Die große Einladung

Predigt über Matthäus 22, 1- 14: Die königliche Hochzeit

2. Sonntag nach Trinitatis, 25.6.2017, Lutherkirche Kiel

Matthäus 22, 1- 14

1 Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach:
2 Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete.
3 Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen.
4 Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit!
5 Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft.
6 Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.
7 Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.
8 Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren’s nicht wert.
9 Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet.
10 Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll.
11 Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an,
12 und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte.
13 Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein.
14 Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Liebe Gemeinde.
„Keine Kappen, Kapuzen oder Trainingsanzüge erlaubt. Nur elegante Kleidung. Vielen Dank.“ So steht es am Eingang eines Londoner Clubs in Soho. Es ist dort die Kleiderordnung.
Wir kennen so etwas auch aus anderen Zusammenhängen. Im Bereich von Veranstaltungen soll dadurch eine besondere, meist festliche Atmosphäre erzeugt werden. Auf Einladungen wird deshalb mitunter die gewünschte Art der Kleidung angegeben. Oftmals wird die Einhaltung des passenden „dress codes“ – wie man dazu ebenfalls sagt – aber auch stillschweigend vorausgesetzt. So wird in Spielcasinos häufig von den männlichen Besuchern das Tragen eines Jacketts und einer Krawatte erwartet.
Auf jeden Fall gibt es im privaten, gesellschaftlichen, kulturellen und geschäftlichen Umfeld viele Regeln und Vorschriften zur gewünschten Kleidung. Sie sind nicht unbedingt per Gesetz festgelegt, sondern aufgrund von Konventionen oder einer Erwartungshaltung des Veranstalters. Je nach Land oder Religion, sozialem Status oder Unternehmenszugehörigkeit können sie sich unterscheiden.
Solche Kleiderordnungen gab es auch schon in der Antike. In dem Gleichnis über eine Hochzeit, das wir vorhin gehört haben, taucht z.B. eine auf. Da ist am Ende von einem Mann die Rede, „der hatte kein hochzeitliches Gewand an“, wie es heißt. Und das war schlimm, es gefiel dem Gastgeber gar nicht. Der unangemessen Gekleidete wurde gefesselt und rausgeworfen. Dabei war er gerade erst eingeladen worden, ganz überraschend und unerwartet! Wo soll er so schnell das passende Gewand herbekommen haben? Wir wundern uns über diese Strenge. Und genauso befremdlich finden wir wahrscheinlich andere brutale Einzelheiten in der Geschichte. Lassen Sie sie uns deshalb betrachten und deuten und auf unser Leben anwenden.
Sie handelt von einer königlichen Hochzeit, zu der viele ehrenwerte Gäste eingeladen waren. Es sollte ein herrliches Fest werden, „Ochsen und Mastvieh waren bereits geschlachtet und alles war bereit“. Doch dann geschah das Unglaubliche und Skandalöse: Als die Knechte des Königs losgingen, um die Geladenen abzuholen, sagten alle Gäste ab, einer nach dem anderen. „Sie wollten nicht kommen.“, heißt es dazu ganz lapidar, ihre Gründe werden nicht genannt. Sie verachteten die Einladung einfach nur und zogen es vor, ihren alltäglichen Geschäften nachzugehen.
Und dann kam es noch schlimmer: „Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.“ Das machte den König natürlich zornig. Er „schickte [daraufhin] seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.“
Das ist ein furchtbarer und erschreckender Höhepunkt in diesem Gleichnis, aber es ist damit noch nicht zu Ende, die Handlung geht weiter. Das Fest fällt nämlich nicht aus, es findet statt, auch ohne die zuerst Geladenen, denn nun kommen andere. Die Knechte sprechen einfach alle an, die sie finden, ganz gleich, wer sie sind, ob gut oder böse, arm oder reich. Sie kommen mit, und die Tische werden voll.
Das könnte jetzt eigentlich das gute Ende der Geschichte sein, doch es folgt noch die letzte Episode mit dem Gast, der kein „hochzeitliches Gewand“ trägt. Nach antiker Sitte wurde es ihm wahrscheinlich am Eingang angeboten, aber er wollte es nicht. Er verhält sich also frech und unhöflich, stellt sich nicht richtig auf das Fest ein und wird daraufhin wieder rausgeworfen. Am Ende steht dazu der Satz: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“
Das ist bereits eine Erklärung Jesu. Und Erklärungen brauchen wir zu dem Gleichnis auch. Die Geschichte ist wie gesagt an vielen Stellen befremdlich und ärgerlich. Es ist deshalb wichtig, dass wir die Einzelheiten verstehen. Es hat auch alles eine bestimmte Bedeutung, man kann jedes Teilstück auf die Wirklichkeit übertragen.
So ist der König, der hier zur Hochzeit einlädt, Gott. Sein Sohn ist Jesus Christus, der Messias. Nach seiner Auferstehung wird er erhöht und tritt die Himmelsherrschaft an. Das ist hier mit dem Fest gemeint. Die eingeladenen Gäste sind all diejenigen, die von ihm gehört haben, denen das Evangelium gepredigt wurde. Die Knechte, die die Geladenen holen sollen, sind also die Propheten und Apostel. Einige wurden ja wirklich umgebracht. Zum Glück blieb das aber die Ausnahme. Die meisten Hörer sind einfach nur gleichgültig, sie haben etwas Besseres vor. Das Fest, und das heißt die Himmelsherrschaft Jesu, interessiert sie nicht.
Aber sie ist da, die Feier findet statt und kann auch nicht aufgeschoben werden. In unserem Gleichnis wird das damit zum Ausdruck gebracht, dass das Vieh bereits geschlachtet ist. Der Gastgeber kann also nicht mehr warten. Und d.h. jeder, der die Botschaft von Jesus Christus hört, muss sich entscheiden. Zeit zum Zögern wird ihm nicht gegeben. Er wird vielmehr untergehen, wenn er den Ruf Gottes missachtet. Das wird mit dem Zorn des Gastgebers und seinem Rachefeldzug gegen die Ungläubigen benannt.
Diese Stelle gefällt uns natürlich nicht, denn so wollen wir Gott nicht sehen. Aber wahrscheinlich steht dahinter ein historisches Ereignis, das die Leser des Matthäusevangeliums miterlebt hatten. Und zwar handelt es sich um die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70 n.Chr. Sowohl Juden als auch Christen sahen darin das Zorngericht Gottes. Mit der blutrünstigen und brutalen Episode von der Rache des Gastgebers ist dieses geschichtliche Ereignis gemeint. Wir müssen das also nicht direkt auf uns übertragen.
Wichtiger ist die Botschaft, dass die Gemeinde Jesu sich aus denen zusammensetzt, die den Ruf der Boten hören und ihm ohne zu zögern folgen. Nicht ihre Herkunft oder ihre Vergangenheit spielen eine Rolle, sondern nur ihre Entscheidungsbereitschaft. Das Gleichnis will also warnen und uns dazu herausfordern.
In diese Richtung weist auch die letzte Episode mit der Kleiderordnung. Genauso wichtig wie die Entscheidung für Christus sind die weiteren Folgen für das Leben. Wenn man den Ruf Christi gehört hat und ihm nachgegangen ist, dann muss man sich reinigen und ändern, sonst ist man bald wieder außen vor. Deshalb schließt das Gleichnis mit dem Satz: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ Das heißt: „Sehr viele haben eine Einladung bekommen, aber nur wenige waren bereit, sich dafür klarzumachen.“ (Martin Dreyer, Volxbibel)
Und damit will Jesus seine Hörer wachrütteln. Sie sollen sich für ihn entscheiden, an ihn glauben, in sein Reich eintreten und ihr Leben ändern. Das ist die Botschaft dieses Gleichnisses, und die gilt auch uns, die wir es heute hören. Dabei erinnern uns die düsteren Töne an den Ernst der Sache. Es gibt das Reich Gottes nicht ohne eine Umkehr oder einen Sinneswandel. Wir sollen uns nichts vormachen und das Leben nicht verharmlosen.
Das tun wir gerne, auch als Kirche und im Glauben. Oft wollen wir darin ausschließlich fröhlich sein. Wir kommen zusammen und veranstalten etwas, das uns von dem üblichen Einerlei, Problemen und Anstrengungen ablenkt und uns für kurze Zeit an etwas anderes denken lässt. Gottesdienste sollen am liebsten bunt und lebendig sein. Die Gemeinde gefällt uns am besten, wenn es darin möglichst heiter und lustvoll zugeht.
Denn das liegt uns nahe, so leben wir auch sonst. Unser Lebensgefühl und unser Bewusstsein sind davon geprägt, es möglichst gut und einfach zu haben. Wir wollen glücklich und zufrieden sein. Und dafür wählen wir Wege, die wir in dieser Welt finden: Wir verdienen Geld, verwirklichen uns selber und versuchen, gesund zu bleiben.
Die Frage ist allerdings, ob das wirklich hinhaut. Gelingt das Leben, wenn wir uns das Schöne aus der Welt heraussuchen, an uns selber denken und unseren Wünschen nachjagen? Das Leben hat ja leider auch viele Schattenseiten. Es gibt das Böse, die Sünde und die Vergänglichkeit. Krankheiten, Kriege und Katstrophen lassen sich nicht einfach verdrängen und wegdenken, und der Tod erst recht nicht.
Jesus will uns einladen, davor nicht einfach die Augen zu verschließen, dem nicht auszuweichen und uns gerade einmal nicht mehr abzulenken. Genau das tun in seinem Gleichnis die Gäste, die als erstes eingeladen waren. Sie verlieren sich in der Welt und achten nicht auf die Stimme des Evangeliums. Die bezieht nämlich all das Schreckliche ein, die Sünde und den Tod. Jesus hat nicht nur ein nettes Lächeln oder ein weiches Ruhelager für uns. Er ist vielmehr am Kreuz gestorben. Er hat das Böse und das Leid auf sich genommen und ist da hindurch gegangen. Er hat keinen weltlichen, sondern einen ewigen Sieg errungen. Er ist von den Toten auferstanden und hat das Reich Gottes anbrechen lassen. Sein Fest hat einen endzeitlichen Charakter. Es ist der Anbruch der Himmelsherrschaft, die alles in dieser Welt sprengt und überwindet. Die sollen wir nicht verpassen, dafür sollen wir uns entscheiden.
Und dazu gehört es, dass wir die Augen vor dem Schlimmen in der Welt und in unserem Leben nicht einfach verschließen. Es besteht dann nämlich die Gefahr, dass es uns irgendwann einholt, dass wir die Gefahren nicht rechtzeitig erkennen und dann darin untergehen. Wir können uns in der Welt verlieren und bildlich gesprochen umgebracht werden. Wir verkümmern, verpassen die Freude und am Ende auch das Leben. Damit wir es in seiner ganzen Fülle gewinnen, müssen wir uns nach der Ewigkeit ausstrecken, nach etwas Bleibendem, das stärker ist als Sünde und Tod, Not und Zerstörung.
Und dazu gehört es als erstes, dass wir in uns gehen und ehrlich mit uns selber sind: Wo stehe ich gerade und wie führe ich meine Leben? Es ist wichtig, dass wir uns diese Fragen immer wieder stellen. Wir müssen uns selber spüren und erkennen, mit unseren Sehnsüchten und Wünschen, mit all unseren Defiziten und Schwächen. Denn nur dann können wir uns entscheiden.
Das wäre der nächste Schritt. Und zwar sind wir eingeladen, uns für etwas Großes zu entscheiden, etwas, das Raum und Zeit überschreitet. Es geht um die Teilhabe am ewigen Reich Gottes. Jesus Christus ist das höchste Gut, der Brunnquell aller Gnaden“, wie es in einem Choral aus dem 18. Jahrhundert heißt. (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 219)
Genau danach sehnen wir uns letzten Endes auch. Unser ganzes Streben nach Glück ist im Grunde genommen immer das Suchen nach dem verlorenen Paradies, nach endgültiger Überwindung, nach einem Leben in dauernder Freiheit und Ruhe. Wir suchen eine Quelle der Liebe und Barmherzigkeit, die niemals aufhört zu sprudeln.
Es gibt sie in Jesus Christus. Doch um daraus zu trinken, müssen wir unsere gewohnten Wege verlassen, die Welt loslassen und unsren inneren Blick in seine Richtung lenken. Es gilt, unsere Rettung nicht mehr von weltlichem Vergnügen, Zerstreuung oder Wohlstand zu erwarten, sondern von Jesus Christus, der diese Welt überwunden hat.
Dann schenkt er uns all das, was wir uns wünschen, unser Leben wird neu. Wir feiern ein wunderschönes Fest mit ihm. Denn wir werden gerettet und gehalten. Wir haben ein ewiges Ziel vor Augen und spüren einen festen Grund in unserem Leben. Wir können aufatmen und bekommen Kraft. Unsere „Seele wird selig“, wie es in dem Lied weiter heißt. Wir werden fröhlich und gelassen, erleben Gemeinschaft und fühlen uns frisch.
Dabei ist als letztes wichtig, dass wir das alles nicht aus eigener Kraft heraus können. Der Dichter unsres Liedes bittet Jesus selber darum, ihn „zu diesem hohen Werke“ bereit zu machen und ihm das „schöne Ehrenkleid zu schenken.“ Nur durch die „Stärke des Geistes Jesu“ werden wir „würdige Gäste“ und in Jesus „eingepflanzt.“
Das Lied endet deshalb mit der Bitte:
„Bleib du in uns, dass wir in dir auch bis ans Ende bleiben; lass Sünd und Not uns für und für nicht wieder von dir treiben, bis wir durch deines Nachtmahls Kraft eingehn zur Himmelsbürgerschaft und ewig selig werden.“
Amen.

Der dreieinige Gott

Predigt über Jesaja 6, 1- 4: Der Thron Gottes

Tag der Heiligen Dreifaltigkeit, Trinitatis, 11.6.2017, Jakobikirche Kiel

Jesaja 6, 1- 4

1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.
2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie.
3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.

Liebe Gemeinde.
Die Zahl Drei ist sehr beliebt und man sagt gern: „Aller guten Dinge sind drei“. Das ist eine Redensart.
Das ist z.B. bei einem Team so. Wenn es aus drei Personen besteht, ist es dynamisch und kann gut arbeiten. Drei Menschen sind außerdem die kleinste Gruppe, in der bei Abstimmungen eine absolute Mehrheit den Ausschlag für eine Entscheidung geben kann.
Aber auch in anderen Zusammenhängen spielt die Drei eine Rolle: Im Märchen haben die Menschen oft drei Wünsche frei. Man schlägt drei Kreuze, wenn man angespannt oder erleichtert ist.
Außerdem gilt die Drei von alters her als göttliche bzw. heilige Zahl. In vielen Kulturkreisen existiert eine Dreiheit von Göttern als Symbol für die allumfassende Göttlichkeit.
So ist es auch in der Geschichte, aus der heute unser Wochenspruch stammt. Da singen die Engel um den Thron Gottes dreimal das „Heilig“: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.“
Der Vers stammt aus einer Vision des Propheten Jesaja: Er sah mit seinem inneren Auge Gott, den Herrn auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen, und sein Saum füllte den Tempel. Engel standen über ihm, ein jeder hatte sechs Flügel, und sie riefen einander dieses Loblied zu. „Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.“, heißt es dann weiter. Wir können uns also zwei Chöre zu beiden Seiten des Throns vorstellen, deren Gesang in den himmlischen Tempel hinein schallte. Sie lobten Gott als den, der ganz anders ist als die Menschen, unnahbar, erhaben und anbetungswürdig. Seine Herrlichkeit erfüllt die ganze Welt. Das ist ihr Lobpreis, und der wirkt gewaltig, wie ein Donner mit erdbebenähnlichen Folgen.
Und er ist berühmt geworden. Die Christen haben dieses Lied der Engel schon früh übernommen und auf die Dreifaltigkeit Gottes bezogen. Wir singen es ja auch jedes Mal, wenn wir das Abendmahl feiern. Ursprünglich ist das natürlich kein Loblied auf den dreieinigen Gott, aber es liegt nahe, es so zu verstehen. Die ersten Christen sahen in diesem alttestamentlichen Lobgesang der Engel bereits einen Hinweis darauf, dass Gott nicht nur einer ist, sondern Drei in Eins, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Nichtchristen finden das ja merkwürdig. Außenstehende können es nicht nachvollziehen, warum wir nicht nur an eine sondern an drei göttliche Personen glauben.
Und das ist in der Tat auch nicht so leicht zu verstehen. Was ist das eigentlich, ein dreieiniger Gott? Wir feiern ihn heute, aber wissen wir überhaupt, was wir da tun? Mit Weihnachten, Ostern und Pfingsten ist das einfacher, denn da bedenken wir die einzelnen Schritte des Erlösungswerkes Gottes, die Geburt und die Auferstehung Christi und die Ausgießung des Heiligen Geistes. Das Trinitatisfest ist dagegen anders, denn heute geht es nicht um ein Ereignis, sondern eine Idee, um die Idee eben, dass Gott nicht nur Einer, sondern Drei in Einem ist. Lassen Sie uns also fragen, was das bedeutet.
Diese Vorstellung gab es schon sehr früh, denn sie ergibt sich aus der Botschaft des Neuen Testamentes. Dort ist zwar noch nicht ausdrücklich von dem dreieinigen Gott die Rede, aber davon, dass Christus Gottes Sohn ist und uns den Heiligen Geist hinterlassen hat. Es gibt also nicht nur Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, sondern auch den Sohn, also den menschgewordenen Gott, der uns nahe ist und uns erlöst. Und es gibt den Geist Gottes, der in den Gläubigen wirkt, der uns Kraft und Zuversicht schenkt.
Deshalb haben die ersten Christen auch gleich in der frühen Kirche intensiv darüber nachgedacht, wie diese Dreiheit Gottes zu verstehen ist. Wir können diese altkirchlichen Abhandlungen darüber heute noch nachlesen. Sie sind für uns allerdings nur sehr schwer zu verstehen. Deshalb möchte ich darauf jetzt nicht eingehen. Lassen Sie uns vielmehr selber überlegen, was der Glaube an einen dreieinigen Gott bedeuten kann.
Aus dem, was ich vorhin über die Zahl Drei erwähnte, ergibt sich z.B. als erstes, dass Gott vollkommen ist. Die Zahl Drei symbolisiert – wie gesagt – die Vollständigkeit und Vollkommenheit. Deshalb kann man sie sehr gut auf Gott anwenden. Er ist eben nicht nur durch einen Gedanken zu erfassen. Seine Wirklichkeit ist tiefer und größer, und erst durch die Dreiheit können wir seine Fülle erahnen. Das ist das Erste.
Das zweite ist das Geheimnis Gottes, das wir dadurch benennen, dass wir an Drei in Einem glauben. Das gibt es in unserer Wirklichkeit ja so nicht. Das ist unfassbar und bleibt es auch. Wir können Gott nicht in den Griff kriegen. Wir können ihn uns nicht handhabbar machen, denn Gott ist keine Sache und auch keine andere Person. Wir können ihn nicht begreifen, sondern uns ihm nur anvertrauen und an ihn glauben. Er ist eine Wirklichkeit, die nicht wir erfassen, sondern die uns erfassen kann, auf die wir uns einlassen müssen und in die wir eintreten können. Das ist das Zweite.
Und das dritte ist die Lebendigkeit Gottes, die mit der Trinitätslehre zum Ausdruck kommt. Gott ist nicht starr und unbeweglich, er ist auch nicht an einem bestimmten Ort, sondern er ist in sich selber Bewegung und Kraft, Beziehung und Austausch. Es gibt deshalb keinen Bereich unseres Lebens, der von ihm ausgespart bleibt. Wir können ihm vielmehr überall begegnen, in der Höhe und in der Tiefe, in Kraft und in Schwachheit. Gott findet immer einen Weg zu uns und wir zu ihm. Das ist der dritte Punkt.
Und das ist sehr schön. Wenn wir Christen an Gott denken dann stellen wir uns nicht nur einen fernen und allmächtigen Gott vor, dem wir uns unterwerfen müssen. Gott ist uns vielmehr ganz nahe. Er bestraft uns auch nicht, sondern er vergibt uns immer wieder und nimmt selber das Leid auf sich. Sogar den Tod hat er nicht gescheut, damit wir frei werden. Und er zieht in uns ein, er will in uns wohnen, mit seiner Kraft. Er schenkt uns Frieden und Gelassenheit, Trost und Hoffnung. Wir müssen uns nur für ihn öffnen.
Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes ist also keine Denksportaufgabe, kein Rätsel, das es zu lösen gilt. Es ist vielmehr umgekehrt: Der dreieinige Gott ist selber die Antwort auf unsere Fragen und Nöte. Mit dem Glauben an Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist können wir die Rätsel lösen, die dieses Leben uns aufgibt. Und es ist eben auch ein Glaube, d.h. wir müssen uns auf Gott einlassen, uns ihm anvertrauen und ihn in unser Herz hineinlassen. Dann können wir erleben, wie vielfältig die Wege sind, auf denen er zu uns kommt. Wir können ihm überall begegnen, in Leid und in Freude, im Leben und im Sterben.
Ein gutes Mittel ist dafür das Lob Gottes. Wir können in den Lobgesang der Engel um seinen Thron einstimmen und selber das „Heilig, heilig, heilig“ singen. Dann bekommen wir einen Eindruck von seiner Erhabenheit, aber auch von seiner Nähe und seiner Kraft.
So sah das auch der Dichter des Liedes „Großer Gott, wir loben dich.“ Diesem Lied liegt die Geschichte aus Jesaja 6 zu Grunde. In dem Text wird der Lobgesang der Engel ebenfalls auf die Dreieinigkeit Gottes bezogen. Strophe fünf lautet: „Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.“ (Evangelisches Gesangbuch, 331, 5)
Amen.

Der Tröster kommt

Predigt über Johannes 16, 5- 15: Das Werk des Heiligen Geistes

Pfingstsonntag, 4.6.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Johannes 16, 5- 15

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?
6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.
7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.
8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;
9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben;
10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;
11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.
12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.a
13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.
14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen.
15 aAlles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Liebe Gemeinde.

„Kein Toter ist tot, solange es auch nur einen einzigen Menschen gibt, der an ihn denkt. Dann ist dieser Tote immer da für den, der noch lebt. Der Lebende wird ihn fühlen, er wird ihn spüren.“ Das ist ein weltlicher Beleidspruch, den Sie möglicherweise auch schon einmal auf eine Karte geschrieben oder bekommen haben. Der Gedanke, dass die Verstorbenen, mit denen wir eng verbunden waren, in unseren Herzen und in unserer Erinnerung weiterleben, ist weit verbreitet und sehr tröstlich. „Du bist nicht mehr da, wo du warst, aber du bist überall, wo wir sind.“ So kann man das auch formulieren.
Im Internet gibt es viele Sammlungen solcher Sprüche. Sehr schön fand ich auch diesen: „Du kannst Tränen vergießen, weil er gegangen ist. Oder du kannst lächeln, weil er gelebt hat. Du kannst die Augen schließen und beten, dass er wiederkehrt. Oder du kannst die Augen öffnen und all das sehen, was er hinterlassen hat.“
Die Spuren eines Menschen bleiben zurück, auch die Liebe, die ihn mit den Seinen verband, kann niemand zerstören.
„Die Toten sind nicht fort, sie gehen mit. Unsichtbar sind sie nur, unhörbar ist ihr Schritt.“

So ist es auch bei Jesus, davon handelt der Abschnitt aus dem Evangelium, den wir eben gehört haben. Es ist eine Abschiedsszene. Jesus redet hier mit seinen Jüngern über seinen nahenden Tod. Er war darauf vorbereitet und er wollte seine Jünger trösten. Denn er wusste, dass es für sie sehr schwer war, ihn gehen zu lassen. „Ihr Herz war voll Trauer.“ Deshalb konnten sie auch nicht offen darüber reden, und Jesus wollte sie beruhigen.
Der Trost, den er ihnen gibt, hat nun allerdings einen besonderen Charakter. Er erinnert zwar an die weltlichen Sprüche, in denen es darum geht, dass die Toten in unserer Erinnerung weiterleben, aber was Jesus hier sagt, geht darüber noch weit hinaus. Das beginnt schon damit, dass Jesus seine Jünger nicht nur beruhigt, er findet es sogar gut für sie, dass er weggeht. Ganz neue Möglichkeiten eröffnen sich ihnen damit, das sagt er hier, und zwar, weil er ihnen den „Tröster“ schicken wird. So übersetzt Luther das Wort „Paraklet“, das im griechischen Text steht. Es kann auch „Fürsprecher“ heißen, „Helfer“, „Beistand“, „Anwalt“ oder „Verteidiger“. Es kommt also jemand in seinem Namen, der wird all das sein und „der Welt die Augen auftun.“ Das verspricht Jesus hier. D.h. die göttliche Wahrheit wird aufleuchten und es wird klar zu Tage treten, wie Gott die Welt sieht und mit ihr handelt. Der neue „Anwalt“ wird die Welt überführen, und dabei wird es um drei Dinge gehen: „die Sünde, die Gerechtigkeit und das Gericht“.
Das sind Anklagepunkte und Entscheidungen bei einem endzeitlichen Rechtstreit Gottes mit der Welt. Diese Vorstellung steht hinter den Worten Jesu. Und das hat er sich nicht ausgedacht, sondern die Juden erwarteten so etwas bereits und hofften darauf, dass Gott dabei die Welt endgültig von allen Frevlern befreien und die Gerechten erlösen würde.
Jesus sagt hier nun, dass dieses Gericht mit seinem Kommen, Sterben und Auferstehen bereits begonnen hat. Mit seiner Verkündigung hat er eine Klarheit gebracht, durch die sich das Gericht über die Welt vollzieht. Deshalb ist er der neue Maßstab, die neue Mitte, von der her sich die drei Begriffe, die er aufzählt, erklären: Sünde ist es, wenn die Menschen nicht an ihn glauben. Ein Nein zu Jesus ist ein Nein gegen Gott. Dass Gott gerecht ist und die Menschen freisprechen will, kann man daran sehen, dass Jesus zu ihm gehen wird, um die Sache für seine Jünger klar zu machen. Die Welt hat diesen Prozess bereits verloren, der Teufel ist gerichtet und Jesus ist der Sieger.
All das werden die Jünger erkennen, wenn der Tröster kommt. Was Jesus hinterlässt, ist also mehr als nur eine Erinnerung. Er sendet ihnen eine starke Kraft, ein helles Licht, das in der Welt wirken wird. Auch was in der Zukunft geschehen wird, kann dieser Tröster den Jüngern sagen. Er wird dafür sorgen, dass Jesus in der Welt bekannt und verherrlicht wird. Denn es gibt nur diese eine Wahrheit, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Er ist ganz mit dem Vater verbunden. Durch seine Sendung hat Gott der Welt das Heil gebracht. Das wird der Geist, der Tröster und Anwalt, den Jesus senden wird, allen bezeugen, die an ihn glauben.
So lautet die Rede Jesu hier. Ihr liegt die Botschaft zu Grunde, dass Jesus lebt und Gott gleich ist. Immer und überall ist er gegenwärtig. Alle Menschen können ihm vertrauen, von ihm befreit werden und ihm folgen. In seiner Rede über den Tröster entfaltet Jesus diese gute Nachricht. Es muss also in der Tat keiner traurig darüber sein, dass er körperlich nicht mehr anwesend ist.

Doch was heißt das nun konkret? Können wir mit dieser Botschaft etwas anfangen, und wie sollen wir sie umsetzen? Drei Fragen tauchen auf, die in unserem Text bereits anklingen. Die Jünger wollten das wahrscheinlich auch wissen, und zwar als erstes: Wie kommt es denn dazu, dass wir überhaupt an Jesus glauben und den Heiligen Geist empfangen? Die zweite Frage lautet: Ist das wirklich besser, als seine leibliche Gegenwart vor 2000 Jahren, und wenn ja, warum? Und schließlich stellt sich die dritte Frage, die sich auf die Welt bezieht: Ist die Sendung dieses Trösters tatsächlich für die Welt von so großer Bedeutung?
Wenn wir unseren Abschnitt genau lesen, entdecken wir, dass Jesus hier auf diese drei Fragen antwortet. Erstens erklärt er, wie es dazu kommen kann, dass wir an ihn glauben. Zweitens begründet er, warum das sogar besser ist als seine leibliche Gegenwart. Und drittens offenbart er, was das für die Menschheit und die Welt bedeutet. Jesus beschreibt also konkrete Schritte des Glaubens und des christlichen Lebens. Wir müssen nur genau lesen, was hier steht, und seine Gedanken nachvollziehen. Lassen Sie uns das deshalb jetzt tun.
Die erste Frage lautet: Wie kommt Jesus zu uns? Wie empfangen wir den Heiligen Geist, den Tröster und Beistand, von dem er hier spricht? Und darauf lautet die Antwort: Es ist zunächst ganz ähnlich wie bei einem Menschen, der gestorben ist: Wir müssen an ihn denken und vielleicht ein Bild aufstellen, das wir immer wieder betrachten. Wir lesen das, was er gesagt hat, alte Briefe vielleicht, und erinnern uns an seine Taten und an seine Liebe. Dann ist er gegenwärtig.
Und so können wir es auch mit Jesus tun. Der Unterschied zu anderen Verstorbenen ist nun allerdings der, dass sich beim Denken an Jesus und beim Lesen seines Wortes keine Wehmut in unsere Gefühle mischt. Es gibt keinerlei Traurigkeit, keinen Verlustschmerz und auch keine Nostalgie. Sondern Jesus ist wirklich da. Deshalb können wir auch noch mehr mit ihm tun, als nur an ihn zu denken. Wir können ihm vertrauen und uns auf ihn verlassen. Dann kommt er spürbar zu uns. Wir müssen uns also nicht anstrengen, um seine Präsenz zu erleben. Er kommt uns vielmehr entgegen und schickt uns seinen Geist. Er zieht in uns ein und erfüllt uns mit großer Freude und Zuversicht. Er ist ein wahrer Helfer und Beistand. Das ist das erste, was Jesus uns hier sagt.
Als zweites spricht er davon, dass das sogar besser ist als seine leibliche Gegenwart. Die Jünger hatten nach seinem Abschied viel mehr von ihm. Der Grund dafür liegt darin, dass Jesus sie durch seinen Geist mit seiner Kraft ausgerüstet hat. Die Verbindung zwischen Jesus und ihnen wurde viel inniger und dauerhafter.
Den Geist kann niemand mehr töten, und er führt jeden, der ihn empfängt in eine große Freiheit. Wenn der Heilige Geist einen Menschen erfüllt, verschwinden Ängste und Sorgen. Zwänge lösen sich auf, Trauer schwächt sich ab. Denn der Geist Jesu vermag viel. Er wirkt in uns und macht uns unabhängig von den äußeren Gegebenheiten. Das Leben muss nicht perfekt sein, damit wir froh bleiben. Selbst wenn äußerlich einiges nicht stimmt und uns beschäftigt, im Inneren sind wir getröstet und werden festgehalten.
Denn der Heilige Geist hat die Kraft, neues Leben zu schaffen. Durch ihn wird uns „der Atem Gottes eingehaucht“, wie es in einem alten Pfingstlied heißt.  Er „lenkt unsere Herzen“, „aus ihm strömt Leben, Licht und Glut, er gibt uns Schwachen Kraft und Mut.“ (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Hamburg 1994, Nr. 555) Das ist die zweite Aussage, die wir hier hören.
Und als drittes sagt Jesus noch etwas über die Welt und was der Tröster für sie bedeutet. Indem er vom Endgericht ausgeht, entwirft er für sich und seine Gegenwart einen kosmischen Rahmen. Der christliche Glaube ist keine Ideologie, und Jesus ist nicht bloß eine historische Person. Es gibt durch ihn vielmehr eine neue Wirklichkeit. In sie treten wir ein, wenn wir an ihn glauben. Und dadurch haben wir Anteil an der himmlischen Welt. Jesus schenkt uns eine Hoffnung, die über alle Zeit hinausweist. Auch im Endgericht können wir noch zuversichtlich sein, denn uns kann nichts mehr passieren.
Als lebendiges Zeichen dafür gibt es heute die weltweite Kirche. Sie hat Pfingsten ihre Geburtsstunde. Denn nachdem die Jünger den Heiligen Geist empfangen hatten, sind sie in die Öffentlichkeit getreten und haben das Evangelium verkündet. „Im Feuer und in Sturmes Braus“ sandte Gottes Allmacht ihnen den Geist, wie es in dem Pfingstlied ausgedrückt wird, das ich bereits erwähnte. Er „öffnete ihnen den stummen Mund und machte der Welt die Wahrheit kund.“ So geht die Strophe weiter. Die Jünger sind in die Welt gegangen und haben Jesus in ihr groß gemacht.  Daraufhin ist die erste christliche Gemeinde entstanden, und aus ihr wurde im Laufe der Jahrhunderte eine weltweite Gemeinschaft. Und das ist von großer Bedeutung, denn dadurch gibt es in dieser Welt konkrete Orte der Nähe Jesu.
Es ist deshalb gut, wenn wir als Christen immer wieder zusammenkommen und um den heiligen Geist bitten. Dann wird er unter uns lebendig und „entflammt Sinne und Gemüt.“ Das ist eine weitere Formulierung aus dem zitierten Pfingstlied. Gegen Ende enthält es dann die Bitte: „Die Macht des Bösen banne weit, schenk deinen Frieden allezeit.“ Wir dürfen daran glauben, dass der Heilige Geist das vermag. Er zeigt uns den rechten Weg, so dass uns nichts mehr schaden kann. Nicht nur für uns selber, sondern auch für die Welt gibt es eine Rettung. Das ist die dritte Zusage, die Jesus uns hier gibt.
Und das alles ist unglaublich viel, mehr als uns je ein Mensch oder eine Ideologie geben kann. Eine vertraute und geliebte Person wird uns immer fehlen, wenn sie gestorben ist, so sehr sie in unserer Erinnerung auch weiterlebt. Es ist nie mehr so, wie es einmal war. Jesus dagegen ist in der Welt gegenwärtig und kann uns jederzeit trösten und beistehen. Der Glaube an ihn ist nicht nur eine Erinnerung, sondern schafft neues Leben in uns und um uns.
Lassen Sie uns darüber von Herzen froh sein, Gott für seine Allmacht loben und für seine Liebe danken und fröhlich Pfingsten feiern.
Amen.

Betet!

Predigt über Lukas 11, 5- 13: Zuversicht beim Beten

5. Sonntag nach Ostern, Rogate, 21.5.2017
Jakobikirche Kiel

Lukas 11, 5- 13

5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;
6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise,  und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett;  ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 0 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet,  eine Schlange für den Fisch biete?
12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?
13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Liebe Gemeinde.

Die ersten wichtigen Dinge im Leben lernen wir dadurch, dass wir sie einfach tun. Wenn ein Kleinkind sich entwickelt, kann es nach ein paar Wochen die Welt um sich herum erkennen und beobachten. Bald entdeckt es seine Händchen und greift zu. Später richtet es sich auf, lernt sitzen, krabbeln und laufen. In absehbarer Zeit kommt die Sprache dazu. Auch die lernt ein Kind von allein, dadurch dass es hört, nachahmt und Wörter ausprobiert.
Im weiteren Verlauf des Lebens werden uns dann bestimmte Dinge beigebracht, wir lernen sie von anderen, die uns gezielt zeigen, wie etwas geht. Es bleibt aber dabei, dass wir uns das was wir wirklich können wollen, selber aneignen müssen. Zu allen Fähigkeiten gehört es, dass wir uns darin üben und sie praktizieren. Ob es das Spielen eines Musikinstrumentes ist, eine Sportart, eine Sprache, Fachwissen oder Lebensweisheit: Wir lernen, indem wir uns belehren lassen und dann unsere Aufgaben machen.
Mit dem Beten ist es nicht anders. Auch da gibt es Dinge zu beachten, die andere uns beibringen können, die wir dann aber selber umsetzen müssen, wenn wir es wirklich lernen wollen.
Die älteste Gebetsschule für die Christen finden wir bereits im Neuen Testament. Wir haben den Abschnitt eben gehört. Er enthält die sogenannte Gebetslehre Jesu, die er seinen Jüngern gibt. Sie beginnt mit dem Vater unser, das unserem Textabschnitt voran geht. Danach ermuntert und ermutigt Jesus seine Jünger zum Gebet, indem er ihnen sagt, warum es sich lohnt.
Er beginnt dafür mit einem Gleichnis, das von einem gewöhnlichen Menschen handelt. Er gerät allerdings in eine ungewöhnliche Situation, denn er hat einen Freund, der mitten in der Nacht bei ihm anklopft, um Brot zu leihen. Ein anderer Freund war gerade zu ihm gekommen, und er will ihm etwas zu essen geben. Der Hörer soll sich vorstellen, dass auf der Reise wohl etwas passiert ist, was den Betreffenden so spät eintreffen lässt und ihn umso hungriger und bedürftiger macht, denn Mitternacht war auch damals keine normale Besuchszeit. Doch ganz gleich, wann ein Gast eintraf, es gehörte sich, dass man ihn empfing und bewirtete. In diesem Fall ist bloß leider kein Brot im Haus, und so geht der Betreffende zu seinem Nachbarn, weckt ihn auf und bittet darum. Dadurch wird zwar essen ganze Familie gestört, aber trotzdem öffnet der Mann die Tür, lässt den Bittenden hinein und erfüllt seinen Wunsch.
Das ist das Gleichnis, und damit will Jesus sagen, dass Gott genauso handelt: Er scheut keine Mühe, um unsere Bitten zu erfüllen. Wir können immer kommen, auch zur Unzeit. Er gibt uns, was wir brauchen. Damit ermutigt Jesus uns zum Gebet und sagt zusammenfassend: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“
Anschließend begründet er, warum sich das lohnt, und zwar wiederum mit zwei Beispielen aus der Alltagswelt, die als Gleichnis dienen: Wenn ein Kind seinen Vater um einen Fisch bittet, wird er ihm keine Schlange geben. Die sieht zwar so ähnlich aus, ist aber giftig und gefährlich. Genauso ist es mit einem Ei. Das ist ein reichhaltiges Nahrungsmittel, und wenn das Kind seinen Vater darum bittet, wird er ihm keinen Skorpion stattdessen geben. Im zusammengezogenen Zustand ähnelt der eventuell einem Ei, aber auch das würde das Kind in höchste Gefahr bringen. So handelt kein Vater, und Gott erst recht nicht.
Er gibt uns vielmehr das Gute, und das ist vor allen Dingen der Heilige Geist. Mit der Verheißung dieser Gabe endet Jesus seine Gebetslehre, und das ist sehr aufschlussreich. Wir dürfen nicht nur um die Dinge bitten, die wir zum Erhalt unseres natürlichen Lebens brauchen. Gott möchte uns darüber hinaus innerlich ausrüsten, uns seinen Geist schenken. Durch ihn zieht er selber in uns ein. Er macht uns vertrauensvoll und zuversichtlich.
Darum lohnt es sich zu beten: Gott meint es gut mit uns, er geht mit uns um, wie ein Freund oder Vater. Er lässt sich bedrängen und betrügt uns nicht. Er bringt uns nicht in Gefahr, sondern gibt uns, was wir zum Leben brauchen, äußerlich und innerlich. Wir können deshalb jederzeit zu ihm kommen und ihn um alles bitten, was wir nötig haben. Wir sollen das sogar, es ist unser Beruf als Christen: Gott möchte, dass wir ihm vertrauen und an seine Möglichkeiten glauben. Wir müssen nicht alleine mit dem Leben fertig werden, sondern dürfen vor ihn treten und alles von ihm erwarten.
So lehrt Jesus hier, und das klingt ganz schön. Aber deckt es sich auch mit unseren Erfahrungen? Es gibt doch unzählige unerhörte Gebete, unsere Fürbitten z.B., die wir hier Sonntag für Sonntag vor Gott bringen. Werden die  erhört? Wir erflehen darin Gerechtigkeit und Frieden in der Welt, Hilfe für alle Notleidenden, Heilung für die Kranken, Trost für die Traurigen usw. Doch hat sich dadurch etwas in der Welt geändert?
Auch persönlich schicken wir viele Gebete zu Gott, auf die er nicht eingeht: Wenn wir ihn z.B. bitten, uns gesund, glücklich und wohlhabend zu machen, dann scheint ihm das häufig ganz egal zu sein. Es fällt uns deshalb oft schwer, daran zu glauben, dass „Gott gibt, wenn wir ihn bitten, dass wir finden, wenn wir suchen, und er uns auftut, wenn wir anklopfen“.
Außerdem kennt Gott unsere Nöte doch viel besser als wir und weiß längst, was wir brauchen. Das ist ein weiterer Einwand gegen das Gebet. Sorgt Gott nicht sowieso für alles Gute? Er hat die Welt erschaffen, Sonne und Regen kommen von ihm, Leib und Leben will er erhalten. Das glauben wir. Warum sollen wir ihn also noch darum bitten?
Das sind Fragen an die Gebetslehre Jesu, mit denen wir uns beschäftigen müssen, und ich möchte das gerne mit drei Gedankengängen tun.
Zunächst einmal können wir feststellen, dass es nicht nur unerhörte Gebete gibt. Das Gegenteil ist ebenso oft der Fall. Viele Menschen können bezeugen, dass Gott ihnen geholfen hat, weil sie ihn darum gebeten haben. So wie in den Gleichnissen, die Jesus erzählt, hat er ihnen genau das gegeben, was sie brauchten. Auf wunderbare Weise hat sich in ihrem Leben eine Tür aufgetan, sie haben gefunden, was sie gesucht haben, und etwas hat sich zum Guten verändert. Gott hat sie gehört und keine Mühe gescheut.
Wir wissen ja auch gar nicht, wie es in dieser Welt wäre, wenn es die Betenden nicht gäbe. Vielleicht sorgen gerade sie dafür, dass es auf dieser Erde immer noch Leben gibt und alles in geheimnisvoller Weise zusammen gehalten wird. „Gott weiß die Beter überall.“ sagt Jochen Klepper in einem Lied (Evangelisches Gesangbuch Nr. 457,3) und das ist eine beruhigende Vorstellung. John F. Ellerton drückt das auch aus. In dem Lied „Der Tag, mein Gott ist nun vergangen“ (EG 266) heißt es in Strophe drei: „Denn unermüdlich wie ein Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht.“ Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke: Die Welt ist von Betenden umschlossen und wird dadurch von einer unsichtbaren Kraft erhalten. Das ist die erste Antwort auf unsere Anfragen.
Als zweites ist es gut, dass wir durch das Gebet überhaupt mit Gott in Kontakt treten. Gebet ist gelebtes Vertrauen, Glaubenspraxis. Durch das Gebet leben wir mit Gott und beziehen ihn in unseren Alltag und alles, was uns beschäftigt ein. Entscheidend ist dabei unsere Blickrichtung: Wir starren beim Beten nicht mehr nur auf die Probleme und lassen sie auf uns einwirken, sondern wir schauen auf Gott. Wir lassen uns nicht von dem Elend und von der Zerstörung bestimmen, sondern von Zuversicht und Hoffnung. Dazu gehört es, dass wir unsere Wünsche und Vorstellungen abgeben, unsere Anliegen bei Gott ablegen und sie ihm überlassen. Gerade beim Gebet für andere ist das entscheidend: Wir stellen sie in die Obhut Gottes und wissen sie da geborgen.
Manchmal weiß Gott auch viel besser, was wirklich gut für uns oder die anderen ist. Es kann heilsam sein, wenn er nicht alles erfüllt, was wir wollen. Möglicherweise ist etwas, das wir für eine Schlange halten, in Wirklichkeit ein Fisch, und das, was wie ein Skorpion aussieht, ist ein Ei. Das stellt sich oft erst später heraus, vielleicht sogar erst nach Jahren. Aber wir erkennen dann eines Tages, dass Gott es die ganze Zeit, in der es uns schlecht ging, gut mit uns gemeint hat. Das ist der zweite Gedanke. Und daraus ergibt sich schon von alleine der dritte Punkt:
Es geht beim Beten letzten Endes um Gott selber, darum dass wir ihm näher kommen. Alle großen Beter und Beterinnen sagen das. So antwortet Luther auf die Frage, ob Gott nicht schon alles weiß, folgendes: „Darum fordert Gott das Beten nicht, dass wir ihn damit lehren sollten, was er geben soll, sondern darum, dass wir‘s erkennen und bekennen, was er uns für Güter gibt und noch viel mehr geben will und kann, so dass wir durch unser Gebet mehr uns selbst unterrichten als ihn. Denn damit werde ich umgewandelt, dass ich nicht hingehe wie die Gottlosen, die solches nicht erkennen noch dafür danken, und so wird mein Herz zu ihm gekehrt und erweckt, dass ich ihn lobe, danke und in Nöten bei ihm Zuflucht habe und Hilfe von ihm erwarte. Das dient alles dazu, dass ich, je länger je mehr erkennen lerne, was er für ein Gott ist, und weil ich bei ihm suche und anklopfe, so hat er auch Lust, desto mehr und reichlicher zu geben.“ ( Schlag nach bei Luther, Hg. Margot Käßmann, Frankfurt am Main 2012, S. 27f)
Es geht beim Beten also darum, dass wir Gott selber erkennen. Letzten Endes ist er die Antwort auf alle unsere Anliegen und Wünsche. Er stillt unsere Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit mit seiner Gegenwart. „Der Vater im Himmel wird uns den Heiligen Geist geben.“ So sagt Jesus das.
Und das ist etwas, das wir im Laufe unsres Lebens immer mehr lernen. Andere bringen es uns bei, und wir müssen es einfach ausprobieren. Die Mystikerin Teresa von Avila ist z.B. eine solche Lehrerin des Gebetes. Sie hat aufgeschrieben, wie wir es lernen können, und dafür das Bild von der „inneren Burg“ entwickelt. Es steht für die Seele, die „sieben Wohnungen“ hat. Durch die gehen wir, wenn wir uns für ein Leben mit Gott entschieden haben. D.h. die Seele dringt immer weiter in ihr Innerstes vor, sie wird langsam freier und gelassener und erkennt schrittweise, dass sie allein in Gott zur Ruhe kommen kann. (Teresa von Avila, Seelen-Burg oder – Die sieben inneren Wohnungen der Seele, erschienen in der Kleinen Bibliothek spritueller Weisheit, Hg. Abt Emmanuel Jungclausen OSB in Zusammenarbeit mit Christian Felmann, Freiburg 1999)
Auf diesem Weg nach innen werden unsere Worte langsam weniger. Irgendwann müssen wir gar nicht mehr alle Einzelheiten vor Gott ausbreiten, sondern genießen einfach seine Nähe. Vielleicht reicht am Ende ein Satz wie Jesus ihn in Gethsemane gebetet hat: „Mein Vater nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Matthäus 26, 39) Möglicher Weise verstummt aber auch der irgendwann, und unser Gebet wird wortlos. Wir sind nur noch still und ruhig in den Armen Gottes, wie ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter oder seines Vaters.
Und das lernen wir am ehesten dadurch, dass wir es einfach tun.
Amen.

 

 

Die singende Gemeinde

Predigt über Matthäus 21, 14- 17: Der Lobgesang der Kinder im Tempel
4. Sonntag nach Ostern, Kantate, 14.5.2017

9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Matthäus 21, 14- 17

14 Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie.
15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich
16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?
17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Liebe Gemeinde.

„Oma ist der kostbarste Teil der Familie. Die hat schon Altertumswert.“ Oder: „In die Kirche gehe ich nicht so gern, es dauert immer ewig, bis der liebe Gott kommt.“ Oder: „Den Nikolaus gibt’s gar nicht in echt. In Wahrheit kommt der vom Roten Kreuz.“
Das sind Kindersprüche, zusammengestellt in einem Buch aus der Reihe „Kindermund“ im Baumhausverlag. „Kindermund tut Wahrheit kund“, das bestätigt sich immer wieder, und es lohnt sich, solche Aussagen zu sammeln. Ohne es zu wollen sprechen Kinder etwas aus, was wir als Erwachsene so nicht sagen würden, es trifft aber genau zu.
So war es auch im Tempel von Jerusalem, nachdem Jesus gerade dahin gekommen war. Da sangen die Kinder, die sich dort aufhielten, ganz spontan „Hosianna dem Sohn Davids“. Sie hatten den Gesang von den Erwachsenen gehört, die Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem begleitet hatten. Vielleicht hatten die Kinder ihn noch im Ohr, vielleicht wollten sie die Erwachsenen auch nur mal nachmachen. Ob es Spaß oder Übermut war, das wissen wir alles nicht. Denn was in den kindlichen Gemütern vor sich ging, wird hier nicht gesagt. Wichtig ist einfach nur, dass sie sangen. Das war im Tempel außerhalb der Gottesdienste nicht üblich. Jesus hatte es vielmehr durch seinen Aufenthalt dort ausgelöst. Und der Inhalt des Liedes war für ihn von großer Bedeutung.
Die Hohenpriester und Schriftgelehrten regten sich darüber auf und entrüsteten sich. „Hörst du auch, was diese sagen?“ fragten sie Jesus. Und darin steckte ein Vorwurf und eine Anklage: „Sie preisen dich als den Messias! Das kannst du doch nicht zulassen! Sorg mal besser dafür, dass sie ihren Mund halten.“ Das meinten sie hier mit ihrer Frage.
Aber davon war Jesus weit entfernt. Er ließ die Kinder gewähren, weil sie seiner Meinung nach genau das Richtige sagten. Er richtete sich sowieso nicht nach dem, was die Würdenträger wollten. So wandte er sich z.B. auch den Kranken, Blinden und Lahmen zu, die an den Tempeltoren saßen und bettelten, und heilte sie.
Denn er war der Messias. Die Kinder sangen und bejubelten ihn, wie es ihm gebührte, und sie sagten mit ihrem Gesang die Wahrheit. Er war der Sohn Davids, auf den alle warteten. Jesus bestätigte das mit einem Wort aus Psalm 8: „Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet“. Das heißt, Gott nahm dieses Lob der Kinder an.
Damit ließ Jesus die Hohenpriester stehen. „Er ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.“ Das ist der letzte Satz des heutigen Abschnittes aus dem Evangelium.
Und diese Episode über den Gesang der Kinder im Tempel passt sehr schön zu dem Sonntag „Kantate“, an dem es um das Singen und Loben der „Wunder Gottes“ geht. Die Begebenheit, von der hier die Rede ist, gibt uns Anlass, einmal darüber nachzudenken, was es mit dem Jubel und den „neuen Liedern“ auf sich hat, warum sie gut sind und was mit uns geschieht, wenn wir darin einstimmen.
Es haben ja lange nicht alle Lebewesen die Fähigkeit zu singen. Das ist etwas besonders schönes. Als Menschen können wir noch mehr als sprechen, schreien oder Geräusche von uns geben. Wir sind in der Lage, mit unserer Stimme Musik zu machen. Und das haben die Menschen schon immer und überall getan, denn mit Liedern lässt sich viel mehr ausdrücken, als mit bloßen Worten. Gefühle schwingen dabei mit, tiefe Regungen der Seele kommen nach oben und finden Gehör. In Lieder legen wir unsere Freude und unseren Schmerz, Klage und Lob, Humor und Ernsthaftigkeit. Sie führen zum Lachen oder zum Weinen, rühren uns an oder stoßen uns ab.
In der Ausgabe des Evangelischen Gesangbuches für die bayrische und thüringische Landeskirche steht dazu am Anfang ein sehr schöner Text. Er bezieht sich auf die Liedzeile: „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (Evangelisches Gesangbuch 324,1) und betrachtet sie folgendermaßen:
„Ich öffne meinen Mund und hole Luft. Mein Atem wandelt sich zum Klang. Meine Stimme wird ein Lied.
Ich lasse hören, was meine Seele bewegt. Ich stimme in die Worte und Melodien anderer ein und finde mich selbst darin wieder.
Dir, Gott, singe ich mein Lob und meine Klage, meine Trauer und meine Freude. Du hörst die leisen Töne unter den lauten.
Ich singe mit Herz und Mund. Überlieferte Worte nehme ich auf, Melodien anderer Völker lasse ich erklingen.
Ich singe alleine oder mit anderen – und im Klang der Stimmen spüre ich den Atem der Schöpfung.
Wer singt, stimmt ein, lässt sich ein, bleibt nicht allein.“
Damit ist sehr schön formuliert, was unser Gesangbuch möchte. Es enthält Lieder, mit denen wir das alles verwirklichen können, in denen Gott und der Glaube vorkommen, die Seele angerührt wird und wir Gemeinschaft erfahren.
So war es auch im Tempel von Jerusalem. Dabei sangen die Kinder in unserer Szene das Loblied „Hosianna dem Sohn Davids“. Der Ruf „Hosianna“ war im Tempel bekannt, denn er gehörte zu der Liturgie beim sogenannten Laubhüttenfest, einer Art von Erntedankfest in Israel. Die Kinder verbanden ihn mit der Anrede „Sohn Davids“, denn das hatten die Menschen beim Einzug Jesu in Jerusalem ebenfalls getan. „Sohn Davids“ war die Bezeichnung für den König und endzeitlichen Heilsbringer. Für den hielten die Menschen Jesus also. Sie begrüßten und feierten ihn als den messianischen Davidsohn, der seine Stadt besucht und ihr Rettung schenkt.
In unserer Abendmahlsliturgie singen wir das immer noch und leiten es mit den Worten ein: „Darum loben die Engel deine Herrlichkeit, beten dich an die Mächte und fürchten dich alle Gewalten. Dich preisen die Kräfte des Himmels mit einhelligem Jubel; mit ihnen vereinen auch wir unsere Stimmen.“ Indem wir „Hosianna dem Sohn Davids“ singen, schließen wir uns also dem Lobgesang all derer an, die vor uns waren und kommen werden, himmlischen und irdischen Wesen, und loben Gott mit uralten Gesängen.
Und das ist etwas sehr Gutes und Schönes. Es gehört sich Gott gegenüber auch, denn wir bringen mit dem Lob zum Ausdruck, dass er groß und mächtig ist. Gott ist anders, er ist erhaben und kann viel mehr als wir. Es ist deshalb auch naheliegend, dass der Bittruf „Hilf doch“ zu einem Loblied geworden ist, denn damit trauen wir Gott etwas zu. Wir glauben an seine Möglichkeiten, erwarten etwas von ihm und geben zu, dass wir ihn brauchen. Ohne ihn kommen wir nicht weiter. Es ist angemessen, ihn mit dieser Erkenntnis zu loben.
Gleichzeitig setzen wir uns durch das Lob mit ihm in Beziehung. Wir nähern uns ihm und begeben uns in seine Gegenwart. Das Gotteslob ist wie das Betreten eines Raumes, in dem es gut und schön ist.
Und dabei geschieht etwas mit uns. Wir lenken beim Loben unseren inneren Blick ja von uns selber weg, lenken uns sozusagen auf wohltuende Weise ab. Es dreht sich nicht mehr um uns, sondern jemand anders wird zur Mitte unserer Gedanken und unserer Aufmerksamkeit. Wir lassen uns selber los, und dabei rücken Probleme, Sorgen und Ängste in den Hintergrund. Der Leib kann sich entspannen, das Herz wird emporgehoben und der Geist weitet sich. Wir werden einfacher und freier, lockerer und unbeschwerter.
Das sind wir ja leider oft nicht. Im Gegenteil wir haben meistens irgendwelche Probleme und Sorgen. Etwas belastet uns, macht uns Angst, treibt uns um. Wenn wir daran denken, haben wir normalerweise etwas im Blick das außerhalb von uns liegt, bestimmte Umstände, Ereignisse oder Personen. Denn natürlich gibt es immer Auslöser für unsere Schwierigkeiten, und um die kreisen dann unsere Gedanken.
Aber sie sind nicht die einzige Ursache. Oft hängen unsere Probleme auch damit zusammen, dass wir uns selber viel zu wichtig nehmen. Unser Wollen und Trachten ist die andere Seite, die zweite Ursache dafür, dass es uns schlecht geht. Wir hängen an unseren Wünschen und Vorstellungen. Wenn wir die also einmal loswürden, wäre schon viel gewonnen.
Und genau da kann das Gotteslob uns hinführen. Denn Gott ist da und sein Sohn Jesus Christus kann uns retten. Wir müssen ihn nur mit unserem Loblied begrüßen. Dann kommen wir mit ihm in Kontakt, mit seiner Macht und Größe, und unsere Gedanken beruhigen sich. Sorgen und Ängste werden kleiner und alle Mühen und Nöte verlieren ihr Gewicht, denn sie verschwinden hinter dem Gotteslob. Wir werden selbstvergessen und gelassen. Und das ist nicht nur ein psychologischer Vorgang. Mit unseren christlichen Liedern besingen wir vielmehr genauso wie die Kinder damals im Tempel in Jerusalem Jesus als den Sohn Gottes. Wir bringen unseren Glauben daran zum Ausdruck, dass er für uns da ist und uns das Heil bringt. Durch das Lob wird es wirksam und lebendig. Jesus zieht dabei in uns ein und befreit uns von allem Schweren.
In der Reformation wurde das besonders wichtig. Luther hat nicht nur das Evangelium neu entdeckt, und betont, dass allein Jesus uns retten kann. Er hat aus diesem Glauben auch eine ganz neue Form des Gemeindegesanges geschaffen. Noch zu seinen Lebzeiten entstand ein erstes evangelisches Gesangbuch. Es wurde 1545 von Valentin Babst in Leipzig veröffentlicht und heißt deshalb das „Babstsche Gesangbuch“. Luther hat dafür eine Vorrede geschrieben, in der steht:
„,Singet dem Herrn ein neues Lied, singet dem Herrn alle Welt!‘ Denn Gott hat unser Herz und Mund fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solchs mit Ernst gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass andere auch hören und herzukommen.“
Das finden wir in unserer Ausgabe des Gesangbuches auf der ersten Seite. Luthers Worte richten sich damit immer noch alle, die als evangelische Christen singen möchten. Sie sollen Jesus Christus mit Gesang und Freude loben, ihn als den erkennen, der er ist, und sich ihm ganz öffnen.
Lassen Sie uns das deshalb jetzt tun, indem wir selber das Lied der Kinder aus dem Jerusalemer Tempel singen: „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem.“ (Evangelisches Gesangbuch 13)
Amen.

Die neue Geburt

Predigt über Johannes 21, 1- 14: Der Auferstandene am See von Tiberias

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 23.4.2017
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Johannes 21, 1- 14

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 
2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.
3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.
6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.
8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.
10
Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!

11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.
14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.

 

Liebe Gemeinde.

Haben Sie schon „angegrillt“? Es ist ja leider noch etwas zu kalt für dieses Vergnügen. Im Sommer und bei wärmeren Temperaturen machen das viele Menschen sehr gern. Der Schrevenpark wird dann z.B. zu einer regelrechten Grillwiese und es gibt entsprechende Regeln. Im Freien Fleisch oder Fisch zu braten, macht einfach Spaß. Man verlagert das Essen nach draußen, um gleichzeitig die frische Luft und die Landschaft oder den Garten zu genießen.
Wenn so eine gemeinschaftlich im Freien eingenommene Mahlzeit ohne Grillen geschieht, nennen wir das auch Picknick. Als Kinder haben wir das mit unseren Eltern Sonntagnachmittags gelegentlich gemacht. Es war dann immer mit einem Ausflug, z.B. einer Fahrradtour verbunden.
Es gibt dieses Vergnügen schon lange. Besonders populär wurde das Picknick in England im 19. Jahrhundert. Dort ist es bis heute bei den oberen Schichten beliebt und kann den Rang eines gesellschaftlichen Ereignisses haben. Aus Großbritannien stammt auch der Picknickkorb.
Man kannte es bereits in der Antike und auch in der Bibel gibt es diverse Geschichten von Mahlzeiten im Freien. Eine haben wir vorhin gehört.
Das Essen fand am Ufer des Sees Tiberias statt, so wird der See Genezareth im Johannesevangelium genannt. Jesus hatte dort die Idee, seine Jünger zu einem Essen unter freiem Himmel einzuladen.
Es ist eine der sogenannten Offenbarungsgeschichten, d.h. Jesus offenbart sich hier als der Auferstandene, und zwar gegenüber sieben seiner Jünger. Die waren beieinander, um zu fischen, wie sie es gewohnt waren. Sie hatten also nach der Kreuzigung Jesu ihre alte Tätigkeit wieder aufgenommen. Petrus hatte dazu die Initiative ergriffen.
Doch leider „fingen sie in dieser Nacht nichts.“ Das konnte es natürlich geben, ihre Fahrt und ihre Mühe waren vergeblich gewesen. Sie kannten das, und sie hatten auch schon einmal erlebt, dass Jesus ihnen daraufhin einen wunderbaren Fischzug ermöglichte. Das war am Anfang ihrer Jüngerschaft gewesen, als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatten. (Lukas 5, 1- 11)
Doch daran erinnerten sie sich jetzt offensichtlich nicht. Außerdem war Jesus gestorben, und so erkannten sie nicht, dass er es war, der da am Morgen plötzlich am Ufer stand. Er sprach sie zwar mit „Kinder“ an, aber das öffnete ihre Augen noch nicht. Trotzdem gehorchten sie ihm, als er ihnen sagte: „Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“
Und dann geschah das Wunder: Das Netz war so voll, dass sie es wegen der Menge der Fische nicht ziehen konnten. Nun wussten sie, wer es war, der mit ihnen redete. „Der Jünger, den Jesus lieb hatte“, sprach es als erster aus: „Es ist der Herr!“
Kaum hatte Petrus das gehört, zog er die Konsequenz: Nackend, wie er bei der Arbeit im Boot war, warf er sich schnell sein Obergewand über, gürtete es und stürzte sich ins Wasser, um als erster bei Jesus zu sein. Die anderen kamen mit dem Boot nach. Es waren nur etwa 90 Meter bis zum Ufer, aber an dem übervollen Netz hatten sie schwer zu schleppen.
Möglicherweise haben sie dabei schon den wunderbaren Bratgeruch wahrgenommen, der über den See gezogen war: Jesus hatte eine Mahlzeit vorbereitet. Woher er die Fische genommen hatte, wird nicht erzählt. Das gehört zu den erstaunlichen und unerklärlichen Ereignissen, die bei dieser Begegnung stattfanden. Auf sehr schöne Weise verbinden sie sich durch das gemeinsame Essen mit etwas Alltäglichem.
Petrus zog vorher noch das schwere Netz an Land, von dem es heißt: Es war „voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.“ Die Zahl hat sicher eine symbolische Bedeutung. Man vermutet, dass es damals so viele bekannte Völker gab. Dann ist mit der Zahl 153 die Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Völkerwelt gemeint, die durch das Netz des Evangeliums gesammelt und zusammengehalten wird. „Machet zu Jüngern alle Völker“  heißt es am Ende des Matthäusevangeliums im sogenannten Missionsbefehl. (Matthäus 28, 19) Der klingt hier durch.
Nach getaner Arbeit lud Jesus nun zum Mahl. Keiner der Jünger traute sich, ihn direkt zu fragen, ob er der Herr sei, sie waren ihm gegenüber befangen. Sie wussten zwar, dass er es war, aber sie hatten Mühe mit der Situation. Das mussten sie erst einmal verarbeiten, und dazu brauchten sie noch etwas Zeit. Nicht umsonst wird im Neuen Testament erzählt, dass sie erst 50 Tage nach Ostern alle Furcht ablegten und in der Lage waren, ihren Glauben in die Welt zu tragen. (Apostelgeschichte 2, 1- 4)
Aber sie genossen die Gemeinschaft mit Jesus. In der Mahlfeier spürten sie seine wohltuende Nähe. Sie war vertraut und doch in keiner Weise selbstverständlich.
„Das war das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.“ Mit diesem Satz endet unsere Erzählung.
Man hat den Eindruck, dass es eigentlich zwei Geschichten sind, die hier miteinander kombiniert wurden: Das Wunder vom Fischzug und das Wunder eines Mahles mit dem Auferstandenen. Es kann auch tatsächlich sein, dass die Szene aus zwei Begebenheiten zusammengesetzt wurde und sich hier diese beiden Erzählungen miteinander verschmolzen haben. Doch genau dadurch bekommt die Geschichte ihren Reiz und ihren Reichtum: Bei einem alltäglichen Geschehen wie dem Essen offenbart sich Jesus als der Auferstandene, der wunderbar eingreift. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut und gleichzeitig hat er göttliche Kraft und Macht.
Auch zu seinen Lebzeiten hatte Jesus ja öfter mit seinen Jüngern und anderen Menschen gegessen und getrunken. Die Mahlgemeinschaft ist ein häufiges Motiv im Evangelium, wie die Speisung der Fünftausend oder das Essen mit Zöllnern und Sündern. Auch das letzte Abendmahl gehört dazu: Jesus saß gerne mit den Menschen zum Essen zusammen. Das stärkte seine Gemeinschaft mit ihnen und zeigte, dass er ihnen nahe war. Daran knüpft diese Begegnung hier an, und damit gibt Jesus seinen Jüngern ein Erkennungszeichen. So kannten sie ihn, und daran sollten sie sich erinnern. Das gelingt ihnen allerdings erst durch den wunderbaren Fischzug, mit dem sein Auftreten einhergeht. Einerseits ist die Begegnung also vertraut und normal, andererseits wird der Alltag der Jünger durchbrochen und in übernatürlicher Weise verändert.
Darin liegt die Botschaft dieser Geschichte, auch wir dürfen das erleben: Wir können Jesus im normalen, täglichen Leben begegnen, dann wird etwas neu, ohne dass wir ergründen können, wie es geschieht. Es ist traumhaft und wirklich zugleich, geheimnisvoll und doch ganz real. So handelt der Auferstandene immer noch. Daraus speist sich unser Glaube und unsere christliche Lebensführung.
Lassen Sie uns also fragen, wie es dazu kommen kann, dass sich auch in unserem Leben der Auferstandene offenbart und an uns handelt.
Dabei dürfen wir als erstes davon ausgehen, dass er selber zu uns kommt. So wie er hier am Seeufer stand, so kann er plötzlich in unser Leben treten. Er kommt uns entgegen und will selber, dass wir ihn erkennen. Vielleicht hören wir von ihm, lesen etwas, machen eine Erfahrung, die auf ihn hinweist. Er ist auf jeden Fall in dieser Welt gegenwärtig und zeigt sich immer wieder. Wir müssen ihn nicht zu uns ziehen. Es gilt lediglich, ihn zu erkennen, d.h. auf seine Zeichen zu achten. Es ist also gut, wenn wir für Überraschungen offen sind. Wir können die Begegnung mit ihm nicht planen, sie geschieht unvorhergesehen.
Das ist einerseits spannend, andererseits verunsichert uns das aber auch und macht uns Angst. Überraschungen können unwillkommen sein, und genau da liegt das Problem. Das ist der nächste Punkt. Normalerweise bestimmen wir ja selber, was geschieht, oder zumindest wollen wir das gerne. Wir behalten am liebsten die Kontrolle über unser Leben und richten uns nach unserem Willen und unsren Wünschen. Die sollen wahr werden, denn davon versprechen wir uns Glück und Erfolg. In der Familie, im Beruf, in dem, was wir lernen und womit wir uns vergnügen, handeln wir so. Lange Zeit geht das auch gut, wir erreichen etwas und verwirklichen unsere Vorhaben.
Doch meistens kommen wir irgendwann an eine Grenze, durch das Älterwerden z.B. Es kann aber auch schon vorher geschehen, etwa durch eine Krankheit, einen Verlust oder eine Krise. Es gibt unzählige Ereignisse, die uns aus der Bahn werfen und unsere Pläne durchkreuzen können. Dann merken wir, dass unser Leben nicht aufgeht, wenn wir nur auf uns selber vertrauen. Im Gegenteil, oft machen wir uns genau dadurch etwas vor. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir alles im Griff haben. Wir können dabei in die Irre gehen, weil wir letzten Endes Trugbildern nachlaufen. Oft sind es in Wirklichkeit so etwas wie Wahnvorstellungen, die uns anleiten, sie verblenden uns und versperren uns die Sicht.
Und genau das kann und will Jesus durchbrechen. Er will unsere Augen und unseren Geist für seine Gegenwart öffnen. Das, was uns die Sicht versperrt, muss dafür allerdings weichen. Es ist deshalb oft ein schmerzhafter Vorgang, der uns zur Erkenntnis seiner Macht führt. Er geht durch Leiden und Sterben hindurch. Wir müssen etwas loslassen, aufgeben und uns eingestehen, dass wir alleine nicht weiterkommen. Es ist wichtig, dass wir unsere Begrenztheit annehmen und ehrlich sind. Krisen und Niederlagen sind nicht nur schlimm, sie können uns auch weiterführen. Es gilt deshalb, dass wir sie bejahen.
Anders war es bei Jesus auch nicht, wir folgen ihm auf diesem Weg und können genau wie er zu neuem Leben finden. Das ist der letzte Schritt. Es ist dann wie eine zweite Geburt. Nicht umsonst bezeichnen wir es als „Wiedergeburt“, wenn ein Mensch zum Glauben kommt und sich dem Auferstandenen anvertraut. Es gibt seinem Leben einen neuen Sinn und ein neues Ziel. Es entsteht Hoffnung und Zuversicht. Aufbruch und Bewegung kennzeichnen diesen Neuanfang. Die Auferstehung vollzieht sich im eigenen Leben, denn von nun an gibt es keine ausweglosen Situationen mehr. Selbst wenn gar nichts anderes mehr geht, ist Jesus immer noch da. Er ist die neue Mitte, derjenige, der uns einlädt und uns mit seiner göttlichen Kraft in unserem Alltag begleitet.
Mit der Taufe wird dafür eine Grundlage gelegt. Sie erinnert an die Wiedergeburt, dafür ist das Wasser ein Zeichen: Es kann Tod und Leben bedeuten, etwas Altes geht unter und etwas Neues wird lebendig. Außerdem legt sie die Grundlage für die Gegenwart Christi in unserem Leben. Er ist durch die Taufe wirklich bei uns und wird sich immer wieder zeigen.
Er schafft Situationen, an denen wir ihn erkennen können. Wir führen unsren Alltag mit ihm, alles ist wie immer und doch liegt unserem Leben ein Wunder zu Grunde. Die himmlische und ewige Wirklichkeit hat Einzug genommen, ein starker Begleiter und Helfer.
Lassen Sie uns also hinschauen, uns von Jesus einladen lassen und die Nähe und Gemeinschaft mit ihm genießen. Dann wird es immer wieder einen neuen Anfang geben.
Amen.

 

 

Der Herr ist auferstanden

Predigt über Matthäus 28,1-10: Jesu Auferstehung

Ostersonntag, 16.4.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Matthäus 28, 1- 10

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.
4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.
5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;
7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.
8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Liebe Gemeinde.

Kennen Sie das: Plötzlich bewusstlos, doch schnell wieder bei Sinnen? So verläuft eine Ohnmacht. Auslöser sind ein vorübergehender kompletter Durchblutungsmangel im Gehirn und ein kurzes Versagen des Herz-Kreislauf-Systems. Aus dem Stand heraus gleiten die Beine weg, die Muskeln machen schlapp und der oder die Betroffene sinkt in sich zusammen.
Diejenigen, denen es widerfährt, sind danach häufig stark verunsichert: Was ist passiert? Bin ich krank? Stimmt etwas bei mir nicht im Kopf? Kann sich der Vorfall wiederholen?
Die Antworten auf diese Fragen hängen von den Ursachen ab. Das können Herz- und Gefäßerkrankungen sein, die müsste man dann medizinisch behandeln lassen. Es gibt aber auch psychische Gründe für eine Ohnmacht. Heftige Gefühlswahrnehmungen können ebenfalls den Kreislauf dämpfen, wie etwa ein Erschrecken, Angst oder Stress. Dann geht die Ohnmacht meistens schnell vorüber und wiederholt sich auch nicht unbedingt. Eine Medizin gibt es dagegen nicht. Unangenehm ist sie allerdings trotzdem, denn man weiß nicht, was in der Zeit der Bewusstlosigkeit geschehen ist.

So ging es auch den Wächtern des Grabes Jesu. „Sie waren, als wären sie tot“, heißt es in dem Bericht bei Matthäus, und dadurch bekamen sie nichts von den Geschehnissen mit. Die waren so gewaltig, dass die Wächter erschraken und in Ohnmacht fielen. Und das ist auch kein Wunder, denn für das Nervensystem waren es ungewöhnlich starke Reize: „Es geschah ein großes Erdbeben, der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Und seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.“
Das alles passierte am ersten Tag der Woche, nachdem Jesus beerdigt worden war und der Sabbat vorüber war. Da kam am Grab Jesu plötzlich eine Bewegung auf, die die Erde erschütterte. Sie war die Begleiterscheinung für eine himmlische Offenbarung. Die Wirklichkeit Gottes brach ein, der Allmächtige meldete sich zu Wort. Durch das Auftreten eines Engels wurde er sichtbar und hörbar. Außerdem wurden die Naturgesetze für ungültig erklärt: Mit metaphysischen Kräften wälzte der Engel den Stein weg, mit dem das Grab verschlossen war. Und dann kam zu dem Erbeben und der Öffnung des Grabes noch ein helles, blendendes Licht dazu. Es ist kein Wunder, dass die Wächter bei all diesen Ereignisswen in Ohnmacht fielen.
Viel erstaunlicher ist es, dass die Frauen, die gekommen waren, um nach dem Grab zu sehen, dem allen stand hielten. Es waren „Maria von Magdala und die andere Maria“. Sie waren mit Jesus befreundet gewesen und wunderbarer Weise verkrafteten sie diese spektakulären Ereignisse. Mit ihnen sprach der Engel nun. Sicherlich hatten sie sich auch erschrocken, aber der Engel konnte sie beruhigen. Er sagte als erstes: „Fürchtet euch nicht!“ Das ist ein Gruß, der fast immer in der Bibel vorkommt, wenn Gott zu den Menschen spricht. Er soll die Angst vor dem Unbegreiflichen nehmen und Nähe schaffen. Er soll beruhigen und die Angesprochenen zum Zuhören bewegen.
Und das gelang dem Engel auch. Er gab den Frauen zu verstehen, dass er sie kannte und wusste, was sie bewegte und beschäftigte. So vertrauten sie ihm und waren bereit, zuzuhören. Und das war wichtig, denn nun folgte die unglaubliche Botschaft: „Jesus, der Gekreuzigte, ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat“.
Jesus war nicht mehr da, das Grab war leer. Die Frauen konnten sich davon überzeugen.
Und dann bekamen sie von dem Engel einen Auftrag: „Geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten.“ Das taten sie sofort. Sie gehorchten dem Engel und gingen zurück, um diese Botschaft weiter zu sagen.
Vielleicht wachten die Wächter genau danach wieder auf. Das wird hier zwar nicht erzählt, aber wir können es uns gut vorstellen. Ihre Ohnmacht bedeutet jedenfalls, dass sie im Nachhinein nichts bezeugen konnten. Niemand konnte das, auch die Frauen nicht, denn die waren von dem Licht geblendet. Es gibt für die Auferstehung selbst keine Augenzeugen, das wollte der Evangelist klar machen. Wann Jesus wirklich aus dem Grab verschwand, weiß keiner. Es gibt von Anfang an nur die Botschaft seiner Auferstehung, die Verkündigung und den Glauben daran.
Und dafür sind die Frauen ein wunderbares Beispiel. Im Gegensatz zu den Wächtern hatten sie Vertrauen in Gott und in Jesus. Sie waren aus Freundschaft und Liebe gekommen, waren offen für die Rede des Engels und gehorchten ihm.
Deshalb hörte ihr Erleben damit auch nicht auf, sondern auf ihrem Rückweg begegnete ihnen Jesus selber. Sie hatten zwar nicht gesehen, wie er aus dem Grab stieg, aber nun trafen sie ihn auf dem Weg. Plötzlich stand er vor ihnen. Er zeigte sich und sprach selbst zu ihnen. Und sie beteten ihn an, wie es heißt: „Sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.“
Und dann erhielten sie von ihm noch einmal denselben Auftrag, den der Engel ihnen bereits gegeben hatte: „Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.“ Damit endet der Osterbericht des Matthäus.

Und das Christentum beginnt. Ostern ist die Geburtsstunde des christlichen Glaubens, die Entstehung der Kirche. Alles beruht auf dieser Botschaft und darauf, dass sie weitergesagt wurde. Ostern ist deshalb eigentlich auch das zentrale Fest der Christenheit, das als erstes in der Geschichte der Kirche gefeiert wurde. Und das ist kein Wunder: So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben, und auch danach ist nie wieder jemand aufgetreten, der von einem Menschen verkündet hat, dass er von den Toten auferstanden ist. Jesus ist nicht nur ein Lehrer oder Prophet, sondern der lebendige Gott, der den Tod besiegt hat, so lautet das christliche Bekenntnis. Und das wird auch nicht nur zu Ostern gefeiert, ursprünglich erinnert jeder Sonntagsgottesdienst an die Auferstehung. Der Sonntag ist jedenfalls aus diesem Grund unser Feiertag.
In der orthodoxen Kirche ist dies auch lebendig geblieben. Dort wird das Osterfest viel großartiger begangen, als bei uns. Und das zentrale Bild in einer orthodoxen Kirche ist immer der auferstandene und erhöhte Christus.
In unserer westlichen Tradition hat sich das verschoben. Die Kreuzigung Jesu wurde in der katholischen und evangelischen Kirche bedeutender. In den Vordergrund trat das Opfer Christi, sein Leiden, seine Geduld und Hingabe. Und von den Festen rückte Weihnachten stärker in das Bewusstsein der Allgemeinheit, d.h. die Botschaft, dass Jesus überhaupt gekommen ist und Gott Mensch wurde. Heutzutage können damit jedenfalls viel mehr Menschen etwas anfangen als mit Ostern.
Und das ist nachvollziehbar, denn in ein modernes, aufgeklärtes Denken passt der Glaube an die Auferstehung nicht. Die meisten Menschen können sich das nicht vorstellen und halten es für unwahrscheinlich. Selbst viele Christen zweifeln an dieser Botschaft. Vielleicht geht es Ihnen auch so. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns fragen, was wir damit anfangen sollen. Kann diese ungewöhnliche Nachricht überhaupt noch etwas für uns bedeuten? Und wenn ja, wie erschließt sie sich uns?
Über diese Fragen müssen wir nachdenken. Und dafür ist es gut, wenn wir die Osterberichte in den Evangelien nach Antworten absuchen. Wir dürfen sie nicht einfach nur als Geschichten lesen oder hören, sondern müssen tiefer in sie eindringen. Dann entdecken wir durchaus einiges, das für unseren Glauben wichtig ist.
Bei dem Bericht im Matthäusevangelium ist es z.B. aufschlussreich, einmal die beiden Gruppen von Menschen, die hier vorkommen, miteinander zu vergleichen, die Wächter und die Frauen. Die einen fallen in Ohnmacht und merken nichts, die anderen kommen zum Glauben. Warum ist das so? Was ist der Unterschied? Wenn wir das herausstellen, ergeben sich ein paar wichtige Konsequenzen.
Drei Punkte sind mir dazu eingefallen. Zunächst einmal sind es ganz unterschiedliche Motive, die die Menschen zum Grab Jesu führten. Die Soldaten taten es aus Pflicht und aus Misstrauen heraus. Sie standen da, weil die Hohenpriester mit den Pharisäern Pilatus daran erinnert hatten, dass Jesus bereits vor seinem Tod von seiner Auferstehung gesprochen hatte. Pilatus sollte das Grab bewachen lassen, „damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste.“ So steht es im Matthäusevangelium. Pilatus erfüllte ihren Wunsch, das Grab wurde mit der Wache gesichert und der Stein versiegelt. (Mt. 27,62-66)
Es war also auf keinen Fall Freundschaft, die die Wächter mit Jesus verband, sondern im Gegenteil: Sie standen als seine Feinde da.
Die Frauen dagegen liebten Jesus. Sie hatten sich längst auf ihn eingelassen und waren ihm gefolgt. Und das wäre auch für uns eine wichtige Voraussetzung: Wenn wir an die Auferstehung glauben wollen, müssen wir Jesus von vorne herein mit Liebe begegnen, uns ihm zuwenden, ihn aufsuchen und uns für seine Nähe öffnen. Das ist der erste Punkt.
Als zweites können wir uns das Ergehen am Grab vor Augen halten: Die Wächter fielen in Ohnmacht, die Frauen dagegen vernahmen eine wunderbare Botschaft. Und das heißt: Wer ohne positive Grundeinstellung zu Jesus geht, skeptisch und misstrauisch ist, bekommt von seiner Macht nichts mit, er bleibt ihr gegenüber „bewusstlos“, d.h. sie dringt nicht in sein Bewusstsein ein. Es ist, als würde nichts geschehen.
Wer dagegen in Freundschaft mit Jesus lebt, zu dem spricht Gott. Er wird beruhigt und empfängt wunderbare Worte des Trostes und der Hoffnung. Es gilt also, auf die Stimme Gottes, d.h. auf das Evangelium zu hören und ihr zu gehorchen, und zwar trotz unserer Zweifel. Die dürfen wir ruhig haben, wir müssen sie nicht selber abstellen. Allerdings sollten wir sie auch nicht allzu lange pflegen. Es nützt nichts, wenn wir viel grübeln, unseren Verstand bemühen und die Vernunft einschalten. Wir sollten einfach nur stand halten und uns auf die Verkündigung der Auferstehung Jesu einlassen.
Dann kommt es zur Begegnung mit ihm, das ist der dritte Punkt. Die Wächter werden gar nicht mehr erwähnt, sie versinken für den Evangelisten in die Bedeutungslosigkeit und fallen aus der Geschichte raus. Die Frauen dagegen erleben etwas sehr Schönes: Sie treffen Jesus selber. Vielleicht waren auch sie bis dahin noch nicht richtig überzeugt, jetzt sind sie sich ganz sicher. Und das heißt für uns: Die Antwort auf die Frage, ob Jesus denn nun wirklich auferstanden ist, bekommen wir nicht in unserem Kopf, sondern in unsrem Leben. Sie vollzieht sich und verändert uns. Die Kraft der Auferstehung, diese starke Energie, die sich in den geschilderten Ereignissen am Grab widerspiegelt, zieht in unser Leben ein. Und es wird hell in uns. Ohne dass wir viel dazu tun, wird unser Geist klar. Wir fühlen uns sicher, gewinnen Zuversicht und Hoffnung. Die Zweifel lösen sich von alleine auf, sie sind plötzlich verschwunden, ohne dass wir viel dazu getan haben. Und mit ihnen verziehen sich auch andere Probleme, die wir eventuell im Leben hatten. Denn uns wird gleichzeitig eine große Freude geschenkt.
Den Frauen ging es so, dadurch wurden sie die ersten Missionarinnen: Sie gaben die Verkündigung weiter und sagten es den Jüngern. Die wiederum gingen später in die Welt hinaus und predigten das Evangelium. Bis heute ist es lebendig geblieben. Und es ist nicht nur eine gute Nachricht, sondern in ihr ist der Auferstandene gegenwärtig. Er stellt sich immer noch vielen Menschen in den Weg, öffnet ihre Augen und Ohren und macht sie zu seinen Jüngern und Jüngerinnen.
Lassen Sie uns dazu gehören, uns nicht verschließen, sondern ihn lieben und immer wieder aufsuchen. Lassen Sie uns an den Auferstandenen glauben und ihm vertrauen. Dann werden wir ihm auch begegnen und können seine Stimme hören.

Amen.

Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden

Bereits in den letzten beiden Jahren hat die Nordkirche dazu eingeladen, die Gottesdienste am 5. Sonntag der Passionszeit, dem Sonntag Judika, unter das Motto zu stellen: „Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden.“ Diesem Vorschlag haben wir uns heute angeschlossen. Der Gottesdienst hat Raum für Klage und Dank, Bekenntnis und Fürbitte gegeben und sollte uns helfen, unser Engagement für den Frieden nicht aufzugeben. Wir haben uns daran erinnert, dass Gott sich diese Welt friedlich vorgestellt hat. Er will nicht, dass wir Kriege führen. Wir haben deshalb gefragt, wie wir leben können, damit sein Wille geschieht.
Viele Inhalte – auch in der Predigt – sind dem Materialheft entnommen, das das Zentrum für Mission und Ökumene der  Nordkirche für die Gottesdienste an diesem Sonntag zusammengestellt hat.

Predigt über 1. Mose 22, 1- 13: Abrahams Versuchung

Judika, 5. Sonntag in der Passionszeit, 2.4.2017
Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Mose 22, 1- 13

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne
5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.
7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz
10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

Liebe Gemeinde.
„Abraham war bereit, Gott seinen einzigen Sohn zu geben, obwohl ihm Gott doch die Zusage gemacht und gesagt hatte: »Durch Isaak wirst du Nachkommen haben«. Denn Abraham rechnete fest damit, dass Gott auch Tote zum Leben erwecken kann. Darum bekam er auch seinen Sohn lebendig zurück – als bildhaften Hinweis auf die künftige Auferweckung.“ (Hebräer 11,17ff, Übersetzung: Gute Nachricht)
Das ist der Kommentar des Hebräerbriefes zu der Erzählung von „Abrahams Versuchung“. Er steht in einem Kapitel über die Geschichte des Glaubens der Väter. Darin zählt der Verfasser eine lange Reihe von Beispielen hervorragender Glaubenszeugen aus dem Alten Testament auf. Und das war keine neue Idee. Abraham wird bereits im Alten Testament aus verschiedenen Gründen als „Vater des Glaubens“ bezeichnet. Im Hebräerbrief wird hervorgehoben, dass sein Glaube sich in einer extremen Grenzsituation bewährt hat und ihn über die Todesfurcht triumphieren ließ. Die Gewissheit des lebendigen Gottes hat Abraham durch die dunkelsten Stunden seines Lebens getragen.
Aus der Erzählung selbst lässt sich diese Auslegung nicht unbedingt ableiten, denn wir erfahren hier nichts über die Gedanken Abrahams. Im Gegenteil: Es fällt auf, dass er die meiste Zeit schweigt. Was in ihm vorgeht, offenbart er nicht, nicht einmal seinem Sohn.
Aber es ist gut, dass schon der Hebräerbrief eine Interpretation liefert, denn ohne eine solche lässt sich diese Geschichte nicht verstehen und auch nicht ertragen. Sie enthält zu viele Widersprüche und wirkt über weite Strecken böse und abstoßend: Den einzigen Sohn zu opfern, geht bereits gegen die Natur und kann eigentlich nicht von dem Gott gefordert werden, der doch das Leben schuf! Zudem hatte Abraham für seinen Sohn eine besondere Verheißung empfangen. Es muss für ihn völlig unverständlich gewesen sein, dass Gott nun verlangte, ihn zu töten. Gott machte sich dadurch eigentlich unglaubwürdig! Die Verheißung wurde für Null und nichtig erklärt, und das konnte Abraham bestimmt nicht begreifen.
Deshalb herrscht wohl auch dieses bedrückende Schweigen zwischen ihm und seinem Sohn Isaak. Es legt sich fast auf einen selber, wenn man die Geschichte liest. Nur einmal wird es von Isaak unterbrochen, weil der sich wundert: An den Gegenständen, die sie tragen, erkennt er sehr wohl, dass sie ein Opfer bringen wollen. Aber wo war das Tier? Das fragt er seinen Vater. Und um das Kind nicht zu beunruhigen, vielleicht auch weil er in der Tat an die Auferstehung der Toten glaubt, sagt Abraham: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Dann herrscht wieder Schweigen, bis sie am Ziel sind, und auch dort wird nicht mehr gesprochen, sondern nur noch gehandelt. Am Ende streckt Abraham die Hand aus und nimmt das Messer, um seinen Sohn zu töten.
Erst im allerletzten Augenblick wird er von dieser schrecklichen Tat abgehalten. Eine Stimme ruft ihn und daraufhin lässt er die Hand sinken und hört zu. Er soll dem Jungen nichts tun, sondern anstatt des Kindes einen Widder opfern, der plötzlich im Gebüsch auftaucht. Die Geschichte geht also am Ende gut aus.
Das hebt der Hebräerbrief hervor, und auf dieses Ende möchte auch ich heute einmal unsere Aufmerksamkeit lenken. Wir müssen uns wie gesagt sowieso Gedanken machen, wie wir die Geschichte verstehen wollen, sie erschließt sich nicht von allein. Die Menschen, die sie gelesen haben, taten das deshalb auch von Anfang an, und es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen.
Wer humanistisch denkt, verurteilt die Geschichte z.B. einfach: Das kann nicht Gott sein, der hier spricht, denn er verlangt etwas, das jeder Moral entgegensteht. Abraham muss sich getäuscht haben, als er den Auftrag vernahm. Das war nicht die Stimme Gottes. So lautet ein Argument. Es führt dazu, dass man die Geschichte ablehnt, denn an so einen Gott kann und will man nicht glauben.
Das denken sicher auch viele von uns. Unser Glaube gründet auf ganz anderen Grundsätzen. Wir finden sie im Neuen Testament, und da ist Gott nicht mehr so. Wir halten die Geschichte deshalb für einen Irrtum in der Bibel.
Wenn wir allerdings genau hinschauen, ist der Unterschied zwischen Abraham und dem Neuen Testament gar nicht so groß. Nicht umsonst erwähnt der Hebräerbrief ihn als Glaubenszeugen, und auch Paulus stellt ihn mehrere Male als Vorbild hin.
Lassen Sie uns die Geschichte deshalb nicht einfach bei Seite legen. Wir können uns wie gesagt auf das Ende konzentrieren, dann ist sie gar nicht so grausam und unmenschlich. Denn niemand wird umgebracht. Die Geschichte handelt nicht vom Morden und Opfern, sondern von genau dem Gegenteil: Gott hält das Schwert zurück, er will das Leben und den Frieden. Das kommt hier sehr deutlich zum Ausdruck. Die Praxis des Menschenopfers wird eindeutig abgelehnt. Sie war auch bereits ferne Vergangenheit, als die Geschichte entstand, es gab sie schon lange nicht mehr. Darauf gründet sich die Erzählung.
Lassen Sie sie uns deshalb einmal mit diesen Voraussetzungen lesen, dann entdecken wir darin vieles, was für unser Leben und unseren Glauben wichtig ist.
Aufschlussreich und sehr eindrücklich ist wie gesagt der Moment, in dem Gott die Hand Abrahams mit dem Messer zurückhält und ihn am Morden hindert. „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts.“ Das war der Befehl des Engels.
Gott ließ sich vernehmen, und das tut er auch heute noch. Es gilt also, inne zu halten und hinzuhören. Es muss die Bereitschaft geben, auf Gottes Friedensstimme zu achten, auf sein Wort. Denn dafür sind viele Menschen taub. Wie taub sind z.B. die Kriegstreiber gegenüber der Mahnung zum Frieden. Unbeirrt verfolgen sie ihre eigenen Ziele. Abraham kann gut auch als ein Bespiel für religiösen Fanatismus gesehen werden. Er ist von unheilvollen Phantasien erfüllt, die immer noch viele Menschen befallen: Gott verlangt Opfer, er will, dass wir andere töten, er will das Blutvergießen. Wenn solche Gedanken das Handeln bestimmen, entsteht eine Logik des Krieges und der Gewalt. Falsche Gewissheiten machen die Menschen für alles andere blind und taub. Abraham erinnert uns daran, dass es das geben kann, dass das aber nicht der Wille Gottes ist. Er lädt uns ein, genau hinzuhören, und am Ende das zu tun, was dem Frieden dient.
Lassen Sie uns also fragen, wie das geht. Dazu gehört es als erstes, dass wir zugeben: Keiner und keine von ist so, wie Gott das möchte. Wir tragen alle die Keime von Hass und Neid in uns. Wie oft wollen wir z.B. mehr haben, als unser Nachbar oder unsere Nachbarin hat, wollen stärker sein als unsere Geschwister und besser als die Kollegen. Unser Geist verfinstert sich dann, weil wir neidisch sind. Auch gegenüber der Not unserer Mitmenschen verschließen wir uns gern. Wir sehen die Fremden mit Misstrauen, und innerlich ballen sich unsere Hände zu Fäusten. Das müssen wir zugeben. Es ist wichtig, dass wir ehrlich sind und unsere Sünde erkennen. Denn nur dann können wir den nächsten Schritt gehen und Gott um Hilfe bitten. Wir können ihn bitten, auf uns Acht zu geben, uns beizustehen und uns zur Ordnung zu rufen.
Dann hält er unsere Hand mit dem Messer zurück, er gebietet uns Einhalt und öffnet die geballten Fäuste. Er lässt uns teilen. Er macht uns bereit zu geben, was der andere braucht und dankbar anzunehmen, was wir haben. Er kann uns auf den Weg der Gerechtigkeit führen.
Und auf diesem Weg sind wir nicht allein. Denn als Christen haben wir jemanden, der uns hilft, den Weg des Friedens zu gehen. Es ist Jesus Christus selber, der lebt und uns begleitet. Dieser Gedanke bietet eine weitere Möglichkeit, die Geschichte von Abraham und Isaak zu interpretieren: Das geopferte Schaf oder Lamm ist ja ein Symbol für Christus geworden. Nicht umsonst lesen wir die Erzählung in der Passionszeit, in der es um das Leiden und das Opfer geht, das Gott selbst durch den Tod seines Sohnes für uns gebracht hat, damit wir gerettet werden.
All unsere Sünden, unser Unfriede und sogar Kriege können dadurch überwunden werden. Denn wir dürfen daran glauben, dass wir nie allein sind. Gott kennt unsere Not, die Ungerechtigkeit und den Hass. Er hat das selber erlitten und geduldig ertragen. Mit dem Sterben Christi ist er in die tiefsten Tiefen unseres menschlichen Lebens hinabgestiegen, und mit seiner Auferstehung ist er daraus wieder hervorgegangen. Und dadurch haben wir immer und überall eine Quelle des Guten, die Kraft der Liebe und einen Grund zur Hoffnung. Wir müssen nur auf Jesus Christus vertrauen, dann können wir die Erfahrung machen, dass jemand da ist, der uns beisteht und uns zum Frieden führen möchte.
Es gibt dafür auch konkrete Beispiele. So berichtet ein Pastor aus Papua Neuguinea, dass es dort Anfang der 70er Jahre einen erbitterten Krieg zwischen zwei Stämmen gegeben hat, der sechs Jahre lang dauerte. Hunderte von Menschen auf beiden Seiten wurden getötet, Häuser verbrannt und Kaffeebäume vernichtet. Doch es gab einen Funken von Frieden mitten im Krieg, und das war die christliche Botschaft. Die meisten Menschen hatten den christlichen Glauben angenommen, und trotz des herrschenden Hasses wirkte die Botschaft des Friedens tief in den Herzen der Krieger. So kam es eines Tages zu dem lang ersehnten Frieden. Die wenigen Pastoren und Evangelisten beschlossen buchstäblich als Friedensträger mitten in die Kampfzone zu gehen. An einem besonders schlimmen Tag traten die Gottesmänner zwischen die beiden kriegerischen Stämme, bekleidet mit ihren Talaren und bewaffnet mit einem einzigen Kreuz. Das Kreuz war hoch genug, dass beide Seiten es deutlich sehen konnten. An dem Kreuz oben hing ein rotes Tuch, befestigt wie eine Flagge, auf dem ein weißes Abbild vom Lamm zu sehen war, das ebenso ein Kreuz trug. Zunächst passierte nichts, doch dann konnte man wahrnehmen, dass die Krieger tatsächlich aufgehört hatten, aufeinander zu schießen. Die Kreuzträger standen einfach da, ohne etwas zu sagen. Es herrschte eine tiefe und lange Stille, bis einer der Pastoren das Wort ergriff. Er dankte den Kriegern, dass sie aufgehört hatten zu kämpfen, und forderte sie auf, diesen Moment des Waffenstillstandes dauerhaft zu machen. Ein Kämpfer nach dem anderen legte daraufhin die Waffen nieder und verließ das Schlachtfeld. Und damit begann die Friedenszeit, die bis heute anhält. Natürlich waren die Friedensverhandlungen noch einmal sehr intensiv, ein Kompromiss wurde gefunden, der für beide Seiten ein harter Preis war. Doch die Saat des Friedens war aufgegangen. Das Kreuz hat als Symbol des Friedens seine Kraft entfaltet und die Feindseligkeiten beendet. (Erzählt von Pastor Maiyupe Par, Evangelisch-Lutherische Kirche in Papua-Neuguinea, Ökumenischer Mitarbeiter im Zentrum für Mission und Ökumene in der Nordkirche)
Und das ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Jesus Christus lebt. Er ist gegenwärtig und schenkt uns die Kraft des Friedens. Wir müssen nur auf das Kreuz schauen und ihn um Hilfe bitten. Dann sinken in seinem Namen die Schwerter und Leben wird möglich.
Es lohnt sich also, im Glauben an Christus immer wieder für den Frieden einzustehen. Durch seine Gegenwart können wir über den Hass und über die Todesfurcht triumphieren. Die Gewissheit des Auferstandenen führt uns durch die dunkelsten Zeiten. Sie macht uns stark und liebend und hoffnungsvoll.
Und wenn uns trotzdem einmal der Mut verlässt, weil so viele Konflikte nicht gelöst werden, viele Kriege kein Ende finden, dann sollten wir trotzdem nicht aufgeben. Wir können uns das mit dem Frieden so vorstellen, wie Dorothee Sölle es einmal aufgeschrieben hat. Sie sagt:
„Als ich einmal sehr deprimiert war, hat mir ein Freund, ein Pazifist aus Holland, etwas sehr Schönes gesagt: »Die Leute im Mittelalter, welche die Kathedralen gebaut haben, haben sie ja nie fertig gesehen. Zweihundert oder mehr Jahre wurde daran gebaut. Da hat irgendein Steinmetz eine wunderschöne Rose gemacht, nur die hat er gesehen, das war sein Lebenswerk. Aber in die fertige Kathedrale konnte er nie hineingehen. Doch eines Tages gab es sie wirklich. So ähnlich musst du dir das mit dem Frieden vorstellen«. “ (aus: Dorothee Sölle, Gegenwind. Erinnerungen, Freiburg i. Br. 2010, S. 205)
Amen.

Das Zeichen des Propheten Jona

Predigt über Matthäus 12, 38- 42: Zeichenforderung der Pharisäer

2. Sonntag der Passionszeit, Reminszere, 12.3.2017, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Matthäus 12, 38- 42

38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.
39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.
40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte bim Schoß der Erde sein.
41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.
42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Liebe Gemeinde.
„Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen.“ So betete der Prophet Jona im Bauch des Fisches. (Jona 2, 4.5a) Sie kennen die Geschichte sicher alle:
Jona sollte nach Ninive, einer großen Stadt in Babylonien gehen, um ihr ihren Untergang zu predigen, wenn sie nicht Buße tun würde. Aber er hatte Angst davor und floh auf einem Schiff, das ihn über das Meer bringen sollte. Das verhinderte Gott allerdings, indem er einen Sturm schickte. Das Schiff geriet in Seenot, und Jona war sofort klar, dass das ihm galt. Deshalb schlug er selber den Seeleuten vor, ihn über Bord zu werfen. Menschlich gesehen wäre das sein Ende gewesen, aber Gott wollte es anders. Er schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang und nach drei Tagen wieder ans Land brachte.
Die „Schriftgelehrten und Pharisäer“ zurzeit Jesu kannten diese Geschichte genau, und Jesus natürlich auch. Deshalb erwähnt er sie in einem Gespräch mit ihnen als ein „Zeichen“, das auf ihn hinweist.
Der Abschnitt steht im Matthäusevangelium. Es ist nicht das einzige Gespräch, das Jesus mit den Pharisäer und Schriftgelehrten führte. Sie waren die maßgeblichen Männer der Religion und er stritt sich oft mit ihnen, denn sie forderten ihn immer wieder heraus. Er behauptete, dass er der Messias war, der endzeitliche Retter, den Gott gesandt hatte, und das glaubten sie nicht. Sie nahmen es ihm nicht ab. Sie kannten sich in der Bibel und in den Überlieferungen aus und hatten eine klare Vorstellung davon, wie der Messias sein würde. Auf jeden Fall wird er sich durch ein Zeichen ausweisen müssen, irgendein Wunder, etwas außergewöhnliches, anders kann er sich nicht legitimieren. Das war ihre Auffassung und deshalb zweifelten sie an Jesus. Das steht hinter dem Gespräch, das wir gehört haben. Weil sie Bedenken hatten, forderten sie von Jesus so ein Beglaubigungszeichen: Er soll sich verteidigen.
Doch davon ist Jesus weit entfernt, das tut er nicht. Seine Antwort ist vielmehr zunächst eine Schelte, er geht also seinerseits zum Angriff über und nennt seine Gesprächspartner „böses und abtrünniges Geschlecht“. Das ist ein schwerer Vorwurf, mit dem Jesus sich ganz anders positioniert, als sie das erwartet hätten. Anstatt sich zu rechtfertigen, treibt er sie in die Enge und stellt sie an den Pranger. Dass sie überhaupt ein Zeichen fordern, ist für ihn Ausdruck des Unglaubens und der Gottesferne. Deshalb gibt er es ihnen das Gewünschte nicht, sondern spricht stattdessen vom „Zeichen des Propheten Jona“.
Er vergleicht dessen Schicksal mit dem des „Menschensohnes“, also mit seinem. Beide waren drei Tage und drei Nächte im Bereich des Todes, der eine im Bauch des Fisches, der andere im Schoß der Erde. Damit blickt Jesus auf seinen kommenden Tod und seine Auferstehung. Die wird das von den Pharisäern geforderte Zeichen sein. So wie Jona wird auch er nach drei Tagen aus dem Tod errettet werden. Das ist seine Antwort, und die führt er dann noch weiter: „Siehe, hier ist mehr als Jona“, sagt er. Jesus hat also noch eine viel größere Bedeutung. Jona konnte die Menschen in Ninive zur Umkehr bewegen. Sie taten Buße und wurden daraufhin verschont. Die Sendung und der Auftrag Jesu haben dagegen eine universale Reichweite, sie gelten allen Menschen. Wer an ihn glaubt, wo auch immer er auf der Welt wohnt, wird beim Jüngsten Gericht frei gesprochen und aus dem Tod errettet.
Das ist die Botschaft Jesu, und die ist immer noch aktuell. Sie gilt für uns heute genauso wie für die Pharisäer und Schriftgelehrten. Und das heißt: Auch wir dürfen von ihm keine spektakulären Zeichen erwarten, keine atemberaubenden Machterweise. Was wir haben, um an ihn glauben zu können, ist ebenfalls nur diese Botschaft: Er ist gestorben und nach drei Tagen wieder auferstanden.
Das ist im Grunde genommen ein ungeheures Zeichen, etwas Größeres kann es nicht geben. Aber glauben wir das auch? Reicht uns das? Zweifeln wir nicht genauso wie die Pharisäer und Schriftgelehrten immer wieder an der Macht Jesu? Es gibt ja unzählige Situationen im Leben, da hätten wir ebenfalls gerne ein Zeichen, irgendein Wunder, ein starkes Eingreifen von Seiten Gottes. Viele Menschen sind gegenüber Gott oder Jesus skeptisch. Was hat er denn bewirkt? Und wo ist er, wenn es uns schlecht geht?
Das passiert ja leider immer wieder. Was Jona erlebt hat, ist nicht völlig ungewöhnlich, jedenfalls nicht bis zu dem Zeitpunkt, wo der Fisch ihn aufnahm: Er war in eine Krise geraten und anschließend in Todesgefahr. „Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen. Der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.“ (Jona 2, 6f) So beschreibt er sein Erleben, und das ist ein gutes Bild: Manchmal schlägt das Leben hohe Wellen und wir haben Angst, zu versinken. Ein Abgrund tut sich auf und wir haben das Gefühl, immer tiefer dahinein zu sinken. Wir sehen keinen Ausweg mehr.
Das kann z.B. dann sein, wenn wir eine schwere Krankheit haben. Unser Leben ist bedroht, wir wissen nicht, wie es weitergeht, fühlen uns gefangen und fürchten uns. Auch wenn wir einen anderen, geliebten Menschen verlieren, geht es uns so, sei es durch eine Trennung oder sogar durch den Tod. Dann gerät alles ins Wanken, unser Leben wird erschüttert, der Boden wird uns unter den Füßen weggerissen. Und wenn Menschen sich auf die Flucht begeben müssen, ist das sicher genauso ein Erlebnis: Sie verlieren ihre Heimat und die Zukunft ist ungewiss, ganz abgesehen von all den Gefahren, denen sie auf einer Flucht ausgeliefert sind. Viele sterben dabei und kommen nie an das ersehnte Ziel.
Wo ist Jesus dann? Wenn er der Sohn Gottes wäre, könnte er so etwas doch verhindern. Er könnte helfen und uns davor bewahren. Dann könnten wir auch viel besser an ihn glauben. Denn in solchen Situationen kommen uns wie gesagt Zweifel, ob er wirklich Macht hat. Wir denken ganz ähnlich wie die Pharisäer: Wenn er der Sohn Gottes ist, dann soll er uns das auch zeigen!
Doch das tut er nicht. Im Gegenteil, er gibt uns immer noch dieselbe Antwort wie damals. Wir können seine Rede auch auf uns beziehen, dann schilt er uns sogar für diesen Wunsch. Wir sollen keine Zeichen dieser Art fordern, sondern uns mit dem zufrieden geben, was er getan hat: Er ist für uns gestorben und auferstanden. Er war selber drei Tage in der tiefsten Finsternis und ist daraus wieder hervorgegangen. Daran sollen wir uns halten, darauf sollen wir vertrauen, in jeder Situation. Er dreht also auch uns gegenüber den Spieß um und fragt uns, ob wir das wollen. Und das ist eine große Provokation, denn es bedeutet: Wenn du nicht an Jesus glauben kannst, dann liegt das an dir, dann willst du es auch nicht. Er hat unendlich viel für dich getan, du musst es nur annehmen, seine Hand ergreifen und dich von ihm retten lassen. Das ist die Herausforderung, mit der wir es hier zu tun haben.

Lassen Sie uns also fragen, wie wir zu diesem Glauben kommen können, und was das für unser Leben bedeutet.

Dabei ist es gut, wenn wir uns als erstes klar machen, woher unsere Fragen und Zweifel kommen. Sie hängen nämlich damit zusammen, dass wir das Leid und den Tod ablehnen. Wir wollen es nicht, wir würden es am liebsten ausklammern, und so organisieren wir unser Leben auch. Es soll alles glatt verlaufen, ohne Zwischenfälle, ohne Verluste, ohne Schmerzen und ohne Not. Das hätten wir gerne, davon träumen wir. Deshalb kämpfen wir über weite Strecken dagegen an. Wir versuchen, die Wellen, in denen wir versinken könnten, aufzuhalten, das Bedrohliche abzuwenden oder ihm zu entkommen.

Aber gelingt uns das auch? Das müssen wir uns genauso ehrlich fragen und uns eingestehen: Wir verbrauchen dabei viel Zeit und Kraft, es ist ganz schön anstrengend und zermürbend. Und was noch viel schlimmer ist: Es nützt oft nichts. Am Ende sind wir erschöpft und ausgelaugt, aber der Tod, die Trennung oder die Vertreibung kommen trotzdem. Es ist deshalb gut, wenn wir ehrlich sind und zugeben: So geht es nicht. Wir können Not und Tod nicht aus dem Leben löschen, es muss einen anderen Weg geben, um damit klar zu kommen.
Und worin der bestehen kann, hat Joseph Goldstein, ein amerikanischer Lehrer, einmal so gesagt: „Du kannst die Wellen nicht aufhalten, aber du kannst lernen zu surfen.“ Anders ausgedrückt heißt das: Wir können das Leid nicht abschaffen, aber wir können leidensfähig werden, lernen, damit zu leben und es zu bejahen. Das wäre der erste Schritt, und der ist noch nicht einmal spezifisch christlich. Das lehren auch die Buddhisten. Diese Einsicht kommt aus der Meditation und führt zu einer „Achtsamkeit des Herzens“. Das ist die Übung, die dahinter steht. Als westliche Menschen haben wir diese Möglichkeit weitgehend verdrängt, sie kommt in unserem Lebensstil zunächst nicht vor. Es ist aber gut, wenn wir sie zurückgewinnen und uns auf diesen Weg machen.
Doch wie geht das nun? Wie lernen wir denn, zu „surfen“, auf den Wellen des Lebens zu reiten, anstatt darin unterzugehen? Einfach ist das ja nicht, wir brauchen auf jeden Fall einen Lehrer. Und genau das kann Jesus sein, ja mehr noch: Er hilft uns und schenkt uns die Kraft, die wir brauchen.
Wir müssen nur auf ihn vertrauen, und das können wir am besten, indem wir zu ihm rufen. Das hat Jona auch getan. „Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes und du hörtest meine Stimme. Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir.“ (Jona 2, 1f.8) So beschreibt er es in seinem Danklied. Und das heißt, wir müssen in den Zeiten der Not unsere Blickrichtung ändern. Es nützt nichts, wenn wir uns ständig auf das Übel konzentrieren und uns davon gefangen nehmen lassen. Im Geist sind wir frei, uns ganz anderen Kräften auszusetzen. Wir können auf den schauen, der den Tod besiegt hat, der bei uns ist, und der uns hilft. Dann merken wir, dass eine Kraft von ihm ausgeht, die uns trägt. Wir gehen nicht unter, sondern gleiten auf wunderbare Weise über die Wellen dahin. Jona singt: „Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott! Ich will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem HERRN, der mir geholfen hat.“ (Jona 2, 7b.10)
Das ist die Folge: Wir bekommen Anteil an der Auferstehung, werden aus den Tiefen herausgehoben und in ein neues Leben hineinversetzt. Der Tod kann uns nichts mehr anhaben. Das ist es, was Jesus uns schenkt. In seiner Gegenwart verliert alles Dunkle seine Schrecken, Not und Leid haben keine Macht mehr über uns. Wir gehen gestärkt unseren Weg, bleiben gelassen und zuversichtlich.
Und natürlich hellt sich das Leben irgendwann auch wieder auf. Es bleibt nicht immer alles schlimm. Die Gefahren verziehen sich und etwas Neues kann beginnen. Das ist das Evangelium, die gute Botschaft, die Jesus für uns hat.
Lassen Sie uns darauf vertrauen und daran glauben und wie Jona, unseren „Dank opfern“.
Amen.

Das Reich Gottes ist mitten unter uns

Predigt über Markus 4, 26- 29: Gleichnis vom Wachsen der Saat

2. Sonntag vor der Passionszeit, Sexagesima
19.2.2017, 9.30 und 11 Uhr, Luther und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

In den Gärten sieht man jetzt überall kleine grüne Spitzen und Knospen, die aus der Erde hervor lugen. Es sind die Winterlinge und Schneeglöckchen. Ihre Zwiebeln schlummern im Erdreich und treiben wieder aus. Bald wird alles mit einem grünen und bunten Teppich aus Gras und Blumen überzogen sein. Darüber freuen wir uns, und es ist jedes Jahr wie ein Wunder. Ganz von allein wächst das, was wir ausgesät haben, wir müssen nichts mehr dazu tun.
Eine Freundin von mir findet das so schön, dass sie jedes Jahr im Oktober ungefähr 1000 Blumenzwiebeln in ihrem Garten setzt – die halten sich bei ihr leider nicht länger als ein Jahr. Sie werden kistenweise angeliefert, und dann hat sie ein paar Tage sehr viel Arbeit damit. Aber die Pracht, die nun bald ausbricht, entschädigt natürlich dafür. Es hat auch einen Überraschungseffekt, denn sie merkt sich nicht, wo die Zwiebeln alle vergraben sind. Ich bin schon eingeladen, rechtzeitig zu kommen, um das dann ebenfalls zu sehen und zu bestaunen. Und das will ich auch tun, denn das Geschehen in der Natur – gerade im Frühling – hat immer wieder etwas Faszinierendes.
So ging es auch Jesus, deshalb benutzte er diese wunderbaren Vorgänge gerne für seine Gleichnisse. Eins davon haben wir vorhin gehört, das Gleichnis vom Sämann. (Lukas 8, 4- 15) Jesus beschreibt damit, wie es im Reich Gottes vor sich geht, nämlich genauso wie in der Natur. Im Markusevangelium ergänzt er diese Geschichte noch mit einer weiteren, ganz ähnlichen. Sie lautet folgendermaßen:

Markus 4, 26- 29

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft
27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.
28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.
29 Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Dieses Gleichnis handelt von der „selbstwachsenden Saat“. Sie ist für Jesus ein Bild für das Reich Gottes. Es wächst und gedeiht ebenfalls von selbst. Um das zu veranschaulichen, beschreibt er den Weg und die Entwicklung, die das Samenkorn macht, bis es Frucht bringt: Zuerst wird es auf den Acker geworfen. Dann dauert es eine Weile, bis es in der Erde gekeimt hat und einen Halm hervorbringt. Der stößt alsbald durch die Oberfläche, und an diesem Halm wächst langsam die Ähre. Sie bringt die Körner hervor, die Frucht, die geerntet werden kann.
Und das alles geschieht „von allein“. Der Bauer, der gesät hat, muss nichts dazu tun, damit dieses Wachstum stattfindet. Er muss nur die Tage und Nächte verstreichen lassen, es passiert „automatisch“. Dieses Wort steht im griechischen Text tatsächlich, und es heißt: „selbsttätig, aus eigenem Antrieb, ohne fremdes Zutun“.
Und genau das ist hier der Vergleichspunkt: die unerklärliche Selbstwirksamkeit der ausgestreuten Saat. Genauso wächst auch das Reich Gottes von alleine. Der Mensch kann nichts dazu tun, außer dass er den Samen in die Erde legt und wartet. Dabei ist der Same das Wort Gottes und die Pflanzen sind der Glaube, die Liebe und die Hoffnung, all das, was für die Menschen heilsam und gut ist, wonach sie sich sehnen und was sie sich wünschen. Es wird ihnen von Gott geschenkt. Er sorgt dafür, dass es wächst und gedeiht, das ist die gute Botschaft Jesu.
Und dafür ist die selbstwachsende Saat ein sehr schönes Bild. So wie wir in der Natur auf die wunderbare Kraft des Wachsens und Gedeihens vertrauen können, so können wir in unserem Leben, in der Welt und in der Gemeinde daran glauben, dass Gott etwas wachsen lassen will, dass er im Verborgenen am Werk ist und Früchte hervorbringt.
Dieser Gedanke ist bei Jesus auch nicht neu. Die Schöpfung war für die Menschen seit jeher ein Zeichen für die Macht und Größe Gottes. Das belegen mehrere Psalmen und Geschichten im Alten Testament, und auch in unsrem Gesangbuch gibt es darüber diverse Lieder. „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand: der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn wir heim gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.“ So beginnt z.B. das bekannte Lied von Matthias Claudius zum Erntedankfest aus dem Jahr 1783. Es hat den Refrain: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn.“ Wir singen das gerne jedes Jahr wieder. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 508)
Die Frage ist allerdings, ob so ein Denken überhaupt noch zu unserem Lebensgefühl und in unsere Zeit passt. Matthias Claudius war mit seiner Sicht auf die Welt und die Natur ja ein Kind der Romantik, die begann am Ende des 18. Jahrhunderts, und damit kam eine besondere Wahrnehmung der Beziehung zwischen Mensch und Natur auf. Erkenntnis war für die Romantiker eng mit Gefühlen verbunden. Verstand und Logik standen nicht im Mittelpunkt, sondern das Empfinden, die Liebe und die Sehnsucht nach einem paradiesischen Zustand. Heute werfen wir ihnen vor, dass sie ihre Augen vor der Realität verschlossen haben. Denn typisch für die Romantiker war eine Abwendung vom politischen Geschehen. Weltflucht, das Private und die Hinwendung zur Vergangenheit kennzeichnen ihre Einstellung. Kümmerten sie sich nicht viel zu wenig um die Gestaltung der Gesellschaft, drückten sie sich vor Verantwortung, lebten sie nicht in einer Traumwelt?
An unser Gleichnis oder verwandte Psalmen stellen sich diese Fragen ebenfalls: Stimmt es denn, was Jesus hier sagt? Wächst das Reich Gottes, d.h. das Gute und Schöne, der Glaube und die Kirche ganz von alleine? Ist die Wirklichkeit nicht völlig anders?
Es gibt doch unzählige Probleme, vor denen wir nicht die Augen verschließen dürfen. Auf die Selbststeuerungskräfte der Natur können wir uns nicht in romantischer Weise verlassen. Es gibt überall Ungerechtigkeit, Kriege, Hunger und Tod. Und selbst eine Industriegesellschaft, in der den Menschen eigentlich Wohlstand und Frieden garantiert wird, bedroht das Leben in vielfältiger Weise. Eine Gefahr sind z.B. die Umweltprobleme, die Vernichtung der Natur und die Zerstörung der Lebensmöglichkeiten kommender Generationen. Eine andere Gefahr ist die Oberflächlichkeit und Verflachung im Leben vieler Menschen. Sie sehen keinen tieferen Sinn in ihrem Dasein, wissen nicht, wofür sie wirklich leben und werden psychisch krank. Sie fühlen sich leer und gestresst. Auch Familienbeziehungen lösen sich auf und bieten keinen Halt mehr. Und all das gibt keinen Grund zu Gelassenheit und Zuversicht, denn unsere Lebensweise hat einen zerstörerischen Charakter und löst Ängste aus.
Was soll es da, von der selbstwachsenden Kraft des Reiches Gottes zu reden? Wo ist es denn? Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben in weiten Teilen der Gesellschaft auf der Strecke. Und auch die Kirche schrumpft und unterliegt den gleichen Tendenzen des Verfalls.
Anstatt in romantischer Weise daran zu glauben, dass Gott schon etwas machen wird, wäre es doch viel besser, selber etwas zu tun, Hand anzulegen, Verantwortung zu übernehmen. Wir können nicht einfach nur zugucken, dann geht alles den Bach runter. So denken viele Menschen.
Und das ist natürlich nicht verkehrt. Wir müssen uns schon uns um ein Ende der Kriege in aller Welt bemühen, Hunger und Armut mindern helfen, Gerechtigkeit und Solidarität unter den Menschen fördern usw. Auch persönliches Glück, Zufriedenheit und Wohlstand dürfen wir gern anstreben. Die Frage ist bloß: Wie gelingt das am besten und mit welcher inneren Haltung tun wir das alles?
Wir brauchen dafür ja viel Zuversicht und Energie. Engagement und Eifer, Leistung, Geld und die richtigen Programme reichen oft nicht aus. Im Gegenteil, unsere Bemühungen führen nicht selten zu genau dem Gegenteil. Erstens ist es auf die Dauer ganz schön anstrengend und kräftezehrend, das Gute selber herstellen zu müssen und den Sinn im Leben zu finden. Irgendwann sind wir müde und ausgelaugt. Und zweitens geht nichts ohne die anderen Menschen, bloß die machen leider oft nicht so mit, wie wir uns das wünschen. Immer wieder stehen sie uns im Weg. Konflikte, Auseinandersetzungen, Enttäuschungen und Streit sind an der Tagesordnung.
Je mehr wir also versuchen, das Glück und den Frieden aus eigener Kraft herzustellen, umso weiter entfernen wir uns davon. Ja, dieser Versuch ist oft sogar die Wurzel von allem Übel. Das sollten wir erkennen. Unseren eigenen Möglichkeiten, das „Reich Gottes“ aufzubauen, sind ganz viele Grenzen gesetzt. Wir müssen also noch viel tiefer gehende Fragen stellen, wenn wir den richtigen Weg finden wollen. In Wirklichkeit gedeiht das Gute nämlich ganz anders, und davon handelt unser Gleichnis.
Wenn wir eine bessere Welt oder ein schönes Leben wollen, dann können wir dafür nur die Saat legen, alles andere müssen wir Gott überlassen. Und das ist keine Träumerei, sondern wir sehen mehr, als vor Augen liegt. Das Wirken Gottes ist wie das geheime Leben in der Erde, es geschieht im Verborgenen, aber es ist da. Sein Reich hat längst begonnen und es lugt auch an vielen Stellen in unseren Gesellschaften hervor und zeigt Knospen. Wir müssen nur hinschauen. Es ist eine Fehleinschätzung, zu meinen, Gott tut ja nichts.
Der erste Schritt auf dem richtigen Weg besteht darin, diesen Irrtum abzulegen. Dann kommen wir der Realität viel näher und das ist bereits heilsam und wohltuend. Es tut gut, zu erkennen, wieviel Gott kann und wirkt. Es geschieht ja nicht nur Schlimmes in der Welt, sondern immer wieder genauso viel Gutes. Die Menschheit ist nicht verloren. Und auch die Kirche gibt es immer noch, Menschen, die glauben und auf Gott vertrauen, die ihre Hoffnung nicht verlieren und lieben können. Wir sollten uns das ruhig öfter bewusst machen, dann rücken die Dinge in das rechte Verhältnis.
Als nächstes gilt es dann, der Kraft Gottes zu vertrauen. Das ist keine romantische Phantasie, sondern wir lenken unseren Geist auf das, was gut und stark ist, was wirklich zählt und uns Mut macht. Wenn wir Gott etwas zutrauen, fliehen wir nicht vor der Verantwortung, wir nehmen sie vielmehr wahr. Denn wir sind dafür verantwortlich, die Dinge klar zu sehen, Gott zu erkennen, seine Kraft zuzulassen. Das möchte er. Er möchte, dass wir glauben, hoffen und lieben, denn nur, wenn wir das tun, gewinnen wir die ganze Fülle des Lebens, nur dann kann diese Welt so werden, wie er sie sich vorgestellt hat.
Dazu ist es notwendig, dass wir uns selber relativieren und unser Denken gelegentlich korrigieren. Das wäre der dritte Schritt. Es macht nichts, wenn wir die Grenzen unserer Kraft und unserer Möglichkeiten erkennen, im Gegenteil, das ist entspannend und stärkend. Keiner von uns ist vollkommen, keiner kann alles, und das ist auch nicht schlimm. Schlimm ist nur, wenn wir das nicht zugeben. Denn dann verschwenden wir ganz viel unnötige Energie. Wenn wir unsere Begrenztheit dagegen annehmen, tun wir viel eher das Richtige. Unser Leben ist am fruchtbarsten, wenn wir uns selber immer wieder zurücknehmen.
Das sollte unsere Einstellung sein, dann gewinnen wir eine klare Sicht auf die Welt und das Geschehen um uns herum. Und die macht nicht nur unser eigenes Leben schön und sinnvoll, sie tut auch der Welt gut. Denn wir tragen damit zum Frieden und zur Gerechtigkeit bei. Wir finden das richtige Maß und die nötige Gelassenheit, reden mehr miteinander, werden aufmerksamer und freundlicher. Und wenn das geschieht, dann ist das Reich Gottes da, dann wirken wir daran mit. Wir werden selber zum Samen in dieser Welt. Denn Gott macht etwas mit uns, er kann uns endlich benutzen. Wir erleben, wie etwas wächst und gedeiht.
Die von selber wachsenden Pflanzen sind also doch ein wunderbares Gleichnis für das Leben und das Reich Gottes. Sie können uns zeigen, worauf es ankommt, sie verweisen uns auf Gott, von dem „alle guten Gaben kommen“ und laden uns zu einem angstfreien und sinnvollen Leben ein. Es ist davon geprägt, dass wir geduldig warten, genau hinschauen, annehmen, was Gott uns schenkt, und ihn dafür loben. Amen.

 

Folgende Fürbitten aus dem Evangelischen Tagzeitenbuch der Michaelsbruderschaft passten gut zum Thema der Predigt und wurden deshalb im Gottesdienst vorgetragen:

Fürbitten

Herr, himmlischer Vater. Du läs es Tag werden aus der Nacht. Du führst die Sonne empor und erweckst uns am Morgen. Du gibst unserer Seele neue Kraft. Herr, unser Gott, groß sind Deine Wunder, heilig sind Deine Ordnungen, tief sind Deine Geheimnisse. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

Wir leben von Deiner Gnade. Sende uns in die Welt, erleuchtet mit Deiner Wahrheit, getragen von Deiner Barmherzigkeit, gebunden in Deinen Willen, gestärkt durch Deine Verheißung. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

Segne alle Arbeit auf Deinem Ackerfeld. Segne alle Deine Botinnen und Boten. Segne den Samen Deines Wortes und lass ihn Frucht bringen. Nimm auch unsern Dienst in Gnaden an und segne das Werk dieses Tages für Dein Reich. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

Segne alle Arbeit der Liebe, alle Werke der Barmherzigkeit. Segne alle, die in Dir verbunden sind. Segne Deine Kirche und lass sie zum Segen werden unter den Völkern. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

Du baust Dein Reich unter uns. Du baust Dein Reich in aller Welt. Herr, wir glauben, hilf unserem Unglauben. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

(Aus: Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Evangelische Michaelsbruderschaft, Münsterschwarzach, Göttingen, 4., völlig neu gestaltete Auflage, 1998, S. 169)