Christus tilgt unsere Schuld

Predigt über Kolosser 2, 12- 15: Christus erneuert das Leben

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 8.4.2018, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Kolosser 2, 12- 15:

12 Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
13 Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.
14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Gemiende.

In Kiel – wie auch in anderen deutschen Städten – gibt es ein sogenanntes Schuldner-und Insolvenzberatungszentrum, kurz SIZ. Das hilft Menschen, die in eine wirtschaftliche und psychosoziale Notlage geraten sind, zu einem Neuanfang. Dort wird gemeinsam mit den Klienten nach einer geeigneten Entschuldungsmaßnahme gesucht. Außerdem werden die Hilfesuchenden bei der Bewältigung der Schritte unterstützt, die sich aus der Beratung ergeben haben. Im Vordergrund steht natürlich die Existenzsicherung, d.h. der Erhalt der Wohnung, der Heizung- und der Stromlieferung. Oft muss zwar eine Privatinsolvenz eingeleitet werden, aber bei diesem Verfahren begleitet das SIZ die Betroffenen dann weiterhin, damit keine erneute Überschuldung eintritt.

Was Schulden sind, weiß fast jeder Bürger und jede Bürgerin. Normalerweise nehmen wir sie allerdings nur auf, wenn wir wissen, dass wir sie im Laufe der Zeit abbezahlen können. Festgehalten wird das, was wir den Gläubigern schulden, in einem sogenannten „Schuldbrief“. Er beinhaltet die „Begründung und Sicherung einer persönlichen Forderung“.

So etwas gibt es seit Menschen Gedenken, offensichtlich auch schon in biblischen Zeiten. Paulus benutzt diesen Vorgang jedenfalls als ein Bild, um einen theologischen und geistlichen Zusammenhang deutlich zu machen. Wir haben das vorhin in der Epistellesung gehört, die heute unser Predigttext ist. Paulus sagt dort an einer Stelle: „Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war“. Paulus denkt dabei an eine handgeschriebene Urkunde, auf der vermerkt ist, welche Schulden ein Mensch hat, was er noch alles bezahlen muss. Und er benutzt das hier als ein Bild für das Gesetz Gottes mit seinen Forderungen, die der Mensch zu erfüllen hat, um gerecht zu sein. Christus hat diesen Schuldbrief öffentlich zerrissen und für ungültig erklärt, und zwar durch seinen Tod am Kreuz. Wer daran glaubt, wird nicht mehr durch das Gesetz belastet, er ist frei.

Das ist hier die Botschaft, und die ist wunderbar. Sie verheißt einen Neuanfang, der nun allerdings nicht durch Bezahlung, eine Beratung und viel Selbstdisziplin möglich wird, sondern durch eine Schuldentilgung. Der Gläubiger, in diesem Fall Gott, verzichtet auf seine Forderungen. Und wie großartig das ist, können wir uns gut vorstellen, wenn wir es mit der Befreiung von wirtschaftlichen Schulden vergleichen. Das Leben ändert sich von Grund auf, es kann ganz neu und schön werden.

Die anderen Bilder, die Paulus in unserem Textabschnitt dafür benutzt, beschreiben deshalb genau das: Er redet von einem „neuen Leben“, das die Christen führen. „Christus hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden“, sagt er und damit meint er ein Leben, das von der Auferstehung geprägt ist. Christus ist darin gegenwärtig mit seiner Kraft und seiner Liebe. Sein Geist durchdringt das Denken und Fühlen, er schenkt Freiheit und Frieden. Denn er nimmt die Glaubenden immer wieder mit auf seinem Weg durch den Tod und die Hölle ins Leben und in die Freude.

Und das alles beginnt mit der Taufe, bei der Gott an den Täuflingen handelt. Was sie sind, sind sie also nicht aus sich selbst, sondern aus der Kraft Gottes. Der Schöpfer hat sie bei der Taufe neu geschaffen. „Mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.“, so die Worte von Paulus

Mit dem Glauben an Jesus Christus und der Taufe geht also etwas Altes zu Ende und etwas Neues beginnt. Unser altes Leben mit all seinen Lasten und Schulden, mit seiner Gottesferne und seinen Verfehlungen wird beerdigt. Die Vergangenheit kann nicht mehr auferstehen, wir müssen sie nicht mit uns herumschleppen oder verdrängen. Sie muss uns nicht ängstigen oder entmutigen, denn wir werden daraus befreit. Uns wird versprochen, dass Gott nichts von uns fordert, wir müssen nichts bezahlen, obwohl wir tief in seiner Schuld stehen. Er verzichtet darauf und schenkt uns immer wieder einen Neuanfang.

Doch was heißt das nun für unsere Lebensführung? Lasst uns darüber noch einmal nachdenken, denn oft fühlen wir uns als Christen keineswegs so frei. Viele Gläubige haben eher das Gefühl, dass sie ganz viel leisten müssen. Gott fordert von uns, dass wir ihn und unsere Nächsten lieben, dass wir sein Wort beachten und gute Christen sind. Das wird von namhaften Vertretern der Kirche oft betont und dann auch in den Medien wiederholt. Sie zählen die Missstände auf, die es in der Gesellschaft und in der Welt gibt, und erinnern uns an unsere Pflicht, dagegen etwas zu tun.

Natürlich haben sie recht, denn als Christen leben wir aus der Liebe, wir haben eine Hoffnung und glauben daran, dass die Sünde und der Tod nicht das letzte Wort haben. Und es ist auch gut und notwendig, dass wir darüber reden und das zeigen. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass unser Glaube nicht zu einem Programm wird, das wir abarbeiten müssen. Die Kirche ist keine politische Partei, und das Evangelium ist kein „Schuldbrief“, in dem die Forderungen Gottes stehen. Im Gegenteil, damit ist es ja gerade vorbei. Deshalb müssen wir aufpassen, dass unser Christsein unter der Hand nicht zu einem bloßen Tun wird, und wir eine neue Form der Werkgerechtigkeit praktizieren.

Diese Gefahr besteht, und sie hat ihren Grund darin, dass wir alle gerne handeln, das ist schön einfach und liegt uns. Wenn uns gesagt wird, was wir machen sollen, freuen wir uns. Es gibt klare Anweisungen, klare Ziele und wenn uns gelingt, was wir tun sollen oder wollen, haben wir ein Erfolgserlebnis. Es stärkt unser Selbstbewusstsein und macht uns zufrieden. Das Handeln und Anpacken entspricht also unserer Natur. Und das ist einerseits auch gut so. Jede Gesellschaft oder Gemeinschaft braucht Menschen, die sich engagieren. Die Stärkeren müssen den Schwächeren helfen, damit das soziale Gefüge erhalten bleibt. Überhaupt geht im Leben natürlich nichts, ohne dass wir uns einsetzen. Wer faul ist, landet irgendwann im Abseits.

Doch es gibt andererseits auch Probleme dabei, und das sind zum einen die Grenzen, an die wir mit unserem eigenen Tun immer wieder geraten. Es ist z.B. anstrengend. Wir bringen uns zwar gerne ein, aber irgendwann kann es auch zu viel werden, sowohl was ein ehrenamtliches Engagement betrifft, als auch der Einsatz für die Familie oder im Beruf. Wir haben dann das Gefühl, dass alle etwas von uns wollen, aber wir sind in Wirklichkeit längst erschöpft. Dann quälen uns die Forderungen, und der Zusammenbruch droht. Das ist eine Schattenseite unseres Aktivismus.

Einen weiteren Dämpfer bekommt unser guter Wille dadurch, dass die Probleme, um die wir uns am liebsten kümmern würden, oft so groß und unübersehbar sind, dass wir gar nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Es scheint von vorne herein aussichtslos zu sein, dass wir uns z.B. um ein Ende der Kriege bemühen, allen Flüchtlingen ein neues zu Hause bieten, sämtliche Obdachlose beherbergen und vieles mehr. Wir sind ratlos und verzagen angesichts der Größe des Leids, das wir gerne bekämpfen und beenden wollen.

Und eine dritte Schwierigkeit besteht darin, dass wir uns beim Handeln in Schuld verstricken können, Fehler begehen und damit Unheil anrichten. Manchmal merken wir es wahrscheinlich gar nicht gleich, dass Menschen unter unserem Verhalten leiden. Es wird uns erst später bewusst, und dann schämen wir uns und haben ein ungutes Gefühl. Wenn es absichtlich geschieht, entsteht ein schlechtes Gewissen. Das können wir zwar verdrängen, aber das hilft nicht wirklich. Die Schuld bleibt da und wir können sie nicht rückgängig machen. Sie steht auf unserem „Schuldbrief“.

Und all das dürfen wir nicht verharmlosen. Hinter der Überforderung, dem Verzagen oder der Schuld verbergen sich dunkle Kräfte und Mächte, die nach uns greifen und das Leben schwer machen. Sie bedrohen uns und können uns sogar zerstören.

Und genau da setzt das Evangelium an. Es fordert nicht in erster Linie ein soziales Verhalten, sondern zunächst will es uns befreien und stärken. Nicht wir müssen etwas für Christus tun, sondern er hat etwas für uns getan: Die Macht des Bösen hat er besiegt, indem er alle unsere Schulden getilgt hat. Es gibt keinen „Schuldbrief“ mehr, auf dem steht, was wir zu tun oder was wir falsch gemacht haben. Deshalb kann auch niemand etwas von uns fordern oder uns in die Enge treiben. Anstatt selber aktiv zu werden, dürfen wir das als erstes glauben und uns darüber freuen. Wir sollen kein Programm abarbeiten, sondern etwas empfangen und etwas sein. Und zwar sollen wir Kinder Gottes sein, befreite Menschen, die keine Schulden mit sich herumtragen müssen und vor dem Untergang bewahrt werden.

Und das beginnt mit der Taufe und setzt sich im Glauben fort, oder auch umgekehrt. Ob wir als kleine Kinder, die noch nicht glauben, oder als Erwachsene getauft werden, die sich dafür entschieden haben, ist in diesem Zusammenhang nicht ausschlaggebend. Denn der Glaube und die Taufe gehören immer zusammen, ganz gleich, was zuerst da war.

Durch diese beiden Ereignisse gibt es etwas in unserem Leben, das uns auf verborgene Weise vor der Erschöpfung, dem Untergang und einer Verurteilung bewahren kann. Es gibt einen Sieg, in den wir hineingenommen sind. Was uns überfordert und ängstigt ist nicht die letzte Wirklichkeit, denn die wurde von Christus durchbrochen und überwunden. Wir müssen uns nur auf ihn gründen und bei ihm unser Heil suchen. Dafür ist es gut, wenn wir uns einfach nur vor Augen halten, was er für uns getan hat, und darauf vertrauen. Das ist unsere wichtigste Aufgabe als Christen. Es gibt einen, der uns in unserer Schwachheit beisteht, der uns annimmt, wie wir sind und uns all unserer Fehler vergibt. Durch seine Kraft sind wir immer wieder frei, wir können auftauchen, durchatmen und neu anfangen. Erst wenn das geschehen ist und wir aus der Vergebung heraus leben, ist unser Tun gesegnet und wir können anderen helfen. Es kann nur von innen heraus und mit der Kraft Christi gelingen.

Dieses Bewusstsein muss uns bestimmen, und zwar am besten jeden Morgen neu. Immer dann, wenn wir aus dem Schlaf erwachen, können wir auf Christus blicken und ihm vertrauen. Es ist eine gute Zeit, um sich die eigenen Grenzen bewusst zu machen, loszulassen und Buße zu tun, wenn es nötig ist. Dann empfangen wir für jeden Tag, die Kraft, die wir brauchen.

Das meint Luther mit dem „Ersäufen des alten Adam“. Und Luther hat sich dafür auch immer wieder an seine Taufe erinnert. Wenn er Anfechtungen erlitt, hat er laut zu sich selber gesagt: „Baptistus sum, ich bin getauft“, und schon war das Böse gebannt, er wurde ruhig.

Der bekannte evangelische Theologe und Schriftsteller Jörg Zink hat das ebenfalls einmal sehr schön formuliert. Er sagt:

„Ich bin getauft. Damit sage ich: Ich habe einen Vater Im Himmel. Ich darf jederzeit zu Ihm kommen. Das gilt, auch wenn Ich versagt habe. Das gilt, auch wenn Ich durch lange Zeit nichts von Ihm habe wissen wollen.
Ich habe Geschwister auf dieser Erde. Das sind alle getauften Menschen, die in der Gemeinde zusammenkommen, auch wenn sie genauso oder schlimmer als ich versagen. Ich gehöre zur Familie der Kinder Gottes.
Das Böse hat keine endgültige Macht über mich, denn Jesus Christus hat es für mich überwunden. Keine Schuld hat mehr so viel Macht, dass sie mir die Heimkehr zu Gott versperren könnte.
Der Tod wird mich nicht festhalten. Christus ist aus dem Tod auferstanden, und so wird er auch mich durch den Tod hindurch geleiten und zu einem neuen Leben führen.“

Amen.

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Der Herr macht lebendig

Predigt über 1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a: Der Lobgesang der Hanna

Ostersonntag, 1.4.2018, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a

1 Und Hanna betete und sprach:
Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,
mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,
denn ich freue mich deines Heils.
2 Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner,
und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
6 Der HERR tötet und macht lebendig,
führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
7 Der HERR macht arm und macht reich;
er erniedrigt und erhöht.
8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setze unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse.

Liebe Gemeinde.

Es gibt in Deutschland 1,5 bis 2 Millionen Paare, deren Wunsch nach einem Kind unerfüllt bleibt. Sie wollen eins, doch es klappt nicht, und darunter leiden sie oft erheblich. Die Lebensplanung droht zu scheitern, und der Sinn des Lebens verschwindet ebenso. Dazu kommen Vorurteile, mit denen sie konfrontiert sind, wie etwa, dass sie krank oder egoistisch sind. Bei jedem misslungenen Versuch, schwanger zu werden nehmen der Stress, die Enttäuschung und auch die Traurigkeit zu.

Es gibt deshalb viele Hilfen für die Betroffenen. Hier in Kiel ist z.B. das „Kinderwunschzentrum“ der Uniklinik ein Angebot, aus diesem Leiden herauszukommen. Es möchte den Eltern „helfen, ihr Glück zu finden“. Ständig werden die Methoden in Diagnostik und Therapie verbessert. Dazu kommt eine persönliche Betreuung, in der auch emotionale und intime Fragen einer Paarbeziehung besprochen werden. Das Zentrum blickt bereits auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurück, und es ist nicht das einzige in Deutschland. Auch in anderen Arztpraxen, bei Hebammen, im Internet und vielen weiteren Foren gibt es Hilfsangebote.

Den Frauen in biblischen Zeiten ging es in dieser Beziehung anders. Sie machten meistens Gott dafür verantwortlich, wenn sie kinderlos blieben, bzw. wenn sie dann doch schwanger wurden. Gott hat die Macht, den Mutterleib zu schließen oder zu öffnen, das war der Glaube. Er kann also auch die Unfruchtbare „zu Ehren bringen, dass sie eine fröhliche Kindermutter wird“, wie es in Psalm 113 heißt. Und es gibt mehrere Geschichten über Frauen, die unerwartet schwanger wurden.

Zu ihnen gehörte auch Hanna, deren Loblied wir vorhin gehört haben. Ihr Mutterschoß galt als „verwelkt“ oder „vertrocknet“. Sie bekam keine Kinder. Darüber war sie sehr traurig, obwohl ihr Mann sie liebte und trotzdem zu ihr hielt. (1. Samuel 1) Nur von seiner zweiten Frau – so etwas war damals erlaubt – wurde sie „gekränkt und gereizt“, den die bekam Kinder. Die Geschichte erzählt nun, wie Hanna eines Tages im Tempel betete und dem Herrn ein Gelübde machte: Sie bat Gott darum, sie anzusehen, an sie zu denken, ihr Elend zu beenden und ihr einen Sohn zu schenken. Sie versprach, dass sie ihn dann „dem HERRN geben würde sein Leben lang“.

Und diese Bitte hat Gott erfüllt. Er hat ihren Schoß zum Leben erweckt und sie fruchtbar gemacht. Hanna wurde schwanger und gebar einen Sohn. Sie nannte ihn Samuel und hielt ihr Versprechen: Als er entwöhnt war, brachte sie ihn in den Tempel, „weil er vom HERRN erbeten war“ (1. Samuel 1, 28). Dort wuchs er unter der Obhut des Priesters auf. Er wurde ein heiliger Mann und ein großer Prophet, der später die ersten Könige Saul und David salbte.

Für Hanna war das Geschenk Gottes wie eine Auferstehung von den Toten. Die Unfruchtbare gebar neues Leben und hatte Teil an der Schöpferkraft Gottes. Das kommt in ihrem Lied zum Ausdruck, und deshalb lesen wir es heute, am Tag der Auferstehung Jesu Christi. Der entscheidende Vers lautet: „Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“

Hinter dieser Aussage steht eine ganz bestimmte Vorstellung der Israeliten. Sie gehen davon aus, dass es unter der Erde ein Reich der Schatten gibt, einen tiefer gelegenen Ort, an dem alle Tätigkeit aufhört, und wo Gott nicht mehr gepriesen wird. Die Toten kommen dorthin und warten bis zum jüngsten Tag auf ihre Befreiung. Das hebräische Wort für dieses Totenreich lautet „Scheol“. Im Alten Testament ist oft davon die Rede, dass Gott die Menschen dort hinab bringt, sie hinabsteigen lässt, weil sie gesündigt haben.

Den Glauben, dass Gott die Toten dort vor dem jüngsten Tag auch wieder herausholt, den finden wir im Alten Testament jedoch nur selten. Hanna singt das, denn das war ihre Erfahrung: Gott lässt die Toten auch wieder aufsteigen, er führt sie aus dem Scheol herauf. So hat Hanna ihr Schicksal erlebt, und auch anderen ergeht es ihrer Meinung nach ähnlich. Sie nennt noch zwei weitere Beispiele: Gott macht arm und wieder reich, er erniedrigt und erhöht. „Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche“, singt sie. Denn so hat sie sich gefühlt. Diese wunderbare Wende hat Gott ihr geschenkt.

Deshalb ist sie überglücklich, damit fängt ihr Lied ja an: In der Seele und im Geist ist sie erfüllt mit Freude und Jubel. Sie kann wieder aufrecht gehen und ihr Gesicht zeigen. Sie kann ohne Furcht von Gott erzählen. Alle sollen ihre Worte vernehmen. Denn sie ist davon überzeugt, dass sie ihr Glück Gott zu verdanken hat. Er ist der Mächtigste im Himmel und auf Erden, in der Tiefe und in der Höhe. Das ist das Lied der Hanna, und es bezeugt sehr schön den Glauben an die Auferstehung.

Und das ist gut, denn wir fragen uns heutzutage, worin der bestehen kann. Wir sind zwar Christen, und eigentlich ist Ostern unser zentrales Fest, aber inzwischen können viele damit nichts mehr anfangen. Sie können sich nicht vorstellen, was da am Ostermorgen wirklich geschah. Ist Jesus tatsächlich von den Toten auferweckt worden? Dagegen gibt es viele Einwände: Das kann doch nicht sein und wirkt fast so ein bisschen gruselig. Und was soll diese Botschaft überhaupt? Sie passt nicht in unser neuzeitliches, aufgeklärtes Denken. Selbst Umschreibungen, wie etwa die, dass „das Leben gesiegt hat“, helfen uns nicht, denn davon merken wir nichts.

Es gibt den Tod und viel Elend. Das Leben setzt sich lange nicht überall durch, auch dann nicht, wenn wir an an Jesus Christus glauben. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist dafür nur ein Beispiel. Dazu gibt es noch viele andere Ereignisse, die uns an der Macht Christi zweifeln lassen, weil sie unsere Lebensplanung durchkreuzen, uns ins Leiden stürzen und uns unglücklich machen. Ehen gehen auseinander, Konflikte machen uns zu schaffen, Angehörige sterben usw. Da hilft es auch nicht, wenn uns verkündet wird, dass Jesus auferstanden ist und den Tod überwunden hat. Es klingt wie ein Märchen aus fernen Zeiten, das mit unserem Leben nichts zu tun hat.

Doch das muss nicht so bleiben. Es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen der Botschaft von der Auferstehung und unserem Leben heute. Sie hat nach wie vor Gültigkeit und ist wahr, wir müssen nur anders da heran gehen, als mit unserem Verstand oder unseren Erfahrungen.

Und zwar ist es gut, wenn wir zunächst in unser Leben schauen und uns klar machen, worin die tiefste Ursache für all unsere Wünsche liegt. Letzten Endes sehnen wir uns ja immer nach irgendetwas. Wenn ein Wunsch erfüllt ist, kommt meistens schon der nächste. Ganz ruhig und zufrieden sind nie. Ist das lang ersehnte Kind z.B. da, ist meistens noch lange nicht alles gut, sondern dann kommen neue, ganz andere Probleme. Viele Eltern fühlen sich am Anfang überfordert, denn ein Säugling verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie müssen Opfer bringen. Und wenn die Kinder dann älter werden, läuft es nur selten nach dem Wunsch von Mutter und Vater. Spätestens in der Pubertät kommen Schwierigkeiten, denn die Kinder gehen ihre eigenen Wege. Die Eltern müssen sie loslassen. Und leider bleibt so mancher Konflikt, der dabei entsteht, ein Leben lang da und überschattet das Verhältnis dauerhaft.

Der Wunsch nach Glück und Ruhe, nach Zufriedenheit und Geborgenheit, menschlicher Nähe und Liebe ist also keinesfalls weg, wenn wir versuchen, all das selber herzustellen. Er wird nie ganz erfüllt, ganz gleich, was wir machen. Und das müssen wir ernst nehmen. Uns werden zwar viele Angebote gemacht, wie wir heutzutage unsere Fragen beantworten und unsere Probleme lösen können, aber sie gehen meiner Meinung nach nicht an die Wurzeln. Natürlich helfen die Ratgeber, Bücher, Internetseiten, Therapeuten und Philosophen, denn sie alle denken darüber nach, wie unsere Sehnsucht nach Glück gestillt werden kann. Viele Antworten, die wir dort finden, sind durchaus brauchbar. Trotzdem sollten wir tiefer bohren und den Wunsch nach Ruhe und Glück einmal an sich – als solchen – betrachten.

Ich denke nämlich, dass sich darin letzten Endes die Sehnsucht nach Gott verbirgt. Unser tiefstes Verlangen bleibt oft ungestillt, weil wir auf noch viel mehr angelegt sind, als nur auf das irdische Dasein. Wir stecken in dem Dilemma, dass wir hier auf der Erde leben und eines Tages sterben werden. Alles vergeht, und deshalb kann es uns nicht genügen. Denn in Wirklichkeit sind wir für die Ewigkeit geschaffen. „Gott hat uns zu sich hin geschaffen“, wie Augustin gesagt hat, „und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in ihm.“ Wir sollten deshalb die letzte Erfüllung von vorne herein bei Gott suchen. Nur er kann uns eine Antwort auf die tiefsten Fragen geben, die wir haben, weil sie immer über dieses Leben hinaus gehen. Alles andere verfliegt irgendwann, nichts lässt sich festhalten, und auch das Leid wird deshalb nicht aufhören.

Auf diesem Hintergrund gewinnt die Botschaft von der Auferstehung ihre Bedeutung. Denn damit hat Gott uns eine Antwort gegeben, die alles einschließt, auch das Sterben und den Tod, das Leid und die Sehnsucht. Wir müssen uns nur darauf einlassen.

Es ist deshalb gut, wenn wir mit allem, was uns bewegt und was wir uns wünschen, zunächst zu Gott gehen, so wie Hanna das gemacht hat. Sie hat ihr Herz vor ihm ausgeschüttet, und ihr Glück bestand nicht nur darin, dass sie schwanger wurde. Sie preist Gott hauptsächlich dafür, dass er sie überhaupt gehört hat. Sie hat in der Beziehung zu Gott ihr Glück gefunden. Deshalb hat sie ihr Kind auch ihm geschenkt. Sie hat es nicht als ihr Eigentum betrachtet, sondern es in die Obhut des Priesters gegeben, als es entwöhnt war. Sie zeigt uns also, dass sie im Glauben und im Gebet ihre wahre Ruhe gefunden hat.

Und das kann auch uns so gehen, denn Gottes Macht ist grenzenlos, das wird uns zu Ostern verkündet. Die Auferstehung Jesu ist kein historisches Ereignis, sie geschieht vielmehr immer wieder und zwar da, wo Menschen sich darauf verlassen, dass Jesus lebt. In seiner Gegenwart können wir ruhig werden. Er schenkt uns eine Erfüllung und Hoffnung, die weiter geht, als alles andere. Wir können Ostern nicht mit dem Verstand begreifen, aber wir können von Ostern her leben. „Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.“ So fordert uns Joachim Neander mit dem Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ (Evangelischesw Gesangbuch Nr. 317) zum Glauben auf. Wenn wir tun, was er sagt, merken wir, dass die Botschaft von der Auferstehung wahr ist.

Denn es geschieht etwas in uns und in unserem Leben. Alles, was nicht Gott ist, wird nämlich zweitrangig. Wir erkennen die Grenzen unserer Möglichkeiten und können sie annehmen, und wunderbarer Weise ergibt sich durch dieses Bewusstsein vieles von allein. Wir erfahren, dass uns plötzlich auch bei irdischen Problemen geholfen wird, ohne dass wir viel dafür tun. Es kann z.B. sein, dass Eltern, die sich immer ein Kind wünschten, es erst dann bekamen, nachdem sie diesen Wunsch losgelassen hatten. Im Nachhinein merken sie, dass sie sich selber im Weg gestanden hatten. Die Fixierung auf dieses eine Problem hatte alles verhindert. Sie waren verspannt und unbeweglich geworden. Erst nachdem sie diese Haltung aufgegeben hatten, konnte das neue Leben entstehen. Und so ist es in vielen anderen Situationen auch. Wenn wir unsere Wünsche loslassen und uns entspannen, werden wir plötzlich geführt. Und das geht am besten im Vertrauen auf Gott und seine lebensschaffende Kraft, wenn wir uns ihm hingeben und uns für seine Gegenwart öffnen. Dann kommen seine Möglichkeiten zum Zuge, und er kann an uns handeln: Er „erhält uns, verleiht uns Gesundheit und geht freundlich mit uns um“. Wir können die Erfahrung machen, dass „der gnädige Gott seine Flügel über uns ausbreitet“. Das bezeugen alle Menschen, die auf Gott und die Auferstehung Jesu Christi vertraut haben. Nicht umsonst ist das Lied, aus dem auch dieser Satz stammt, eins der bekanntesten Kirchenlieder geworden und es ist schön, wenn wir Gott damit immer wieder für seine Allmacht und Schöpferkraft loben.

Amen.

Jesus hat sich für uns geopfert

Predigt über Hebräer 9, 15. 26b- 28: Das einmalige Opfer Christi

Karfreitag, 30.3.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Hebräer 9, 15. 26b- 28

15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
26b Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht:
28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Liebe Gemeinde.

Für ihre neugeborenen Kinder bringen Eltern viele Opfer: Sie verzichten auf Schlaf und Freizeit, gemeinsames Ausgehen, Ruhe und Stunden der Muße. Doch die meisten tun das zum Glück ganz selbstverständlich. Das Verantwortungsbewusstsein und die Freude an dem Kind ermöglichen es ihnen, so dass sie es vielleicht noch nicht einmal als ein Opfer empfinden. Es gehört eben dazu, und das ist gut so. Wie es überhaupt ein Glück ist, dass die Aufopferung als eine Möglichkeit in unserem sozialen Verhalten angelegt ist. Wir dienen und helfen dadurch den Schwächeren und Bedürftigen, ohne dafür etwas zu verlangen, und das ist oft lebensnotwendig.

In der Antike gibt es dafür das Bild des Pelikans. Das geht auf eine Legende zurück, die von einer Hungersnot für Menschen und Tiere handelt. Als die Pelikanküken zu verhungern drohten, riss sich das Elterntier die Brust auf, um seine Nachkommen mit dem eigenen Blut zu nähren. Die Kinder überlebten und das Elterntier starb. Tatsächlich färbt sich beim Krauskopfpelikan während der Brutzeit das Gefieder im Kehlbereich rot, was sicherlich die Erklärung für diesen Mythos liefert.

Im Christentum ist der Pelikan, der sein Blut spendet, ein Symbol für Jesus Christus geworden. Er hat sich geopfert, damit wir leben können. Es gibt viele Bilder, die den Pelikan und seine Jungen zeigen und damit Jesus Christus meinen. (Beispiel: Grabmal von E. Vogel)

Und das entspricht durchaus dem Neuen Testament. Da finden wir an mehreren Stellen die Deutung des Todes Jesu als ein Opfer. Besonders stark vertritt der Hebräerbrief diese Theorie. Kapitel neun und zehn handeln davon. Wir haben vorhin einen Abschnitt daraus gehört, den wir heute bedenken wollen.

Wer den Hebräerbrief geschrieben hat, wissen wir nicht genau, der Verfasser wird nicht namentlich genannt. Aber es ist klar, dass es sich um einen gebildeten Menschen handelte, der im jüdischen Denken zu Hause war, denn er deutet das Christusgeschehen streng vom Alten Testament her. So will er mit Hilfe der Bibel belegen und beweisen, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der die Menschen erlöst und die Welt rettet. Auch die Empfänger des Briefes waren mit dem jüdischen Denken vertraut. Sie kannten die Bibel und den Kultus.

Dazu gehörte eine umfangreiche Opferpraxis, die im Tempel von Jerusalem vollzogen wurde. Dort brachten die Priester nach bestimmten Vorschriften regelmäßig Tiere und Speisen dar, um Gott zu versöhnen, ihm zu danken und zu loben oder um ein Gelübde abzulegen. Das kannten die Adressaten des Hebräerbriefes und so verstanden sie, was der Schreiber meinte, wenn er sagt: „So ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen.“ Der Verfasser reiht den Tod Christi in die Opfer ein, die die Juden darbrachten.

Er betont allerdings gleichzeitig, dass es mit diesem Opfer eine besondere Bewandtnis hat. Der Tod Christi ist eine große Wendemarke. Die Welt steht seitdem in einem neuen Licht, denn sein Opfer geschah „ein für alle Mal am Ende der Welt. Die Sünden sind damit beseitigt.“ So formuliert der Briefschreiber es hier. Die Lebenshingabe Jesu ist für ihn so etwas wie ein großer Versöhnungstag in der Menschheitsgeschichte.

Der Hebräerbrief stellt also die bisherige religiöse Opferpraxis der Juden in Frage, denn mit dem Tod Christi hat Gott selbst sich in Jesus Christus als letztes und endgültiges Opfer dargebracht. Nicht mehr der Mensch muss sich oder etwas opfern, sondern Gott tut es aus Liebe zu den Menschen. Er gibt sich unumkehrbar hin. So wird Jesus Christus „zu einem Mittler“ zwischen Gott und den Menschen. Er errichtet einen „neuen Bund, damit […] die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.“

Das sind die Aussagen in unserem Predigttext, und natürlich kennen wir die alle so oder so ähnlich. In der Abendmahlsliturgie sind sie lebendig geblieben, in den Passionsliedern und auch im Denken vieler Christen. Trotzdem tun wir uns schwer damit. Die Deutung des Todes Jesu als eines Opfers bzw. Sühnetodes hat es heutzutage nicht leicht. Viele Theologen lehnen das inzwischen ab. Sie wollen nicht an einen Gott glauben, geschweige denn ihn lehren, der Blut sehen muss, damit er gnädig gestimmt wird. Sie halten diese Vorstellung für antiquiert und überholt. Sie finden sie abstoßend und unzeitgemäß. Viele Gläubige folgen dieser Meinung und sind froh, dass sie endlich öffentlich ausgesprochen wird.

Für andere dagegen ist gerade das der Kern unseres Glaubens. Wenn wir uns von der Lehre verabschieden, dass Jesus sich für uns geopfert hat, geben wir das Entscheidende auf. Wir verharmlosen seinen Tod, verleugnen die Wahrheit und versündigen uns am Evangelium. Vor ein paar Jahren hat dieser Streit sogar für Schlagzeilen gesorgt. Er wird oft verbittert geführt.

Aber ist das nötig? Ich denke, es gibt auch eine Brücke zwischen diesen beiden Positionen, und ich möchte einmal versuchen, sie zu bauen. Wir müssen die Gedanken des Hebräerbriefes nicht aufgeben, wenn wir einen milden und liebenden Gott suchen. Wenn wir tiefer in diese Vorstellungen eindringen, merken wir nämlich, dass sie gar nicht so blutrünstig sind, wie sie uns vorkommen. Lasst uns das deshalb tun und uns drei Dinge klar machen.

Zunächst einmal dürfen wir die Aussagen, die den Tod Jesu als einen Sühnetod beschreiben, gerne relativieren. Sie sind eine Interpretation des Kreuzes, es gibt schon im Neuen Testament noch viele andere. Ihren Grund haben sie alle darin, dass die ersten Christen das unfassbare Ereignis, dass Jesus am Kreuz gestorben ist, irgendwie verstehen wollten. So sagen die Evangelisten, dass es notwendig und von Gott gewollt war. Sie führen das nicht näher aus, es wird einfach nur festgestellt und reicht ihnen als Erklärung. (vgl. Lukas 24,26f) An anderen Stellen ist davon die Rede, dass wir erst durch den Sterben Jesu wirklich Gemeinschaft mit ihm haben. (vgl. Römer 6,1-10) Er ist durch diese tiefste Stufe des irdischen Lebens hindurch gegangen und lässt uns im Tod nicht allein. Mit ihm können wir deshalb selber unser Kreuz auf uns nehmen. (vgl. Matthäus 10,38f) Im Vertrauen auf seine Hingabe und seine Gegenwart können wir dem Tod ruhig entgegensehen. (vgl. 2.Timotheus 2, 11)

Die Vorstellung, dass er ein Opfer für Sünden ist, ist also nur eine Deutungsmöglichkeit. Sie hat sich – wie gesagt – aus der jüdischen Opferpraxis ergeben und lag für die Menschen damals nahe. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie sich im kirchlichen Denken und Handeln zwar in den Vordergrund gedrängt, aber wir dürfen sie getrost mit anderen Aussagen im Neuen Testament ausgleichen. Das schränkt sie ein und nimmt ihnen ihre Schärfe. Sie wird dadurch erträglicher. Das ist der erste Punkt.

Als zweites dürfen wir die sühnende Wirkung des Todes Jesu nicht als einen blutrünstigen Akt Gottes denken. Wir geben Gott damit in unserer Phantasie viel zu menschliche Züge. Die Beziehung zwischen ihm und Jesus ist nicht genauso, wie zwischen einem menschlichen Vater und seinem Sohn. Wir beschreiben mit diesem Bild vielmehr etwas, das wir in Wirklichkeit gar nicht begreifen können. Es gibt nicht umsonst schon im Neuen Testament viele Aussagen darüber, dass die Herkunft Jesu außerhalb der Zeit liegt, und dass er und Gott in Wirklichkeit eins sind. Die Kirche hat das mit theologischen Formeln ausgedrückt, wie z.B. im nizänischen Glaubensbekenntnis: Der zweite Artikel über Jesus Christus beginnt dort folgendermaßen: „Wir glauben an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.“ An diesen Worten ist erkennbar, dass sich hinter dem Leben Jesu und in seiner Person ein großes Geheimnis verbirgt. Wenn er stirbt, stirbt Gott selber, das ist in unserem Zusammenhang das entscheidende Bekenntnis. Gott hat sich selber zum Opfer gemacht. Er wurde schwach und hat sich dem Tod unterworfen. Wir sehen in dem Kreuz Jesu also in erster Linie die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen. Er gibt sich selber hin, damit wir leben. Und damit beendet er die ganze bis dahin gültige Opferpraxis. Sie wird ein für alle Mal abgeschafft und ist nicht mehr nötig. Wir haben durch seine Selbsthingabe einen freien Zugang zu ihm. Das ist der zweite Punkt.

Und als drittes ist der Tod Jesu nie ohne seine Auferstehung zu denken. In ihm bahnt sich schon das neue Leben an. So wie in der Natur jedes Opfer dem Leben dient, so ist es auch mit dem Tod Jesu. Wenn wir beobachten, wie z.B. Vögel ihre Jungen aufziehen, bekommen wir davon eine Ahnung. Unermüdlich sind sie auf Nahrungssuche. Ihre ganze Zeit und Kraft, ja ihr gesamtes Dasein opfern sie dafür, dass der Nachwuchs leben kann. Millionenfach spielt sich dieser Vorgang in der Schöpfung ab. Ohne ihn wäre alles dem Untergang geweiht. Unsere Welt lebt davon, dass Opfer gebracht werden. Auch dieser Gedanke mildert den Schreck, den wir empfinden, wenn wir den Tod Jesu da einreihen. Er schafft neues Leben, wir „empfangen das verheißene ewige Erbe.“

Mit diesen drei Argumenten können wir vielleicht doch mit den Aussagen unseres Predigttextes etwas anfangen. Es wäre auch schade, wenn wir sie bei Seite tun, denn dann verlieren wir eins der großen Geheimnisse unseres Glaubens. Es lohnt sich vielmehr, wenn wir versuchen, ihre Wahrheit zu entdecken.

Und dazu ist es gut, wenn wir zunächst einmal ehrlich sind und zugeben, dass es das Böse in der Welt gibt. Wir dürfen es nicht unterschätzen. Das war es ja, was Jesus am Kreuz durchlebt hat: Seine Widersacher waren im Unrecht und luden schwere Schuld auf sich. Und so etwas geschieht immer noch überall. Niemand von uns ist davon frei. Die Sünde greift nach uns, sie spielt sich oft auf, will uns beherrschen und unser Leben zerstören. Jeder Konflikt ist dafür ein Zeichen, jede Schwäche, jede Unvollkommenheit. Wir machen alle Fehler und tragen dazu bei, dass das Leben manchmal dunkel und rau ist. Auch vor Gott können wir nicht bestehen, denn er hat sich das alles eigentlich ganz anders gedacht. Das sollten wir zugeben und „beweinen“, wie es in einem Passionslied von 1530 heißt. Sebald Heyden dichtete es. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 76) Er bezeichnet unsere Sünden als eine „schwere Bürde“, die wir aus eigener Kraft nicht loswerden können. Wenn wir die Wirkung des Kreuzes Jesu entdecken und erfahren wollen, müssen wir uns das als erstes eingestehen.

Dann sind wir nämlich froh, dass Jesus Christus sich geopfert hat, um uns schwachen und bedürftigen Menschen zu dienen. Er hat unsere Not gewendet, denn hinter seinem Tod verbirgt sich seine unendliche Liebe, und wir sind eingeladen, uns darauf einzulassen. Auch wenn das Kreuz Jesu ein großes Ärgernis ist, sollten wir dem nicht ausweichen. Denn es stellt eine Zeitenwende dar, ein universales Geschehen, das für die ganze Welt von Bedeutung ist. Es beinhaltet, was mit der Liedzeile zum Ausdruck kommt: „Den Toten er das Leben gab und tat dabei all Krankheit ab.“

Wenn wir darauf vertrauen und unsere Bedenken begraben, merken wir, dass eine geheimnisvolle Kraft vom Kreuz ausgeht. Wie das Blut des Pelikans die Jungen nährte, so fließt uns vom Kreuz die Liebe Gottes zu. Unsere Sünden werden weggespült, unsere Schwachheit wird überwunden und das Böse in uns wird vertilgt. Uns wird durch das Kreuz Vergebung und Heil geschenkt. Das Dunkel lichtet sich, Ängste verschwinden und neues Leben entsteht. Wir „empfangen das verheißene ewige Erbe“ wie es in unserem Textabschnitt heißt, d.h. wir gewinnen selber Anteil an der neuen Zeit, die Christus heraufgeführt hat. Wir erben den Himmel und werden mit unendlicher Liebe erfüllt.

Und das heißt, dass nicht nur für uns persönlich in unserem Inneren neue Möglichkeiten erwachen, wir können die Liebe, die wir empfangen, auch anderen Menschen weitergeben. Wir werden selber zum Opfer fähig und können jedem und jeder, die es nötig hat, zeigen, was uns geschenkt wurde. Wir brauchen dafür keinen Lohn, weil wir im Vertrauen auf Jesus immer wieder mit der Kraft versorgt werden, die wir dazu brauchen.

„So lasst uns nun ihm dankbar sein, dass er für uns litt solche Pein, nach seinem Willen leben.“

Amen.

Lasst uns mit Jesus ziehen

Predigt über Jesaja 50, 4- 9: Der Knecht Gottes im Leiden

6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 25.3.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 50, 4- 9

4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 
5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Liebe Gemeinde.

In Deutschland ist das Demonstrationsrecht im Artikel über die Versammlungsfreiheit im Grundgesetz verankert, und das ist gut. Denn mit einer Demonstration äußern Menschen in der Öffentlichkeit ihre Meinung und bewegen etwas. Die Formen, Anlässe und Themen für die Versammlungen sind dabei sehr unterschiedlich. Es gibt Kundgebungen gegen die Regierungspolitik, Märsche für Frieden, Mahnwachen für gewerkschaftliche Ziele und vieles mehr. In der letzten Zeit wurde hauptsächlich über Kurden berichtet, die hier in Deutschland gegen die türkische Militäroffensive in Syrien demonstrieren.

Zum Glück verlaufen die Proteste meistens friedlich. Es gibt ja leider auch das Gegenteil, dass Demonstrationen in Gewalt ausarten. Doch damit werden sie eigentlich ad absurdum geführt, denn dann haben sie keinerlei positive Wirkung mehr. Im Gegenteil, man hätte sich das alles auch sparen können. Niemand nimmt das Anliegen mehr ernst, die Zerstörungswut siegt und das ist traurig.

Am Passahfest in Jerusalem vor ungefähr 2000 Jahren geschah so etwas Ähnliches. Jesus war in die Stadt gekommen, und sein Einzug glich einer spontanen Demonstration. Die Menschen versammelten sich und begleiteten ihn. Sie „nahmen Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“ „Alle Welt lief ihm nach.“, wie die Pharisäer voller Ärger feststellten. (Johannes 12, 12-19) Der Einzug glich einem Friedensmarsch mit einer Kundgebung.

Doch nicht lange danach kippte die Stimmung. Vor dem Statthalter Pilatus entstand ein „Getümmel, das immer größer wurde und das Volk schrie: Lass ihn kreuzigen!“ (Matthäus 27, 22-25) Dazu ist es dann auch gekommen. Der friedliche Einzug war in Gewalt ausgeartet, die am Ende sogar zu einem Todesurteil führte. Ist der Einzug Jesu in Jerusalem deshalb nicht eher ein negatives Beispiel für eine Demonstration? Hat diese Geschichte überhaupt eine Bedeutung, wenn sie kurz danach sozusagen widerlegt wurde?

Das müssen wir uns fragen, und darauf gibt uns der Abschnitt aus dem Alten Testament, den wir gehört haben, eine Antwort. Denn wir können ihn auf Jesus übertragen. Dann erfahren wir, wofür er demonstriert hat und dass er trotz der offensichtlichen Niederlage doch einen Sieg errungen hat.

Der Text steht bei dem Propheten Jesaja, und es ist das dritte von vier sogenannten „Gottesknechtsliedern“. (Jesaja 42,1-4; 49,1-6; 50,4-9; 52,13-53,12) Sie handeln alle von einem Menschen, den Gott für einen besonderen Auftrag auserwählt hatte: Seine Aufgabe war es, die Müden aufzurichten, die Gefangenen zu befreien, Israel zu sammeln und den Heiden das Licht zu bringen. Gott gab ihm dafür seinen Geist und verlieh ihm eine besondere innere Kraft. Die brauchte er auch, denn er wurde nicht von allen geliebt. Anfeindungen kamen auf ihn zu, er wurde verfolgt und gedemütigt. Ihm wurde großes Unrecht angetan, und er geriet in schweres Leid. Allerdings hat er sich dagegen nicht gewehrt. Er nahm die Schmähungen und die Ungerechtigkeit vielmehr auf sich. Er litt und war gehorsam.
Das erfahren wir im dritten Lied, und im vierten steigert sich das noch.

Doch von wem redet der Prophet hier eigentlich? Das ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es kann sein, dass er sich selber meint, vieles in unserem Text lässt darauf schließen. Seine Worte beschreiben jedenfalls genau das Prophetenamt, denn sein Dasein ist vom Hören und Reden bestimmt. Er muss Morgen für Morgen sein „Ohr wecken“, es immer wieder neu von Gott öffnen lassen, um dann den Müden eine Antwort geben zu können. Er ist wie ein „Jünger“, der gehorcht und seinen Auftrag ausführt. Auch die Anfeindungen und Schmähungen passen dazu, denn das erlebten die Propheten in Israel nicht selten. Sie erlitten oft Schläge und Beschimpfungen, Spott und Hohn.

Doch hier liegt darüber erstaunlicher Weise keine Klage vor. Der Prophet hält trotz allem an Gott fest und bleibt ihm treu. Er nimmt das Leid an und bekennt seine Zuversicht. Er glaubt sogar, dass Gott selber das Leiden und den Gehorsam seines Dieners will. Und seine Hoffnung besteht darin, dass Gott ihm eines Tages helfen wird. Er weiß, dass er von Gott Recht bekommt und niemand ihn verderben kann. Er bekennt: „Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?“ Seine Gegner fühlten sich zwar als die Sieger, aber das störte ihn nicht. Seine Gewissheit ging über das Geschehen hinaus. Sie wies in eine andere Zeit, in die Zukunft und in eine neue Wirklichkeit. In ihr werden die Gegner sterben und vergehen wie „Kleider, die von Motten zerfressen werden“.

Das sind die Worte Jesajas und es liegt nahe, dass die ersten Christen in dem Geschick dieses Mannes eine Vorhersage des Lebens Jesu sahen. Genauso ist es ihm ergangen: Er war von Gott gesandt und hat ihm bedingungslos gehorcht. Sein Ohr war offen für alles, was Gott ihm sagte. Die Müden hat er aufgerichtet und allen hat er das Wort Gottes verkündet. Trotzdem wurde er von seinen Gegnern überwältigt und geriet in schweres Leid. Doch das war nicht das Ende. Durch seinen Gehorsam ist er vielmehr stark geworden, er hat eine Hilfe erfahren, die über alles Menschliche hinausgeht. Denn Gott war bei ihm, ja in ihm, und er hat ihm einen Sieg geschenkt, der sogar den Tod einschließt.

Die Gewalt hat also nicht das letzte Wort behalten. Jesus hat sie durch seinen Gehorsam und seine Hingabe außer Kraft gesetzt. Er blieb auch im Tod der Friedenskönig als den die Menschen ihn bei seinem Einzug feierten. Es lohnt sich deshalb immer noch, ihm nachzufolgen, sich zu ihm zu bekennen und ihn vor aller Welt zu loben und zu preisen.

Doch was heißt das nun? Sollen wir unseren Glauben öffentlich demonstrieren, so wie das in dieser Begebenheit spontan geschah? Das hieße dann, dass wir uns als Christen zeigen, uns zu Fragen des gesellschaftlichen Geschehens äußern und Stellung beziehen. Sollen wir sozusagen mit Jesus protestieren? Viele Christen tun das. Sie versuchen, etwas in der Welt zu verändern, dem Unrecht zu wehren und den Frieden voran zu bringen. Jesus hat es uns schließlich vorgelebt.

Doch das sind nicht alle. Vermutlich genauso viele Christen denken: Wir können nichts ausrichten, es ist zwecklos, der Gewalt, die vieler Orts geschieht, Einhalt gebieten zu wollen. Demonstrationen richten ja schon nicht besonders viel aus, wie sollten wir als Christen dann in der Lage sein, etwas zu verändern? Gottesdienste, Gebete, Lieder und Psalmen sind doch noch viel machtloser. Was bleibt uns also als wirksames Mittel?

Diese Frage stellen wir uns immer wieder, und viele Christen beantworten sie tatsächlich mit Resignation. Sie ziehen sich ins Private zurück und kümmern sich nicht mehr um das Unrecht, die Kriege, Konflikte und das Leiden der vielen Menschen, die davon betroffen sind. Sie lassen die Dinge laufen. Sie argumentieren, dass Jesus das doch auch getan hat. Er hat sich schließlich nicht gewehrt.

Doch so einfach ist es nicht. Wenn Jesus gescheitert und nur gestorben wäre, gäbe es den christlichen Glauben heute bestimmt nicht mehr. Es lag noch viel mehr in seinem Verhalten, das wir uns klar machen müssen. Denn er hat dem Unrecht standgehalten: Er bot seinen „Rücken dar denen, die ihn schlugen, und seine Wangen denen, die ihn rauften. Er verbarg sein Angesicht nicht vor Schmach und Speichel.“ Und das ist eine Form des öffentlichen Widerstandes. Jesus war geduldig und verlor nie seine Hoffnung. Er glaubte fest, dass „Gott der HERR ihm hilft“, und dass er „nicht zuschanden“ wird. Sein „Angesicht war hart wie ein Kieselstein.“ Und das hat er auch gezeigt. Er demonstrierte mit seinem Einzug in Jerusalem und mit seinem ganzen Leben, dass es den Frieden gibt. Er spürte, dass Gott ihm immer „nahe“ war und ihn „gerecht sprach“. Er blieb deshalb mutig und unbeugsam und wusste: Alle, die ihm Unrecht taten, würden eines Tages vergehen „wie Kleider, die die Motten fressen.“

Und das ist eine Einstellung, die auch wir uns aneignen können. Wir können Jesus nachfolgen und dabei seinen Geist empfangen, den Geist der Geduld und der Hoffnung, des Widerstandes und des Friedens. Und das hat durchaus eine gesellschaftliche Relevanz. Wenn wir diese Haltung einnehmen, bleibt unsere Überzeugung keine Privatsache. Denn das gilt immer für die ganze Welt.

Deshalb ist es auch wichtig, dass wir sie zeigen. Das ist das Thema der diesjährigen Fastenaktion, der wir uns in unseren Gemeinden angeschlossen haben. Sie steht unter der Überschrift „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen.“ (7 Wochen ohne, die Fastenaktion der evangelischen Kirche 2018, edition chrismon) Denn das gehört sich für Christen nicht. In dem Kalender, der dazu herausgegeben wurde, steht dazu ein sehr schöner Text von dem Theologen Fulbert Steffensky, über den es sich lohnt, nachzudenken. Er lautet: „Die Klarheit der Lebenswünsche und Lebensabsichten hängt auch davon ab, ob man ihnen eine Form und einen Gestus geben kann. Überall da, wo Menschen etwas leidenschaftlich wollen, werden die inneren Wünsche zur äußeren Figur, wird die Seele zu einer nach außen gesetzten Landschaft, in der sie sich wiedererkennt und gestärkt wird. Die richtigen Inhalte sind nicht genug. Man braucht die ständige Aufführung und Gestaltung dieser Inhalte. Sie werden gestärkt, indem man sie spielt und äußert.“ (Fulbert Steffensky, Das Haus, das die Träume verwaltet, Würzburg 1998, S. 98; im Fastenkalender am 17.3.)

Und das gilt auch für Christen. Es ist von großer Bedeutung, dass wir Jesus immer wieder öffentlich bekennen, „mit ihm ziehen“ (EG 384,1) und demonstrieren, wofür wir stehen. Sonst verkümmert unser Glaube. Er wird irgendwann kraftlos und die Hoffnung verschwindet mitsamt der Geduld.

Wir können das durchaus mit unseren Gottesdiensten tun, denn sie sind immer öffentlich. Auch Gespräche über den Glauben und Gebete sind eine gute Form des Bekenntnisses. Sie machen uns Mut und helfen, dass wir uns nicht beirren lassen. Wir bleiben aufrecht und zeigen Widerstand gegen zerstörerische Strömungen. Wir halten an der eigenen Überzeugung fest. Wir leben von innen heraus und setzen den negativen Kräften, die uns von außen bedrängen, etwas entgegen. Und dadurch wächst unser Glaube und bleibt lebendig. Dabei dürfen wir wissen, dass wir das Recht immer auf unserer Seite haben. Und wir haben Anteil an einem Sieg, der über diese Welt hinaus weist. Gott hilft uns und Christus selber ist dann bei uns. Unser Leben und Handeln sind ein Hinweis auf seine Gegenwart.

Natürlich ist es wichtig, dass wir realistisch bleiben und nicht gleich die ganze Welt retten wollen. Das schaffen wir in der Tat nicht. Aber vor Ort gibt es mit Sicherheit immer wieder Dinge, die wir benennen und auf die wir aufmerksam machen können. Wir müssen sortieren und auswählen, wo es sich am meisten lohnt. Doch wenn wir das tun, ist unserem Handeln und Reden, unserem Demonstrieren und unserem Widerstand auch Erfolg beschieden.

Wir müssen dafür gar nicht nur die Bibel lesen, es gibt genauso viele Beispiele in der Geschichte. Sie beweist, dass eine friedliche Demonstration durchaus etwas bringen kann. So hat etwa der Menschenrechtler Gandhi in Indien großes bewegt. Die Wende in Deutschland verlief friedlich, und alle Kriege der Menschheit waren irgendwann auch wieder zu Ende. Es kommt immer darauf an, wo wir hinschauen und wie wir die Welt sehen wollen.

Und das gilt auch für das Leben Jesu und seinen Einzug in Jerusalem. Es sah zwar so aus, als ob er am Ende verloren hat, aber das war ein Trugschluss. In Wirklichkeit hat er „gesiegt“ und er kann uns „Kraft und Mut“ geben. Er offenbart immer wieder „sein Recht und seine Herrlichkeit.“ So formulierte es 1798 der Pastor und Dichter Matthias Jorissen. (EG 286) Er konnte deshalb voll Zuversicht bleiben, denn er glaubte: „Bald schaut der ganze Kreis der Erde, wie unsers Gottes Huld erfreut.“ Und er ruft dazu auf: „rühm, Erde, Gottes Herrlichkeit!“ Lasst uns dieser Einladung folgen und immer wieder „frohlocken und jauchzen und unsern König anbeten.“

Amen.

Freude im Leid

Predigt über Philipper 1, 15- 21: Die Freude des Apostels am Evangelium

4. Sonntag der Passionszeit, 11.3.2018, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Philipper 1, 15- 21

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:
16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;
17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.
18 Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.
Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;
19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,
20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.
21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

 

Liebe Gemeinde.

Es gibt vier liturgische Farben zu den verschiedenen Festen und Zeiten des Kirchenjahres, in denen jeweils passende Paramente aufgehängt werden, vor dem Altar, am Lesepult und an der Kanzel. Jetzt sind sie violett, denn das ist die Farbe der Sammlung für die Buß- und Fastenzeiten. Ostern ist dann die Farbe Weiß dran, die als Innbegriff des Lichtes gilt. Wir nehmen sie für alle Christusfeste und besonderen Feiertage. Dann gibt es noch rot, die Farbe, die an die Liebe, das Feuer und das Blut erinnert und für die Feste des Heiligen Geistes und der Kirche vorgesehen ist. Und die vierte Farbe ist grün als Symbol für das Wachstum. Sie hängt hier in den Zeiten ohne besondere Feste.

Für den heutigen Sonntag, den vierten Sonntag der Fastenzeit steht nun im Sonn- und Feiertagskalender folgender Hinweis: „Wegen des freudigen Charakters des Tages kann das Violett zum Rosa aufgehellt werden.“ Rosa ist eine Mischfarbe aus viel Weiß und blaustichigem Rot. Es hat einen optimistischen, erfreulichen und positiven Charakter. Aber natürlich haben wir kein rosa Parament, denn wer schafft sich so etwas schon für einen einzigen Sonntag im Kirchenjahr an?

Trotzdem ist die Anweisung interessant. Sie besagt, dass es mitten in der Fastenzeit doch einen Grund zur Freude gibt.

Davon handelt auch der Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Philipper, der heute unser Predigttext ist. Paulus schrieb ihn aus dem Gefängnis, d.h. er hatte es gerade sehr schwer. Trotzdem ist er positiv und zuversichtlich. Den genauen Grund für die Inhaftierung des Paulus kennen wir nicht. Wir wissen auch nicht, in welcher Stadt er war, aber Paulus hat durch sein Handeln ja immer wieder sowohl Juden als auch Römer provoziert und gegen sich aufgebracht. Er wurde während seiner Missionstätigkeit mehrere Male gefangen genommen. Das war ungerecht und bedeutete für Paulus Leid und Not. Doch er blieb innerlich guter Dinge und er beschreibt hier, wie das kam. Um das zu verstehen, ist es gut, wenn wir uns klar machen, wie sein Leben insgesamt aussah.

Er war ein Apostel, und zwar durch und durch. Gott hatte ihn berufen, das Evangelium zu verkündigen, und diesem Auftrag hatte er sich mit seinem ganzen Leben verschrieben. Deshalb sagt er auch: „Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, so freue ich mich darüber.“ Und er wusste: Seine Verhaftung änderte daran nichts. Sie war kein tödlicher Schlag gegen die Verkündigung des Evangeliums, wie seine Widersacher sich das gewünscht hätten. Im Gegenteil, die Verfolgung und das Martyrium der Apostel führten dazu, dass nun andere, auch ehemals Furchtsame den Mund öffneten und Christus vor aller Welt bekannten.

Selbst die Motive, die die einzelnen Prediger zur Christusverkündigung veranlassten, spielten seiner Meinung nach keine große Rolle, und die waren durchaus unterschiedlich. Die einen taten es „in guter Absicht“, „aus Liebe“ und Wahrhaftigkeit, andere aus persönlichem Ehrgeiz, Neid und Eigennutz. Aber das verurteilte Paulus nicht, weil er davon überzeugt war, dass Christus größer ist als seine Boten. Das Evangelium ist mächtiger als seine Verkündiger.

Die Gedanken von Paulus kreisen im Gefängnis also nicht um seine Person. Er spricht nicht von seiner Unschuld, seinem Recht und der Schlechtigkeit der anderen. All das liegt Paulus fern, denn er denkt nicht an sich, sondern an Christus und das Evangelium. Darum kann er sich freuen, selbst wenn man ihm die Gefangenschaft noch schwerer machen würde. Er bleibt trotz aller Not mit Gott verbunden und glaubt daran, dass auch das, was böse aussieht, sich für ihn zum Heil auswirkt.

Denn er vertraut auf Christus. Er wird sich selber durch Paulus verherrlichen, und es ist gleichgültig, ob Paulus dabei am Leben bleibt oder stirbt. Sollte er weiterleben, wird der Inhalt seines Daseins immer noch Christus sein. Sollte er sterben, wird auch dadurch Christus groß werden. Wichtig ist nicht, was aus ihm wird, wichtig ist allein der Triumph Christi in aller Öffentlichkeit.

Und dem hat Paulus sich gewidmet. Sein Leben wird also durch Leiden und Sterben nicht abgewertet, sondern im Gegenteil, es erfährt im Tod noch eine Steigerung, weil er dann Christus von Angesicht zu Angesicht schauen und für immer bei ihm sein wird. Deshalb kann er sagen: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“ Hinter dieser Aussage verbirgt sich keine Todessehnsucht, sondern das Geheimnis der Gegenwart Christi, die alles Irdische durchdringt und relativiert.

Das schreibt Paulus den Philippern, damit auch sie sich keine Sorgen machen, sondern sich mit ihm darüber freuen, dass „Christus verherrlicht wird an seinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.“ Er lädt sie zur Freude über das Heil ein, zu dem seine Gefangenschaft „ausgehen wird durch den Beistand des Geistes Jesu Christi.“

Und diese Einladung gilt auch uns. Es gibt eine Freude im Leid, ein Licht, das die Dunkelheit aufhellen kann. Und das ist gut, denn auch unser Leben ist oft dunkler, als wir es uns wünschen. Wir sind zwar nicht im Gefängnis, aber gefangen sind wir trotzdem oft. Das kann z.B. durch eine Krankheit geschehen. Sie fesselt uns ans Bett oder an das Haus, schränkt uns in unseren Möglichkeiten ein und nimmt uns unsere Freiheit. Dazu kommt die Sorge, wie es wohl weiter gehen wird, ob das Leben jemals wieder so wird, wie es einmal war und wie wir es uns vorstellen. Denn viele Krankheiten sind chronisch oder unheilbar, sie werden im Laufe der Zeit schlimmer und schränken uns immer weiter ein.

Genauso ist es mit dem Älterwerden. Davor haben die meisten Menschen Angst, denn es bringt unausweichlich einen Abbau der körperlichen Fähigkeiten mit sich, Verschleißerscheinungen treten auf, Verfall und am Ende möglicherweise ein Siechtum. Es bedeutet Schwäche, Abschied und oft auch Einsamkeit.

Und diese Zustände des Alleinseins und der Kraftlosigkeit kennen wir alle. Sie können auch eintreten, wenn wir gar nicht selber von Krankheit betroffen sind, sondern ein Mensch in unserer Nähe, unser Partner, Kinder, Eltern, gute Freunde. Wenn sie alt und krank werden, erschüttert uns das ebenso.

Wir müssen feststellen, dass das Leben sich manchmal verdüstert. Sorgen und Ängste drücken uns nieder, wir verlieren den Mut, empfinden keine Freude mehr und sehen keine Zukunft. Insofern können wir uns mit dem, was Paulus sagt, ruhig beschäftigen, es passt auch in unser Leben. Was die Überwindung von persönlichem Leid betrifft, so können wir viel von ihm lernen. Lassen Sie uns also fragen, welche Schritte Paulus innerlich gegangen ist.

Dabei fällt als erstes die Distanz auf, die Paulus zu seinem eigenen Schicksal einnimmt. Er identifiziert sich nicht mit dem, was er kann und will, auch nicht mit seiner gegenwärtigen Situation, sondern lässt es alles los. Er kann sich von seinen eigenen Vorstellungen, wie die Dinge zu laufen haben, verabschieden und darauf vertrauen, dass Gott trotzdem wirkt und handelt. „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.“ Das ist zwar ein volkstümlicher und vielleicht kindlicher Gedanke, aber genau das sagt Paulus sich hier. Und damit macht er sich unabhängig von den äußeren Gegebenheiten. Er zieht sein Wohlbefinden nicht daraus, dass er etwas kann und erreicht. Er wendet sich vielmehr nach innen und hält sich an die Allmacht und die Liebe Gottes.

Und das können auch wir tun, in jeder Situation. Lassen Sie uns unsere Einstellung zum Leben deshalb daraufhin einmal kritisch überprüfen. Oft sind wir nämlich auf das fixiert, was nicht mehr geht, auf unsre Lebensumstände und die Probleme, die auftauchen. Wenn wir Schmerzen haben, kreisen unsere Gedanken fast immer darum. Wir lehnen die Schwäche ab, vergleichen uns mit anderen oder mit dem, wie es uns früher ging, wehren uns gegen den Verlust und die Veränderung. Wir hadern mit dem Schicksal und verzagen, wenn es uns aus irgendwelchen Gründen schlecht geht, und dabei kann natürlich keine Freude aufkommen.

Doch es gibt auch die Möglichkeit, uns von all dem, was uns stört, innerlich zu lösen. Wir müssen nicht ständig über unsre Probleme nachgrübeln, schon gar nicht, wenn es sowieso keine naheliegende Lösung gibt. Dann ist es besser, wenn wir uns innerlich verabschieden und uns im Vertrauen üben.

Das bringen uns heutzutage ja sogar schon sogenannte Motivationstrainer und –trainerinnen bei. Auf der Homepage so eines Anbieters steht z.B. groß der Satz von Albert Einstein: „Die einzigen wirklichen Feinde des Menschen sind seine eigenen negativen Gedanken. Wenn Du ein glückliches Leben haben möchtest, dann knüpfe es an ein Ziel, nicht an Menschen oder Dinge.“ Wenn man sich zu einem Seminar unter diesem Motto anmeldet, wird einem gezeigt, wie man selbst sein Leben gestalten kann. Der Trainer motiviert zu mehr Zufriedenheit, einem ausgewogenem Lebensgefühl und dem Erreichen der eigenen Ziele. Dabei kommen verschiedene mentale Strategien und Übungen zum Einsatz. Man lernt z.B., in „seinem Gehirn zu Hause“ zu sein. Diesen Gedanken habe ich kürzlich in einem Roman gelesen. (Gavin Extence, Das unerhörte Leben des Alex Woods, Pößneck, 2013, S. 91)

Und all das ist auch schön und gut, es ist viel Wahres daran. Nicht umsonst haben solche Kurse einen großen Zulauf und stehen hoch im Trend. Wer will nicht zufrieden sein und alles schaffen? Doch genau da liegt auch der Schwachpunkt dieser Strategien. Sie dienen letzten Endes dem eigenen Erfolg und sind Methoden der Selbsterlösung. Sie sind auch immer irgendwie anstrengend. Und ob sie an den wirklichen Grenzen des Lebens noch helfen, wage ich zu bezweifeln. Es gibt nicht für alles eine psychologische Lösung. In bestimmten Situationen versagen unsere eigenen Kräfte, unser Wille oder unsere Selbstdisziplin, und wir brauchen etwas ganz anderes.

Und genau darüber schreibt Paulus uns hier etwas. Er lädt uns ein, über unsere irdischen Ziele und Möglichkeiten hinaus auf Jesus Christus zu vertrauen. Seine Gegenwart ist noch viel mehr, als alles, was wir uns selber ausdenken oder erreichen können. Er ist größer als unser Leben, und gleichzeitig ist er für uns da. Das ist die Botschaft des Evangeliums.

Und um das zu erfahren, kann das Leiden sogar eine Chance sein. Es hilft uns, Jesus nachzufolgen, „mit ihm zu leiden“ und seinem „Vorbild gleich“ zu werden. So formulierte es Sigmund von Birken 1653 in dem Lied „Lasset uns mit Jesus ziehen.“ (EG 384) Er hat es im Glauben wahrscheinlich selber erfahren, dass „nach dem Leide Freuden folgen.“ Denn er sagt: „Armut hier macht dorten reich, Tränensaat, die erntet Lachen; Hoffnung tröste die Geduld: Es kann leichtlich Gottes Huld aus dem Regen Sonne machen.“  Dahinter steht die Gewissheit, dass es nicht nur eine Freude im Leiden gibt, sondern dass wir sogar durch das Leid zur wahren Freude vordringen. Denn Christus sprengt unsere Ketten, ganz gleich welcher Natur sie sind. Er überwindet unsere Gefangenschaft, er erlöst uns von allen negativen Gedanken, und dadurch empfangen wir neue Kraft und Stärke.

Ein schönes Bild ist dafür das Weizenkorn, das in die Erde fällt. (Johannes 12,24) Jeder Same muss im Erdreich verschwinden, bevor er zu einer Pflanze werden kann. So lange er an der Oberfläche bleibt, geschieht gar nichts. Irgendwann vertrocknet er. Erst wenn er in der Erde „erstirbt“, entsteht daraus neues Leben. Dieses Gesetz von Werden und Vergehen durchzieht die ganze Schöpfung. Es ist deshalb gut, wenn wir es auch in unserem Leben geschehen lassen, das Leiden annehmen und uns Christus anvertrauen. Dann kann eine tiefe und bleibende Freude entstehen, die unabhängig von allem ist, was uns widerfährt.

Und das ist in der Tat eine Botschaft, zu der die Farbe rosa sehr gut passt. Das dunkle Violett mischt sich mit Weiß, denn wir erkennen bereits das Ziel, dem die Sammlung und die Buße der Fastenzeit dienen. Ein Spalt öffnet sich, und wir erleben schon jetzt etwas von der Freude der Auferstehung, die wir Ostern feiern dürfen.

Amen.

Ihr sollt heilig sein

Predigt über 1. Petrus 1, 13- 21: Geheiligtes Leben

3. Sonntag der Passionszeit, Okuli, 4.3.2018, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Petrus 1, 13- 21

13 Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet;
15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.
16 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«
17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;
18 denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise,
19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
20 Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,
21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Liebe Gemeinde

Wenn eine verstorbene Person vorbildlich aus dem Glauben gelebt hat und Christus in besonderer Weise nachgefolgt ist, kann sie nach katholischem Kirchenrecht vom Papst heiliggesprochen werden. Ob dafür die Voraussetzungen gegeben sind, wird nach gewissenhafter Prüfung festgestellt. Einer solchen Person müssen Wunder, besondere Tugendhaftigkeit und der Ruf der Heiligkeit nachgewiesen werden, und dazu werden viele Zeugen befragt. Bis dieses Verfahren abgeschlossen ist, vergehen mehrere Jahre, und das ist auch vorgeschrieben, in der Regel gilt eine Fünfjahresfrist. Für den, der diese Prüfung erfolgreich durchlaufen hat, wird am Ende dann das dreifache Amen in der Kirche gesprochen. Er wird zur Ehre der Altäre erhoben, und den Gläubigen wird empfohlen, ihn als Vorbild und Fürsprecher bei Gott anzunehmen.

Uns, als Protestanten, ist das alles etwas fremd. Wir können uns zwar vorstellen, was gemeint ist, wenn ein Mensch heiliggesprochen wird, aber so richtig berührt es uns nicht. Vielleicht finden wir diesen Teil des katholischen Glaubens sogar fragwürdig. Warum sollen einige Menschen nach ihrem Tod besser dastehen als andere? Sind wir nicht alle Sünder, die nur durch die Gnade Gottes gerettet werden? Wir werden doch nicht durch unsere Werke, sondern durch den Glauben gerecht. Das hat Luther betont, und deshalb gibt es bei uns auch keine Heiligen, die wir besonders verehren.

Was sollen wir also mit unserem Predigttext anfangen, in dem es an einer Stelle heißt: „Ihr sollt heilig sein.“ Das Thema kommt in der Bibel vor, als evangelische Christen sollten wir es also nicht völlig ignorieren. Allerdings hilft uns der Abschnitt aus dem Petrusbrief auch, zu verstehen, was damit gemeint sein kann. Lassen Sie uns den also einmal genau lesen.

Der Brief ist ja ursprünglich an die ersten Christen gerichtet, also an Menschen, die gerade einen neuen Glauben gefunden hatten. Und natürlich unterschieden sie sich dadurch von ihrer heidnischen und jüdischen Umwelt. Sie hatten andere Maßstäbe, andere Werte und ein anderes Verhalten. Sie wurden deshalb im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus auch von vielen Außenstehenden verdächtigt, geschmäht, angeklagt und sogar vor Gericht gestellt.

Das hat der Schreiber des Petrusbriefes im Kopf. Er schreibt an Gemeinden in Kleinasien, die in Bedrängnis waren. Und er will ihnen Mut machen, sie sollen standhaft bleiben und gehorsam und treu an der neuen Lehre festhalten. Sie sollen sich von ihrem neuen Glauben nicht abbringen lassen, auch wenn sie deswegen verfolgt werden.

Und dazu erinnert er sie an Gottes Heilshandeln in Jesus Christus, an sein Blut und den Preis, den Gott für ihre Erlösung gezahlt hat. Darauf hatten sie sich ja eingelassen, sie hatten sich für Christus entschieden und sich taufen lassen, um daran Anteil zu haben. Und so hatten sie eine neue Hoffnung und einen neuen Gehorsam. Daran erinnert der Schreiber sie, und er will sie damit zum Durchhalten motivieren.

Die Heiligkeit ist hier also nicht moralisch gemeint. Sie ist kein Verdienst des Menschen, sondern ein Verdienst Christi. Wer an ihn glaubt, wird von Gott geliebt, und das prägt das Leben. Das sollen die Christen einfach nur beachten. In Ihrem Leben soll Raum für Christus sein. Dazu dienen die Verhaltensweisen, die hier aufgezählt werden.

Und das ist immer noch eine wichtige Ermahnung, denn oft führen wir unser Leben fern von Christus. Ob wir katholisch oder evangelisch sind, spielt dabei keine Rolle. Es tut uns allen gut, unser Leben immer wieder daraufhin zu überprüfen, ob Christus mit seinem Erlösungswerk darin vorkommt. Lassen Sie uns die einzelnen Dinge, die uns hier nahe gelegt werden, also noch einmal durchleuchten.

Zunächst können wir zwei Angelegenheiten erkennen: Einerseits werden Verhaltensweisen erwähnt, die sich auf unsere menschliche Natur beziehen, andererseits geht es um Übungen, die in der Beziehung zu Gott eine Rolle spielen.

Was unsere Natur betrifft, so sollen wir „nüchtern“ sein und „den Begierden nicht nachgeben“. Damit ist ganz einfach die Enthaltsamkeit von Wein gemeint. Doch warum ist dem Schreiber das wichtig? Gegen ein Gläschen Wein und einen kleinen Rausch ist doch nichts einzuwenden, er muss ja nicht gleich in eine Sucht ausarten. Soll uns hier der Spaß am Leben verdorben werden?

Sicherlich nicht! Hinter der Ermahnung zur Nüchternheit steckt etwas anderes. Das wird deutlich, wenn wir uns klar machen, was die Nüchternheit mit sich führt: Wer nüchtern ist, macht sich nichts vor. Er erkennt sich selber und sieht auch die anderen, wie sie wirklich sind. Er ist klar und realistisch und kann die Dinge, die ihm widerfahren, richtig beurteilen. Er legt alles Trügerische ab, bleibt entschlossen und lässt sich nicht verführen und nichts einflüstern. Er weiß, was wirklich zählt und wichtig ist. Er „kommt runter“, wie man so sagt, steigt aus allem, was ihn gefangen hält, aus. Und das kann noch viel mehr sein, als Alkohol oder Drogen. Auch unsere Aufgaben können Besitz von uns ergreifen, Pläne oder Sorgen. Ebenso führen Begegnungen, Gespräche oder Konflikte manchmal dazu, dass wir die Bodenhaftigkeit verlieren. Es gibt unzählig viele Ereignisse im Leben und Vorgänge in unserem Bewusstsein, die einem Rausch ähneln. Unsere Gedanken kreisen dann um irgendetwas, was mit dieser Welt zusammenhängt. Das füllt uns oft ganz aus, und dann sind wir weit weg von uns selbst, lassen uns treiben und driften von der Realität ab.

Und davor warnt uns der Schreiber hier. Das alles soll nicht geschehen. Wir sollen stattdessen wach und achtsam sein. Und das ist durchaus ein angenehmer Zustand. Er kommt einem sauberen und aufgeräumten Zimmer gleich. Unser Geist und unsere Seele sind frei. Es geht darum, dass Christus in unser Leben einziehen kann, und wir für ihn in unserem Inneren Platz machen.

Die andere Themengruppe der Ermahnungen beschreibt deshalb, was in der Beziehung zu ihm wichtig ist. Es wird der Gehorsam genannt, das Beten, die Gottessfurcht, der Glaube und die Hoffnung. Und damit wird ein Missverständnis ausgeräumt, das in diesem Zusammenhang auftauchen könnte: Die Ermahnung zur Nüchternheit ist nicht als eine Aufforderung zur Selbsterlösung zu verstehen. Das versuchen heutzutage ja viele Menschen. Sie finden die Nüchternheit erstrebenswert, weil sie sich selber damit „optimieren“ können, wie es so schön heißt. Sie beherrschen sich selber, absolvieren anstrengende Fitnessprogramme, halten Diäten ein und trainieren täglich ihren Geist und ihr Bewusstsein. Körper und Seele sollen ruhig und rein sein, damit es ihnen so gut wie möglich geht. Auch in der Esoterik ist das das Ziel. Doch so etwas ist hier nicht gemeint. Die Nüchternheit ist kein Selbstzweck und keine Selbstverwirklichung, sie dient vielmehr dem Glauben an Gott. Er ist da, das ist das Entscheidende, auf ihn dürfen wir hoffen und seinem Willen sollen wir gehorchen. Dafür gilt es, bereit und nüchtern zu sein.

Ein guter Zeitpunkt für diese Übung ist der Morgen. Bevor der Tag beginnt, können wir uns vor Gott stellen, ihm die Ehre geben und auf Jesus Christus schauen. Dazu hilft sehr schön das Morgengebet der Kirche. Es lautet: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbei gekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Münsterschwarzach und Göttingen 1998, S. 290)

Und damit sind wir bei dem dritten wichtigen Thema, das in unsrem Text vorkommt: Für die Heiligung spielt nicht nur unser Beitrag eine Rolle, sondern vor allen Dingen das Werk Christi. Daran erinnert der Schreiber hier ja hauptsächlich. Er erwähnt das „teure Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Gott hat ihn auferweckt von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben.“ Jesus Christus ist für uns gestorben und auferstanden. Gott hat sich offenbart, ist zu uns gekommen und schenkt uns seine Gnade. Jesus lebt und „erlöst“ uns von unserem „nichtigen Wandel“. Wir werden auf das Heilswerk Christi verwiesen, wie es auch im Glaubensbekenntnis formuliert ist. Es ist der Weg Christi von der Erniedrigung in die Erhöhung. Auf den nimmt er uns mit, wenn wir wach und nüchtern sein, an ihn glauben und auf ihn hoffen. Und darin besteht unsere Heiligung.

Wir werden also nicht dadurch heilig, dass wir etwas tun, sondern durch das Gegenteil, dass wir selber einmal nichts mehr tun. Wir sind eingeladen, etwas geschehen zu lassen und dafür unsere Selbstbestimmung abzulegen. Unser Beitrag ist das Vermeiden, Still halten und natürlich auch der Verzicht. Aber all das ist nicht als Leistung gedacht, sondern es soll uns für die große Tat Gottes bereit machen, für Jesus Christus, der uns seine Liebe und sein Erbarmen schenkt.

Das Nichtstun ist deshalb auch nicht mit Faulheit oder dem Lustprinzip zu verwechseln. Das ist durch den Zusammenhang deutlich. Es wäre ein Missverständnis, das allerdings oft entsteht. Man denkt dann: Wenn Gott alles für mich tut, kommt es ja gar nicht mehr drauf an, wie ich lebe, dann kann ich „tapfer sündigen“. Dieser Ausdruck ist von Martin Luther und er ist bei evangelischen Christen ein geflügeltes Wort geworden. Der Gedanke ist sehr beliebt und weit verbreitet. Viele kümmern sich tatsächlich nicht um ihre Lebensführung. Es scheint in bestimmten lutherischen Kreisen sogar zum guten Ton zu gehören, Wein zu trinken, zu rauchen, zu essen und sich „den Begierden hinzugeben.“

Doch so einfach ist es nicht. Unser Leben als Christen soll nicht profan sein. Es gibt Unterschiede zum weltlichen Dasein und zum „nichtigen Wandel“. Aber die bestehen nicht darin, dass Christen irgendwie besser oder religiöser sind als andere, in dem Wort „Heiligung“ steckt vielmehr das Wort „heil“, und das sollen wir sein. Es geschieht auch, wenn wir an die Liebe Christi glauben, nüchtern und wach sind, denn wir werden dadurch befreit und ausgeglichen. Wir entziehen uns den zerstörerischen und krankmachenden Einflüssen und geben uns einer Kraft hin, die uns rettet. Es ist ein Leben in Vertrauen, Hoffnung und Liebe. Und dazu hat Friedrich Hölderlin einmal gesagt: „Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiss am Ende sagen: Ich habe gelebt!“

Man kann Heiligung also mit „gelingendem Leben“ gleichsetzen, und das finden wir bei evangelischen Christen genauso wie bei katholischen. Es wird bei uns zwar nicht durch ein geregeltes Verfahren festgestellt und bleibt möglicher Weise unspektakulär, aber wir können davon ausgehen, dass mehr Heilige unter uns sind, als wir ahnen. Sie leben vielleicht im Verborgenen, man erkennt sie nicht auf den ersten Blick. Doch es gibt Zeichen. So kann es vorkommen, dass wir es aus unerklärlichen Gründen angenehm finden, mit bestimmten Menschen zusammen zu sein. Man hält es gut in ihrer Nähe aus. Sie sind „liebenswert, man wird in ihrer Gegenwart geistig erfrischt und hat das Gefühl, der Gnade Gottes näher gekommen zu sein.“ So formulierte es ein geistlicher Lehrer aus dem Mittelalter. ( Die Wolke des Nichtwissens, übertragen und eingeleitet von Wolfgang Riehle, Einseideln 1980, S. 123) Das liegt dann eventuell daran, dass sie frei von sich selber sind und die Liebe Gottes in sich tragen.

Aber entscheidend ist noch nicht einmal das. Viel bedeutsamer ist es, dass Gott sie kennt, und das tut er. „Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt, die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land.“ So dichtete Philipp Spitta 1843. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 358) Gott erkennt die Heiligen „am Glauben, der nicht schaut und doch dem Unsichtbaren, als säh er ihn, vertraut.“
„Er kennt sie als die Seinen an ihrer Hoffnung Mut, die fröhlich auf dem einen, dass er der Herr ist, ruht.“
„Er kennt sie an der Liebe, die seiner Liebe Frucht und die mit lauterm Triebe ihm zu gefallen sucht, die andern so begegnet, wie er das Herz bewegt, die segnet, wie er segnet, und trägt, wie er sie trägt.“

Amen.

Der wahre Gottesdienst

Predigt über Amos 5, 21- 24: Der äußerliche Gottesdienst tuts nicht

Sonntag vor der Passionszeit, 11.2.2018, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

„Mir reichts!“ „Ich kanns nicht mehr hören!“ „Ich hab die Nase voll!“ Solche Sätze sagen wir zwar nur selten, wir denken das aber durchaus gelegentlich. Wenn ein anderer oder eine andere uns z.B. immer nur die Ohren voll jammert, gar nicht zuhört und sich gedanklich auch nicht bewegen will. Ein- zweimal gehen wir vielleicht darauf ein, aber wenn sich gar nichts ändert, haben wir irgendwann keine Lust mehr. Als gut erzogene Menschen wahren wir natürlich meistens die Höflichkeit und werden nicht laut und wütend, aber innerlich ärgern wir uns schon. Menschen, die sich ständig um sich selber drehen, sind ermüdend. Sie nerven und langweilen uns, denn es kommt immer dasselbe. Wir gehen zu ihnen auf Distanz.

In vielen Beziehungen ist das ja zum Glück gut möglich. Als Geschäftsmann oder –frau können wir uns solche Kunden z.B. vom Hals halten und das Verhältnis beenden. In persönlichen Verbindungen, wie z.B. einer Ehe, ist das schon schwieriger. Da halten wir den Partner bzw. die Partnerin möglicher Weise jahrelang aus, aber irgendwann kommt es doch zum Streit. Eines Tages entlädt sich der ganze Frust.

Im Buch des Propheten Amos finden wir solche Vorgänge ebenfalls. Es gibt dort ein paar Stellen, die enthalten sehr heftige, emotionsgeladene Worte des Ärgers und der Abscheu. Sie sind gegen das Volk Israel gerichtet, oder genauer gesagt, gegen seine Oberschicht. Unser Predigttext ist eins davon. Er steht bei Amos im 5. Kapitel und lautet folgendermaßen:

Amos 5, 21- 24

21 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.
22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

So spricht Amos, und das klingt schon sehr zornig. Es ist allerdings nicht der Mensch Amos, der sich hier ärgert und wütend wird, sondern Gott. Der Prophet sagt, was Gott denkt, und was er ihm aufgetragen hat. Gott war also erbost, und zwar aus folgendem Grund:

Zur Zeit des Propheten Amos herrschte ein relativer Wohlstand in Israel. Es gab gerade keinen Krieg, Israel hatte Ruhe und es ging ihm gut. Doch das betraf leider nur einen Teil der Bevölkerung. Im Innern lag vieles im Argen, denn die Reichen unterdrückten die Armen. Sie nutzen sie aus und ließen sie hohe Abgaben bezahlen. Die Wohlhabenden dachten nur an sich selber und ihren eigenen Vorteil.

Deshalb hasste Gott ihre Gottesdienste. Sie waren in seinen Augen nichts als Heuchelei und Theater, und das klagt Amos hier an. Dabei drücken die Wörter, die hier stehen, Abscheu und Widerwillen aus. Amos lässt seine Landsleute wissen, dass Gott diese Veranstaltungen so nicht mehr wollte. Es wurden zwar Opfer gebracht, aber dabei schien es mehr um das anschließende Verspeisen der fetten Opfertiere zu gehen. Das war bei diesen Festversammlungen jedenfalls üblich. Doch das alles verschmähte Gott jetzt.

Seine Reaktion auf Opfer war normaler Weise, dass er sie gerne „roch“, wie es in der Bibel an anderen Stellen heißt, (1. Mose 8,21 u.a.) und „Gefallen daran hatte“. (Ps.51,21 u.a.) Gott ließ sich dadurch befriedigen und nahm die Gaben eigentlich gerne an. Doch das tut er hier alles nicht mehr. Im Gegenteil, er konnte die Opfer nicht mehr „riechen und wollte sie nicht ansehen“, wie es wörtlich heißt. Auch für die Musik bei diesen Festen empfand er nichts als Verachtung. Der Gesang war in seinen Ohren „Geplärr“. Da nützte auch das „Harfenspiel“ dazu nichts. Sie sollten das alles „wegtun“ und damit endlich aufhören.

Stattdessen sollten das „Recht und die Gerechtigkeit“ wieder einkehren. Amos meint damit eine faire Rechtsprechung, aber auch allgemein das Richtige und Gebührende. Es schließt die barmherzige Liebe mit ein, also alles, was das Heil und Wohlergehen der ganzen Gesellschaft fördert.

Das war nicht mehr da, es wurde mit Füßen getreten, und dadurch waren die Gottesdienste leere Rituale. Wo der Wille Gottes nicht mehr das Leben und die Gesellschaft prägt und formt, da muss man sich auch nicht zum Gottesdienst versammeln. Es geht Gott ja nicht um die Lieder und den Kultus, sondern um das Heil aller und die Liebe, die zu „Recht und Gerechtigkeit“ führt.

Und wie das wieder Einzug halten kann, beschreibt Amos mit einem sehr schönen Bild: Es sollte „heran rollen wie Wasser und fließen wie ein kräftiger Bach“. Er stellt sich das Recht also als eine Kraft vor, die in die Gesellschaft strömt und sie neu belebt. Es hat Dynamik, die etwas verändert und neues Leben schafft. Es ist eine Energiezufuhr, die „nie versiegt“.

Man nennt diese und ähnliche Stellen die „Kultkritik“ des Propheten Amos, denn er kritisiert hier die religiöse Praxis und erinnert daran, was Gott eigentlich von den Menschen wollte. Genützt hat das leider nicht viel. Es hat sich auf Grund dieser Predigt nichts verändert, die Warnungen wurden missachtet. Vielleicht waren sie auch zu zornig und emotionsgeladen. Auf so etwas reagiert man nur selten, man geht lieber auf Distanz.

Und möglicherweise geht uns das genauso. Wollen wir das hier hören? Und sollen wir diese Kritik auf unsere Gottesdienste anwenden? Damit haben wir wahrscheinlich Schwierigkeiten, denn die sind doch gar nicht so schlecht. Wir meinen es schon ernst und kommen hier zusammen, weil wir an Gott glauben. Wir hören gerne die Worte der Bibel, beten und singen und empfangen seinen Segen. Wir bringen ja auch keine Opfer dar, und erst recht halten wir keinen anschließenden Festschmaus.

Aber haben unsere Gottesdienste eigentlich etwas mit unserem Alltag zu tun? Das müssen wir uns schon fragen. Passen unser Glaube und unsere Frömmigkeit mit unserem Leben zusammen? Gibt es da eine Übereinstimmung? Das ist hier ja das Thema, und das betrifft uns schon. Denn wir haben doch oft das Gefühl, dass wir sonntags etwas anderes machen, als alltags. In unseren Lebensvollzügen kommt der Glaube nicht unbedingt vor, und wir fragen uns manchmal, wie wir zwischen diesen beiden Bereichen eine Verbindung herstellen können.

Und das ist auch wichtig, denn nur wenn unsere Gottesdienste auch unser Leben enthalten, und anders herum die Gottesdienste unsere Lebensführung beeinflussen, ist es so wie Gott es sich wünscht. Er will auch von uns keine bloßen Rituale oder die Pflege von eingefahrenen Traditionen, sondern einen lebendigen Glauben, der alles einbezieht, das Handeln und Reden, unser Verhalten und unsere Beziehungen. Er fragt auch uns, wie viel Liebe in unserem Leben vorkommt, ob wir seine Gerechtigkeit ernst nehmen und sein Heil empfangen. Lassen Sie uns also zunächst in unser Leben schauen und erforschen, wie es damit aussieht.

Dafür sollten wir so ehrlich wie möglich sein und uns fragen, ob wir nicht auch am liebsten an uns selber denken. Andere Menschen nerven uns mit ihrem egozentrischen Verhalten, aber sind wir so viel besser? Wie beweglich sind wir eigentlich? Dreht sich bei uns nicht auch oft alles um unseren eigenen Vorteil?

Diese Frage müssen wir beantworten, und dafür ist es gut, wenn wir die Konfliktsituationen, in die wir hineingeraten, einmal unter die Lupe nehmen. In irgendeiner Form geht es da immer um Kritik, und die hört niemand von uns gerne. Sie trifft und verletzt uns, denn meistens sind wir überzeugt davon, dass wir schon das Richtige tun und denken.

In der Erziehung kann das so sein, in unserem Umgang mit anderen Familienangehörigen, im Kollegenkreis, bei Geschäften: Wir vertrauen in all diesen Bezügen gerne auf unsere eigenen Wertvorstellungen und unsere Erfahrungen. Natürlich spielen auch Wünsche und Pläne eine Rolle, was uns Spaß macht und wobei wir uns wohlfühlen. Doch das kann leicht mit den Vorstellungen der anderen kollidieren, sie wollen nicht dasselbe wie wir und kommen zu abweichenden Urteilen. Und dann entstehen Uneinigkeit und Streit. Möglicherweise können wir uns noch eine Weile behaupten, aber irgendwann droht die Eskalation. Es kommt zu Vorwürfen und Verletzungen. Dabei fällt es wie gesagt meistens schwer, sich für das zu öffnen, was ein anderer oder eine andere an uns kritisiert. Wir haben auch Angst davor, denn worauf sollen wir uns verlassen? Was trägt uns noch, wenn nicht unsere eigenen Wertvorstellungen?

Diese Frage tut sich auf, und sie kann dazu führen, dass wir aus einer Beziehung aussteigen. Auf jeden Fall kommt zu Distanz, und das ist auch erst mal nicht schlecht. Doch natürlich droht dann auch immer eine Trennung, und das wollen wir oft nicht. Manchmal geht es auch gar nicht, am Arbeitsplatz sind wir z.B. darauf angewiesen, mit den anderen irgendwie klar zu kommen.

Es ist deshalb gut, wenn wir eine neue Kraftquelle finden, einen tieferen Grund, etwas, das uns auffängt und trägt, wenn wir in Frage gestellt werden. Und genau das kann der Glaube an Gott leisten. Wir brauchen die lebendige Erfahrung der Gegenwart Gottes, seines Heils und seiner Liebe. Dann können wir uns selbst relativieren und unsere Vorstellungen auflockern. Wir sind nicht mehr so auf die eigenen Wünsche fixiert und vertrauen nicht mehr ausschließlich auf die eigene Urteilskraft. In der Gegenwart Gottes können wir uns loslassen. Die starke Bindung an das, was wir meinen, ist normalerweise wie ein Damm, durch den der Wille Gottes nicht hindurchfließen kann. Den müssen wir löcherig machen oder besser ganz abreißen, dann empfangen wir seine Kraft.

Das wollte auch Amos erreichen, doch leider sind seine Warnungen und Apelle – wie gesagt – unbeachtet verhallt. Es ist deshalb gut, dass Gott selber einen Sinneswandel vollzogen und seinen Zorn fahren lassen hat. Er hat sich beruhigt und sich der Menschheit angenommen. In seinem Sohn Jesus Christus ist er selber erschienen und zu uns gekommen, und er hat damit eine neue Zeit heraufgeführt.

Dabei ist es sehr schön, dass wir das Bild aus unserem Prophetenwort bei Jesus wiederfinden. Im Johannesevangelium hat er genau damit einmal seine Sendung beschrieben, denn er hat gesagt: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen“. (Joh. 7,37b.38) Bei Jesus finden wir diesen kraftvollen Strom des Heils und der Liebe. Er will uns das Wasser geben, das unser Leben verändert. Wir müssen nur zu ihm kommen und es trinken.

Und genau dafür können unsere Gottesdienste gut sein. Die Lieder und Gebete, die Lesungen und die Verkündigung schließen uns an diese Kraftquelle an, sodass wir die Chance haben, uns innerlich zu erneuern. Wir können uns hier geistig und seelisch neu ausrichten und unseren Glauben auffrischen. Wir werden von uns selber befreit und empfangen die Liebe Christi. Und dadurch lösen sich auch die Konflikte, die uns zu schaffen machen, denn wir können unsere Mitmenschen und das, was sie uns sagen, viel besser annehmen.

Wenn wir unsere Gottesdienste in diesem Bewusstsein feiern, gehören sie ganz von selber mit unserem Leben zusammen, und unser Leben kommt darin vor. Auch Gott hat daran dann Gefallen, denn so sind sie ein Ausdruck für Freiheit und Vertrauen, ein Fest seiner Liebe und eine Vergewisserung des Heils, das er uns schenkt.

Lassen Sie uns deshalb darauf achten, dass wir immer wieder „aufwachen“, uns in Einheit „versammeln“ und uns mit „Glaubenshoffnung“ und „Liebesglut“ ausrüsten lassen. So ist es in dem Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ formuliert, mit dem wir um das alles jetzt bitten wollen. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 263)

Amen.

 

Die Kraft Christi ist in den Schwachen mächtig

Predigt über 2. Korinther 12, 1- 10: Offenbarungen des Herrn und die Schwachheit des Paulus

2. Sonntag vor der Passionszeit, Sexagesimae, 4.2.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

2. Korinther 12, 1- 10

1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –,
4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.
10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Liebe Gemeinde.

„Himmelhoch jauchzend, / zu Tode betrübt; / glücklich allein / ist die Seele, die liebt.“

So lässt Goethe die Geliebte des Grafen Egmont, Clärchen, in dem gleichnamigen Drama sprechen. Sie rechtfertigt damit ihre Liebe zu ihm, die z.B. von ihrer Mutter gar nicht gutgeheißen wurde, denn Clärchen war längst mit jemand anderem verlobt. Aber gegen das starke Gefühl der Liebe zu Egmont kam nichts in ihrem Inneren an. Sie konnte und wollte nicht von dem Grafen lassen, ganz gleich, wie gut oder schlecht es ihr damit ging, wie viele Gedanken sie verursachte, wieviel „Hangen und Bangen“, diese Liebe mit sich brachte, ob sie nun „Freude oder Leid“ bedeutete.

Der Vers von Goethe ist zum geflügelten Wort geworden, denn diese Gegensätze im Gefühl und im Erleben, Stimmungsschwankungen, Höhen und Tiefen kennt jeder und jede. In unserem Wochenlied „Herr, für dein Wort sei hoch gepreist“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 196) ist ebenfalls von „Lieb und Leid, […] Freud Schmerz“ die Rede. Sie gehören zu unserem Dasein wie Lachen und Weinen, Verlieren und Finden, Streit und Friede. (vgl. Prediger 3) Bei den einen sind sie stärker, bei anderen schwächer ausgeprägt.

Der Apostel Paulus war offensichtlich ein Mann, der extrem starke Gegensätze in seinem Leben erfahren hatte. Das geht aus dem Abschnitt im zweiten Korintherbrief hervor, den wir vorhin als Epistel gehört haben. Paulus spricht hier über sich selbst, und zwar verteidigt er sich. Denn es gab in Korinth schwere Vorwürfe gegen ihn: Feigheit und mangelnde Wortgewalt, Unaufrichtigkeit, Herrschsucht und offenkundige Krankheit, mit solchen und ähnlichen persönlichen Verleumdungen versuchten seine Gegner, die apostolische Autorität des Apostels zu untergraben. Was sie inhaltlich dazu bewegte, lässt sich nicht eindeutig sagen, klar ist nur, dass sie einen anderen Jesus und eine andere Heilsbotschaft verkündeten als Paulus. Und offensichtlich rühmten sie sich mit visionären Erlebnissen, tiefer geistlicher Erkenntnis und ekstatischer Zungenrede. Von einem Apostel erwarteten sie ebenfalls solche Offenbarungen, sonst würde Paulus nicht erwähnen, dass er das alles aus eigener Erfahrung kennt.

Er spricht zwar in der dritten Person, aber er meint sich selber mit dem Menschen, „der entrückt wurde in das Paradies und unaussprechliche Worte hörte, die kein Mensch sagen kann.“ Er „rühmt sich“ also damit, dass er himmlische Begnadigungen ganz einzigartiger und überschwänglicher Art empfangen hatte. Der Herr hatte ihn dessen gewürdigt. Paulus wusste sich zu den erwählten Gottesmenschen gehörig, die Unsagbares erfahren dürfen. Davon gab es in der jüdischen und griechischen Tradition durchaus noch andere.

Gleichzeitig will Paulus diese Erlebnisse aber nicht überbewerten. Er will sich darauf nicht berufen, wenn es um seine Autorität als Apostel geht. Denn das Ekstatische ist seiner Meinung nach immer eine Ausnahme und bildet auch nicht die Grundstruktur seines Glaubens. Vor allem waren die Visionen nicht Gegenstand der gemeindebildenden Verkündigung. Diese hatte vielmehr den gekreuzigten und auferstandenen Christus zum Inhalt. Besondere ekstatische Erfahrungen sind demnach auch nicht das Fundament der Kirche.

Im weiteren Verlauf seiner Selbstverteidigung spricht er deshalb über das genaue Gegenteil dieser himmlischen Erlebnisse: von einem „Pfahl im Fleisch“, den er „des Satans Engel“ nennt, und „der ihn mit Fäusten schlägt“. Paulus litt also offensichtlich unter einer schmerzhaften Krankheit. Welche das war, wissen wir nicht, sie hat ihn aber sehr gequält. „Ihretwegen hat er dreimal zum Herrn gefleht, dass sie von ihm weiche“, aber das ist nicht geschehen. Das Leben von Paulus war dadurch von sehr viel Schwäche gekennzeichnet.

Er hatte im vorhergehenden Kapitel auch schon über weitere Leiden geschrieben und „Gefangenschaften, Schläge“ und „Todesnöte“ erwähnt. Auf seinen Reisen war er zudem oft „in Gefahr“, es gab viel „Mühe und Arbeit, Hunger und Durst, Frost und Blöße“. Dazu kam, was „täglich auf ihn einstürmte, und die Sorge für alle Gemeinden.“ Das Leben des Paulus war demnach zwischen den höchsten Höhen und den tiefsten Tiefen gespannt. „himmelhoch jauchzend, / zu Tode betrübt;“ Paulus kannte das beides sehr gut.

Doch wie hat er das ausgehalten? Worin lag für ihn die Lösung dieser Spannung, der Ausgleich der Gegensätze? Darüber legt er hier sein eigentliches Zeugnis ab, denn das ging nur durch die Gnade Christi. Im Gebet hat Christus zu ihm gesagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Durch dieses Wort Christi konnte Paulus seine Ekstasen abwerten und seine Leiden annehmen. Er hat die Nöte sogar als notwendig betrachtet, denn er wusste: Die göttliche Kraft gehört mit der Schwachheit des Menschen zusammen, sie vollendet sich erst in dieser. Vor dem dunklen Hintergrund des menschlichen Leidens hebt sich ab, was Gnade ist und wirkt. Paulus hat begriffen, dass er der demütige Diener Christi bleiben soll, und dass ihn die Probleme und Krankheit vor jeglichem religiösen Hochmut oder falschen Selbstruhm bewahrten. „Darum bin ich guten Mutes, denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Das ist seine Schlussfolgerung: Die Gnade allein genügt, sie gleicht alle Gegensätze aus, durch sie löst sich die Spannung des Lebens. Eine Befreiung vom Leid oder religiöse Ekstasen sind nicht nötig. Im Gegenteil: Paulus nimmt eine Umwertung vor und rühmt sich am meisten seiner Schwachheit, denn er weiß, wo diese ist, wird erst recht die Kraft Christi sein. Sie wird in der Schwachheit seines Dieners triumphieren und ihn zum Träger und Zeugen der Gnade machen, die zugleich göttliche Lebensmacht ist.

Und das ist auch für uns eine gute Botschaft, denn wir denken gerne, dass Gottes Gnade darin besteht, dass wir übernatürliche Hilfe erfahren. Und wir fänden es sicher bemerkenswert, wenn wir Visionen und Ekstasen erleben würden. In vielen Kreisen gelten sie auch als Ziel des religiösen Strebens und als Weg zur Erlösung. „Freudvoll und himmelhoch jauchzend“ ist viel attraktiver, als „leidvoll und zu Tode betrübt“ zu sein.

Möglicher Weise zweifeln wir sogar an unserem Glauben, wenn unser Leben nicht glänzt. Den Glauben anderer finden wir ebenfalls nur dann überzeugend, wenn er durch besondere Zeichen erkennbar ist, denn wir messen uns und unsere Mitmenschen gerne an den Erfolgen. Eine kümmerliche Ausstrahlung beeindruckt uns nicht. Auch die Kirche sollte am liebsten mit großartigen Ereignissen auftrumpfen können, mit vollen Gotteshäusern, starken Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, blühender Mission. Wenn das alles fehlt, verzagen wir.

Doch diese Haltung kritisiert Paulus hier. Denn die Wirkung der Gnade Gottes lässt sich nicht am Äußeren messen. Es gibt überhaupt keinen erkennbaren Maßstab für ein erfolgreiches Christentum, keine Garantie für die Echtheit des Glaubens. Solche und ähnliche Gedanken und Wünsche verhindern sogar das Wirken der Gnade Christi, das „Aufgehen der Saat“.

Dieses Bild kommt in dem Gleichnis vor, das wir gehört haben. (Lukas 8, 4-15) Dort war davon die Rede, wie schwer es ist, die frohe Botschaft anzunehmen und dabei zu bleiben, d.h. die Gnade zu empfangen, wirklich zu glauben und „selig zu werden“. Zur der „Zeit der Anfechtung fallen viele ab“. Auch „Sorgen, Reichtum und Freuden des Lebens“ können die Gnade „ersticken“. Wir müssen Christus „in einem feinen, guten Herzen bewahren“, und uns in „Geduld“ üben, nur dann „bringen wir Frucht“.

Lassen Sie uns also fragen, wie wir zu dieser Haltung kommen können. Dazu gehört es als erstes, dass wir in unser Leben und in uns selber schauen und dabei so ehrlich wie möglich sind. Das ist nicht ganz einfach, denn vor vielen Vorgängen in unserer Seele, vor Sorgen und Problemen verschließen wir lieber die Augen. Keiner und keine möchte gerne leiden, schwach oder unvollkommen sein. Fehler und Schwierigkeiten geben wir nur ungern zu. Das Schöne und Positive ist uns lieber. Davon gibt es natürlich bei jedem und jeder etwas, wir sind keine schlechten oder unglücklichen Menschen. Aber es ist wichtig, dass wir uns ganz wahrnehmen und alles spüren, was in uns und in unserem Leben geschieht. Denn auch wir vereinen beides, Gutes und Schlechtes, Hass und Liebe, Klagen und Tanzen. Es ist nicht ratsam, wenn wir nur die eine Seite betrachten und erstreben, denn das Schwere lässt sich nicht auslöschen. Es gilt deshalb, dass wir beides relativieren und nichts überbewerten. Unser Heil entsteht nicht dadurch, dass es nur noch die schönen Seiten gibt, sondern dadurch, dass wir unser Leben annehmen. Alles hat seine Zeit“, das wusste auch schon der Prediger Salomo im Alten Testament. (Kap. 3) Wenn wir das beherzigen, ergibt sich eine Lösung auf einer ganz anderen Ebene als wir ahnen.

Denn auch zu uns spricht Christus Worte der Liebe, wir müssen nur zu ihm beten. Das hat Paulus getan. Er hatte eine persönliche Beziehung zu Christus und stand in einem Dialog mit ihm. Und sein Gebet bestand nicht nur darin, dass er etwas sagte und seine Wünsche vortrug, er hat vielmehr hingehört und etwas empfangen. Christus hat sich offenbart und ihm eine Deutung für sein Leiden gegeben, so dass Paulus sich selber loslassen konnte. Und das ist auch für uns entscheidend, dass wir unsere Gedanken und Wünsche loslassen und Christus in unser Leben hineinlassen.

Dann kann er in uns wirken. Er gibt uns neue Kraft, er verändert uns und führt uns weiter. Durch ihn bringen wir Frucht, vielleicht ohne dass wir das merken.

So war es schon immer. Es gibt in der Kirchengeschichte keine Gestalt, die eindeutig Gott wohl gefällig war und nur geglänzt hat. Ganz gleich, an wen wir denken, sie hatten alle ihre Licht- und Schattenseiten. Martin Luther ist dafür ein Beispiel, aber auch Heilige wie Franz von Assisi oder Mutter Teresa. Wir wissen um ihren starken Glauben, ihr Gottvertrauen und ihre Strahlkraft. Aber sie hatten ebenfalls dunkle Seiten: So hatte Martin Luther offensichtlich einen sehr schwierigen Charakter und war nicht nur von Liebe und Vertrauen, sondern auch von viel Groll, Hass und Bitterkeit erfüllt. Franz von Assisi pflegte eine extreme Feindschaft gegenüber seinem eigenen Leib. Und von Mutter Teresa wissen wir inzwischen, dass sie jahrelang schwerste Depressionen hatte. Trotzdem hat Christus durch sie und viele andere Großartiges bewirkt. Er hat seine Kirche trotz aller menschlichen Schwäche und gerade durch sie gebaut und erhalten. Denn „seine Gnade ist in den Schwachen mächtig“. Keiner und keine von uns muss ein perfekter Christ oder eine perfekte Christin sein. Das gibt es gar nicht. Es gibt aber die Gegenwart und Kraft Christi, die zu allen Zeiten bis heute wirkt. Denn Christus sucht sich immer wieder Menschen, die ganz von ihm her leben und ihn bezeugen können.

Bei Goethe ist die Liebe die Kraft, durch die Clärchen die Spannung zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“ ertragen hat. Die Liebe hat sie über alle Schwankungen des Herzens hinweg glücklich gemacht. Und diesem Gedanken folgen wir gern. Denn wir können alle bezeugen, dass die Liebe in der Tat eine seelische Regung mit großer Wirkung ist. Der Hinweis darauf ist die weise Antwort des Humanismus auf die Gegensätze des Lebens.

Doch darüber hinaus gibt es noch mehr, denn größer als unsere menschliche Liebesfähigkeit ist die Liebe Christi, die jeden Zwiespalt überwindet, die uns erlöst und „tröstet“. Er meint es gut mit uns und „hält uns väterlich in seinen Armen“. So hat es Samuel Rodigast 1675 in seinem Lied „Was Gott tut, das ist wohlgetan“  formuliert. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 372) In der Nähe Christi und durch seine Treue „weichen alle Schmerzen“. Wir sind eingeladen, Gott „walten“ zu lassen, uns ihm zu „ergeben“ und „in Freud und Leid“ bei ihm zu „bleiben“. Dann wird „seine Gnade in unserer Schwachheit mächtig“.

Amen.

Christus ist unser Lehrer

Predigt über 1. Korinther 2, 1- 10: Die Predigt des Apostels vom Gekreuzigten

2. Sonntag nach Epiphanias, 14.1.2018, 9.30 Uhr ,
L
utherkirche Kiel

1. Korinther 2, 1- 10

1 Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.
2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.
3 Und ich war bei euch in Schwachheit und bin Furcht und mit großem Zittern;
4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft,
5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.
7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,
8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«
10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Liebe Gemeinde.
Für viele Eltern scheint es eine Erziehungskatastrophe zu sein, wenn das Kind nicht auf dem Gymnasium landet. Die Anzahl der Jugendlichen auf Schulen, die zur Hochschulreife führen, ist deshalb in den letzten Jahrzehnten ständig gestiegen. Abiturzeugnisse erhalten inzwischen circa 40 Prozent der Schulabgänger; vor 20 Jahren waren es weniger als 30 Prozent. Das Abitur entwickelte sich zum begehrtesten Schulabschluss.
Denn Bildung und Wissen wird in unserer Gesellschaft großgeschrieben. So erwarten auch viele Firmen, dass ihre Mitarbeiter sich ständig fortbilden. Im Lehrerberuf ist dafür das Schlagwort vom „lebenslanges Lernen“ entstanden.
Und natürlich werden auch wir als Pastorinnen und kirchliche Mitarbeiter dazu angehalten, uns weiter zu bilden. Für die Nordkirche haben wir dafür z.B. das Pastoralkolleg in Ratzeburg. Da gibt es viele Angebote: eine Predigtwerkstatt, ein Kurs für inklusive Konfirmandenarbeit, ein Kolleg zur regenerativen Kirchenentwicklung, Studientage zur Trägerschaft von Kindertagesstätten usw.
Und das ist ja auch alles schön und gut. Es kann nicht Cschaden, wenn wir uns fortbilden und mental nicht stehen bleiben.
Aber war das eigentlich schon immer so? Wie sah es mit dem Fachwissen am Anfang der Kirche aus? Wie war Jesus, wie waren die Apostel ausgebildet? Auf jeden Fall haben sie keine Schule für Predigt, Mission oder soziale Fürsorge durchlaufen. Jesus war Zimmermann, Petrus und Andreas waren Fischer, Matthäus ein Zöllner, Judas ein Kaufmann, und von den anderen wissen wir nicht viel.
Nur der Apostel Paulus war vor seinem Wirken als Missionar einigermaßen kenntnisreich: In seiner Jugend wurde er zu einem Toralehrer ausgebildet und danach setzte er als Pharisäer das Studium der Schrift fort. Seine Briefe zeigen außerdem solide Kenntnisse der griechischen Rhetorik, er wusste etwas über Redeformen und Briefschemata.
Trotzdem grenzte auch er sich später von diesen Idealen und der griechischen Weisheit ab. Sein Auftreten scheint nicht besonders redegewandt gewesen zu sein, das lesen wir an einigen Stellen in seinen Briefen, so auch in dem Abschnitt, der heute unsere Epistel und unser Predigttext ist. Paulus schreibt dort: „Als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, […] ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.“ Ihm fehlte also offensichtlich die Gabe der freien Rede, die bei den Griechen hoch angesehen war. Es gab dort sehr viel geschultere Leute, die die Kunst der Rhetorik beherrschten. Paulus konnte da nicht mithalten, und das wurde ihm offensichtlich vorgeworfen, denn er verteidigt sich hier.
Und dafür betont er, dass er an all diesen Künsten auch gar nicht interessiert ist. Denn was er zu verkünden hat, ist kein Wissen, sondern „das Geheimnis Gottes“, und damit meint er das Evangelium. „Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“
Das hatte die Korinther ja offensichtlich auch überzeugt. Immerhin hatte Paulus dort – wie in vielen anderen Orten – eine Gemeinde gegründet. In seiner Predigt muss also eine andere Kraft gelegen haben, als die der geschulten Ausdrucksweise. Und die benennt er hier auch: „Mein Wort und meine Predigt geschahen in Erweisung des Geistes und der Kraft.“ Gott selber war gegenwärtig, als Paulus predigte, und hat durch ihn gewirkt, so dass der Glaube der Korinther nicht auf „Menschenweisheit stand, sondern auf Gottes Kraft.“
Und damit sagt Paulus, dass die Christen all das, was die Griechen und auch die Juden lernten und wussten, nicht brauchen. Um in dieser Welt zu bestehen, reicht Christus, der Gekreuzigte. In ihm allein liegt der Grund unseres Heils. Es gilt, sich ihm anzuvertrauen, ihm das Leben zu übergeben.
Paulus spricht bewusst von dem „Geheimnis Gottes“. Das griechische Wort, das dafür hier steht, ist „Mysterium“, und das benutzen wir auch. Es bezeichnet immer einen Vorgang oder ein Geschehen, das wir nicht wirklich begreifen können. Es entzieht sich dem Verstand. Mit unserem Wissen oder unserer Klugheit dringen wir da nicht ein. Wir werden vielmehr in ein Geheimnis hineingezogen, wenn wir uns ihm nähern, es ergreift uns und kann sich nur selber enthüllen. Wir müssen das nur geschehen lassen.
Weiter unten greift Paulus diesen Gedanken noch einmal mit einem Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja auf. Er beschreibt das „Geheimnis Gottes“ folgendermaßen: „»Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.“ Er sagt damit sehr deutlich, dass der Glaube keine Verstandessache ist. Es geht vielmehr um eine Offenbarung Gottes an diejenigen, die ihn lieben, und das heißt um einen Lebensvollzug. Wer an Jesus Christus glaubt, kann damit rechnen, dass er unerhörte Dinge erfährt. Er muss nicht viel wissen, klug und gebildet sein, sondern sich vor allem ganz auf Christus verlassen. Er ist das Licht und die Kraft, durch die wir die „Tiefen der Gottheit erforschen.“
Das ist hier die Botschaft des Paulus, und die ist immer noch wichtig. Auch wir sind eingeladen, uns an Christus zu wenden, wenn wir erkennen wollen, was wirklich zählt und wichtig ist. Unser Wohlergehen, unsere Freiheit und unser Weiterkommen hängen nicht von einem hohen Schulabschuss ab. Wir finden es nicht durch Wissen und Bildung, sondern in der Liebe Christi, im Vertrauen auf die Kraft Gottes und durch seinen Geist.
Die Frage ist allerdings, ob wir das überhaupt wollen und für richtig halten. Entziehen wir uns damit nicht der Verantwortung für die Welt und für unsere Mitmenschen? Was ändert sich denn in unserem Leben, in der Kirche, in der Gesellschaft, wenn wir nur noch auf Gott vertrauen? Was gewinnen wir? Und bleiben wir damit auch am „Ball der Zeit? Entwickeln wir uns weiter?
Das müssen wir uns fragen, und dabei ist es gut, wenn wir so ehrlich wie möglich sind und genau hingucken. Dazu können wir den Spieß einmal umdrehen und die Gegenfrage stellen: Wo kommen wir eigentlich hin, wenn wir immer nur mehr wissen wollen, reden, lernen und studieren? Ist das verantwortungsbewusst? Unser Bildungshunger hat ja auch viele Schattenseiten. Es fängt schon mit dem Wahn an, dass die Kinder alle am besten aufs Gymnasium gehen sollten. In der letzten Grundschulklasse entsteht dadurch ein großer Druck. Eltern und Kinder leiden und sind oft am Rand der Verzweiflung, dann nämlich, wenn ihr Kind den gewünschten Schritt in die höhere Schule eventuell nicht schafft. Der Übertritt in der vierten Klasse wird von Eltern oft als die „schlimmste Zeit ihres Lebens“ empfunden.
Und in der Kirche werden wir durch den Fortbildungseifer sehr kopflastig. Wir halten alles für machbar, und merken gar nicht, dass es in unserem Gemeinden und Einrichtungen immer weltlicher zugeht. Wir glauben mehr an unsere Fähigkeiten, als an die Kraft Christi, und das macht viele irgendwann krank. Sie sind ausgelaugt und arbeitsunfähig. In unserem Kirchenkreis sind davon tatsächlich einige Pastoren und Pastorinnen betroffen.
Wir müssen also ehrlicher Weise erkennen: Bei dem, was wir für erstrebenswert halten, verlieren wir das Bewusstsein dafür, dass der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. Wir reduzieren unser Menschenbild und sehen nicht mehr die Ganzheit des Lebens. Unser Bewusstsein ist in weiten Strecken eingeschränkt und nicht in Kontakt mit der Wirklichkeit. Das müssen wir als erstes zugeben.
Dann klingen die Aussagen von Paulus schon ganz anders. Wir merken: sie sind nicht verantwortungslos, sondern nehmen den ganzen Menschen in den Blick. Wir müssen nicht alles wissen, wir dürfen auch mal krank und schwach sein, es ist nicht schlimm, wenn wir unscheinbar sind und nicht alles schaffen. Im Gegenteil, genau durch diese Menschen erweist Gott seine Macht. Denn sie haben in Christus einen, der sie liebt und sich ihnen zuwendet. Er ist bei ihnen und erfüllt sie mit seinem Geist. Durch Jesus ist das „Geheimnis Gottes“ in diese Welt gekommen, und das ist viel größer, als alles, was wir durch unsere wissenschaftlichen Künste erfassen können. Er wirkt weiter und verleiht unserem Leben eine tiefe Erfüllung.
Und damit das geschehen kann, sollten wir uns in ganz anderen Fähigkeiten schulen, gerade, wenn wir in der Kirche mitarbeiten. Es ist wichtig, dass wir vom Geist Christi erfasst werden, auf ihn vertrauen und uns ihm hingeben. Dafür gibt es in den Fortbildungsprogrammen kaum Kurse. Sie werden eher in Klöstern abgehalten, als in Seminaren, dort, wo bereits Menschen leben, die hauptsächlich ihre innere Aufmerksamkeit trainieren, sich im Schweigen und Zulassen üben. Wir brauchen, um das umzusetzen, was Paulus meint, überwiegend Räume und Zeiten der Stille und des Gebetes.
Darüber stand im Journal der Kieler Nachrichten vom 6. Januar ein sehr schöner Artikel. Der freie Autor Bert Strebe vertritt dort dieselbe Meinung – dass wir mehr Stille brauchen – und erwähnt am Anfang eine Studie, die 2014 an der Universität von Virginia durchgeführt wurde. Er schreibt: „Die Probanden mussten ihre Handys abgeben und wurden aufgefordert, eine Viertelstunde lang in einem leeren Raum auf einem Stuhl zu sitzen. Nichts weiter. 15 Minuten sitzen, denken, schweigen. Ergebnis: die meisten fanden es schwer, die Stille und die eigenen Assoziationen auszuhalten.“ Sie wären dem gern ausgewichen.
Und das ist ein Merkmal unserer Zeit. Normalerweise umgeben uns viele Geräusche, „Unruhe und Rastlosigkeit begleiten uns.“ Dabei ist es erwiesen, dass die Stille „die kognitiven Leistungen verbessert, dass Besinnung und Konzentration auf sich selber helfen, Ängste zu überwinden. Zwei Minuten Stille senken den Blutdruck, zwei Stunden Stille steigern die Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln, kreativ zu sein.“ So der besagte Artikel. Dabei war dort nicht von Religiosität oder Glaube die Rede, sondern nur von neuropsychologischen Erkenntnissen aus der Hirnforschung.
Umso mehr sollten wir als Christen uns das zu Herzen nehmen. Für uns kann die Stille noch viel mehr beinhalten. Sie bietet uns die Möglichkeit, in das „Geheimnis Gottes“ einzudringen. Denn wir setzen uns nicht einfach nur hin und tun nichts, wir empfangen dabei vielmehr das Geschenk, das Gott uns durch Jesus Christus gemacht hat. Das Schweigen kann dazu dienen, unseren Verstand einmal zur Ruhe kommen zu lassen und von unseren weltlichen Zielen Abstand zu nehmen. Jesus Christus ist selber diesen Weg gegangen, in aller Konsequenz. Bis in den Tod hat er sich selber losgelassen und sich Gott anvertraut. Und am Ende wurde ihm genau dadurch neues Leben geschenkt. Er ist von den Toten auferstanden und lebt heute noch. Deshalb kann er unseren Geist erleuchten, d.h. uns Klarheit und die richtige Erkenntnis geben. Er kann unseren Lebenswandel fördern, uns ruhig uns ausgeglichen machen. Er lässt unser Leben gelingen und setzt schöpferische Kräfte frei. Denn wir werden durch ihn geheilt. Wir werden gestärkt und befreit und gewinnen die ewige Erlösung. Wenn wir uns ihm anvertrauen, entziehen wir uns also nicht der Verantwortung, wir werden ihr vielmehr gerecht.
Und das ist ebenfalls ein lebenslanger Weg, ein Prozess, der nie aufhört. Wir bleiben durch das Vertrauen auf Jesus innerlich nicht stehen, sondern entwickeln uns stetig weiter. Es gibt sogar kaum eine Übung, bei der unser Geist und unsere Seele mehr gefordert werden, denn wir lassen immer wieder Altes los, überkommene Ideen und Gewohnheiten, wir werden offen und bleiben ganz von selber nah an den Fragen der Zeit. Und das wichtigste ist: wir werden vom Geist Gottes erfüllt. Das „Geheimnis Gottes“ bleibt lebendig, wir lassen eine Wirklichkeit zu, die tiefer geht als alle weltlichen Vorgänge, und sorgen dafür, dass die Kraft des Geistes das Dunkel der Welt durchdringt.
Lassen Sie uns deshalb getrost unser Leben ganz in die Hand Christi legen.

Amen.