Seht auf und erhebt eure Häupter

Predigt über Lukas 21, 25- 28: Das Kommen des Menschensohnes

2. Sonntag im Advent, 9.12.2018, Lutherkirche Kiel

Lukas 21, 25-28

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, aweil sich eure Erlösung naht.

Liebe Gemeinde.

Sicher kennt ihr alle die Marienkirche in Lübeck. Ihr Mittelschiff ist 40 Meter hoch, und damit hat sie das höchste gemauerte Backstein-Kirchenschiff der Welt. Sie wurde von 1277 bis 1351 gebaut und ist eine gotische Kathedrale. Sie scheint – wie alle diese Kirchen – dem Himmel zuzustreben. Und das war auch beabsichtigt. Die Baumeister damals wollten die senkrechte Richtung betonen, und das gelang ihnen durch eine neuartige Bauweise. Dazu gehören die gegliederten Säulen, gerippte Gewölbe und fliegende Strebepfeiler. Die Architektur verlor dadurch an Schwere und wirkt geradezu grazil. Die Wände sind durch die lang gestreckten Fenster und Portale wie aufgelöst, und so sind die gotischen Kathedralen auch immer lichtdurchflutet. Dazu trägt noch der sogenannte Obergaden bei. Das ist die obere Wandfläche des Mittelschiffs, die zusätzlich mit Fenstern durchbrochen ist. Dieses Fensterband ermöglicht eine direkte Belichtung des Innenraumes.

Und mit all dem symbolisieren die gotischen Kirchen wie kaum andere die Nähe zu Gott. Sie ziehen den Blick automatisch nach oben und lösen ein Gefühl von Erhabenheit und Schwerelosigkeit aus.

Daran musste ich denken, als ich unseren Predigttext las, denn dort werden wir auch aufgefordert nach oben zu schauen. „Seht auf und erhebt eure Häupter“ heißt es hier. Und die Begründung lautet: weil „sich eure Erlösung naht“, weil der Menschensohn kommt. Es wird also ein himmlisches, endzeitliches Ereignis geben, und Jesus fordert uns auf, uns darauf einzustellen.

Diese Ermahnung gehört zu seiner Endzeitrede. Darin trägt Jesus verschiedene Gedanken und Vorstellungen über das Kommen des Endes vor. Er erwähnt z.B. die baldige Zerstörung des Tempels, die Verfolgung der Gemeinde und das Ende Jerusalems. Außerdem, und damit beginnt unser Text, wird es Veränderungen an Sonne und Mond geben. Weltweite Naturkatastrophen werden eintreten, denen keiner entkommen kann. Sie werden die Menschen in Angst und Schrecken versetzen, denn die Urordnung der Schöpfung wird dabei umgewälzt.

Aber inmitten dieser Weltendramatik, wenn die ganze Erde erbebt und erzittert, wird der Menschensohn am Himmel sichtbar. Und er wird mit großer Macht und Herrlichkeit kommen.

Damit greift Jesus eine fromme jüdische Vorstellung auf. Denn man dachte bei dem Menschensohn an eine himmlische Gestalt, ein Lichtwesen, dem nach diesem letzten Gericht von Gott die Weltherrschaft übertragen werden sollte. Und das hat Jesus für sich in Anspruch genommen. Wenn er vom Menschensohn sprach, dann meinte er immer sich selbst, und zwar als den Auferstandenen, der einst wiederkommt, wenn alle kosmischen Ordnungen zerbrechen.

Und wenn das geschieht, dann sollen die Christen „ihre Häupter erheben“ und zum Himmel „aufsehen“, denn für sie bedeutet es Erlösung.

Jesus selber erwartete all das in Kürze. Noch in seiner Generation würde die Vollendung der Welt erfolgen, davon war er überzeugt. Seine Botschaft lautet deshalb: Verliert euch nicht allzu sehr an diese Welt oder in dieser Welt. Lebt nicht ausschließlich horizontal, sondern beachtet die Vertikale. Alles in dieser Welt wird vergehen, untergehen und zu Ende gehen. Das Eigentliche und Große kommt erst noch, und es kommt bald.

Und das ist auch für uns wichtig, denn wir lieben diese Welt oft mehr, als uns gut tut. Sie ist ja auch „schön und groß“ und bietet uns unendlich viele Möglichkeiten der Freude und des Genusses. Wir suchen und finden in ihr „Liebe und Ehre und Glück“ – wie es Eleonore Reuß im 19. Jahrhundert in einem ihrer Lieder formuliert hat. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-Luth. Kirchen in Bayern und Thüringen, Nr. 621) Möglicher Weise hören wir es deshalb auch gar nicht so gern, wenn wir uns davon lösen sollen. Das klingt nach Verzicht und Entsagung und nach einer Geringschätzung der Welt. Es gibt auch solche Christen, die sich alles Mögliche selber verbieten: Sie erlauben kein Tanzen, kein Kartenspiel, kein Alkohol usw. Auch Mönche und Nonnen suggerieren uns mit ihrer Lebensweise, dass es gut, wenn wir die Welt verachten und uns von ihr abwenden. Doch zu diesen Menschen gehören wir nicht und so wollen wir nicht leben. Es passt nicht zu unserer Überzeugung. Auch als Christen genießen wir die Welt mit ruhigem Gewissen, denn für die meisten von uns steht sie nicht in einem Gegensatz zum Reich Gottes.

Doch so ist die Endzeitrede Jesu auch nicht gemeint. Es geht nicht um die Alternative: entweder die Welt und das Diesseits oder Gott und die Ewigkeit. Jesus will uns einfach nur aufwecken und lädt uns ein, nüchtern zu sein. Und das tut uns gut, denn wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass die Welt nicht nur Freude macht. Es gibt ganz viel Unvollkommenes und Brüchiges. Kein Leben ist ausschließlich von Glück angefüllt, genau das ist vielmehr sehr flüchtig. Es entgleitet uns immer wieder, und dadurch sind wir oft unzufrieden und unruhig. Wir sehnen uns nach mehr als wir haben. Das kann ein Mehr an Aufmerksamkeit und Zuwendung sein, ein Mehr an Gesundheit und Kraft, ein Mehr an Geld und Abwechslung. Meistens bleibt immer irgendetwas zu wünschen übrig, oft steht das Gefühl des Mangels im Vordergrund.

Jesus lädt uns mit seiner Ermahnung zunächst dazu ein, das zu begreifen, es auszuhalten und anzunehmen. Wir sollen uns selber spüren, nichts verdrängen oder zudecken, uns nichts vormachen und uns nicht täuschen lassen. Das ist alles. Wir sollen keine Asketen werden und die Welt auch nicht verachten, aber wir sollen ihre Grenzen und ihre Unzulänglichkeit erkennen. Es kommt darauf an, dass wir keine falschen Erwartungen an die Welt haben, denn dann werden wir enttäuscht. Wir sind für noch mehr geschaffen, und es kommt auch noch mehr. Das sagt er uns als erstes.

Es geht also um das richtige Maß, um ein Gleichgewicht. Das ist der zweite Gedanke, der hier nahe liegt. Das „Aufsehen und das Haupt erheben“ gehört mit dem Handeln in der Welt zusammen wie das Einatmen und das Ausatmen. Wir brauchen beides, um zu überleben, genauso wie wir das Wachen und das Schlafen brauchen, die Arbeit und die Muße usw. Beides muss in einer gesunden Balance zueinander stehen. Das Problem ist also nicht, dass wir weltlich sind, sondern dass wir das rechte Maß verlieren.

Das ist gerade jetzt in der Adventszeit leider eine Gefahr. Überall gibt es Ablenkung und Zerstreuung. Wir sind auch meistens etwas im Stress in dieser Zeit, denn wir nehmen uns ganz viel vor: Wir müssen Geschenke kaufen oder basteln, Grüße schreiben, auf Adventsfeiern gehen und Besuche machen. Das macht alles Spaß und hilft uns, diese dunkle Jahreszeit besser durchzustehen, aber es ist auch anstrengend. Alles zieht und zerrt an uns, jeder und jede will etwas.

Und das Gefühl entsteht nicht erst durch die vielen Dinge, die uns in dieser Zeit beschäftigen und angeboten werden. Wir leben immer am liebsten genauso, weil es irgendwie am meisten Befriedigung und Erfüllung verspricht. Bildlich gesprochen atmen wir oft nur noch aus und vergessen das Einatmen.

Es bestünde darin, dass wir uns ebenso für Gott Zeit nehmen, die Vertikale einbeziehen und uns regelmäßig von der Ewigkeit anrühren lassen. „Es ist eine Ruhe vorhanden für das arme müde Herz“, so dichtete Eleonore Reuß weiter, und es ist wichtig, dass wir diese Ruhe suchen, uns der Gegenwart Gottes aussetzen und die Liebe Jesu walten lassen. Wir dürfen an den glauben, der im Leid und sogar im Tod noch lebendig ist und uns zur Seite steht. Auch wenn uns alles entgleitet und unser Leben zusammenbricht, wir sind geliebt und gehalten, denn Jesus kommt uns entgegen, um unser Leben in seine Hand zu nehmen. Und wenn wir uns bei ihm bergen, dann sind wir wirklich befreit und erlöst.

Dazu ist die Adventszeit eigentlich da. Wir bereiten uns jetzt auf das Fest des Kommens Gottes vor. Wir erwarten den Erlöser, und dazu gehört es, dass wir unsere „Häupter erheben“. Adventlich leben heißt: Aufrecht gehen, gelassen und ruhig werden, leicht und schwerelos. Wir strecken Kopf, Herz und Hände nach oben aus zu ihm, der uns entgegengeht und uns ruft. Das ist die Haltung der Erlösten, und wir sind eingeladen, sie immer wieder einzunehmen, uns darin zu üben und in ein inneres Gleichgewicht zu kommen. Das ist der zweite Punkt, den es zu bedenken gilt.

Und als drittes ist noch wichtig, dass wir natürlich alle unterschiedlich sind, und damit ist auch die Sehnsucht nach der Ewigkeit unterschiedlich stark ausgeprägt. Es hängt mit unserer Veranlagung und Lebensgeschichte zusammen, wie unzufrieden wir mit der Welt sind, wie oft wir „den Blick nach oben lenken“ müssen. Es ist nur wichtig, dass wir erkennen, wer wir selber sind und was wir wirklich brauchen. Oft verschütten wir mit unserer Lebensweise unsere religiöse Neigung. Ein tiefes Bedürfnis wird zugedeckt, wir geben uns mit weniger zufrieden als wir brauchen. Unseren Hunger nach der Ewigkeit kann die Welt nämlich nicht stillen. Wenn wir es versuchen, ist es so, als nähmen wir die falschen Medikamente. Das passiert ja leider manchmal, wenn die Diagnose nicht stimmt.

Und dasselbe kann auch geistig und seelisch geschehen: Wir erkennen nicht, woran wir eigentlich leiden und was uns in Wirklichkeit fehlt. Wir denken, es ist das eine oder andere Vergnügen, mehr Geld oder Geselligkeit, aber in Wirklichkeit ist es die Ewigkeit und das Reich Gottes. Und wenn wir das missachten, werden wir davon genauso krank. Viele Schmerzen und Nöte in unserem Leben hängen damit zusammen, dass wir zu wenig ernstnehmen, wofür wir eigentlich gemacht sind, und die falschen Maßnahmen ergreifen, um uns wohl zu fühlen. Gott hat uns „zu sich hin geschaffen“, wie Augustinus es so schön gesagt hat, und das dürfen wir nicht ignorieren.

Dabei macht es nichts, wenn uns eventuell erst spät im Leben bewusst wird, was wir in Wirklichkeit die ganze Zeit gesucht haben. Wir können den göttlichen Funken, der tief in uns glüht, jederzeit neu entfachen und unsre Sehnsucht nach Gott ausleben. Das ist dann wie ein ganz tiefes Einatmen. Wir werden neu mit Leben erfüllt. Ich bin mir sicher, dass dadurch auch die eine oder andere Krankheit weicht, denn viel seelische und körperliche Not hat ihre Ursache darin, dass wir unseren tiefsten Lebenshunger vergraben haben.

Die Menschen im Mittelalter wussten das vielleicht noch besser als wir, deshalb haben sie so schöne große Kathedralen gebaut. Sie sind Gebete aus Steinen, zu Bauwerken gewordener Glaube. Sie zeugen von der Sehnsucht nach Gott und können uns eine Ahnung davon geben, dass „unsere Erlösung nahe ist“.

Unsere Lutherkirche ist lange nicht so hoch, aber klein ist sie auch nicht. Vor 60 Jahren wurde sie wieder aufgebaut, das haben wir gerade gefeiert, und dabei habe ich erfahren, dass der damalige Propst nicht noch einmal so eine große Kirche in Kiel bauen wollte. Wir haben darüber alte Filme gesehen, die sehr schön deutlich machen, was für ein mutiges Vorhaben es war, die Trümmer zu beseitigen und diese Kirche neu zu errichten. Nun steht sie hier und auch in ihr können wir erleben, dass Gott nahe ist. Es ist deshalb schön, wenn wir hier zusammenkommen. Lasst uns dafür dankbar sein und immer wieder „aufsehen und unsere Häupter zu Gott erheben“, der uns entgegenkommt und uns erlöst.

Amen.

1. Ich bin durch die Welt gegangen,
und die Welt ist schön und groß;
und doch ziehet mein Verlangen
mich weit von der Erde los.

2. Ich habe Menschen gesehen,
und sie suchen spät und früh.
Sie schaffen, sie kommen und gehen,
und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

3. Sie suchen, was sie nicht finden
in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden
und unbefriedigt zurück.

4. Es ist eine Ruhe vorhanden
für das arme, müde Herz.
Sagt es laut in allen Landen:
Hier ist gestillt der Schmerz!

5. Es ist eine Ruhe gefunden
für alle fern und nah:
In des Gotteslammes Wunden
am Kreuze auf Golgatha!

Text: Eleonore Fürstin Reuß (1835-1903)
Melodie: Karl Kuhlo 1885

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Ewigkeit, in die Zeit, leuchte hell hinein

Predigt über Jesaja 65, 17- 19. 23- 25: Neuer Himmel und neue Erde

Ewigkeitssonntag, 25.11.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 65, 17-19.23-25

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,
19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.
23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
24 Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Liebe Gemeinde.

Es gibt im Evangelischen Gesangbuch eine ganze Reihe von Dichterinnen, die zu dem Liedgut beigetragen haben. Mit ihnen haben wir uns in diesem Jahr in unserem Gesprächskreis beschäftigt, und dabei ist uns aufgefallen, dass keine von ihnen ein einfaches Leben hatte. Besonders erschütternd und bewegend war die Erkenntnis, dass sie alle enge Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben.

So war es auch bei Marie Schmalenbach, von der ich euch heute ein Lied mitgebracht habe. Es steht leider nicht mehr in unserer Ausgabe des evangelischen Gesangbuches, ich finde es aber sehr schön und singenswert.

Marie Schmalenbach lebte von 1835 bis 1924 in Ostwestfalen. Sie war die Tochter eines Pfarrers und hatte insgesamt zehn Geschwister. Sieben davon starben allerdings sehr früh. Sie hat also schon in ihrer Kindheit erfahren, wie vergänglich das Leben ist. Als Ehefrau und Mutter erlebte sie das dann wieder, denn auch sie verlor eins ihrer fünf Kinder durch den Tod. s. https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=617&url_tabelle=tab_person) Und obwohl das vor 150 Jahren keine Ausnahme war – die Kindersterblichkeit war ja viel höher als heutzutage – hat sie das sicher traurig gemacht. Sie musste das verarbeiten, und dabei half ihr der Glaube an die Ewigkeit. Das bezeugt ihr Lied: „Brich herein, süßer Schein selger Ewigkeit. Leucht in unser armes Leben, unsern Füßen Kraft zu geben, unsrer Seele Freud, unsrer Seele Freud.“ (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-luth Kirche in Niedersachsen und Bremen, Nr. 643,1)

Sie formulierte damit etwas, das auch in der Bibel an vielen Stellen zum Ausdruck kommt. Die Hoffnung auf die Ewigkeit und eine paradiesische Zukunft taucht dort überall auf, sowohl im Alten, wie im Neuen Testament. Gott wird sie heraufführen, denn sie ist sein Reich. Er wohnt in der Ewigkeit und er wird die Menschen eines Tages dahin zurückführen, das ist die Verheißung. Der Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja, den wir vorhin gehört haben, ist auch so eine Heilsankündigung.

Sie stammt von dem „dritten“ Jesaja. Wir nennen ihn so, weil beim Lesen des Jesajabuches deutlich wird, dass es drei Verfasser haben muss, die alle zu verschiedenen Zeiten gewirkt haben. Der Dritte gehörte bereits zu den Heimkehrern aus dem babylonischen Exil, die den jüdischen Staat wieder aufbauten. Dieser war unter dem Herrscher von Nebukadnezar völlig zusammengebrochen. Jerusalem eroberte er erstmals 597 und nochmals 586 v.Chr. Beim zweiten Mal führte er die jüdische Oberschicht in die Gefangenschaft und ließ die Stadt und seinen Tempel zerstören.

Zur Zeit des dritten Jesaja war eigentlich alles wieder gut, das Exil war beendet, die Verbannten kehrten zurück. Trotzdem wurden die Menschen ungeduldig, denn das Heil, nach dem sie sich sehnten, war nicht da. Das Leben blieb schwierig und konfliktgeladen, der Aufbau ging nur schleppend voran.

Der dritte Jesaja will seine Landsleute deshalb trösten und ermutigen. Davon handeln sein Buch und somit auch unser Predigttext. Darin verheißt der Prophet eine völlig neue Zeit, in der alle Nöte und Drangsale endgültig aufgehoben sein werden. Alles mündet in einen geschichtslosen Zustand ewiger Glückseligkeit. Denn Gott wird „einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen“. In dieser Welt ohne Leid wird man sich freuen und ohne Unterbrechung frohlocken. Sogar Gott selber wird sich über das Heil freuen, das er für seine Gemeinde in und um Jerusalem schaffen wird. Denn es wird keine menschliche Sünde mehr geben, Gott muss nicht mehr strafend eingreifen. Deshalb verstummt auch das Klagegeschrei. Die furchtbare Säuglingssterblichkeit wird aufhören, und der Segen Gottes steht über den Menschen. Ihre Gebete werden jederzeit und unmittelbar erhört. Und alle Tiere werden in Frieden miteinander leben, der Wolf mit dem Schaf, der Löwe und die Schlange neben dem Rind. Mit diesem idyllischen Bild von der Wiederkehr paradiesischer Verhältnisse schließt die Verheißung.

Sie steht in einem auffälligen und wunderbaren Kontrast zu der jetzigen Welt, die von all dem nichts oder nur sehr wenig weiß. Deshalb spricht uns die Verheißung auch an. Sie formuliert Sehnsüchte und Wünsche, die wir alle kennen. Sie klingt wie ein Märchen mit einem guten Ende.

Aber ist sie das nicht auch? Was hier formuliert ist, hat mit unserer Wirklichkeit doch nichts zu tun. Wozu lesen wir das? Wollen wir daran glauben und uns daran festhalten? Menschen haben das immer wieder getan, aber waren die dadurch nicht etwas weltfremd? Was bringt es denn, wenn wir in unserer Phantasie aus der Welt fliehen? Verlieren wir dadurch nicht den Realitätsbezug und das Verantwortungsbewusstsein? Das fragen wir uns. Der Glaube an die Ewigkeit hat in unserem modernen Denken und Bewusstsein einen schweren Stand. Ein Lied wie das von Marie Schmalenbach passt nicht mehr zu unserem Lebensgefühl. Darum ist es wohl auch aus unserem Gesangbuch verschwunden.

Das finde ich allerdings schade, denn der Ewigkeitsbezug ist keineswegs nur eine Wahnvorstellung. Das merken wir, wenn wir uns darauf einmal einlassen, und das können wir in drei Schritten tun.

Der erste Schritt ist eine theologische Klärung zu den Aussagen der Bibel und des christlichen Glaubens. Dazu gehört die Einsicht, dass wir zwar nicht wissen, ob es die Ewigkeit gibt, wir wissen aber auch nicht, ob das Gegenteil der Fall ist. Wir können uns im Irrtum befinden, wenn wir das Reich und die Macht Gottes leugnen. Und das würde dann einemn schwerwiegenden Verlust gleich kommen. Wir würden etwas Großes und Bedeutendes verpassen. So sah das auch der Prophet Jesaja. Er war erfüllt von der Gewissheit, dass Gott noch lange nicht fertig ist mit der Schöpfung, eines Tages wird er sie vielmehr vollenden. Und er umgibt uns jetzt mit seiner neuschaffenden Gegenwart, mit seiner undendlichen Macht und Liebe.

Jesus Christus hat das mit seinem Kommen noch einmal grundlegend bestätigt. Er verkündete ebenfalls das Reich Gottes, das mit ihm bereits angebrochen ist. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat Gott schöpferisch in das Weltgeschehen eingegriffen und uns einen Weg zu ihm eröffnet. Das Paradies ist nicht mehr verschlossen.

Und es ist auch nicht erst da, wenn wir sterben oder hier alles zu Ende geht. Gott wirkt vielmehr jetzt schon in die Zeit hinein. Die Strahlen der Ewigkeit fallen von vorne auf unseren Weg. Darum bittet Marie Schmalenbach in ihrem Lied. Sie formuliert in Strophe vier: „Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell hinein, dass uns werde klein das Kleine, und das Große groß erscheine.“ Sie hält die Ewigkeit also für „groß“ und alles Zeitliche für „klein“, und sie wünscht sich, dass die Verhältnisse sich in ihrem Bewusstsein umdrehen: Nicht mehr die Welt soll bedeutend und wirklich sein, sondern die Gegenwart Gottes und sein zeitloses Reich. Diesem Wunsch hat sie Raum gegeben. Und das können auch wir tun.

Darin besteht der nächste Schritt: Wir dürfen den Glauben an die Ewigkeit und das Vertrauen auf die Verheißungen Gottes nicht mit Nichts-Tun verwechseln. Wir legen damit auch nicht unser Verantwortungsbewusstsein ab und ergeben uns einfach nur in unser Schicksal. Es ist vielmehr eine starke innere Aktivität, für die wir uns bewusst entscheiden müssen. Sie fordert unsere Aufmerksamkeit und Bereitschaft. Vor allem gehört es dazu, dass wir das Leid annehmen und Gedanken des Grolls, der Bitterkeit und der Trauer loslassen. Davon ist unser Leben ja leider immer wieder erfüllt. Auch wenn wir nicht um einen lieben Menschen trauern, sind wir noch lange nicht glücklich. Wir werden von vielen Nöten heimgesucht.

Marie Schmalenbach trauerte ebenfalls nicht nur um das Kind, das sie verloren hat. Sie litt unter noch mehr. So haben ihre Eltern ihre geistigen Interessen in ihrer Jugend zwar sehr gefördert, als Erwachsene blieb ihr dann aber nur das Leben als Hausfrau, Ehefrau und Mutter. Sie heiratete mit 21 Jahren den damaligen Hilfsprediger Theodor Schmalenbach und hoffte, in ihm einen angemessenen Gesprächspartner gefunden zu haben. Sie hätte sich gerne mit ihm über theologische und politische Fragen ausgetauscht. Aber das fand nicht statt. Ihr Mann war viel unterwegs und ließ sie an seiner Arbeit und seinen Gedanken kaum teilhaben. Ihre Pflichten lagen einzig und allein im Haushalt und in der Erziehung der Kinder. An dieser Situation konnte sie auch nichts ändern, denn es war gesellschaftlich und kirchlich vorgegeben, dass die Frau sich dem Willen des Mannes unterordnete. Für Marie war das unbefriedigend und teilweise unerträglich. Sie lebte ein einsames, zurückgezogenes Leben und hatte kaum Kontakte zu Menschen, die ihren intellektuellen und geistlichen Bedürfnissen nachkommen konnten. (s.o.) All das steht hinter den Zeilen aus ihrem Lied: „Hier ist Müh morgens früh und des Abends spät, Angst, davon die Augen sprechen, Not, davon die Herzen brechen, kalter Wind oft weht, kalter Wind oft weht.“ Und das ist eine allgemeine Erfahrung, das Leben ist voll von Leid. Menschen enttäuschen uns oder machen uns Angst. Wir sorgen uns, fühlen uns schwach und ausgeliefert, sind traurig oder niedergeschlagen. Was Marie Schmalenbach betrifft, so fand sie nur im Lesen und Schreiben ihrer Gedichte einen Trost und eine Lebenserfüllung.

Und darin kommt zum Ausdruck, wie sie sich gerettet hat. Ihre Gedichte enthalten keineswegs nur Klagen, sondern ein starkes Glaubenszeugnis. So ist es auch in unsrem Lied, dem die dritte Strophe lautet: „Jesus Christ, du nur bist unsrer Hoffnung Licht, stell uns vor und lass uns schauen jene immergrünen Auen, die dein Wort verspricht, die dein Wort verspricht.“ Marie Schmalenbach hat sich auf Jesus Christus und auf sein Wort gegründet. Sie hat ihr Leid angenommen, gehofft und gebetet und sich auf die Ewigkeit ausgerichtet. Auf diese Weise hat sie sich gegen die Verbitterung und Traurigkeit gewehrt, und das ist eine große geistige und seelische Leistung. Wir müssen also zweitens feststellen, dass der Glaube und das Vertrauen auf Gott etwas äußerst aktives ist, und wir sind dazu ebenfalls eingeladen.

Dann ergibt sich ganz von allein der dritte Schritt: Unser Leben verändert sich. Durch den Glauben an Jesus Christus bleibt nicht alles beim Alten, sondern die Kräfte der Auferstehung wirken. Gott schickt seine Strahlen, und wir spüren seine Nähe, sein Licht und seine Wärme. Er hört unsere Gebete und antwortet auf unsre Fragen. Denn was er uns schenkt, sind nicht irgendwelche weltlichen Dinge, sondern er kommt selber zu uns. Das „Kleine wird klein und das Große wird groß“. Ein innerer Friede breitet sich aus. Unser Geist wird weit, die Seele kann aufatmen, Schweres wird plötzlich leicht. Wir werden widerstandfähig und unabhängig von den äußeren Umständen. Das Weinen und Klagen verstummt, und es entsteht eine Freude, die sich nicht so leicht vertreiben lässt.

Und schließlich macht uns das dann auch fähig zum Handeln, wo es möglich und nötig ist. Wir bekommen den Mut, neue Schritte zu wagen. Was uns erfüllt, will aus uns heraus und fließt zu den anderen Menschen. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass die Hoffnung auf die Ewigkeit keine Weltflucht ist: Sie wirkt sich in der Welt aus, denn wir werden transparent und bringen den Menschen das, was ihnen am meisten fehlt: Das Wissen um das ewige Licht.

Amen.

Pax et Bonum

Predigt über Philipper 4, 4- 9: Mahnung zur Freude im Herrn und zum Frieden

Bitte um Frieden und um Schutz des Lebens
18.11. 2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Philipper 4, 4- 9

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
8 Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!
9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

Liebe Gemeinde.

In Assisi gibt es als Souvenir  kleine Teller oder Kacheln mit der Aufschrift „pax et bonum“ – auf Deutsch heißt das: „Frieden und Gutes“, denn das war ein Gruß bzw. ein Segenswort, das Franz von Assisi immer gebrauchte. Er wünschte das jedem Menschen, den er traf, und er sagte damit: „Mögest du in Frieden leben, versöhnt mit dir selbst, mit den deinen und der Welt. Mögest du heil sein oder werden, nicht verwundet noch verletzt, angstfrei und geborgen.“ Dieser Gruß ist also ein Segenswunsch, und er ist in der franziskanischen Familie zur Tradition geworden. (s. https://www.st-marienwoerth.de/pax/01/files/assets/downloads/page0011.pdf)

Die Gewohnheit des Friedensgrußes ist aber auch noch weiter verbreitet. Wir machen z.B. das gelegentlich in der Abendmahlsliturgie. Dann reichen wir einander die Hand und sagen „Der Friede des Herrn sei mit dir“.

Außerdem kennen wir den Friedenswunsch als „Kanzelsegen“. Das ist schon seit dem 4. Jahrhundert in unseren Gottesdiensten Tradition und soll deutlich machen, dass letzten Endes nur Gottes Friede das Heil bewirkt. Der Prediger oder die Predigerin sagt damit: „Ich habe euch das Evangelium verkündet, aber Gottes Friede ist größer, als ich ihn auszudrücken vermag.“ Und das geht wunderbar mit dem Vers, den wir vorhin in der Epistellesung gehört haben „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Er steht zusammen mit anderen Wünschen und Ermahnungen am Ende des Briefes von Paulus an die Philipper. Dort ist es ein Zuspruch, der die Empfänger stärken und erfrischen sollte.

Die Gemeinde in Philippi war sozusagen die Lieblingsgemeinde von Paulus, denn die Menschen dort hatten seiner Verkündigung geglaubt und lebten seitdem in der Liebe, die Jesus Christus ihnen geschenkt hatte. Sie waren „erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus.“ (Phil.1,11) Paulus war „darin guter Zuversicht, dass der in ihnen angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden.“ So schreibt er es am Anfang des Briefes. (1,6) Für Paulus war das, was in der Gemeinde in Philippi geschah, also Gottes Werk. Wenn er an die Philipper dachte, setzte er deshalb sein Vertrauen ganz auf Gott, der den Anfang und das Ende „des guten Werkes“ in seinen Händen hat.

So sind auch seine Wünsche und Ermahnungen am Ende des Briefes gemeint, und es ist wichtig, dass wir das beachten, denn sonst fühlen wir uns von seinen Worten eventuell erdrückt oder überfordert. Es ist ja nicht wenig, was Paulus hier zu verlangen scheint. Er zählt eine ganze Liste von Eigenschaften auf, die die Philipper sich aneignen sollen: Er wünscht sich, dass „sie achtenswert, gerecht, lauter, wohlgefällig, angesehen, tauglich und lobenswert“ leben. Außerdem sollen sie „sich freuen, sich keine Sorgen machen, beten und danken und den Frieden Gottes im Herzen bewahren“. Kurz gesagt: Sie sollen gute Menschen sein, fromm und gottesfürchtig. Es klingt sogar fast so, als sollten sie heilig leben. Dabei stellt Paulus sich ihnen als Vorbild hin. Er sagt: Lebt so, wie ihr es von mir „gelernt, empfangen, gehört und gesehen“ habt. Das ist noch eine Liste von Wörtern, die hier vorkommt. Und das klingt wie gesagt anstrengend.

Wir hören das ja nicht neutral, sondern beziehen es gleich auf uns, und so ist es auch gemeint. Natürlich werden auch wir damit ermahnt. Doch wie soll das gehen? Ist da nicht alles etwas zu viel verlangt und ist es nicht auch gesetzlich? Es klingt so, als sollten wir plötzlich doch wieder durch gute Werke glänzen. Wo bleiben da die Gnade und die Vergebung? Gott nimmt uns doch auch als Sünder an, wenn wir das alles gerade nicht schaffen! Das hat Paulus immer wieder betont. Auch im Philipperbrief ist davon die Rede, dass Jesus Christus für uns gestorben ist und alle Sünde auf sich nimmt. Paulus lehnt im dritten Kapitel die „Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt“ ab und verkündet die Gerechtigkeit, „die durch den Glauben an Christus kommt“. (3,9) Und er betont, dass er „ihn erkennen möchte und die Kraft seiner Auferstehung.“ (3,10)  Was sollen also diese strengen Ermahnungen am Ende des Briefes? Sie scheinen dazu im Widerspruch zu stehen.

Doch so ist es nicht. Der Glaube an Jesus Christus hat für Paulus auf jeden Fall Vorrang vor allem anderen. Christen sind erlöst und frei vor Gott. Allerdings hat das auch Folgen. Das Leben verändert sich durch den Glauben. Es bleibt nicht alles beim Alten, sondern wird neu. Und wie diese Veränderung und Erneuerung aussieht, beschreibt Paulus am Ende des Briefes. Seine Ermahnungen und Wünsche sind also kein neues Gesetz und auch keine menschliche Leistung.

Nicht umsonst spricht er in unserem Abschnitt von einem „Frieden, der höher ist als alle Vernunft.“ Der wurde den Christen geschenkt, und er kann sich um ihr Herz und ihre Gedanken legen wie eine beschützende und bewahrende Macht. Das ist der Ausgangspunkt. D.h. Paulus verlangt keine Moral. Es ist auch kein Programm, das er den Philippern auftischt. Was er ihnen wünscht, ist vielmehr die Kraft und die Nähe Gottes, die ihnen hilft, ihr altes Wesen abzulegen. Der „Friede Gottes“ liegt jenseits von Philosophie, Politik oder Psychologie, er ist vielmehr durch Jesus Christus Wirklichkeit im Leben der Christen.

Das müssen wir als erstes berücksichtigen, wenn wir diese Ermahnungen hören. Gott ist der Ursprung des Friedens. Daran erinnert Paulus hier, und er möchte, dass wir Gott den Weg bereiten, seinem Frieden sozusagen die Tür öffnen, ihm eine Chance geben. Dazu gehört es, dass wir unser Leben ordnen. So wie wir ein Zimmer aufräumen müssen, wenn wir friedlich darin leben und uns wohlfühlen wollen, so müssen wir auch in unserer Seele und in unserem Geist Klarheit einziehen lassen. Der Friede und das Gute fängt nicht an, wo wir äußerlich alles mögliche Gute tun, sondern in uns. Er geht von innen nach außen, von den Einzelnen zu den Vielen.

Trotzdem ist der Frieden natürlich immer etwas Gemeinschaftliches. Das ist als zweites wichtig. Er ereignet sich, wenn wir mit anderen zusammen sind, und d.h. wir können ihn nur gemeinsam verwirklichen, und zwar, indem wir uns damit gegenseitig sozusagen anstecken. Wir können ihn uns auch zusprechen.

Ich erwähnte ja bereits, dass Franz von Assisi das immer getan hat. Zu der Tradition des „pax et bonum“ gibt es auch eine Geschichte aus seinem Leben, die ich euch gerne einmal erzählen möchte:

„Als sich die ersten jungen Männer um Franziskus scharten und mit ihm sein Leben teilen wollten, da erfuhren sie in ihrer Heimat viel Ablehnung, Spott und Hohn. So kam es, dass sie aufbrachen in eine andere Gegend, wo man sie, da sie fremd waren, freundlich aufnahm. Hier überkamen Franziskus allerdings große Zweifel, ob er die Botschaft des Evangeliums recht verstanden habe, ob er, mit all seinen Begrenzungen und Unzulänglichkeiten Jesu Fußspuren überhaupt nachfolgen könne. In seiner Not betete er. Und in der Nacht, als er schlief, schenkte Gott ihm einen Traum, in dem Gott ihm all das vergab, was Franziskus belastete und zwischen sie beide zu stehen kam. Friede kam zwischen Gott und ihn, und Franziskus wurde beauftragt und ermächtigt, überall wo er hinkam, diesen Frieden und Zuspruch zu verkünden. Eine große Freude erfüllte ihn da. Er erfuhr an sich selbst das unendliche und reiche Erbarmen Gottes. Er war angenommen, trotz seiner Schwachheit, ja sogar zum Mitarbeiter Gottes erwählt, um etwas von dieser Erfahrung den Menschen zu bringen. So versammelte er bereits am nächsten Morgen seine Brüder und sandte sie zu zweit aus, um wie die Jünger Jesu Friede und Gnade den Menschen zuzusprechen. Seine Mitbrüder sollten Gutes über die Schwellen der Häuser tragen, in die sie kamen – ,pax et bonum‘.“ (s.o.)

Und das ist mit Sicherheit geschehen, denn bei dem Zuspruch des Segens überträgt sich etwas von dem Frieden, den wir meinen. Er breitet sich in dem Moment aus, wo wir ihn äußern, geht von einem zum anderen und entfaltet sich.

So hat Paulus das auch gesehen. Er stellt sich selber ja als Vorbild hin, d.h. er möchte, dass die Philipper von ihm lernen, sich etwas bei ihm abgucken. Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas überheblich, so als würde er alles richtig machen. Aber so hat Paulus sich sicher nicht gefühlt. Er will einfach nur deutlich machen, dass es den Frieden Gottes gibt. Auch andere Menschen leben ihn, und darauf gilt es zu achten. Sie verwirklichen etwas von dem, was Gott will. Was wir an ihnen sehen, können wir uns zu Herzen nehmen und selber danach leben. Dann hat der Friede eine Möglichkeit, um sich zu greifen. Das ist der zweite Punkt

Und als drittes müssen wir berücksichtigen, dass der Friede nie vollkommen sein wird. Es ist zwar wichtig, dass wir auf ihn achten, aber er wird immer nur punktuell bleiben, sowohl räumlich wie auch zeitlich. Denn leider wird er immer wieder vertrieben, durch Streit und Eifersucht, Hass und Zorn. Er ist flüchtig und vergänglich. Deshalb braucht er ja auch unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen ihn pflegen und bewahren. Am ehesten können wir das in unserem nächsten Umfeld verwirklichen, in der Familie, im Freundeskries, in der Gemeinde und der Nachbarschaft. Da gibt es ja immer mal wieder Konflikte. Die können wir entschärfen, indem wir nicht aggressiv, sondern freundlich und liebevoll miteinander umgehen, ruhig bleiben, miteinander reden, Fehler zugeben und uns entschuldigen, wenn es nötig ist.

Und um das hinzubekommen, ist es ein besonders gutes Mittel, wenn wir auch unseren Gegnern den Frieden wünschen, denjenigen, die uns kritisieren, uns zu Unrecht verletzen oder enttäuschen. Eigentlich ärgern sie uns ja und machen uns wütend. Am liebsten würden wir ihnen genauso begegnen wie sie uns, mit Kritik und Vorwürfen. Aber das hilft nicht, es macht den Konflikt meistens nur noch schlimmer. Viel besser ist es, wenn wir sie segnen. Wir können damit in Gedanken beginnen, indem wir für sie beten und ihnen im Geist Gutes zusprechen. Dann entschärft sich der Konflikt. Wir werden selber innerlich friedlich, bekommen Abstand und sehen, dass diejenigen, die uns bedrängen und ärgern, einfach nur anders sind als wir. Ihre Lebenssituation unterscheidet sich von der unsrigen, sie haben andere Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt und setzen andere Prioritäten. Wenn wir das einsehen, dann finden wir meistens auch die richtigen Worte, und Frieden wird möglich.

Und das ist von großer Bedeutung, denn dadurch entstehen „Inseln des Friedens“ oder auch „Oasen“, an denen wir neue Kraft schöpfen. Davon kann es nie genug geben, und mit der Hilfe Gottes können wir sie bilden. Die Gemeinde in Philippi war so eine Insel, denn sie war diesbezüglich auf einem guten Weg. Dort leuchtete beispielhaft auf, was Gott will.

Und das kann heutzutage auch bei uns geschehen, die Gemeinde ist dafür ein guter Ort. Dann fällt von Gott her ein Lichtstrahl in die Zeit. Die Kirche setzt Zeichen des Friedens in dieser Welt, und Gerechtigkeit bricht an. Es geschieht dann, wenn Menschen durchlässig werden für den Frieden Christi, und dort, wo sie aufeinander zugehen, sich die Hand reichen und den Frieden weitergeben, der sie erfüllt.

Wir wollen das deshalb jetzt tun. Ich lade euch ein, eurem Nachbarn oder eurer Nachbarin neben oder vor oder hinter euch in der Bank die Hand zu geben mit den Worten „Friede sei mit dir“. Ihr könnt auch aufstehen, in der Kirche umhergehen und diesen Gruß noch anderen Menschen geben.

Amen.

Die Kirche in der Welt

Predigt über Römer 13, 1- 7: Das Verhältnis zur staatlichen Gewalt

23. Sonntag nach Trinitatis, 4.11. 2018, 9.30 und 11 Uhr,
Luther- und Jakobikirche Kiel

Römer 13, 1- 7

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.
2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.
3 Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten.
4 Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.
5 Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen.
6 Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht.
7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Liebe Gemeinde.

Am 31. Mai 1934 wurde auf der Bekenntnissynode in Barmen eine theologische Erklärung verabschiedet. Sie war von drei namhaften Theologen ausgearbeitet worden und wurde die zentrale theologische Äußerung der Bekennenden Kirche unter der nationalsozialistischen Herrschaft. Sie richtete sich gegen die falsche Theologie und das Kirchenregime der sogenannten „Deutschen Christen“. Die hatten damit begonnen, die evangelische Kirche der Diktatur des „Führers“ anzugleichen, und das war schlimm. Deshalb trennt die Barmer Erklärung Staat und Kirche voneinander und macht deutlich, welche Aufgabe der jeweiligen Institution zukommt. In Artikel fünf heißt es: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens […] für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche […] erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.“ (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 810,5)

Bis heute gilt die Barmer Erklärung als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der deutschsprachigen evangelischen Kirche und ist deshalb in unserem Gesangbuch im Wortlaut abgedruckt.

Und das ist auch gut so, denn was hier formuliert ist, deckt sich mit dem Neuen Testament. Dort ist die Unterscheidung zwischen dem Reich Gottes und dem Reich der Welt ebenfalls grundlegend. Sowohl Jesus als auch Paulus sahen darin zwei Wirklichkeiten, die voneinander abgegrenzt sind, und daraus haben sie ihre Schlüsse gezogen. Hinter den Aussagen über die Obrigkeit, die Paulus im Römerbrief formuliert hat, steht diese Weltsicht ebenfalls, und es ist ganz wichtig für das Verständnis dieses Textes, dass wir das berücksichtigen.

Denn beim ersten Hören sind wir ja zunächst empört und regen uns auf. Paulus sagt hier, dass alle Obrigkeit von Gott eingesetzt ist. Deshalb ermahnt er zur Loyalität gegenüber den Staatsorganen. Die Christen sollten sich um Frieden und Liebe gegenüber jedermann bemühen, auch gegenüber den staatlichen Ordnungen und Autortäten. Denen sollten sich die Christen unterordnen, denn sie haben ihre Macht nicht an Gott vorbei, sondern üben sie aus, weil er es angeordnet hat. Wer sich der Staatsmacht widersetzt, lehnt sich also gegen den Willen Gottes auf. Das sagt Paulus hier. Damit will er aus den Christen zu Rom zwar keine kaisertreuen Patrioten machen, aber er mutet ihnen zu, ihren Bürgerpflichten nachzukommen. Besonders wichtig sind ihm die Zoll- und Steuerzahlungen. Sie dienten dazu – wie auch bei uns –, dass der Staat mit Hilfe des eingetriebenen Geldes tat, was allen zu Gute kam. Und daran sollten sich auch die Christen beteiligen. Paulus rät ihnen von Handlungsweisen ab, die als politischer Protest gedeutet werden könnten.

Und das empört uns wie gesagt. Es fällt uns in unseren Tagen nach zwei Weltkriegen und unzähligen blutigen Auseinandersetzungen schwer, diese Gedankengänge des Paulus nachzuvollziehen. Täglich hören wir Meldungen und sehen Bilder von Menschen, die unter Gewalt, Hunger und Vertreibung leiden, weil staatliche Ordnung versagt, der Stärkere sich nimmt, was er will, ohne Strafe zu fürchten. Da wollen diese sieben Verse aus dem Römerbrief nicht einleuchten. Sie scheinen die grausame Realität zu missachten und ihre Opfer zu verspotten. Was sollen wir damit also anfangen?

Sicher würden einige von euch dafür plädieren, sie gar nicht mehr zu lesen, sie zu ignorieren und bei Seite zu schaffen. Aber ist das sinnvoll und steht uns das zu? Können wir einfach so Teile aus der Bibel rausschmeißen, bloß weil sie uns nicht gefallen oder zu schwierig sind? Ich finde das problematisch. Außerdem lohnt es sich fast immer, über das nachzudenken, was uns erst mal nicht passt. Lasst uns das also mit dem Text von Paulus auch tun, und zunächst versuchen, ihn zu verstehen. In einem zweiten Schritt wollen wir dann überlegen, wie wir das auf unser Leben und in unserer Zeit anwenden können.

Was Paulus betrifft, so ist es wie gesagt in seinem ganzen Denken grundlegend, dass er zwischen dem Reich Gottes und dem Reich der Welt unterscheidet. Dabei ist Gott für ihn auf jeden Fall der Mächtigere, der Schöpfer und Ordner, von dem alles kommt und zu dem alles geht. Was dabei die Menschen betrifft, so hat er sie befähigt, ihr Zusammenleben zu organisieren und soziales Chaos zu verhindern.

Wir hören unseren Text leicht so, als seien Gott und die Ordnungen der Welt identisch, als stünde da mathematisch gesehen ein „ist gleich“ (=). Doch das ist nicht so, es steht ein „ist größer“ (>) dort. Gott ist nicht die Obrigkeit, er hat sie vielmehr eingesetzt, d.h. auch sie ist ihm untergeordnet. Alles muss ihm gehorchen, und dadurch relativiert sich auch alles, was in der Welt geschieht, sowohl das Gute als auch das Schlechte. Wer an Gottes Macht glaubt und sich an ihn bindet, für den ist die Welt zweitrangig. Davon waren das Lebensgefühl und das Denken von Paulus bestimmt. Das müssen wir als erstes beachten.

Dazu kam bei Paulus die Überzeugung, dass es mit dieser Welt sowieso bald zu Ende gehen würde. Paulus lebte in der sogenannten Naherwartung, und das hieß für die christlichen Hausgemeinden, dass sie Christus angehörten, dem endzeitlichen Herrn der Welt, und sie gingen als seine Zeugen auf den nahe bevorstehenden Gerichtstag Gottes zu. Es lohnte sich für sie also gar nicht, in dieser Welt noch etwas zu ändern. So sah Paulus das. Sie sollten deshalb die bestehende Regierungsmacht und deren Geldansprüche respektieren und sich ruhig verhalten.

Und schließlich müssen wir berücksichtigen, dass der römische Staat zu den Lebzeiten von Paulus noch funktionierte. Die Christenverfolgungen und Gräueltaten setzten erst später ein. Paulus hat erlebt, dass die weltlichen Ordnungen die Bürger schützten. Es gab für ihn keinen Grund zur Klage. Er sah es vielmehr so, dass Gott mittels der staatlichen Autoritäten zugunsten aller Menschen und auch der Gemeinden das Gute befördert und das Böse in Grenzen hält. Auf die Frage, wie die Christen sich in einem Unrechtsstaat verhalten sollten, geht Paulus hier also gar nicht ein.

Wenn wir das alles beherzigen, verstehen wir den Abschnitt besser und können zur zweiten Frage übergehen, die lautet: Wie wenden wir das nun auf unser Leben an? Um das zu beantworten, möchte ich gerne wieder mit der Vorstellung und der Lehre beginnen, dass es zwei Reiche gibt, das Reich Gottes und das Reich der Welt.

Als Christen gehören wir zum ersten, denn dafür hat Jesus Christus gesorgt. Er hat durch sein Sterben und Auferstehen das Reich Gottes für alle geöffnet, die an ihn glauben. Wenn wir das tun, wissen wir also um mehr als diese Welt. Wir erkennen hinter allem, was geschieht, noch eine andere Macht als nur die menschliche. Wir sind auf Gott bezogen und schöpfen unsere Zuversicht aus seiner Gegenwart. Wir sind bereits erlöst und freuen uns auf die Ewigkeit. Auch im Leiden und Sterben sind wir noch geborgen. Wir können demnach getrost in dieser Welt leben und ihre Ordnungen anerkennen. Wir können uns unauffällig verhalten und dabei hoffnungsfroh und ruhig bleiben.

Das besagt die Zwei-Reiche-Lehre, und es tut gut, sie anzunehmen. Es ist heilsam und befreiend, das Reich Gottes von dem Reich der Welt zu unterscheiden. Wenn alle Menschen das täten, gäbe es auch kein Unrecht mehr. Fast alle Gräueltaten haben darin ihren Ursprung, dass Menschen sich plötzlich zu Göttern erheben, dass sie Gottes Macht nicht mehr anerkennen und sich selber an oberste Stelle setzen.

Genau dagegen wendet sich auch die Erklärung von Barmen. Es heißt in dem Artikel fünf weiter: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“ (EG 810,5)

Die Barmer Theologen kritisierten zum einen die Anmaßungen Hitlers und zum anderen die Verirrung der „Deutschen Christen“. Und Paulus hätte das sicherlich unterschrieben. Auch er war gegen eine Verwechslung von staatlicher Obrigkeit und dem Anspruch des Evangeliums. Aus der Nachfolge Christi folgt weder eine Diktatur noch die Anarchie. Sie befähigt vielmehr, in dieser Welt, die noch „nicht erlöst“ ist, friedlich als Christ zu leben. So ist seine Ermahnung, „der Obrigkeit zu gehorchen“, gemeint.

Doch was sollen nun die Menschen tun, denen die Regierenden Unrecht zufügen? Die staatliche Macht kann ja dämonische Züge annehmen. Gilt das, was Paulus hier sagt, dann weiterhin? Sollen wir wirklich alles erleiden und nie aufbegehren? Diese Frage geht wie gesagt über unseren Text hinaus, aber natürlich müssen wir uns in diesem Zusammenhang damit beschäftigen. Wenn wir Paulus das fragen, würde er sicher zunächst sagen: „Es lohnt sich mehr, wenn du so viel wie möglich erträgst. Du kannst damit Christus ähnlich werden und an seinem Sterben und Auferstehen Anteil bekommen. Ein Christ oder eine Christin ist zum Leiden und Sterben befähigt. Auch durch Unrecht kannst du zu Gott finden. Du kannst sogar gerade im Sterben ihm nahe kommen, es ist wie die Tür zu seinem Reich.“ Paulus hat so gelebt und ist so gestorben. Er war durchdrungen von der Gewissheit, dass er an der Auferstehung teilhat. Und diese Erfahrung können wir alle machen. Unsere Seele und unser Geist sind viel elastischer, als wir denken. Wir können sie sehr weit dehnen und uns damit nach Gott ausstrecken.

Trotzdem ist natürlich irgendwann die Dehngrenze erreicht. Wenn wir ein Gummiband immer weiter auseinanderziehen, reißt es irgendwann. Und so ist auch mit der Seele. Was wir ertragen müssen oder wollen, kann an einem bestimmten Punkt zerstörerisch sein, dann halten wir es nicht mehr aus, und es führt uns auch nicht zu Gott. Wir zerbrechen vielmehr daran. Wann das so ist, lässt sich nicht pauschal festlegen, darüber kann man keine allgemein gültigen Aussagen machen. So wie wir, die wir hier sitzen, körperlich alle unterschiedlich beweglich sind, so ist es auch mit der Seele und dem Geist. Wir halten verschieden viel aus, und jeder und jede muss selber erkennen, wann für sie Schluss ist. Dann gilt nicht mehr der Satz „Es ist notwendig, sich unterzuordnen“, sondern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Das hat Petrus in der Apostelgeschichte gesagt. (Apg. 5,29) Er begründete damit gegenüber dem Hohen Rat, dass er nicht aufhören wird, das Evangelium zu predigen, selbst wenn der Staat es verbietet. Das war seine Entscheidung, und so müssen auch wir letzten Endes selber entscheiden, ob wir etwas ertragen oder verändern wollen.

Im Blickfeld des Neuen Testamentes lag es noch nicht, dass die Christen auf eine humane Staatsform dringen sollen, die den Ansprüchen des Evangeliums entgegenkommt, aber natürlich können wir das heutzutage versuchen. Wir haben ja auch ganz andere Möglichkeiten als z.B. Paulus. Gerade in Deutschland haben wir eine Verfassung und ein Grundgesetz, die die Freiheit der Einzelnen schützen. Wir können mitbestimmen, mitreden und für das Gute kämpfen. Keiner verbietet uns das oder hindert uns daran, und dafür dürfen wir dankbar sein. Wir sind auch eingeladen, für die Regierenden immer wieder zu beten und Gott darum zu bitten, dass sie seinen Willen tun.

Bloß verwechseln sollten wir die beiden nicht. Gott ist nicht der Staat und die Regierung hat nicht dieselbe Macht wie er. Letzten Endes sind wir als Christen an ihn und an seinen Sohn Jesus Christus gebunden, so wie es am Anfang der Barmer Erklärung heißt: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ (EG Nr. 810,1)

Amen.

Gott gibt uns Zukunft und Hoffnung

Predigt über Jeremia 29, 1. 4- 7. 10- 14: Jeremias Brief an die Weggeführten in Babel

21. Sonntag nach Trinitatis, 21.10. 2018, Jakobikirche Kiel

Jerermia 29, 1.4-7.10-14

1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte
4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.
10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.
11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören.
13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Liebe Gemeinde.

Normalerweise möchte sich jeder Mensch gerne irgendwann niederlassen und da bleiben, wo er ist. So geht es auch denjenigen, die hierher nach Deutschland geflohen sind. Sie suchen in unserem Land eine neue Perspektive. Wenn sie noch jung sind, wollen sie gerne eine Ausbildung machen, Geld verdienen und eine eigene Wohnung mieten. Wenn sie bereits eine Familie haben, soll die am liebsten hierher kommen können, denn das gehört dazu, wenn man irgendwo langfristig bleibt.

Und das ist ganz normal. Jeder Mensch braucht ein zu Hause, eine Bleibe, die so eingerichtet ist, dass man sich darin wohl und geborgen fühlt, und aus der man nicht vertrieben wird. Es muss uns auch nicht gesagt werden, dass wir uns so etwas schaffen sollen. Das Bedürfnis ist einfach da und führt uns von selber dazu, uns niederzulassen. Entsprechend zermürbend ist es, wenn man nicht weiß, ob man bleiben darf und monatelang warten muss.

Deshalb ist so ein Brief, wie wir ihn vorhin in der alttestamentlichen Lesung gehört haben, erst einmal verwunderlich, denn darin fordert der Prophet Jeremia seine Landsleute zu etwas auf, das eigentlich selbstverständlich ist: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte“, sagt er. Seine Aufforderung lautet also: Macht euch sesshaft. Das war offensichtlich möglich, aber sie taten das nicht von selber. Sie wollten sich dort, wo sie gerade waren, nicht niederlassen oder fest einrichten. Und das hatte auch einen Grund. Sie wollten da in Wirklichkeit nämlich gar nicht sein und rechneten damit, dass sie bald wieder weggehen würden. Es war für sie nur ein vorübergehender Aufenthaltsort, und deshalb blieben ihre Behausungen provisorisch.

Und dafür gab es Gründe. Sie waren nicht freiwillig dort, noch nicht einmal für eine Flucht hatten sie sich entschieden, sondern sie waren verschleppt worden. Jeremia schrieb den Brief an „den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte.“

Sie kennen die Geschichte sicherlich. Im Jahr 597 vor Christus zog der König Nebukadnezar von Babylon gegen Jerusalem, um es einzunehmen. Er hatte Erfolg, und nahm den jüdischen König Jojachin und alle anderen wichtigen Leute aus seinem Land gefangen. Ein Teil der Bevölkerung wurde also deportiert und lebte danach im Exil in Babylonien. Die Daheimgebliebenen waren Gefangene im eigenen Land. Und um den ganzen die Krone aufzusetzen, wurde die Stadt Jerusalem von Nebukadnezar zerstört. Auch der Tempel fiel seinem Raubzug zum Opfer, und damit war das Ende des Staates Juda besiegelt.

Der Prophet Jeremia hat das alles mit erlebt. Er hatte den König auch mehrfach gewarnt, dass es eintreten würde, aber keiner hatte ihn ernst genommen. Sie hatten ihn sogar ein paar Mal eingesperrt, weil er ihre Ruhe störte. Sie mochten ihn überhaupt nicht, und mit diesem Brief hat er sich sicher auch nicht gerade beliebt gemacht, denn er prophezeite ihnen darin schon wieder eine unerfreuliche Zukunft: Sie werden nicht so schnell wieder aus dem Exil zurückkehren, das sagt er ihnen hier. Die, die jetzt da sind, werden dort auch sterben, denn erst nach 70 Jahren wird für „Babel die Zeit voll sein“, wie er sich ausdrückt. Erst dann wird Gott sein Volk heimsuchen und ihm gnädig sein und es wieder nach Jerusalem zurückbringen.

Und genau das ist der Grund, warum sie sich im Exil einrichten sollten. Sie sollten nicht ständig daran denken, dass morgen vielleicht alles besser wird, sondern sich auf die Situation einstellen, sie akzeptieren und konstruktiv damit umgehen. Sie sollten sich nicht in irgendwelchen unrealistischen Hoffnungen verlieren, sondern ihr Leben dort vor Ort in die Hand nehmen und das Beste draus machen.

Das war für die Juden sehr schwer, denn das Land, aus dem sie vertrieben worden waren, war mehr als einfach nur eine Heimat. Es war ihnen ja von Gott versprochen worden, er hatte es ihnen geschenkt, und deshalb war er ihnen eigentlich auch nur dort wirklich nahe. Das glaubten sie jedenfalls. Sie fühlten sich nicht nur von ihrem zu Hause vertrieben, sondern auch von Gott getrennt und von ihm verlassen. Psychologisch gesehen waren sie traumatisiert und verbittert, und dieses Gefühl, diesen Zustand wurden sie nicht los.

Jeremia verfolgt mit seinem Brief also therapeutische und seelsorgerliche Ziele. Er fordert die Juden zu einem Umdenken und einem anderen Verhalten auf. Dazu gehört auch die Botschaft, dass Gott sie keineswegs vergessen hat. Im Gegenteil, er hat „Gedanken des Friedens und nicht des Leides“ über sie. Er wird sie befreien und zurückführen. Sie haben keinen Grund, an ihm zu zweifeln, sondern sollen ihn jetzt erst recht anrufen, denn er will sie erhören. Sie sollen sogar für die Babylonier beten, denn wenn es denen gut geht, wird es ihnen auch gut gehen.

Der Brief enthält also Anweisungen zu einem konstruktiven Umgang mit dem Leben, er lädt zum Glauben und zur Zuversicht ein. Er wendet sich gegen Ungeduld und Niedergeschlagenheit, gegen Zorn und Verbitterung. Von all dem waren die Juden nämlich befallen. Und wenn sie sich weiter von der widrigen Situation, in der sie gerade steckten, beeindrucken ließen, würden sie darin auch versinken. Davor wollte Jeremia sie bewahren. Sie sollten aus ihrer Verbitterung herausfinden, loslassen und neue Lebenswege und Alternativen suchen. Es würde sich für sie etwas öffnen, wenn sie den Blick auf ihre Situation veränderten. Gott hatte sie nicht aufgegeben, sondern hielt eine Zukunft für sie bereit, und dieser Glaube sollte die Grundlage ihres Lebens sein. An seinen Verheißungen sollten sie sich orientieren, daran, dass er bei ihnen war und sie immer noch liebte. Denn nur dann würden sie das Leben dort in der Fremde bewältigen. Das würde ihnen die Kraft geben, auch im Exil ihr Leben in die Hand zu nehmen und es bewusst zu gestalten.

Und diese Botschaft ist es, die den Brief Jeremias auch für uns interessant macht. Das kommt uns zunächst nicht so vor, denn wir wollen wie gesagt alle gerne hierbleiben. Wir sind in einer ganz anderen Situation, als die Juden damals im Jahr 597 v.Chr. Wir leben nicht im Exil, im Gegenteil, die meisten von uns sind hier in Deutschland geboren, vielleicht sogar in Kiel, und es geht uns auch ganz gut. Und wer hierher geflohen ist, versucht wie gesagt alles, um eine feste Bleibe zu bekommen.

Trotzdem enthält Jeremias Brief auch für uns eine gute Botschaft, denn das psychologische Problem, das die Juden hatten, kann auch uns heimsuchen.

Ich habe darüber kürzlich einen Zeitungsartikel gelesen (in: „Die Volksstimme“, Nachrichten aus der Altmark, Sachsen-Anhalt). Da wird der Psychotherapeut Michael Linden zitiert, der an der Berliner Charité die Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation leitet. Und er hat für eine bestimmte Diagnoseeinen neuen Begriff geprägt, und zwar den der „posttraumatischen Verbitterungsstörung“. 1989 wurde er auf das Problem aufmerksam, denn immer wieder begegnete er Patienten, die sich als „Verlierer der Wende“ betrachteten, weil sie im vereinten Deutschland beruflich nicht Fuß fassen konnten. Sie litten an chronischer Verbitterung, d.h. sie ließen sich nicht versöhnen und hielten an ihrem Zorn fest.

Und das geht vielen Menschen so. Auch auf Grund anderer Erlebnisse kann es dazu kommen, wie z.B. einer Kündigung oder einer Trennung. Enttäuschungen, Kränkungen, Ungerechtigkeiten, Vertrauensbrüche, all das sind Ursachen, die zu hilfloser Verbitterung führen können. Sie nehmen im persönlichen Leben das Ausmaß einer Katastrophe an. Dabei gibt es noch viel schlimmere Ereignisse, wie z.B. der Krieg, vor dem Menschen hierher fliehen müssen, der gewaltsame Verlust eines Angehörigen durch einen Bombenangriff, eine Vergewaltigung, ein Erdbeben usw. Wenn eins von diesen Dingen eintritt, werden die Betroffenen genauso traurig, zornig, ungeduldig und niedergeschlagen wie die Juden im Exil, denen Jeremia schreibt. Sie hoffen vielleicht, dass morgen alles besser wird, aber das bleiben ganz oft nur Vorstellungen und Wünsche. Es kann gut sein, dass sie sich vom Leben zurückziehen, Schafstörungen bekommen und sich zu nichts mehr aufraffen können. Das alles sind Symptome, unter denen Menschen leiden, die etwas Schweres und Einschneidendes erlebt haben, deren Lebenskonzept empfindlich gestört wurde. Sie sind genauso traumatisiert wie die Juden im Exil und brauchen Hilfe.

Und die sind in dem Brief Jeremias vorhanden, denn er enthält sehr schöne Anregungen, die aus der Verbitterung herausführen können.

Zum einen gibt er praktische Ratschläge. Seine Landsleute sollen lernen loszulassen und sich auf das neue Leben einlassen, das sie nun führen. Es gibt eine Alternative zu der Traurigkeit, und die sollen sie nutzen. Es geht darum, kreativ zu werden und Veränderungen zu wagen. In dem Zeitungsartikel, den ich erwähnte, ist davon die Rede, dass die Patienten in der Therapie lernen, den Blick auf das Geschehene zu verändern, und zwar so, dass sie in die Lage versetzt werden, aus der Verbitterung herauszufinden. Am Ende wird der Schriftsteller Mark Twain zitiert, der einmal gesagt hat: „Enttäuschungen sollte man verbrennen, nicht einbalsamieren.“ Und genau das ist der therapeutische Tipp, den Jeremia seinen Landsleuten gibt.

Aber dazu kommt bei ihm noch mehr, und das ist die schöne Verheißung Gottes, die am Ende seines Briefes steht. Gott sagt durch den Propheten zu den Juden: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Und das können wir gerne auch auf uns beziehen. Es ist eine allgemeingültige Botschaft, die besagt, dass es noch mehr gibt, als dieses Leben. Es wird letzten Endes sogar brüchig bleiben, doch das muss uns nicht zornig machen. Wir können vielmehr darauf vertrauen, dass Gott das längst weiß und an uns denkt. Egal, was in unserem Leben geschieht, seine Fürsorge hört nicht auf. Er liebt uns und hat für jeden von uns einen Weg. Das gilt es zu glauben. Dann haben wir auf jeden Fall einen tragfähigen Grund, der völlig unabhängig ist von den äußeren Umständen, in denen wir gerade stecken. Wir können uns immer wieder an Gott wenden, uns sozusagen auf ihn werfen. Dann wird er uns auch tragen und festhalten. Jeremia drückt das aus, indem er sagt: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.“ Und das können wir ruhig glauben. Wir verlassen uns damit auf eine Wirklichkeit, die haltbarer ist, als alles andere. Es ist die Liebe Gottes, die niemals aufhört.

Lassen Sie uns also darauf vertrauen, denn das gibt unserem Leben eine ganz andere Qualität. Es schützt uns vor Ungeduld und Niedergeschlagenheit, vor Verbitterung und Zorn. Wir „überwinden dadurch das Böse mit Gutem“, wie es in unserem Wochenspruch heißt. (Römer 12,21) Und das gibt uns dann auch die Kraft und den Mut, unser Leben immer wieder anzunehmen und zu gestalten, es zum Positiven zu wenden und neu zu beginnen, wenn einmal etwas zusammengebrochen ist.

Zum Glück geht es vielen Menschen, die zu uns geflohen sind, genauso. Sie haben es geschafft, sich in unserem Land eine neue Existenz aufzubauen, haben die Sprache gelernt und eine Arbeit gefunden. Sie sind gut integriert. Das ist kein leichter Weg, denn es gibt viele Hindernisse. Geduld und Durchhaltevermögen gehören dazu. Und das gelingt auch unter den Geflüchteten am ehesten denjenigen, die einen starken Glauben haben. Denn sie haben einen inneren Halt, der ihnen die Kraft gibt, das Alte loszulassen und hier neu anzufangen.

Solche Beispiele können uns allen Mut machen, „Gottes Gedanken über uns“ immer wieder zuzulassen. Sie sind oft anders als unsere eigenen, denn es sind auf jeden Fall „Gedanken des Friedens und nicht des Leides.“ Wer mit Gott lebt, muss nicht verbittern, sondern kann erfahren, dass es „eine Zukunft und eine Hoffnung“ gibt, die niemals aufhören.

Amen.

Gott sorgt für uns

Predigt über 1. Mose 28, 10- 15: Jakob schaut die Himmelsleiter

15. Sonntag nach Trinitatis, 9.9.2018, Lutherkirche Kiel

1. Mose 28, 10- 15

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran
11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.
12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.
13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.
14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Liebe Gemeinde.

Während wir schlafen, träumen wir alle, und zwar in jeder Phase. Wie stark wir uns daran erinnern, ist allerdings sehr unterschiedlich. Und wenn das geschieht, sind uns meistens nur die Bilder vor Augen, die kurz vor dem Aufwachen unseren Traum begleitet haben. Sie sind dann noch sehr lebhaft und oft mit intensiven Gefühlen verbunden. In der Wachrealität sind die Geschehnisse größtenteils eher unwahrscheinlich oder sogar unmöglich. Nur manchmal entsprechen sie auch realen Dingen.

Allerdings haben sie immer etwas mit dem zu tun, was wir wirklich erlebt haben. Das Unbewusste ist beim Träumen aktiv, und wir verarbeiten vieles. Deshalb lohnt es sich auch, Träume zu deuten. In der Psychotherapie geht man davon aus, dass jeder Traum eine Botschaft an uns erhält. Wenn wir sie entschlüsseln, können unsere Träume uns also helfen, uns selber besser zu verstehen und Probleme zu lösen.

Insofern sind Träume immer eine Mischung aus Realem und Irrealem. Anders herum ist es ja auch so, dass wir beim Träumen manchmal wirklich sprechen, weinen oder schreien, oder sogar aufstehen und herum wandeln.

In der Bibel gibt es viele Geschichten über Träume, und dort haben sie immer ganz viel mit der Realität zu tun und sind von großer Bedeutung. Meistens spricht Gott im Traum zu den Betroffenen und gibt ihnen einen Auftrag, eine Warnung, eine Verheißung oder ähnliches. So ist es auch in der Geschichte über den Traum Jakobs von der Himmelsleiter.

Ich vermute, dass ihr die alle kennt, denn es ist eine schöne Geschichte, die in jeder Kinderbibel steht und die wir gerne weitererzählen. Sie ist hell und positiv. Schon das Bild von einer Leiter, die in den Himmel führt und auf der die Engel Gottes auf- und absteigen, vermittelt Hoffnung und Freude. Und dazu bekommt Jakob am Ende noch eine grandiose Verheißung von Gott, die wir gerne auch auf uns beziehen können.

Es ist eine sehr aussichtsreiche Geschichte, und dieser Charakter wird noch stärker, wenn man zusätzlich die Begleitumstände berücksichtigt, in denen das hier geschieht: Jakob hatte nämlich seine Heimat verlassen, er war also auf der Wanderschaft, und das war nicht freiwillig geschehen: Er war auf der Flucht und wurde sozusagen als Verbrecher gesucht. Denn er hatte sich gerade das gesamte Erbe seines Vaters erschlichen und dabei seinen Bruder Esau betrogen. Und Esau war so wütend darüber, dass er seinen Bruder sogar umbringen wollte. Deshalb musste Jakob fliehen. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, um sein Leben zu retten. Gerechterweise hätte Gott ihn für den Betrug auch bestrafen müssen. Ein Todesurteil stand darauf zwar nicht, aber in Ordnung war das Verhalten von Jakob auf keinen Fall gewesen.

Doch erstaunlicher Weise kommt die Strafe nicht. Gott ist nicht zornig und zieht Jakob nicht zur Rechenschaft. Im Gegenteil, er schenkt ihm gleich am Anfang seiner Reise diesen schönen Traum von der Himmelsleiter. Er verbündet sich also mit Jakob und verspricht ihm, dass alles gut wird. Gott wird mit ihm bleiben und ihn behüten, er wird ihn niemals verlassen, und er wird ihm sogar Segen und Reichtum schenken bis weit in die nachfolgenden Generationen. Eine bessere Verheißung kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Gott verspricht ihm alles, was er sich nur wünschen kann, ohne dass er das auch nur im Geringsten verdient hätte.

Dies geschah im Traum, aber es war beim Aufwachen für Jakob Realität. Er hatte Gott wirklich erlebt und gehört, und die Erinnerung daran war mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Ergebenheit verbunden. Er war erfüllt von Gewissheit und Vertrauen. Er wusste sich von der Stunde an wirklich bei Gott geborgen und gewann dadurch Trost und Mut.

Das ist die Geschichte, die wir wie gesagt wahrscheinlich alle kennen und mögen. Trotzdem müssen wir uns fragen, wie real diese Verheißung denn nun eigentlich ist. Wenn uns heute jemand erzählen würde: „Ich habe letzte Nacht im Traum eine Leiter gesehen, die bis in den Himmel reicht, und Gott hat mir eine ganz tolle Verheißung geschenkt.“, dann würden wir glaube ich eher auf Abstand gehen und diesen Menschen für etwas überspannt halten. Wir nehmen unsere Träume zwar ernst, aber nicht so. Sie geben uns wie gesagt Aufschluss über uns selbst und über das Unbewusste, aber eine reale Gottesbegegnung leiten wir daraus eher nicht ab. Die Frage ist also, was ist in dieser Geschichte Realität, und was ist nur ein Traum?

Und darauf können wir auch eine Antwort bekommen, und zwar indem wir so etwas wie einen Realitätscheck machen. Wir können ja mal testen, ob an den Bildern des Traumes und an der Verheißung etwas dran ist, und ob sie auch uns tragen kann, und zwar indem wir einfach darauf vertrauen und sie einmal für wahr halten.

Normaler Weise sind wir ja auf die sinnlich wahrnehmbare Welt fixiert: Was wir sehen und hören, anfassen, riechen und schmecken, das existiert für uns und füllt über weite Strecken unseren Alltag. Es prägt unsere Gedanken und Gefühle, und bildet für uns die Wirklichkeit. Auch der Verstand spielt eine Rolle, wenn es um Realität geht. Wahr und wirklich ist, was wir verstehen.

Und darauf gründen wir deshalb auch unser Leben. Irdische Dinge sind der Inhalt unserer Hoffnungen und Pläne. Wissen und Bildung verschaffen uns Sicherheit und Selbstvertrauen, andere Menschen machen uns Mut und geben uns Halt.

Die Frage, die wir uns in diesem Zusammenhang stellen müssen, ist allerdings, ob das alles ausreicht. So sicher und entspannend sind die „irdischen Güter“ doch gar nicht. In der Bergpredigt spricht Jesus davon, dass die „Motten und der Rost unsere Schätze zerfressen“ (Mt.6,19) , d.h. sie sind vergänglich. Außerdem geht es mit viel Sorge einher, die weltlichen Dinge auch zu erhalten. Wir machen uns viel vergebliche Unruhe damit. Und wenn sie uns genommen werden, fallen wir in ein Loch. Unerwartete Armut oder Krankheit, das Zerplatzen von Wünschen, der Verlust eines Menschen und ähnliche schwerwiegende Ereignisse verdunkeln das Leben. Sie führen uns in Einsamkeit und Angst, Hilflosigkeit und Trauer.

Es ist deshalb gut, wenn wir die Tragfähigkeit und auch den Realitätsgehalt all dieser Dinge von vorne herein kritisch sehen. Es ist ratsam, nach noch mehr zu fragen. Vielleicht besteht die Wirklichkeit ja gar nicht nur aus der Welt und unserem Verstand, und wir können noch viel mehr erleben als das, was wir sehen, fühlen oder denken. Unsere Geschichte lädt uns ein, das einmal auszuprobieren. Darin besteht der Realitätstest.

Er beginnt damit, dass wir uns Zeit nehmen und uns auf die Symbole, die hier vorkommen, einmal einlassen, sie ernst nehmen und betrachten. Religiöse Symbole entspringen alten Mythen, d.h. es sind Bilder, die wir alle im Unterbewusstsein mit uns herumtragen. Sie bringen unsere tiefsten Sehnsüchte zum Ausdruck, und als solche sind sie dann auch real. Es lohnt sich also, in diese Geschichte sozusagen einzusteigen und uns einmal an die Stelle Jakobs zu legen. Dann ergeben sich einige Dinge, die sehr viel Realitätsgehalt haben und dem Test standhalten. Er fällt dann positiv aus.

Zunächst ist da das Bild von der Himmelsleiter, auf der die Boten Gottes hinauf und hinabsteigen. Es macht deutlich, dass es eine Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde gibt. Die Leiter ist der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren. Die Engel sind dabei die Wesen, durch die Gott in diese Welt hineinkommt. Sie überwachen die Erde, gehen zu einzelnen Menschen und sagen ihnen, was Gott will.

Dieses Bild können wir ruhig genießen, dann wird es hell in unserem Bewusstsein. Das Dunkel lichtet sich, Sorgen werden kleiner, wir fühlen uns nicht mehr allein. Dabei dürfen wir auch die Worte, die Gott hier spricht, auf uns beziehen. Es ist eine ganz persönliche Botschaft. Er sagt: „Ich werde mit dir sein, dich allenthalben behüten, wohin du reist, und dich endlich in dieses Land zurückführen. Denn ich werde dich nicht verlassen, bis ich getan was ich dir zugesagt habe.“ Das verspricht Gott auch uns. Wenn wir darauf hören und es ernst nehmen, merken wir, dass das nicht nur ein Traum ist, sondern Wirklichkeit. Es wirkt sich aus, wir bekommen Gewissheit und Kraft, wir werden ruhig und getröstet. Das ist ein Ergebnis unseres Testes.

Doch das ist noch nicht alles. Es ist außerdem von Bedeutung, dass Gott Jakob beim Schlafen trifft. Jakob war passiv, er hat selber nichts dazu getan, dass es zu dieser Begegnung kam. Er wurde einfach von Gott aufgesucht und beschenkt. Er durfte sein, wer er war, mit allen Schwächen und Fehlern. Gott hat ihn trotzdem erwählt. Und das heißt für uns, dass auch wir so, wie wir sind, von Gott alles erwarten dürfen. Wir müssen nichts leisten, nicht vorher schon gut sein. Uns wird vergeben, was wir eventuell falsch gemacht haben, weil Gott von sich aus ein Interesse an uns hat. Wenn wir uns das vorstellen, fühlen wir uns frei und erlöst. Wir können uns entspannen, es entstehen Heiterkeit und Freude. Und auch das sind reale Vorgänge, an denen wir merken, dass Gott wirklich da ist.

Die Kindertaufe ist dafür ein sehr schönes Zeichen. Da öffnet sich der Himmel über einem Menschen, ohne dass der etwas dazu tut, und Gott begleitet ihn fortan.

Und daraus ergibt sich als letztes, dass von unserer Seite allein der Glaube dazu gehört, damit das alles geschieht. Wenn die Verheißung Gottes wirken soll, müssen wir nur darauf vertrauen, d.h. seine Liebe in Anspruch nehmen. Dann kann sie sich in unserem Leben entfalten. Es ist also wichtig, dass wir immer wieder bewusst die Wirklichkeit Gottes zulassen, das Sorgen sein lassen und die irdischen Güter relativieren. Dann erweist Gott sich als derjenige, der uns wirklich beschützt und segnet.

Es ist kein Traum, sondern Wirklichkeit. Sie übersteigt zwar unseren Verstand, aber das ist auch gut so. Wir werden hineingenommen in einen Wirkbereich, der größer und heller und schöner ist als die Welt.

Wir dürfen auch gerne das Zeugnis unzähliger anderer Menschen in Anspruch nehmen, die das ebenfalls erfahren haben. Nicht nur Jakob hat die Stimme Gottes gehört und wurde gesegnet, alle Gläubigen vor uns und in unserer Zeit können das erleben. Ihr Bekenntnis kann uns anstecken und uns inspirieren, es ihnen im Glauben gleichzutun.

Lasst uns deshalb vier Strophen aus dem schönen Lied von Georg Neumark, einem Kieler Kaufmann aus dem 17. Jahrhundert singen: „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“ (EG 369)

Amen.

Dankt dem Herrn!

Predigt über 1. Thessalonicher 1, 2- 10: Der vorbildliche Glaube der Gemeinde

14. Sonntag nach Trinitatis, 2.9.2018, 9.30 und 11 Uhr,
Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Thessalonicher 1, 2- 10

2 Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserm Gebet
3 und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus.
4 Liebe Brüder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid;
5 denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Gewissheit. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen.
6 Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist,
7 sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja.
8 Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen.
9 Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott
10 und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet.

Liebe Gemeinde.

„Nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht.“ So lautet ein wichtiger Leitsatz vieler Journalisten. Wir hören und lesen in den Medien fast nur etwas über Krisen, Kriege und Katastrophen, weil wir das angeblich am liebsten wollen. Es ist am spannendsten und stillt die Sensationslust. Aber ist das eigentlich ein sinnvolles Prinzip? Die schlimmen Ereignisse sind doch nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Das Große und Ganze besteht aus noch viel mehr. Denn neben allem, das zu Recht beunruhigt und besorgt, gibt es ebenso Gelungenes und Ermutigendes in der Welt: Entwicklungen zum Besseren, Fortschritte in vielen Bereichen, Menschen, die nicht resignieren vor Problemen, Menschen, die Ideen haben, die wiederum andere Menschen inspirieren können usw.

Neben einigen anderen Medien hat sich das auch der Radiosender „NDR Info“ zu Herzen genommen und berichtet deshalb regelmäßig unter dem Stichwort „Perspektiven“ über Lösungen von Problemen, gelungene Projekte, und die Frage, wie eine bessere Zukunft aussieht. Das Vorhaben nennt sich „konstruktiver Journalismus“. Er stärkt das Verständnis für die Probleme und macht optimistisch und handlungsfähig.

Das klingt neu, ist es aber gar nicht. Paulus hat das in seinen Briefen auch schon beherzigt. In dem Abschnitt, der heute unser Predigttext ist, erwähnt er jedenfalls eine gelungene Aktion: Die Missionierung der Thessalonicher war ausgesprochen erfolgreich gewesen, und das erzählt er hier noch einmal voller Dankbarkeit.

Hinter seinen Aussagen stehen bestimmte Ereignisse, über die Paulus sich gefreut hat: Er und seine Begleiter waren in die Hafen- und Handelsstadt Thessalonich gekommen und hatten dort das Evangelium verkündigt. Dabei hatten sie vor allem von Heiden Zulauf erhalten, also Nicht-Juden, die aber bereits im Umfeld des jüdischen Glaubens standen. In wenigen Monaten war daraus eine lebendige Gemeinde gewachsen. Und das war für die erste Christenheit so wichtig geworden, dass man überall mit Staunen von diesen Vorgängen in Thessalonich sprach.

Paulus erkannte darin hauptsächlich Gottes Werk. Er hatte den menschlichen Worten „Kraft, Geist und Gewissheit“ verliehen. Hier war etwas geschehen, was allein als Ergebnis intensiver menschlicher Bemühung nicht zu erklären war. Deshalb ist der Dank von Paulus auch nicht allein an die Gemeinde gerichtet. Es ist gleichzeitig so etwas wie eine positive Rückmeldung an Gott.

Paulus benennt dabei noch einmal, was er gemeinsam mit den Thessalonichern erlebt hat, und er stellt den Weg zum christlichen Glauben bewusst als klare Bekehrung dar. Darin schwingt seine eigene Biografie mit, eine Erinnerung an die Lebenswende vor Damaskus. Menschen, die so etwas erlebt haben, sagen sich und anderen gern, wovon sie sich abkehrten, um sich zugleich des Neuen zu versichern.

Paulus formuliert dieses Neue hier auch, und zwar mit Sätzen aus dem gemeinsamen Glaubensbekenntnis. Er erwähnt sie am Ende des Abschnittes, wo er sagt: Ihr dient dem „lebendigen und wahren Gott und wartet auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet.“

Am Anfang beschreibt er sehr schön die neue Lebensweise der Thessalonicher, die sich daraus ergeben hat. Sie besteht aus dem „Werk im Glauben, ihrer Arbeit in der Liebe und ihrer Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus.“ Paulus findet in der Gemeinde in Thessalonich also Glaube, Liebe und Hoffnung, und er charakterisiert diese Tugenden noch: Der Glaube der Thessalonicher ist aktiv, von ihm gehen Wirkungen auf die Umwelt aus. Mit der Liebe ist es ähnlich. Sie ist eine Hingabe, die sich aufopfert und um den anderen bemüht. Und für die Hoffnung ist bei den Thessalonichern entscheidend, dass sie sich bewährt. Sie bleiben geduldig, auch wenn das Erhoffte nicht sofort Wirklichkeit wird.

Das ist der positive Bericht des Paulus, und der ist sehr schön. Darüber freuten sich die Thessalonicher bestimmt. Es hat sie ermutigt und gestärkt, vergewissert und aufgebaut. Es war eine durch und durch konstruktive Berichterstattung und Rückmeldung.

Und so etwas tut auch uns gut. Wir sollten uns immer mal wieder bewusst machen, was uns gelingt, was schön ist und gut läuft, im gesellschaftlichen Umfeld, im persönlichen Leben und ebenso in der Kirche und in der Gemeinde. Leider hat uns der Zeitgeist nämlich angesteckt, und wir beachten am liebsten das, was negativ ist. Im kirchlichen Leben sind das rückläufige Zahlen der Mitglieder und Gottesdienstbesucherinnen, abnehmendes ehrenamtliches Engagement, Konflikte unter Mitarbeitenden oder in Gremien, Geldknappheit, die Konkurrenz von allen Seiten usw.

Natürlich suchen wir dabei nach Lösungen, aber finden wir die auch? Machen uns all diese Entwicklungen nicht eher sprach- und ratlos? Es breitet sich doch oft Verzagtheit oder Müdigkeit aus. Wir haben schon so viel versucht! Wie sehr sollen wir uns denn noch anstrengen? Das ist die Frage, die wir uns häufig stellen, und auf die gibt uns Paulus hier eine ganz schöne Antwort. Er sagt uns nämlich:

Anstatt immer nur über das Negative nachzudenken und uns noch mehr abzumühen, könnten wir auch mal dankbar sein für das, was uns gelingt. Wir machen uns das viel zu selten bewusst. Dabei ist die Liste der schönen Ereignisse in unserem Leben, in der Kirche und in der Gemeinde gar nicht so kurz. Es gibt viele wunderbare Begegnungen, die uns bereichern und inspirieren, gute Gedanken und Erfahrungen, die verkündigt werden, lebendigen Glauben, Erbauung und Lobpreis. Anstatt immer nur auf die scheinbar geringe Anzahl der Menschen zu blicken, die sich daran beteiligen, können wir ruhig einmal diese Vorgänge beachten. Das alles findet ja statt und trägt zu unserer Freude bei. Und es sind auch nicht nur menschliche Begebenheiten, sondern hinter all dem dürfen wir gerne den Beistand und die Liebe Gottes sehen. Er ist da und hilft uns. Es ist sein Werk, wenn Menschen von ihm angerührt werden, an ihn glauben, auf ihn hoffen und ihn lieben.

Und für das Gute, das außerhalb der Kirche geschieht, können wir ihm ebenfalls danken. Wer weiß, ob wir den Frieden in weiten Teilen der Welt, Wohlstand und Stabilität nicht ihm zu verdanken haben? Genauso dürfen wir hinter unserer Gesundheit und Zufriedenheit in unserem persönlichen Leben sein Wirken sehen und ihm gerne immer mal wieder dafür danken.

Denn dann geht es uns gut. Mit dem Dank konzentrieren wir uns auf Gott, den „Geber aller guten Gaben“ und verbinden uns mit ihm. Wir spüren seine Nähe, erkennen seine Liebe, und der Glaube wächst. Unser Vertrauen wird durch die Dankbarkeit gestärkt, Hoffnung und Geduld entstehen, und auch die Liebe nimmt zu. Das Danken ist also eine gute Übung für unsere Frömmigkeit.

Es hilft uns auch, wenn die Dinge einmal schlecht laufen. Natürlich sollen wir davor nicht die Augen verschließen. Es gibt durchaus viele Gefahren. Zu unserer Realität gehören das Gute und das Schwere, das Leid und die Freude, und selbstverständlich müssen wir achtsam bleiben. Es geht nicht darum, dass wir die Probleme ausklammern. Wir brauchen Lösungen und Perspektiven. Doch die gewinnen wir eben nicht, wenn wir nur über die Schwierigkeiten nachdenken. Wir brauchen obendrein die Kraft, das Leid zu tragen, und unter den Widerständen nicht zu verzagen.

Auch Paulus kannte Angst und Not. Er wurde oft geschmäht und verspottet und hatte viele Feinde. Aber er wusste in alledem, dass Gott ihn nicht verlässt oder verstößt und am Ende seine Widersacher besiegt. Gott hat ihn mit seiner Gnade immer wieder gefunden und ihm ebenso vieles gelingen lassen, wie z.B. bei den Thessalonichern. Diese Hilfe Gottes hat Paulus erlebt und angenommen, und dadurch blieb er zuversichtlich und unerschrocken. Er konnte umso glaubhafter den Trost des Evangeliums verkündigen. Und so kann es uns auch ergehen. Wenn wir Gott danken, kommt er in unser Bewusstsein, wir spüren seine Gegenwart, und sein Geist kann neu in uns und unter uns wirken.

Außerdem geben wir dabei das Gute, das wir empfangen haben, wieder ab. Wir lassen es los, klammern uns nicht daran und sind nicht mehr darauf fixiert. Der Dank ist also auch ein gutes Mittel gegen die Gier nach immer mehr. Wir hören auf, permanent etwas zu wollen und zu ersterben. Die Anstrengung, die das mit sich führt, fällt von uns ab. Wir werden frei und gelassen, sind offen für neue Gaben und können „das Wort Gottes ein weiteres Mal aufnehmen“ – wie die Thessalonicher.

Der Dank trägt also zum gesamten Wohlbefinden und zum Gelingen des Lebens bei. Deshalb ist es gut, diese Rückkopplung in der Beziehung zu Gott immer wieder bewusst zu praktizieren. Wenn wir es tun, wird auch unser Glaube an Gott bekannt“ und wir werden zu „Vorbildern für alle Gläubigen“. Er ist deshalb auch das beste Mittel, um unsre Gemeinden und die Kirche am Leben zu halten. Wir geben Gott dadurch die Möglichkeit, sie zu erneuern und immer wieder aufzubauen.

Als Kind habe ich das in Hermannsburg, einem kleinen Ort in der Lüneburger Heide, erlebt. Da gibt es seit ca. 170 Jahren ein Missionswerk und genauso lange ein jährliches Missionsfest, bis heute. Früher war dabei der ganze Park des Missionsseminars voll von Menschen aus der näheren und auch weiteren Umgebung. Es wurde eine große Kanzel aus einem Holzgestell aufgebaut, das mit Tannenzweigen verkleidet war, dazu hunderte von Bänken und Stühlen. Die Kirchenfahne war gehisst, Posaunenchöre spielten gemeinsam, Gruppen, Redner und Rednerinnen aus Deutschland und den Jungen Kirchen in Übersee waren zu Gast und erzählten aus ihrem Leben und den Früchten der Mission. Mein Vater arbeitete am Missionsseminar, und so war es selbstverständlich, dass wir als Kinder an diesem Fest teilnahmen. Und obwohl uns die Reden eher langweilten, haben wir uns immer darauf gefreut. Die Stimmung war einfach wunderbar, es war ein riesiges Happening, das wir nicht verpassen wollten.

Bis heute verbinde ich mit diesen Erinnerungen das Lied „Lob Gott getrost mit Singen“. (EG 243) Das war parktisch die Missionshymne. Es stammt aus dem Jahr 1544 und gehört zu den Liedern der Böhmischen Brüder, einer Gemeinschaftsbewegung, die auf Johannes Hus zurückgeht. Es ist ein wunderbar positiver Choral, mit dem wir uns immer noch dafür bedanken können, dass das Wirken Gottes keine Grenzen kennt. Es ruft uns zum „Frohlocken“ auf und stärkt den Glauben ans Gelingen. Auch in „Leid“ und „Widerwärtigkeiten“ gibt es keinen Grund zum Verzagen, denn Gott ist bei uns. Die Kirche ist nicht unser Werk, er hat sie vielmehr „auserkoren“, und sie wurde „durch sein Wort auferbaut.“ Es ist deshalb angemessen und geboten, „Gott fröhlich zu loben“ und zu feiern.

Auch in unserer Gemeinde haben wir das ja in diesem Jahr noch vor. Wir können uns jetzt schon auf den 11. November freuen, an dem wir „mit allem drum und dran“ den Wiederaufbau der Lutherkirche vor 60 Jahren feiern wollen. Das wird uns bestimmt guttun, so wie jedes Mal, wenn wir hier Feste veranstaltet haben. Es stärkt unsere Gemeinschaft, wir erinnern uns an das Gute und Positive, das vor 60 Jahren und bis heute geschehen ist, und geben Gott damit die Ehre. Wir bekennen und stärken unseren Glauben, dass „Gott uns auch erhalten wird in Lieb und Einigkeit und unser freundlich walten hier und in Ewigkeit.“

Amen.

Die große Krankenheilung

Predigt über Apostelgeschichte 3,1-10: Die Heilung des Gelähmten

12. Sonntag nach Trinitatis, 19.8.2018, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Apostelgeschichte 3, 1- 10

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.
2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.
3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.
4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!
5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.
6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!
7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,
8 er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.
10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

Liebe Gemeinde.

Vor Kurzem war in der Zeitung ein Bericht über junge Leute, die sich bei Instagram bewusst so zeigen, wie sie sind, auch wenn sie nicht dem gängigen Schönheitsideal oder der Norm entsprechen. Sie stehen zu sich selbst, zu einem angeblichen Makel oder auch einer Behinderung, die sie möglicherweise haben.

So wurde unter anderem eine Rollstuhlfahrerin vorgestellt, die sich selbstbewusst der Öffentlichkeit präsentiert und ihre Gedanken allen mitteilt, die sich dafür interessieren. Ein Bild wurde besonders erwähnt. Es zeigt sie in einer Kirche, und darunter hat sie geschrieben: „Laufen kann ich immer noch nicht. Danke Jesus, für nichts.“ Das klingt mutig, aber auch bitter und fast böse. Auf jeden Fall provoziert es alle, die gerne in die Kirche gehen, an Jesus glauben und ihm dankbar sind.

Dazu gehören wir auch. Wir kommen hierher, feiern unsere Gottesdienste und freuen uns des Lebens. Aber tun wir das eventuell nur, solange wir gesund und munter sind und kein schweres Schicksal zu tragen haben? Vielleicht hat Jesus in Wirklichkeit gar keine Macht. Möglicherweise hören der Glaube und das Danken auf, wenn es uns schlecht geht. Machen wir uns unter Umständen alle etwas vor?

Das müssen wir uns fragen, und zwar nicht nur, wenn wir Äußerungen lesen, die uns dazu provozieren. Auch über das, was im Neuen Testament steht, müssen wir nachdenken, denn es entspricht in weiten Teilen tatsächlich nicht unserer Wirklichkeit. Was sollen z.B. all die Wundergeschichten, in denen Menschen geheilt und gerettet werden? Sollten wir die nicht lieber zu den Akten legen? Es ist nachvollziehbar, dass sich Menschen mit einer Behinderung davon verhöhnt fühlen.

Auch die Erzählung, die wir eben gehört haben, wirft diese Fragen auf. Sie ist sogar fast noch schlimmer als die Berichte über Jesu Heilungstätigkeit, weil er gar nicht selber darin handelt, sondern zwei seiner Jünger. Sie steht in der Apostelgeschichte, und zwar ganz am Anfang. Es ist das erste Wunder, das nach seiner Himmelfahrt in seinem Namen geschah, und schließt an die Pfingstgeschichte an. Die Apostel hatten gerade den Heiligen Geist empfangen, und Petrus hatte seine erste Predigt gehalten. Er hatte verkündet, dass „Jesus, der ans Kreuz geschlagen und umgebracht worden war, von Gott auferweckt wurde. Er konnte nicht vom Tode festgehalten werden.“ (Apg.2,23f) Vielen, die ihm zuhörten, war das „durchs Herz gegangen“ (Apg.2,37). Sie ließen sich taufen, und es entstand die erste Gemeinde. Die Predigt von Petrus war also vollmächtig und sehr wirksam gewesen.

Mit der anschließenden Wunderheilung wird dem nun ein Zeichen hinzugefügt: Ein Mann, der von Geburt an gelähmt war, wird geheilt, und daran wird deutlich, dass das Wirken Jesu weitergeht.

Die Geschichte beginnt mit einer genauen Orts- und Zeitangabe: Im Tempelbezirk zur Zeit des Abendgebetes sahen Petrus und Johannes den gelähmten Mann, der dort täglich saß und um Almosen bettelte. Er sprach auch die beiden Apostel an. Doch von ihnen bekam er nun etwas ganz anderes, als er es gewohnt war, kein „Silber und Gold“, sondern etwas viel wunderbareres: Durch den Befehl des Petrus „im Namen Jesu“ konnte er plötzlich aufstehen. „Seine Füße und Knöchel wurden fest. Er ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.“ Das war das Wunder und es geschah ausdrücklich durch das Wirken Jesu. Das betonte Petrus in der anschließenden Auseinandersetzung mit den Umstehenden. Jesus lebt und er hat immer noch die Macht, Kranke zu heilen. Das ist hier die Botschaft.

Und auf die sollten wir uns ruhig einmal einlassen, auch wenn es nicht unseren Erfahrungen entspricht, dass Gelähmte durch den Glauben wieder laufen können. Drei Gedankengänge können uns dabei helfen.

Zunächst einmal gibt es in der Geschichte einige Details, über die es sich lohnt, nachzudenken. Das erste davon ist, dass ausführlich erzählt wird, wie Petrus und Johannes Kontakt zu dem Gelähmten aufnahmen: „Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!“ Petrus bestand also auf Blickkontakt und damit auf einer persönlichen Begegnung. Er sah den Mann, und der sollte auch ihn anschauen. Die nächste interessante Einzelheit ist das Reichen der Hand: „Er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf.“ Auch eine Berührung gehörte also dazu. Bei ihr übertrug sich die Kraft Jesu, von der Petrus erfüllt war. Und als letztes fällt auf, dass der Geheilte nicht nur aufstand und dann verschwand, sondern mit Petrus und Johannes in den Tempel ging und dort seiner neuen Lebensfreude Ausdruck gab. Er „sprang umher und lobte und dankte Gott.“

Und das sind Einzelheiten, die wir beherzigen sollten. Auch wenn wir niemanden, der im Rollstuhl sitzt, durch die Kraft Jesu heilen können, so ist es wichtig, dass wir diese – und überhaupt andere – Menschen anschauen, Kontakt aufnehmen, keine Berührungsängste haben und unsre Lebensfreude mit ihnen teilen.

Zum Glück sind wir in unserer Gesellschaft diesbezüglich auch auf einem guten Weg. Der soziologische Begriff dafür ist „Inklusion“. Er wird im Internet folgenderweise definiert: „Inklusion ist das Konzept einer Gesellschaft, in der jeder Mensch akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt an dieser teilhaben kann – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung, von eventuellen Behinderungen oder sonstigen individuellen Merkmalen. In der inklusiven Gesellschaft gibt es keine definierte Normalität, die jedes Mitglied dieser Gesellschaft anzustreben oder zu erfüllen hat. Normal ist allein die Tatsache, dass Unterschiede vorhanden sind. Diese Unterschiede werden als Bereicherung aufgefasst und haben keine Auswirkungen auf das selbstverständliche Recht der Individuen auf Teilhabe. Aufgabe der Gesellschaft ist es, in allen Lebensbereichen Strukturen zu schaffen, die es den Mitgliedern dieser Gesellschaft ermöglichen, sich barrierefrei darin zu bewegen.“ (http://www.inklusion-schule.info/inklusion/definition-inklusion.html)

In biblischen Zeiten gab es das noch nicht. Da wurden z.B. kranke oder behinderte Menschen ausgegrenzt, ihnen blieb nichts anderes übrig, als zu betteln. Insofern verhielten sich Petrus und Johannes sehr modern. Das können wir durchaus der Geschichte entnehmen. Auch wenn wir heutzutage keine Wunder vollbringen, sagt sie uns, dass wir alle Menschen in gleicher Weise beachten sollten, ohne Vorurteile oder Abneigungen. Dann kann viel Heil und Freude entstehen, auch durch uns.

Das ist der erste Gedanke, der die Geschichte doch lesenswert macht. Es gibt darüber hinaus aber noch weitere Aspekte. Sie kommen auch in der Definition des Begriffs „Inklusion“ vor. Darin ist ja davon die Rede, dass es in Wirklichkeit gar keine Normalität gibt, und darüber lohnt es sich nachzudenken. Das wäre das Zweite. Wir sehen das nämlich meistens anders. Unbewusst haben wir alle ein Bild im Kopf, wie unser Leben sein sollte: Wir wünschen uns Gesundheit und Wohlstand, Freundschaft und Liebe, Abwechslung und Fröhlichkeit usw. Aber gibt es das so überhaupt? Haben wir nicht alle irgendwelche Defizite? Auch ohne eine körperliche Behinderung kann es sein, dass uns ganz viel fehlt und uns Grenzen gesetzt werden, unter denen wir leiden. Allein schon das Älterwerden gehört dazu. Es kann aber auch der Verlust eines Menschen sein, Kinderlosigkeit, Depressionen, Selbstzweifel, Ängste. Jeder und jede fühlt sich doch durch irgendetwas „behindert“, und wenn wir wollen, könnten wir alle aufhören, Gott dankbar zu sein. Das ist der zweite Gedanke.

Und daraus ergibt sich als drittes, dass wir uns selber entscheiden müssen, mit welcher Einstellung wir dem Leben begegnen wollen. Worauf sind wir fixiert? Natürlich kann ein älterer Mensch auf seine vergangene Jugend blicken, die Kinderlose auf die Mutter, die Rollstuhlfahrerin auf alle, die laufen können usw. Aber ist das ratsam? Dadurch entstehen doch nur Neid und Bitterkeit. Gibt es nicht auch noch andere Möglichkeiten des Bewusstseins? Viel besser wäre es doch, wenn wir aufhörten, uns mit anderen zu vergleichen, und auch uns selber gegenüber unvoreingenommen sind. Wir sind eingeladen, uns so anzunehmen, wie wir sind, und unsere Möglichkeiten zu nutzen. Dann entdecken wir ganz vieles, für das es sich lohnt, zu danken.

Und dabei kann uns der Glaube an Jesus helfen. So ganz einfach ist das ja nicht. Denn es gehört dazu, dass wir uns von den Bildern verabschieden, die wir vom Leben haben, Wünsche aufgeben, die nicht erfüllbar sind, und uns in Gelassenheit üben. Und da kann Jesus uns hinführen. Denn er sieht uns so, wie wir sind, und er steht uns zur Seite. Er kennt das Leid und das Sterben, doch er kennt auch die Überwindung und die Auferstehung. Und daran kann er uns Anteil geben. Er lebt und hat Macht, daran dürfen wir glauben. Das war die Botschaft des Petrus, und er verkündet das immer noch. Wir sind eingeladen, uns Jesus anzuvertrauen, mit allem, was uns fehlt und behindert. Er sieht uns, und auch wir dürfen unseren inneren Blick auf ihn richten. Wir sollten auf ihn fixiert sein und seine Gegenwart zu unserem Focus machen. Dann stärkt er uns von innen her, auch heute noch. Er schenkt uns eine Freude, die unabhängig ist von den äußeren Gegebenheiten, Hoffnung und Mut. Er macht uns zuversichtlich einfach dadurch, dass er da ist. Er selber ist die Gabe, für die wir dankbar sein können.

Auch die Rollstuhlfahrerin, die ich eingangs erwähnte, kann das erleben, sie müsste sich nur dafür entscheiden. Dass das gelingen kann, zeigen uns zum Glück andere Menschen mit demselben Schicksal. Ein prominentes Beispiel ist Wolfgang Schäuble. Er spricht darüber in der Öffentlichkeit zwar kaum, aber er wäre heute nicht Präsident des Bundestages, wenn er einen Groll entwickelt und gepflegt hätte. Und ich bin mir sicher, dass auch sein Glaube ihm geholfen hat, sein Leben zu meistern.

Lassen Sie uns also Gott loben, ganz gleich, wie es uns geht und was wir zu tragen haben. Irgendeinen Grund haben wir alle, und es lohnt sich, darauf zu achten: „Nun lasst uns Gott, dem Herren, Dank sagen und ihn ehren, für alle seine Gaben, die wir empfangen haben.“ (EG 320,1)

Amen.

Das Kreuz als Lebensbaum

Predigt über Lied 96 aus dem Evangelischen Gesangbuch:
„Du schöner Lebensbaum des Paradieses“

Vierte Sommerpredigt „In fremden Zungen“: Ungarn
5.8.2018, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

In diesen Wochen bereisen wir in unseren Gottesdiensten mit dem Gesangbuch andere europäische Länder. Heute geht es nach Ungarn, und zwar mit einem Lied aus dem 17. Jahrhundert. Es heißt: „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“. Damit ist das Kreuz Christi gemeint, deshalb singen wir das Lied normaler Weise in der Passionszeit. Es enthält aber nicht nur eine Betrachtung des Sterbens Jesu, sondern vor allem handelt es vom Leben, das uns durch den Glauben an ihn möglich wird. Deshalb passt es auch gut in den Sommer. Es lädt uns ein, vor das Kreuz Christi zu treten und die Kraft zu empfangen, die davon ausgeht. Wir dürfen auf das Wort Jesu vertrauen, das er im Johannesevangelium zu Nikodemus sagt: „Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh. 3, 14b.15)

Liebe Gemeinde.

In jeder Kirche finden wir ein Kreuz, meistens an einer zentralen Stelle. Hier in der Jakobikirche steht auf dem Altar eins aus Glas und Metall. (s. Bild rechts) Es war allerdings nicht immer genau dieses. Die meisten von euch wissen sicher, dass es dazu ein Vorgängerkreuz gab. Es wurde leider gestohlen, wie viele andere vorher auch. So gab es eine Zeit, in der gar kein Kreuz mehr auf dem Altar stand. Doch das hielten einige Gemeindeglieder nicht aus, ihnen fehlte etwas ganz Wesentliches. Es gab daraufhin eine Initiative für ein neues Kreuz, und das haben wir hier nun: Es ist von einer Tiffany-Künstlerin aus Schilksee gefertigt. Der Entwurf und auch das Geld dafür kamen aus der Gemeinde. Nach dem Gottesdienst kommt es jetzt immer in einen Karton, mit dem es gut weggepackt werden kann ohne im Abstellraum zu zerbrechen. Während der offenen Kirche wird es dann durch ein Holzkreuz ersetzt, das ebenfalls dafür gestiftet wurde. Denn natürlich soll das schöne Glaskreuz nicht wieder gestohlen werden.

Aber wer macht so etwas überhaupt? Das habe ich mich gefragt. Entweder ist das jemand, dem das Kreuz viel bedeutet, der sich so ein schönes aber nicht leisten kann. Oder es ist eine Person, die den materiellen und künstlerischen Wert erkannt und es zu Geld gemacht hat. Das stell ich mir allerdings gar nicht so einfach vor, denn der oder die Käuferin müsste dann ebenfalls jemand sein, dem ein Kreuz etwas bedeutet. Doch vielleicht gibt es davon ja genug Menschen. Das Kreuz ist immerhin das zentrale Symbol für uns Christen. Es erinnert an den Tod Christi und wurde im Laufe der Geschichte in unzählig vielen Variationen dargestellt.

Eine schöne Möglichkeit ist das, das wir hier haben: Das Kreuz ist aus buntem Glas, also durchscheinend, leuchtend und farbig und damit lebendig und schön. Den sterbenden Christus sehen wir darauf nicht, und das ist durchaus legitim. Denn wir glauben, dass er lebt und unter uns ist. Wir müssen uns seinen Tod nicht ständig vor Augen halten.

Viele Christen sehen die sogenannte Kreuzestheologie heutzutage ja auch kritisch: Warum soll jemand für uns sterben? Sind wir nicht selber verantwortlich für das, was wir falsch machen? Wozu brauchen wir einen Stellvertreter? Das fragen sich etliche Gläubige, und es ist gut, dass darüber heutzutage öffentlich nachgedacht wird. Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, was der Tod Christi bedeutet, und dazu gibt es viele Ansätze.

Eine – oder sogar mehrere – Antworten finden wir in dem Lied „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ aus unserem Gesangbuch. Lasst uns das deshalb einmal betrachten.

Es wurde ursprünglich 1641 von Imre Pécseli Király gedichtet. Das war ein reformierter Pastor aus Ungarn, der eine poetische Veranlagung hatte. So hat er viele Gedichte und Lieder geschrieben und mit ihnen seinen Glauben, seine Theologie und seine Frömmigkeit zum Ausdruck gebracht.

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts kam dieses alte Lied dann zu uns nach Deutschland, und zwar durch den deutsch/ungarischen Theologen Vilmos Gyöngyösi, auch Wilhelm Güttler genannt. Er schuf eine Rohübersetzung, die dann wiederum der singbaren deutschen Liedfassung von Dieter Trautwein zu Grunde lag. (vgl. Wer ist wer im Gesangbuch, Hg. Wolgang Herbst, Göttingen, 2001, S. 126)  Der Urtext ist in unserem Gesangbuch ebenfalls abgedruckt, ich kann mich allerdings nur an der deutschen Fassung orientieren, weil ich natürlich kein Ungarisch spreche. Ich vertraue aber dem Text von Dieter Trautwein und finde es sogar interessant, dass er das Lied aufgegriffen hat.

Er ist ein Theologe des letzten Jahrhunderts, der in den sechziger Jahren maßgeblich an der Kirchen- und Gottesdienstreform mitgewirkt hat. Zu dieser Arbeit gehörte für ihn auch das Singen mit Gemeinden und Gruppen. Dabei hat er eine ganz neue christliche Singkultur geschaffen und mit seinen Liedern vielen Menschen einen Zugang zum Glauben ermöglicht. Vor allem durch die Kirchentage wurden seine Lieder bekannt. (vgl. Wer ist wer im Gesangbuch, a.a.O., S. S. 327ff)

Es ist deshalb so ein bisschen untypisch für ihn, dass er diesen alten Text mitsamt einer alten Melodie aufgenommen hat, aber wahrscheinlich war das Lied auch für ihn so aussagekräftig, dass er das gerne tat. Es hat in der deutschen Fassung sechs Strophen und lautet folgendermaßen:

1. Du schöner Lebensbaum des Paradieses, gütiger Jesus, Gotteslamm auf Erden. Du bist der wahre Retter unsres Lebens, unser Befreier.

2. Nur unsretwegen hattest du zu leiden, gingst an das Kreuz und trugst die Dornenkrone. Für unsre Sünden musstest du bezahlen mit deinem Leben.

3. Lieber Herr Jesus, wandle uns von Grund auf, dass allen denen wir auch gern vergeben, die uns beleidigt, die uns Unrecht taten, selbst sich verfehlten.

4. Für diese alle wollen wir dich bitten, nach deinem Vorbild laut zum Vater flehen, dass wir mit allen Heilgen zu dir kommen in deinen Frieden.

5. Wenn sich die Tage unsres Lebens neigen, nimm unsren Geist, Herr, auf in deine Hände, dass wir zuletzt von hier getröstet scheiden, Lob auf den Lippen:

6. Dank sei dem Vater, unsrem Gott im Himmel, er ist der Retter der verlornen Menschheit, hat uns erworben Frieden ohne Ende, ewige Freude.

Ich sagte ja schon, dass darin mehrere Deutungen des Sterbens Jesu vorkommen, und zwar können wir drei Abschnitte bzw. Themen entdecken:

Die ersten beiden Strophen beinhalten die Vorstellung, dass Jesus sich für uns geopfert hat und für unsere Sünden gestorben ist.

In den nächsten beiden Strophen ist Christus unser Vorbild: Er möge uns helfen, den anderen genauso zu verzeihen, wie er das getan hat, und unseren Lebenswandel heiligen.

Und in den letzten beiden Strophen ist er derjenige, der uns nahe ist, wenn wir sterben. Er schenkt uns das ewige Leben.

Diese drei Themen kommen hier vor, und es ist sehr schön, dass das Lied nicht nur einen Aspekt enthält. Denn dadurch relativiert sich auf jeden Fall die These, dass Christus sich für uns geopfert hat. Sie ist nur eine Möglichkeit, sein Sterben zu verstehen, es gibt auch noch andere Zugänge zu seinem Kreuz. Allerdings lädt uns das Lied ein, dieses Thema nicht gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen, und das ist auch gut so, weil es durchaus Situationen gibt, in denen wir einen Retter brauchen, jemanden, der für uns eintritt und uns befreit.

Denn leider gibt es die Sünde und das Böse, und wir dürfen sie nicht unterschätzen. Durch sie ist Jesus ans Kreuz gekommen, denn seine Feinde waren im Unrecht und luden schwere Schuld auf sich. Und so etwas geschieht immer noch überall. Jeder Konflikt ist dafür ein Zeichen, jede Schwäche, jede Unvollkommenheit. Wir begehen alle Fehler und manchmal können wir sie auch nicht mehr aus eigener Kraft wieder gutmachen. Und vor Gott können wir schon gar nicht bestehen, denn er hat sich die Menschen und ihr Zusammenleben eigentlich ganz anders gedacht. Das müssen wir erkennen und einsehen.

Dann sind wir nämlich froh, dass Jesus Christus das alles auf sich genommen hat, um uns schwachen und bedürftigen Menschen einen Weg der Befreiung zu bereiten. Mit seiner Geduld und Leidensbereitschaft hat er am Kreuz die Not der Menschheit überwunden, und wir sind eingeladen, uns darauf einzulassen. Das ist kein einfacher Schritt, denn natürlich stößt das Kreuz uns ab. Es ist durchaus ein Ärgernis, aber wir sollten ihm trotzdem nicht ausweichen. Denn auf geheimnisvolle Weise ist es gleichzeitig ein „Lebensbaum des Paradieses“, d.h. wir gewinnen durch das Kreuz neues Leben. Wir dürfen hinzutreten und darauf vertrauen. Wir legen damit nicht die Verantwortung für unsere Taten ab, sondern lassen uns helfen, wenn wir allein nicht klar kommen. Und das gibt es ja, dass uns die Kraft fehlt, unsre Fehler selber gerade zu biegen, die Suppe auszulöffeln, die wir uns oder anderen eingebrockt haben. Wir sind oft auf Unterstützung angewiesen, und die bekommen wir durch das Kreuz Christi. Wenn wir uns ihm nähern, merken wir, dass eine Kraft vom ihm ausgeht, die wir uns nicht erklären können. Wir werden aufgerichtet, unsere Sünden werden von uns genommen, und das Böse in uns wird entmachtet. Uns wird durch das Kreuz Vergebung und Heil geschenkt. Das Dunkel lichtet sich, Ängste verschwinden, und neues Leben entsteht.

Und damit sind wir bei dem zweiten Teil des Liedes, bei der Verwandlung unseres Lebens durch den Glauben an Christus, seinen heilbringenden den Tod und die Auferstehung. Er schenkt uns ganz neue Möglichkeiten. Wir können die Liebe, die wir empfangen, auch anderen Menschen weitergeben. Wir können „vergeben, die uns beleidigt“ haben, „die uns Unrecht taten“ und „selbst sich verfehlten“, wie es in dem Lied heißt. Dabei wird uns hier ein sehr schöner Vorschlag gemacht, wie uns das gelingen kann: Wir werden zur Fürbitte für unsere Feinde eingeladen. Sie ist dafür ein guter Weg. Das hat Jesus am Kreuz ebenfalls getan, indem er betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk.23,34) Mit diesem Verhalten geht er uns als gutes Beispiel voran. Wenn wir ihm folgen, kommen wir „mit allen Heiligen“ zu Gott, und „Frieden“ wird möglich, wie Dieter Trautwein es formuliert. Im Vertrauen auf Jesus werden wir immer wieder mit der Kraft versorgt, die wir dazu brauchen. Das ist das zweite Thema.

Und als drittes enthält das Sterben Jesu eine große Verheißung: „Wenn sich die Tage unsres Lebens neigen, nimmt Christus unseren Geist in seine Hände“. Wir sterben nicht allein, sondern „getröstet“ und mit einem „Lob auf den Lippen“. Mit seinem Tod und seiner Auferstehung hat Christus eine neue Zeit heraufgeführt. Denn in ihm stirbt nicht nur ein Mensch, Gott selber hat sich hingegeben, und so ist er „der Retter der verlorenen Menschheit“. Sein Kreuz stellt eine Zeitenwende dar, „er hat uns Frieden ohne Ende und ewige Freude erworben.“ Der Tod hat seine Macht verloren. Im Glauben und im Vertrauen auf das Kreuz Christi gewinnen wir Anteil an der Ewigkeit, wir „erben den Himmel“, wie es in der Bibel heißt (Hebr.9,15), und werden mit unendlicher Liebe erfüllt. Zum Kreuz und zum Tod Jesu gehört immer die Auferstehung. Ohne sie wäre es sinnlos.

Es ist deshalb sehr passend, das Kreuz als „Lebensbaum des Paradieses“ zu bezeichnen. Wenn wir seine Früchte regelmäßig essen und genießen, empfangen wir Unsterblichkeit. Und dazu gibt es noch eine weitere schöne Möglichkeit der bildlichen Darstellung.

Es ist das sogenannte Triumphkreuz, das es schon lange in der christlichen Kunst gibt. In der Nikolaikirche hier in Kiel hängt z.B. eins (s. Bild rechts). Da sehen wir zwar Christus, wie er am Kreuz hängt und stirbt, aber gleichzeitig ist das Kreuz lebendig: Es treibt Blüten und Blätter und ist wie ein „Lebensbaum“.

Lasst uns „dem Vater, unsrem Gott im Himmel dafür danken und ihn loben“, indem wir das Lied „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ jetzt singen.

Amen.