Fürchtet euch nicht

Predigt über Mt. 14, 22- 33: Jesus und der sinkende Petrus auf dem See

31.7.2016, Sommerpredigt II: Petrus
9.30 und 11Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Unter der Überschrift „Wird es uns zu bunt in der Kirche?“ stehen in diesem Sommer fünf Gottesdienste bei uns in der Luther- und Jakobikirche. Halten wir die Vielfalt in unseren Gemeinden aus? Beim Blick in das Neue Testament sehen wir, dass Jesus dazu durchaus in der Lage war. Er kam mit ganz verschiedenen Menschen zusammen und hat sich ihnen allen zugewandt. Von einigen kennen wir die Namen, und sie ergriffen eine Initiative, um etwas mit Jesus zu erleben.
So auch der Jünger Petrus, um den es heute ging.

Matthäus 14, 22- 33

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe.
23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.
24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.
26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.
27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!
28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.
30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!
31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich.
33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Liebe Gemeinde.
„100%ge Sicherheit gibt es nicht“, diesen Satz hören wir zurzeit relativ häufig. Politiker, Reporter, Journalisten, Psychologen usw. sagen das auf dem Hintergrund der jüngsten Terroranschläge in Deutschland und in Frankreich. Denn danach fragen die Menschen, nach Sicherheit. Es könnte jeden treffen, ob im Zug, in einer Kirche oder bei einem Fest, wie wir leider erfahren mussten, ob in der Provinz oder einer Großstadt. Der Mensch, der neben einem steht, kann Gutes oder Böses im Sinn haben, das lässt sich nicht vorhersagen. Deshalb wird von den Verantwortlichen gleichzeitig beteuert, dass alles dafür getan wird, damit die Bürger geschützt sind. So sollen viele Maßnahmen verschärft werden, wie Kontrollen und Polizeiaufgebote bei Großveranstaltungen z.B. Aber die Angst ist trotzdem da, dass etwas passiert und man getroffen wird. Man muss nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein.
Auf dem Weltjugendtag der Katholiken, der gerade in Krakau stattfindet, lassen sich die Menschen allerdings bewusst nicht aus der Ruhe bringen. Sie sagen: „Wir sind hier, um unseren Glauben zu feiern, und Gott wird uns beschützen. Uns kann nichts passieren.“ Das sind starke Aussagen, die beeindrucken.
Sie decken sich auch mit dem, was in der Bibel steht. Dort wird Gott tatsächlich überall als derjenige gepriesen und bekannt, der helfen und bewahren, retten und befreien kann. Der Mensch wird zum Glauben daran eingeladen, zum Vertrauen und zur Gelassenheit, die daraus folgt. Die Geschichte vom „sinkenden Petrus“ ist dafür ein wunderbares Beispiel.
Lassen Sie uns also bedenken, was darin geschieht. Es hat ja ein bisschen was Phantastisches und auch Unheimliches. Das fängt schon damit an, dass das Ereignis nachts auf einem vom Wind bewegten Wasser spielt: Die Jünger saßen in einem Boot, um über den See Genezareth zu fahren. Sie hatten gerade einen sehr schönen Tag hinter sich. Unmittelbar vorher wird nämlich die Geschichte von der Speisung der 5000 erzählt. Die Jünger hatten also mit Jesus Fülle und Freude erlebt. Jetzt war das mit einem Mal ganz anders. Sie saßen ohne ihn im Boot, weil er sie einmal los sein wollte. Sie sollten vorfahren, während er „allein auf einen Berg stieg, um zu beten“, wie es heißt. Und als das Boot schon weit vom Ufer entfernt war, kam es plötzlich „in Not durch die Wellen, denn der Wind war ihnen entgegen“. Es wurde also ungemütlich und auch wirklich gefährlich. Der See Genezareth ist bekannt für plötzlich aufkommende Fallwinde. Die Jünger mussten dementsprechend ziemlich kämpfen, um über Wasser zu bleiben, und sie hatten Angst.
Aber dann kam noch etwas viel Unheimlicheres dazu. Am frühen Morgen, irgendwann zwischen drei und sechs Uhr, sahen sie nämlich, wie eine Gestalt sich ihnen auf dem Wasser näherte. Und das versetzte sie erst recht in Panik. „Sie schrien vor Furcht“, weil sie dachten, es wäre ein Gespenst. Aber es war Jesus, das wird fast wie etwas Selbstverständliches erwähnt. Er kam zu ihnen auf dem Wasser, um ihnen zu helfen. Er gab sich auch sofort zu erkennen, als er ihre Furcht sah, und zwar indem er ihnen gut zuredete. „Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht“, sagte er. Sie sollten keine Angst mehr haben. Und wahrscheinlich verflog die auch sofort. Bei Petrus schlug sie sogar genau ins Gegenteil um, er wurde nicht nur mutig, sondern sogar übermütig. Aus lauter Freude über das Erscheinen Jesu, wollte er auch auf dem Wasser gehen und bat Jesus sozusagen um Erlaubnis. Und der sagte nicht, „bleib mal schön im Boot“, sondern er ließ ihn wirklich zu sich kommen.
Allen Wellen und aller Vernunft zum Trotz steigt Petrus also aus dem Boot und geht auf dem Wasser und kommt auf Jesus zu. Eine Zeitlang merkt er gar nicht, dass er da etwas Widernatürliches tut, aber plötzlich wird es ihm bewusst. Er schaut nicht mehr auf Jesus, sondern auf den Wind und die Wellen und beginnt im selben Moment zu sinken. Es sieht also so aus, als ob seine Angst berechtigt gewesen wäre. Aber zum Glück war Jesus da schon ganz in seiner Nähe. Er „streckte sogleich seine Hand aus und ergriff ihn“ und zog ihn aus dem Wasser, heißt es. Und dann sagt er keineswegs, „warum warst du auch so dumm und wolltest zu mir kommen?“, sondern er schilt ihn wegen seines kleinen Glaubens. Der Schritt aus dem Boot heraus war völlig in Ordnung gewesen, der Fehler war vielmehr der plötzliche Zweifel und Kleinglaube.
Und das ist das Thema der Geschichte. Sie will zum Glauben und Vertrauen aufrufen und zum Gebet in der Not. Jesus ist stärker als die Naturgewalten, das sollten die Jünger erkennen und erfahren. Zum Schluss bekennen sie das ja auch. Aber dazu gehörte dieses Erlebnis, bei dem Jesus seine Macht offenbart hat. Er zeigte sich ihnen als der Herr Welt, dem kein Sturm und kein Wind etwas anhaben kann. Selbst die Erdanziehungskraft spielt für ihn keine Rolle. Und in der Episode mit Petrus geht es um den Glauben daran. Den muss man manchmal wagen. Er ist auch nicht immer vernünftig. Aber er ist wie ein Schutz vor der Bedrohung und der Finsternis. Wer sich darin übt, wird von dem gehalten und gerettet, an den er glaubt.
Die Geschichte enthält also trotz ihres phantastischen Charakters viele Einzelheiten, über die es sich lohnt, nachzudenken. Dabei ist der Kern der Erzählung dieser Moment, in dem Petrus versinkt. So etwas kennen wir im übertragenen Sinne sicher alle. Wir wissen, wie es ist, Angst zu haben. Dabei gibt es nicht nur die Angst vor dem Terror und vor anderen Menschen, sondern auch allgemeine Zukunftsangst, Höhenangst, Angst vor der Dunkelheit, vorm Autofahren, vor einer Krankheit, vor dem Tod usw. Es ist kein schönes Gefühl, wir wollen es so schnell wie möglich wieder los werden. Insofern versprechen uns die Politiker genau das, was wir wollen, wenn sie sagen, sie werden die Bevölkerung schützen.
Aber reicht das auch? Werden wir unsere Angst los, wenn die Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden? Das allein reicht erfahrungsgemäß doch nicht aus. Erstens gibt es wie gesagt keine 100%ge Sicherheit, und zweitens ist Angst nicht nur etwas, das von außen ausgelöst wird, sie sitzt auch in uns, dort entsteht sie ja, und dort muss sie ebenfalls bekämpft werden, wenn wir sie wirklich los werden wollen. Viele Menschen haben das erkannt und weigern sich bewusst, sich jetzt mehr zu fürchten, als vorher. Sie leben weiter wie bisher und lassen sich nicht einschüchtern. Und das ist auch gut so, das beweisen schon die Statistiken. In den Nachrichten wurde kürzlich ein Angstforscher interviewt, der sagte, dass es hier in Deutschland viel wahrscheinlicher ist, z.B. vom Blitz getroffen zu werden oder einen Schlaganfall zu bekommen, als einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen.
Wenn wir die Vernunft walten ließen, wäre uns also schon geholfen. Doch leider hat sie oft keine durchschlagende Kraft. Auf Grund der Nachrichten in den letzen Wochen spielt sich in vielen Köpfen etwas anderes ab. Wir konzentrieren uns auf die Sache, vor der wir Angst haben, und sind darauf fixiert. Auch bei anderen Gefahren tun wir das, und ganz verkehrt ist das natürlich nicht. Die Angst schützt uns und lässt uns oft das Richtige tun, im Straßenverkehr, in der Dunkelheit oder bei einer Krankheit z.B. Angst ist häufig ein guter Ratgeber und sichert das Überleben.
Doch diese Wirkung der Angst hat Grenzen, sie ist nicht unumschränkt hilfreich. Es gibt viele Situationen, die werden durch unsere Angst schlimmer, und zwar immer dann, wenn wir uns ihr zu sehr überlassen und darin versinken. Das gibt es ja, dass wir davon nicht loskommen, ganz gleich, was geschieht. Wir geraten dann immer tiefer in dieses Gefühl hinein, dass nichts mehr geht. Es schnürt uns die Kehle zu, es macht uns schwächer und schwächer, wir werden hilflos und verzweifeln.
Und auf solche Erfahrungen können wir unsere Geschichte anwenden, dahinein will sie uns etwas Hilfreiches und Befreiendes sagen, und zwar indem sie uns fragt, in welcher Realität wir leben wollen. Was soll uns bestimmen? Es liegt an uns, was wir beachten. Wir haben das in der Hand. Wir können uns entscheiden.
Dabei werden wir eingeladen, unsere Blickrichtung einmal zu ändern. Wir sollen aufhören, in das Unheil zu starren. Das tun wir wie gesagt gerne. Dann denken wir an gar nichts anderes mehr als an das Böse, wir kreisen ständig um dieses eine Problem und lassen es mächtig werden. Und dazu sagt diese Geschichte: Lass das! Schau nicht ständig auf das, was dich ängstigt. Die Wirklichkeit besteht aus noch viel mehr, als aus dem, was du jetzt gerade hörst oder siehst. Ändere deine Einstellung!
Und dazu gehört in der gegenwärtigen Situation dreierlei. Es kann ganz profan beginnen, und zwar damit, dass wir kritisch hinterfragen, was die Medien mit uns machen. Es ist ja immer nur eine Auswahl an Nachrichten, die uns präsentiert wird. Sie decken lange nicht die ganze Wirklichkeit ab. Warum wird nicht einmal erzählt, wie viele Kinder jeden Morgen sicher zur Schule kommen, wie viel Autos in keinen Unfall verwickelt werden, wieviel gesunde Menschen es in unserem Land gibt? Das scheint uns wahrscheinlich zu banal, es ist keiner Nachricht wert, doch wir sollten das ruhig mit bedenken, wenn wir die Sicherheitslage in unserem Land betrachten. All das Gute gehört genauso zur Realität, wie das Schreckliche. Das zu beachten, wäre der erste Schritt.
Aber natürlich geht unsere Geschichte darüber noch hinaus. Sie erzählt gleichzeitig von einer Wirklichkeit, die größer ist als die Natur, von der Macht Jesu, dem Sturm und Wellen nichts anhaben, und der der Erdanziehungskraft trotzt. An seine Macht sollen wir glauben, sie soll uns prägen und bestimmen, von daher sollen wir leben, dann werden wir fest und frei. Denn wenn wir uns seiner Macht anvertrauen, gewinnt er die Oberhand. Dann merken wir, wie seine Gegenwart uns umgibt und beschützt. Die Ängste fallen von uns ab, sie umklammern uns nicht mehr, und wir fühlen uns stattdessen gehalten und geborgen. Es ist wirklich so, als würden wir auf dem Wasser gehen. Eine unsichtbare Kraft erfüllt uns, die stärker ist, als der Sog nach unten. Das ist das Zweite.
Und als drittes müssen wir einsehen, dass unser ganzes Leben im Grunde genommen wie ein Gang über das Wasser ist. Es ist unvernünftig und gefährlich, denn wir sind ständig bedroht. Sturm und Wellen umgeben uns, und eines Tages wird jeder und jede von uns untergehen. Dem Tod kann niemand entkommen. Das ist der dritte Gedanke, den wir zulassen sollten. Es hilft sowieso nicht, sich wie besessen an das Leben zu klammern, und nur Schönes und Friedliches erleben zu wollen. Das Leid, der Sturm und die Wellen gehören zum Leben dazu, die Vergänglichkeit und das Sterben ebenso. Wir verdrängen es am liebsten, aber das ist nicht nötig und auch nicht ratsam. Viel besser ist es, sich in all den Stürmen und Gefahren von Jesus an die Hand nehmen zu lassen. Dann können wir selbst angesichts des Todes noch zuversichtlich bleiben. Denn das Eigentliche, das uns erfüllt und wofür wir leben, wird nicht sterben: Es sind seine Gegenwart und seine Liebe, die Hand, die er uns reicht, und seine Hilfe. Sie werden ewig da sein und uns am Ende hinüber führen in sein Reich.
Wenn wir das glauben, tragen wir den endgültigen Sieg davon. Wir sind 100%ig sicher, denn nichts kann uns mehr schaden. Es ist also gut, wenn wir wie Petrus immer wieder rufen: „Herr, hilf mir!“ und uns nach Jesus ausstrecken. Dann nimmt er uns an die Hand und zieht uns zu sich. Seine Kraft wird in uns langsam stärker. Sie nimmt im Laufe der Zeit zu, sodass wir am Ende in Ewigkeit geborgen sind.
Amen.

Lebt als Kinder des Lichts

Predigt über Epheser 5, 8b- 14: Das Leben im Licht

8. Sonntag nach Trinitatis, 17.7.2016, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Epheser 5, 8b- 14

8b Lebt als Kinder des Lichts;
9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,
11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.
13 Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird;
14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

Liebe Gemeinde.
Wie wachen Sie auf? Viele Menschen haben ja eine sogenannte innere Uhr, nach der sie immer um die gleiche Zeit wach werden. Andere brauchen die Helligkeit, um den Schlaf zu beenden. Und wenn das alles nicht hilft, benutzt man eben einen Wecker. Das ist zwar brutal, aber für viele die sicherste Methode.
Dabei ist das Aufwachen nicht unbedingt mit dem Morgen und dem beginnenden Tag verbunden. Viele Menschen müssen oder wollen nachts arbeiten, sie schlafen dann tagsüber und stehen abends auf.
Das müssen wir freilich alle irgendwann. Aufgaben und Pflichten rufen uns, Freuden und Vergnügungen. Normalerweise tun wir es auch gern. Im Bett bleiben wir höchstens am Wochenende, an freien Tagen oder im Urlaub, wenn wir müde sind und uns einmal richtig erholen wollen. Auch eine Krankheit kann der Grund sein, liegen zu bleiben, fehlende Lebenslust oder Trägheit. Zu einem gesunden Lebenswandel gehört aber das Aufstehen.
Und es ist ein schönes Bild für das, was im Glauben geschieht und die christliche Daseinsweise prägt. Paulus gebraucht es in dem Abschnitt, der heute unsere Epistel ist. Sie endet mit dem Satz: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Das ist wahrscheinlich ein Stück aus einem alten Tauflied, das Paulus hier zitiert. Die Taufe bedeutete Erweckung und Erleuchtung. Für Paulus gehören das Licht und das Aufwachen also zusammen: Christus ist das Licht, aber um dieses erblicken zu können, muss man wach werden und hoch kommen.
Mit diesem Bild sagt Paulus, dass das Leben vor der Begegnung mit Christus wie ein Schlaf ist, eine Trunkenheit oder ein Totsein. Er beschreibt damit den nicht-erweckten oder „alten“ Menschen, der verloren ist und der Rettung bedarf. Die erfährt er im Augenblick des Erwachens. Er begreift auch erst dann, dass er bisher im Schlaf versunken war, und erkennt seine Sünde. Denn jetzt steht er in einem hellen Licht, durch das alles offenbar wird, was vorher verborgen war.
Paulus deshalb spricht von dem „Licht, das die unfruchtbaren Werke der Finsternis aufdeckt“. „Alles, was heimlich getan wird, wird offenbar“, wenn dieses Licht dahinein scheint. Paulus meint damit böse Gedanken und schlechte Taten. Am liebsten will er noch nicht einmal darüber reden, denn das ist bereits „schändlich“. Christen sollen an ihnen keinen Anteil haben, sondern von vorne herein als „Kinder des Lichts“ leben. Und das schließt alles böse Treiben aus.
Paulus sagt das am Ende des Epheserbriefes und er fordert uns mit diesem Bild zu einer ordentlichen Lebensführung auf. Solche und ähnliche Ermahnungen stehen immer am Ende seiner Briefe. Nach den theologischen Erörterungen folgen Anweisungen für das Handeln. Hier gebraucht er dafür die Vorstellung von dem Licht, das unser Leben durchfluten und prägen soll. Es ist ein Symbol für Christus und das neue Leben, das uns möglich wird, wenn wir an ihn glauben. Wir werden „Kinder des Lichts“.
Das klingt zunächst sehr allgemein, aber Paulus zählt auch noch auf, was das konkret beinhaltet. Er benennt die „Frucht des Lichtes“: Sie ist „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“, und das sind ja sehr konkrete Tugenden. Als erstes ist die „Güte“ erwähnt. Das Wort „gut“ kommt darin vor, d.h. hier ist das Gegenteil von böse und schlecht gemeint. Unser Handeln ist so, dass es uns und den anderen „gut tut“. Die zweite Tugend, die Paulus erwähnt, ist die „Gerechtigkeit“: Sie dient dem Frieden unter den Menschen und fördert das gegenseitige Verstehen und Achten. Und als drittes erwähnt Paulus die „Wahrheit“. Das ist keine Tugend in dem Sinn, sondern etwas, was wir finden und erkennen müssen. Dann wird unser Leben hell und klar. Paulus nennt also lauter positive Vorgänge, die einsetzen, wenn wir „Kinder des Lichts“ sind.
Aber motiviert er uns damit auch? Wollen wir das hören und uns zu Herzen nehmen? Es gibt dagegen mehrere Einwände. Zum einen klingt es nach reichlich viel Moral, nach religiöser Leistung und Selbsterlösung. Wir kennen das Stichwort von der Erleuchtung aus der Esoterik, d.h. von verschiedenen religiösen Aktivitäten und Methoden her. Gemeinsam ist ihnen immer das Ziel, innerlich weiter zu kommen, das Ich zu entfalten und zu höheren Sphären vorzudringen. Die Erleuchtung wäre dabei der Höhepunkt. Als lutherische Christen stehen wir solchen Vorgängen skeptisch gegenüber, denn wir haben gelernt, dass kein Mensch sich selber erlösen kann. Was sollen diese Ausführungen also bei Paulus? Das ist die eine Frage.
Ein weiterer Einwand ist der, dass es übertrieben wirkt, das Gegenteil gleich als ein Totsein zu bezeichnen. Das klingt viel zu bedrohlich und düster. So schlimm ist es doch gar nicht, wenn wir bildlich gesprochen einmal nicht aufstehen, sondern uns gehen lassen und das Licht nicht beachten.
Auf jeden Fall reagieren wir empfindlich auf solche Ermahnungen. Wir fühlen uns unter Druck gesetzt und gegängelt.
Doch so ist das, was Paulus hier sagt, auch gar nicht gemeint. Er will uns keine Moralvorschriften machen, es geht ihm vielmehr um eine neue Daseinsform. Alles beginnt damit, dass es das Licht gibt. Christus ist da, er ist auferstanden. Das ist für Paulus die frohe Botschaft, die allem zu Grunde liegt, und der unbedingte Ausgangspunkt für alles Folgende. Wer das glaubt, ist ein Kind des Lichtes. Sein Leben ist neu, es ist hell und positiv. Paulus ermahnt seine Leser und Leserinnen also nur dazu, das auch zu sein, was sie bereits sind. Wer etwas geschenkt bekommen hat, ist damit nicht jeglicher Verantwortung entbunden. Er oder sie ist vielmehr aufgefordert, diesem Geschenk gemäß zu leben, es wirken zu lassen und zur Entfaltung zu bringen.
Und darauf müssen wir tatsächlich achten, das geschieht nicht einfach so von allein. Es bedarf immer wieder einer bewussten Entscheidung. Lassen Sie uns also fragen, wie das am besten geht, und dafür sind das Symbol des Lichtes und das Bild des Aufwachens und Aufstehens sehr gut geeignet.
In der Natur hat das Licht eine wichtige Bedeutung. Ein großer Teil des Lebens auf der Erde ist davon abhängig. Ohne Sonnenstrahlen sähe es auf diesem Planeten ganz anders aus. Viele Lebewesen brauchen das Licht, so auch die Menschen, und die meisten lieben es sogar.
Nicht umsonst wird in unzähligen Liedern, Gedichten und Geschichten der Morgen und der Sonnenaufgang gelobt. Das Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ oder das Lied „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“ sind nur zwei Beispiele. Seit jeher faszinieren das Licht und der Morgen die Menschen. Ein weiteres Zeichen sind dafür die Mittsommerfeiern in den nordischen Ländern, wenn die Sonne im Laufe des Jahres ihren Höhepunkt erreicht hat und die Tage am längsten sind. Die Menschen fühlen sich befreit nach den vielen Monaten der Dunkelheit. Nicht umsonst fahren gerade jetzt viele Touristen dorthin, in der Zeit der sogenannten „weißen Nächte“.
Auch der Gesang der Vögel, wenn der Tag anbricht, ist wunderschön, ebenso die Färbung des Himmels, die Stille, die Frische usw. Die Liste mit dem, was am Morgen bezaubert und lockt, könnte man noch lange fortsetzen.
Gläubige Menschen erleben am Morgen und beim Aufgang der Sonne nun zudem die Größe Gottes. So beginnt ein altchristlicher Hymnus mit den Worten: „Du Licht des Himmels, großer Gott, der ausgespannt das Sternenzelt und der es hält mit starker Hand, du sendest Licht in unsre Welt.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Evangelische Michaelsbruderschaft,  Münsterschwarzach/Göttingen, 1998, S. 418)  Gott wird als derjenige besungen, der das Licht geschaffen hat und es jeden Tag von neuem zu uns schickt. So ist der Morgen nicht nur der Zeitpunkt des Aufstehens, sondern gleichzeitig des Gebetes und Lobpreises. In Klöstern und christlichen Gemeinschaften gibt es dafür die Morgenandacht. Sie beginnt mit den Worten: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen  in dem Kampf, der uns bestimmt ist und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (a.a.O., S. 290)
Und bei dem Morgenlob bleibt es dann auch nicht, es gibt noch weitere Tagzeitengebete. Sie dienen dazu, den Verlauf des Tages mit seinen Veränderungen und seinen Geschehnissen mit dem Glauben in Beziehung zu setzen, ihn mit Gebet zu durchziehen. Und das ist eine sehr gute Möglichkeit, den Ermahnungen des Paulus nachzukommen. Wir können das Licht Christi tanken, es in uns hineinlassen, indem wir uns morgens danach ausstrecken, es mittags wirken lassen und uns abends dafür bedanken. Auch Luther hat das mit seinem Morgen- und Abendsegen empfohlen und schöne Gebete dafür formuliert.
Wenn wir das tun, ist der Tag anders, heller und kraftvoller, von viel mehr „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“ durchzogen, denn all das wird uns geschenkt. Es sind keine moralischen Leistungen, sondern „Früchte des Lichts“, wie Paulus sagt.
Und wir sollten ehrlich sein: Ohne eine bewusste Ausrichtung auf Gott und seine schöpferische Kraft ist vieles in unserem Leben tatsächlich wie ein Schlaf oder ein Totsein. Wir müssen uns das nur klar machen. Und dafür ist es gut, wenn wir den Einwand einmal unter die Lupe nehmen, das sei hier alles nur Moral und die Alternative ist viel zu düster gemalt. Er entspringt ja einem bestimmten Denken, das u.a. beinhaltet, dass die Welt doch gar nicht so schlecht ist. Wir können sie ruhig genießen, müssen nicht dauernd aufpassen und dürfen uns auch mal gehen lassen. Warum sollen wir immer an Gott denken? Es gibt doch so viele schöne Aufgaben oder Hobbys, die uns erfüllen, Menschen, die uns Halt geben, Pläne, die uns ein Ziel setzen, Ideen, mit denen wir uns identifizieren.
Das sind die Argumente, und die sind natürlich nicht verkehrt. Das stimmt alles, aber trotzdem wird dadurch eine Frage nicht beantwortet, und das ist die des Leids, der Vergänglichkeit und des Todes. Natürlich kann uns die Welt mit allem, was sie bietet, erfüllen und halten, aber irgendwann vergeht es. Daraus gibt es kein Entrinnen. Auch schon vor dem wirklichen Tod ist das, was wir in der Welt finden, bedroht und brüchig. Wir verwirklichen nie alles, was wir uns wünschen, Aufgaben können uns überfordern, Menschen können uns enttäuschen, und Ideen erweisen sich als Trug. So gibt es vieles, was unser Leben überschattet. Probleme und Schwierigkeiten, Angst und Trauer lauern überall. Denn die Welt liegt letzten Endes im Finsteren, sie kann uns nicht erlösen. Das müssen wir erkennen und zugeben, dann verstehen wir, warum es sich lohnt, den Tag mit Gott zu beginnen und ihn auch im weiteren Verlauf immer wieder anzurufen. Nur er kann die Schatten des Todes vertreiben und uns eine Kraft und Freude schenken, die nicht vergeht.
Und um das zu erleben, ist der Morgen ein guter Zeitpunkt, und das Aufwachen und Aufstehen tatsächlich ein sehr schönes Sinnbild. In dem Hymnus, den ich schon zitiert habe, kommt das zum Ausdruck. Es heißt dort weiter: „Das Reich der Schatten weicht zurück, das Tageslicht nimmt seinen Lauf, und strahlend, gleich dem Morgenstern, weckt Christus uns vom Schlafe auf.“ Nicht nur die Sonne geht am Morgen auf, auch Christus ist da und will uns mit seinem Licht erfüllen.
Wir verpassen also etwas, wenn wir uns nicht nach ihm ausstrecken. Die Welt mit all ihren Möglichkeiten deckt nicht die ganze Wirklichkeit ab, es gibt noch viel mehr, und das gilt es, zu entdecken und zu erfassen. Ohne die Ausrichtung auf Gott ist unser Leben tatsächlich wie ein Schlaf: Wir verschlafen das Eigentliche. Ganz vieles geschieht um uns herum, von dem wir nichts merken. Wir leben in einer Welt der Träume. Und auch die Vorstellung der Trunkenheit ist nicht abwegig. Die Welt kann uns berauschen, sie vernebelt uns den Blick, wir torkeln durchs Leben und fallen irgendwann hin.
Es lohnt sich also, wenn wir das beenden und die Tage, die wir haben, aus Gottes Hand nehmen und uns von seiner Wahrheit erleuchten lassen. Er trägt uns mit seinem Erbarmen, bindet uns in seinen Willen und segnet uns mit der Verheißung eines gelingenden Lebens.
Amen.

Die Bedeutung des Wassers bei der Taufe

Predigt über Röm. 6, 3- 8: Taufe und neues Leben

6. Sonntag nach Trinitatis, 3.7.2016, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Der sechste Sonntag nach Trinitatis ist dem Taufgedächtnis gewidmet. 

Römer 6, 3- 8

3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir,
dass wir auch mit ihm leben werden.

Liebe Gemeinde.
Der Sommer ist da, und damit ist auch die Freibadesaison eröffnet. Viele Menschen gehen jetzt gerne irgendwo ins Wasser, in der Förde, einem See, einem Fluss oder einem Freibad. Denn das macht den meisten Spaß und es kühlt schön, wenn es zu heiß wird. Das Wasser ist sowieso ein beliebtes Element, um sich darin zu bewegen. Nicht umsonst gibt es für kältere Jahreszeiten Hallenbäder.
Doch es ist auch gefährlich, ins Wasser zu gehen. Wer nicht schwimmen kann, muss aufpassen. Badeunfälle enden meistens tragisch, denn wir Menschen sind keine Wasserlebewesen. Wir brauchen die Luft, um zu atmen. Im Wasser können wir untergehen und ertrinken.
Das ist allerdings die einzige negative Seite des Wassers. Es hat ansonsten noch weitere Vorzüge, wie z.B. seine reinigende Eigenschaft. Man kann sich damit waschen und sauber werden.
Und das wichtigste am Wasser ist, dass wir es alle zum Leben brauchen. Wir trinken es und würden ohne Wasser verdursten. Der Regen befruchtet die Erde und verhilft allen Pflanzen und Tieren zu Wachstum und Gedeihen.
Das Wasser hat deshalb auch eine vielschichtige Symbolkraft, und bei der Taufe spielt das alles eine Rolle.
Da ist es zum Einen das Zeichen des Todes und der Rettung. Wir stellen uns bei der Taufe vor, dass unsere Sünden ersäuft werden. Das Böse geht unter. Davon handelt unsre Epistel von heute. Paulus sagt dort am Anfang: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“
Dabei spielt auch die reinigende Kraft des Wassers eine Rolle: Unsere Sünden werden symbolisch abgewaschen und vergeben. Die Taufe ist wie ein „Bad“, in dem wir erneuert und frei werden.
Und schließlich ist das Wasser auch bei der Taufe das Zeichen des Lebens. Wir werden dabei mit Christus verbunden, und bekommen neue Lebenskraft. Er löscht unsren Durst nach der Ewigkeit, denn uns wird bei der Taufe das ewige Leben geschenkt.
An dem Symbol des Wassers wird also deutlich, dass die Taufe eine tiefe und ernste Bedeutung hat. Sie wird vollzogen, weil wir ohne sie der Sünde verfallen sind, und wir thematisieren dabei den Tod und das ewige Leben.
Nun werden bei uns ja hauptsächlich kleine Kinder getauft, und dabei ist uns das alles nie richtig bewusst. Wir wollen es eigentlich auch nicht so gerne hören. Es klingt zu düster und passt nicht zu dem fröhlichen Charakter einer Kindertaufe. Wir gestalten das Fest gerne heiter und hell, mit Farben und Licht. Denn eine Kindertaufe ist ein freudiges Ereignis. Wir feiern damit das neue Leben und die Schöpfung, wir denken an den Schutz und die Liebe Gottes. So hat es sich im Laufe der Zeit entwickelt.
In den Anfängen der Christenheit war das anders, denn entstanden ist die Kindertaufe, weil die Menschen der alten Kirche an die sogenannte „Erbsünde“ und die Hölle glaubten. Auf der 4. Synode von Karthago im Jahr 418 wurde die Taufe von Kindern christlichen Eltern bald nach der Geburt empfohlen, „um sie der Gefahr der Verdammnis zu entreißen, die ihnen droht, falls sie ungetauft sterben.“ (wikipedia-Kindertaufe) Auch Säuglinge sind bereits mit der Sünde infiziert, das war die Vorstellung. Sie haben sie von ihren Eltern geerbt. Es war deshalb ratsam, sie gleich nach der Geburt der Macht der Sünde zu entreißen, und das geschah durch die Taufe. Sie wurde als ein Heilswerk gesehen, das vollzogen werden musste, damit das Kind an der göttlichen Sphäre Anteil bekam. Luther sah das auch so. Er war ebenfalls für die Kindertaufe und schloss sich der Praxis, die seit dem 5. Jahrhundert üblich war, an. Deshalb ist es in unserer Kirche bis heute so geblieben.
Es gibt allerdings auch Gegner der Kindertaufe. Viele sagen, dass ein Säugling doch gar nicht sündigen kann. Er macht noch keine Fehler, oder zumindest kann er nichts dafür. Außerdem wird die Babytaufe in der Bibel nicht ausdrücklich erwähnt. Im Neuen Testament fehlt insgesamt eine ausgeführte Lehre von der Taufe. Deshalb wird auch nirgendwo die Frage erörtert, ob Kinder getauft werden sollen oder nicht. Berichte über den Vollzug der Kindertaufe liegen also nicht vor.
Deshalb gibt es viele Kirchengemeinschaften, die sie nicht anerkennen. Sie sagen: Die Bekehrung zu Jesus Christus und der Glaube an ihn müssen vorweg gehen. Erst wenn ein Mensch merkt, dass er das Heil braucht, wenn er gesündigt hat und darunter leidet, wenn er gerettet werden möchte und sich deshalb an Jesus Christus wendet, ist die Taufe sinnvoll. Sie ist dann ein Ausdruck dafür, dass ein Mensch sich für Jesus Christus entschieden hat. Sie ist ein öffentliches Bekenntnis und die Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen. Das ist die Praxis der sogenannten Gläubigentaufe, die erst im religionsmündigen Alter erfolgt, also nach dem 14. Lebensjahr.
Aber ist das eigentlich wirklich ein Gegensatz? Lohnt sich der Streit darüber? Jörg Zink, ein Theologe und Schriftsteller, der viele Fragen unseres Glaubens sehr schön und verständlich ausdrücken kann, hat dazu einmal folgendes gesagt: „Wir taufen Kinder, das ist gut. Denn Gottes Liebe zu uns hängt nicht von unserer Einsicht, unserer Mühe und unserem Glauben ab.
Wir taufen Erwachsene, das ist gut. Denn ohne unseren Willen, unseren Entschluss, unsere Hingabe, unsere Liebe und Dankbarkeit kann sich nicht erfüllen, was Gott mit uns vorhat.“
Die Taufe ist also beides: Sie gewährt uns die Gnade und sie ruft uns gleichzeitig in eine bewusste Glaubenspraxis. Eine Kindertaufe befreit uns nicht davon, uns auch zu Jesus Christus zu bekehren, mit ihm zu leben und sich von dem Heil, das er uns schenkt, prägen zu lassen. Luther hat das im Kleinen Katechismus so ausgedrückt: „Das Taufen mit Wasser bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ Es ist deshalb gut, dass wir immer wieder an unsre Taufe denken und uns klar machen, was sie für unsere Lebensführung bedeutet.
Und dafür ist das Symbol des Wassers sehr gut geeignet. Lassen Sie uns dieses Bild deshalb einmal betrachten. Dabei müssen wir uns klar machen, dass früher ganz anders getauft wurde. Da besprengte man den Kopf des Täuflings nicht nur mit ein paar Wassertropfen, er wurde vielmehr ganz untergetaucht. Viele Freikirchen machen das auch heute noch so. Denn das Untertauchen macht sehr schön deutlich, was bei der Taufe passiert, und was dann das Leben eines Christen prägen soll.
Das Baden und Tauchen ist ja – wie gesagt – nicht ganz ungefährlich, weil wir unter Wasser nicht atmen, oder genauer gesagt, nur ausatmen können, so wie beim Schwimmen. Da tauchen wir bei jedem Zug unter und atmen dabei aus. Ich mach das jedenfalls so, und dabei stelle ich mir manchmal vor, dass ich gleichzeitig alles, was mich belastet, ausatme. Ich lasse es im Wasser untergehen. Das ist so ein bisschen wie eine Meditation beim Schwimmen, die aber sehr gut wirkt. Ich ersäufe das Alte, das ich nicht mehr haben will, und atme bei jedem Auftauchen neues Leben ein. Ich bin dann hinterher nicht nur körperlich gestärkt, sondern fühle mich auch seelisch gereinigt.
Das können wir uns vorstellen, dann wird klar, was die Taufe bedeutet und nach sich zieht: Sie ist ein geistig-seelischer Vorgang, bei dem der Glaube an Gott lebendig und wirksam wird. Und der soll sich immer wieder in unserem Leben ereignen. Das bewusste Ein- und Ausatmen – auch im Trockenen – hilft dabei: Wir können daraus eine ganz konkrete Glaubensübung machen: Wir geben beim Ausatmen etwas Altes ab und lassen beim Einatmen die Kraft Gottes neu in uns hinein. Es ist wie ein Untertauchen, bei dem die Macht der Sünde untergeht, und das wirkt tatsächlich befreiend und belebend.
Wir können uns das noch deutlicher machen, wenn wir dabei an konkrete Dinge denken, an alle negativen Kräfte, die unser Leben bedrohen und überschatten In der Bibel werden sie „Sünde“ genannt. Dieses Wort hören wir heutzutage nicht mehr so gerne, denn wir denken dabei an Fehltritte und bekommen ein schlechtes Gewissen. Aber das ist lange nicht alles, was damit angesprochen wird. „Sünde“ sind vielmehr die zerstörerischen Mächte, die überall am Werk sind. Angst und Misstrauen gehören dazu, Hass und Feindschaft, Neid und Zorn. Davon sind übrigens auch Kinder nicht frei. Im Gegenteil, wenn wir sie nicht davon abhalten, leben sie die negativen Triebe manchmal viel erbitterter aus, als wir. Sie sind keine Engel, sondern können genauso brutal sein, wie Erwachsene. Denn die Sünde schlummert von Anfang an in unsrem Herzen und unserem Denken. Wenn wir sie zulassen, kann sie ihr zerstörerisches Werk beginnen. Sorgen und Wut, Trauer und Missgunst und andere negative Kräfte nagen an uns, vergiften unsere Seele und zerfressen unsren Geist. Wenn wir ein schönes und helles Leben führen wollen, müssen wir diesen Kräften also etwas entgegensetzen. Wir müssen üble Gedanken und Gefühle immer wieder „ersäufen“. Und das geht tatsächlich gut mit dem Ausatmen: Wir können uns vorstellen, dass nicht nur die alte Luft aus uns herausströmt, sondern auch unser Neid und unsere Angst, unsere Versäumnisse und Fehler. Das fällt dann tatsächlich alles von uns ab und geht unter. Wir „sterben und werden neu geboren“.
Denn wir tun es „mit Christus“, so wie Paulus es im Römerbrief sagt. Es heißt dort zum Schluss: „Denn wer [so] gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ Wir tun es im Vertrauen auf Gott. Wir denken an seine schöpferische Kraft, an die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus und lassen die an uns wirken. Gott ist voller Liebe und Erbarmen gegenüber uns. Er will uns befreien und neu schaffen, immer wieder. Wir können uns vorstellen, dass wir die göttliche Liebe einatmen. Dann erleben wir ihre Kraft auch.
Es gibt im Gesangbuch ein Lied, in dem die Liebe mit einem Meer verglichen wird. Der Text ist von Gerhard Tersteegen, einem Mystiker aus dem 18. Jahrhundert, von dem wir viele Lieder haben. Von ihm stammen die Zeilen: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart; ich geb mich hin dem freien Triebe, wodurch auch ich geliebet ward; ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.“ (Ev. Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 615,1) Das ist eine schönes und anschauliches Bild: Durch den Glauben versinken wir in einem „Meer der Liebe“. Wir verlieren alles Schwere, werden getragen und gehen ganz in der Liebe Gottes auf.
Etwas später kommt das Bild vom Wasser in diesem Lied noch einmal vor. In Strophe vier heißt es: „Ehr sei dem hohen Jesusnamen, in dem der Liebe Quell entspringt, von dem hier alle Bächlein kamen, aus dem der Sel‘gen Schar dort trinkt.“ Das Trinken des Wassers wird ebenfalls auf den Glauben übertragen, und mit diesem zweiten Bild wird deutlich, dass Jesus Christus durch den Glauben außerdem in uns einzieht und uns neue Kraft schenkt.
Die Taufe und das Symbol des Wassers sind also sehr schön geeignet, das Leben mit Jesus Christus zu veranschaulichen. Unser ganzes Dasein wird dadurch kraftvoll und leicht. Wir werden frei und unbeschwert. Denn wir sind nicht mehr von den dunklen Mächten bestimmt, sondern die Liebe und das Erbarmen Gottes umgeben und erfüllen uns.
Deshalb ist es durchaus sinnvoll, eine Taufe so zu feiern, wie wir es bei Kindern tun. Sie muss nicht ernst und düster sein, denn sie ist ein Fest des Lebens und der Liebe, über das wir uns von Herzen freuen dürfen.
Amen.