Gott ist Schöpfer, Erlöser und Kraft

Predigt über Johannes 3, 1- 8: Jesus und Nikodemus

Trinitatis, 30.5.2021, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Johannes 3, 1- 8

1 Es war aber ein Mann unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.
7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden.
8 Der Wind bläst wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Liebe Gemeinde.

Die meisten Menschen schlafen nachts. Das bietet sich an, weil es dunkel ist, und wir weniger Möglichkeiten haben, die Zeit zu nutzen, als tagsüber. Nachts wird allerdings auch gerne gefeiert. Viele Partys beginnen spät und enden erst in den frühen Morgenstunden. Doch das leisten wir uns nur gelegentlich, und es geschieht an bestimmten Orten. In der Mehrzahl der Häuser ist es nachts ruhiger als am Tag. Deshalb ist für einige Menschen die Nacht auch gut zum Studieren oder zum Beten geeignet. Sie fühlen sich ungestört und können sich besser konzentrieren.

Das war bereits in der Antike und im Orient so. Die Nacht diente gelegentlich dem Gespräch und dem Studium. Auch Nikodemus, ein Mitglied der Pharisäergemeinschaft und des Hohen Rates, kam einmal des Nachts zu Jesus. Er wollte mit ihm ein Gespräch über den Glauben und die Religion führen. Hauptsächlich wollte er wissen, wer Jesus war und was er konnte, denn er wollte daran teilhaben.

Jesus sagte es ihm und offenbarte sich zunächst mit der bekannten Formel: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir.“ So hat Luther das zweifache „Amen“ übersetzt, das im Urtext steht. Es bedeutet: „Es steht fest“. Was Jesus ihm sagte, war also von vorne herein göttliche Wahrheit, es war Gottes Wort, und das lautete: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

Es ging ihm also um das „Reich Gottes“. Diesen Ausdruck finden wir oft in den Reden Jesu. Er meinte damit die vollendete Heilswirklichkeit, das was Gott am Ende der Zeiten, am Ende der Welt heraufführen wird. Jesus verkündete, dass es durch ihn nahe war, dass es durch sein Kommen bereits angebrochen ist. Doch das kann nicht jeder „sehen“, d.h. begreifen, geschweige denn da hineinkommen. Er muss dafür „von oben herab geboren werden“, wie es wörtlich in dem Gespräch mit Nikodemus heißt. Und damit wollte Jesus sagen, dass er vom Himmel her neu geschaffen werden muss. Gott muss an ihm handeln, ihn neu hervorbringen und wachsen und werden lassen.

Nikodemus verstand darunter eine „zweite Geburt“, eine „Wiedergeburt“, wie wir es aus vielen Übersetzungen kennen. Und er fragte mit Recht, wie das denn ginge: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“ Das war seine Frage, die deutlich macht, dass er über Jesus wirklich noch nichts wusste. Er missverstand ihn, und seine Frage klingt fast so, als ober er sich über Jesus lustig machte.

Deshalb verdeutlichte Jesus das, was er gesagt hatte: Er meinte keine leibliche Geburt, sondern eine Geburt „aus Wasser und Geist“. Der Vorgang, an den er dachte, ist also so etwas wie eine Reinigung, die von innen heraus geschieht, eine Bekehrung, die große Veränderungen mit sich führt, eine geistige Neuschöpfung des Menschen durch die Kraft Gottes.

Diese Vorstellung oder Metapher von der „Wiedergeburt“ taucht auch an anderen Stellen im Neuen Testament auf. Sie beinhaltet immer die Vergebung der Sünden, befähigt den menschlichen Verstand, die geistliche Wirklichkeit zu erkennen und befreit den Willen zur Heiligung, d.h. zum freiwilligen Gehorsam gegenüber Gott. Sie ist ein göttliches Geschenk, ein Mysterium, das die „Gotteskinder“ von der Welt unterscheidet und schon jetzt ihr Handeln bestimmt.

Das ist das Evangelium von heute und es passt gut zu dem Fest, das wir an diesem Sonntag feiern, dem Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. Dabei geht um die Idee, dass Gott „Drei in Einem“ ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Diese Vorstellung ergibt sich aus der Botschaft des Neuen Testamentes, denn da wird verkündet, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist und uns den Heiligen Geist hinterlassen hat. Es gibt also nicht nur Gott, den Allmächtigen, sondern auch den Sohn und seinen Geist. Doch diese Lehre können wir nur begreifen, wenn wir „wiedergeboren“ werden, denn in unserer Wirklichkeit gibt es so etwas nicht. Für den Verstand und die Sinne ist es unfassbar und nicht zu erkennen. Dass Gott unbegreiflich ist, passt allerdings zu ihm, ganz gleich, was wir über ihn lehren. Wir können Gott nie in den Griff kriegen, geschweige denn, ihn uns handhabbar machen. Denn Gott ist keine Sache und auch keine andere Person. Er ist eine Wirklichkeit, die nicht wir erfassen, sondern die uns erfassen kann, auf die wir uns einlassen müssen und in die wir eintreten können. Und andersherum ist es der dreieinige Gott, der uns befähigt, ihn zu erkennen. Er nimmt uns in sein Geheimnis hinein und schenkt uns den Glauben. Denn er ist lebendig und wirksam, der Schöpfer, der Erlöser und die Kraft, die zum Glauben führt. Gott ist nicht starr und unbeweglich, er ist auch nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern er ist in sich selbst Bewegung, Beziehung und Austausch. Es gibt deshalb keinen Bereich unseres Lebens, der von ihm ausgespart bleibt. Wir können ihm vielmehr überall begegnen, in der Höhe und in der Tiefe, in Freude und im Leid. Gott findet immer einen Weg zu uns und wir zu ihm. Das ist mit „Wiedergeburt“ gemeint.

Doch wie kann das nun geschehen? Was bedeutet es konkret für unsere Frömmigkeit, für unsere Glaubenspraxis? Diese Fragen haben auch wir. Wir können uns gut mit Nikodemus identifizieren, denn wir sind in einer ähnlichen Situation: Er suchte Jesus auf, weil er zu ihm gehören wollte. Er wollte glauben, aber er wusste nicht wie. Was Jesus ihm sagte, gilt also auch uns. Lasst uns deshalb darüber nachdenken, was das bedeutet, „von oben her geboren zu werden“.

Um diese Frage zu beantworten, ist es gut, wenn wir in unser Leben schauen. Es ist ja leider nicht immer einfach, sondern von vielerlei Problemen angefüllt. Keine Lebensgeschichte verläuft ohne Leid oder Trauer, Gewalt oder Unrecht, Angst oder Einsamkeit. Wir wollen das alles zwar nicht und tun viel, damit es nicht die Oberhand gewinnt. Aber gelingt das auch? Bleiben nicht trotz all unserer Versuche, das Leben heil zu machen, Wunden und ungelöste Fragen zurück? Das Schwere lässt sich nicht einfach so auslöschen. Es ist da. Oft verstärkt sich das Leid sogar dadurch, dass wir es loswerden wollen.

Und das ändert sich bei einer Geburt von oben herab. Denn dazu gehört es als erstes, dass wir das Leid annehmen, uns selber loslassen und etwas geschehen lassen. Wir sagen „Ja“ und halten den Schmerz aus.

Einfach ist das nicht. Es ist ein schmaler Pfad, den wir nicht so gerne gehen, ein dunkler Tunnel, der uns vielleicht sogar Angst macht. Wir suchen normalerweise breitere und hellere Wege. Davon gibt es ja viele. Wir können uns z.B. ablenken und zerstreuen. Unsere Fantasie ist immer aktiv, wir lesen, sehen, hören und denken ständig etwas Neues. Und langsam gibt es auch wieder mehr Möglichkeiten, mit anderen Menschen etwas zu erleben und zu unternehmen.

Mit der Vorstellung von der Wiedergeburt wird das alles auch nicht verurteilt. Wir sollen uns nicht vom Leben abwenden. Aus eigener Kraft heraus können wir das auch gar nicht, jedenfalls nicht so, dass dabei etwas Neues eintritt. Und darum geht es ja. Wir brauchen deshalb den, der etwas Neues in uns schaffen kann, und das ist Jesus Christus. Wir sind zum Glauben an ihn eingeladen, zum Vertrauen, dazu, auf ihn zu schauen und ihn zu lieben. Das ist der nächste Schritt. Jesus Christus ist da und er „schläft nie“.

Das hat Gerhard Tersteegen einmal sehr schön zum Ausdruck gebracht. Er war ein christlicher Mystiker, Dichter, Seelsorger und Prediger, der im 18. Jahrhundert in Mühlheim an der Ruhr lebte. Viele Lieder von ihm stehen in unserem Gesangbuch. In einem Abendlied – oder besser gesagt: einem Nachtlied – thematisiert er die Stunden in der Nacht, in denen wir nicht schlafen können. Er schlägt vor, dass wir sie zur Anbetung Gottes nutzen. Die erste Strophe lautet: „Nun schläfet man, und wer nicht schlafen kann, der bete mit mir an den großen Namen, dem Tag und Nacht wird von der Himmelswacht Preis Lob und Ehr gebracht: o Jesu Amen.“ (EG 480,1) D.h. wir sind nicht allein in der dunklen Welt, sondern werden von Gott gesehen, geliebt und bewacht. Es ist deshalb sinnvoll und ratsam, dass wir ihn „anbeten“ und ebenfalls „für ihn wachen“, uns ihm hingeben und ihn „machen lassen“.

Das kommt in der zweiten Strophe des Liedes von Tersteegen zum Ausdruck, die lautet: „Weg Phantasie! Mein Gott und Herr ist hie; du schläfst, mein Wächter, nie, dir will ich wachen. Ich liebe dich, ich geb zum Opfer mich und lasse ewiglich dich mit mir machen.“ So können auch wir beten. Dann werden wir ins Weite geführt, werden ruhig und zufrieden. Es ist wie eine „Wiedergeburt“: Wir können Altes abwerfen und bekommen neue Kraft. Uns durchströmt eine neue Energie. Unsere Seele wird geweitet, und unser Geist erhebt sich über diese Zeit hinaus.

Tersteegen drückt das in der dritten Strophe mit einem schönen Bild aus. Er sieht die Sterne, die in der Nacht funkeln, und stellt sich vor, dass er selbst ein „Sternlein“ ist, das von dem Licht Christi widerstrahlt. Er dichtet: „Es leuchte dir der Himmelslichter Zier; ich sei dein Sternlein hier und dort zu funkeln. Nun kehr ich ein, Herr rede du allein beim tiefsten Stillesein zu mir im Dunkeln.“

Das können auch wir uns wünschen und von Gott erbitten. Die Nacht ist dafür gut geeignet. Denn dann ist es meistens still und wir sind nicht abgelenkt. Es muss auch immer wieder geschehen, denn wir werden durch den Glauben an Jesus nicht ein für alle Mal „von oben herab geboren“ und sind damit dann für den Rest unseres Lebens neue Menschen. Es ist vielmehr ein Vorgang, der sich wiederholt. Die neue Geburt ist ein lebenslanger Prozess.

Wahrscheinlich hat Nikodemus das alles auch erfahren. Was Jesus ihm in dem nächtlichen Gespräch erklärt hat, ist wahr geworden. Er hat sich darauf eingelassen und wurde sein Jünger. Zweimal taucht er noch im Johannesevangelium auf. Das eine Mal verteidigte er Jesus in einem Streitgespräch mit anderen Pharisäern und gab sich als sein Anhänger zu erkennen. (Joh. 7, 50)

Das andere Mal war nach dem Tod Jesu. Nikodemus half bei der Abnahme Jesu vom Kreuz und brachte zur Bestattung ein wohlriechendes Harz mit. Damit bekannte er, dass er in Jesus Gott ganz neu gefunden hatte und mit dem Heiligen Geist erfüll war. (Joh. 19, 39)

Das nächtliche Gespräch mit ihm hatte sich also gelohnt, es hat ihm eine tiefe Erkenntnis geschenkt, Klarheit und Orientierung.  

Amen.

Ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Predigt über Hesekiel 34, 1- 16. 31: Die schlechten Hirten und der rechte Hirte

2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 18.4.2021

9.30 und 11 Uhr Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wir reden zurzeit viel über Vertrauen. So gab es dazu am Sonnabend vor zwei Wochen auch in der Zeitung einen langen Artikel. Und darunter war eine Statistik abgedruckt, „wem die Deutschen vertrauen“. Die Polizei stand mit 84% ganz oben, private Rundfunksender mit 19% ganz unten. Die Bundesregierung lag mit 61% im mittleren Feld. Das Vertrauen in die Politik sei mit Beginn der Pandemie stetig gesunken, hieß es. Dabei sind wir gerade jetzt darauf angewiesen. Doch wem können wir noch vertrauen? Den Zeitungen, der Wirtschaft oder den Gewerkschaften? Sie kommen in der Statistik noch schlechter weg als die Regierung.

Und was ist mit den Kirchen? Sie stehen erschreckender Weise an vorletzter Stelle! Das kann natürlich damit zusammenhängen, dass sowieso nur noch ungefähr die Hälfte aller Bürger und Bürgerinnen zur Kirche gehören, aktiv beteiligen sich sogar noch weniger. Die Mehrheit der Bevölkerung kann schlicht und ergreifend nichts mit uns anfangen. Vielleicht hätte man deshalb eher fragen sollen, wieviel Gottvertrauen die Menschen haben.

Aber das passt wohl nicht in so eine Umfrage, denn es gibt „einen entscheidenden Unterschied zwischen Gottvertrauen und politischem Vertrauen. Gottvertrauen ist bedingungslos. Es ist an keine Erwartungen geknüpft. Politisches Vertrauen dagegen muss man erwerben, rechtfertigen, zurückgeben.“ So stand es in dem Artikel. („Verlass dich darauf!“ von Thorsten Fuchs, Wochenendjournal von Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung, Sonnabend/Sonntag, 3./4. April 2021, S. 1)

Diese Einsicht hatte auch schon der Prophet Hesekiel. Er lebte in einer Zeit, in der es ebenfalls schwer war, den Politikern zu vertrauen, sie hatten es verspielt, und er lädt deshalb dazu ein, sich ganz auf Gott zu verlassen. Das kommt in einem Abschnitt aus Kapitel 34 zum Ausdruck, in dem es um „schlechte Hirten und den rechten Hirten“ geht. Das ist heute unser Predigttext, der folgendermaßen lautet:

Hesekiel 34, 1- 16. 31:

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
3 Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.
4 Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
5 Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten ha
ben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.
6 Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.
7 Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort!
8 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten,
9 darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort!
10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.
13 Ich will sie au
s allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.
14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.
15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.
16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Das ist ein Teil aus der sogenannten „Hirtenrede“ des Propheten Hesekiel. Sie beginnt mit dem Versagen der „Hirten Israels“. Der Prophet hatte viel an den Verantwortlichen für das Volk auszusetzen. Er meint damit die politischen und religiösen Führer, also den König und die Priester, die damals ganz ähnliche Aufgaben und Verantwortungsbereiche mit viel Macht und Einfluss hatten. Heutzutage sind Staat und Kirche getrennt, das kannte das Alte Testament aber noch nicht.

Was Hesekiel nun den „Hirten“ vorwirft, ist ihr Egoismus und ihre Genusssucht, die Vernachlässigung der Schwachen und die Unterdrückung der Starken. Sie führten das Volk nicht, sondern bereicherten sich selber. Anstatt die Menschen zu sammeln und zu vereinen, überließen sie sie der Verwahrlosung.  

Mit all dem spielt der Prophet auf die Katastrophe von 587 vor Christus an, als der König von Babel das Land erobert und den Tempel zerstört hatte. Israel hatte damit seine Eigenstaatlichkeit verloren, und die Menschen waren zerstreut. Hesekiel lebte mit dem Volk Israel bereits im Exil. Sie litten natürlich unter dieser Situation und waren traurig. Deshalb denkt der Prophet darüber nach, und er deutet das Geschehene als ein Versagen der politischen und religiösen Führer. Die „Hirten“ haben in der langen Geschichte Israels versäumt, was eigentlich ihr Amt gewesen wäre. Das ist sein Vorwurf.

Und so enthält seine Rede zuerst ein Scheltwort. Daran schließt sich die Ankündigung des Gerichtes über die treulosen Hirten an. Aber dann folgt das eigentliche Ziel des Textes, die Zusage, dass Gott selbst sich seines Volkes annehmen wird. Damit möchte der Prophet seine Mitmenschen trösten und ihnen eine Perspektive geben: Gott wird eingreifen, und sein Verhalten wird ganz anders sein, als das der menschlichen Führer.

Er wird ihr Leid beenden. Es soll ihnen allen gut gehen, er verspricht ihnen Reichtum und Fülle. „Verlorene wird er finden, Verirrte zurückbringen, Verwundete verbinden und Schwache stärken.“ Er wird immer bei ihnen bleiben und sich um sein Volk kümmern, sie beschützen und bewahren und ihnen den rechten Weg zeigen. Das ist die Verheißung des Propheten Hesekiel an sein Volk, die mit dem Satz zusammengefasst wird: „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.“

Für uns Christen hat sich diese Verheißung erfüllt. Denn wir glauben, dass Gott durch Jesus Christus in dieser Weise bei uns ist. Er ist der „gute Hirte“ , und wir sind seine Herde. (Johannes 10,11.14) Auch die Kirche dürfen wir so verstehen. Eigentlich ist sie der Ort und die Gemeinschaft, an dem das erlebbar wird.

Doch offensichtlich ist das nicht der Fall, sonst würden viel mehr Menschen Vertrauen in die Kirche haben. Und das wäre auch gut, denn das brauchen wir dringend, gerade in dieser Zeit. Was können wir also dazu tun, damit die Kirche ein Ort ist, an dem die Menschen in Berührung mit Gott kommen, sich an seiner Gegenwart erfreuen und neuen Mut schöpfen?

Das müssen wir uns fragen, und dafür gibt uns der Text auch einen Hinweis, indem er nämlich den Kontrast zwischen den menschlichen Hirten und dem „wahren Hirten“ hervorhebt. Das können wir gut auf uns anwenden. Unsere „Hirten“ sind zwar nicht so egoistisch und rücksichtslos, wie Hesekiel es beschreibt, aber mit dem Gottvertrauen hapert es ebenfalls oft. Auch wenn sie die Schwachen nicht vernachlässigen und es nicht böse meinen, vertrauen sie oft doch eher auf ihre eigene Kraft. Die unbegrenzten Möglichkeiten Gottes werden gerne ignoriert. Und dadurch ist alles sehr menschlich und eigenwillig geworden. Pastorinnen und Mitarbeiter, Oberkirchenräte und Theologinnen, sie alle trauen sich selber am ehesten zu, die Menschen zu versammeln und ihnen Gutes zu tun. Professionelle Methoden, Ideen und Strategien stehen im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns.

Aber nicht umsonst hat Luther für ein Priestertum aller Gläubigen plädiert, d.h. es kommt auf alle an, jeden und jede Einzelne. Und sie müssen nicht besonders gut ausgebildet sein, sondern hauptsächlich auf Gott vertrauen. Entscheidend ist der lebendige Glaube, das Wissen um Gottes Gegenwart und sein Handeln. Dem müssen wir Raum geben.

Und das kommt nicht einfach nur so, dafür müssen wir uns Zeit nehmen und es auch einüben. Denn es ist eine andere Art des Vertrauens als das rein menschliche oder politische, es ist „bedingungslos und ohne Erwartungen“. Und das heißt, wir müssen alle Erwartungen an andere oder an das Leben zunächst einmal loslassen, nichts mehr wollen oder selber machen.

Das ist nicht so ganz leicht, weil wir uns eigentlich immer etwas wünschen und uns dafür dann einsetzen. Das Leben ist nie ganz so, wie wir es gern hätten, und das macht uns zu schaffen. Wir wollen etwas dagegen tun, denn wir leiden unter unserer Kümmerlichkeit und Schwäche, an unseren Grenzen, unserer Sehnsucht und vielem mehr. Doch anstatt das unbedingt abschaffen zu wollen, wäre es gut, wenn wir es zunächst einmal aushalten, unsere Unzufriedenheit, die Ängste, die Traurigkeit usw. Das wäre der erste Schritt zu einem lebendigen Gottvertrauen, dass wir all das Schwere im Leben einfach nur wahrnehmen, es anschauen und ertragen.

In einem zweiten Schritt können wir es vor Gott bringen und uns vorstellen, dass er uns auf eine „fette Weide“ führen möchte. Er ist da, und seine Gegenwart ist wie das schöne Land von dem der Prophet spricht. In unserer Phantasie können wir uns die Wirklichkeit Gottes als hohe Berge und lichte Täler vor Augen führen, blühende Wiesen und üppige Felder. Wir können dort verweilen und es uns gut gehen lassen, im Geiste spazieren gehen, uns versorgen lassen und „schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist.“

Dann verschwinden ganz von selber alle „trüben und finsteren“ Gedanken und Gefühle. Wir werden gestärkt und aufgerichtet, „das Verwundete wird verbunden und das Verirrte wird zurückgeführt.“

Und wenn das alle tun, die zur Kirche gehören, dann werden Menschen ganz von alleine Vertrauen in unsere Gemeinschaft fassen. Denn dann können sie bei uns erleben, dass sie gehalten und behütet sind, beschützt und geliebt. Und wer weiß, vielleicht rücken wir dadurch in der Statistik „wem die Deutschen vertrauen“ auch wieder weiter nach oben.

Möge Gott selber uns dazu verhelfen. Amen.

Das Ja zum Kreuz Christi

Predigt über Jesaja 52, 13- 15; 53, 1- 12: Das stellvertretende Leiden und die Herrlichkeit des Gottesknechtes

Karfreitag, 2.4.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche

Liebe Gemeinde.

„Wer weiß, wofür das gut ist.“ Das sagen Eltern gerne zu ihren heranwachsenden Kindern, wenn diese bereits Pläne haben und eigene Wege gehen. Sie wünschen sich vieles, haben Träume und malen sich in der Phantasie aus, wie ihr Leben verlaufen soll. Doch das klappt nicht immer so, wie sie es erhoffen: Beziehungen zerbrechen oder kommen gar nicht erst zu Stande, Bewerbungen werden abgelehnt, die Fähigkeiten reichen nicht aus, um die Ziele zu erreichen, Ideen erweisen sich als nicht tragbar usw. Als Erwachsene kennen wir das bereits, haben aber oft auch die Erfahrung gemacht, dass ein Scheitern noch lange nicht das Ende des Lebens bedeutet. Im Gegenteil, es war gut, denn dadurch haben sich andere, bessere Wege eröffnet. Rückblickend stellt sich jedenfalls vieles ganz anders dar, so dass wir manchmal sogar dankbar dafür sind, dass unsere ursprünglichen Vorhaben nicht Wirklichkeit wurden. Oft legen wir uns die Dinge im Nachhinein auch so zurecht, dass alles zusammenpasst und einen Sinn ergibt.

Die ersten Christen taten das ebenso, denn sie mussten ein tragisches Ereignis verarbeiten, das sie tief erschüttert hatte: Es war der Kreuzestod Jesu. Warum musste der, dem sie vertraut und den sie verehrt hatten, der ihnen so viel Gutes gebracht hatte, der sie geliebt und befreit hatte, so schändlich sterben? Warum hat er sich nicht gewehrt, warum hat die Gemeinheit gesiegt, die Bosheit und Ungerechtigkeit? Was war der Sinn für diese katastrophale Niederlage? Das fragten sie sich, und dabei stießen sie auf Texte im Alten Testament. Das hatte Jesus ja selber oft zitiert. Er hatte sich auf die Verheißungen der Propheten berufen, um seine Sendung zu erklären und zu rechtfertigen. So lag es nahe, auch nach seinem Tod die Schrift zu Rate zu ziehen. Und die Apostel fanden etwas, das passte haargenau auf sein Schicksal. Es sind die sogenannten Gottesknechtslieder im Buch des Propheten Jesaja. Es gibt davon vier, und sie handeln alle von einem Mann, der von Gott für einen besonderen Auftrag auserwählt wurde. Seine Aufgabe war es, die Müden aufzurichten, die Gefangenen zu befreien, Israel zu sammeln und den Heiden das Licht zu bringen. Gott gab ihm dafür seinen Geist und verlieh ihm eine besondere innere Kraft. Die brauchte er auch, denn er wurde nicht von allen geliebt. Anfeindungen kamen auf ihn zu, er wurde verfolgt und gedemütigt. Er geriet in schweres Leid. Und weil all das genau das Schicksal Jesu beschreibt, wurden diese Texte als eine Vorhersage verstanden. In dem vierten Lied ergeht es dem Gottesknecht am schlimmsten, denn es beschreibt seinen Tod. Es ist deshalb die alttestamentliche Lesung für Karfreitag und heute unser Predigttext. David liest ihn uns jetzt vor.

Jesaja 52, 13- 15; 53, 1- 12

5213 Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.
14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder,
15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.
53 1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?
2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.
7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.
8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war.
9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.
10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.

11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.
12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“

Das ist der Abschnitt aus dem AltenTestament für den heutigen Tag. Hier ist von einem Menschen die Rede, der vollkommen aus dem Rahmen fällt, der als Gegenbild zu jeglicher Menschengröße und Menschenehre erscheint. Er war keine interessante Figur, keine eindrucksvolle Persönlichkeit, sondern ein Außenseiter, der von seiner Umgebung verachtet und gemieden wurde, weil er Krankheit und Schmerzen erlitt, gebrandmarkt durch Qualen, ausgestoßen aus der menschlichen Gemeinschaft, zerschlagen, gestorben und ehrlos begraben. Doch ausgerechnet er wird von Gott erwählt, erhöht und zum Sieger erklärt. Denn alles Übel, alle Schuld zieht er auf sich, so dass die wirklich Schuldigen wegen seiner Leiden Gesundheit und eine unangefochtene soziale Stellung behalten. 

Das erfahren wir hier. Doch von wem redet der Prophet eigentlich? Das ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es kann sein, dass er sich selber meint, vieles lässt darauf schließen. Seine Worte beschreiben jedenfalls genau das Prophetenamt, denn oft gehörten Anfeindungen und Schmähungen dazu. Das erfuhren die Propheten in Israel nicht selten. Sie erlitten Schläge und Beschimpfungen, Spott und Hohn, wurden gefangen, gefoltert und gelegentlich sogar hingerichtet. Darunter litten sie natürlich und beklagten sich auch oft.

Doch hier liegt nun erstaunlicher Weise keine Klage vor, sondern ein Bekenntnis der Gemeinde. Es wird betont, dass der Prophet trotz allem an Gott festhielt und das Leid annahm. Auch die Wirkung seines Todes wird beschrieben: Sie weist weit über das Geschehen hinaus, in eine andere Zeit, in die Zukunft oder sogar in eine andere Wirklichkeit. „Er wird das Licht Gottes schauen und die Fülle haben.“ So ist das formuliert. Und sein Leiden hat einen Sinn für die Vielen: Er tut es stellvertretend für sie, er nimmt die Sünden der Menschheit auf sich, um ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen. 

Das sind die Worte Jesajas, und es liegt nahe, dass die ersten Christen in dem Geschick dieses Mannes eine Vorhersage für das Leben und Sterben Jesu sahen, denn genauso ist es ihm ergangen.

Aber können wir damit noch etwas anfangen? Jesu Tod als Sühne für unsere Sünden zu verstehen, stößt heutzutage bei vielen Menschen auf Ablehnung. Wir haben keine Opferreligion mehr, wie im alten Israel. Und die Vorstellung, dass Gott seinen Sohn absichtlich hinrichten ließ, ist uns viel zu grausam und zu brutal. Das wollen wir nicht mehr hören, und es fällt uns schwer, das zu glauben.

Doch was machen wir dann mit dem Kreuzestod Jesu? Wir kommen um diese Tatsache, dass er so schmählich gestorben ist, nicht herum. Wir müssen also bedenken, welchen Sinn das ergeben soll. Und wir können in dem Vorgehen der ersten Christen auch eine Möglichkeit der Annäherung entdecken, selbst wenn uns die Vorstellung vom Sühnetod nicht behagt. Denn sie haben „Ja“ zu seinem Sterben gesagt. Sie haben das Kreuz Jesu angenommen und versucht, einen verborgenen Sinn darin zu entdecken. Rückblickend haben sie erkannt, wofür er gut war, und waren dafür dankbar. Und dabei haben sie nicht einfach nur von außen darauf geblickt und eine Theorie entwickelt, sondern sie haben sich in das Geschehen hineinbegeben und ihre eigenen Nöte mitgebracht. Sie haben geglaubt, dass der Tod Jesu ihnen das Heil bringt, und dem Gekreuzigten „ihre Herzen geschenkt“.

So hat Friedrich von Bodelschwingh es 1938 in dem Lied zum Ausdruck gebracht: „Nun gehören unsere Herzen ganz dem Mann von Golgatha“. (EG 93) Er ist davon ausgegangen, dass es das „Geheimnis des Gerichtes über aller Menschen Schuld“ gibt, und dass Jesus darin eingeweiht war. Und das ist auch nicht schwer, denn dass wir Gott nicht gerecht werden, wissen wir alle. Wir haben unzählige Fehler, sind schwache, unvollkommene Menschen und sterben eines Tages. Vieles von dem, was wir im Leben verkehrt machen, bleibt ungeklärt und ungesühnt, wir nehmen es mit ins Grab. Doch wir müssen deshalb nicht verzweifeln. Es ist vielmehr wichtig, dass wir das zugeben und uns gleichzeitig vor dem Kreuz Christi „verneigen“. Dann kann seine geheime Kraft wirken. Wir müssen „mit Jesus sterben“, dann haben wir auch an seinem Sieg Anteil. (Römer 6,5-11)

Denn den hat er auf Golgatha errungen. Er hat nicht nur „das Gericht“ und den Tod gesehen, sondern auch „das Geheimnis des neuen Lichtes“, das ewige Erbarmen Gottes, das bei seinem Sterben bereits aufstrahlte. Und er hat damit die „Hölle“ und die „Lügenmächte“ überwunden: Ihr Triumph ist nur eine Illusion, denn Christus ist durch das „Tor des Sterbens“ hindurch gedrungen, „und die sonst des Todes Kinder, führt zum Leben er empor.“ Mit seinem Sterben bietet Jesus uns die Gnade Gottes an, das Heil und das ewige Lebe, und es tut gut, wenn wir es entgegennehmen. Das will unser Text uns sagen, und auch Bodelschwingh mit seinem Lied.

Er hat auch noch weitere hilfreiche Worte gefunden, die uns zum Kreuz Christi einen Zugang eröffnen. Denn er spricht vom „heilgem Stilleschweigen“ und lädt dazu ein. Wir sollen uns „tief und tiefer vor dem Wunder verneigen, das geschah.“ Und das ist ein guter Ratschlag, denn dann hören wir auf, über all das, was uns zu schaffen macht, zu grübeln. Gerade in einer Krise, wie wir sie z.Zt. erleben, ist das hilfreich. Wir wissen jetzt nicht, wofür sie gut ist. Es ist ein riesengroßes Desaster, und wir sind mit unserem Latein langsam am Ende. Das erleben wir auch in anderen Situationen, denn wir kennen das Scheitern und die Niederlage, das Zerplatzen von Träumen und die Unerfüllbarkeit von Wünschen. Aber gerade dann, wenn es uns so geht, ist es gut, einfach beim Kreuz Christi zu „stehen“, um den „Anblick seiner Gnad“ zu bitten und ihn zu umarmen, wie Paul Gerhard sagt. (EG 85,4.6)

Sein Tod war noch viel unbegreiflicher und ungerechter als alles, was wir erfahren. Trotzdem – oder gerade deshalb – sind wir eingeladen, dazu ja zu sagen und mit Bodelschwingh zu beten: „Ja, wir danken deinen Schmerzen; ja, wir preisen deine Treu; ja, wir dienen dir von Herzen; ja, du machst einst alles neu.“ (EG 93,4)

Dann merken wir selber, „wozu das Kreuz gut war“. Es war kein Scheitern, sondern hat neue Wege eröffnet. So lasst uns rückblickend dafür dankbar sein und uns der geheimen Wirkung des Kreuzestodes Jesu überlassen. Amen.

Nun gehören unsre Herzen
ganz dem Mann von Golgatha,
der in bittern Todesschmerzen
das Geheimnis Gottes sah,
das Geheimnis des Gerichtes
über aller Menschen Schuld,
das Geheimnis neuen Lichtes
aus des Vaters ewger Huld.

Nun in heilgem Stilleschweigen
stehen wir auf Golgatha.
Tief und tiefer wir uns neigen
vor dem Wunder, das geschah,
als der Freie ward zum Knechte
und der Größte ganz gering,
als für Sünder der Gerechte
in des Todes Rachen ging.

Doch ob tausend Todesnächte
liegen über Golgatha,
ob der Hölle Lügenmächte
triumphieren fern und nah,
dennoch dringt als Überwinder
Christus durch des Sterbens Tor;
und die sonst des Todes Kinder,
führt zum Leben er empor.

Schweigen müssen nun die Feinde
vor dem Sieg von Golgatha.
Die begnadigte Gemeinde
sagt zu Christi Wegen: Ja!
Ja, wir danken deinen Schmerzen;
ja, wir preisen deine Treu;
ja, wir dienen dir von Herzen;
ja, du machst einst alles neu.

Friedrich von Bodelschwingh 1938

Jesus – der Anfänger und Vollender des Glaubens

Predigt über Hebräer 11, 1- 2. 39b. 40; 12, 1-3: Der Weg des Glaubens

Palmsonntag, 28.3.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wer außergewöhnliche Leistungen vollbringt, wird gern als Held oder Heldin bezeichnet. Das sind Personen, die mit besonderer körperlicher Kraft ausgestattet sind, wie z.B. Schnelligkeit, Stärke oder Ausdauer. Oft haben sie auch herausragende geistige Gaben, wie Mut, Aufopferungsbereitschaft und Tugendhaftigkeit. Sie kämpfen für Ideale und setzen sich für andere ein. Dadurch erlangen sie Ruhm und erheben sich über den Durchschnittsmenschen. Es können Politikerinnen oder Wissenschaftler sein, Umweltschützerinnen, Ärzte usw. Sie werden oft zu Stars, d.h. sie kommen groß heraus, ziehen die Menschenmassen an und werden vom allgemeinen Volk verehrt. Dasselbe gilt für hervorragende Sportlerinnen und Schriftsteller, Künstler und gelegentlich auch Theologen oder religiöse Menschen.

Von ihnen erzählt uns z.B. die Bibel. Viele Personen, die darin vorkommen, sind in aller Welt bekannt. Über die Jahrhunderte hinweg wurden ihre Geschichten verbreitet, so dass ihre Namen zum kollektiven Gedächtnis der Menschheit gehören. Dazu zählen z.B. Noah, Abraham und Mose, ebenso Jakob, Josef und David.

Im elften Kapitel des Hebräerbriefes wird an viele dieser alttestamentlichen Berühmtheiten erinnert. Dabei ist das Kriterium für die Zusammenstellung allerdings nicht eine hervorragende Leistung oder Fähigkeit, d.h. es sind keine Helden oder Heldinnen. Im Gegenteil, es waren ganz normale Menschen mit Schwächen und Fehlern, Ängsten und Zweifeln. Der Schreiber zählt sie auch nicht auf, damit wir sie bewundern. Es geht ihm vielmehr um den starken Glauben, den sie alle hatten, um ihre besondere Frömmigkeit und ein großes Gottvertrauen. Denn dazu will er einladen, weil er das für das wichtigste im Leben hält.

Sein Kapitel beginnt deshalb mit einer Erklärung, was überhaupt Glaube ist. Er geht dann über zu den verschiedenen Beispielen und beendet seine Ausführungen mit der Einladung an uns, ebenfalls so zu glauben. Ich lese den Anfang von Kapitel elf und das Fazit, das am Anfang von Kapitel zwölf steht. Diese Verse sind heute unser Predigttext und sie lauten folgendermaßen:

Hebräer 11, 1- 2. 39b. 40; 12, 1-3

11 1Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.
2 Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen,
39b und doch nicht erlangt, was verheißen war,
40 weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden.
12 1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Das ist der Predigttext, und wir wollen zunächst versuchen, ihn zu verstehen: Am Anfang steht ein grundsätzlicher Satz über das Wesen des Glaubens: Er bedeutet, dass man auf etwas hofft und ganz fest darauf vertraut, obwohl man es nicht beweisen kann. Man wurde von Tatbeständen überführt, die nicht sichtbar sind. Denn ein Stück des Erhofften ist als geheime Kraft schon wirklich. Der Glaube selbst wird der Beweis für das, was man nicht sehen kann.

Dieser Gedanke wird durch den Hinweis auf die Vorväter eingeschärft: Die Schrift stellt vielen Menschen aus früherer Zeit für ihren Glauben ein gutes Zeugnis aus. Sie hatten diese Art des Glaubens und dienen deshalb als Vorbilder. Dabei hielten sie nicht einfach nur etwas für wahr, was in Wirklichkeit unsicher war, sondern sie hatten durch den Glauben eine feste Grundlage. Da war nicht etwas möglich und scheinbar, was insgesamt fraglich blieb, sondern das Erhoffte war für sie wirklich und tragfähig.

Trotzdem fehlte ihnen noch etwas. Die endgültige Verheißung hatten sie noch nicht empfangen, denn Gott hatte noch einen besseren Plan. Er wollte, dass alle Menschen das Ziel erreichen, das er für sie vorgesehen hat, also auch wir. Nur mit uns zusammen sollen die Menschen aus der Vergangenheit zur Vollendung kommen.

Darum sind auch wir gefragt, ob wir den „Kampf des Glaubens“ auf uns nehmen wollen. D.h. wir sollen unser Leben mit Gott leben und alles, was uns dabei behindert und belastet, ablegen, besonders die Sünde. So fährt der Schreiber des Hebräerbriefes fort, nachdem er wie gesagt, die Glaubens-Stars und Helden aufgezählt hatte. Wie könnten wir in Gleichgültigkeit verharren, wenn wir von ihnen hören? Das ist sein Gedanke. Sie umgeben uns wie eine „Wolke“, d.h. wie eine dicht gedrängte Schar, durch die wir nicht allein sind, sondern zu einer verschworenen Gemeinschaft gehören und angespornt werden.

Die entscheidende Kraftquelle aber ist der Aufblick auf den gekreuzigten Jesus. Er führt den langen Zug aller Glaubenden durch die Geschichte an bis in den Himmel hinein, d.h. mit ihm fängt glaubensmäßig alles an und mit ihm wird alles irgendwann aufhören. Und das kommt daher, dass er eine außergewöhnlich starke Gottesbindung hatte. Er hielt den Glauben durch, auch noch am Ende, als ihm Gott fragwürdig geworden war. Er hatte als Sohn eine besondere Berufung, und darin hat er sich bewährt. Selbst in der Verzweiflung übernahm er noch Verantwortung. Als Auserwählter hätte er sich auch für Freude und Freiheit vom Leid entscheiden können, doch das tat er nicht, sondern ertrug geduldig das Kreuz. Er war sich dafür nicht zu schade. Und dadurch wurde er erhöht. Trotz seines schändlichen Endes hat er sich rechts neben Gottes Thron gesetzt und eine unbegrenzte Vollmacht bekommen.

So kann er auch unser Verhalten bestimmen und uns befreien. Dieser Wahrheit sollen wir uns stellen. Wir sollen bedenken, was Jesus an gemeinen Anwürfen der Gottlosen ertragen musste, welchen Demütigungen er ausgesetzt war. Dann werden auch wir nicht so schnell nachlassen und müde werden. Es wird uns aufbauen und uns helfen, auszuhalten. Denn Jesus ist der Maßstab und das Vorbild, das uns beflügeln kann. Von ihm kommt die erforderliche Kraft, die wir brauchen, um in dem verordneten Kampf durchzuhalten.

Das ist das, was unser Predigttext uns sagen möchte.

Im Tagzeitengebet der Kirche ist aus diesem Abschnitt im Hebräerbrief deshalb ein Eingangsspruch für das Morgenlob geworden. Er lautet: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Herr, unser Gott, wir danken Dir für die Ruhe der Nacht und das Licht dieses neuen Tages. Lass uns bereit sein, Dir zu dienen, lass uns wach sein für Dein Gebot.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Evangelische Michaelsbruderschaft, Göttingen, 6. überarbeitete Auflage 2020, S. 265)

Dieses Gebet können wir am Morgen sprechen, und das ist eine gute Idee. Wir beginnen den Tag dann anders, als wenn wir uns einfach in unseren Alltag oder unsere Aufgaben stürzen. Wir halten inne und bedenken, dass sowohl die Nacht als auch der Tag von Gott kommen, dass er uns die Zeit schenkt, die jetzt vor uns liegt. Und damit werden wir automatisch auf das hingewiesen, was wirklich trägt und hält, was zählt und wichtig ist. Es stärkt unseren Glauben und zeigt uns, wo es lang geht.

Wichtig ist dabei die Ermunterung zur Nüchternheit und Wachsamkeit, die Bitte darum, „abzutun, was uns träge macht“. Wir können das noch erweitern und auch an alles denken, was uns ärgerlich oder traurig macht, verspannt oder ängstlich, gestresst und krank. Wir bringen alles vor Gott, was uns behindert und belastet, lassen es los und „legen es ab“. Wir gründen uns stattdessen auf das, „was man nicht sieht, was wir erhoffen und glauben“.

Und das tut gerade in Krisenzeiten gut, wenn wir bedrängt sind und uns das Leben nicht gefällt. Zurzeit ist das ja der Fall: Viele von uns leiden und sind unzufrieden, fühlen sich einsam und müde. Neu ist dieser Zustand nicht, wir kennen ihn auch durch andere Vorkommnisse. Es gibt unzählige Faktoren, die uns das Leben schwer machen, und oft kreisen unsere Gedanken dann darum.

Doch das muss nicht sein, es gibt eine Möglichkeit, das alles zu relativieren: Wir müssen nur auf Jesus blicken und mit ihm beten. Er hat das auch getan, als es ihm schlecht ging. Sein Gebet in Gethsemane ist dafür ein wunderbares Beispiel. Es war in der Nacht vor seiner Gefangennahme. Da wusste er, was ihm bevorstand, und hatte natürlich Angst davor. Aber er hat sich trotz aller Verzweiflung an Gott gehalten. Er „ließ den Mut nicht sinken“ und betete: „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt.26,39b) Und das war ein großer Moment in der Menschheitsgeschichte. Es gibt dazu ein böhmisches Lied aus dem 19. Jahrhundert, in dem die kosmische Tragweite dieser Nacht besungen wird. (s.u.) Die ganze Natur nahm Anteil. Denn in Gethsemane wurde Jesus zu dem, der er heute ist, dem Überwinder des Todes und Begründer einer Weltreligion. Er hat sich durch dieses Gebet „zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt“. Wenn wir ihm in den Garten Gethsemane folgen und dasselbe Gebet sprechen, kann er uns deshalb aus allem herausziehen, was uns belastet und bedrückt, denn es verliert seine Bedeutung. Groß wird dagegen das, was wir „glauben und erhoffen“, seine Gegenwart und Kraft.

Das ist keine hervorragende Leistung, sondern eine Vertrauensübung. Wir dürfen unsere Schwäche mitbringen und sollen keine Helden der Heldinnen sein. Aber auch wenn wir nicht zu Stars werden, berühmt und bewundert, haben wir trotzdem Anteil an dem Größten, das es gibt, denn wir überwinden die Todesfurcht und gewinnen eine unerschütterliche Grundlage, die im Leben und im Sterben hält.

Amen.

Da Jesus in den Garten ging, und sich sein bittres Leiden anfing, da trauert alles, was da was, da trauert Laub und grünes Gras.
Die Feigenbäume bogen sich, die harten Fels zerkloben sich, die Sonn verlor den klaren Schein, die Vöglein lassen ihr Singen sein.
Hört zu nun alle, hört euch an: wer dieses Liedlein singen kann, der sing es Gott zu Ehr all Tag, auf dass sein Seel bleib ohne Klag.

Text und Melodie gehen auf eine 1840 in der Grafschaft Glatz gemachte Aufzeichnung zurück. Quelle für diese Aufzeichnung sind die „Ansinglieder“ Straubing 1590

Bei der Erklärung des Textes habe ich aus folgenden Übersetzungen zitiert:

  • Martin Dreyer, Die Volxbibel, München 2014, S. 2109ff, 2113
  • Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Frankfurt am Main, 2003, S.198 und 201
  • August Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD Band 9, Göttingen 1981, S. 209, 229ff

Durch Sterben zum Leben

Predigt über Johannes 12, 20- 26: Die Ankündigung der Verherrlichung

4. Sonntag der Passionszeit, Lätare, 14.3.2021, 9.30 Uhr Lutherkirche Kiel

Johannes 12, 20- 24
20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.
21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.
22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.
23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Liebe Gemeinde.

«Ein junger Mann betrat einen Laden. Hinter der Theke sah er einen Engel. Hastig fragte er ihn: „Was verkaufen Sie hier, mein Herr?“ Der Engel gab ihm freundlich zur Antwort: „Alles, was Sie wollen“. Der junge Mann dachte: ,Es ist ein Engel, also kann er mir sicher das Reich Gottes verkaufen.’
Deshalb sagte er: „Dann möchte ich gerne:das Ende der Kriege in aller Welt,
Beseitigung von Hunger und Armut,
Gerechtigkeit und Solidarität unter den Menschen,
mehr Zeit der Eltern für ihre Kindern,
immer mehr Bereitschaft, miteinander zu reden
und,…“
Doch da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: „Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich verkehrt verstanden. Wir verkaufen hier keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.“
Enttäuscht verließ er daraufhin den Laden, denn so hatte er sich das nicht vorgestellt. Seine Begeisterung verflog genauso schnell, wie sie gekommen war.»

Den Jüngern Jesu ging es sicher oft ganz ähnlich, denn er sagte ihnen immer wieder Dinge, die sie in dieser Weise nicht hören wollten. Das Evangelium von heute ist dafür ein Beispiel, denn da kündigtt er ihnen an, dass er bald sterben wird. Er spricht zwar von seiner „Verherrlichung“, aber er meinte damit seinen Kreuzestod. So wird er im ganzen Johannesevangelium verstanden: Seine Kreuzigung war zugleich seine Erhöhung, und nun war diese Stunde nahe. Das wusste Jesus und redete darüber mit seinen Jüngern.

Vor allen Dingen wollte er es ihnen erklären, und das tat er mit demselben Bild wie in der kleinen Geschichte, die ich eben erzählt habe, denn er spricht hier vom Samenkorn, aus dem etwas wächst, wenn man es in die Erde legt. Er sagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Das ist sein Gleichnis, das er auch schon an anderen Stellen verwendet hat, und damit beschreibt er seinen Tod und dessen Wirkung. Er wird nicht sinnlos sein, sondern Frucht tragen und neues Leben bewirken. Sein Sterben wird den Menschen das Heil bringen.

Er sagt seinen Jüngern das, um sie darauf vorzubereiten, denn für sie gelten dieselben Gesetzmäßigkeiten. Sie sollen seinen als auch ihren eigenen Tod annehmen und sich ganz auf ihn verlassen. Das ist die Aufforderung Jesu, und sie ist eine starke Zumutung an die Hörer und Hörerinnen. Er fordert sie bewusst heraus, wie er es ja oft getan hat. Wer zu Jesus gehören will, muss sich für ihn entscheiden und ihm auf dem Weg zum Kreuz folgen, d.h. er muss bereit zum Leiden und Sterben sein. Nur dann wird er dort hinkommen, wo Jesus sein wird: in die Herrlichkeit des Vaters, zu Gott.

Das Gleichnis vom Samenkorn veranschaulicht diese Regel sehr schön. Es muss ja sterben, um Frucht zu bringen, es muss in die dunkle Erde, um dann wieder ans Licht zu gelangen, zu wachsen und zu reifen: „Allein das Weizenkorn, bevor es fruchtbar sprosst zum Licht empor, wird sterbend in der Erde Schoß, vorher vom eignen Wesen los“. So hat es der reformierte Theologe und Kirchenliederdichter Samuel Preiswerk 1829 in einem Lied formuliert. Er dachte dabei an dieses Wort Jesu und dichtete weiter: „Du gingest, Jesu, unser Haupt, durch Leiden himmelan und führest jeden, der da glaubt, mit dir die gleiche Bahn.“ (EG, Ausgabe für Baden, Elsass und Lothringen, 606) Wer sich also nach Heil und Erlösung sehnt, muss leidensfähig und geduldig sein, anspruchslos und ruhig.

Das ist hier die Botschaft und die Ermahnung, und die geht uns möglicherweise gegen den Strich, denn natürlich hätten wir es gerne anders. Wir würden genauso wie der junge Mann, von dem ich am Anfang erzählt habe, am liebsten das Ende der Kriege in aller Welt kaufen, Hunger und Armut in einem Nu beseitigen, Gerechtigkeit und Solidarität unter den Menschen herbeiführen, Eltern dazu zwingen, mehr mit ihren Kindern zu spielen, die Menschen dazu bewegen, mehr miteinander zu reden usw.

Auch persönliches Glück, Zufriedenheit und Wohlstand würden wir am liebsten selber herstellen. Wir versuchen das alles auch dauernd, die einen mehr, die anderen weniger. Irgendwo ist jeder und jede von uns engagiert: In der Gemeinde, in der Familie, am Arbeitsplatz. Durch genügend Eifer, Leistung, Geld, und die richtigen Programme wird es schon gelingen, diese Welt und unser Leben zu verbessern. Das ist eine weit verbreitete Meinung.

Aber so einfach ist es eben nicht. Der Weg zum Heil und zum Frieden geht ganz wo anders lang, das will Jesus uns hier sagen. Und obwohl seine Worte provozieren, sind sie sehr klug und wahr. Denn mit unserem Wollen und Machen geraten wir alle irgendwann an eine Grenze. Vieles erreichen wir gar nicht, und anderes vergeht wieder. Jesus hat das erkannt und er möchte deshalb, dass wir das Leben und unsere Ideen nicht unnötig festhalten, sie nicht überbewerten und immer wieder ihre Unvollkommenheit entlarven. Er lädt uns zur Nüchternheit und zur Distanz gegenüber allem Machen und Wollen ein. Wir sollen uns nicht an irgendwelche Programme binden, sondern uns immer wieder im Loslassen üben. Wer sich an seinen eigenen Gedanken und Wünschen festhält, ist nicht gut beraten, denn er hält sich an Flüchtiges und manchmal auch an Böses. Er zieht das Unvollkommene dem Vollkommenen vor, das Zeitliche dem Ewigen, und das ist kein guter Weg. Er führt nicht zum Heil.

Um das zu erlangen, sind andere Vorgänge wichtig, und von denen spricht Jesus hier. Er erinnert uns mit dem Gleichnis an das natürliche Wachstum. Das gilt es wahrzunehmen und zuzulassen. Wenn wir eine bessere Welt oder ein schöneres Leben wollen, dann können wir dafür nur die Saat legen. Wir tragen sie auch bereits in uns, wenn wir geboren werden, denn Gott hat seinen Samen in uns hineingelegt. Es ist die Fähigkeit, friedlich und geduldig zu sein, zu glauben und zu hoffen, die wir alle haben. Wir müssen sie nur entwickeln und uns darin einüben, damit sie stärker und umfassender wird.

Die Haltung, um die es im Leben geht, wenn es gelingen soll, muss vom Hören und Erkennen geprägt sein, von Ruhe und vom Zulassen. Dann geschieht viel mehr, als wir ahnen. Der Same kann wachsen, Kraft entfaltet sich, das Leben wird schön.

Wir müssen also nicht traurig sein, wenn der Weg, den wir gehen, einmal eng wird. Das ist in dieser Krise ja der Fall. Wir leiden darunter in verschiedener Hinsicht. Auch in anderen Notlagen ist das so. Sie fühlen sich oft wie ein Sterben an. Aber das muss uns nicht niederdrücken, denn wir kennen Jesus, der uns treu durch alles Schwere hindurchführt. Er hat uns gerufen, und es gilt, unseren Blick fest auf ihn zu richten. Es ist sogar gut, wenn unser natürliches Lebensgefühl einmal in Frage gestellt wird, unser menschliches Denken und unsere weltliche Gesinnung. Gerade dann kann es sein, dass wir auf einem ganz geraden Weg sind. Wenn wir immer nur unsere eigenen Ideen und unsere Lust „pflegen“, können wir das nicht erleben. Nur wer bereit ist, sich selber auch einmal zu „verlassen“, und alles, was ihn innerlich bindet, zu lösen, findet den richtigen Weg. Wir müssen wie Pilger leben, „frei, bloß und wahrlich leer; viel sammeln, halten, handeln macht unsern Gang nur schwer.“ So hat der Mystiker Gerhard Tersteegen in seinem Pilgerlied formuliert. „Wer will, der trag sich tot; wir reisen abgeschieden, mit wenigem zufrieden; wir brauchen’s nur zur Not.“ (EG 393, 4) Das waren seine tiefe Einsicht und Entscheidung.

Aber wollen wir das auch? Wollen wir so leben und uns diese Haltung angewöhnen? Ist das nicht weltfremd und verantwortungslos, ignorant und selbstgenügsam? Was passiert denn, wenn wir alle nur noch abwarten, keiner mehr etwas tut und wir die Welt sich selber überlassen? Dann bricht doch das Chaos über uns herein, wir entziehen uns und fliehen vor der Realität. Das ist unser Einwand.

Doch das ist mitnichten so. Wir sollen uns ja nicht in uns selber zurückziehen, sondern der Kraft Gottes vertrauen. Und das ist etwas ganz anderes. Gott ist da, sein Reich hat längst begonnen. Wenn wir ihm etwas zutrauen, dann fliehen wir also nicht vor den Aufgaben, wir erfüllen vielmehr unsere christliche Pflicht. Denn wir werden von Christus dazu aufgerufen, die Dinge klar zu sehen, ihn zu erkennen und seine Kraft zuzulassen. Das möchte Gott, denn nur dann kann diese Welt so werden, wie er sie sich vorgestellt hat, nur dann kann sein Reich wachsen.

Und dass es das tut, merken wir an der Entspannung und der Freude, die er uns schenkt, wenn wir im Vertrauen auf ihn unsere Begrenztheit annehmen. Unser Leben wird dann ganz von alleine fruchtbar und kann gedeihen. Wir haben Teil am dem faszinierenden Ereignis der „Verherrlichung“ Jesu, an seiner Auferstehung und seiner Überwindung. In sie werden wir durch den Glauben hineingenommen.

Wir werden selber zum Samen in dieser Welt. Denn Gott macht etwas mit uns, er kann uns endlich einsetzen. Wir verhindern nichts mehr und stoßen auch an keine Grenzen. Wir erleben vielmehr, wie die Liebe wächst und der Frieden gedeiht.

Wir müssen also nicht enttäuscht sein, wenn uns „nur“ Samen angeboten werden. Sie sind das größte, was es gibt, denn sie bergen ein Geheimnis und ein Wunder: Es ist das Geheimnis des Wachsens, das ohne unser Zutun geschieht, und das Wunder der Frucht, die dabei herauskommt. Wir sollten sie deshalb willig annehmen und zu Jesus beten: „Du starbest selbst als Weizenkorn und sankest in das Grab. Belebe denn, o Lebensborn, die Welt, die Gott dir gab.“ (s.o.)

Amen.

So ist Versöhnung

Predigt über Jesaja 5, 1- 7: Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

2. Sonntag der Passionszeit: Reminiszere, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Menschen können singen und das tun sie aus ganz verschiedenen Anlässen: Wenn sie sich freuen und wenn sie traurig sind, aus Wut oder aus Begeisterung, um etwas zu erzählen oder zu vergessen. So gibt es Klage- und Loblieder, Dank- und Liebeslieder, Kampflieder, Balladen und vieles mehr. Wir besingen unsere Gefühle und Gedanken, unsere Erfahrungen und Einsichten. Und das tun wir, weil ein Lied noch mehr sagen kann, als das gesprochene Wort. Es berührt uns viel intensiver, spricht tiefere Schichten in unserer Seele an und inspiriert uns. Deshalb gibt es seit Menschengedenken Lieder, und viele aus uralten Zeiten sind auch überliefert. In der Bibel sind es die Psalmen, die alles enthalten, was Menschen in Lieder fassen können. Und verstreut finden wir noch etliche weitere, so z.B. bei den Propheten. Sie haben nicht nur geredet und gepredigt, sondern oft auch gesungen und zwar öffentlich.

Unser Predigttext von heute ist so ein Lied, das der Prophet Jesaja wahrscheinlich in Jerusalem vor dem Tempel gesungen hat, so dass alle es hören konnten. Es ist das sogenannte „Weinberglied“ und lautet folgendermaßen:

Jesaja 5, 1- 7

1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.
2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!
4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.
6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.
7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Was hat es damit auf sich? Am Anfang klingt dieser Text wie ein Liebeslied, am Ende wird er zum Klage- oder sogar Drohlied. Und was will der Prophet damit sagen?

Er sang sein Weinberglied wahrscheinlich anlässlich eines Herbstfestes in Jerusalem. Da war es üblich, dass man Lieder zur Unterhaltung der Menschen vortrug, auch Liebeslieder waren dabei. Und das Bild vom Weinberg für die Geliebte war bereits ein gängiges Motiv, weil es die Liebe schön beschreiben kann: Auch hier wird ja zuerst erzählt, wie der Liebhaber alles für seine Geliebte tut: Der Weinberg war auf einer fetten Höhe angelegt, es musste also das Beste daraus werden, wenn man sich seiner sorgsam annahm. Das tat der Weinbergbesitzer und wartete dann zu Recht darauf, dass er gute Trauben brächte. So weit gehen die heiteren Töne, die dann allerdings umschlagen: Alle Mühe war vergeblich, der Weinberg setzte faule, übel schmeckende Beeren an.

Ein enttäuschter Liebhaber beklagt sich also über seine treulose und undankbare Geliebte. Er wird zum Ankläger, der das Urteil der Menge herausfordert. Doch er wartet gar nicht auf den Urteilsspruch, sondern verkündet selber die Strafe, die die Untreue treffen wird: Er wird sie links liegen lassen, wird ihr Schutz und Pflege versagen, so dass sie gänzlich verkommt. Seine Liebe schlägt in Zorn um.

Das haben die festlich gestimmten Hörer und Hörerinnen vielleicht noch mit einer gewissen Schadenfreude aufgenommen, aber dann verging ihnen das Lachen sicher. Am Ende finden sie sich nämlich auf der Anklagebank vor. Das Bild wird enthüllt, indem der Prophet sagt: „Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing.“ Jesaja will mit seinem Lied also die Liebe zwischen Gott und seinem Volk beschreiben, denn die war auch einmal innig und schön. Aber dann wurde das Verhältnis durch die Schuld des Volkes zerstört. Nicht mehr in Bildern, sondern in einer klaren und scharfen Sprache wird der Grund solcher Zerstörung benannt: Es ist die Rechtsvergessenheit des Volkes, insbesondere seiner Oberschicht, Auflehnung gegen Gott, Schlechtigkeit und Sünde. Gott hatte das Seinige zu vollem Gedeihen getan, der Mensch aber hat versagt und wird deshalb untergehen. Das Todesurteil ist verhängt, das ist die erschreckende Ankündigung Jesajas.

Bestimmt waren die Menschen darüber empört und verärgert. So etwas wollten sie nicht hören, schon gar nicht auf einem Fest!

Und möglicherweise geht uns genauso. Es ist ja letzten Endes eine Gerichtspredigt, und die gefällt uns nicht. Das ist uns zu brutal. Wo bleiben da die Liebe und Geduld Gottes, seine Gnade und Barmherzigkeit? Außerdem stört uns möglicher Weise auch der Stil: Eine grausame Botschaft wird mit schöner Sprache und lieblichen Bildern eingeleitet, um dann umso heftiger Angst und Schrecken auszulösen. Wir fragen uns, was das soll. Und wozu lesen wir das noch?

Um darauf eine Antwort zu bekommen, ist es gut, wenn wir das Lied als Ganzes betrachten und zunächst die heitere Botschaft hören, die in dem anfänglichen Bild ausgemalt wird. Wir dürfen uns dabei ruhig mit dem Volk Israel gleichsetzen. Dann wird uns gesagt, dass Gott sich rührend um uns kümmert. Er ist um uns bemüht, er hängt an uns, an jedem und jeder einzelnen. Und er hat schöpferische und gestaltende Kraft, mit der er unser Leben ordnen kann. Er pflegt und erhält es, er tut ganz viel, um uns zu bewahren. Gott ist lebendig und mitfühlend. Er will nicht der strenge und strafende Gott sein, sondern er ist voller Liebe und Leidenschaft für uns Menschen.

Und so ist es auch geblieben. Hier wird zwar außerdem sein Zorn benannt, aber der war nicht sein Wesensmerkmal, sondern eine Reaktion auf die Untreue seines Volkes. Die forderte er und er war enttäuscht. Das Strafgericht, das daraus folgte, wird ja an vielen Stellen im Alten Testament thematisiert.

Aber dabei ist es nicht geblieben, denn eines Tages änderte Gott seine Strategie. Er merkte, dass seine Strafe zu nichts führte, und so hat er sich eines anderen besonnen und den Menschen die versöhnende Hand gereicht. Das ist die Botschaft des Neuen Testamentes: Er hat uns wissen lassen, dass er uns „trotzdem mag“ und endgültig Frieden geschlossen. So wird es uns mit dem Kommen Christi verkündet. Das Evangelium ist „wie ein Brief nach langem Schweigen“ und „wie ein unverhoffter Gruß.“ Durch die Augen Jesu Christi schaut Gott uns mit einem „Blick“ an, „der Hoffnung weckt“. Wir sollen keine Angst vor ihm haben, sondern nur seine Liebe erwidern. Das ist sein großes und versöhnendes Angebot.

Trotzdem ist dadurch noch nicht alles gut, denn leider vergessen wir das oft. Häufig entscheiden wir ohne Gott, was wir für richtig halten. Dabei versuchen wir, die wir hier sitzen, natürlich das Gute zu tun, das, was uns und den anderen hilft, was gerecht und friedlich ist. Die Frage ist allerdings, ob uns das auch gelingt, denn wir werden dabei von Wünschen und Ideen gesteuert und leider oft auch von Besserwisserei und einem gewissen Kontrollbedürfnis. Und dadurch machen wir zwangsläufig Fehler.

In der jetzigen Situation wird das besonders deutlich: Die Politiker und Politikerinnen müssen ständig folgenschwere Entscheidungen treffen. Sicher machen sie etliches richtig, aber sie machen auch vieles falsch. Denn niemand weiß oder kann genau abwägen, was jetzt wirklich das ratsamste ist. „Wie man‘s macht, ist es verkehrt.“ Das ist z.Zt. das Dilemma, das wir ja auch aus dem persönlichen Leben kennen.

Da lauern ebenfalls ständig Gefahren der Zerstörung, weil niemand verhindern kann, dass er andere enttäuscht oder verletzt, übergeht oder vergisst. Wir können den Frieden und die Gerechtigkeit verlieren, auch wenn wir uns noch so sehr um sie bemühen. Unkraut überwuchert oft das Gute, unser Leben bleibt trocken und unfruchtbar. Das sollten wir erkennen und zugeben, denn dann sind wir bereits auf einem besseren Weg.

Es ist der Weg der Demut und der Ehrlichkeit uns selber gegenüber. Wir müssen uns unsere Fehlbarkeit und Begrenztheit eingestehen, die Kontrolle vorübergehend aus der Hand geben, unsere Besserwisserei beenden und zugeben: „Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“ So hat Matthias Claudius das ausgedrückt in dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ (EG 482,4). Diese Selbsterkenntnis tut schon mal gut, sie macht uns nüchtern und relaistisch.

Aber noch heilsamer ist dann der nächste Schritt, der darin besteht, dass wir auf die Geduld und Liebe Gottes vertrauen und bitten: „Gott lass uns dein Heil schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.“ (EG 482,5)

Das Heil ist zum Greifen nahe, wir müssen es nur annehmen und uns für seine Kraft öffnen. Dann gewinnen wir einen viel größeren Schutz, als durch unsere Eigenmächtigkeit. Denn wir vertrauen auf die Macht der Liebe und der Versöhnung. Und das ist das wirksamste Mittel zu mehr Gerechtigkeit und Frieden. Es ist „ein Weg aus der Bedrängnis“, denn unser Leben wird geordnet, wir fühlen uns frei und gelassen, wir gewinnen Stärke und Kraft. Gottes schöpferische Energie kann wirken. Unser Leben wird wie ein fruchtbarer Weinberg, auf den „ein frischer Tau fällt“. Es fühlt sich an „wie ein Fest nach langer Trauer“.

So beginnt ein Lied, das noch viel besser als bloße Worte beschreiben kann, was Versöhnung bedeutet:

1. Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht, ein off’nes Tor in einer Mauer, für die Sonne aufgemacht. Wie ein Brief nach langem Schweigen, wie ein unverhoffter Gruß, wie ein Blatt an toten Zweigen, ein »Ich-mag-dich-trotzdem-Kuss«:
So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn. So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn.
2. Wie ein Regen in der Wüste,  frischer Tau auf dürrem Land, Heimatklänge für Vermisste, alte Feinde, Hand in Hand. Wie ein Schlüssel im Gefängnis, wie in Seenot »Land in Sicht« wie ein Weg aus der Bedrängnis, wie ein strahlendes Gesicht. So ist Versöhnung…
3. Wie ein Wort von toten Lippen, wie ein Blick, der Hoffnung weckt, wie ein Licht auf steilen Klippen, wie ein Erdteil neu entdeckt. wie der Frühling, wie der Morgen, wie ein Lied, wie ein Gedicht, wie das Leben, wie die Liebe, wie Gott selbst, das wahre Licht. So ist Versöhnung…

Text: Jürgen Werth 1988
Melodie: Johannes Nitsch 1988

Liebe, dir ergeb ich mich

Predigt über Jesaja 58, 1- 9: Falsches und rechtes Fasten
Sonntag vor der Passionszeit, Estomihi, 14.2.2021, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Im Jahr 269 erlitt der Priester Valentin von Rom den Märtyrertod. Er wurde hingerichtet, weil er Soldaten getraut hatte, denen das Heiraten verboten war. Außerdem hatte er während der Christenverfolgungen im Römischen Reich Gottesdienste für Christen gefeiert.

200 Jahre später führte Papst Gelasius den 14. Februar als seinen Gedenktag ein.

Im 14. Jahrhundert wurde das Fest des heiligen Valentinus dann erstmals mit der romantischen Liebe verbunden, und im England des 18. Jahrhunderts entwickelte es sich zu einer Gelegenheit, bei der Paare ihre Liebe zum Ausdruck brachten. Sie schenkten einander Blumen und Süßigkeiten und schickten sich Grußkarten. Diese Sitte hat sich seitdem in ganz Europa und vielen Industrieländern verbreitet, und dadurch ist sie auch bei uns üblich geworden.

Der heutige Tag scheint also gut zu dem Thema zu passen, das unser Predigttext enthält. Er handelt nämlich von Liebe und Fürsorge, gegenseitiger Rücksicht und Hilfe. Es ist ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja und lautet folgendermaßen:

Jesaja 58, 1- 9a

1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!
2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.
3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«
Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?
6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“
7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Der Prophet Jesaja ermahnte sein Volk also zu Nächstenliebe und gegenseitiger Fürsorge. Denn er erlebte, dass das in der Gesellschaft fehlte. Die Menschen in seiner Zeit – das war nach der Rückkehr aus dem Exil – hatten zwar mit dem Bau eines neuen Tempels begonnen und hielten bestimmte Fastentage ein, aber sie waren ihm dabei nicht fromm und ehrlich genug. Denn sie hofften eigentlich nur, dass Gott sie hörte und sah und sie dafür belohnen würde. Sie erwarteten seine Hilfe. Aber die kam nicht, und das ärgerte sie. „Warum fasten wir und du siehst es nicht an?“ Das war ihr Vorwurf: Sie aßen nichts, kleideten sich in Sack und Asche, unterdrückten alle leiblichen Freuden, doch nichts änderte sich! Der Aufbau ging nur schleppend voran, das Leben blieb ärmlich und bedürftig.

Darauf antwortet der Prophet hier und er sagt: Eure Fastentage gefallen Gott nicht, denn sie sind nur äußerlich. In Wirklichkeit beschäftigt euch doch etwas ganz anderes, als das Gebet und der Wille Gottes. Die Fastenden nutzten die Tage nämlich dazu, leichter Geschäfte betreiben zu können. Sie mahnten ihre Schuldner, ließen die Arbeiter schuften, und es kam obendrein auch noch zu Zank und Streit, sogar zu Gewalttaten. Es gab also erhebliche Missstände, und die klagt der Prophet hier an. So ein Fasten war völlig nutzlos.

Was Gott in Wirklichkeit will, ist zwar auch eine gewisse Selbstbeschränkung und ein Verzicht, aber nicht als kultisches Ritual, sondern als die tätige Liebe am Mitmenschen. Damit will Gott geehrt sein, darin besteht der wahre Gottesdienst. Und zwar geht es um Liebe an den Entrechteten und Misshandelten, den Sklaven und Gefangenen, den in ihrer wirtschaftlichen Existenz Bedrohten und in Schuldhaft Sitzenden. Und es geht ebenso um die Liebe an den Hungernden, Heimatlosen und Frierenden. Es geht stets um die Sorge für den Bruder und die Schwester, für den in Not befindlichen „Nächsten“.

Das ist hier die Mahnung, und es folgt darauf auch noch eine Verheißung. Für ein derartiges Leben in Liebe wird das ersehnte Heil kommen. Es wird sich also etwas ändern, langsam aber sicher.

Das klingt in unseren Ohren alles sehr vertraut, denn die Nächstenliebe ist längt ein wichtiges Thema in der Kirche geworden. Was hier erwähnt wird, sind Aufgaben, die von verschiedenen kirchlichen Initiativen und Einrichtungen schon seit langem übernommen werden. Brot für die Welt sorgt z.B. dafür, dass Menschen in ärmeren Gegenden der Erde genug zu essen bekommen. Bei uns gibt es so etwas wie die „Kieler Tafel“, Unterkünfte für Obdachlose werden bereit gestellt, wir sammeln immer wieder Altkleider, damit andere etwas anzuziehen haben. Und Pfarrstellen gibt es auch überall: in Gefängnissen, Krankenhäusern und Altenheimen. Das Feld der Diakonie ist sehr weit, es gibt unzählige Helfer und Helferinnen, haupt- und ehrenamtliche. Wer Zeit und Kraft hat, engagiert sich irgendwo und praktiziert die Nächstenliebe.

Trotzdem sollten auch wir einmal unser Gewissen überprüfen und uns fragen, mit welcher Einstellung wir das machen. Wir tun zwar Gutes, aber unser Handeln bleibt doch oft genauso äußerlich wie das Fasten der Israeliten. Es hat nicht viel mit Gott zu tun, sondern eher mit unseren moralischen Werten, Mitmenschlichkeit und Armenfürsorge. Es ist unser soziales Engagement, zu dem uns Anstand und Mitgefühl motivieren.

Es geht dem Propheten aber nicht nur darum. Er will vielmehr, dass Gott im Leben und in der Gesellschaft lebendig ist. Der Glaube erschöpft sich nicht in Ritualen und im organisierten Handeln, sondern in einem lebendigen inneren Vollzug, an dem der ganze Mensch beteiligt ist. Gott ist keine Idee, und der Glaube kein Programm. Gott ist vielmehr ein lebendiges Gegenüber und eine Realität. Wir können mit ihm rechnen und sollen ihn lieben. Es geht um persönliche Hingabe und Offenheit, um echte und gelebte Liebe, die von Herzen kommt.

Deshalb scheint das Thema wie gesagt gut zum Valentinstag zu passen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn genauso wenig wie die Nächstenliebe einfach nur ein moralisches Verhalten ist, genauso wenig dürfen wir sie mit der romantischen Liebe verwechseln. Im Griechischen gibt es deshalb auch zwei Begriffe für Liebe: den Eros und die Agape, und die haben eine sehr unterschiedliche Bedeutung. 

Der Eros macht zwei Liebende zu einem Paar, und die Verbindung kommt durch den Wunsch nach Befriedigung zu Stande, durch die Sehnsucht nach Zuwendung und Aufmerksamkeit. Der Liebespartner bzw. die Liebespartnerin möchte etwas bekommen. Die Liebenden haben Bedürfnisse und Erwartungen, ihre Lust regt sich, und sie vereinigen sich seelisch und körperlich.

Die Agape dagegen möchte etwas geben und sich verausgaben. Wer sie lebt, vergisst sich selber, wird selbstlos, bringt Opfer für die anderen und ist leidensfähig. Sie wendet sich auch denjenigen zu, die nicht liebenswert sind, und fragt nach keiner Gegenleistung. Sie ist uneigennützig und von Gott inspiriert, d.h. eine Kraft des Geistes und des Glaubens.

Jesus Christus hat uns in wunderbarer Weise vorgelebt, wie diese Liebe aussieht. Er war davon erfüllt, hat sie anderen Menschen gegeben und ist am Ende dafür gestorben. Und natürlich meint der Prophet Jesaja genau das. Was er beschreibt, hat sich im Neuen Testament erfüllt. Vorher sind die Menschen trotz aller Ermahnungen auch immer wieder daran gescheitert. Erst durch Jesus Christus ist die Liebe, wie Gott sie sich vorstellt, möglich geworden. Und sie ist viel größer und tiefer als das, was wir am Valentinstag feiern.

Gegeneinander ausspielen sollten wir die beiden verschiedenen Weisen zu lieben allerdings nicht, denn wenn die erotische Liebe halten soll, muss sie sich irgendwann in selbstlose Liebe verwandeln. Wer liebt muss leiden können, denn in jeder Liebesbeziehung gibt es Enttäuschungen und Verletzungen. Niemand kann die Erwartungen des oder der anderen vollständig erfüllen, es bleibt immer etwas zu wünschen übrig. Es ist deshalb gut, wenn wir uns von der Liebe erfüllen lassen, die Jesus Christus uns schenkt, und bereit sind, selbstlos füreinander da zu sein und auch zu leiden.

Dazu werden wir eingeladen, und es ist gut, dass wir das von Jesus Christus lernen können. Ohne ihn würden wir es nämlich genauso wenig schaffen wie die Israeliten. Wir brauchen den göttlichen Beistand, um die Agape zu verwirklichen. Nicht umsonst gehen so viele Paare wieder auseinander. Aber das muss nicht sein, denn die Hilfe ist da, der Grund ist gelegt, wir müssen uns nur ganz Jesus Christus anvertrauen.

Der christliche Mystiker Johann Scheffler, dessen Lyrik wir auch unter dem Namen Angelus Silesius kennen, hat das 1657 wunderbar in einem Lied zum Ausdruck gebracht, das in unserem Gesangbuch steht. Es handelt von der „Liebe“, die ihn zum „Bilde ihrer Gottheit gemacht hat“, und damit meint er Jesus Christus. Denn er sagt von ihr, dass sie „Mensch geboren wurde“, und für ihn „gelitten“ hat und „gestorben“ ist. Scheffler bekennt sich mit dem Lied also zu Jesus Christus und seinem Heilswerk und er verspricht, sich ihm „ewiglich zu ergeben“. (EG 401)

Amen.

Achtet auf das „prophetische Wort“!

Predigt über 2. Petrus 1, 16- 19: Die Verklärung Jesu und das prophetische Wort

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 31.1.2021. 9.30 Uhr, Lutherkirche

Liebe Gemeinde.

In den Nachrichten hören wir oft von Überschwemmungen ganzer Landesteile, Städte oder Dörfer. Ein Fluss ist über die Ufer getreten, weil es zu viel geregnet hat; ein Damm ist gebrochen, oder es gab eine Sturmflut. Meistens fordert so ein Ereignis nicht nur Häuser, Gebäude, Autos, Bäume usw., sondern auch Menschen- und Tierleben. Auf jeden Fall ist eine Wasserflut gefährlich: Sie reißt mit sich, was ihr in den Weg kommt, richtet Chaos an, zerstört und tötet. 

Wir gebrauchen das Wort „Flut“ auch in anderen Zusammenhängen, und da hat es ebenfalls eine bedrohliche Bedeutung: Es kann eine Flut von Bildern geben, eine Flut von Meinungen und Gedanken, eine Flut von Nachrichten und Informationen. Und auch davor müssen wir uns schützen, sonst verlieren wir die Orientierung, werden zerrissen und unruhig, fremdbestimmt und sorgenvoll. Wir können psychisch und mental untergehen.

Das ist besonders in diesen Zeiten eine Gefahr. Wenn wir es drauf ankommen lassen, werden wir mit Meldungen – besonders zur Corona-Krise – „überflutet“: Zahlen und Statistiken, Warnungen und Verordnungen überschwemmen uns geradezu und machen uns nervös. Natürlich sollten wir die geltenden Regeln kennen, aber wir müssen uns gleichzeitig davor hüten, in all diesen Nachrichten „unterzugehen“.

Dafür brauchen wir einen festen Standpunkt, einen sicheren Grund, auf dem wir stehen und standhalten können. Und genau davon handelt unser Predigttext von heute. Es ist ein Abschnitt aus dem zweiten Petrusbrief. Da heißt es im ersten Kapitel:

2. Petrus 1, 16- 19

16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen.
17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.
19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.

Der Verfasser gibt sich als Petrus aus und meint damit den Jünger Jesu und späteren Apostel. Wir wissen inzwischen, dass er es nicht gewesen sein kann, aber es ist gar keine schlechte Idee, in seinem Namen zu schreiben. Der Brief soll so etwas wie ein Testament des Petrus sein und damit eine zuverlässige Quelle für die christliche Hoffnung. Denn Petrus war nicht nur Augenzeuge des Lebens Jesu, er gehörte auch zu den drei auserwählten Jüngern, die bei seiner Verklärung dabei waren auf dem „heiligen Berge“. Wir haben die Geschichte, die in drei Evangelien erzählt wird, eben gehört. Sie handelt davon, wie die göttliche Natur Jesu einmal kurz auf Erden sichtbar wurde. Petrus hat die „Herrlichkeit des Herrn Jesus Christus selber gesehen“. Und er hat die Stimme Gottes gehört, die dabei vom Himmel kam und sagte: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Seine Predigt bestand also nicht in „ausgeklügelten Fabeln“. So übersetzt Luther das Wort, das hier steht. Es ist das griechische Wort „Mythos“, und das bedeutet u.a. Märchen, Erzählung oder Geschichte. Was der Verfasser damit konkret andeuten will, ist nicht ganz klar. Er beschreibt diese „Mythen“ zusätzlich als „ausgeklügelt“, d.h. sie sind ausgedacht und schlau, und es kann sein, dass er bestimmte Irrlehren meint. Es gab damals ja viele religiöse und philosophische Strömungen, mit denen sich die Christen auseinandersetzen mussten. Doch nur eine Geschichte war wirklich vertrauenswürdig und verlässlich, und die will der Verfasser gewährleisten.

Dabei ist es interessant, dass das Wort „Mythos“ allgemein einfach „Rede“ oder „Wort“ bedeutet, „Mitteilung“, „Bericht“ oder die „Äußerung eines Gedankens“. Es muss also gar nicht um ganze Geschichten gehen, von denen sich das Evangelium unterscheidet, es ist auch mehr als eine beliebige Meldung oder Meinung. Es hat einen anderen Charakter und kann deshalb ganz anders wirken. Und worin der besteht, sagt der Schreiber in dem letzten Vers, den wir heute bedenken: Da nennt er das Evangelium das „prophetische Wort“, und wir „tun gut daran, darauf zu achten als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in unseren Herzen.“

Das ist ein schönes Bild, mit dem der Schreiber noch einmal an die Verklärungsgeschichte anknüpft: Da erschien Jesus den Jüngern in einem hellen Licht. Es war wie das Anbrechen eines neuen Tages, und diesen Zustand kann das Wort des Evangeliums im Herzen der Gläubigen bewirken. Sie erkennen in Jesus Christus die Herrlichkeit Gottes und werden dabei verwandelt. Mit dem „finsteren Ort“ ist die gegenwärtige Welt gemeint, zu der wir noch gehören. In ihr herrschen der Tod und die Angst, Leid und Not. Aber das muss uns nicht verschlingen oder mitreißen, denn es gibt ein helles Licht, das in jedem und jeder aufleuchten kann.

Und das ist eine gute Botschaft: Wir müssen nicht in der Flut der traurigen und schlechten Nachrichten untergehen, sondern können uns auf ein Wort verlassen, das uns in eine „Lichtflut“ stellt. Auch in diesem Zusammenhang gebrauchen wir ja gerne das Wort „Flut“, wie etwa bei dem Begriff „Flutscheinwerfer“. Sie machen die Nacht taghell und sorgen dafür, dass wir die Dinge erkennen, die vor sich gehen, wie z.B. bei einem Fußballspiel, einem Konzert oder einem Polizeieinsatz. Diese Eigenschaft hat das Wort Gottes über Jesus Christus. Es ist wie ein Flutlicht, und es ist ratsam, dass wir es in unser Herz scheinen lassen. Dann wird alles in uns hell und klar.

Aber wie geht das nun? Und können wir die Stimme Gottes überhaupt so hören, wie es in der Bibel erzählt wird? Er spricht doch gar nicht direkt zu uns. Was die Menschen von damals bezeugen, erleben wir nicht. Das ist unser Einwand. Lasst uns deshalb fragen, wie und wann das Wort Gottes überhaupt hörbar wird und in dieser Weise scheinen kann.

Und dabei hilft uns, dass der Verfasser unseres Textes die Qualität des Evangeliums der Qualität anderer Nachrichten gegenüberstellt und sie deutlich voneinander abhebt. Dadurch lädt er uns nämlich indirekt dazu ein, uns der Flut all der minderwertigen Botschaften zu entziehen und verstärkt auf das eine, „prophetische Wort“ zu achten, das allein lebendig und erhellend ist.

So ein ähnliches Vorgehen hat vor ein paar Wochen auch eine Psychotherapeutin empfohlen, die in der Zeitung zitiert wurde. Sie gebrauchte dafür den Begriff „Informationshygiene“. Der ist gerade jetzt sehr aussagekräftig, weil wir ständig an Hygienevorschriften erinnert werden und uns daran halten müssen. Sie beziehen sich auf unser körperliches Wohlergehen: Wir sollen uns nicht mit dem Virus infizieren. Aber es gibt eben auch noch ganz andere Infektionsgefahren: Die Seele kann sich von Angst und Sorge anstecken lassen. Unser Geist kann von all den negativen Meinungen und Gedanken verseucht werden, und das macht uns dann genauso krank wie das Virus es vermag. Wir müssen uns auch davor schützen und wohl dosieren, wie viele Nachrichten wir hören, wie viele schlaue Berichte wir lesen, wie vielen „ausgeklügelten Fabeln“ wir folgen wollen. Auch unser Geist und unsere Seele brauchen Hygiene. Man spricht nicht umsonst von „Seelenhygiene“, wenn es darum geht, in sich hineinzuschauen, auf sich selber zu achten und sich innerlich von negativen Einflüssen zu reinigen.

Doch so ganz einfach ist das nicht, denn die Flut der Meldungen rollt jeden Tag aufs Neue an und will uns mitreißen, wie bei einer Wasserflut und einer Überschwemmung. Dieses Bild ist ganz hilfreich, denn vor ihr rettet man sich am besten, indem man auf eine Anhöhe steigt. Das tun die Menschen ja, die davon betroffen sind: Sie klettern auf ihre Dächer, auf den Deich oder einen Berg.

Und genau das müssen wir im Geist tun. Die Jünger sind mit Jesus auch auf einen Berg gestiegen, um ihn im göttlichen Licht zu sehen. Sie haben eine Pause gemacht und den Alltag unter sich gelassen. Sie waren vorübergehend für niemanden erreichbar, nur für die Gegenwart Jesu und die Stimme Gottes. Und das heißt: Auch wir müssen Pausen einlegen, damit die vielen Stimmen, die auf uns „einströmen“ und uns „überfluten“ wollen, einmal zum Schweigen kommen. Wir hören das „prophetische Wort“ so selten, weil es viel zu laut um uns herum ist, weil wir uns ständig von allem möglichen mitreißen lassen. Wenn wir da aussteigen, und es stiller wird, nehmen wir plötzlich ganz andere Dinge wahr. Wir beruhigen uns, hören die Stimme Gottes, und unser Geist wird klar.

Anselm Grün formuliert das in einer Betrachtung zu unserem Textabschnitt so: „Das Wort Gottes, das mit dem Herzen aufgenommen wird, das leuchtet in unserer Dunkelheit. Es lässt den Tag anbrechen in unserem Inneren. Die Nacht mit ihrer Undurchschaubarkeit, die Nacht mit all dem Bösen, das in ihr geschieht, weicht dem Tag. Der Morgenstern leuchtet in uns auf. Christus selbst leuchtet im göttlichen Wort in unseren Herzen auf.“ (Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttext-Reihe VI,1, Göttingen 1995, S. 79)

Und der reformierte Pfarrer Adolf Lampe aus dem Rheinland hat das Licht, das von Christus ausgeht, 1718 in einem Lied als „Lebenssonne“ bezeichnet. Ihre „Strahlen“ scheinen auch „im Dunkeln“ und sind mit nichts zu vergleichen. Er bittet Jesus um die „Klarheit“, die alle „Schatten“ aus seinem Herzen vertreiben kann. Denn er möchte „in diesem Licht wandeln“, es soll in ihm „wohnen, herrschen, leuchten und heilen“. Dafür „räumt er ihm Herz und Mut.“ Denn er weiß und bekennt: „Ohne dieses Licht des Lebens lebt ich in der Welt vergebens.“ (EG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 1994, Nr. 597)

Amen.

Freut euch des Himmels!

Predigt über Johannes 2, 1- 11: Die Hochzeit zu Kana

2.Sonntag nach Epiphanias, 17.1.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Johannes 2, 1- 11

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.
2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
4 Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.
6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.
7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.
9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam
10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.
11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Liebe Gemeinde.

Anfang des Jahres bekam ich von meinem Neffen und seiner Freundin einen Brief. Im Umschlag war eine Karte, auf deren Vorderseite steht neben einem Foto von den beiden – sie sind darauf sehr hübsch gekleidet – das Wort „Liebe“ und: „We said yes.“ Der Text auf der Innenseite lautet: „Wir haben uns still und heimlich und ganz für uns das JA Wort gegeben. In diesen turbulenten Zeiten haben wir uns nochmal ganz bewusst gemacht, was für uns wirklich wichtig ist im Leben. Deshalb haben wir diesen Moment ganz für uns und ohne viel Trubel genossen.“

Es war eine Hochzeit ohne Fest, denn das geht zurzeit nicht, aber vielleicht brauchen die beiden es auch nicht. Andere Paare haben ihre Trauung, die sie eigentlich letztes Jahr feiern wollten, verschoben. Wir haben deshalb für den Sommer schon eine ganze Reihe von Anmeldungen. Ob das dann klappt, wissen wir nicht, aber wir hoffen es alle, denn natürlich wollen wir irgendwann auch wieder mit vielen Menschen zusammenkommen, feiern und fröhlich sein.

Jesus hat das offensichtlich auch getan. Davon handelt die Geschichte, die wir eben gehört haben. Sie erzählt, wie er einmal zu Gast bei einer Hochzeit war. Sie fand in Kana statt.

Wo diese Stadt wirklich war, lässt sich nicht mehr herausfinden. Wir haben nur den Hinweis, dass sie in Galiläa lag, dem nördlichen Teil Palästinas, wo Jesus sozusagen zu Hause war. Deshalb war er dort wohl auch zu einer Hochzeit eingeladen. Vielleicht war es sogar ein Familienfest, denn seine Mutter war ebenfalls dabei, und alle seine Jünger, und die stammten genauso wie er aus dieser Gegend. Es waren also viele Gäste anwesend, so wie es damals üblich war. Eine Hochzeit im alten Orient war ein langes und großes Fest. Das ganze Dorf nahm daran teil, alle Freunde und Verwandten kamen und feierten mit. Es dauerte normalerweise sieben Tage.

Es ist hier also kein Wunder, dass der Wein irgendwann alle war. Davon brauchte man ganz schön viel, und offensichtlich hatte der Bräutigam, oder wer dafür verantwortlich war, sich verkalkuliert, und nicht genug vorgesehen. Es war zwar bereits gegen Ende des Festes, die Leute hatten also schon ausgiebig getrunken, aber es war trotzdem peinlich. Das durfte eigentlich nicht passieren.

Die Mutter Jesu fand das auch. Und sie traute ihrem Sohn zu, dass er helfen konnte. Sie hielt ihn bereits für einen Wundertäter. In der Öffentlichkeit hatte er das zwar noch nicht gezeigt, aber Mütter wissen über ihre Kinder ja oft mehr als andere. Und so sagte sie zu ihm: „Der Wein ist alle“, und das war so etwas wie eine Aufforderung, etwas zu tun. Jesus verstand das auch, aber er fand das nicht gut. Er ignorierte es völlig, dass sie seine Mutter war, und redete sie nur barsch mit „Frau“ an. Sie sollte ihn in Ruhe lassen, denn nicht sie bestimmte, wann er seine Macht offenbarte. Jesus hing von den Weisungen seines Vaters im Himmel ab. Der allein gab an, wann seine Stunde gekommen war.

Seine Mutter nahm die Zurückweisung wohl auch nicht persönlich, jedenfalls akzeptierte sie sie und zog sich zurück. Allerdings glaubte sie weiter daran, dass er Abhilfe schaffen würde, denn sie sagte zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“. Sie hielt an ihrer Überzeugung fest, dass er Wunder tun konnte.

Und so geschah es dann auch. Es standen da sechs riesige Krüge, die für das Wasser zur Reinigung bestimmt waren, jeder fasste 80 bis 120 Liter. Die Reinigung war nach dem Gesetz des Mose ein Bestandteil des Festes und der Mahlzeit. Dazu gehörten z.B. das Waschen der Hände und natürlich auch die Reinigung der Gefäße, also der Abwasch.

Und bei diesen Krügen, die noch leer waren, gab Jesus den Dienern nun zwei Befehle: Sie sollten sie mit Wasser füllen, und dann den Speisemeister von diesem Wasser kosten lassen. Das taten sie, und als der Mundschenk das Wasser probierte, war es köstlicher Wein. Er wusste nicht, woher er kam, und war natürlich äußerst verwundert. Es war sogar guter Wein, besserer als der Vorige, und er wurde ausgeschenkt. So konnte das Fest weitergehen.

Das ist die Geschichte, die von dem ersten Wunder handelt, das Jesus tat. Es wird selbst gar nicht beschrieben, sondern stillschweigend vorausgesetzt, als das Wasser zu Wein geworden war. Eigentlich haben auch nur die Diener mitbekommen, dass Jesus hinter der plötzlichen Weinfülle steckte. Trotzdem „offenbarte er damit seine Herrlichkeit“, wie es abschließend heißt. Bestimmt haben also seine Jünger erfahren, dass er dieses Wunder getan hatte.

Für sie war es auch bestimmt: Es sollte ihren Glauben stärken, dass Jesus der Sohn Gottes war, der Messias, auf den sie gewartet hatten. Der Wein war eine Gabe des Gottessohnes. Wir müssen ihn als ein Symbol verstehen. Es ist damit das ewige Leben gemeint, die unerschöpfliche Fülle, Heil und Freude. Jesus bringt sie uns. Er zeigt uns die Gegenwart Gottes und feiert mit uns ein himmlisches Fest.

Es geht also nicht um den Alkohol oder um eine ausgiebige Feier. Es gibt Leute, die hören hier heraus, dass Jesus daran Spaß hatte: Er konnte lustbetont und gesellig sein, freute sich am Leben, aß und trank gern, weil er genauso weltlich war wie wir. Diese Auslegung ist natürlich ganz praktisch, denn damit sagt die Geschichte, dass wir ruhig feiern dürfen, Speisen und Getränke nach Herzenslust genießen. Partys und lustvolle Zusammenkünfte werden von Jesus abgesegnet.

Doch wenn das der Inhalt ist, was nützt sie uns dann in Zeiten wie diesen? Sie wäre bedeutungslos, denn das alles geht gerade nicht. Und das macht uns durchaus zu schaffen. Wir vermissen den Trubel und die Geselligkeit, Feste und Konzerte, und da stimmt es uns umso trauriger, wenn wir hören, dass Jesus das eigentlich gut fand.

Aber so ist die Geschichte auch nicht gemeint. Der Wein ist wie gesagt als ein Symbol zu verstehen. Jesus ist gerade nicht einfach nur ein Mensch wie alle anderen, sondern er bringt etwas, was wir von uns aus nicht machen können: Er bringt den Himmel auf die Erde. Und das ist viel mehr, als dass nur unsere Feste und unser Spaß am Feiern gut geheißen werden. Es geht um Fülle und Freude in einem viel tieferen Sinn, um die Ewigkeit, die größer als alles ist, und der gegenüber sämtliche anderen Dinge klein werden. Es geht um das, was „wirklich wichtig ist im Leben“.

Und das ist auch gut so, denn es gibt immer Zeiten wie diese, wo Feste nicht möglich sind. Es kann uns auch durch ganz andere Krisen abhandenkommen: eine schwere Krankheit, ein Unfall, tiefe Traurigkeit, Enttäuschung und Resignation. In solchen Situationen ist uns nicht nach Feiern zu Mute und wir merken, wie begrenzt und vergänglich die irdische Freude ist. Unser Leben ist ständig gefährdet und es endet auf jeden Fall mit dem Tod. Es ist deshalb gut, wenn wir uns sowohl in guten als in schlechten Zeiten nach einem anderen Heil ausstrecken. Und genau das will Jesus uns schenken.

Natürlich bejaht er das Leben. Er möchte, dass wir uns freuen und Gemeinschaft haben. Aber das ist bei ihm mehr, als wir uns normalerweise vorstellen. Denn in ihm berühren sich Himmel und Erde. Die Betonung liegt in unserer Geschichte auf dem Wunder, auf der Verwandlung, die stattfindet: Aus dem Profanen wird etwas Heiliges, weil Gott auf der Erde erschienen ist. Und das heißt: Im Glauben an Jesus wird unser Leben verändert. Wir werden emporgehoben und bekommen Kontakt zur Ewigkeit.

Wir müssen nur der Aufforderung folgen, die in unserer Geschichte indirekt vorkommt. Das Hochzeitspaar hatte Jesus ja eingeladen, und das müssen wir auch tun, d.h. „Komm zu uns“ sagen und „herein“, wenn er anklopft. Wir müssen uns und unsere Tür für ihn öffnen, damit er unser Gast sein kann. Es gibt ein Tischgebet, mit dem diese Einladung sehr schön und einfach formuliert ist. Es lautet: „Komm Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne uns, und was du uns aus Gnaden bescheret hast.“ Es ist die Bitte um Segnung der Speise, aber es beinhaltet noch viel mehr. Wir können dieses Gebet auf unser ganzes Leben übertragen und auch in anderen Situationen sprechen.

Und dazu haben wir gerade jetzt eine wunderbare Möglichkeit. Wir dürfen nicht mit vielen Gästen zusammen sein. Unser Leben ist ruhiger als sonst. Aber darüber müssen wir nicht traurig sein, sondern wir können diese Ruhe dazu nutzen, einen ganz besonderen Gast einzuladen und viel Zeit mit ihm zu verbringen: Jesus Christus, den Sohn Gottes. Er wartet schon darauf, dass wir ihn in unser Herz hineinlassen und mit ihm das Fest des Himmels feiern.

Wir sind damit auch nicht allein. Das haben unzählige Menschen vor uns getan und tun es jetzt ebenso. Und besonders von denen, die kein einfaches Leben hatten oder haben, gibt es dazu wunderschöne Glaubenszeugnisse. Eine davon ist Marie Schmalenbach. Sie lebte von 1835 bis 1924 in Ostwestfalen. Sieben ihrer zehn Geschwister starben sehr früh, und später auch eins ihrer eigenen Kinder. Sie dichtete deshalb: „Hier ist Müh morgens früh und des Abends spät, Angst, davon die Augen sprechen, Not, davon die Herzen brechen, kalter Wind oft weht.“ Aber sie ist daran nicht verzweifelt, sondern Jesus Christus war ihrer „Hoffnung Licht“. Sie glaubte an die Ewigkeit und sah vor ihrem inneren Auge die „immergrünen Auen, die sein Wort verspricht“. Und so bat sie: „Brich herein, süßer Schein selger Ewigkeit. Leucht in unser armes Leben, unsern Füßen Kraft zu geben, unsrer Seele Freud.“

Sie hat Jesus eingeladen, in ihr Leben einzutreten, und diese Bitte hat er erfüllt. Denn das tut er gerne immer wieder bei allen, die sich das wünschen. Auch das Abendmahl ist dafür eine Gelegenheit. Da schenkt Jesus sich selber und feiert mit uns. Es wird nicht nur Wasser in Wein verwandelt, sondern der Wein wird zu seinem Blut und das Brot zu seinem Leib. Näher als beim Abendmahl können wir also gar nicht Gemeinschaft mit ihm haben. Es ist das Fest, das unseren Glauben stärken kann und uns mit einer ewigen Freude erfüllt. Wir werden es deshalb nachher zusammen feiern.

Amen

1. Brich herein, süßer Schein
selger Ewigkeit.
Leucht in unser armes Leben,
unsern Füßen Kraft zu geben,
unsrer Seele Freud
unsrer Seele Freud.

2. Hier ist Müh morgens früh
und des Abends spät,
Angst, davon die Augen sprechen,
Not, davon die Herzen brechen,
kalter Wind oft weht,

kalter Wind oft weht.

3. Jesus Christ, du nur bist
unsrer Hoffnung Licht,
stell uns vor und lass uns schauen
jene immergrünen Auen,
die dein Wort verspricht,
die dein Wort verspricht.

4. Ewigkeit, in die Zeit
leuchte hell hinein,
dass uns werde klein das Kleine,
und das Große groß erscheine,
selge Ewigkeit,
selge Ewigkeit.

Text: Marie Schmalenbach 1882
Melodie: Karl Kuhlo 1887

Haltet zusammen!

Predigt über Römer 12, 1- 8: Ein Leib, viele Glieder

1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2021, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Ich erinnere mich noch gut an eine Geschichte, die ich einmal in meiner Schulzeit gehört habe, jedenfalls an ihre Pointe, an die „Moral der Geschichte“. Unser Französischlehrer hat sie uns vorgestellt. Wir haben sie auf Französisch gelesen und dann darüber gesprochen. Sie ging ungefähr so:

Ein Vater hatte drei Söhne, und bevor er starb, wollte er ihnen mitgeben, worauf es im Leben ankommt. So versammelte er sie eines Tages um sich und zeigte ihnen ein Bündel von Zweigen. Sie sollten es mit bloßen Armen durchbrechen. Der erste versuchte es und scheiterte. Es war zu dick, um es zu zerstören. Dann probierte es der Zweite, aber auch ihm gelang es nicht, und genauso erging es dem Dritten. Da zeigte der Vater ihnen, was zu tun ist: Er nahm das Bündel auseinander und zerbrach jeden Zweig einzeln. Und dann sagte er: „Seht ihr? Solange die Zweige zusammengebunden waren, konnte man sie nicht zerbrechen, das ging erst, als ich sie getrennt habe. Merkt euch also: Einheit macht stark.“ Ich habe sogar den französischen Satz behalten, obwohl ich sonst von der Sprache nicht mehr viel weiß. Aber er ist ein geflügeltes Wort und lautet: „L’unité fait la force.“

Viele Gruppen haben sich diese Parole zu eigen gemacht, und auch in der Bibel finden wir dazu etliche Beispiele.

So beschreibt Paulus diese Weisheit an zwei Stellen in seinen Briefen mit einem Bild. Eine davon finden wir im Römerbrief, Kapitel 12. Da veranschaulicht er die Einheit von Vielen mit dem Beispiel von den verschiedenen Gliedern an einem Leib. Der Abschnitt – es sind die Verse eins bis acht – ist heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

Römer 12, 1- 8

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.
4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied,
6 und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß.
7 Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er.
8 Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.“

Paulus eröffnet mit diesen Gedanken im Römerbrief die Ermahnungen an die Gemeinde. Er will das richtige christliche Verhalten beschreiben. Wie in jedem seiner Briefe stehen sie am Ende. In den vorhergehenden Kapiteln hatte Paulus seine Theologie entfaltet und die wichtigsten Glaubensfragen beantwortet. Er hatte dargelegt, wer Christus ist, was er bewirkt hat, was wir glauben und worauf wir hoffen dürfen. Nun sagt er, was das alles ganz konkret für das Leben heißt. Es ist ihm wichtig, dass der richtige Gottesdienst nicht auf besondere Andachtszeiten oder Opfer beschränkt bleibt, sondern in den Alltag und das Verhalten hineinwirkt. So beschreibt er, wie Christus das Leben prägen kann, und was dabei das Entscheidende ist.

Und er sagt als erstes etwas Grundsätzliches, nämlich dass alle zusammengehören und aufeinander angewiesen sind. Keiner und keine soll sich über die anderen erheben und die eigene Denk- und Lebensweise durchsetzen. Es gilt vielmehr, die Gaben, die wir haben, Jesus Christus und der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen und sie dem Dienst am Evangelium unterzuordnen. „Niemand halte mehr von sich, als sich’s gebührt zu halten, sondern er halte maßvoll von sich, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“

So formuliert Paulus das, und dabei ist es aufschlussreich, welche Wörter hier im Urtext stehen: Anstatt sich selber „über“ zu bewerten – auf Griechisch „hyperphronein“ – soll man lieber „mit“-denken – „symphronein“ – , d.h. versuchen, mit den anderen übereinzustimmen. Hochmut und Stolz werden als Gegensatz zum Verstehen und Erkennen benannt. D.h. niemand soll eigenmächtige Denkwege beschreiten, die die Gemeinschaft der Glaubenden und den Zusammenhalt sprengen würden. Geboten ist vielmehr die Übung der Besonnenheit und das Maß halten. Denn die einzelnen Gemeindeglieder sind ein Leib, die Vielen sind daran nur die Glieder, und keins kann ohne das andere existieren. 

Und das ist eine gute Botschaft, die auch wir uns zu Herzen nehmen sollten. Denn wir tendieren oft zum gegenteiligen Verhalten. Das ist besonders jetzt die Gefahr, wo wir eindringlich dazu aufgefordert sind, Abstand zueinander zu halten und die Kontakte zu reduzieren. Das kann leicht zur Vereinzelung führen. Wir ziehen uns in unsere Privatsphäre zurück, isolieren uns von anderen, und unser Miteinander droht auseinander zu fallen. Viele hadern sicher auch mit den verordneten Maßnahmen und zweifeln an ihrer Wirksamkeit. Auflehnung oder Angst verdüstern die Stimmung und führen zu negativen Gefühlen. Und wenn das so ist, werden die Gesellschaft und die Einheit geschwächt. Wir werden anfälliger und sind leichter zu zerbrechen.

Doch das muss nicht eintreten, und es ist auch wichtig, dass wir die negativen Gedanken vertreiben. Das haben unsere Politikerinnen auch erkannt, und sie betonen deshalb, dass alles, was sie verordnen, genau dem Gegenteil dienen soll, dass es letztlich um ein Zusammenhalten geht: Nur durch die gemeinsame Anstrengung kann es uns gelingen, das Virus, das unser Leben bedroht, zu besiegen. Das hören wir immer wieder, fast gebetsmühlenartig. Aber es ist auch wahr, denn wir stehen vor einer ganz besonderen Herausforderung, einer heimtückischen Gefahr. Sie führt uns in den verzwickten Widerspruch, durch das Meiden von Kontakten und den körperlichen Abstand zueinander gemeinsam stark zu werden und zur Einheit zu kommen.

Das ist – zugegeben – eine mentale Kurve, ein ungewohnter Gedankengang, den wir so noch nicht kennen. Und das Verhalten, das daraus folgt, bleibt widersprüchlich. Aber es lohnt sich, wenn wir mitmachen, auch wenn wir uns dabei etwas verbiegen müssen. Es ist nicht ganz einfach, diese Kurve in unserem Denken kriegen. Aber wir sollten es versuchen, denn das verhilft uns dazu, dass wir die Dinge nicht nur negativ sehen und die Maßnahmen nicht ablehnen.

Äußerlich tun wir dabei zwar weniger als sonst, treffen uns nicht so oft, gehen nicht mehr aus, kaufen nur noch das Nötigste usw., aber innerlich tun wir gleichzeitig viel mehr. Das merken wir daran, dass es anstrengend ist, wir brauchen eine Menge an emotionaler Energie. Und daran wird deutlich, dass es um einen gemeinsamen Kraftakt geht, dass wir alle an einer Sache arbeiten. Wir ordnen uns unter, „denken mit“ und versuchen, mit den anderen übereinzustimmen. Wir tun genau das, was Paulus uns vorschlägt. Lasst es uns jedenfalls so sehen, denn dann gelingt es uns besser, wirklich mitzumachen.

Ein weiterer hilfreicher Gedanke ist der, dass die Krise die ganze Menschheit betrifft. Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas schon einmal erlebt zu haben: Aus allen Ländern der Welt sieht man die gleichen Bilder, hört identische Nachrichten, erfährt von denselben Problemen. Es ist also eine globale Anstrengung, und wenn sie zum Erfolg führt, kann die Menschheit stolz sein. Dann werden wir etwas gelernt haben, nämlich dass „Einheit stark macht“: Wenn wir uns „zusammenbinden“, kann uns tatsächlich niemand mehr zerbrechen.

Und als Christen hilft uns schließlich noch etwas, diese Herausforderung anzunehmen. Denn dazu, miteinander übereinzustimmen, sind wir als Gemeindeglieder sowieso aufgerufen und befähigt. Paulus erinnert seine Leser und Leserinnen bewusst an „die Barmherzigkeit Gottes“ und verweist uns auf Jesus Christus. Entscheidend ist der Satz: „So sind wir viele ein Leib in Christus.“ Und das heißt, wir werden durch ihn und um seinetwillen befähigt, zusammenzuhalten. Wir müssen nur auf Jesus Christus vertrauen und uns mit seinem Geist beschenken lassen. Er befreit uns von uns selber, er löst die verhärteten Denkmuster und führt uns auf neue Wege. In seiner Gegenwart und durch seine Kraft können wir uns verändern. Denn er kann sowohl unsere Auflehnung, als auch unsere Angst überwinden.

Unser Leben wird in das helle Licht der Liebe Christi getaucht, und das macht uns in wohltuender Weise nüchtern und realistisch. Wir sehen nicht mehr alles nur negativ, sondern von Christus her wird unser Denken und Fühlen ganz von selber positiv: Wir erkennen, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und nur im Zusammenspiel eine lebendige Gemeinschaft werden. Wir sind der Leib Christi, an dem jedes Glied wichtig ist. Das müssen wir uns bewusst machen, dann hören das Hadern und Zweifeln auf. Uns wird klar: Jeder und jede trägt zum Ganzen etwas bei. Wir alle werden zu „Strahlen, die aus einem Licht hervorbrechen. Unser Licht heißt Jesus Christus, und wir sind eins durch ihn.“ (EG 268,1)

Amen.