„Wachen ist unser Dienst“

Predigt über Markus 13, 31- 37: Mahnung zur Wachsamkeit

Letzter Sonntag im Kirchenjahr, 20.11.2022, Lutherkirche Kiel

Markus 13, 31- 37

31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.
32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen:
35 so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,
36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

Liebe Gemeinde.

Die Temperaturen sind gesunken, es hat gefroren und die ersten Schneeflocken sind gefallen. Die Blätter fallen schon lange, die Bäume sind kahl geworden, die Natur legt sich zur Ruhe. Viele Dichter und Dichterinnen haben die Stimmung und das Erleben dieser Jahreszeit in Poesie ausgedrückt, so auch Rainer Maria Rilke (1875- 1926). Von ihm gibt es mehrere Herbstgedichte, wie z.B. dieses:

„Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: Es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Das klingt melancholisch und tröstlich zugleich, denn einerseits drückt Rilke aus, dass wir alle sterben müssen, andererseits glaubt er, dass wir gleichzeitig aufgefangen werden. Der Dichter sieht das Fallen der Blätter und die Vergänglichkeit des Lebens, aber parallel dazu spürt er die Hand des Ewigen, der alles hält.

Und so ist es auch in der Bibel. Wir haben zwei Lesungen gehört, die vom Ende der Welt handeln und dazu eine neue Welt verheißen. So enthält das Evangelium von heute den letzten Teil der Endzeitrede Jesu. Er spricht darin von den letzten Ereignissen vor dem Weltuntergang: Kriege, Hungersnöte und Erdbeben bilden den „Anfang der Wehen“, wie er sagt. Dann kommt eine große Drangsal, wie sie vorher noch nicht da gewesen ist. Eine kosmische Katastrophe wird alles vernichten. Doch am Ende wird Christus wieder kommen. Das ist der Höhepunkt, auf den alles zuläuft.

Zum Schluss seiner Ausführungen ermahnt Jesus seine Jünger, dafür bereit zu sein, sie sollen wachen und aufpassen, damit sie bei diesem Ereignis zu denen gehören, die gerettet werden. Sie müssen sich bewähren, eigentlich auch schon vorher. Ihr ganzes Leben soll von diesem Ende her geprägt sein, denn der Zeitpunkt, zu dem es eintritt, ist ungewiss. Darum geht es in diesem letzten Abschnitt, der die Mahnung zur Wachsamkeit enthält.

Dafür erzählt Jesus noch ein Gleichnis: Es ist wie bei einem Hausherrn, der auf Reisen ist. Er hat sein Haus dem Personal überlassen, damit sie in seiner Abwesenheit seine Geschäfte führen und für Ordnung sorgen. Natürlich sind sie ihm Rechenschaft schuldig, wenn er wieder kommt. Da sie aber nicht wissen, wann das sein wird, müssen sie dafür immer bereit sein. Die Bücher müssen jeden Tag stimmen, das Haus muss aufgeräumt sein, es muss Frieden und Ordnung herrschen.

Genauso versteht Jesus die Wachsamkeit der Christen: Die ungewisse Zukunft soll ihr Bewusstsein schärfen und zur Aufmerksamkeit für das Zeitgeschehen führen. Sie müssen jederzeit bereit sein, Rechenschaft abzulegen, und dürfen auch das Leiden nicht scheuen. Am wichtigsten aber sind das Vertrauen und der Glaube, dass Gott der Herr der Geschichte bleibt und in der Endphase die Dinge ordnet.

Um diese Grundhaltung geht es hier. Und die ist auch für uns wichtig. Wir rechnen zwar nicht unbedingt mit dem nahen Ende der Welt, aber wir wissen, dass jeder und jede einzelne irgendwann „fallen“ und sterben wird. Es ist noch nicht lange her, dass viele von uns das gerade erlebt haben. Und sie sind deshalb traurig. Es ist deshalb gut, an etwas zu glauben, das über unser Leben und diese Welt hinausgeht. Es kann uns trösten, wenn wir unseren inneren Blick auf den großen Horizont der Ewigkeit richten und ihn in das gegenwärtige Leben einbeziehen. Dazu lädt Jesus uns hier ein.

Aber was heißt das nun? Wie sollen wir unser Leben führen, damit das wahr wird und uns wirklich beruhigt? Lasst uns darüber nachdenken und uns einzelne Regungen der Seele bewusst machen. Es gibt vier Vorgänge in unserem Inneren, die uns oft bestimmen: Das Verlangen, die Furcht, der Schmerz und die Freude. Hinter dieser Aufzählung steht ein kurzes Wort von Theresa von Avila, einer spanischen Nonne aus dem 16. Jahrhundert (1515- 1582). Sie wusste viel über die Seele und das Gebet und sie schrieb einmal:

„Dein Verlangen sei, Gott zu schauen,
deine Furcht, ihn zu verlieren,
dein Schmerz, ihn noch nicht zu genießen,
deine Freude, dass er dich zu sich führen kann.
Dann wirst du in großem Frieden leben.“

Mich bewegt dieses Wort, seit dem ich es kenne, denn es beschreibt sehr schön, wie sich die Seele auf Gott einstellen kann: Wir müssen dafür unser Verlangen, unsere Furcht, unseren Schmerz und unsere Freude auf ihn beziehen. Das tut gut und schenkt uns einen tiefen Frieden. Denn diese Regungen beunruhigen uns normalerweise, manchmal zerreißen sie uns innerlich sogar.

Beginnen wir mit dem Verlangen: Es geht meistens in eine andere Richtung. Wir wollen immer alles Mögliche: Wer viel arbeitet, wünscht sich mehr Freizeit, die Einsame sehnt sich nach Gemeinschaft, der Arme möchte mehr Geld, die Kranke Gesundheit, der Traurige Trost usw. Unsere Wünsche sind vielfältig und mächtig. Sie haben uns manchmal im Griff, und das fühlt sich gar nicht gut an. Meistens leiden wir unter ihnen, denn sie werden nur so selten erfüllt. Wir bleiben in ganz vieler Hinsicht unglücklich und unzufrieden.

Deshalb tut es gut, anstatt all dieser vielen Dinge einmal nur nach Einem zu verlangen, danach nämlich, Gott zu schauen. Dann wird alles andere plötzlich kleiner und unbedeutender. Denn dann richten wir uns nach dem Größten aus, und das hebt unseren Geist empor. Das Verlangen nach diesem oder jenem verliert seine Macht.

Genauso ist es mit der Furcht, die kennen wir auch alle. Wir fürchten uns vor dem Krieg und vor anderen Menschen, vor den eigenen Schwächen, vor dem Älterwerden und dem Tod. Die Furcht macht uns normalerweise klein und schwach. Sie nimmt uns unsere Lebenskraft.

Anders ist, wenn unsere größte Furcht darin besteht, Gott zu verlieren. Denn dann merken wir, dass er im Leben eigentlich das Entscheidende ist. Die anderen Ängste verblassen ihm gegenüber.

Die dritte Empfindung, die in unserem Wort genannt wird, ist der Schmerz. Auch vor dem bleiben wir nicht verschont. Er entsteht durch Trauer, Enttäuschung, Verletzungen und Krankheit. Wenn er da ist, bestimmt er unser ganzes Leben. Doch auch das ändert sich, wenn unser größter Schmerz darin besteht, „Gott noch nicht zu genießen“. Uns wird bewusst, dass er uns in Wirklichkeit fehlt. Wir leben viel zu oft so, als bräuchten wir ihn nicht. Und das sollte uns weh tun, das sollte unser Schmerz sein, denn der lässt sich merkwürdigerweise ertragen. Es ist ein süßer Schmerz, der nichts mit Krankheit oder Trauer zu tun hat, sondern uns wach und lebendig macht.

Denn es gibt eine Lösung, eine Antwort auf unser Verlangen, unsere Furcht und unseren Schmerz. Gott selber hat sie uns gegeben, denn er kommt und ist schon da und will uns zu sich führen. Es muss nicht so bleiben, wie es ist, dass wir nur nach ihm verlangen, uns sorgen, ihn zu verlieren, oder es weh tut, dass er nicht da ist. Das kann sich alles ändern, und zwar ohne unser Zutun. Denn Gott selber will, dass das alles aufhört, und dass es uns gut geht. Er kommt uns deshalb entgegen und schenkt uns seine Liebe und Nähe. Und das löst eine tiefe Freude aus. Sie entzündet sich nicht an vergänglichen Dingen, sondern ist umfassend und erfüllend. Deshalb endet das Gedicht Theresas von Avila auch mit der Verheißung eines großen inneren Friedens. Der kennzeichnet ein Leben, das von Gott bestimmt ist.

Es ist deshalb gut, wenn wir wachen und beten, und zwar so viel und so oft wie möglich. Wir tun das nicht nur für uns, sondern auch für die Welt. Sie braucht Menschen, die nicht dem Lärm und der Unrast erliegen, sondern gelassen das Fallen der Blätter anschauen können, und die das Sterben und die Vergänglichkeit nicht beunruhigt.

Eine Nonne, ihr Name ist Silja Walter (1919- 2011), hat das einmal sehr schön formuliert mit ihrem „Gebet des Klosters am Rand der Stadt“. Es lautet folgendermaßen:

„Jemand muss zuhause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten, Tag und Nacht.
Wer weiß denn, wann du kommst?
Jemand muss wachen, unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden.
Herr, du kommst ja doch in der Nacht, wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst.
Wachen. Auch für die Welt. Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draußen herum und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran, dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist und sicher kommst?
Jemand muss es glauben,
zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen
und dich einzulassen, wo du immer kommst.
Herr, und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen, ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten und singen.
Dein Leiden, deinen Tod mit aushalten und daraus leben.
Das muss immer jemand tun mit allen andern und für sie.
Und jemand muss singen,
Herr, wenn du kommst!
Das ist unser Dienst:
Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust, die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist und wunderbar, wie keiner.“

Amen.

Betet ohne Unterlass

Predigt über Lukas 18, 1- 8: Die bittende Witwe

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 13.11. 2022, 9.30 Uhr und 11.00 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Lukas 18, 1- 8

1 Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten,
2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.
3 Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!

4 Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue,
5 will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.
6 Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!
7 Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen?
8 Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

Liebe Gemeinde.

Ein Gerichtssaal ist in der Regel so aufgebaut, dass am Kopfende der Richter oder die Richterin sitzt. Ihr Platz ist meistens etwas erhöht, damit sie alle anderen gut sehen kann. Außerdem leitet sie das Verfahren im Gerichtssaal, sorgt für Ordnung, hört zu, stellt Fragen und fällt am Ende ein Urteil

Richter und Richterinnen genießen deshalb Respekt und Ansehen und flößen uns auch etwas Furcht ein. Denn sie haben eine gewisse Macht und tragen viel Verantwortung. Sie können streng oder milde sein, gnädig oder hart. Natürlich unterstehen sie dem Gesetz, aber das kann man ganz unterschiedlich auslegen und anwenden. Deshalb dauern einige Gerichtsverfahren sehr lange, und das Urteil wird mit Spannung erwartet.

Auch zurzeit Jesu war das schon so. Es gab Gesetze und Richter, aber die Urteile konnten am Ende sehr verschieden sein. Offensichtich gab es sogar skrupellose Menschen darunter, von so einem handelt jedenfalls das Gleichnis, das wir eben gehört haben. Darin kommen ein Richter und eine Witwe vor. Der Richter wird als unbestechlich und unabhängig dargestellt, er „fürchtete sich vor keinem Menschen“, d.h. er nahm keine Rücksicht auf besondere Anliegen oder Situationen und kümmerte sich nicht um das, was die Leute von ihm dachten. „Auch Gott fürchtete er nicht“, d.h. er tat, was er wollte und was ihm am besten passte.

Daneben wird eine Witwe vorgestellt, die in derselben Stadt wohnte und von ihm ein gerechtes Urteil erwartete. Witwen hatten im Alten Israel eine schwere Stellung, wenn es um Rechtsfragen ging. Keiner stand ihnen wirklich bei, sie wurden von niemandem geschützt oder vertreten. Das war das Problem dieser Frau. Sie hatte einen „Widersacher“, d.h. einen Gegner vor Gericht. Es gab offensichtlich einen Streit, bei dem die Frau eigentlich im Recht war, es wurde ihr bloß nicht gewährt. Dagegen wehrte sie sich und sprach persönlich bei dem Richter vor. Er sollte ihr Recht verschaffen.

Allerdings hatte er dazu keine Lust. Er „wollte lange nicht“, wie es heißt. Doch irgendwann besann er sich und verhalf der Witwe schließlich zum Recht. Besonders ehrenwerte Gründe hatte er zwar nicht – er wollte einfach nicht länger durch ihr Kommen belästigt werden – aber er tat am Ende, was sie wünschte.

Das ist das Gleichnis, das Jesus erzählt, und er schließt aus dem Verhalten des Richters auf Gottes Verhalten: Gott verschafft den Menschen, die zu ihm beten, sogar noch viel eher Recht. Er führt Hilfe herbei, wenn die Menschen unablässig zu ihm beten, und er hat Geduld mit ihnen. Insofern unterscheidet sich sein Verhalten erheblich von dem des Richters. Er handelt nicht willkürlich oder rücksichtslos, sondern langmütig und freundlich. Er erhört unser Beten und hilft uns. Das ist hier die Botschaft.

Aber stimmt die eigentlich? Oft deckt sie sich doch nicht mit unsren Erfahrungen. Wir senden viele Gebete zu Gott, die er nicht zu hören scheint. Jedenfalls ändert sich nichts in unserem Leben, wenn wir beten. Das ist eher unsere Erfahrung. Bei der Bitte um Heilung kann das z.B. so sein. Wird die erhört? Viele Krankheiten nehmen einen verhängnisvollen Verlauf, ganz gleich, wie sehr wir Gott in den Ohren liegen.

Und auch in größere Zusammenhänge sollte er endlich einmal eingreifen: Warum stoppt er den Krieg und den Terror nicht, gebietet keinem Tyrannen Einhalt, verhindert keine Naturkatastrophen, lässt so viel Menschen leiden und sterben? Jeden Sonntag beten wir dafür, dass das aufhört, aber es geschieht nichts. Warum ist das so? Das sind die Fragen, die sich unwillkürlich aufdrängen, wenn wir dieses Gleichnis lesen. Mit der Wirklichkeit scheint es nicht überein zu stimmen. Das ist unser Eindruck. Vielleicht ärgern wir uns sogar darüber.

Abtun sollten wir es aber trotzdem nicht, denn es enthält durchaus eine Botschaft, die sehr schön ist. Wir müssen uns nur klar machen, was das Verhalten der Witwe alles ausmacht: Sie hat eine Hoffnung gegen alle Vernunft, sie kämpft um ihr Recht, gibt nicht auf und lässt den Kopf nicht hängen. Sie sucht unermüdlich den Kontakt zu dem Richter und glaubt daran, dass er in Wirklichkeit gut ist. Und auch der Richter verdeutlicht vieles von dem, was wir von Gott erwarten können, wenn wir beten: Er hat ein Einsehen, lässt sich bewegen, hört zu und greift zum Schluss ein.

Und das können auch wir erleben, wenn wir so wie die Witwe zu Gott beten, mit Hoffnung und Vertrauen, Ausdauer und Geduld. Das Entscheidende daran ist der Kontakt zu Gott, und der ereignet sich, wenn wir beten. Dazu will das Gleichnis einladen, und es lohnt sich, wenn wir darüber einmal nachdenken.

Beim Beten geht es nämlich nicht nur um die Erfüllung unserer Wünsche, sondern um noch viel mehr. Wenn wir es regelmäßig praktizieren, beeinflusst es unser Lebensgefühl, es wirkt sich auf Seele und Geist aus und verändert durchaus etwas. Denn „im Gebet bringen wir unser Leben vor Gott“, und dabei fallen Sorgen und Ängste von uns ab. „Unsere Seele schöpft tief Atem.“

Lasst uns über das Beten deshalb einmal nachdenken und uns drei Dinge klar machen, die dabei wichtig sind. Im Anhang unseres Gesangbuches steht dazu eine sehr schöne kleine Anleitung (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutehrische Kirche,1994, Nr. 812). Dort wird zuerst herausgestellt wie gut es ist, dass wir überhaupt mit Gott reden, denn dabei ereignet sich das, was bei jedem anderen Gespräch auch geschieht: Wir öffnen uns füreinander. Zwischen Gott und uns entsteht eine Verbindung. Wir stellen uns auf seine Gegenwart ein, reden mit ihm im Herzen und ehren ihn. Das ist das erste, was beim Beten wichtig ist.

Als zweites müssen wir überlegen, wie wir am besten beten können, und dazu gehört zunächst, dass wir nicht nur an unsre Wünsche denken sollten, sondern immer mit dem Dank beginnen, mit unserem Lob und unserer Freude. Sie haben darin ihren Grund, dass Gott überhaupt da ist, für uns und für alle Welt. Wir können das gut mit den ersten Sätzen des Vaterunsers tun. Auch dort stehen sie nicht umsonst, sondern „führen uns zu Anbetung, Lob und Dank: Wir dürfen Gott unsern Vater nennen, unser Leben durch sein Wort bestimmen lassen, das Kommen seines Reiches mit Freuden erwarten und uns seinem Willen anvertrauen. Das ist der Grundton des Gebets der Kirche.

Aber wir dürfen Gott auch bitten: um das tägliche Brot, um Bewahrung und Hilfe, um Vergebung, für uns und für andere Menschen. Wir dürfen ihm unser Leid klagen, vor ihm aussprechen, was uns bewegt, […] auch das Persönlichste.“ Andere Weisen des Betens können andächtiges Schweigen und Nachdenken vor Gott sein. Sie führen uns ebenfalls zu ihm.

Und dazu kommt noch etwas Weiteres: „Im Gebet dürfen wir uns auf Jesus berufen und uns an ihn wenden. Er war dessen gewiss, dass Gott ihn hört. Wenn wir beten, nehmen wir teil am Gottvertrauen Jesu Christi. Mag unser eigener Glaube schwach, unser Gebet verkümmert sein, Gott hört uns dennoch um Christi willen.“

Wenn wir uns das Beten vornehmen, ist es sinnvoll, feste Zeiten im Tagesablauf dafür einzurichten. Sie ermöglichen es, „zur Ruhe zu kommen und mit dem Beten vertrauter zu werden. Dafür bieten sich Morgen und Abend, aber auch die Mahlzeiten an. Zeiten der Stille, verbunden mit Lesen der Bibel und dem Gebet, helfen zur Ordnung, die unser Leben prägt und trägt. Unser Beten wird reicher, wenn wir auf das gelesene oder gehörte Gotteswort antworten, oder unser Leben unter einem Bibelwort neu überdenken. Wenn dies zusammen mit anderen geschieht, kann eine solche Gebetsgemeinschaft unser Beten ermutigen und vertiefen.

Die größte Gebetsgemeinschaft sind die Gottesdienste der weltweiten Kirche. Das Gebet des einzelnen wird umschlossen vom Gebet der ganzen Kirche, das, getragen vom Geist Gottes, durch alle Zeiten und rund um den Erdball geht. Es ist Gottes Geist, der alle Betenden verbindet und auch für die eintritt, die nicht beten können.

Wir dürfen mit eigenen Worten beten. Wenn uns aber die Worte fehlen, so kommen uns Gebete zu Hilfe, die schon andere gesprochen haben. Dazu gehören die Psalmen, die auch Jesus gebetet hat. Viele Gesangbuchlieder sind Gebete, in die wir einstimmen können. Eine Hilfe beim Beten ist es, die Hände zu falten, in manchen Fällen auch zu knien. Sich bei den Worten: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes mit dem Kreuz zu bezeichnen, ist ein Brauch, den auch evangelische Christen nicht scheuen müssen. Ein stiller Raum, wo man ungestört ist, hilft zur inneren Sammlung.“ So lautet die Anleitung im Gesangbuch zur Praxis des Betens. Unser Gleichnis spricht zwar nicht davon, aber wir können es gut so verstehen.

Beachten müssen wir bei all dem allerdings noch einen dritten Gedanken, der in der Lehre Jesu immer eine Rolle spielt: Jesus lebte in dem Bewusstsein, dass diese Welt bald vergeht. Er erwartete das nahe Ende und hat deshalb stets dazu aufgerufen, sich dem kommenden Reich Gottes zuzuwenden. Auf diesem Hintergrund müssen wir auch das Gleichnis von der bittenden Witwe verstehen. Es lädt dazu ein, sich aus der Welt heraus auf Gott zu konzentrieren, bei ihm den Halt zu suchen und sich ganz ihm anzuvertrauen. Und genau das tun wir beim Beten. Wir kommen dadurch aus unserer Diesseitigkeit heraus und in Berührung mit der Ewigkeit. Unsere Wünsche und Erwartungen werden kleiner und unbedeutender. Die Dinge im Leben rücken sich zu Recht, es entsteht eine neue Ordnung in unserem Denken und Ruhe kehrt ein.

In jeder orthodoxen Kirche hängt nicht umsonst in der Mitte der Altarwand ein Bild von Jesus als dem Weltenherrscher oder Weltenrichter. Er thront auf einem Stuhl und ist den Gläubigen zugewandt. Er ist gnädig und ordnet die Welt mit seiner Liebe. Die Menschen finden deshalb bei ihm einen tiefen Halt und einen Ausblick, der sie froh und zuversichtlich macht. Und so soll es sein.

Lasst uns deshalb am Glauben festhalten, unermüdlich zu Gott beten und ihm die Ehre geben.

Amen.

Die Kraft der Liebe

Predigt über Hoheslied 8, 6- 7: Liebe ist stark wie der Tod

20. Sonntag nach Trinitatis, 30.10.2022, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Zu den wesentlichen menschlichen Grundbedürfnissen gehört es, eine Familie zu haben. Sie erfüllt wichtige wirtschaftliche, rechtliche und auch emotionale Funktionen. Sie stiftet Identität, trägt zum Selbstbild bei und bildet die Basis für dauerhafte Beziehungen. Den engsten Kern bilden Eltern und Kinder, aber auch die weitere Verwandtschaft gehört zur Familie. Durch sie entstehen bereits in der Kindheit persönliche Bindungen von hoher Bedeutung. Die engen Beziehungen werden später größtenteils auf Lebens- und Ehepartnerinnen der Verwandten erweitert und bis ins hohe Alter aufrechterhalten. Sie werden durch Familienbesuche und Familienfeste zelebriert. Auch die Erben sind fast immer Familienangehörige. Die meisten jungen Menschen wollen deshalb eine Familie gründen. Sie haben dann einen Kreis, in dem sie sich geborgen und sicher fühlen.

Doch leider ist genau das nicht so einfach. Gerade heutzutage halten Beziehungen oft nicht ein Leben lang. Konflikte, Meinungsverschiedenheiten, Neid oder Missgunst können Familien zerstören. Es kommt zu Trennungen und zum Zerfall. Manchmal ist sogar gerade die Familie der Ort, wo großes Leid angerichtet wird, durch Gewalt oder Missbrauch.

Es ist also keineswegs selbstverständlich, dass die Familie ein sicherer Hafen ist und das bietet, wonach wir uns sehnen. Das geschieht nur, wenn wir uns darum ganz bewusst bemühen und eine Kraft zulassen, die uns zusammenhalten kann: Es ist die Kraft der Liebe.

Normalerweise steht die auch am Anfang jeder Familiengründung, denn sie beginnt damit, dass zwei Menschen heiraten, und das tun sie heutzutage in unserer Gesellschaft meistens aus Liebe. Sie wollen sich gegenseitig stützen, füreinander da sein, auch in schweren Zeiten. Zuverlässigkeit und Vertrauen bilden die Grundlage, dass man zusammen passt und sich ergänzt. Die beiden Menschen versprechen sich deshalb lebenslange Treue.

Am Anfang der Ehe ist die Liebe auch stark und fest, genauso wie es in einem Bibelwort zum Ausdruck kommt, das heute unser Predigttext ist. Es steht im sogenannten Hohen Lied der Liebe, einem Buch im Alten Testament, das alte israelische Hochzeitslieder enthält. In Kapitel acht wird die Macht der Liebe besungen, und dort sagt die Braut zu ihrem Bräutigam:

„Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können.“

Das ist ein starkes Wort in einer wunderbaren Sprache, mit der in schönen und anschaulichen Bildern beschrieben wird, wie stark die Liebe ist.

Das erste Bild ist das vom Siegelring. Darunter muss man sich ein Kleinod vorstellen, das als Zeichen der Verbundenheit an einer Schnur um den Hals getragen wurde. Es war unverkäuflich und ruhte nah am Herzen. Bildlich steht es für das, was man nicht mehr loslässt, was einen schmückt und für immer zu einem gehört. Passender kann man die Verbundenheit von Mann und Frau kaum beschreiben, denn genauso ist es gemeint, wenn Sie sich ihr Ja-Wort geben: Sie werden sich gegenseitig zum wertvollsten, was Sie haben, und immer nah am Herzen des anderen sein.  

Hieran schließt sich das zweite Bild an, das die Unbezwingbarkeit der Liebe beschreibt: Sie ist stark wie der Tod bzw. das Totenreich. Das klingt etwas unheimlich, denn vor dem Tod haben wir alle Angst. Wenn er kommt, ist er unausweichlich, es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Er ist endgültig und unbesiegbar. Doch gerade dadurch wird die Liebe hier als die stärkste Macht überhaupt beschrieben: Auch ihr können wir uns nicht entziehen, wenn sie einmal da ist und uns ergriffen hat.

Dann ist sie sogar noch stärker als der Tod. Davon handeln die folgenden Bilder: Die Liebe wird mit einer Flamme verglichen, einer heißen Glut, die sich durch nichts auslöschen lässt. Selbst noch so große Wasser sind dazu nicht in der Lage. Ströme, die darüber hinweg fließen, können sie nicht wegspülen.

Die Liebe ist also eine Macht, die die gesamte Natur beherrscht und im Dienst des Lebens alle Mächte des Todes besiegt. Sie ist deshalb auch die Kraft, die unsere Familien zusammenhalten kann, selbst wenn es Konflikte und Probleme gibt. Mit der Liebe können wir sie lösen und bewältigen.

Diese Liebe wünschen wir uns deshalb, und sie steht ja auch – wie gesagt – meistens am Anfang einer Ehe. Dass sie uns allerdings erhalten bleibt, ist leider nicht selbstverständlich. Sie kann uns verloren gehen, aus dem Blickfeld geraten und ins Abseits gedrängt werden. Was können wir dagegen tun? Dazu finden wir in unsrem Evangelium von heute einen wichtigen Hinweis, den wir beachten müssen.

Jesus redet in dem Abschnitt über Ehe und Ehescheidung, und er formuliert einen Satz, der in jeder kirchlichen Trauung vorkommt. Es ist die Formel: „Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden.“ (Mk. 10,9) Wenn wir das bei einer Heirat anwenden und uns darauf gründen, sind die Ehepartner durch noch mehr verbunden, als nur durch ein persönliches Gefühl oder ihr eigenes Erleben. Die Liebe Gottes kommt dazu, und sie ist groß und stark. Die wahre Liebe hat immer etwas Göttliches. Sie ist nicht nur eine menschliche Regung. Wir stellen sie nicht selber her, sondern sie wird uns geschenkt und verbindet uns mit Gott. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns zu ihm bekennen, wenn die Liebe lebendig bleiben soll, dass wir an ihn glauben und auf ihn vertrauen. Denn Gott ist so, wie es hier beschrieben wird: Niemand kann ihn hindern oder vernichten, er ist stärker als alle Kräfte der Natur und stärker als der Tod. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns auf seine Gegenwart gründen. Dann haben wir mehr, als nur uns selbst und unser eigenes Vermögen. Wir gewinnen ein tiefes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, genau das, wonach wir uns sehnen. Wir müssen uns nur an ihn halten.

In Zeiten, die nicht so einfach sind, ist das besonders wichtig. Wenn es Probleme gibt, fühlen wir uns ja allein, denn wir können die Liebe nicht von unseren Mitmenschen erwarten. Jedes Familienmitglied ist mit sich selbst beschäftigt. Und dann ist es entscheidend, dass eine Person „einfach einmal anfängt“, ganz gleich, ob die anderen auch mitmachen. Die Liebe muss erst einmal von einem oder einer ausgehen und ist dadurch möglicherweise vorübergehend einseitig. Es gehört dazu, dass wir nichts erwarten oder fordern. Das ist anstrengend und geht uns gegen den Strich, es bedeutet Selbstlosigkeit. Doch genau die ist nötig und auch möglich, denn es gibt eine Liebesquelle, die unabhängig von uns selbst und den anderen ist: Es ist die Liebe Gottes.

In Zeiten der Not und Unsicherheit können wir darauf vertrauen. Denn Gottes Liebe ist eine Macht, die heiß wie eine Flamme ist und fest steht wie ein Fels. Durch sie gelingt es, dass jeder und jede Einzelne in einer Familie stark ist, die Ansprüche an die anderen auch einmal zurückstellt, einfach nur hilft und selbstlos für die Angehörigen da ist.

Diese Liebe ist mit dem Bibelwort gemeint. Hier ist von einer starken Tugend die Rede, die uns im Glauben an Gott möglich wird. Sie ist das Größte, das es gibt, durch sie überwinden wir alle Tiefen und Hindernisse und finden immer wieder zueinander. Wir brauchen diese Liebe, denn nur durch sie können eine Ehe und eine Familie ein Leben lang halten.

Und es ist gut, wenn wir sie nicht nur dort leben. Gerade in der heutigen Zeit, wo die herkömmlichen Lebensformen unsicher geworden sind, sollten wir die Liebe mit allen unseren Mitmenschen teilen. Auch in anderen Beziehungen sind Treue und Verlässlichkeit, Vertrauen und gegenseitige Hilfe wichtig, in Freundschaften und unter Nachbarn, in der Gemeinde und im Kollegenkreis.

Das wollte Jesus, so hat er es praktiziert. Er vertrat die Überzeugung, dass unser Miteinander von der Liebe Gottes erfüllt sein muss, und das hat er auch gelebt. Denn dann sind unsere Beziehungen an einem tiefen Halt befestigt und in etwas begründet, das größer ist, als die menschliche Liebe. Und das ist entscheidend für unser Zusammenleben. Wenn das so ist, werden wir gehalten, was immer geschieht, nichts wirft uns aus der Bahn. Denn der Segen Gottes liegt auf unserem Miteinander.

Amen.

Ermuntert einander

Predigt über Epheser 5, 15- 20: Singt Psalmen und geistliche Lieder

18. Sonntag nach Trinitatis, 16.10.2022, Lutherkirche Kiel

Epheser 5, 15

15 So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise,
16 und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit.
17 Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.
18 Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.
19 Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzena
20 und asagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde.

„Wie geht es dir?” Das sagt man normalerweise nach jeder Begrüßung. Auf Englisch heißt die Frage: „How do you do?“ und dort lautet die gängige Antwort: „Danke, mir geht es gut. Und wie geht es dir?“ Es ist in England also eine Art Höflichkeitsfloskel, mit der man erst einmal Allgemeinplätze austauscht, bevor man in ein echtes Gespräch kommt. In vielen Kulturen macht man das so – in Deutschland allerdings nicht.

Hier nimmt man die Frage ernst und beantwortet sie ausführlich. Dadurch ist man sofort bei dem, was gerade oben auf liegt, und das ist meistens eine Menge. Jeder und jede erzählt gern, was ihn oder sie gerade beschäftigt. Man freut sich über die Gelegenheit, es einmal sagen zu können, über ein offenes Ohr und die Aufmerksamkeit, denn oft sind es schwierige Erlebnisse. Uns bedrückt etwas, ein Problem steht im Raum, wir leiden unter den Gegebenheiten, und das wollen wir gerne mit anderen teilen. Für das Gegenüber ist die Antwort deshalb häufig belastend und anstrengend. Vielleicht bereut man es sogar, dass man überhaupt gefragt hat. Denn erbaulich ist so ein Gespräch nur sehr selten.

Es entspricht auch nicht dem, was Paulus uns für unser Miteinander vorschlägt. In der Epistel von heute, einem Abschnitt aus dem Epheserbrief, steht vielmehr die Ermahnung: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ Und das ist interessant. Auf die Idee kommen wir nicht unbedingt, wenn wir uns treffen.

Die Ermahnung stammt natürlich aus einem anderen Zusammenhang. Es geht hier nicht um Begrüßungsformen, sondern um den Zusammenhalt der Christen untereinander. Im Epheserbrief ist das sowieso ein zentraler Gedanke. Da entfaltet Paulus seine Vorstellung von der Kirche und der christlichen Gemeinde. Sie ist für ihn der Ort, an dem sich das Heil, das Jesus Christus gebracht hat, verwirklicht. Sie ist der Bereich, in dem seine Macht spürbar wird, weil die Menschen sich ihm unterstellen.

Unmittelbar vor unserem Textabschnitt beschreibt er das, indem er von dem „Licht“ redet, in dem die Christen wandeln sollen. Wenn sie das nicht tun, sind sie in Finsternis, denn dann vollziehen sie das neue Leben nicht, das Jesus Christus ihnen ermöglicht hat. Er hat sie durch seine Liebe gerettet, und das sollen sie nun auch mit ihrem Lebenswandel umsetzen.

Darauf bezieht sich in unserem Textabschnitt der Satz: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise“. Weisheit besteht für Paulus darin, den Willen Gottes zu erkennen und zu tun, eben „im Licht zu wandeln“.

Weiter heißt es: „lasst euch vom Geist erfüllen.“ Für Paulus ist das der Gegensatz zu einem „unordentlichen“ Leben. Er sagt vorher: „Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt“. Vielleicht gab es diesbezüglich Missstände in der Gemeinde in Ephesus. Vielleicht ist es aber auch nur ein Gedankenspiel, mit dem Paulus daran erinnern will, dass der Geist Christi berauschen kann. Er kann den Menschen ergreifen und prägen, sein Tun und Handeln ganz und gar bestimmen, und das wünscht Paulus den Ephesern. Damit sollen sie auch nicht warten, sondern „die Zeit auskaufen“, also jetzt beginnen. 

Die Epheser können sich demnach gegenseitig dabei helfen, ein Leben im Licht Christi zu führen, indem sie den Geist Christi zulassen, dankbar sind und Lieder und Psalmen singen. Denn dabei ist Gott selber gegenwärtig, die Gesänge transportieren seine Nähe und seinen Geist, sie gehen zu Herzen und erfüllen das Gemüt. Paulus lädt seine Leser und Leserinnen zu einer gottesdienstlichen Lebensführung ein, die sich von einen auf die andere überträgt. Sie lässt die neue Wirklichkeit lebendig werden, die Jesus Christus heraufgeführt hat. 

Das ist hier der Gedanke, und der ist sehr schön. Er regt uns dazu an, einmal zu fragen, was bei uns oben auf liegen sollte. Womit können wir uns am besten gegenseitig aufbauen und Freude machen? Unsere Geschichten sind es nur selten, denn die sind wie gesagt oft negativ. Die Dinge, die in unserem Leben gerade geschehen, unsere Erlebnisse und Gefühle sind meistens nicht dazu geeignet, anderen Menschen eine Freude zu machen. Wir erzählen sie auch nicht deshalb, sondern weil sie gerade Thema sind, und wir uns damit identifizieren.

Wenn wir z.B. krank sind, dann ist das der Inhalt unseres Lebens. Unser ganzes Denken und Wünschen, unsere Ängste, Sorgen und unsere Hoffnungen kreisen um das Leid, das damit einhergeht. Mit anderen Nöten ist das genauso, sei es der Verlust unserer Arbeitsstelle, drohende Armut oder Heimatlosigkeit, ein Konflikt in der Familie, die allgemeine Weltlage oder was auch immer. Oft bestimmen die Probleme unser Lebensgefühl, sie erfüllen uns und machen uns aus.

Gut tut uns das nicht. Im Gegenteil, es trübt unseren Geist, die Freude verschwindet aus dem Leben, wir werden griesgrämig und negativ. Es wäre viel besser, wenn etwas Positiveres und Helleres unseren Geist bestimmt und unser Bewusstsein prägt. Und das kann sehr gut das sein, was Paulus uns hier rät. Ein Psalm oder ein geistliches Lied hätte eine sehr heilsame Wirkung. Wir müssen es nur bewusst so einsetzen, als ein Hilfsmittel gegen negative Gedanken.

Gerade die Psalmen werden nicht umsonst seit Jahrtausenden gesungen. In der Christenheit geschieht das hauptsächlich in den Klöstern. Aber auch in unserer evangelischen Kirche ist die Tradition des Psalmengesanges lebendig geblieben. Eine geistliche Gemeinschaft, die Michaelsbrüder, haben z.B. ein Tageszeitenbuch herausgegeben, in dem sie den gesamten Psalter so aufgeteilt haben, dass man ihn einmal im Jahr gebetet hat, wenn man morgens, mittags und abends jeweils etwas daraus liest oder singt. Den Sinn des Psalmengesanges begründen die Michaelsbrüder folgendermaßen: „Mit den Psalmen […] stimmen wir […] in das Beten Jesu und seiner Jünger ein, die – wie die Angehörigen des Volkes Israel vor ihnen und nach ihnen – die Psalmen gebetet und gesungen haben. Indem wir uns mit ihnen vereinen, entdecken wir mit Staunen: Wir Menschen von heute sind in diesen uralten Gebeten aufgenommen. Wir erfahren, dass unsere Leiden und Ängste, unsere Freude und unser Dank ernstgenommen werden – aber indem wir sie vor Gott aussprechen, indem wir in das Lob der Taten Gottes einstimmen, verlieren die Nöte an Gewicht, während die Zuversicht wächst. Das Beten der Psalmen bereitet einen inneren Raum für das Hören auf das Wort und für das aktuelle Gebet.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Ev. Michaelsbruderschft, 4. Auflage, Göttingen 1998, S. 405) Sie bewirken also genau das, was wir uns wünschen, wenn wir von unseren Kümmernissen reden, denn es rückt etwas anderes an erste Stelle, als das, was uns sonst so umtreibt.

Und das kann man auch über die geistlichen Lieder sagen. Wir haben als evangelische Christen einen wunderbaren Schatz, das ist unser Gesangbuch. Die Lieder, die wir darin finden, sind nicht nur für den Gottesdienst geeignet, sie dienen auch der Frömmigkeit des Einzelnen. Man kann sie bedenken und meditieren und daraus Trost und Hilfe erfahren. Wenn man sie auswendig lernt, hat man immer eine eiserne Ration an geistlicher Nahrung, die in der Not stärken und helfen kann.

Viele Lieder sind auch tatsächlich als „Ermunterung“ für den Einzelnen gedacht. Er oder sie soll daraus neue Kraft schöpfen. Und das gelingt deshalb, weil sie aus dem Leben heraus entstanden sind. Es stehen immer bestimmte Situationen dahinter, und jeder Dichter und jede Dichterin wollte damit den anderen Gläubigen etwas schenken.

So passt in schweren Lebenslagen z.B. wunderbar das Lied von Paul Gerhard: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“ (EG 361,1)

Wenn wir uns diese Lieder gegenseitig geben und sie gemeinsam singen, dann „ermuntern“ wir uns und „bauen uns auf“. Denn dadurch entsteht ein Raum, in dem Gott gegenwärtig ist, in dem wir die Ewigkeit spüren, und unsere Leiden und Nöte leichter werden.

Auch die Dankbarkeit gehört zu den Mitteln, die das bewirken. Die erwähnt Paulus ja als Drittes. Wenn sie in unser Herz einzieht, sind wir gegen Groll und Angst geschützt, unser Geist wird hell und Freude kehrt ein. Wir werden getröstet und gestärkt und bekommen neue Kraft. Es dringt Licht in die Finsternis, das unseren Wandel dann beeinflusst.

Und damit das wirklich geschieht, könnten wir uns etwas angewöhnen: Ich habe einmal erlebt, wie jemand bei einem Gespräch über dieses Thema mit einem Mal einen kleinen Zettel aus seiner Hosentasche holte. Darauf stand der Satz: „Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Das ist aus Psalm 91 Vers 11. Der Betreffende hatte diesen Zettel einmal auf einer Freizeit von der Leiterin bekommen. Er erzählte uns, dass sie ihren Mitmenschen immer solche Spruchkarten schenkt, und das ist eine sehr schöne Idee.

Auf die Frage „Wie geht es dir?“ könnten wir ebenfalls mit einem Psalmwort antworten. Stellt euch vor, ihr werdet das nächste Mal danach gefragt. Dann erzählt ihr nicht, wie schlimm gerade alles ist, sondern sagt: „Danke, mir geht es gut. Denn „der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Psalm 23,1) Oder: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.“ (Ps. 46,2f)

Es gibt viele wunderbare Psalmsprüche, die uns erbauen und ermuntern können. Eine kleine Auswahl findet ihr hier. Sicher ist dabei ein Spruch, der euch hilft, im Licht der Liebe Gottes zu wandeln.

Amen.

Christus muss in mir wachsen

Predigt über Apostelgeschichte 9, 1- 20: Die Bekehrung des Saulus
4.9.2022, 12. Sonntag nach Trinitatis
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Apostelgeschichte 9, 1- 20

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester
2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.
3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel;
4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst.
6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.
7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.
8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus;
9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.
10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr.
11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet
12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde.
13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat;
14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen.
15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.
16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen
17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest.
18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen
19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus.
20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.

Liebe Gemeinde.

Ihr kennt sicher alle die kleinen Internet-Gesichter, mit denen wir beim Nachrichtenschreiben gerne unsere Emotionen ausdrücken. Es gibt sehr viele, allein für das Gefühl der Wut oder des Zorns hab ich vier gefunden: eins mit hochrotem Kopf, eins mit zorniger Augenstellung, eins mit Symbolen für Kraftausdrücke vor dem Mund und eins, bei dem der Atem wie Auspuffgase aus den Nasenlöchern kommt. Denn genauso geht es uns, wenn wir wütend sind: Wir laufen rot an, bekommen Zornesfalten, fluchen und schnauben durch die Nase.

Es geschieht, wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind, uns ärgern, etwas ablehnen, uns ungerecht behandelt fühlen und meinen, im Recht zu sein. Und das geht uns immer mal wieder so, denn jeder und jede von uns hat bestimmte Überzeugungen, Ideale, Wertvorstellungen und Ziele, die nicht unbedingt mit denen unserer Mitmenschen übereinstimmen. Es kommt dann auf unser Temperament an, ob wir uns aufregen und das auch zeigen. Wir können unsere Gefühle natürlich kontrollieren, und meistens tun wir das wahrscheinlich auch, aber es kann auch Situationen geben, da zeigen wir sie ganz bewusst.

Bei Saulus war letzteres der Fall. Wir haben vorhin die Geschichte seiner Bekehrung gehört, und die beginnt mit seiner Wut gegen die Christen. Es heißt am Anfang: „Er schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn.“ Das Wort „Schnauben“ ist eine bildliche Bezeichnung des heftigen Zornes, den er verspürte. Man kann auch übersetzen: „Er wütete weiterhin mit Drohungen und Mord gegen die Jünger des Herrn.“ Denn für ihn war der neue Glaube eine ungeheure Gotteslästerung, ein Frevel und eine Frechheit gegenüber dem jüdischen Gesetz. Saulus verfolgte die Christen deshalb und lieferte sie aus. Er tat das mit großem Eifer, denn er war ein gesetzestreuer Pharisäer und griechisch gebildeter Jude mit römischem Bürgerrecht. Er unternahm den Versuch, den Anhängern Jesu die Möglichkeiten zu nehmen, sich zusammenzufinden. Er wollte die jungen christlichen Gemeinden zerstören.

Doch eines Tages wurde seinem feindseligen Handeln ein jähes Ende gesetzt. Es geschah, als er gerade nach Damaskus ging, um dort wieder christliche Familien aufzuspüren. Da „umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel“ und warf ihn zu Boden. Man muss sich das so vorstellen, dass der Himmel sich spaltete und das aus ihm hervordringende Licht Saulus von allen Seiten wie feurige Blitze umgab. Er verlor mit einem Schlag seine ganze Kraft und hörte die Stimme Jesu, die zu ihm sprach. Saulus hatte Jesus zu Lebzeiten nie gesehen. Auch nach seiner Auferstehung gehörte er nicht zu denen, die ihm begegnet waren. Doch das änderte sich nun. Jesus erschien ihm und erteilte ihm einen Auftrag: „Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.“ Das waren seine Worte. Jesus nahm sich also ausgerechnet diesen Mann und gab ihm einen Auftrag.

Allerdings nicht sofort. Es gab noch eine dreitägige Zwischenzeit, denn zunächst war Saulus so geblendet, dass er nichts mehr sah, und so erschüttert, dass er nichts mehr aß und trank. Er musste an die Hand genommen und in die Stadt geführt werden. Dort wohnte er dann „in dem Haus des Judas“, wie es heißt, betete und zu fastete. Er wartete darauf, dass Jesus sein Leben nun irgendwie in die Hand nehmen würde.

Und das geschah durch einen Mann namens Hananias, einem namhaften Vertreter der christlichen Gemeinde, der den Auftrag erhalten hatte, Saulus zu besuchen. Und bei der Begegnung klärte sich alles: „Hananias legte die Hände auf ihn“ „und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich.“

Saulus bekam einen neuen Glauben, einen neuen Auftrag und auch einen neuen Namen. Er hieß nun Paulus und wurde ein „auserwähltes Werkzeug“ Jesu. Denn von nun an trug er dessen „Namen vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.“

Das ist die berühmte Geschichte von der Bekehrung und Beauftragung des Paulus, und daran ist vieles für uns interessant, vor allem die Veränderung, die durch die Erscheinung Jesu Christi im Leben von Paulus vor sich ging. Er hat nämlich nicht einfach nur die Religion gewechselt und eine neue Lehre angenommen, sondern er war seitdem mit Christus erfüllt. Christus war „in ihm“, wie er es in vielen Stellen seiner Briefe ausdrückt. Sein Leben wurde dem Schicksal Jesu ähnlich. Er musste „viel leiden um seines Namens willen“, wie es am Ende unserer Erzählung heißt. Von nun an war er nicht mehr von seinem eigenen Wollen gesteuert, sondern der Wille Gottes führte ihn. Er wurde dadurch einem der größten Missionare der Christenheit. Als erster hat er das Evangelium in die Welt hinausgetragen, und bis heute lesen wir seine Briefe, denn sie enthalten die grundlegenden Inhalte unseres Glaubens. Und das sind nicht nur Dogmen und Ideen, sondern Paulus betont überall, dass es um den lebendigen Christus geht. Das entscheidende Ereignis war in seinem Leben kein Theologiestudium, sondern seine Bekehrung.

Und das ist auch für uns wichtig. Denn oft verwechseln wir da etwas. Wir meinen schnell, dass unser Glaube vor allem aus bestimmten Handlungsanweisungen besteht. Wir ermahnen einander, appellieren gegenseitig an unser Gewissen, stellen religiöse Richtlinien und Gesetze auf.

Natürlich gehört das alles auch dazu, aber es ist nicht das entscheidende und es hat problematische Folgen. Denn natürlich setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte. Wir interpretieren die Bibel nicht alle in der gleichen Weise, sondern verstehen sie so, wie es in unser Denken passt. Und dadurch entstehen unter uns oft Konflikte. Häufig führt es zu Rechthaberei, manchmal auch zum Streit und zur Wut aufeinander, zu Spaltungen und Trennungen. Und das ist dann nicht mehr schön. So sollte die Gemeinde Christi eigentlich nicht sein.

Allerdings ist es nicht ganz leicht, daran etwas zu ändern. Wir brauchen Hilfe, und in der Geschichte von der Bekehrung des Paulus finden wir ein paar wichtige Hinweise dazu. Wir können sie auch auf andere Situationen anwenden, in denen wir meinen Recht zu haben. Es passiert ja oft, dass wir mit etwas nicht einverstanden sind, was unsere Mitmenschen tun der sagen. In der Familie, im Kollegium, in der Öffentlichkeit, überall kann es dazu kommen, dass wir uns ärgern, etwas ablehnen und uns ungerecht behandelt fühlen. Unsere jeweiligen Überzeugungen, Ideale, Wertvorstellungen und Ziele führen zu vielen Konflikten, und es entsteht immer wieder Streit. Nicht umsonst gibt es die verschiedenen Gesichter im Internet für diese Emotionen. Doch die tun niemandem gut. Sie zerstören nicht nur unser Miteinander, auch unsere eigene Seele wird vergiftet.

Doch es gibt ein Gegenmittel: Es ist der Glaube an Jesus Christus. Er kann uns helfen, und unsere Geschichte zeigt uns, wie das vor sich geht. Wir können hier nämlich herauslesen, was Jesus Christus tut, wie ein christliches Leben aussieht, und wie sich das Evangelium auswirkt. Drei Grundzüge können wir erkennen:

Erstens bedeutet Glauben, dass Jesus selber uns immer wieder entgegen tritt, und wir seine Stimme hören. Er zeigt sich uns und erteilt auch uns einen Auftrag. Der Glaube ist also keine Ideologie, er besteht nicht aus unseren Ideen oder Gedanken, er erschöpft sich nicht in Ethik oder Moral, sondern er lebt von der Gegenwart des lebendigen Herrn. Jesus muss auch in unser Leben treten. Er will an uns handeln, unsere Gedanken prägen, unsere Entscheidungen vorbereiten und uns führen. Er will auch uns immer wieder erschüttern, befreien und erleuchten. Das ist der erste Punkt, der hier deutlich wird.

Der zweite Schritt besteht nun in unserer Reaktion darauf. Paulus brauchte nach der ersten Begegnung drei Tage, um sie zu verarbeiten, und in diesen Tagen tat er praktisch nichts. Er war still und wartete ab, betete und fastete. Er gab Christus die Möglichkeit, sein Leben wirklich in die Hand zu nehmen. Er antwortete auf das Erlebnis also mit Vertrauen und Hingabe, und das ist ein schöner Hinweis.  

Auch für uns gilt, dass wir uns immer wieder Zeit nehmen müssen, um der Gegenwart Christi in unserem Leben Raum zu geben. Es ist eine Zeit des Loslassens, in der wir nicht mehr auf unsre eigene Kraft oder unsere Ideen vertrauen, in der wir uns nicht durchsetzen, sondern ruhig werden, nicht viel denken und schon gar nicht handeln, sondern einfach nur bereit und offen sind.

Dieses Warten und Vertrauen, Beten und Hören kann auch durch eine Lebenskrise ausgelöst werden. Es kann ganz von alleine kommen, denn es gibt ja Erlebnisse, die fühlen sich an, als ob wir geblendet werden. Wir sehen danach nicht, wo es lang geht. Alles scheint verdunkelt und unklar. Das gilt es dann auszuhalten und abzuwarten. Denn auch wir können gerade dadurch etwas Neues empfangen.

Vielleicht geschieht es auch bei uns durch andere Menschen, die wir treffen, die mit uns reden, uns die Hand auflegen und uns helfen. Wir müssen sie nur gewähren lassen. Das ist der zweite Punkt.

Und als drittes folgt daraus natürlich ein neues Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen. Es entsteht durch die Kraft des Heiligen Geistes. Wir werden froh und frei und können auch andere Meinungen akzeptieren. Konflikte, Streit und Wut lösen sich auf, sie verschwinden von selber. Wenn wir auf die Gegenwart Christi vertrauen, der unter uns lebendig ist, müssen wir uns noch nicht einmal zusammenreißen. Unser Zorn legt sich ohne unser Zutun, oder er kommt gar nicht erst auf. Eine andere Wirklichkeit erfüllt und umgibt uns und wird unter uns lebendig.

Johannes der Täufer hat über Jesus gesagt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh. 3,30) Das könnte auch Paulus so geschrieben haben und unzählige andere, die im Namen Jesu aufgetreten sind. Es macht deutlich, dass das Leben mit Jesus ein Weg ist. Wenn wir uns dafür entscheiden, fängt etwas an, das dann weiter geht und wächst. Wir sind nicht ein für alle Mal bessere Menschen, wenn wir uns für Jesus entscheiden, sondern entwickeln uns immer weiter, näher zu ihm hin. Wir werden ihm im Laufe des Lebens ähnlicher, kommen langsam in sein Licht und sehen klarer. Unser Eigenwille, der uns von ihm trennt, verliert seine Macht, weil die Macht des Lichtes Gottes uns umfängt.

Amen.

Ich bin getauft

Predigt über Römer 6, 3- 8: Taufe und neues Leben

6. Sonntag nach Trinitatis, 24.7.2022, Luther- und Jakobikirche Kiel

Römer 6, 3- 8:
3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

Liebe Gemeinde.

Drei Kirchenkreise in Schleswig-Holstein feiern in diesem Sommer große Tauffeste am Strand: In Büsum, in Eckernförde und in Kiel finden sie statt, und alle sind ausgebucht. Die Feste werden aus einem guten Grund veranstaltet: Während der vergangenen Jahre sind im Norden wegen der Pandemie weniger Menschen in die Kirche aufgenommen worden. Viele Leute haben sich in der Corona-Zeit von der Kirche entfernt und finden nicht mehr zurück. Deshalb wird ihnen nun dieses Angebot gemacht, und es scheint gut anzukommen. Hier in Kiel soll es am 13. August am Skagerakufer in Friedrichsort geschehen. Etwa 85 Täuflinge werden es sein, d.h. bis zu 1000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind dabei. Die Familien können es sich auf Decken auf der Wiese hinter dem kleinen Strand gemütlich machen. Während des Gottesdienstes gehen sie nacheinander mit Ihrem Pastor oder ihrer Pastorin ans Wasser zur Taufe. Bis zu sieben Taufen sollen gleichzeitig stattfinden. Nach einem gemeinsamen Abschluss des Gottesdienstes können die Gäste dann auf der Wiese picknicken. Jeder und jede bringt das Essen und die Getränke für sich und seine Gäste selbst mit. Es werden also überall fröhliche Feste.

Doch wie passt das mit dem Abschnitt zusammen, den wir vorhin aus dem Römerbrief gehört haben? Paulus schreibt da etwas über die Bedeutung der Taufe. Aber er betont nicht die Freude und das Leben. Am häufigsten stehen da vielmehr die Worte „Tod“, „Sterben“ und „Begrabenwerden“. Er sagt gleich am Anfang: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod.“ Und das klingt eher düster. Es scheint mit unseren schönen Tauffeiern irgendwie nichts zu tun zu haben.

Aber das ist zu kurz gedacht. Wir müssen den Text genau lesen, dann entdecken wir, dass dort genauso oft Begriffe wie „neues Leben“ und „Auferweckung“ stehen. Und am wichtigsten ist ein kleines Wort, das hier insgesamt fünf Mal vorkommt, und das ist das Wort „mit“. Es bezieht sich auf Christus und uns und beschreibt unsere Gemeinschaft „mit“ ihm. Sie entsteht in der Taufe, denn da werden wir „mit ihm verbunden“, und das heißt, dass wir auch an seinem Schicksal Anteil gewinnen. Wir werden also auch „mit ihm gekreuzigt“, wir „sterben mit ihm“, werden „mit ihm begraben“, um dann aber auch „mit ihm auferweckt“ zu werden und „in einem neuen Leben zu wandeln“. Das ist das, was Paulus hier sagt.

Es geht ihm bei der Taufe also um mehr, als um ein Fest des natürlichen Lebens. Es entsteht eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Christus und uns. Und die markiert einen tiefen Einschnitt, der wie ein Sterben und wieder Auferstehen ist. Es gibt ein Einst und das Jetzt, und die sind klar voneinander abgegrenzt. Die Taufe hat für Paulus also eine tiefe Bedeutung, und es ist gut, wenn wir das ernst nehmen.

Dabei müssen wir natürlich berücksichtigen, dass er die Kindertaufe noch gar nicht kannte. Für ihn hing die Taufe vielmehr immer mit dem Bekenntnis zum christlichen Glauben zusammen. Wer die Predigt des Evangeliums gehört hatte und sich daraufhin zu Christus bekehrte, wurde getauft. Der Taufe ging also eine bewusste Entscheidung vorweg, und sie erfolgte im Erwachsenenalter. Sie markierte demnach immer eine einschneidende Veränderung im Leben eines Menschen.

Daran denkt Paulus hier, und viele Kirchengemeinschaften sehen das heutzutage noch genauso. Sie sagen: Vor der Taufe muss die Bekehrung zu Jesus Christus und der Glaube an ihn stehen. Erst wenn ein Mensch merkt, dass er das Heil braucht, wenn er gesündigt hat und darunter leidet, wenn er gerettet werden möchte und sich deshalb an Jesus Christus wendet, ist die Taufe sinnvoll. Sie ist dann ein Ausdruck dafür, dass ein Mensch sich für Jesus Christus entschieden hat. Sie ist ein öffentliches Bekenntnis und die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft. Wir nennen sie auch „Gläubigentaufe“, die erst im religionsmündigen Alter erfolgt, also nach dem 14. Lebensjahr.

Die Kirchen und Gemeinschaften, die sie praktizieren und das so verstehen, kritisieren die Kindertaufe, und lehnen sie sogar ab. Taufen, bei denen man nichts vorweisen muss, sind ihrer Meinung nach ungültig. Menschen, die eventuell als Babys getauft wurden, sich als Erwachsene dann aber bekehren, werden deshalb z.B. bei den Baptisten noch einmal getauft. Und Tauffeste, wie sie jetzt in unserer Kirche stattfinden, werden sicher hinterfragt, denn da dürfen bewusst alle mitmachen, die irgendwie meinen, dass die Taufe gut für sie ist. Sie werden nicht lange vorher unterrichtet oder auf ihr Gewissen geprüft. Bei der Kindertaufe ist das schließlich auch so, und die ist schon lange bei uns Praxis.

Trotzdem sollten wir uns ernsthaft fragen, was dabei eigentlich geschieht. Welche Bedeutung hat die Taufe denn nun? Und wie wirkt sie sich im Leben aus? Wenn wir die Bemerkungen von Paulus ernst nehmen, ist sie auf jeden Fall mehr als ein schönes Ritual und hat durchaus Folgen für das Leben. Eine Kindertaufe befreit uns nicht davon, uns auch zu Jesus Christus zu bekehren, mit ihm zu leben und sich von dem Heil, das er uns schenkt, prägen zu lassen. Sonst kann ihre Wirkung sich nicht entfalten.

Und was das heißt, können wir uns sehr schön mit dem Symbol des Wassers klar machen. Lasst uns dieses Element und unsere Beziehung zu ihm deshalb noch einmal bedenken. Es hat hauptsächlich zwei Funktionen. Für die Bedeutung der Taufe ist als erstes wichtig, dass man darin untergehen kann. Man kann ertrinken oder etwas „ersäufen“. Dieser Ausdruck kommt von Luther, und für ihn ging es dabei um den „alten Adam“. Er sagt im Kleinen Katechismus: „Das Taufen mit Wasser bedeutet, dass der alte Adam in uns […] soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten.“ Luther stellt sich also vor, dass unsere Sünden ertränkt werden. Das Böse geht unter. Das meint auch Paulus, wenn er vom Sterben und vom Tod spricht. Und das sollte durchaus in unserem Leben geschehen. Es ist wie ein geistiges oder seelisches Untertauchen, bei dem die Macht der Sünde stirbt. Mit Sünde sind dabei die zerstörerischen Kräfte gemeint, die überall am Werk sind. Wir kennen sie gut: Es sind z.B. Angst und Misstrauen, Hass und Feindschaft, Neid und Zorn. Davon sind übrigens auch Kinder nicht frei. Im Gegenteil, wenn wir sie nicht davon abhalten, leben sie die negativen Triebe manchmal viel erbitterter aus, als wir. Denn die Sünde schlummert von Anfang an in unserer Seele und unserem Denken.

Wenn wir ein schönes und helles Leben führen wollen, müssen wir diesen negativen Kräften etwas entgegensetzen, sonst können sie uns zerstören. Und dabei hilft es, wenn wir uns vorstellen, dass wir sie „ersäufen“. Wenn wir getauft sind, müssen wir das allerdings nun nicht alleine tun. Es ist keine moralische Leistung oder eine seelische Kraftanstrengung. Sowohl Luther als auch Paulus vertrauen vielmehr darauf, dass es „mit Christus“ geschieht, d.h. durch seine Gegenwart und dank seines Heilswerkes. Die haben wir empfangen und daran können und sollen wir immer wieder denken. Er ist für uns gestorben und auferstanden, und es ist gut, wenn wir uns ihm „täglich“ anvertrauen.

Dann geschieht das, wofür das Wasser außerdem ein Bild ist: Es steht genauso für Leben und Kraft. Wir können im Wasser nicht nur untergehen, sondern wir brauchen es zum Dasein: Wir trinken es und würden ohne Wasser verdursten. Der Regen befruchtet die Erde und verhilft allen Pflanzen und Tieren zu Wachstum und Gedeihen. Und das können wir ebenfalls auf den Glauben übertragen. Mit diesem zweiten Bild wird deutlich, dass Jesus Christus durch den Glauben und die Taufe in uns einzieht und uns neue Kraft schenkt. So verstanden das auch Luther und Paulus. Das „Untergehen der Sünde“ ist für sie kein Selbstzweck. Es dient vielmehr dazu, dass „täglich ein neuer Mensch herauskommen und auferstehen soll, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ So formuliert Luther es weiter. Und Paulus schreibt: „Denn wer [so] gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ Er wird unserer „Seele Trieb und Kraft“. (EG 406,1)

Wir sterben also im Vertrauen auf Gott. Wir denken an seine schöpferische Kraft, an die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus und lassen die an uns wirken. Gott ist voller Liebe und Erbarmen gegenüber uns. Er will uns befreien und neu schaffen, immer wieder. Wenn wir uns das vorstellen, erleben wir seine Kraft auch. Ob es nun vor oder nach der Taufe geschieht, entscheidend ist, dass wir „bei Jesus bleiben“ und ihm „treu“ sind. (EG 406,1.3)

Wir haben am Anfang des Gottesdienstes ein Lied gesungen, in dem das Wasser ebenfalls als Bild vorkommt (EG 615). Der Text ist von Gerhard Tersteegen, einem Mystiker aus dem 18. Jahrhundert, von dem wir viele Lieder haben. In diesem spricht er von dem „Meer der Liebe“, in das wir uns „versenken“ können. Für ihn war das ein wohltuender innerer Vorgang, zu dem er mit dem Lied einladen möchte. Wenn wir ihm folgen, geht es auch uns gut: Wir lassen uns selber los und tauchen in etwas Größeres ein. Wir denken nicht mehr an all das, was uns gefangen hält, sondern beten die „Macht der Liebe“ an. Wir verlieren alles Schwere, werden getragen und gehen ganz in der Liebe Gottes auf.

Etwas später kommt das Bild vom Wasser in diesem Lied noch einmal vor: Es ist nun das Element, das wir trinken, das uns „zuströmt“ (EG 406,1) und von dem wir leben. In Strophe vier heißt es: „Ehr sei dem hohen Jesusnamen, in dem der Liebe Quell entspringt, von dem hier alle Bächlein kamen, aus dem der Sel‘gen Schar dort trinkt.“ Auch Tersteegen benutzt die beiden Seiten des Wassers, um deutlich zu machen, wie der Glaube sich im Leben ereignen kann.

Die Taufe und das Symbol des Wassers sind also sehr schön geeignet, das Leben mit Jesus Christus zu veranschaulichen. Unser ganzes Dasein wird dadurch kraftvoll und leicht. Wir haben es gut, werden frei und unbeschwert. Denn wir sind nicht mehr von den dunklen Mächten bestimmt, sondern die Liebe und das Erbarmen Gottes umgeben und erfüllen uns. Wir leben „getrost“ (EG 406,2) und zuversichtlich.

Deshalb ist es durchaus sinnvoll, eine Taufe fröhlich zu feiern. Sie muss nicht ernst und düster sein, denn sie ist ein Fest des Lebens und der Liebe, das Freude bereitet. Das ist das Ziel der Tauffeste, und es ist gut und schön, dass die Teilnahme ohne Hürden möglich ist und so viele Menschen mitmachen wollen. Möge es dort so entspannt und heiter zugehen, wie alle sich das wünschen.

Amen.

Seid barmherzig!

Predigt über Johannes 8, 3-11: Jesus und die Ehebrecherin

4. Sonntag nach Trinitatis, 10.7.2022 9.30 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Steine liegen überall herum, in ganz verschiedenen Größen, Farben und Beschaffenheiten, und wir brauchen sie für viele Dinge: Zum Bauen und Dekorieren, als Werkzeug, aber auch als Waffe. Das ist heutzutage zwar nicht mehr regelmäßig der Fall, aber wenn man will, kann man jemand anders mit einem Stein sehr verletzen und sogar töten. In der Bibel gibt es darüber mehrere Geschichten, besonders über Steinigungen. Damit wurden Menschen gezielt hingerichtet, und das passierte nicht selten. Bei bestimmten Gesetzesverstößen wurden sie so lange mit Steinen beworfen, bis sie starben.

Es gibt allerdings eine Steinigungsgeschichte im Neuen Testament, die hat sozusagen ein Happy End. Es ist die von Jesus und der Ehebrecherin. Sie steht im Johannesevangelium Kapitel acht, Vers drei bis elf und ist heute unser Predigttext. Sie lautet folgendermaßen:

Johannes 8, 3-11
3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte
4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?
11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Der Herr segne an uns dieses sein Wort.

Die Geschichte, trägt in der Lutherbibel die Überschrift: „Jesus und der Ehebrecherin“. Aber eigentlich müsste man sie überschreiben: „Jesus und die Schriftgelehrten und die Ehebrecherin“, denn um diese Personen geht es hier. Es sind in Wirklichkeit drei Parteien, und der erste Teil der Erzählung beschäftigt sich auch hauptsächlich mit den Schriftgelehrten und Pharisäern. Jesus hat sich ja oft mit ihnen auseinander gesetzt. Sie mochten ihn nicht, denn er legte das Gesetz anders aus, als sie das taten. Sie hielten sich an das, was geschrieben stand, er dagegen sah vieles in ihren Augen zu großzügig. Im Gesetzbuch des Moses steht z.B.: „Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebre­cherin, weil er mit der Frau seines Nächsten die Ehe gebro­chen hat.“ (3. Mose 20,10) Auf Ehebruch stand also die Todesstrafe, die gewöhnlich durch Steinigung erfolgte. Und diesen klaren Fall legen die Gesetzeshüter Jesus hier vor. Sie wussten, dass er mit anerkannten Sündern Freundschaften pflegte, und sie ärgerten sich darüber. Jetzt sahen sie eine wunderbare Gelegenheit, ihm einmal eine Falle zu stellen:

Entweder gab er zu, dass das Gesetz galt, und diese Frau bestraft werden musste, dann hätten sie ihm endlich vorhalten können, dass seine Freundschaft mit Sündern ein schwerer Fehler war. Oder er verschonte die Frau und missachtete das Gesetz, dann hätte er aber nicht mehr im Namen Gottes auftreten dürfen. Dann wäre endlich klar, dass er sich gegen Gottes Gebote auflehnte. Freundschaft mit Sündern und Anerkennung des Gesetzes ließ sich ihrer Meinung nach jedenfalls nicht miteinander vereinbaren, und sie wollten mit dieser Frau ein Beispiel für die Gottlosigkeit Jesu anführen. So fragten sie ihn: „Was sagst du zu diesem Fall?“ und das war eine gefährliche Bosheit.

Aber Jesus geht auf ihre Fragen gar nicht ein. Er schweigt, weil er sich ihnen überlegen fühlt. Das Schreiben in den Sand soll das deutlich machen. Er zögert die Auseinandersetzung hinaus, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und hält das Ganze auch nicht für dringlich. Erst nach beharrlichem Weiterfragen gibt er eine Antwort, die allerdings keiner erwartet hat: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Das ist zwar eine Reaktion, aber eine Antwort auf ihre Frage ist es nicht. Denn was Jesus entgegnete, liegt auf einer völlig anderen Ebene, als die Anklagen und die Heimtücke der Pharisäer. Sie verändert deshalb die Situation. Zunächst einmal zerreißt Jesus damit den Fallstrick, den sie ihm gelegt hatten, und dreht den Spieß um. Er entlarvt die selbstgerechte Überheblichkeit seiner Gegner. Aus den Anklägern werden Angeklagte. Sie müssen sich beschämt davon stehlen. Einer nach dem anderen legt den Stein ab, und sie gehen weg.

Erst danach tritt die Frau in den Mittelpunkt. Jesus ist jetzt mit ihr allein, und nun geht es um sie. Er spricht sie an und fragt sie, wo ihre Ankläger geblieben sind. Wahrscheinlich ist sie selber ganz überrascht, dass sie gerettet wurde, und niemand sie verurteilt hat, auch Jesus nicht. Aber er sagt ihr: „Sündige hinfort nicht mehr.“ Und damit gibt er ihr die Möglichkeit, ihr Leben neu zu beginnen.

Das ist die Geschichte, und es geht darin um die Frage, wie schnell wir aufeinander losgehen, wie wir unsere Konflikte lösen und zu einem friedlichen Miteinander kommen.

Dazu könnt ihr euch einmal vorstellen, dass ihr einen Stein in der Hand habt, der ungefähr so groß ist wie ein Tennisball. Wie weit könntet ihr damit werfen? Und könntet ihr ein Ziel treffen? Würdet ihr ihn auf jemanden schmeißen, der euch verletzt oder zornig gemacht hat? Oder das doch lieber nicht?

Wahrscheinlich merkt ihr schon, dass es besser ist, den Stein aus der Hand zu legen, wir richten sonst nur Unheil an. Aber Situationen, in denen wir dazu tendieren, kennen wir sicher alle. Es kann z.B. sein, dass uns die Meinung eines anderen Menschen unglaublich wütend macht. Und dann fliegen manchmal wirklich Steine. Bei einigen Demonstrationen ist das z.B. so, da werden gelegentlich Pflastersteine aus dem Boden gerissen und geworfen. Um das zu verhindern, gibt es deshalb oft ein riesiges Aufgebot an Polizei. So waren bei den Demonstrationen gegen den G7-Gipfel genauso viele Ordnungshüterinnen wie Demonstranten. Dieses Mal ist zum Glück alles gut gegangen, aber wir wissen, dass das in den Vorjahren lange nicht immer so war.

Noch viel schlimmer sind die Kriege, von denen wir hören. Da fliegen nicht nur Steine, sondern Raketen und Bomben, wie wir gerade trauriger Weise aus der Ukraine hören. Wir lehnen das alle zutiefst ab, finden es entsetzlich und abscheulich. Gegen so viel Gewalt haben wir eine natürliche Sperre.

Trotzdem können wir von der Geschichte mit der Ehebrecherin etwas lernen. Es gibt ja auch verbale Steine, die wir uns gegenseitig an den Kopf werfen, wie Beschimpfungen, Beleidigungen, Verleumdungen und Lügen. Und das geschieht dauernd, denn wir sind nicht frei von Aggressionen und gehen durchaus aufeinander los. Wir können unsere Feinde oder die, die uns aufregen, sehr gut treffen und verletzen mit dem, was wir sagen. Auch Vorwürfe gehören dazu, das Vorhalten von Fehlern und das Aufzählen von Sünden. Wir tun den anderen damit bewusst weh, machen ihnen Angst und setzen sie unter Druck. Oft sind wir genauso hart und kalt gegen einander wie die Pharisäer gegenüber dieser Frau. Wir kommen also durchaus in der Geschichte vor.

Und auch wir werden von Jesus daran erinnert, dass keiner und keine von uns ohne Fehler ist. Wir selber machen genauso viel falsch. Dieses aggressive Verhalten z.B., das zeichnet uns nicht gerade als Engel aus. Und es wäre besser, wenn wir darüber zunächst nachdenken. Bevor wir aufeinander losgehen, sollten wir immer versuchen, zuerst uns selber zu erkennen und unsere Wut zu bremsen. Dann können wir unsere Steine nämlich ablegen. Das ist nicht ganz leicht. Dazu gehört Mut und Überwindung, denn es tut weh, die eigenen Sünden zuzugeben.

Aber auch in unseren Konflikten gibt es nicht nur zwei Parteien, sondern noch eine dritte Person, und das ist Jesus. An ihn können wir uns wenden, vor ihm müssen wir uns nicht fürchten, ganz gleich, wie es um uns steht. Denn Jesus vergibt uns, er nimmt uns an. Ich empfange bei ihm Liebe und Freundlichkeit, und die kann mich beruhigen und heilen. Er nimmt mir liebevoll meine Steine aus der Hand. Meine Wut klingt ab, und ich werde frei. Ich gewinne auch einen neuen Blick für die Wirklichkeit. Ich sehe mich und die anderen Menschen plötzlich in einem neuen Licht. Ich kann die anderen besser verstehen, auf sie zugehen und ihnen die Hand zur Versöhnung reichen.

Die Erfahrung der Liebe Christi verändert uns, das soll die Geschichte deutlich machen. Auch unser Miteinander gewinnt eine ganz andere, neue Qualität, wenn wir Jesus in unsere Mitte lassen. Denn durch seine Liebe und Vergebung können wir auch einander vergeben und Konflikte friedlich lösen.

Amen.

Tut Buße!

Predigt über Jona 3, 1- 10: Jonas Predigt und Ninive Buße

2. Sonntag nach Trinitatis, 26.6.2022, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jona 3

1 Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona:
2 Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!
3 Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß.
4 Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.
5 Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und bließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.
6 Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche
7 und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe Nahrung zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen;
8 und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und zu Gott rufen mit Macht. Und ein jeder bekehre sich von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände!
9 Wer weiß? aVielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben.
10 Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie asich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.

Liebe Gemeinde.

Der christliche Ruf zur Buße begann mit Johannes dem Täufer. Jesus rief dann ebenfalls zur Umkehr, und das wurde im Urchristentum fortgesetzt. Der Grund war die nahende Gottesherrschaft, die auch Paulus betonte. Schon sehr früh entstand in diesem Zusammenhang das Amt des Bindens und Lösens.
In der Alten Kirche setzte sich die Vollmacht dieses kirchlichen Amtes durch und es entstand eine öffentliche Bußpraxis.
Im Mittelalter wurde die private Buße wichtiger und mit ihr die Zurechtweisung der Einzelnen. 1215 wurde sie zum Sakrament erklärt, das für jeden Christen und jede Christin heilsnotwendig ist.
Luther sah das etwas anders. Die Buße war für ihn kein Sakrament und nicht an das Priesteramt gebunden. Er betonte, dass die wahre Buße dem Glauben entspringen muss.
In der Neuzeit verlor die Buße allgemein an Bedeutung. Sie ist heutzutage nur noch ein einzelner Akt im christlichen Leben und im Bereich der Seelsorge und Spiritualität angesiedelt. ––

Das war jetzt ein kurzer Überblick über die Geschichte der Buße und Beichte im Christentum.

Aber es gibt sie aber natürlich auch außerhalb des Neuen Testamentes und der Kirche: Wir haben vorhin eine Geschichte aus dem Alten Testament gehört, die davon erzählt. Es ist die Bußpredigt des Propheten Jona an die Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt Ninive und ihre Folgen.

Ninive war die Hauptstadt des assyrischen Reiches, deren „Bosheit zu Gott herauf gedrungen war“, wie es am Anfang des Jonabuches heißt. (Jona 1, 2) Der Prophet erhält deshalb den Befehl, dorthin zu gehen und gegen ihre Sünde zu predigen. Das wollte er zuerst nicht, denn die Stadt lag außerhalb Israels, und er hatte Angst vor dem Auftrag, aber Gott setzte sich durch und Jona kam nach einem Umweg dort an.

In der großen Stadt, in die er sich einen Tagesmarsch weit hineinbegeben hat, verkündet er dann seine Gerichtsdrohung: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“ Danach verlässt er die Stadt und wartet an einem Ort östlich von ihr das Eintreffen seiner Drohung ab. (Jona 4,5) Aber es kommt anders, als er es sich denkt und wünscht. (Jona 4, 1-4) Seine Predigt bewirkt die Umkehr und Buße der Niniviten. Darüber wird sehr ausführlich berichtet: Sie glauben an Gott und tun Buße, indem sie von sich aus ein Fasten ausrufen und sich in das Bußgewand aus Sackleinwand kleiden. Und als der König von der Sache erfährt, vertauscht er nicht bloß für sich selbst seinen Thron mit dem Aschehaufen und seinen Königsmantel mit dem Bußkleid, sondern er ordnet durch ein amtliches Edikt eine allgemeine Bußfeier an, in die selbst das Vieh als zur Hausgemeinschaft gehörig mit eingeschlossen wird. Dabei lässt er es nicht nur bei den kultischen Bußriten bewenden, sondern die Buße soll wirkliche Besserung des Wandels, Abkehr von Frevel und Sünde im Gefolge haben. Das Motiv ist die Hoffnung auf die Gnade Gottes, die am Schluss des königlichen Erlasses zum Ausdruck kommt mit den Worten: „Wer weiß? Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben.“ Die Leute erkennen zwar, dass sie Gott nicht zwingen können, von dem angekündigten Gericht abzulassen, aber sie hoffen, dass die göttliche Vergebung als ein unverdientes Geschenk zu ihnen kommt. Und diese Hoffnung wird erfüllt: Gott lässt die reuigen Sünder nicht fallen und sieht von der Strafe ab: „Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.“

So endet die Geschichte und sie besagt: Es ist kein Volk und kein Mensch so schlecht, dass ihm die Möglichkeit, Gottes Wort zu hören und sich zu Gott zu bekehren, dauerhaft verschlossen bliebe. Gottes Gnade und Barmherzigkeit kennt keine Grenzen, sie ist nicht gebunden an das Volk Israel, sondern wird da wirksam, wo Menschen in aufrichtiger Reue und Buße nach ihr verlangen.

Die Geschichte ist deshalb ein sehr schönes Beispiel für die Gültigkeit des Heilandsrufes Jesu, der heute unser Wochenspruch ist: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Mt. 11,28) Jesus ist gekommen, um Sünder und Sünderinnen zu retten und selig zu machen. Wer zu ihm umkehrt, wird seine Gnade erfahren und das Geschenk der Vergebung bekommen, genauso wie damals die Niniviten.

Das klingt zunächst ganz schön, aber geht es uns damit wirklich gut? Das Thema hat ja eine sehr dunkle und schwere Seite. Wer will sich schon mit seinen Sünden beschäftigen? Der Ruf zur Umkehr appelliert an unser schlechtes Gewissen, an Schichten in unserer Seele, die wir lieber verbergen. Er ist ungemütlich und macht Angst. Wir stellen uns dabei einen Gott vor, der leicht zornig wird, uns ständig ermahnt und von dessen Gnade wir abhängig sind. Und dieses Gottesbild lehnen wir ab, davon wollen wir nichts wissen. Wenn er so ist, leben wir lieber ohne ihn.

Aber ist das wirklich gut? Und ist das Thema Buße und Umkehr tatsächlich so düster? Lasst uns darüber noch einmal etwas gründlicher nachdenken.

Wir geraten ja durchaus in Schuld, bewusst oder unbewusst, nach unserem Willen oder gegen ihn: Von vielen Verhaltensweisen, die wir uns bei unserer Art zu leben, angewöhnt haben, wissen wir ganz genau, dass sie nicht gut sind: Wir zerstören das Klima durch unseren hohen Energieverbrauch, befördern das Artensterben durch die Versiegelung der Landschaft, lassen Menschen in ärmeren Ländern für uns zu Hungerlöhnen arbeiten, usw. Die Liste der kollektiven Schuldzusammenhänge, in die wir verflochten sind, ist lang. Als Einzelne können wir uns da nicht heraushalten, und es entsteht ein Gefühl der Ohnmacht. Wenn wir ehrlich sind, lastet ständig ein Druck auf uns. Man kann natürlich versuchen, von der Schuld abzulenken, wegsehen, so tun, als hätte man sie vergessen, oder sich einreden, es sei alles nicht so schlimm. Das machen wir auch, indem wir uns die unausweichlichen Zusammenhänge erklären, uns dafür entschuldigen oder unser Verhalten rechtfertigen. Aber das geht immer nur für kurze Zeit, und plötzlich steht einem alles wieder vor Augen. Letzten Endes werden wir damit nicht fertig. Wie ein Schatten ist die Schuld uns immer wieder auf den Fersen, und das können wir irgendwann auch nicht mehr aushalten.

Es ist deshalb gut, dass es doch noch eine andere Möglichkeit gibt, daraus zu entkommen, und die wird uns in der Buße und Beichte vorgeschlagen. Gott bietet uns darin den Zuspruch der Vergebung an. Wir müssen uns nur zu ihm hinwenden und auf sein befreiendes Wort hören. Dann kann wieder Hoffnung aufkommen. „Die Beichte gibt Raum für alles, was ein Menschenleben ausmacht, auch das Dunkel, das Versteckte, das Bedrohliche; und sie gibt Raum dafür, dass es überwunden und abgelegt wird.“ (Lutherische Agende III.3, die Beichte, Hrg. Kirchenleitung der VELKD, Ausgabe 1993, S. 7f) Sie ist ein Teil des Evangeliums.

Und dafür gibt es in unserer Kirche sogar eine Form, eine Agende, in der Vorschläge für die Gestaltung von Beichtgottesdiensten und der Einzelbeichte zusammengestellt sind. Denn Luther hat das wie gesagt nicht abgelehnt. Er hielt viel von der persönlichen Beichte, auch wenn er sie nicht zum Sakrament erklärt hat. So sagte er einmal in einer Predigt: „Die heimliche Beichte will ich von niemandem nehmen lassen und wollte sie nicht um der ganzen Welt Schätze geben, denn ich weiß, was Stärke und Trost sie mir gegeben hat. Ich wäre längst vom Teufel überwunden und abgewürgt worden, wenn mich diese Beichte nicht erhalten hätte“. (Sermon. Gepredigt am Sonnabend vor Reminscere 1522. WA 10,III, 63,23ff) Luther hat erlebt: Das Aussprechen des Verborgenen im Vertrauen erleichtert. Und noch viel wichtiger ist dabei: Es erfolgt immer ein Freispruch durch eine andere Person. Für Luther musste das nicht der Priester sein. Er fand, dass alle Christen von ihrem Herrn den Auftrag haben, sich gegenseitig anzuhören und mit der Vergebung durch Christus einander zu trösten. Jede Christin kann einem anderen Christen die Vergebung zusprechen, und das wirkt befreiend. Wir werden herausgelöst aus der zermürbenden Spannung zwischen dem, was wir sein wollen und dem, was wirklich ist. Die Bedrängnis nimmt ab.

Und das liegt daran, dass Schuld nicht nur ein unangenehmes, negatives Gefühl oder eine moralische Verfehlung ist. Die Bibel sieht dahinter vielmehr die Sünde, und die ist noch mehr: Sie kommt erst in der Begegnung mit Gott ans Licht und stört die Beziehung zu ihm. Und sie hat Auswirkungen, denn sie beeinträchtigt ebenso unser Verhältnis zu uns selbst und unsere Beziehung zu anderen Menschen. Deshalb gibt es in der Bibel Geschichten wie die von Jona. Sie macht die Notwendigkeit deutlich, persönliche und gesellschaftliche Schuldzusammenhänge zu erkennen, sie einzugrenzen und nach Möglichkeit zu lösen. Gleichzeitig stellt sie klar, dass diese Schuldzusammenhänge letzten Endes erst dann bewältigt werden, wenn der Mensch zuvor mit Gott ins Reine gekommen ist.

Und genau das geschieht in der Beichte: „Der Mensch erkennt die Schuld, die er veranlasst hat oder in die die Verhältnisse ihn verstrickt haben, er bereut und bekennt sie. Sie wird ihm daraufhin im Auftrag des Herrn und in seinem Namen vergeben. Wo das geschieht, werden Selbstrechtfertigung und Entschuldigungen überflüssig. Sie werden von der Wahrheit Gottes überführt und von seiner Vergebung überholt. Der Mensch wird frei. Er kann sich den Aufgaben seines Lebens mit neuem Mut und neuer Zuversicht zuwenden.“ So steht es in den Erläuterungen der Beichtagende. (s.o., S.11) Und weiter heißt es dort: „Die Beichte ist demnach keine beklemmende Angelegenheit, sondern Ausdruck der ,Freiheit eines Christenmenschen‘. […] Entsprechend hat die Reformation geraten: Ein Mensch soll in der Beichte […] seine Sünden einfach Gott vor die Füße legen und ihn um sein Erbarmen bitten.“ (S.12) Dann wird sie ihm vergeben. „Gott wird das Übel, das er uns angekündigt hatte, bereuen, und es nicht tun.“ Vielmehr wird das Evangelium von der Gnade Gottes und dem Geschenk der Vergebung lebendig und wirksam.

Lasst uns deshalb freudig „zu Jesus Christus kommen, Buße tun und mit ihm leben ewiglich“ (EG 234,1.7)

Amen.

Das Leben im Geist

Predigt über Römer 8, 1.2.10.11: Der Geist macht frei und lebendig
Pfingstsonntag, 5.6. 2022, 9.30 Uhr Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wir blicken immer mal gern zurück und erinnern uns an besondere Ereignisse in unserem Leben, je älter wir werden, umso häufiger. Es ist bei allen von uns hoffentlich viel Schönes dabei, aber das ist sicher nicht das Einzige. Es gibt auch Trauriges und Schweres in unserer Vergangenheit, denn unser Leben verläuft nicht glatt: Wir werden von anderen Menschen enttäuscht, erleiden Misserfolge und machen Fehler. Und gerade das Letzte, unsere Mangelhaftigkeit und Schuld, kann uns am Ende des Lebens zu schaffen machen.

So habe ich Menschen getroffen, die im Sterben lagen und es damit schwer hatten, weil ihr Gewissen mit irgendetwas belastet war. Ebenfalls habe ich erlebt, dass Freunde nach vielen Jahren plötzlich das Bedürfnis hatten, sich bei mir für etwas zu entschuldigen, das tatsächlich nicht so nett gewesen war. Ich hatte es ihnen längst verziehen, aber es tat natürlich gut, die Sache endgültig aus der Welt zu schaffen.

Doch was sollen wir tun, wenn der Mensch, den wir verletzt haben, nicht mehr lebt? Dann ist es schwer, die Schuld loszuwerden, weil wir mit ihm nicht mehr darüber reden können. Wir verdammen uns möglicherweise für das, was wir getan haben, und unsere Sünde quält uns.

Dieses Erleben kannte auch Paulus. Er hatte ja keine reine Weste, denn vor seiner Bekehrung zu Jesus Christus hatte er Christen und Christinnen verfolgt und ausgeliefert. Auch bei vielen von ihnen konnte er sich nicht mehr entschuldigen, weil sie hingerichtet worden waren.

Auf diesem Hintergrund können wir gut verstehen, was für eine große Erleichterung es für ihn war, zu glauben, dass ihm alle seine Sünden durch Christus vergeben worden waren. Im Römerbrief beschreibt er diesen Vorgang ausführlich: Der Brief handelt von der Rechtfertigung allein aus Glauben, und der Höhepunkt ist das Kapitel acht. Es beginnt mit den Worten:

Römer 8, 1. 2. 10. 11:
„So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“
In Vers zehn und elf heißt es dann weiter:
„Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.
Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch ist, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“

Das ist heute unser Predigttext. Das Kapitel, in dem er steht trägt in der Lutherbibel die Überschrift: „Das Leben im Geist.“ Paulus kommt darin auf die Macht zu sprechen, die die Freiheit und den Frieden des Glaubens zur Wirkung bringt. Diese Freiheit hatte er wie gesagt in den vorhergehenden Kapiteln dargelegt. Er schreibt darin etwas über das neue Leben als Frieden mit Gott in Bedrängnis, als Rettung aus der Sünde durch die Taufe und als Freiheit von der Gefangenschaft im Gesetz. Im achten Kapitel setzt er diese Gedanken nun auf einer anderen Ebene fort: Er führt den Heiligen Geist ein. Wer „in ihm ist“ d.h. „in Jesus Christus“, hat „Leben und Friede“: Die Macht des Geistes Jesu Christi öffnet den Weg in die Freiheit zu einem Leben in Gerechtigkeit. Deshalb gibt es „keine Verdammnis für dich, der du in Jesus Christus lebst – er hat dich freigemacht!“ So lautet die Zusage von Paulus.

Dieser Ausdruck „keine Verdammnis“ zeigt, dass es um Letztes geht, um die Gültigkeit des Lebens, um das Urteil der Ewigkeit und ein großes Lebendigmachen. Paulus wechselt deshalb bewusst in die direkte Anrede, in das „du“, denn es kann nur geschehen, wenn die Angesprochenen ganz dabei sind und sich darauf einlassen.

Dabei ist der „Geist des Lebens“ in Jesus Christus die lebendige Macht, die aus der Sendung Jesu Christi durch Gott entstanden ist. Der Gottessohn kam in unsere Bedingungen und erfuhr am eigenen Leib alles, was zum Menschsein dazu gehört, auch die Sünde. Aber er ließ sich nicht auf ihren Sog ein, obwohl die Sünde gerade an ihm mit aller Macht zog. Sie brachte ihm schließlich Leid und sogar den Tod. Aber in der Auferstehung wurde dieser Tod zum Sieg. Die Herrschaft der Sünde ist durch den Opfergang Christi und seine Auferweckung zerbrochen worden. Gottes Wille kommt wieder zu seinem Recht und weist uns den Weg zum Leben. Und diese neue Möglichkeit wird uns „im Geist“ vermittelt.

Das sagt uns unser Text, und er ist damit ein Zuspruch und eine Ermahnung zugleich: Uns wird der Geist des Lebens zugesprochen, den wir durch Jesus Christus haben. Aber wir müssen auch darauf achten, dass wir wirklich „in ihm“ sind. Das ist die Ermahnung: Was uns geschenkt wurde, muss berührt und entfacht werden. Sonst bleibt es in uns ruhen, ohne dass es sich entfaltet. Der Glaube muss in uns wach werden, damit wir nicht in die weltliche Gesinnung zurückfallen, uns z.B. selber verdammen und nichts entschuldigen, denn das hätte tödliche Konsequenzen. Vor diesem Abgrund will uns der Heilige Geist bewahren. Er ist wie ein Funke, den der Wind zum Feuer entfacht, das dann zu einer Energiequelle in uns wird. Es setzt Kräfte frei, die das Leben stärken wollen. Sie bringen Freiheit gegenüber der Sünde, Hoffnung und Zuversicht.

Paulus will uns sagen: Ihr könnt der Gesetzmäßigkeit des Geistes folgen, auch wenn ihr noch in dieser Welt unter den Bedingungen der Sünde und des Todes lebt. Ihr habt die Freiheit, euch für das zu entscheiden, was durch den Glauben in euch liegt. Lebt, was ihr seid! Lernt eine eigene Gesinnung und übt euch darin. Unterscheidet euch von dem, was üblich ist, indem ihr die herabziehenden Trends der Sünde nicht mitmacht. Der Funke Christi sucht Herzen, in denen er brennen kann, damit das Leben siegt. Auch wenn die äußere Gestalt kümmerlich wird, ja selbst wenn sie stirbt, kann uns der Geist immer wieder neu entzünden.

Und das ist gerade im Alter gut zu wissen. Wenn wir zurückblicken, sollten wir daran glauben und uns dafür öffnen. Nicht die vielen einzelnen Ereignisse sind wichtig, seien sie nun schön oder schwer, sondern dass „Jesus unsere Freude ist.“ Dafür sollen wir uns entscheiden.

Und das heißt, dass wir unsere Gedanken in eine ganz bestimmte Richtung lenken. Natürlich können wir uns mit unseren Sünden beschäftigen und über alle unsere Fehler und Mängel traurig sein. Wir können uns an den Abgrund stellen und hineinstarren. Jeder und jede kennt diese Kräfte, die uns verschlingen wollen. Gerade wenn wir etwas bereuen und uns dafür nicht mehr entschuldigen können, zehren sie an uns und quälen uns.

Und auch andere negative Kräfte können uns bestimmen. Es gibt vieles, das uns herunterziehen kann: Traurigkeit und Angst, Einsamkeit und Kummer, Sorgen und Trübsal. Doch das müssen wir nicht zulassen, denn diese Kräfte sind nicht die einzige Realität, die unser Leben bestimmt. Das fühlt sich zwar so an, wenn wir darein versinken, aber es gibt auch noch eine andere Macht, für die wir uns öffnen können. Es ist die Macht des Heiligen Geistes. Sie kann die trüben Gedanken verscheuchen und uns von innen her aufrichten, wir müssen nur in sie eintreten, d.h. im Geist Jesu leben.

Es gibt eine fünfstimmige Motette von Johann Sebastian Bach, die diesen Zusammenhang sehr schön deutlich macht. Er hat sie zu dem Choral geschrieben „Jesu, meine Freude“. (BWV 227). Der Text dieses Kirchenliedes ist von dem Dichter Johann Franck und die Melodie von dem Komponisten Johann Crüger. 1653 ist es entstanden und es bildet das Grundgerüst der Motette von Bach. Das Besondere an diesem Werk ist nun, dass Bach zwischen die sechs Strophen des Chorals jeweils eine Stelle aus dem Römerbrief gesetzt hat, und zwar aus Kapitel acht, und es sind genau die Verse, die wir heute bedenken. Dadurch kommt der Zuspruchscharakter sowohl des Liedes als auch der Worte von Paulus sehr schön zur Geltung. Bach komponierte die Motette vermutlich für eine Begräbnis- oder Gedächtnisfeier, denn musikalisch ist sie im Ton einer Trauermusik gehalten. Der Text vermittelt die Abkehr von den weltlichen Dingen und lädt dazu ein, sich dem Geist Jesu zuzuwenden, der über alle Traurigkeit triumphiert.

In der ersten Strophe heißt es: „Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, […] außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.“ Auf sie folgt der Zuspruch von Paulus: „Es ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist.“ Damit wird sehr schön deutlich, dass wir nur dann ruhig werden, wenn wir uns mit unserer Sehnsucht nach Erlösung ganz auf Jesus verlassen, unser „Herz auf ihm weiden“ und ihn zu unserem „Liebsten“ machen. Denn nur „unter seinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.“ Er steht uns bei, selbst wenn noch so viele Stimmen uns bedrängen und verklagen wollen. „Jesus will mich decken.“ Auch das wird in der Motette wieder mit einem Satz aus dem Römerbrief begründet: „Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig machet in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“

So können wir „trotz des Todes Rachen, und der Furcht darzu“ dastehen und „in sicherer Ruh singen. Gottes Macht hält mich in acht.“ Gott ist auf jeden Fall auf unserer Seite, er beschützt und rettet uns.

Und das führt dazu, dass wir auch im Leid und angesichts des Todes froh und zuversichtlich bleiben. Ganz gleich, was um uns herum geschieht oder wie unser Leben verlaufen ist, wir werden mit Jesus auferweckt. In der Motette wird das durch den Vers bekräftigt, der auch heute den Abschluss bildet: „So nun der Geist des, der Jesum von den Toten auferwecket hat, in euch wohnet, so wird derselbige, […] auch eure sterblichen Leiber lebendig machen.“

Die Motette endet deshalb mit dem Triumph des Glaubens und der Freude. Das kommt in der sechsten Strophe des Liedes zum Ausdruck. Sie endet mit dem Satz: „Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu meine Freude.“

Amen.

Lied EG 396: Jesu, meine Freude

  1. Jesu, meine Freude,
    meines Herzens Weide,
    Jesu, meine Zier:
    Ach, wie lang, ach lange
    ist dem Herzen bange
    und verlangt nach dir!
    Gottes Lamm, mein Bräutigam,
    außer dir soll mir auf Erden
    nichts sonst liebers werden.
  2. Unter deinem Schirmen
    bin ich vor den Stürmen
    aller Feinde frei.
    Lass den Satan wettern,
    lass die Welt erzittern,
    mir steht Jesus bei.
    Ob es jetzt gleich kracht und blitzt,
    ob gleich Sünd und Hölle schrecken,
    Jesus will mich decken.
  3. Trotz dem alten Drachen,
    Trotz dem Todesrachen,
    Trotz der Furcht dazu!
    Tobe, Welt, und springe;
    ich steh hier und singe
    in gar sichrer Ruh.
    Gottes Macht hält mich in Acht,
    Erd und Abgrund muss verstummen,
    ob sie noch so brummen.
  4. Weg mit allen Schätzen;
    du bist mein Ergötzen,
    Jesu, meine Lust.
    Weg, ihr eitlen Ehren,
    ich mag euch nicht hören,
    bleibt mir unbewusst!
    Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod
    soll mich, ob ich viel muss leiden,
    nicht von Jesus scheiden.
  5. Gute Nacht, o Wesen,
    das die Welt erlesen,
    mir gefällst du nicht.
    Gute Nacht, ihr Sünden,
    bleibet weit dahinten,
    kommt nicht mehr ans Licht!
    Gute Nacht, du Stolz und Pracht;
    dir sei ganz, du Lasterleben,
    gute Nacht gegeben.
  6. Weicht, ihr Trauergeister,
    denn mein Freudenmeister,
    Jesus, tritt herein.
    Denen, die Gott lieben,
    muss auch ihr Betrüben
    lauter Freude sein.
    Duld ich schon hier Spott und Hohn,
    dennoch bleibst du auch im Leide,
    Jesu, meine Freude.


    Text: Johann Franck 1653
    Melodie: Johann Crüger 1653