schicksal fügen. Doch er ließ sich nicht beirren. Er wurde stattdessen nur noch lauter. Er resignierte nicht, sondern wurde sehr aktiv.
Er muss von Jesus gehört haben, und nun hoffte er, dass Jesus die Kraft hatte, ihn zu heilen. Er nannte ihn auch mit einem Titel: „Jesus, du Sohn Davids“, sagte er. Er glaubte also daran, dass Jesus der Königssohn war, auf dem die göttliche Verheißung lag, denn das beinhaltete diese Anrede. Das wusste er offensichtlich, und er war davon überzeugt, dass Jesus der göttliche Heilsbringer war, den die Propheten angekündigt hatten.
Das alles gehörte zu dem Handeln des Blinden, und das ist auffällig und wichtig für die Geschichte, denn Jesus ging darauf ein. Er reagierte auf sein Rufen und wollte, dass die Menschen ihn zu ihm brachten, d.h. er wollte sich um ihn kümmern. Am meisten interessierte ihn sein Glaube. Den lobte er ausdrücklich, indem er sagte: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Das Vertrauen, das Bartimäus zu Jesus hatte, war also ausschlaggebend für die Heilung. Ihm wurden die Augen aufgetan, er konnte wieder sehen.
Das Ende der Geschichte besteht dann darin, dass er Jesus nachfolgte. Er wollte nicht einfach ein Leben führen wie alle anderen, sondern mit Jesus zusammen bleiben, ganz gleich, was das hieß. Die Folgen waren ihm nicht zu groß oder unübersehbar, er ließ sich darauf ein.
Und mit all dem ist Bartimäus ein wunderbares Beispiel für einen Menschen, der nicht resigniert hat, obwohl er dafür viele Gründe gehabt hätte. Lassen Sie uns die Geschichte unter diesem Gesichtspunkt betrachten, dann verstehen wir sie am ehesten.
Denn mit den Wundern Jesu haben wir ja oft ein Problem. Wir glauben nicht daran, dass sie auch heute noch geschehen. Kaum ein Blinder erwartet, dass er auf wunderbare Weise eines Tages wieder sehend wird.
Doch das ist hier auch nicht die Hauptbotschaft. Neben dem Wunder kommen viele weitere Einzelheiten vor, die im Glauben an Jesus wichtig sind. Die Geschichte ist – wie gesagt –ein Manifest gegen die Resignation: Niemand muss sich willenlos in sein Schicksal fügen, es gibt immer einen Ausweg. Mit Jesus ist die Hilfe ist da, wir müssen damit nur rechnen, auf ihn vertrauen und zu ihm rufen. Das ist hier die Botschaft. Lassen Sie uns die also einmal bedenken.
Dabei müssen wir zunächst ein Missverständnis klären, das auftauchen kann, und dem die Umstehenden in der Geschichte möglicherweise erlagen. Sie waren empört über das Verhalten von Bartimäus, weil sie wohl fanden, dass er sich einfach nur gegen sein Schicksal aufbäumte. Er sollte es annehmen. Sie wollten seine Schreie nicht hören. Und das könnte man verstehen, wenn es Schreie ins Leere gewesen wären, wenn Bartimäus vor sich hin gestöhnt und geklagt hätte. Doch so war es nicht. Bartimäus wollte nicht einfach nur Aufmerksamkeit oder Mitleid. Wenn wir ihn so sehen, würden wir ihn missverstehen.
Möglicherweise hatte er sich sogar in positiver Weise in sein Schicksal gefügt. Das gibt es ja genauso, und es wäre das Gegenstück zu einem sinnlosen sich Aufbäumen: ein weises Resignieren, das hilft. Denn es kann auch klug sein, sich zu bescheiden und zu verzichten. Das führt nicht zwangsläufig in die Passivität und Mutlosigkeit, sondern unter Umständen in eine gesunde Gelassenheit. Man meidet Zorn und Eifer und empfängt eine heitere Ruhe, die sogar mit einem Gefühl der Überlegenheit einhergeht. Philosophen, Lebenskünstler und spirituelle Menschen pflegen diese Art der Resignation, zu der Demut und Leidensbreitschaft gehören. Und das sind ja durchaus positive Eigenschaften.
Ob Bartimäus sie sich angewöhnt hatte, wissen wir nicht, aber sie wären eine gute Vorbereitung für das, was er in unserer Geschichte praktiziert, denn sie machen den Menschen offen und wach. Und das ist eine wichtige Voraussetzung für den Glauben an die Kraft Jesu und das Gebet zu ihm. Darum geht es hier, das wird uns vorgestellt. Bartimäus wurde lebendig und aktiv, als Jesus vorbei kam, d.h. er schrie nicht vor sich hin. Er hatte vielmehr eine Ahnung, dass Hilfe nahe war, und eine ganz klare Adresse. Es handelt sich hier also nicht um ein unbeherrschtes oder unkontrolliertes Aufbegehren, sondern um den Glauben und das Gebet zu Jesus. Das sollen wir lernen und selber vollziehen. Lassen Sie uns also fragen, wie das geht.
Dabei ist es gut, wenn wir uns vorstellen, dass Jesus auch bei uns vorbei kommt. Er lebt und kreuzt häufig unseren Weg, und zwar immer dann, wenn wir von ihm hören, über ihn lesen oder sprechen oder an ihn denken. Dann ist er da. Denn Jesus ist nicht nur ein Gedanke oder eine historische Person, er ist unter uns gegenwärtig und will auch heute noch Menschen anrühren und ihnen helfen. Das dürfen wir glauben, darauf können wir vertrauen. Jesus ist der Herr, der Kyrios, der Macht hat und etwas kann. Wir sehen ihn zwar nicht, genauso wie Bartimäus ihn nicht sehen konnte, aber wir können ihm blind vertrauen.
Das ist ja ein sehr schöner Ausdruck. Er besagt, dass man einfach einmal etwas voraussetzt und danach handelt, selbst wenn man die Folgen nicht genau kennt. Blindes Vertrauen läuft nicht über den Verstand und ist vielleicht auch unvernünftig, aber das Herz und der Bauch sind darin involviert, und die sind manchmal viel bessere Ratgeber.
Wenn es um den Glauben an Jesus geht, ist das auf jeden Fall so, denn er reagiert auf unser Rufen, und das merken wir. Schleier fallen von unseren Augen, wir sehen die Dinge plötzlich anders. Wir werden von innen her verändert und die negative Grundstimmung verschwindet. Eine positive Kraft zieht in uns ein, und das hat weitreichende Folgen
Wenn wir uns z.B. von einem Studium überfordert fühlen, halten wir nach anderen Möglichkeiten Ausschau und fangen noch einmal von vorne an. Warum nicht? So tragisch ist das nicht. In der Erziehung haben wir die Freiheit, unsere Kinder loszulassen und sie eventuell anderen Menschen anzuvertrauen. Im Beruf sprechen wir mit den Vorgesetzten oder den Kollegen und suchen nach konstruktiven Wegen, um Konflikte zu lösen. Die gibt es ja in Hülle und Fülle, wir müssen uns nur darauf einlassen. In der Politik sehen wir die Dinge gelassener. Und in einer persönlichen Leidsituation werden wir fähig, das Schwere zu tragen.
Auf jeden Fall lassen wir alte Muster und Verhaltensweisen hinter uns. So wie Bartimäus „seinen Mantel von sich warf“, streifen wir sie ab. Das ist eine weitere sehr schöne Einzelheit in unserer Geschichte. Bartimäus brauchte seine alten Kleider nicht mehr, als Jesus ihn zu sich rief. Und so geht es auch uns: Wir stehen auf wie er, werfen das Alte ab und gehen neue Wege. Wir lassen uns führen, denn wir haben einen neuen Meister, Jesus. An seiner Hand gewinnen wir Mut und Hoffnung, wir werden zuversichtlich und stark.
Das Gebet des Bartimäus war nicht lang. Es bestand nur aus dem einen Satz: „Kyrie eleison“, auf Deutsch: „Herr, erbarme dich.“ Doch nicht umsonst ist genau dieser Satz zum populärsten Gebet der Christenheit geworden. In knapper Form beinhaltet es das ganze Evangelium, denn es ist eine Huldigung und ein Hilferuf zugleich. Die Macht und Gegenwart Jesu wird damit bekannt, seine Göttlichkeit und Überlegenheit. Und gleichzeitig werden sein Erbarmen und seine Liebe herbeigerufen, so dass sie in Geist und Seele Eingang finden.
Im Gottesdienst spielt es deshalb eine entscheidende Rolle. Zur Zeit der frühen Christenheit wurde damit die Feier eröffnet, es war das erste, was der Priester sprach. An den vertonten Messen von Bach oder Mozart können wir das noch erkennen. Sie beginnen alle mit dem Kyrie, das manchmal eindringlich und ergreifend ist, wie z.B. in der h-moll-Messe. Später fand es auch als kurzer Ruf zwischen den Fürbitten einen Platz. Bis heute ist das in unseren Gottesdiensten und Andachten so geblieben, in jeder Konfession. Außerdem ist es die traditionelle Formel für das sogenannte Herzensgebet. Bei dieser Gebetsweise aus der Ostkirche wird der Satz „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ mit jedem Atemzug oder Herzschlag wiederholt.
Und er reicht wirklich. Gerade dann, wenn man droht zu resignieren, fehlen einem ja oft die Worte. Dann hilft es, dieses Gebet innerlich unaufhörlich zu „schreien“. Jesus bleibt daraufhin stehen und ruft uns zu sich. Er spricht mit uns und geht auf unser Vertrauen ein. Er öffnet unsere Augen für seine Gegenwart, und etwas Neues kann beginnen: Wir stehen auf, werfen unsere alten Kleider ab und „folgen ihm auf dem Weg“.
Amen.

Lebt als Kinder des Lichts

Predigt über Epheser 5, 8b- 14: Das Leben im Licht

8. Sonntag nach Trinitatis, 17.7.2016, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Epheser 5, 8b- 14

8b Lebt als Kinder des Lichts;
9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,
11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.
13 Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird;
14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

Liebe Gemeinde.
Wie wachen Sie auf? Viele Menschen haben ja eine sogenannte innere Uhr, nach der sie immer um die gleiche Zeit wach werden. Andere brauchen die Helligkeit, um den Schlaf zu beenden. Und wenn das alles nicht hilft, benutzt man eben einen Wecker. Das ist zwar brutal, aber für viele die sicherste Methode.
Dabei ist das Aufwachen nicht unbedingt mit dem Morgen und dem beginnenden Tag verbunden. Viele Menschen müssen oder wollen nachts arbeiten, sie schlafen dann tagsüber und stehen abends auf.
Das müssen wir freilich alle irgendwann. Aufgaben und Pflichten rufen uns, Freuden und Vergnügungen. Normalerweise tun wir es auch gern. Im Bett bleiben wir höchstens am Wochenende, an freien Tagen oder im Urlaub, wenn wir müde sind und uns einmal richtig erholen wollen. Auch eine Krankheit kann der Grund sein, liegen zu bleiben, fehlende Lebenslust oder Trägheit. Zu einem gesunden Lebenswandel gehört aber das Aufstehen.
Und es ist ein schönes Bild für das, was im Glauben geschieht und die christliche Daseinsweise prägt. Paulus gebraucht es in dem Abschnitt, der heute unsere Epistel ist. Sie endet mit dem Satz: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Das ist wahrscheinlich ein Stück aus einem alten Tauflied, das Paulus hier zitiert. Die Taufe bedeutete Erweckung und Erleuchtung. Für Paulus gehören das Licht und das Aufwachen also zusammen: Christus ist das Licht, aber um dieses erblicken zu können, muss man wach werden und hoch kommen.
Mit diesem Bild sagt Paulus, dass das Leben vor der Begegnung mit Christus wie ein Schlaf ist, eine Trunkenheit oder ein Totsein. Er beschreibt damit den nicht-erweckten oder „alten“ Menschen, der verloren ist und der Rettung bedarf. Die erfährt er im Augenblick des Erwachens. Er begreift auch erst dann, dass er bisher im Schlaf versunken war, und erkennt seine Sünde. Denn jetzt steht er in einem hellen Licht, durch das alles offenbar wird, was vorher verborgen war.
Paulus deshalb spricht von dem „Licht, das die unfruchtbaren Werke der Finsternis aufdeckt“. „Alles, was heimlich getan wird, wird offenbar“, wenn dieses Licht dahinein scheint. Paulus meint damit böse Gedanken und schlechte Taten. Am liebsten will er noch nicht einmal darüber reden, denn das ist bereits „schändlich“. Christen sollen an ihnen keinen Anteil haben, sondern von vorne herein als „Kinder des Lichts“ leben. Und das schließt alles böse Treiben aus.
Paulus sagt das am Ende des Epheserbriefes und er fordert uns mit diesem Bild zu einer ordentlichen Lebensführung auf. Solche und ähnliche Ermahnungen stehen immer am Ende seiner Briefe. Nach den theologischen Erörterungen folgen Anweisungen für das Handeln. Hier gebraucht er dafür die Vorstellung von dem Licht, das unser Leben durchfluten und prägen soll. Es ist ein Symbol für Christus und das neue Leben, das uns möglich wird, wenn wir an ihn glauben. Wir werden „Kinder des Lichts“.
Das klingt zunächst sehr allgemein, aber Paulus zählt auch noch auf, was das konkret beinhaltet. Er benennt die „Frucht des Lichtes“: Sie ist „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“, und das sind ja sehr konkrete Tugenden. Als erstes ist die „Güte“ erwähnt. Das Wort „gut“ kommt darin vor, d.h. hier ist das Gegenteil von böse und schlecht gemeint. Unser Handeln ist so, dass es uns und den anderen „gut tut“. Die zweite Tugend, die Paulus erwähnt, ist die „Gerechtigkeit“: Sie dient dem Frieden unter den Menschen und fördert das gegenseitige Verstehen und Achten. Und als drittes erwähnt Paulus die „Wahrheit“. Das ist keine Tugend in dem Sinn, sondern etwas, was wir finden und erkennen müssen. Dann wird unser Leben hell und klar. Paulus nennt also lauter positive Vorgänge, die einsetzen, wenn wir „Kinder des Lichts“ sind.
Aber motiviert er uns damit auch? Wollen wir das hören und uns zu Herzen nehmen? Es gibt dagegen mehrere Einwände. Zum einen klingt es nach reichlich viel Moral, nach religiöser Leistung und Selbsterlösung. Wir kennen das Stichwort von der Erleuchtung aus der Esoterik, d.h. von verschiedenen religiösen Aktivitäten und Methoden her. Gemeinsam ist ihnen immer das Ziel, innerlich weiter zu kommen, das Ich zu entfalten und zu höheren Sphären vorzudringen. Die Erleuchtung wäre dabei der Höhepunkt. Als lutherische Christen stehen wir solchen Vorgängen skeptisch gegenüber, denn wir haben gelernt, dass kein Mensch sich selber erlösen kann. Was sollen diese Ausführungen also bei Paulus? Das ist die eine Frage.
Ein weiterer Einwand ist der, dass es übertrieben wirkt, das Gegenteil gleich als ein Totsein zu bezeichnen. Das klingt viel zu bedrohlich und düster. So schlimm ist es doch gar nicht, wenn wir bildlich gesprochen einmal nicht aufstehen, sondern uns gehen lassen und das Licht nicht beachten.
Auf jeden Fall reagieren wir empfindlich auf solche Ermahnungen. Wir fühlen uns unter Druck gesetzt und gegängelt.
Doch so ist das, was Paulus hier sagt, auch gar nicht gemeint. Er will uns keine Moralvorschriften machen, es geht ihm vielmehr um eine neue Daseinsform. Alles beginnt damit, dass es das Licht gibt. Christus ist da, er ist auferstanden. Das ist für Paulus die frohe Botschaft, die allem zu Grunde liegt, und der unbedingte Ausgangspunkt für alles Folgende. Wer das glaubt, ist ein Kind des Lichtes. Sein Leben ist neu, es ist hell und positiv. Paulus ermahnt seine Leser und Leserinnen also nur dazu, das auch zu sein, was sie bereits sind. Wer etwas geschenkt bekommen hat, ist damit nicht jeglicher Verantwortung entbunden. Er oder sie ist vielmehr aufgefordert, diesem Geschenk gemäß zu leben, es wirken zu lassen und zur Entfaltung zu bringen.
Und darauf müssen wir tatsächlich achten, das geschieht nicht einfach so von allein. Es bedarf immer wieder einer bewussten Entscheidung. Lassen Sie uns also fragen, wie das am besten geht, und dafür sind das Symbol des Lichtes und das Bild des Aufwachens und Aufstehens sehr gut geeignet.
In der Natur hat das Licht eine wichtige Bedeutung. Ein großer Teil des Lebens auf der Erde ist davon abhängig. Ohne Sonnenstrahlen sähe es auf diesem Planeten ganz anders aus. Viele Lebewesen brauchen das Licht, so auch die Menschen, und die meisten lieben es sogar.
Nicht umsonst wird in unzähligen Liedern, Gedichten und Geschichten der Morgen und der Sonnenaufgang gelobt. Das Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ oder das Lied „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“ sind nur zwei Beispiele. Seit jeher faszinieren das Licht und der Morgen die Menschen. Ein weiteres Zeichen sind dafür die Mittsommerfeiern in den nordischen Ländern, wenn die Sonne im Laufe des Jahres ihren Höhepunkt erreicht hat und die Tage am längsten sind. Die Menschen fühlen sich befreit nach den vielen Monaten der Dunkelheit. Nicht umsonst fahren gerade jetzt viele Touristen dorthin, in der Zeit der sogenannten „weißen Nächte“.
Auch der Gesang der Vögel, wenn der Tag anbricht, ist wunderschön, ebenso die Färbung des Himmels, die Stille, die Frische usw. Die Liste mit dem, was am Morgen bezaubert und lockt, könnte man noch lange fortsetzen.
Gläubige Menschen erleben am Morgen und beim Aufgang der Sonne nun zudem die Größe Gottes. So beginnt ein altchristlicher Hymnus mit den Worten: „Du Licht des Himmels, großer Gott, der ausgespannt das Sternenzelt und der es hält mit starker Hand, du sendest Licht in unsre Welt.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Evangelische Michaelsbruderschaft,  Münsterschwarzach/Göttingen, 1998, S. 418)  Gott wird als derjenige besungen, der das Licht geschaffen hat und es jeden Tag von neuem zu uns schickt. So ist der Morgen nicht nur der Zeitpunkt des Aufstehens, sondern gleichzeitig des Gebetes und Lobpreises. In Klöstern und christlichen Gemeinschaften gibt es dafür die Morgenandacht. Sie beginnt mit den Worten: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen  in dem Kampf, der uns bestimmt ist und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (a.a.O., S. 290)
Und bei dem Morgenlob bleibt es dann auch nicht, es gibt noch weitere Tagzeitengebete. Sie dienen dazu, den Verlauf des Tages mit seinen Veränderungen und seinen Geschehnissen mit dem Glauben in Beziehung zu setzen, ihn mit Gebet zu durchziehen. Und das ist eine sehr gute Möglichkeit, den Ermahnungen des Paulus nachzukommen. Wir können das Licht Christi tanken, es in uns hineinlassen, indem wir uns morgens danach ausstrecken, es mittags wirken lassen und uns abends dafür bedanken. Auch Luther hat das mit seinem Morgen- und Abendsegen empfohlen und schöne Gebete dafür formuliert.
Wenn wir das tun, ist der Tag anders, heller und kraftvoller, von viel mehr „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“ durchzogen, denn all das wird uns geschenkt. Es sind keine moralischen Leistungen, sondern „Früchte des Lichts“, wie Paulus sagt.
Und wir sollten ehrlich sein: Ohne eine bewusste Ausrichtung auf Gott und seine schöpferische Kraft ist vieles in unserem Leben tatsächlich wie ein Schlaf oder ein Totsein. Wir müssen uns das nur klar machen. Und dafür ist es gut, wenn wir den Einwand einmal unter die Lupe nehmen, das sei hier alles nur Moral und die Alternative ist viel zu düster gemalt. Er entspringt ja einem bestimmten Denken, das u.a. beinhaltet, dass die Welt doch gar nicht so schlecht ist. Wir können sie ruhig genießen, müssen nicht dauernd aufpassen und dürfen uns auch mal gehen lassen. Warum sollen wir immer an Gott denken? Es gibt doch so viele schöne Aufgaben oder Hobbys, die uns erfüllen, Menschen, die uns Halt geben, Pläne, die uns ein Ziel setzen, Ideen, mit denen wir uns identifizieren.
Das sind die Argumente, und die sind natürlich nicht verkehrt. Das stimmt alles, aber trotzdem wird dadurch eine Frage nicht beantwortet, und das ist die des Leids, der Vergänglichkeit und des Todes. Natürlich kann uns die Welt mit allem, was sie bietet, erfüllen und halten, aber irgendwann vergeht es. Daraus gibt es kein Entrinnen. Auch schon vor dem wirklichen Tod ist das, was wir in der Welt finden, bedroht und brüchig. Wir verwirklichen nie alles, was wir uns wünschen, Aufgaben können uns überfordern, Menschen können uns enttäuschen, und Ideen erweisen sich als Trug. So gibt es vieles, was unser Leben überschattet. Probleme und Schwierigkeiten, Angst und Trauer lauern überall. Denn die Welt liegt letzten Endes im Finsteren, sie kann uns nicht erlösen. Das müssen wir erkennen und zugeben, dann verstehen wir, warum es sich lohnt, den Tag mit Gott zu beginnen und ihn auch im weiteren Verlauf immer wieder anzurufen. Nur er kann die Schatten des Todes vertreiben und uns eine Kraft und Freude schenken, die nicht vergeht.
Und um das zu erleben, ist der Morgen ein guter Zeitpunkt, und das Aufwachen und Aufstehen tatsächlich ein sehr schönes Sinnbild. In dem Hymnus, den ich schon zitiert habe, kommt das zum Ausdruck. Es heißt dort weiter: „Das Reich der Schatten weicht zurück, das Tageslicht nimmt seinen Lauf, und strahlend, gleich dem Morgenstern, weckt Christus uns vom Schlafe auf.“ Nicht nur die Sonne geht am Morgen auf, auch Christus ist da und will uns mit seinem Licht erfüllen.
Wir verpassen also etwas, wenn wir uns nicht nach ihm ausstrecken. Die Welt mit all ihren Möglichkeiten deckt nicht die ganze Wirklichkeit ab, es gibt noch viel mehr, und das gilt es, zu entdecken und zu erfassen. Ohne die Ausrichtung auf Gott ist unser Leben tatsächlich wie ein Schlaf: Wir verschlafen das Eigentliche. Ganz vieles geschieht um uns herum, von dem wir nichts merken. Wir leben in einer Welt der Träume. Und auch die Vorstellung der Trunkenheit ist nicht abwegig. Die Welt kann uns berauschen, sie vernebelt uns den Blick, wir torkeln durchs Leben und fallen irgendwann hin.
Es lohnt sich also, wenn wir das beenden und die Tage, die wir haben, aus Gottes Hand nehmen und uns von seiner Wahrheit erleuchten lassen. Er trägt uns mit seinem Erbarmen, bindet uns in seinen Willen und segnet uns mit der Verheißung eines gelingenden Lebens.
Amen.

Die Bedeutung des Wassers bei der Taufe

Predigt über Röm. 6, 3- 8: Taufe und neues Leben

6. Sonntag nach Trinitatis, 3.7.2016, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Der sechste Sonntag nach Trinitatis ist dem Taufgedächtnis gewidmet. 

Römer 6, 3- 8

3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir,
dass wir auch mit ihm leben werden.

Liebe Gemeinde.
Der Sommer ist da, und damit ist auch die Freibadesaison eröffnet. Viele Menschen gehen jetzt gerne irgendwo ins Wasser, in der Förde, einem See, einem Fluss oder einem Freibad. Denn das macht den meisten Spaß und es kühlt schön, wenn es zu heiß wird. Das Wasser ist sowieso ein beliebtes Element, um sich darin zu bewegen. Nicht umsonst gibt es für kältere Jahreszeiten Hallenbäder.
Doch es ist auch gefährlich, ins Wasser zu gehen. Wer nicht schwimmen kann, muss aufpassen. Badeunfälle enden meistens tragisch, denn wir Menschen sind keine Wasserlebewesen. Wir brauchen die Luft, um zu atmen. Im Wasser können wir untergehen und ertrinken.
Das ist allerdings die einzige negative Seite des Wassers. Es hat ansonsten noch weitere Vorzüge, wie z.B. seine reinigende Eigenschaft. Man kann sich damit waschen und sauber werden.
Und das wichtigste am Wasser ist, dass wir es alle zum Leben brauchen. Wir trinken es und würden ohne Wasser verdursten. Der Regen befruchtet die Erde und verhilft allen Pflanzen und Tieren zu Wachstum und Gedeihen.
Das Wasser hat deshalb auch eine vielschichtige Symbolkraft, und bei der Taufe spielt das alles eine Rolle.
Da ist es zum Einen das Zeichen des Todes und der Rettung. Wir stellen uns bei der Taufe vor, dass unsere Sünden ersäuft werden. Das Böse geht unter. Davon handelt unsre Epistel von heute. Paulus sagt dort am Anfang: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“
Dabei spielt auch die reinigende Kraft des Wassers eine Rolle: Unsere Sünden werden symbolisch abgewaschen und vergeben. Die Taufe ist wie ein „Bad“, in dem wir erneuert und frei werden.
Und schließlich ist das Wasser auch bei der Taufe das Zeichen des Lebens. Wir werden dabei mit Christus verbunden, und bekommen neue Lebenskraft. Er löscht unsren Durst nach der Ewigkeit, denn uns wird bei der Taufe das ewige Leben geschenkt.
An dem Symbol des Wassers wird also deutlich, dass die Taufe eine tiefe und ernste Bedeutung hat. Sie wird vollzogen, weil wir ohne sie der Sünde verfallen sind, und wir thematisieren dabei den Tod und das ewige Leben.
Nun werden bei uns ja hauptsächlich kleine Kinder getauft, und dabei ist uns das alles nie richtig bewusst. Wir wollen es eigentlich auch nicht so gerne hören. Es klingt zu düster und passt nicht zu dem fröhlichen Charakter einer Kindertaufe. Wir gestalten das Fest gerne heiter und hell, mit Farben und Licht. Denn eine Kindertaufe ist ein freudiges Ereignis. Wir feiern damit das neue Leben und die Schöpfung, wir denken an den Schutz und die Liebe Gottes. So hat es sich im Laufe der Zeit entwickelt.
In den Anfängen der Christenheit war das anders, denn entstanden ist die Kindertaufe, weil die Menschen der alten Kirche an die sogenannte „Erbsünde“ und die Hölle glaubten. Auf der 4. Synode von Karthago im Jahr 418 wurde die Taufe von Kindern christlichen Eltern bald nach der Geburt empfohlen, „um sie der Gefahr der Verdammnis zu entreißen, die ihnen droht, falls sie ungetauft sterben.“ (wikipedia-Kindertaufe) Auch Säuglinge sind bereits mit der Sünde infiziert, das war die Vorstellung. Sie haben sie von ihren Eltern geerbt. Es war deshalb ratsam, sie gleich nach der Geburt der Macht der Sünde zu entreißen, und das geschah durch die Taufe. Sie wurde als ein Heilswerk gesehen, das vollzogen werden musste, damit das Kind an der göttlichen Sphäre Anteil bekam. Luther sah das auch so. Er war ebenfalls für die Kindertaufe und schloss sich der Praxis, die seit dem 5. Jahrhundert üblich war, an. Deshalb ist es in unserer Kirche bis heute so geblieben.
Es gibt allerdings auch Gegner der Kindertaufe. Viele sagen, dass ein Säugling doch gar nicht sündigen kann. Er macht noch keine Fehler, oder zumindest kann er nichts dafür. Außerdem wird die Babytaufe in der Bibel nicht ausdrücklich erwähnt. Im Neuen Testament fehlt insgesamt eine ausgeführte Lehre von der Taufe. Deshalb wird auch nirgendwo die Frage erörtert, ob Kinder getauft werden sollen oder nicht. Berichte über den Vollzug der Kindertaufe liegen also nicht vor.
Deshalb gibt es viele Kirchengemeinschaften, die sie nicht anerkennen. Sie sagen: Die Bekehrung zu Jesus Christus und der Glaube an ihn müssen vorweg gehen. Erst wenn ein Mensch merkt, dass er das Heil braucht, wenn er gesündigt hat und darunter leidet, wenn er gerettet werden möchte und sich deshalb an Jesus Christus wendet, ist die Taufe sinnvoll. Sie ist dann ein Ausdruck dafür, dass ein Mensch sich für Jesus Christus entschieden hat. Sie ist ein öffentliches Bekenntnis und die Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen. Das ist die Praxis der sogenannten Gläubigentaufe, die erst im religionsmündigen Alter erfolgt, also nach dem 14. Lebensjahr.
Aber ist das eigentlich wirklich ein Gegensatz? Lohnt sich der Streit darüber? Jörg Zink, ein Theologe und Schriftsteller, der viele Fragen unseres Glaubens sehr schön und verständlich ausdrücken kann, hat dazu einmal folgendes gesagt: „Wir taufen Kinder, das ist gut. Denn Gottes Liebe zu uns hängt nicht von unserer Einsicht, unserer Mühe und unserem Glauben ab.
Wir taufen Erwachsene, das ist gut. Denn ohne unseren Willen, unseren Entschluss, unsere Hingabe, unsere Liebe und Dankbarkeit kann sich nicht erfüllen, was Gott mit uns vorhat.“
Die Taufe ist also beides: Sie gewährt uns die Gnade und sie ruft uns gleichzeitig in eine bewusste Glaubenspraxis. Eine Kindertaufe befreit uns nicht davon, uns auch zu Jesus Christus zu bekehren, mit ihm zu leben und sich von dem Heil, das er uns schenkt, prägen zu lassen. Luther hat das im Kleinen Katechismus so ausgedrückt: „Das Taufen mit Wasser bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ Es ist deshalb gut, dass wir immer wieder an unsre Taufe denken und uns klar machen, was sie für unsere Lebensführung bedeutet.
Und dafür ist das Symbol des Wassers sehr gut geeignet. Lassen Sie uns dieses Bild deshalb einmal betrachten. Dabei müssen wir uns klar machen, dass früher ganz anders getauft wurde. Da besprengte man den Kopf des Täuflings nicht nur mit ein paar Wassertropfen, er wurde vielmehr ganz untergetaucht. Viele Freikirchen machen das auch heute noch so. Denn das Untertauchen macht sehr schön deutlich, was bei der Taufe passiert, und was dann das Leben eines Christen prägen soll.
Das Baden und Tauchen ist ja – wie gesagt – nicht ganz ungefährlich, weil wir unter Wasser nicht atmen, oder genauer gesagt, nur ausatmen können, so wie beim Schwimmen. Da tauchen wir bei jedem Zug unter und atmen dabei aus. Ich mach das jedenfalls so, und dabei stelle ich mir manchmal vor, dass ich gleichzeitig alles, was mich belastet, ausatme. Ich lasse es im Wasser untergehen. Das ist so ein bisschen wie eine Meditation beim Schwimmen, die aber sehr gut wirkt. Ich ersäufe das Alte, das ich nicht mehr haben will, und atme bei jedem Auftauchen neues Leben ein. Ich bin dann hinterher nicht nur körperlich gestärkt, sondern fühle mich auch seelisch gereinigt.
Das können wir uns vorstellen, dann wird klar, was die Taufe bedeutet und nach sich zieht: Sie ist ein geistig-seelischer Vorgang, bei dem der Glaube an Gott lebendig und wirksam wird. Und der soll sich immer wieder in unserem Leben ereignen. Das bewusste Ein- und Ausatmen – auch im Trockenen – hilft dabei: Wir können daraus eine ganz konkrete Glaubensübung machen: Wir geben beim Ausatmen etwas Altes ab und lassen beim Einatmen die Kraft Gottes neu in uns hinein. Es ist wie ein Untertauchen, bei dem die Macht der Sünde untergeht, und das wirkt tatsächlich befreiend und belebend.
Wir können uns das noch deutlicher machen, wenn wir dabei an konkrete Dinge denken, an alle negativen Kräfte, die unser Leben bedrohen und überschatten In der Bibel werden sie „Sünde“ genannt. Dieses Wort hören wir heutzutage nicht mehr so gerne, denn wir denken dabei an Fehltritte und bekommen ein schlechtes Gewissen. Aber das ist lange nicht alles, was damit angesprochen wird. „Sünde“ sind vielmehr die zerstörerischen Mächte, die überall am Werk sind. Angst und Misstrauen gehören dazu, Hass und Feindschaft, Neid und Zorn. Davon sind übrigens auch Kinder nicht frei. Im Gegenteil, wenn wir sie nicht davon abhalten, leben sie die negativen Triebe manchmal viel erbitterter aus, als wir. Sie sind keine Engel, sondern können genauso brutal sein, wie Erwachsene. Denn die Sünde schlummert von Anfang an in unsrem Herzen und unserem Denken. Wenn wir sie zulassen, kann sie ihr zerstörerisches Werk beginnen. Sorgen und Wut, Trauer und Missgunst und andere negative Kräfte nagen an uns, vergiften unsere Seele und zerfressen unsren Geist. Wenn wir ein schönes und helles Leben führen wollen, müssen wir diesen Kräften also etwas entgegensetzen. Wir müssen üble Gedanken und Gefühle immer wieder „ersäufen“. Und das geht tatsächlich gut mit dem Ausatmen: Wir können uns vorstellen, dass nicht nur die alte Luft aus uns herausströmt, sondern auch unser Neid und unsere Angst, unsere Versäumnisse und Fehler. Das fällt dann tatsächlich alles von uns ab und geht unter. Wir „sterben und werden neu geboren“.
Denn wir tun es „mit Christus“, so wie Paulus es im Römerbrief sagt. Es heißt dort zum Schluss: „Denn wer [so] gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ Wir tun es im Vertrauen auf Gott. Wir denken an seine schöpferische Kraft, an die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus und lassen die an uns wirken. Gott ist voller Liebe und Erbarmen gegenüber uns. Er will uns befreien und neu schaffen, immer wieder. Wir können uns vorstellen, dass wir die göttliche Liebe einatmen. Dann erleben wir ihre Kraft auch.
Es gibt im Gesangbuch ein Lied, in dem die Liebe mit einem Meer verglichen wird. Der Text ist von Gerhard Tersteegen, einem Mystiker aus dem 18. Jahrhundert, von dem wir viele Lieder haben. Von ihm stammen die Zeilen: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart; ich geb mich hin dem freien Triebe, wodurch auch ich geliebet ward; ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.“ (Ev. Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 615,1) Das ist eine schönes und anschauliches Bild: Durch den Glauben versinken wir in einem „Meer der Liebe“. Wir verlieren alles Schwere, werden getragen und gehen ganz in der Liebe Gottes auf.
Etwas später kommt das Bild vom Wasser in diesem Lied noch einmal vor. In Strophe vier heißt es: „Ehr sei dem hohen Jesusnamen, in dem der Liebe Quell entspringt, von dem hier alle Bächlein kamen, aus dem der Sel‘gen Schar dort trinkt.“ Das Trinken des Wassers wird ebenfalls auf den Glauben übertragen, und mit diesem zweiten Bild wird deutlich, dass Jesus Christus durch den Glauben außerdem in uns einzieht und uns neue Kraft schenkt.
Die Taufe und das Symbol des Wassers sind also sehr schön geeignet, das Leben mit Jesus Christus zu veranschaulichen. Unser ganzes Dasein wird dadurch kraftvoll und leicht. Wir werden frei und unbeschwert. Denn wir sind nicht mehr von den dunklen Mächten bestimmt, sondern die Liebe und das Erbarmen Gottes umgeben und erfüllen uns.
Deshalb ist es durchaus sinnvoll, eine Taufe so zu feiern, wie wir es bei Kindern tun. Sie muss nicht ernst und düster sein, denn sie ist ein Fest des Lebens und der Liebe, über das wir uns von Herzen freuen dürfen.
Amen.

Das Wort vom Kreuz

Predigt über 1. Korinther 1, 18- 25: Die Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott

5. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juni 2016, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Der Gottesdienst fand mit und für die Evangelische Jugend Kiel-Mitte statt, d.h. die Lieder, die Übersetzung der Bibeltexte, Gebete und auch die Predigt waren auf jüngere Menschen ausgerichtet.

1. Korinther 1, 18- 25

18 Die Botschaft vom Kreuz erscheint denen, die verloren gehen, als eine Dummheit. Aber wir, die gerettet werden, erfahren sie als Kraft Gottes.
19 Denn in der Heiligen Schrift steht: »Ich will die Weisheit der Weisen auslöschen und von der Klugheit der Klugen nichts mehr übrig lassen.«
20 Wo sind jetzt die Weisen? Wo die Schriftgelehrten? Wo die wortgewaltigen Redner unserer Zeit? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt als Dummheit entlarvt?
21 Obwohl sich die Weisheit Gottes in dieser Welt zeigt, hat die Welt mithilfe ihrer eigenen Weisheit Gott nicht erkannt. Deshalb hat Gott beschlossen, mithilfe einer Verkündigung, die als Dummheit erscheint, alle Glaubenden zu retten.
22 Die Juden wollen Zeichen sehen. Die Griechen streben nach Weisheit.
23 Wir dagegen verkünden Christus als Gekreuzigten: Das erregt bei den Juden Anstoß und für die Heiden ist es reine Dummheit.
24 Doch für alle, die Gott berufen hat – ob es Juden sind oder Griechen –, ist Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25 Denn was an Gott als dumm erscheint, ist weiser als die Menschen. Und was an Gott schwach erscheint, ist stärker als die Menschen.

(Basisbibel)

Liebe Gemeinde.
Wir müssen ständig Entscheidungen treffen, große und kleine, wichtige und unwichtige. An den Wendepunkten unseres Lebensweges geht es um viel, wenn wir z.B. einen Beruf und einen Lebenspartner oder eine Lebenspartnerin wählen. Aber auch im Alltag gibt es dauernd mehrere Möglichkeiten: Was wir essen, was wir kaufen, wo wir Urlaub machen, wie fleißig wir sind, mit wem wir uns verabreden usw., all das müssen wir uns fragen. Und um die richtige Entscheidung zu treffen, müssen wir „unterscheiden“ – nicht umsonst ist dieses Wort eng mit dem Wort „entscheiden“ verwandt – und uns eventuell von etwas „verabschieden“, auch das steckt in dem Wort. Und das ist nicht so leicht. Wie gehen wir also vor? Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten:
Die einen benutzen ihren Verstand und ihre Klugheit. Sie lesen Bücher, denken nach und beraten sich mit anderen. Das ist der schwere und gründliche Weg. Oft machen wir es uns aber auch leichter und tun das, was alle anderen auch machen. Wir folgen den Traditionen und guten Sitten, den Gesetzen und Gewohnheiten. Und am einfachsten machen wir es uns dann, wenn wir der Lust und unseren Gefühlen nachgeben und spontan das tun, was uns gerade gefällt.
Zwei von diesen Möglichkeiten kommen auch in unserer Epistel von heute vor, denn Paulus nennt hier zwei Menschengruppen, die Griechen und die Juden. Die Griechen sind für ihn ein Beispiel für die, die aus Weisheit und Klugheit heraus handeln. Die Juden vertreten diejenigen, die sich an Gebote und Traditionen halten. Beide wissen, wie sie leben wollen, was sie glauben und wonach sie sich richten. Paulus kann das gut nachvollziehen, denn er kennt beide Wege aus eigener Erfahrung.
Allerdings hat er sich sowohl von der griechischen Lebensweise als auch von der jüdischen verbschiedet. Er beschreibt hier, dass er sich jetzt von keinem dieser Denkmodelle mehr leiten lässt, sondern einen neuen Weg beschritten hat. Er hat sich für Jesus Christus entschieden, und dafür hatte er ganz andere Gründe. Diese Entscheidung war unüblich, und zwar so, dass die Griechen sie für dumm und töricht hielten und die Juden für ärgerlich und anstößig. Sie entsprach keinem der bekannten Verhaltensmuster, denn dahinter stand weder eine kluge Lehre noch eine Tradition oder eine Gewohnheit. Sie hatte auch nichts mit Spaß und Lust zu tun.
Im Gegenteil: Paulus folgte dem Gekreuzigten! Auch seine Predigt war die Botschaft vom Kreuz, und das fiel auf und erregte Anstoß. Die Juden fanden das schrecklich und armselig. Denn sie glaubten an die Macht und Größe Gottes. Sie stellten sich einen herrlichen Gott vor, der schön und gewaltig ist, der die Welt fest und sicher in der Hand hält und irgendwann alle Feinde besiegt. Darauf vertrauten die Juden, und dem entsprach der gekreuzigte Jesus in ihren Augen ganz und gar nicht.
Und so ähnlich ging es auch den Griechen. Sie setzten alles auf die Weisheit, schulten ihre Urteilskraft und ihre Einsicht. Sie strebten nach Erkenntnis und Klugheit und versuchten, damit die Welt zu verstehen und die Wahrheit zu erfahren. Deshalb war die Botschaft vom Kreuz für sie nichts anderes als eine große Torheit, ein albernes und unvernünftiges Gerede. Sie hielten die Christen für dumm oder sogar verrückt.
Beide Gruppen konnten mit dem Kreuz Jesu nichts anfangen, denn es stand im krassen Gegensatz zu dem, woran sie glaubten und worauf sie setzten.
Und so geht es bis heute vielen Menschen. Sie möchten sich das Sterben Jesu nicht vorstellen, denn sein ausgezehrter und hässlicher Körper stößt sie ab. Sie können nicht verstehen, warum gerade die Hinrichtung Jesu so wichtig für uns ist und wir ausgerechnet dieses Bild in vielen Kirchen aufhängen. Und auch wenn wir nur das Symbol des Kreuzes ohne den Körper Jesu betonen, lehnen sie das ab.
Möglicher weise geht es euch und Ihnen auch so: Was soll das? Warum ist das Kreuz so zentral für unseren Glauben? Und wie kann es sein, dass Menschen darin Trost finden und Jesus nachfolgen?
In unserer Epistel von heute gibt Paulus darauf eine Antwort, indem er sagt: Jesus nachzufolgen, ist zwar ein ungewöhnlicher Weg, aber wer ihn geht, findet dabei etwas ganz Neues, etwas, das man sonst nirgends findet. Man kann das nicht mit dem Verstand nachvollziehen, und es wird auch niemandem vorgeschrieben, aber das alles zählt bei Jesus auch nicht, und das ist bemerkenswert und wohltuend:
Man muss weder klug noch gut sein. Jesus schreibt uns keine Gebote oder Verhaltensregeln vor. Er liebt uns, so wie wir sind. Er lässt uns nie allein und schenkt uns das, was wir alle suchen umsonst, ohne dass wir darüber nachgrübeln oder uns anstrengen müssen: Rettung und Heil, Erkenntnis und Wahrheit. Wir müssen uns nur für ihn entscheiden, auf seine Stimme hören und ihr folgen. Und da führen uns nicht unsere Klugheit hin, auch kein Gebot und keine Lust, sondern allein das Vertrauen und die Liebe.
Lasst uns also fragen, wie wir Jesus finden und an ihn glauben können. Wie und wo hören wir seine Stimme? Vielleicht folgen wir ihr auch deshalb nicht, weil sie oft so leise ist. Die anderen Stimmen sind lauter und überzeugender.
Deshalb ist es wichtig, dass wir als erstes selber leise werden und in uns hineinhorchen. Jesus spricht nämlich in unserem Inneren zu uns. Das merken wir, wenn wir zu ihm beten, ihn loben und ihm danken. Dann wird er in uns lebendig.
Es ist deshalb wichtig, dass wir das immer wieder tun: In uns gehen, uns nicht ablenken lassen, unbeirrt und wachsam bleiben. Um die Stimme Jesu zu hören und ihr zu folgen, müssen wir mit allem anderen vorübergehend aufhören. Diejenigen, die am liebsten nachdenken, müssen einmal eine Denkpause einlegen. Anstatt nach ihren Gedanken zu handeln, müssten sie sie vorbeiziehen lassen. Sie dürfen ihren Kopf ausruhen. Die anderen, die am liebsten den Traditionen und Gewohnheiten folgen, sollten alles, was sie wichtig finden, einmal hinterfragen und sich für neues öffnen. Sie müssen sich bewegen und etwas wagen. Und für den Fall, dass wir am liebsten unserer Lust folgen, gilt es, das einmal zu kontrollieren und sich in Selbstdisziplin und Zurückhaltung zu üben
Das ist alles natürlich nicht ganz einfach, denn wir handeln so, wie wir es sonst tun, damit es uns gut geht. Egal, wodurch unsere Entscheidungen zu Stande kommen, wir wollen damit das Leid vermeiden, glücklich und gesund sein. Wir suchen Geborgenheit und Sicherheit. Deshalb denken wir nach, folgen dem allgemeinen Trend oder tun, was Spaß macht. Wenn wir diese Verhaltensweisen ändern oder lassen, haben wir zunächst das Gefühl, jetzt geht gar nichts mehr. Vielleicht haben wir auch Angst davor, denn wir sehen das Ergebnis nicht.
Doch das ist tatsächlich nur ein Gefühl. Und wir sollten ehrlich sein: Es gelingt doch sowieso lange nicht immer, dass wir das Glück finden und ein gutes Leben haben. Im Gegenteil, oft werden wir in die Irre geführt. Auch wenn wir noch so klug sind, wir erkennen nie die ganze Wahrheit. Ein Gelehrter weiß noch lange nicht alles über das Leben. Gewohnheiten machen uns unbeweglich und Gesetze starr. Und die Gefühle täuschen uns am ehesten. Es ist auch egoistisch, wenn wir die Lust zu sehr betonen. Letzten Endes macht sie uns einsam, wir bleiben in uns selbst gefangen. Oft verlieren wir also mehr, als wir gewinnen, wir müssen das nur zugeben und klar sehen. Dann sind wir schon viel bereiter, einmal all das loszulassen und stattdessen auf Jesus zu vertrauen.
Wir müssen davor keine Angst haben, auch wenn der Ausgang zunächst ungewiss ist. Denn er enttäuscht uns nicht. Er verspricht uns zwar nicht, dass wir vor dem Leiden verschont werden, und das Leben nur noch schön ist. Aber er hilft uns, auch das Schwere zu tragen. Wenn wir ihm folgen, lernen wir, die Trübsal und die Not in unsrem Leben auszuhalten und sie sogar anzunehmen. Er lehrt uns, zu „unterscheiden“ zwischen dem, was gut und dem was schlecht für uns ist, klarer zu sehen und uns gegebenenfalls auch einmal von etwas zu „verabschieden“, das uns schadet. Durch seine Liebe können wir loslassen, denn Jesus hält uns fest und macht uns stark. An seiner Hand gehen wir sicher, er führt uns den Weg durch das Schwere hindurch, wir müssen ihm nur treu bleiben.
Das ist kein gewöhnlicher Weg, denn normalerweise zählen in unserer Gesellschaft Klugheit und Stärke. Wer etwas leistet, kommt weiter, wer sich anpasst, findet Anerkennung. Wer dagegen schwach oder arm ist, wird schnell an den Rand gedrängt. Wir finden uns ja auch selber schlecht, wenn wir leiden und unser Leben mal nicht glänzt. Aber Jesus will uns genau in diesen Stunden oder Tagen. Dann beachtet er uns mehr, als zu jeder anderen Zeit. Denn er fragt nicht nach unserer Stärke oder Klugheit, sondern nach unserer Schwäche, nach unseren Fehlern und Niederlagen. Er will uns auffangen und mit seiner Gnade und Liebe an uns handeln. Wir müssen ihm das nur zutrauen.
Dann finden wir die Geborgenheit, die wir suchen, alles, wonach wir uns sehnen. Das Leben mit Jesus ist wie eine große Umarmung: Jesus breitet seine Arme aus und nimmt uns an, denn er hat uns unendlich lieb.
Amen.

Die große Einladung

Predigt über Epheser 2, 17- 22: Die Einheit der Kirche

2. Sonntag nach Trinitatis, 5.6.2016, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Epheser 2, 17- 22

17 Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
18 Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus  Christus der Eckstein ist,
21 auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Liebe Gemeinde.
„Heute geschlossene Gesellschaft“, das steht immer mal wieder an der Eingangstür eines Restaurants oder einer Gaststätte. Dann hat die Öffentlichkeit keinen Zutritt. Alle Tische sind für eine bestimmte Feier belegt, eine Hochzeit, eine Konfirmation, ein Geburtstag oder ähnliches. Für Gäste, die spontan dort einkehren wollen, ist kein Platz, und das ist immer etwas ärgerlich.
Für die Geladenen ist es dagegen sehr schön. Man freut sich sowieso, eingeladen zu werden. Es ist ein Privileg, dass man ausgewählt und für würdig befunden wurde. Man steht in der Gunst des Gastgebers oder der Gastgeberin, und das ist nett. Meistens passen die Gäste dann auch zusammen. Sie teilen ähnliche Werte und fühlen sich miteinander wohl.
Auf diesem Hintergrund ist es nun interessant, wie die Auswahl der Gäste im Evangelium erfolgt. Da geht es nämlich ebenfalls um eine Einladung, Jesus selber spricht sie aus, Doch anders als bei unseren Feiern, findet bei ihm keine Vorentscheidung statt. Jesus fragt nicht danach, wie wertvoll ein Mensch ist, ob er zu ihm passt und seine Vorstellungen teilt, er lädt vielmehr „alle“ ein, „die mühselig und beladen sind, er will sie erquicken.“ (Mt.11,28).
So lautet sein „Heilandsruf“, wie diese Stelle im Matthäusevangelium genannt wird, und der ist bemerkenswert. Es gibt bei Jesus keine Bevorzugung, keine Sonderrechte und keine Privilegien. Alle, die möchten, dürfen kommen. Man muss nicht besonders fromm oder klug sein, kein Apostel oder Prophet, keine heilige oder göttliche Person. Der Glaube an Jesus Christus macht alle zu „Mitbürgern und Hausgenossen Gottes“, wie Paulus es in unserer Epistel formuliert.
Sie steht im Epheserbrief, Kapitel zwei und ist heute unser Predigttext. Wir wollen den Abschnitt deshalb jetzt genauer betrachten:
Paulus schreibt hier etwas über die Kirche oder die Gemeinde Jesu, und dafür benutzt er das schöne Bild eines Gebäudes, bzw. einer Wohnung. Es hat ein Fundament, das sind die „Apostel und Propheten“. Auf ihm ruhen die Steine, das sind alle, die das Evangelium gehört und angenommen haben. Durch sie wird „der ganze Bau ineinander gefügt“. In der Spitze des Portals befindet sich ein „Eckstein“ oder auch Schlussstein. Er schließt beide Bögen zusammen und sorgt für den entscheidenden Halt. Das ist Jesus Christus.
So ist die Funktion des Ecksteins an dieser Stelle wahrscheinlich zu verstehen. Das griechische Wort, das hier steht, kann auch einen Quaderstein im Fundament bezeichnen, aber es ist zu vermuten, dass Paulus die Spitze meint. Denn man muss diesen Vergleich parallel zu dem Bild der Gemeinde als „Leib Christi“ betrachten. Das finden wir ebenfalls bei Paulus, und darin ist Christus das Haupt. (Röm. 12,3ff; 1.Kor.12,12ff) Auf jeden Fall sagen beide Bilder aus, dass das ganze Leben der Kirche „in Christus“ geschieht, er ist ihr Ursprung und ihr Ziel zugleich.
Und alle Menschen haben einen Zugang zu diesem Gebäude, Juden und Heiden, „die fern und die nahe waren“. Keiner ist mehr „Gast oder Fremdling“, sondern alle werden zu „Mitbürgern der Heiligen und Gottes Hausgenossen“.
„Sie wachsen zu einem heiligen Tempel in dem Herrn“, wie es am Ende heißt. Wahrscheinlich verschmilzt das Bild hier mit der Vorstellung vom „Leib Christi“. Die Gemeinde „wächst“ von seiner Spitze her und zugleich zu dieser hin. Alle Christen werden zusammen „erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“
Das ist hier die Botschaft, und die ist wohltuend. Sie bedeutet, dass die Einladung Christi an alle ergeht. Wer ihm vertraut, gehört dazu, jederzeit und überall. Er muss nichts vorweisen, nichts leisten und keine besonderen Kriterien erfüllen. Alle können kommen und bilden zusammen die christliche Gemeinde.
Doch was sollen wir nun damit anfangen? Hat eine Einladung überhaupt einen Wert, wenn sie ausnahmslos an alle ergeht? Ist es attraktiv, wenn kein Geladener sich durch eine besondere Qualität oder Stellung ausweist? Wir gehören doch gerne zu den Auserwählten und Privilegierten. Wenn eine spezielle Auszeichnung fehlt, ist eine Einladung langweilig.
Außerdem stößt es uns möglicher Weise sogar ab, zu den Gästen Jesu zu gehören, denn er lädt die „Mühseligen und Beladenen“ ein, und die bilden normaler Weise keine besonders angenehme Gesellschaft. Wir zählen uns nur ungern dazu.
Wir wollen viel lieber stark und gesund sein. Auch in die Kirche bringen wir uns am liebsten mit unseren Fähigkeiten und Ideen ein. Wir wollen etwas tun und leisten, damit sie lebt. Sie soll sich schließlich von anderen Organisationen unterscheiden und am besten auffallen. Sie soll glänzen und strahlen, und das kann nur geschehen, wenn wir selber dafür sorgen. Sonst bleibt sie armselig und unbedeutend. So denken wir meistens.
Es ist ein natürliches Denken, das nahe liegt, und insofern ist es zunächst legitim. Wir müssen uns allerdings fragen, was dabei herauskommt. Erzielen wir die gewünschten Ergebnisse? Gelingt es uns, eine lebendige Kirche zu bauen? Und ist die Kirche durch unsere Anstrengungen etwas Besonderes?
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass das kaum der Fall ist. Eigentlich unterscheidet sie sich gerade dadurch kaum noch von weltlichen Organisationen. Denn wo wir uns abstrampeln, setzen dieselben Mechanismen ein, wie überall: Wir stehen unter Leistungsdruck und spielen ganz viel Theater. Wir nehmen die Rolle eines Christen oder einer Christin ein. Dafür gibt es bestimmte Vorgaben, die wir einstudieren: Wir sind freundlich und hilfsbereit, offen und zugewandt. Wir packen an, kümmern und engagieren uns, sind kreativ und fröhlich bei der Sache. Aber ist das alles echt? Das müssen wir uns fragen. Es kann auch künstlich und gewollt wirken.
Und halten wir es durch? Wahrscheinlich nicht, denn irgendwann geht uns die Kraft aus. Wir sind erschöpft und ausgelaugt, werden aggressiv oder missmutig.
Und wir vertragen uns auch nicht immer. Es gibt ja verschiedene Konzepte für eine lebendige Kirche. Welche Schwerpunkte und Prioritäten wir setzen, kann voneinander abweichen. Die einen betonen das Handeln am Nächsten, die anderen das Gebet und die Frömmigkeit. Es gibt auch unterschiedliche Ansichten darüber, ob z.B. lieber die Jugendarbeit oder die Musik gefördert werden soll, wieviel Geld für die Gebäude ausgegeben wird, ob man besser mit der Gemeinde verreist usw. Und da sind wir uns nie alle einig, jeder und jede findet eine andere Idee, ein anderes Projekt am wichtigsten oder interessantesten.
Und verlassen kann man sich auch nicht auf jeden. Das Maß des Engagements ist ebenfalls unterschiedlich. Und das alles führt zu vielen Konflikten und manchmal zum Streit.
So bleibt die Kirche auf Dauer unvollkommen und brüchig. Sie ist kein „heiliger Tempel in dem Herrn“, der schön „zusammengefügt wächst“. Das können wir deutlich an der Realität erkennen. Trotz aller Mühen ist sie armselig, uneins und relativ unbedeutend.
Wir müssen also einen ganz anderen Weg beschreiten, wenn wir eine attraktive Kirche sein wollen, und genau der wird in unsrer Epistel beschrieben.
Entscheidend ist nämlich nicht, was wir einbringen und leisten, entscheidend ist vielmehr die Gegenwart Christi. Er ist der Eckstein, der Grund und das Ziel der Kirche. Durch ihn erhält sie ihren Glanz und ihre Schönheit. Er ist das Merkmal, durch das sie sich von allen anderen Organisationen unterscheidet. Seine Nähe und Liebe sind ihr Inhalt, von ihm bekommt sie ihre Kraft und ihr Leben.
Wir müssen uns also zu allererst und immer wieder in seine Gegenwart begeben. Dazu werden wir aufgefordert. Jesus Christus möchte, dass wir zu ihm zu kommen und an seiner Feier teilnehmen. Es ist ein Fest der Liebe und der Gnade. Und dazu lädt er alle ein, die gerne dabei sein wollen. Er macht keine Unterschiede und er trifft keine Vorauswahl. Jeder, der seinen Ruf hört, darf kommen.
Das wäre demnach das ausschlaggebende: Dass wir seine Einladung annehmen, uns für ihn entscheiden und ihm vertrauen. Und dazu gehört es nicht, dass wir irgendetwas Großartiges leisten, wir sollen vielmehr wir selber sein. Wir müssen nicht vorher glänzen und uns irgendwie ausweisen, wir dürfen mit all unserer Mühsal kommen, mit allem, was auf uns lastet. Die Steine, aus denen die Kirche besteht, sind nicht irgendwelche Projekte und menschliche Taten. Wir müssen keine Steine herstellen. Wir selber sind die Steine. Es geht nicht um das, was wir tun, sondern um das, was wir sind. Wir sollen uns nicht nur mit unseren Ideen einbringen, sondern mit unserem ganzen Leben.
Es gilt, an Jesus Christus zu glauben, sich auf ihn zu gründen, ihn die Grundlage für alles weitere sein zu lassen. Dadurch werden wir zu „Gottes Hausgenossen“, wunderbar „zusammengefügt zu einem heiligen Tempel in dem Herrn“. Das ist das besondere an der Kirche, dadurch strahlt und glänzt sie in wunderbarer Schönheit.
Und das ist keineswegs langweilig oder bedeutungslos. Denn wo gibt es das sonst, dass nicht die Herkunft, Sympathie oder die Fähigkeiten zählen? Wenn eine Einladung an alle ergeht, dann wird sie dadurch nicht wertloser. Im Gegenteil, es ist ganz einmalig, dass niemand ausgeschlossen wird. Es ist eine unerhörte Botschaft, dass allein das Vertrauen entscheidet, ob wir dazu gehören. Anstatt daran zu zweifeln, ob das reicht, sollten wir uns darüber freuen und uns darin üben.
Und das ist immer und überall möglich. Wo wir sind, können wir uns auf Christus gründen, in jeder Lebenslage, morgens, mittags und abends, bei der Arbeit und auf Reisen, zu Hause und in der Natur. Wann immer es uns einfällt, können wir unsren Leistungsdruck ablegen, aus unsrem Rollenverhalten aussteigen und ganz wir selber sein. Denn Christus ist überall und immer da. Es gibt bei ihm keine Grenzen, die Türen zu seiner Gegenwart stehen immer offen. Wir müssen nur hineingehen.
Dann werden wir zu neuen Menschen. Freiheit und Gelassenheit prägen unser Lebensgefühl. Eine ungeahnte Freude erwacht, Zuversicht und Liebe.
Und wenn das so ist, entsteht wunderbarer Weise auch eine ganz neue Einheit. Die Unterschiede werden zweitrangig, es macht nichts, wenn wir verschiedene Prioritäten setzen, denn natürlich gehört alles dazu, was die Menschen einbringen. Anstatt gegeneinander zu konkurrieren oder miteinander zu streiten, achten wir die Ideen der anderen. Wir lassen sie gewähren und freuen uns möglicher Weise sogar daran. Denn was uns eint, sind nicht die Denkansätze und Schwerpunkte im Glauben, sondern die Gegenwart Christi, in die wir alle hineingenommen werden. Sie macht uns gelassen und liebevoll. Und das sind die wichtigsten Merkmale der Kirche, aus solchen Menschen setzt sie sich zusammen.
Denn „wo auch nur zwei zusammenstehn, warten auf sein Vorübergehn, kommt Jesus in ihre Mitte“. Er „kehrt in die ärmste Hütte ein“ und „heiligt“ jedes Haus und jeden Ort „zum Tempel“. So dichtete Otto Riethmüller 1935. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe füe die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 576, 3. 4) Und an dem Eingang dieses Tempels hängt kein Schild mit der Aufschrift „geschlossene Gesellschaft“, sondern: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“
Amen.

Vor allem Liebe

Predigt über 1. Johannes 4, 16b- 21: Die Liebe Gottes und die Liebe zum Bruder

1. Sonntag nach Trinitatis, 29.5.2016, 11 Uhr
 Jakobikirche Kiel

In dem Gottesdienst wurde ein kleines Kind getauft.

1. Johannes 4, 16b- 21

16b Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.
18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.
20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.
21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

Liebe Gemeinde.
Wofür leben Sie? Oder: Was ist für Sie das wichtigste im Leben? Auf diese Frage gibt bestimmt jeder und jede von uns eine andere Antwort. Bei dem einen stehen der Beruf an erster Stelle, und der damit zusammenhängende Erfolg. Bei der anderen ist es die Ehe und die Familie, Kinder und Enkelkinder. Es kann aber auch das Haus und der Garten sein, die Gemeinde, ein Hobby, Sport, Haustiere, Musik usw. Oder es dreht sich alles um die Gesundheit: Thema Nummer eins sind das eigene Wohlbefinden, Erholung und Urlaub. Vielleicht setzt sich ihr Lebensinhalt aber auch einfach nur aus den Terminen zusammen, die in Ihrem Kalender stehen. Verabredungen und Verpflichtungen sind dann das wichtigste, dem sich alles andere unterordnet.
Auf jeden Fall haben wir alle etwas, womit wir uns in erster Linie identifizieren, was uns ausmacht und unser Lebensgefühl bestimmt.
Und von so etwas handelt auch unsere Epistel von heute. Hier wird ebenfalls etwas genannt, das an erster Stelle stehen kann, und es wird uns empfohlen, das zu übernehmen. Allerdings ist das, worüber Johannes hier schreibt, anderer Natur, als die Dinge, die ich eben aufgezählt habe. Denn er redet nicht über irgendeine Sache, ein Vorhaben, einen Menschen oder eine Fähigkeit, er nennt schlicht und ergreifend die Liebe. Und die hat eine ganz andere Qualität als alle unsere Beziehungen, Hobbys oder Verpflichtungen.
Lassen Sie uns das zunächst verstehen und den Text dafür genauer betrachten. Es klingt beim ersten Hören vielleicht etwas verwegen oder anrüchig, wenn wir hören, die Liebe soll das wichtigste sein, aber natürlich ist hier nicht die erotische Liebe gemeint, ein ständiges Verliebt sein in einen anderen Menschen oder die sexuelle Anziehungskraft. Johannes meint vielmehr die Liebe, die von Gott kommt. „Gott hat uns zuerst geliebt.“ Das ist hier der entscheidende Satz, und d.h. die Liebe ist zunächst etwas, das uns verkündet und zugesagt wird, sie wird uns geschenkt. Wir müssen erst einmal also gar nichts tun oder verwirklichen. Wir werden geliebt, das sollen wir einfach nur annehmen, daran glauben und darauf vertrauen. Dazu werden wir eingeladen. Dann sind wir mit Gott verbunden, so wie er das will, dann ist unser Leben sinnvoll und erfüllt. So ist der Satz gemeint: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“
Dieses Lebenskonzept wird uns hier empfohlen, und es ist nicht schwer, dem zu folgen, denn Gott hat seine Liebe offenbart, und zwar in seinem Sohn Jesus Christus. Durch ihn haben wir die Liebe Gottes empfangen. Wir könnten das Wort „Liebe“ durch den Namen Jesus Christus ersetzen, dann wird uns hier gesagt: „Wer in Jesus Christus bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Wir haben durch den Glauben an Jesus Christus Gemeinschaft mit Gott, und das ist wie ein Sprung in die Liebe hinein. Sie wird in uns eingesenkt, sie findet im Glauben ihr Ziel und kann sich ausbreiten.
Und das ist wunderbar, denn sie rettet uns. Sie ist eine starke Kraft, die alle bösen und störenden Einflüsse vertreibt, wie z.B. die Furcht. Johannes sagt: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ Die Liebe, die wir durch Jesus Christus haben, verschafft uns also eine ganz neue Grundlage und ein neues Lebensgefühl. Nöte und Konflikte lösen sich auf, sie mildert das Leid und nimmt den Druck aus unserem Leben.
Und das ist eine sehr schöne Botschaft, denn von all dem ist unser Dasein normaler Weise angefüllt. Wir denken zwar, alles ist gut, wenn das, wofür wir leben, uns gelingt, und wenn es erhalten bleibt, aber das ist ein Trugschluss. Denn gerade dadurch entstehen unsere Probleme.
Wenn unser Beruf z.B. an erster Stelle steht oder der Erfolg, dann sind wir immer unter Druck. Angst und Sorge gehen damit einher. Wir fühlen uns oft gestresst und überfordert. Ein Scheitern stürzt uns in eine tiefe Krise, Niederlagen verdüstern alles.
Sind es die Menschen in der Familie oder in der Gemeinde, um die sich alles dreht, dann lauern überall Konflikte und Spannungen. Denn unsere Partner, Kinder oder Freunde sind nicht immer so, wie wir sie gerne hätten. Sie haben ihre eigenen Ideen, behandeln uns manchmal ungerecht, sind gelegentlich rücksichtslos und egoistisch. Es kommt oft zum Streit und damit auch zu Trennungen. Und dann ist ebenfalls alles aus.
Und wenn die Gesundheit unser oberstes Ziel ist, dann sind das Leid und der Schmerz auch nie weit entfernt. Denn das Wohlbefinden lässt sich nicht durchgehend aufrecht erhalten. Vieles kann uns heimsuchen, und etliche Krankheiten sind unheilbar. Sie stürzen uns in die Verzweiflung, und lassen alles ausweglos erscheinen.
Das sind drei Beispiele für die Probleme, die das Leben mit sich bringt. Es gibt noch unzählige andere mehr, und sie entstehen alle dadurch, dass etwas zeitlich Begrenztes und menschliches an oberster Stelle in unserem Leben steht, etwas Unvollkommenes und Vorübergehendes. Wir entscheiden uns am liebsten für Inhalte, die in Wirklichkeit brüchig und vergänglich sind. Wenn wir gerettet werden wollen, müssten wir das also erkennen und ändern, und genau da kann die Liebe uns hinführen. Sie hat eine heilende und erlösende Kraft, die das Leid mildert und den Schmerz erträglich macht. Wir müssen sie nur an oberste Stelle setzen, und das heißt, vor allem anderen nach Gott suchen und uns Jesus Christus anvertrauen.
Die Frage ist allerdings, ob wir das wollen. Das klingt ja eventuell so, als ob wir nun auf alles andere verzichten müssen. Sollen wir nur noch an Gott denken und ganz religiös werden? Das ist für die meisten von uns wahrscheinlich keine besonders attraktive Vorstellung.
Aber so ist das auch nicht gemeint. Es geht hier nicht um eine radikale Frömmigkeit, geschweige denn um Weltabwendung oder irgendeinen Verzicht. Es geht vielmehr darum, dass wir unsere Prioritäten neu ordnen. Wir müssen unsere Lebensinhalte nicht abschaffen, aber es ist ratsam, sie zu relativieren, ihnen ihre alles überragende Bedeutung zu nehmen und sie immer wieder innerlich loszulassen. Wir müssen nicht allem absagen, was die Welt uns bietet, aber es gilt, die Wichtigkeit der Dinge anders einzustufen: Ganz oben auf der Liste unserer Lebensinhalte sollte nicht irgendetwas Menschliches oder vergängliches stehen, sondern etwas dauerhaftes, eine bleibende und rettende Kraft. Und genau das ist die Liebe, und zwar die Liebe, die Gott uns schenkt, mit der er uns begegnet. Auf sie können wir uns immer verlassen, sie ist immer da. Und sie verhilft uns zu einem ganz anderen Lebensgefühl. Sie verändert unser Bewusstsein und kann uns retten und befreien.
Wir müssen uns das nur einmal in den Bereichen vorstellen, deren problematische Seite wir uns bewusst gemacht haben. Das waren als erstes der Beruf und unsre Aufgaben. Wenn wir ihn mit Liebe ausfüllen, verschwinden der Erfolgsdruck, die Angst und die Sorgen, denn wir fühlen uns auf jeden Fall geliebt und anerkannt. Durch ein Scheitern bricht nicht gleich unser ganzes Leben zusammen. Wir erkennen immer einen Weg, auf dem es weiter gehen kann. Wenn eine Veränderung nötig ist, dann macht uns das nichts aus.
Und auch bei Konflikten in der Familie kann die Liebe uns helfen. Sie befreit uns von unsren Erwartungen. Es stört uns nicht, wenn unsere Mitmenschen anders denken als wir. Selbst wenn sie einmal unfair sind, verletzen sie uns damit nicht so schnell. Es kommt nicht sofort zum Streit, geschweige denn zur Trennung. Durch die Liebe versuchen wir vielmehr, die anderen zu verstehen. Es kann uns gelingen, uns in sie hineinzuversetzen, sie anzunehmen und sie so zu lieben, wie sie sind.
Und das dritte Beispiel war die Gesundheit. Sie kann uns wie gesagt abhandenkommen, aber wenn wir die Liebe haben, fallen wir dadurch nicht gleich in die Verzweiflung. Wir werden fähig zum Leiden, denn es bleibt immer etwas da, das uns trägt und tröstet. Das Wohlbefinden hängt nicht davon ab, wie lange wir noch leben und was wir alles können. Denn wir wissen von der ewigen Liebe Gottes, die selbst im Sterben noch bei uns ist.
So vertreibt die Liebe tatsächlich alles, was unser Leben belastet, wir müssen uns nur für sie entscheiden.
Und dafür ist eine Taufe eine wunderbare Gelegenheit. Jakob wird sich heute zwar noch nicht selber zum Glauben an Jesus Christus bekennen, denn er ist noch lange nicht „religionsmündig“, aber seine Eltern wollen ihm eine Grundlage geben, auf die er später aufbauen kann. Sie wollen ihn mit Jesus Christus verbinden und ihn unter den Segen Gottes stellen. Und Sie haben bewusst den christlichen Glauben gewählt, damit die Liebe das Vorzeichen in seinem Leben wird.
Wo es lang gehen wird, wissen wir jetzt noch nicht. Natürlich wird auch Jakob Hobbys und Fähigkeiten entwickeln, die ihm wichtig sind, aber was alles kommen wird, ist unklar. Auf jeden Fall wünschen Sie ihm ein zufriedenes und erfülltes Leben, es soll sinnvoll und schön sein.
Und genau dafür ist es gut, wenn Sie immer wieder die Liebe an erste Stelle stellen, die Liebe, die Gott Ihnen durch Jesus Christus schenkt. Durch Sie kann Jakob diese Liebe selber entdecken, und dann ist er gut ausgerüstet. Selbst wenn einmal etwas schief geht, bleibt er zuversichtlich und gelassen. Denn er bekommt damit eine Kraft, mit der das Leben gelingen kann. Dazu will Jesus Christus ihn befreien. Es ist deshalb gut, wenn Sie ihn ihm heute anvertrauen und sein Leben ganz in seine liebende Hand legen.
Amen.

Christus wohne in euren Herzen

Predigt über Epheser 3, 14- 21: Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde

6. Sonntag nach Ostern, Exaudi, 11 Uhr Jakobikirche

Epheser 3, 14- 21

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, bstark zu werden durch seinen Geist an dem cinwendigen Menschen,
17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe beingewurzelt und gegründet seid.
18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Die Predigt wurde während des Gottesdienstes auf Farsi übersetzt. sie ist deshalb kürzer als sonst.

Liebe Gemeinde.
Irgendetwas wünschen wir uns immer und oft beten wir dann dafür. Wir bitten Gott z.B. um Frieden und Gesundheit, Erfolg und Wohlstand, Harmonie in der Famlie oder im Arbeitskollegium. Und dabei denken wir auch nicht nur an uns selbst, sondern ebenso an andere. Wir schließen sie in unsere Fürbitte ein und bitten für sie um Gutes.
So tat es auch der Apostel Paulus. In unserer Lesung von heute haben wir seine Fürbitte für die Epheser gehört, denn das gehörte zu seiner Glaubenspraxis. Um  genau zu verstehen, was er hier meint und den Ephesern wünscht, ist es gut, wenn wir uns kurz die Geschichte vor Augen halten, die dahinter steht, die ihn mit den Ephesern verbindet.
Paulus hatte die Gemeinde in Ephesus, einer Stadt in der heutigen Türkei,  gegründet und sie lag ihm am Herzen. Ungefähr zwei Jahre lang war er als Missionar dort gewesen und hatte das Evangelium verkündigt. Es war alles sehr erfreulich verlaufen. Paulus hatte Juden und Griechen überzeugt und zur Umkehr zu Gott und zum Glauben an Jesus Christus bewogen. Eine wunderbare christliche Gemeinde war entstanden. (Apg.19,10-18)
Er selber musste sie dann wieder verlassen und weiterreisen. Das fiel ihm nicht leicht, denn er wusste um die Gefahren für so eine junge Kirche. Er hatte ihnen beim Abschied bereits vorausgesagt, dass Männer aus ihrer eigenen Mitte aufstehen und Verkehrtes lehren würden, um die Jünger an sich zu binden. (Apg.20,29-30) Das passierte fast überall in den Gemeinden, die Paulus gegründet hatte: Dass Gegner der christlichen Lehre die neuen Gemeinden durcheinanderbrachten.
Er selber konnte nicht mehr viel für sie tun, denn Gott hatte ihm befohlen, nach Jerusalem zurückzukehren. (Apg.20,22)  Er ahnte schon, dass dort nichts Gutes auf ihn wartete (Apg.20,23), aber er war gehorsam. Es geschah dann auch wirklich, dass er in Jerusalem von den Juden wegen Volksverhetzung gefangen genommen und ins Gefängnis geworfen wurde. (Apg.21,27-33) Es stand schlecht um ihn, aber er hörte nicht auf, das Evangelium zu verkündigen. Er konnte nun zwar nicht mehr reisen und predigen, aber er hat Briefe geschrieben und für seine Gemeinden gebetet. Der Brief an die Epheser stammt also aus dem Gefängnis (Eph.6.20). Aber er enthält kein Wort der Bitterkeit, sondern Paulus hat darin aufgeschrieben, was für den Glauben an Jesus Christus das Entscheidende war.
Das ist die Geschichte hinter unserer Lesung aus seinem Brief an die Epheser. Er hat hier wunderbar formuliert, was er Christen in Ephesus wünschte und wofür er betete. Der wichtigste Satz lautet: „Gott gebe euch Kraft, stark zu werden an dem inwendigen Menschen, dass Christus in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“
Paulus wünschte den Ephesern also weder Gesundheit noch Wohlstand. Er betete nicht dafür, dass sie vor allen Kämpfen bewahrt blieben, dass sie nicht leiden müssen und immer Frieden haben. Er wünschte ihnen also nichts Äußerliches, sondern etwas ganz Innerliches: Dass sie Kraft von Gott bekommen mögen, und dass Christus in ihnen wohnen möge.
Daran erkennen wir, was für Paulus auch in seinem Glauben das Entscheidende war. Christus war für ihn nicht nur eine geschichtliche Person, nicht nur ein Meister mit einer guten Lehre, sondern jemand, der mit seinem Geist im Menschen „wohnen“ möchte. Christus lebt, das war seine Botschaft, er wirkt im Inneren der Menschen und kann sie von allen Zwängen befreien. Es gilt also, ihn durch den Glauben ins Herz einziehen zu lassen. Dann kann er dort lebendig werden. Er verleiht innere Stärke und Kraft und vor allen Dingen die Liebe. Und das ist wunderbar, denn durch sie lässt sich auch alles Schwere ertragen. Sie ist die Kraft, die das Zusammenleben ordnet und heilt. Das war die Botschaft von Paulus, die er den Ephesern hier noch einmal geschrieben hat, und worum er Gott gebeten hat.
Und das ist auch für uns wichtig. Wenn wir an Jesus Christus glauben, dann denken wir ja oft, es geht um eine bestimmte Lehre, der wir folgen müssen. Die Ideen sind das Entschei-dende. Oder wir meinen, Gesetze spielen eine Rolle. Aber das steht alles gar nicht im Vordergrund des Evangeliums. Bedeutend ist vielmehr, dass „Christus in unseren Herzen wohnt“ und wir innerlich stark werden. Das sollten auch unser Wunsch und unser Ziel des Glaubens sein. Wir können uns vorstellen, das Paulus das auch für uns erbittet.
Doch wie erreichen wir das nun, und was bedeutet das für unsere Lebensführung? Die Antwort darauf finden wir ebenfalls in unserem Textabschnitt, und zwar in dem ersten Satz, der lautet: „Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“ Das sagt Paulus ja über sich selbst, es ist ein Bekenntnis. Und er bringt damit zum Ausdruck, dass er sich Gott unterworfen hat, er hat ihn geehrt und angebetet, sich vor ihm „gebeugt“. Er war gehorsam und ist seinen Willen gefolgt.
Und das müssen auch wir tun. Das klingt im ersten Moment zwar etwas unbequem, und wir vergessen das auch oft. Wir leben lieber so, als wären wir selber diejenigen, die alles bestimmen. Wir sind autonom, entscheiden selber, was gut für uns ist, und folgen unseren eigenen Wünschen und Plänen.
Das ist zwar nicht verkehrt, oft müssen wir das sogar, weil uns niemand etwas anderes sagt, aber diese Einstellung reicht nicht, damit das Leben gelingt. Denn unser eigener Wille führt uns manchmal auch in eine Sackgasse. Wir erreichen nicht alle unsere Ziele. Häufig irren wir uns und erleben, dass das, was wir gewollt haben, doch nicht gut für uns war. Es gibt viele Enttäuschungen und Niederlagen, Konflikte und Probleme. Auch Krankheiten kommen uns in die Quere, und dann wissen wir nicht weiter.
Es ist deshalb gut, wenn auch wir uns von vorne herein vor dem beugen, der der rechte Vater ist, d.h. nach Gottes Willen fragen und ihn anerkennen. Bei jeder Entscheidung, sollten wir seine Gegenwart suchen und uns von ihm führen lassen. Und dazu gehört es, dass wir unsere eigenen Wünsche immer wieder loslassen, sie nicht an oberste Stelle stellen, sondern uns zuerst Gott hingeben. Unser größter Wunsch sollte der sein, dass „Christus in unseren Herzen wohne“, dann werden wir ganz von alleine ruhig und stark. Wir bekommen Klarheit und wissen viel besser, was gut für uns ist.
Und dafür ist das Gebet wichtig. Wir können Gott bitten, in uns einzuziehen, so wie Paulus das getan hat. Dann tut er das auch, er erhört diese Bitte gerne. Wir bekommen Kraft von innen, werden erfüllt mit seinem Geist und gehen freudig durch das Leben. Wir werden außerdem viel leidensfähiger. Es macht dann nicht so viel, wenn nicht alles nach unseren Plänen verläuft. Denn wir wissen uns bei dem „rechten Vater“ geborgen.
So ist es auch Paulus ergangen. Er wurde nach seiner Gefangennahme nicht wieder frei gelassen, am Ende wurde er hingerichtet. Das war eine große Ungerechtigkeit, und er hätte darüber klagen können. Aber die Gefangenschaft und die äußere Ausweglosigkeit seiner Situation haben ihn nicht zermürbt. Er hat an seinem Glauben festgehalten und bis zum Schluss frei darüber geredet. Denn er war geborgen in der Liebe Gottes. Diese Liebe hat ihn sogar angesichts des Todes noch erfüllt und froh gemacht.
Und das ist das Größte, was einem Menschen geschenkt werden kann. Lassen Sie uns deshalb darum Gott immer wieder bitten, für uns selber und auch für die Menschen, die uns wichtig sind. Amen.

Erneuerung an Seele und Geist

Predigt über 1. Johannes 5, 1- 4: Die Kraft des Glaubens

3. Sonntag nach Ostern, Jubilate,17.4.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

1. Johannes 5, 1- 4

1 Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.
2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.
3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.
4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Liebe Gemeinde.
Seit einigen Wochen ist die Erde wieder mit einem grünen und bunten Teppich bedeckt: Es begann mit den Schneeglöckchen, Winterlingen, Märzbechern und Krokussen. Die sind jetzt bereits verblüht. Narzissen, Hyazinthen und Tulpen haben sie abgelöst. Außerdem verzaubern Schleier von Forsythien-, Mandel- und Magnolienblüten unsere Gärten und Straßen. Es ist Frühling geworden, das lässt sich nicht mehr übersehen, und das ist schön. Die Erde bricht auf, Büsche schlagen aus, Tiere wollen sich paaren. Überall sprießt neues Leben.
Es ist eine Zeit, in der auch wir aufblühen. Der Gesang der Vögel und die Helligkeit, alles weckt unsere Lebensgeister. Wir können darin auch die Macht des Schöpfers erkennen. In keiner Jahreszeit wird uns bewusster, dass Gott Leben schafft. Wir spüren seine Gegenwart.
Und das passt zu Ostern und zur österlichen Freudenzeit, denn da geht es um genau dasselbe: Neues Leben entsteht, das Alte wird überwunden, und wir sollen daran Anteil haben. Wir werden zu dem Glauben eingeladen, dass Gott der Schöpfer ist, der in seiner Allmacht sogar den Tod vernichtet hat. Im Vertrauen auf ihn können wir die Welt besiegen und neu geschaffen werden.
Das beschreibt auch die Epistel von heute, ein Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief, der zugleich unser Predigttext ist. Es heißt dort am Ende: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“
Dabei hat der Schreiber die Vorstellung, dass hinter dieser Welt eine gottwidrige Macht steht. Die ist böse und kommt überall dort zum Zug, wo die Liebe mit Füßen getreten wird. Deshalb ermahnt er in seinem Brief an vielen Stellen zur brüderlichen Liebe. Sie steht im direkten Zusammenhang mit der österlichen Freudenbotschaft. Und das war für die Gemeinde, an die er schrieb, auch wichtig, denn es gab dort Stimmen und Meinungen, die das Evangelium veränderten und verzerrten. Dagegen wehrt Johannes sich und er setzt als klares Zeichen für das Leben, das Gott in Jesus Christus gebracht hat, die Liebe. Mit ihr hat Gott die bösen Mächte in dieser Welt überwunden. Deshalb war es Johannes besonders wichtig, darauf hinzuweisen. Der Christusglaube besiegt die negativen Kräfte in der Welt, weil er von Liebe geprägt ist, und zwar von der Liebe zu Gott und den Brüdern. Wer diese Liebesgemeinschaft verlässt, fällt in die bereits überwundene Welt zurück, das ist seine Warnung.
Auch in unserem Textabschnitt kommen diese Gedanken vor. Da betont Johannes zuerst den Zusammenhang zwischen der Liebe zu Gott und Christus, sie weisen aufeinander hin: Wer Gott liebt, liebt auch Christus und umgekehrt. Das eine geht aus dem anderen hervor.
Und er sagt außerdem, dass daraus die Liebe zwischen den Brüdern entsteht. Sie ist das Gebot Gottes, das es zu halten gilt, das aber auch nicht schwer ist, weil Gott uns dazu die Möglichkeit geschenkt hat. Wenn wir ihm gehorchen, ist das der Sieg, mit dem wir die Welt überwinden, denn auch Christus hat mit der Liebe über die Welt triumphiert. Sie ist die Kraft, die Altes zerstört und Neues schafft. Wir empfangen sie, wenn wir an Jesus Christus glauben. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Das ist hier die Botschaft, und die ergeht auch an uns.
Die Frage ist allerdings, ob sie überhaupt interessant für uns ist. Ist das noch relevant? Wir sind ja immer so ein bisschen allergisch gegen Formulierungen, mit denen angedeutet wird, dass diese Welt besiegt werden muss. Denn das klingt nach einer Ablehnung der Welt, einer Verneinung irdischer Genüsse. Und das gefällt uns nicht, denn unsre Freude an der Welt und am Leben wollen wir uns nicht nehmen lassen. Es ist doch schön! Gerade jetzt im Frühling genießen wir das Erwachen und die Vielfalt der Natur. Und das muss doch nicht überwunden werden! Auch das Glück in unseren Familien und Freundschaften ist uns wichtig, Wünsche und Träume halten uns lebendig, Ideen bringen uns weiter. Sollen wir das alles verneinen? Diese Frage stellen viele sofort, wenn sie die Botschaft vom „Sieg über die Welt“ vernehmen.
Doch so ist sie auch nicht gemeint. Es geht hier nicht um eine lebensverneinende Enthaltsamkeit. Der Schreiber des Johannesbriefes sieht vielmehr, dass die Freude am Leben brüchig ist. Es gibt überall Gefahren, sowohl von innen als von außen. Unser Leben und alles in der Welt ist vom Verfall bedroht, von Lieblosigkeit und Verhärtung.
Wenn wir nicht aufpassen, geht z.B. die Lebendigkeit unserer Beziehungen verloren. In Ehen und Freundschaften besteht die Gefahr, dass wir uns festfahren. Oft verschwindet nach vielen Jahren des Zusammenseins die Faszination aneinander, die am Anfang da war. In unzähligen Ehen macht sich im Laufe der Jahre eine gewisse Langeweile breit. Mühsal und Freudlosigkeit können einkehren. Auch Konflikte bleiben nicht aus. Sie führen dann zum Streit und nicht selten zur Trennung. Wir erleben, was es heißt, wenn die Liebe verschwindet. Auch zwischen Eltern und Kindern kann das eintreten. Das Verhältnis kühlt sich ab, und die Freude aneinander stirbt.
Und dieser Gefahr sind ebenso unsre Ideen und Wünsche ausgesetzt, unser Denken und unsere Meinungen. Auch die können sich verhärten und langsam leblos werden. Wenn wir unachtsam sind, werden wir geistig unbeweglich, erstarren in althergebrachten Vorstellungen, handeln nach eingefahrenen Mustern und reagieren dadurch oft unangemessen. Wir schotten uns gegen andere Meinungen ab, isolieren uns und werden letzten Endes einsam.
Das Leben ist also mitnichten immer nur schön. Das Gute ist – wie gesagt – ständig von innen und außen bedroht. Trotzdem verfallen wir diesen Gefahren sehr leicht. Wir wehren uns nicht dagegen, lassen es zu. Die negativen Kräfte gewinnen an Macht, und wir widerstehen ihnen nicht. Warum ist das so? Das müssen wir uns fragen. Dann kommen wir am ehesten darauf, warum es doch eine gute Botschaft ist, dass unser Glaube der Sieg über die Welt ist.
Unser lieb- und lebloses Verhalten hat nämlich etwas damit zu tun, dass wir vor dem Neuen eventuell Angst haben und es auch anstrengend finden. Alte Denkmuster, vertraute Reaktionen und Anschauungen, all das schafft uns Sicherheit. Wir fühlen uns in unseren Gewohnheiten zu Hause, richten uns darin ein, weil das am bequemsten zu sein scheint.
Genauso ist es mit den Beziehungen. Wir meinen, wir kennen die Menschen, mit denen wir befreundet sind oder die zu unseren Familien gehören. Und so haben wir immer irgendwelche Bilder voneinander. Das scheint das Zusammenleben zu erleichtern. Wir haben Angst, uns selber zu verlieren, wenn wir daran etwas ändern.
Und genau da setzt das Evangelium ein. Uns wird verkündet, dass es noch eine ganz andere Kraft gib, die uns Sicherheit verschafft und uns leben lässt. Wir müssen nicht in unseren Gewohnheiten bleiben. Wir können Christus vertrauen, der immer wieder alles neu machen kann. Seine Liebe ist stark, in ihr kommen wir in Berührung mit der Kraft Gottes des Schöpfers, und es ist gut, wenn wir die empfangen. Das hebt uns heraus und lässt uns die Welt überwinden. Es ist wie eine neue Geburt, wie ein Sieg, der uns befreit und erlöst.
Wir müssen dabei nur drei Dinge beachten. Zunächst einmal ist es wie mit dem Frühling. Der folgt ja dem Winter, d.h. ihm geht ein Sterben vorweg. Und dieses Prinzip durchzieht die ganze Schöpfung. Saat und Ernte, Geburt und Tod, überall ereignet sich derselbe Rhythmus. Freude und Trauer lösen sich ab, wir werden krank und wieder gesund, atmen ein und aus. Und so ist es auch mit Geist und Seele. Ihre Erneuerung geschieht nicht ohne eine Krise, die vorweg geht. Das Leiden an uns selbst, an den anderen und an der Welt gehört dazu. Erst wenn wir nicht mehr weiterwissen, fangen wir an, umzudenken.
Das müssen wir einsehen und bejahen, und das ist nicht ganz einfach. Doch wenn wir es tun, ist das der erste Schritt zu einem neuen Leben. Wir lösen uns damit aus der Erstarrung, lassen los und öffnen uns für das neue, das kommen will. Und ohne dieses Loslassen geht es nicht. So wie Christus gestorben und auferstanden ist, müssen auch wir Krisen durchleben.
Das ist der erste Punkt.
Und als zweites ist es wichtig zu wissen, dass wir dazu Geduld brauchen. Die Erneuerung unserer Beziehungen oder unseres Denkens geschieht nicht in einem Augenblick. Wir müssen uns dafür Zeit nehmen und uns von Christus und seiner Liebe prägen lassen. Seine „Informationen“ müssen unsere Seele erreichen und uns innerlich „aktualisieren“.
Wenn Sie einen Computer haben, kennen Sie das, denn da geschieht etwas Ähnliches. In regelmäßigen Abständen empfängt er neue Updates. Das sind Zusätze zur Software, die dazu beitragen, Probleme zu vermeiden oder zu beheben. Die Leistung und die Sicherheit des Computers werden verbessert, so dass die Arbeit damit leichter wird. Meistens beginnt das Herunterladen dieser Updates, wenn man den Computer ausschaltet. Wenn man ihn wieder anschaltet, werden die neuen Informationen installiert. Das dauert oft lange. Man kann nicht sofort wieder damit arbeiten und braucht Geduld.
So ist es auch mit dem Glauben und der Erneuerung des Lebens. Wir müssen uns geduldig der Liebe Christi aussetzen, damit sie Geist und Seele auf den neuesten Stand bringen kann. Die Aktualisierung braucht Zeit und Ausdauer. Das ist das Zweite, was wir beachten müssen.
Und als drittes ist noch wichtig, dass dieser Prozess nie zu Ende ist. Ich habe gerade einen Artikel über das Freiburger Münster gelesen. Das ist seit ca. 800 Jahren eine Dauerbaustelle. Wenn es die Steinmetze der Münsterbauhütte nicht gäbe, wäre diese „schönste Kirche Deutschlands“ – wie sie in dem Artikel genannt wird – längst eine Ruine. „Rissige Giebel, moosige Pfeiler und verwitterte Türmchen werden abgeworfen, damit bald wieder neue Giebel wachsen, Pfeiler sprießen, Kreuzblumen blühen und Maßwerk sich rankt.“ So ist es dort formuliert. Das Münster kommt dem Journalisten wie „ein riesiger, verästelter Organismus“ vor, „der sich erneuert, von Jahr zu Jahr“. (Oliver Fischer, Die Steinflüsterer, in: MERIAN 07/66, 2015, S. 50). Und das wird weitergehen, solange es Menschen gibt. Es hört nie auf.
Ich fand den Bericht faszinierend, denn genauso ist es mit unserem Leben: Es ist nie fertig. Wir können nie sagen, nun habe ich das mit der Liebe und der Offenheit verstanden, meine Beziehung ist gerettet, ich weiß, wo es lang geht. Wir müssen in Bewegung bleiben, uns immer wieder hinterfragen, Krisen durchleben und Gottes Liebe empfangen.
Die drei Beispiele – vom Frühling, vom Computer und dem Freiburger Münster – zeigen, dass die ganze Welt ständig auf Erneuerung angewiesen ist. In der Natur, in der Technik und in der Kultur, überall herrscht derselbe Grundsatz von Werden und Vergehen. Wir müssen unser Leben deshalb so anlegen und es von vorne herein so verstehen: Altes muss immer wieder erneuert und überwunden werden.
Und was ist daran eigentlich schlimm? Wir sollten da nicht so empfindlich sein, denn es geht um etwas zutiefst Positives. Wir haben in all dem die Verheißung, dass wir das Heil empfangen. Die Liebe ist da, sie ist in Jesus Christus erschienen und durch ihre Kraft können wir die Welt besiegen.
Und das ist eine wunderbare Botschaft. Das Vertrauen auf diese Kraft macht uns lebendig und stark wie der Frühling, wir bleiben seelisch und geistig immer auf dem neuesten Stand, und unser Leben wird wie eine Kirche, die von Licht durchflutet ist.
Amen.

Jesus lebt, mit ihm auch ich!

Predigt über 1. Petrus 1, 3- 9: Lebendige Hoffnung

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti
3.4.2016, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Peterus 1, 3- 9

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe,
das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,
7 damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

Liebe Gemeinde.
In vielen Kirchen weltweit – wie auch in der Jakobikirche hier bei uns – werden in der Osternacht Menschen getauft, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben. Diese Tradition. stammt schon aus der frühen Christenheit. Da fanden außerdem in der Osterwoche täglich Gottesdienste statt. Die Neu-Getauften nahmen daran in ihren weißen Taufkleidern teil und wurden in ein tieferes Verständnis der Sakramente eingeführt. Am Sonntag nach Ostern – den wir heute feiern – legten sie die weißen Gewänder dann feierlich ab. Deshalb heißt dieser Sonntag von alters her auch „Weißer Sonntag“.
Und das ist sehr passend, denn in unserem Kulturkreis wird die Farbe Weiß gerne mit Freude in Zusammenhang gebracht. Sie steht außerdem für Unschuld und Reinheit, ebenso für Unsterblichkeit und Unendlichkeit. Und das alles entspricht der Bedeutung der Taufe durchaus, denn sie ist ein freudiges Ereignis und wie eine neue Geburt, nach der der Mensch noch unschuldig und rein ist. Auch das ewige Leben wird ihm in der Taufe geschenkt.
In unserer Epistel von heute kommt das alles zum Ausdruck. Sie ist ein Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der mit den Worten beginnt: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch.“
Das ist ein hymnischer Dank, in dem Gott für seine „große Barmherzigkeit“ gelobt wird. Durch Jesus Christus hat er eine neue Lebenswirklichkeit geschaffen. Der Eintritt dahinein ist wie eine neue Geburt, die eine lebendige Hoffnung begründet. Und das alles ist durch die Auferstehung Jesu Christi verbürgt.
Es war in neutestamentlicher Zeit üblich, Briefe mit so einem Dank zu beginnen. Der Schreiber, der sich Petrus nennt, wahrte also die Form. Doch das war nicht der einzige Grund für diesen Briefanfang. Seine Worte haben noch einen tieferen Sinn, der im weiteren Verlauf des Textes auch deutlich wird.
Klar ist, dass er an Christen der sogenannten zweiten Generation schrieb. Sie waren Jesus Christus nicht persönlich begegnet, sondern durch die Predigt der Apostel zum Glauben an ihn gekommen. Sie hatten „ihn lieb und glaubten an ihn, obwohl sie ihn nicht gesehen haben“, wie es in unserem Textabschnitt heißt. Sie hatten sich also für Christus entschieden, und das war am Anfang mit viel Freude verbunden.
Wir wissen aber, dass das Glücksgefühl dieser Menschen nicht lange dauerte, denn sie gerieten bald in Bedrängnis. Von vielen Außenstehenden wurden sie verdächtigt, geschmäht, angeklagt und sogar vor Gericht gestellt, und so waren sie „traurig in mancherlei Anfechtungen“.
Das hat der Schreiber des Petrusbriefes vor Augen, und er will den Christen Mut machen. Sie sollen sich von ihrem neuen Bekenntnis nicht abbringen lassen, auch wenn sie deswegen verfolgt werden. Dazu erinnert er sie an Gottes Heilshandeln in Jesus Christus. Es war gut, dass sie sich darauf eingelassen hatten, denn sie haben dadurch einen neuen Daseinsgrund. Das Wesensmerkmal ihrer Existenz ist nicht mehr die Angst vor dem Tod, sondern „das Ziel ihres Glaubens“, und das ist „der Seelen Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.“
Der Verfasser stellt ihnen also die Ewigkeit vor. Er lässt die himmlische Zukunft vor ihrem inneren Auge lebendig werden, und damit will er sie zum Durchhalten motivieren. Die Anfechtungen sind eine Prüfung, durch die ihr „Glaube als echt und viel kostbarer befunden wird als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird“. Das Leid ist kein Grund, vom Glauben wieder abzufallen. Es ist vielmehr eine Bewährungsprobe, mit der seine Echtheit festgestellt wird. Es dauert auch nur „eine kleine Zeit“ im Vergleich zur Ewigkeit, die auf sie wartet. Gott wird sie durch seine „Macht bewahren“ und „dann werden sie sich freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude“. Sie werden dabei sein, wenn „Jesus Christus offenbart wird“.
Der Briefschreiber will mit diesem Textabschnitt also Hoffnung und Freude wecken, auch wenn Verfolgung und Unterdrückung das Leben prägen. Er stellt in kunstvollem Stil die Gewissheit des Heils dar und spielt das Bedrückende der Situation herunter. Seine Botschaft lautet: Durch die Auferstehung Jesu Christi haben alle, die auf seinen Namen getauft sind, eine ewige Hoffnung. Das neue Dasein, das durch den Glauben geschenkt wird, hört im Tod nicht auf, es geht weiter. Die Freude des Heils ist zeitlos und weist über alles Irdische hinaus.
Das ist eine schöne Verheißung, die allen Gläubigen bis heute gilt, sie ist also auch an uns gerichtet. Wir werden mit Christus auferstehen, weil wir – wie alle Getauften – durch die Barmherzigkeit Gottes zu einem neuen Leben wiedergeboren wurden, und darüber können wir uns freuen. In vielen Osterliedern kommt das sehr schön zum Ausdruck. „Jesus lebt!“ Mit diesem Ruf beginnt z.B. jede Strophe eines Liedes von Christian Fürchtegott Gellert von 1757. (EG 115) Fortsetzungen sind dann „mit ihm auch ich!“, „Sein Heil ist mein.“ oder „Ich bin gewiss.“  Darin klingt sehr schön die Hochstimmung an, in die ihn der Glaube an die Auferstehung versetzt,
Die Frage ist allerdings, ob uns das genauso geht. Zweifel melden sich, wenn wir das hören oder lesen. Wir fragen uns: Stimmt das auch? Sind das nicht nur schöne Worte? Welche Wirkung haben sie denn angesichts des Todes? Und wie sollen wir das leben? Es geht doch gar nicht, dass wir in allen Situationen, selbst im Sterben noch unsere Hoffnung behalten, dafür ist es zu schlimm und zu bedrückend. Vieles, was wir an Not und Leid erfahren, lässt sich durch den Glauben nicht herunterspielen. Es behält seine Macht und stellt solche Verheißungen, wie wir sie hier hören, in den Schatten.
Mit diesem Problem müssen wir uns beschäftigen, und dafür ist es gut, wenn wir zunächst einmal bei unserem eigenen Denken und Fühlen anfangen und uns fragen: Von woher definieren wir uns eigentlich. Was ist unser Selbstverständnis? Was macht unsere Identität aus? Normaler Weise ist das alles Mögliche: Unsere Gaben und Fähigkeiten sind z.B. wichtig. Auch der Besitz spielt eine Rolle, ebenso Beziehungen, Familie und Freunde. Wir sind in großen Teilen unseres Lebens damit beschäftigt, etwas zu lernen und zu leisten, Geld zu verdienen, Erfolg und Anerkennung zu bekommen, zu lieben und geliebt zu werden. Das macht unser Leben aus, darüber definieren wir uns.
Dabei merken wir oft nicht, dass wir genau dadurch immer wieder in Leid geraten. Denn all das, was wir erreichen und aufbauen, kann aufhören, es ist vergänglich und brüchig. Unsere Leistungsfähigkeit lässt im Laufe des Lebens nach. Wir werden oft enttäuscht, verlassen, betrogen oder hintergangen. Andere Menschen tun uns Leid an, und so sind wir über weite Strecken des Lebens gar nicht freudig oder glücklich, sondern traurig, ärgerlich oder wütend. Auch Angst und Sorge sind ständige Begleiter. Und am Ende macht uns das Sterben zu schaffen. So lange es geht, verdrängen wir es, aber es kommt, und es ist unausweichlich. Da liegen wir dann und müssen erleben, wie unsere Kräfte schwinden und der Körper zerfällt. Und das ist eine große Not, auf die es keine Antwort gibt.
Auch für viele andere Probleme gibt es oft keine rechte Lösung. Natürlich suchen wir immer wieder danach. Die Psychologie und die Medizin unterstützen uns dabei, auch die Politik oder die Wirschaft. Aber viel Leid bleibt trotzdem bestehen, es gibt daraus kein Entrinnen.
Unser Elend hat also etwas damit zu tun, dass wir uns oft nur vom Diesseits her definieren, dass unsere Lebensinhalte weltlich und irdisch sind und damit ein Verfallsdatum haben. Ihre minderwertige Qualität ist die Ursache für unsere Trauer und unsere Angst, für Wut und Sorge.
Es ist deshalb gut, dass es noch eine ganz andere Ebene des Daseins gibt, und das ist die Ebene des Glaubens. In unserem Briefabschnitt werden wir auf unsere Beziehung zu Gott verwiesen. Uns wird eine religiöse Lösung angeboten. Durch die Barmherzigkeit Gottes gibt es einen neuen Daseinsgrund, den wir durch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi gewinnen können. Er hat ewigen Bestand, denn er ist nicht von dieser Welt. Nichts Irdisches haftet an ihm. Der Vergänglichkeit ist er nicht unterworfen.
Wenn wir uns damit identifizieren, drehen sich die Verhältnisse um: Nicht mehr die irdischen Nöte stellen die Verheißung in den Schatten, sondern diese großartige Perspektive relativiert alles andere. Unsere Zweifel verschwinden, und alle Fragen verstummen
Und das Wunderbare ist: Wir müssen gar nicht viel tun, um an diesem neuen Daseinsgrund teilzuhaben. Durch die Taufe sind wir bereits mit ihm verbunden. Unser Leben besteht dadurch aus noch viel mehr als aus unseren Gaben und Erfolgen. Auch unsere Beziehungen oder unser Besitz müssen uns letzten Endes nicht bestimmen, denn wir wurden von Gott her neu geboren. Durch die Taufe wurden wir in eine neue Wirklichkeit aufgenommen, und es gilt, dass wir uns von daher definieren. Wir sind eingeladen, uns die himmlische Zukunft vor unserem inneren Auge vorzustellen und uns davon prägen zu lassen. Das Leid und selbst das Sterben verlieren dann ihre Macht.
In unserem Briefabschnitt wird das Leid als „Prüfung für die Echtheit des Glaubens“ bezeichnet. Und das heißt, es ist keine absolute Gegebenheit, sondern es ist einem Zweck untergeordnet. Und zwar kann es uns auf das Heil hinweisen, das bei unserer Taufe in unser Inneres eingesenkt wurde. Es lässt mich fragen: Lebe ich wirklich aus dem Glauben oder lebe ich aus den äußeren Verhältnissen? Und die Antwort sollte sein: Mein Leben ist in Jesus Christus begründet, in seiner Auferstehung und in der Ewigkeit. Das Leid kann uns immer wieder dahinführen, uns von Gott her zu definieren, und nicht vom Gelingen des irdischen Lebens.
Wer das beizeiten beherzigt und sich darin übt, hat auch im Sterben noch eine Hoffnung. Die Verheißung des Evangeliums ist nicht bloß ein Wort, sie erweist sich vielmehr gerade dann als echt und tragfähig. Sie schafft Zuversicht und Trost. Eine gute Praxis ist dafür das regelmäßige Wiederholen des christlichen Bekenntnisses. Es ist gut, wenn auch wir immer wieder Gott loben und ihm für „seine große Barmherzigkeit“ danken. Dann wird die Hoffnung lebendig, und die „Auferstehung Jesu Christi“ bleibt aktuell.
Möglicherweise ist das nicht jedem Christen oder jeder Christin in ihrer Sterbestunde gegenwärtig, denn am Ende versagt oft auch der Geist. Aber dann können andere für sie einspringen. Wenn wir Sterbende begleiten, können wir für sie an das „unvergängliche und unbefleckte und unverwelkliche Erbe“ glauben, es ihnen wünschen und an der Überzeugung festhalten, dass es „im Himmel für sie aufbewahrt wird.“ Denn wir können uns darauf verlassen, dass es ihnen bereits bei ihrer Taufe versprochen wurde.
Es ist eine alte und sehr sinnvolle Tradition, dass der Taufsegen die Zusage des ewigen Lebens enthält. Die klassische Formulierung lautet: „Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der dich von neuem geboren hat durch das Wasser und den heiligen Geist und dir alle deine Sünde vergibt, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben.“ Auch Säuglingen wird dieser Segen gegeben, d.h. sie werden bereits bei der Taufe in die Wirklichkeit hineingenommen, die auch nach dem Tod noch da ist. Durch ihre Taufe legen wir den neuen, ewigen Daseinsgrund, und der trägt bis zum Ende. Deshalb gilt auch das Umgekehrte: Bei der Grablegung erinnern wir an die Taufe mit folgenden Worten: „Gott vollende an dir, was er dir in der Taufe geschenkt hat und gebe dir Anteil an seiner Herrlichkeit“.
Nicht umsonst ist auch das Totenhemd in der Regel weiß. Es bekleidet den Leichnam nach Eintritt des Todes bis zu seiner Bestattung. Und wenn die Angehörigen es nicht anders wünschen, wird damit bewusst eine symbolische Verbindung zum Taufkleid hergestellt. So kommt zum Ausdruck, dass das ganze Leben von der Taufe bis zum Tod wie ein großer Bogen ist, der sich unter der Barmherzigkeit Gottes auspannt. Alle Christen können mit Freude in die Osterlieder einstimmen und überschwänglich mitsingen:
„Jesus lebt! Nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben. Welchen Trost in Todesnot wird er meiner Seele geben, wenn sie gläubig zu ihm spricht: ,Herr, Herr, meine Zuversicht!‘“
Amen.

Der Predigt liegt eine Meditation von Anselm Grün zu Grunde
in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttext-Reihe II,1, Advent bis Kantate, Göttingen, 1982, S. 153ff