Christus vergibt uns unsre Sünden

Predigt über 1. Johannes 1, 5- 2, 6: Das Leben im Licht

3. Sonntag nach Trinitatis, 17.6.2018, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

1. Johannes 1, 5- 2, 6

1 5 Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.
6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.
7 Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.
8 Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.
9 Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.
10 Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.
2 1 Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen  Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.
2 Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.
3 Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten.
4 Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht.
5 Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind.
6 Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat.

Liebe Gemeinde.

»In einem katholischen Dorfpfarrhaus klopft des Abends ein Mann an die Tür. Er sei katholischer Priester, sagt er, und habe hier eine Wagenpanne gehabt. Ob er im Pfarrhaus übernachten könne? „Aber natürlich“, sagt der Dorfpfarrer, „kommen Sie doch rein.“ „Kann ich morgen in Ihrer Kirche die Messe lesen?“ fragt der Fremde. „Hier sind mein Ausweis und meine Celebret“, [das ist dafür die kirchliche Erlaubnis] und er kramt schon danach in der Tasche. „Aber lassen Sie doch, Herr Confrater, das ist nicht nötig“, wehrt der Gastgeber ab. „Kommen Sie doch weiter ins warme Zimmer. Wie wär‘s mit einem guten Glas Wein?“ „Vielen Dank, aber ich trinke nicht“, sagt der Fremde. „Aber eine gute Zigarre werden Sie sicher nicht ablehnen?“ „Leider – ich rauche auch nicht.“ „Nun – das soll ja vorkommen“, sagt der Dorfpfarrer etwas befremdet. „Aber in einer Viertelstunde kommen der Lehrer und der Doktor zu einem Skat. Sie halten doch mit?“ „Bedaure“, sagt der Fremde, „ich spiele nicht Karten!“ „So? Dann zeigen Sie mir doch lieber einmal Ihr Celebret!“« (Der klerikale Witz, Hrg. Hans Bemmann, München, 7. Auflage 1983, S. 22f)

Das ist natürlich ein Witz, aber wie alle Witze enthält er ein Körnchen Wahrheit. In diesem Fall ist es das weltliche – oder auch sündhafte – Verhalten vieler Geistlicher, das nicht nur geduldet sondern geradezu erwartet wird.

Priester, Pastoren, und auch Mönche und Nonnen sollen schließlich dem Leben zugewandt sein, sich den einen oder anderen Genuss gönnen und Freude ausstrahlen. Ein übertriebenes Sündenbewusstsein oder gar Weltverneinung wirken abstoßend. Es ist viel beruhigender, wenn Geistliche sich in ihrem Lebenswandel nicht von anderen Menschen unterscheiden, dann braucht keiner ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er z.B. trinkt, raucht oder Karten spielt.

Denn die Bibel entlastet uns diesbezüglich nicht. Da ist an vielen Stellen davon die Rede, dass wir unsere Sünden und unsere Schlechtigkeit erkennen und unseren Lebenswandel ändern sollen. So auch in dem Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief, den wir eben gehört haben. Da heißt es an einer Stelle: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wir machen Christus zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. Wir wandeln in der Finsternis.“ Das klingt anstrengend und ungemütlich. Schon das Wort „Sünde“ schreckt uns ab, und eine Aufforderung wie „Sündigt nicht!“ die in dem Text auch an uns gerichtet wird, noch viel mehr.

Führt das nicht alles zur Freudlosigkeit? Das wird dem Christentum ja oft unterstellt. Wir haben den berühmten Vorwurf von Nietzsche im Ohr: „Sie müssten fröhlicher aussehen, die Christen.“ Er fand, das Christentum habe den Lebenswillen geschwächt, es mache keinen Mut zum Leben, sondern erziehe zum Muckertum. „Der christliche Glaube ist von Anbeginn Opferung: Opferung aller Freiheit, alles Stolzes, aller Selbstgewissheit und des Geistes.“ So sagt er. Der christliche Glaube war für ihn deshalb ein „Zeichen von Verarmung an Leben.“ Das sind Nietzsches Vorwürfe (siehe: http://www.ursulahomann.de/NietzscheUndDasChristentum/komplett.html) und mit denen müssen wir uns in der Tat auseinandersetzen. Denn natürlich kann der Glaube zur Verneinung des Lebens führen. Nietzsche kannte auch solche Menschen. Er hatte eine Kirche erlebt, die seiner Meinung nach der Menschheit jede Lebenshoffnung nahm. Und das hat der eine oder die andere von Ihnen eventuell ebenfalls schon erfahren, weil in der Kirche viel zu viel über die Sünde geredet wird, und das ist für viele heutzutage zum Problem geworden.

Aber ist es wirklich lebensfeindlich? In unserem Briefabschnitt kommt etwas anderes zum Ausdruck. Lassen Sie uns einmal genau hinschauen, was hier steht, dann entdecken wir, dass es gar nicht so schlimm ist. Gleich zu Beginn wird uns bereits etwas sehr Positives verkündigt. Es heißt ja am Anfang: „Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.“ Es geht also um etwas Helles und Schönes, um genau das, wonach wir uns sehnen, um Leben und Freude. Der Schreiber will uns das nicht vermiesen oder ausreden, er erkennt bloß, dass es nicht so einfach ist, das auch zu finden. Denn es gibt ganz vieles, das unser Leben und unseren Geist verdunkeln kann. Und damit meint er nicht das eine oder andere Laster, sondern dunkle Kräfte, die in der Welt wirken. Wenn in der Bibel das Wort „Sünde“ steht, dann ist damit nicht etwas Moralisches gemeint, sondern eine Macht, die uns von Gott trennt. Sie hat etwas Zerstörerisches an sich, sie kann uns in den Abgrund reißen. Und davor sollen wir bewahrt werden.

Dabei geht es nicht darum, dass wir uns aus eigener Kraft gegen negative Einflüsse stemmen und einen makellosen Lebenswandel führen. Es gibt vielmehr jemanden, der die Macht der Sünde gebrochen hat. Das ist Jesus Christus, der Sohn Gottes. „Sein Blut macht uns rein von aller Sünde. Er ist treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Er ist unser Fürsprecher bei dem Vater, er ist gerecht und die Versöhnung nicht allein für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Das ist das Evangelium, die gute Botschaft. Daran dürfen wir glauben, darauf dürfen wir vertrauen. Dann wirkt sich die befreiende Kraft Jesu in unserem Leben aus.

Doch damit das geschieht, müssen wir ehrlich sein und uns selbst erkennen. Wir dürfen uns nichts vormachen, uns nicht selber betrügen oder einer Lebenslüge hingeben. Vor dieser Gefahr will uns der Schreiber des Briefes bewahren. Er warnt uns davor, so zu tun, als würde das Leben von alleine gelingen, und als wäre das so einfach.

Die Aufforderung zu einem geordneten Lebenswandel ist also nicht gegen das Leben gerichtet, sondern sie dient ihm. Und sie ist auch nicht moralisch gemeint, sondern eng verknüpft mit der Botschaft, dass wir einen göttlichen Beistand und ein Vorbild haben. Jesus Christus ist da, um uns zu helfen und zu erlösen. Wir werden zwar dazu ermahnt, „seine Gebote zu halten und so zu leben, wie er“, aber das geht nur, wenn wir „ihn kennen und in ihm“ sind. Dann können seine Wahrheit und seine Liebe sich in uns ausbreiten.

Wir müssen sowohl „Sünde“ als auch „Freude“ also noch viel umfassender und tiefer verstehen, als wir das normalerweise tun. Es sind keine innerweltlichen oder psychologischen Kategorien, sondern beschreiben jeweils Räume des Bewusstseins oder Bereiche des Lebens, Kräfte, die wirken und Macht haben.

Fangen wir doch einmal mit der Freude an. Wir denken oft, wir gewinnen sie, wenn wir uns möglichst viel gönnen, Spaß und Erfolg haben, mit netten Menschen zusammen sind, gesund bleiben usw. Aber sind diese Vorgänge und Handlungen nicht alle sehr oberflächlich und vor allen Dingen flüchtig? Solche Geschichten können ganz schnell vergehen und zusammenbrechen. Dieses Konzept bleibt auch irgendwie immer unvollkommen und unzureichend, denn wir haben nie so ganz genug. Und wenn es schlimm kommt, wirkt es sogar zerstörerisch. Denn es kann z.B. in eine Sucht führen, zu Geldverschwendung oder zum Ehebruch, in Krankheit oder in den sozialen Abstieg.

Das Leben ist leider etwas komplizierter, als wir es uns wünschen, und das gilt es, zu erkennen. Es ist gut, wenn wir aufdecken, was uns gefährdet, und uns selber spüren. Das mindert nicht die Lebensqualität, sondern wir nehmen uns endlich einmal ernst, so wie wir sind. Uns wird bewusst, was wir können und auch nicht können. Wir setzen uns mit uns selber und unserer Wirklichkeit auseinander.

Das ist mit „Sündenerkenntnis“ gemeint, und die ist zutiefst heilsam. Denn sie führt dazu, dass wir uns nicht mehr selber betrügen und die Bilder, die wir vom Leben haben, loslassen. Wir machen uns nichts mehr vor, sondern können uns entspannen. Dazu will uns der Glaube an Jesus Christus führen, und ohne ihn geht es auch kaum. Wir können uns an ihn wenden, dann fängt er uns auf. Wir müssen nur zu ihm beten, ihn um Hilfe und Erbarmen anflehen. Dadurch kommen wir mit Gott in Berührung, der uns erschaffen hat. Er ist der tiefste Grund für unser Dasein und das Ziel auf das wir zugehen. Es gilt also, dass wir uns auf Christus einlassen, ihm vertrauen und seine Liebe und Vergebung zulassen. Nur mit ihm kann das Leben wirklich gelingen, nur bei ihm finden wir unseren Sinn und unseren Halt, die ganze Fülle, nach der wir uns sehnen. Wir spüren seine Kraft.

Der Glaube an Jesus Christus und das Evangelium beinhalten also in Wirklichkeit genau das Gegenteil von dem, was Nietzsche darin gesehen hat. Wir gehen nicht zerknirscht oder mit gesenktem Haupt durch das Leben, wir werden vielmehr aufgerichtet und bekommen neuen Mut. Unser Dasein wird hell und schön. Wir werden heiter und gelassen. Lasten fallen von uns ab und Freude kommt auf, eine tiefe und bleibende Freude, die sich nicht so schnell vertreiben lässt.

Natürlich gehört dazu, dass wir gelegentlich Abstand nehmen von der Welt und uns gewisser Genüsse enthalten. Wenn wir in der Anekdote, die ich am Anfang erzählt habe, einmal nicht den Witz beachten, sondern die Lebensweise des Pfarrers, der keinen Wein trinken möchte, nicht raucht und nicht Karten spielt, dann bekommt sie einen ganz anderen Sinn. Denn dieser Mensch hat den Wert der Askese erkannt, die das Leben ordnet und reinigt. In dem Wort „Laster“ steckt ja „die Last“, und das ist sehr vielsagend: Wenn wir Laster abwerfen, wird unser Gang leichter und fröhlicher, wir gewinnen Güte und Gelassenheit.

Und solche Menschen gibt es, Menschen die sich zu einem Lebenswandel entschieden haben, der die weltlichen Freuden kritisch sieht und davon Abstand nimmt. Wir treffen sie z.B. in Klöstern. So stellt sich eine Nonne ihren Ordensgründer, den heiligen Benedikt, z.B. folgendermaßen vor: „… mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehend, mit offenen Ohren nach allen Richtungen horchend, mit durchdringenden, gütigen Augen, die tiefer als die Oberfläche sehen und in allen Christus entdecken.“ (Aquinata Böckmann OSB, Perspektiven der Regula Bendicti, Münsterschwarzach 1986, S. 4ff) So jemanden habe ich vor kurzem tatsächlich getroffen, und zwar den Abt des Benediktinerklosters in Hildesheim. Er hielt einen Vortrag über die Stille. Und wenn man mich fragt, was mir am meisten an ihm aufgefallen ist, dann würde ich sagen: Die Freude und Heiterkeit. Die hat er ausgestrahlt und damit hat er uns angsteckt.

Wir müssen nicht alle ins Kloster gehen, aber wir dürfen uns gerne von Menschen inspirieren lassen, die diesen besonderen Weg gewählt haben. Sie zeigen uns, dass es im Leben um mehr geht, als um ein paar weltliche Freuden, denn sie verweisen uns auf Gott und laden uns ein, „im Licht zu wandeln, wie Christus im Licht ist.“ Was das konkret heißt und in welcher Form wir das tun, müssen wir selber herausfinden, aber wir dürfen davon ausgehen, dass „wir dann Gemeinschaft untereinander haben, und das Blut Jesu uns rein macht von aller Sünde.“

Amen.

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Alle sind zum Glauben an Gott eingeladen

Predigt über 1. Korinther 14,1-3.20-25: Zungenrede und prophetische Rede

2. Sonntag nach Trinitatis, 10.6.2018, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Korinther 14,1-3.20-25

1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!
2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen.
3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
20 Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.
21 Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.«
22 Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?
24 Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt;
25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Liebe Gemeinde.

Für den Reformator Martin Luther war klar: Niemand ist unter Christen und Christinnen besser oder heiliger als der oder die andere. Er war der Meinung: Jeder Christ soll die Bibel selbst lesen und verstehen und den Glauben weitergeben. Einer seiner kraftvollen programmatischen Sätze lautet: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei, […].“ So schreibt der Reformator 1520 in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation […]“. Und er erklärt kurz und bündig, dass „wir alle gleichmäßig Priester sind“. Mit der Zeit wurde daraus der Ausdruck „Priestertum aller Gläubigen“, weil es sich auf alle Christinnen und Christen bezieht.

Es gibt also in der Gemeinde grundsätzlich keine Personen, die nicht zum Predigen berufen sind. Jedem und jeder wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, alle sollen in den gottesdienstlichen Versammlungen Christi Gegenwart und Zuwendung erfahren und weitersagen können.

Das war auch schon Paulus wichtig. Die Gottesdienste der Gemeinde sollten für alle Menschen offen und verständlich sein. Besonders in seinem ersten Brief an die Korinther bietet er einen Einblick in seine Meinung zu diesem Thema. Da behandelt er verschiedene Fragen des Abendmahls und der Liturgie, und in diesem Zusammenhang stehen auch seine Ausführungen über zwei Formen von geistgewirkter Rede. Wir haben daraus vorhin einen Teil gehört.

Dabei ist euch sicher aufgefallen, dass Paulus sich mit einem Phänomen auseinandersetzen musste, das wir heutzutage in unseren Gottesdiensten nicht kennen, der sogenannten „Zungenrede“. Das ist ein Reden oder Beten in der Verzückung, der Ekstase. Sie galt in den ersten Christgengemeinden als eine Gabe des Geistes. Menschen wurden dabei von einer überrationalen seelischen Bewegung erschüttert und sprachen oder sangen dann in fremden Lauten. Das klang sicherlich ganz schön, war aber ohne Übersetzung bzw. Auslegung für andere nicht verständlich. Sie „reden im Geist von Geheimnissen“, wie Paulus es ausdrückt, und er hatte damit ein Problem. Denn in der Gemeinde von Korinth wurde diese Gabe als ein besonders wertvoller Erweis des Geistes angesehen und von einem Teil der Gemeindeglieder sehr hoch bewertet. Sie fanden sich heiliger und Gott näher, als die anderen, herausgerufen und auserwählt. Und offensichtlich führte das zu Konflikten und zu Unordnung in der Gemeinde. Denn diejenigen, die diese Gabe nicht hatten, fühlten sich dadurch minderwertig und nicht richtig dazugehörig. Außerdem war es so, dass der ekstatisch Redende allein mit Gott verbunden war, andere konnten daran nicht teilhaben. Er war isoliert und störte das gemeinschaftliche Element des Gottesdienstes.

Paulus sieht sich deshalb genötigt, einzugreifen, und er stellt klar: Sinnvoll ist nur eine Sprache, die von denjenigen, die sie hören, auch verstanden wird. Das ist schon im Allgemeinen so, aber in Glaubensfragen erst recht. Was hat ein Gottesdienstbesucher oder eine Gottesdienstbesucherin davon, wenn sie die Zungenrede zwar hört, aber nicht versteht? Gar nichts! Zur Erbauung aller dient nur das „prophetische Reden“, so nennt Paulus das Sprechen, das alle verstehen und das „zur Ermahnung und zur Tröstung“ führt. Es bewirkt, dass ein Ungläubiger erkennt, was tief „in seinem Herzen verborgen ist“. Er spürt seine Gottesferne und seine Verlorenheit, weiß sich aber gleichzeitig von Gott angesprochen, geliebt und gewollt. „Und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“ wie Paulus sagt. Und darum soll es in den Gottesdiensten gehen: Dass Menschen zum Glauben an Gott und an Jesus Christus finden. Sie sollen den Ruf Gottes vernehmen und mit Ja beantworten. Paulus möchte, dass die Gemeinde ein Ort ist, an dem die Menschen aufatmen können, wo ihnen die Angst genommen wird, wo sie vom Tod wieder ins Leben finden. Der Gottesdienst möge seinen einladenden Charakter bewahren, das ist ihm wichtig. Die sich plagen und die schwer zu tragen haben, sollen sich angesprochen wissen. Und daran beteiligen sich alle, die bereits dazu gehören. „Strebt nach der Liebe!“ Mit diesem Satz leitet Paulus seine Ausführungen ein und das ist zugleich die Zusammenfassung und das Ziel.

Und das ist auch für uns eine wichtige Ermahnung: Die Liebe möge über allem stehen. Mit ihr gilt es, einander zu begegnen und Fremde einzuladen. Sie ist das große Geschenk, das Gott uns in Jesus Christus gemacht hat, und das soll durch nichts verdunkelt werden. Die Liebe fließt von Jesus Christus in die Herzen der Gläubigen und von ihnen zu allen anderen Menschen. Das ist das Evangelium, dem ja auch wir folgen.

Aber ist das nun so neu? Und können uns die Ausführungen über die Zungenrede irgendetwas dazu verdeutlichen? Brauchen wir die überhaupt noch? Dieses Phänomen gibt es bei uns wie gesagt nicht. Ist es deshalb nicht überflüssig, dass wir uns mit diesem Kapitel im ersten Korintherbrief beschäftigen? Das fragen wir uns, und dazu gibt es folgendes zu sagen:

Ganz unnötig sind die Gedanken von Paulus für uns nicht, denn hinter seiner Kritik verbirgt sich eine Beobachtung, die auch auf uns zutrifft. Und zwar betrifft sie die Haltung, die sich leicht einschleicht, wenn jemand eine besondere geistliche Gabe empfängt. Sie mag von Gott sein, aber sie hat etwas Verführerisches an sich. Denn ganz schnell bildet der Empfänger oder die Empfängerin sich darauf etwas ein. Die Eitelkeit wird also gefördert, denn man fühlt sich als etwas Besonderes. Selbstruhm, Egoismus und Geltungssucht ergreifen das Gemüt, und das alles sind Laster, die nicht mehr dem Wirken des Heiligen Geistes entsprechen. Zudem fühlt es sich sicher gut an, in eine entsprechende Ektase zu verfallen. Man bekommt daran Spaß, und so spielt plötzlich auch das Lustprinzip eine Rolle. Ganz abgesehen davon, dass kein Außenstehender und keine Außenstehende verstehen kann, was mit der betreffenden Person geschieht. Sie erbaut ausschließlich sich selbst und löst sich aus der Gemeinschaft.

Und vor diesen Lastern sind auch wir nicht geschützt. Wir beschäftigen uns ebenfalls ganz gerne mit uns selbst ohne Rücksicht auf unsere Mitmenschen. Wir pflegen unsere Religiosität und fühlen uns herausgerufen. Allenfalls vergleichen wir uns mit anderen und messen den Grad unserer Christlichkeit. Natürlich wollen wir am liebsten gut und vielleicht sogar heilig sein. Doch das führt auch bei uns dazu, dass die Gemeinschaft leidet. Die anderen geraten in Vergessenheit oder sind in unseren Augen minderwertig.

Und zu dieser Gruppe können wir ganz schnell auch selber gehören. Das ist die andere Seite dieses Erfolgsdenkens. Wenn wir uns miteinander vergleichen, können wir uns auch schlechter fühlen als die anderen, das Selbstvertrauen schwindet, Unsicherheit und Zaghaftigkeit beschleichen uns. Wir halten uns für bedeutungslos. Und das führt zu genau den gleichen Folgen, wie die Selbstüberschätzung: Wir drehen uns um uns selbst und verlieren den Kontakt zu den anderen. Das gegenseitige Verständnis leidet, und Außenstehende fühlen sich ausgegrenzt.

All das sind übrigens Phänomene, die sich nicht nur in der Gemeinde abspielen. Unser Miteinander ist davon oft geprägt, dass wir uns gegenseitig übertreffen wollen, gerade in einer Leistungsgesellschaft ist das so: Auch im Beruf oder in der Familie wollen wir am liebsten gut sein und anerkannt werden. Die einen schaffen das, die anderen bleiben auf der Strecke. Und dabei gehen die Liebe und die Offenheit füreinander verloren, Unfriede und Unordnung kehren ein.

Davor will Paulus die Korinther bewahren, und darauf müssen auch wir achten. Es ist wichtig, dass wir nüchtern bleiben und immer wieder unsre eigenen Schwächen erkennen. Wir sind nicht besser oder schlechter als andere und genauso erlösungsbedürftig. Der Gottesdienst ist kein Ort von besonders Auserwählten, sondern ein Ort, an dem Christus spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28) Dieser Einladung dürfen wir folgen und uns beleben und aufrichten lassen. Christus möchte uns stärken und erfrischen. Das ist das Evangelium, das wir immer wieder feiern, wenn wir zusammenkommen. Wir sind geladene Gäste, die es nötig haben, dass ihnen vergeben wird. Wir werden durch die Barmherzigkeit Christi angenommen, wie wir sind. Daran werden wir heute erinnert. Das Gleichnis von dem großen Abendmahl aus dem Lukasevangelium (Lukas 14, 15-24) betont genau diesen Sachverhalt, und es tut gut, wenn wir das beachten.

Dann werden wir nicht nur selber getröstet, sondern wirken auch auf andere einladend. Sie kommen am ehesten hinzu, wenn sie Menschen treffen, die erfüllt sind von der Liebe Christi und das mit klaren Worten bekennen. Nicht der Grad der Heiligkeit oder der theologischen Bildung ist entscheidend, um ein guter Prediger oder eine gute Predigerin des Evangeliums zu sein, sondern der Glaube an Jesus Christus, dem wir alles verdanken. Ihn sollen wir weitergeben, in Liebe und Zuwendung zu den Menschen.

Das ist das Anliegen von Paulus, und das ist auch für uns noch wichtig. Zusammenfassend kann man sagen, dass er mit seinen Ausführungen auf die drei Ebenen eingeht, die bei der Weitergabe des Evangeliums eine Rolle spielen: Das sind Gott, die anderen und ich selbst. Alles drei muss zusammenspielen.

Was mich selbst betrifft, so gilt es, immer wieder ehrlich zu sein und mir nicht einzubilden, ich sei besser als andere. Nur wenn das eigene Ich kleiner wird, und ich den Selbstruhm ablege, kann Gott größer werden. Und um ihn geht es, um seine Liebe und Gegenwart. Sie sind in Jesus Christus da, dem wir vertrauen dürfen. Dann sehen wir die anderen ganz von selber klarer. Wir können uns in sie hineinversetzen, hören ihre Fragen und erkennen ihre Not. Und wir lernen automatisch, in welcher Sprache wir am besten mit ihnen reden. Sie verstehen uns und wir sie.

Und wenn das geschieht, ist die Kirche und jede Gemeinschaft lebendig und kann wachsen. Der Geist Gottes kann wirken und offenbart den Anwesenden, wie groß die Liebe Gottes ist. Alle, die sich darauf einlassen, erfahren in den Versammlungen seine Gegenwart und Zuwendung und werden zu Priestern und Priesterinnen, Bischöfen und Bischöfinnen seiner Gemeinde.

Amen.

Gott verheißt uns seinen Geist

Predigt über Jeremia 31, 31- 34: Der neue Bund

6. Sonntag nach Ostern, 13.5.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jeremia 31, 31- 34

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde.

Alle sieben Jahre feiert Israel das sogenannte Bundeserneuerungsfest. „Das ganze Volk kommt dafür zusammen und erscheint vor dem Angesicht des HERRN. Das Gesetz, das Gott dem Volk gegeben hat, wird feierlich ausgerufen. Männer, Frauen und Kinder und ebenso die Fremdlinge, die in den Städten Israels leben, sollen es hören und lernen und den HERRN, ihren Gott, fürchten und alle Worte des Gesetzes halten und tun.“ Diese Anweisung steht im fünften Buch Mose, im 31. Kapitel. (5. Mose 31,10-12)

Das erste Mal gab Gott dem Volk am Sinai seine Gebote. Der Bericht darüber im zweiten Buch Mose lautet: „Mose kam und sagte dem Volk alle Worte des HERRN und alle Rechtsordnungen. Da antwortete alles Volk wie aus einem Munde: Alle Worte, die der HERR gesagt hat, wollen wir tun.“ (2. Mose 24, 3)

Das war wie ein Vertrag zwischen Gott und den Menschen: Gott offenbarte seinen Willen und versprach seine Treue. Als Gegenleistung sollten die Menschen sich verpflichten, seine Gebote einzuhalten. Später hat Mose den Bundesschluss Gottes mit dem Volk Israel mit den berühmten Worten zusammengefasst: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.“ (5. Mose 6, 4- 6)

Aber ist dem Volk Israel das auch gelungen? Der Prophet Jeremia sieht das skeptisch. Die Verse, die wir vorhin gehört haben, zeigen, dass die Geschichte ganz anders verlaufen ist: Der Bund Gottes mit dem Volk Israel ist von Seiten der Menschen immer wieder missachtet worden, wie bei einem Vertragsbruch. Es war ein Bund, „den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR“. Die Israeliten taten immer wieder, „was dem Herrn missfiel“, wie es an vielen Stellen im Alten Testament heißt: Sie dienten anderen Göttern, unterdrückten die Armen und Fremdlinge, waren lieblos und ungerecht und wichen in vielerlei Hinsicht von den Geboten Gottes ab. Und da kam offensichtlich auch das Bundeserneuerungsfest nicht gegen an. Sämtliche Warnungen der Propheten verhallten ungehört. Drohungen und Strafen führten ebenfalls zu nichts. Ungefähr 700 Jahre nach dem Bundesschluss am Sinai – genau lässt der sich nicht datieren – sprach Jeremia deshalb davon, dass noch mehr geschehen musste, damit das Volk gottesfürchtig blieb, etwas viel grundlegenderes, eine Erneuerung des ganzen Menschen. Und die verheißt der Prophet hier: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen. Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben“.

Das ist eine großartige und umwerfende Ankündigung: Gott wird die Sache selber in die Hand nehmen und den Menschen helfen. Aus seiner Forderung soll eine Gabe werden, indem er sein Gesetz in das Herz der Menschen legt und ihnen damit die Kraft des Gehorsams schenkt. Sein Wille wird in ihrem Inneren wohnen, so dass sie von selber das Bedürfnis haben, ihn zu tun. Es wird ein persönliches Verhältnis jedes und jeder Einzelnen zu Gott geben, die sich in der Herzenshingabe äußern wird. Zugleich werden sie „alle Gott erkennen, beide, Klein und Groß.“, denn Gott selbst wird ihre Augen öffnen. Der Bundesgedanke bekommt also eine ganz neue Note. Er wird individuell zugespitzt und persönlich vertieft. Und das ist eine wunderbare Neufassung des alten Bundesschlusses, eine grundlegende Umwälzung der Verhältnisse.

Die kommt auch darin zum Ausdruck, dass es bei all dem einzig und allein um Gott gehen wird: Er steht am Anfang des neuen Bundes und gründet ihn. Gleichzeitig schafft er die Möglichkeit seiner Durchführung bei den Menschen. Und schließlich ist er selber das Ziel, auf das der Bund zusteuert. Er dient der Selbsterschließung Gottes. Gott offenbart sich, damit alle Menschen ihn „erkennen“. Der neue Bund wird demnach die ideale Vollendung der Heilsordnung Gottes sein. Alle, Groß und Klein, werden in den paradiesischen Zustand zurückgeführt. Denn auch ihre Sünden werden vergeben. „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ sagt der Prophet. Damit ist gewährleistet, dass der neue Bund auch Bestand haben wird. Dabei fließen auch die Erfahrungen Jeremias in diese Verheißung ein. Er weiß um die Abgründigkeit des menschlichen Herzens, und er hat erlebt, wie Gottes starke Hand ihn hielt und ihm die Kraft zum Gehorsam schenkte. Jeremia hat auch in der dunkelsten Nacht, und obwohl er gesündigt hat, bei Gott Heilung und Rettung gefunden. Er weiß deshalb, dass die Vergebungsbereitschaft Gottes das Fundament des neuen Bundes ist. Auf ihr ruht das Heil in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft.

Das ist hier die Verheißung, und die ist sehr schön: Gott lässt sich erkennen, und der Mensch kann seiner Bestimmung gemäß leben. Er empfängt Vergebung, Heil und Freude. Das Leben gelingt und ist gesegnet und erfüllt, weil Gott alles schenkt, was dafür nötig ist. Diese Botschaft hören wir heute und sie gilt auch uns. Auch wir sind gemeint und dürfen das auf uns beziehen.

Die Frage ist allerdings, ob wir damit etwas anfangen können. Wo und wie ist denn dieses Heil erfahrbar? Ist das nicht alles sehr fern von unserem Alltag, abgehoben und abstrakt? Es klingt irreal und hat nur wenig mit unserem Leben zu tun. Wozu lesen und hören wir solche Worte? Das müssen wir uns fragen, und dazu gibt es folgendes zu sagen:

Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir es hier mit einer Zukunftsvision zu tun haben. Der Prophet beschreibt die Endzeit. An die glaubt das Volk Israel ja bis heute. Es lebt aus seinen Verheißungen, von der Hoffnung, dass eines Tages alles neu wird, dass der Messias kommt und die Welt und die Menschen so verwandeln wird, dass endlich Gottes Plan mit der Schöpfung in Erfüllung geht. Insofern hat das, was Jeremia hier schreibt, natürlich etwas irreales. Es ist noch nicht Wirklichkeit und soll sich von dem Alltag der Menschen unterscheiden.

Aber es kann Zuversicht wecken, und für die haben wir als Christen erst recht einen Grund. Denn wir glauben, dass durch Jesus dieser neue Bund schon angefangen hat. Er war der vollkommene, neue Mensch, in dessen Herz das Gesetz Gottes geschrieben stand. Er hat Gott von innen heraus gehorcht und seinen Willen getan. In ihm hat demnach etwas von dem begonnen, was uns hier verheißen wird, und im Glauben an ihn gewinnen wir daran Anteil. Denn er schenkt uns seinen Geist, durch den das möglich wird, den Tröster und Beistand Gottes.

Wir lesen diesen Text bewusst am Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Noch ist der Heilige Geist nicht gekommen, der Auferstandene ist aber schon in den Himmel aufgenommen. Wir finden uns sozusagen zwischen den Zeiten: Abschied und Verheißung, Verlassenheit und Erwartung liegen eng beieinander. Wir bereiten uns auf Pfingsten vor, und das klingt auch in unserem Text an. Er hat also durchaus etwas mit uns zu tun. Lasst uns deshalb fragen, wie die Verheißung unser Leben prägen kann.

Dabei müssen wir unser ganzes Dasein in den Blick nehmen. Denn wenn etwas von der Verwandlung wahr werden soll, die hier beschreiben wird, dann geschieht das auf unserem Lebensweg. Es ist ein langer Prozess, mit dem wir vielleicht nie an ein Ende kommen. Aber es lohnt sich, dass wir uns auf den Weg machen und uns langsam dem Ziel nähern.

Wir müssen uns also klar machen, wie das aussieht, und dafür ist es gut, wenn wir zunächst erkennen, wie unser Leben normalerweise verläuft, ohne diese Verheißung. Es ist ja oft nicht davon geprägt, dass wir gerne „neue Menschen“ werden wollen, unsere Ziele sehen anders aus. Wenn wir jung sind, denken wir z.B. an beruflichen Erfolg, wir wünschen uns eine Familie und den Frieden in der Welt. Um gesund zu bleiben treiben wir Sport und halten uns fit, achten auf den Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit usw. Meistens geht das Konzept auch auf, es geht uns einigermaßen gut. Trotzdem dürfen wir nicht die Schattenseiten ignorieren, die mit diesem Lebensentwurf einhergehen. Das ist z.B. eine gewisse innere Unruhe und Sehnsucht, die uns ständig begleitet. Wir sind viele Jahre lang Getriebene unserer Wünsche. Und was den Glauben betrifft, so verschafft der uns auch nicht unbedingt Gelassenheit. Im Gegenteil, hier sind wir ebenfalls aktiv, weil wir meinen, etwas tun zu müssen. Wir sehen das gerne genauso wie die Israeliten: Wir schließen einen Vertrag mit Gott, halten uns an seine Gebote und gehen davon aus, dass er dann bei uns ist und uns hilft.

Aber stimmt das? Und wo führt das alles hin? Trägt es uns auch im Alter noch, wenn wir unser Leben so anlegen? Irgendwann sind die Kräfte ja verbraucht, wir sind erschöpft und spüren die Vergänglichkeit. Enttäuschungen und Verletzungen säumen unseren Weg. Am Ende stellen wir fest, dass wir viel aushalten und einstecken mussten. Und dann fragen wir uns vielleicht, wofür das alles gut war. Sinnlosigkeitsgefühle und Traurigkeit können aufkommen. Und bei all dem ist Gott irgendwie fern. Der Vertrag hat nicht richtig funktioniert. Vielleicht geben wir Gott sogar die Schuld dafür, dass am Ende so wenig übrig bleibt.

Aber ist das wirklich so? Können wir Gott für alles verantwortlich machen, was schief gelaufen ist? Liegt es nicht vielmehr an uns, wenn wir uns am Ende einsam und verlassen fühlen? Auf die Verheißung haben wir jedenfalls nicht gesetzt, sondern daran haben wir vorbei gelebt, denn wir haben ignoriert, dass Gott uns die ganze Zeit im Inneren beschenken und umwandeln wollte. Diese Selbsterkenntnis sollten wir zulassen, und uns durch die Worte des Propheten wieder ganz auf Gott ausrichten. Er verheißt uns, dass wir mit Gott in Übereinstimmung leben können. Wir müssen unser Leben nur so anlegen, dass das geschehen kann, und empfangsbereit sein. Wir werden daran erinnert, dass Gott der Anfang, die Mitte und das Ziel unseres Lebens ist. Wir haben uns nicht selber geschaffen und wir gehen unseren Weg auch nicht ohne ihn. Er ist von Anfang an dabei und er hat uns ein großes Geschenk gemacht. Das ist sein Sohn Jesus Christus, der uns immer wieder vergibt. Wir können jederzeit zu ihm kommen und neu beginnen. Wir müssen keinen Vertrag einhalten, sondern dürfen seinen Geist empfangen. Er ist das Fundament, das nicht wankt, die Hilfe, die niemals aufhört, und das Ziel, das unsrem Leben eine ganz andere Orientierung gibt. Und das alles finden wir nicht außerhalb von uns, sondern tief in uns. Die Mystiker sprechen vom „Seelengrund“. Ihn schafft Gott neu, wenn wir seinen Geist empfangen. Er wohnt dort bereits. „Er hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt“, wie der Prediger Salomo sagt. (Prd. 3,11) Wenn wir uns nach innen wenden, um ihn in uns zu suchen, werden wir ihn deshalb finden, und das tut gut. Wir kommen in Übereinstimmung mit unserem Ursprung, unser Leben wird so, wie es von Gott her gedacht ist.

Der Prophet lädt uns ein, das zu unserem Lebensziel zu erklären, das neue Herz, in dem Gott wohnt. So müssen wir seine Worte hören, dann haben sie auch ganz viel mit unserem Leben zu tun. Sie wirken sich aus und verändern etwas. Wir werden gelassen und ruhig und finden inneren Frieden. Und das nimmt am Ende unseres Weges nicht ab, sondern zu. Die Dynamik des Lebens dreht sich um 180 Grad, denn wir sind im Alter nicht vom Leben ausgeschlossen, sondern kommen dem Ziel näher. Das, wofür wir geschaffen sind, gewinnt immer mehr die Oberhand.

Es lohnt sich also, wenn wir den Bund, den Gott mit uns geschlossen hat, jeden Tag erneuern, und „vor seinem Angesicht unser Leben führen. Wir dürfen ihm dienen, erleuchtet durch seine Wahrheit, getragen von seinem Erbarmen, gebunden in seinen Willen und gesegnet mit seiner Verheißung.“ (Ev. Tagzeitenbuch Nr. 153.3, S. 154)

Amen.

 

 

 

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Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23- 34: Paulus und Silas im Gefängnis

4. Sonntag nach Ostern, Kantate, 29.4.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Apostelgeschichte 16, 23- 34

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.
24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.
26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen
34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Gemeinde.

Bei unserem letzten Gemeindeausflug besuchten wir am Ende die Kirche von Broager, das ist ein kleiner Ort auf der dänischen Seite der Flensburger Förde, und das hat sich gelohnt. Denn diese Kirche ist nicht nur eine Sehenswürdigkeit, uns fiel beim Singen auch die wunderbare Akustik darin auf. So viele Personen waren wir gar nicht, trotzdem klangen unsere Lieder so, als wäre die ganze Kirche mit Menschen gefüllt. Da hat das Singen richtig Spaß gemacht.

Wie gut oder wie schlecht die Akustik in einem Raum ist, spielt ja oft eine große Rolle, gerade wenn es um Musik geht. Damit beschäftigt sich eine ganze Wissenschaft. Die ist mit dem Wort „Akustik“ auch gemeint. Es ist die Lehre vom Schall und seiner Ausbreitung. Sie umfasst sämtliche damit zusammenhängende Gesichtspunkte, wie die Entstehung vom Schall, seine Wahrnehmung durch das Gehör und seine Wirkung auf Menschen und Tiere usw.

In der Geschichte, die wir vorhin gehört haben, spielt das alles auch eine Rolle, denn da hat ein akustisches Phänomen eine großartige und spektakuläre Auswirkung: Es war der Gesang der Apostel Paulus und Silas im Gefängnis. Der muss stark gewesen sein, denn er durchdrang die Mauern, und alle Gefangenen hörten ihn. Er wurde zu einem öffentlichen Zeugnis für die große Kraft Gottes, die daraufhin alle Anwesenden erfahren haben, denn er rief Gottes Handeln auf den Plan: Es geschah ein Erdbeben, das sämtliche Türen des Gefängnisses aufsprengte und alle Fesseln abfallen ließ.

Natürlich handelt es sich bei diesem Ereignis um etwas anderes, als lediglich einen Schall mit einer bestimmten Wirkung. Ein Wunder geschieht, mit dem Gott seine Macht beweist. Dabei sind die Motive, die in der Erzählung vorkommen, für den Verfasser nicht neu. Das gibt es in der Bibel auch an anderen Stellen: Fromme Menschen werden unschuldig gefangen und eingekerkert und haben eigentlich einen Grund zum Klagen. Doch das tun sie nicht, sondern sie stimmen stattdessen ein Loblied an. So pries der gefangene Josef seinen Gott. Und „der ganze Fisch war voll Gesang“, (Klaus-Peter Hertzsch, Biblische Balladen zum Vorlesen, Stuttgart 1970) als Jona darin gefangen war. Genau dasselbe tun hier nun Paulus und Silas.

Vorweg geht ihre Verhaftung. Uns wird erzählt, dass sie „hart geschlagen“ und dann in das „innere Gefängnis geworfen“ wurden. Darunter muss man sich wohl so etwas wie ein unterirdisches Loch vorstellen, ohne Fenster, ohne Licht, kalt und feucht und stickig. Ihre Füße kamen in den Block, so dass sie sich kaum noch bewegen konnten.

Zu all dem war es gekommen weil sie einer Wahrsagerin den bösen Geist ausgetrieben hatten. Aus ihrer Sicht hatten sie ihr geholfen und etwas Gutes getan. Heute würden wir sagen, dass sie sie aus einem psychotischen Zustand befreit und sie geheilt hatten. Doch das gefiel nicht allen Beteiligten. Denn die Frau war eine Sklavin, und ihre Herren profitierten von ihrer Gabe des Wahrsagens. Sie nahmen Geld dafür ein. Und diese Männer waren natürlich erbost, als die Frau die Fähigkeit des Hellsehens plötzlich nicht mehr besaß. Ihre Geldquelle war versiegt. Und als sie mitkriegten, dass Paulus und Silas dahinter steckten, ließen sie die ins Gefängnis werfen. Es gelang ihnen mit Vorwänden und Lügen und Anheizen der Stimmung in der Stadt. Paulus und Silas saßen also unschuldig in diesem finsteren Loch. Geldgier, Machtwille, Lügen und Manipulation der anderen hatten sie dorthin gebracht.

Wenn einem so etwas widerfährt, wird man natürlicherweise wütend. Auflehnung und Zorn, Angst, Traurigkeit und Weinen sind die naheliegenden Reaktionen. Aber das taucht hier an keiner Stelle auf. Die Apostel reagieren ganz anders. Anstatt zu klagen, vielleicht sogar vor Gott, fangen sie an zu singen. „Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder“. So wird es hier erzählt. Und damit wird das Wunder eingeleitet. Gott selber tritt auf den Plan. Eine Macht, die stärker ist als all diese Ungerechtigkeiten, greift ein und ebnet den Gefangenen den Weg in die Freiheit.

Doch erstaunlicher Weise nutzen Paulus und Silas diese Möglichkeit gar nicht. Anstatt den Kerker so schnell möglich zu verlassen, kümmern sie sich zunächst um den Gefängniswärter. Der war bei diesem Geschehen von panischer Angst ergriffen worden und stand offensichtlich so unter Schock, dass er sich selber das Leben nehmen wollte. Davor bewahrt Paulus ihn hier. Er spricht zu ihm, beruhigt ihn und führt ihn zum Glauben an Jesus Christus. Die rettende und befreiende Kraft Gottes geht also noch weiter und greift um sich. Sie setzt sich in einer feindlichen Umwelt durch. Davon möchte diese Geschichte ein Zeugnis ablegen.

Aber beeindruckt uns das überhaupt? Klingt das nicht alles eher wie ein Märchen? Wir tun uns ja schwer mit den Wundergeschichten der Bibel, denn sie entsprechen nicht unseren Erfahrungen. Kein unschuldig Gefangener wird heutzutage so befreit. Und davon gibt es leider viele. Wir wünschen uns zwar, dass Gott einmal eingreift und alle Ungerechtigkeit beseitigt, aber das tut er nicht.

Was sollen wir mit der Geschichte also anfangen? Das müssen wir uns fragen, und dafür ist es gut, wenn wir ihre zentrale Botschaft herausfiltern: Es geht um die Offenbarung der Macht Gottes, die Türen öffnet und Fesseln löst. Die Geschichte erinnert damit an die Auferstehung Jesu, der sogar aus dem Grab befreit wurde und den Tod überwand. Die Freiheit, die hier verkündet wird, hat also einen anderen Charakter, als irdische Freiheit. Das wird auch daran erkennbar, das Paulus und Silas und die anderen Gefangenen gar nicht sofort weglaufen. Sie bleiben, wo sie sind, und bekehren erst einmal den Gefängniswärter, der ebenfalls von dem Wunder ergriffen wird. Er findet zum Glauben an den Auferstandenen und verliert seine Angst.

Lasst uns also fragen, wie wir dahin kommen können, und dafür ist es gut, wenn wir noch einmal etwas genauer darüber nachdenken, was Freiheit überhaupt ist.

Normalerweise verstehen wir darunter ja die Möglichkeit, alles tun zu können, was wir wollen. Wenn geschieht, was wir uns wünschen, niemand uns hindert oder einschränkt, dann fühlen wir uns frei. Und das erstreben wir auch. „Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden, Freiheit, aus der man etwas machen kann. Freiheit, die auch noch offen ist für Träume, wo Baum und Blume Wurzeln schlagen kann.“ So dichtete es Ernst Hansen in dem Lied „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 1995, Nr. 623) Doch genau diese Zeilen haben auch einen kritischen Unterton: Der Dichter will sagen, dass wir das zwar wollen, aber es nicht so einfach finden. Im Gegenteil, gerade dieses Streben führt in ganz viele Zwänge. Es beginnt mit der Angst, ob es auch klappt. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt und wie viele Gefahren und Hürden uns erwarten. Es kann zu herben Enttäuschungen kommen. Andere Menschen verletzen uns, Krankheiten, Unfälle oder andere schlimme Ereignisse durchkreuzen unsere Träume und sie zerplatzen. Und selbst, wenn wir viel erreichen, bleibt die Furcht vor dem Verlust ein ständiger Begleiter. Außerdem bauen wir Mauern zwischen uns und anderen, es sind die Mauern unseres Egoismus. Das kommt in der nächsten Strophe des Liedes von Ernst Hansen zum Ausdruck, die lautet: „Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.“ Das ist die eine Seite, die wir beachten müssen, wenn wir über Freiheit nachdenken.

Auf der anderen Seite fühlen sich lange nicht alle Gefangenen unfrei. Es gibt wunderbare Zeugnisse von Menschen, die gerade im Gefängnis zu einer großen Gelassenheit gefunden haben. Bonhoeffer ist für uns wahrscheinlich das berühmteste Beispiel. Er kannte während der Haft beides: Die „Unruhe und die Sehnsucht, den Zorn und die Ohnmacht, Müdigkeit und Leere“. Trotzdem bescheinigten ihm die anderen, dass er „gelassen und heiter und fest“ aus seiner Zelle träte, „wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.“ Sie sagten ihm oft, er „spräche mit seinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte er zu gebieten. Er trüge die Tage des Unglücks gleichmütig lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.“ So lauten seine eigenen Worte. (Widerstand und Ergebung, Gütersloher Verlagshaus, 18. Auflage 2005, S. 188) Er selber wusste nicht, ob er nun mehr das eine oder das andere war, aber er hat sich damit getröstet, dass Gott es wusste, und dem hat er sich anvertraut. Bis heute ist sein Zeugnis für viele Christen glaubensstärkend und inspirierend.

Etwas Ähnliches wissen wir von dem Jesuiten Franz Jalics. Er wurde 1927 in Budapest geboren und war lange als Dozent in Argentinien tätig. Während des Bürgerkrieges wurde er dort einmal vom Militär verschleppt und für fünf Monate festgehalten, weil er angeblich ein Terrorist war. Das war für ihn einerseits eine furchtbare Erfahrung. Andererseits haben gerade diese Wochen ihn sehr verändert, denn er hat im Gefängnis ständig gebetet. Er berichtet, dass Depressionen, die er vorher kannte, hinterher weg waren. Auch seine „Aggressivität war vollständig verschwunden und kam nie wieder zurück.“ Er schreibt: „Die Monate von Verschleppung, Gefangenschaft und Nähe des Todes, verbunden mit der ständigen Wiederholung des Namens Jesu, hatten in mir eine tiefgehende Läuterung bewirkt.“ In der Stille der Gefangenschaft hat sich eine Wandlung vollzogen. Sein „versklavtes Ich“ war befreit worden. Und aus diesem Erleben hat er anschließend „Kontemplative Exerzitien“ entwickelt. So lautet der Titel seines gleichnamigen Buches, das 1994 erstmals erschien. Es ist eine „Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet.“ (Echter Verlag Würzburg, 11. Auflage 2008, S. 174ff). Franz Jalics wurde einer der bedeutendsten geistlichen Begleiter für das sogenannte „Gebet der Ruhe“. Heute lebt er wieder in seiner Geburtsstadt Budapest und führt durch seine reichen Erfahrungen immer noch andere Menschen in die innere Freiheit.

Und die finden wir tatsächlich nicht dort, wo alles geschieht, was wir wollen, sondern da, wo wir unser Wollen loslassen, in der Meditation, und wenn äußerlich gerade einmal nicht mehr viel passiert. Es gibt Menschen, die dafür ja sogar freiwillig hinter Mauern gehen. Sie wählen den Weg der Abgeschiedenheit eines Klosters, um ihr Leben ganz dem Gebet und dem Lobpreis Gottes zu widmen. Denn sie wissen: Gott erweist seine Macht gerade da, wo wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten an eine Grenze stoßen und auf unsere Selbstverwirklichung verzichten.

Genau das haben Paulus und Silas erlebt. Und daran glaubten sie auch schon, bevor das Erdbeben geschah. Deshalb haben sie gesungen und Gott gelobt.

Und das ist immer noch ein guter Weg, um in die Freiheit geführt zu werden, denn das wirkt sich aus. Wenn wir singen, wird zuerst die Stimme laut, wir hören das Lied mit unseren Ohren, aber zudem breitet der Schall sich aus. Er erfasst unsere Seele und sprengt die Mauern, die uns umgeben. Unser Geist öffnet sich, Fesseln werden gelöst und wir sind frei. Und auch andere nehmen ihn wahr, kommen herzu und erleben die Größe Gottes.

Lasst uns deshalb jetzt ein kraftvolles Lied singen, in dem die Macht Jesu beschrieben wird: „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 66)

Amen.

Christus tilgt unsere Schuld

Predigt über Kolosser 2, 12- 15: Christus erneuert das Leben

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 8.4.2018, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Kolosser 2, 12- 15:

12 Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
13 Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.
14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Gemiende.

In Kiel – wie auch in anderen deutschen Städten – gibt es ein sogenanntes Schuldner-und Insolvenzberatungszentrum, kurz SIZ. Das hilft Menschen, die in eine wirtschaftliche und psychosoziale Notlage geraten sind, zu einem Neuanfang. Dort wird gemeinsam mit den Klienten nach einer geeigneten Entschuldungsmaßnahme gesucht. Außerdem werden die Hilfesuchenden bei der Bewältigung der Schritte unterstützt, die sich aus der Beratung ergeben haben. Im Vordergrund steht natürlich die Existenzsicherung, d.h. der Erhalt der Wohnung, der Heizung- und der Stromlieferung. Oft muss zwar eine Privatinsolvenz eingeleitet werden, aber bei diesem Verfahren begleitet das SIZ die Betroffenen dann weiterhin, damit keine erneute Überschuldung eintritt.

Was Schulden sind, weiß fast jeder Bürger und jede Bürgerin. Normalerweise nehmen wir sie allerdings nur auf, wenn wir wissen, dass wir sie im Laufe der Zeit abbezahlen können. Festgehalten wird das, was wir den Gläubigern schulden, in einem sogenannten „Schuldbrief“. Er beinhaltet die „Begründung und Sicherung einer persönlichen Forderung“.

So etwas gibt es seit Menschen Gedenken, offensichtlich auch schon in biblischen Zeiten. Paulus benutzt diesen Vorgang jedenfalls als ein Bild, um einen theologischen und geistlichen Zusammenhang deutlich zu machen. Wir haben das vorhin in der Epistellesung gehört, die heute unser Predigttext ist. Paulus sagt dort an einer Stelle: „Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war“. Paulus denkt dabei an eine handgeschriebene Urkunde, auf der vermerkt ist, welche Schulden ein Mensch hat, was er noch alles bezahlen muss. Und er benutzt das hier als ein Bild für das Gesetz Gottes mit seinen Forderungen, die der Mensch zu erfüllen hat, um gerecht zu sein. Christus hat diesen Schuldbrief öffentlich zerrissen und für ungültig erklärt, und zwar durch seinen Tod am Kreuz. Wer daran glaubt, wird nicht mehr durch das Gesetz belastet, er ist frei.

Das ist hier die Botschaft, und die ist wunderbar. Sie verheißt einen Neuanfang, der nun allerdings nicht durch Bezahlung, eine Beratung und viel Selbstdisziplin möglich wird, sondern durch eine Schuldentilgung. Der Gläubiger, in diesem Fall Gott, verzichtet auf seine Forderungen. Und wie großartig das ist, können wir uns gut vorstellen, wenn wir es mit der Befreiung von wirtschaftlichen Schulden vergleichen. Das Leben ändert sich von Grund auf, es kann ganz neu und schön werden.

Die anderen Bilder, die Paulus in unserem Textabschnitt dafür benutzt, beschreiben deshalb genau das: Er redet von einem „neuen Leben“, das die Christen führen. „Christus hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden“, sagt er und damit meint er ein Leben, das von der Auferstehung geprägt ist. Christus ist darin gegenwärtig mit seiner Kraft und seiner Liebe. Sein Geist durchdringt das Denken und Fühlen, er schenkt Freiheit und Frieden. Denn er nimmt die Glaubenden immer wieder mit auf seinem Weg durch den Tod und die Hölle ins Leben und in die Freude.

Und das alles beginnt mit der Taufe, bei der Gott an den Täuflingen handelt. Was sie sind, sind sie also nicht aus sich selbst, sondern aus der Kraft Gottes. Der Schöpfer hat sie bei der Taufe neu geschaffen. „Mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.“, so die Worte von Paulus

Mit dem Glauben an Jesus Christus und der Taufe geht also etwas Altes zu Ende und etwas Neues beginnt. Unser altes Leben mit all seinen Lasten und Schulden, mit seiner Gottesferne und seinen Verfehlungen wird beerdigt. Die Vergangenheit kann nicht mehr auferstehen, wir müssen sie nicht mit uns herumschleppen oder verdrängen. Sie muss uns nicht ängstigen oder entmutigen, denn wir werden daraus befreit. Uns wird versprochen, dass Gott nichts von uns fordert, wir müssen nichts bezahlen, obwohl wir tief in seiner Schuld stehen. Er verzichtet darauf und schenkt uns immer wieder einen Neuanfang.

Doch was heißt das nun für unsere Lebensführung? Lasst uns darüber noch einmal nachdenken, denn oft fühlen wir uns als Christen keineswegs so frei. Viele Gläubige haben eher das Gefühl, dass sie ganz viel leisten müssen. Gott fordert von uns, dass wir ihn und unsere Nächsten lieben, dass wir sein Wort beachten und gute Christen sind. Das wird von namhaften Vertretern der Kirche oft betont und dann auch in den Medien wiederholt. Sie zählen die Missstände auf, die es in der Gesellschaft und in der Welt gibt, und erinnern uns an unsere Pflicht, dagegen etwas zu tun.

Natürlich haben sie recht, denn als Christen leben wir aus der Liebe, wir haben eine Hoffnung und glauben daran, dass die Sünde und der Tod nicht das letzte Wort haben. Und es ist auch gut und notwendig, dass wir darüber reden und das zeigen. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass unser Glaube nicht zu einem Programm wird, das wir abarbeiten müssen. Die Kirche ist keine politische Partei, und das Evangelium ist kein „Schuldbrief“, in dem die Forderungen Gottes stehen. Im Gegenteil, damit ist es ja gerade vorbei. Deshalb müssen wir aufpassen, dass unser Christsein unter der Hand nicht zu einem bloßen Tun wird, und wir eine neue Form der Werkgerechtigkeit praktizieren.

Diese Gefahr besteht, und sie hat ihren Grund darin, dass wir alle gerne handeln, das ist schön einfach und liegt uns. Wenn uns gesagt wird, was wir machen sollen, freuen wir uns. Es gibt klare Anweisungen, klare Ziele und wenn uns gelingt, was wir tun sollen oder wollen, haben wir ein Erfolgserlebnis. Es stärkt unser Selbstbewusstsein und macht uns zufrieden. Das Handeln und Anpacken entspricht also unserer Natur. Und das ist einerseits auch gut so. Jede Gesellschaft oder Gemeinschaft braucht Menschen, die sich engagieren. Die Stärkeren müssen den Schwächeren helfen, damit das soziale Gefüge erhalten bleibt. Überhaupt geht im Leben natürlich nichts, ohne dass wir uns einsetzen. Wer faul ist, landet irgendwann im Abseits.

Doch es gibt andererseits auch Probleme dabei, und das sind zum einen die Grenzen, an die wir mit unserem eigenen Tun immer wieder geraten. Es ist z.B. anstrengend. Wir bringen uns zwar gerne ein, aber irgendwann kann es auch zu viel werden, sowohl was ein ehrenamtliches Engagement betrifft, als auch der Einsatz für die Familie oder im Beruf. Wir haben dann das Gefühl, dass alle etwas von uns wollen, aber wir sind in Wirklichkeit längst erschöpft. Dann quälen uns die Forderungen, und der Zusammenbruch droht. Das ist eine Schattenseite unseres Aktivismus.

Einen weiteren Dämpfer bekommt unser guter Wille dadurch, dass die Probleme, um die wir uns am liebsten kümmern würden, oft so groß und unübersehbar sind, dass wir gar nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Es scheint von vorne herein aussichtslos zu sein, dass wir uns z.B. um ein Ende der Kriege bemühen, allen Flüchtlingen ein neues zu Hause bieten, sämtliche Obdachlose beherbergen und vieles mehr. Wir sind ratlos und verzagen angesichts der Größe des Leids, das wir gerne bekämpfen und beenden wollen.

Und eine dritte Schwierigkeit besteht darin, dass wir uns beim Handeln in Schuld verstricken können, Fehler begehen und damit Unheil anrichten. Manchmal merken wir es wahrscheinlich gar nicht gleich, dass Menschen unter unserem Verhalten leiden. Es wird uns erst später bewusst, und dann schämen wir uns und haben ein ungutes Gefühl. Wenn es absichtlich geschieht, entsteht ein schlechtes Gewissen. Das können wir zwar verdrängen, aber das hilft nicht wirklich. Die Schuld bleibt da und wir können sie nicht rückgängig machen. Sie steht auf unserem „Schuldbrief“.

Und all das dürfen wir nicht verharmlosen. Hinter der Überforderung, dem Verzagen oder der Schuld verbergen sich dunkle Kräfte und Mächte, die nach uns greifen und das Leben schwer machen. Sie bedrohen uns und können uns sogar zerstören.

Und genau da setzt das Evangelium an. Es fordert nicht in erster Linie ein soziales Verhalten, sondern zunächst will es uns befreien und stärken. Nicht wir müssen etwas für Christus tun, sondern er hat etwas für uns getan: Die Macht des Bösen hat er besiegt, indem er alle unsere Schulden getilgt hat. Es gibt keinen „Schuldbrief“ mehr, auf dem steht, was wir zu tun oder was wir falsch gemacht haben. Deshalb kann auch niemand etwas von uns fordern oder uns in die Enge treiben. Anstatt selber aktiv zu werden, dürfen wir das als erstes glauben und uns darüber freuen. Wir sollen kein Programm abarbeiten, sondern etwas empfangen und etwas sein. Und zwar sollen wir Kinder Gottes sein, befreite Menschen, die keine Schulden mit sich herumtragen müssen und vor dem Untergang bewahrt werden.

Und das beginnt mit der Taufe und setzt sich im Glauben fort, oder auch umgekehrt. Ob wir als kleine Kinder, die noch nicht glauben, oder als Erwachsene getauft werden, die sich dafür entschieden haben, ist in diesem Zusammenhang nicht ausschlaggebend. Denn der Glaube und die Taufe gehören immer zusammen, ganz gleich, was zuerst da war.

Durch diese beiden Ereignisse gibt es etwas in unserem Leben, das uns auf verborgene Weise vor der Erschöpfung, dem Untergang und einer Verurteilung bewahren kann. Es gibt einen Sieg, in den wir hineingenommen sind. Was uns überfordert und ängstigt ist nicht die letzte Wirklichkeit, denn die wurde von Christus durchbrochen und überwunden. Wir müssen uns nur auf ihn gründen und bei ihm unser Heil suchen. Dafür ist es gut, wenn wir uns einfach nur vor Augen halten, was er für uns getan hat, und darauf vertrauen. Das ist unsere wichtigste Aufgabe als Christen. Es gibt einen, der uns in unserer Schwachheit beisteht, der uns annimmt, wie wir sind und uns all unserer Fehler vergibt. Durch seine Kraft sind wir immer wieder frei, wir können auftauchen, durchatmen und neu anfangen. Erst wenn das geschehen ist und wir aus der Vergebung heraus leben, ist unser Tun gesegnet und wir können anderen helfen. Es kann nur von innen heraus und mit der Kraft Christi gelingen.

Dieses Bewusstsein muss uns bestimmen, und zwar am besten jeden Morgen neu. Immer dann, wenn wir aus dem Schlaf erwachen, können wir auf Christus blicken und ihm vertrauen. Es ist eine gute Zeit, um sich die eigenen Grenzen bewusst zu machen, loszulassen und Buße zu tun, wenn es nötig ist. Dann empfangen wir für jeden Tag, die Kraft, die wir brauchen.

Das meint Luther mit dem „Ersäufen des alten Adam“. Und Luther hat sich dafür auch immer wieder an seine Taufe erinnert. Wenn er Anfechtungen erlitt, hat er laut zu sich selber gesagt: „Baptistus sum, ich bin getauft“, und schon war das Böse gebannt, er wurde ruhig.

Der bekannte evangelische Theologe und Schriftsteller Jörg Zink hat das ebenfalls einmal sehr schön formuliert. Er sagt:

„Ich bin getauft. Damit sage ich: Ich habe einen Vater Im Himmel. Ich darf jederzeit zu Ihm kommen. Das gilt, auch wenn Ich versagt habe. Das gilt, auch wenn Ich durch lange Zeit nichts von Ihm habe wissen wollen.
Ich habe Geschwister auf dieser Erde. Das sind alle getauften Menschen, die in der Gemeinde zusammenkommen, auch wenn sie genauso oder schlimmer als ich versagen. Ich gehöre zur Familie der Kinder Gottes.
Das Böse hat keine endgültige Macht über mich, denn Jesus Christus hat es für mich überwunden. Keine Schuld hat mehr so viel Macht, dass sie mir die Heimkehr zu Gott versperren könnte.
Der Tod wird mich nicht festhalten. Christus ist aus dem Tod auferstanden, und so wird er auch mich durch den Tod hindurch geleiten und zu einem neuen Leben führen.“

Amen.

Der Herr macht lebendig

Predigt über 1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a: Der Lobgesang der Hanna

Ostersonntag, 1.4.2018, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a

1 Und Hanna betete und sprach:
Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,
mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,
denn ich freue mich deines Heils.
2 Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner,
und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
6 Der HERR tötet und macht lebendig,
führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
7 Der HERR macht arm und macht reich;
er erniedrigt und erhöht.
8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setze unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse.

Liebe Gemeinde.

Es gibt in Deutschland 1,5 bis 2 Millionen Paare, deren Wunsch nach einem Kind unerfüllt bleibt. Sie wollen eins, doch es klappt nicht, und darunter leiden sie oft erheblich. Die Lebensplanung droht zu scheitern, und der Sinn des Lebens verschwindet ebenso. Dazu kommen Vorurteile, mit denen sie konfrontiert sind, wie etwa, dass sie krank oder egoistisch sind. Bei jedem misslungenen Versuch, schwanger zu werden nehmen der Stress, die Enttäuschung und auch die Traurigkeit zu.

Es gibt deshalb viele Hilfen für die Betroffenen. Hier in Kiel ist z.B. das „Kinderwunschzentrum“ der Uniklinik ein Angebot, aus diesem Leiden herauszukommen. Es möchte den Eltern „helfen, ihr Glück zu finden“. Ständig werden die Methoden in Diagnostik und Therapie verbessert. Dazu kommt eine persönliche Betreuung, in der auch emotionale und intime Fragen einer Paarbeziehung besprochen werden. Das Zentrum blickt bereits auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurück, und es ist nicht das einzige in Deutschland. Auch in anderen Arztpraxen, bei Hebammen, im Internet und vielen weiteren Foren gibt es Hilfsangebote.

Den Frauen in biblischen Zeiten ging es in dieser Beziehung anders. Sie machten meistens Gott dafür verantwortlich, wenn sie kinderlos blieben, bzw. wenn sie dann doch schwanger wurden. Gott hat die Macht, den Mutterleib zu schließen oder zu öffnen, das war der Glaube. Er kann also auch die Unfruchtbare „zu Ehren bringen, dass sie eine fröhliche Kindermutter wird“, wie es in Psalm 113 heißt. Und es gibt mehrere Geschichten über Frauen, die unerwartet schwanger wurden.

Zu ihnen gehörte auch Hanna, deren Loblied wir vorhin gehört haben. Ihr Mutterschoß galt als „verwelkt“ oder „vertrocknet“. Sie bekam keine Kinder. Darüber war sie sehr traurig, obwohl ihr Mann sie liebte und trotzdem zu ihr hielt. (1. Samuel 1) Nur von seiner zweiten Frau – so etwas war damals erlaubt – wurde sie „gekränkt und gereizt“, den die bekam Kinder. Die Geschichte erzählt nun, wie Hanna eines Tages im Tempel betete und dem Herrn ein Gelübde machte: Sie bat Gott darum, sie anzusehen, an sie zu denken, ihr Elend zu beenden und ihr einen Sohn zu schenken. Sie versprach, dass sie ihn dann „dem HERRN geben würde sein Leben lang“.

Und diese Bitte hat Gott erfüllt. Er hat ihren Schoß zum Leben erweckt und sie fruchtbar gemacht. Hanna wurde schwanger und gebar einen Sohn. Sie nannte ihn Samuel und hielt ihr Versprechen: Als er entwöhnt war, brachte sie ihn in den Tempel, „weil er vom HERRN erbeten war“ (1. Samuel 1, 28). Dort wuchs er unter der Obhut des Priesters auf. Er wurde ein heiliger Mann und ein großer Prophet, der später die ersten Könige Saul und David salbte.

Für Hanna war das Geschenk Gottes wie eine Auferstehung von den Toten. Die Unfruchtbare gebar neues Leben und hatte Teil an der Schöpferkraft Gottes. Das kommt in ihrem Lied zum Ausdruck, und deshalb lesen wir es heute, am Tag der Auferstehung Jesu Christi. Der entscheidende Vers lautet: „Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“

Hinter dieser Aussage steht eine ganz bestimmte Vorstellung der Israeliten. Sie gehen davon aus, dass es unter der Erde ein Reich der Schatten gibt, einen tiefer gelegenen Ort, an dem alle Tätigkeit aufhört, und wo Gott nicht mehr gepriesen wird. Die Toten kommen dorthin und warten bis zum jüngsten Tag auf ihre Befreiung. Das hebräische Wort für dieses Totenreich lautet „Scheol“. Im Alten Testament ist oft davon die Rede, dass Gott die Menschen dort hinab bringt, sie hinabsteigen lässt, weil sie gesündigt haben.

Den Glauben, dass Gott die Toten dort vor dem jüngsten Tag auch wieder herausholt, den finden wir im Alten Testament jedoch nur selten. Hanna singt das, denn das war ihre Erfahrung: Gott lässt die Toten auch wieder aufsteigen, er führt sie aus dem Scheol herauf. So hat Hanna ihr Schicksal erlebt, und auch anderen ergeht es ihrer Meinung nach ähnlich. Sie nennt noch zwei weitere Beispiele: Gott macht arm und wieder reich, er erniedrigt und erhöht. „Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche“, singt sie. Denn so hat sie sich gefühlt. Diese wunderbare Wende hat Gott ihr geschenkt.

Deshalb ist sie überglücklich, damit fängt ihr Lied ja an: In der Seele und im Geist ist sie erfüllt mit Freude und Jubel. Sie kann wieder aufrecht gehen und ihr Gesicht zeigen. Sie kann ohne Furcht von Gott erzählen. Alle sollen ihre Worte vernehmen. Denn sie ist davon überzeugt, dass sie ihr Glück Gott zu verdanken hat. Er ist der Mächtigste im Himmel und auf Erden, in der Tiefe und in der Höhe. Das ist das Lied der Hanna, und es bezeugt sehr schön den Glauben an die Auferstehung.

Und das ist gut, denn wir fragen uns heutzutage, worin der bestehen kann. Wir sind zwar Christen, und eigentlich ist Ostern unser zentrales Fest, aber inzwischen können viele damit nichts mehr anfangen. Sie können sich nicht vorstellen, was da am Ostermorgen wirklich geschah. Ist Jesus tatsächlich von den Toten auferweckt worden? Dagegen gibt es viele Einwände: Das kann doch nicht sein und wirkt fast so ein bisschen gruselig. Und was soll diese Botschaft überhaupt? Sie passt nicht in unser neuzeitliches, aufgeklärtes Denken. Selbst Umschreibungen, wie etwa die, dass „das Leben gesiegt hat“, helfen uns nicht, denn davon merken wir nichts.

Es gibt den Tod und viel Elend. Das Leben setzt sich lange nicht überall durch, auch dann nicht, wenn wir an an Jesus Christus glauben. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist dafür nur ein Beispiel. Dazu gibt es noch viele andere Ereignisse, die uns an der Macht Christi zweifeln lassen, weil sie unsere Lebensplanung durchkreuzen, uns ins Leiden stürzen und uns unglücklich machen. Ehen gehen auseinander, Konflikte machen uns zu schaffen, Angehörige sterben usw. Da hilft es auch nicht, wenn uns verkündet wird, dass Jesus auferstanden ist und den Tod überwunden hat. Es klingt wie ein Märchen aus fernen Zeiten, das mit unserem Leben nichts zu tun hat.

Doch das muss nicht so bleiben. Es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen der Botschaft von der Auferstehung und unserem Leben heute. Sie hat nach wie vor Gültigkeit und ist wahr, wir müssen nur anders da heran gehen, als mit unserem Verstand oder unseren Erfahrungen.

Und zwar ist es gut, wenn wir zunächst in unser Leben schauen und uns klar machen, worin die tiefste Ursache für all unsere Wünsche liegt. Letzten Endes sehnen wir uns ja immer nach irgendetwas. Wenn ein Wunsch erfüllt ist, kommt meistens schon der nächste. Ganz ruhig und zufrieden sind nie. Ist das lang ersehnte Kind z.B. da, ist meistens noch lange nicht alles gut, sondern dann kommen neue, ganz andere Probleme. Viele Eltern fühlen sich am Anfang überfordert, denn ein Säugling verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie müssen Opfer bringen. Und wenn die Kinder dann älter werden, läuft es nur selten nach dem Wunsch von Mutter und Vater. Spätestens in der Pubertät kommen Schwierigkeiten, denn die Kinder gehen ihre eigenen Wege. Die Eltern müssen sie loslassen. Und leider bleibt so mancher Konflikt, der dabei entsteht, ein Leben lang da und überschattet das Verhältnis dauerhaft.

Der Wunsch nach Glück und Ruhe, nach Zufriedenheit und Geborgenheit, menschlicher Nähe und Liebe ist also keinesfalls weg, wenn wir versuchen, all das selber herzustellen. Er wird nie ganz erfüllt, ganz gleich, was wir machen. Und das müssen wir ernst nehmen. Uns werden zwar viele Angebote gemacht, wie wir heutzutage unsere Fragen beantworten und unsere Probleme lösen können, aber sie gehen meiner Meinung nach nicht an die Wurzeln. Natürlich helfen die Ratgeber, Bücher, Internetseiten, Therapeuten und Philosophen, denn sie alle denken darüber nach, wie unsere Sehnsucht nach Glück gestillt werden kann. Viele Antworten, die wir dort finden, sind durchaus brauchbar. Trotzdem sollten wir tiefer bohren und den Wunsch nach Ruhe und Glück einmal an sich – als solchen – betrachten.

Ich denke nämlich, dass sich darin letzten Endes die Sehnsucht nach Gott verbirgt. Unser tiefstes Verlangen bleibt oft ungestillt, weil wir auf noch viel mehr angelegt sind, als nur auf das irdische Dasein. Wir stecken in dem Dilemma, dass wir hier auf der Erde leben und eines Tages sterben werden. Alles vergeht, und deshalb kann es uns nicht genügen. Denn in Wirklichkeit sind wir für die Ewigkeit geschaffen. „Gott hat uns zu sich hin geschaffen“, wie Augustin gesagt hat, „und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in ihm.“ Wir sollten deshalb die letzte Erfüllung von vorne herein bei Gott suchen. Nur er kann uns eine Antwort auf die tiefsten Fragen geben, die wir haben, weil sie immer über dieses Leben hinaus gehen. Alles andere verfliegt irgendwann, nichts lässt sich festhalten, und auch das Leid wird deshalb nicht aufhören.

Auf diesem Hintergrund gewinnt die Botschaft von der Auferstehung ihre Bedeutung. Denn damit hat Gott uns eine Antwort gegeben, die alles einschließt, auch das Sterben und den Tod, das Leid und die Sehnsucht. Wir müssen uns nur darauf einlassen.

Es ist deshalb gut, wenn wir mit allem, was uns bewegt und was wir uns wünschen, zunächst zu Gott gehen, so wie Hanna das gemacht hat. Sie hat ihr Herz vor ihm ausgeschüttet, und ihr Glück bestand nicht nur darin, dass sie schwanger wurde. Sie preist Gott hauptsächlich dafür, dass er sie überhaupt gehört hat. Sie hat in der Beziehung zu Gott ihr Glück gefunden. Deshalb hat sie ihr Kind auch ihm geschenkt. Sie hat es nicht als ihr Eigentum betrachtet, sondern es in die Obhut des Priesters gegeben, als es entwöhnt war. Sie zeigt uns also, dass sie im Glauben und im Gebet ihre wahre Ruhe gefunden hat.

Und das kann auch uns so gehen, denn Gottes Macht ist grenzenlos, das wird uns zu Ostern verkündet. Die Auferstehung Jesu ist kein historisches Ereignis, sie geschieht vielmehr immer wieder und zwar da, wo Menschen sich darauf verlassen, dass Jesus lebt. In seiner Gegenwart können wir ruhig werden. Er schenkt uns eine Erfüllung und Hoffnung, die weiter geht, als alles andere. Wir können Ostern nicht mit dem Verstand begreifen, aber wir können von Ostern her leben. „Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.“ So fordert uns Joachim Neander mit dem Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ (Evangelischesw Gesangbuch Nr. 317) zum Glauben auf. Wenn wir tun, was er sagt, merken wir, dass die Botschaft von der Auferstehung wahr ist.

Denn es geschieht etwas in uns und in unserem Leben. Alles, was nicht Gott ist, wird nämlich zweitrangig. Wir erkennen die Grenzen unserer Möglichkeiten und können sie annehmen, und wunderbarer Weise ergibt sich durch dieses Bewusstsein vieles von allein. Wir erfahren, dass uns plötzlich auch bei irdischen Problemen geholfen wird, ohne dass wir viel dafür tun. Es kann z.B. sein, dass Eltern, die sich immer ein Kind wünschten, es erst dann bekamen, nachdem sie diesen Wunsch losgelassen hatten. Im Nachhinein merken sie, dass sie sich selber im Weg gestanden hatten. Die Fixierung auf dieses eine Problem hatte alles verhindert. Sie waren verspannt und unbeweglich geworden. Erst nachdem sie diese Haltung aufgegeben hatten, konnte das neue Leben entstehen. Und so ist es in vielen anderen Situationen auch. Wenn wir unsere Wünsche loslassen und uns entspannen, werden wir plötzlich geführt. Und das geht am besten im Vertrauen auf Gott und seine lebensschaffende Kraft, wenn wir uns ihm hingeben und uns für seine Gegenwart öffnen. Dann kommen seine Möglichkeiten zum Zuge, und er kann an uns handeln: Er „erhält uns, verleiht uns Gesundheit und geht freundlich mit uns um“. Wir können die Erfahrung machen, dass „der gnädige Gott seine Flügel über uns ausbreitet“. Das bezeugen alle Menschen, die auf Gott und die Auferstehung Jesu Christi vertraut haben. Nicht umsonst ist das Lied, aus dem auch dieser Satz stammt, eins der bekanntesten Kirchenlieder geworden und es ist schön, wenn wir Gott damit immer wieder für seine Allmacht und Schöpferkraft loben.

Amen.

Jesus hat sich für uns geopfert

Predigt über Hebräer 9, 15. 26b- 28: Das einmalige Opfer Christi

Karfreitag, 30.3.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Hebräer 9, 15. 26b- 28

15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
26b Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht:
28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Liebe Gemeinde.

Für ihre neugeborenen Kinder bringen Eltern viele Opfer: Sie verzichten auf Schlaf und Freizeit, gemeinsames Ausgehen, Ruhe und Stunden der Muße. Doch die meisten tun das zum Glück ganz selbstverständlich. Das Verantwortungsbewusstsein und die Freude an dem Kind ermöglichen es ihnen, so dass sie es vielleicht noch nicht einmal als ein Opfer empfinden. Es gehört eben dazu, und das ist gut so. Wie es überhaupt ein Glück ist, dass die Aufopferung als eine Möglichkeit in unserem sozialen Verhalten angelegt ist. Wir dienen und helfen dadurch den Schwächeren und Bedürftigen, ohne dafür etwas zu verlangen, und das ist oft lebensnotwendig.

In der Antike gibt es dafür das Bild des Pelikans. Das geht auf eine Legende zurück, die von einer Hungersnot für Menschen und Tiere handelt. Als die Pelikanküken zu verhungern drohten, riss sich das Elterntier die Brust auf, um seine Nachkommen mit dem eigenen Blut zu nähren. Die Kinder überlebten und das Elterntier starb. Tatsächlich färbt sich beim Krauskopfpelikan während der Brutzeit das Gefieder im Kehlbereich rot, was sicherlich die Erklärung für diesen Mythos liefert.

Im Christentum ist der Pelikan, der sein Blut spendet, ein Symbol für Jesus Christus geworden. Er hat sich geopfert, damit wir leben können. Es gibt viele Bilder, die den Pelikan und seine Jungen zeigen und damit Jesus Christus meinen. (Beispiel: Grabmal von E. Vogel)

Und das entspricht durchaus dem Neuen Testament. Da finden wir an mehreren Stellen die Deutung des Todes Jesu als ein Opfer. Besonders stark vertritt der Hebräerbrief diese Theorie. Kapitel neun und zehn handeln davon. Wir haben vorhin einen Abschnitt daraus gehört, den wir heute bedenken wollen.

Wer den Hebräerbrief geschrieben hat, wissen wir nicht genau, der Verfasser wird nicht namentlich genannt. Aber es ist klar, dass es sich um einen gebildeten Menschen handelte, der im jüdischen Denken zu Hause war, denn er deutet das Christusgeschehen streng vom Alten Testament her. So will er mit Hilfe der Bibel belegen und beweisen, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der die Menschen erlöst und die Welt rettet. Auch die Empfänger des Briefes waren mit dem jüdischen Denken vertraut. Sie kannten die Bibel und den Kultus.

Dazu gehörte eine umfangreiche Opferpraxis, die im Tempel von Jerusalem vollzogen wurde. Dort brachten die Priester nach bestimmten Vorschriften regelmäßig Tiere und Speisen dar, um Gott zu versöhnen, ihm zu danken und zu loben oder um ein Gelübde abzulegen. Das kannten die Adressaten des Hebräerbriefes und so verstanden sie, was der Schreiber meinte, wenn er sagt: „So ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen.“ Der Verfasser reiht den Tod Christi in die Opfer ein, die die Juden darbrachten.

Er betont allerdings gleichzeitig, dass es mit diesem Opfer eine besondere Bewandtnis hat. Der Tod Christi ist eine große Wendemarke. Die Welt steht seitdem in einem neuen Licht, denn sein Opfer geschah „ein für alle Mal am Ende der Welt. Die Sünden sind damit beseitigt.“ So formuliert der Briefschreiber es hier. Die Lebenshingabe Jesu ist für ihn so etwas wie ein großer Versöhnungstag in der Menschheitsgeschichte.

Der Hebräerbrief stellt also die bisherige religiöse Opferpraxis der Juden in Frage, denn mit dem Tod Christi hat Gott selbst sich in Jesus Christus als letztes und endgültiges Opfer dargebracht. Nicht mehr der Mensch muss sich oder etwas opfern, sondern Gott tut es aus Liebe zu den Menschen. Er gibt sich unumkehrbar hin. So wird Jesus Christus „zu einem Mittler“ zwischen Gott und den Menschen. Er errichtet einen „neuen Bund, damit […] die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.“

Das sind die Aussagen in unserem Predigttext, und natürlich kennen wir die alle so oder so ähnlich. In der Abendmahlsliturgie sind sie lebendig geblieben, in den Passionsliedern und auch im Denken vieler Christen. Trotzdem tun wir uns schwer damit. Die Deutung des Todes Jesu als eines Opfers bzw. Sühnetodes hat es heutzutage nicht leicht. Viele Theologen lehnen das inzwischen ab. Sie wollen nicht an einen Gott glauben, geschweige denn ihn lehren, der Blut sehen muss, damit er gnädig gestimmt wird. Sie halten diese Vorstellung für antiquiert und überholt. Sie finden sie abstoßend und unzeitgemäß. Viele Gläubige folgen dieser Meinung und sind froh, dass sie endlich öffentlich ausgesprochen wird.

Für andere dagegen ist gerade das der Kern unseres Glaubens. Wenn wir uns von der Lehre verabschieden, dass Jesus sich für uns geopfert hat, geben wir das Entscheidende auf. Wir verharmlosen seinen Tod, verleugnen die Wahrheit und versündigen uns am Evangelium. Vor ein paar Jahren hat dieser Streit sogar für Schlagzeilen gesorgt. Er wird oft verbittert geführt.

Aber ist das nötig? Ich denke, es gibt auch eine Brücke zwischen diesen beiden Positionen, und ich möchte einmal versuchen, sie zu bauen. Wir müssen die Gedanken des Hebräerbriefes nicht aufgeben, wenn wir einen milden und liebenden Gott suchen. Wenn wir tiefer in diese Vorstellungen eindringen, merken wir nämlich, dass sie gar nicht so blutrünstig sind, wie sie uns vorkommen. Lasst uns das deshalb tun und uns drei Dinge klar machen.

Zunächst einmal dürfen wir die Aussagen, die den Tod Jesu als einen Sühnetod beschreiben, gerne relativieren. Sie sind eine Interpretation des Kreuzes, es gibt schon im Neuen Testament noch viele andere. Ihren Grund haben sie alle darin, dass die ersten Christen das unfassbare Ereignis, dass Jesus am Kreuz gestorben ist, irgendwie verstehen wollten. So sagen die Evangelisten, dass es notwendig und von Gott gewollt war. Sie führen das nicht näher aus, es wird einfach nur festgestellt und reicht ihnen als Erklärung. (vgl. Lukas 24,26f) An anderen Stellen ist davon die Rede, dass wir erst durch den Sterben Jesu wirklich Gemeinschaft mit ihm haben. (vgl. Römer 6,1-10) Er ist durch diese tiefste Stufe des irdischen Lebens hindurch gegangen und lässt uns im Tod nicht allein. Mit ihm können wir deshalb selber unser Kreuz auf uns nehmen. (vgl. Matthäus 10,38f) Im Vertrauen auf seine Hingabe und seine Gegenwart können wir dem Tod ruhig entgegensehen. (vgl. 2.Timotheus 2, 11)

Die Vorstellung, dass er ein Opfer für Sünden ist, ist also nur eine Deutungsmöglichkeit. Sie hat sich – wie gesagt – aus der jüdischen Opferpraxis ergeben und lag für die Menschen damals nahe. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie sich im kirchlichen Denken und Handeln zwar in den Vordergrund gedrängt, aber wir dürfen sie getrost mit anderen Aussagen im Neuen Testament ausgleichen. Das schränkt sie ein und nimmt ihnen ihre Schärfe. Sie wird dadurch erträglicher. Das ist der erste Punkt.

Als zweites dürfen wir die sühnende Wirkung des Todes Jesu nicht als einen blutrünstigen Akt Gottes denken. Wir geben Gott damit in unserer Phantasie viel zu menschliche Züge. Die Beziehung zwischen ihm und Jesus ist nicht genauso, wie zwischen einem menschlichen Vater und seinem Sohn. Wir beschreiben mit diesem Bild vielmehr etwas, das wir in Wirklichkeit gar nicht begreifen können. Es gibt nicht umsonst schon im Neuen Testament viele Aussagen darüber, dass die Herkunft Jesu außerhalb der Zeit liegt, und dass er und Gott in Wirklichkeit eins sind. Die Kirche hat das mit theologischen Formeln ausgedrückt, wie z.B. im nizänischen Glaubensbekenntnis: Der zweite Artikel über Jesus Christus beginnt dort folgendermaßen: „Wir glauben an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.“ An diesen Worten ist erkennbar, dass sich hinter dem Leben Jesu und in seiner Person ein großes Geheimnis verbirgt. Wenn er stirbt, stirbt Gott selber, das ist in unserem Zusammenhang das entscheidende Bekenntnis. Gott hat sich selber zum Opfer gemacht. Er wurde schwach und hat sich dem Tod unterworfen. Wir sehen in dem Kreuz Jesu also in erster Linie die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen. Er gibt sich selber hin, damit wir leben. Und damit beendet er die ganze bis dahin gültige Opferpraxis. Sie wird ein für alle Mal abgeschafft und ist nicht mehr nötig. Wir haben durch seine Selbsthingabe einen freien Zugang zu ihm. Das ist der zweite Punkt.

Und als drittes ist der Tod Jesu nie ohne seine Auferstehung zu denken. In ihm bahnt sich schon das neue Leben an. So wie in der Natur jedes Opfer dem Leben dient, so ist es auch mit dem Tod Jesu. Wenn wir beobachten, wie z.B. Vögel ihre Jungen aufziehen, bekommen wir davon eine Ahnung. Unermüdlich sind sie auf Nahrungssuche. Ihre ganze Zeit und Kraft, ja ihr gesamtes Dasein opfern sie dafür, dass der Nachwuchs leben kann. Millionenfach spielt sich dieser Vorgang in der Schöpfung ab. Ohne ihn wäre alles dem Untergang geweiht. Unsere Welt lebt davon, dass Opfer gebracht werden. Auch dieser Gedanke mildert den Schreck, den wir empfinden, wenn wir den Tod Jesu da einreihen. Er schafft neues Leben, wir „empfangen das verheißene ewige Erbe.“

Mit diesen drei Argumenten können wir vielleicht doch mit den Aussagen unseres Predigttextes etwas anfangen. Es wäre auch schade, wenn wir sie bei Seite tun, denn dann verlieren wir eins der großen Geheimnisse unseres Glaubens. Es lohnt sich vielmehr, wenn wir versuchen, ihre Wahrheit zu entdecken.

Und dazu ist es gut, wenn wir zunächst einmal ehrlich sind und zugeben, dass es das Böse in der Welt gibt. Wir dürfen es nicht unterschätzen. Das war es ja, was Jesus am Kreuz durchlebt hat: Seine Widersacher waren im Unrecht und luden schwere Schuld auf sich. Und so etwas geschieht immer noch überall. Niemand von uns ist davon frei. Die Sünde greift nach uns, sie spielt sich oft auf, will uns beherrschen und unser Leben zerstören. Jeder Konflikt ist dafür ein Zeichen, jede Schwäche, jede Unvollkommenheit. Wir machen alle Fehler und tragen dazu bei, dass das Leben manchmal dunkel und rau ist. Auch vor Gott können wir nicht bestehen, denn er hat sich das alles eigentlich ganz anders gedacht. Das sollten wir zugeben und „beweinen“, wie es in einem Passionslied von 1530 heißt. Sebald Heyden dichtete es. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 76) Er bezeichnet unsere Sünden als eine „schwere Bürde“, die wir aus eigener Kraft nicht loswerden können. Wenn wir die Wirkung des Kreuzes Jesu entdecken und erfahren wollen, müssen wir uns das als erstes eingestehen.

Dann sind wir nämlich froh, dass Jesus Christus sich geopfert hat, um uns schwachen und bedürftigen Menschen zu dienen. Er hat unsere Not gewendet, denn hinter seinem Tod verbirgt sich seine unendliche Liebe, und wir sind eingeladen, uns darauf einzulassen. Auch wenn das Kreuz Jesu ein großes Ärgernis ist, sollten wir dem nicht ausweichen. Denn es stellt eine Zeitenwende dar, ein universales Geschehen, das für die ganze Welt von Bedeutung ist. Es beinhaltet, was mit der Liedzeile zum Ausdruck kommt: „Den Toten er das Leben gab und tat dabei all Krankheit ab.“

Wenn wir darauf vertrauen und unsere Bedenken begraben, merken wir, dass eine geheimnisvolle Kraft vom Kreuz ausgeht. Wie das Blut des Pelikans die Jungen nährte, so fließt uns vom Kreuz die Liebe Gottes zu. Unsere Sünden werden weggespült, unsere Schwachheit wird überwunden und das Böse in uns wird vertilgt. Uns wird durch das Kreuz Vergebung und Heil geschenkt. Das Dunkel lichtet sich, Ängste verschwinden und neues Leben entsteht. Wir „empfangen das verheißene ewige Erbe“ wie es in unserem Textabschnitt heißt, d.h. wir gewinnen selber Anteil an der neuen Zeit, die Christus heraufgeführt hat. Wir erben den Himmel und werden mit unendlicher Liebe erfüllt.

Und das heißt, dass nicht nur für uns persönlich in unserem Inneren neue Möglichkeiten erwachen, wir können die Liebe, die wir empfangen, auch anderen Menschen weitergeben. Wir werden selber zum Opfer fähig und können jedem und jeder, die es nötig hat, zeigen, was uns geschenkt wurde. Wir brauchen dafür keinen Lohn, weil wir im Vertrauen auf Jesus immer wieder mit der Kraft versorgt werden, die wir dazu brauchen.

„So lasst uns nun ihm dankbar sein, dass er für uns litt solche Pein, nach seinem Willen leben.“

Amen.

Lasst uns mit Jesus ziehen

Predigt über Jesaja 50, 4- 9: Der Knecht Gottes im Leiden

6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 25.3.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 50, 4- 9

4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 
5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Liebe Gemeinde.

In Deutschland ist das Demonstrationsrecht im Artikel über die Versammlungsfreiheit im Grundgesetz verankert, und das ist gut. Denn mit einer Demonstration äußern Menschen in der Öffentlichkeit ihre Meinung und bewegen etwas. Die Formen, Anlässe und Themen für die Versammlungen sind dabei sehr unterschiedlich. Es gibt Kundgebungen gegen die Regierungspolitik, Märsche für Frieden, Mahnwachen für gewerkschaftliche Ziele und vieles mehr. In der letzten Zeit wurde hauptsächlich über Kurden berichtet, die hier in Deutschland gegen die türkische Militäroffensive in Syrien demonstrieren.

Zum Glück verlaufen die Proteste meistens friedlich. Es gibt ja leider auch das Gegenteil, dass Demonstrationen in Gewalt ausarten. Doch damit werden sie eigentlich ad absurdum geführt, denn dann haben sie keinerlei positive Wirkung mehr. Im Gegenteil, man hätte sich das alles auch sparen können. Niemand nimmt das Anliegen mehr ernst, die Zerstörungswut siegt und das ist traurig.

Am Passahfest in Jerusalem vor ungefähr 2000 Jahren geschah so etwas Ähnliches. Jesus war in die Stadt gekommen, und sein Einzug glich einer spontanen Demonstration. Die Menschen versammelten sich und begleiteten ihn. Sie „nahmen Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“ „Alle Welt lief ihm nach.“, wie die Pharisäer voller Ärger feststellten. (Johannes 12, 12-19) Der Einzug glich einem Friedensmarsch mit einer Kundgebung.

Doch nicht lange danach kippte die Stimmung. Vor dem Statthalter Pilatus entstand ein „Getümmel, das immer größer wurde und das Volk schrie: Lass ihn kreuzigen!“ (Matthäus 27, 22-25) Dazu ist es dann auch gekommen. Der friedliche Einzug war in Gewalt ausgeartet, die am Ende sogar zu einem Todesurteil führte. Ist der Einzug Jesu in Jerusalem deshalb nicht eher ein negatives Beispiel für eine Demonstration? Hat diese Geschichte überhaupt eine Bedeutung, wenn sie kurz danach sozusagen widerlegt wurde?

Das müssen wir uns fragen, und darauf gibt uns der Abschnitt aus dem Alten Testament, den wir gehört haben, eine Antwort. Denn wir können ihn auf Jesus übertragen. Dann erfahren wir, wofür er demonstriert hat und dass er trotz der offensichtlichen Niederlage doch einen Sieg errungen hat.

Der Text steht bei dem Propheten Jesaja, und es ist das dritte von vier sogenannten „Gottesknechtsliedern“. (Jesaja 42,1-4; 49,1-6; 50,4-9; 52,13-53,12) Sie handeln alle von einem Menschen, den Gott für einen besonderen Auftrag auserwählt hatte: Seine Aufgabe war es, die Müden aufzurichten, die Gefangenen zu befreien, Israel zu sammeln und den Heiden das Licht zu bringen. Gott gab ihm dafür seinen Geist und verlieh ihm eine besondere innere Kraft. Die brauchte er auch, denn er wurde nicht von allen geliebt. Anfeindungen kamen auf ihn zu, er wurde verfolgt und gedemütigt. Ihm wurde großes Unrecht angetan, und er geriet in schweres Leid. Allerdings hat er sich dagegen nicht gewehrt. Er nahm die Schmähungen und die Ungerechtigkeit vielmehr auf sich. Er litt und war gehorsam.
Das erfahren wir im dritten Lied, und im vierten steigert sich das noch.

Doch von wem redet der Prophet hier eigentlich? Das ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es kann sein, dass er sich selber meint, vieles in unserem Text lässt darauf schließen. Seine Worte beschreiben jedenfalls genau das Prophetenamt, denn sein Dasein ist vom Hören und Reden bestimmt. Er muss Morgen für Morgen sein „Ohr wecken“, es immer wieder neu von Gott öffnen lassen, um dann den Müden eine Antwort geben zu können. Er ist wie ein „Jünger“, der gehorcht und seinen Auftrag ausführt. Auch die Anfeindungen und Schmähungen passen dazu, denn das erlebten die Propheten in Israel nicht selten. Sie erlitten oft Schläge und Beschimpfungen, Spott und Hohn.

Doch hier liegt darüber erstaunlicher Weise keine Klage vor. Der Prophet hält trotz allem an Gott fest und bleibt ihm treu. Er nimmt das Leid an und bekennt seine Zuversicht. Er glaubt sogar, dass Gott selber das Leiden und den Gehorsam seines Dieners will. Und seine Hoffnung besteht darin, dass Gott ihm eines Tages helfen wird. Er weiß, dass er von Gott Recht bekommt und niemand ihn verderben kann. Er bekennt: „Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?“ Seine Gegner fühlten sich zwar als die Sieger, aber das störte ihn nicht. Seine Gewissheit ging über das Geschehen hinaus. Sie wies in eine andere Zeit, in die Zukunft und in eine neue Wirklichkeit. In ihr werden die Gegner sterben und vergehen wie „Kleider, die von Motten zerfressen werden“.

Das sind die Worte Jesajas und es liegt nahe, dass die ersten Christen in dem Geschick dieses Mannes eine Vorhersage des Lebens Jesu sahen. Genauso ist es ihm ergangen: Er war von Gott gesandt und hat ihm bedingungslos gehorcht. Sein Ohr war offen für alles, was Gott ihm sagte. Die Müden hat er aufgerichtet und allen hat er das Wort Gottes verkündet. Trotzdem wurde er von seinen Gegnern überwältigt und geriet in schweres Leid. Doch das war nicht das Ende. Durch seinen Gehorsam ist er vielmehr stark geworden, er hat eine Hilfe erfahren, die über alles Menschliche hinausgeht. Denn Gott war bei ihm, ja in ihm, und er hat ihm einen Sieg geschenkt, der sogar den Tod einschließt.

Die Gewalt hat also nicht das letzte Wort behalten. Jesus hat sie durch seinen Gehorsam und seine Hingabe außer Kraft gesetzt. Er blieb auch im Tod der Friedenskönig als den die Menschen ihn bei seinem Einzug feierten. Es lohnt sich deshalb immer noch, ihm nachzufolgen, sich zu ihm zu bekennen und ihn vor aller Welt zu loben und zu preisen.

Doch was heißt das nun? Sollen wir unseren Glauben öffentlich demonstrieren, so wie das in dieser Begebenheit spontan geschah? Das hieße dann, dass wir uns als Christen zeigen, uns zu Fragen des gesellschaftlichen Geschehens äußern und Stellung beziehen. Sollen wir sozusagen mit Jesus protestieren? Viele Christen tun das. Sie versuchen, etwas in der Welt zu verändern, dem Unrecht zu wehren und den Frieden voran zu bringen. Jesus hat es uns schließlich vorgelebt.

Doch das sind nicht alle. Vermutlich genauso viele Christen denken: Wir können nichts ausrichten, es ist zwecklos, der Gewalt, die vieler Orts geschieht, Einhalt gebieten zu wollen. Demonstrationen richten ja schon nicht besonders viel aus, wie sollten wir als Christen dann in der Lage sein, etwas zu verändern? Gottesdienste, Gebete, Lieder und Psalmen sind doch noch viel machtloser. Was bleibt uns also als wirksames Mittel?

Diese Frage stellen wir uns immer wieder, und viele Christen beantworten sie tatsächlich mit Resignation. Sie ziehen sich ins Private zurück und kümmern sich nicht mehr um das Unrecht, die Kriege, Konflikte und das Leiden der vielen Menschen, die davon betroffen sind. Sie lassen die Dinge laufen. Sie argumentieren, dass Jesus das doch auch getan hat. Er hat sich schließlich nicht gewehrt.

Doch so einfach ist es nicht. Wenn Jesus gescheitert und nur gestorben wäre, gäbe es den christlichen Glauben heute bestimmt nicht mehr. Es lag noch viel mehr in seinem Verhalten, das wir uns klar machen müssen. Denn er hat dem Unrecht standgehalten: Er bot seinen „Rücken dar denen, die ihn schlugen, und seine Wangen denen, die ihn rauften. Er verbarg sein Angesicht nicht vor Schmach und Speichel.“ Und das ist eine Form des öffentlichen Widerstandes. Jesus war geduldig und verlor nie seine Hoffnung. Er glaubte fest, dass „Gott der HERR ihm hilft“, und dass er „nicht zuschanden“ wird. Sein „Angesicht war hart wie ein Kieselstein.“ Und das hat er auch gezeigt. Er demonstrierte mit seinem Einzug in Jerusalem und mit seinem ganzen Leben, dass es den Frieden gibt. Er spürte, dass Gott ihm immer „nahe“ war und ihn „gerecht sprach“. Er blieb deshalb mutig und unbeugsam und wusste: Alle, die ihm Unrecht taten, würden eines Tages vergehen „wie Kleider, die die Motten fressen.“

Und das ist eine Einstellung, die auch wir uns aneignen können. Wir können Jesus nachfolgen und dabei seinen Geist empfangen, den Geist der Geduld und der Hoffnung, des Widerstandes und des Friedens. Und das hat durchaus eine gesellschaftliche Relevanz. Wenn wir diese Haltung einnehmen, bleibt unsere Überzeugung keine Privatsache. Denn das gilt immer für die ganze Welt.

Deshalb ist es auch wichtig, dass wir sie zeigen. Das ist das Thema der diesjährigen Fastenaktion, der wir uns in unseren Gemeinden angeschlossen haben. Sie steht unter der Überschrift „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen.“ (7 Wochen ohne, die Fastenaktion der evangelischen Kirche 2018, edition chrismon) Denn das gehört sich für Christen nicht. In dem Kalender, der dazu herausgegeben wurde, steht dazu ein sehr schöner Text von dem Theologen Fulbert Steffensky, über den es sich lohnt, nachzudenken. Er lautet: „Die Klarheit der Lebenswünsche und Lebensabsichten hängt auch davon ab, ob man ihnen eine Form und einen Gestus geben kann. Überall da, wo Menschen etwas leidenschaftlich wollen, werden die inneren Wünsche zur äußeren Figur, wird die Seele zu einer nach außen gesetzten Landschaft, in der sie sich wiedererkennt und gestärkt wird. Die richtigen Inhalte sind nicht genug. Man braucht die ständige Aufführung und Gestaltung dieser Inhalte. Sie werden gestärkt, indem man sie spielt und äußert.“ (Fulbert Steffensky, Das Haus, das die Träume verwaltet, Würzburg 1998, S. 98; im Fastenkalender am 17.3.)

Und das gilt auch für Christen. Es ist von großer Bedeutung, dass wir Jesus immer wieder öffentlich bekennen, „mit ihm ziehen“ (EG 384,1) und demonstrieren, wofür wir stehen. Sonst verkümmert unser Glaube. Er wird irgendwann kraftlos und die Hoffnung verschwindet mitsamt der Geduld.

Wir können das durchaus mit unseren Gottesdiensten tun, denn sie sind immer öffentlich. Auch Gespräche über den Glauben und Gebete sind eine gute Form des Bekenntnisses. Sie machen uns Mut und helfen, dass wir uns nicht beirren lassen. Wir bleiben aufrecht und zeigen Widerstand gegen zerstörerische Strömungen. Wir halten an der eigenen Überzeugung fest. Wir leben von innen heraus und setzen den negativen Kräften, die uns von außen bedrängen, etwas entgegen. Und dadurch wächst unser Glaube und bleibt lebendig. Dabei dürfen wir wissen, dass wir das Recht immer auf unserer Seite haben. Und wir haben Anteil an einem Sieg, der über diese Welt hinaus weist. Gott hilft uns und Christus selber ist dann bei uns. Unser Leben und Handeln sind ein Hinweis auf seine Gegenwart.

Natürlich ist es wichtig, dass wir realistisch bleiben und nicht gleich die ganze Welt retten wollen. Das schaffen wir in der Tat nicht. Aber vor Ort gibt es mit Sicherheit immer wieder Dinge, die wir benennen und auf die wir aufmerksam machen können. Wir müssen sortieren und auswählen, wo es sich am meisten lohnt. Doch wenn wir das tun, ist unserem Handeln und Reden, unserem Demonstrieren und unserem Widerstand auch Erfolg beschieden.

Wir müssen dafür gar nicht nur die Bibel lesen, es gibt genauso viele Beispiele in der Geschichte. Sie beweist, dass eine friedliche Demonstration durchaus etwas bringen kann. So hat etwa der Menschenrechtler Gandhi in Indien großes bewegt. Die Wende in Deutschland verlief friedlich, und alle Kriege der Menschheit waren irgendwann auch wieder zu Ende. Es kommt immer darauf an, wo wir hinschauen und wie wir die Welt sehen wollen.

Und das gilt auch für das Leben Jesu und seinen Einzug in Jerusalem. Es sah zwar so aus, als ob er am Ende verloren hat, aber das war ein Trugschluss. In Wirklichkeit hat er „gesiegt“ und er kann uns „Kraft und Mut“ geben. Er offenbart immer wieder „sein Recht und seine Herrlichkeit.“ So formulierte es 1798 der Pastor und Dichter Matthias Jorissen. (EG 286) Er konnte deshalb voll Zuversicht bleiben, denn er glaubte: „Bald schaut der ganze Kreis der Erde, wie unsers Gottes Huld erfreut.“ Und er ruft dazu auf: „rühm, Erde, Gottes Herrlichkeit!“ Lasst uns dieser Einladung folgen und immer wieder „frohlocken und jauchzen und unsern König anbeten.“

Amen.

Freude im Leid

Predigt über Philipper 1, 15- 21: Die Freude des Apostels am Evangelium

4. Sonntag der Passionszeit, 11.3.2018, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Philipper 1, 15- 21

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:
16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;
17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.
18 Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.
Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;
19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,
20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.
21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

 

Liebe Gemeinde.

Es gibt vier liturgische Farben zu den verschiedenen Festen und Zeiten des Kirchenjahres, in denen jeweils passende Paramente aufgehängt werden, vor dem Altar, am Lesepult und an der Kanzel. Jetzt sind sie violett, denn das ist die Farbe der Sammlung für die Buß- und Fastenzeiten. Ostern ist dann die Farbe Weiß dran, die als Innbegriff des Lichtes gilt. Wir nehmen sie für alle Christusfeste und besonderen Feiertage. Dann gibt es noch rot, die Farbe, die an die Liebe, das Feuer und das Blut erinnert und für die Feste des Heiligen Geistes und der Kirche vorgesehen ist. Und die vierte Farbe ist grün als Symbol für das Wachstum. Sie hängt hier in den Zeiten ohne besondere Feste.

Für den heutigen Sonntag, den vierten Sonntag der Fastenzeit steht nun im Sonn- und Feiertagskalender folgender Hinweis: „Wegen des freudigen Charakters des Tages kann das Violett zum Rosa aufgehellt werden.“ Rosa ist eine Mischfarbe aus viel Weiß und blaustichigem Rot. Es hat einen optimistischen, erfreulichen und positiven Charakter. Aber natürlich haben wir kein rosa Parament, denn wer schafft sich so etwas schon für einen einzigen Sonntag im Kirchenjahr an?

Trotzdem ist die Anweisung interessant. Sie besagt, dass es mitten in der Fastenzeit doch einen Grund zur Freude gibt.

Davon handelt auch der Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Philipper, der heute unser Predigttext ist. Paulus schrieb ihn aus dem Gefängnis, d.h. er hatte es gerade sehr schwer. Trotzdem ist er positiv und zuversichtlich. Den genauen Grund für die Inhaftierung des Paulus kennen wir nicht. Wir wissen auch nicht, in welcher Stadt er war, aber Paulus hat durch sein Handeln ja immer wieder sowohl Juden als auch Römer provoziert und gegen sich aufgebracht. Er wurde während seiner Missionstätigkeit mehrere Male gefangen genommen. Das war ungerecht und bedeutete für Paulus Leid und Not. Doch er blieb innerlich guter Dinge und er beschreibt hier, wie das kam. Um das zu verstehen, ist es gut, wenn wir uns klar machen, wie sein Leben insgesamt aussah.

Er war ein Apostel, und zwar durch und durch. Gott hatte ihn berufen, das Evangelium zu verkündigen, und diesem Auftrag hatte er sich mit seinem ganzen Leben verschrieben. Deshalb sagt er auch: „Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, so freue ich mich darüber.“ Und er wusste: Seine Verhaftung änderte daran nichts. Sie war kein tödlicher Schlag gegen die Verkündigung des Evangeliums, wie seine Widersacher sich das gewünscht hätten. Im Gegenteil, die Verfolgung und das Martyrium der Apostel führten dazu, dass nun andere, auch ehemals Furchtsame den Mund öffneten und Christus vor aller Welt bekannten.

Selbst die Motive, die die einzelnen Prediger zur Christusverkündigung veranlassten, spielten seiner Meinung nach keine große Rolle, und die waren durchaus unterschiedlich. Die einen taten es „in guter Absicht“, „aus Liebe“ und Wahrhaftigkeit, andere aus persönlichem Ehrgeiz, Neid und Eigennutz. Aber das verurteilte Paulus nicht, weil er davon überzeugt war, dass Christus größer ist als seine Boten. Das Evangelium ist mächtiger als seine Verkündiger.

Die Gedanken von Paulus kreisen im Gefängnis also nicht um seine Person. Er spricht nicht von seiner Unschuld, seinem Recht und der Schlechtigkeit der anderen. All das liegt Paulus fern, denn er denkt nicht an sich, sondern an Christus und das Evangelium. Darum kann er sich freuen, selbst wenn man ihm die Gefangenschaft noch schwerer machen würde. Er bleibt trotz aller Not mit Gott verbunden und glaubt daran, dass auch das, was böse aussieht, sich für ihn zum Heil auswirkt.

Denn er vertraut auf Christus. Er wird sich selber durch Paulus verherrlichen, und es ist gleichgültig, ob Paulus dabei am Leben bleibt oder stirbt. Sollte er weiterleben, wird der Inhalt seines Daseins immer noch Christus sein. Sollte er sterben, wird auch dadurch Christus groß werden. Wichtig ist nicht, was aus ihm wird, wichtig ist allein der Triumph Christi in aller Öffentlichkeit.

Und dem hat Paulus sich gewidmet. Sein Leben wird also durch Leiden und Sterben nicht abgewertet, sondern im Gegenteil, es erfährt im Tod noch eine Steigerung, weil er dann Christus von Angesicht zu Angesicht schauen und für immer bei ihm sein wird. Deshalb kann er sagen: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“ Hinter dieser Aussage verbirgt sich keine Todessehnsucht, sondern das Geheimnis der Gegenwart Christi, die alles Irdische durchdringt und relativiert.

Das schreibt Paulus den Philippern, damit auch sie sich keine Sorgen machen, sondern sich mit ihm darüber freuen, dass „Christus verherrlicht wird an seinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.“ Er lädt sie zur Freude über das Heil ein, zu dem seine Gefangenschaft „ausgehen wird durch den Beistand des Geistes Jesu Christi.“

Und diese Einladung gilt auch uns. Es gibt eine Freude im Leid, ein Licht, das die Dunkelheit aufhellen kann. Und das ist gut, denn auch unser Leben ist oft dunkler, als wir es uns wünschen. Wir sind zwar nicht im Gefängnis, aber gefangen sind wir trotzdem oft. Das kann z.B. durch eine Krankheit geschehen. Sie fesselt uns ans Bett oder an das Haus, schränkt uns in unseren Möglichkeiten ein und nimmt uns unsere Freiheit. Dazu kommt die Sorge, wie es wohl weiter gehen wird, ob das Leben jemals wieder so wird, wie es einmal war und wie wir es uns vorstellen. Denn viele Krankheiten sind chronisch oder unheilbar, sie werden im Laufe der Zeit schlimmer und schränken uns immer weiter ein.

Genauso ist es mit dem Älterwerden. Davor haben die meisten Menschen Angst, denn es bringt unausweichlich einen Abbau der körperlichen Fähigkeiten mit sich, Verschleißerscheinungen treten auf, Verfall und am Ende möglicherweise ein Siechtum. Es bedeutet Schwäche, Abschied und oft auch Einsamkeit.

Und diese Zustände des Alleinseins und der Kraftlosigkeit kennen wir alle. Sie können auch eintreten, wenn wir gar nicht selber von Krankheit betroffen sind, sondern ein Mensch in unserer Nähe, unser Partner, Kinder, Eltern, gute Freunde. Wenn sie alt und krank werden, erschüttert uns das ebenso.

Wir müssen feststellen, dass das Leben sich manchmal verdüstert. Sorgen und Ängste drücken uns nieder, wir verlieren den Mut, empfinden keine Freude mehr und sehen keine Zukunft. Insofern können wir uns mit dem, was Paulus sagt, ruhig beschäftigen, es passt auch in unser Leben. Was die Überwindung von persönlichem Leid betrifft, so können wir viel von ihm lernen. Lassen Sie uns also fragen, welche Schritte Paulus innerlich gegangen ist.

Dabei fällt als erstes die Distanz auf, die Paulus zu seinem eigenen Schicksal einnimmt. Er identifiziert sich nicht mit dem, was er kann und will, auch nicht mit seiner gegenwärtigen Situation, sondern lässt es alles los. Er kann sich von seinen eigenen Vorstellungen, wie die Dinge zu laufen haben, verabschieden und darauf vertrauen, dass Gott trotzdem wirkt und handelt. „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.“ Das ist zwar ein volkstümlicher und vielleicht kindlicher Gedanke, aber genau das sagt Paulus sich hier. Und damit macht er sich unabhängig von den äußeren Gegebenheiten. Er zieht sein Wohlbefinden nicht daraus, dass er etwas kann und erreicht. Er wendet sich vielmehr nach innen und hält sich an die Allmacht und die Liebe Gottes.

Und das können auch wir tun, in jeder Situation. Lassen Sie uns unsere Einstellung zum Leben deshalb daraufhin einmal kritisch überprüfen. Oft sind wir nämlich auf das fixiert, was nicht mehr geht, auf unsre Lebensumstände und die Probleme, die auftauchen. Wenn wir Schmerzen haben, kreisen unsere Gedanken fast immer darum. Wir lehnen die Schwäche ab, vergleichen uns mit anderen oder mit dem, wie es uns früher ging, wehren uns gegen den Verlust und die Veränderung. Wir hadern mit dem Schicksal und verzagen, wenn es uns aus irgendwelchen Gründen schlecht geht, und dabei kann natürlich keine Freude aufkommen.

Doch es gibt auch die Möglichkeit, uns von all dem, was uns stört, innerlich zu lösen. Wir müssen nicht ständig über unsre Probleme nachgrübeln, schon gar nicht, wenn es sowieso keine naheliegende Lösung gibt. Dann ist es besser, wenn wir uns innerlich verabschieden und uns im Vertrauen üben.

Das bringen uns heutzutage ja sogar schon sogenannte Motivationstrainer und –trainerinnen bei. Auf der Homepage so eines Anbieters steht z.B. groß der Satz von Albert Einstein: „Die einzigen wirklichen Feinde des Menschen sind seine eigenen negativen Gedanken. Wenn Du ein glückliches Leben haben möchtest, dann knüpfe es an ein Ziel, nicht an Menschen oder Dinge.“ Wenn man sich zu einem Seminar unter diesem Motto anmeldet, wird einem gezeigt, wie man selbst sein Leben gestalten kann. Der Trainer motiviert zu mehr Zufriedenheit, einem ausgewogenem Lebensgefühl und dem Erreichen der eigenen Ziele. Dabei kommen verschiedene mentale Strategien und Übungen zum Einsatz. Man lernt z.B., in „seinem Gehirn zu Hause“ zu sein. Diesen Gedanken habe ich kürzlich in einem Roman gelesen. (Gavin Extence, Das unerhörte Leben des Alex Woods, Pößneck, 2013, S. 91)

Und all das ist auch schön und gut, es ist viel Wahres daran. Nicht umsonst haben solche Kurse einen großen Zulauf und stehen hoch im Trend. Wer will nicht zufrieden sein und alles schaffen? Doch genau da liegt auch der Schwachpunkt dieser Strategien. Sie dienen letzten Endes dem eigenen Erfolg und sind Methoden der Selbsterlösung. Sie sind auch immer irgendwie anstrengend. Und ob sie an den wirklichen Grenzen des Lebens noch helfen, wage ich zu bezweifeln. Es gibt nicht für alles eine psychologische Lösung. In bestimmten Situationen versagen unsere eigenen Kräfte, unser Wille oder unsere Selbstdisziplin, und wir brauchen etwas ganz anderes.

Und genau darüber schreibt Paulus uns hier etwas. Er lädt uns ein, über unsere irdischen Ziele und Möglichkeiten hinaus auf Jesus Christus zu vertrauen. Seine Gegenwart ist noch viel mehr, als alles, was wir uns selber ausdenken oder erreichen können. Er ist größer als unser Leben, und gleichzeitig ist er für uns da. Das ist die Botschaft des Evangeliums.

Und um das zu erfahren, kann das Leiden sogar eine Chance sein. Es hilft uns, Jesus nachzufolgen, „mit ihm zu leiden“ und seinem „Vorbild gleich“ zu werden. So formulierte es Sigmund von Birken 1653 in dem Lied „Lasset uns mit Jesus ziehen.“ (EG 384) Er hat es im Glauben wahrscheinlich selber erfahren, dass „nach dem Leide Freuden folgen.“ Denn er sagt: „Armut hier macht dorten reich, Tränensaat, die erntet Lachen; Hoffnung tröste die Geduld: Es kann leichtlich Gottes Huld aus dem Regen Sonne machen.“  Dahinter steht die Gewissheit, dass es nicht nur eine Freude im Leiden gibt, sondern dass wir sogar durch das Leid zur wahren Freude vordringen. Denn Christus sprengt unsere Ketten, ganz gleich welcher Natur sie sind. Er überwindet unsere Gefangenschaft, er erlöst uns von allen negativen Gedanken, und dadurch empfangen wir neue Kraft und Stärke.

Ein schönes Bild ist dafür das Weizenkorn, das in die Erde fällt. (Johannes 12,24) Jeder Same muss im Erdreich verschwinden, bevor er zu einer Pflanze werden kann. So lange er an der Oberfläche bleibt, geschieht gar nichts. Irgendwann vertrocknet er. Erst wenn er in der Erde „erstirbt“, entsteht daraus neues Leben. Dieses Gesetz von Werden und Vergehen durchzieht die ganze Schöpfung. Es ist deshalb gut, wenn wir es auch in unserem Leben geschehen lassen, das Leiden annehmen und uns Christus anvertrauen. Dann kann eine tiefe und bleibende Freude entstehen, die unabhängig von allem ist, was uns widerfährt.

Und das ist in der Tat eine Botschaft, zu der die Farbe rosa sehr gut passt. Das dunkle Violett mischt sich mit Weiß, denn wir erkennen bereits das Ziel, dem die Sammlung und die Buße der Fastenzeit dienen. Ein Spalt öffnet sich, und wir erleben schon jetzt etwas von der Freude der Auferstehung, die wir Ostern feiern dürfen.

Amen.

Ihr sollt heilig sein

Predigt über 1. Petrus 1, 13- 21: Geheiligtes Leben

3. Sonntag der Passionszeit, Okuli, 4.3.2018, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Petrus 1, 13- 21

13 Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet;
15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.
16 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«
17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;
18 denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise,
19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
20 Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,
21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Liebe Gemeinde

Wenn eine verstorbene Person vorbildlich aus dem Glauben gelebt hat und Christus in besonderer Weise nachgefolgt ist, kann sie nach katholischem Kirchenrecht vom Papst heiliggesprochen werden. Ob dafür die Voraussetzungen gegeben sind, wird nach gewissenhafter Prüfung festgestellt. Einer solchen Person müssen Wunder, besondere Tugendhaftigkeit und der Ruf der Heiligkeit nachgewiesen werden, und dazu werden viele Zeugen befragt. Bis dieses Verfahren abgeschlossen ist, vergehen mehrere Jahre, und das ist auch vorgeschrieben, in der Regel gilt eine Fünfjahresfrist. Für den, der diese Prüfung erfolgreich durchlaufen hat, wird am Ende dann das dreifache Amen in der Kirche gesprochen. Er wird zur Ehre der Altäre erhoben, und den Gläubigen wird empfohlen, ihn als Vorbild und Fürsprecher bei Gott anzunehmen.

Uns, als Protestanten, ist das alles etwas fremd. Wir können uns zwar vorstellen, was gemeint ist, wenn ein Mensch heiliggesprochen wird, aber so richtig berührt es uns nicht. Vielleicht finden wir diesen Teil des katholischen Glaubens sogar fragwürdig. Warum sollen einige Menschen nach ihrem Tod besser dastehen als andere? Sind wir nicht alle Sünder, die nur durch die Gnade Gottes gerettet werden? Wir werden doch nicht durch unsere Werke, sondern durch den Glauben gerecht. Das hat Luther betont, und deshalb gibt es bei uns auch keine Heiligen, die wir besonders verehren.

Was sollen wir also mit unserem Predigttext anfangen, in dem es an einer Stelle heißt: „Ihr sollt heilig sein.“ Das Thema kommt in der Bibel vor, als evangelische Christen sollten wir es also nicht völlig ignorieren. Allerdings hilft uns der Abschnitt aus dem Petrusbrief auch, zu verstehen, was damit gemeint sein kann. Lassen Sie uns den also einmal genau lesen.

Der Brief ist ja ursprünglich an die ersten Christen gerichtet, also an Menschen, die gerade einen neuen Glauben gefunden hatten. Und natürlich unterschieden sie sich dadurch von ihrer heidnischen und jüdischen Umwelt. Sie hatten andere Maßstäbe, andere Werte und ein anderes Verhalten. Sie wurden deshalb im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus auch von vielen Außenstehenden verdächtigt, geschmäht, angeklagt und sogar vor Gericht gestellt.

Das hat der Schreiber des Petrusbriefes im Kopf. Er schreibt an Gemeinden in Kleinasien, die in Bedrängnis waren. Und er will ihnen Mut machen, sie sollen standhaft bleiben und gehorsam und treu an der neuen Lehre festhalten. Sie sollen sich von ihrem neuen Glauben nicht abbringen lassen, auch wenn sie deswegen verfolgt werden.

Und dazu erinnert er sie an Gottes Heilshandeln in Jesus Christus, an sein Blut und den Preis, den Gott für ihre Erlösung gezahlt hat. Darauf hatten sie sich ja eingelassen, sie hatten sich für Christus entschieden und sich taufen lassen, um daran Anteil zu haben. Und so hatten sie eine neue Hoffnung und einen neuen Gehorsam. Daran erinnert der Schreiber sie, und er will sie damit zum Durchhalten motivieren.

Die Heiligkeit ist hier also nicht moralisch gemeint. Sie ist kein Verdienst des Menschen, sondern ein Verdienst Christi. Wer an ihn glaubt, wird von Gott geliebt, und das prägt das Leben. Das sollen die Christen einfach nur beachten. In Ihrem Leben soll Raum für Christus sein. Dazu dienen die Verhaltensweisen, die hier aufgezählt werden.

Und das ist immer noch eine wichtige Ermahnung, denn oft führen wir unser Leben fern von Christus. Ob wir katholisch oder evangelisch sind, spielt dabei keine Rolle. Es tut uns allen gut, unser Leben immer wieder daraufhin zu überprüfen, ob Christus mit seinem Erlösungswerk darin vorkommt. Lassen Sie uns die einzelnen Dinge, die uns hier nahe gelegt werden, also noch einmal durchleuchten.

Zunächst können wir zwei Angelegenheiten erkennen: Einerseits werden Verhaltensweisen erwähnt, die sich auf unsere menschliche Natur beziehen, andererseits geht es um Übungen, die in der Beziehung zu Gott eine Rolle spielen.

Was unsere Natur betrifft, so sollen wir „nüchtern“ sein und „den Begierden nicht nachgeben“. Damit ist ganz einfach die Enthaltsamkeit von Wein gemeint. Doch warum ist dem Schreiber das wichtig? Gegen ein Gläschen Wein und einen kleinen Rausch ist doch nichts einzuwenden, er muss ja nicht gleich in eine Sucht ausarten. Soll uns hier der Spaß am Leben verdorben werden?

Sicherlich nicht! Hinter der Ermahnung zur Nüchternheit steckt etwas anderes. Das wird deutlich, wenn wir uns klar machen, was die Nüchternheit mit sich führt: Wer nüchtern ist, macht sich nichts vor. Er erkennt sich selber und sieht auch die anderen, wie sie wirklich sind. Er ist klar und realistisch und kann die Dinge, die ihm widerfahren, richtig beurteilen. Er legt alles Trügerische ab, bleibt entschlossen und lässt sich nicht verführen und nichts einflüstern. Er weiß, was wirklich zählt und wichtig ist. Er „kommt runter“, wie man so sagt, steigt aus allem, was ihn gefangen hält, aus. Und das kann noch viel mehr sein, als Alkohol oder Drogen. Auch unsere Aufgaben können Besitz von uns ergreifen, Pläne oder Sorgen. Ebenso führen Begegnungen, Gespräche oder Konflikte manchmal dazu, dass wir die Bodenhaftigkeit verlieren. Es gibt unzählig viele Ereignisse im Leben und Vorgänge in unserem Bewusstsein, die einem Rausch ähneln. Unsere Gedanken kreisen dann um irgendetwas, was mit dieser Welt zusammenhängt. Das füllt uns oft ganz aus, und dann sind wir weit weg von uns selbst, lassen uns treiben und driften von der Realität ab.

Und davor warnt uns der Schreiber hier. Das alles soll nicht geschehen. Wir sollen stattdessen wach und achtsam sein. Und das ist durchaus ein angenehmer Zustand. Er kommt einem sauberen und aufgeräumten Zimmer gleich. Unser Geist und unsere Seele sind frei. Es geht darum, dass Christus in unser Leben einziehen kann, und wir für ihn in unserem Inneren Platz machen.

Die andere Themengruppe der Ermahnungen beschreibt deshalb, was in der Beziehung zu ihm wichtig ist. Es wird der Gehorsam genannt, das Beten, die Gottessfurcht, der Glaube und die Hoffnung. Und damit wird ein Missverständnis ausgeräumt, das in diesem Zusammenhang auftauchen könnte: Die Ermahnung zur Nüchternheit ist nicht als eine Aufforderung zur Selbsterlösung zu verstehen. Das versuchen heutzutage ja viele Menschen. Sie finden die Nüchternheit erstrebenswert, weil sie sich selber damit „optimieren“ können, wie es so schön heißt. Sie beherrschen sich selber, absolvieren anstrengende Fitnessprogramme, halten Diäten ein und trainieren täglich ihren Geist und ihr Bewusstsein. Körper und Seele sollen ruhig und rein sein, damit es ihnen so gut wie möglich geht. Auch in der Esoterik ist das das Ziel. Doch so etwas ist hier nicht gemeint. Die Nüchternheit ist kein Selbstzweck und keine Selbstverwirklichung, sie dient vielmehr dem Glauben an Gott. Er ist da, das ist das Entscheidende, auf ihn dürfen wir hoffen und seinem Willen sollen wir gehorchen. Dafür gilt es, bereit und nüchtern zu sein.

Ein guter Zeitpunkt für diese Übung ist der Morgen. Bevor der Tag beginnt, können wir uns vor Gott stellen, ihm die Ehre geben und auf Jesus Christus schauen. Dazu hilft sehr schön das Morgengebet der Kirche. Es lautet: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbei gekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Münsterschwarzach und Göttingen 1998, S. 290)

Und damit sind wir bei dem dritten wichtigen Thema, das in unsrem Text vorkommt: Für die Heiligung spielt nicht nur unser Beitrag eine Rolle, sondern vor allen Dingen das Werk Christi. Daran erinnert der Schreiber hier ja hauptsächlich. Er erwähnt das „teure Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Gott hat ihn auferweckt von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben.“ Jesus Christus ist für uns gestorben und auferstanden. Gott hat sich offenbart, ist zu uns gekommen und schenkt uns seine Gnade. Jesus lebt und „erlöst“ uns von unserem „nichtigen Wandel“. Wir werden auf das Heilswerk Christi verwiesen, wie es auch im Glaubensbekenntnis formuliert ist. Es ist der Weg Christi von der Erniedrigung in die Erhöhung. Auf den nimmt er uns mit, wenn wir wach und nüchtern sein, an ihn glauben und auf ihn hoffen. Und darin besteht unsere Heiligung.

Wir werden also nicht dadurch heilig, dass wir etwas tun, sondern durch das Gegenteil, dass wir selber einmal nichts mehr tun. Wir sind eingeladen, etwas geschehen zu lassen und dafür unsere Selbstbestimmung abzulegen. Unser Beitrag ist das Vermeiden, Still halten und natürlich auch der Verzicht. Aber all das ist nicht als Leistung gedacht, sondern es soll uns für die große Tat Gottes bereit machen, für Jesus Christus, der uns seine Liebe und sein Erbarmen schenkt.

Das Nichtstun ist deshalb auch nicht mit Faulheit oder dem Lustprinzip zu verwechseln. Das ist durch den Zusammenhang deutlich. Es wäre ein Missverständnis, das allerdings oft entsteht. Man denkt dann: Wenn Gott alles für mich tut, kommt es ja gar nicht mehr drauf an, wie ich lebe, dann kann ich „tapfer sündigen“. Dieser Ausdruck ist von Martin Luther und er ist bei evangelischen Christen ein geflügeltes Wort geworden. Der Gedanke ist sehr beliebt und weit verbreitet. Viele kümmern sich tatsächlich nicht um ihre Lebensführung. Es scheint in bestimmten lutherischen Kreisen sogar zum guten Ton zu gehören, Wein zu trinken, zu rauchen, zu essen und sich „den Begierden hinzugeben.“

Doch so einfach ist es nicht. Unser Leben als Christen soll nicht profan sein. Es gibt Unterschiede zum weltlichen Dasein und zum „nichtigen Wandel“. Aber die bestehen nicht darin, dass Christen irgendwie besser oder religiöser sind als andere, in dem Wort „Heiligung“ steckt vielmehr das Wort „heil“, und das sollen wir sein. Es geschieht auch, wenn wir an die Liebe Christi glauben, nüchtern und wach sind, denn wir werden dadurch befreit und ausgeglichen. Wir entziehen uns den zerstörerischen und krankmachenden Einflüssen und geben uns einer Kraft hin, die uns rettet. Es ist ein Leben in Vertrauen, Hoffnung und Liebe. Und dazu hat Friedrich Hölderlin einmal gesagt: „Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiss am Ende sagen: Ich habe gelebt!“

Man kann Heiligung also mit „gelingendem Leben“ gleichsetzen, und das finden wir bei evangelischen Christen genauso wie bei katholischen. Es wird bei uns zwar nicht durch ein geregeltes Verfahren festgestellt und bleibt möglicher Weise unspektakulär, aber wir können davon ausgehen, dass mehr Heilige unter uns sind, als wir ahnen. Sie leben vielleicht im Verborgenen, man erkennt sie nicht auf den ersten Blick. Doch es gibt Zeichen. So kann es vorkommen, dass wir es aus unerklärlichen Gründen angenehm finden, mit bestimmten Menschen zusammen zu sein. Man hält es gut in ihrer Nähe aus. Sie sind „liebenswert, man wird in ihrer Gegenwart geistig erfrischt und hat das Gefühl, der Gnade Gottes näher gekommen zu sein.“ So formulierte es ein geistlicher Lehrer aus dem Mittelalter. ( Die Wolke des Nichtwissens, übertragen und eingeleitet von Wolfgang Riehle, Einseideln 1980, S. 123) Das liegt dann eventuell daran, dass sie frei von sich selber sind und die Liebe Gottes in sich tragen.

Aber entscheidend ist noch nicht einmal das. Viel bedeutsamer ist es, dass Gott sie kennt, und das tut er. „Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt, die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land.“ So dichtete Philipp Spitta 1843. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 358) Gott erkennt die Heiligen „am Glauben, der nicht schaut und doch dem Unsichtbaren, als säh er ihn, vertraut.“
„Er kennt sie als die Seinen an ihrer Hoffnung Mut, die fröhlich auf dem einen, dass er der Herr ist, ruht.“
„Er kennt sie an der Liebe, die seiner Liebe Frucht und die mit lauterm Triebe ihm zu gefallen sucht, die andern so begegnet, wie er das Herz bewegt, die segnet, wie er segnet, und trägt, wie er sie trägt.“

Amen.