Herr Christ, der einig Gotts Sohn

Zu dem Lied „Herr Christ der einig Gotts Sohn“ (EG 67)  gibt es drei Betrachtungen, die ich auf einem Stillen Wochenende im Gehtsemanekloster Riechenberg (25.-28.1.2018) gehalten habe. Ihr findet sie hier:

https://gesabartholomae.com/einfuhrungen-in-die-stille-zeit/

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Der wahre Gottesdienst

Predigt über Amos 5, 21- 24: Der äußerliche Gottesdienst tuts nicht

Sonntag vor der Passionszeit, 11.2.2018, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

„Mir reichts!“ „Ich kanns nicht mehr hören!“ „Ich hab die Nase voll!“ Solche Sätze sagen wir zwar nur selten, wir denken das aber durchaus gelegentlich. Wenn ein anderer oder eine andere uns z.B. immer nur die Ohren voll jammert, gar nicht zuhört und sich gedanklich auch nicht bewegen will. Ein- zweimal gehen wir vielleicht darauf ein, aber wenn sich gar nichts ändert, haben wir irgendwann keine Lust mehr. Als gut erzogene Menschen wahren wir natürlich meistens die Höflichkeit und werden nicht laut und wütend, aber innerlich ärgern wir uns schon. Menschen, die sich ständig um sich selber drehen, sind ermüdend. Sie nerven und langweilen uns, denn es kommt immer dasselbe. Wir gehen zu ihnen auf Distanz.

In vielen Beziehungen ist das ja zum Glück gut möglich. Als Geschäftsmann oder –frau können wir uns solche Kunden z.B. vom Hals halten und das Verhältnis beenden. In persönlichen Verbindungen, wie z.B. einer Ehe, ist das schon schwieriger. Da halten wir den Partner bzw. die Partnerin möglicher Weise jahrelang aus, aber irgendwann kommt es doch zum Streit. Eines Tages entlädt sich der ganze Frust.

Im Buch des Propheten Amos finden wir solche Vorgänge ebenfalls. Es gibt dort ein paar Stellen, die enthalten sehr heftige, emotionsgeladene Worte des Ärgers und der Abscheu. Sie sind gegen das Volk Israel gerichtet, oder genauer gesagt, gegen seine Oberschicht. Unser Predigttext ist eins davon. Er steht bei Amos im 5. Kapitel und lautet folgendermaßen:

Amos 5, 21- 24

21 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.
22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

So spricht Amos, und das klingt schon sehr zornig. Es ist allerdings nicht der Mensch Amos, der sich hier ärgert und wütend wird, sondern Gott. Der Prophet sagt, was Gott denkt, und was er ihm aufgetragen hat. Gott war also erbost, und zwar aus folgendem Grund:

Zur Zeit des Propheten Amos herrschte ein relativer Wohlstand in Israel. Es gab gerade keinen Krieg, Israel hatte Ruhe und es ging ihm gut. Doch das betraf leider nur einen Teil der Bevölkerung. Im Innern lag vieles im Argen, denn die Reichen unterdrückten die Armen. Sie nutzen sie aus und ließen sie hohe Abgaben bezahlen. Die Wohlhabenden dachten nur an sich selber und ihren eigenen Vorteil.

Deshalb hasste Gott ihre Gottesdienste. Sie waren in seinen Augen nichts als Heuchelei und Theater, und das klagt Amos hier an. Dabei drücken die Wörter, die hier stehen, Abscheu und Widerwillen aus. Amos lässt seine Landsleute wissen, dass Gott diese Veranstaltungen so nicht mehr wollte. Es wurden zwar Opfer gebracht, aber dabei schien es mehr um das anschließende Verspeisen der fetten Opfertiere zu gehen. Das war bei diesen Festversammlungen jedenfalls üblich. Doch das alles verschmähte Gott jetzt.

Seine Reaktion auf Opfer war normaler Weise, dass er sie gerne „roch“, wie es in der Bibel an anderen Stellen heißt, (1. Mose 8,21 u.a.) und „Gefallen daran hatte“. (Ps.51,21 u.a.) Gott ließ sich dadurch befriedigen und nahm die Gaben eigentlich gerne an. Doch das tut er hier alles nicht mehr. Im Gegenteil, er konnte die Opfer nicht mehr „riechen und wollte sie nicht ansehen“, wie es wörtlich heißt. Auch für die Musik bei diesen Festen empfand er nichts als Verachtung. Der Gesang war in seinen Ohren „Geplärr“. Da nützte auch das „Harfenspiel“ dazu nichts. Sie sollten das alles „wegtun“ und damit endlich aufhören.

Stattdessen sollten das „Recht und die Gerechtigkeit“ wieder einkehren. Amos meint damit eine faire Rechtsprechung, aber auch allgemein das Richtige und Gebührende. Es schließt die barmherzige Liebe mit ein, also alles, was das Heil und Wohlergehen der ganzen Gesellschaft fördert.

Das war nicht mehr da, es wurde mit Füßen getreten, und dadurch waren die Gottesdienste leere Rituale. Wo der Wille Gottes nicht mehr das Leben und die Gesellschaft prägt und formt, da muss man sich auch nicht zum Gottesdienst versammeln. Es geht Gott ja nicht um die Lieder und den Kultus, sondern um das Heil aller und die Liebe, die zu „Recht und Gerechtigkeit“ führt.

Und wie das wieder Einzug halten kann, beschreibt Amos mit einem sehr schönen Bild: Es sollte „heran rollen wie Wasser und fließen wie ein kräftiger Bach“. Er stellt sich das Recht also als eine Kraft vor, die in die Gesellschaft strömt und sie neu belebt. Es hat Dynamik, die etwas verändert und neues Leben schafft. Es ist eine Energiezufuhr, die „nie versiegt“.

Man nennt diese und ähnliche Stellen die „Kultkritik“ des Propheten Amos, denn er kritisiert hier die religiöse Praxis und erinnert daran, was Gott eigentlich von den Menschen wollte. Genützt hat das leider nicht viel. Es hat sich auf Grund dieser Predigt nichts verändert, die Warnungen wurden missachtet. Vielleicht waren sie auch zu zornig und emotionsgeladen. Auf so etwas reagiert man nur selten, man geht lieber auf Distanz.

Und möglicherweise geht uns das genauso. Wollen wir das hier hören? Und sollen wir diese Kritik auf unsere Gottesdienste anwenden? Damit haben wir wahrscheinlich Schwierigkeiten, denn die sind doch gar nicht so schlecht. Wir meinen es schon ernst und kommen hier zusammen, weil wir an Gott glauben. Wir hören gerne die Worte der Bibel, beten und singen und empfangen seinen Segen. Wir bringen ja auch keine Opfer dar, und erst recht halten wir keinen anschließenden Festschmaus.

Aber haben unsere Gottesdienste eigentlich etwas mit unserem Alltag zu tun? Das müssen wir uns schon fragen. Passen unser Glaube und unsere Frömmigkeit mit unserem Leben zusammen? Gibt es da eine Übereinstimmung? Das ist hier ja das Thema, und das betrifft uns schon. Denn wir haben doch oft das Gefühl, dass wir sonntags etwas anderes machen, als alltags. In unseren Lebensvollzügen kommt der Glaube nicht unbedingt vor, und wir fragen uns manchmal, wie wir zwischen diesen beiden Bereichen eine Verbindung herstellen können.

Und das ist auch wichtig, denn nur wenn unsere Gottesdienste auch unser Leben enthalten, und anders herum die Gottesdienste unsere Lebensführung beeinflussen, ist es so wie Gott es sich wünscht. Er will auch von uns keine bloßen Rituale oder die Pflege von eingefahrenen Traditionen, sondern einen lebendigen Glauben, der alles einbezieht, das Handeln und Reden, unser Verhalten und unsere Beziehungen. Er fragt auch uns, wie viel Liebe in unserem Leben vorkommt, ob wir seine Gerechtigkeit ernst nehmen und sein Heil empfangen. Lassen Sie uns also zunächst in unser Leben schauen und erforschen, wie es damit aussieht.

Dafür sollten wir so ehrlich wie möglich sein und uns fragen, ob wir nicht auch am liebsten an uns selber denken. Andere Menschen nerven uns mit ihrem egozentrischen Verhalten, aber sind wir so viel besser? Wie beweglich sind wir eigentlich? Dreht sich bei uns nicht auch oft alles um unseren eigenen Vorteil?

Diese Frage müssen wir beantworten, und dafür ist es gut, wenn wir die Konfliktsituationen, in die wir hineingeraten, einmal unter die Lupe nehmen. In irgendeiner Form geht es da immer um Kritik, und die hört niemand von uns gerne. Sie trifft und verletzt uns, denn meistens sind wir überzeugt davon, dass wir schon das Richtige tun und denken.

In der Erziehung kann das so sein, in unserem Umgang mit anderen Familienangehörigen, im Kollegenkreis, bei Geschäften: Wir vertrauen in all diesen Bezügen gerne auf unsere eigenen Wertvorstellungen und unsere Erfahrungen. Natürlich spielen auch Wünsche und Pläne eine Rolle, was uns Spaß macht und wobei wir uns wohlfühlen. Doch das kann leicht mit den Vorstellungen der anderen kollidieren, sie wollen nicht dasselbe wie wir und kommen zu abweichenden Urteilen. Und dann entstehen Uneinigkeit und Streit. Möglicherweise können wir uns noch eine Weile behaupten, aber irgendwann droht die Eskalation. Es kommt zu Vorwürfen und Verletzungen. Dabei fällt es wie gesagt meistens schwer, sich für das zu öffnen, was ein anderer oder eine andere an uns kritisiert. Wir haben auch Angst davor, denn worauf sollen wir uns verlassen? Was trägt uns noch, wenn nicht unsere eigenen Wertvorstellungen?

Diese Frage tut sich auf, und sie kann dazu führen, dass wir aus einer Beziehung aussteigen. Auf jeden Fall kommt zu Distanz, und das ist auch erst mal nicht schlecht. Doch natürlich droht dann auch immer eine Trennung, und das wollen wir oft nicht. Manchmal geht es auch gar nicht, am Arbeitsplatz sind wir z.B. darauf angewiesen, mit den anderen irgendwie klar zu kommen.

Es ist deshalb gut, wenn wir eine neue Kraftquelle finden, einen tieferen Grund, etwas, das uns auffängt und trägt, wenn wir in Frage gestellt werden. Und genau das kann der Glaube an Gott leisten. Wir brauchen die lebendige Erfahrung der Gegenwart Gottes, seines Heils und seiner Liebe. Dann können wir uns selbst relativieren und unsere Vorstellungen auflockern. Wir sind nicht mehr so auf die eigenen Wünsche fixiert und vertrauen nicht mehr ausschließlich auf die eigene Urteilskraft. In der Gegenwart Gottes können wir uns loslassen. Die starke Bindung an das, was wir meinen, ist normalerweise wie ein Damm, durch den der Wille Gottes nicht hindurchfließen kann. Den müssen wir löcherig machen oder besser ganz abreißen, dann empfangen wir seine Kraft.

Das wollte auch Amos erreichen, doch leider sind seine Warnungen und Apelle – wie gesagt – unbeachtet verhallt. Es ist deshalb gut, dass Gott selber einen Sinneswandel vollzogen und seinen Zorn fahren lassen hat. Er hat sich beruhigt und sich der Menschheit angenommen. In seinem Sohn Jesus Christus ist er selber erschienen und zu uns gekommen, und er hat damit eine neue Zeit heraufgeführt.

Dabei ist es sehr schön, dass wir das Bild aus unserem Prophetenwort bei Jesus wiederfinden. Im Johannesevangelium hat er genau damit einmal seine Sendung beschrieben, denn er hat gesagt: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen“. (Joh. 7,37b.38) Bei Jesus finden wir diesen kraftvollen Strom des Heils und der Liebe. Er will uns das Wasser geben, das unser Leben verändert. Wir müssen nur zu ihm kommen und es trinken.

Und genau dafür können unsere Gottesdienste gut sein. Die Lieder und Gebete, die Lesungen und die Verkündigung schließen uns an diese Kraftquelle an, sodass wir die Chance haben, uns innerlich zu erneuern. Wir können uns hier geistig und seelisch neu ausrichten und unseren Glauben auffrischen. Wir werden von uns selber befreit und empfangen die Liebe Christi. Und dadurch lösen sich auch die Konflikte, die uns zu schaffen machen, denn wir können unsere Mitmenschen und das, was sie uns sagen, viel besser annehmen.

Wenn wir unsere Gottesdienste in diesem Bewusstsein feiern, gehören sie ganz von selber mit unserem Leben zusammen, und unser Leben kommt darin vor. Auch Gott hat daran dann Gefallen, denn so sind sie ein Ausdruck für Freiheit und Vertrauen, ein Fest seiner Liebe und eine Vergewisserung des Heils, das er uns schenkt.

Lassen Sie uns deshalb darauf achten, dass wir immer wieder „aufwachen“, uns in Einheit „versammeln“ und uns mit „Glaubenshoffnung“ und „Liebesglut“ ausrüsten lassen. So ist es in dem Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ formuliert, mit dem wir um das alles jetzt bitten wollen. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 263)

Amen.

 

Die Kraft Christi ist in den Schwachen mächtig

Predigt über 2. Korinther 12, 1- 10: Offenbarungen des Herrn und die Schwachheit des Paulus

2. Sonntag vor der Passionszeit, Sexagesimae, 4.2.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

2. Korinther 12, 1- 10

1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –,
4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.
10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Liebe Gemeinde.

„Himmelhoch jauchzend, / zu Tode betrübt; / glücklich allein / ist die Seele, die liebt.“

So lässt Goethe die Geliebte des Grafen Egmont, Clärchen, in dem gleichnamigen Drama sprechen. Sie rechtfertigt damit ihre Liebe zu ihm, die z.B. von ihrer Mutter gar nicht gutgeheißen wurde, denn Clärchen war längst mit jemand anderem verlobt. Aber gegen das starke Gefühl der Liebe zu Egmont kam nichts in ihrem Inneren an. Sie konnte und wollte nicht von dem Grafen lassen, ganz gleich, wie gut oder schlecht es ihr damit ging, wie viele Gedanken sie verursachte, wieviel „Hangen und Bangen“, diese Liebe mit sich brachte, ob sie nun „Freude oder Leid“ bedeutete.

Der Vers von Goethe ist zum geflügelten Wort geworden, denn diese Gegensätze im Gefühl und im Erleben, Stimmungsschwankungen, Höhen und Tiefen kennt jeder und jede. In unserem Wochenlied „Herr, für dein Wort sei hoch gepreist“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 196) ist ebenfalls von „Lieb und Leid, […] Freud Schmerz“ die Rede. Sie gehören zu unserem Dasein wie Lachen und Weinen, Verlieren und Finden, Streit und Friede. (vgl. Prediger 3) Bei den einen sind sie stärker, bei anderen schwächer ausgeprägt.

Der Apostel Paulus war offensichtlich ein Mann, der extrem starke Gegensätze in seinem Leben erfahren hatte. Das geht aus dem Abschnitt im zweiten Korintherbrief hervor, den wir vorhin als Epistel gehört haben. Paulus spricht hier über sich selbst, und zwar verteidigt er sich. Denn es gab in Korinth schwere Vorwürfe gegen ihn: Feigheit und mangelnde Wortgewalt, Unaufrichtigkeit, Herrschsucht und offenkundige Krankheit, mit solchen und ähnlichen persönlichen Verleumdungen versuchten seine Gegner, die apostolische Autorität des Apostels zu untergraben. Was sie inhaltlich dazu bewegte, lässt sich nicht eindeutig sagen, klar ist nur, dass sie einen anderen Jesus und eine andere Heilsbotschaft verkündeten als Paulus. Und offensichtlich rühmten sie sich mit visionären Erlebnissen, tiefer geistlicher Erkenntnis und ekstatischer Zungenrede. Von einem Apostel erwarteten sie ebenfalls solche Offenbarungen, sonst würde Paulus nicht erwähnen, dass er das alles aus eigener Erfahrung kennt.

Er spricht zwar in der dritten Person, aber er meint sich selber mit dem Menschen, „der entrückt wurde in das Paradies und unaussprechliche Worte hörte, die kein Mensch sagen kann.“ Er „rühmt sich“ also damit, dass er himmlische Begnadigungen ganz einzigartiger und überschwänglicher Art empfangen hatte. Der Herr hatte ihn dessen gewürdigt. Paulus wusste sich zu den erwählten Gottesmenschen gehörig, die Unsagbares erfahren dürfen. Davon gab es in der jüdischen und griechischen Tradition durchaus noch andere.

Gleichzeitig will Paulus diese Erlebnisse aber nicht überbewerten. Er will sich darauf nicht berufen, wenn es um seine Autorität als Apostel geht. Denn das Ekstatische ist seiner Meinung nach immer eine Ausnahme und bildet auch nicht die Grundstruktur seines Glaubens. Vor allem waren die Visionen nicht Gegenstand der gemeindebildenden Verkündigung. Diese hatte vielmehr den gekreuzigten und auferstandenen Christus zum Inhalt. Besondere ekstatische Erfahrungen sind demnach auch nicht das Fundament der Kirche.

Im weiteren Verlauf seiner Selbstverteidigung spricht er deshalb über das genaue Gegenteil dieser himmlischen Erlebnisse: von einem „Pfahl im Fleisch“, den er „des Satans Engel“ nennt, und „der ihn mit Fäusten schlägt“. Paulus litt also offensichtlich unter einer schmerzhaften Krankheit. Welche das war, wissen wir nicht, sie hat ihn aber sehr gequält. „Ihretwegen hat er dreimal zum Herrn gefleht, dass sie von ihm weiche“, aber das ist nicht geschehen. Das Leben von Paulus war dadurch von sehr viel Schwäche gekennzeichnet.

Er hatte im vorhergehenden Kapitel auch schon über weitere Leiden geschrieben und „Gefangenschaften, Schläge“ und „Todesnöte“ erwähnt. Auf seinen Reisen war er zudem oft „in Gefahr“, es gab viel „Mühe und Arbeit, Hunger und Durst, Frost und Blöße“. Dazu kam, was „täglich auf ihn einstürmte, und die Sorge für alle Gemeinden.“ Das Leben des Paulus war demnach zwischen den höchsten Höhen und den tiefsten Tiefen gespannt. „himmelhoch jauchzend, / zu Tode betrübt;“ Paulus kannte das beides sehr gut.

Doch wie hat er das ausgehalten? Worin lag für ihn die Lösung dieser Spannung, der Ausgleich der Gegensätze? Darüber legt er hier sein eigentliches Zeugnis ab, denn das ging nur durch die Gnade Christi. Im Gebet hat Christus zu ihm gesagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Durch dieses Wort Christi konnte Paulus seine Ekstasen abwerten und seine Leiden annehmen. Er hat die Nöte sogar als notwendig betrachtet, denn er wusste: Die göttliche Kraft gehört mit der Schwachheit des Menschen zusammen, sie vollendet sich erst in dieser. Vor dem dunklen Hintergrund des menschlichen Leidens hebt sich ab, was Gnade ist und wirkt. Paulus hat begriffen, dass er der demütige Diener Christi bleiben soll, und dass ihn die Probleme und Krankheit vor jeglichem religiösen Hochmut oder falschen Selbstruhm bewahrten. „Darum bin ich guten Mutes, denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Das ist seine Schlussfolgerung: Die Gnade allein genügt, sie gleicht alle Gegensätze aus, durch sie löst sich die Spannung des Lebens. Eine Befreiung vom Leid oder religiöse Ekstasen sind nicht nötig. Im Gegenteil: Paulus nimmt eine Umwertung vor und rühmt sich am meisten seiner Schwachheit, denn er weiß, wo diese ist, wird erst recht die Kraft Christi sein. Sie wird in der Schwachheit seines Dieners triumphieren und ihn zum Träger und Zeugen der Gnade machen, die zugleich göttliche Lebensmacht ist.

Und das ist auch für uns eine gute Botschaft, denn wir denken gerne, dass Gottes Gnade darin besteht, dass wir übernatürliche Hilfe erfahren. Und wir fänden es sicher bemerkenswert, wenn wir Visionen und Ekstasen erleben würden. In vielen Kreisen gelten sie auch als Ziel des religiösen Strebens und als Weg zur Erlösung. „Freudvoll und himmelhoch jauchzend“ ist viel attraktiver, als „leidvoll und zu Tode betrübt“ zu sein.

Möglicher Weise zweifeln wir sogar an unserem Glauben, wenn unser Leben nicht glänzt. Den Glauben anderer finden wir ebenfalls nur dann überzeugend, wenn er durch besondere Zeichen erkennbar ist, denn wir messen uns und unsere Mitmenschen gerne an den Erfolgen. Eine kümmerliche Ausstrahlung beeindruckt uns nicht. Auch die Kirche sollte am liebsten mit großartigen Ereignissen auftrumpfen können, mit vollen Gotteshäusern, starken Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, blühender Mission. Wenn das alles fehlt, verzagen wir.

Doch diese Haltung kritisiert Paulus hier. Denn die Wirkung der Gnade Gottes lässt sich nicht am Äußeren messen. Es gibt überhaupt keinen erkennbaren Maßstab für ein erfolgreiches Christentum, keine Garantie für die Echtheit des Glaubens. Solche und ähnliche Gedanken und Wünsche verhindern sogar das Wirken der Gnade Christi, das „Aufgehen der Saat“.

Dieses Bild kommt in dem Gleichnis vor, das wir gehört haben. (Lukas 8, 4-15) Dort war davon die Rede, wie schwer es ist, die frohe Botschaft anzunehmen und dabei zu bleiben, d.h. die Gnade zu empfangen, wirklich zu glauben und „selig zu werden“. Zur der „Zeit der Anfechtung fallen viele ab“. Auch „Sorgen, Reichtum und Freuden des Lebens“ können die Gnade „ersticken“. Wir müssen Christus „in einem feinen, guten Herzen bewahren“, und uns in „Geduld“ üben, nur dann „bringen wir Frucht“.

Lassen Sie uns also fragen, wie wir zu dieser Haltung kommen können. Dazu gehört es als erstes, dass wir in unser Leben und in uns selber schauen und dabei so ehrlich wie möglich sind. Das ist nicht ganz einfach, denn vor vielen Vorgängen in unserer Seele, vor Sorgen und Problemen verschließen wir lieber die Augen. Keiner und keine möchte gerne leiden, schwach oder unvollkommen sein. Fehler und Schwierigkeiten geben wir nur ungern zu. Das Schöne und Positive ist uns lieber. Davon gibt es natürlich bei jedem und jeder etwas, wir sind keine schlechten oder unglücklichen Menschen. Aber es ist wichtig, dass wir uns ganz wahrnehmen und alles spüren, was in uns und in unserem Leben geschieht. Denn auch wir vereinen beides, Gutes und Schlechtes, Hass und Liebe, Klagen und Tanzen. Es ist nicht ratsam, wenn wir nur die eine Seite betrachten und erstreben, denn das Schwere lässt sich nicht auslöschen. Es gilt deshalb, dass wir beides relativieren und nichts überbewerten. Unser Heil entsteht nicht dadurch, dass es nur noch die schönen Seiten gibt, sondern dadurch, dass wir unser Leben annehmen. Alles hat seine Zeit“, das wusste auch schon der Prediger Salomo im Alten Testament. (Kap. 3) Wenn wir das beherzigen, ergibt sich eine Lösung auf einer ganz anderen Ebene als wir ahnen.

Denn auch zu uns spricht Christus Worte der Liebe, wir müssen nur zu ihm beten. Das hat Paulus getan. Er hatte eine persönliche Beziehung zu Christus und stand in einem Dialog mit ihm. Und sein Gebet bestand nicht nur darin, dass er etwas sagte und seine Wünsche vortrug, er hat vielmehr hingehört und etwas empfangen. Christus hat sich offenbart und ihm eine Deutung für sein Leiden gegeben, so dass Paulus sich selber loslassen konnte. Und das ist auch für uns entscheidend, dass wir unsere Gedanken und Wünsche loslassen und Christus in unser Leben hineinlassen.

Dann kann er in uns wirken. Er gibt uns neue Kraft, er verändert uns und führt uns weiter. Durch ihn bringen wir Frucht, vielleicht ohne dass wir das merken.

So war es schon immer. Es gibt in der Kirchengeschichte keine Gestalt, die eindeutig Gott wohl gefällig war und nur geglänzt hat. Ganz gleich, an wen wir denken, sie hatten alle ihre Licht- und Schattenseiten. Martin Luther ist dafür ein Beispiel, aber auch Heilige wie Franz von Assisi oder Mutter Teresa. Wir wissen um ihren starken Glauben, ihr Gottvertrauen und ihre Strahlkraft. Aber sie hatten ebenfalls dunkle Seiten: So hatte Martin Luther offensichtlich einen sehr schwierigen Charakter und war nicht nur von Liebe und Vertrauen, sondern auch von viel Groll, Hass und Bitterkeit erfüllt. Franz von Assisi pflegte eine extreme Feindschaft gegenüber seinem eigenen Leib. Und von Mutter Teresa wissen wir inzwischen, dass sie jahrelang schwerste Depressionen hatte. Trotzdem hat Christus durch sie und viele andere Großartiges bewirkt. Er hat seine Kirche trotz aller menschlichen Schwäche und gerade durch sie gebaut und erhalten. Denn „seine Gnade ist in den Schwachen mächtig“. Keiner und keine von uns muss ein perfekter Christ oder eine perfekte Christin sein. Das gibt es gar nicht. Es gibt aber die Gegenwart und Kraft Christi, die zu allen Zeiten bis heute wirkt. Denn Christus sucht sich immer wieder Menschen, die ganz von ihm her leben und ihn bezeugen können.

Bei Goethe ist die Liebe die Kraft, durch die Clärchen die Spannung zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“ ertragen hat. Die Liebe hat sie über alle Schwankungen des Herzens hinweg glücklich gemacht. Und diesem Gedanken folgen wir gern. Denn wir können alle bezeugen, dass die Liebe in der Tat eine seelische Regung mit großer Wirkung ist. Der Hinweis darauf ist die weise Antwort des Humanismus auf die Gegensätze des Lebens.

Doch darüber hinaus gibt es noch mehr, denn größer als unsere menschliche Liebesfähigkeit ist die Liebe Christi, die jeden Zwiespalt überwindet, die uns erlöst und „tröstet“. Er meint es gut mit uns und „hält uns väterlich in seinen Armen“. So hat es Samuel Rodigast 1675 in seinem Lied „Was Gott tut, das ist wohlgetan“  formuliert. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 372) In der Nähe Christi und durch seine Treue „weichen alle Schmerzen“. Wir sind eingeladen, Gott „walten“ zu lassen, uns ihm zu „ergeben“ und „in Freud und Leid“ bei ihm zu „bleiben“. Dann wird „seine Gnade in unserer Schwachheit mächtig“.

Amen.

Christus ist unser Lehrer

Predigt über 1. Korinther 2, 1- 10: Die Predigt des Apostels vom Gekreuzigten

2. Sonntag nach Epiphanias, 14.1.2018, 9.30 Uhr ,
L
utherkirche Kiel

1. Korinther 2, 1- 10

1 Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.
2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.
3 Und ich war bei euch in Schwachheit und bin Furcht und mit großem Zittern;
4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft,
5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.
7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,
8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«
10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Liebe Gemeinde.
Für viele Eltern scheint es eine Erziehungskatastrophe zu sein, wenn das Kind nicht auf dem Gymnasium landet. Die Anzahl der Jugendlichen auf Schulen, die zur Hochschulreife führen, ist deshalb in den letzten Jahrzehnten ständig gestiegen. Abiturzeugnisse erhalten inzwischen circa 40 Prozent der Schulabgänger; vor 20 Jahren waren es weniger als 30 Prozent. Das Abitur entwickelte sich zum begehrtesten Schulabschluss.
Denn Bildung und Wissen wird in unserer Gesellschaft großgeschrieben. So erwarten auch viele Firmen, dass ihre Mitarbeiter sich ständig fortbilden. Im Lehrerberuf ist dafür das Schlagwort vom „lebenslanges Lernen“ entstanden.
Und natürlich werden auch wir als Pastorinnen und kirchliche Mitarbeiter dazu angehalten, uns weiter zu bilden. Für die Nordkirche haben wir dafür z.B. das Pastoralkolleg in Ratzeburg. Da gibt es viele Angebote: eine Predigtwerkstatt, ein Kurs für inklusive Konfirmandenarbeit, ein Kolleg zur regenerativen Kirchenentwicklung, Studientage zur Trägerschaft von Kindertagesstätten usw.
Und das ist ja auch alles schön und gut. Es kann nicht Cschaden, wenn wir uns fortbilden und mental nicht stehen bleiben.
Aber war das eigentlich schon immer so? Wie sah es mit dem Fachwissen am Anfang der Kirche aus? Wie war Jesus, wie waren die Apostel ausgebildet? Auf jeden Fall haben sie keine Schule für Predigt, Mission oder soziale Fürsorge durchlaufen. Jesus war Zimmermann, Petrus und Andreas waren Fischer, Matthäus ein Zöllner, Judas ein Kaufmann, und von den anderen wissen wir nicht viel.
Nur der Apostel Paulus war vor seinem Wirken als Missionar einigermaßen kenntnisreich: In seiner Jugend wurde er zu einem Toralehrer ausgebildet und danach setzte er als Pharisäer das Studium der Schrift fort. Seine Briefe zeigen außerdem solide Kenntnisse der griechischen Rhetorik, er wusste etwas über Redeformen und Briefschemata.
Trotzdem grenzte auch er sich später von diesen Idealen und der griechischen Weisheit ab. Sein Auftreten scheint nicht besonders redegewandt gewesen zu sein, das lesen wir an einigen Stellen in seinen Briefen, so auch in dem Abschnitt, der heute unsere Epistel und unser Predigttext ist. Paulus schreibt dort: „Als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, […] ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.“ Ihm fehlte also offensichtlich die Gabe der freien Rede, die bei den Griechen hoch angesehen war. Es gab dort sehr viel geschultere Leute, die die Kunst der Rhetorik beherrschten. Paulus konnte da nicht mithalten, und das wurde ihm offensichtlich vorgeworfen, denn er verteidigt sich hier.
Und dafür betont er, dass er an all diesen Künsten auch gar nicht interessiert ist. Denn was er zu verkünden hat, ist kein Wissen, sondern „das Geheimnis Gottes“, und damit meint er das Evangelium. „Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“
Das hatte die Korinther ja offensichtlich auch überzeugt. Immerhin hatte Paulus dort – wie in vielen anderen Orten – eine Gemeinde gegründet. In seiner Predigt muss also eine andere Kraft gelegen haben, als die der geschulten Ausdrucksweise. Und die benennt er hier auch: „Mein Wort und meine Predigt geschahen in Erweisung des Geistes und der Kraft.“ Gott selber war gegenwärtig, als Paulus predigte, und hat durch ihn gewirkt, so dass der Glaube der Korinther nicht auf „Menschenweisheit stand, sondern auf Gottes Kraft.“
Und damit sagt Paulus, dass die Christen all das, was die Griechen und auch die Juden lernten und wussten, nicht brauchen. Um in dieser Welt zu bestehen, reicht Christus, der Gekreuzigte. In ihm allein liegt der Grund unseres Heils. Es gilt, sich ihm anzuvertrauen, ihm das Leben zu übergeben.
Paulus spricht bewusst von dem „Geheimnis Gottes“. Das griechische Wort, das dafür hier steht, ist „Mysterium“, und das benutzen wir auch. Es bezeichnet immer einen Vorgang oder ein Geschehen, das wir nicht wirklich begreifen können. Es entzieht sich dem Verstand. Mit unserem Wissen oder unserer Klugheit dringen wir da nicht ein. Wir werden vielmehr in ein Geheimnis hineingezogen, wenn wir uns ihm nähern, es ergreift uns und kann sich nur selber enthüllen. Wir müssen das nur geschehen lassen.
Weiter unten greift Paulus diesen Gedanken noch einmal mit einem Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja auf. Er beschreibt das „Geheimnis Gottes“ folgendermaßen: „»Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.“ Er sagt damit sehr deutlich, dass der Glaube keine Verstandessache ist. Es geht vielmehr um eine Offenbarung Gottes an diejenigen, die ihn lieben, und das heißt um einen Lebensvollzug. Wer an Jesus Christus glaubt, kann damit rechnen, dass er unerhörte Dinge erfährt. Er muss nicht viel wissen, klug und gebildet sein, sondern sich vor allem ganz auf Christus verlassen. Er ist das Licht und die Kraft, durch die wir die „Tiefen der Gottheit erforschen.“
Das ist hier die Botschaft des Paulus, und die ist immer noch wichtig. Auch wir sind eingeladen, uns an Christus zu wenden, wenn wir erkennen wollen, was wirklich zählt und wichtig ist. Unser Wohlergehen, unsere Freiheit und unser Weiterkommen hängen nicht von einem hohen Schulabschuss ab. Wir finden es nicht durch Wissen und Bildung, sondern in der Liebe Christi, im Vertrauen auf die Kraft Gottes und durch seinen Geist.
Die Frage ist allerdings, ob wir das überhaupt wollen und für richtig halten. Entziehen wir uns damit nicht der Verantwortung für die Welt und für unsere Mitmenschen? Was ändert sich denn in unserem Leben, in der Kirche, in der Gesellschaft, wenn wir nur noch auf Gott vertrauen? Was gewinnen wir? Und bleiben wir damit auch am „Ball der Zeit? Entwickeln wir uns weiter?
Das müssen wir uns fragen, und dabei ist es gut, wenn wir so ehrlich wie möglich sind und genau hingucken. Dazu können wir den Spieß einmal umdrehen und die Gegenfrage stellen: Wo kommen wir eigentlich hin, wenn wir immer nur mehr wissen wollen, reden, lernen und studieren? Ist das verantwortungsbewusst? Unser Bildungshunger hat ja auch viele Schattenseiten. Es fängt schon mit dem Wahn an, dass die Kinder alle am besten aufs Gymnasium gehen sollten. In der letzten Grundschulklasse entsteht dadurch ein großer Druck. Eltern und Kinder leiden und sind oft am Rand der Verzweiflung, dann nämlich, wenn ihr Kind den gewünschten Schritt in die höhere Schule eventuell nicht schafft. Der Übertritt in der vierten Klasse wird von Eltern oft als die „schlimmste Zeit ihres Lebens“ empfunden.
Und in der Kirche werden wir durch den Fortbildungseifer sehr kopflastig. Wir halten alles für machbar, und merken gar nicht, dass es in unserem Gemeinden und Einrichtungen immer weltlicher zugeht. Wir glauben mehr an unsere Fähigkeiten, als an die Kraft Christi, und das macht viele irgendwann krank. Sie sind ausgelaugt und arbeitsunfähig. In unserem Kirchenkreis sind davon tatsächlich einige Pastoren und Pastorinnen betroffen.
Wir müssen also ehrlicher Weise erkennen: Bei dem, was wir für erstrebenswert halten, verlieren wir das Bewusstsein dafür, dass der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. Wir reduzieren unser Menschenbild und sehen nicht mehr die Ganzheit des Lebens. Unser Bewusstsein ist in weiten Strecken eingeschränkt und nicht in Kontakt mit der Wirklichkeit. Das müssen wir als erstes zugeben.
Dann klingen die Aussagen von Paulus schon ganz anders. Wir merken: sie sind nicht verantwortungslos, sondern nehmen den ganzen Menschen in den Blick. Wir müssen nicht alles wissen, wir dürfen auch mal krank und schwach sein, es ist nicht schlimm, wenn wir unscheinbar sind und nicht alles schaffen. Im Gegenteil, genau durch diese Menschen erweist Gott seine Macht. Denn sie haben in Christus einen, der sie liebt und sich ihnen zuwendet. Er ist bei ihnen und erfüllt sie mit seinem Geist. Durch Jesus ist das „Geheimnis Gottes“ in diese Welt gekommen, und das ist viel größer, als alles, was wir durch unsere wissenschaftlichen Künste erfassen können. Er wirkt weiter und verleiht unserem Leben eine tiefe Erfüllung.
Und damit das geschehen kann, sollten wir uns in ganz anderen Fähigkeiten schulen, gerade, wenn wir in der Kirche mitarbeiten. Es ist wichtig, dass wir vom Geist Christi erfasst werden, auf ihn vertrauen und uns ihm hingeben. Dafür gibt es in den Fortbildungsprogrammen kaum Kurse. Sie werden eher in Klöstern abgehalten, als in Seminaren, dort, wo bereits Menschen leben, die hauptsächlich ihre innere Aufmerksamkeit trainieren, sich im Schweigen und Zulassen üben. Wir brauchen, um das umzusetzen, was Paulus meint, überwiegend Räume und Zeiten der Stille und des Gebetes.
Darüber stand im Journal der Kieler Nachrichten vom 6. Januar ein sehr schöner Artikel. Der freie Autor Bert Strebe vertritt dort dieselbe Meinung – dass wir mehr Stille brauchen – und erwähnt am Anfang eine Studie, die 2014 an der Universität von Virginia durchgeführt wurde. Er schreibt: „Die Probanden mussten ihre Handys abgeben und wurden aufgefordert, eine Viertelstunde lang in einem leeren Raum auf einem Stuhl zu sitzen. Nichts weiter. 15 Minuten sitzen, denken, schweigen. Ergebnis: die meisten fanden es schwer, die Stille und die eigenen Assoziationen auszuhalten.“ Sie wären dem gern ausgewichen.
Und das ist ein Merkmal unserer Zeit. Normalerweise umgeben uns viele Geräusche, „Unruhe und Rastlosigkeit begleiten uns.“ Dabei ist es erwiesen, dass die Stille „die kognitiven Leistungen verbessert, dass Besinnung und Konzentration auf sich selber helfen, Ängste zu überwinden. Zwei Minuten Stille senken den Blutdruck, zwei Stunden Stille steigern die Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln, kreativ zu sein.“ So der besagte Artikel. Dabei war dort nicht von Religiosität oder Glaube die Rede, sondern nur von neuropsychologischen Erkenntnissen aus der Hirnforschung.
Umso mehr sollten wir als Christen uns das zu Herzen nehmen. Für uns kann die Stille noch viel mehr beinhalten. Sie bietet uns die Möglichkeit, in das „Geheimnis Gottes“ einzudringen. Denn wir setzen uns nicht einfach nur hin und tun nichts, wir empfangen dabei vielmehr das Geschenk, das Gott uns durch Jesus Christus gemacht hat. Das Schweigen kann dazu dienen, unseren Verstand einmal zur Ruhe kommen zu lassen und von unseren weltlichen Zielen Abstand zu nehmen. Jesus Christus ist selber diesen Weg gegangen, in aller Konsequenz. Bis in den Tod hat er sich selber losgelassen und sich Gott anvertraut. Und am Ende wurde ihm genau dadurch neues Leben geschenkt. Er ist von den Toten auferstanden und lebt heute noch. Deshalb kann er unseren Geist erleuchten, d.h. uns Klarheit und die richtige Erkenntnis geben. Er kann unseren Lebenswandel fördern, uns ruhig uns ausgeglichen machen. Er lässt unser Leben gelingen und setzt schöpferische Kräfte frei. Denn wir werden durch ihn geheilt. Wir werden gestärkt und befreit und gewinnen die ewige Erlösung. Wenn wir uns ihm anvertrauen, entziehen wir uns also nicht der Verantwortung, wir werden ihr vielmehr gerecht.
Und das ist ebenfalls ein lebenslanger Weg, ein Prozess, der nie aufhört. Wir bleiben durch das Vertrauen auf Jesus innerlich nicht stehen, sondern entwickeln uns stetig weiter. Es gibt sogar kaum eine Übung, bei der unser Geist und unsere Seele mehr gefordert werden, denn wir lassen immer wieder Altes los, überkommene Ideen und Gewohnheiten, wir werden offen und bleiben ganz von selber nah an den Fragen der Zeit. Und das wichtigste ist: wir werden vom Geist Gottes erfüllt. Das „Geheimnis Gottes“ bleibt lebendig, wir lassen eine Wirklichkeit zu, die tiefer geht als alle weltlichen Vorgänge, und sorgen dafür, dass die Kraft des Geistes das Dunkel der Welt durchdringt.
Lassen Sie uns deshalb getrost unser Leben ganz in die Hand Christi legen.

Amen.

Christus ist unsere Weisheit

Predigt über 1. Kor. 1, 26- 31: Die Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott

1. Sonntag nach Epiphanias, 7.1.2018, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

1. Korinther 1, 26- 31

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.
27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;
28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,
29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.
30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,
31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

Liebe Gemeinde.
In der Werbung tauchen zum allergrößten Teil nur schöne Menschen auf: Sie sind jung und schlank, haben strahlend weiße Zähne und volle Haare, sind erfolgreich und attraktiv. Wir sehen sie im Fernsehen und im Internet, oder in gedruckter Form auf Plakaten und Prospekten. Und dafür wird meistens Hochglanzpapier verwendet, denn das macht mehr her als gewöhnliches Papier.
Dabei werben diese Menschen meistens gar nicht für Schönheit, sondern für irgendein Produkt, das wir kaufen sollen: Autos, Reisen, Versicherungen, Getränke usw. Sie vermitteln uns, dass das Leben so gut wird, wie sie es ausstrahlen, wenn wir das alles kaufen und besitzen.
Und damit stellt die Werbung Werte in die Welt, nach denen wir bewusst oder unbewusst streben. Irgendwie denken wir, dass wir tatsächlich so sein müssen, damit das Leben gelingt. Wir wollen deshalb am liebsten klug und schön sein, einen guten Schulabschluss erreichen, im Beruf Erfolg haben und möglichst viel Geld verdienen.
Was nun die Kirche betrifft, so meinen viele Mitarbeiter und Funktionsträgerinnen, dass auch wir am besten mit solchen Bildern und auf Hochglanzpapier auf uns aufmerksam machen sollten. Wir müssen mithalten und uns einladend präsentieren, sonst kommt bald niemand mehr. Wir dürfen nicht zu altmodisch oder unscheinbar wirken. Dieses Bild haben ja leider viele Menschen von der Kirche, und dem gilt es entgegenzuwirken. So sieht man nicht selten auch in Gemeindebriefen und auf Internetseiten der Kirche dieselben schönen Bilder, strahlendes Lächeln, bunte und farbenfrohe Dinge.
Ich finde das auch nicht unbedingt schlecht. Wir machen das in unseren Gemienden ja ebenfalls. Aber ist das eigentlich biblisch? Und entsprechen diese Bilder der Realität? Ist Kirche so, und ist es das, was wir durch den Glauben gewinnen?
In dem Abschnitt aus dem Korintherbrief, den wir vorhin gehört haben, verneint Paulus das ganz eindeutig, und darüber müssen wir nachdenken. Er sagt: „Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, […] und was schwach ist vor der Welt, […] und das Geringe vor der Welt und das Verachtete, […] das, was nichts ist, […]“ Für Paulus setzt sich die Kirche nicht aus Menschen zusammen, die klug und schön sind oder bewundert werden. Im Gegenteil, Gott will all das gerade entkräften und abschaffen.
Paulus sagt: „[…] damit er die Weisen zuschanden mache; […und] was stark ist; […] damit sich kein Mensch vor Gott rühme, […] damit er zunichte mache, was etwas ist.“ So gehen die Sätze jeweils weiter. Was wir für gut halten, wird von Gott also herab gewürdigt und beschämt.
Denn es gibt nur einen, der stark und vollkommen ist, und das ist Jesus Christus. Er wurde für uns „von Gott gemacht […] zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.“ Wenn wir glauben, sind wir „in“ ihm, „damit [gilt:] »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«“
Das schreibt Paulus den Korinthern, und damit bezieht er Front gegenüber Werten, die auch damals schon die Gesellschaft bestimmten, und mit denen sich seine Gemeindeglieder auseinandersetzten.
Denn zu der jungen christlichen Gemeinde gehörten hauptsächlich Menschen aus den ärmeren, unteren Schichten, auch Sklaven waren dabei. Sie hatten viele Fragen, die sich aus der Konfrontation mit ihrer Umwelt ergaben. Die bestand aus zwei großen geistig-religiösen Welten, die damals die Menschheit prägten: die Juden und die Griechen.
Die Juden glaubten an die Macht und Größe Gottes. Sie stellten sich ihn kraftvoll und gewaltig vor, stark und gerecht. Sie unterwarfen sich ihm und lebten nach seinem Willen. Die Griechen setzten alles auf die Weisheit. Sie schulten ihre Urteilskraft und ihre Einsicht, suchten Erkenntnis und Klugheit. Sie wollten die Welt verstehen und die Wahrheit erfahren. Damit antworteten beide Gruppierungen auf die großen Fragen der Menschheit. Sie boten einen Ausweg aus Leiden und Sterben an und hofften auf ein Ende von Not und Tod. Sie glaubten daran, dass der Mensch schön und gut werden kann, gerecht und wohlhabend, und hatten dafür die entsprechenden Programme.
Die Christen konnten da nicht mithalten. Sie hatten vergleichsweise wenig, denn sie verließen sich hauptsächlich auf das Kreuz Jesu. Sie glaubten an die heilende Kraft des Sterbens und Auferstehens Jesu, und das war etwas ganz anderes. Für die Juden und Griechen war es sogar ein Ärgernis. Beide Gruppen konnten mit dem Kreuz nichts anfangen, denn es stand im krassen Gegensatz zu dem, woran sie glaubten und worauf sie setzten. Es glänzte nicht und war in ihren Augen ein Symbol des Scheiterns. Deshalb war die Botschaft vom Kreuz für sie eine große Torheit. Sie hielten die Christen für dumm und einfältig.
Das ist wie gesagt der Hintergrund dessen, was Paulus hier schreibt, und es ist immer noch wichtig. Wer an Jesus Christus glaubt, verzichtet darauf, aus eigener Kraft zu glänzen oder groß herauszukommen. Er benutzt in erster Linie nicht seinen Verstand, sondern verlässt sich ganz auf Christus, in dem alle „Weisheit“ liegt, der die „Gerechtigkeit“ bringt, uns zur „Heiligung“ führt und uns „erlöst“. Er ist das Licht und die Kraft, von der wir leben. Nur durch ihn wird das Leben gut.
Das ist die Botschaft, und es ist gut, wenn wir uns die zu Herzen nehmen. Auch wir sind eingeladen, uns an Christus zu wenden, wenn wir Erlösung suchen. Wir können das wahre Glück, unsere Rettung und Gerechtigkeit nicht selber herstellen, weder mit Gehorsam noch mit Klugheit, weder mit Geld noch mit Schönheit.
Und das ist immer noch eine Provokation. Es entspricht unserem Denken genauso wenig wie dem der Juden oder Griechen. Wer bei uns schwach und klein ist, krank oder arm, fühlt sich automatisch schlecht und minderwertig. Denn er wird schnell an den Rand gedrängt, ist überflüssig und ungebeten. Geringschätzung oder sogar Anfeindung sind an der Tagesordnung, Gleichgültigkeit und Abneigung.
Aber Gott will uns genau dann, wenn es uns so geht. Dann beachtet er uns mehr, als zu jeder anderen Zeit. Denn er fragt gar nicht nach unserer Stärke oder Klugheit, sondern gerade nach unserer Schwäche, nach unseren Fehlern und Niederlagen. Dann kann er nämlich an uns handeln. Dann können seine Gnade und Liebe in unserem Leben groß werden. Wir müssen ihm nur vertrauen und an die erlösende Kraft des Kreuzes Christi glauben.
Die Frage ist allerdings, ob wir das überhaupt wollen. Die Aussagen von Paulus provozieren auch uns. Selbst viele Christen halten das für lebensfeindlich. Wenn wir nur von der Gnade Gottes leben, sind wir ja abhängig und klein. Das ist ihr Argument. Wir sind Gott ausgeliefert und werden unselbständig. Und das Kreuz ist in der Tat kein besonders ästhetisches Symbol. Da hängt ein sterbender und gequälter Mensch. Schön ist das nicht. Es wirkt abstoßend und kein bisschen einladend. Die weltliche Lebensweise scheint in vieler Hinsicht überlegener und gesünder zu sein. So denken auch in der Kirche nicht wenige. Es gibt deshalb wie gesagt Überlegungen, uns ein andres Image zu geben. Sollten wir nicht mehr auf die schönen Seiten des Glaubens hinweisen, der Kirche ein bisschen Glanz verleihen und mehr strahlen? Das fragen sich viele, und diese Fragen sind auch berechtigt. Lassen Sie uns deshalb darüber nachdenken.
Dabei sollten wir allerdings so ehrlich wie möglich sein und genau hingucken. Das meiste von dem, was in der Werbung vorkommt, ist nämlich pures Blendwerk. Uns werden dort Illusionen vermittelt, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Die ist ganz anders.
Hinter all diesen Bildern steht ja das Bewusstsein, leistungsstark zu sein, und das hat viele Schattenseiten. Es setzt uns unter Druck und kann uns krank machen. Nicht umsonst gibt es in unseren modernen Gesellschaften unzählige Menschen, die an psychischen Störungen leiden: Burnout, Depressionen, Angstzustände, die Liste ist lang. In Wirklichkeit ist das Erfolgsdenken lebensfeindlich, denn die Ziele, die wir meinen erreichen zu müssen, sind meistens weit entfernt. Das Scheitern ist eine ständige Gefahr, und Leid und Not werden dadurch nicht abgeschafft. Sie werden nur ausgeblendet oder verdrängt. Für die Niederlage oder den Verfall hat die Werbung keine Lösungen, und das Sterben kommt erst recht nicht darin vor. Das Bild, das dort vom Leben vermittelt wird, ist also sehr unzureichend.
Es schließt auch von vorne herein einen großen Teil der Menschen aus, denn viele kommen darin nicht vor, die Armen und Hungernden, die Unterdrückten und Kranken, Obdachlose, Asylbewerber, alle, die nur geringe bis gar keine Chancen in unserer Gesellschaft haben. Ihnen wird nichts geboten, sie fallen unten durch und bleiben am Boden.
Das müssen wir ehrlicher Weise erkennen: Was wir für schön und erstrebenswert halten, geht an der Realität vorbei. Unser Bewusstsein ist in weiten Strecken von Träumen und Täuschungen bestimmt, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Das müssen wir als erstes zugeben.
Dann klingen die Aussagen von Paulus schon ganz anders. Wir merken: sie sind nicht gegen das Leben gerichtet, sondern wenden sich der ganzen Realität zu. Wir müssen nicht alles allein hinkriegen, wir dürfen auch mal krank werden, es ist nicht schlimm, wenn wir scheitern oder arm sind, „töricht, schwach, gering und verachtet“. Im Gegenteil, genau diese Menschen hat „Gott erwählt“. Denn sie haben in Christus einen, der sie liebt und sich ihnen zuwendet. Er ist bei ihnen und richtet sie auf. Durch Jesus ist ein noch viel helleres Licht in diese Welt gekommen, als durch unsere künstlichen Lichter. Er strahlt in jedes Dunkel hinein und verleiht unserem Leben einen ganz besonderen Glanz.
Es wäre deshalb gut, wenn wir uns anderen Werten zuwenden. Nicht Klugheit oder Schönheit sollten zählen, sondern Bescheidenheit und Demut. Denn nur auf diesem Weg finden wir, was Gott uns durch Jesus Christus geschenkt hat, wenn wir unser natürliches Wollen und Streben immer wieder hinterfragen und von Ideen und Plänen Abschied nehmen. Jesus Christus ist selber diesen Weg gegangen, in aller Konsequenz. Bis in den Tod hat er sich selber losgelassen und sich Gott anvertraut. Und am Ende wurde ihm genau dadurch neues Leben geschenkt. Er ist von den Toten auferstanden und lebt heute noch. Deshalb kann er uns das, was Paulus hier aufzählt, schenken:
Er kann unseren Geist erleuchten, d.h. uns Klarheit und die richtige Erkenntnis geben. Durch ihn wissen wir, was gut und was schlecht für uns ist.
Außerdem kann er uns rechtfertigen, d.h. vor Gott gerecht machen. Gott nimmt uns durch ihn an und vergibt uns immer wieder.
Er kann uns heiligen, d.h. unseren Lebenswandel fördern, uns ruhig uns ausgeglichen machen. Er lässt unser Leben gelingen.
Und als letztes werden wir durch ihn erlöst: Wir werden gestärkt und befreit und gewinnen das ewige Heil.
Deshalb gilt: Wenn wir uns „rühmen wollen, dann sollen wir uns seiner rühmen“. Das ist das wichtigste für die Kirche.
Natürlich ist es nicht schlecht, wenn sie sich in den weltlichen Medien vernünftig präsentiert, aber das ist nicht das entscheidende. Sie braucht vor allen Dingen Menschen, durch die der Glanz Christi hindurch strahlt. Sie sind auf eine ganz besondere Art und Weise schön und attraktiv. Denn sie sind erfüllt von Liebe und Hoffnung. Sie wissen um das ewige Licht. Und diese Schönheit, dieses Wissen ist größer als alle menschliche Weisheit oder Macht.
Amen.

Auf dem Weg zur Ewigkeit

Predigt über Josua 1, 1- 9:  Vorbereitung für den Einzug in das verheißene Land

Neujahr, 1.1.2018, 18 Uhr, Lutherkirche Kiel

Josua 1, 1- 9

1 Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener:
2 Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe.
3 Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe.
4 Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein.
5 Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.
6 Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe.
7 Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst.
8 Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen und du wirst es recht ausrichten.
9 Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Liebe Gemeinde.
Am Jahresanfang schauen wir gern nach vorn, denn ein neues Jahr liegt nun vor uns. Wir richten unser Bewusstsein auf das, was kommen wird. Wir wissen zwar nicht, was es sein mag, aber wir haben eine Vorstellung davon. In der Phantasie malen wir es uns aus, denn wir haben Pläne und Wünsche. Auch unsere Erfahrungen spielen eine Rolle. Sie prägen das Bild von der Zukunft, das wir uns machen.
Es ist so ähnlich wie am Anfang einer Wanderung. Auf der Karte oder in einem Buch wird uns gesagt, wo der Weg lang geht und wie er beschaffen ist. Wir können das also ungefähr abschätzen.
Trotzdem bleibt natürlich eine Unsicherheit da, denn was wirklich kommen wird, wissen wir nicht. Es gibt viele Gefahren und Unwägbarkeiten. Ereignisse, die wir nicht vorhersehen, können eintreten: Wir werden vielleicht krank; die Menschen, mit denen wir zusammen leben oder arbeiten, verhalten sich anders, als wir es uns vorstellen usw. Deshalb mischt sich in den Jahresanfang auch immer eine gewisse Sorge, vielleicht sogar Angst.
So ist es gut, dass wir aus der Bibel heute den Zuspruch Gottes hören:
„Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“
Das sagte Gott zu Josua, den er zum Nachfolger von Mose auserwählt hatte. Die Worte stehen in dem Abschnitt aus dem Alten Testament, den wir vorhin gehört haben, und das ist Josuas Beauftragung und Zurüstung. Er hatte die große Aufgabe, das Volk Israel in das gelobte Land zu führen und dieses einzunehmen. Er kannte es nicht, es war Neuland für ihn. Sein Fuß hatte es noch nicht betreten, und natürlich gab es dort Feinde und Hindernisse. Wie sollte er damit fertig werden? Die Verantwortung war groß, und wahrscheinlich hatte er Angst davor. Gott traute ihm zwar etwas zu, aber wie sollte er das schaffen? Das fragte er sich, und Gott wusste das. Er sprach ihm deshalb Mut zu und versicherte ihm seinen Beistand. „Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein.“ Das waren weitere Versprechen. D.h. Gott wird ihn nie verlassen, immer bei ihm sein, nicht von seiner Seite weichen und ihm bei allem helfen, was er tun muss.
Gott erinnerte Josua außerdem daran, dass es schon lange sein Plan und Vorhaben war, den Israeliten dieses Land zu geben. Deshalb sollte er sich nur an Gott halten, an seine Gebote und Gesetze, und ihm treu bleiben. „Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen und du wirst es recht ausrichten.“ Das ist die Verheißung.
Und die können wir auch auf uns beziehen. Ein neues Jahr ist wie gesagt so etwas Ähnliches wie Neuland, ein Zeitraum, den Gott uns gibt, und den wir zu betreten haben. Wir kennen ihn noch nicht, und so ist es gut, dass Gott uns verspricht, bei uns zu sein.
Die Frage ist allerdings, ob wir das auch glauben. Spricht unsere Erfahrung nicht dagegen? Wir sind doch gar nicht immer geschützt. Wir haben oft das Gefühl, dass Gott uns allein lässt und gar nichts tut. Wir müssen deshalb darüber nachdenken, wie dieser Zuspruch gemeint ist, und wie er seine Kraft entfalten kann. Wie können wir das, was die Bibel uns hier sagt, selber erleben?
Auf diese Frage suchen wir eine Antwort, und die gibt es auch. In drei Schritten können wir uns klar machen, wie wir den Zuspruch Gottes in unserem Leben erfahren können.
Zunächst einmal müssen wir begreifen, dass Gottes Schutz nicht darin besteht, dass uns gar nichts Schweres oder Schlimmes mehr widerfährt. Denn nicht nur das neue Jahr ist wie eine Wanderung, unser ganzes Leben ist ein Weg, auf dem wir ständig weitergehen. Und weitergehen bedeutet zwangsläufig, dass wir immer wieder Abschied nehmen müssen und leiden. Wir können nirgends bleiben, müssen Entscheidungen treffen und vieles loslassen: Menschen, die wir lieb haben, werden älter oder sterben. An den Orten, in denen wir wohnen, regt sich Widerstand, und wir müssen sie verlassen. Aufgaben, die uns erfüllt haben, sind erledigt, Krankheiten oder Alterserscheinungen machen uns selber das Leben schwer. Es ist oft nicht leicht, das alles anzunehmen. Es schmerzt und macht uns traurig. Manchmal fühlt es sich sogar wie ein Sterben an. Aber so ist das Leben, es ist ein Weg, und der ist oft rau. Wie bei einer Wanderung kann es ungemütlich werden, Wind und Wetter machen uns zu schaffen, der Boden ist manchmal steinig. Da kann und wird auch Gott nichts dran ändern, sondern das mutet er uns zu. In dieses Leben hat er uns hineingestellt, in diese Zeit, und damit in die Vergänglichkeit und den ständigen Wandel.
In der Frömmigkeit des 18. und 19. Jahrhunderts spielte dieses Thema eine große Rolle. In vielen Liedern, Briefen und Predigten aus dieser Zeit ist davon die Rede, dass das irdische Leben von vorne herein wie ein Pilgern ist, dass wir Wanderer zur Ewigkeit sind und in der Welt nur Gäste und Fremdlinge. Und das ist gar keine schlechte Vorstellung, denn dadurch relativiert sich alles, was wir in der Zeitspanne, die uns gegeben wird, erleben, sowohl das Schöne als auch das Leidvolle. Wir bewerten es anders. Die Dinge, die uns zu schaffen machen, wiegen nicht mehr so schwer, wir können eher loslassen.
Gerhard Tersteegen, ein Dichter und Mystiker aus dem 18. Jahrhundert hat das in seinen Liedern oft zum Ausdruck gebracht. Eins davon ist ein regelrechtes Pilgerlied (Evangelisches Gesangbuch Nr. 393). Wir haben vorhin ein paar Strophen daraus gesungen. Es beginnt mit der Aufforderung: „Kommt, Kinder, lasst uns gehen.“ Und in Strophe vier sagt er, dass es sogar besser ist, das Gepäck von vorne herein leichter zu machen. Es heißt dort: „Viel sammeln halten handeln macht unsern Gang nur schwer. Wir reisen abgeschieden, mit wenigem zufrieden.“ Das gilt es zu beherzigen. Es ist der erste Schritt, der dazu führt, dass wir geschützt sind. Denn durch dieses Bewusstsein halten wir von vorne herein weniger fest und bleiben nicht stehen. Wir können Verluste und Veränderungen viel besser annehmen. Wir erwarten gar nicht mehr, dass es gemütlich ist.
Der zweite Schritt ist dann das Hören auf Gottes Wort, bzw. der Aufblick auf Jesus. Das kommt auch in unserem Text vor, denn dazu wird Josua ausdrücklich aufgefordert. Gott sagt zu ihm: „Lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht.“ Josua wird also zum Studium des Wortes Gottes aufgefordert und zum Gehorsam gegenüber Gott. Wenn er die Weisungen, die darin enthalten sind, beachtet, wird er Erfolg haben. Dann wird er Mut und Vertrauen gewinnen.
Und das gilt auch für uns. Es gibt in allem Wandel einen, der bleibt, wie er ist, und das ist Gott. Er ist nicht der Zeit unterworfen, sein Wort trägt den Charakter der Ewigkeit, und es ist in Jesus Christus Mensch geworden. Das glauben wir, und damit haben wir es sogar noch besser als Josua: Jesus Christus ist bei uns, er geht mit uns und führt uns durch alles Raue hindurch. Wir müssen nur auf ihn schauen und ihm vertrauen.
Das kommt in den Liedern, die ich erwähnte, ebenfalls zum Ausdruck. Da wird Jesus als der besungen, der uns den Weg zeigt, uns einen festen Grund gibt und uns mit allem versorgt, was wir brauchen. Und dieser Glaube wird gern mit Bildern aus der Pilgerschaft ausgemalt.
So dichtete Cornelius Krummacher 1857: „Stern, auf den ich schaue, Fels, auf dem ich steh, Führer, dem ich traue, Stab, an dem ich geh, Brot, von dem ich lebe, Quell, an dem ich ruh, Ziel, das ich erstrebe, alles, Herr, bist du.“ (EG 407,1) Der Dichter besingt damit die Gegenwart Jesu, seine Fürsorge und Hilfe, die durch nichts aufgehoben wird. Von ihm kommen deshalb immer wieder die Kraft und der Mut, die wir für unseren Weg brauchen.
Durch die Nähe Jesu bewahrheitet sich also die Zusage Gottes, uns „nicht zu verlassen“. Er verschont uns zwar nicht vor allem Leid, aber er ist da, und das ist ein großer Trost. Er trägt unsere Lasten mit und sorgt dafür, dass wir in allem Schweren unseren Glauben, unsere Hoffnung und unsre Liebe behalten. Und auf die kommt es an. Wir brauchen auf unserer Pilgerfahrt durch das Leben vor allem diese inneren Güter.
Dann erreichen wir auch das Ziel, und das ist der dritte und letzte Schritt. In den Liedern, die wir heute singen, wird es wunderbar beschrieben. Von Gerhard Tersteegen ist z.B. auch die schöne Strophe:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“ (EG 481,5) Wir wandern nicht nur durch die Zeit, nein, wir kommen auch an ein Ziel, das weit über dieses Zeit hinausweist.
Keiner und keine weiß, wie es dort ist, aber wir können hier schon einen Vorgeschmack bekommen, und zwar wenn wir uns ganz auf den Augenblick konzentrieren, auf das Hier und Jetzt. Und das ist im Glauben möglich. Denn das Aufblicken auf Jesus und das Hören auf das Wort Gottes sollen wir uns nicht vornehmen. Wir sollen das nicht morgen oder nächste Woche tun, sondern jetzt, in diesem Moment, und dann mit jedem Atemzug aufs Neue. So ist das gemeint. Der Glaube umfängt immer die Gegenwart und lässt uns darin genug haben.
Und wenn das geschieht, dann sind wir plötzlich ganz frei und unbeschwert. Wir vergessen, was hinter uns liegt und haben keine Angst mehr vor der Zukunft. Und so stell ich mir die Ewigkeit vor: Da gibt es kein Gestern und kein Morgen, sondern die Zeit ist aufgehoben, und wir sind nur noch da.
Wenn wir die Zusage Gottes an Josua und an uns so hören und umsetzen, dann werden wir wirklich „getrost und unverzagt. Wir lassen uns nicht grauen und entsetzen uns nicht.“ Alle Beklemmungen weichen; jede Unruhe und Sorge wird von uns genommen; unsere Gehemmtheit wird geheilt; die Angst verschwindet; Verspannungen und Verkrampfungen lösen sich. Dann kann das neue Jahr ruhig kommen, wir gehen voller Vertrauen da hinein.
Es ist deshalb gut, wenn wir gerade am Anfang eines neuen Jahres mit Otto Riethmüller beten:
„Schließ auf, Herr, über Kampf und Sorgen das Friedenstor der Ewigkeit. In deiner Burg sind wir geborgen, durch dich gestärkt, zum Dienst bereit.“ (aus: „Nun gib uns Pilgern aus der Quelle“, EG, Ausgabe Württemberg, Nr. 579, Str.4)
Amen.

Die Geburt von oben her

Predigt über Johannes 3, 1- 6. 16: Jesus und Nikodemus

1. Weihnachtsfeiertag. 25.12.2017, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Johannes 3, 1-6. 16

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.
16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Liebe Gemeinde.

Nach dem Sündenfall sprach Gott zur Frau: „Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären.“ (1. Mose 3, 16) Diese düstere Vorhersage ist wahr geworden. Jede Frau, die ein Kind geboren hat, kann das bestätigen. Es beginnt mit den Wehen, die nicht umsonst so heißen, und geht weiter mit den vielen Risiken, die eine Geburt mit sich führt, sowohl für die Mutter als auch für das Kind. Es ist gefährlich, zu gebären und geboren zu werden. Deshalb müssen gut ausgebildete Fachkräfte dabei helfen. Und die finden ihre Aufgabe mitnichten süß oder romantisch, sondern anspruchsvoll und anstrengend. Sie haben viel Verantwortung, denn alles Mögliche kann bei einer Geburt schief gehen.
Trotzdem ist sie natürlich wunderbar und beglückend. Meine Mutter hat immer wieder erzählt, dass es keine schöneren Momente in ihrem Leben gab als die, bei denen sie uns Neugeborene dann im Arm hatte. Heutzutage kommen auch gleich am nächsten Tag ungefragt professionelle Fotografen oder Fotografinnen in die Klinik und machen schöne Bilder vom Baby und den Eltern. Denn eine Geburt ist auf jeden Fall ein bedeutendes Ereignis.
Und diesen Vorgang benutzt Jesus in unserem Evangelium als Bild für etwas, das auch auf geistlicher Ebene stattfindet. Er spricht von der „Geburt von oben her“.
Das Stichwort fällt in einem Gespräch mit einem Mann namens Nikodemus. Der war ein Mitglied der Pharisäergemeinschaft und gehörte dem Hohen Rat an, d.h. dem obersten Entscheidungsgremium der Juden. Als solcher müsste er eigentlich alles über den Glauben und die Religion wissen, aber dem ist nicht so. In dem Gespräch mit Jesus ist er der Fragende, der nur langsam versteht, was Jesus ihm sagt. Er kommt in der Nacht, und das hat der Erzähler wahrscheinlich bewusst so gewählt: Der Zeitpunkt symbolisiert das Dunkel des Unglaubens, in dem auch Nikodemus sich noch befindet. Er möchte wissen, wer Jesus ist und was er kann, und er möchte daran teilhaben.
Jesus sagt es ihm und offenbart sich zunächst mit der bekannten Formel „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir.“ So hat Luther das zweifache „Amen“ übersetzt, das im Urtext steht. Es bedeutet: „Es steht fest“. Was Jesus ihm jetzt sagt, ist also von vorne herein göttliche Wahrheit, es ist Gottes Wort,und es lautet: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“
Darum geht es also: Um das „Reich Gottes“. Diesen Ausdruck finden wir oft in den Reden Jesu. Er meint damit die vollendete Heilswirklichkeit, das was Gott eines Tages heraufführen wird, am Ende der Zeiten, am Ender der Welt. Jesus verkündete, dass es durch ihn nahe war, dass es durch sein Kommen bereits angebrochen ist. Doch das kann nicht jeder „sehen“, d.h. begreifen, geschweige denn da hineinkommen. Er muss dafür „von oben herab geboren werden“, wie es wörtlich in dem Gespräch mit Nikodemus heißt. Und damit will Jesus sagen, dass er vom Himmel her neu geschaffen werden muss. Gott muss an ihm handeln, ihn neu hervorbringen und wachsen und werden lassen.
Nikodemus versteht darunter eine „zweite Geburt“, eine „Wiedergeburt“, wie wir es aus vielen Übersetzungen kennen. Und er fragt mit Recht, wie das denn geht. „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“ Das ist seine Frage, die deutlich macht, dass er über Jesus wirklich noch nichts weiß. Er missversteht ihn vollkommen, und seine Frage klingt fast so, als ober er sich über Jesus lustig macht.
Deshalb verdeutlicht Jesus das, was er gesagt hat: Er meint keine leibliche Geburt, sondern eine Geburt „aus Wasser und Geist“. Der Vorgang, an den er denkt, ist also so etwas wie eine Reinigung, die von innen heraus geschieht, eine Bekehrung, die große Veränderungen mit sich führt, eine Neuschöpfung des Menschen durch die Kraft Gottes.
Diese Vorstellung oder Metapher von der „Wiedergeburt“ taucht auch an anderen Stellen im Neuen Testament auf. Sie beinhaltet immer die Vergebung der Sünden, befähigt den menschlichen Verstand, die geistliche Wirklichkeit zu erkennen und befreit den Willen zur Heiligung, d.h. zum freiwilligen Gehorsam gegenüber Gott. Sie ist ein göttliches Geschenk, ein Mysterium, das die „Gotteskinder“ von der Welt unterscheidet und schon jetzt ihr Handeln bestimmt.
Am Ende des Gespräches sagt Jesus, warum und wie das möglich wird. Es liegt begründet in der großen Liebe Gottes zu den Menschen. Er hat seinen Sohn geschickt, um ihnen nahe zu sein und um sein Reich für sie zu öffnen. Wer das glaubt, wird daran teilhaben. Die, die das Geschenk Gottes annehmen, sich darüber freuen und es sich zu eigen machen, werden gehalten und gerettet, sie gewinnen „das ewige Leben“.
Das ist das Evangelium von heute und es passt in der Tat sehr gut zu Weihnachten. Das wird sehr schön an einem Gebet von Martin Luther deutlich. Es lautet:
„Nimm, Herr Jesu, unsere Geburt von uns und versenke sie in deiner Geburt. Schenke uns die deine, dass wir darin rein und neu werden, als wäre sie unser eigen, dass ein jeder von uns sich deiner Geburt nicht weniger freuen und rühmen möge, als wie wenn er auch wie du leiblich von Maria geboren wäre. Stärke uns den Glauben, dass du ganz unser bist, ein Kind – uns geboren, ein Sohn – uns gegeben.“
Doch wie kann das nun geschehen? Was bedeutet es konkret für unsere Frömmigkeit, für unsere Glaubenspraxis? Diese Fragen haben auch wir. Wir können uns gut mit Nikodemus identifizieren, denn wir sind in einer ähnlichen Situation: Er suchte Jesus auf, weil er zu ihm gehören wollte. Er wollte glauben, aber er wusste nicht wie. Was Jesus ihm sagt, gilt also auch uns: Wir müssen „von oben her geboren werden“. Lassen Sie uns darüber nachdenken, was das bedeutet.
Dabei hilft es, wenn wir es mit dem vergleichen, was bei einer leiblichen Geburt geschieht, und was ich zu Anfang erwähnte: Sie ist zugleich ein schmerzhafter und eine freudiger Vorgang, Weh und Glück liegen ganz dicht zusammen, Leben und Sterben sind nicht weit voneinander entfernt.
Um welchen Schmerz geht es also bei einer geistlichen Geburt? Das müssen wir uns als erstes fragen. Worin liegen da die Wehen?
Und dafür ist es gut, wenn wir in unser Leben schauen. Es ist ja sowieso von vielerlei Schmerz angefüllt, je älter wir werden, umso mehr. Keine Lebensgeschichte verläuft ohne Leid oder Trauer, Gewalt oder Unrecht, Angst oder Einsamkeit. Wir wollen das alles nicht und tun viel, damit es nicht die Oberhand gewinnt. Aber gelingt das auch? Bleiben nicht trotz all unserer Versuche, das Leben heil zu machen, Wunden und ungelöste Fragen zurück? Das Schwere lässt sich nicht einfach so auslöschen. Es ist da. Oft verstärkt sich das Leid sogar dadurch, dass wir es loswerden wollen.
Und das ändert sich bei einer Geburt von oben herab. Denn dazu gehört es als erstes, dass wir den Schmerz des Lebens annehmen. Eine Geburt ist ja ein passiver Vorgang, d.h. wir erleiden etwas. Übertragen heißt das, wir lassen uns selber los und lassen geschehen. Wir sagen „Ja“ und halten den Schmerz aus.
Einfach ist das nicht. Genauso wie wir bei der leiblichen Geburt durch den engen Hals der Gebärmutter hindurch müssen, ist auch dies ein schmaler Pfad, den wir nicht so gerne gehen. Wir suchen normalerweise breitere Wege. Davon gibt es ja viele. Wir können uns z.B. ablenken und zerstreuen. Gerade die Art und Weise, wie wir Weihnachten feiern, bietet uns dafür viele Möglichkeiten. Es ist in diesen Tagen immer etwas los. Ein Vergnügen folgt dem nächsten und wir sind normaler Weise von vielen Menschen umgeben. Zu ihnen gehen wir sonst auch gern, wenn wir Hilfe brauchen. Das erscheint uns heller und schöner, als die Dunkelheit auszuhalten.
Mit der Vorstellung von der Wiedergeburt wird das alles auch nicht verurteilt. Wir sollen uns nicht vom Leben abwenden. Aus eigener Kraft heraus können wir das auch gar nicht, jedenfalls nicht so, dass dabei etwas Neues eintritt. Und darum geht es ja. Wir brauchen deshalb den, der etwas Neues in uns schaffen kann, und das ist Jesus Christus.
Wir sind zum Glauben an ihn eingeladen, zum Vertrauen, dazu, auf ihn zu schauen und ihn im Geist zu „umfangen“. Das ist der nächste Schritt. Jesus Christus ist da und er ist für uns gekommen. Wir sind nicht allein in der dunklen Welt, sondern werden von Gott geliebt und gerettet. Wir müssen nur die Gegenwart Christi „genießen“, dann werden wir ins Weite geführt.
Das hat Paul Gerhardt sehr schön in einem Weihnachtslied zum Ausdruck gebracht. Er dichtete: „Süßes Heil, lass dich umfangen, lass mich dir, meine Zier, unverrückt anhangen. Du bist meines Lebens Leben; nun kann ich mich durch dich wohl zufrieden geben.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 36, 10)
Mit diesen Worten deutet er an, dass die Wiedergeburt auch die andere Seite hat: die Freude über ein neues Leben, das Glück des Neuanfangs. So wie bei einer leiblichen Geburt liegt sie ganz nah und stellt sich unmittelbar ein. Wir können Altes abwerfen und bekommen neue Kraft. Wir werden mit Ruhe und Zuversicht ausgerüstet, denn vor uns liegt ein Weg voller Licht und Liebe. Unsere Lebensgeister erwachen, uns durchströmt eine neue Energie. Ungeahnte Kräfte werden mobilisiert und wir verspüren frischen Tatendrang. Und dieses Erleben ist genauso wunderbar und beglückend wie die Geburt eines Kindes. Wir bekommen Anteil an Gottes Gegenwart, an seinem Geheimnis und an seiner Liebe. Unsere Seele wird geweitet, sie öffnet sich ins Grenzenlose, und unser Geist erhebt sich über diese Zeit hinaus.
Das geschieht allerdings nicht nur einmal. Darin liegt ein Unterschied zur leiblichen Geburt. Wir werden durch den Glauben an Jesus nicht ein für alle Mal „von oben herab geboren“ und sind damit dann für den Rest unseres Lebens neue Menschen. Es ist vielmehr ein Vorgang, der sich wiederholt. Wir begeben uns auf einen Weg, der uns immer weiter führt. Die neue Geburt ist wie ein lebenslanger Prozess, ein Wachsen und Werden.
Dieser Weg hat jedoch ein endgültiges Ziel, auf das wir uns freuen können. Paul Gerhardt erwähnt es am Ende seines Liedes indem er dichtet: „Dir will ich hinfahren; mit dir will ich endlich schweben voller Freud ohne Zeit dort im andern Leben.“  (s.o.  Str. 12) Wir „haben“ am Ende „das ewige Leben“.
Wahrscheinlich hat Nikodemus das alles auch erfahren. Er wurde „von oben herab geboren“. Was Jesus ihm in dem nächtlichen Gespräch erklärt hat, ist wahr geworden. Er hat sich darauf eingelassen und wurde sein Jünger. Zweimal taucht er noch im Johannesevangelium auf. Das eine Mal verteidigte er Jesus in einem Streitgespräch mit anderen Pharisäern und gab sich als sein Anhänger zu erkennen. (Joh. 7, 50f)
Das andere Mal war nach seinem Tod. (Joh. 19,39) Er half bei der Abnahme Jesu vom Kreuz und brachte zur Bestattung eine Mischung von Myrrhe und Aloe mit, ein wohlriechendes Harz und Holz. In zerstoßener und pulverisierter Form hat er die Duftstoffe – wie es üblich war – in die Leinentücher gegeben, mit denen der Leichnam eingewickelt wurde. Und er brachte davon eine sehr große Menge mit, es ist von umgerechnet 32 Kilo die Rede. Das sprengte alle normalen Maße und entsprach seiner Verehrung gegenüber Jesus. Er hatte in ihm den königlichen Gottessohnes gefunden.
Und das können auch wir, dazu feiern wir Weihnachten. Lassen Sie es uns tun, indem wir Jesus „ins Herz schließen“, ihn „mit Fleiß bewahren“ (s.o.  Str.11) und ihm unser Leben übergeben.
Amen.

Der Friedefürst ist geboren

Predigt über Jesaja 9, 1- 6:  Verheißung eines  Friedefürsten


Heiligabend, 24.1.2017, 17 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 9, 1- 6

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.
4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch bRecht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

Liebe Gemeinde.
Mitten im Ersten Weltkrieg, in diesem millionenfachen Sterben ereignete sich am Heiligen Abend 1914 etwas sehr Ungewöhnliches: Für ein paar Stunden bzw. Tage kamen die deutschen Soldaten und ihre Feinde, vor allem englische Soldaten, aus den Schützengräben – und feierten gemeinsam. Es kam zu spontanen Verbrüderungen.
Dieses Ereignis ist als „Weihnachtsfrieden“ in die Geschichte eingegangen, oder auch als „weihnachtliche Waffenruhe“. Sie fand an einigen Abschnitten der Westfront, in Flandern statt, und auch an Teilen der Ostfront gab es zu diesem Zeitraum keine Schusswechsel. Von der Befehlsebene war das nicht autorisiert, die Soldaten taten es aus eigenem Antrieb.
Inzwischen ist das lange her, aber erzählt wird diese Geschichte immer noch. Es gibt auch Filme dazu, denn es fasziniert die Menschen bis heute. Wie durch ein Wunder war plötzlich Frieden möglich, weil die Soldaten; die sich eigentlich gerade bekämpften, es so wollten. Sie gehorchten der Weihnachtsbotschaft mehr, als den Waffen und verwirklichten ein Stück des Friedens, der uns an diesem Fest verheißen wird.
In unserer alttestamentlichen Lesung geschieht das z.B. Es ist die Prophezeiung eines „Friedefürsten“, so lautet einer der Namen, der ihm hier gegeben wird.
Jesaja hat das formuliert, einer der großen Schriftpropheten des Alten Testamentes. Er wirkte in einer Zeit, als Juda durch die Großmacht Assyrien bedroht wurde. Das Volk hatte also Angst und verlor die Hoffnung. Jesaja wollte ihnen Mut machen, und so verkündete er, dass bald eine große Wende eintreten würde, ein universaler Friede, Gerechtigkeit und Heil. Er verhieß den Israeliten einen zukünftigen Messias, der ein gerechter Richter und Retter der Armen sein würde. Die Rede ist so etwas wie ein Auftragsgedicht für seine Thronbesteigungsfeier.
Jesaja erinnert darin unter anderem an einen Tag in der Vergangenheit des Volkes, an dem die Israeliten mit Gottes Kraft einen herrlichen Sieg über ihre Feinde errungen hatten, mit nur ganz geringer menschlicher Macht. Und so etwas wird wieder geschehen, sagt er. Denn Gott wird ihnen einen Retter „geben“, der besondere Namen erhält. Sie lauten: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“.
Zum Schluss sagt der Prophet: „Auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“
Das ist die Verheißung Jesajas, und die haben die Christen auf Jesus bezogen. Sie sehen in ihm diesen Retter, der die Finsternis vertreibt und eine ewige Herrschaft des Friedens aufrichtet, der stark und gewaltig ist.
Aber tun sie das eigentlich zu Recht? Wo und wann erleben wir davon denn etwas? Die Welt hat sich in den letzten 2000 Jahren, seitdem Christus erschienen ist, doch so gut wie gar nicht geändert! Es gibt keinen weltweiten Frieden und viel Ungerechtigkeit. Was soll das also, dass wir so etwas alles in Jesus sehen? Er scheint machtlos zu sein. Das denken viele. Sie fragen sich, wo ist Gott? Und warum lässt er all das Leid, die Kriege und das Blutvergießen zu? Wozu lesen wir die Bibel überhaupt, wenn sie doch nicht der Wirklichkeit entspricht?
Auf diese Fragen suchen wir Antworten, und unser Abschnitt aus dem Alten Testament gibt uns darauf auch welche. Wir müssen ihn nur genau lesen.
Dann gilt es als erstes festzustellen, dass hier ein zukünftiger Friede angekündigt wird. Der Prophet beschreibt eine Vision, etwas, das noch kommen wird. Und das ist durch das Kommen Jesu Christi nicht anders geworden. Wir glauben zwar, dass er der Retter ist, der die Welt erlösen kann, aber auch sein Heil verwirklicht sich erst in der Zukunft ganz. Es hat durch sein Erscheinen zwar begonnen, es ist da, aber vorerst bleibt es noch verborgen. Nur wer sich darauf einlässt, kann es erleben.
Helmut Gollwitzer hat das einmal sehr schön formuliert. Das war ein Theologe, der von 1908 bis 1993 lebte. Während des dritten Reiches gehörte er zur sogenannten bekennenden Kirche, d.h. er war ein Gegner der Nazis und hat das auch umgesetzt. Seit den Novemberpogromen 1938 verhalf er z.B. Juden zur Flucht bzw. Ausreise. Außerdem hatte er Kontakte zu Widerständlern in der Wehrmacht. Mehrfach er wurde deshalb verhaftet und bekam ein Redeverbot. Das hielt ihn aber nicht davon ab, seinen Glauben zu bekennen. So ist von ihm aus diesen düsteren Zeiten die Aussage überliefert: „Die Nacht wird nicht ewig dauern. Es wird nicht finster bleiben. Die Tage, von denen wir sagen, sie gefallen uns nicht, werden nicht die letzten Tage sein. Wir schauen durch sie hindurch vorwärts auf ein Licht, zu dem wir jetzt schon gehören und das uns nicht loslassen wird. Das ist unser Bekenntnis.“ Er glaubte also an die Zukunft, und dazu sind auch wir eingeladen: Zum Glauben daran, dass das Leben weitergeht, und dass spätestens am Ende aller Zeiten etwas Großes und Schönes auf uns wartet, ein helles Licht und ein ewiger Friede.
Zu diesem Glauben müssen wir uns allerdings entscheiden. Das ist der zweite Punkt. Den Frieden Christi gewinnen wir nur, wenn wir uns danach ausstrecken und auf ihn hoffen. Wir müssen uns also fragen, wo wir hinschauen und wie wir leben wollen Natürlich können wir auf all die Probleme starren, uns beklagen, zweifeln und bitter werden. Aber ist das ratsam? Solange wir das tun, finden wir mit Sicherheit keine Antwort auf die Frage, was Jesus denn gebracht hat. Wir entdecken seine Macht und seinen Frieden nicht, wenn wir nur auf das Böse blicken. Im Gegenteil, dann verschließen wir uns. Es hat ganz viel mit uns selber zu tun, ob sich der Friede Christi verwirklicht. Wir werden von Gott nicht aus der Verantwortung entlassen. Er will mit den Menschen zusammen arbeiten. Er traut ihnen etwas zu und rechnet damit, dass sie seinen Willen umsetzen. Es ist also wichtig, dass wir uns für Jesus Christus öffnen und auf ihn schauen.
Dabei müssen wir uns allerdings klar machen, dass seine Herrschaft von ganz anderer Art ist, als wir uns das zunächst vorstellen. Er greift nicht mit Gewalt ein, das wird schon an seinem Kommen deutlich. Er ist als kleines Kind auf dieser Welt erschienen und ist den Weg des Leidens gegangen. Seine Stärke liegt nicht in Gewalt oder Herrschaft, sondern in Hingabe und Liebe, in Geduld und Barmherzigkeit.
Um seine Kraft und seine Gegenwart zu entdecken, ist es deshalb gut, wenn wir uns unsere eigene Hilflosigkeit eingestehen und uns bewusst machen, wie oft wir selber leiden, schwach oder traurig sind. Es gibt dafür viele Gründe. Es können Konflikte mit anderen sein, hervorgerufen durch Eifersucht, Hass und Neid. Oder auch Krankheiten, Verluste und Enttäuschungen. Am liebsten verdrängen wir das alles oder versuchen, uns irgendwie selber zu retten.
Doch das ist oft kaum möglich ist. Wir spüren: In den tiefen Schichten unserer Seele bleibt es meistens friedlos und unruhig. Wir haben Angst, machen uns Sorgen und fühlen uns allein. Wir brauchen eine größere Macht, eine Hilfe, die tiefer geht, und genau die hat Jesus Christus für uns bereit. Wir müssen eigentlich nur still werden und auf ihn vertrauen, auf dieses kleine Kind, das uns von Gott gegeben wurde. Dann entdecken wir seine Kraft, es wird friedlich in unsrer Seele. Jesus kann etwas tun, er wirkt in uns und kann uns verändern.
Anselm Grün hat das einmal so formuliert: „Wenn Christus in mir geboren wird, wenn er mein Herz ausfüllt, dann ahne ich etwas von dem Frieden, der von ihm ausgeht. Es ist kein Friede, der mit Waffengewalt durchgesetzt werden muss. Sein Friede strömt aus einem Herzen, das von Liebe voll ist.“ Es gibt den Frieden Christi, und wir können dafür zum Kanal werden. Dann fließt er durch uns hindurch in diese Welt hinein.
Das alles wird sehr schön deutlich, wenn wir uns noch einmal klar machen, was die Namen bedeuten, die der Prophet Jesaja in unserem Text dem Messias gibt:
Der erste Name lautet „wunderbarer Ratgeber“, d.h. er zeigt mir neue Wege, öffnet mir die Augen für seinen Frieden, enthüllt Geheimnisse und hilft mir weiter.
Der zweite Name heißt „starker Gott“. Er ist demnach größer als ich, er hat Kraft und ungeahnte Möglichkeiten. Er kann das Böse überwinden. Er kann in meiner Seele siegen und mich selber stark machen. Er beschützt und trägt, er rettet und befreit.
Sein dritte Name ist: „ewiger Vater“. Das bedeutet, er bleibt bei mir, er ist mir zugewandt, er kümmert sich um mich und versorgt mich. Er ist da, und das wird niemals aufhören. Es wird bis in eine unbegrenzte Zukunft hinein so weitergehen. Menschliche Väter sterben, aber Jesus nicht, auf ihn ist ewig Verlass.
Und der letzte Name lautet „Friedefürst“, man kann auch sagen „Befehlshaber des Friedens“. Er wacht also darüber, dass Frieden in mir ist, und passt darauf auf, dass er erhalten bleibt. Er garantiert ihn, d.h. er sorgt für Stabilität und Ruhe, Wohlergehen und Heil.
Und das sind wunderbare Namen für Jesus Christus. Sie enthüllen, was er kann. Wir können es erfahren, wenn wir uns ihm zuwenden und auf ihn vertrauen. Seine Macht zieht dann in unser Leben ein. Die Probleme werden kleiner, Ängste verschwinden. Wir können in Frieden miteinander leben und uns einander lieben. Das ist der zweite Punkt.
Und damit ist als drittes klar, dass der Friede, den Jesus Christus gebracht hat, in dieser Zeit und in dieser Welt nur punktuell möglich wird. Er ereignet sich dort, wo Menschen daran glauben. Er leuchtet immer mal wieder auf. Es fällt von der Zukunft her ein Lichtstrahl in diese Zeit. So war es in der Heiligen Nacht im Jahr 1914. Der Krieg ging anschließend leider weiter, und viele Soldaten wollten das bestimmt nicht. Aber wenigstens ist der Friede einmal kurz vorhanden gewesen. Er hat sich gezeigt, Menschen haben ihn verwirklicht, dort, wo sie waren, mit den Menschen, mit denen sie zusammen trafen. Sie sind aufeinander zugegangen, haben sich die Hand gereicht und haben Weihnachten gefeiert. Und das können auch wir erleben, in unseren Familien, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde und in der Gesellschaft. Überall und immer wieder gibt es die Lichter des Friedens.
Lassen Sie uns dazu beitragen, dass das so bleibt, indem wir durchlässig werden für den Frieden Christi. Anstatt über die Dunkelheit zu klagen, wollen wir sie mit unserem Glauben und unserer Zuversicht durchdringen. Es ist großartig, dass Gott selber zu uns gekommen ist. Lassen Sie uns an diesem bedeutenden Ereignis festhalten, uns davon erschüttern und begeistern lassen und von Herzen Weihnachten feiern.
Amen.

Jesus Christus – die Mitte der Welt

Predigt über Offenbarung 5: Das Buch mit den sieben Siegeln

1. Sonntag im Advent, 3.12.2017, Luther- und Jakobikirche Kiel

Offenbarung 5

1 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.
2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?
3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.
4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.
5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.
6 Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.
7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.
8 Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen,
9 und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen
10 und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.
11 Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend;
12 die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.
13 Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!
14 Und die vier Gestalten sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

Liebe Gemeinde.

Wer einen Kreis zeichnen möchte, braucht dafür normalerweise einen Zirkel, d.h. eine Mitte, von der her sich der Kreis definiert, und einen Radius. Ohne das – besonders ohne einen Mittelpunkt – ist es sehr schwierig.
In der Physik spielt diese Tatsache ebenfalls eine Rolle, d.h. wenn Bewegung in den Kreis kommt und er sich dreht. Dann entsteht die sogenannte „Zentrifugalkraft“. Ein Bespiel dafür ist der Schleuderball, den man an einer Schlaufe festhält und dreht. Dadurch wird er beschleunigt, und wenn man ihn loslässt, fliegt weg. Und das heißt: Solange die Elemente auf der Kreislinie mit der Mitte verbunden sind, bleiben sie da, wenn sie losgelassen werden, fliehen sie.
Und das ist ein schönes Bild für unser Leben insgesamt: Wenn wir eine Mitte haben, an die wir uns binden, sind wir gehalten. Trennen wir uns davon, werden wir in die Weite geschleudert und gehen verloren.
Wir brauchen diese Mitte also, und sie muss die Kraft haben, gegen die „Fliehkräfte“ des Lebens zu wirken, uns festzuhalten. In der Physik heißt diese Kraft die „Ziehkraft“ oder einfach „Zentralkraft“.
Und genau davon ist in unserer Epistel von heute, der Vision aus der Offenbarung des Johannes, die Rede: Die kraftvolle Mitte, die hier beschreiben und verkündet wird, ist ein Lamm, das vor dem Thron Gottes steht und von „vieltausendmal tausend Engeln“ umringt wird.
Lassen Sie uns das, was dort erzählt wird, einmal ausmalen und die einzelnen Elemente deuten.
Die Vision beginnt bereits im vorhergehenden Kapitel: Da wird beschrieben, wie sich im Geist für den Seher Johannes eine Tür im Himmel öffnet und er zum Eintritt gerufen wird. In einem Saal voller Licht, Weite und Schönheit sieht er in der Mitte Gottes Thron, umgeben von vier Gestalten. Drei davon gleichen Tieren, es waren ein Löwe, ein Stier und ein Adler. Die vierte Gestalt hatte „ein Antlitz wie ein Mensch“. (Offb. 4,6f) Die Kirche sieht darin die Symbolbilder der vier Evangelisten. Sie singen unaufhörlich das „Heilig, heilig, heilig“, das in der Tradition des Judentums und der alten Kirche ein wichtiger Teil der Liturgie ist. Um diesen Thron und die vier Gestalten herum stehen „vierundzwanzig Älteste“.  (Offb. 4, 4.8) Sie repräsentieren eine gottesdienstliche Versammlung und stehen für die endzeitlich-himmlische Kirche.
Unser Kapitel beginnt nun mit einer Buchrolle, die zur Rechten des Thrones liegt und die siebenfach versiegelt ist. Es ist eine Urkunde, und sie enthält den endzeitlichen Geschichtsplan Gottes. Mit der Lösung der sieben Siegel werden die Geschicke der letzten Zeit entbunden, alle Schicksale und Schrecken, die noch über die Welt hereinbrechen sollen. Wer die Siegel öffnen kann, setzt also den endzeitlichen Geschichtsplan Gottes in Gang. Auch die Erwartung einer endgültigen Rettung wird damit erfüllt. Der Siegelöffner ist gleichzeitig der Überwinder, der die Weltgeschichte an ihr Ziel bringt. Er stillt die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung.
Es gibt nur einen, der das kann, und dieses Wesen erscheint nun vor den Augen des Sehers im himmlischen Thronsaal: Es ist ein Lamm, das die Schnittwunden seiner Schächtung an seinem Hals hat und zugleich sieben Hörner trägt. Mit diesem Bild ist Christus gemeint. Es kommt an vielen Stellen in der Offenbarung vor. Die sieben Hörner sind ein Zeichen seiner herrschaftlichen Würde. Gleichzeitig ist er das Opferlamm, das die Schuld der Welt stellvertretend gesühnt hat. Der Titel „Lamm“ weist also auf den Opfertod Christi hin und gleichzeitig auf die Herrschaft, die dem erhöhten Herrn übertragen ist. Es ist die der hingebenden Liebe. Und als der, der zugleich liebt und regiert, empfängt er das Buch des Lebens aus der Hand Gottes und löst die Siegel des Schreckens.
In diesem Augenblick fallen alle Umstehenden vor ihm nieder. Sie spielen himmlische Musik und entzünden in goldenen Schalen Räucherwerk, das wohlriechend den Himmel durchströmt. Das sind die Gebete der Christen, die aus den irdischen Gottesdiensten in den himmlischen Gottesdienst gelangen. Zum Schluss vereinen sich die Chöre aller Geschöpfe und Engel, die um den Thron stehen, und sie singen das „neue Lied“, den Lobpreis der Vollendung der Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung: „Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen!“
Diesen Abschnitt aus der Bibel lesen wir heute, am ersten Advent, und das wirkt zunächst befremdlich. Denn in den Wochen, die vor uns liegen, erwarten wir die irdische Geburt des Gottessohnes, das ist alter liturgischer Brauch. Es gehört allerdings genauso zu unserer Tradition, dabei gleichzeitig an das zweite Kommen Christi zum Anbruch der Endzeit zu denken. Das vergessen wir heutzutage gern. Doch in den Adventswochen verbinden wir diese beiden Inhalte, und das ist gut, denn es erinnert uns daran, worum es in dieser Zeit letzten Endes geht: Um den Anbruch einer neuen Welt, um die Berührung des Himmels mit der Erde und das Erscheinen Gottes. Wir werden eingeladen, uns neu auf die geheime Mitte des Universums auszurichten, auf den liebenden und erhöhten Christus, der auch uns halten und retten kann.
Lassen Sie uns also fragen, wie das geht und was dazu gehört. Und dafür hilft es, wenn wir uns zunächst klar machen, wie unser Leben normaler Weise aussieht. Wir können das gut mit dem Bild von den „Fliehkräften“ tun, die sind nämlich vielfältig und stark. Sie entstehen, weil unser Leben ständig in Bewegung ist und sich dreht. Wir werden von Vielerlei umkreist und machen diese Bewegung deshalb selber mit.
Das können z.B. andere Menschen sein, die etwas von uns wollen. Wir sollen ihren Erwartungen gerecht werden, etwa im Beruf oder in der Familie. Es geht auch meistens gar nicht anders, als dass wir darauf eingehen, denn natürlich braucht ein Kind seine Eltern, der Ehemann die Ehefrau, die Vorgesetzte ihre Angestellten usw. Die Aufgaben, die damit zusammenhängen, bringen Bewegung ins Leben, und vieles davon macht uns auch Freude. Doch gelegentlich kann es zu viel werden, dann geraten wir unter Druck und entfernen uns von unserer eigenen Mitte. Wir geraten ins Schleudern, und es fühlt sich so an, als würde eine starke, fremde Kraft uns aus der Bahn werfen.
Konsum- und Vergnügungsangebote können dieselbe Wirkung haben. Gerade jetzt in der Adventszeit locken sie in vielfältiger Weise. Wir reden nicht umsonst von der „Glitzerwelt“ der Kaufhäuser und Weihnachtsmärkte: Überall werden wir geblendet und verführt. Unsere Lust wird stimuliert. Das macht bis zu einem bestimmten Grad Spaß, aber unsere Bedürfnisse und Triebe können uns auch ins Rotieren bringen. Dann verlieren wir uns und fühlen uns irgendwann unwohl.
Und diese Liste, der „Fliehkräfte“ des Lebens ließe sich beliebig verlängern: Von allen Seiten werden wir umkreist und fangen an, uns zu drehen. Und dabei entsteht die Gefahr, dass wir uns selber aus den Augen verlieren. Bildlich gesprochen, werden wir in die Weite geschleudert. Wir verlieren die Orientierung und den festen Standpunkt, wissen nicht mehr, wo wir hingehören, und fühlen uns schlecht. Innere Leere und Sinnlosigkeitsgefühle beschleichen uns. Auch Einsamkeit und Angst kommen auf, und irgendwann geht nichts mehr. Wir sind erschöpft und ausgelaugt und wissen nicht weiter.
Es ist deshalb wichtig, dass wir immer mit der Mitte in Verbindung bleiben und die „Zentralkraft“ wirken lassen. Wir brauchen ein Zentrum, das uns hält und von dem her wir leben.
Und dazu regt die Adventszeit uns an. Uns wird der verkündet, der in der Mitte der Welt vor dem Thron Gottes steht und uns retten kann: Jesus Christus, der liebende und erhöhte Herr. Er ist da und lädt uns zu sich ein. Wenn wir auf ihn blicken und uns ihm anvertrauen, dann kann seine Kraft uns halten. Es ist die Kraft der liebenden Hingabe, die uns bindet und erlöst.
Die Adventszeit ist dazu da, dass wir uns ihr aussetzen, uns immer wieder innerlich sammeln und die Gegenwart Christi genießen. Anstatt uns auf die Peripherie des Lebens auszurichten, gilt es, die Mitte zu suchen. Die Erlösung liegt nicht in auf der Kreislinie, sondern im Zentrum. Es ist deshalb gut, wenn wir unser Bewusstsein regelmäßig umlenken und uns darauf „konzentrieren“. Dann werden wir fest und ruhig, wir finden zu unserer eigenen Mitte und zu Gott.
In einem Himmelfahrtslied von Philipp Friedrich Hiller aus dem Jahr 1757 kommt all das sehr schön zum Ausdruck. Es lautet: „Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß.“ (Evangelisches Gesangbuch 123) Dieses Bild hat der Dichter der Offenbarung entnommen und er malt es in den folgenden Versen sehr schön aus, bis es in Strophe fünf heißt: „Nur in ihm, o Wundergaben, können wir Erlösung haben, die Erlösung durch sein Blut.“ Der Dichter erinnert damit an das „Opferlamm“, das wir durch den Glauben in unser Leben aufnehmen dürfen. Deshalb folgt in Strophe sieben der Aufruf: „Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen, klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen, sagt, ihr Armen, ihm die Not. Wunden müssen Wunden heilen, Heilsöl weiß er auszuteilen, Reichtum schenkt er nach dem Tod.“ Es geht darum, dass wir uns Christus anvertrauen, zu ihm rufen und viel von ihm erwarten. Dann „zieht er uns zu sich empor“ und „der Himmel steht uns offen“.
Deshalb ist es gut, wenn wir uns in die Scharen der Engel und Wesen um den Thron Gottes einreihen. Selbst wenn wir auf der „tiefsten Stufe“ stehen, oder – um in unserem Bild zu bleiben – auf einer der äußeren Kreislinien, können wir auf die Mitte schauen und mit allen anderen „glauben, reden und rufen: Jesus Christus herrscht als König, alles sei ihm untertänig; ehret, liebet, lobet ihn!“
Amen.

Der geistliche Kampf

Predigt über Matthäus 10, 34- 39: Entzweiungen um Jesu willen

21.Sonntag nach Trinitatis, 5.11.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Wussten Sie, dass derzeit die größte Christenverfolgung aller Zeiten herrscht? Nach einer neuen Einschätzung leiden mehr als 200 Millionen Menschen unter einem hohen Maß an Verfolgung, weil sie sich zu Jesus Christus bekennen. Besonders bedroht sind sie in Ländern und Gebieten, in denen islamistische Extremisten oder Terroristen Macht ausüben. Aber auch in Nordkorea können Christen ihre Religion nur heimlich ausüben, und wenn es bekannt wird, müssen sie mit schlimmsten Konsequenzen rechnen. Diskriminiert werden sie zum Teil ebenso in China. Das ist also kein vergangenes Phänomen aus der alten Kirche, sondern auch eins der Gegenwart.
Bereits seit 1955 gibt es deshalb z.B. die Bewegung „Open Doors“, deren Vision und Berufung der Dienst an den verfolgten Christen weltweit ist. Mit Nachrichten, Gebeten, finanzieller Unterstützung, Veranstaltungen, Schreibaktionen usw. will der Verein bedrängte Christen darin unterstützen und ermutigen, trotz Verfolgung ihr Christsein zu leben und auch in einer feindlich gesinnten Umwelt das Evangelium zu verkünden.
Und damit handeln sie ganz im Sinne Jesu. Er warnte schon zu Lebzeiten seine Jünger davor, dass sie verfolgt werden, und er forderte sie auf, trotzdem bei ihrem Glauben zu bleiben. Davon handelt unser heutiger Predigttext. Er steht im Matthäusevangelium im zehnten Kapitel und lautet folgendermaßen:

Matthäus 10, 34- 39


34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.
38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.
39 Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

„Meint nicht“, damit beginnt Jesus hier, d.h. er wendet sich gegen eine vorhandene und naheliegende Auffassung: Die Jünger dürfen keinen allumfassenden Frieden erwarten, wenn sie ihm nachfolgen. Er hatte die Friedensstifter zwar seliggepriesen (Mt. 5,9), aber sie müssen damit rechnen, dass gegen sie das Schwert gezückt wird. Es ist gefährlich, Jünger Jesu zu sein.
Außerdem kann die Familie zerfallen, wenn jemand sich ausdrücklich zu Jesus bekennt. Es gab diese düstere Vision bereits im Alten Testament. Die Familie galt damals als Zelle und Fundament des gesellschaftlichen Lebens und Bestehens. Sie bot Obdach und Schutz für den Einzelnen. Löste sie sich auf, war die Gesellschaft ruiniert und der Einzelne verlor seine Geborgenheit. Der Verfall der Familie bedeutete also höchste endzeitliche Not. Das greift Jesus hier auf, und auch seine Worte haben einen endzeitlichen Charakter. Allerdings schildert er nicht in erster Linie den Zerfall alles Bestehenden, sondern eine erschütternde Erfahrung: Die Stellungnahme zu Jesus kann einen Riss in die Familie bringen.
Er fordert deshalb ausdrücklich dazu auf, im Konfliktfall die Entscheidung für ihn über die Entscheidung für die Hausgenossen zu stellen. Es kann sein, dass sie das Jüngersein unmöglich machen wollen oder schwer behindern. Dann gilt der Gehorsam gegenüber Jesus mehr als der Gehorsam gegenüber den Eltern, Kindern oder Schwiegerkindern. Es geht Jesus also um eine eindeutige Nachfolge.
Das wird im weiteren Verlauf noch deutlicher. Jeder seiner Zuhörer hatte schon Menschen gesehen, die zum Tode verurteilt waren und ihr Kreuz zum Richtplatz trugen. Dieses Bild benutzt er nun, um die Jünger auf eventuelles Leid vorzubereiten. Sie müssen Feindseligkeiten aushalten und dürfen sogar das Martyrium nicht ausschließen.
Am Ende kommt dann der wichtigste Satz, an dem deutlich wird, dass all das nicht ergebnislos bleibt, sondern dem Gewinn des Lebens dient. Jesus bürstet die alltägliche Erfahrung gegen den Strich, indem er sagt: „Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ Natürlich denkt er damit über die Grenzen des irdischen Lebens hinaus, an die Auferstehung und das Himmelreich. Aber er beschreibt auch ein Prinzip, das sich bereits im jetzigen Leben ereignet: Aus der Preisgabe geht neuer Lebensgewinn hervor, im Loslassen findet der Jünger, was er eigentlich sucht. Er rettet seine Seele und entdeckt ganz neue Wege des Seins.
Wichtig ist bei all dem, dass dieser Textabschnitt ein „Ich-Bin-Wort“ Jesu ist. Er beschreibt seine Sendung und seinen Weg. Wer sich an ihn bindet, muss sich an ihm orientieren. Ein Christ ist nicht der, der Jesus bewundert, sich unter sein Kreuz setzt und von dort über ihn redet. Es ist vielmehr der Mensch, der das Kreuz als sein eigenes Schicksal annimmt. Nur wer mit Jesus geht, wird das Leben gewinnen. Denn in ihm hat Gott eine ganz neue Antwort auf das Leid und den Tod gegeben, eine Antwort, die durch die Krise zum Leben führt.
Und das ist auch für uns eine gute Botschaft. Wir tun uns ja schwer mit diesen Aussagen. Wer will das hören? Und auf wen von uns trifft das zu? Hier in Deutschland werden wir zum Glück nicht wegen unseres Glaubens verfolgt, geschweige denn hingerichtet. Und auch in unseren Familien gibt es kaum Zerwürfnisse wegen Jesus. Es kann sein, dass lange nicht alle Familienangehörigen uns verstehen, vielleicht belächeln sie uns sogar, aber sie lassen uns immerhin unseren Glauben leben. Ein Riss entsteht dadurch nicht.
Außerdem haben wir ein anderes Bild von Jesus. Wir sehen ihn am liebsten als den, der uns liebt und begleitet. Wir glauben an ihn, weil wir uns davon etwas Gutes und Schönes versprechen, mehr Zuversicht und Ruhe, Harmonie und Hoffnung. Auch unsere Erwartung ist irgendwie ein allumfassender Friede.
Und die ist auch nicht abwegig. Bloß so einfach entsteht das alles nicht, das wusste Jesus. Er kannte das Leben und hat es mit all seinen Abgründen, seinem Leid, seiner Vergänglichkeit und Not schonungslos aufgedeckt. Wir dürfen das Evangelium nicht auf die seichten und sanften Töne reduzieren, dann verstehen wir nur die Hälfte und bleiben an der Oberfläche. Um wirklich all das Gute zu gewinnen, das Jesus uns verheißt und wonach wir uns im Glauben sehnen, müssen wir tiefer nachfragen. Und genau dazu lädt Jesus uns ein. Lassen Sie uns deshalb in drei Schritten nachvollziehen, was er hier darlegt.
Zunächst einmal müssen wir klar sehen, dass es das Böse in der Welt gibt. Die Christenverfolgungen sind dafür ein trauriger Beweis. Menschen entfernen sich vom Menschsein und lassen das Böse in sich selber und in ihrer Umgebung siegen. Sie entscheiden sich für die Vernichtung, lassen grausame Kräfte walten, die in den Tod führen. Das Morden ist dafür die Endstufe. Und dass es sie gibt, wissen wir nicht nur aus den Nachrichten, wir erleben es auch dadurch, dass Menschen, die davon betroffen sind, hierher fliehen. Denn bei uns gibt es das so zum Glück nicht, hier sind alle einigermaßen sicher.
Trotzdem ist auch unser Leben nicht frei vom Bösen. Es gibt Vorstufen des ganz Schlimmen, die wir alle in unserem persönlichen Umfeld erfahren. Ich kenne kaum jemanden, der nicht in irgendeiner Form unter einer anderen Person leidet. Denn es gibt überall Menschen, die sich von Egoismus, Gier oder Macht hinreißen lassen. Es kommt zu Ungerechtigkeiten, Diffamierungen, Intrigen, Streit und Spannungen. Es kann von der Vorgesetzten ausgehen, von der Schwiegermutter, dem Kollegen, einem Patienten, einer Schülerin usw. Viele Menschen machen anderen das Leben schwer, bewusst oder unbewusst.
Wie gehen wir damit um? Das ist die nächste Frage, die wir uns stellen müssen, der zweite Punkt unseres Gedankenganges. Welchen Weg wählen wir in einer Krise, im Konfliktfall? Es gibt da verschiedene Möglichkeiten.
Die schlechteste Methode ist mit Sicherheit das Zurückschlagen. Wenn wir dieselben Mittel wählen wie unsere Gegner, kommen wir nicht weit. Der Konflikt verschärft sich nur, es wird noch mehr zerstört.
Wenn es geht, ist es deshalb sinnvoller, die Flucht zu ergreifen. Viele Menschen tun das ja auch zu Recht. Sie retten ihr Leben, indem sie fliehen. Trotzdem ist das ebenfalls keine befriedigende Antwort, denn es ist gefährlich und der Ausgang ist ungewiss. Außerdem möchte eigentlich niemand seine Heimat verlassen und in einer fremden Kultur ganz von vorne anfangen.
Eine wirkliche Lösung ergibt sich erst dann, wenn die Konfliktparteien aufeinander zugehen, miteinander reden und sich vertragen. Das wünschen wir uns deshalb auch alle. Doch leider geht das oft nicht, weil nur eine der beiden Seiten das möchte. Die anderen bleiben verhärtet und ziehen den Streit vor.
Aber es gibt noch einen vierten Weg, und zu dem fordert Jesus uns hier auf. Er lädt zu einem uneingeschränkten „Ja“ ein, zur Leidensbereitschaft und zum Gehorsam. Gegebenenfalls gehört sogar das Annehmen des Todes dazu. In der Psychologie gibt es dafür den Ausdruck „radikale Akzeptanz“, und den finde ich sehr treffend. Denn er macht deutlich, dass es dabei keineswegs um etwas Schlaffes oder Feiges geht. Im Gegenteil: Was Jesus uns vorschlägt, fordert ganz viel innere Aktivität, all unseren Mut und eine große Standhaftigkeit. Es geht um die Preisgabe des Lebens, um Loslassen und um ein Opfer. Jesus erwartet, dass wir unseren eigenen Egoismus, unsere Gier und unsere Angst bekämpfen und besiegen.
Den meisten von uns ist das möglicherweise zu radikal und zu steil. Wir scheuen davor zurück, denn es kommt einer mentalen und seelischen Höchstleistung gleich. Wir fühlen uns restlos überfordert. Aber so ist der Aufruf Jesu auch nicht gemeint. Wir sollen keine Übermenschen werden, sondern ihm nachfolgen. Ohne ihn wäre seine Handlungsweise in der Tat unmöglich, in der Jüngerschaft erweist sie sich dagegen als heilbringend.
Und das ist der letzte Punkt, den wir uns klar machen können: Jesu Weg führt in die Überwindung. Wir gewinnen durch die Nachfolge viel mehr, als wir ahnen. Im Glauben an ihn werden uns Dinge möglich, die weit über das übliche Muster hinausgehen und damit auch weit über unsere irdische Wirklichkeit. Denn in Jesus begegnet uns der Sohn Gottes. Er öffnet uns das Himmelreich und verspricht uns nichts Geringeres als ewiges Leben. Er sprengt die Strukturen der Vergänglichkeit.
Im Konfliktfall und in einer Krise heißt das, dass wir mit ihm zusammen innerlich aussteigen und unseren Halt auf einer ganz anderen Ebene finden. Die Lösung liegt nicht in der Aggression, nicht in der Flucht und auch nicht immer im Miteinander-Reden. Sie liegt vielmehr bei Jesus Christus, der uns neues Leben und eine uneingeschränkte Freiheit ermöglicht. Wenn wir radikal auf ihn vertrauen, ist plötzlich ist alles da, wonach wir uns sehnen: Ruhe und Frieden, Heil und Erlösung. Denn Christus rettet uns vor den andern und schützt uns vor uns selbst. Ganz gleich, wie es um uns steht und wie feindlich gesinnt unsere Umwelt ist, wir gewinnen einen großen Mut und eine tiefe Zuversicht. Es ist überall und immer möglich, unser Christsein zu leben und das Evangelium zu verkünden.
Lassen Sie uns deshalb nicht krampfhaft am Leben festhalten, wir werden es sowieso irgendwann „verlieren“. Die Verheißung liegt vielmehr darauf, getrost „das Leben zu verlieren um Christi willen“, denn dann werden wir es auf wunderbare Weise neu „finden“.

Amen.