PREDIGT über Johannes 9, 1- 7: Die Heilung eines Blindgeborenen
zum 8. Sonntag nach Trinitatis, Sonnabend, 25.7.2026, Lutherkirche Kiel
Johannes 9, 1- 7
1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?
3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern aes sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
4 Wir amüssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; bes kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden.
7 Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Liebe Gemeinde
Die Geschichte, die wir eben gehört haben, handelt von einem Menschen, der blind geboren war. Wenn in der Antike jemanden so ein Unglück traf, galt das immer als eine gerechte Strafe für eine Sünde. Es konnte auch die Sünde der Eltern sein. Ein Blinder und seine Familie waren deshalb nicht besonders geachtet. Er wurde eher gemieden und lebte in einer gesellschaftlichen Isolation. Das war ein hartes Schicksal, der Mensch war doppelt geschlagen.
Doch hier geschieht nun ein Wunder: Jesus heilt diesen Mann und kommentiert das mit dem Satz: „Es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Die Geschichte demonstriert also die Macht Jesu. Um sie geht es.
Es fängt damit an, dass Jesus sich dem Blinden zuwendet. Er sieht ihn, beachtet ihn und verurteilt ihn nicht. Jesus setzt sich also über die gängige Meinung hinweg. Und dann verhält er sich wie ein Arzt. Er rührt aus Speichel und Erde einen Brei, den er dem Blinden auf die Augen streicht. Speichel galt im Altertum als Heil- und Zaubermittel, und so wirkte er auch hier: Nachdem der Blinde sich den Brei von den Augen gewaschen hatte, konnte er sehen. Jesus hatte ihn durch ein Wunder geheilt, und das rief natürlich Staunen hervor.
Aber das Heilungswunder ist in dieser Erzählung gar nicht das Entscheidende. Am wichtigsten ist das noch viel größere Wunder, nämlich dass Jesus göttliche Vollmacht hat. Er sagt: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Das ist hier das Thema. Es geht also um mehr, als um das Augenlicht. Es geht um Helligkeit und Freude und ein tieferes Sehen. Nicht nur das Auge, sondern vor allem der Geist soll sehend werden. Die Geschichte handelt letzten Endes von dem Licht Gottes, dem Licht der Ewigkeit. Und was das angeht, sind wir alle blind geboren, wir sehen es nicht, und es muss viel passieren, damit es aufleuchtet. Lasst uns also fragen, was dazu notwendig ist.
Dazu ist es gut, wenn wir uns erst einmal bewusst machen, wie dunkel unser Leben oft ist. Es sind meistens bestimmte Ereignisse, die dazu führen. Manchmal ist es ein tragischer Schicksalsschlag, wie z.B. der plötzliche Tod eines nahen Angehörigen. Es reichen aber auch schon kleinere Vorkommnisse, die das Leben verfinstern können: Ein Streit in der Familie z.B., ein finanzieller Verlust, ein Misserfolg im Beruf, eine schmerzhafte Trennung usw. Unser Leben ist nicht leicht, sondern immer wieder voller Probleme, sodass eben leider oft die Dunkelheit überwiegt.
Natürlich tun wir etwas dagegen, wir versuchen es zumindest, denn wir sehnen uns alle nach Licht und Freude. Wir wollen nicht in der Finsternis bleiben. Aber das ist gar nicht so einfach. Wir lenken uns z.B. ab, machen Ausflüge, gehen ins Kino oder ins Konzert. Wir reden auch miteinander, um Konflikte zu lösen. Wir denken positiv und versuchen, ruhig zu bleiben. All das nützt auch eine Zeit lang etwas, aber oft hält es nicht lange vor. Die Trauer z.B. holt uns oft wieder ein, auch wenn wir uns ablenken. Und Konflikte gibt es immer von Neuem. Kaum ist der eine beigelegt, gibt es an einer anderen Stelle ein Problem. Auch die Gründe zum Ärger hören nicht auf, und Enttäuschungen lassen sich einfach nicht vermeiden.
Das Problem unseres Lebens liegt also noch tiefer. Wir finden das Licht, nach dem wir uns sehnen, nicht, wenn wir selber an unseren Schwierigkeiten herumdoktern. Es bleibt Flickwerk. Damit unser Leben sich wirklich beruhigt und hell wird, brauchen wir mehr, als menschliche Strategien. Wir brauchen ein Wunder und das Licht der Ewigkeit, denn nur das kann unsere Dunkelheit bleibend besiegen. Und das finden wir in der Begegnung mit Jesus. Er bringt uns dieses Licht.
Es gibt bei den Benediktinern einen Hymnus, der davon handelt. Er beginnt folgendermaßen: „Christus, du heller Morgenstern, du bist die Sonne, leuchtend schön; vor dir weicht Nacht und Finsternis, dein Strahl macht alles licht und rein.“ (evanagelisches Tagzeitenbuch, Nr. 312) Christus wird hier als eine Lichtquelle bezeichnet. Dafür werden Bilder gebraucht, die ganz bewusst der Himmelswelt entnommen sind. Er ist wie der helle, „Morgenstern“ und wie die „Sonne“. Man muss also nach oben schauen, um ihn zu sehen. Und er hat Kraft. Vor ihm weicht die „Nacht und die Finsternis“, d.h. sein Licht kann etwas bewegen, es vertreibt die Dunkelheit, schiebt sie weg, so dass sie sich auflöst. Von Christus geht ein Licht aus, das heller als die Sonne und der Morgenstern ist. Es kommt nicht aus dieser Welt, sondern scheint von außen in sie hinein. Es vertilgt deshalb noch mehr, als nur die Nacht. Auch Trauer und Sünde, Angst und Enttäuschung weichen vor diesem Licht. Wir müssen uns nur ihm aussetzen.
Davon handelt die zweite Strophe. Sie lautet: „Erfülle uns, du heil’ges Licht, vertreibe Dunkelheit und Schuld, mach hell und lauter unser Herz und bleibe bei uns allezeit!“ Nachdem das Thema der ersten Strophe Christus war, geht es jetzt um den Menschen. Der Beter bittet um dieses Licht, es möge in ihn hineinleuchten und ihn „erfüllen“. Er schaut also nach innen und wünscht sich, dass die Kraft Christi etwas in ihm bewirkt und verändert. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Finsternis letzten Endes ein inneres Problem ist. Es sind gar nicht nur die Umstände, durch die sich alles verdüstert, sondern es ist unser Geist und unsere Seele, in der die Dunkelheit die Oberhand gewinnt. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang von der Sünde. Sie ist uns angeboren, so dass wir unser Leben im Grunde nicht selber so hell machen können, wie wir es uns zutiefst wünschen. Christus muss uns von innen her erleuchten, erst dann verändert sich wirklich etwas. Deshalb ist es gut, wenn er zu uns kommt und auch in uns bleibt. Wir brauchen seine Anwesenheit in der Seele, dann wird unser Leben hell.
Dazu gehört nun allerdings unser Mitwirken. Davon handelt die dritte Strophe des Liedes. Sie lautet: „Lass uns im Glauben wachen, Herr, in froher Hoffnung dir vertraun; du Liebe, die sich ganz verschenkt, gib uns, in Liebe eins zu sein.“ Hier werden die drei Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe aufgezählt. Wir müssen sie beachten und pflegen, denn dadurch kommt Christus in unser Leben hinein. Sie sind das Vehikel. Er wirkt sozusagen mit uns zusammen, wenn wir uns im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe üben. Und das wird auch deutlich, wenn wir uns klar machen, worin sie bestehen.
Das erste ist der Glaube, also das Vertrauen auf Gott, bei dem wir uns für ihn öffnen. Es gehört Wachsamkeit dazu, und Aufmerksamkeit. Wir stellen uns vor, dass Christus wirklich da ist, dass wir in seiner Gegenwart leben und dass er uns begleitet. Wir lassen uns auf ihn ein, und rechnen mit ihm, denn er führt uns und setzt uns unser Ziel.
Damit sind wir bei der zweiten Tugend, die hier genannt wird, der Hoffnung. Sie sorgt dafür, dass wir dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren. Sie lässt uns nach vorne schauen, auch in schweren Zeiten. Sie verschafft uns immer einen Ausblick, der sogar über diese Welt noch hinausweist. So schwer auch einige Ereignisse in unserem Leben sein mögen, es gibt eine Wirklichkeit, die uns wieder froh machen kann. Wir müssen nur darauf hoffen.
Und als drittes ist die Liebe erwähnt. Für sie gibt es hier sogar zwei Sätze. Einmal ist sie die Kraft, die von Christus ausgeht. Sie „verschenkt sich an uns“, wie es heißt, und damit ist das Handeln Jesu gemeint. Er nimmt uns an, er ist für uns da und er geht liebevoll und freundlich mit uns um. Er vergibt uns alle unsere Fehler und Schwächen. Er rechnet uns nichts an und verstößt uns auch nicht. Das gehört zur Liebe ja alles dazu. Das hat der Blinde in unserer Erzählung erfahren und es hat mit zu seiner Heilung beigetragen.
Und wenn wir das erleben geschieht das andere: Wir werden selber zur Liebe fähig. Wir können durch die Liebe Christi einander annehmen und untereinander eins sein. Wir können für andere zum Licht werden. Oft leiden wir ja nicht nur unter unseren eigenen Problemen, sondern sehen auch die unserer Nächsten. Wir würden ihnen gerne helfen, doch manchmal sind wir ratlos. Wir wissen nicht, was wir tun können. Dann ist es gut, sich einfach in Liebe zu üben und sie wie ein Licht durch uns hindurchfließen zu lassen. Sie kann auch das Leben der anderen erleuchten.
Durch diese drei Schritte, Glaube Hoffnung und Liebe, wird unser Leben also hell. Es ist wie eine Erneuerung von der Ewigkeit her, denn der Strahl der Ewigkeit fällt in unser Leben hinein. Er lässt uns glauben und hoffen und lieben, und das ist wirksamer und schöner als alle Ablenkung und alles Reden. Denn es ist nicht unsere eigene Anstrengung, sondern die Kraft und die Liebe Christi, die uns verändert. Er ist das „Licht der Welt“, das alles verändern kann.
Das hat auch der Blinde in unserer Geschichte erfahren und geglaubt. Im Anschluss an seine Heilung traf er Jesus wieder, und der sagte zu ihm: „Glaubst du an den Menschensohn? Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube? Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es. Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.“ (Joh.9, 35b-38) Lasst auch uns das tun und Jesus darum bitten, dass er uns sein Licht schenken möge.
Amen.