Im Frieden Gottes leben

Predigt über Psalm 85: Bitte um neuen Segen

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 7.11.2021, 9.30 und 11 Uhr Luther- und Jakobikirche Kiel

„Es sagte Rabbi Schimon: Als der Heilige – gepriesen sei er – kam, den ersten Menschen zu erschaffen, da bildeten die Dienstengel Gruppen und Parteien. Die einen davon sagten: ,Er werde erschaffen!‘, die anderen sagten: ,Er werde nicht erschaffen!‘ Es heißt ja: Liebe und Wahrheit stießen aufein­ander, Gerechtigkeit und Frieden bekämpften sich. Die Liebe sagt: ,Er werde erschaffen, denn er wird Liebeswerke vollbringen!‘ Die Wahrheit sagt: ,Er werde nicht erschaffen, denn er ist ganz und gar Lüge!‘ Die Gerechtigkeit sagt: ,Er werde erschaffen, denn er wird Werke der Nächstenliebe vollbringen!‘ Der Friede sagt: ,Er werde nicht erschaffen, denn er wird ganz und gar streitsüchtig sein!‘ Was tat der Heilige – gepriesen sei er? Er nahm die Wahrheit und warf sie auf die Erde. Es sagten die Dienstengel vor dem Heiligen – gepriesen sei er: ,Herr der Welten, warum erniedrigst du sie, die über deinen Ordnungen steht? Lass doch die Wahrheit von der Erde aufsteigen!‘ Es heißt ja: Die Wahrheit sprieße von der Erde empor! Während die Engel noch diskutierten, schuf der Heilige – gepriesen sei er – den Menschen. Er sprach zu den Dienstengeln: ,Was nützt euch eure Diskussion? Der Mensch wurde bereits erschaffen.‘“ (in: Erich Zenger, Psalmen Auslegungen, Band 3: Dein Angesicht suche ich, Freiburg, Basel, Wien, 2006, S. 56f)

So illustriert ein Midrasch – das ist eine Auslegung aus dem rabbinischen Judentum – die Freiheit Gottes. Und sie spielt damit auf einen Vers aus Psalm Ps 85 an. Dort werden die vier Gestalten „Güte“ und „Treue“ – was auch „Wahrheit“ bedeutet, „Gerechtigkeit“ und „Friede“ erwähnt. Der Psalm ist heute unser Predigttext, und dort „begegnen sie einander und küssen sich“. Sie streiten also nicht, sondern kommen zusammen und vertragen sich. Der Beter weiß wahrscheinlich, dass die Auseinandersetzung oder sogar der Kampf zwischen diesen vier Figuren eigentlich naheliegt: Sie können sogar Gegensätze bilden: Die Liebe kommt durchaus ohne Wahrheit aus, sie kann verlogen und scheinheilig sein. Die Wahrheit dagegen ist nicht immer liebevoll. Und Frieden ist oft ungerecht, denn er verzichtet z.B. auf Vergeltung. Entsprechend bedeutet das Durchsetzen von Gerechtigkeit nicht unbedingt, dass Friede herrscht. Wenn diese vier Gestalten sich „treffen“ und sogar „küssen“ wie in unserem Psalm, geschieht also etwas Besonderes: Dann kommt Gott und schafft etwas Neues. Das ist hier die Botschaft.

In der Lutherübersetzung trägt der Psalm die Überschrift: „Bitte um neuen Segen“, und das passt gut, denn Gott wird hier bedrängt, etwas zu tun, so zu handeln, wie am Anfang der Geschichte Israels. Damit beginnt der Psalm. Der erste Teil lautet folgendermaßen:

Psalm 85, 2- 8:
2 HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Landeund hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
3 der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und alle seine Sünde bedeckt hast;
4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
5 hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns!
6 Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für?
7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich über dich freuen kann?
8 HERR, erweise uns deine Gnade und gib uns dein Heil!

Der Beter blickt also zurück auf grundlegende Heilserweise Gottes, auf die Erschaffung der Welt, die Erwählung Israels, den Auszug auf Ägypten und die Landnahme, und er bittet darum, dass Gott noch einmal so handeln möge. Er soll helfen, wie er „vormals“ geholfen hat, und seine einmal eingegangenen Verpflichtungen erfüllen. Er soll sich selbst und Israel treu bleiben. Und damit ist nicht einfach nur eine Schicksalswende gemeint, sondern die Wiederherstellung des Früheren, die Wiederholung des Anfangs. Es geht also nicht um historische Ereignisse, sondern der Psalm erinnert Gott an die großen Verheißungen, die er Israel einmal gegeben hat. Er hatte ihnen eine endzeitliche und endgültige Wiederherstellung versprochen. Und das soll endlich eintreten, eine Rückkehr zum Uranfang, ein Neubeginn mit endzeitlicher Lebenskraft. Gottes Güte und Liebe sollen über seinen Zorn siegen, damit Israel aus dem Tod zum Leben hinübergeführt wird. Davon handelt der erste Teil des Psalms.

Im zweiten Teil wird auf diese Bitte geantwortet.

Psalm 85, 9- 14:
9 Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten.
10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne;
11 dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
12 dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13 dass uns auch der HERR Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe;
14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

Dieser Teil enthält eine wunderbare Friedensbotschaft: Gott wird dem Volk all das bringen, was es als Ganzes und was jeder und jede Einzelne braucht, um zufrieden und glücklich zu sein, heil und unversehrt, und zwar in solcher Fülle, dass alle genug haben. Die Verse klingen wie eine Zusammenfassung der großen Heilsverheißungen der biblischen Propheten, wie z.B. Jesajas: Das Heil ist nahe, und Gott wird dauerhaft im Lande wohnen.

Und dabei wird er begleitet von „Güte“ und „Treue“, „Gerechtigkeit“ und „Friede“, d.h. von Liebe und Wohlwollen, Barmherzigkeit und Gnade. Man wird sich auf ihn verlassen können, er bietet Sicherheit und Beständigkeit. Die Wahrheit und das Recht werden durchgesetzt, das, was richtig und gut ist. Und das bedeutet: Ein allumfassender Friede kehrt ein, es wird eine kosmische Wiederherstellung der Schöpfung geben. Und dabei kommen die Gaben und Wirkweisen Gottes auf die Welt. Denn „Güte“ und „Treue“, „Gerechtigkeit“ und „Friede“ sitzen nicht untätig irgendwo in Wartestellung, sondern sie haben sich zusammengetan und mit Gott aufgemacht. Als Begleiter Gottes bereiten sie dem Heil, das am Uranfang da war, den Weg und lassen es Wirklichkeit werden.

Das ist die Botschaft unseres Psalms, und die klingt sehr schön. Nicht umsonst ist der zentrale Vers sehr berühmt geworden. Er wurde unzählige Male bildhaft dargestellt, es gibt darüber Abhandlungen und Unterrichtsmaterial, Predigten und Hochzeitsansprachen.

Aber nützt er uns auch etwas? „Dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen“, entspricht ja nicht gerade unseren Erfahrungen. Im Gegenteil, der Streit der vier Gestalten, wie er z.B. in der Erzählung der Rabbiner geschildert wird, ist viel realistischer. Wir diskutieren oft lange, bis wir eine Entscheidung treffen, und dabei prallen die verschiedenen Meinungen und Lebensweisen oft hart aufeinander. Gruppen und Parteien bekämpfen sich eher, als dass sie „sich küssen“, stoßen sich ab, anstatt sich freundlich zu begegnen.

Ein gutes aktuelles Beispiel ist dafür der Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan. Das ist ja noch nicht lange her, und er ist höchst umstritten. Genauso war es schon mit dem Einsatz: War das alles richtig? Hat es etwas gebracht? Was sind überhaupt die Aufgaben der Bundeswehr und der Nato? Und brauchen wir sie eigentlich? Zu all dem gibt es wie gesagt viele verschiedene Meinungen, und man kann sie gut mit den Idealen „Güte“ und „Treue“, „Gerechtigkeit“ und „Friede“ beschreiben: Die einen betonen dies, die anderen das, und es passt tatsächlich nicht alles zusammen.

Mit dem Frieden und dem Guten für die Menschheit im Allgemeinen ist es genauso: Die einen wollen es am liebsten durchsetzen und anordnen, doch dabei entsteht schnell neue Gewalt. Die anderen bieten es liebevoll an und laden dazu ein, aber dabei bleibt es oft schwach und wirkungslos. Es ist ein Dilemma, denn niemand kennt den richtigen Weg. Wer das meint, wird fundamentalistisch und ideologisch, und es führt nicht weiter.

Und auf diesem Hintergrund können der Psalm und auch die Erzählung aus dem Midrasch uns durchaus etwas nützen, denn sie enthalten eine wunderbare Antwort auf unsere Ratlosigkeit. Uns wird dort nämlich gesagt: Während ihr euch noch streitet, hat Gott längst gehandelt. Er ist der Schöpfer, der Heilige und Allwisssende. Nicht umsonst wird er in der Erzählung immer mit dem Zusatz erwähnt „gepriesen sei er“. Sein Handeln ist vollmächtig und eindeutig. Er setzt sich über unsre Streitereien hinweg und unterläuft einfach alle Diskussionen. Denn er ist der Gott des allumfassenden Friedens.

Als Christen glauben wir, dass er das durch das Kommen seines Sohnes gezeigt und so gehandelt hat, wie „vormals“, als er Israel erwählte, wie am Uranfang, als er den Menschen schuf. Denn in Christus haben „Güte“ und „Treue“, „Gerechtigkeit“ und „Friede“ „sich getroffen und geküsst“. Er ist der neue Mensch, der eine kosmische Wende und einen endzeitlichen Frieden eingeleitet hat. Sein Reich ist größer als der Raum und die Geschichte, es währt ewig und war von Anfang an da. Denn Christus war als das ewige Wort Gottes bereits gegenwärtig, als die Welt erschaffen wurde, und er wird am Ende wiederkehren.

Dabei hat er zu seinen Lebzeiten gezeigt und verkündet, wie Gott sich die Welt am Anfang vorgestellt hatte: Voller Barmherzigkeit und Güte, Ehrlichkeit und Wahrheit, Gerechtigkeit und Glück. Die Menschen, die Jesus begegneten, haben das durch ihn erfahren, und so kann es uns auch heute noch gehen, wir müssen nur auf ihn schauen und ihm vertrauen. Dazu lädt er uns ein: Wir sollen mit ihm leben, ihm folgen und uns ihm hingeben. Dann empfangen wir seinen Geist und können so handeln, dass sein Reich entsteht, wenigstens ansatzweise. 

Wir sind damit auch nicht allein und schon gar nicht die Ersten. Dafür gibt es viele Vorbilder. Einer, der das vertreten hat, ist z.B. der deutsche Physiker, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker. Er wusste genau, wie gefährlich viele Erkenntnisse der Naturwissenschaft heutzutage sind: Die Atombombe wurde erfunden, Informationstechnik und Genmanipulation. Deshalb war für ihn die Wissenschaft untrennbar mit der Moral verbunden, und er bekannte sich zu einem radikalen Pazifismus: Seine Vision war die Einheit der Welt. Natürlich wusste er genau, dass das ein Ideal ist, aber darauf hatte er eine Antwort. Er sagte dazu: „Nicht Optimismus, aber Hoffnung habe ich zu bieten.“ Und deshalb ermahnte er die Gesellschaft, mutig und zuversichtlich im Frieden miteinander zu leben. Er forderte einen Bewusstseinswandel, der für ihn auf dem „Quellgrund religiöser Erfahrung“ ruhte. Das hat er einmal so formuliert: „Man kann in dieser Welt, wie sie ist, nur dann weiterleben, wenn man zutiefst glaubt, dass sie nicht so bleibt, sondern werden wird, wie sie sein soll.“ An diesem Glauben gilt es festzuhalten, gegen allen Augenschein, entgegen allen Streit und Krieg.

Ein weiteres Vorbild für eine unerschütterliche Frömmigkeit ist der Theologe und Liederdichter Paul Gerhardt. Er lebte zur Zeit des dreißigjährigen Krieges, d.h. er war umgeben von Hass und Gewalt, Unsicherheit und Gefahr. Überall herrschten Unrecht, Schrecken und der Tod. Die Zerstörung, die Not und das Leid in dieser Zeit sind für uns kaum vorstellbar. Trotzdem oder gerade deshalb hat Paul Gerhardt an seinem Glauben festgehalten und war überzeugt davon, dass eines Tages der Friede wiederkommt. Das geht aus allen seinen Liedern hervor. Auch Psalm 85 hat er in Reime übertragen und in der vorletzten Strophe folgende Worte gefunden: „Die Güt und Treue werden schön einander grüßen müssen; Gerechtigkeit wird einhergehn, und Friede wird sie küssen; die Treue wird mit Lust und Freud auf Erden blühn, Gerechtigkeit wird von dem Himmel schauen.“ (EG 283, 6)

Amen.

Der Predigt liegt die Auslegung von Erich Zenger zu Grunde, a.a.O. S. 44ff

Nimm dein Kreuz auf dich und folge Jesus

Predigt über Matthäus 10, 34- 39: Entzweiungen um Jesu willen

21. Sonntag nach Trinitatis, 24.10.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Matthäus 10, 34- 39

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.
38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.
39 Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Liebe Gemeinde.

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.“ So lautet das vierte Gebot. (2. Mose 20, 12) „Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.“ So lautet die Erklärung Martin Luthers dazu im Kleinen Katechismus. Es gilt – wie alle Gebote – seit Jahrtausenden und bildet mit ihnen zusammen die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben.

Im alten Israel bezog es sich auf den Verband der Großfamilie. Das vierte Gebot sollte die Existenz im Alter gewährleisten. Es ist an die erwachsenen Kinder gerichtet, die zur Versorgung der Eltern verpflichtet waren, wenn diese alt wurden. Der Verlust der Leistungskraft sollte nicht mit dem Verlust der Freiheit einhergehen. Das Gesetz schließt auch ein, den Eltern ein würdiges Begräbnis zu geben. „Die Eltern zu ehren“ hieß deshalb, sie zu achten, ihnen zu helfen und für sie da zu sein. Diejenigen, die dies taten, konnten davon ausgehen, dass ihnen selber der gleiche Umgang von Seiten ihrer Kinder widerfahren würde.

Wie kann es also sein, dass Jesus sagt: „Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“?

Der Abschnitt im Matthäusevangelium, in dem Jesus das sagt, ist heute unser Predigttext. Und das ist auch gut so, denn darüber müssen wir uns in der Tat Gedanken machen. Das klingt ja äußerst provokativ und ärgerlich. Dabei sind die Entzweiungen in der Familie noch nicht einmal die schlimmste Ankündigung. Noch brutaler ist die Aussage: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Wovon spricht Jesus hier? Ruft er zum Streit, zur Trennung und sogar Krieg auf? Das wäre dann ja das komplette Gegenteil zu vielen anderen Sätzen, die wir von ihm kennen. So heißt es z.B. in den Seligpreisungen: „Selig sind die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Mt. 5, 9)Wie passt das alles zusammen? Das fragen wir uns.

Doch so schwierig ist es gar nicht, Jesus zu verstehen. Fangen wir mal mit dieser letzten Aussage an: Darin fordert Jesus die Jünger nämlich nicht auf, selber das Schwert zu führen. Er warnt sie vielmehr davor, dass es gegen sie erhoben wird. Wenn sie ihm nachfolgen, müssen sie damit rechnen, dass sie verfolgt werden. Es ist gefährlich, Jünger Jesu zu sein, und es führt leider nicht zu einem allumfassenden Frieden. Das bezieht sich auch auf den Zusammenhalt in der Familie: Sie kann zerfallen.

Diese düstere Vision gab es bereits im Alten Testament, in Schilderungen des Weltuntergangs. Die Familie galt damals als Zelle und Fundament des gesellschaftlichen Lebens und Bestehens. Sie bot Obdach und Schutz für den Einzelnen. Das vierte Gebot hatte das Ziel, das abzusichern. Denn löste die Familie sich auf, verloren die Einzelnen ihre Geborgenheit und die Gesellschaft war ruiniert. Der Verfall der Familie bedeutete also höchste endzeitliche Not. Das greift Jesus hier auf, und auch seine Worte haben einen endzeitlichen Charakter. Allerdings schildert er nicht in erster Linie den Zerfall alles Bestehenden, sondern eine erschütternde Erfahrung: Die Stellungnahme zu Jesus kann auch in die Familie einen Riss bringen.

Er fordert deshalb ausdrücklich dazu auf, im Konfliktfall die Entscheidung für ihn über die Entscheidung für das eigene Leben und die Hausgenossen zu stellen. Es kann sein, dass die Jünger von allen Seiten bedroht werden. Dann gilt der Gehorsam gegenüber Jesus mehr als der Gehorsam gegenüber Menschen, selbst wenn es die eigenen Eltern oder Kinder sind. Es geht Jesus also um eine eindeutige Nachfolge.

Das wird im weiteren Verlauf noch deutlicher. Alle seine Zuhörer und Zuhörerinnen hatten schon Menschen gesehen, die zum Tode verurteilt waren und ihr Kreuz zum Richtplatz trugen. Dieses Bild benutzt er nun, um die Jünger auf eventuelles Leid vorzubereiten. Sie müssen Feindseligkeiten aushalten und dürfen sogar das Martyrium nicht ausschließen.

Am Ende kommt dann der wichtigste Satz, an dem deutlich wird, dass all das nicht ergebnislos bleibt, sondern dem Gewinn des Lebens dient. Jesus bürstet die alltägliche Erfahrung gegen den Strich, indem er sagt: „Wer sein Leben findet, der wird‘s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird‘s finden.“ Natürlich denkt er damit über die Grenzen des irdischen Lebens hinaus, an die Auferstehung und das Himmelreich. Aber er beschreibt auch ein Prinzip, das sich bereits im jetzigen Leben ereignet: Aus der Preisgabe geht neuer Lebensgewinn hervor, im Loslassen findet der Jünger oder die Jüngerin, was sie eigentlich sucht. Sie rettet ihre Seele und entdeckt ganz neue Wege des Seins. Ein Christ bzw. eine Christin ist also ein Mensch, der das Kreuz als sein eigenes Schicksal annimmt und mit Jesus geht. Denn in ihm hat Gott eine ganz neue Antwort auf das Leid und den Tod gegeben, eine Antwort, die durch die Krise zum Leben führt.

Und das ist auch für uns eine gute Botschaft, selbst wenn wir hier in Deutschland nicht wegen unseres Glaubens verfolgt werden, und es auch in unseren Familien kaum Zerwürfnisse wegen Jesus gibt. Wir lassen uns gegenseitig glauben und leben, was jeder und jede möchte. Trotzdem ist es auch für uns wichtig, was Jesus hier sagt, denn natürlich kennen wir Konflikte und zwischenmenschliche Probleme. Unser Miteinander ist nicht immer friedlich, weder auf der gesellschaftlichen noch auf der persönlichen Ebene. Wir müssen zugeben, dass es das Böse und den Hass in der Welt gibt.

Die Christenverfolgungen sind dafür ein trauriger Beweis. Es gibt sie leider auch heute noch. Menschen entscheiden sich für die Vernichtung, lassen grausame Kräfte walten, die in den Tod führen. Das wissen wir aus den Nachrichten und erleben es auch dadurch, dass Menschen, die davon betroffen sind, hierher fliehen. Denn hier sind sie zum Glück einigermaßen sicher.

Trotzdem ist auch unser Leben nicht frei von negativen Kräften. Es gibt Vorstufen des ganz Bösen, die wir alle in unserem persönlichen Umfeld erfahren. Ich kenne kaum jemanden, der nicht in irgendeiner Form unter einer anderen Person leidet. Denn es gibt überall Menschen, die sich von Egoismus, Gier oder Macht hinreißen lassen. Es kommt zu Ungerechtigkeiten, Diffamierungen, Intrigen, Streit und Spannungen. Es kann von der Vorgesetzten ausgehen, von der Schwiegermutter, dem Kollegen, einem Patienten, einer Schülerin usw. Viele Menschen machen anderen das Leben schwer, bewusst oder unbewusst.  

Und zu all dem gibt Jesus uns hier eine Antwort. Denn er beschreibt einen Weg, der zur Lösung und zur Überwindung führt. Und der unterscheidet sich von fast allem anderen, das wir normalerweise tun, wenn wir bedrängt werden. Da gibt es ja viele Methoden. Die schlechteste ist mit Sicherheit das Zurückschlagen oder die Rache. Da sind wir uns wahrscheinlich einig. Wenn wir dieselben Mittel wählen wie unsere Gegner, kommen wir nicht weit. Der Konflikt verschärft sich nur, es wird noch mehr zerstört.

Sinnvoller ist es dann schon, die Flucht zu ergreifen. Viele Menschen tun das ja auch zu Recht. Sie retten ihr Leben, indem sie fliehen. Trotzdem ist das ebenfalls keine befriedigende Antwort, denn es ist gefährlich und der Ausgang ist ungewiss. Außerdem möchte eigentlich niemand seine Heimat verlassen und in einer fremden Kultur ganz von vorne anfangen.

Eine Lösung ergibt sich erst dann, wenn die Konfliktparteien aufeinander zugehen, miteinander reden und sich vertragen. Das wünschen wir uns deshalb auch alle. Doch leider geht das oft nicht, weil nur eine der beiden Seiten das möchte. Die anderen bleiben verhärtet und ziehen den Streit vor.

Aber es gibt noch einen vierten Weg, und zu dem fordert Jesus uns hier auf. Und zwar lädt er uns dazu ein, ihn an erste Stelle in unserem Denken, Fühlen und Handeln zu setzen, uns in jeder Situation für ihn zu entscheiden und uns ihm anzuvertrauen. Er fragt uns: „Wen oder was liebst du über alles?“ Und darüber sollten wir ruhig einmal nachdenken.

Wenn wir uns diese Frage ehrlich stellen, kommen wir nämlich schnell darauf, dass er das nicht unbedingt ist. Es ist vielmehr ein anderer Mensch, eine Gewohnheit, ein gewisses Maß an Wohlstand und Bequemlichkeit, unsere Gesundheit, Gedanken, Vorlieben, ein Zeitvertreib o.ä. Meistens hat es etwas mit uns selber zu tun, mit unserem Ich, unserem Wollen und unserem Wohlbefinden, unserer Selbstverwirklichung und unseren Idealvorstellungen vom Leben. Wir sind keineswegs frei von Egoismus, Gier oder Machtansprüchen. Wenn wir uns bedroht fühlen, haben wir Angst, uns selber zu verlieren, und es kommt deshalb leicht zu verhärteten Fronten, zu Funkstille, zum Bruch oder sogar zur Trennung.

Und genau das stellt Jesus hier in Frage. Denn er lädt uns dazu ein, auch einmal etwas aufzugeben, zu verzichten, loszulassen und neu zu beginnen. Er möchte, dass wir „die alten Wege verlassen“, leidensfähig werden und im Konfliktfall uns selber „vergessen“. Jesus erwartet, dass wir unser Ich nach hinten stellen und auf ihn schauen. Er möchte in unserem Blickfeld der Erste sein. Wir sollen seinen Weg gehen und „die Liebe bedenken“, die er gebracht hat. Dann kann sein Geist uns prägen und seine Kraft uns erfüllen.

Und das führt zur Überwindung, denn es eröffnen sich durch die Nachfolge Jesu ganz neue Möglichkeiten. So können wir z.B. auch das vierte Gebot viel besser einhalten, weil wir innerlich unabhängig sind. Die Familie hält zusammen, denn es spielt keine Rolle, ob unsere Eltern oder Kinder uns verstehen und wie sie uns begegnen. Wir können in jedem Fall Respekt üben und hilfsbreit sein, uns „verschenken“ und „verbünden“. Wenn wir radikal auf Jesus vertrauen und ihm nachfolgen, ist plötzlich ist alles da, wonach wir uns sehnen: Der „Hass wird überwunden“, das Böse wird gebannt, Ruhe und Frieden kehren ein, Heil und Erlösung. Die Liebe erwacht und es „berühren sich Himmel und Erde“. (Himmel, Erde, Luft und Meer, Beiheft zum EG in der Nordkirche, 1. Auflage 2014, Nr. 83)

Glauben macht gesund

Predigt über Jesaja 38, 9- 20: Hiskias Danklied

19. Sonntag nach Trinitatis, 10.10.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 38, 9- 20

9 Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war:
10 Ich sprach: Nun muss ich zu des Totenreiches Pforten fahren in der Mitte meines Lebens,
da ich doch gedachte, noch länger zu leben.
11 Ich sprach: Nun werde ich den HERRN nicht mehr schauen
im Lande der Lebendigen,
nun werde ich die Menschen nicht mehr sehen
mit denen, die auf der Welt sind.
12 Meine Hütte ist abgebrochen
und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt.
Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber;
er schneidet mich ab vom Faden.
Tag und Nacht gibst du mich preis;
13 bis zum Morgen schreie ich um Hilfe;
aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe;
Tag und Nacht gibst du mich preis.
14 Ich zwitschere wie eine Schwalbe
und gurre wie eine Taube.
Meine Augen sehen verlangend nach oben:
Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!
15 Was soll ich reden und was ihm sagen?Er hat’s getan!
Entflohen ist all mein Schlaf
bei solcher Betrübnis meiner Seele.
16 Herr, lass mich wieder genesen und leben!
17 Siehe, um Trost war mir sehr bange.
Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen,
dass sie nicht verdürbe;
denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.
18 Denn die Toten loben dich nicht,
und der Tod rühmt dich nicht,
und die in die Grube fahren,
warten nicht auf deine Treue;
19 sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute.
Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.
20 Der HERR hat mir geholfen,
darum wollen wir singen und spielen,
solange wir leben, im Hause des HERRN!

Liebe Gemeinde.

„Damals wurde Hiskija todkrank. Der Prophet Jesaja, der Sohn von Amoz, kam zu ihm und sagte: »So spricht der Herr: ›Bereite dich auf dein Ende vor! Du wirst von diesem Krankenlager nicht wieder aufstehen.‹« Hiskija drehte sich zur Wand hin und betete: »Ach, Herr, denk doch daran, dass ich dir immer treu war! Ich habe dir mit ganzem Herzen gehorcht und stets getan, was dir gefällt.« Hiskia brach in Tränen aus und weinte laut. Jesaja war erst bis zum mittleren Hof des Palastes gekommen, da erging an ihn das Wort des Herrn; er erhielt den Befehl: »Kehr um und sag zu Hiskia, dem Anführer meines Volkes: ›So spricht der Herr, der Gott deines Ahnherrn David: Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Ich werde dich gesund machen. Am dritten Tag von heute an wirst du wieder in meinen Tempel gehen können. Ich gebe dir noch fünfzehn Jahre dazu und werde dich und diese Stadt vor dem König von Assyrien retten. Um meiner Ehre willen und meinem Diener David zuliebe werde ich Jerusalem beschützen.‹« (2. Könige 20, 1– 6, Übersetzung „Die gute Nachricht“)

Jesaja richtete die Botschaft aus und drei Tage später war Hiskia wirklich wieder gesund. Für ihn war klar, dass Gott sein Gebet erhört und ihn geheilt hatte. Nach seiner schweren Krankheit ging er deshalb tatsächlich wieder in den Tempel, brachte dort ein Dankopfer dar und trug einen Psalm vor. Den haben wir vorhin gehört, er ist heute unser Predigttext.

Darin lenkt Hiskia seine Gedanken zuerst in die Tage seiner Not zurück. Sein Leben, das ruhig und friedlich verlaufen war, wandte sich plötzlich zum Schlechten. Es schien, als ob er mitten aus seinem Leben abberufen würde und den Rest der Jahre in der Unterwelt als Schattenwesen unter den anderen Toten verbringen müsse. Die stellten sich die Israeliten wie eine Stadt mit Mauern und verschlossenen Toren unterhalb der Erdscheibe vor. Wer stirbt, kommt dort hin, d.h. er ist von der Gemeinschaft mit den Menschen abgeschnitten und kann nicht entweichen. Eben so wenig kann er Gott dort schauen, denn Gott ist ein Gott der Lebenden, nicht aber der Toten. Das sah Hiskia auf sich zu kommen,

Dieses Geschick beschreibt er im weiteren Verlauf seines Liedes sehr bildhaft: Er vergleicht sein Leben z.B. mit einem Hirtenzelt. Das wird beim Wechsel des Weideplatzes abgebrochen, indem man die Zeltpflöcke herauszieht, die von ihnen gehaltenen Seile löst und das Zelttuch zusammenpackt. Ein anderes Bild ist das von Gott als einem Weber, der einen Teppich hergestellt, das fertige Gewebe zusammengerollt und die letzten Fäden abgeschnitten hat, um das Stück vom Webstuhl zu nehmen. So schien das Leben Hiskias zu Ende gewebt und Gott gerade dabei, den Lebensfaden abzuschneiden.

Denn er war es ja, der die Krankheit und Not gebracht hatte! Das spricht der Beter nun aus. Gott gab ihn vom Morgen bis zum Beginn der Dunkelheit und genauso während der Nacht der todbringenden Krankheit preis. Er war tagsüber geplagt und fand auch des Nachts keine Ruhe, so dass er unaufhörlich vor Schmerzen und Sorgen, aber auch um Hilfe und Erlösung schrie.

Doch kein Morgen brachte die erhoffte Hilfe. Er sah sich dem Tode geweiht und sein schwächer werdendes Leben allmählich in diesen übergehen. Das Zwitschern der Schwalbe, mit dem er seinen Schrei vergleicht, ist der gleiche Ton, den man den Totenwesen zuschreibt. Auch das Gurren der palästinischen Turteltaube dient als Vergleich, denn es klingt schluchzend wie das Stöhnen und Klagen leidender Menschen. Dennoch hat Hiskia sich nicht willenlos in das anscheinend Unvermeidliche geschickt, sondern sich mit Gebet und Flehen an Gott gewandt.

Damit endet die Erzählung seiner einstigen Not, der erste Teil des Psalms. In der zweiten Strohe steht dagegen nun der innige Dank des Geretteten: Gott hat getan, worum er ihn gebeten hat. Darum will Hiskia ihm sein Leben lang danken, den ganzen Rest seiner Jahre, die er nun doch in Gemeinschaft mit Gott und den Menschen verbringen darf. Und so erzählt er von seiner Heilung: Gott hat seinen von Krankheit und Schmerzen unruhigen und verstörten Geist beruhigt, denn er hat den Leidenden gesund gemacht. Er hat ihn vor Tod, Grab und Unterwelt bewahrt und ihm seine Sünden vergeben. Denn Gott will nicht für sich allein existieren, sondern im Gegenüber mit dem Menschen wirken. Sein Handeln an und in der Welt setzt lebendige Menschen voraus, die ihn preisen, ihm danken und auf ihn hoffen. Die Toten können das nicht, weil in der Unterwelt jede Beziehung zu Gott aufhört. Darum ist Gott daran gelegen, seine Verehrer am Leben zu erhalten. Er rettet sie vor dem Tode, damit sie sein Lob singen. Mit diesem Bekenntnis und mit Dank und Jubel endet das Lied Hiskias. Er verspricht, von nun an Gott zu loben, solange er lebt.

Und wie alle anderen Psalmen, lädt auch dieser uns ein, darin einzustimmen, genauso zu singen und uns zum Dank zu verpflichten.

Aber können wir das? Gerade das Thema Krankheit und Glaube ist ja nicht ganz einfach, denn wir erleben keine Wunderheilungen. Wenn bei uns jemand die Diagnose bekommt, er oder sie sei unheilbar krank, führt es tatsächlich zum Tod. Kein Gott rettet uns, wir werden schwächer und gehen ein. Wozu lesen wir also diese Geschichte? Kann sie uns überhaupt noch etwas sagen?

Ich denke ja, denn es wird nicht erwähnt, was Hiskia überhaupt hatte, und Jesaja war kein Arzt. Wir erfahren nur, dass Hiskia in seiner Krankheit an Gott festhielt, betete und hoffte. Wir können die Erzählung also gut auf den Zusammenhang zwischen unserem Glauben und unserem körperlichen Heil anwenden, zwischen Geist, Seele und Leib, denn den gibt es mit Sicherheit.

Viele Krankheiten haben bewusst oder unbewusst etwas damit zu tun, dass unsere Seele leidet. Und genau dagegen ist der Glaube ein gutes Mittel, denn er ist eine positive und heilende Kraft. Er kann z.B. der Angst etwas entgegensetzen. Die befällt uns ja oft. Es gibt viele Situationen, die uns Furcht einflößen: Es kann die allgemeine Weltlage sein, Angst um einen Menschen oder vor jemand anderem, vor Krankheit, Armut, Unfall oder was auch immer. Sie verzehrt uns von innen her und macht uns schwach und eventuell eben krank. Und davor kann uns der Glaube bewahren, denn er gibt uns das Gefühl der Geborgenheit. Wir sind in Gottes Hand, ganz gleich, was geschieht. Dieses Bewusstsein beruhigt und beschützt uns vor negativen Kräften, auch vor Wut oder Trauer, Ärger und Groll. Diese schlechten Gefühle werden ebenso abgemildert, wenn wir uns Gott anvertrauen, denn wir empfangen seine Liebe und Vergebung, Freude und Zuversicht.

Das ist der erste Bereich, in dem ein Zusammenhang zwischen unserem Glauben und unserem Wohlergehen erkennbar ist. Dazu gibt es viele bewusste Vorgänge, die durch den Glauben an Gott ganz anders ablaufen können als ohne ihn. Sinnlosigkeitsgefühle, Antriebsschwäche, Begierden und Auflehnung werden auch verändert. Denn durch die Gegenwart Gottes in unserem Leben gibt es immer einen Sinn. Wir sind motiviert, etwas für uns zu tun, gesund zu leben, uns zu bewegen und Gemeinschaft mit anderen zu suchen. Wir können besser Maß halten und loslassen, Ja sagen und Dinge annehmen, auch wenn sie schwer erträglich sind. Und all das erhält unsere Gesundheit, es wirkt sich körperlich aus und führt dazu, dass es uns besser geht.

In der Hirnforschung ist das ja längst bekannt: Der Zusammenhang zwischen Leib und Seele wird untersucht und keiner ignoriert ihn mehr. Das medizinische Fachgebiet, das sich damit beschäftigt, ist die Psychosomatik. Seit 1970 gehört sie bereits zum Medizinstudium und beruht auf der Erkenntnis, dass es unzählige Wechselwirkungen zwischen Leib, Geist und Seele gibt.

Möglicherweise war das auch bei Hiskia so. Er hat nach der schrecklichen Ankündigung Jesajas seinen Geist und seine Seele in Gottes Hand gelegt, und dadurch wurde er auch körperlich gesund.

Doch was ist nun mit den unheilbaren Krankheiten, von denen wir ganz genau wissen, dass sie zum Tod führen? Das Lied Hiskias enthält dazu keine Antwort, aber es gibt sie natürlich in der Bibel. Die alttestamentliche Vorstellung vom Totenreich wird im neuen Testament nämlich aufgegriffen und grundlegend verändert. Im Evangelium wird uns verkündet, dass Jesus dort war, im Reich des Todes, und er hat es aufgeschlossen, denn „er hat die Schlüssel des Todes und der Hölle“, wie es in der Offenbarung heißt (Off.1,18). Er ist von den Toten wieder in das Reich der Lebenden zurückgekehrt, als „Erstling unter denen die entschlafen sind“, wie Paulus es formuliert (1.Kor.15,20). Und er wird diejenigen „lebendig machen“, die ihm „angehören“ (1.Kor.15,22f), d.h. er wird sie ebenfalls aus der Unterwelt holen. Das beinhaltet der Glaube an die Auferstehung.

Und das ist eine gute Botschaft, denn irgendwann verfällt unser Leib auf jeden Fall. Eines Tages sind wir alle unheilbar krank, denn vor der Vergänglichkeit des Lebens kann niemand fliehen. Wir werden älter und schwächer, und eines Tages kommt der Tod.

Das ist keine leichte Einsicht. Keiner und keine von uns möchte gerne sterben. Aber gerade deshalb ist es gut, wenn wir uns an Jesus hängen. Dann sind wir auch im Sterben noch getröstet und geborgen. Der Glaube muss selbst davor nicht kapitulieren, sondern kann zur Überwindung führen, denn er gibt uns die Hoffnung, dass wir durch den Tod in das Reich Gottes eingehen. Die christliche Zuversicht geht weit über Zeit und Raum hinaus. So können wir selbst mit einer unheilbaren Krankheit und im Angesicht des Todes heiter und fröhlich bleiben und mit Hiskia Gott loben und ihm danken: „Du hast dich meiner Seele herzlich angenommen. Der Herr hat mir geholfen.“

Amen.

Betet ohne Unterlass

Predigt über 1. Thessalonicher 5, 14- 24:

Anweisungen für das Gemeindeleben

14. Sonntag nach Trinitatis, 5.9. 2021, 9.30 und 11 Uhr,

Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Thessalonicher 5, 14- 24

14 Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.
15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.
16 Seid allezeit fröhlich,  
17 betet ohne Unterlass,   
18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.
19 Den Geist dämpft nicht.
20 Prophetische Rede verachtet nicht.
21 Prüft aber alles und das Gute behaltet.
22 Meidet das Böse in jeder Gestalt.
23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.
24 Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.

Liebe Gemeinde.

„Ich, nach der Gnade Gottes ein Christenmensch, meinen Werken nach ein großer Sünder, meiner Berufung nach ein heimatloser Pilger, niedersten Standes, pilgere von Ort zu Ort. Folgendes ist meine Habe: auf dem Rücken trage ich einen Beutel mit trockenem Brot und auf der Brust die Heilige Bibel; das ist alles. In der vierundzwanzigsten Woche nach Pfingsten kam ich in eine Kirche zur Liturgie, um dort zu beten; gelesen wurde aus der Epistel an die Thessalonicher im fünften Kapitel der siebzehnte Vers; der lautet: Betet ohne Unterlass. Dieses Wort prägte sich mir besonders ein, und ich begann darüber nachzudenken, wie man wohl ohne Unterlass beten könne, wenn doch ein jeder Mensch auch andere Dinge verrichten muss, um sein Leben zu erhalten. Ich schlug in der Bibel nach und sah dort mit eignen Augen dasselbe, was ich gehört hatte, und zwar, dass man ohne Unterlass beten, bei allem Gebet und Flehen allezeit im Geiste beten und darin wachen muss in Ausdauer und allerorts mit zum Gebet erhobenen Händen. Ich dachte viel darüber nach, wusste aber nicht, wie das zu deuten sei.“ (Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers, erste vollständige deutsche Ausgabe, herausgegeben und eingeleitet von Emmanuel Jungclausen, Freiburg, Basel, Wien, 1974, S. 23)

So beginnen „Die aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“. Das ist ein geistliches Buch aus dem 19. Jahrhundert, das bis heute eine geheimnisvolle Anziehungskraft besitzt. Der Verfasser ist anonym, man hat das Manuskript in einem russischen Kloster gefunden. Vor ungefähr 150 Jahren wurde es zum ersten Mal veröffentlicht, und es gilt bis heute als „Kostbarkeit aus dem Schatz der Weltliteratur, als Klassiker russisch-orthodoxer Spiritualität“. So wird es im Buchhandel beworben.

Wir erfahren gleich zu Beginn, dass der Pilger die Aufforderung aus dem Thessalonicherbrief „Betet ohne Unterlass“ sehr ernst nahm. Wir soll man das verstehen? Und wie soll das gehen, dass wir „allezeit“, „ohne Unterlass“ und „in allen Dingen“ fröhlich sind, beten und danken? Das fragte sich der Pilger, und das fragen wir uns auch. Lasst uns also sehen, was es damit auf sich hat.

Dazu ist zunächst gut zu wissen, an wen Paulus hier überhaupt schreibt. Es war die junge Gemeinde in Thessalonich, die Paulus selber nicht lange vor dem Verfassen dieses Briefes gegründet hatte. Die Menschen hatten sich vom Glauben an Jesus Christus begeistern lassen. Doch dann schwirrten auch abweichende Meinungen und Irrlehren umher. Davon hatte Paulus gehört. Die Gemeinde war im Glauben noch ungefestigt und brauchte Hilfe, Stärkung, Weisung und Rat. Störende Einflüsse sollten die Aufbruchstimmung und den Glauben an Jesus Christus nicht verdunkeln. Deshalb sagt Paulus z.B.: „Prüft alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.“ Die Mahnungen zielen also darauf, wie allein Jesus Christus das Leben prägen und bestimmen kann.

Dazu gehört es als erstes, die Schwachen im Glauben, die vielleicht besonders anfällig für andere Meinungen waren, nicht aufzugeben und nicht sich selbst zu überlassen. Denn das oberste Gesetz für die Christen ist die Liebe untereinander und die gegenseitige Hilfe.

Dann folgen die drei Forderungen, die den russischen Pilger beschäftigten: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.“ Liebe und Freude, Dankbarkeit und Gebet sollen das Bewusstsein bestimmen und den Menschen prägen. Das ist „der Wille Gottes in Jesus Christus“, sagt Paulus. Und damit meint er nicht ein Gesetz oder ein Programm, sondern der Wille Gottes ist eine Kraft, die ordnet und heilt. Die Freude, das Gebet und der Dank sind Gaben des Heiligen Geistes. Das wird daran deutlich, dass Paulus den Heiligen Geist im nächsten Satz erwähnt. Er warnt davor, außerordentliche Erscheinungen des Geistes, wie z.B. die prophetische Rede, nicht zurückzudrängen oder zu verachten, sondern alles, was in der Gemeinde geschieht, gut zu überprüfen.

Und er schließt dann mit einem sehr schönen Segenswunsch: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.“ Das ist ein Gebet, mit dem Paulus die Gemeinde der Fürsorge Gottes anvertraut. Denn letzten Endes kann nur Gott selber all das, was er erwähnt hat, auch bewirken. Das weiß Paulus. Die Christen können und sollen sich nicht selber heiligen, sondern Gott wird das tun. Und es wird kein Stückwerk sein, sondern den ganzen Menschen erfassen. 

Paulus beschreibt also, wie ein Leben aussieht, das von der Gegenwart Christi geprägt ist, die heilt und befreit. Er beschreibt hauptsächlich ein Ziel, das sich nicht an unseren Möglichkeiten, sondern an Gott orientiert. Gott ist nämlich „allezeit“, „ununterbrochen“ und „in allen Dingen“ da. Das müssen wir uns zunächst einmal nur bewusst machen. Und das ist ein schöner und befreiender Gedanke: Es gibt eine Wirklichkeit, die sich nicht verändert, die ewig und bleibend, fest und unwandelbar ist. Und es lohnt sich, wenn wir uns dieser Wirklichkeit öffnen, uns darauf einstellen und uns davon bestimmen lassen. Dazu lädt Paulus hier ein.

Und das ist nach wie vor eine wichtige Ermahnung, denn das tun wir oft nicht. Unser Leben ist meistens von ganz anderen Dingen bestimmt, von unseren Aufgaben, den Menschen um uns herum, dem Suchen nach Glück und Erfolg, dem Wunsch nach Gesundheit und Abwechslung. All das nimmt uns in Anspruch.

Das ist an sich zwar nicht schlimm, aber so ganz einfach ist es ja leider nicht, das alles zu organisieren und zu verwirklichen. Einsamkeit, Sinnlosigkeit, Krankheit und Tod sind nie weit entfernt und können uns sehr schnell treffen. Unser Leben ist immer gefährdet. Das Leid lauert ständig um die Ecke. Und wenn es hereinbricht, wissen wir oft nicht weiter.

Das sollten wir zugeben, denn dann gewinnen die Ermahnungen des Paulus ihre Aktualität. Ich sagte ja schon, dass sie über dieses Leben hinaus auf den hinweisen, der in allem immer derselbe bleibt. Und damit beschreiben sie eine Alternative zu dem üblichen Lebenskonzept.

Da ist als erstes die Aufforderung: „Seid allezeit fröhlich!“ Man kann auch übersetzen: „Heiter“, „zufrieden“ und „glücklich“, und zwar ganz gleich, was geschieht. Das ist mit „allezeit“ gemeint. Auch wenn es äußerlich dazu vielleicht mal keinen Anlass gibt, haltet an der Freude fest. Das will Paulus hier sagen. Er klammert die Trauer und den Schmerz also nicht aus, er weiß, dass es sie gibt. Aber sie können überwunden werden, nämlich dann, wenn wir uns an Jesus Christus halten, wenn wir unsere Freude wo anders suchen, als in den Äußerlichkeiten der Welt.

Als nächstes erwähnt Paulus das „Gebet ohne Unterlass“. Das deutet noch viel mehr auf die Wirklichkeit des Geistes hin, denn Gebet heißt ja, ich stehe in Kontakt mit Gott. Ich lebe in einer Beziehung, die anders ist, als die menschlichen Beziehungen. Sie trägt und hält mich, befreit und rettet. Ich hänge an Christus, lebe mit ihm, er ist mein Begleiter, mein Helfer und mein Retter. Das Gebet kann mich durch das Leid hindurch führen. Das ist das Zweite.

Und was passiert, wenn ich wirklich „in allen Dingen dankbar“ bin, wenn ich sogar für das Schwere im Leben Gott danke? Probiert es einmal aus. Nehmt euch vor, jeden Tag für irgendetwas zu danken, gerade dann, wenn ihr das Gefühl habt, da gibt es nichts. Irgendetwas findet ihr mit Sicherheit doch, und wenn es nur das Essen ist, das Bett, in dem man schläft, ein Lächeln, das mir geschenkt wurde. Wenn wir wollen, finden wir jeden Tag etwas, wofür wir danken können, auch im äußersten Leid. Denn selbst wenn alles nur noch dunkel zu sein scheint und mir nichts auf Erden mehr bleibt, worüber ich mich freuen kann, dann ist auf jeden Fall Gott noch da, und er führt mich näher zu sich.

Es gibt in der geistlichen Tradition viele Anleitungen dazu, wie wir das ganz praktisch umsetzen können. Eine spirituelle Lehrerin des letzten Jahrhunderts ist z.B. Madeleine Delbrêl, eine französische Schriftstellerin, Sozialarbeiterin und katholische Mystikerin. Sie hat bewusst mitten in der Welt gelebt und gezeigt, wie man trotzdem eine Innerlichkeit einüben kann, die trägt. Sie schreibt an einer Stelle:

„In das beschäftigste, umhergeworfenste Leben dringen dennoch, wie feiner Staub, leere Zeitteilchen ein. Sieht man sie – man sieht sie nicht immer –, so müsste man auf den Gedanken kommen, sie zusammenzulegen oder aneinanderzureihen und dadurch ein Stück verwertbare Zeit zu gewinnen. Wenn wir behaupten, Beten sei unmöglich, so müssen wir uns auf die Suche nach diesem Zeitstaub machen und ihn so, wie er ist, verwerten.“ (Madeleine Delbrêl, Gebet in einem weltlichen Leben, Einsiedeln 1974, S. 82) Man kann also vermeintlich verlorene Zeit zurückgewinnen und in gewonnene Zeit verwandeln. Wir müssen nur umdenken und auch Widrigkeiten für eine Begegnung mit Gott nutzen. Wenn wir wollen, können wir bei jeder Gelegenheit beten, immer wenn es uns einfällt. Das Gebet muss ja nicht jedes Mal aus vielen Worten bestehen, es kann auch ein Seufzer sein, ein innerer Aufblick, ein kurzer Ruf um Erbarmen. Wenn wir uns das angewöhnen, können wir auch in der Not fröhlich und dankbar bleiben.

Und was tat der russische Pilger? Er traf bei seiner Suche nach dem immerwährenden Gebet auf einen geistlichen Führer, einen Starez, der ihm das sogenannte Jesusgebet beibrachte. Das ist eine Gebetstechnik, die der Lehrer ihm folgendermaßen erklärte: „Setz dich still und einsam hin, neige den Kopf, schließe die Augen; atme recht leicht, blicke mit deiner Einbildung in dein Herz, führe den Geist, das heißt das Denken, aus dem Kopf ins Herz. Beim Atmen sprich, leise die Lippen bewegend oder nur im Geiste: ,Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.‘ Gib dir Mühe, alle fremden Gedanken zu vertreiben. Sei nur still und habe Geduld und wiederhole diese Beschäftigung recht häufig.“ (a.a.O., S. 31)

Der Starez hatte damit schon eine langjährige Erfahrung, deshalb wusste er: „Wenn sich einer an diese Anrufung gewöhnt, so wird er einen großen Trost erfahren und das Bedürfnis haben, immer dieses Gebet zu verrichten, derart, dass er ohne dieses Gebet gar nicht mehr leben kann, und es wird sich ganz von selber aus ihm lösen.“ (a.a.O., S. 30)

Der Pilger hat diesen Rat befolgt und das Jesusgebet gelernt. Er bezeugt daraufhin: „So ziehe ich nun meiner Wege und verrichte unablässig das Jesusgebet, das mir wertvoller und süßer ist als alles andere in der Welt. Mitunter gehe ich meine siebzig Werst am Tage, manchmal auch mehr, und fühle gar nicht, dass ich gehe; ich fühle aber nur, dass ich das Gebet verrichte. […] Der Gewohnheit getreu, drängt es mich nur zu dem einen: unablässig das Gebet zu verrichten, und immer, wenn ich mich damit abgebe, werde ich sehr froh.“ (a.a.O., S. 38f)

Es gibt also viele Wege und Methoden, wie wir die Ermahnung von Paulus: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen“ umsetzen können. Wir müssen sie nur praktizieren.

Amen.

Der Glaube „versetzt uns in den Himmel“

Predigt über Epheser 2, 4- 10: Das neue Leben als Geschenk der Gnade

11. Sonntag nach Trinitatis, 15.8.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Epheser 2, 4- 10

4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden –;
6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,
7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
8 Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,
9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.
10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Liebe Gemeinde.

Zöllner waren in Israel zurzeit Jesu gefürchtet und gehasst, denn sie arbeiteten mit dem Feind zusammen, der römischen Besatzungsmacht. Von ihr pachteten sie die Zölle, die überall eingerichtet waren, auf Märkten, an Grenzen und Stadttoren. Von ihren Erlösen mussten die Zöllner einen bestimmten Betrag an die Römer abliefern. Was sie darüber hinaus einnahmen, verblieb ihnen als Gewinn. Damit hatten sie gute Möglichkeiten, sich zu bereichern.

Das alles führte dazu, dass sie verachtet und als Sünder angeprangert wurden. Die Frommen wollten nichts mit ihnen zu tun haben. Sie sonderten sich von ihnen ab und diffamierten sie in der Öffentlichkeit. Und so kam es, dass die Zöllner aus dem gesellschaftlichen Leben zum großen Teil ausgeschlossen waren. Die Mehrheit der Bevölkerung mied den Umgang mit ihnen.

Nur Jesus verhielt sich anders: Er wendete sich ihnen zu, sprach mit ihnen und ließ sich sogar gelegentlich von ihnen einladen. Bei dem Zöllner Zachäus war er z.B. einmal zu Gast und saß mit ihm an einem Tisch. Und dessen Leben änderte sich durch diese Begegnung: Er bekehrte sich zu Gott, gab die Hälfte seines Besitzes für die Armen und folgte Jesus nach. (Lukas 19, 1- 10)

Den anderen Jüngern war es ähnlich ergangen: Auch sie hatten für Jesus alles verlassen und einen neues Leben begonnen. Und als Jesus nicht mehr da war, blieb das natürlich so: Alle, die von den Aposteln angesprochen wurden und zum Glauben an Jesus Christus kamen, änderten ihr Leben und fingen neu an. Denn es gab noch keine christliche Tradition, in die man hinein geboren werden konnte. Alle, die sich Christen nannten, waren vor noch nicht allzu langer Zeit zur Gemeinde gekommen und hatten sich taufen lassen. Sie waren frisch bekehrt.

Der Apostel Paulus hatte daran viel mitgewirkt. Die Briefe, die er schrieb, waren also alle an Menschen gerichtet, die erst seit Kurzem im Glauben standen. So war es auch bei den Ephesern, d.h. den Mitgliedern aus der Gemeinde in der Stadt Ephesus, die Paulus gegründet hatte. Die Epistel von heute ist ein Abschnitt aus dem Brief, den er später an sie schrieb. Das müssen wir uns vorstellen, wenn wir hören: „Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht.“  

Mit diesen Worten bezieht Paulus sich auf die Bekehrung und die Taufe und er führt aus, was für ein glückliches Ereignis sie im Leben eines Menschen darstellen. Es gibt für ihn nämlich einen deutlichen Unterschied zwischen der Zeit davor und danach. Er gebraucht dafür sogar sehr drastische Ausdrücke: Das Leben vor der Taufe ist für ihn gar kein richtiges Leben, es ist im Gegenteil wie „tot sein“. Wie kommt Paulus zu dieser bedeutungsschweren Beurteilung?

Um das zu verstehen, müssen wir noch weitere Aussagen in dem Briefabschnitt beachten. Und zwar erwähnt Paulus ja die Sünden. „In ihnen waren wir tot“, bevor wir getauft wurden. Das heißt, wir waren ihrer Macht unterstellt und von Gott getrennt. So muss man das Wort „Sünde“ hier verstehen. Paulus meint damit nicht einzelne moralische oder gesetzliche Verfehlungen, sondern die Entfremdung von Gott. Aus ihr werden wir durch Christus herausgeholt. Paulus spricht hier also von zwei Lebensweisen: Die eine führt in den Tod, die andere bedeutet dagegen Heil.

Das wird an den Sätzen deutlich, mit denen er das neue Leben beschreibt. Zunächst einmal ist es nicht von Menschen gemacht, sondern Gott hat es heraufgeführt. Denn er hat seinen Sohn Jesus Christus gesandt, damit er uns rette. Durch ihn ist eine neue Wirklichkeit da, die Gott geschaffen hat, weil er „reich ist an Barmherzigkeit“. Gott meinte es gut mit den Menschen, er wollte sie erlösen und heilen.

Das geschieht nun, wenn der Mensch sich zu Christus bekehrt und sich taufen lässt. Er wird dann sozusagen „in den Himmel versetzt“. Und das ist nicht sein eigenes Verdienst. Die Rettung aus der Sünde ist ein reiner Gnadenakt Gottes. Daran erinnert Paulus die Epheser hier, obwohl sie ganz frisch bekehrt und getauft waren. Das hätten sie also eigentlich noch wissen müssen. Doch sie waren in der Gefahr, wieder in das alte Dasein zurückzufallen.

Und das kann auch uns so gehen, zumal es bei den meisten von uns lange her ist, dass wir zum Glauben gekommen sind und getauft wurden. Es besteht die Gefahr, dass unser Leben von etwas ganz anderem bestimmt wird, und das hat schwerwiegende Folgen.

So ist z.B. niemand von uns frei von Schuld, selbst wenn uns das nicht bewusst ist. Wir machen im Leben nicht alles richtig, sondern verschließen ganz oft die Augen vor dem, was eigentlich das Beste für uns und die anderen wäre. Wir erahnen es zwar häufig, sind dann aber zu bequem, es umzusetzen. Wir sehen etwas und tun es nicht. Wir spüren etwas und verdrängen es wieder. Wir ahnen die Wahrheit, aber wir sehen nicht hin. Und so wird in uns etwas gespalten. Wir fühlen uns in zwei Teile zerrissen: In den Teil, der erkennt und erahnt, was unserem Wesen entspricht; und in den Teil, der verdrängt, abgespalten, ja letztlich abgetötet wird.

So muss es den Zöllnern gegangen sein. Natürlich haben sie auch selber zu ihrer Situation beigetragen und sich durch ihr Verhalten von den anderen getrennt: Weil sie ihre Schuld vor sich selbst verbargen, mussten sie sie auch vor den Menschen verbergen. Es entstand eine Mauer zwischen ihnen und den andern, die sie selbst nicht zu übersteigen vermochten. Und was noch schlimmer ist: Durch dieses Verhalten entsteht auch eine Mauer zwischen Gott und uns. In der Schuld unterdrücken wir unsere Beziehung zu Gott, da müssen wir unsere Gottesahnung tot trampeln, um gegen unser tiefstes Gespür zu handeln. Und so laufen wir in der Schuld vor Gott davon. Am Ende erleben wir ihn nicht mehr als den barmherzigen Vater, sondern als den Richter, vor dem wir unsere Wahrheit offenbaren müssten. Doch das können wir nicht, weil wir sie vor uns selbst nicht zugeben wollen.

Und als letztes trennt uns die Schuld von uns selbst. Wir verlieren die Beziehung zu unserem innersten Kern, zu unserer eigentlichen Wahrheit, zu unserem Gewissen. Um überleben zu können, müssen wir unser Gewissen abtöten. Aber gerade so werden wir letztlich vom Leben selber abgeschnitten, wir sind wie tot. Und aus diesem Totsein können wir uns selbst nicht mehr befreien, wir sind so sehr gefangen in den Mechanismen von Verdrängung und Unterdrückung, dass wir aus eigener Kraft keinen Weg daraus finden. Das hat Paulus gemeint.

Und so ist es eine sehr gute Botschaft, wenn er weiter schreibt: „Gott, der voll Erbarmen ist, hat uns in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht.“ Das verkündet Paulus hier: Gott hat uns mit Christus auferweckt. Bei der Bekehrung und durch die Taufe wurden wir aus dem Grab unserer Schuld und Angst herausgeführt, weil wir Anteil bekommen haben an der Auferstehung Christi. Die Schuld, aus der wir uns selbst nicht befreien konnten, haben wir hinter uns gelassen, indem Christus selbst uns an der Hand nahm und aus dem Grab zum Leben führte.

Und das tut er immer wieder: Er zieht uns empor, damit wir am Licht und an der Herrlichkeit des Auferstandenen teilhaben. Wir werden frei, indem wir uns von Christus an der Hand nehmen und Gott an uns handeln lassen. Wir erhalten dann durch Christus eine himmlische Würde und werden „in den Himmel versetzt“, wie Paulus es ausdrückt.

Doch ganz ohne unser Mitwirken geschieht das natürlich nicht, und es ist auch nicht ein für alle Mal erledigt. Es muss vielmehr immer wieder geschehen. Gottes Erbarmen wirken zu lassen ist ein lebenslanger Prozess, denn es gibt ständig neue Begegnungen, neue Einflüsse und Erfahrungen. Schicksalsschläge oder auch Erfolgserlebnisse können uns irritieren und vom Weg mit Gott abbringen, Reichtum und Armut, Glück oder Pech.

Es ist deshalb wichtig, dass wir uns immer wieder Zeit für Gott nehmen. Am besten ist es, wenn wir das regelmäßig machen, d.h. uns eine Regel geben, und auch einen besonderen Ort dafür wählen. Es kann eine Kirche sein, ein Platz in der Natur, eine Ecke in der Wohnung. Wir setzen uns hin und bringen unseren Verstand zum Schweigen, verarbeiten unsere Erlebnisse und lassen die Barmherzigkeit Christi in unser Herz fallen. Dann kann uns aufgehen: In mir ist etwas, das die Welt übersteigt.

Und wenn ich das „koste und schmecke“, kann ich mir auch meine Schuld eingestehen, und sie wird mir vergeben. Ich werde lebendig und erfahre mitten in der Unvollkommenheit meines Lebens eine tiefe innere Ruhe. Dann ist mein Herz angekommen bei Gott. Alles andere kann schweigen. Und in diesem Schweigen berühre ich die eigentliche Wirklichkeit, Gott selbst als den, der mich aus dem Grab ins Leben holt.

Doch das ist noch nicht alles, was die Bekehrung bewirkt. Denn diese Rettung und Erlösung geschieht nicht allein um unsres Heiles willen, sondern für die ganze Welt. Gott wollte den Reichtum seiner Gnade „den kommenden Zeiten“ zeigen, er wollte in der Öffentlichkeit der Weltgeschichte offenbaren, was er in Christus an den Menschen tut, die das Angebot seiner Liebe annehmen. Die von Gott „in Christus Auferweckten“ und „in den Himmel versetzten“ Menschen bilden die Kirche, die für die Welt und ihre Geschichte ein Zeichen von Gottes Gnadenhandeln ist. Im Miteinander der Christen, in ihrem Sein und in ihrem Handeln soll Gottes Gegenwart in dieser Welt sichtbar werden, da soll etwas offenbar werden von Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit.

Und das heißt: Unser neues Sein in Christus muss sich in guten Werken zeigen. Das sagt Paulus am Ende des Abschnittes. Da heißt es: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ Das ist eine sehr schöne Formulierung, denn sie macht deutlich: Wir werden nicht durch unsere guten Werke gerettet. Wir werden vielmehr selber zu einem „guten Werk“ Gottes. Er schafft uns neu, und wir werden frei, um an dieser Welt gut zu handeln, den Menschen Gutes zu tun, gut und gütig mit ihnen zu sein.

So war es bei Zachäus und auch allen anderen Menschen, die sich zu Jesus bekehrt hatten: Sie konnten dadurch von sich selber absehen. Sie mussten nicht mehr alles für sich und den eigenen Gewinn tun, weil Gott alles an ihnen getan hatte. Sie mussten ihr Glück nicht mehr im Reichtum finden, weil Gott sie in Christus gefunden hatte, und weil sie in Christus schon „in den Himmel versetzt waren“, in das Paradies, das alle ihre Sehnsucht nach Glück erfüllte.

Amen.

Die Predigt ist in großen Teilen die Wiedergabe einer Meditation zu dem Textabschnitt aus dem Epheserbrief von Anselm Grün. Sie findet sich in:
Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttextreihe II,2, Rogate bis Ewigkeitssonntag,

Hrg. Gerhard Ruhbach, Anselm Grün und Ulrich Wilckens, Göttingen, 1992, S. 251ff

Lobet und preiset den Herrn

Predigt über EG 514: Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf!

Sommerpredigt IV, 1.8.2021, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Evangelisches Gesangbuch Nr. 514:

  1. Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf! Halleluja,
    Lasst brausen hoch zum Himmel auf: Halleluja!
    Du Sonne hell mit goldnem Strahl, Halleluja,
    Mond leuchtend hoch vom Himmelssaal, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  2. Du Sturm, der durch die Welten zieht, Halleluja,
    du Wolke, die am Himmel flieht, Halleluja.
    Du Sommers junges Morgenrot, Halleluja,
    du Abendschein, der prächtig loht, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  3. Ihr Wasserbäche, klar und rein, Halleluja,
    singt euer Loblied ihm allein, Halleluja.
    Du Feuers Flamme auf dem Herd, Halleluja,
    daran der Mensch sich wärmt und nährt, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  4. Du, Mutter Erde, gut und mild, Halleluja,
    daraus uns lauter Segen quillt, Halleluja.
    Ihr Blumen bunt, ihr Früchte treu, Halleluja,
    die Jahr um Jahr uns reifen neu, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  5. Ihr Herzen, drin die Liebe wohnt, Halleluja,
    die ihr den Feind verzeihend schont, Halleluja.
    Ihr, die ihr traget schweres Leid, Halleluja,
    es Gott zu opfern still bereit, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  6. Du, der empfängt in letzter Not, Halleluja,
    den Odem mein, o Bruder Tod, Halleluja:
    Führ Gottes Kinder himmelan, Halleluja,
    den Weg, den Jesus ging voran, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  7. Ihr Kreaturen, singt im Chor: Halleluja!
    Hebt euer Herz zu Gott empor, Halleluja.
    Vater und Sohn und Heilgem Geist, Halleluja,
    dreieinig, heilig, hochgepreist, Halleluja,
    sei die Ehre, sei die Ehre! Halleluja.

Text: Karl Budde 1929
nach dem englischen »All creatures of our God and King« von William Henry Draper 1926
nach dem Sonnengesang des Franz von Assisi 1225
Melodie: Köln 1623

Liebe Gemeinde.

Der heilige Franz von Assisi hatte ein besonderes Verhältnis zur Kreatur. Er betrachtete die Schöpfung mit geöffneten Augen und nahm alles, was sich um ihn herum bewegte, in sein Herz auf. Berühmt geworden ist die Legende, wie er einmal den Vögeln eine Predigt hielt, als wären sie vernünftige Wesen: Sie hörten ihm aufmerksam zu, und er machte das Zeichen des Kreuzes über sie. Aber auch von seiner Liebe zu Lämmern und Wölfen wird erzählt, und sogar von den Würmlein, die er aufsammelte und in Sicherheit brachte, damit kein Wanderer sie zertrete. „Auf eine wundersame, andern verschlossene Weise fand er den Zugang in das Geheimnis der Dinge“, schrieb ein Augenzeuge.

Am prägnantesten spiegelt wohl der „Sonnengesang“ sein Verhältnis zur Kreatur wider. Es ist ein herrliches Loblied, das der Heilige selbst oft gesungen hat. Er nahm damit die Aufforderung des Psalmisten auf, „den Herrn zu loben“. Gleich im ersten Vers hat er es ausgesprochen, dass „der Preis, der Ruhm und die Ehre Gott allein zukomme, dessen Name kein Mensch würdig ist, auf die Lippen zu nehmen.“

Und im weiteren Verlauf zählt er auf, was Gott alles geschaffen hat: Er beginnt mit der Sonne und verherrlicht sie. Als „Schwester Sonne“ spricht er von ihr und betrachtet sie als ein Sinnbild des Allerhöchsten. Alle anderen Geschöpfe sieht er ebenso als seine Geschwister: den Mond und die Sterne, Wind, Wetter und Luft, Wasser und Feuer, die ganze Erde als Allmutter, samt den Früchten, Blumen und Kräutern. Auch die Menschen vergisst er nicht und lobt besonders die, die um der Liebe willen Verzeihung üben, ihr Leid ertragen und in Frieden verharren. Schließlich erhält sogar der Tod noch den Brudernamen. Und das letzte Wort ist wieder Lob, Preis und Dank „in großer Demut“.

Franziskus pries Gott also hauptsächlich durch die Energien, die diese Welt erfüllen: die Sonne, das Feuer, das Wasser, den Wind und die Erde. Auch die Liebe und die Leidensfähigkeit der Menschen sind Kräfte, die uns am Leben erhalten. Er lobte damit Gott als das Licht und den Ursprung des Lebens, und seinen Geist als die Quelle des Heils. Sogar den Tod konnte er begrüßen, weil er den Menschen und alle Lebewesen zu ihrem Schöpfer zurückführt. Dass er sich dichterisch ausdrückte, lag an seinem beschwingten Wesen. Er nannte sich einen „Spielmann Gottes“, weil die Worte und Melodien ihm eingegeben wurden.

Und so geht es vielen Menschen, die vom Glauben und von Gott erfüllt sind: Sie singen und dichten und rühmen Gott. Sie sind voller Freude und Fröhlichkeit und wollen die Botschaft, die sie erfüllt, in die Welt tragen. Dabei ist der Sonnengesang des Franz von Assisi mehrere Male eine Vorlage gewesen. Der alte italienische Text wurde übersetzt oder in anderen Sprachen nachgedichtet, damit man ihn leichter singen konnte. William Henry Draper war einer von denen, die das taten. Er lebte von 1855 bis 1933 in England und war ein Pfarrer und Liederdichter. 1926 schrieb er das Lied „All Creatures of our God and King“, das in vielen Kirchen in England bis heute gerne gesungen wird. Es ist sein berühmtestes Lied und eine gelungene Übertragung des Sonnengesangs.

Drei Jahre später übersetzte der Theologieprofessor Karl Budde, der in Straßburg und Marburg lehrte, dieses Lied dann ins Deutsche. Sein Hauptfach war zwar das Alte Testament, aber er hatte immer ein großes Interesse am Kirchenlied und am Gesangbuch. In verschiedener Hinsicht wirkte er daran mit. Auch Liedübersetzungen gehörten zu seinem Handwerk, und so entstand der Choral „Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf!“. Seit 1995 steht es in unserem evangelischen Gesangbuch. Sowohl in Englisch als auch in Deutsch wird es nach einer Melodie aus dem 17. Jahrhundert gesungen.

Wie schon der Sonnengesang handelt es von der wahren Wirklichkeit der Schöpfung: Sie ist ein Gleichnis für die Größe und Liebe Gottes. Alles bildet ihn ab. Dabei liegt es diesem Lied fern, sich die anderen Lebewesen Untertan zu machen und über sie zu herrschen. Es geht vielmehr um eine Verbrüderung mit allem, was lebt und uns Leben gibt.

Es ist deshalb sinnvoll, den Sonnengesang oder auch dieses Lied mehrmals vor sich hin zu lesen, ihn zu meditieren. Wir spüren dann, dass sich hinter allem Geschaffenen ein himmlisches Wohlwollen verbirgt, in das wir eintauchen können. Wir werden vorsichtiger und zärtlicher gegenüber allen Lebewesen, offener und rücksichtsvoller. Und das ist dringend nötig, damit die Natur erhalten bleibt und nicht alles zerstört wird.

Zum Glück ist das schon vor langem ein wichtiges Thema in der Christenheit geworden. Wir überlassen die „Bewahrung der Schöpfung“ nicht mehr nur Politikern, Naturschützerinnen oder den Jugendlichen von „Fridays für Future“. Auch die Kirchen denken, dass sie hier einen Auftrag haben.

Doch was bedeutet das? Und ist das so einfach? Wenn wir als Christen und Christinnen zum Umweltschutz aufrufen, entstehen doch viele Fragen: Ist das nicht viel zu moralisch und ideologisch gedacht? Und wo führt es uns hin? Vielen Umweltaktivistinnen wird ja vorgeworfen, dass sie ihre Ziele am liebsten mit Macht durchsetzen würden. Sie sind dogmatisch und manchmal sogar militant. Wenn sie konsequent wären, müssten sie unsre Grundrechte genauso einschränken, wie es durch die Pandemie geschehen ist: Alles, was die Umwelt zerstört, müsste verboten werden. Ein christlicher Ansatz ist das aber nicht. Wir versuchen es sanfter und friedlicher. Doch führt uns das wirklich zu dem gewünschten Erfolg? Ist unser Einsatz nicht eher aussichtslos?

Das sind die Fragen, die wir bei diesem Thema haben. Und darauf kann uns der Sonnengesang ein paar wunderbare Antworten geben.

Zunächst einmal ist es wichtig, dass Franziskus hier seine Freude an der Schöpfung zum Ausdruck bringt. Er ist ganz und gar positiv gestimmt, heiter und beschwingt, und dazu lädt er auch uns ein. Der Ausgangspunkt unsres Denkens und Handelns sollte immer diese Freude sein. Es gilt, auf das Schöne zu blicken, und nicht auf die Zerstörung. Nicht wütend, sondern frohgemut zu sein, nicht kämpferisch, sondern begeistert und von Liebe erfüllt.

Doch wie kann das nun gelingen? Das können wir uns ja nicht einfach so vornehmen, es geht nicht auf Befehl und ist keine Sache der Willensentscheidung. Wenn wir traurig sind, können wir nicht plötzlich auf Freude umschwenken, wenn wir uns ärgern, können wir nicht schnell mal eben friedlich werden.

Deshalb ist es wichtig, dass wir zunächst gar nicht an uns selber denken, sondern genauso wie Franziskus Gott an erste Stelle setzen. Nicht umsonst beginnt er seinen Gesang mit dem Lob Gottes. Er sagt am Anfang: „Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen. Dir allein, Höchster, gebühren sie, und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.“ In unserem Lied ist daraus der Refrain geworden: „Halleluja, singt ihm Ehre“.

Franziskus wusste immer, dass er selber nur ein Geschöpf ist. In den Strophen fünf und sechs seines Liedes kommt das ganz deutlich zum Ausdruck. Da spricht er nämlich Dinge an, die für unser Empfinden gar nicht so gut in ein Lob auf die Schöpfung passen. Denn es geht darin um Liebe und Geduld und sogar um das Sterben. Karl Budde hat sie folgendermaßen übersetzt: „Ihr Herzen, drin die Liebe wohnt, die ihr den Feind verzeihend schont, ihr, die ihr traget schweres Leid, es Gott zu opfern still bereit, singt ihm Ehre!“ Und weiter heißt es:  „Du, der empfängt in letzter Not, den Odem mein, o Bruder Tod: Führ Gottes Kinder himmelan, den Weg, den Jesus ging voran.“ Hier wird deutlich, dass es Franziskus nicht um Schwärmerei für die Natur ging und auch nicht um ein Programm, sie zu bewahren. Er lädt vielmehr zur Leidensfähigkeit und zur Demut ein. Das war sein Weg, und er folgte damit Jesus Christus nach. In unserem Lied wird das aufgenommen, und Karl Budde richtet sich damit nach der englischen Vorlage. Franziskus hat Christus im Sonnengesang nicht erwähnt, aber natürlich dachte er an ihn. Er war ihm selber auch schon längst ähnlich geworden, hatte sich ganz hingegeben und in „seinen heiligsten Willen gefügt“. So drückt er es aus.

Und das ist der letzte Schritt, der uns helfen kann, den richtigen Weg zu gehen. Die meisten Probleme, die wir mit der Umwelt haben, gründen ja darin, dass wir uns nicht einfügen, nicht „geduldig“, „leidensfähig“ und „demütig“ sind. Stattdessen wollen wir immer irgendetwas. Wir beuten die Natur aus, weil es uns um unseren Wohlstand und unser Vergnügen geht, um Mobilität und Bequemlichkeit. Wir verdrängen den Tod und wollen alles aus dem Leben herauspressen, was es uns bieten kann. Und obwohl wir längst wissen, wie schädlich dieses Verhalten ist, kommen wir da nur schwer heraus.

Doch es gibt einen Weg, den wir einschlagen können: Wir müssen uns nur Jesus Christus anvertrauen. Er kann uns helfen, das zu ändern, indem er uns seine Kraft und Liebe schenkt. Er öffnet uns eine andere, ewige Wirklichkeit. Und wenn die uns erfüllt, werden wir ganz von alleine genügsam, friedlich und ruhig. Im Glauben an Jesus Christus und in der Nachfolge verliert die Vergänglichkeit ihre Schrecken und der Tod hat keine Macht mehr über uns. Wir müssen ihm nicht ausweichen, sondern können ihm gelassen entgegengehen. Und dadurch verschwinden Angst und Wut, genauso wie das Gefühl der Aussichtslosigkeit und Resignation. Die Rücksicht gegenüber allen Lebewesen kommt ganz von selber. Sie entsteht nicht im Kopf, sondern in unseren Herzen. Der Verzicht auf das eine oder andere, das der Umwelt schaden würde, fällt nicht schwer, weil wir von etwas anderem erfüllt sind, als dem Wunsch nach einer schnellen Befriedigung. Unsere Bedürfnisse nach Luxus und Abwechslung verschwinden, es muss nicht alles immer besser und weiter und interessanter werden. Wir wissen: Wir sind selber Geschöpfe in Gottes Hand. Und das führt uns in die Ruhe des Geistes. Aus ihr heraus handeln und leben wir, bleiben heiter und fröhlich. Christus schenkt uns diesen inneren Frieden. Er ist die Frucht eines starken Glaubens und Vertrauens.

Franziskus hat das in einer Weise und Intensität gelebt, wie vielleicht kein Christ und keine Christin vor oder nach ihm. Er erriet die Geheimnisse der Schöpfung, und er dachte an eine Heiligung aller Lebewesen. Er stellte sich eine Wiederkehr des Paradieses vor und verhielt sich entsprechend. Aus der Einfalt des Glaubens an Christus heraus verbrüderte er sich auf eine einzigartige Weise mit der Umwelt. Er lebte schon halb im Himmel, und hat ihn deshalb allen, die er traf, geschenkt.

So lasst auch uns danach streben, „Gott allein die Ehre geben“ und zärtlich und rücksichtsvoll gegenüber allem sein, was um uns herum lebt und sich bewegt.

Amen.

verwendete Literatur:
– Der Mann aus Assisi, Franziskus und seine Welt, Text Walter Nigg, Bilder Toni Schneider, Freiburg, Basel, Wien 1975, S. 28ff

Wolfgang Herbst (Hrg.), Wer ist wer im Gesangbuch, Göttingen 2001, S. 56 und 77

Freuet euch der schönen Erde

Predigt über EG 510: Freuet euch der schönen Erde

Sommerpredigt I, 11.7.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

  1. Freuet euch der schönen Erde,
    denn sie ist wohl wert der Freud.
    O was hat für Herrlichkeiten
    unser Gott da ausgestreut,
    unser Gott da ausgestreut!
  2. Und doch ist sie seiner Füße
    reich geschmückter Schemel nur,
    ist nur eine schön begabte,
    wunderreiche Kreatur,
    wunderreiche Kreatur
    .
  3. Freuet euch an Mond und Sonne
    und den Sternen allzumal,
    wie sie wandeln, wie sie leuchten
    über unserm Erdental,
    über unserm Erdental.
  4. Und doch sind sie nur Geschöpfe
    von des höchsten Gottes Hand,
    hingesät auf seines Thrones
    weites, glänzendes Gewand,
    weites, glänzendes Gewand.
  5. Wenn am Schemel seiner Füße
    und am Thron schon solcher Schein,
    o was muss an seinem Herzen
    erst für Glanz und Wonne sein,
    erst für Glanz und Wonne sein.


    Text: Philipp Spitta (1827) 1833
    Melodie: Frieda Fronmüller 1928

Liebe Gemeinde.

„Nach seiner Konfirmation wurde er in eine Uhrmacherlehre gegeben. Zwar entwickelte er durchaus handwerkliche Fähigkeiten, doch entsprach dieser Beruf nicht wirklich seinen Begabungen. An den Abenden studierte er heimlich in seinen alten Schulbüchern, lernte Geschichte und Latein oder las die Bibel. Er empfand die Last eines verfehlten Berufes, die ihn schließlich schwermütig werden ließ. Trostvoll waren ihm die arbeitsfreien Stunden, die er in der Natur verbrachte, bei denen er Ruhe und Inspiration für erste kleine Gedichte fand.“

So steht es in einer Lebensbeschreibung Philipp Spittas. (Detlev Klahr, Spitta, C.J.Philipp, in: Wer ist wer im Gesangbuch, Hrg. Wolfgang Herbst, Göttingen 2001, S.308ff) Er wurde 1801 in Hannover geboren und starb 1859 in Burgdorf. Er war das vierte Kind seiner Eltern, und ein Studium konnten sie nur für einen ihrer Söhne finanzieren. Philipp war das nicht. Erst als sein älterer Bruder, der dafür vorgesehen war, trauriger Weise starb, durfte er die Lehre abbrechen und sich auf ein Studium vorbereiten. So wurde er Theologe, anschließend Hauslehrer, später Pastor und sogar Superintendent.

Nebenbei dichtete er sein Leben lang und brachte damit zum Ausdruck, was ihn bewegte, was er fühlte und glaubte. So kam es auf Drängen und unter Mithilfe eines Freundes 1833 zur Herausgabe einer Liedersammlung. Sie erschien unter dem Titel „Psalter und Harfe“ mit dem Untertitel „Eine Sammlung christlicher Lieder zur häuslichen Erbauung“. Und darin fand sich auch das Lied „Freuet euch der schönen Erde“. Philipp Spitta hatte es 1827 geschrieben. Es ist ein Lob von Schöpfung und Schöpfer in fünf Strophen.

Der Text erschien zunächst ohne Melodie, doch schon bald gab es verschiedene Versuche, daraus ein Lied zu machen. Die passendste und eingängigste Weise erfand 1928 schließlich Frieda Fronmüller, eine evangelische Kirchenmusikerin und Komponistin. Sie hat sich eine lebhafte Melodie ausgedacht, in der die letzte Zeile jeweils gesteigert wiederholt wird. Von ihren Chören wurde sie mit Freude und Erfolg gesungen und fand Eingang in viele Gesangbücher, so auch 1995 in unser Evangelisches Gesangbuch.  

Philipp Spitta besingt mit dem Lied die Wunder und die Schönheit der Natur, ihre „Herrlichkeiten“ und ihren „Schein“. In der christlichen Spiritualität war die Welt lange Zeit nur als Exil und Jammertal in den Blick gekommen. So empfand Philipp Spitta das nicht. Er hatte die Schöpfung ja auch ganz anders erlebt: Feld und Wald hatten ihn beruhigt und getröstet, als es ihm schlecht ging. Er hatte die heilende Kraft der Natur erfahren. Deshalb war sie für ihn „wert der Freud“.

Anstatt jedoch eine Wiedervergöttlichung der Schöpfung zu unternehmen, beschreibt er sie mit biblischen Bildern „nur“ als Gleichnis und Vorgeschmack der Herrlichkeit Gottes. Dieses „nur“ fällt in seinem Lied auf. Es kommt dreimal vor, denn er sieht im Geist noch mehr, als das, was ihn umgibt: Er stellt sich den „Thorn Gottes“ vor.

Der wird ja an vielen Stellen in der Bibel erwähnt. Er ist „hoch und erhaben“, Gott sitzt darauf als der Allmächtige, und „der Saum seines Gewandes füllt den Tempel“. (Jes. 6, 1) So schaut es der Prophet Jesaja in einer Vision. Auch die Auffassung, dass wir dort hinkommen, wenn wir sterben, wird überall in der Bibel vertreten, besonders im Buch der Offenbarung. Und wie bei allen Propheten ist da ebenfalls die Rede davon, dass Gott einst „alles neu machen“ wird (Offenbarung 21,5), dass er kommen wird, um eine neue Welt heraufzuführen, in der niemand mehr weint oder klagt. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21,4) Das ist das Ziel, auf das alles zuläuft.

Jesus hat das ebenfalls verkündet. Er sprach immer wieder vom Reich Gottes, und er meinte damit die himmlische Welt. Für ihn war sie sogar bereits angebrochen. Mit seinem Kommen war das Reich Gottes schon mitten in der alten Welt gegenwärtig. (Lukas 17, 20f)

Daran dachte Philipp Spitta, und er hat in seinem Lied diesen Glauben in sehr schöner Weise mit der Liebe zur Natur verbunden. Er verherrlicht die Schöpfung nicht, er lehnt sie aber auch nicht ab. Er durchstreift sie vielmehr betend und stellt bei seinen Spaziergängen einen Bezug zur Ewigkeit her. Alles was er sieht und erlebt, ist für ihn der „Schemel seiner Füße“, also das, was sich unten am Thron Gottes abspielt. Spitta ist sich der Vergänglichkeit allen Lebens bewusst, erkennt aber gerade dadurch seinen Wert und kann sich an dem erfreuen, was ihn umgibt. Er sieht dahinter die „Hand“ des Schöpfers und den „Glanz“ seiner Gegenwart.

Und das ist eine gute Strategie, um mit leidvollen Situationen fertig zu werden. Die kennen wir ja auch. Bei Philipp Spitta war es die falsche Berufswahl, das kann uns heute noch genauso treffen. Wir können lange nicht alles verwirklichen, was wir uns wünschen. Aber auch Konflikte oder Krankheiten führen dazu, Verluste und Enttäuschungen. Sie verursachen Traurigkeit, Sinnlosigkeitsgefühle, Schwermut usw. Das sind Erfahrungen, die wir alle irgendwann einmal machen. Das Leben ist nicht immer leicht, es bereitet uns viele Probleme, und es entstehen Schmerzen, Wut oder Angst, Einsamkeit und Unglück.

Und wenn es uns so geht, dass uns alles zu viel wird, dann ist es gut, genauso wie Philipp Spitta in die Natur zu gehen. Auch Ärzte und Therapeutinnn empfehlen das. Und gerade jetzt im Sommer ist es eine sehr wirkungsvolle Medizin, denn überall um uns herum blüht und grünt es. Selbst wenn eine Krankheit oder eine Behinderung uns vielleicht daran hindert, weite Wanderungen zu unternehmen, der nächste Garten, Strauch oder Busch ist nie weit weg. Das Auge findet immer etwas, das beruhigt und guttut, denn es ist überall bunt, die Felder sind voller Korn, die Gärten voller Blumen, die Wälder voller Laub. Vögel singen, Insekten summen, Tiere haben ihren Winterschlaf beendet. Es ist hell und warm. Wind, Sonne und Regen beleben alles, was da ist. Wir sind umgeben von den „Herrlichkeiten, die unser Gott für uns ausgestreut hat“, und es ist gut, wenn wir sie genießen. Sie haben heilende Kräfte, unsre Seele kann sich entspannen, wenn wir uns ihnen aussetzen, wir atmen auf und fühlen uns frei.

Doch das allein reicht nicht. Wir sind ebenso dazu aufgefordert, an Gott zu denken, der das alles geschaffen hat. Es gibt noch mehr als diese Welt, einen, der größer als alles ist, den Ewigen und Erhabenen. Ohne ihn bleibt unser Leben doch nur ein „Erdental“, wie Philipp Spitta es nennt. Denn den Tod können wir nicht auslöschen. Und das sehen wir auch, wenn wir in der Natur sind. Ihre Vergänglichkeit begegnet uns auf Schritt und Tritt. Jede verwelkte Blüte, jedes tote Tier, jeder abgestorbene Baum erinnert uns daran, ganz zu schweigen von all den Folgen der Umweltzerstörung, wie vertrocknete Landschaften, Brände, Überschwemmungen usw. Ganz unbefangen können wir die Natur nicht auf uns wirken lassen. Im Gegenteil, unsre Stimmung kann auch umkippen und schlecht werden, wenn wir uns bewusst machen, wie gefährdet alles ist. Wir müssen betend und meditierend spazieren gehen, unseren Geist gleichzeitig zu dem erheben, der über uns leuchtet wie die Sonne und der Mond. Seine Hand hält uns am Leben, das ausgestreckt ist zwischen Himmel und Erde, zwischen Geburt und Tod, Werden und Vergehen. Wir können diese Spannung nicht auflösen, sie ist immer da. Das gilt es zu bejahen, es anzunehmen und auszuhalten.

Erst am Ende der Welt wird sie aufgehoben, da wird sich alles in eine Richtung verwandeln, denn dann „macht Gott alles neu“. „Das Schönste liegt also noch vor uns“, dieser Gedanke gilt zu jeder Zeit, in der Jugend und im Alter, in Freud oder Leid. Das dürfen wir nicht vergessen, und darauf dürfen wir uns sogar freuen. Die Gläubigen werden es auch alle erleben, denn mit dem Tod wird die ewige Vollendung für jeden und jede einzelne bereits wahr.

Philipp Spitta gebraucht dafür die Vorstellung, dass wir am „Herzen Gottes“ sein werden. Die gibt es in der Bibel nicht. Dort ist nur an ganz wenigen Stellen überhaupt davon die Rede, dass Gott ein Herz hat. Aber es ist ein schönes Bild. Wer „am Herzen“ von jemand anderem ruht, ist ihm ganz nahe. Es entsteht eine enge Verbindung. Wir können uns darunter eine Liebesbeziehung vorstellen, zu der eine innige Umarmung gehört. Das beinhaltet auch die Aussage, dass dort alles voller „Glanz und Wonne“ sein wird. 

„All Kreatur soll werden ganz herrlich, schön und klar“. So wird dieser Zustand in einem alten Lied aus dem 16. Jahrhundert beschrieben, das von der Ewigkeit handelt. (EG 148) „Da werden wir mit Freuden den Heiland schauen an, der durch sein Blut und Leiden den Himmel aufgetan.“ „Da wird man hören klingen die rechten Saitenspiel.“ Und „mit Gott wir werden halten das ewig Abendmahl.“

Amen.

Liebe verschenken

Predigt über 1. Mose 50, 15- 21: Josephs Edelmut

4. Sonntag nach Trinitatis, 27.6.2021, 9.30 Uhr und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wir machen gerne anderen Menschen Geschenke, besonders wenn wir sie mögen. Üblich ist das bei Geburtstagen und zu Weihnachten, aber es gibt auch noch mehr Gelegenheiten. Wir bringen damit immer zum Ausdruck, dass wir den oder die andere wertschätzen, und wollen ihnen etwas Gutes tun. Wir verlangen auch keine Gegenleistung, dadurch zeichnet sich ein Geschenk ja aus: Wir wollen nichts dafür haben. Es erfolgt aus freien Stücken, wir geben einfach etwas, aus Freude und Wohlwollen, Großzügigkeit und Liebe.

Auch in der Bibel kommt das vor. Die meisten von euch kennen sicher die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern. (1. Mose 37- 50) Sie beginnt mit einem Geschenk: Jakob, der Vater der zwölf Söhne, liebte einen ganz besonders, das war Joseph. Er schenkte ihm deshalb einen „bunten Rock“. (1. Mose 37,3) Das war ein hübsches Gewand mit langen Ärmeln, das bis zu den Knöcheln reichte. Der Mann auf der Straße trug so etwas nicht. Üblich war ein kürzerer mantelartiger Umhang. Joseph besaß also ein Luxuskleidungsstück, das für ihn nur brauchbar war, weil er obendrein oft zu Hause bleiben durfte. Sein Vater Jakob verwöhnte und bevorzugte ihn.

Eigentlich hätte Jakob ahnen müssen, dass das nicht gut gehen konnte, denn damit zog Unheil herauf: Die Brüder Josephs waren neidisch, hassten ihn und schmiedeten Pläne, wie sie ihn loswerden konnten. Er hatte sich nämlich auch noch durch etwas anderes unbeliebt gemacht: In seinen Träumen hatte er die Zukunft vorausgesehen, in der seine Brüder sich vor ihm verneigten.

Das alles gefiel ihnen nicht, und als die Gelegenheit sich bot, verkauften sie ihn als Sklave an eine Handelskarawane. Sie dachten, die Geschichte sei damit zu Ende, denn nun waren sie ihn los. Doch das war weit gefehlt. Für Joseph fing das Abenteuer nun erst an: Er kam nach Ägypten, wo er am Hof des Pharaos diente. Zunächst folgte noch ein weiterer Tiefschlag, weil dessen Frau ihn verleumdet hatte, und er im Gefängnis landete, aber dann kam die Wende:

Der Pharao erfuhr von seiner Gabe des Traumdeutens. Durch sie hatte Joseph eine Dürre vorhergesagt und gleichzeitig empfohlen, wie man ihr begegnen könnte: Der Pharao sollte rechtzeitig genug Korn speichern, so dass keine der Hungersnot entstehen würde. Der Plan überzeugte den Pharao, und er wollte ihn verwirklichen. Er machte Joseph dafür zum wichtigsten Mann im Land, setzte ihn über ganz Ägypten und stattete ihn mit allen Reichtümern und Ehren aus, die es gab. Joseph wurde ein zweites Mal reich beschenkt, und sein Vorhaben gelang ihm auch.  

Nach vielen Jahren traf er dadurch seine Brüder wieder. Sie hatten gehört, dass es in Ägypten Korn gab, und zogen dorthin, um welches zu kaufen. Es war Joseph, den sie darum bitten mussten. Doch sie erkannten ihn nicht. Sie sahen in ihm nur einen reichen, vornehmen und klugen Ägypter, der viel Macht besaß, und sie fürchteten sich vor ihm. Er wusste allerdings sehr wohl, wen er da vor sich hatte.

Natürlich hätte er nun Rache üben können, sie abweisen und nach Hause schicken, damit sie hungerten und es ihnen noch schlechter ginge, als er es erlebt hatte. Aber das tat er nicht. Nun war er an der Reihe, ein Geschenk zu machen. Er „redete zwar hart mit ihnen“ und gab sich auch nicht sofort zu erkennen (1.Mose 42,7), aber in seinem Herzen hatte er ihnen längst vergeben. Er schenkte ihnen also Nachsicht und Güte. Bei ihrer dritten Reise offenbarte er ihnen dann endlich auch seine Identität, und es kam zur Versöhnung. (1. Mose 45)

Damit endet die Josefgeschichte, und die Schlusssätze sind heute unser Predigttext. Sie lauten folgendermaßen:

1. Mose 50, 15- 20

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.
18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.
19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Dieser Abschnitt will uns dazu einladen, uns genauso zu verhalten wie Joseph. Er hatte viel Macht und hätte ohne Probleme Gewalt anwenden können. Doch das tat er nicht. Es ging vielmehr eine wohltätige Güte von ihm aus, die aufbauend und für alle befreiend und rettend war. Er war ein weiser und gläubiger Mann geworden. In allem, was geschehen war, erkannte er den Heilsplan Gottes. Demut, Klugheit und Weitherzigkeit waren die Eigenschaften, die er trainiert und sich angewöhnt hatte. Und das soll jeden und jede, die es hört, bewegen, sich ebenfalls darin zu üben. Glaube und Liebe sollen das Ziel und der Sinn des Lebens sein.

Man erkennt daran, dass die Josephserzählung zur Weisheitsliteratur Israels gehört, denn das sind die Themen, die darin vorkommen: Uns wird bewusst das Bild eines frommen Jünglings von bester Bildung und Zucht gezeigt, der die Fähigkeit der Selbstbeherrschung und Geduld besaß. Er war wahrhaftig, treu und verantwortungsbewusst und hatte die Schule der Lebenskunst erfolgreich durchlaufen. Auch wir sind eingeladen, das alles zu lernen und einzuüben.

Doch wie kann das nun gelingen? Und wollen wir das überhaupt? Das klingt nicht gerade einfach und geht uns sogar gegen den Strich. In Konfliktsituationen verhalten wir uns normalerweise anders. Es gibt sie ja überall: Zwischen Eltern und Kindern, Ehepartnern oder Arbeitskolleginnen. Auch in der Gemeinde und in anderen Gruppen herrscht immer mal wieder Unfriede. Er entsteht durch Meinungsverschiedenheiten, Machtkämpfe, Missachtung, Neid, Intrigen und vieles mehr. Meistens folgt daraus Ärger, Wut oder Zorn. Es kommt zu Schuldzuweisungen, Vorwürfen und nicht selten zur Trennung. Keine will nachgeben, keiner sich ändern oder die Dinge einmal anders beurteilen. Wir bleiben bei unserer Sichtweise, denn wir empfinden es als Unrecht, was der oder die andere uns zufügt.

Zu einer Lösung kommt es dadurch allerdings nicht. Im Gegenteil, oft verhärten sich die Fronten, und das tut niemandem gut. Es wäre viel besser, wenn wir uns in der Lebenskunst üben würden, die zum Heil und zum Frieden führt. Und das kann auch gelingen. Wir müssen uns nur dafür entscheiden und können dann in drei Schritten vorgehen.

Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir erkennen, was wir längst geschenkt bekommen haben. Es ist die Liebe und Vergebung Jesu Christi. Er hat sich ganz dem Willen Gottes hingegeben und war von seiner Gnade und Kraft erfüllt. Dadurch hat er das Unheil, das ihm wider fuhr, überwunden und das Böse besiegt. Und dabei ist er nicht nur ein Vorbild, sondern auch derjenige, der uns an die Hand nimmt. Er begegnet uns mit Liebe und Erbarmen. Er vergibt uns immer wieder und nimmt uns an. Die Kraft, seinen Weg zu gehen, kommt von ihm selber. Er ist nicht nur unser Lehrer, sondern auch die Quelle, aus der wir immer wieder die Energie der Liebe empfangen. Sie macht uns zur Demut und zur Geduld fähig, wir werden gestärkt und befreit. Das gilt es zuzulassen.

Dann gelingt auch der zweite Schritt, der darin besteht, die anderen einmal wirklich zu sehen. In einem Konflikt spüren wir meistens nur uns selbst, unseren Zorn oder die Verletzung, die uns zugefügt wird, die Enttäuschung und das Unrecht. Wir stecken in unseren eigenen Gefühlen und Gedanken fest. Doch wie geht es eigentlich unserem Gegenüber? Was bewegt sie oder ihn? Wie kommt es, dass sie so handeln? Diese Fragen sollten wir uns einmal stellen. Wir steigen damit aus dem Konflikt aus und gucken uns die Situation von außen an. Dadurch sehen und verstehen wir einiges, was uns vorher nicht klar war. Meistens steht hinter dem problematischen Verhalten der anderen nämlich eine Last, die sie mit sich herum schleppen.

Wenn wir das erkennen, können wir als drittes beschließen, diese Last mitzutragen, den anderen unsere Kraft zur Verfügung zu stellen und ihnen etwas zu schenken. Anstatt uns durchzusetzen und auf unserem vermeintlichen Recht zu bestehen, schenken wir ihnen unsere Nachsicht und Weitherzigkeit. Wir machen ihnen das Geschenk der Friedfertigkeit und der Ruhe, und erwarten dafür keine Gegenleistung. Wir tun es einfach so, aus freien Stücken, weil wir es können und diese Liebe übrig haben. Wir können es uns sozusagen leisten, weil wir selber reich beschenkt wurden. Alle Menschen haben die Fähigkeit der Vergebung und der Liebe. Sie steckt in jedem von uns, sie wurde uns allen mitgegeben. Wir müssen sie nur zum Zuge kommen lassen und sie mit der Hilfe Christi entfalten. Das ist der dritte Schritt.

Und wenn wir das alles machen, merken wir, wie gut uns das tut. Es hat heilsame Folgen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: „Die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.“ Das geschieht, wenn wir uns in Nachsicht üben. Wie jedes Geschenk macht auch dieses nicht nur die Empfangenden glücklich, sondern genauso die Gebenden. Es beruhigt und besänftigt, heilt und befreit. Es eröffnet etwas Schönes, einen ein Weg der Freude und des Friedens, und es lohnt sich, den einzuschlagen. Wir verwirklichen etwas besonderes, wenn wir ihn gehen, denn wir steigen aus den üblichen Mustern aus und lassen uns von einer Kraft bestimmen, die alles verändern kann. Es ist die Kraft der Liebe. Wenn wir sie austeilen, vervielfältigt sie sich, und je mehr wir das tun, umso sinnvoller und erfüllter wird unser Leben. Denn „der hat sein Leben hat am besten verbracht, der die meisten Menschen hat froh gemacht.“

Amen.

Gott ist Schöpfer, Erlöser und Kraft

Predigt über Johannes 3, 1- 8: Jesus und Nikodemus

Trinitatis, 30.5.2021, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Johannes 3, 1- 8

1 Es war aber ein Mann unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.
7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden.
8 Der Wind bläst wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Liebe Gemeinde.

Die meisten Menschen schlafen nachts. Das bietet sich an, weil es dunkel ist, und wir weniger Möglichkeiten haben, die Zeit zu nutzen, als tagsüber. Nachts wird allerdings auch gerne gefeiert. Viele Partys beginnen spät und enden erst in den frühen Morgenstunden. Doch das leisten wir uns nur gelegentlich, und es geschieht an bestimmten Orten. In der Mehrzahl der Häuser ist es nachts ruhiger als am Tag. Deshalb ist für einige Menschen die Nacht auch gut zum Studieren oder zum Beten geeignet. Sie fühlen sich ungestört und können sich besser konzentrieren.

Das war bereits in der Antike und im Orient so. Die Nacht diente gelegentlich dem Gespräch und dem Studium. Auch Nikodemus, ein Mitglied der Pharisäergemeinschaft und des Hohen Rates, kam einmal des Nachts zu Jesus. Er wollte mit ihm ein Gespräch über den Glauben und die Religion führen. Hauptsächlich wollte er wissen, wer Jesus war und was er konnte, denn er wollte daran teilhaben.

Jesus sagte es ihm und offenbarte sich zunächst mit der bekannten Formel: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir.“ So hat Luther das zweifache „Amen“ übersetzt, das im Urtext steht. Es bedeutet: „Es steht fest“. Was Jesus ihm sagte, war also von vorne herein göttliche Wahrheit, es war Gottes Wort, und das lautete: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

Es ging ihm also um das „Reich Gottes“. Diesen Ausdruck finden wir oft in den Reden Jesu. Er meinte damit die vollendete Heilswirklichkeit, das was Gott am Ende der Zeiten, am Ende der Welt heraufführen wird. Jesus verkündete, dass es durch ihn nahe war, dass es durch sein Kommen bereits angebrochen ist. Doch das kann nicht jeder „sehen“, d.h. begreifen, geschweige denn da hineinkommen. Er muss dafür „von oben herab geboren werden“, wie es wörtlich in dem Gespräch mit Nikodemus heißt. Und damit wollte Jesus sagen, dass er vom Himmel her neu geschaffen werden muss. Gott muss an ihm handeln, ihn neu hervorbringen und wachsen und werden lassen.

Nikodemus verstand darunter eine „zweite Geburt“, eine „Wiedergeburt“, wie wir es aus vielen Übersetzungen kennen. Und er fragte mit Recht, wie das denn ginge: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“ Das war seine Frage, die deutlich macht, dass er über Jesus wirklich noch nichts wusste. Er missverstand ihn, und seine Frage klingt fast so, als ober er sich über Jesus lustig machte.

Deshalb verdeutlichte Jesus das, was er gesagt hatte: Er meinte keine leibliche Geburt, sondern eine Geburt „aus Wasser und Geist“. Der Vorgang, an den er dachte, ist also so etwas wie eine Reinigung, die von innen heraus geschieht, eine Bekehrung, die große Veränderungen mit sich führt, eine geistige Neuschöpfung des Menschen durch die Kraft Gottes.

Diese Vorstellung oder Metapher von der „Wiedergeburt“ taucht auch an anderen Stellen im Neuen Testament auf. Sie beinhaltet immer die Vergebung der Sünden, befähigt den menschlichen Verstand, die geistliche Wirklichkeit zu erkennen und befreit den Willen zur Heiligung, d.h. zum freiwilligen Gehorsam gegenüber Gott. Sie ist ein göttliches Geschenk, ein Mysterium, das die „Gotteskinder“ von der Welt unterscheidet und schon jetzt ihr Handeln bestimmt.

Das ist das Evangelium von heute und es passt gut zu dem Fest, das wir an diesem Sonntag feiern, dem Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. Dabei geht um die Idee, dass Gott „Drei in Einem“ ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Diese Vorstellung ergibt sich aus der Botschaft des Neuen Testamentes, denn da wird verkündet, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist und uns den Heiligen Geist hinterlassen hat. Es gibt also nicht nur Gott, den Allmächtigen, sondern auch den Sohn und seinen Geist. Doch diese Lehre können wir nur begreifen, wenn wir „wiedergeboren“ werden, denn in unserer Wirklichkeit gibt es so etwas nicht. Für den Verstand und die Sinne ist es unfassbar und nicht zu erkennen. Dass Gott unbegreiflich ist, passt allerdings zu ihm, ganz gleich, was wir über ihn lehren. Wir können Gott nie in den Griff kriegen, geschweige denn, ihn uns handhabbar machen. Denn Gott ist keine Sache und auch keine andere Person. Er ist eine Wirklichkeit, die nicht wir erfassen, sondern die uns erfassen kann, auf die wir uns einlassen müssen und in die wir eintreten können. Und andersherum ist es der dreieinige Gott, der uns befähigt, ihn zu erkennen. Er nimmt uns in sein Geheimnis hinein und schenkt uns den Glauben. Denn er ist lebendig und wirksam, der Schöpfer, der Erlöser und die Kraft, die zum Glauben führt. Gott ist nicht starr und unbeweglich, er ist auch nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern er ist in sich selbst Bewegung, Beziehung und Austausch. Es gibt deshalb keinen Bereich unseres Lebens, der von ihm ausgespart bleibt. Wir können ihm vielmehr überall begegnen, in der Höhe und in der Tiefe, in Freude und im Leid. Gott findet immer einen Weg zu uns und wir zu ihm. Das ist mit „Wiedergeburt“ gemeint.

Doch wie kann das nun geschehen? Was bedeutet es konkret für unsere Frömmigkeit, für unsere Glaubenspraxis? Diese Fragen haben auch wir. Wir können uns gut mit Nikodemus identifizieren, denn wir sind in einer ähnlichen Situation: Er suchte Jesus auf, weil er zu ihm gehören wollte. Er wollte glauben, aber er wusste nicht wie. Was Jesus ihm sagte, gilt also auch uns. Lasst uns deshalb darüber nachdenken, was das bedeutet, „von oben her geboren zu werden“.

Um diese Frage zu beantworten, ist es gut, wenn wir in unser Leben schauen. Es ist ja leider nicht immer einfach, sondern von vielerlei Problemen angefüllt. Keine Lebensgeschichte verläuft ohne Leid oder Trauer, Gewalt oder Unrecht, Angst oder Einsamkeit. Wir wollen das alles zwar nicht und tun viel, damit es nicht die Oberhand gewinnt. Aber gelingt das auch? Bleiben nicht trotz all unserer Versuche, das Leben heil zu machen, Wunden und ungelöste Fragen zurück? Das Schwere lässt sich nicht einfach so auslöschen. Es ist da. Oft verstärkt sich das Leid sogar dadurch, dass wir es loswerden wollen.

Und das ändert sich bei einer Geburt von oben herab. Denn dazu gehört es als erstes, dass wir das Leid annehmen, uns selber loslassen und etwas geschehen lassen. Wir sagen „Ja“ und halten den Schmerz aus.

Einfach ist das nicht. Es ist ein schmaler Pfad, den wir nicht so gerne gehen, ein dunkler Tunnel, der uns vielleicht sogar Angst macht. Wir suchen normalerweise breitere und hellere Wege. Davon gibt es ja viele. Wir können uns z.B. ablenken und zerstreuen. Unsere Fantasie ist immer aktiv, wir lesen, sehen, hören und denken ständig etwas Neues. Und langsam gibt es auch wieder mehr Möglichkeiten, mit anderen Menschen etwas zu erleben und zu unternehmen.

Mit der Vorstellung von der Wiedergeburt wird das alles auch nicht verurteilt. Wir sollen uns nicht vom Leben abwenden. Aus eigener Kraft heraus können wir das auch gar nicht, jedenfalls nicht so, dass dabei etwas Neues eintritt. Und darum geht es ja. Wir brauchen deshalb den, der etwas Neues in uns schaffen kann, und das ist Jesus Christus. Wir sind zum Glauben an ihn eingeladen, zum Vertrauen, dazu, auf ihn zu schauen und ihn zu lieben. Das ist der nächste Schritt. Jesus Christus ist da und er „schläft nie“.

Das hat Gerhard Tersteegen einmal sehr schön zum Ausdruck gebracht. Er war ein christlicher Mystiker, Dichter, Seelsorger und Prediger, der im 18. Jahrhundert in Mühlheim an der Ruhr lebte. Viele Lieder von ihm stehen in unserem Gesangbuch. In einem Abendlied – oder besser gesagt: einem Nachtlied – thematisiert er die Stunden in der Nacht, in denen wir nicht schlafen können. Er schlägt vor, dass wir sie zur Anbetung Gottes nutzen. Die erste Strophe lautet: „Nun schläfet man, und wer nicht schlafen kann, der bete mit mir an den großen Namen, dem Tag und Nacht wird von der Himmelswacht Preis Lob und Ehr gebracht: o Jesu Amen.“ (EG 480,1) D.h. wir sind nicht allein in der dunklen Welt, sondern werden von Gott gesehen, geliebt und bewacht. Es ist deshalb sinnvoll und ratsam, dass wir ihn „anbeten“ und ebenfalls „für ihn wachen“, uns ihm hingeben und ihn „machen lassen“.

Das kommt in der zweiten Strophe des Liedes von Tersteegen zum Ausdruck, die lautet: „Weg Phantasie! Mein Gott und Herr ist hie; du schläfst, mein Wächter, nie, dir will ich wachen. Ich liebe dich, ich geb zum Opfer mich und lasse ewiglich dich mit mir machen.“ So können auch wir beten. Dann werden wir ins Weite geführt, werden ruhig und zufrieden. Es ist wie eine „Wiedergeburt“: Wir können Altes abwerfen und bekommen neue Kraft. Uns durchströmt eine neue Energie. Unsere Seele wird geweitet, und unser Geist erhebt sich über diese Zeit hinaus.

Tersteegen drückt das in der dritten Strophe mit einem schönen Bild aus. Er sieht die Sterne, die in der Nacht funkeln, und stellt sich vor, dass er selbst ein „Sternlein“ ist, das von dem Licht Christi widerstrahlt. Er dichtet: „Es leuchte dir der Himmelslichter Zier; ich sei dein Sternlein hier und dort zu funkeln. Nun kehr ich ein, Herr rede du allein beim tiefsten Stillesein zu mir im Dunkeln.“

Das können auch wir uns wünschen und von Gott erbitten. Die Nacht ist dafür gut geeignet. Denn dann ist es meistens still und wir sind nicht abgelenkt. Es muss auch immer wieder geschehen, denn wir werden durch den Glauben an Jesus nicht ein für alle Mal „von oben herab geboren“ und sind damit dann für den Rest unseres Lebens neue Menschen. Es ist vielmehr ein Vorgang, der sich wiederholt. Die neue Geburt ist ein lebenslanger Prozess.

Wahrscheinlich hat Nikodemus das alles auch erfahren. Was Jesus ihm in dem nächtlichen Gespräch erklärt hat, ist wahr geworden. Er hat sich darauf eingelassen und wurde sein Jünger. Zweimal taucht er noch im Johannesevangelium auf. Das eine Mal verteidigte er Jesus in einem Streitgespräch mit anderen Pharisäern und gab sich als sein Anhänger zu erkennen. (Joh. 7, 50)

Das andere Mal war nach dem Tod Jesu. Nikodemus half bei der Abnahme Jesu vom Kreuz und brachte zur Bestattung ein wohlriechendes Harz mit. Damit bekannte er, dass er in Jesus Gott ganz neu gefunden hatte und mit dem Heiligen Geist erfüll war. (Joh. 19, 39)

Das nächtliche Gespräch mit ihm hatte sich also gelohnt, es hat ihm eine tiefe Erkenntnis geschenkt, Klarheit und Orientierung.  

Amen.

Ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Predigt über Hesekiel 34, 1- 16. 31: Die schlechten Hirten und der rechte Hirte

2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 18.4.2021

9.30 und 11 Uhr Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wir reden zurzeit viel über Vertrauen. So gab es dazu am Sonnabend vor zwei Wochen auch in der Zeitung einen langen Artikel. Und darunter war eine Statistik abgedruckt, „wem die Deutschen vertrauen“. Die Polizei stand mit 84% ganz oben, private Rundfunksender mit 19% ganz unten. Die Bundesregierung lag mit 61% im mittleren Feld. Das Vertrauen in die Politik sei mit Beginn der Pandemie stetig gesunken, hieß es. Dabei sind wir gerade jetzt darauf angewiesen. Doch wem können wir noch vertrauen? Den Zeitungen, der Wirtschaft oder den Gewerkschaften? Sie kommen in der Statistik noch schlechter weg als die Regierung.

Und was ist mit den Kirchen? Sie stehen erschreckender Weise an vorletzter Stelle! Das kann natürlich damit zusammenhängen, dass sowieso nur noch ungefähr die Hälfte aller Bürger und Bürgerinnen zur Kirche gehören, aktiv beteiligen sich sogar noch weniger. Die Mehrheit der Bevölkerung kann schlicht und ergreifend nichts mit uns anfangen. Vielleicht hätte man deshalb eher fragen sollen, wieviel Gottvertrauen die Menschen haben.

Aber das passt wohl nicht in so eine Umfrage, denn es gibt „einen entscheidenden Unterschied zwischen Gottvertrauen und politischem Vertrauen. Gottvertrauen ist bedingungslos. Es ist an keine Erwartungen geknüpft. Politisches Vertrauen dagegen muss man erwerben, rechtfertigen, zurückgeben.“ So stand es in dem Artikel. („Verlass dich darauf!“ von Thorsten Fuchs, Wochenendjournal von Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung, Sonnabend/Sonntag, 3./4. April 2021, S. 1)

Diese Einsicht hatte auch schon der Prophet Hesekiel. Er lebte in einer Zeit, in der es ebenfalls schwer war, den Politikern zu vertrauen, sie hatten es verspielt, und er lädt deshalb dazu ein, sich ganz auf Gott zu verlassen. Das kommt in einem Abschnitt aus Kapitel 34 zum Ausdruck, in dem es um „schlechte Hirten und den rechten Hirten“ geht. Das ist heute unser Predigttext, der folgendermaßen lautet:

Hesekiel 34, 1- 16. 31:

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
3 Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.
4 Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
5 Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten ha
ben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.
6 Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.
7 Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort!
8 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten,
9 darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort!
10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.
13 Ich will sie au
s allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.
14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.
15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.
16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Das ist ein Teil aus der sogenannten „Hirtenrede“ des Propheten Hesekiel. Sie beginnt mit dem Versagen der „Hirten Israels“. Der Prophet hatte viel an den Verantwortlichen für das Volk auszusetzen. Er meint damit die politischen und religiösen Führer, also den König und die Priester, die damals ganz ähnliche Aufgaben und Verantwortungsbereiche mit viel Macht und Einfluss hatten. Heutzutage sind Staat und Kirche getrennt, das kannte das Alte Testament aber noch nicht.

Was Hesekiel nun den „Hirten“ vorwirft, ist ihr Egoismus und ihre Genusssucht, die Vernachlässigung der Schwachen und die Unterdrückung der Starken. Sie führten das Volk nicht, sondern bereicherten sich selber. Anstatt die Menschen zu sammeln und zu vereinen, überließen sie sie der Verwahrlosung.  

Mit all dem spielt der Prophet auf die Katastrophe von 587 vor Christus an, als der König von Babel das Land erobert und den Tempel zerstört hatte. Israel hatte damit seine Eigenstaatlichkeit verloren, und die Menschen waren zerstreut. Hesekiel lebte mit dem Volk Israel bereits im Exil. Sie litten natürlich unter dieser Situation und waren traurig. Deshalb denkt der Prophet darüber nach, und er deutet das Geschehene als ein Versagen der politischen und religiösen Führer. Die „Hirten“ haben in der langen Geschichte Israels versäumt, was eigentlich ihr Amt gewesen wäre. Das ist sein Vorwurf.

Und so enthält seine Rede zuerst ein Scheltwort. Daran schließt sich die Ankündigung des Gerichtes über die treulosen Hirten an. Aber dann folgt das eigentliche Ziel des Textes, die Zusage, dass Gott selbst sich seines Volkes annehmen wird. Damit möchte der Prophet seine Mitmenschen trösten und ihnen eine Perspektive geben: Gott wird eingreifen, und sein Verhalten wird ganz anders sein, als das der menschlichen Führer.

Er wird ihr Leid beenden. Es soll ihnen allen gut gehen, er verspricht ihnen Reichtum und Fülle. „Verlorene wird er finden, Verirrte zurückbringen, Verwundete verbinden und Schwache stärken.“ Er wird immer bei ihnen bleiben und sich um sein Volk kümmern, sie beschützen und bewahren und ihnen den rechten Weg zeigen. Das ist die Verheißung des Propheten Hesekiel an sein Volk, die mit dem Satz zusammengefasst wird: „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.“

Für uns Christen hat sich diese Verheißung erfüllt. Denn wir glauben, dass Gott durch Jesus Christus in dieser Weise bei uns ist. Er ist der „gute Hirte“ , und wir sind seine Herde. (Johannes 10,11.14) Auch die Kirche dürfen wir so verstehen. Eigentlich ist sie der Ort und die Gemeinschaft, an dem das erlebbar wird.

Doch offensichtlich ist das nicht der Fall, sonst würden viel mehr Menschen Vertrauen in die Kirche haben. Und das wäre auch gut, denn das brauchen wir dringend, gerade in dieser Zeit. Was können wir also dazu tun, damit die Kirche ein Ort ist, an dem die Menschen in Berührung mit Gott kommen, sich an seiner Gegenwart erfreuen und neuen Mut schöpfen?

Das müssen wir uns fragen, und dafür gibt uns der Text auch einen Hinweis, indem er nämlich den Kontrast zwischen den menschlichen Hirten und dem „wahren Hirten“ hervorhebt. Das können wir gut auf uns anwenden. Unsere „Hirten“ sind zwar nicht so egoistisch und rücksichtslos, wie Hesekiel es beschreibt, aber mit dem Gottvertrauen hapert es ebenfalls oft. Auch wenn sie die Schwachen nicht vernachlässigen und es nicht böse meinen, vertrauen sie oft doch eher auf ihre eigene Kraft. Die unbegrenzten Möglichkeiten Gottes werden gerne ignoriert. Und dadurch ist alles sehr menschlich und eigenwillig geworden. Pastorinnen und Mitarbeiter, Oberkirchenräte und Theologinnen, sie alle trauen sich selber am ehesten zu, die Menschen zu versammeln und ihnen Gutes zu tun. Professionelle Methoden, Ideen und Strategien stehen im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns.

Aber nicht umsonst hat Luther für ein Priestertum aller Gläubigen plädiert, d.h. es kommt auf alle an, jeden und jede Einzelne. Und sie müssen nicht besonders gut ausgebildet sein, sondern hauptsächlich auf Gott vertrauen. Entscheidend ist der lebendige Glaube, das Wissen um Gottes Gegenwart und sein Handeln. Dem müssen wir Raum geben.

Und das kommt nicht einfach nur so, dafür müssen wir uns Zeit nehmen und es auch einüben. Denn es ist eine andere Art des Vertrauens als das rein menschliche oder politische, es ist „bedingungslos und ohne Erwartungen“. Und das heißt, wir müssen alle Erwartungen an andere oder an das Leben zunächst einmal loslassen, nichts mehr wollen oder selber machen.

Das ist nicht so ganz leicht, weil wir uns eigentlich immer etwas wünschen und uns dafür dann einsetzen. Das Leben ist nie ganz so, wie wir es gern hätten, und das macht uns zu schaffen. Wir wollen etwas dagegen tun, denn wir leiden unter unserer Kümmerlichkeit und Schwäche, an unseren Grenzen, unserer Sehnsucht und vielem mehr. Doch anstatt das unbedingt abschaffen zu wollen, wäre es gut, wenn wir es zunächst einmal aushalten, unsere Unzufriedenheit, die Ängste, die Traurigkeit usw. Das wäre der erste Schritt zu einem lebendigen Gottvertrauen, dass wir all das Schwere im Leben einfach nur wahrnehmen, es anschauen und ertragen.

In einem zweiten Schritt können wir es vor Gott bringen und uns vorstellen, dass er uns auf eine „fette Weide“ führen möchte. Er ist da, und seine Gegenwart ist wie das schöne Land von dem der Prophet spricht. In unserer Phantasie können wir uns die Wirklichkeit Gottes als hohe Berge und lichte Täler vor Augen führen, blühende Wiesen und üppige Felder. Wir können dort verweilen und es uns gut gehen lassen, im Geiste spazieren gehen, uns versorgen lassen und „schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist.“

Dann verschwinden ganz von selber alle „trüben und finsteren“ Gedanken und Gefühle. Wir werden gestärkt und aufgerichtet, „das Verwundete wird verbunden und das Verirrte wird zurückgeführt.“

Und wenn das alle tun, die zur Kirche gehören, dann werden Menschen ganz von alleine Vertrauen in unsere Gemeinschaft fassen. Denn dann können sie bei uns erleben, dass sie gehalten und behütet sind, beschützt und geliebt. Und wer weiß, vielleicht rücken wir dadurch in der Statistik „wem die Deutschen vertrauen“ auch wieder weiter nach oben.

Möge Gott selber uns dazu verhelfen. Amen.