Das Pfingstwunder

Predigt über Apostelgeschichte 2, 1- 21: Das Pfingstereignis
Woche vor Pfingsten, Donnerstag, 20.5.2026, 10 Uhr
Altenzentrum St. Nicolai, Kiel

Apostelgeschichte 2, 1- 18

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?
8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,
11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!
15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;
16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):
17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;
18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.
19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf;
20 die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe der große Tag der Offenbarung des Herrn kommt.
21 Und es soll geschehen: wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

Liebe Gemeinde.

Einmal im Jahr besinnen – mindestens – uns darauf, wie der christliche Glaube in die Welt kam, wie die ersten Menschen überzeugt wurden, dass Jesus Christus lebt, und wie dann die Urgemeinde und die Kirche entstanden. Wir tun das am Pfingstfest.

Die Erzählung darüber steht am Anfang der Apostelgeschichte im zweiten Kapitel. Sie beginnt mit der Feststellung, dass die Jünger seit genau 50 Tagen alle in Jerusalem in einem Haus zusammen waren. Sie hielten sich versteckt, denn sie hatten Angst. Sie glaubten zwar an die Auferstehung Jesu und hatten sich auch nicht getrennt, aber sie waren unsicher und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Auf jeden Fall trauten sie sich mit ihrem Glauben nicht an die Öffentlichkeit. Sie fürchteten sich vor den Juden und den Römern. Ihre Sorge war, dass sie wie Jesus hingerichtet würden, wenn sie sich öffentlich zu ihm bekennen würden. Deshalb zogen sie sich lieber zurück. Sie behielten das, was sie glaubten, für sich.

Doch dann, am Pfingstfest der Juden, geschah ein Wunder: Der Heilige Geist kam auf sie herab. „Plötzlich geschah ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“ Und weiter heißt es: „Es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen.“

Wind und Feuer waren mit einem Mal da, und beides sind ja Energien: Der Wind bewegt alles, was ihm begegnet. Wo vorher Stillstand war, ist plötzlich was los. Er kann auch so stark werden, dass er zerstört: Er hat also außerdem Macht und Gewalt. Und so ähnlich ist es mit dem Feuer: Das ist ebenfalls eine Kraft, die nützen und zerstören kann. Es wärmt und erhellt, und kann gleichzeitig sehr gefährlich werden und alles verwüsten. Trotzdem sind beides, der Wind und das Feuer sehr gute Bilder für den Heiligen Geist: Auch er ist Energie und Kraft, er setzt in Bewegung, er erwärmt und erleuchtet.

Und mit dieser Energie ist die Kirche entstanden, sie ist ihr Ursprung. Das erkennt man in der Geschichte an den Folgen dieses Wunders. Im Anschluss an die Ausgießung des Heiligen Geistes verließen die Jünger nämlich ihr Versteck, sie gingen auf die Straße und fingen an, von Jesus Christus zu reden. Sie waren plötzlich so begeistert, dass sie sich nicht mehr zurückhalten wollten. Und jeder verstand sie, „denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“

Dieses Ereignis wird als das „Sprachenwunder“ bezeichnet. Gott löste damit alle Hindernisse zwischen den Menschen auf. Er öffnete die Lippen der Apostel und die Ohren der Hörenden. Eine wunderbare Verständigung trat ein, der Geist steckte alle an, und viele wollten sich später taufen lassen.

Der Heilige Geit kann also Menschen bewegen und ihr Denken erhellen. Er bewirkt neue Einsichten, Mut und Zuversicht. Ängste verschwinden. Wen er ergreift, der kann reden und andere verstehen. Barrieren fallen, es entsteht Gemeinschaft und Liebe. So ist durch den Heiligen Geist die Kirche entstanden.

Und das muss auch heute geschehen, wenn sie lebendig bleiben soll. Das wünschen wir uns alle. Oft machen wir uns Sorgen, dass sie eingeht und an Bedeutung verliert. Die Mitgliederzahlen nehmen ab, Gottesdienst sind schlecht besucht, es fehlt die rechte Kraft und Begeisterung. Auch wir brauchen den heiligen Geist, der neues Leben schafft. Lassen Sie uns deshalb fragen, wie er zu uns kommen kann. Die Jünger sind dafür ein schönes Beispiel. Drei Dinge haben sie praktiziert, bevor das Pfingstwunder geschah, die ausschlaggebend waren:

Das erste war ihr Gehorsam und ihr Vertrauen in Jesus. Sie handelten so, wie er es ihnen aufgetragen hatte. Es steht am Ende des Lukasevangeliums: „Ihr sollt in der Stadt bleiben, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe.“ (Lukas 24,49) Und das taten sie gegen die Vernunft und besseres Wissen. Ihnen war nicht wirklich klar, wozu das gut sein sollte, aber sie gehorchten, auch gegen die Angst und die Unsicherheit.

Als zweites warteten und beteten sie, d.h. sie blieben mit Gott in Verbindung, hielten ihre Überzeugung lebendig und fanden im Gebet Trost und Zuversicht. Es gab ihnen sicher auch die Geduld, die nötig war, Hoffnung und Freude.

Und drittens ist wichtig, dass sie zusammenblieben. Sie bildeten eine verschworene Gemeinschaft und hielten sich aneinander fest. Das waren die Voraussetzungen dafür, dass die Kraft des Heiligen Geistes sie ergreifen konnte.

Und das ist auch für uns wichtig, wenn wir ihn auch wir empfangen wollen. Wenn wir das beachten und genauso handeln, wie die Jünger, kann er uns ergreifen und erfüllen: Wir müssen  an Jesus Christus glauben und ihm vertrauen, geduldig auf sein Kommen warten, beten und zusammenhalten. Dann werden wir bewegt, Christus kann in uns einziehen und Gemeinschaft stiften. Wir werden lebendig und zuversichtlich.

Dafür müssen auch wir die Vernunft tatsächlich einmal pausieren lassen, unsre Gedanken loslassen und unser Fragen einstellen. Die haben wir alle, wir sind auch oft unsicher und haben Angst, wie die Jünger. Wir wissen nicht, wie es weitergeht, machen uns Sorgen und sind ratlos. Es ist kein schöner Zustand, doch es, gilt dass wir ihn einfach einmal aushalten und etwas von Gott zu erwarten. Wir sind eingeladen, uns für Gehorchen und Vertrauen, Beten und zusammen halten zu entscheiden. Wir können es, weil uns etwas Großartiges geschenkt wurde: Jesus selber ist bei uns durch seinen Heiligen Geist. Er will in uns einziehen und er kann etwas bewirken. Wir müssen ihn nur gewähren lassen.

Möglicherweise ist sein Handeln nicht besonders aufsehenerregend, und es geht auch nicht laut zu. Nach außen geschieht nichts Spektakuläres. Die Kirche wird nicht plötzlich wieder boomen, es strömen uns nicht die Menschenmassen zu. Trotzdem ist es ganz viel, wenn Christus uns seinen Geist schenkt und uns Mut macht. Er erfüllt und befreit uns. Wir werden innerlich warm und ruhig. Außerdem entsteht Gemeinschaft, denn wir werden geduldiger miteinander, können zuhören und mitfühlen, uns gegenseitig annehmen und füreinander da sein. Und all das sind die Merkmale einer lebendigen Kirche. Wo das geschieht, ist es gut um sie bestellt. Es kommt nicht auf viele Menschen an, sondern darauf, dass die Wenigen wirklich erfüllt sind vom Heiligen Geist und Gott die Ehre geben. Lassen Sie uns deshalb dafür offen sein.

Amen.

Jesus ist unser guter Hirte

Predigt über 1. Petrus 2, 21b- 25: Der Hirte und Bischof der Seelen
2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 18.4.2026, 18 Uhr, Lutherkirche Kiel

1. Petrus 2, 21b- 25

21b Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Liebe Gemeinde.

Ein Mensch trifft etwa 20.000 bis 35.000 Entscheidungen pro Tag. Das ist eine Schätzung aus der Neurowissenschaft. Die überwiegende Mehrheit davon sind unbewusste Kleinigkeiten, wie zum Beispiel die Wahl der Kleidung, was gegessen wird oder wann man aufsteht. Das meiste geschieht, ohne dass wir darüber nachdenken. Nur ein Bruchteil wird bewusst reflektiert. Und bei diesen Entscheidungen kann man sich natürlich auch mal irren, bei der Berufswahl z.B., bei Menschen, auf die wir uns einlassen, Geldanlagen, Reisezielen usw. Oft wissen wir nicht genau, wo es am besten lang geht, und merken erst später, dass wir uns geirrt haben.

In unserem Predigttext wird diese Situation bildlich umschrieben, denn da ist am Ende ja vom Umherirren die Rede, und zwar von „irrenden Schafen“. Dem Schreiber geht es dabei hauptsächlich um den Hirten, der den Schafen hilft, ihren Weg zu finden. Schafe haben keinen eingebauten Orientierungssinn. Sie gehen einfach nur immer weiter. Man muss ihnen den Weg zeigen und aufpassen, dass sie sich nicht zerstreuen. Und dafür brauchen sie den Hirten. Er ist hier ein Gleichnis für Jesus Christus: So wie die Schafe sich ohne den Hirten verlaufen würden, ginge es uns ohne Christus. „Er ist der Hirte und Bischof unserer Seelen“, d.h. unser Hüter und Bewahrer. Auf diese Botschaft läuft der Textabschnitt hinaus.

Das Ganze ist so eine Art Christushymnus, mit dem der Verfasser die Zuhörer oder Leserinnen ermahnen und auch ermutigen möchte. Er stellt Christus als Vorbild hin und gleichzeitig als den Erlöser und Retter.

Dabei werden wir zur Geduld ermahnt: Falls uns Unrecht zugefügt wird, sollen wir es erleiden, genauso wie Christus es getan hat. Er hat es schweigend auf sich genommen, ohne Gleiches mit Gleichem zurückzugeben. Er hat seine Sache Gott anheimgestellt, und so sollen auch die Christen und Christinnen das Gericht Gottes nicht in eigener Regie vorwegnehmen, sondern ihre manchmal leidvolle Situation annehmen. Das ist der erste Teil dieses Lehrstücks.

Danach gibt der Verfasser aber noch mehr zu bedenken. Es folgt eine Motivierung und Begründung für diese christliche Leidensnachfolge. Letzten Endes bedeutet sie nämlich Freiheit und Heilung, die Christus uns nicht nur vorgelebt, sondern auch bewirkt hat. „Er hat unsere Sünde selber an das Kreuz hinaufgetragen“, heißt es, und er hat uns damit von der Herrschaft der Sünde frei und los gemacht. Er hat den üblichen Automatismus von Schmähung und Widerschmähung zerbrochen und damit das Heil bewirkt. Alle, die an ihn glauben, können deshalb in derselben Freiheit leben wie er. Das ist ihre neue Ausrichtung, ihr Ziel, das das Leben gestalten und prägen soll. Sie können ihre alten Gewohnheiten hinter sich lassen, umdenken und eine ganz andere Geisteshaltung einnehmen. Denn mit Christus hat etwas Neues angefangen, was dann am Ende mit dem Bild von dem „Hirten und Hüter der Seelen“ zusammengefasst wird. Man kann auch übersetzen: „Aufseher, Wächter, Leiter, Beschützer und Bewahrer.“ D.h. er zeigt den Weg, gibt Orientierung, nach ihm kann man sich ausrichten, und zwar in jeder Hinsicht. Er ist das Vorbild und gleichzeitig derjenige, der den Weg begleitet und überhaupt erst möglich macht. Von ihm kommt das Heil, das zur Überwindung führt. Das will unser Predigttext uns sagen.

Lasst uns also fragen, wie das vor sich gehen kann. Hilft diese Botschaft uns z.B., wenn wir Entscheidungen zu treffen haben? Normalerweise leiten uns dabei ja unsere Interessen und Wünsche, Sehnsüchte und manchmal auch Begierden. Jedenfalls suchen wir meistens unseren Vorteil, unser Wohlbefinden, unseren Erfolg. Um das zu erreichen, gebrauchen wir unseren Verstand, denken nach und wägen ab. Auch unsere Gefühle spielen oft eine Rolle, wenn wir uns entscheiden müssen.

Und das alles sind auch ganz gute Mittel. Trotzdem führen sie uns manchmal in die Irre, denn wir erkennen nie die gesamten Folgen. Dafür müssten wir in die Zukunft schauen können, und das ist nicht möglich. Deshalb stellt sich oft erst später heraus, dass etwas nicht richtig war, und die Dinge entwickeln sich negativ. Auf der Weltbühne sehen wir gerade, was z.B. Kriege anrichten, Machtwille und Gier. Sie führen zu Tod und Zerstörung.

Aber auch im privaten Leben kann so etwas geschehen. Irgendwann fragen wir uns eventuell: Wollte ich nicht mal etwas ganz anderes? Macht meine Arbeit noch einen Sinn? Liebe ich meinen Partner bzw. meine Partnerin wirklich? Habe ich meine Kinder richtig erzogen? Oder wenn ich keine Kinder habe, kommt die Frage, ob das richtig war? Unsere Pläne können scheitern, und wir stellen fest, dass wir die falschen Entscheidungen getroffen haben, mit denen wir uns und auch anderen viel Leid zufügen. Und diese Erkenntnis kann quälend werden. Sie kann dazu führen, dass wir uns verloren und schuldig fühlen, Angst haben oder sogar krank werden.

Wir fühlen uns wie „irrende Schafe“ und brauchen noch mehr, als unsere Entscheidungsfreiheit. Wir brauchen den Zugang zu einer Wirklichkeit, die uns auch dann noch trägt, wenn unser eigener Plan fehlschlägt, einen größeren Raum der Geborgenheit, der ganz unabhängig von unserem individuellen Lebensentwurf da ist. Und genau das ist gemeint, wenn wir von Christus als dem „Hüter und Hirten unserer Seelen“ reden. Damit wird diese andere Wirklichkeit beschrieben, die uns vor dem Abgrund bewahren kann, denn Christus gibt uns in ganz anderer Weise Wegweisung und Bewahrung, als wir das selber jemals vermöchten.

Doch wie kann das nun konkret geschehen? Was müssen wir tun, damit Jesus uns führt und beschützt? Das fragen wir uns, und dazu sind mir drei Dinge eingefallen.

Zunächst einmal ist es gut, wenn wir einfach nur auf Christus schauen, ihn tatsächlich als Vorbild nehmen. Das können wir wörtlich verstehen und uns sein Bild vor Augen halten, uns ihn vorstellen und seinem Vorbild folgen. Wir denken dabei nicht mehr nach, sondern sind nur da, werden ruhig und setzen uns ihm aus. Wir warten, bis sein Bild eine Wirkung entfaltet. Das Wollen wird dann weniger, und das Vertrauen wächst. Wir verweilen in seiner Gegenwart und lassen uns auf ihn ein. Wir begeben uns in sein Kraftfeld und merken, was er alles für uns tut. Das ist der erste Schritt.

Als zweites können wir zu ihm beten. Das haben Christen immer getan, es ist ein wesentliches Element unseres Glaubenslebens. Dabei sind mir in diesem Zusammenhang Bitten eingefallen, die bei der 6. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen im Jahr 1983 in Vancouver formuliert wurden. Diese Konferenz war ein bedeutender Moment für ökumenische Gebete und Liturgie. Ein zentrales Ergebnis war der Aufruf zum „Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. Es ist ein Gottesdienstbuch entstanden, und daraus stammen Bitten, die charakteristisch für Friedensgebete geworden sind. Seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges bringen wir sie regelmäßig in unserer Morgenandacht am Dienstag hier in der Lutherkirche vor Gott. Sie enthalten die Bitte um Führung und lauten folgendermaßen: „Führe uns vom Tod zum Leben, vom Irrtum zur Wahrheit. Führe uns vom Zweifel zur Hoffnung, von der Angst zum Vertrauen. Führe uns vom Hass zur Liebe, vom Krieg zum Frieden. Lass Frieden erfüllen unser Herz, unsere Welt und das All.“

Wir bitten Jesus Christus damit nicht um Einzelheiten, nicht um die Erfüllung unserer persönlichen Wünsche und auch nicht um konkretes Eingreifen in das Weltgeschehen. Wir besinnen uns vielmehr auf übergeordnete Tugenden, auf allgemeine Werte unseres Menschseins, auf das Leben und die Wahrheit, Hoffnung und Vertrauen, Liebe und Frieden. Da möge er uns „hinführen“, als „Hirte und Bischof unserer Seelen“.

Er hat es uns selber vorgelebt und er wird es uns schenken. Dass ist der dritte Punkt. Wir gehen ihm nach, und plötzlich hört das Fragen auf. Alles relativiert sich. Wir merken, darum geht es in Wirklichkeit. Unsere eigenen Interessen und Entscheidungen sind gar nicht so wichtig, unser Wünschen und Wollen wird kleiner. Was Christus uns vermittelt, ist viel tiefer und sinnvoller. Der Halt, den er uns gibt, ist fester als alles andere. Die Gedanken sortieren sich, der Geist wird klar. Wir werden friedlich und können loslassen.

Und was auch dazu gehört: Wir können es verkraften, wenn wir falsche Entscheidungen getroffen haben. Denn falls wir dadurch schuldig geworden sind, wird uns vergeben. Wir können die Irrwege annehmen, auf denen wir uns oft bewegen, und werden leidensfähiger. Unsere innere Ruhe ist nicht mehr abhängig von der Situation, in der wir sind. Es muss nicht alles optimal laufen. Lasten fallen von uns ab, die Unsicherheit verschwindet, Zweifel und Schuld bedrängen uns nicht mehr. Wir merken: Jesus Chrsitus ist wirklich der „Hirte und Hüter unserer Seelen“, Aufseher, Wächter, Leiter, Beschützer und Bewahrer. Darauf können wir uns verlassen und ihm getrost folgen.

Amen.

Empfang des Abendmahls

Predigt über Matthäus 26, 17- 30: Das Abendmahl
Gründonnerstag, 2.4.2026, 10 Uhr, Altenzentrum St. Nicolai, Kiel

Matthäus 26, 17- 30

17 Aber am ersten Tage der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten?
18 Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passa feiern mit meinen Jüngern.
19 Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm.
20 Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen.
21 Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.
22 Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln, ihn zu fragen: Herr, bin ich’s?
23 Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten.
24 Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.
25 Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich’s, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.
26 Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib.
27 Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus;
28 das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.
29 Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von neuem davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.
30 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Das ist die Geschichte von der Einsetzung des Abendmahls, wie sie im Matthäusevangelium steht. Jesus selber hat es gestiftet, das geht daraus hervor, und zwar als er das letzte Mal mit seinen Jüngern das Passafest feierte, einen Tag vor seinem Tod. Im Mittelpunkt dieses Festes stand traditionell ein feierliches Abendessen, bei dem es Lammbraten gab.

Am Anfang dieser Geschichte geht es erstmal um die Raumsuche und das Besorgen der Zutaten. In den Gesprächen am Tisch erklärt Jesus dann, dass „seine Zeit nahe ist“, und damit meint er die Stunde seines Sterbens. Es wird also ein Abschiedsfest. Deshalb sollen alle daran teilnehmen.

Die Stimmung ist dadurch wahrscheinlich sehr ernst. Jesus spricht nämlich außerdem davon, dass einer von den Jüngern ihn verraten wird, und er identifiziert denjenigen auch. Es kommt sogar zu einer direkten Gegenüberstellung zwischen ihm und Judas. „Bin ich’s?“ fragt Judas, und Jesus antwortet: „Du sagst es“. Das ist der Höhepunkt dieser Verratsankündigung, mehr erzählt Matthäus darüber nicht. Dass Judas daraufhin z.B. den Saal verlässt, wird hier nicht gesagt. Die Erzählung geht vielmehr nahtlos in die Einsetzung des Abendmahls über. Vielleicht war es diesem Evangelisten wichtig, dass alle Jünger noch dabei waren.

Den Text, der dann kommt, kennen wir sicher alle, denn er ist Bestandteil jeder Abendmahlsliturgie. Es sind die sogenannten Einsetzungsworte, und sie waren sicher auch schon in der Zeit, als Matthäus sein Evangelium schrieb, liturgischer Teil der Gemeindefeier. Man will sich damit an das Handeln Jesu erinnern. Wenn wir das Abendmahl feiern, machen wir es so, wie Jesus es mit seinen Jüngern getan hat, und auf seine Weisung hin. Dabei ist wichtig, dass Jesus das Brot bricht und die gebrochenen Brotstücke seinen Jüngern gibt. Er fordert sie auf, sie zu nehmen und zu essen, und damit wird auf die Besonderheit dieses Brotes aufmerksam gemacht. Die Bedeutung schließt sich auch gleich an. Jesus sagt: „Das ist mein Leib“. Und damit stiftet er das Sakrament. Er selber geht jetzt in den Tod, aber er hinterlässt den Jüngern etwas, womit er bei ihnen bleiben wird, denn er selber bleibt im Brot gegenwärtig, es vertritt ihn. Und genauso ist es mit dem Wein, den er ihnen ebenfalls mit der Aufforderung zum Nehmen reicht. Sie sollen alle daraus trinken, und er deutet ihn ganz ähnlich wie das Brot: „Das ist mein Blut“, sagt er. Es ist der zweite Teil des Sakraments. Immer wenn sein Blut gereicht wird, wird der in den Tod Dahingegebene präsent, und die Vergebung der Sünden wird wirksam.

Die Teilnahme an diesem Mahl vermittelt also allen, die es einnehmen, die ganz persönliche Gemeinschaft mit Christus. Sie werden in den Bund aufgenommen, der mit seinem Tod geschlossen wurde, und sie erfahren das Heil, das in der Ver­gebung der Sünden beschlossen liegt. Sie ist ja das Element des Christenlebens, durch das der Glaubende gerettet und befreit wird, sie ist genauso wichtig wie die Atmung. Wir empfangen beim Abendmahl demnach eine Kraft, die uns am Leben erhält. Das kann man dieser Geschichte entnehmen.

Doch wie können wir das nun wirklich spüren und erleben? Das müssen wir uns fragen, und dabei kann uns ein Lied helfen, das in unserem Gesangbuch steht. (EG 218) Johann Franck, ein Zeitgenosse Paul Gerhards, hat es geschrieben, und es handelt davon, dass wir uns innerlich auf das Abendmahl auch vorbereiten und uns seine Bedeutung bewusst machen müssen. Johann Franck lebte von 1618 bis 1677 in Guben, in der Niederlausitz. Er war von Beruf Rechtsanwalt, als Hobby pflegte er allerdings schon sehr früh die Dichtkunst. Es gibt von ihm zahlreiche Gedichte und auch geistliche Lieder, die er auch schon zu Lebzeiten einmal herausgegeben hat. Im Stammteil des evangelischen Gesangbuches sind dieses Abendmahlslied und der Choral „Jesu, meine Freude“ (EG 396) aufgenommen worden. Die erste Strophe lautet:

„1. Schmücke dich, o liebe Seele, lass die dunkle Sündenhöhle, komm ans helle Licht gegangen, fange herrlich an zu prangen! Denn der Herr voll Heil und Gnaden will dich jetzt zu Gaste laden; der den Himmel kann verwalten, will jetzt Herberg in dir halten.“

Das Lied beginnt in dieser ersten Strophe mit einem Selbstgespräch: der Dichter wendet sich nach innen und spricht mit seiner Seele. Er fordert sie auf, sich zu „schmücken“, sich also schön zu machen so, wie man das für ein Fest oder ein Rendezvous tut. Sie soll aus der „dunklen Sündenhöhle“ ins „helle Licht“ kommen, sich also aus ihren eigenen Verstrickungen lösen, sich aufmachen und in Bewegung setzen. Denn sie hat eine Einladung erhalten. Ein guter und liebender Herr, der ihr Leben und neues Heil schenken möchte, will sie als sein Gast bei sich haben. Es ist der Höchste selber, der „den Himmel verwalten kann“. Er will die Seele bei sich haben, und er will in sie einziehen und in ihr wohnen.

In den nächsten Strophen geht es dann um das Abendmahl, und der Dichter formuliert seine Betrachtung darüber immer wieder als Gebet. Er kann über das Abendmahl nicht einfach so nachdenken. Er macht sich vielmehr im Gespräch mit Christus bewusst, was es für ihn bedeutet. Die folgenden Strophen lauten:

2. Ach wie hungert mein Gemüte, Menschenfreund, nach deiner Güte; ach wie pfleg ich oft mit Tränen mich nach deiner Kost zu sehnen; ach wie pfleget mich zu dürsten nach dem Trank des Lebensfürsten, dass in diesem Brot und Weine Christus sich mit mir vereine.
3. Heilge Freude, tiefes Bangen, nimmt mein Herze jetzt gefangen. Das Geheimnis dieser Speise und die unerforschte Weise machet, dass ich früh vermerke, Herr, die Größe deiner Werke. Ist auch wohl ein Mensch zu finden, der dein Allmacht sollt ergründen?
4. Nein, Vernunft, die muss hier weichen, kann dies Wunder nicht erreichen, dass dies Brot nie wird verzehret, ob es gleich viel Tausend nähret, und dass mit dem Saft der Reben uns wird Christi Blut gegeben. Gottes Geist nur kann uns leiten, dies Geheimnis recht zu deuten!

Der Dichter macht sich in der zweiten Strophe seine Sehnsucht nach dem Abendmahl bewusst. Im Abendmahl erfährt er die Güte Christi, und ohne die kann er nicht leben. Er „hungert“ danach, besonders, wenn er leidvolle Situationen durchmacht. Christus ist für ihn der „Lebensfürst“, d.h. einer, der Leben verheißt, der es gibt und erhält. Im Abendmahl kann sich der Beter mit ihm vereinen und dadurch innerlich lebendig werden. Er merkt dabei auch, dass in dieser Speise ein Geheimnis verborgen bleibt, das in ihm so eine Art heiligen Schauer bewirkt. „Heilige Freude und tiefes Bangen“ durchströmen ihn. Er spürt dabei also etwas von der Größe und Allmacht Gottes, die sich nicht ergründen lässt, in die er beim Empfang des Abendmahls aber hineingenommen wird. Die „Vernunft“ muss hier „weichen“, begreifen und verstehen kann man das alles nicht. Es bleibt ein Wunder, dass es dieses Brot gibt, das es nie verzehrt wird und von der Einsetzung bis heute immer wieder Menschen sättigt. Um dieses Geheimnis zu deuten, brauchen wir den Geist Gottes, d.h. wir selber können nichts anderes tun, als uns einfach dafür zu öffnen und mit seiner Nähe zu rechnen.

In den letzten beiden Strophen spricht der Dichter nun ganz direkt mit Jesus, er redet ihn an und überschlägt sich geradezu mit Ausrufen des Dankes und Lobes:

„5. Jesu, meine Lebenssonne, Jesu, meine Freud und Wonne, Jesu, du mein ganz Beginnen, Lebensquell und Licht der Sinnen: hier fall ich zu deinen Füßen; lass mich würdiglich genießen diese deine Himmelsspeise mir zum Heil und dir zum Preise.
6. Jesu, wahres Brot des Lebens, hilf, dass ich doch nicht vergebens oder mir vielleicht zum Schaden sei zu deinem Tisch geladen. Lass mich durch dies heilge Essen deine Liebe recht ermessen, dass ich auch, wie jetzt auf Erden, mög dein Gast im Himmel werden.

Voller Überschwang nennt der Dichter Jesus „Lebenssonne“, „Freude und Wonne“, sein „ganzes Beginnen“ und „Quelle des Lebens“. D.h. alles Licht, alle Wärme, alle Freude und alle Kraft kommen von Jesus, er ist alles in allem. Der Dichter ist von ihm ergriffen und gibt sich deshalb ganz hin. Er macht beim Abendmahl eine wohltuende und heilende Erfahrung, dass er darum bittet, das auch würdig genießen zu können.

Die letzte Strophe bezieht sich dann auf die Wirkung des Abendmahls, auf die Zeit danach. Der Dichter bittet darum, dass die Erfahrung der Nähe und Vereinigung mit Christus sein Leben nachhaltig prägen möge. In der Formulierung „hilf, dass ich doch nicht vergebens oder mir vielleicht zum Schaden, sei zu deinem Tisch geladen“ verbirgt sich die Möglichkeit, dass es auch anders sein kann, dass er danach so leben könnte, als hätte er nie etwas so Schönes empfangen. Das wäre eben schade und dann wäre es vergeblich. Er weiß auch, dass er darauf achten muss, sich die Wirkung zu bewahren. Deshalb bittet er hier darum.

Und ganz zum Schluss folgt noch der Aufblick zum Himmel, auf das Ende des Lebens und was danach kommt: Das nämlich, was er hier immer nur punktuell ist, wird er dort für immer sein, nämlich der Gast Christi.

Und das können auch wir sein. Das Abendmahl schenkt uns einen Vorgeschmack auf den Himmel, wenn wir uns innerlich dafür „schmücken“ und uns vom Heiligen Geist leiten lassen.

Amen.

Nachfolge bedeutet Entscheidung, Ganzheit und Zukunft

Predigt über Lukas 9, 57- 62: Vom Ernst der Nachfolge
Donnerstag, 12.3.2026, zum 3. Sonntag in der Passionszeit, Okuli, Altenzentrum St. Nicolai, Kiel

Lukas 9, 57- 62

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.
58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.
62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde.

In der obenstehenden Begebenheit kommen drei Männer zu Jesus, die ihm nachfolgen wollen. Wir finden hier deshalb drei „Nachfolgesprüche“: Der erste handelt davon, dass jeder, der Jesus nachfolgt, obdachlos sein wird. Dem zweiten Mann erlaubt Jesus nicht, vorher noch seinen Vater zu beerdigen, und der Dritte darf sich nicht von seiner Familie zu Hause verabschieden. Kein Obdach, keine Beerdigung, keine Abschiedsszene, sondern radikale Umkehr, sturer Blick nach vorne und Leidensbereitschaft – das sind die Forderungen Jesu.

Doch wie sollen wir das verstehen? Das klingt ja sehr radikal. Ist das nicht eine totale Überforderung und unmöglich für uns umzusetzen? Das fragen wir uns und müssen deshalb darüber nachdenken.

Dafür ist es gut, wenn wir zunächst den Zusammenhang beachten, in dem Jesus das hier sagt. Er war auf dem Weg nach Jerusalem, ins Leiden und Sterben, aber dann auch in die Auferstehung und zur Verherrlichung. Jesus selber hatte längst von zu Hause Abschied genommen, hatte keinen festen Wohnsitz mehr und wusste, dass sein Leben ein tragisches Ende nehmen würde. Und einem Jünger oder einer Jüngerin ergeht es nicht anders. Jesus will die Fragenden ernüchtern und auf das einstellen, was auf sie zukommt. 

Seine erste Antwort beinhaltet die tägliche Unsicherheit des Lebens. Jesus war ohne Obdach und dem Geschehen um ihn herum ausgeliefert. Er war unterwegs und lebte von einem Tag zum anderen. Der Jünger und die Jüngerin müssen bereit sein, das ebenfalls auf sich zu nehmen.

Seine zweite Aussage bezieht sich auf die Beerdigung des Vaters, die jemand zur Bedingung macht, und die Antwort Jesu lautet etwas merkwürdig. Er sagt: „Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Was soll das heißen? Wie soll ein Toter einen Toten begraben? Jesus meint damit wohl diejenigen, die sich um Gott nicht kümmern. Sie sind geistlich tot. Nur wer von Jesus „geweckt“ wurden, ist wirklich lebendig und muss sich um die Toten nicht mehr kümmern. Das kann er den anderen überlassen. Die alten Pietätsforderungen werden außer Kraft gesetzt.

Und das dritte Wort wird ebenfalls verständlich, wenn man es ganz von der Botschaft Jesu her versteht. Da will sich einer von seinem Haus verabschieden. Es ist also vermutlich ein Hausvater. Zu ihm sagt Jesus, dass er sich von der Familie ganz loslösen muss. Nachfolge bedeutet, sich auf Gottes Zukunft einzustellen und dabei die Nöte, die das Leben in dieser Welt mit sich bringt, hinzunehmen. Man darf sich nicht am Vergangenen orientieren, sondern muss ganz nach vorne schauen. Ein Rückblick gefährdet den Neuanfang.

Denn darum geht es bei der Nachfolge: Es beginnt etwas total Neues. Man kann es nur leben, wenn man sich nicht an die Familie rückkoppelt. Nachfolge geht nur ganz und ohne Bedingungen, man kann nicht beides haben: Noch so ein bisschen das Alte, und das Neue dann nur halb. So hat Jesus nicht gelebt, und so können seine Jünger und Jüngerinnen auch nicht leben.

Das ist hier die Botschaft, und die ist ja sehr radikal. Wahrscheinlich ärgert uns das, was Jesus hier sagt. Doch sie kann auch befreien, wir müssen nur ehrlich sein und uns darauf einlassen. Uns werden hier nämlich Antworten darauf gegeben, wie der Glaube in unserem Leben wirken kann: Erstens müssen wir uns entscheiden, zweitens geht das nur ganz, und drittens müssen wir uns nach vorne hin ausrichten. Entscheidung, Ganzheit und Zukunft, das sind die Stichworte, um die es geht. Und damit können wir durchaus etwas anfangen. Sie bedeuten zwar eine Herausforderung, aber keine Überforderung.

Zunächst einmal werden wir in die Entscheidung gerufen. Es geht beim Glauben also nicht nur um ein paar fromme Gedanken, sondern um mein Leben. Was ist wirklich mein Halt? Was trägt und erfüllt mich? Diese Fragen müssen wir uns stellen. Dabei entdecken wir sicher vieles, das nicht unbedingt Gott ist: Ideen, Menschen, Erfahrungen, Erfolge, Wissen und Geld, was auch immer. In der Nachfolge wird all das in Frage gestellt und wir werden zu der Entscheidung aufgefordert, es loszulassen. Zunächst einmal auch ohne Ersatz. Es geht darum, uns auf eine geistige Obdachlosigkeit einzustellen, jedenfalls im ersten Moment. Da kann sich die Nachfolge Jesu so anfühlen, als würde uns unsere Sicherheit genommen. Denn wir sollen uns an nichts mehr binden und unsere Heimat nicht in dieser Welt suchen. Nur dann finden wir den wahren und tiefen Halt, den Gott uns gewähren kann. Das ist das Erste.

Das zweite ist die Ganzheit. In der Nachfolge gibt es keine Teilung, dann ist sie keine Nachfolge mehr. Halbherzigkeit ist so viel wie gar nicht nachzufolgen. Denn Jesus will nicht nur einen Teil meiner Zeit oder ein paar gute Taten, er will vielmehr mein ganzes Leben. Er will mich mit etwas Neuem erfüllen, und dazu braucht er meine ganze Hingabe. Ich muss mich ganz für ihn und für seine Kraft öffnen, denn nur dann kann er mein Leben wirklich formen und verändern. Das ist das Zweite.

Und das Dritte ist die Ausrichtung nach vorne. Es hat keinen Zweck, zu lange zurück zu blicken, denn vor mir liegt das Entscheidende. Und da liegt auch nicht irgendetwas, was nur so mäßig attraktiv ist, sondern das Schönste, was es gibt, Gott selbst mit seiner ganzen Liebe und Barmherzigkeit wartet auf mich. Vor mir liegt ein Leben in Frieden und Ruhe. Es wird zwar nicht frei von Leid sein, aber kein Leid kann die tiefe Gewissheit auslöschen, dass Gott da ist und dass er mich durch alles hindurchführt, was mich bedrückt. Diese Verheißung ist das Dritte, das uns hier gesagt wird.

Und wenn wir das alles beachten, dann merken wir, dass die Worte Jesu eine frohe Botschaft enthalten. Wenn wir sie beherzigen, können wir glücklich und frei werden.

Dabei ist es ist auch gar nicht nur Jesus, der uns hier herausfordert, das geschieht im Leben sowieso. Es gibt immer wieder Situationen, mit denen wir eigentlich nicht fertig werden, die uns tief erschüttern und uns unsere Ruhe und unseren Frieden rauben. Das Leben selber ist oft radikal und kompromisslos, es kennt oft kein Erbarmen und keine Milde. Das kann z.B. der Fall sein, wenn wir einen lieben Menschen verlieren oder wenn uns eine schwere Krankheit trifft. Auch das Älterwerden ist eine Riesenherausforderung, aus der es kein Entrinnen gibt.  

Und in solchen Situationen hilft das, was Jesus hier sagt, besser als alles andere. Denn er beschönigt das nicht. Er kommt hier nicht mit irgendwelchen sanften Streicheleinheiten. Er sagt von vorne herein, dass das Leben oft Obdachlosigkeit mit sich führt, dass wir uns heimatlos und einsam fühlen und dass es ungemütlich wird. Aber er setzt dieser Härte des Lebens eine kraftvolle Botschaft entgegen. Denn er hat eine Verheißung, die weit über dieses Leben hinausweist. Er kennt einen Trost und eine Hoffnung, die sich durch nichts erschüttern lässt, weil sie von Gott kommt, vom Ewigen, der alles Leid dieser Welt kennt und selber auf sich genommen hat. Wir müssen uns dafür nur entscheiden und nach vorne schauen. Wir gehen dann zwar genauso wie alle anderen immer wieder durch dunkle Täler, aber am Ende gibt es ein Licht. Denn selbst dem Tod ist seine Macht genommen. Zu diesem Glauben werden wir hier eingeladen, zu einem Leben, das von der Liebe Gottes und seiner Zukunft bestimmt ist.

Amen.

Jesus zeigt uns den Vater

Predigt über Lukas 2, 41- 52: Der zwölfjährige Jesus im Tempel
zum 2. Sonntag nach Weihnachten, 8.1.2026, Altenzentrum St. Nicolai, Kiel

Lukas 2, 41- 52

41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.
42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.
43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten’s nicht.
44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.
45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.
46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.
47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.
48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.
49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?
50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.
51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.
52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Liebe Gemeinde.

Die Geschichte, die wir eben gehört haben, ist die einzige Erzählung aus der Kindheit Jesu, die wir im Neuen Testament finden. Es ist eine Legende, d.h. wir wissen nicht, ob es historisch gesehen so war, aber sie enthält eine Botschaft, die uns guttut. Lassen Sie sie uns deshalb betrachten und bedenken.

Jesus ist hier bereits zwölf Jahre alt, und er war mit seinen Eltern und vielen anderen nach Jerusalem zum Passahfest gereist. Die Reise dauerte mehrere Tage, man ging zu Fuß in einer Reisegruppe, einer Karawane, zu der sicher auch Esel und Lasttiere gehörten. Das gab Sicherheit und Schutz. Gemeinsam zog man natürlich auch wieder nach Hause. Am Abend nach dem Fest sammelte man sich dafür an einem vereinbarten Punkt, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung war. Und das war an dem ersten Rückreisetag, von dem unsere Geschichte erzählt, nun nicht der Fall, ein Junge fehlte, und zwar Jesus, der älteste Sohn von Maria und Josef. Sie mussten also noch einmal zurück, um ihn zu suchen, und natürlich machten sie sich große Sorgen. Drei Tage lang fanden sie ihn nicht! Doch zum Glück entdeckten sie ihn dann im Tempel. Natürlich waren sie böse mit ihm und schimpften ihn aus. Es interessierte sie auch gar nicht, dass Jesus mitten unter den Schriftgelehrten saß, ihnen zuhörte, kluge Fragen stellte und auffallende Einsichten von sich gab. Die Umgebung staunte und fragte sich: Wer ist das bloß? Wo stammt er her?

Jesus wirkte erwachsen und überlegen, und so klang auch seine Antwort an seine Eltern: „Was sucht ihr mich? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ In diesem Satz leuchtete seine wahre und tiefste Herkunft auf. Doch seine Eltern erkannten das nicht, sie nahmen ihn mit und kehrten mit ihm in seine Heimat zurück. Da ordnete sich Jesus dann erstmal in ein normales, alltägliches Leben ein. Erst mit 30 Jahren trat er wieder in Erscheinung.

Das ist die Erzählung, über die wir heute nachdenken, und sie soll andeuten, dass Jesus eigentlich nicht in Nazareth zu Hause war, wo er zwar aufwuchs, sondern in Wahrheit war er in Jerusalem beheimatet, wo der Tempel stand und der Gottesdienst seinen zentralen Ort hatte. Denn Jesus hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu Gott. Er nennt ihn hier bewusst seinen Vater, und er hatte eine tiefe Einsicht in seinen Willen. Die Geschichte will deutlich machen, dass Jesus eine göttliche Herkunft hatte.

Das wird hier erzählt, und darin sind wie gesagt ein paar Hinweise enthalten, die für unseren Glauben von Bedeutung sind.

Zunächst einmal können wir an die Situation denken, die hier beschrieben wird. Das Ganze geschieht ja während einer Reise. Die Menschen machten eine Pilgerfahrt. Das kann man gut als Bild für das ganze Leben verstehen. Gerade am Jahresanfang wird uns bewusst, dass unser Leben wie eine Reise ist. Es gibt keinen Stillstand, Situationen verändern sich, und verweilen können wir nirgends für immer. In Anlehnung an eine Zeile aus einem Abendlied von Tersteegen können wir sagen: „Ein Jahr, das sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern“. (EG 4481,5) Das ist das erste Motiv in dieser Geschichte.

Als zweites kommt darin vor, dass ein Kind sich angeblich verlaufen hat. Jedenfalls machen sich seine Eltern große Sorgen. Und auch das können wir auf unser Leben übertragen: Wir verlaufen uns manchmal in unseren Träumen oder Zwängen und kommen an Grenzen, an denen wir nicht weiterwissen. Wir haben Vorstellungen davon, wie unser Leben sein soll, aber dann kommt etwas dazwischen. Wir werden krank, unsere Mitmenschen bereiten uns Probleme, wir verlieren sie, die allgemeine Weltlage hindert uns daran, glücklich zu sein usw. Auch das Älterwerden ist ja nicht einfach, da bricht vieles weg, das früher selbstverständlich war. Angst macht sich breit, Aufregung und Sorgen. Das ist das zweite Thema, das in der Geschichte vorkommt.  

Doch dann gibt es zum Glück einen dritten und sehr schönen Inhalt in der Erzählung, um den es eigentlich auch geht. Die Hauptperson ist ja der Knabe Jesus, der schon als Kind wusste, was sein Auftrag war. Wir können uns mit ihm verbinden, denn er ist ein Mensch wie wir. Er steht neben uns und ist uns ganz nahe. Aber das ist eben nicht das Einzige, was ihn auszeichnet. Auf der anderen Seite hat er eine viel tiefere Einsicht in das Leben und den Willen Gottes als wir. Es geht Autorität von ihm aus, er kennt die Wahrheit, er weiß den Weg, und den kann er auch uns zeigen. Wir müssen nur darauf vertrauen, dass von ihm eine besondere Kraft ausgeht, die uns erfüllen und beruhigen kann.

Dann merken wir, dass er auch uns dahin führt, wo wir eigentlich zu Hause sind. Auch unsere Bestimmung ist es, in der Gegenwart Gottes zu weilen. Die Strophe aus dem Abendlied von Tersteegen, die ich eben genannt habe, lautet deshalb auch vollständig: „Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“

Damit wird ja auch ein Ziel genannt, das wir erreichen können, und ein Wunsch, der uns anleiten kann, dass nämlich „das Herz sich an die Ewigkeit gewöhne“. Wir werden dadurch ruhig und entspannt, gelassen und innerlich froh.

Vielleicht müssen wir uns zunächst einmal verlaufen, um darauf zu kommen. Meistens entdecken wir erst in einer Lebenskrise, dass es noch mehr geben muss, als unsere innerweltlichen Ziele, aber das ist ja auch nicht schlimm. Im Gegenteil, jede Irrung birgt die Chance in sich, auf den richtigen Weg geführt zu werden.

Und genau darum geht es beim Glauben an Jesus Christus. Er will uns in seines „Vaters Haus“ führen, dafür ist er unser Bruder und unser Freund geworden. Er kann uns beschützen und begleiten, durch ihn sind wir nie allein, und er kennt den richtigen Weg.

Amen.

Wir sehen Gottes Herrlichkeit

Predigt über Hiob 42, 1- 6: Hiobs letzte Antwort an den Herrn
1. Sonntag nach Weihnachten, 27.12.2025, 18.00 Uhr, Lutherkirche Kiel

Der Predigttext für den 1. Sonntag nach Weihnachten steht im Buch Hiob, Kapitel 42 und lautet folgendermaßen:

Hiob 42, 1- 6
1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:
2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.
3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« (Kap.38,2) Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.
4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!« (Kap. 38,3)
5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.
6 Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.

Liebe Gemeinde.

„So weit das Auge reicht“. Das sagen wir, wenn wir eine unermessliche Weite beschreiben wollen oder eine sehr große Anzahl von Dingen. Sie sind bis zum Horizont sichtbar. Die Redewendung bezieht sich besonders auf die Szenerie in einer Landschaft, wie z.B. die Dünen in der Wüste, Wälder im Gebirge, Wiesen und Felder in einer Ebene. Sie sind überall, in Hülle und Fülle und scheinen grenzenlos zu sein.

Doch das ist natürlich ein Irrtum. Unser Auge reicht immer nur bis zum Horizont. Es gibt eine Grenze des Sichtbaren. Die haben wir durch moderne Technik zwar sehr weit ausgedehnt und können mittlerweile sogar ins All gucken, aber trotzdem hört die Reichweite unseres Blicks irgendwann auf.

Es ist deshalb bemerkenswert, wenn Hiob zu Gott sagt: „Mein Auge hat dich gesehen.“ D.h. er hat hinter das Universum geschaut, auf den, der es geschaffen hat, der den Kosmos lenkt und alles, was darin ist. Hiob wurde ein Blick in den Bereich Gottes vergönnt, der jenseits alles Sichtbaren liegt. Wie ist es dazu gekommen?

Sicher kennt ihr die Geschichte von Hiob. Er war ein wohlhabender, frommer und rechtschaffener Mann mit einer großen Familie und vielen Angestellten. Doch eines Tages kam schreckliches Unglück über ihn: Seine Herden wurden durch Feinde und Feuer zerstört und alle Knechte getötet. Seine Söhne und Töchter starben bei einer Sturmkatastrophe, und zuletzt bekam er Lepra, sodass die Menschen sich von ihm fernhielten, und auch seine Frau sich von ihm abwandte. Innerhalb kürzester Zeit war er einsam, arm und sterbenskrank.

Das ist die Rahmenhandlung des Buches, die in den ersten beiden Kapiteln erzählt wird. Die folgenden 35 Kapitel enthalten lange Erörterungen über die Frage, warum das alles geschehen ist. Sie werden in endlosen Gesprächen mit seinen vier Freunden dargelegt, die gekommen waren, um Hiob zu beklagen und zu trösten. Sie waren fest davon überzeugt, dass Hiob gesündigt haben musste. Wenn er das zugeben, bereuen und sich bessern würde, dann würde Gott ihm gnädig sein und sein Schicksal wieder wenden. In ausgedehnten Redegängen mit jeweiligen Antworten Hiobs wird diese Sichtweise in dem Buch entfaltet.

Doch die Gespräche führen zu keinem Ergebnis, denn Hiob hält sich für unschuldig. Er klammert sich an seine Rechtschaffenheit und Gottesfurcht und bringt sie immer wieder vor. Und nach menschlichem Ermessen war das auch legitim. Hiob hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Die Geschichte setzt sich also mit dem Problem auseinander, warum ein Unschuldiger leiden muss, und übt Kritik an der Weisheit der Freunde. Die entsprach zwar dem damals gängigen Denkschema, aber genau das wir hier in Frage gestellt.

Erst am Ende wendet sich alles, denn zum Schluss spricht Gott selber mit Hiob. Zweimal offenbart er sich und redet zu Hiob „aus dem Sturm“. Das ist der Höhepunkt der Erzählung und die Lösung der Hiobsfrage. Sie geschieht nicht auf gedanklicher Ebene, nicht durch intellektuelle Erkenntnis oder theologische Lehrsätze, sondern durch ein Geschehen, in das Gott Hiob hineinnimmt.

Gott weist auf seine Größe hin, auf die Erschaffung der Welt durch ihn, das Meer, das Licht, die Weiten der Welt, das Wettergeschehen, den Himmel und alle Lebewesen: Gott ist ihr Schöpfer. Das soll Hiob erkennen und sich vor Gott demütigen. Er hatte die Allmacht Gottes mit seinen Worten verdunkelt. Hiob hatte Gott herausgefordert, nun ist es andersherum: Gott fordert von Hiob eine Antwort.

Und damit haben wir es in dem Textabschnitt zu tun. Es ist die letzte Antwort Hiobs, in der er sich selber erkennt und darauf verzichtet, vor Gott etwas zu gelten. Er hält sich nicht mehr an seinem guten Gewissen fest, sondern wird still und lässt Gott handeln. Er gibt seinen Eigenwillen auf und verzichtet auf seine Selbstbehauptung. Er kommt zur Ruhe, weil er sich Gott ganz und allein hingibt. Dadurch wird er in das Geheimnis Gottes eingeweiht, und zwar weil Gott es will. Gott selber bewirkt all das. Er handelt, indem er Hiob niederbeugt und gleichzeitig wieder aufrichtet. Er neigt sich zu ihm herab und würdigt ihn seiner Gegenwart. Er stellt die Verbindung her und gibt ihm am Ende sein Leben zurück. Hiob wird vollständig restauriert. Die Geschichte hat ein Happy End.

Dabei geht es der Erzählung nicht nur um diese eine Person. Wir wissen gar nicht, ob es Hiob wirklich gegeben hat. Er steht für das menschliche Schicksal im Allgemeinen, für unsere Fragen und unser aller Geschichte. Sie ist voller Leid und Widersprüche, voller Gegensätze und ungelöster Probleme.

Doch es gibt eine Botschaft, die uns trösten kann: Gott hat für uns alle ein gutes Ende vorbereitet, er hat in das Weltgeschehen eingegriffen, indem er sich selber zu uns herabgelassen hat. Das ist die Botschaft von Weihnachten: Gott hat sich offenbart, und zwar nicht gelegentlich wie z.B. gegenüber Hiob, sondern ein für alle Mal: Wir alle können ihn jederzeit erkennen und „seine Herrlichkeit sehen“. Dieter Trautwein dichtete das in einem Weihnachtslied so: „Der immer schon uns nahe war, stellt sich als Mensch den Menschen dar. Bist du der eignen Rätsel müd? Es kommt, der alles kennt und sieht! Er sieht dein Leben unverhüllt, zeigt dir zugleich dein neues Bild.“ (EG 56) In einer Liedstrophe lobt auch Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf dieses Geschehen. Sie lautet: „Halleluja, welche Höhen, welche Tiefen reicher Gnad, dass wir dem ins Herze sehen, der uns so geliebet hat; dass der Vater aller Geister, der der Wunder Abgrund ist, dass du, unsichtbarer Meister, uns so fühlbar nahe bist.“ (EG 251,4)

Dabei können wir von Hiob sehr schön lernen, wie diese Botschaft uns erreichen und verändern kann. Auch wir sind ja oft voller Fragen, niemand wird vom Leid verschont, von Trauer und Enttäuschung, Angst und Sorge, Wut und Schmerzen. Es kann dafür persönliche oder gesellschaftliche Gründe geben. Überall ist die Not groß: Ungerechtigkeit, Lügen und Gewalt greifen um sich. Wir hadern damit, lehnen uns auf und fragen sicher auch manchmal Gott, warum er nicht eingreift, denn wir wissen selber nicht weiter. Wir verstehen Gott und die Welt nicht mehr und fordern Antworten.

Doch solche Gedanken oder Vorwürfe beruhigen uns nicht, sie führen zu keiner Lösung, im Gegenteil, sie regen uns nur noch mehr auf. Wir können genauso lange diskutieren wir Hiob und seine Freunde, an ein Ende kommen wir dadurch nicht. Denn die Antwort liegt auf einer ganz anderen Ebene: Sie kommt „aus dem Sturm“, d.h. aus dem Jenseits. Erst wenn wir still werden und von uns selber absehen, können wir sie vernehmen. Wir sind eingeladen, uns selber loszulassen und uns trotz allem vor Gott zu verbeugen und auf seine Botschaft zu hören.

Es kann gut sein, dass uns das nicht gefällt. Es gibt Stimmen, die halten das Ende des Hiobsbuches für eine Zumutung: Gott zeigt seine Größe, und Hiob wird ganz klein. Er wird geradezu erdrückt und kommt am Ende gar nicht mehr vor.

Doch das ist ein Missverständnis, und so hört das Buch Hiob auch nicht auf. Gott ist nicht derjenige, der einfach nur seine Macht demonstrieren will, er will uns Menschen vielmehr in seine Wirklichkeit hineinholen, uns Anteil geben an seiner Gegenwart, damit wir ihm „ins Herze sehen“. Bloß damit das geschehen kann, müssen wir zunächst unseren letzten Halt verlieren, uns einsam vor Gott stellen und unseren Blick nicht mehr von unserem eigenen Wollen und unserem Denkschema trüben lassen. Wir sind immer viel zu voreingenommen, teilen die Welt gerne in Gut und Böse, unterscheiden das Nützliche von dem Schädlichen. Mit Weisheit und Vernunft versuchen wir, uns zu orientieren, durch Recht soll Ordnung hergestellt werden usw. Doch dieses Denken hat einen Horizont. Es ist begrenzt und legt uns fest.

Das sollten wir erkennen, so wie auch Hiob es erkannt hat, und davon ablassen. Es ist gut, wenn wir anstatt zu denken und zu urteilen, einmal schweigen und hören, vor Gott treten und ihn loben und anbeten. Denn dann tut sich etwas auf, was hinter dem Horizont liegt, dann werden unsere Grenzen gesprengt, wir sehen eine Wirklichkeit, die nicht mit dem Auge und auch nicht mit der Vernunft zu erfassen ist, wir sehen „die Höhen und Tiefen der Gnade Gottes“. Und das macht uns frei, alles Widersprüchliche wird aufgelöst, die Fragen kommen zur Ruhe.

Ein schönes Beispiel ist dafür der alte Prophet Simeon, von dem wir das heutige Evangelium erzählt. (Lukas 2,25-35) Sein Leben lang wartete er auf „den Trost Israels“, und am Ende traf er ihn wirklich. Er erkannte ihn in dem Kind Jesus, das Maria in den Tempel gebracht hatte, um ihn dem Herrn darzustellen. Simeon nahm es zärtlich auf die Arme und erlebte in diesem Augenblick die Erfüllung seiner Sehnsucht und Hoffnung. Er stimmte daraufhin ein Loblied an. Voll Freude pries er Jesus mit einem Hymnus und segnete seine Eltern. Er begann sein Lied mit dem Satz: „Nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren.“ D.h.er war bereit, zu sterben, denn er wusste, er hatte das Ziel nicht verfehlt. Das Licht, das er erblickte, verhieß ihm auch: Nach dem Tod kommt noch mehr, das Schönste liegt noch vor mir. In dem Kind Jesus leuchtete die Ewigkeit auf, und die warf ihre Strahlen bereits auf seinen Weg. Sie schien von vorne und machte ihm den Abschied leicht.

Und so kann es auch uns ergehen. Durch die Begegnung mit Jesus Christus führt Gott uns an die Grenzen unserer menschlichen Vernunft und Weisheit und lässt uns einen Blick werfen in den Bereich jenseits aller Fragen und Nöte. Leid und Trauer werden gemildert. Der Tod verliert seine Schrecken. „Weil Gott in tiefster nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht traurig sein.“ (EG 56)

Amen.

Von der Erneuerung der Kirche

Predigt über 5. Mose 6, 4- 9: Höre Israel
zum Reformationsfest, 1.11.2025, 18 Uhr, Lutherkirche Kiel

Der Predigttext für das Reformationsfest steht in diesem Jahr im fünften Buch Mose, Kapitel sechs und lautet folgendermaßen:

5. Mose 6, 4- 9

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen
7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,
9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Liebe Gemeinde.

„Friedrich der Große, König von Preußen, war bekannt dafür, dass er nicht allzu viel hielt von Religion und Kirche. Gern spöttelte er auch über Dinge des Glaubens. Seinen Leibarzt fragte er einmal, um ihn in Verlegenheit zu bringen: Doktor, nenn’ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann. – Der darauf wie aus der Pistole geschossen: Die Juden, Majestät!“

Das war eine überraschende und gute Antwort. Denn es ist menschlich unbegreiflich, dass ein so kleines, gefährdetes, ungebildetes Nomadenvolk aus der – weltpolitisch damals – hintersten Provinz Partner Gottes wird und es bis heute geblieben ist. Es hat seine Erwählung über Jahrtausende hin weitergegeben und lebendig erhalten hat. Zahllose Verfolgungen und Ausrottungsversuche durch andere Völker haben das Judentum nicht zerstört. Es hat überlebt, und viele trauen bis heute den uralten biblischen Verheißungen Gottes. Das kann dieses Volk unmöglich aus eigener Kraft geschafft haben. Darum: Die Juden sind wirklich so etwas wie ein Gottesbeweis: Dass es sie überhaupt gibt und dass es sie immer noch gibt, verrät, dass da einer hinter ihnen steht. (https://www.uni-muenster.de/FB2/philosophie/predigten/mu_bbb_ernstgemeint.html)

Sie verehren ihn und sind ihm durch alle Veränderungen in der Weltgeschichte treu geblieben. Denn sie haben einen der wirkungsvollsten Texte des Alten Testamentes ernst genommen. Wir haben ihn eben gehört, es ist das berühmte „Sch‘ma Jisrael“, das übersetzt heißt: „Höre Israel, der Herr, unser Gott ist einzig.“ Es hat seinen Ursprung in der Frühzeit Israels und enthält die Forderung nach der ausschließlichen Verehrung Jahwes. Und das hat Israel beherzigt. Es hat sich von Anfang an zu dem einen, lebendigen Gott bekannt, dem Ursprung aller Dinge, den Schöpfer, der unwandelbar, heilig, allwissend und allgegenwärtig ist. Das steckt in dem Wort „der Herr ist einzig.“ Er fordert eine ausschließliche Beziehung ohne jegliche Grenzen.

Des Weiteren wird in dem „Sch’ma Jisrael“ gesagt, dass der Einzelne seinen Glauben und sein Wissen, das Bekenntnis zu Gott und die lebendige Beziehung zu ihm auch an seine Kinder weitergeben muss. Sie sollen den Text wiederholt hören und auswendig lernen, die Familie und der Lebensraum sollen ganz davon geprägt werden. Dafür wurde von den Rabbinern empfohlen, das „Sch’ma Jisrael“ jeden Morgen und jeden Abend zu sprechen. Dadurch hörten die Kinder es ganz von selber mindestens zweimal am Tag.

Außerdem sollten sie diese Worte „zum Zeichen auf die Hand binden, und sie sollen ein Merkzeichen zwischen den Augen sein.“ Das haben die Juden wörtlich verstanden und sogenannte Gebetsriemen eingeführt. Das sind Lederbänder, an denen jeweils in einem kleinen Etui diese Worte befestigt sind. Ein frommer Jude bindet sich solche Riemen beim Beten an die Hand und auf die Stirn. Es ist ein Zeichen dafür, dass er sich an Gott gebunden fühlt, ganz gleich, wie leicht oder schwer es ihm fällt.

Genauso ist es mit der letzten Aussage: „Und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tür.“ Die wurde ebenfalls wörtlich verstanden, und das ist ja auch nicht verkehrt. Denn dadurch wurde man jedes Mal, wenn man das Haus oder die Stadt betrat, daran erinnert. Die Forderung nach einer festen Beziehung zu Gott hatte ihren Ort also in der Lebenswelt des Einzelnen und der Gemeinschaft, und dadurch konnte sie ihre Kraft entfalten. Und die hat viele Juden durchgetragen, in Verfolgung und Tod, in Leiden und Sterben. Sie haben sich an das „Sch’ma Jisrael“ gehalten und deshalb gibt es sie bis heute. Sie zeigen uns damit sehr schön, wie eine Religion lebendig bleiben kann.

Und das gilt genauso für die Kirche und die Christenheit. Wir fragen uns ja oft, wie es weitergehen soll. In der heutigen Zeit ist es nicht ganz einfach, beachtet zu werden und Menschen zu gewinnen. Die etablierten Kirchen schrumpfen, wir werden immer weniger.

Dabei tun wir ganz viel, um das Aussterben zu verhindern: Gottesdienste werden reformiert, das Liedgut wird überarbeitet, man bleibt nicht nur in der Kirche, sondern geht auch dahin, wo die Menschen sind. Wir passen uns an und strengen uns an, wir experimentieren und probieren neue Wege, werden weltoffen, sind kontaktfreudig und aufgeschlossen. Wir machen „niedrigschwellige Angebote“, wie es so schön heißt.

Und das ist auch ganz im Sinne Luthers. Er hat ja nicht nur die Kirche damals reformiert, sondern betont, dass das dauernd geschehen muss, auf Latein: „Ecclesia semper reformanda“. Den Ausdruck kennt ihr sicher. Er besagt, dass wir uns auf Luthers Thesen und Erkenntnissen nicht ausruhen dürfen. Evangelisch zu sein heißt nicht, dass wir das Erbe der Reformation pflegen und immer wieder die alten Schriften lesen, sondern dass wir uns ständig erneuern. Das haben wir auch alle verstanden und versuchen es wie gesagt.

Doch warum hilft es so wenig? Das Ergebnis kann sich nicht gerade sehen lassen, wir scheinen uns oft umsonst abzustrampeln. Es kommt trotz aller Anstrengungen kein rechter Schwung in unsere Kirche.

Der Grund dafür muss also noch tiefer liegen, und das „Sch’ma Jisrael“ kann uns auch darauf hinweisen. Wir sollten uns wie die Juden immer wieder nach Gott ausrichten, uns an ihn binden und auf seine Stimme hören. Das vergessen wir bei all den Bemühungen nämlich leicht. Vor lauter Versuchen, die Menschen zu halten und zu gewinnen, gerät Gott aus dem Blick. Wir vertrauen mehr auf unsere eigenen Ideen, auf unsere menschliche Kraft und unsere Leistung, als auf ihn.

Und an der Stelle kann Luther doch noch ein Vorbild sein und uns korrigieren. Er ließ sich von Gott und der Wahrheit leiten, von der Schrift und seinem Gewissen. Menschen und Meinungen interessierten ihn nicht, Ängste hat er abgelegt und Machtgelüste waren ihm fremd. Er war einfach nur Christ, authentisch und überzeugt von dem, was er erfahren und erkannt hatte.

Das entscheidende Erlebnis, mit dem alles anfing, hatte er dabei im Turm des Wittenberger Klosters. Er war da noch Mönch und strebte nach Vollkommenheit. D.h. er rang mit sich und dem Teufel, mit Gott und der Welt um Freiheit von der Sünde und ein reines Gewissen. Doch leider gelang ihm das nicht. Er wurde nicht glücklich und gelassen, sondern hatte Angst vor der Strafe Gottes und litt unter ständigen Anfechtungen. „O meine Sünde, Sünde, Sünde!“ war seine regelmäßige Klage. Sie beherrschte und verdüsterte seine Seele.

Sein Beichtvater Staupitz riet ihm angesichts dieser inneren Nöte, nicht mehr zu grübeln, sondern nur auf die Wunden Christi zu schauen, der für uns gestorben ist. Das tat Luther dann, und so traf ihn eines Tages die Erkenntnis wie ein Blitz: Gott will gar nicht, dass ich aus eigener Kraft vollkommen werde. Er will keine guten Werke, sondern einfach nur mein Vertrauen. Gott ist voller Liebe und Gnade, er sucht den Sünder und erbarmt sich über ihn. Das erkannte Luther plötzlich, und dadurch fand er den Seelenfrieden und die innere Sicherheit, um die er so lange gerungen hatte.

Und das ist auch für uns das Entscheidende: Wir müssen uns zu allererst Gott anvertrauen, all die Stimmen in uns und um uns zum Schweigen bringen und auf seine Stimme hören. „Mit ganzem Herzen und mit all unserer Kraft“ gilt es, ihn zu lieben. Wenn wir das tun, werden wir innerlich frei. Wir empfangen den Geist Christi und leben auf. Der lebendige Glaube verschafft uns Erneuerung, er macht uns stark und fröhlich.

Und dadurch kann dann auch die Kirche lebendig bleiben. Sie wird ein Ort, an dem Menschen etwas anderes erleben, als in der Welt. Wir sollten gar nicht dauernd versuchen, uns krampfhaft anzupassen. Mit unseren sogenannten niedrigschwelligen Angeboten sind wir in der Gefahr, alles einzuebnen und dadurch bedeutungslos zu werden. Wir organisieren sie, damit die Menschen sich in der Kirche nicht fremd fühlen. Aber warum sollen sie das eigentlich nicht? Sind wir nicht viel attraktiver, wenn sie in der Kirche etwas Neues erfahren, etwas Ungekanntes und Ungeahntes. Wir sollten auf das hinweisen, was uns unterscheidet, wonach sich alle sehnen und was sie sonst nirgends finden: Auf die Gegenwart Gottes und das ewige Licht. Dann sind wir interessant und faszinierend.

Auch wir werden zu einem Beweis dafür, dass Gott da ist, einfach dadurch, dass es uns gibt. Wenn wir unseren Glauben leben und weitergeben, unser Bekenntnis lebendig erhalten und darauf vertrauen, kann uns niemand zerstören. Die Kirche wird am Leben bleiben, denn es steht jemand hinter ihr, der zwar unsichtbar ist, aber dafür umso mächtiger.

Gott selber kann die Kirche retten und reformieren. Unsere eigene Kraft und Leistung sind viel zu klein, sie werden niemals ausreichen. Aber wir haben die Gegenwart Gottes, den Ursprung aller Dinge, den Schöpfer, der unwandelbar, heilig, allwissend und allgegenwärtig ist, und die Liebe seines Sohnes Jesus Christus, der uns erlöst hat. Durch ihn wird das große Werk gelingen.

Dank und Nächstenliebe

Predigt über Jesaja 58, 7- 12: Brich dem Hungrigen dein Brot
Altenzentrum St. Nicolai, 9.10.2025, 10 Uhr, Erntedank

Jesaja 58, 7- 12

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,
10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Liebe Gemeinde.

Mit den Worten, die wir eben gehört haben, ermahnt der Prophet Jesaja die Israeliten zur tätigen Liebe an ihren Mitmenschen. Und zwar geht es um die Liebe an den Entrechteten und Misshandelten, den Sklaven und Gefangenen, an denjenigen, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind oder in Schuldhaft sitzen, ebenso an den Hungernden, Heimatlosen und Frierenden. Jesaja ermahnt zur Hilfe für den in Not befindlichen „Nächsten“.

In einem derartigen Leben, in dem die Liebe gelebt wird, entstehen Heil, Friede und Wohlergehen. Es wird sich etwas ändern, nicht nur für die Bedürftigen, sondern auch für die, die helfen, langsam aber sicher. Es wird allen besser gehen. Und dabei ist das Entscheidende: Gott wird gegenwärtig sein. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch wird wieder hergestellt, die Gebete dringen zu ihm vor, der hört und er antwortet. Das ist der Segen, den Israel erwarten darf. Es entsteht neues, fruchtbares Leben.

Und am Ende erfahren wir noch etwas über die Situation, in die hinein der Prophet dies alles sagt. Das Land lag nämlich in Trümmern, denn er redete und wirkte in der Zeit nach dem Exil. Das wissen wir auch aus anderen Stellen in seinem Buch. Da war die Stimmung in der Gesellschaft schlecht. Der Prophet spricht zu Unzufriedenen und Ungeduldigen. Der Aufbau dauerte ihnen zu lange, es ging ihnen nicht schnell genug voran. Deshalb will Jesaja sie ermutigen und aufrichten: Sie sollen nicht aufgeben und nicht ihren Glauben verlieren. Er soll vielmehr weiterhin ihren Alltag und ihr Zusammenleben prägen, dann wird es ihnen bald wieder besser gehen.

Und das wird auch uns gesagt. Wir sollen ebenso dafür sorgen, dass das Heil Gottes zu allen Menschen kommt, dass sie befreit werden und ein gutes Leben haben. Das Evangelium soll konkret werden und unser Handeln prägen.

Natürlich geschieht das auch längst. Es gibt viele Initiativen, mit denen dieses Anliegen verwirklicht wird. Die beiden großen Organisationen, „Brot für die Welt“ in der evangelischen Kirche und das bischöfliche Hilfswerk Misereor in der katholischen Kirche zählen z. B. dazu. Sie sorgen dafür, dass Menschen in ärmeren Gegenden der Erde genug zu essen bekommen und dass ihre Lebensverhältnisse sich verändern. In unserem Land ist das Feld der Diakonie ebenfalls sehr weit: Es gibt unzählige Helfer, haupt- und ehrenamtliche. Wer Zeit und Kraft hat, engagiert sich irgendwo und praktiziert die Nächstenliebe.

Trotzdem steckt in der Ermahnung des Propheten auch für uns noch ein wichtiger Hinweis. Denn es geht ihm nicht einfach nur um Mitmenschlichkeit. Er will vielmehr, dass der Wille und die Gegenwart Gottes das Leben und die Gesellschaft prägen. Wir sollen nicht nur äußerlich handeln, auch innerlich soll sich etwas verändern. Die Liebe soll von Herzen kommen. Wir sollen die Menschen unser „Herz finden lassen“, wie der Prophet es ausdrückt. D.h. wir sollen uns ihnen öffnen, es soll menschliche Nähe geben, Wärme und Mitgefühl. Lassen Sie uns also fragen, wie es zu dieser inneren Einstellung kommen kann.

Und dabei kann das Erntedankfest uns helfen. An diesem Tag geht es um den Dank für alles, was wir zum Leben haben und brauchen. Gesundheit, Wohnung, Kleidung, Freundschaften und noch ganz viel mehr. Oft denken wir erst darüber nach, wenn etwas fehlt oder kaputt geht, wenn wir krank werden oder etwas verlieren. Aber es ist viel sinnvoller und besser, regelmäßig für all das zu danken. Wenn wir dankbar sind, verändern wir uns nämlich in genau die Richtung, in die die Worte des Propheten uns weisen. Denn beim Danken geschieht dreierlei: Wir kommen in Berührung mit Gott, mit uns selber und mit unseren Mitmenschen, und das tut allen gut.

Als erstes ist es Gott, dessen Nähe wir spüren, als Schöpfer und Erhalter unseres Lebens. Das Bewusstsein dafür geht uns  heutzutage leider leicht verloren, denn wir leben in einer Zeit, in der Wissenschaft und Technik sehr dominieren. Auch der weltweite Handel, Wohlstand und Konsum haben das Gefühl verdrängt, dass das Walten Gottes größer ist als das Handeln und Wissen von uns Menschen. Genau das sollten wir uns aber immer wieder bewusst machen, denn Gott ist da, und wenn wir ihm danken, merken wir das auch. Wir spüren seine Größe und Gegenwart, werden wir demütig und bescheiden. Egoismus und Machtwille schwächen sich ab. Es rückt die Verhältnisse wieder zurecht. Wenn wir mit Gott in Berührung kommen, werden wir innerlich ausgeglichen und geheilt.

Als zweites wird durch den Dank unser Herz angerührt, das Glaubensleben wird innerlich. Das ist es ja oft nicht. Wir haben uns vielmehr bestimmte Verhaltensweisen angewöhnt, die wir für gläubig und kirchlich halten. Wir trennen das Leben oft vom Glauben, beides läuft so nebeneinander her: Das eine spielt sich in der Kirche ab, das andere zu den übrigen Zeiten und an den anderen Orten, an denen wir sind. Doch so ist es nicht gedacht, und der Dank ist ein guter Weg, damit sich das ändert. Durch den Dank zieht der Glaube in unseren Alltag ein und prägt unser Lebensgefühl. Er wird echt und lebendig und kommt von innen heraus. Das ist das zweite, das durch den Dank geschieht.

Und als drittes folgt daraus eine neue Wahrnehmung unserer Mitmenschen. Wir kommen auch mit ihnen in Kontakt, erkennen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Not und Bedürftigkeit, und sorgen ganz von selber dafür, dass wir besser miteinander umgehen. Unsere Umwelt kommt in den Blick, es entsteht eine schonende und umsichtige Grundeinstellung gegenüber dem Leben und unseren Nächsten. Der Ungerechtigkeit und dem Hass wird Einhalt geboten. Die Hilfsbereitschaft wächst, Mildtätigkeit und Güte prägen unser Handeln. Wir werden „wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Mit diesem schönen Bild beschreibt der Prophet die Veränderung der Gesellschaft.

Es lohnt sich also, den Weg des Dankens zu gehen. Durch den Dank öffnet sich etwas in uns, und ganz von selber wird das geschehen, wozu der Prophet Jesaja uns ermahnt. Es verändert sich etwas zum Guten hin, in der Kirche, in uns und in der Gesellschaft. Und das kommt dann nicht von uns, weil wir so viel tun oder so gut sind, sondern von Gott selber. Sein „Licht wird aufgehen in der Finsternis“, er baut sein Reich, und wir dürfen daran mitwirken.

Amen.