Gott geht mit den Seinen

Predigt über Josua 3, 5-16: Israel geht durch den Jordan

1. Sonntag nach Epiphanias, 13.1. 2019, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Josua 3, 5- 16

5 Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun.
6 Und zu den Priestern sprach er: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her.
7 Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, adich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: bWie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein.
8 Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen.
9 Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes!
10 Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter:
11 Siehe, die Lade des Bundes des Herrschers über alle Welt wird vor euch hergehen in den Jordan.
12 So nehmt nun zwölf Männer aus den Stämmen Israels, aus jedem Stamm einen.
13 Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des HERRN, des Herrschers über alle Welt, tragen, in dem Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall.
14 Als nun das Volk aus seinen Zelten auszog, um durch den Jordan zu gehen, und als die Priester die Bundeslade vor dem Volk hertrugen
15 und an den Jordan kamen und ihre Füße vorn ins Wasser tauchten – der Jordan aber war die ganze Zeit der Ernte über alle seine Ufer getreten –,
16 da stand das Wasser, das von oben herniederkam, aufgerichtet wie ein einziger Wall, sehr fern, bei der Stadt Adam, die zur Seite von Zaretan liegt; aber das Wasser, das zum Meer hinunterlief, zum Salzmeer, das nahm ab und floss ganz weg. So ging das Volk hindurch gegenüber von Jericho.

Liebe Gemeinde.

Um von einer Seite des Nordostseekanals auf die andere zu kommen, gibt es 10 Brücken, 14 Fähren und einen Tunnel. Überall dort, wo vor dem Bau bereits eine Straße war, musste die Überquerung gewährleistet werden, deshalb gibt es so viele Möglichkeiten. Über einen Fluss führen normalerweise weniger Brücken oder Fähren, geschweige denn, dass ein Tunnel darunter hinweg geht. Denn das sind natürliche Wasserläufe, die nicht selten auch eine Ländergrenze bilden. Das hat sich im Laufe der Geschichte ganz von allein ergeben, weil es in früheren Jahrhunderten noch wesentlich schwieriger war, über einen Fluss zu kommen. Die ersten festen Brücken wurden von den Römern im 5. Jahrhundert vor Christus gebaut. In vorgeschichtlicher Zeit verwendete man umgestürzte Bäume, bewusst platzierte Stämme, Lianen, Steine und hölzerne Planken. Sie überwanden allerdings nur kurze Distanzen.

Über den Jordan, den Fluss, der von Norden nach Süden durch Palästina fließt, kamen die Menschen in der Frühgeschichte Israels also nur ganz schwer. Der war zu breit und lag außerdem in einem tiefen Graben. Als die Israeliten dort ankamen und auf die andere Seite wollten, waren sie demnach erst einmal ratlos. Nur durch ein Wunder gelang es ihnen, den Fluss zu überqueren.

So wird es in der Geschichte erzählt, die wir vorhin gehört haben. Sie handelt von dem Durchzug des Volkes Israel durch den Jordan. Wenn wir uns vorstellen, was da beschrieben wird, sehen wir Abertausende von Menschen, wie sie nach der langen Wüstenwanderung endlich zum Jordan gelangt sind. Sie waren kurz vor dem Ziel, denn auf der anderen, der westlichen Seite, lag das „gelobte Land“, das ihnen von Gott verheißen war. Diese Verheißung hatte sie auch geführt. Gott hatte sie einst den Vätern und später Mose gegeben. Nun lag das versprochene Land vor ihnen, zum Greifen nah, aber da floss der Jordan. Unüberwindlich tat sich der Graben des Stromes vor ihnen auf, und keiner wusste, wie sie dort hinüber gelangen sollten. Und noch etwas machte ihnen Angst: Selbst, wenn sie es schafften, wie würde es ihnen drüben ergehen? Sie kannten das Land nicht. Lauerten dort nicht Feinde? Mehrfach waren sie auf ihrer Wanderung angegriffen worden. Wer sagte ihnen, dass es jenseits des Jordan nicht wieder zu Kämpfen kommen würde?

Doch mit diesen Fragen mussten sie sich nicht lange beschäftigen, Gott selber gab ihnen die Antwort: Mit einer unsichtbaren Macht hielt er das Wasser des Jordan zurück, so dass Männer, Frauen und Kinder trockenen Fußes durch das Flussbett ziehen konnten. Seine starke Hand beschützte sie.

Dabei spielte die sogenannte Bundeslade eine Rolle. Das war ein hölzerner Kasten, in dem die Gesetzestafeln lagen. Sie war das Heiligtum des Volkes Israel, das sie durch die Wüste getragen und bei einer Rast jeweils in einem besonderen Zelt, der Stiftshütte, aufgestellt hatten. Später stand sie im Tempel in Jerusalem. Mit ihr gelang es den Israeliten nun, durch den Jordan zu ziehen, denn als die Priester mit der Lade den Fluss betraten, wich das Wasser zu beiden Seiten. Es wurde in seiner reißenden Strömung angehalten. Nach dem Durchzug kehrte das Wasser in sein Bett zurück.

Das Ereignis erinnert an einen Bericht des arabischen Geschichtsschreibers Nuwairi, nach dem im 13. Jahrhundert n. Chr. einmal das Jordanwasser aussetzte, weil sich im Oberlauf nach einem Ufereinsturz ein Damm gebildet hatte. Ob sich in unserem Text eine Erinnerung an einen ähnlichen Vorfall erhalten hat, muss offen bleiben. Hier ist der Bericht Teil einer theologischen Konzeption: Es geht um ein wunderbares Eingreifen Gottes.

Dabei erinnert das beschriebene Wunder an den Durchzug durch das Rote Meer (2. Mose 14). Mit ihm hatte Gott dem Volk die Flucht vor den Ägyptern und den Weg durch die Wüste ermöglicht. Am Ende ihrer Wanderung stand nun wieder so ein göttliches Handeln, mit dem das Werden Israels im verheißenen Land begann. Die Heilsgeschichte nahm ihren weiteren Verlauf, der bis hin zum Kommen Jesu reicht.

So wird es uns in der Bibel erzählt. Was jedoch genau geschehen ist, als das Volk Israel in das „gelobte Land“ einzog, wissen wir nicht. Die Geschichten in der Bibel, die davon handeln, sind keine historischen Berichte. Sie wollen vielmehr hauptsächlich die Macht Gottes beschreiben, seine Gegenwart und Treue. Es geht um die Geschichte Gottes mit seinem Volk: Er tut, was er verheißen hat, das war der Glaube Israels. Und bei dieser Betrachtung der Vergangenheit sind im Nachhinein ganze Jahrhunderte zusammengerückt und haben sich ineinander geschoben. In Wirklichkeit war die sogenannte Landnahme nämlich ein langer Prozess. Die Ahnen Israels waren wohl eher Kulturlandnomaden, die sich im Laufe des 2. Jahrtausends v. Chr. im alten Palästina friedlich angesiedelt haben.

Es ist wichtig, dass wir uns das klar machen, denn in der Geschichte klingt ja an, dass es einen „Heiligen Krieg“ gegeben hat, mit dem Israel das Land einnahm. Erst dadurch wurde es angeblich frei für die Neubesiedelung. Dieser Krieg wird im weiteren Verlauf des Josuabuches dann auch mit manchen grausamen Schilderungen ausgeführt. Danach war es Gott selbst, der für Israel kämpfte.

Das tut unseren heutigen Ohren weh, denn ein Teil dieser Vorstellung ist die Vernichtung der Feinde im göttlichen Auftrag. Das macht uns Mühe, weil diese Ausführungen in der Geschichte und bis in die Gegenwart hinein Nachwirkungen hatten, sowohl im Islam als auch im Christentum. Und erst recht nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts verbietet es sich, dass wir uns eine Vertreibung und einen Völkermord im Auftrag Gottes vorstellen, davon reden, geschweige denn ihn durchführen.

Doch so müssen wir das Alte Testament auch nicht verstehen. Es ist wichtig zu sehen, dass es sich im Buch Josua um einen späteren, geschichtstheologischen Entwurf handelt, in den leidvolle Erfahrungen Israels aus den Kämpfen vor dem Exil eingeflossen sind. Tatsächlich erfolgte die Landnahme wie gesagt friedlich, und es gab diesen Krieg so gar nicht. Hier spricht sich vielmehr ein Glaube aus, der sich in rauen Zeiten bewähren musste. Das Bild von einem kriegerischen Gott verändert sich auch bereits im Alten Testament gründlich. Und vollends das Neue Testament versteht Gott dann ganz anders.

Unsere Geschichte enthält also kein historisches Ereignis, sondern eine theologische Aussage: Die wunderbare Macht und Gegenwart Gottes wird hier beschrieben. Es geht um eine Glaubenserfahrung. Und die hat natürlich auch für uns eine Bedeutung. Wir können vieles aus der Erzählung sehr schön auf unser Leben anwenden.

Dafür ist es gut, wenn wir uns als erstes bewusst machen, dass unser Leben ein Weg ist. Gerade am Anfang eines neuen Jahres nehmen wir das wahr. Wir merken, es geht immer weiter. Und es nicht immer einfach. Es gibt viele „Grenzflüsse“, d.h. Grenzen, an die man gleichsam nach langer Wanderung gelangt ist, und man weiß: man muss hinüber. Aber da ist die bange Frage, es wie gelingt, über die Grenze zu kommen. Und wie wird es drüben sein? Was kommt auf mich zu? Solche Grenzen können Entscheidungen im persönlichen Leben sein, oder auch größere Geburtstage, die das Leben unübersehbar gliedern. Einen tiefen Einschnitt bildet immer auch der Verlust eines Menschen, eine Krankheit, ein Unfall usw.

Wenn wir fragen, wie wir da hindurch bzw. hinüber kommen, schildert unsere Geschichte nun etwas Unerhörtes: Der Weg in das jenseits liegende Land wird frei. Auf trockenem Boden gelangt das ganze Volk hinüber. Und damit soll kein plattes Wunder und auch kein satter Glaube beschrieben werden, dem alles in den Schoß fällt. Nein, Schritt für Schritt müssen die Menschen erst einmal in die Gefahr hinein, müssen das Flussbett überqueren, obwohl das Wasser jeden Augenblick zurückkehren könnte. Was sie erfahren, ist also dies: Gottes Gegenwart trägt sie durch, eben Schritt für Schritt, bis sie am anderen Ufer ankommen. Und auch dort wird sich, gegen alle scheinbare Bedrohung, die Verheißung erfüllen, dass es „ihr Land“ ist.

Und diese Erfahrung können wir ebenfalls machen: Wir müssen nur nach Gottes Willen fragen, auf ihn vertrauen und uns an ihn halten. Dann macht er uns den Weg frei, er zeigt ihn uns, wenn wir ihn gehen, und er hält die Gefahren zurück.

Dabei ist es sehr schön, dass in unsrer Geschichte zwei Details genannt werden, die uns einen Hinweis auf unsere Glaubenspraxis geben können. Zum einen heißt es am Anfang nämlich, dass das Volk sich vor dem Überqueren des Jordan „geheiligt“ hat. Sie haben also an Gott gedacht und sich auf seine Gegenwart eingestellt. Und das ist auch für uns ratsam. Es bedeutet, dass wir uns in der Stille auf Gott und seine Führung einrichten, zu ihm beten und seinen Geist empfangen. Paul Gerhardt hat das in einem Lied, das er für den Jahresbeginn dichtete, sehr schön zum Ausdruck gebracht. Es beginnt mit den Worten: „Nun lasst uns gehn und treten mit Singen und mit Beten zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben.“ (EG 58,1) Darin bestünde unsere „Heiligung“, dass wir singend und betend unseren Weg gehen.

Die andere Einzelheit in der Geschichte, die wir auf unsere Frömmigkeit übertragen können, ist die „Bundeslade“, die die Israeliten mit sich führten. Sie war ein Zeichen für die Gegenwart Gottes. Eine Bundeslade haben wir zwar nicht, aber Gott gibt auch uns Zeichen, an denen sich unser Glaube festmachen kann. Das sind z.B. die Bibel und der Gottesdienst. Sie bezeugen Gottes Gegenwart, erzählen uns von ihm und stärken unseren Glauben. Materiell haben wir Gott damit nicht; aber er hat uns diese Dinge gegeben, damit sie uns immer wieder an ihn erinnern.

Sie können das, weil uns in ihnen Jesus Christus begegnet, der Sohn Gottes. Er ist das eigentliche und lebendige Zeichen, das allen anderen vorkommt. Er wurde gesandt, damit wir an ihm erkennen, was Gott kann und tut, an seinem Weg, seiner Verkündigung, seinem Kreuz und seiner Auferstehung. Konkret begegnet er uns bei unserer Taufe und im Abendmahl. Die Sakramente bezeugen die Liebe Gottes und den „neuen Bund“, den er mit uns in Jesus Christus schloss. Es sind Quellen der Kraft, um über die Grenzen in unserem Leben hinüberzugelangen, Schritt für Schritt, im Glauben getragen.

Heute, wo wir wissen, wie man Brücken baut, können wir uns gerne auch eine Brücke vorstellen, die in entsteht, wenn wir unseren Weg über eine Grenze wagen. Sie verbindet zwei Ufer, die ohne sie voneinander getrennt sind, und gibt uns einen sicheren Halt. Jenseits wartet ein Stück „verheißenes Land“, und auch dort werden wir den Weg finden. Im vollen Sinn gilt das schließlich für die letzte Grenze im Leben und für die Zukunft jenseits der Zeit. Bis dahin trägt uns Gott mit der Kraft seiner Liebe.

Wenn wir uns in dieser Weise im Glauben üben, wächst im Laufe der Zeit das Vertrauen in die Möglichkeiten Gottes. Das Gefühl der Geborgenheit bei ihm wird stärker. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass er wirklich etwas kann und tut. Wir gründen uns auf eine unsichtbare Macht, die überall da ist, wo wir sind. Sie umgibt uns von allen Seiten.

Das wird in einem Reisesegen aus der Tradition der Kirche sehr schön zum Ausdruck gebracht, der auch in unserem Gesangbuch steht. Er lautet: „Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen. Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen, und dich zu schützen. Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen. Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst, und dich aus der Schlinge zu ziehen. Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist. Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen. Der Herr sei über dir, um dich zu segnen. So segne dich der gütige Gott.“ (EG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 922).

Amen.

 

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Auf dass die Schrift erfüllt würde

Predigt über Matthäus 2, 13- 18: Die Flucht nach Ägypten und der Kindermord des Herodes

1. Sonntag nach Weihnachten, 30.12.2018, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Sind Weihnachten einige eurer Wünsche in Erfüllung gegangen? Dann habt ihr euch sicher gefreut, denn das ist grundsätzlich ein schönes Erlebnis, nicht nur, wenn es um materielle Geschenke geht. Wir freuen uns wahrscheinlich noch viel mehr, wenn wir z.B. verliebt sind, und sich herausstellt, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Wer schon immer mal eine bestimmte Reise machen wollte und sich diesen Wunsch irgendwann endlich erfüllt, ist ebenso glücklich. Auch die Heilung von einer schlimmen Krankheit gehört zu solchen Erlebnissen, und vieles mehr. Wir alle kennen das Warten, das dazu gehört, die Hoffnung, die sich damit verbindet, und die Freude, wenn sie in Erfüllung geht.

Den ersten Christen erging es ähnlich, denn sie glaubten, dass Jesus der verheißene Messias war. Es waren Juden, und so war ihr Lebensgefühl vom Warten auf den göttlichen Retter bestimmt. Für diejenigen, die sich zu Christus bekehrten, war die Schrift nun in Erfüllung gegangen, davon waren sie überzeugt. Und das versuchten sie zu beweisen. In den Evangelien wird seine Geschichte so erzählt, dass daran kein Zweifel bleiben soll.

Besonders Matthäus legt Wert auf dieses Bekenntnis. Sein Evangelium ist mehr als die anderen von sogenannten „Reflexionszitaten“ durchzogen. Das sind Stellen aus dem Alten Testament, die am Ende einer Erzählung über Jesus stehen und belegen, dass die Begebenheit mit den Verheißungen in der Bibel übereinstimmt. Sie reflektieren die Erfüllung des Alten Testamentes in Jesu Leben und beleuchten seine Geschichte von der Schrift her. Gerade am Anfang des Matthäusevangeliums finden wir mehrere solcher Zitate, so auch in dem Abschnitt aus der Kindheit Jesu, der heute unser Predigttext ist. Er steht im zweiten Kapitel, Vers 13 bis 18, und lautet folgendermaßen:

Matthäus 2, 13- 18

13 Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.
14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten
15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«
16 Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.
17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15):
18 »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

Das sind zwei Kurzerzählungen, die für den Evangelisten wichtige Ereignisse mitteilen. Sie ergaben sich im Anschluss an den Besuch der drei Sterndeuter, den „Weisen aus dem Morgenland“ im Stall in Bethlehem (Matthäus 2, 1-12), und es sind schmerzliche Episoden. Die Vorgänge belasten den „neugeborenen König der Juden“. So hatten die drei Weisen Jesus genannt. Zuerst muss er nach Ägypten fliehen, und im Anschluss daran werden alle gleichaltrigen Knaben in Bethlehem getötet. Das sind brutale Vorkommnisse. Ob sie wirklich so geschehen sind, wissen wir nicht, aber um Historizität geht es dem Evangelisten auch gar nicht. Er greift vielmehr auf vorgegebene Überlieferungen zurück. Hier war es Matthäus wahrscheinlich wichtig, zwischen Jesus und Mose eine Parallele herzustellen. Im Leben von Mose ereigneten sich nämlich ähnliche Dinge: Kurz nachdem er geboren war, gab es einen massenhaften Kindermord (2. Mose 1,15-22), und auch er war später nach Ägypten geflohen (2. Mose 11-15). So entspricht das Schicksal Jesu der wunderbaren Rettung des Mose und des Volkes Israel aus Ägypten. Die Geschichten über seine Flucht und der Bewahrung vor dem Tod als kleines Kind sind demnach so etwas wie Meditationen über die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen, und sie sollen offenbaren, dass Jesus von Nazareth der verheißene Messias ist.

Viele Menschen hat das damals auch überzeugt, nicht nur durch diese Geschichte, sondern durch viele weitere Episoden, die belegen, dass Gott seine Ankündigungen wahr gemacht hat. Der Glaube an Jesus als dem Retter der Menschheit hat sich ausgebreitet und wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einer Weltreligion. Es gibt heutzutage überall Kirchen und christliche Gemeinschaften, auch wir gehören dazu. Wir glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist.

Doch liegt das an den sogenannten Schriftbeweisen in den Evangelien? Die sehen wir wahrscheinlich eher kritisch, eben weil wir wissen, dass sie nachträglich angeführt wurden. Und die Geschichte, die wir heute bedenken, den Kindermord in Bethlehem, löst möglicherweise sogar genau das Gegenteil aus: Sie lässt uns am Glauben zweifeln. Wie konnte Gott das zulassen? Und warum musste ausgerechnet so etwas Schreckliches geschehen, damit Jesus seinen ihm vorgezeichneten Weg gehen konnte? Das empört und verstört uns, es wirkt makaber und zynisch.

Die Frage nach dem Grund für das Böse stellen wir ja sowieso oft. Warum gibt es das? Wenn Menschen es erleben oder davon hören, verlieren sie eher ihren Glauben, als dass es ihnen hilft, Gott zu verstehen. Sie machen ihm Vorwürfe, werden wütend und klagen ihn an. Er soll sich rechtfertigen.

Doch das tut er nicht, und eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es auch nicht. Sie steht als großes Menschheitsrätsel im Raum und wird letzten Endes auch offen bleiben. Trotzdem gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen, und dazu enthält unsere Geschichte ein paar Hinweise. Wir müssen sie nur genau lesen. Auch ist es wichtig, sie in den Zusammenhang des ganzen Evangeliums einzuordnen. Und schließlich können wir fragen, wie wir das dann auf unser Leben und seine Rätsel anwenden können. Lasst uns diese drei Gedankengänge einmal vollziehen. Wenn wir wollen, können sie uns besänftigen und unsere Empörung abbauen.

Zunächst einmal geht es um Genauigkeit, um ein sorgfältiges Lesen der Geschichten, und dabei entdecken wir, dass der Evangelist den Schriftbeweis für das Bethlehem-Massaker in bemerkenswerter Weise einleitet. Er sagt nämlich bewusst nicht „auf dass erfüllt würde“ (V.15), wie er es sonst tut, sondern: „da wurde erfüllt“ (V. 17). Er war also nicht das Ziel des göttlichen Planens. Menschen haben das verursacht, das Böse geschah – wie so oft – durch Machtgier und Eifersucht, Zorn und Raserei. Gott hat das nicht gewollt oder verursacht, er hat es nur vorhergesehen, weil er die Menschen kennt. Er hat seinen Plan nicht durch die Brutalität verwirklicht, sondern trotz dieser Grausamkeit. Sie begleitete den Weg Jesu von Anfang an, das soll hier gesagt werden. Schon zu Beginn seines Lebens lag ein Schatten über ihm. Es blieb dann ja auch so, dass er nicht den Weg besonderer menschlicher Größe gegangen ist. Sein Leben war – mit weltlichen Maßstäben gemessen – nicht erfolgreich oder befriedigend und schon gar nicht triumphierend. Er war vielmehr von Anfang ein Leidender und Sterbender. Und das war nicht zufällig so, sondern genau darin lag der Wille Gottes.

Und daraus ergibt sich der zweite Gedanke, der uns helfen kann, die Geschehnisse am Anfang des Lebens Jesu, wie Matthäus sie erzählt, und auch andere schlimme Vorkommnisse in der Welt, einzuordnen: Gott hat durch die Geburt seines Sohnes nicht die Menschen geändert. Er hat das Böse nicht ausgerottet oder vernichtet, sondern er hat es auf sich genommen. Er ist selber tief in das Elend der menschlichen Wirklichkeit eingetaucht, hat die Ungerechtigkeit und Grausamkeit, zu denen Menschen fähig sind, ertragen und durchlitten. Sein Sieg geschah nicht durch sein Kommen, sondern erst durch sein Sterben und Auferstehen. Das war von Anfang an das Ziel. So haben es die Evangelisten deshalb dargestellt: Der Anfang war klein und schwach, und erst durch das Ende ergibt sich ein Gesamtbild. Ostern ist die Christenheit entstanden, durch das Fest der Auferstehung. Denn da wurde der Tod besiegt, da hat die Macht Gottes über das Böse triumphiert, und der Himmel hat sich geöffnet. Die ältesten Sätze des Glaubensbekenntnisses enthalten dieses Ereignis. Auch in der Predigt von Paulus standen das Kreuz und die Auferstehung Jesu im Mittelpunkt. Er lud zum Glauben an die erlösende Kraft dieses Geschehens ein.

Und damit sind wir bei dem dritten Gedanken, der hier wichtig ist: Wir verstehen das Evangelium nur, wenn wir an Jesus glauben, ihm vertrauen und nachfolgen. Es hilft uns nicht, wenn wir mit unserem Verstand versuchen, sein Geheimnis zu ergründen, und angeblich kluge Fragen stellen. Denn seine Geschichte und seine Sendung übersteigen unser Denken. Es ist deshalb sogar gut, wenn wir unser Denken einmal ruhen lassen mitsamt der Frage nach dem Grund für das Leiden. Es ist hilfreicher, wenn wir sie aushalten und unbeantwortet stehen lassen. Dazu müssen wir uns natürlich entscheiden. Es liegt an uns, ob wir verbittern oder loslassen wollen, uns verhärten oder vertrauen. Die Evangelien laden uns zu dem zweiten ein, zum Stillhalten und zum Glauben.

Es gibt dazu eine schöne kleine Geschichte von dem deutsch jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Er lebte im vorigen Jahrhundert, zuerst in Wien und dann in Jerusalem, und er hat Jesus immer als gerechten jüdischen Lehrer der Tora anerkannt. Er würdigte es, dass Jesus viele Menschen aus den Völkern zum Glauben an Israels Gott gebracht hat. Die Frage, ob er gleichzeitig der Messias war, ließ Buber allerdings bewusst unbeantwortet. Gegenüber Christen soll er einmal augenzwinkernd vorgeschlagen haben:

„Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: ,Antworte nicht‘.“ (zitiert nach Reinhold Boschki, Dagmar Mensink (Hrsg.): Kultur allein ist nicht genug. Das Werk von Elie Wiesel – Herausforderung für Religion und Gesellschaft, Münster 1998, S. 39; Quellenangabe bei https://de.wikipedia.org/wiki/Messias)

Es darf also ruhig sein Geheimnis bleiben. Und das ist ein sehr schöner Gedanke, denn die Enthüllung von Geheimnissen bleibt im Verborgenen, da, wo wir mit Gott allein sind und unseren Geist und unsere Seele für seine Gegenwart öffnen. Wenn wir das tun, können wir erfahren, dass es noch viel mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir ahnen. Dem Glauben erschließt sich eine unaussprechliche und wunderbare Wirklichkeit, und die ist erfüllend und heilend.

So erging es den beiden alten Menschen, von denen wir in der Lesung des Evangeliums gehört haben. Lukas erzählt uns von ihnen. (Lukas 12,25-38) Seine Kindheitsgeschichte ist eine ganz andere als die von Matthäus. Laut ihm wird Jesus sieben Tage nach seiner Geburt zur Beschneidung in den Tempel gebracht, wie es im Gesetz des Moses vorgeschrieben war. Und da traf das Kind Jesus einen alten Mann, Simeon, der sein Leben lang auf den Messias gewartet hatte. Der ging fest davon aus, dass er ihn sehen würde, bevor er starb. Als er nun den Eltern von Jesus begegnete, wusste er sofort: Das ist er. So nahm er das Kind auf seine Arme und sang: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“

Für Simeon war ein Traum in Erfüllung gegangen. Die langgehegte Hoffnung fand ihr Ziel, er war überglücklich und konnte sich nun ruhig und gelassen auf seinen Tod einstellen. Und so kann es auch uns gehen. Wenn wir Jesus im Geist umfangen und ihn mit unserer Seele umarmen. Unsere Fragen kommen zur Ruhe und wir können wie Martin Luther singen: „Was kann euch tun die Sünd und Tod? Ihr habt mit euch den wahren Gott; lasst zürnen Teufel und die Höll, Gotts Sohn ist worden eu’r Gesell.“ (EG 25,4)

Amen.

 

Das Licht in der Finsternis

Predigt über Jesaja 9, 1- 6: Der Friedefürst wird verheißen

Heiligabend, 24.12.2018, 17 und 23 Uhr, Jakobi- und Lutherkirche Kiel

Jesaja 9, 1- 6

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.
4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

 Liebe Gemeinde.

Besitzen Sie eine Lichtdusche? Vielleicht haben Sie heute ja eine geschenkt bekommen. Es ist eine Lampe, die das Sonnenlicht simuliert. Mit einer Stärke von 2500 bis 10000 Lux entspricht sie dem natürlichen Tageslicht, und es ist notwendig, sich dem täglich auszusetzen, gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit. Denn es ist erwiesen, dass sich das Licht auf den Körper und die Seele auswirkt. Man nennt das „Lichttherapie“. Dabei wird die Bestrahlung mit hellem Licht genutzt, um psychische Erkrankungen zu heilen, insbesondere die winterliche Depression. Schon eine halbe Stunde Aufenthalt im Wirkungskreis einer Lichtdusche kann für eine deutliche Verbesserung der Symptome sorgen, sagen die Anbieter. Das Licht vertreibt die Dunkelheit, es weckt Freude und neue Energie.

Deshalb ist es auch ein Symbol für Jesus Christus, von dem wir glauben, dass er der Sohn Gottes ist, und damit der wahre Lebensspender. Jesus sagt selber: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Johannes 8, 12)  Und im Alten Testament gibt es diese Symbolik ebenfalls, wie z.B. in der Verheißung des Propheten Jesaja, die wir vorhin gehört haben. Da wird ein großes Licht angekündigt, das von Gott kommt, und alle Finsternis vertreibt. Die Botschaft beginnt mit den Worten: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Das ist eine sehr schöne Prophezeiung, und die Christen haben sie von Anfang an auf Jesus Christus übertragen. Für uns ist sie durch seine Geburt in Erfüllung gegangen.

Aber was heißt das nun, und ist das berechtigt? Scheint das göttliche Licht in Jesus Christus wirklich auf? Diese Fragen haben wir, denn offensichtlich ist das nicht. Lassen Sie uns deshalb darüber nachdenken, und uns zunächst klar machen, was der Prophet Jesaja selber mit seiner Verheißung meinte.

Er ist einer der großen alttestamentlichen Schriftpropheten und wirkte in einer Zeit, als Juda durch die Großmacht Assyrien bedroht wurde. Das Volk hatte also Angst und verlor langsam die Hoffnung, das ist der Hintergrund. Jesaja wollte den Menschen Mut machen. Deshalb verkündete er eine gewaltige Wende, und versprach den Israeliten im Namen Gottes einen universalen Frieden, Gerechtigkeit und Heil. Er verhieß ihnen den zukünftigen Messias: Der wird ein gerechter Richter und Retter der Armen sein, so lautet seine Botschaft.

Dabei ist der Abschnitt, den wir gehört haben, so etwas wie ein Auftragsgedicht für seine Thronbesteigungsfeier. Jesaja erinnert darin unter anderem an einen Tag in der Vergangenheit des Volkes, an dem die Israeliten mit Gottes Kraft einen herrlichen Sieg über ihre Feinde errungen hatten, mit nur ganz geringer menschlicher Macht. So etwas wird wieder geschehen, sagt Jesaja. Denn Gott wird ihnen einen Retter „geben“, wie es heißt. Dahinter steht die Vorstellung, dass ein König von der Gottheit gezeugt wurde. Und er erhält besondere Namen, auch das gehörte zu einer Thronbesteigungsfeier. Sie lauten: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“.

Zum Schluss sagt der Prophet: „Auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“

Das ist die Verheißung Jesajas, und die haben die Christen wie gesagt auf Jesus bezogen. Sie sehen in ihm diesen Retter, der die Finsternis vertreibt und eine ewige Herrschaft des Friedens aufrichtet.

Aber tun sie das eigentlich zu Recht, das hatten wir gefragt. Und was bedeutet das? Wo und wann erleben wir davon denn etwas? Die Welt hat sich in den letzten 2000 Jahren, seit Christus erschienen ist, doch so gut wie gar nicht geändert! Es gibt keinen Frieden und keine Gerechtigkeit, und schon gar keine Wunder. Was soll das also, dass wir so etwas alles in Jesus sehen? Er scheint machtlos zu sein, sein Licht leuchtet gar nicht. Das denken viele, und deshalb helfen sie sich lieber selber.

Wenn wir in die Welt schauen und auf unsere Erfahrungen vertrauen, ist das auch verständlich, denn es gibt viel Dunkelheit, die niemand vertreibt. Wir hören von Kriegen und Katastrophen, Menschen hungern und leiden, sie werden ausgebeutet, gefoltert und ermordet. Das war schon immer so und ist heutzutage nicht anders. Wir wissen, dass es sogar in unserem Land viel Ungerechtigkeit und Armut gibt. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen. Ebenso wichtig ist es, dass wir tun, was wir können, damit all das aufhört. Die Vision des Propheten bzw. die Weihnachtsbotschaft entlassen uns nicht aus unserer Verantwortung für die Welt, geschweige denn, dass sie uns zum Nichtstun einladen.

Das Ziel ist ein ganz anderes, und um das zu verstehen, ist es gut, wenn wir zunächst in unser persönliches Leben schauen und sie darauf anwenden. Da gibt es ja auch viel Leid und Dunkelheit. Oft sind wir selber schwach und traurig, nicht nur durch diese kalte und trübe Jahreszeit. Vielleicht ist kürzlich in Ihrer Familie etwas geschehen, das das Leben verdüstert hat: Eine Trennung, ein Unfall, ein Jobverlust, eine Krankheit. Das Gefühl der Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit dominiert dann, Enttäuschung, Angst und Zweifel.

Doch auch wenn hoffentlich zurzeit alles ruhig ist, kennen wir diese Gefühle alle. Kein Leben ist frei von Leid, es gehört dazu. Das müssen wir zugeben und uns eingestehen, denn darauf bezieht sich die Verheißung der Bibel. Der Prophet spricht in eine Zeit der Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit hinein, und er lädt uns zu einem ganz bestimmten Umgang damit ein.

Normalerweise helfen wir uns ja irgendwie selber, wenn es uns schlecht geht. Wir suchen Rat bei anderen Menschen, strengen uns an oder lenken uns ab. Auch eine Lichttherapie oder andere medizinische und psychologische Maßnahmen können die Dunkelheit vertreiben. Aber reicht das? Und ist der Effekt von Dauer? Oft bleiben unsere Versuche, uns selber zu retten, unzureichend. Es gelingt uns nicht richtig, denn viele Nöte lassen sich gar nicht therapieren.

Und das liegt nicht an den falschen Maßnahmen, sondern daran, dass die Ursachen viel weitreichender sind, als wir ahnen. Sie hängen damit zusammen, dass wir letzten Endes alle dem Tod und der Sünde verfallen sind. Das Leben ist vergänglich, und niemand bleibt im Laufe seines Lebens frei von Schuld. Die Dunkelheit ist eine Tatsache, die wir nicht vertreiben können. Sie gehört zu der Wirklichkeit unseres Daseins, und das lässt sich auch nicht ändern, wir müssen das aushalten. Und genau das ist der erste Schritt, der sich aus der biblischen Verheißung ergibt: Uns wird nahe gelegt, nicht mehr aus eigener Kraft gegen das Leid anzukämpfen, sondern es anzunehmen, d.h. still zu werden und erst einmal auszuharren.

Wir können das, weil es ein viel größeres Licht gibt, als wir ahnen: Es kommt von Gott, denn sein Jesus Christus ist in dieser Welt erschienen, und wir sind eingeladen, uns seinem Licht auszusetzen. Das ist der zweite Schritt. Wir müssen nur zu ihm gehen, uns ihm öffnen und ihn in unser Leben hineinlassen. Ohne an ihn zu glauben, entdecken wir ihn nicht. Wenn wir ihm aber vertrauen, kann er in uns und an uns wirken. Und das geht viel tiefer als jede Therapie. Denn sein Licht scheint uns nicht nur an, wie eine Lichtdusche das tut, es umfängt uns ganz, es ergreift den Geist und die Seele. Wir werden mit allem, was uns belastet, aufgefangen, mit Licht umhüllt und durchflutet. Uns wird eine tiefe Ruhe geschenkt, unsere Seele wird friedlich.

Das machen die Namen deutlich, die ihm von dem Propheten gegeben sind. Sie enthalten die Wörter „wunderbar“, „göttlich.“ und „ewig“. Das besagt, dass Jesus Geheimnisse enthüllen kann, die nicht mit der Vernunft zu fassen sind. Er ist größer als die Welt und hat ungeahnte Möglichkeiten. Er kann das Böse überwinden und uns innerlich stark machen. Er beschützt und trägt, er rettet und befreit. Und er bleibt immer da. Seine Gegenwart wird bis in eine unbegrenzte Zukunft hinein weitergehen.

All das können wir erfahren, wenn wir uns Christus zuwenden. Seine Macht zieht dann in unser Leben ein, sein Licht leuchtet auf und verändert alles. Jesus hat nicht mit Gewalt in diese Welt eingegriffen, aber eine neue, göttliche Wirklichkeit ist durch ihn in diese Welt gekommen, und wir entdecken sie, wenn wir uns darauf einlassen.

Es ist deshalb auch nicht nur unsere Privatsache, wenn wir das Licht Christi suchen und finden. Das ist kein ausschließlich innerlicher oder individualistischer Vorgang. Wenn Christus in ein Leben einzieht und es verändert, scheint das göttliche Licht vielmehr auch in dieser Welt, denn unser Handeln verändert sich dadurch, das, was wir sagen und wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Wann immer Menschen sich zu Christus bekehren, kommt sein Friede in die Welt und das Böse wird überwunden. Denn die Anderen spüren das große und helle Licht und werden davon angesteckt.

Deshalb lautet sein letzter Name „Friedefürst“, man kann auch sagen „Befehlshaber des Friedens“. D.h. er wacht darüber, dass Frieden in den Menschen ist und passt darauf auf, dass er erhalten bleibt. Er garantiert ihn, d.h. er sorgt für Stabilität und Ruhe, Wohlergehen und Heil.

Die Verheißung des Propheten und die Weihnachtsbotschaft entlassen uns also nicht aus der Verantwortung oder dem Handeln, sondern fordern uns dazu auf, dass Christus in unserem Leben und damit in der Welt vorkommt, dass sein Licht leuchtet und die Menschen es sehen. Wir müssen zwar nicht selber diese Welt verändern, aber wir können zeigen, dass sich etwas verändert hat. Wir können und sollen Zeichen setzen, Hinweise geben und Botschafter des Friedens sein.

Zum Glück tun das auch viele Christen, und wer weiß, vielleicht sähe diese Welt noch viel düsterer aus, wenn es sie nicht gäbe. Heute sind wir alle dazu eingeladen, die Verheißung Gottes anzunehmen, uns auf ihn zu verlassen, das Wunder der Geburt seines Sohnes zu bestaunen und uns von ihm lieben zu lassen.

Das Licht, das wir anzünden, kann dafür ein schönes Symbol sein. Es liegt nahe, dass wir in der Weihnachtszeit Kerzen brennen lassen. Verglichen mit anderen Lichtquellen sind sie zwar nicht besonders hell – eine Kerze hat die Stärke von gerade mal einem Lux – aber sie vertreibt die Dunkelheit im Raum und erzählt uns etwas von dem großen Licht, das Gott zu Weihnachten aufscheinen lässt.

Amen.

Seht auf und erhebt eure Häupter

Predigt über Lukas 21, 25- 28: Das Kommen des Menschensohnes

2. Sonntag im Advent, 9.12.2018, Lutherkirche Kiel

Lukas 21, 25-28

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, aweil sich eure Erlösung naht.

Liebe Gemeinde.

Sicher kennt ihr alle die Marienkirche in Lübeck. Ihr Mittelschiff ist 40 Meter hoch, und damit hat sie das höchste gemauerte Backstein-Kirchenschiff der Welt. Sie wurde von 1277 bis 1351 gebaut und ist eine gotische Kathedrale. Sie scheint – wie alle diese Kirchen – dem Himmel zuzustreben. Und das war auch beabsichtigt. Die Baumeister damals wollten die senkrechte Richtung betonen, und das gelang ihnen durch eine neuartige Bauweise. Dazu gehören die gegliederten Säulen, gerippte Gewölbe und fliegende Strebepfeiler. Die Architektur verlor dadurch an Schwere und wirkt geradezu grazil. Die Wände sind durch die lang gestreckten Fenster und Portale wie aufgelöst, und so sind die gotischen Kathedralen auch immer lichtdurchflutet. Dazu trägt noch der sogenannte Obergaden bei. Das ist die obere Wandfläche des Mittelschiffs, die zusätzlich mit Fenstern durchbrochen ist. Dieses Fensterband ermöglicht eine direkte Belichtung des Innenraumes.

Und mit all dem symbolisieren die gotischen Kirchen wie kaum andere die Nähe zu Gott. Sie ziehen den Blick automatisch nach oben und lösen ein Gefühl von Erhabenheit und Schwerelosigkeit aus.

Daran musste ich denken, als ich unseren Predigttext las, denn dort werden wir auch aufgefordert nach oben zu schauen. „Seht auf und erhebt eure Häupter“ heißt es hier. Und die Begründung lautet: weil „sich eure Erlösung naht“, weil der Menschensohn kommt. Es wird also ein himmlisches, endzeitliches Ereignis geben, und Jesus fordert uns auf, uns darauf einzustellen.

Diese Ermahnung gehört zu seiner Endzeitrede. Darin trägt Jesus verschiedene Gedanken und Vorstellungen über das Kommen des Endes vor. Er erwähnt z.B. die baldige Zerstörung des Tempels, die Verfolgung der Gemeinde und das Ende Jerusalems. Außerdem, und damit beginnt unser Text, wird es Veränderungen an Sonne und Mond geben. Weltweite Naturkatastrophen werden eintreten, denen keiner entkommen kann. Sie werden die Menschen in Angst und Schrecken versetzen, denn die Urordnung der Schöpfung wird dabei umgewälzt.

Aber inmitten dieser Weltendramatik, wenn die ganze Erde erbebt und erzittert, wird der Menschensohn am Himmel sichtbar. Und er wird mit großer Macht und Herrlichkeit kommen.

Damit greift Jesus eine fromme jüdische Vorstellung auf. Denn man dachte bei dem Menschensohn an eine himmlische Gestalt, ein Lichtwesen, dem nach diesem letzten Gericht von Gott die Weltherrschaft übertragen werden sollte. Und das hat Jesus für sich in Anspruch genommen. Wenn er vom Menschensohn sprach, dann meinte er immer sich selbst, und zwar als den Auferstandenen, der einst wiederkommt, wenn alle kosmischen Ordnungen zerbrechen.

Und wenn das geschieht, dann sollen die Christen „ihre Häupter erheben“ und zum Himmel „aufsehen“, denn für sie bedeutet es Erlösung.

Jesus selber erwartete all das in Kürze. Noch in seiner Generation würde die Vollendung der Welt erfolgen, davon war er überzeugt. Seine Botschaft lautet deshalb: Verliert euch nicht allzu sehr an diese Welt oder in dieser Welt. Lebt nicht ausschließlich horizontal, sondern beachtet die Vertikale. Alles in dieser Welt wird vergehen, untergehen und zu Ende gehen. Das Eigentliche und Große kommt erst noch, und es kommt bald.

Und das ist auch für uns wichtig, denn wir lieben diese Welt oft mehr, als uns gut tut. Sie ist ja auch „schön und groß“ und bietet uns unendlich viele Möglichkeiten der Freude und des Genusses. Wir suchen und finden in ihr „Liebe und Ehre und Glück“ – wie es Eleonore Reuß im 19. Jahrhundert in einem ihrer Lieder formuliert hat. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-Luth. Kirchen in Bayern und Thüringen, Nr. 621) Möglicher Weise hören wir es deshalb auch gar nicht so gern, wenn wir uns davon lösen sollen. Das klingt nach Verzicht und Entsagung und nach einer Geringschätzung der Welt. Es gibt auch solche Christen, die sich alles Mögliche selber verbieten: Sie erlauben kein Tanzen, kein Kartenspiel, kein Alkohol usw. Auch Mönche und Nonnen suggerieren uns mit ihrer Lebensweise, dass es gut, wenn wir die Welt verachten und uns von ihr abwenden. Doch zu diesen Menschen gehören wir nicht und so wollen wir nicht leben. Es passt nicht zu unserer Überzeugung. Auch als Christen genießen wir die Welt mit ruhigem Gewissen, denn für die meisten von uns steht sie nicht in einem Gegensatz zum Reich Gottes.

Doch so ist die Endzeitrede Jesu auch nicht gemeint. Es geht nicht um die Alternative: entweder die Welt und das Diesseits oder Gott und die Ewigkeit. Jesus will uns einfach nur aufwecken und lädt uns ein, nüchtern zu sein. Und das tut uns gut, denn wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass die Welt nicht nur Freude macht. Es gibt ganz viel Unvollkommenes und Brüchiges. Kein Leben ist ausschließlich von Glück angefüllt, genau das ist vielmehr sehr flüchtig. Es entgleitet uns immer wieder, und dadurch sind wir oft unzufrieden und unruhig. Wir sehnen uns nach mehr als wir haben. Das kann ein Mehr an Aufmerksamkeit und Zuwendung sein, ein Mehr an Gesundheit und Kraft, ein Mehr an Geld und Abwechslung. Meistens bleibt immer irgendetwas zu wünschen übrig, oft steht das Gefühl des Mangels im Vordergrund.

Jesus lädt uns mit seiner Ermahnung zunächst dazu ein, das zu begreifen, es auszuhalten und anzunehmen. Wir sollen uns selber spüren, nichts verdrängen oder zudecken, uns nichts vormachen und uns nicht täuschen lassen. Das ist alles. Wir sollen keine Asketen werden und die Welt auch nicht verachten, aber wir sollen ihre Grenzen und ihre Unzulänglichkeit erkennen. Es kommt darauf an, dass wir keine falschen Erwartungen an die Welt haben, denn dann werden wir enttäuscht. Wir sind für noch mehr geschaffen, und es kommt auch noch mehr. Das sagt er uns als erstes.

Es geht also um das richtige Maß, um ein Gleichgewicht. Das ist der zweite Gedanke, der hier nahe liegt. Das „Aufsehen und das Haupt erheben“ gehört mit dem Handeln in der Welt zusammen wie das Einatmen und das Ausatmen. Wir brauchen beides, um zu überleben, genauso wie wir das Wachen und das Schlafen brauchen, die Arbeit und die Muße usw. Beides muss in einer gesunden Balance zueinander stehen. Das Problem ist also nicht, dass wir weltlich sind, sondern dass wir das rechte Maß verlieren.

Das ist gerade jetzt in der Adventszeit leider eine Gefahr. Überall gibt es Ablenkung und Zerstreuung. Wir sind auch meistens etwas im Stress in dieser Zeit, denn wir nehmen uns ganz viel vor: Wir müssen Geschenke kaufen oder basteln, Grüße schreiben, auf Adventsfeiern gehen und Besuche machen. Das macht alles Spaß und hilft uns, diese dunkle Jahreszeit besser durchzustehen, aber es ist auch anstrengend. Alles zieht und zerrt an uns, jeder und jede will etwas.

Und das Gefühl entsteht nicht erst durch die vielen Dinge, die uns in dieser Zeit beschäftigen und angeboten werden. Wir leben immer am liebsten genauso, weil es irgendwie am meisten Befriedigung und Erfüllung verspricht. Bildlich gesprochen atmen wir oft nur noch aus und vergessen das Einatmen.

Es bestünde darin, dass wir uns ebenso für Gott Zeit nehmen, die Vertikale einbeziehen und uns regelmäßig von der Ewigkeit anrühren lassen. „Es ist eine Ruhe vorhanden für das arme müde Herz“, so dichtete Eleonore Reuß weiter, und es ist wichtig, dass wir diese Ruhe suchen, uns der Gegenwart Gottes aussetzen und die Liebe Jesu walten lassen. Wir dürfen an den glauben, der im Leid und sogar im Tod noch lebendig ist und uns zur Seite steht. Auch wenn uns alles entgleitet und unser Leben zusammenbricht, wir sind geliebt und gehalten, denn Jesus kommt uns entgegen, um unser Leben in seine Hand zu nehmen. Und wenn wir uns bei ihm bergen, dann sind wir wirklich befreit und erlöst.

Dazu ist die Adventszeit eigentlich da. Wir bereiten uns jetzt auf das Fest des Kommens Gottes vor. Wir erwarten den Erlöser, und dazu gehört es, dass wir unsere „Häupter erheben“. Adventlich leben heißt: Aufrecht gehen, gelassen und ruhig werden, leicht und schwerelos. Wir strecken Kopf, Herz und Hände nach oben aus zu ihm, der uns entgegengeht und uns ruft. Das ist die Haltung der Erlösten, und wir sind eingeladen, sie immer wieder einzunehmen, uns darin zu üben und in ein inneres Gleichgewicht zu kommen. Das ist der zweite Punkt, den es zu bedenken gilt.

Und als drittes ist noch wichtig, dass wir natürlich alle unterschiedlich sind, und damit ist auch die Sehnsucht nach der Ewigkeit unterschiedlich stark ausgeprägt. Es hängt mit unserer Veranlagung und Lebensgeschichte zusammen, wie unzufrieden wir mit der Welt sind, wie oft wir „den Blick nach oben lenken“ müssen. Es ist nur wichtig, dass wir erkennen, wer wir selber sind und was wir wirklich brauchen. Oft verschütten wir mit unserer Lebensweise unsere religiöse Neigung. Ein tiefes Bedürfnis wird zugedeckt, wir geben uns mit weniger zufrieden als wir brauchen. Unseren Hunger nach der Ewigkeit kann die Welt nämlich nicht stillen. Wenn wir es versuchen, ist es so, als nähmen wir die falschen Medikamente. Das passiert ja leider manchmal, wenn die Diagnose nicht stimmt.

Und dasselbe kann auch geistig und seelisch geschehen: Wir erkennen nicht, woran wir eigentlich leiden und was uns in Wirklichkeit fehlt. Wir denken, es ist das eine oder andere Vergnügen, mehr Geld oder Geselligkeit, aber in Wirklichkeit ist es die Ewigkeit und das Reich Gottes. Und wenn wir das missachten, werden wir davon genauso krank. Viele Schmerzen und Nöte in unserem Leben hängen damit zusammen, dass wir zu wenig ernstnehmen, wofür wir eigentlich gemacht sind, und die falschen Maßnahmen ergreifen, um uns wohl zu fühlen. Gott hat uns „zu sich hin geschaffen“, wie Augustinus es so schön gesagt hat, und das dürfen wir nicht ignorieren.

Dabei macht es nichts, wenn uns eventuell erst spät im Leben bewusst wird, was wir in Wirklichkeit die ganze Zeit gesucht haben. Wir können den göttlichen Funken, der tief in uns glüht, jederzeit neu entfachen und unsre Sehnsucht nach Gott ausleben. Das ist dann wie ein ganz tiefes Einatmen. Wir werden neu mit Leben erfüllt. Ich bin mir sicher, dass dadurch auch die eine oder andere Krankheit weicht, denn viel seelische und körperliche Not hat ihre Ursache darin, dass wir unseren tiefsten Lebenshunger vergraben haben.

Die Menschen im Mittelalter wussten das vielleicht noch besser als wir, deshalb haben sie so schöne große Kathedralen gebaut. Sie sind Gebete aus Steinen, zu Bauwerken gewordener Glaube. Sie zeugen von der Sehnsucht nach Gott und können uns eine Ahnung davon geben, dass „unsere Erlösung nahe ist“.

Unsere Lutherkirche ist lange nicht so hoch, aber klein ist sie auch nicht. Vor 60 Jahren wurde sie wieder aufgebaut, das haben wir gerade gefeiert, und dabei habe ich erfahren, dass der damalige Propst nicht noch einmal so eine große Kirche in Kiel bauen wollte. Wir haben darüber alte Filme gesehen, die sehr schön deutlich machen, was für ein mutiges Vorhaben es war, die Trümmer zu beseitigen und diese Kirche neu zu errichten. Nun steht sie hier und auch in ihr können wir erleben, dass Gott nahe ist. Es ist deshalb schön, wenn wir hier zusammenkommen. Lasst uns dafür dankbar sein und immer wieder „aufsehen und unsere Häupter zu Gott erheben“, der uns entgegenkommt und uns erlöst.

Amen.

1. Ich bin durch die Welt gegangen,
und die Welt ist schön und groß;
und doch ziehet mein Verlangen
mich weit von der Erde los.

2. Ich habe Menschen gesehen,
und sie suchen spät und früh.
Sie schaffen, sie kommen und gehen,
und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

3. Sie suchen, was sie nicht finden
in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden
und unbefriedigt zurück.

4. Es ist eine Ruhe vorhanden
für das arme, müde Herz.
Sagt es laut in allen Landen:
Hier ist gestillt der Schmerz!

5. Es ist eine Ruhe gefunden
für alle fern und nah:
In des Gotteslammes Wunden
am Kreuze auf Golgatha!

Text: Eleonore Fürstin Reuß (1835-1903)
Melodie: Karl Kuhlo 1885

Ewigkeit, in die Zeit, leuchte hell hinein

Predigt über Jesaja 65, 17- 19. 23- 25: Neuer Himmel und neue Erde

Ewigkeitssonntag, 25.11.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 65, 17-19.23-25

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,
19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.
23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
24 Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Liebe Gemeinde.

Es gibt im Evangelischen Gesangbuch eine ganze Reihe von Dichterinnen, die zu dem Liedgut beigetragen haben. Mit ihnen haben wir uns in diesem Jahr in unserem Gesprächskreis beschäftigt, und dabei ist uns aufgefallen, dass keine von ihnen ein einfaches Leben hatte. Besonders erschütternd und bewegend war die Erkenntnis, dass sie alle enge Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben.

So war es auch bei Marie Schmalenbach, von der ich euch heute ein Lied mitgebracht habe. Es steht leider nicht mehr in unserer Ausgabe des evangelischen Gesangbuches, ich finde es aber sehr schön und singenswert.

Marie Schmalenbach lebte von 1835 bis 1924 in Ostwestfalen. Sie war die Tochter eines Pfarrers und hatte insgesamt zehn Geschwister. Sieben davon starben allerdings sehr früh. Sie hat also schon in ihrer Kindheit erfahren, wie vergänglich das Leben ist. Als Ehefrau und Mutter erlebte sie das dann wieder, denn auch sie verlor eins ihrer fünf Kinder durch den Tod. s. https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=617&url_tabelle=tab_person) Und obwohl das vor 150 Jahren keine Ausnahme war – die Kindersterblichkeit war ja viel höher als heutzutage – hat sie das sicher traurig gemacht. Sie musste das verarbeiten, und dabei half ihr der Glaube an die Ewigkeit. Das bezeugt ihr Lied: „Brich herein, süßer Schein selger Ewigkeit. Leucht in unser armes Leben, unsern Füßen Kraft zu geben, unsrer Seele Freud, unsrer Seele Freud.“ (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-luth Kirche in Niedersachsen und Bremen, Nr. 643,1)

Sie formulierte damit etwas, das auch in der Bibel an vielen Stellen zum Ausdruck kommt. Die Hoffnung auf die Ewigkeit und eine paradiesische Zukunft taucht dort überall auf, sowohl im Alten, wie im Neuen Testament. Gott wird sie heraufführen, denn sie ist sein Reich. Er wohnt in der Ewigkeit und er wird die Menschen eines Tages dahin zurückführen, das ist die Verheißung. Der Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja, den wir vorhin gehört haben, ist auch so eine Heilsankündigung.

Sie stammt von dem „dritten“ Jesaja. Wir nennen ihn so, weil beim Lesen des Jesajabuches deutlich wird, dass es drei Verfasser haben muss, die alle zu verschiedenen Zeiten gewirkt haben. Der Dritte gehörte bereits zu den Heimkehrern aus dem babylonischen Exil, die den jüdischen Staat wieder aufbauten. Dieser war unter dem Herrscher von Nebukadnezar völlig zusammengebrochen. Jerusalem eroberte er erstmals 597 und nochmals 586 v.Chr. Beim zweiten Mal führte er die jüdische Oberschicht in die Gefangenschaft und ließ die Stadt und seinen Tempel zerstören.

Zur Zeit des dritten Jesaja war eigentlich alles wieder gut, das Exil war beendet, die Verbannten kehrten zurück. Trotzdem wurden die Menschen ungeduldig, denn das Heil, nach dem sie sich sehnten, war nicht da. Das Leben blieb schwierig und konfliktgeladen, der Aufbau ging nur schleppend voran.

Der dritte Jesaja will seine Landsleute deshalb trösten und ermutigen. Davon handeln sein Buch und somit auch unser Predigttext. Darin verheißt der Prophet eine völlig neue Zeit, in der alle Nöte und Drangsale endgültig aufgehoben sein werden. Alles mündet in einen geschichtslosen Zustand ewiger Glückseligkeit. Denn Gott wird „einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen“. In dieser Welt ohne Leid wird man sich freuen und ohne Unterbrechung frohlocken. Sogar Gott selber wird sich über das Heil freuen, das er für seine Gemeinde in und um Jerusalem schaffen wird. Denn es wird keine menschliche Sünde mehr geben, Gott muss nicht mehr strafend eingreifen. Deshalb verstummt auch das Klagegeschrei. Die furchtbare Säuglingssterblichkeit wird aufhören, und der Segen Gottes steht über den Menschen. Ihre Gebete werden jederzeit und unmittelbar erhört. Und alle Tiere werden in Frieden miteinander leben, der Wolf mit dem Schaf, der Löwe und die Schlange neben dem Rind. Mit diesem idyllischen Bild von der Wiederkehr paradiesischer Verhältnisse schließt die Verheißung.

Sie steht in einem auffälligen und wunderbaren Kontrast zu der jetzigen Welt, die von all dem nichts oder nur sehr wenig weiß. Deshalb spricht uns die Verheißung auch an. Sie formuliert Sehnsüchte und Wünsche, die wir alle kennen. Sie klingt wie ein Märchen mit einem guten Ende.

Aber ist sie das nicht auch? Was hier formuliert ist, hat mit unserer Wirklichkeit doch nichts zu tun. Wozu lesen wir das? Wollen wir daran glauben und uns daran festhalten? Menschen haben das immer wieder getan, aber waren die dadurch nicht etwas weltfremd? Was bringt es denn, wenn wir in unserer Phantasie aus der Welt fliehen? Verlieren wir dadurch nicht den Realitätsbezug und das Verantwortungsbewusstsein? Das fragen wir uns. Der Glaube an die Ewigkeit hat in unserem modernen Denken und Bewusstsein einen schweren Stand. Ein Lied wie das von Marie Schmalenbach passt nicht mehr zu unserem Lebensgefühl. Darum ist es wohl auch aus unserem Gesangbuch verschwunden.

Das finde ich allerdings schade, denn der Ewigkeitsbezug ist keineswegs nur eine Wahnvorstellung. Das merken wir, wenn wir uns darauf einmal einlassen, und das können wir in drei Schritten tun.

Der erste Schritt ist eine theologische Klärung zu den Aussagen der Bibel und des christlichen Glaubens. Dazu gehört die Einsicht, dass wir zwar nicht wissen, ob es die Ewigkeit gibt, wir wissen aber auch nicht, ob das Gegenteil der Fall ist. Wir können uns im Irrtum befinden, wenn wir das Reich und die Macht Gottes leugnen. Und das würde dann einemn schwerwiegenden Verlust gleich kommen. Wir würden etwas Großes und Bedeutendes verpassen. So sah das auch der Prophet Jesaja. Er war erfüllt von der Gewissheit, dass Gott noch lange nicht fertig ist mit der Schöpfung, eines Tages wird er sie vielmehr vollenden. Und er umgibt uns jetzt mit seiner neuschaffenden Gegenwart, mit seiner undendlichen Macht und Liebe.

Jesus Christus hat das mit seinem Kommen noch einmal grundlegend bestätigt. Er verkündete ebenfalls das Reich Gottes, das mit ihm bereits angebrochen ist. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat Gott schöpferisch in das Weltgeschehen eingegriffen und uns einen Weg zu ihm eröffnet. Das Paradies ist nicht mehr verschlossen.

Und es ist auch nicht erst da, wenn wir sterben oder hier alles zu Ende geht. Gott wirkt vielmehr jetzt schon in die Zeit hinein. Die Strahlen der Ewigkeit fallen von vorne auf unseren Weg. Darum bittet Marie Schmalenbach in ihrem Lied. Sie formuliert in Strophe vier: „Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell hinein, dass uns werde klein das Kleine, und das Große groß erscheine.“ Sie hält die Ewigkeit also für „groß“ und alles Zeitliche für „klein“, und sie wünscht sich, dass die Verhältnisse sich in ihrem Bewusstsein umdrehen: Nicht mehr die Welt soll bedeutend und wirklich sein, sondern die Gegenwart Gottes und sein zeitloses Reich. Diesem Wunsch hat sie Raum gegeben. Und das können auch wir tun.

Darin besteht der nächste Schritt: Wir dürfen den Glauben an die Ewigkeit und das Vertrauen auf die Verheißungen Gottes nicht mit Nichts-Tun verwechseln. Wir legen damit auch nicht unser Verantwortungsbewusstsein ab und ergeben uns einfach nur in unser Schicksal. Es ist vielmehr eine starke innere Aktivität, für die wir uns bewusst entscheiden müssen. Sie fordert unsere Aufmerksamkeit und Bereitschaft. Vor allem gehört es dazu, dass wir das Leid annehmen und Gedanken des Grolls, der Bitterkeit und der Trauer loslassen. Davon ist unser Leben ja leider immer wieder erfüllt. Auch wenn wir nicht um einen lieben Menschen trauern, sind wir noch lange nicht glücklich. Wir werden von vielen Nöten heimgesucht.

Marie Schmalenbach trauerte ebenfalls nicht nur um das Kind, das sie verloren hat. Sie litt unter noch mehr. So haben ihre Eltern ihre geistigen Interessen in ihrer Jugend zwar sehr gefördert, als Erwachsene blieb ihr dann aber nur das Leben als Hausfrau, Ehefrau und Mutter. Sie heiratete mit 21 Jahren den damaligen Hilfsprediger Theodor Schmalenbach und hoffte, in ihm einen angemessenen Gesprächspartner gefunden zu haben. Sie hätte sich gerne mit ihm über theologische und politische Fragen ausgetauscht. Aber das fand nicht statt. Ihr Mann war viel unterwegs und ließ sie an seiner Arbeit und seinen Gedanken kaum teilhaben. Ihre Pflichten lagen einzig und allein im Haushalt und in der Erziehung der Kinder. An dieser Situation konnte sie auch nichts ändern, denn es war gesellschaftlich und kirchlich vorgegeben, dass die Frau sich dem Willen des Mannes unterordnete. Für Marie war das unbefriedigend und teilweise unerträglich. Sie lebte ein einsames, zurückgezogenes Leben und hatte kaum Kontakte zu Menschen, die ihren intellektuellen und geistlichen Bedürfnissen nachkommen konnten. (s.o.) All das steht hinter den Zeilen aus ihrem Lied: „Hier ist Müh morgens früh und des Abends spät, Angst, davon die Augen sprechen, Not, davon die Herzen brechen, kalter Wind oft weht, kalter Wind oft weht.“ Und das ist eine allgemeine Erfahrung, das Leben ist voll von Leid. Menschen enttäuschen uns oder machen uns Angst. Wir sorgen uns, fühlen uns schwach und ausgeliefert, sind traurig oder niedergeschlagen. Was Marie Schmalenbach betrifft, so fand sie nur im Lesen und Schreiben ihrer Gedichte einen Trost und eine Lebenserfüllung.

Und darin kommt zum Ausdruck, wie sie sich gerettet hat. Ihre Gedichte enthalten keineswegs nur Klagen, sondern ein starkes Glaubenszeugnis. So ist es auch in unsrem Lied, dem die dritte Strophe lautet: „Jesus Christ, du nur bist unsrer Hoffnung Licht, stell uns vor und lass uns schauen jene immergrünen Auen, die dein Wort verspricht, die dein Wort verspricht.“ Marie Schmalenbach hat sich auf Jesus Christus und auf sein Wort gegründet. Sie hat ihr Leid angenommen, gehofft und gebetet und sich auf die Ewigkeit ausgerichtet. Auf diese Weise hat sie sich gegen die Verbitterung und Traurigkeit gewehrt, und das ist eine große geistige und seelische Leistung. Wir müssen also zweitens feststellen, dass der Glaube und das Vertrauen auf Gott etwas äußerst aktives ist, und wir sind dazu ebenfalls eingeladen.

Dann ergibt sich ganz von allein der dritte Schritt: Unser Leben verändert sich. Durch den Glauben an Jesus Christus bleibt nicht alles beim Alten, sondern die Kräfte der Auferstehung wirken. Gott schickt seine Strahlen, und wir spüren seine Nähe, sein Licht und seine Wärme. Er hört unsere Gebete und antwortet auf unsre Fragen. Denn was er uns schenkt, sind nicht irgendwelche weltlichen Dinge, sondern er kommt selber zu uns. Das „Kleine wird klein und das Große wird groß“. Ein innerer Friede breitet sich aus. Unser Geist wird weit, die Seele kann aufatmen, Schweres wird plötzlich leicht. Wir werden widerstandfähig und unabhängig von den äußeren Umständen. Das Weinen und Klagen verstummt, und es entsteht eine Freude, die sich nicht so leicht vertreiben lässt.

Und schließlich macht uns das dann auch fähig zum Handeln, wo es möglich und nötig ist. Wir bekommen den Mut, neue Schritte zu wagen. Was uns erfüllt, will aus uns heraus und fließt zu den anderen Menschen. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass die Hoffnung auf die Ewigkeit keine Weltflucht ist: Sie wirkt sich in der Welt aus, denn wir werden transparent und bringen den Menschen das, was ihnen am meisten fehlt: Das Wissen um das ewige Licht.

Amen.

Pax et Bonum

Predigt über Philipper 4, 4- 9: Mahnung zur Freude im Herrn und zum Frieden

Bitte um Frieden und um Schutz des Lebens
18.11. 2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Philipper 4, 4- 9

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
8 Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!
9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

Liebe Gemeinde.

In Assisi gibt es als Souvenir  kleine Teller oder Kacheln mit der Aufschrift „pax et bonum“ – auf Deutsch heißt das: „Frieden und Gutes“, denn das war ein Gruß bzw. ein Segenswort, das Franz von Assisi immer gebrauchte. Er wünschte das jedem Menschen, den er traf, und er sagte damit: „Mögest du in Frieden leben, versöhnt mit dir selbst, mit den deinen und der Welt. Mögest du heil sein oder werden, nicht verwundet noch verletzt, angstfrei und geborgen.“ Dieser Gruß ist also ein Segenswunsch, und er ist in der franziskanischen Familie zur Tradition geworden. (s. https://www.st-marienwoerth.de/pax/01/files/assets/downloads/page0011.pdf)

Die Gewohnheit des Friedensgrußes ist aber auch noch weiter verbreitet. Wir machen z.B. das gelegentlich in der Abendmahlsliturgie. Dann reichen wir einander die Hand und sagen „Der Friede des Herrn sei mit dir“.

Außerdem kennen wir den Friedenswunsch als „Kanzelsegen“. Das ist schon seit dem 4. Jahrhundert in unseren Gottesdiensten Tradition und soll deutlich machen, dass letzten Endes nur Gottes Friede das Heil bewirkt. Der Prediger oder die Predigerin sagt damit: „Ich habe euch das Evangelium verkündet, aber Gottes Friede ist größer, als ich ihn auszudrücken vermag.“ Und das geht wunderbar mit dem Vers, den wir vorhin in der Epistellesung gehört haben „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Er steht zusammen mit anderen Wünschen und Ermahnungen am Ende des Briefes von Paulus an die Philipper. Dort ist es ein Zuspruch, der die Empfänger stärken und erfrischen sollte.

Die Gemeinde in Philippi war sozusagen die Lieblingsgemeinde von Paulus, denn die Menschen dort hatten seiner Verkündigung geglaubt und lebten seitdem in der Liebe, die Jesus Christus ihnen geschenkt hatte. Sie waren „erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus.“ (Phil.1,11) Paulus war „darin guter Zuversicht, dass der in ihnen angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden.“ So schreibt er es am Anfang des Briefes. (1,6) Für Paulus war das, was in der Gemeinde in Philippi geschah, also Gottes Werk. Wenn er an die Philipper dachte, setzte er deshalb sein Vertrauen ganz auf Gott, der den Anfang und das Ende „des guten Werkes“ in seinen Händen hat.

So sind auch seine Wünsche und Ermahnungen am Ende des Briefes gemeint, und es ist wichtig, dass wir das beachten, denn sonst fühlen wir uns von seinen Worten eventuell erdrückt oder überfordert. Es ist ja nicht wenig, was Paulus hier zu verlangen scheint. Er zählt eine ganze Liste von Eigenschaften auf, die die Philipper sich aneignen sollen: Er wünscht sich, dass „sie achtenswert, gerecht, lauter, wohlgefällig, angesehen, tauglich und lobenswert“ leben. Außerdem sollen sie „sich freuen, sich keine Sorgen machen, beten und danken und den Frieden Gottes im Herzen bewahren“. Kurz gesagt: Sie sollen gute Menschen sein, fromm und gottesfürchtig. Es klingt sogar fast so, als sollten sie heilig leben. Dabei stellt Paulus sich ihnen als Vorbild hin. Er sagt: Lebt so, wie ihr es von mir „gelernt, empfangen, gehört und gesehen“ habt. Das ist noch eine Liste von Wörtern, die hier vorkommt. Und das klingt wie gesagt anstrengend.

Wir hören das ja nicht neutral, sondern beziehen es gleich auf uns, und so ist es auch gemeint. Natürlich werden auch wir damit ermahnt. Doch wie soll das gehen? Ist da nicht alles etwas zu viel verlangt und ist es nicht auch gesetzlich? Es klingt so, als sollten wir plötzlich doch wieder durch gute Werke glänzen. Wo bleiben da die Gnade und die Vergebung? Gott nimmt uns doch auch als Sünder an, wenn wir das alles gerade nicht schaffen! Das hat Paulus immer wieder betont. Auch im Philipperbrief ist davon die Rede, dass Jesus Christus für uns gestorben ist und alle Sünde auf sich nimmt. Paulus lehnt im dritten Kapitel die „Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt“ ab und verkündet die Gerechtigkeit, „die durch den Glauben an Christus kommt“. (3,9) Und er betont, dass er „ihn erkennen möchte und die Kraft seiner Auferstehung.“ (3,10)  Was sollen also diese strengen Ermahnungen am Ende des Briefes? Sie scheinen dazu im Widerspruch zu stehen.

Doch so ist es nicht. Der Glaube an Jesus Christus hat für Paulus auf jeden Fall Vorrang vor allem anderen. Christen sind erlöst und frei vor Gott. Allerdings hat das auch Folgen. Das Leben verändert sich durch den Glauben. Es bleibt nicht alles beim Alten, sondern wird neu. Und wie diese Veränderung und Erneuerung aussieht, beschreibt Paulus am Ende des Briefes. Seine Ermahnungen und Wünsche sind also kein neues Gesetz und auch keine menschliche Leistung.

Nicht umsonst spricht er in unserem Abschnitt von einem „Frieden, der höher ist als alle Vernunft.“ Der wurde den Christen geschenkt, und er kann sich um ihr Herz und ihre Gedanken legen wie eine beschützende und bewahrende Macht. Das ist der Ausgangspunkt. D.h. Paulus verlangt keine Moral. Es ist auch kein Programm, das er den Philippern auftischt. Was er ihnen wünscht, ist vielmehr die Kraft und die Nähe Gottes, die ihnen hilft, ihr altes Wesen abzulegen. Der „Friede Gottes“ liegt jenseits von Philosophie, Politik oder Psychologie, er ist vielmehr durch Jesus Christus Wirklichkeit im Leben der Christen.

Das müssen wir als erstes berücksichtigen, wenn wir diese Ermahnungen hören. Gott ist der Ursprung des Friedens. Daran erinnert Paulus hier, und er möchte, dass wir Gott den Weg bereiten, seinem Frieden sozusagen die Tür öffnen, ihm eine Chance geben. Dazu gehört es, dass wir unser Leben ordnen. So wie wir ein Zimmer aufräumen müssen, wenn wir friedlich darin leben und uns wohlfühlen wollen, so müssen wir auch in unserer Seele und in unserem Geist Klarheit einziehen lassen. Der Friede und das Gute fängt nicht an, wo wir äußerlich alles mögliche Gute tun, sondern in uns. Er geht von innen nach außen, von den Einzelnen zu den Vielen.

Trotzdem ist der Frieden natürlich immer etwas Gemeinschaftliches. Das ist als zweites wichtig. Er ereignet sich, wenn wir mit anderen zusammen sind, und d.h. wir können ihn nur gemeinsam verwirklichen, und zwar, indem wir uns damit gegenseitig sozusagen anstecken. Wir können ihn uns auch zusprechen.

Ich erwähnte ja bereits, dass Franz von Assisi das immer getan hat. Zu der Tradition des „pax et bonum“ gibt es auch eine Geschichte aus seinem Leben, die ich euch gerne einmal erzählen möchte:

„Als sich die ersten jungen Männer um Franziskus scharten und mit ihm sein Leben teilen wollten, da erfuhren sie in ihrer Heimat viel Ablehnung, Spott und Hohn. So kam es, dass sie aufbrachen in eine andere Gegend, wo man sie, da sie fremd waren, freundlich aufnahm. Hier überkamen Franziskus allerdings große Zweifel, ob er die Botschaft des Evangeliums recht verstanden habe, ob er, mit all seinen Begrenzungen und Unzulänglichkeiten Jesu Fußspuren überhaupt nachfolgen könne. In seiner Not betete er. Und in der Nacht, als er schlief, schenkte Gott ihm einen Traum, in dem Gott ihm all das vergab, was Franziskus belastete und zwischen sie beide zu stehen kam. Friede kam zwischen Gott und ihn, und Franziskus wurde beauftragt und ermächtigt, überall wo er hinkam, diesen Frieden und Zuspruch zu verkünden. Eine große Freude erfüllte ihn da. Er erfuhr an sich selbst das unendliche und reiche Erbarmen Gottes. Er war angenommen, trotz seiner Schwachheit, ja sogar zum Mitarbeiter Gottes erwählt, um etwas von dieser Erfahrung den Menschen zu bringen. So versammelte er bereits am nächsten Morgen seine Brüder und sandte sie zu zweit aus, um wie die Jünger Jesu Friede und Gnade den Menschen zuzusprechen. Seine Mitbrüder sollten Gutes über die Schwellen der Häuser tragen, in die sie kamen – ,pax et bonum‘.“ (s.o.)

Und das ist mit Sicherheit geschehen, denn bei dem Zuspruch des Segens überträgt sich etwas von dem Frieden, den wir meinen. Er breitet sich in dem Moment aus, wo wir ihn äußern, geht von einem zum anderen und entfaltet sich.

So hat Paulus das auch gesehen. Er stellt sich selber ja als Vorbild hin, d.h. er möchte, dass die Philipper von ihm lernen, sich etwas bei ihm abgucken. Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas überheblich, so als würde er alles richtig machen. Aber so hat Paulus sich sicher nicht gefühlt. Er will einfach nur deutlich machen, dass es den Frieden Gottes gibt. Auch andere Menschen leben ihn, und darauf gilt es zu achten. Sie verwirklichen etwas von dem, was Gott will. Was wir an ihnen sehen, können wir uns zu Herzen nehmen und selber danach leben. Dann hat der Friede eine Möglichkeit, um sich zu greifen. Das ist der zweite Punkt

Und als drittes müssen wir berücksichtigen, dass der Friede nie vollkommen sein wird. Es ist zwar wichtig, dass wir auf ihn achten, aber er wird immer nur punktuell bleiben, sowohl räumlich wie auch zeitlich. Denn leider wird er immer wieder vertrieben, durch Streit und Eifersucht, Hass und Zorn. Er ist flüchtig und vergänglich. Deshalb braucht er ja auch unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen ihn pflegen und bewahren. Am ehesten können wir das in unserem nächsten Umfeld verwirklichen, in der Familie, im Freundeskries, in der Gemeinde und der Nachbarschaft. Da gibt es ja immer mal wieder Konflikte. Die können wir entschärfen, indem wir nicht aggressiv, sondern freundlich und liebevoll miteinander umgehen, ruhig bleiben, miteinander reden, Fehler zugeben und uns entschuldigen, wenn es nötig ist.

Und um das hinzubekommen, ist es ein besonders gutes Mittel, wenn wir auch unseren Gegnern den Frieden wünschen, denjenigen, die uns kritisieren, uns zu Unrecht verletzen oder enttäuschen. Eigentlich ärgern sie uns ja und machen uns wütend. Am liebsten würden wir ihnen genauso begegnen wie sie uns, mit Kritik und Vorwürfen. Aber das hilft nicht, es macht den Konflikt meistens nur noch schlimmer. Viel besser ist es, wenn wir sie segnen. Wir können damit in Gedanken beginnen, indem wir für sie beten und ihnen im Geist Gutes zusprechen. Dann entschärft sich der Konflikt. Wir werden selber innerlich friedlich, bekommen Abstand und sehen, dass diejenigen, die uns bedrängen und ärgern, einfach nur anders sind als wir. Ihre Lebenssituation unterscheidet sich von der unsrigen, sie haben andere Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt und setzen andere Prioritäten. Wenn wir das einsehen, dann finden wir meistens auch die richtigen Worte, und Frieden wird möglich.

Und das ist von großer Bedeutung, denn dadurch entstehen „Inseln des Friedens“ oder auch „Oasen“, an denen wir neue Kraft schöpfen. Davon kann es nie genug geben, und mit der Hilfe Gottes können wir sie bilden. Die Gemeinde in Philippi war so eine Insel, denn sie war diesbezüglich auf einem guten Weg. Dort leuchtete beispielhaft auf, was Gott will.

Und das kann heutzutage auch bei uns geschehen, die Gemeinde ist dafür ein guter Ort. Dann fällt von Gott her ein Lichtstrahl in die Zeit. Die Kirche setzt Zeichen des Friedens in dieser Welt, und Gerechtigkeit bricht an. Es geschieht dann, wenn Menschen durchlässig werden für den Frieden Christi, und dort, wo sie aufeinander zugehen, sich die Hand reichen und den Frieden weitergeben, der sie erfüllt.

Wir wollen das deshalb jetzt tun. Ich lade euch ein, eurem Nachbarn oder eurer Nachbarin neben oder vor oder hinter euch in der Bank die Hand zu geben mit den Worten „Friede sei mit dir“. Ihr könnt auch aufstehen, in der Kirche umhergehen und diesen Gruß noch anderen Menschen geben.

Amen.

Die Kirche in der Welt

Predigt über Römer 13, 1- 7: Das Verhältnis zur staatlichen Gewalt

23. Sonntag nach Trinitatis, 4.11. 2018, 9.30 und 11 Uhr,
Luther- und Jakobikirche Kiel

Römer 13, 1- 7

1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.
2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.
3 Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten.
4 Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.
5 Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen.
6 Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht.
7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Liebe Gemeinde.

Am 31. Mai 1934 wurde auf der Bekenntnissynode in Barmen eine theologische Erklärung verabschiedet. Sie war von drei namhaften Theologen ausgearbeitet worden und wurde die zentrale theologische Äußerung der Bekennenden Kirche unter der nationalsozialistischen Herrschaft. Sie richtete sich gegen die falsche Theologie und das Kirchenregime der sogenannten „Deutschen Christen“. Die hatten damit begonnen, die evangelische Kirche der Diktatur des „Führers“ anzugleichen, und das war schlimm. Deshalb trennt die Barmer Erklärung Staat und Kirche voneinander und macht deutlich, welche Aufgabe der jeweiligen Institution zukommt. In Artikel fünf heißt es: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens […] für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche […] erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.“ (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 810,5)

Bis heute gilt die Barmer Erklärung als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der deutschsprachigen evangelischen Kirche und ist deshalb in unserem Gesangbuch im Wortlaut abgedruckt.

Und das ist auch gut so, denn was hier formuliert ist, deckt sich mit dem Neuen Testament. Dort ist die Unterscheidung zwischen dem Reich Gottes und dem Reich der Welt ebenfalls grundlegend. Sowohl Jesus als auch Paulus sahen darin zwei Wirklichkeiten, die voneinander abgegrenzt sind, und daraus haben sie ihre Schlüsse gezogen. Hinter den Aussagen über die Obrigkeit, die Paulus im Römerbrief formuliert hat, steht diese Weltsicht ebenfalls, und es ist ganz wichtig für das Verständnis dieses Textes, dass wir das berücksichtigen.

Denn beim ersten Hören sind wir ja zunächst empört und regen uns auf. Paulus sagt hier, dass alle Obrigkeit von Gott eingesetzt ist. Deshalb ermahnt er zur Loyalität gegenüber den Staatsorganen. Die Christen sollten sich um Frieden und Liebe gegenüber jedermann bemühen, auch gegenüber den staatlichen Ordnungen und Autortäten. Denen sollten sich die Christen unterordnen, denn sie haben ihre Macht nicht an Gott vorbei, sondern üben sie aus, weil er es angeordnet hat. Wer sich der Staatsmacht widersetzt, lehnt sich also gegen den Willen Gottes auf. Das sagt Paulus hier. Damit will er aus den Christen zu Rom zwar keine kaisertreuen Patrioten machen, aber er mutet ihnen zu, ihren Bürgerpflichten nachzukommen. Besonders wichtig sind ihm die Zoll- und Steuerzahlungen. Sie dienten dazu – wie auch bei uns –, dass der Staat mit Hilfe des eingetriebenen Geldes tat, was allen zu Gute kam. Und daran sollten sich auch die Christen beteiligen. Paulus rät ihnen von Handlungsweisen ab, die als politischer Protest gedeutet werden könnten.

Und das empört uns wie gesagt. Es fällt uns in unseren Tagen nach zwei Weltkriegen und unzähligen blutigen Auseinandersetzungen schwer, diese Gedankengänge des Paulus nachzuvollziehen. Täglich hören wir Meldungen und sehen Bilder von Menschen, die unter Gewalt, Hunger und Vertreibung leiden, weil staatliche Ordnung versagt, der Stärkere sich nimmt, was er will, ohne Strafe zu fürchten. Da wollen diese sieben Verse aus dem Römerbrief nicht einleuchten. Sie scheinen die grausame Realität zu missachten und ihre Opfer zu verspotten. Was sollen wir damit also anfangen?

Sicher würden einige von euch dafür plädieren, sie gar nicht mehr zu lesen, sie zu ignorieren und bei Seite zu schaffen. Aber ist das sinnvoll und steht uns das zu? Können wir einfach so Teile aus der Bibel rausschmeißen, bloß weil sie uns nicht gefallen oder zu schwierig sind? Ich finde das problematisch. Außerdem lohnt es sich fast immer, über das nachzudenken, was uns erst mal nicht passt. Lasst uns das also mit dem Text von Paulus auch tun, und zunächst versuchen, ihn zu verstehen. In einem zweiten Schritt wollen wir dann überlegen, wie wir das auf unser Leben und in unserer Zeit anwenden können.

Was Paulus betrifft, so ist es wie gesagt in seinem ganzen Denken grundlegend, dass er zwischen dem Reich Gottes und dem Reich der Welt unterscheidet. Dabei ist Gott für ihn auf jeden Fall der Mächtigere, der Schöpfer und Ordner, von dem alles kommt und zu dem alles geht. Was dabei die Menschen betrifft, so hat er sie befähigt, ihr Zusammenleben zu organisieren und soziales Chaos zu verhindern.

Wir hören unseren Text leicht so, als seien Gott und die Ordnungen der Welt identisch, als stünde da mathematisch gesehen ein „ist gleich“ (=). Doch das ist nicht so, es steht ein „ist größer“ (>) dort. Gott ist nicht die Obrigkeit, er hat sie vielmehr eingesetzt, d.h. auch sie ist ihm untergeordnet. Alles muss ihm gehorchen, und dadurch relativiert sich auch alles, was in der Welt geschieht, sowohl das Gute als auch das Schlechte. Wer an Gottes Macht glaubt und sich an ihn bindet, für den ist die Welt zweitrangig. Davon waren das Lebensgefühl und das Denken von Paulus bestimmt. Das müssen wir als erstes beachten.

Dazu kam bei Paulus die Überzeugung, dass es mit dieser Welt sowieso bald zu Ende gehen würde. Paulus lebte in der sogenannten Naherwartung, und das hieß für die christlichen Hausgemeinden, dass sie Christus angehörten, dem endzeitlichen Herrn der Welt, und sie gingen als seine Zeugen auf den nahe bevorstehenden Gerichtstag Gottes zu. Es lohnte sich für sie also gar nicht, in dieser Welt noch etwas zu ändern. So sah Paulus das. Sie sollten deshalb die bestehende Regierungsmacht und deren Geldansprüche respektieren und sich ruhig verhalten.

Und schließlich müssen wir berücksichtigen, dass der römische Staat zu den Lebzeiten von Paulus noch funktionierte. Die Christenverfolgungen und Gräueltaten setzten erst später ein. Paulus hat erlebt, dass die weltlichen Ordnungen die Bürger schützten. Es gab für ihn keinen Grund zur Klage. Er sah es vielmehr so, dass Gott mittels der staatlichen Autoritäten zugunsten aller Menschen und auch der Gemeinden das Gute befördert und das Böse in Grenzen hält. Auf die Frage, wie die Christen sich in einem Unrechtsstaat verhalten sollten, geht Paulus hier also gar nicht ein.

Wenn wir das alles beherzigen, verstehen wir den Abschnitt besser und können zur zweiten Frage übergehen, die lautet: Wie wenden wir das nun auf unser Leben an? Um das zu beantworten, möchte ich gerne wieder mit der Vorstellung und der Lehre beginnen, dass es zwei Reiche gibt, das Reich Gottes und das Reich der Welt.

Als Christen gehören wir zum ersten, denn dafür hat Jesus Christus gesorgt. Er hat durch sein Sterben und Auferstehen das Reich Gottes für alle geöffnet, die an ihn glauben. Wenn wir das tun, wissen wir also um mehr als diese Welt. Wir erkennen hinter allem, was geschieht, noch eine andere Macht als nur die menschliche. Wir sind auf Gott bezogen und schöpfen unsere Zuversicht aus seiner Gegenwart. Wir sind bereits erlöst und freuen uns auf die Ewigkeit. Auch im Leiden und Sterben sind wir noch geborgen. Wir können demnach getrost in dieser Welt leben und ihre Ordnungen anerkennen. Wir können uns unauffällig verhalten und dabei hoffnungsfroh und ruhig bleiben.

Das besagt die Zwei-Reiche-Lehre, und es tut gut, sie anzunehmen. Es ist heilsam und befreiend, das Reich Gottes von dem Reich der Welt zu unterscheiden. Wenn alle Menschen das täten, gäbe es auch kein Unrecht mehr. Fast alle Gräueltaten haben darin ihren Ursprung, dass Menschen sich plötzlich zu Göttern erheben, dass sie Gottes Macht nicht mehr anerkennen und sich selber an oberste Stelle setzen.

Genau dagegen wendet sich auch die Erklärung von Barmen. Es heißt in dem Artikel fünf weiter: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“ (EG 810,5)

Die Barmer Theologen kritisierten zum einen die Anmaßungen Hitlers und zum anderen die Verirrung der „Deutschen Christen“. Und Paulus hätte das sicherlich unterschrieben. Auch er war gegen eine Verwechslung von staatlicher Obrigkeit und dem Anspruch des Evangeliums. Aus der Nachfolge Christi folgt weder eine Diktatur noch die Anarchie. Sie befähigt vielmehr, in dieser Welt, die noch „nicht erlöst“ ist, friedlich als Christ zu leben. So ist seine Ermahnung, „der Obrigkeit zu gehorchen“, gemeint.

Doch was sollen nun die Menschen tun, denen die Regierenden Unrecht zufügen? Die staatliche Macht kann ja dämonische Züge annehmen. Gilt das, was Paulus hier sagt, dann weiterhin? Sollen wir wirklich alles erleiden und nie aufbegehren? Diese Frage geht wie gesagt über unseren Text hinaus, aber natürlich müssen wir uns in diesem Zusammenhang damit beschäftigen. Wenn wir Paulus das fragen, würde er sicher zunächst sagen: „Es lohnt sich mehr, wenn du so viel wie möglich erträgst. Du kannst damit Christus ähnlich werden und an seinem Sterben und Auferstehen Anteil bekommen. Ein Christ oder eine Christin ist zum Leiden und Sterben befähigt. Auch durch Unrecht kannst du zu Gott finden. Du kannst sogar gerade im Sterben ihm nahe kommen, es ist wie die Tür zu seinem Reich.“ Paulus hat so gelebt und ist so gestorben. Er war durchdrungen von der Gewissheit, dass er an der Auferstehung teilhat. Und diese Erfahrung können wir alle machen. Unsere Seele und unser Geist sind viel elastischer, als wir denken. Wir können sie sehr weit dehnen und uns damit nach Gott ausstrecken.

Trotzdem ist natürlich irgendwann die Dehngrenze erreicht. Wenn wir ein Gummiband immer weiter auseinanderziehen, reißt es irgendwann. Und so ist auch mit der Seele. Was wir ertragen müssen oder wollen, kann an einem bestimmten Punkt zerstörerisch sein, dann halten wir es nicht mehr aus, und es führt uns auch nicht zu Gott. Wir zerbrechen vielmehr daran. Wann das so ist, lässt sich nicht pauschal festlegen, darüber kann man keine allgemein gültigen Aussagen machen. So wie wir, die wir hier sitzen, körperlich alle unterschiedlich beweglich sind, so ist es auch mit der Seele und dem Geist. Wir halten verschieden viel aus, und jeder und jede muss selber erkennen, wann für sie Schluss ist. Dann gilt nicht mehr der Satz „Es ist notwendig, sich unterzuordnen“, sondern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Das hat Petrus in der Apostelgeschichte gesagt. (Apg. 5,29) Er begründete damit gegenüber dem Hohen Rat, dass er nicht aufhören wird, das Evangelium zu predigen, selbst wenn der Staat es verbietet. Das war seine Entscheidung, und so müssen auch wir letzten Endes selber entscheiden, ob wir etwas ertragen oder verändern wollen.

Im Blickfeld des Neuen Testamentes lag es noch nicht, dass die Christen auf eine humane Staatsform dringen sollen, die den Ansprüchen des Evangeliums entgegenkommt, aber natürlich können wir das heutzutage versuchen. Wir haben ja auch ganz andere Möglichkeiten als z.B. Paulus. Gerade in Deutschland haben wir eine Verfassung und ein Grundgesetz, die die Freiheit der Einzelnen schützen. Wir können mitbestimmen, mitreden und für das Gute kämpfen. Keiner verbietet uns das oder hindert uns daran, und dafür dürfen wir dankbar sein. Wir sind auch eingeladen, für die Regierenden immer wieder zu beten und Gott darum zu bitten, dass sie seinen Willen tun.

Bloß verwechseln sollten wir die beiden nicht. Gott ist nicht der Staat und die Regierung hat nicht dieselbe Macht wie er. Letzten Endes sind wir als Christen an ihn und an seinen Sohn Jesus Christus gebunden, so wie es am Anfang der Barmer Erklärung heißt: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ (EG Nr. 810,1)

Amen.

Gott gibt uns Zukunft und Hoffnung

Predigt über Jeremia 29, 1. 4- 7. 10- 14: Jeremias Brief an die Weggeführten in Babel

21. Sonntag nach Trinitatis, 21.10. 2018, Jakobikirche Kiel

Jerermia 29, 1.4-7.10-14

1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte
4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.
10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.
11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören.
13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Liebe Gemeinde.

Normalerweise möchte sich jeder Mensch gerne irgendwann niederlassen und da bleiben, wo er ist. So geht es auch denjenigen, die hierher nach Deutschland geflohen sind. Sie suchen in unserem Land eine neue Perspektive. Wenn sie noch jung sind, wollen sie gerne eine Ausbildung machen, Geld verdienen und eine eigene Wohnung mieten. Wenn sie bereits eine Familie haben, soll die am liebsten hierher kommen können, denn das gehört dazu, wenn man irgendwo langfristig bleibt.

Und das ist ganz normal. Jeder Mensch braucht ein zu Hause, eine Bleibe, die so eingerichtet ist, dass man sich darin wohl und geborgen fühlt, und aus der man nicht vertrieben wird. Es muss uns auch nicht gesagt werden, dass wir uns so etwas schaffen sollen. Das Bedürfnis ist einfach da und führt uns von selber dazu, uns niederzulassen. Entsprechend zermürbend ist es, wenn man nicht weiß, ob man bleiben darf und monatelang warten muss.

Deshalb ist so ein Brief, wie wir ihn vorhin in der alttestamentlichen Lesung gehört haben, erst einmal verwunderlich, denn darin fordert der Prophet Jeremia seine Landsleute zu etwas auf, das eigentlich selbstverständlich ist: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte“, sagt er. Seine Aufforderung lautet also: Macht euch sesshaft. Das war offensichtlich möglich, aber sie taten das nicht von selber. Sie wollten sich dort, wo sie gerade waren, nicht niederlassen oder fest einrichten. Und das hatte auch einen Grund. Sie wollten da in Wirklichkeit nämlich gar nicht sein und rechneten damit, dass sie bald wieder weggehen würden. Es war für sie nur ein vorübergehender Aufenthaltsort, und deshalb blieben ihre Behausungen provisorisch.

Und dafür gab es Gründe. Sie waren nicht freiwillig dort, noch nicht einmal für eine Flucht hatten sie sich entschieden, sondern sie waren verschleppt worden. Jeremia schrieb den Brief an „den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte.“

Sie kennen die Geschichte sicherlich. Im Jahr 597 vor Christus zog der König Nebukadnezar von Babylon gegen Jerusalem, um es einzunehmen. Er hatte Erfolg, und nahm den jüdischen König Jojachin und alle anderen wichtigen Leute aus seinem Land gefangen. Ein Teil der Bevölkerung wurde also deportiert und lebte danach im Exil in Babylonien. Die Daheimgebliebenen waren Gefangene im eigenen Land. Und um den ganzen die Krone aufzusetzen, wurde die Stadt Jerusalem von Nebukadnezar zerstört. Auch der Tempel fiel seinem Raubzug zum Opfer, und damit war das Ende des Staates Juda besiegelt.

Der Prophet Jeremia hat das alles mit erlebt. Er hatte den König auch mehrfach gewarnt, dass es eintreten würde, aber keiner hatte ihn ernst genommen. Sie hatten ihn sogar ein paar Mal eingesperrt, weil er ihre Ruhe störte. Sie mochten ihn überhaupt nicht, und mit diesem Brief hat er sich sicher auch nicht gerade beliebt gemacht, denn er prophezeite ihnen darin schon wieder eine unerfreuliche Zukunft: Sie werden nicht so schnell wieder aus dem Exil zurückkehren, das sagt er ihnen hier. Die, die jetzt da sind, werden dort auch sterben, denn erst nach 70 Jahren wird für „Babel die Zeit voll sein“, wie er sich ausdrückt. Erst dann wird Gott sein Volk heimsuchen und ihm gnädig sein und es wieder nach Jerusalem zurückbringen.

Und genau das ist der Grund, warum sie sich im Exil einrichten sollten. Sie sollten nicht ständig daran denken, dass morgen vielleicht alles besser wird, sondern sich auf die Situation einstellen, sie akzeptieren und konstruktiv damit umgehen. Sie sollten sich nicht in irgendwelchen unrealistischen Hoffnungen verlieren, sondern ihr Leben dort vor Ort in die Hand nehmen und das Beste draus machen.

Das war für die Juden sehr schwer, denn das Land, aus dem sie vertrieben worden waren, war mehr als einfach nur eine Heimat. Es war ihnen ja von Gott versprochen worden, er hatte es ihnen geschenkt, und deshalb war er ihnen eigentlich auch nur dort wirklich nahe. Das glaubten sie jedenfalls. Sie fühlten sich nicht nur von ihrem zu Hause vertrieben, sondern auch von Gott getrennt und von ihm verlassen. Psychologisch gesehen waren sie traumatisiert und verbittert, und dieses Gefühl, diesen Zustand wurden sie nicht los.

Jeremia verfolgt mit seinem Brief also therapeutische und seelsorgerliche Ziele. Er fordert die Juden zu einem Umdenken und einem anderen Verhalten auf. Dazu gehört auch die Botschaft, dass Gott sie keineswegs vergessen hat. Im Gegenteil, er hat „Gedanken des Friedens und nicht des Leides“ über sie. Er wird sie befreien und zurückführen. Sie haben keinen Grund, an ihm zu zweifeln, sondern sollen ihn jetzt erst recht anrufen, denn er will sie erhören. Sie sollen sogar für die Babylonier beten, denn wenn es denen gut geht, wird es ihnen auch gut gehen.

Der Brief enthält also Anweisungen zu einem konstruktiven Umgang mit dem Leben, er lädt zum Glauben und zur Zuversicht ein. Er wendet sich gegen Ungeduld und Niedergeschlagenheit, gegen Zorn und Verbitterung. Von all dem waren die Juden nämlich befallen. Und wenn sie sich weiter von der widrigen Situation, in der sie gerade steckten, beeindrucken ließen, würden sie darin auch versinken. Davor wollte Jeremia sie bewahren. Sie sollten aus ihrer Verbitterung herausfinden, loslassen und neue Lebenswege und Alternativen suchen. Es würde sich für sie etwas öffnen, wenn sie den Blick auf ihre Situation veränderten. Gott hatte sie nicht aufgegeben, sondern hielt eine Zukunft für sie bereit, und dieser Glaube sollte die Grundlage ihres Lebens sein. An seinen Verheißungen sollten sie sich orientieren, daran, dass er bei ihnen war und sie immer noch liebte. Denn nur dann würden sie das Leben dort in der Fremde bewältigen. Das würde ihnen die Kraft geben, auch im Exil ihr Leben in die Hand zu nehmen und es bewusst zu gestalten.

Und diese Botschaft ist es, die den Brief Jeremias auch für uns interessant macht. Das kommt uns zunächst nicht so vor, denn wir wollen wie gesagt alle gerne hierbleiben. Wir sind in einer ganz anderen Situation, als die Juden damals im Jahr 597 v.Chr. Wir leben nicht im Exil, im Gegenteil, die meisten von uns sind hier in Deutschland geboren, vielleicht sogar in Kiel, und es geht uns auch ganz gut. Und wer hierher geflohen ist, versucht wie gesagt alles, um eine feste Bleibe zu bekommen.

Trotzdem enthält Jeremias Brief auch für uns eine gute Botschaft, denn das psychologische Problem, das die Juden hatten, kann auch uns heimsuchen.

Ich habe darüber kürzlich einen Zeitungsartikel gelesen (in: „Die Volksstimme“, Nachrichten aus der Altmark, Sachsen-Anhalt). Da wird der Psychotherapeut Michael Linden zitiert, der an der Berliner Charité die Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation leitet. Und er hat für eine bestimmte Diagnoseeinen neuen Begriff geprägt, und zwar den der „posttraumatischen Verbitterungsstörung“. 1989 wurde er auf das Problem aufmerksam, denn immer wieder begegnete er Patienten, die sich als „Verlierer der Wende“ betrachteten, weil sie im vereinten Deutschland beruflich nicht Fuß fassen konnten. Sie litten an chronischer Verbitterung, d.h. sie ließen sich nicht versöhnen und hielten an ihrem Zorn fest.

Und das geht vielen Menschen so. Auch auf Grund anderer Erlebnisse kann es dazu kommen, wie z.B. einer Kündigung oder einer Trennung. Enttäuschungen, Kränkungen, Ungerechtigkeiten, Vertrauensbrüche, all das sind Ursachen, die zu hilfloser Verbitterung führen können. Sie nehmen im persönlichen Leben das Ausmaß einer Katastrophe an. Dabei gibt es noch viel schlimmere Ereignisse, wie z.B. der Krieg, vor dem Menschen hierher fliehen müssen, der gewaltsame Verlust eines Angehörigen durch einen Bombenangriff, eine Vergewaltigung, ein Erdbeben usw. Wenn eins von diesen Dingen eintritt, werden die Betroffenen genauso traurig, zornig, ungeduldig und niedergeschlagen wie die Juden im Exil, denen Jeremia schreibt. Sie hoffen vielleicht, dass morgen alles besser wird, aber das bleiben ganz oft nur Vorstellungen und Wünsche. Es kann gut sein, dass sie sich vom Leben zurückziehen, Schafstörungen bekommen und sich zu nichts mehr aufraffen können. Das alles sind Symptome, unter denen Menschen leiden, die etwas Schweres und Einschneidendes erlebt haben, deren Lebenskonzept empfindlich gestört wurde. Sie sind genauso traumatisiert wie die Juden im Exil und brauchen Hilfe.

Und die sind in dem Brief Jeremias vorhanden, denn er enthält sehr schöne Anregungen, die aus der Verbitterung herausführen können.

Zum einen gibt er praktische Ratschläge. Seine Landsleute sollen lernen loszulassen und sich auf das neue Leben einlassen, das sie nun führen. Es gibt eine Alternative zu der Traurigkeit, und die sollen sie nutzen. Es geht darum, kreativ zu werden und Veränderungen zu wagen. In dem Zeitungsartikel, den ich erwähnte, ist davon die Rede, dass die Patienten in der Therapie lernen, den Blick auf das Geschehene zu verändern, und zwar so, dass sie in die Lage versetzt werden, aus der Verbitterung herauszufinden. Am Ende wird der Schriftsteller Mark Twain zitiert, der einmal gesagt hat: „Enttäuschungen sollte man verbrennen, nicht einbalsamieren.“ Und genau das ist der therapeutische Tipp, den Jeremia seinen Landsleuten gibt.

Aber dazu kommt bei ihm noch mehr, und das ist die schöne Verheißung Gottes, die am Ende seines Briefes steht. Gott sagt durch den Propheten zu den Juden: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Und das können wir gerne auch auf uns beziehen. Es ist eine allgemeingültige Botschaft, die besagt, dass es noch mehr gibt, als dieses Leben. Es wird letzten Endes sogar brüchig bleiben, doch das muss uns nicht zornig machen. Wir können vielmehr darauf vertrauen, dass Gott das längst weiß und an uns denkt. Egal, was in unserem Leben geschieht, seine Fürsorge hört nicht auf. Er liebt uns und hat für jeden von uns einen Weg. Das gilt es zu glauben. Dann haben wir auf jeden Fall einen tragfähigen Grund, der völlig unabhängig ist von den äußeren Umständen, in denen wir gerade stecken. Wir können uns immer wieder an Gott wenden, uns sozusagen auf ihn werfen. Dann wird er uns auch tragen und festhalten. Jeremia drückt das aus, indem er sagt: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.“ Und das können wir ruhig glauben. Wir verlassen uns damit auf eine Wirklichkeit, die haltbarer ist, als alles andere. Es ist die Liebe Gottes, die niemals aufhört.

Lassen Sie uns also darauf vertrauen, denn das gibt unserem Leben eine ganz andere Qualität. Es schützt uns vor Ungeduld und Niedergeschlagenheit, vor Verbitterung und Zorn. Wir „überwinden dadurch das Böse mit Gutem“, wie es in unserem Wochenspruch heißt. (Römer 12,21) Und das gibt uns dann auch die Kraft und den Mut, unser Leben immer wieder anzunehmen und zu gestalten, es zum Positiven zu wenden und neu zu beginnen, wenn einmal etwas zusammengebrochen ist.

Zum Glück geht es vielen Menschen, die zu uns geflohen sind, genauso. Sie haben es geschafft, sich in unserem Land eine neue Existenz aufzubauen, haben die Sprache gelernt und eine Arbeit gefunden. Sie sind gut integriert. Das ist kein leichter Weg, denn es gibt viele Hindernisse. Geduld und Durchhaltevermögen gehören dazu. Und das gelingt auch unter den Geflüchteten am ehesten denjenigen, die einen starken Glauben haben. Denn sie haben einen inneren Halt, der ihnen die Kraft gibt, das Alte loszulassen und hier neu anzufangen.

Solche Beispiele können uns allen Mut machen, „Gottes Gedanken über uns“ immer wieder zuzulassen. Sie sind oft anders als unsere eigenen, denn es sind auf jeden Fall „Gedanken des Friedens und nicht des Leides.“ Wer mit Gott lebt, muss nicht verbittern, sondern kann erfahren, dass es „eine Zukunft und eine Hoffnung“ gibt, die niemals aufhören.

Amen.

Gott sorgt für uns

Predigt über 1. Mose 28, 10- 15: Jakob schaut die Himmelsleiter

15. Sonntag nach Trinitatis, 9.9.2018, Lutherkirche Kiel

1. Mose 28, 10- 15

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran
11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.
12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.
13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.
14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Liebe Gemeinde.

Während wir schlafen, träumen wir alle, und zwar in jeder Phase. Wie stark wir uns daran erinnern, ist allerdings sehr unterschiedlich. Und wenn das geschieht, sind uns meistens nur die Bilder vor Augen, die kurz vor dem Aufwachen unseren Traum begleitet haben. Sie sind dann noch sehr lebhaft und oft mit intensiven Gefühlen verbunden. In der Wachrealität sind die Geschehnisse größtenteils eher unwahrscheinlich oder sogar unmöglich. Nur manchmal entsprechen sie auch realen Dingen.

Allerdings haben sie immer etwas mit dem zu tun, was wir wirklich erlebt haben. Das Unbewusste ist beim Träumen aktiv, und wir verarbeiten vieles. Deshalb lohnt es sich auch, Träume zu deuten. In der Psychotherapie geht man davon aus, dass jeder Traum eine Botschaft an uns erhält. Wenn wir sie entschlüsseln, können unsere Träume uns also helfen, uns selber besser zu verstehen und Probleme zu lösen.

Insofern sind Träume immer eine Mischung aus Realem und Irrealem. Anders herum ist es ja auch so, dass wir beim Träumen manchmal wirklich sprechen, weinen oder schreien, oder sogar aufstehen und herum wandeln.

In der Bibel gibt es viele Geschichten über Träume, und dort haben sie immer ganz viel mit der Realität zu tun und sind von großer Bedeutung. Meistens spricht Gott im Traum zu den Betroffenen und gibt ihnen einen Auftrag, eine Warnung, eine Verheißung oder ähnliches. So ist es auch in der Geschichte über den Traum Jakobs von der Himmelsleiter.

Ich vermute, dass ihr die alle kennt, denn es ist eine schöne Geschichte, die in jeder Kinderbibel steht und die wir gerne weitererzählen. Sie ist hell und positiv. Schon das Bild von einer Leiter, die in den Himmel führt und auf der die Engel Gottes auf- und absteigen, vermittelt Hoffnung und Freude. Und dazu bekommt Jakob am Ende noch eine grandiose Verheißung von Gott, die wir gerne auch auf uns beziehen können.

Es ist eine sehr aussichtsreiche Geschichte, und dieser Charakter wird noch stärker, wenn man zusätzlich die Begleitumstände berücksichtigt, in denen das hier geschieht: Jakob hatte nämlich seine Heimat verlassen, er war also auf der Wanderschaft, und das war nicht freiwillig geschehen: Er war auf der Flucht und wurde sozusagen als Verbrecher gesucht. Denn er hatte sich gerade das gesamte Erbe seines Vaters erschlichen und dabei seinen Bruder Esau betrogen. Und Esau war so wütend darüber, dass er seinen Bruder sogar umbringen wollte. Deshalb musste Jakob fliehen. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, um sein Leben zu retten. Gerechterweise hätte Gott ihn für den Betrug auch bestrafen müssen. Ein Todesurteil stand darauf zwar nicht, aber in Ordnung war das Verhalten von Jakob auf keinen Fall gewesen.

Doch erstaunlicher Weise kommt die Strafe nicht. Gott ist nicht zornig und zieht Jakob nicht zur Rechenschaft. Im Gegenteil, er schenkt ihm gleich am Anfang seiner Reise diesen schönen Traum von der Himmelsleiter. Er verbündet sich also mit Jakob und verspricht ihm, dass alles gut wird. Gott wird mit ihm bleiben und ihn behüten, er wird ihn niemals verlassen, und er wird ihm sogar Segen und Reichtum schenken bis weit in die nachfolgenden Generationen. Eine bessere Verheißung kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Gott verspricht ihm alles, was er sich nur wünschen kann, ohne dass er das auch nur im Geringsten verdient hätte.

Dies geschah im Traum, aber es war beim Aufwachen für Jakob Realität. Er hatte Gott wirklich erlebt und gehört, und die Erinnerung daran war mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Ergebenheit verbunden. Er war erfüllt von Gewissheit und Vertrauen. Er wusste sich von der Stunde an wirklich bei Gott geborgen und gewann dadurch Trost und Mut.

Das ist die Geschichte, die wir wie gesagt wahrscheinlich alle kennen und mögen. Trotzdem müssen wir uns fragen, wie real diese Verheißung denn nun eigentlich ist. Wenn uns heute jemand erzählen würde: „Ich habe letzte Nacht im Traum eine Leiter gesehen, die bis in den Himmel reicht, und Gott hat mir eine ganz tolle Verheißung geschenkt.“, dann würden wir glaube ich eher auf Abstand gehen und diesen Menschen für etwas überspannt halten. Wir nehmen unsere Träume zwar ernst, aber nicht so. Sie geben uns wie gesagt Aufschluss über uns selbst und über das Unbewusste, aber eine reale Gottesbegegnung leiten wir daraus eher nicht ab. Die Frage ist also, was ist in dieser Geschichte Realität, und was ist nur ein Traum?

Und darauf können wir auch eine Antwort bekommen, und zwar indem wir so etwas wie einen Realitätscheck machen. Wir können ja mal testen, ob an den Bildern des Traumes und an der Verheißung etwas dran ist, und ob sie auch uns tragen kann, und zwar indem wir einfach darauf vertrauen und sie einmal für wahr halten.

Normaler Weise sind wir ja auf die sinnlich wahrnehmbare Welt fixiert: Was wir sehen und hören, anfassen, riechen und schmecken, das existiert für uns und füllt über weite Strecken unseren Alltag. Es prägt unsere Gedanken und Gefühle, und bildet für uns die Wirklichkeit. Auch der Verstand spielt eine Rolle, wenn es um Realität geht. Wahr und wirklich ist, was wir verstehen.

Und darauf gründen wir deshalb auch unser Leben. Irdische Dinge sind der Inhalt unserer Hoffnungen und Pläne. Wissen und Bildung verschaffen uns Sicherheit und Selbstvertrauen, andere Menschen machen uns Mut und geben uns Halt.

Die Frage, die wir uns in diesem Zusammenhang stellen müssen, ist allerdings, ob das alles ausreicht. So sicher und entspannend sind die „irdischen Güter“ doch gar nicht. In der Bergpredigt spricht Jesus davon, dass die „Motten und der Rost unsere Schätze zerfressen“ (Mt.6,19) , d.h. sie sind vergänglich. Außerdem geht es mit viel Sorge einher, die weltlichen Dinge auch zu erhalten. Wir machen uns viel vergebliche Unruhe damit. Und wenn sie uns genommen werden, fallen wir in ein Loch. Unerwartete Armut oder Krankheit, das Zerplatzen von Wünschen, der Verlust eines Menschen und ähnliche schwerwiegende Ereignisse verdunkeln das Leben. Sie führen uns in Einsamkeit und Angst, Hilflosigkeit und Trauer.

Es ist deshalb gut, wenn wir die Tragfähigkeit und auch den Realitätsgehalt all dieser Dinge von vorne herein kritisch sehen. Es ist ratsam, nach noch mehr zu fragen. Vielleicht besteht die Wirklichkeit ja gar nicht nur aus der Welt und unserem Verstand, und wir können noch viel mehr erleben als das, was wir sehen, fühlen oder denken. Unsere Geschichte lädt uns ein, das einmal auszuprobieren. Darin besteht der Realitätstest.

Er beginnt damit, dass wir uns Zeit nehmen und uns auf die Symbole, die hier vorkommen, einmal einlassen, sie ernst nehmen und betrachten. Religiöse Symbole entspringen alten Mythen, d.h. es sind Bilder, die wir alle im Unterbewusstsein mit uns herumtragen. Sie bringen unsere tiefsten Sehnsüchte zum Ausdruck, und als solche sind sie dann auch real. Es lohnt sich also, in diese Geschichte sozusagen einzusteigen und uns einmal an die Stelle Jakobs zu legen. Dann ergeben sich einige Dinge, die sehr viel Realitätsgehalt haben und dem Test standhalten. Er fällt dann positiv aus.

Zunächst ist da das Bild von der Himmelsleiter, auf der die Boten Gottes hinauf und hinabsteigen. Es macht deutlich, dass es eine Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde gibt. Die Leiter ist der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren. Die Engel sind dabei die Wesen, durch die Gott in diese Welt hineinkommt. Sie überwachen die Erde, gehen zu einzelnen Menschen und sagen ihnen, was Gott will.

Dieses Bild können wir ruhig genießen, dann wird es hell in unserem Bewusstsein. Das Dunkel lichtet sich, Sorgen werden kleiner, wir fühlen uns nicht mehr allein. Dabei dürfen wir auch die Worte, die Gott hier spricht, auf uns beziehen. Es ist eine ganz persönliche Botschaft. Er sagt: „Ich werde mit dir sein, dich allenthalben behüten, wohin du reist, und dich endlich in dieses Land zurückführen. Denn ich werde dich nicht verlassen, bis ich getan was ich dir zugesagt habe.“ Das verspricht Gott auch uns. Wenn wir darauf hören und es ernst nehmen, merken wir, dass das nicht nur ein Traum ist, sondern Wirklichkeit. Es wirkt sich aus, wir bekommen Gewissheit und Kraft, wir werden ruhig und getröstet. Das ist ein Ergebnis unseres Testes.

Doch das ist noch nicht alles. Es ist außerdem von Bedeutung, dass Gott Jakob beim Schlafen trifft. Jakob war passiv, er hat selber nichts dazu getan, dass es zu dieser Begegnung kam. Er wurde einfach von Gott aufgesucht und beschenkt. Er durfte sein, wer er war, mit allen Schwächen und Fehlern. Gott hat ihn trotzdem erwählt. Und das heißt für uns, dass auch wir so, wie wir sind, von Gott alles erwarten dürfen. Wir müssen nichts leisten, nicht vorher schon gut sein. Uns wird vergeben, was wir eventuell falsch gemacht haben, weil Gott von sich aus ein Interesse an uns hat. Wenn wir uns das vorstellen, fühlen wir uns frei und erlöst. Wir können uns entspannen, es entstehen Heiterkeit und Freude. Und auch das sind reale Vorgänge, an denen wir merken, dass Gott wirklich da ist.

Die Kindertaufe ist dafür ein sehr schönes Zeichen. Da öffnet sich der Himmel über einem Menschen, ohne dass der etwas dazu tut, und Gott begleitet ihn fortan.

Und daraus ergibt sich als letztes, dass von unserer Seite allein der Glaube dazu gehört, damit das alles geschieht. Wenn die Verheißung Gottes wirken soll, müssen wir nur darauf vertrauen, d.h. seine Liebe in Anspruch nehmen. Dann kann sie sich in unserem Leben entfalten. Es ist also wichtig, dass wir immer wieder bewusst die Wirklichkeit Gottes zulassen, das Sorgen sein lassen und die irdischen Güter relativieren. Dann erweist Gott sich als derjenige, der uns wirklich beschützt und segnet.

Es ist kein Traum, sondern Wirklichkeit. Sie übersteigt zwar unseren Verstand, aber das ist auch gut so. Wir werden hineingenommen in einen Wirkbereich, der größer und heller und schöner ist als die Welt.

Wir dürfen auch gerne das Zeugnis unzähliger anderer Menschen in Anspruch nehmen, die das ebenfalls erfahren haben. Nicht nur Jakob hat die Stimme Gottes gehört und wurde gesegnet, alle Gläubigen vor uns und in unserer Zeit können das erleben. Ihr Bekenntnis kann uns anstecken und uns inspirieren, es ihnen im Glauben gleichzutun.

Lasst uns deshalb vier Strophen aus dem schönen Lied von Georg Neumark, einem Kieler Kaufmann aus dem 17. Jahrhundert singen: „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“ (EG 369)

Amen.