Solus Christus – Allein durch Christus

Predigt über Johannes 14, 1- 6: Jesus, der Weg zum Vater

Sommerpredigt „Solus Christus“, 13.8.2017,
11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Der Gottesdienst enthielt die zweite Sommerpredigt über die sogenannten „vier Soli“. Heute war das Thema: „Solus Chritus – Allein durch Christus werden wir gerettet“. Für die Reformatoren hieß das, dass  in Chritus  die ganze göttliche Wahrheit beschlossen liegt. Sie grenzten sich damit gegenüber der Vorstellung ab, dass auch Heilige, Kirchenvertreter oder andere menschliche Instanzen uns erlösen können. Gottes größte Tat, sein erlösendes Geschenk an uns ist sein Sohn Jesus Christus.
Dieser Grundsatz kommt an verschiedenen Stellen im Neuen Testament zum Ausdruck. Schön ist z.B. der Vers aus der Offenbarung: „Christus spricht: Ich bin das A und O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ (Offenbarung 22,13) Es ist praktisch das letzte Wort der Bibel. Bei Luther fnden wir in diesem Zusammenhang einen Vers aus dem ersten Brief an Timotheus: „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus.“ (1. Timotheus 2,1-7)
Der Predigt habe ich die Selbstaussage Jesu zu Grunde gelegt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Sie überschneidet sich in weiten Teilen mit der Neujahrspredigt dieses Jahres, die ich ebenfalls zu dieser Bibelstelle gehalten habe.

Johannes 14, 1- 6

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.
4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.
5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?
6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Liebe Gemeinde.

Die lateinische Formel „solus Christus“ ist ein kurzer Ausdruck für einen theologischen Grundsatz der Reformation. Dieser Grundsatz lautet, dass Jesus Christus der alleinige Heilsmittler ist. In Christus allein ist Gott eindeutig zu finden, und an Christus allein soll der Mensch glauben.
So erklärte Luther im Kleinen Katechismus: „Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit.“ (Martin Luther, der kleine Katechismus, das zweite Hauptstück der Glaube, Erklärung zum zweiten Artikel von der Erlösung)
Die Grundlage für diesen Glauben finden wir natürlich im Neuen Testament, in den Evangelien und in den Briefen der Apostel. Im Johannesevangelium finden wir dazu besonders schöne Aussagen, denn da erhebt Jesus selber diesen Anspruch, und zwar mit den sogenannten „Ich-bin-Worten“. Er offenbart mit diesen Sätzen, dass er von Gott kommt und den Menschen das Heil bringt. Fünf davon sind bildhaft gemeint: „Ich bin das Brot des Lebens (6,35), das Licht der Welt (8,12), die Tür (10,9), der gute Hirte (10,14) und der wahre Weinstock (15,5)“. Und dann gibt es noch zwei Aussagen, die stehen im Zusammenhang mit dem Tod und der Auferstehung Jesu. Sie lauten: „Ich bin die Auferstehung (11,25), der Weg, die Wahrheit und das Leben (14,6).“ Und bei diesem letzten Satz betont Jesus zugleich die Ausschließlichkeit, das „solus“, indem er sagt: „niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ Dieses Ich-bin-Wort bringt deshalb am klarsten zum Ausdruck, was es heißt, dass „Jesus allein“ das Heil bringt.
In der Rede, in der es vorkommt, spricht Jesus mit seinen Jüngern, kurz bevor er sie für immer verlässt, und er erklärt ihnen seine Sendung, den Glauben und das Ziel des Lebens. Dabei will er seine Jünger hauptsächlich trösten und beruhigen, denn natürlich waren sie erschüttert, dass die Trennung von ihm bevorstand. Sie hatten Angst, ihn zu verlieren und mit ihm das Leben. Denn das hatte er ihnen in ganz neuer Weise ermöglicht: Sie waren durch ihn Gott nahe gekommen. Sollte das alles nun vorbei sein? Das fragten sie sich, und Jesus wusste das. Deshalb sagt er als erstes: „Euer Herz erschrecke nicht!“ Er ermutigt sie zum Glauben an Gott und an ihn. Und dann folgt das Bild von dem „Haus Gottes mit den verschiedenen Wohnungen“. So stellten sich die Propheten des Alten Testamentes die himmlische Welt vor. Jesus nennt diesen göttlichen Ort das „Haus meines Vaters“, und er verheißt seinen Jüngern, dass es das Ziel ihres Lebens sein wird.
Und der Weg dorthin ist er selber. Das sagt Jesus mit dem Satz: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Jesus offenbart hier also wie gesagt, wer er ist, und er nennt gleich drei Titel: „Weg, Wahrheit und Leben“. Aus dem Zusammenhang kann man schließen, dass der Nachdruck auf dem „Weg“ liegt: Jesus ist der Weg zum Vater. Jesus erläutert das noch durch die beiden anderen Begriffe: Er ist der Weg zum Vater, weil in ihm die Wahrheit und das Leben liegen. Er hat die „Wahrheit“ Gottes ja offenbart, er hat den Menschen das Heil gezeigt und angeboten, und dadurch hat er ihnen „Leben“ vermittelt. Damit meint Jesus die ganze Fülle des Lebens, die Erlösung von den Sünden, Befreiung aus der Gewalt des Bösen und die Überwindung des Todes, wie Luther es erklärte. Denn er führt jeden, der an ihn glaubt, in die göttliche Wirklichkeit, er lässt ihn am Leben Gottes teilhaben, des lebendigen Vaters und Ursprungs. Deshalb ist Jesus der „Weg“ zum Vater. Er führt die Gläubigen in die Gemeinschaft mit ihm und damit zum Ziel ihres Lebens.
Das ist hier die Botschaft, und damit kann Jesus die Jünger kurz vor der Trennung tatsächlich gut aufrichten und ermutigen, denn sie ist sehr tröstlich.
Für uns sind das ebenso beruhigende Worte, die uns zeigen, wo es lang geht. Wir müssen sie nur in unser Leben übertragen, und dafür ist das Bild von dem Weg und dem Ziel sehr gut geeignet. Auch unabhängig davon, wie Jesus es hier einsetzt, können wir unser Leben damit beschreiben: Es ist wie eine Wanderung, bei der wir eine Vorstellung davon haben, wo wir hin wollen. Denn unser Leben geht Tag für Tag weiter, und wir haben immer etwas vor Augen, das wir erreichen möchten. Wir haben Wünsche und Träume, Pläne und Vorhaben. Dabei muss es sich gar nicht um irgendetwas Besonderes oder Individuelles handeln. Es gehört zu unserer menschlichen Natur, dass wir uns vorstellen, wie unser Leben am besten sein soll. Das fängt schon damit an, dass wir alle gerne gesund sein wollen. Krankheiten mögen wir nicht, und wir tun viel, um sie zu verhindern und auszukurieren. Aber das ist nicht alles. Auch Erfolg ist ein ganz natürlicher Wunsch, ob im Beruf oder im privaten Bereich. Und natürlich will niemand allein sein. Das Streben nach Gemeinschaft ist ein weiteres allgemeines Ziel, das wir alle teilen. Wir wünschen uns Zuwendung und Liebe.
Doch erreichen wir das auch? Wer zeigt uns den Weg? Wer sorgt dafür, dass wir uns nicht verirren? Der Gedanke an die Zukunft ist immer mit Unsicherheit verbunden, eventuell sogar mit Angst und Sorge. Das Leben gelingt nicht einfach so, der Druck ist manchmal groß.
Und dahinein ist das Wort Jesu eine wunderbare Botschaft. Um die zu verstehen, ist es gut, wenn wir es von hinten lesen und zunächst auf das Ziel achten, dass Jesus vor Augen hatte: „zum Vater kommen“, darum geht es ihm, das wollte er und das bietet er seinen Jüngern an. Auch für Luther war das die entscheidende Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Wie kann ich „sein eigen sein und in seinem Reich unter ihm leben und ihm dienen in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit?“
Das war Luthers größte Sorge, und damit nennt er – genauso wie Jesus – ein ganz anderes Ziel, als wir es heutzutage normaler Weise tun. Es ging ihm nicht um etwas Innerweltliches, sondern um die ewige Heimat bei Gott. Und er hat erkannt und geglaubt, dass wir sie „allein durch Jesus Christus“ erreichen können.
Damit stellt er uns etwas vor, auf das auch wir einmal unser Interesse lenken sollten, denn es ist etwas Großes und Wunderbares. Alles andere ist von vorne herein kleiner, denn dieses Ziel weist über die Welt hinaus. Wir sollten deshalb einmal alles, wonach wir uns sehnen, auf diesem Hintergrund überprüfen und uns fragen: Ist es wirklich so wichtig? Ist es nicht viel entscheidender, dass uns unsere Sünden vergeben werden, dass wir dem Bösen entkommen und den Himmel nicht versäumen? Es reicht schon, diese Ziele in den Vordergrund zu stellen, damit der Druck, den wir uns normaler Weise machen, von uns abfällt. Es geht uns dann gleich viel besser.
Doch Jesus malt uns nicht nur dieses schöne Ziel vor Augen, er spricht gleichzeitig von dem Weg, der dorthin führt, und das ist gut, denn wie sollen wir den kennen? Jesus weiß, dass das nicht möglich ist. Ein Ziel, das über die Welt hinausweist, können wir von uns aus nicht erreichen. Das ist Jesus klar. Und er sagt auch nicht nur: Ich helfe euch, steh euch bei und zeig euch den Weg, sondern: „Ich bin der Weg“, und das heißt, wir müssen nur auf ihn vertrauen.
Es geht im Glauben nicht darum, dass wir aus eigener Kraft gut werden oder zum Vater kommen. Wir müssen uns vielmehr auf Jesus einlassen. Wir können uns entspannen, auf „sein heiliges, teures Blut“ vertrauen, und an „sein unschuldiges Leiden und Sterben“ glauben. Dann werden wir aus dem Bereich des Todes und des Teufels befreit und in die göttliche Wirklichkeit geführt. Jesus bringt die Gläubigen in die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, und damit zum wahren Ziel ihres Lebens.
Und dabei gibt es auch kein Verirren, das ist praktisch ausgeschlossen. Wer auf Jesus vertraut, ist auf der sicheren Seite, ganz gleich, was sonst alles im Leben geschieht. Selbst wenn wir andere Ziele nicht erreichen, sind wir weiter geborgen. Die Gemeinschaft mit Gott lässt sich durch nichts zerstören, im Gegenteil: Sie gibt uns Halt und Trost, wenn einmal etwas schief geht. Wenn wir krank werden, Niederlagen erleiden und einsam sind, dann bleibt Gott trotzdem bei uns, dann sind wir weiter in seiner Nähe. Im Leben und im Sterben kann uns nichts von ihm trennen.
Das ist der große Trost, den Jesus uns hier gibt. Wenn wir ihn annehmen, sind wir in Ewigkeit geschützt und bewahrt. Wir empfangen Kraft und Zuversicht, wir werden gelassen und hoffnungsvoll. Ängste verschwinden, innere Fesseln lösen sich. Und auch heute noch geschieht das „allein durch Christus“, denn er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Amen.

Sola scriptura – Allein durch die Schrift

Predigt über Psalm 119 in Auswahl

Sommerpredigt „Sola scriptura, 6.7.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobkirche Kiel

Wir finden in Luthers Schriften „vier Soli“ – so nennen wir seine Antworten auf die Frage, wodurch der Mensch gerettet wird. Er verstand diese Aussagen als Provokationen, denn „solus“ heißt „allein“. „Allein durch die Schrift, allein durch Christus, allein durch Gnade und allein durch Glaube“ werden wir selig, das war seine Theologie.
In unseren Predigten im August wollen wir entfalten, was diese „Soli“ für uns bedeuten. Heute ging es um den Ausdruck: „Allein durch die Schrift“. Das heißt für Luther, es gibt für die Offenbarung des Heils und das Zeugnis über Christus nur eine einzige Quelle, und das ist die Bibel. Wer wissen will, was Gott uns sagt und schenkt, muss sie lesen und verstehen. Und es ist auch wichtig, dass wir das tun, denn wir brauchen die Erkenntnis der göttlichen Wahrheit. Im Matthäusevangelium und im 5. Buch Mose steht: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ (Matthäus 4,4 und 5.Mose 8,3)
Ich bin in der Predigt den Fragen nachgegangen, wie wir die Bibel am besten lesen und was das bewirkt.

Die in der Predigt zitierten Aussagen Martin Luthers  über die Bibel sind gesammelte Zitate aus seinen Schriften, zusammengestellt von Gisela Andresen, Bibelzentrum Schleswig, November 2016.

Aussagen Luthers über die Bibel

PSALM 119 in Auszügen

Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.
Ich habe Freude an deinen Mahnungen; sie sind meine Ratgeber.
Meine Seele liegt im Staube; erquicke mich nach deinem Wort.
Ich laufe den Weg deiner Gebote; denn du tröstest mein Herz.
Zeige mir, HERR, den Weg deiner Gebote, dass ich sie bewahre bis ans Ende.
HERR, ich denke des Nachts an deinen Namen und halte dein Gesetz.
Das ist mein Schatz, dass ich mich an deine Befehle halte.
Der Gottlosen Stricke umschlingen mich; aber dein Gesetz vergesse ich nicht.
Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.
Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.
Ich komme in der Frühe und rufe um Hilfe; auf dein Wort hoffe ich.
Meine Zunge soll singen von deinem Wort; denn alle deine Gebote sind gerecht.

 

Liebe Gemeinde.

„Wenn du am Abend schlafen gehst, so nimm noch etwas aus der Heiligen Schrift mit dir zu Bett, um es im Herzen zu erwägen und es – gleich wie ein Tier – wiederzukäuen und damit sanft einzuschlafen.“ Das empfiehlt Luther den Christen, und so tat er es selber auch. Für ihn war die Bibel ein Buch, das sich nie erschöpfte, es blieb bis an sein Lebensende die einzige legitime Quelle für die Offenbarung des Wortes Gottes. Sie vermittelt die Heilsbotschaft und bedarf keiner Ergänzung durch kirchliche Überlieferungen. „Die Bibel macht die Weisheit aller anderen Bücher zur Narrheit, weil keines vom Ewigen Leben lehrt als diese allein.“ Das war seine Überzeugung. Deshalb blieb er ihr treu und las sie immer wieder. „So ist’s um die Heilige Schrift bestellt: Wenn man meint, man habe sie ausgelernt, so muss man erst anfangen.“ Das hat er ebenfalls einmal gesagt. Und er hat aus diesem Grund die Bibel ins Deutsche übersetzt, jeder Mensch sollte darin lesen können.
Damit folgte er dem, was in Psalm 119 zum Ausdruck kommt. Das ist ein langer Psalm mit 176 Versen und er trägt in der Lutherbibel die Überschrift: „Die Herrlichkeit des Wortes Gottes“, denn darin sinniert ein Mensch darüber nach, wie schön und wunderbar das Wort Gottes ist. Er verwendet verschiedene Ausdrücke dafür, wie „Verordnungen“, „Zeugnisse“, „Befehle“, „Gebote“, aber er meint immer dieselbe Sache, und es gibt kaum eine Verszeile ohne einen Hinweis darauf. Dabei sind die Aussagen interessanter Weise nicht inhaltlich, sondern alphabetisch angeordnet. Jeweils acht Verse beginnen mit demselben Buchstaben des hebräischen Alphabetes, es sind insgesamt 22, daraus ergibt sich die Verszahl von 176. Der Psalm heißt deshalb auch „Das güldene ABC“.
Er ist also ein künstliches Produkt religiöser Dichtung, es gibt zwischen den einzelnen Versen keine Gedankenzusammenhänge. Der Psalm ist vielmehr ein buntes Mosaik von sich wiederholenden Gedanken. Sie kreisen allerdings um einen Mittelpunkt, und der ist das Wort Gottes als der bestimmende Faktor des gesamten Lebens. Und es finden sich viele schöne Aussagen darin, Bilder und Vergleiche, die veranschaulichen, wie schön und gut, hilfreich und wunderbar das Wort Gottes ist.
Wir erfahren, was ist die Bibel überhaupt ist, wie wir sie lesen können, wie sie zu uns spricht, wie sie uns begleiten kann und was sie in unserem Leben bewirkt.
Dabei fällt zunächst auf, dass der Psalmbeter die Bibel liebt. „Wie habe ich dein Gesetz so lieb!“ (V.97) sagt er. Er nennt sie einen „Schatz“ (V.56) und ein „Erbe“ (V.57), das ihm lieber ist als „viel tausend Stück Gold und Silber“ (V. 72). Die Bibel ist für ihn also das wertvollste, was es gibt, ein heiliges Buch, und er lädt zur Ehrfurcht ihr gegenüber ein. Wir könnten das zum Ausdruck bringen, indem wir z.B. nie ein anderes Buch auf die Bibel legen.
Aber wichtiger ist es natürlich, dass wir sie lesen, obwohl es nicht ganz einfach ist. Wo fangen wir an? Wo hören wir auf? Wie viel lesen wir an einem Stück? Wie oft? Das muss man sich alles gut überlegen. Denn die Bibel ist kein Roman, den man einfach so von Anfang bis Ende durchlesen kann.
Wenn man die Bibel lesen will, muss man sich also einen Plan machen. Am besten nimmt man sich für jeden Tag einen Abschnitt vor. Der Beter von Psalm 119 tut das auch. Er sagt: „Täglich sinne ich deinem Gesetz nach“ (V.97) und zwar „in der Frühe“ (V. 147). So können wir es auch machen, und was die Reihenfolge betrifft, so gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann bei Jesus Christus anfangen, Luther nannte ihn die „Mitte der Schrift“ und sagte, alles, was „Christum treibet“ ist in der Bibel lesenswert. Und wenn das geschieht, hat man sie auch richtig verstanden.
Eine zweite Möglichkeit besteht darin, einen Bibelleseplan zu verwenden. Dafür gibt es verschiedene Entwürfe und Vorschläge, z.B. vom Ökumenischen Arbeitskreis für Bibellesen. Das Schöne an so einem Plan ist, dass man davon ausgehen kann: andere benutzen ihn auch, man ist mit diesem Textabschnitt heute also nicht allein, sondern gehört zur Gemeinde der Bibelleser, und das verbindet ja.
Wenn wir dabei nun an unverständlichen Stellen vorbeikommen, können wir es wiederum mit Luther handhaben. Er sagte: „Ich lese die Bibel, wie ich meinen Apfelbaum ernte: Ich schüttle ihn, und was runterkommt und reif ist, das nehme ich. Das andere lasse ich noch hängen.“ Und weiterhin empfiehlt er: „Ist ein dunkler Spruch in der Schrift, so zweifelt nur nicht, es ist gewisslich dieselbe Wahrheit dahinter, die an anderer Stelle hell und klar zu verstehen ist.“
Auf jeden Fall ist es gut, die Bibel zu lesen. Und man kann auch noch weitergehen und einzelne Abschnitte sogar auswendig lernen. Der Beter von Psalm 119 tut das offensichtlich ebenfalls. Er sagt: „Ich behalte dein Wort in meinem Herzen“, (V.11), „ich bewahre deine Gebote bis ans Ende“ (V. 33) und „dein Gesetz vergesse ich nicht“ (V.61. 109). Er liest das Wort Gottes also nicht nur, sondern er „bewahrt es in seinem Herzen auf“, und das ist eine sehr schöne Beschreibung dafür, was auswendig lernen bedeutet: Man macht sich etwas zu eigen, es wird Bestandteil des geistigen Gutes, das man erwirbt, es gewinnt einen Platz in der Seele, im Herzen, im Denken. Dadurch steht es immer zur Verfügung, in jeder Situation des Lebens. Was man in sich trägt, kann einem so gut wie keiner mehr wegnehmen. Und das ist sehr nützlich, denn es gibt immer wieder Situationen, in denen können wir nicht in der Bibel lesen, weil wir z.B. keine da haben. Es wäre aber gut, wenn wir es gerade dann tun: in Zeiten der Bedrängnis, der Krankheit, der Sorgen und Nöte, wenn wir verfolgt werden oder auf der Flucht sind.
Und eine dritte Möglichkeit, mit der Bibel umzugehen, ist die Betrachtung einzelner Stellen oder Geschichten. Dann lesen wir sie nicht nur, sondern wir versuchen, in der Stille und im Schweigen einen Text zu schauen und zu durchdringen. Der Beter von Psalm 119 tut das auch. So bittet er Gott: „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.“ (V.18). Oder „Neige mein Herz zu deinen Mahnungen.“ (V.36). Das heißt, wir zerlegen das Wort Gottes nicht in seine Einzelteile, sondern gehen davon aus, dass Gott sich in dem Text, offenbart, dass er, der Eine darin enthalten ist. In Psalm 119 sagt der Beter z.B.: „Deine Mahnungen sind Wunderwerke“ (V.129). D.h. wir können davon ausgehen, dass jeder Text, jede Geschichte eine innere Mitte hat, eine Aussage, um die es darin eigentlich geht. Bei der Betrachtung versuchen wir, die zu entdecken und zu erkennen. Dafür ist die hingebende Hörbereitschaft erforderlich.
Wir gehen also nicht intellektuell an die Bibel heran, sondern mit dem Glauben, dass sie heilsam sein kann, dass sie uns hilft und uns aus unserem Intellektualismus gerade erlöst. Luther sagt dazu: „Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.“ Und in Vers 66 sagt der Beter von Psalm 119 etwas ähnliches, denn er bittet dort um „heilsame Einsicht und Erkenntnis“, wenn er sich mit dem Wort Gottes beschäftigt.
Und damit sind wir bei der letzten Frage, und zwar der, wie sich die Beschäftigung mit der Bibel überhaupt auswirkt. Es geschieht an Geist, Seele und Leib.
Zunächst nehmen wir das Geschriebene ja mit unserem Geist auf. Der Psalmbeter sagt dazu z.B: „Deine Mahnungen sind mein Ratgeber.“ (V.24), auch das bekannte Wort, „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ (V.105) bringt zum Ausdruck, was das Wort Gottes im Geist bewirkt. Der Beter sagt auch: „Dein Wort macht klug die Unverständigen.“ (V.130). Das Wort Gottes kann uns also den Weg weisen, es gibt Orientierung und kann uns Klarheit verschaffen.
Und das ist notwendig, so etwas brauchen wir. Gerade heutzutage herrscht ja viel Orientierungslosigkeit. Nach welchen Maßstäben sollen wir handeln? Was sind unsere Werte? Die Bibel will darauf antworten. Dabei ist natürlich entscheidend, dass sie im Unterschied zu anderen Ratgebern hauptsächlich von Gott erzählt. Sie weist auf die Transzendenz hin, auf die Dimension unseres Lebens, die Zeit und Raum übersteigt, die ewig und unwandelbar ist. Und das brauchen wir auch. Ohne Gott ist unsere Wirklichkeit verkürzt, wir lassen das Wichtigste außer Acht. Unser Leben erschöpft sich nicht im Immanenten, im Gegenteil, wenn wir es darauf reduzieren, geraten wir irgendwann an eine Grenze, wir verlieren die Orientierung, und gehen unter. Fragen nach dem Sinn und Ziel unseres Lebens, nach dem Tod, woher wir unsere Hoffnung nehmen usw. würden unbeantwortet bleiben. Insofern ist es gut, wenn wir die Bibel lesen, sie kann uns Klarheit verschaffen und uns den richtigen Weg weisen. Sie erhellt unseren Geist.
Und das wirkt sich natürlich auch seelisch aus. Der Beter von Psalm 119 sagt z.B.: „Ich habe Freude an deinen Mahnungen.“ (V.24). Das Wort Gottes „erquickt“ (V.25) und „tröstet“ (V.32) ihn, wenn seine „Seele im Staube liegt“. „Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.“ (V.92), sagt er. Es entsteht also Freude, Trost und Hoffnung. Und das brauchen wir oft. Der Beter kennt offensichtlich dunkle Stunden, Leid und Not. Er sagt nicht, worin sie besteht, aber er weiß, dass das Wort Gottes ihm helfen kann.
Und das ist ein wichtiger Hinweis, denn das kennen wir auch. Wir sind oft am Boden, Krankheiten drücken uns nieder, Misserfolge, Enttäuschungen, Einsamkeit und Angst. Diese Erlebnisse lassen sich auch nicht vermeiden, durch den Glauben werden wir nicht davor bewahrt. Aber die Frage ist, wie gehen wir damit um. Oft versuchen wir ja, durch eigene Kraft wieder da heraus zu kommen oder andere Menschen um Rat zu fragen usw. Das ist auch nicht ganz verkehrt, aber es reicht oft nicht. Denn die letzte Lösung kann nur darin bestehen, dass wir uns Gott anvertrauen, dass wir auf ihn und sein Wort hören.
Wir geben uns oft mit weniger zufrieden, mit ein bisschen Urlaub, einem Glas Wein, einem Film im Fernsehen usw. Aber das bleibt alles oberflächlich. Nur die Hinwendung zu Gott geht wirklich in die Tiefe und schenkt uns den Trost und die Freude, die wir letzten Endes suchen. Denn sie kann uns auch dann noch trösten, wenn das Leid nicht sofort weggeht. Gott ist auch im Tod noch da, sein Wort verweist uns auf die Ewigkeit.
Und das wirkt sich dann auch leiblich aus. Der Beter von Psalm 119 sagt sogar, dass er nur durch das Wort Gottes wirklich lebt. „Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe“, sagt er in Vers 116. Und in Vers 114 heißt es. „Du bist mein Schutz und Schild; ich hoffe auf dein Wort.“ Wer sein Gesetz liebt, wird „nicht straucheln“, es „stärkt“ ihn (V.117).
Wir kennen ja alle den Zusammenhang zwischen Seele und Leib. Krankheiten oder Erschöpfungszustände sind nicht einfach nur leiblich bedingt, sondern haben seelische Ursachen. So ist es klar, dass die Beschäftigung mit dem Wort Gottes sich auch leiblich auswirkt. Es verschafft Schutz, d.h. wir sind dadurch mit einer Kraft umgeben, die Angriffe von außen abwehrt. Wir fallen seltener hin, werden lebendig. Es ist ja auch entspannend und kann uns gelassen machen, wenn wir wissen, dass unser Leben bei Gott geborgen ist, er für uns sorgt und uns liebt. Und all das erfahren wir jedes Mal, wenn wir in seinem Wort lesen.
Deshalb muss das Wort Gottes auch immer wieder verkündet werden, es muss hörbar sein, im Gottesdienst, in Gemeindegruppen, in der Schule oder in der Familie. Das weiß auch der Beter von Psalm 119. Er sagt in Vers 13: „Ich will mit meinen Lippen erzählen alle Weisungen deines Mundes.“ Natürlich gehören dazu ebenso die Auslegung und die Predigt.
Denn Gott will sich auch heute noch offenbaren, er spricht zu jedem, der an ihn glaubt. Sein Wort verstummt nicht, es geht weiter um die Welt, es will leben und Leben schaffen, immer wieder neu. Und dazu trägt jeder, der an ihn glaubt, bei. Es ist also nicht beliebig, ob wir es lesen, es bewahren, es betrachten und wirken lassen und dann verkündigen. Denn anders als durch sein Wort kann das Heil Gottes nicht zu uns Menschen kommen.
Es ist deshalb wirklich der größte Schatz, den wir haben. Wir werden „allein durch die Schrift“ gerettet.
Amen.

Die Predigt ist ein Auszug aus vier Vorträgen, bzw. Geistlichen Impulsen, die ich 2010 im Gethsemanekloster Riechenberg bei einer sogenannten Ora-et-Labora-Woche gehalten habe:
Bibel und Kontemplation

Und hier ist der Bibelleseplan 2017 vom Ökumensichen Arbeitskreis für Bibellesen:
BLP_2017

 

 

 

Das Brot des Lebens

Predigt über Johannes 6, 30- 35: Ich bin das Brot des Lebens

7. Sonntag nach Trinitatis, 29.7.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Johannes 6, 30- 35

30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«
32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.
34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.
35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Liebe Gemeinde.

Alle Lebewesen auf der Erde, Menschen, Tiere und Pflanzen, kennen die Empfindung von Hunger und Durst. Beides hat einen starken Einfluss auf unser Verhalten. Wilde Tiere sind deshalb fast den ganzen Tag auf Nahungssuche, und schon Babys schreien hauptsächlich, wenn sie Hunger oder Durst haben. Es ist der Mangel an Nahrung und Flüssigkeit, der sich dabei meldet, und der will gestillt werden. Das ist auch gut so, denn dadurch wird der Organismus tatsächlich mit den nötigen Nährstoffen und Energie versorgt, am Anfang des Lebens durch die Mutter bzw. die Eltern, später durch unser eigenes Handeln. Hunger und Durst sichern daher das Überleben, denn ihnen folgt immer die Bereitschaft zu essen und zu trinken, jedenfalls solange der Mensch oder das Tier gesund sind.
Zu den Grundnahrungsmitteln, die den Hunger stillen, zählt das Brot, das Grundelement gegen den Durst ist das Wasser.
Dabei werden Hunger und Durst vielfach nicht nur körperlich verstanden. In der Kunst und Philosophie, Religion und Psychologie finden wir außerdem einen „Hunger nach Liebe“ oder einen „Durst nach der Ewigkeit“ usw. Dann bezeichnen auch Brot und Wasser mehr als Materialien. Sie sind Synonyme für das, was insgesamt zum Leben nötig ist
In dem Evangelium von heute spricht Jesus vom Brot in diesem übertragenen Sinn. Der Abschnitt ist ein Teil der sogenannten Brotrede, die wir im Johannesevangelium in Kapitel sechs finden. (V. 22- 59)
Ihr geht die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung voraus. (Kap. 6, 1- 15) Am Tag zuvor war Jesus von vielen Menschen umlagert worden, er hatte zu ihnen gesprochen und sie am Abend alle gespeist. Das bisschen Essen, das da war, hatte er von einem Kind genommen und auf wunderbare Weise vermehrt. Aus fünf Gerstenbroten und zwei Fischen wurde genug, um 5000 Menschen satt zu machen. Sie konnten essen, so viel sie wollten. Es war sogar noch mehr als nötig da. Zum Schluss blieben zwölf Körbe mit Brocken von Brot übrig.
Leider zogen die Beteiligten aus diesem Wunder allerdings die falschen Schlüsse. Sie wollten Jesus daraufhin zum König machen, weil sie davon ausgingen, dass er immer alle Menschen mit genug Nahrung versorgen konnte.
Deshalb hielt er am nächsten Tag eine lange Rede über das wahre „Brot des Lebens“. Er sagt darin, dass er in Wirklichkeit nicht den irdischen, leiblichen Hunger stillen will, sondern den Hunger nach Leben überhaupt. „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Auf dieses Wort will er hinaus.
Er fordert die Menschen also zum Glauben an ihn auf. Dabei geht er in unserem Abschnitt auf eine Forderung ihrerseits ein. Sie wollten ein Zeichen haben, dass er wirklich von Gott gesandt war, und verlangten von ihm eine Wiederholung des  Mannawunders in der Wüste. Es war für sie „Brot vom Himmel“, d.h. eine himmlische Gabe.
Damit meinten sie durchaus mehr, als normales Brot. Hinter ihrer Forderung steht die uralte tiefe Sehnsucht nach einer himmlischen Nahrung, die göttliche Kraft spendet. Mit der Bezeichnung „himmlisches Manna“ ist die Speise der Engel und der Erlösten in der zukünftigen messianischen Zeit gemeint. Die Menschen bitten Jesus hier um ein solches Wunderbrot, ohne zu wissen, wie es aussehen und beschaffen sein mag. Und auf diese Bitte hin antwortet Jesus ihnen: „Ich bin das Bot des Lebens.“ Wonach sie fragen, das ist für sie da: er in seiner Person. Das heißt, er gibt ewiges Leben, das diejenigen empfangen, die an ihn glauben.
Und das sagt er auch zu uns, die wir seine Worte heute lesen und hören. Er will uns auf den Unterschied zwischen unserem täglichen Brot für das irdische Leben und dem Brot des ewigen Lebens hinweisen, und lädt uns ein, uns mit ihm zu verbinden.
Und dazu gehört zunächst die Einsicht, dass auch wir mehr zum Leben brauchen als Nahrung und Wasser. Um das „Brot des Lebens“ zu empfangen, müssen wir unseren Hunger danach spüren. Und den ignorieren wir gern, denn wir sind alle materialistisch veranlagt. Was uns als Babys prägte, nämlich das elementare Bedürfnis nach Essen und Trinken, das bleibt ein Leben lang bestimmend. Jeder Mensch möchte satt werden, und irgendwie gehen wir alle davon aus, dass das das wichtigste im Leben ist.
Für uns Christen geht damit die Überzeugung einher, dass wir uns um die Hungernden kümmern müssen. Im Jahr 1959 gründeten die evangelischen Landes- und Freikirchen deshalb z.B. in Deutschland die Hilfsaktion „Brot für die Welt“. Frauen und Männer in den Kirchen, Menschen in Gemeinden und Gruppen engagieren sich darin für eine bessere Welt. Dahinter steht das große Ziel, den Armen Gerechtigkeit zu verschaffen, und das heißt, ihnen ein menschenwürdiges Leben ohne Hunger und Armut, ohne Gewalt und Ausgrenzung zu ermöglichen. Auch große Teile der Bevölkerung in Deutschland interessiert das inzwischen längst.
Aber reicht das? Erfüllen wir damit alles, was Jesus von uns möchte und was wir einander schuldig sind? Er selber kennt noch einen anderen Hunger als den nach Brot, und auf den sollten auch wir achten. Gerade in einer Wohlstandsgesellschaft ist es wichtig, dass wir alle Bedürfnisse des Menschen ins Auge fassen. Denn wir haben hier in unserem Land zwar genug zu essen, aber das kann uns auch davon ablenken, dass der Hunger nach Leben damit noch lange nicht gestillt ist. Oft bleibt der nämlich ungesättigt, wir merken das bloß nicht richtig. Denn wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, materiell auf unsere Kosten kommen. Wir arbeiten für unser leibliches Wohl und kümmern uns um die Erfüllung unserer finanziellen Wünsche.
Viele Menschen sind damit durchaus erfolgreich. Ich habe gerade ein junges Paar kennengelernt, die eigentlich heiraten wollten. Sie hatten so viel Geld, dass die Hochzeit mit allem stattfinden konnte, was die Veranstalter so anbieten. Eine weiße Kutsche war z.B. dabei, die das Brautpaar von der Kirche zum Restaurant bringen sollte. Ungefähr ein Jahr lang haben sie alles organisiert und vorbereitet. Es sollte eine Traumhochzeit werden, denn sie konnten sich alles leisten, was dazu gehört.
Doch dann wurde es dem Bräutigam mulmig. Er merkte plötzlich, dass es schon lange gar nicht mehr um ihn und seine Verlobte ging. Sie hatten sich in all den Äußerlichkeiten verloren und waren sich dabei fremd geworden. Der Reichtum hatte sie von ihren wahren Gefühlen abgelenkt, von dem, wonach sie sich eigentlich sehnten, und das war etwas ganz anderes. In Wirklichkeit wollte jeder von ihnen vom anderen verstanden werden und ihm immer vertrauen können. Sie wünschten sich einen tiefen Sinn im Leben und suchten letztlich etwas Bleibendes und Dauerhaftes. Und das konnte die Hochzeit allein ja nun nicht bieten. Nach einem Tag würde alles vorbei sein, und was käme dann?
Diese Frage ist zwar schmerzhaft und unbequem, aber ich finde sie sehr wichtig. Wir alle sollten uns immer wieder klar machen, wie materialistisch wir eigentlich sind. Was zählt für uns? Wofür leben wir? Was wünschen wir anderen? Wenn wir nur auf Geld und Reichtum, d.h. auf die Sättigung unserer irdischen Bedürfnisse aus sind, verkürzen wir unser Leben auf dramatische Weise. „Brot und Wasser“ reichen nicht, um glücklich zu sein, im Gegenteil, wenn wir zu sehr darauf fixiert sind, werden wir in die Irre geleitet und vom wahren Leben abgeschnitten.
Wir brauchen dafür gar nicht erst so etwas zu erleben, wie das Brautpaar, das ich erwähnte. Die beiden haben ihre Hochzeit übrigens wirklich abgesagt. Ihre Geschichte ist zum Glück eine Ausnahme. Keine Ausnahme ist es allerdings, dass jeder Mensch im Leben irgendwelche Krisen durchmacht. Die Frage nach dem Sinn des Lebens oder nach einer dauerhaften Erfüllung taucht auch in anderen Situationen auf. Irgendwann merken wir alle, dass Brot und Wasser allein nicht reichen, dann nämlich, wenn wir allein gelassen oder enttäuscht werden, wenn wir krank sind oder im Beruf scheitern, wenn wir uns schuldig machen, Angst bekommen oder durch schwierige Konflikte erschüttert werden. Es gibt unzählige Begebenheiten, die das Leben in Frage stellen.
Was machen wir dann? Wenn wir rein materialistisch organisiert sind, stehen wir zunächst vor einer Grenze und wissen nicht weiter. Das ist kein schönes Erleben, es macht uns hilflos und ratlos, und wir wollen natürlich so schnell wie möglich eine Lösung.
Die gibt es auch, aber sie besteht in etwas ganz anderem, als uns bisher geleitet hat. Sie ergibt sich, wenn wir die Krise als eine Chance verstehen. Es ist gut, wenn wir gelegentlich an unsere Grenzen kommen, auch wenn das schmerzt. Aber wir haben dann die Möglichkeit, uns für etwas Größeres zu öffnen. Wir machen uns auf, ändern die Richtung und gehen neue Wege. Dabei gibt es viel zu entdecken. Wir bekommen Antworten, die das Wesentliche im Leben berühren. Auch die Begegnung mit Jesus kann auf diese Weise möglich werden. Denn er kommt uns entgegen, wenn wir nach dem „Brot des Lebens“ fragen, und bietet es uns an.
Und damit meint er mehr als nur eine Lehre, die wir als menschliche Gedanken in unseren Verstand übertragen oder in unserem Handeln umsetzen. Er hat uns nicht nur ein Beispiel gegeben, das nun durch uns wieder lebendig werden soll. Das „Brot des Lebens“ ist vielmehr er selber, sein Wort und Werk, sein Weg und seine Geschichte. Wir müssen ihn also in unserem Leben empfangen, ihn uns ganz aneignen. Sein Leben muss das unsrige werden, so dass wir in ihm sind und er in uns. Er will von uns nicht betrachtet und gedeutet, sondern „gegessen“ werden, d.h. in uns einziehen und mit uns verschmelzen.
Dazu gehört es, dass wir uns selber loslassen und hingeben, und dafür kann eine Krise eine Chance sein: Wir lassen das Scheitern zu, geben auf und bejahen das Sterben. Glaube ist immer ein Aus-sich-herausgehen, ein Sich-verlassen, ein Abschied-nehmen. Wenn wir nichts mehr festhalten und uns vertrauensvoll vor Jesus stellen, dann empfangen wir von ihm ewiges Leben, ewige Liebe und einen ganz tiefen Sinn. Der Mangel kann uns dazu führen, dass wir von Jesus mit den nötigen Nährstoffen und Energie versorgt werden. Auch im übertragenen Sinn ist es gerade der Hunger und der Durst, der unser Überleben sichert, denn daraus folgt die Bereitschaft vom „Brot des Lebens“ zu essen und vom „lebendigen Wasser“ zu trinken. Es stärkt und bewahrt uns in allen Lebenslagen, gibt uns Widerstandskraft gegen die Mächte des Hasses, der Sinnlosigkeit und des Todes.
Und diese Kraft sind wir der Welt genauso schuldig wie normales Brot. In Zeiten des Wohlstands und des Friedens ist es nicht nur unsere Aufgabe, für mehr Gerechtigkeit in der Welt zu sorgen, wir sollten die Gelegenheit auch nutzen, um uns ganz auf Gott zu gründen und auf Jesus zu vertrauen. Keiner hält uns davon ab, keiner stört uns, wir dürfen unseren Glauben leben, wie wir wollen. Und das ist wunderbar. Es gibt uns die Möglichkeit, den Menschen das wahre „Brot des Lebens“ darzureichen. Sie brauchen nicht nur unser Geld, sondern auch unser Verstehen, unsere Liebe, unseren Glauben und unser Wissen um die Ewigkeit.
Erst dann stillen wir den Hunger und den Durst der Menschen ganz, erst dann empfangen sie alles, was sie zum Leben brauchen. Denn wir verkünden und bringen ihnen Jesus, der vor uns steht und spricht: „Ich bin das Brot des Lebens“.

Amen.

Der Mensch denkt, Gott lenkt

Predigt über 1. Mose 50, 15- 21: Josefs Edelmut

4. Sonntag nach Trinitatis, 9.7.2017, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Es waren einmal zwölf Brüder, die waren alle fleißig und wohl geraten. Trotzdem bevorzugte der Vater einen von ihnen, den zweit Jüngsten. Er war sein Lieblingssohn und musste nicht wie die anderen das Vieh hüten. Er durfte zu Hause bleiben, und als Einzigem schenkte sein Vater ihm ein schönes und kostbares Kleidungsstück, einen bunten Rock. Sein Name war Josef.
Sicher kennen Sie seine Geschichte alle. Die steht im ersten Buch Mose und ist die letzte der sogenannten Vätergeschichten. (1. Mose 37.39-50)
Die Brüder Josefs wurden natürlich neidisch, und konnten ihm „kein freundliches Wort sagen“ , wie es heißt. (1. Mose 37,4) D.h. sie wollten nichts mit ihm zu tun haben. Ganz schlimm kam es, als er auch noch anfing, ihnen von seinen Träumen zu erzählen. Darin hatte er erlebt, dass sie sich alle vor ihm verneigten. Nun entstand eine regelrechte Feindschaft, und sie wollten ihn loswerden. Am liebsten hätten sie ihn umgebracht.
Doch der Älteste, Ruben, war dagegen. Er wollte kein Blut vergießen und es gelang ihm, seine Brüder davon abzuhalten. Sie warfen ihn stattdessen in eine Grube. Daraus wollte Ruben ihn später wieder befreien.
Aber dann kam eine Händlerkarawane vorbei, und die kauften ihnen Joseph gerne als Sklaven ab. Sie nahmen ihn mit nach Ägypten. Dort diente er zunächst am Hof des Pharao, aber dann hatte er Pech: Die Frau des Pharao verleumdete ihn und er wurde ins Gefängnis geworfen. Das war der Tiefpunkt in seiner Lebensgeschichte.
Doch dann kam die Wende, und zwar entdeckte der Pharao Josefs Gabe des Traumdeutens. Josef hatte dadurch vorausgesagt, dass eine Hungersnot über das Land kommen würde. Gleichzeitig empfahl er dem Pharao, rechtzeitig genug Korn zu speichern, so dass während der Dürre keiner leiden musste. Von diesem klugen Vorschlag war der Pharao so angetan, dass er ihn daraufhin zum wichtigsten Mann im Land machte. Er setzte ihn über ganz Ägypten und stattete ihn mit allen Reichtümern und Ehren aus, die es gab.
Als solcher begegnete er dann nach vielen Jahren seinen Brüdern wieder. Sie hatten gehört, dass es in Ägypten Korn gab, und so zogen sie hin, um dort welches zu kaufen. Sie mussten Joseph darum bitten. Dabei erkannten sie ihn nicht, er wusste allerdings sehr wohl, wen er da vor sich hatte.
Natürlich hätte er nun Rache üben können, sie abweisen und nach Hause schicken, damit sie verhungern und es ihnen genauso ginge, wie ihm. Aber das tat er nicht. Er redete zwar hart mit ihnen und gab sich auch nicht sofort zu erkennen, aber in seinem Herzen hatte er ihnen längst vergeben.
Bei ihrer dritten Reise offenbarte er ihnen dann endlich seine Identität, und es kam zur Versöhnung. Damit endet die Josefgeschichte, und dieser Schluss ist heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

1. Mose 50, 15- 20

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sag-ten.
18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.
19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Das ist der Abschnitt, um den es heute geht. Er beginnt mit der Angst und dem schlechten Gewissen der Brüder Josefs. Sie flehten ihn um Vergebung an. Doch davon wollte Josef gar nichts wissen. Es stand ihm nicht zu, Sünden zu vergeben, das war allein Gottes Sache, so war seine Einstellung. In allem, was geschehen war, erkannte er vielmehr den Heilsplan Gottes. Josef war davon überzeugt, dass Gottes Wille alle Lebensbereiche durchdringt. Er umgreift sogar das Böse der Menschen und ordnet die Planungen des Menschenherzens den göttlichen Zielen unter.
Es lag ihm deshalb fern, Macht oder Gewalt anzuwenden. Josef zeichnete sich durch Weitherzigkeit und Klugheit aus. Er war durch sein Leiden geläutert. Zucht und Selbstbeherrschung hatten ihn geformt und er war ein weiser Mann geworden. Er war auch tief gläubig und konnte vergeben. Eine wohltätige Güte ging von ihm aus, die aufbauend und für alle befreiend und rettend war.
Und das soll jeden, der es hört, dazu bewegen, genauso zu denken und zu handeln. Darin liegt die Botschaft dieser Geschichte. Es ist auch das „Gesetz Christi“: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater 6, 2) Das ist unser Wochenspruch.
Beim ersten Hören erscheint uns das sehr geläufig. Wir wissen, dass Christen gut zu anderen sein sollen, Lasten mittragen, dem Nächsten helfen, die Schwachen schützen, den Schuldigen vergeben, die Kranken heilen usw. Es geschieht ja zum Glück auch an vielen Orten und in vielen Situationen. Als vor ungefähr zwei Jahren eine Million Flüchtlinge zu uns nach Deutschland kamen, ging eine große Welle der Hilfsbereitschaft durch das Land. Erfreulicherweise ist sie auch noch nicht abgeebbt. Viele Menschen engagieren sich weiter und begleiten die neuen Mitbürger und Mitbürgerinnen auf ihrem mühsamen Weg in unsere Gesellschaft.
Allerdings gibt es auch Gegenstimmen, und das Wort „Gutmensch“ kam auf. Es hat einen ironischen und sarkastischen Klang, ist gehässig oder verachtend gemeint. Toleranz und Hilfsbereitschaft werden mit diesem Wort pauschal als dumm und weltfremd diffamiert, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus. Ich musste einmal einen entsprechenden Aufkleber von unserem Schaukasten entfernen. Da hatte es offensichtlich jemand für nötig gehalten, uns als christliche Gemeinde zu verunglimpfen und uns den Kampf anzusagen.
Das fand ich im ersten Moment zwar ungerecht und empörend, aber so abwegig ist der Vorwurf nicht. Wir sollten ruhig immer mal wieder überprüfen, was uns eigentlich motiviert, wenn wir helfen und „gut“ sind. Heischen wir dabei möglicher Weise nach äußerer Anerkennung? Und wie dogmatisch sind wir? Wollen wir unsere Mitmenschen nicht am liebsten missionieren, weil wir unsere Vorstellungen und unsere Handlungsweise für absolut richtig halten? Können wir andere Ansichten noch ertragen?
Das sind Fragen, die wir beantworten müssen, und dabei hilft uns unser Predigttext. Darin geht es nämlich nicht um ein äußeres Helfen, sondern um eine innere Beschaffenheit. Die Geschichte von Josef gehört zur sogenannten Weisheitsliteratur des Alten Testamentes, d.h. sie entwirft bewusst das Bild eines Jünglings von tiefer Gläubigkeit und Willensstärke. Er war wahrhaftig und treu, verantwortungsbewusst und geduldig. Er hatte die Schule der Lebenskunst erfolgreich durchlaufen und war das Ideal eines Menschen, das es zu erstreben galt. In dem letzten Abschnitt wird das deutlich, er ist der Schlüssel zu der ganzen Geschichte.
Es geht hier also nicht in erster Linie um ein äußeres Helfen und um Nächstenliebe, sondern um die Motive, aus denen heraus wir handeln. Es geht um uns selber. Wir werden eingeladen, in uns zu gehen und uns in Glauben und Selbstbeherrschung zu üben. Und das können wir am besten, indem wir nicht als erstes auf unsere Taten oder unser Werke schauen, sondern zunächst einmal unsere Beziehungen unter die Lupe nehmen, in denen wir sowieso leben. Der erste Schritt führt uns nicht zu den Schwachen und Bedürftigen, mit denen wir vorher noch nie etwas zu tun hatten, sondern zu den Menschen, mit denen wir in Familie und Beruf zusammenleben, zu unserem Partner und unseren Kindern, zu Kollegen, Vorgesetzten oder Mitarbeitern.
Da gibt es ja leider immer wieder eine Menge Konflikte und entsprechend viel Streit. Auch in der Gemeinde und in ande-ren Gruppen herrscht oft Unfriede. Dabei ist es meistens nicht so gravierendes Unrecht, wie es Josef zugestoßen ist. Im Vergleich dazu sind es eher Kleinigkeiten.
Trotzdem reagieren wir oft viel weniger beherrscht und geduldig als Josef. Ärger entsteht, Wut oder Zorn. Es kommt zu Schuldzuweisungen, Vorwürfen und nicht selten zur Trennung. Keiner will nachgeben, keiner sich ändern oder die Dinge einmal anders beurteilen. Wir bleiben bei unserer Sichtweise, denn wir empfinden es als Unrecht, was der andere uns zufügt.
Und hier zeigt uns Josef, wie wir das überwinden können, denn er lädt uns ein, unsere innere Blickrichtung zu ändern: Anstatt auf die bösen anderen und das vermeintliche Unrecht zu schauen, können wir auf Gott sehen. Gott waltet in allem und hat ein Ziel mit uns. Es gilt, dass wir darauf unser Bewusstsein lenken, uns nach Gott ausrichten. Seine Macht kennt keine Grenzen. Er kann auch aus Unrecht Gutes wirken und unsere kurvenreiche Lebensbahn am Ende zu einem geraden Weg werden lassen. Damit versetzen wir uns in eine andere Dimension. Wir lassen den Willen Gottes an uns wirken, und der beinhaltet vor allen Dingen Gnade und Güte. Das hat Josef gelernt, er war darin am Ende sogar ein Virtuose.
Vielleicht denken wir deshalb: „So können wir uns nie verhalten, das schaffen wir nicht!“. Es ist in der Tat auch nicht einfach, sondern eine hohe Lebenskunst. Denn es heißt, dass wir loslassen, unsere Gedanken, unser Wollen, all das, was immer im Vordergrund steht, rückt in unserem Bewusstsein nach hinten. Es wird kleiner und verliert an Macht. Es ist ein inneres Sterben und Abschied nehmen von Ideen und Plänen, von Gefühlen und Wünschen. Und das geschieht nicht von heute auf morgen. Es dauert manchmal lange und fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Auch Josef ist erst im Laufe der Jahre zu dem Mann geworden, der er am Ende war.
Aber wir haben es besser als er, denn wir müssen das alles nicht allein hinbekommen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass uns jemand dabei hilft, denn als Christen glauben wir an Jesus Christus, und der ist diesen Weg gegangen, in aller Konsequenz. Er hat sich selber immer wieder losgelassen und sich Gott anvertraut. Bis in den Tod hat er das durchgehalten.
Am Ende wurde ihm genau dadurch neues Leben geschenkt. Er ist von den Toten auferstanden und lebt heute noch. Deshalb ist er auch nicht nur ein Vorbild für uns, sondern gleichzeitig derjenige, der uns an die Hand nimmt. Der Glaube an Jesus Christus ermöglicht jedem diesen Weg. Denn Christus ist nicht nur unser Lehrer, sondern gleichzeitig die Quelle, aus der wir immer wieder die Energie der Liebe empfangen. Sie macht uns zur Demut und zur Geduld fähig, wir werden gestärkt und befreit, und unser Leben gelingt. Seine Liebe und Gnade können uns heilen. Denn er vergibt uns immer wieder und nimmt uns an. Das gilt es zuzulassen und sich davon bestimmen zu lassen. Luther sagt an einer Stelle in seinen Schriften: Wir müssen „Christus in uns hineinbilden“. (in: Von der Freiheit eines Christenmenschen, zum siebenten, WA 6)  Sein „Gesetz“ ist keine Handlungsanweisung, sondern eine wohltuende und befreiende Kraft. Sie ist wie Balsam für unsere Seele und wirkt aufbauend und zusammenführend. Innerlich und äußerlich setzen wir der Zerstörung etwas entgegen. Unsere Seele und unser Miteinander werden heil.
Denn natürlich geschieht dadurch dann auch das Gute. Wer so beschaffen ist, sieht von alleine den Mitmenschen, der Hilfe braucht. Er streckt seine Hand aus und kümmert sich um ihn, nicht aus moralischer Überlegenheit heraus, sondern aus einem echten inneren Antrieb, aus Mitgefühl und wahrer Liebe. Denn wird im Innersten ein „guter Mensch“.
Amen.

Die große Einladung

Predigt über Matthäus 22, 1- 14: Die königliche Hochzeit

2. Sonntag nach Trinitatis, 25.6.2017, Lutherkirche Kiel

Matthäus 22, 1- 14

1 Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach:
2 Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete.
3 Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen.
4 Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit!
5 Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft.
6 Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.
7 Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.
8 Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren’s nicht wert.
9 Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet.
10 Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll.
11 Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an,
12 und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte.
13 Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein.
14 Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Liebe Gemeinde.
„Keine Kappen, Kapuzen oder Trainingsanzüge erlaubt. Nur elegante Kleidung. Vielen Dank.“ So steht es am Eingang eines Londoner Clubs in Soho. Es ist dort die Kleiderordnung.
Wir kennen so etwas auch aus anderen Zusammenhängen. Im Bereich von Veranstaltungen soll dadurch eine besondere, meist festliche Atmosphäre erzeugt werden. Auf Einladungen wird deshalb mitunter die gewünschte Art der Kleidung angegeben. Oftmals wird die Einhaltung des passenden „dress codes“ – wie man dazu ebenfalls sagt – aber auch stillschweigend vorausgesetzt. So wird in Spielcasinos häufig von den männlichen Besuchern das Tragen eines Jacketts und einer Krawatte erwartet.
Auf jeden Fall gibt es im privaten, gesellschaftlichen, kulturellen und geschäftlichen Umfeld viele Regeln und Vorschriften zur gewünschten Kleidung. Sie sind nicht unbedingt per Gesetz festgelegt, sondern aufgrund von Konventionen oder einer Erwartungshaltung des Veranstalters. Je nach Land oder Religion, sozialem Status oder Unternehmenszugehörigkeit können sie sich unterscheiden.
Solche Kleiderordnungen gab es auch schon in der Antike. In dem Gleichnis über eine Hochzeit, das wir vorhin gehört haben, taucht z.B. eine auf. Da ist am Ende von einem Mann die Rede, „der hatte kein hochzeitliches Gewand an“, wie es heißt. Und das war schlimm, es gefiel dem Gastgeber gar nicht. Der unangemessen Gekleidete wurde gefesselt und rausgeworfen. Dabei war er gerade erst eingeladen worden, ganz überraschend und unerwartet! Wo soll er so schnell das passende Gewand herbekommen haben? Wir wundern uns über diese Strenge. Und genauso befremdlich finden wir wahrscheinlich andere brutale Einzelheiten in der Geschichte. Lassen Sie sie uns deshalb betrachten und deuten und auf unser Leben anwenden.
Sie handelt von einer königlichen Hochzeit, zu der viele ehrenwerte Gäste eingeladen waren. Es sollte ein herrliches Fest werden, „Ochsen und Mastvieh waren bereits geschlachtet und alles war bereit“. Doch dann geschah das Unglaubliche und Skandalöse: Als die Knechte des Königs losgingen, um die Geladenen abzuholen, sagten alle Gäste ab, einer nach dem anderen. „Sie wollten nicht kommen.“, heißt es dazu ganz lapidar, ihre Gründe werden nicht genannt. Sie verachteten die Einladung einfach nur und zogen es vor, ihren alltäglichen Geschäften nachzugehen.
Und dann kam es noch schlimmer: „Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.“ Das machte den König natürlich zornig. Er „schickte [daraufhin] seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.“
Das ist ein furchtbarer und erschreckender Höhepunkt in diesem Gleichnis, aber es ist damit noch nicht zu Ende, die Handlung geht weiter. Das Fest fällt nämlich nicht aus, es findet statt, auch ohne die zuerst Geladenen, denn nun kommen andere. Die Knechte sprechen einfach alle an, die sie finden, ganz gleich, wer sie sind, ob gut oder böse, arm oder reich. Sie kommen mit, und die Tische werden voll.
Das könnte jetzt eigentlich das gute Ende der Geschichte sein, doch es folgt noch die letzte Episode mit dem Gast, der kein „hochzeitliches Gewand“ trägt. Nach antiker Sitte wurde es ihm wahrscheinlich am Eingang angeboten, aber er wollte es nicht. Er verhält sich also frech und unhöflich, stellt sich nicht richtig auf das Fest ein und wird daraufhin wieder rausgeworfen. Am Ende steht dazu der Satz: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“
Das ist bereits eine Erklärung Jesu. Und Erklärungen brauchen wir zu dem Gleichnis auch. Die Geschichte ist wie gesagt an vielen Stellen befremdlich und ärgerlich. Es ist deshalb wichtig, dass wir die Einzelheiten verstehen. Es hat auch alles eine bestimmte Bedeutung, man kann jedes Teilstück auf die Wirklichkeit übertragen.
So ist der König, der hier zur Hochzeit einlädt, Gott. Sein Sohn ist Jesus Christus, der Messias. Nach seiner Auferstehung wird er erhöht und tritt die Himmelsherrschaft an. Das ist hier mit dem Fest gemeint. Die eingeladenen Gäste sind all diejenigen, die von ihm gehört haben, denen das Evangelium gepredigt wurde. Die Knechte, die die Geladenen holen sollen, sind also die Propheten und Apostel. Einige wurden ja wirklich umgebracht. Zum Glück blieb das aber die Ausnahme. Die meisten Hörer sind einfach nur gleichgültig, sie haben etwas Besseres vor. Das Fest, und das heißt die Himmelsherrschaft Jesu, interessiert sie nicht.
Aber sie ist da, die Feier findet statt und kann auch nicht aufgeschoben werden. In unserem Gleichnis wird das damit zum Ausdruck gebracht, dass das Vieh bereits geschlachtet ist. Der Gastgeber kann also nicht mehr warten. Und d.h. jeder, der die Botschaft von Jesus Christus hört, muss sich entscheiden. Zeit zum Zögern wird ihm nicht gegeben. Er wird vielmehr untergehen, wenn er den Ruf Gottes missachtet. Das wird mit dem Zorn des Gastgebers und seinem Rachefeldzug gegen die Ungläubigen benannt.
Diese Stelle gefällt uns natürlich nicht, denn so wollen wir Gott nicht sehen. Aber wahrscheinlich steht dahinter ein historisches Ereignis, das die Leser des Matthäusevangeliums miterlebt hatten. Und zwar handelt es sich um die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70 n.Chr. Sowohl Juden als auch Christen sahen darin das Zorngericht Gottes. Mit der blutrünstigen und brutalen Episode von der Rache des Gastgebers ist dieses geschichtliche Ereignis gemeint. Wir müssen das also nicht direkt auf uns übertragen.
Wichtiger ist die Botschaft, dass die Gemeinde Jesu sich aus denen zusammensetzt, die den Ruf der Boten hören und ihm ohne zu zögern folgen. Nicht ihre Herkunft oder ihre Vergangenheit spielen eine Rolle, sondern nur ihre Entscheidungsbereitschaft. Das Gleichnis will also warnen und uns dazu herausfordern.
In diese Richtung weist auch die letzte Episode mit der Kleiderordnung. Genauso wichtig wie die Entscheidung für Christus sind die weiteren Folgen für das Leben. Wenn man den Ruf Christi gehört hat und ihm nachgegangen ist, dann muss man sich reinigen und ändern, sonst ist man bald wieder außen vor. Deshalb schließt das Gleichnis mit dem Satz: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ Das heißt: „Sehr viele haben eine Einladung bekommen, aber nur wenige waren bereit, sich dafür klarzumachen.“ (Martin Dreyer, Volxbibel)
Und damit will Jesus seine Hörer wachrütteln. Sie sollen sich für ihn entscheiden, an ihn glauben, in sein Reich eintreten und ihr Leben ändern. Das ist die Botschaft dieses Gleichnisses, und die gilt auch uns, die wir es heute hören. Dabei erinnern uns die düsteren Töne an den Ernst der Sache. Es gibt das Reich Gottes nicht ohne eine Umkehr oder einen Sinneswandel. Wir sollen uns nichts vormachen und das Leben nicht verharmlosen.
Das tun wir gerne, auch als Kirche und im Glauben. Oft wollen wir darin ausschließlich fröhlich sein. Wir kommen zusammen und veranstalten etwas, das uns von dem üblichen Einerlei, Problemen und Anstrengungen ablenkt und uns für kurze Zeit an etwas anderes denken lässt. Gottesdienste sollen am liebsten bunt und lebendig sein. Die Gemeinde gefällt uns am besten, wenn es darin möglichst heiter und lustvoll zugeht.
Denn das liegt uns nahe, so leben wir auch sonst. Unser Lebensgefühl und unser Bewusstsein sind davon geprägt, es möglichst gut und einfach zu haben. Wir wollen glücklich und zufrieden sein. Und dafür wählen wir Wege, die wir in dieser Welt finden: Wir verdienen Geld, verwirklichen uns selber und versuchen, gesund zu bleiben.
Die Frage ist allerdings, ob das wirklich hinhaut. Gelingt das Leben, wenn wir uns das Schöne aus der Welt heraussuchen, an uns selber denken und unseren Wünschen nachjagen? Das Leben hat ja leider auch viele Schattenseiten. Es gibt das Böse, die Sünde und die Vergänglichkeit. Krankheiten, Kriege und Katstrophen lassen sich nicht einfach verdrängen und wegdenken, und der Tod erst recht nicht.
Jesus will uns einladen, davor nicht einfach die Augen zu verschließen, dem nicht auszuweichen und uns gerade einmal nicht mehr abzulenken. Genau das tun in seinem Gleichnis die Gäste, die als erstes eingeladen waren. Sie verlieren sich in der Welt und achten nicht auf die Stimme des Evangeliums. Die bezieht nämlich all das Schreckliche ein, die Sünde und den Tod. Jesus hat nicht nur ein nettes Lächeln oder ein weiches Ruhelager für uns. Er ist vielmehr am Kreuz gestorben. Er hat das Böse und das Leid auf sich genommen und ist da hindurch gegangen. Er hat keinen weltlichen, sondern einen ewigen Sieg errungen. Er ist von den Toten auferstanden und hat das Reich Gottes anbrechen lassen. Sein Fest hat einen endzeitlichen Charakter. Es ist der Anbruch der Himmelsherrschaft, die alles in dieser Welt sprengt und überwindet. Die sollen wir nicht verpassen, dafür sollen wir uns entscheiden.
Und dazu gehört es, dass wir die Augen vor dem Schlimmen in der Welt und in unserem Leben nicht einfach verschließen. Es besteht dann nämlich die Gefahr, dass es uns irgendwann einholt, dass wir die Gefahren nicht rechtzeitig erkennen und dann darin untergehen. Wir können uns in der Welt verlieren und bildlich gesprochen umgebracht werden. Wir verkümmern, verpassen die Freude und am Ende auch das Leben. Damit wir es in seiner ganzen Fülle gewinnen, müssen wir uns nach der Ewigkeit ausstrecken, nach etwas Bleibendem, das stärker ist als Sünde und Tod, Not und Zerstörung.
Und dazu gehört es als erstes, dass wir in uns gehen und ehrlich mit uns selber sind: Wo stehe ich gerade und wie führe ich meine Leben? Es ist wichtig, dass wir uns diese Fragen immer wieder stellen. Wir müssen uns selber spüren und erkennen, mit unseren Sehnsüchten und Wünschen, mit all unseren Defiziten und Schwächen. Denn nur dann können wir uns entscheiden.
Das wäre der nächste Schritt. Und zwar sind wir eingeladen, uns für etwas Großes zu entscheiden, etwas, das Raum und Zeit überschreitet. Es geht um die Teilhabe am ewigen Reich Gottes. Jesus Christus ist das höchste Gut, der Brunnquell aller Gnaden“, wie es in einem Choral aus dem 18. Jahrhundert heißt. (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 219)
Genau danach sehnen wir uns letzten Endes auch. Unser ganzes Streben nach Glück ist im Grunde genommen immer das Suchen nach dem verlorenen Paradies, nach endgültiger Überwindung, nach einem Leben in dauernder Freiheit und Ruhe. Wir suchen eine Quelle der Liebe und Barmherzigkeit, die niemals aufhört zu sprudeln.
Es gibt sie in Jesus Christus. Doch um daraus zu trinken, müssen wir unsere gewohnten Wege verlassen, die Welt loslassen und unsren inneren Blick in seine Richtung lenken. Es gilt, unsere Rettung nicht mehr von weltlichem Vergnügen, Zerstreuung oder Wohlstand zu erwarten, sondern von Jesus Christus, der diese Welt überwunden hat.
Dann schenkt er uns all das, was wir uns wünschen, unser Leben wird neu. Wir feiern ein wunderschönes Fest mit ihm. Denn wir werden gerettet und gehalten. Wir haben ein ewiges Ziel vor Augen und spüren einen festen Grund in unserem Leben. Wir können aufatmen und bekommen Kraft. Unsere „Seele wird selig“, wie es in dem Lied weiter heißt. Wir werden fröhlich und gelassen, erleben Gemeinschaft und fühlen uns frisch.
Dabei ist als letztes wichtig, dass wir das alles nicht aus eigener Kraft heraus können. Der Dichter unsres Liedes bittet Jesus selber darum, ihn „zu diesem hohen Werke“ bereit zu machen und ihm das „schöne Ehrenkleid zu schenken.“ Nur durch die „Stärke des Geistes Jesu“ werden wir „würdige Gäste“ und in Jesus „eingepflanzt.“
Das Lied endet deshalb mit der Bitte:
„Bleib du in uns, dass wir in dir auch bis ans Ende bleiben; lass Sünd und Not uns für und für nicht wieder von dir treiben, bis wir durch deines Nachtmahls Kraft eingehn zur Himmelsbürgerschaft und ewig selig werden.“
Amen.

Der dreieinige Gott

Predigt über Jesaja 6, 1- 4: Der Thron Gottes

Tag der Heiligen Dreifaltigkeit, Trinitatis, 11.6.2017, Jakobikirche Kiel

Jesaja 6, 1- 4

1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.
2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie.
3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.

Liebe Gemeinde.
Die Zahl Drei ist sehr beliebt und man sagt gern: „Aller guten Dinge sind drei“. Das ist eine Redensart.
Das ist z.B. bei einem Team so. Wenn es aus drei Personen besteht, ist es dynamisch und kann gut arbeiten. Drei Menschen sind außerdem die kleinste Gruppe, in der bei Abstimmungen eine absolute Mehrheit den Ausschlag für eine Entscheidung geben kann.
Aber auch in anderen Zusammenhängen spielt die Drei eine Rolle: Im Märchen haben die Menschen oft drei Wünsche frei. Man schlägt drei Kreuze, wenn man angespannt oder erleichtert ist.
Außerdem gilt die Drei von alters her als göttliche bzw. heilige Zahl. In vielen Kulturkreisen existiert eine Dreiheit von Göttern als Symbol für die allumfassende Göttlichkeit.
So ist es auch in der Geschichte, aus der heute unser Wochenspruch stammt. Da singen die Engel um den Thron Gottes dreimal das „Heilig“: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.“
Der Vers stammt aus einer Vision des Propheten Jesaja: Er sah mit seinem inneren Auge Gott, den Herrn auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen, und sein Saum füllte den Tempel. Engel standen über ihm, ein jeder hatte sechs Flügel, und sie riefen einander dieses Loblied zu. „Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.“, heißt es dann weiter. Wir können uns also zwei Chöre zu beiden Seiten des Throns vorstellen, deren Gesang in den himmlischen Tempel hinein schallte. Sie lobten Gott als den, der ganz anders ist als die Menschen, unnahbar, erhaben und anbetungswürdig. Seine Herrlichkeit erfüllt die ganze Welt. Das ist ihr Lobpreis, und der wirkt gewaltig, wie ein Donner mit erdbebenähnlichen Folgen.
Und er ist berühmt geworden. Die Christen haben dieses Lied der Engel schon früh übernommen und auf die Dreifaltigkeit Gottes bezogen. Wir singen es ja auch jedes Mal, wenn wir das Abendmahl feiern. Ursprünglich ist das natürlich kein Loblied auf den dreieinigen Gott, aber es liegt nahe, es so zu verstehen. Die ersten Christen sahen in diesem alttestamentlichen Lobgesang der Engel bereits einen Hinweis darauf, dass Gott nicht nur einer ist, sondern Drei in Eins, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Nichtchristen finden das ja merkwürdig. Außenstehende können es nicht nachvollziehen, warum wir nicht nur an eine sondern an drei göttliche Personen glauben.
Und das ist in der Tat auch nicht so leicht zu verstehen. Was ist das eigentlich, ein dreieiniger Gott? Wir feiern ihn heute, aber wissen wir überhaupt, was wir da tun? Mit Weihnachten, Ostern und Pfingsten ist das einfacher, denn da bedenken wir die einzelnen Schritte des Erlösungswerkes Gottes, die Geburt und die Auferstehung Christi und die Ausgießung des Heiligen Geistes. Das Trinitatisfest ist dagegen anders, denn heute geht es nicht um ein Ereignis, sondern eine Idee, um die Idee eben, dass Gott nicht nur Einer, sondern Drei in Einem ist. Lassen Sie uns also fragen, was das bedeutet.
Diese Vorstellung gab es schon sehr früh, denn sie ergibt sich aus der Botschaft des Neuen Testamentes. Dort ist zwar noch nicht ausdrücklich von dem dreieinigen Gott die Rede, aber davon, dass Christus Gottes Sohn ist und uns den Heiligen Geist hinterlassen hat. Es gibt also nicht nur Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, sondern auch den Sohn, also den menschgewordenen Gott, der uns nahe ist und uns erlöst. Und es gibt den Geist Gottes, der in den Gläubigen wirkt, der uns Kraft und Zuversicht schenkt.
Deshalb haben die ersten Christen auch gleich in der frühen Kirche intensiv darüber nachgedacht, wie diese Dreiheit Gottes zu verstehen ist. Wir können diese altkirchlichen Abhandlungen darüber heute noch nachlesen. Sie sind für uns allerdings nur sehr schwer zu verstehen. Deshalb möchte ich darauf jetzt nicht eingehen. Lassen Sie uns vielmehr selber überlegen, was der Glaube an einen dreieinigen Gott bedeuten kann.
Aus dem, was ich vorhin über die Zahl Drei erwähnte, ergibt sich z.B. als erstes, dass Gott vollkommen ist. Die Zahl Drei symbolisiert – wie gesagt – die Vollständigkeit und Vollkommenheit. Deshalb kann man sie sehr gut auf Gott anwenden. Er ist eben nicht nur durch einen Gedanken zu erfassen. Seine Wirklichkeit ist tiefer und größer, und erst durch die Dreiheit können wir seine Fülle erahnen. Das ist das Erste.
Das zweite ist das Geheimnis Gottes, das wir dadurch benennen, dass wir an Drei in Einem glauben. Das gibt es in unserer Wirklichkeit ja so nicht. Das ist unfassbar und bleibt es auch. Wir können Gott nicht in den Griff kriegen. Wir können ihn uns nicht handhabbar machen, denn Gott ist keine Sache und auch keine andere Person. Wir können ihn nicht begreifen, sondern uns ihm nur anvertrauen und an ihn glauben. Er ist eine Wirklichkeit, die nicht wir erfassen, sondern die uns erfassen kann, auf die wir uns einlassen müssen und in die wir eintreten können. Das ist das Zweite.
Und das dritte ist die Lebendigkeit Gottes, die mit der Trinitätslehre zum Ausdruck kommt. Gott ist nicht starr und unbeweglich, er ist auch nicht an einem bestimmten Ort, sondern er ist in sich selber Bewegung und Kraft, Beziehung und Austausch. Es gibt deshalb keinen Bereich unseres Lebens, der von ihm ausgespart bleibt. Wir können ihm vielmehr überall begegnen, in der Höhe und in der Tiefe, in Kraft und in Schwachheit. Gott findet immer einen Weg zu uns und wir zu ihm. Das ist der dritte Punkt.
Und das ist sehr schön. Wenn wir Christen an Gott denken dann stellen wir uns nicht nur einen fernen und allmächtigen Gott vor, dem wir uns unterwerfen müssen. Gott ist uns vielmehr ganz nahe. Er bestraft uns auch nicht, sondern er vergibt uns immer wieder und nimmt selber das Leid auf sich. Sogar den Tod hat er nicht gescheut, damit wir frei werden. Und er zieht in uns ein, er will in uns wohnen, mit seiner Kraft. Er schenkt uns Frieden und Gelassenheit, Trost und Hoffnung. Wir müssen uns nur für ihn öffnen.
Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes ist also keine Denksportaufgabe, kein Rätsel, das es zu lösen gilt. Es ist vielmehr umgekehrt: Der dreieinige Gott ist selber die Antwort auf unsere Fragen und Nöte. Mit dem Glauben an Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist können wir die Rätsel lösen, die dieses Leben uns aufgibt. Und es ist eben auch ein Glaube, d.h. wir müssen uns auf Gott einlassen, uns ihm anvertrauen und ihn in unser Herz hineinlassen. Dann können wir erleben, wie vielfältig die Wege sind, auf denen er zu uns kommt. Wir können ihm überall begegnen, in Leid und in Freude, im Leben und im Sterben.
Ein gutes Mittel ist dafür das Lob Gottes. Wir können in den Lobgesang der Engel um seinen Thron einstimmen und selber das „Heilig, heilig, heilig“ singen. Dann bekommen wir einen Eindruck von seiner Erhabenheit, aber auch von seiner Nähe und seiner Kraft.
So sah das auch der Dichter des Liedes „Großer Gott, wir loben dich.“ Diesem Lied liegt die Geschichte aus Jesaja 6 zu Grunde. In dem Text wird der Lobgesang der Engel ebenfalls auf die Dreieinigkeit Gottes bezogen. Strophe fünf lautet: „Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.“ (Evangelisches Gesangbuch, 331, 5)
Amen.

Der Tröster kommt

Predigt über Johannes 16, 5- 15: Das Werk des Heiligen Geistes

Pfingstsonntag, 4.6.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Johannes 16, 5- 15

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?
6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.
7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.
8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;
9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben;
10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;
11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.
12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.a
13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.
14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen.
15 aAlles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Liebe Gemeinde.

„Kein Toter ist tot, solange es auch nur einen einzigen Menschen gibt, der an ihn denkt. Dann ist dieser Tote immer da für den, der noch lebt. Der Lebende wird ihn fühlen, er wird ihn spüren.“ Das ist ein weltlicher Beleidspruch, den Sie möglicherweise auch schon einmal auf eine Karte geschrieben oder bekommen haben. Der Gedanke, dass die Verstorbenen, mit denen wir eng verbunden waren, in unseren Herzen und in unserer Erinnerung weiterleben, ist weit verbreitet und sehr tröstlich. „Du bist nicht mehr da, wo du warst, aber du bist überall, wo wir sind.“ So kann man das auch formulieren.
Im Internet gibt es viele Sammlungen solcher Sprüche. Sehr schön fand ich auch diesen: „Du kannst Tränen vergießen, weil er gegangen ist. Oder du kannst lächeln, weil er gelebt hat. Du kannst die Augen schließen und beten, dass er wiederkehrt. Oder du kannst die Augen öffnen und all das sehen, was er hinterlassen hat.“
Die Spuren eines Menschen bleiben zurück, auch die Liebe, die ihn mit den Seinen verband, kann niemand zerstören.
„Die Toten sind nicht fort, sie gehen mit. Unsichtbar sind sie nur, unhörbar ist ihr Schritt.“

So ist es auch bei Jesus, davon handelt der Abschnitt aus dem Evangelium, den wir eben gehört haben. Es ist eine Abschiedsszene. Jesus redet hier mit seinen Jüngern über seinen nahenden Tod. Er war darauf vorbereitet und er wollte seine Jünger trösten. Denn er wusste, dass es für sie sehr schwer war, ihn gehen zu lassen. „Ihr Herz war voll Trauer.“ Deshalb konnten sie auch nicht offen darüber reden, und Jesus wollte sie beruhigen.
Der Trost, den er ihnen gibt, hat nun allerdings einen besonderen Charakter. Er erinnert zwar an die weltlichen Sprüche, in denen es darum geht, dass die Toten in unserer Erinnerung weiterleben, aber was Jesus hier sagt, geht darüber noch weit hinaus. Das beginnt schon damit, dass Jesus seine Jünger nicht nur beruhigt, er findet es sogar gut für sie, dass er weggeht. Ganz neue Möglichkeiten eröffnen sich ihnen damit, das sagt er hier, und zwar, weil er ihnen den „Tröster“ schicken wird. So übersetzt Luther das Wort „Paraklet“, das im griechischen Text steht. Es kann auch „Fürsprecher“ heißen, „Helfer“, „Beistand“, „Anwalt“ oder „Verteidiger“. Es kommt also jemand in seinem Namen, der wird all das sein und „der Welt die Augen auftun.“ Das verspricht Jesus hier. D.h. die göttliche Wahrheit wird aufleuchten und es wird klar zu Tage treten, wie Gott die Welt sieht und mit ihr handelt. Der neue „Anwalt“ wird die Welt überführen, und dabei wird es um drei Dinge gehen: „die Sünde, die Gerechtigkeit und das Gericht“.
Das sind Anklagepunkte und Entscheidungen bei einem endzeitlichen Rechtstreit Gottes mit der Welt. Diese Vorstellung steht hinter den Worten Jesu. Und das hat er sich nicht ausgedacht, sondern die Juden erwarteten so etwas bereits und hofften darauf, dass Gott dabei die Welt endgültig von allen Frevlern befreien und die Gerechten erlösen würde.
Jesus sagt hier nun, dass dieses Gericht mit seinem Kommen, Sterben und Auferstehen bereits begonnen hat. Mit seiner Verkündigung hat er eine Klarheit gebracht, durch die sich das Gericht über die Welt vollzieht. Deshalb ist er der neue Maßstab, die neue Mitte, von der her sich die drei Begriffe, die er aufzählt, erklären: Sünde ist es, wenn die Menschen nicht an ihn glauben. Ein Nein zu Jesus ist ein Nein gegen Gott. Dass Gott gerecht ist und die Menschen freisprechen will, kann man daran sehen, dass Jesus zu ihm gehen wird, um die Sache für seine Jünger klar zu machen. Die Welt hat diesen Prozess bereits verloren, der Teufel ist gerichtet und Jesus ist der Sieger.
All das werden die Jünger erkennen, wenn der Tröster kommt. Was Jesus hinterlässt, ist also mehr als nur eine Erinnerung. Er sendet ihnen eine starke Kraft, ein helles Licht, das in der Welt wirken wird. Auch was in der Zukunft geschehen wird, kann dieser Tröster den Jüngern sagen. Er wird dafür sorgen, dass Jesus in der Welt bekannt und verherrlicht wird. Denn es gibt nur diese eine Wahrheit, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Er ist ganz mit dem Vater verbunden. Durch seine Sendung hat Gott der Welt das Heil gebracht. Das wird der Geist, der Tröster und Anwalt, den Jesus senden wird, allen bezeugen, die an ihn glauben.
So lautet die Rede Jesu hier. Ihr liegt die Botschaft zu Grunde, dass Jesus lebt und Gott gleich ist. Immer und überall ist er gegenwärtig. Alle Menschen können ihm vertrauen, von ihm befreit werden und ihm folgen. In seiner Rede über den Tröster entfaltet Jesus diese gute Nachricht. Es muss also in der Tat keiner traurig darüber sein, dass er körperlich nicht mehr anwesend ist.

Doch was heißt das nun konkret? Können wir mit dieser Botschaft etwas anfangen, und wie sollen wir sie umsetzen? Drei Fragen tauchen auf, die in unserem Text bereits anklingen. Die Jünger wollten das wahrscheinlich auch wissen, und zwar als erstes: Wie kommt es denn dazu, dass wir überhaupt an Jesus glauben und den Heiligen Geist empfangen? Die zweite Frage lautet: Ist das wirklich besser, als seine leibliche Gegenwart vor 2000 Jahren, und wenn ja, warum? Und schließlich stellt sich die dritte Frage, die sich auf die Welt bezieht: Ist die Sendung dieses Trösters tatsächlich für die Welt von so großer Bedeutung?
Wenn wir unseren Abschnitt genau lesen, entdecken wir, dass Jesus hier auf diese drei Fragen antwortet. Erstens erklärt er, wie es dazu kommen kann, dass wir an ihn glauben. Zweitens begründet er, warum das sogar besser ist als seine leibliche Gegenwart. Und drittens offenbart er, was das für die Menschheit und die Welt bedeutet. Jesus beschreibt also konkrete Schritte des Glaubens und des christlichen Lebens. Wir müssen nur genau lesen, was hier steht, und seine Gedanken nachvollziehen. Lassen Sie uns das deshalb jetzt tun.
Die erste Frage lautet: Wie kommt Jesus zu uns? Wie empfangen wir den Heiligen Geist, den Tröster und Beistand, von dem er hier spricht? Und darauf lautet die Antwort: Es ist zunächst ganz ähnlich wie bei einem Menschen, der gestorben ist: Wir müssen an ihn denken und vielleicht ein Bild aufstellen, das wir immer wieder betrachten. Wir lesen das, was er gesagt hat, alte Briefe vielleicht, und erinnern uns an seine Taten und an seine Liebe. Dann ist er gegenwärtig.
Und so können wir es auch mit Jesus tun. Der Unterschied zu anderen Verstorbenen ist nun allerdings der, dass sich beim Denken an Jesus und beim Lesen seines Wortes keine Wehmut in unsere Gefühle mischt. Es gibt keinerlei Traurigkeit, keinen Verlustschmerz und auch keine Nostalgie. Sondern Jesus ist wirklich da. Deshalb können wir auch noch mehr mit ihm tun, als nur an ihn zu denken. Wir können ihm vertrauen und uns auf ihn verlassen. Dann kommt er spürbar zu uns. Wir müssen uns also nicht anstrengen, um seine Präsenz zu erleben. Er kommt uns vielmehr entgegen und schickt uns seinen Geist. Er zieht in uns ein und erfüllt uns mit großer Freude und Zuversicht. Er ist ein wahrer Helfer und Beistand. Das ist das erste, was Jesus uns hier sagt.
Als zweites spricht er davon, dass das sogar besser ist als seine leibliche Gegenwart. Die Jünger hatten nach seinem Abschied viel mehr von ihm. Der Grund dafür liegt darin, dass Jesus sie durch seinen Geist mit seiner Kraft ausgerüstet hat. Die Verbindung zwischen Jesus und ihnen wurde viel inniger und dauerhafter.
Den Geist kann niemand mehr töten, und er führt jeden, der ihn empfängt in eine große Freiheit. Wenn der Heilige Geist einen Menschen erfüllt, verschwinden Ängste und Sorgen. Zwänge lösen sich auf, Trauer schwächt sich ab. Denn der Geist Jesu vermag viel. Er wirkt in uns und macht uns unabhängig von den äußeren Gegebenheiten. Das Leben muss nicht perfekt sein, damit wir froh bleiben. Selbst wenn äußerlich einiges nicht stimmt und uns beschäftigt, im Inneren sind wir getröstet und werden festgehalten.
Denn der Heilige Geist hat die Kraft, neues Leben zu schaffen. Durch ihn wird uns „der Atem Gottes eingehaucht“, wie es in einem alten Pfingstlied heißt.  Er „lenkt unsere Herzen“, „aus ihm strömt Leben, Licht und Glut, er gibt uns Schwachen Kraft und Mut.“ (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Hamburg 1994, Nr. 555) Das ist die zweite Aussage, die wir hier hören.
Und als drittes sagt Jesus noch etwas über die Welt und was der Tröster für sie bedeutet. Indem er vom Endgericht ausgeht, entwirft er für sich und seine Gegenwart einen kosmischen Rahmen. Der christliche Glaube ist keine Ideologie, und Jesus ist nicht bloß eine historische Person. Es gibt durch ihn vielmehr eine neue Wirklichkeit. In sie treten wir ein, wenn wir an ihn glauben. Und dadurch haben wir Anteil an der himmlischen Welt. Jesus schenkt uns eine Hoffnung, die über alle Zeit hinausweist. Auch im Endgericht können wir noch zuversichtlich sein, denn uns kann nichts mehr passieren.
Als lebendiges Zeichen dafür gibt es heute die weltweite Kirche. Sie hat Pfingsten ihre Geburtsstunde. Denn nachdem die Jünger den Heiligen Geist empfangen hatten, sind sie in die Öffentlichkeit getreten und haben das Evangelium verkündet. „Im Feuer und in Sturmes Braus“ sandte Gottes Allmacht ihnen den Geist, wie es in dem Pfingstlied ausgedrückt wird, das ich bereits erwähnte. Er „öffnete ihnen den stummen Mund und machte der Welt die Wahrheit kund.“ So geht die Strophe weiter. Die Jünger sind in die Welt gegangen und haben Jesus in ihr groß gemacht.  Daraufhin ist die erste christliche Gemeinde entstanden, und aus ihr wurde im Laufe der Jahrhunderte eine weltweite Gemeinschaft. Und das ist von großer Bedeutung, denn dadurch gibt es in dieser Welt konkrete Orte der Nähe Jesu.
Es ist deshalb gut, wenn wir als Christen immer wieder zusammenkommen und um den heiligen Geist bitten. Dann wird er unter uns lebendig und „entflammt Sinne und Gemüt.“ Das ist eine weitere Formulierung aus dem zitierten Pfingstlied. Gegen Ende enthält es dann die Bitte: „Die Macht des Bösen banne weit, schenk deinen Frieden allezeit.“ Wir dürfen daran glauben, dass der Heilige Geist das vermag. Er zeigt uns den rechten Weg, so dass uns nichts mehr schaden kann. Nicht nur für uns selber, sondern auch für die Welt gibt es eine Rettung. Das ist die dritte Zusage, die Jesus uns hier gibt.
Und das alles ist unglaublich viel, mehr als uns je ein Mensch oder eine Ideologie geben kann. Eine vertraute und geliebte Person wird uns immer fehlen, wenn sie gestorben ist, so sehr sie in unserer Erinnerung auch weiterlebt. Es ist nie mehr so, wie es einmal war. Jesus dagegen ist in der Welt gegenwärtig und kann uns jederzeit trösten und beistehen. Der Glaube an ihn ist nicht nur eine Erinnerung, sondern schafft neues Leben in uns und um uns.
Lassen Sie uns darüber von Herzen froh sein, Gott für seine Allmacht loben und für seine Liebe danken und fröhlich Pfingsten feiern.
Amen.

Betet!

Predigt über Lukas 11, 5- 13: Zuversicht beim Beten

5. Sonntag nach Ostern, Rogate, 21.5.2017
Jakobikirche Kiel

Lukas 11, 5- 13

5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;
6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise,  und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett;  ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 0 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet,  eine Schlange für den Fisch biete?
12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?
13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Liebe Gemeinde.

Die ersten wichtigen Dinge im Leben lernen wir dadurch, dass wir sie einfach tun. Wenn ein Kleinkind sich entwickelt, kann es nach ein paar Wochen die Welt um sich herum erkennen und beobachten. Bald entdeckt es seine Händchen und greift zu. Später richtet es sich auf, lernt sitzen, krabbeln und laufen. In absehbarer Zeit kommt die Sprache dazu. Auch die lernt ein Kind von allein, dadurch dass es hört, nachahmt und Wörter ausprobiert.
Im weiteren Verlauf des Lebens werden uns dann bestimmte Dinge beigebracht, wir lernen sie von anderen, die uns gezielt zeigen, wie etwas geht. Es bleibt aber dabei, dass wir uns das was wir wirklich können wollen, selber aneignen müssen. Zu allen Fähigkeiten gehört es, dass wir uns darin üben und sie praktizieren. Ob es das Spielen eines Musikinstrumentes ist, eine Sportart, eine Sprache, Fachwissen oder Lebensweisheit: Wir lernen, indem wir uns belehren lassen und dann unsere Aufgaben machen.
Mit dem Beten ist es nicht anders. Auch da gibt es Dinge zu beachten, die andere uns beibringen können, die wir dann aber selber umsetzen müssen, wenn wir es wirklich lernen wollen.
Die älteste Gebetsschule für die Christen finden wir bereits im Neuen Testament. Wir haben den Abschnitt eben gehört. Er enthält die sogenannte Gebetslehre Jesu, die er seinen Jüngern gibt. Sie beginnt mit dem Vater unser, das unserem Textabschnitt voran geht. Danach ermuntert und ermutigt Jesus seine Jünger zum Gebet, indem er ihnen sagt, warum es sich lohnt.
Er beginnt dafür mit einem Gleichnis, das von einem gewöhnlichen Menschen handelt. Er gerät allerdings in eine ungewöhnliche Situation, denn er hat einen Freund, der mitten in der Nacht bei ihm anklopft, um Brot zu leihen. Ein anderer Freund war gerade zu ihm gekommen, und er will ihm etwas zu essen geben. Der Hörer soll sich vorstellen, dass auf der Reise wohl etwas passiert ist, was den Betreffenden so spät eintreffen lässt und ihn umso hungriger und bedürftiger macht, denn Mitternacht war auch damals keine normale Besuchszeit. Doch ganz gleich, wann ein Gast eintraf, es gehörte sich, dass man ihn empfing und bewirtete. In diesem Fall ist bloß leider kein Brot im Haus, und so geht der Betreffende zu seinem Nachbarn, weckt ihn auf und bittet darum. Dadurch wird zwar essen ganze Familie gestört, aber trotzdem öffnet der Mann die Tür, lässt den Bittenden hinein und erfüllt seinen Wunsch.
Das ist das Gleichnis, und damit will Jesus sagen, dass Gott genauso handelt: Er scheut keine Mühe, um unsere Bitten zu erfüllen. Wir können immer kommen, auch zur Unzeit. Er gibt uns, was wir brauchen. Damit ermutigt Jesus uns zum Gebet und sagt zusammenfassend: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“
Anschließend begründet er, warum sich das lohnt, und zwar wiederum mit zwei Beispielen aus der Alltagswelt, die als Gleichnis dienen: Wenn ein Kind seinen Vater um einen Fisch bittet, wird er ihm keine Schlange geben. Die sieht zwar so ähnlich aus, ist aber giftig und gefährlich. Genauso ist es mit einem Ei. Das ist ein reichhaltiges Nahrungsmittel, und wenn das Kind seinen Vater darum bittet, wird er ihm keinen Skorpion stattdessen geben. Im zusammengezogenen Zustand ähnelt der eventuell einem Ei, aber auch das würde das Kind in höchste Gefahr bringen. So handelt kein Vater, und Gott erst recht nicht.
Er gibt uns vielmehr das Gute, und das ist vor allen Dingen der Heilige Geist. Mit der Verheißung dieser Gabe endet Jesus seine Gebetslehre, und das ist sehr aufschlussreich. Wir dürfen nicht nur um die Dinge bitten, die wir zum Erhalt unseres natürlichen Lebens brauchen. Gott möchte uns darüber hinaus innerlich ausrüsten, uns seinen Geist schenken. Durch ihn zieht er selber in uns ein. Er macht uns vertrauensvoll und zuversichtlich.
Darum lohnt es sich zu beten: Gott meint es gut mit uns, er geht mit uns um, wie ein Freund oder Vater. Er lässt sich bedrängen und betrügt uns nicht. Er bringt uns nicht in Gefahr, sondern gibt uns, was wir zum Leben brauchen, äußerlich und innerlich. Wir können deshalb jederzeit zu ihm kommen und ihn um alles bitten, was wir nötig haben. Wir sollen das sogar, es ist unser Beruf als Christen: Gott möchte, dass wir ihm vertrauen und an seine Möglichkeiten glauben. Wir müssen nicht alleine mit dem Leben fertig werden, sondern dürfen vor ihn treten und alles von ihm erwarten.
So lehrt Jesus hier, und das klingt ganz schön. Aber deckt es sich auch mit unseren Erfahrungen? Es gibt doch unzählige unerhörte Gebete, unsere Fürbitten z.B., die wir hier Sonntag für Sonntag vor Gott bringen. Werden die  erhört? Wir erflehen darin Gerechtigkeit und Frieden in der Welt, Hilfe für alle Notleidenden, Heilung für die Kranken, Trost für die Traurigen usw. Doch hat sich dadurch etwas in der Welt geändert?
Auch persönlich schicken wir viele Gebete zu Gott, auf die er nicht eingeht: Wenn wir ihn z.B. bitten, uns gesund, glücklich und wohlhabend zu machen, dann scheint ihm das häufig ganz egal zu sein. Es fällt uns deshalb oft schwer, daran zu glauben, dass „Gott gibt, wenn wir ihn bitten, dass wir finden, wenn wir suchen, und er uns auftut, wenn wir anklopfen“.
Außerdem kennt Gott unsere Nöte doch viel besser als wir und weiß längst, was wir brauchen. Das ist ein weiterer Einwand gegen das Gebet. Sorgt Gott nicht sowieso für alles Gute? Er hat die Welt erschaffen, Sonne und Regen kommen von ihm, Leib und Leben will er erhalten. Das glauben wir. Warum sollen wir ihn also noch darum bitten?
Das sind Fragen an die Gebetslehre Jesu, mit denen wir uns beschäftigen müssen, und ich möchte das gerne mit drei Gedankengängen tun.
Zunächst einmal können wir feststellen, dass es nicht nur unerhörte Gebete gibt. Das Gegenteil ist ebenso oft der Fall. Viele Menschen können bezeugen, dass Gott ihnen geholfen hat, weil sie ihn darum gebeten haben. So wie in den Gleichnissen, die Jesus erzählt, hat er ihnen genau das gegeben, was sie brauchten. Auf wunderbare Weise hat sich in ihrem Leben eine Tür aufgetan, sie haben gefunden, was sie gesucht haben, und etwas hat sich zum Guten verändert. Gott hat sie gehört und keine Mühe gescheut.
Wir wissen ja auch gar nicht, wie es in dieser Welt wäre, wenn es die Betenden nicht gäbe. Vielleicht sorgen gerade sie dafür, dass es auf dieser Erde immer noch Leben gibt und alles in geheimnisvoller Weise zusammen gehalten wird. „Gott weiß die Beter überall.“ sagt Jochen Klepper in einem Lied (Evangelisches Gesangbuch Nr. 457,3) und das ist eine beruhigende Vorstellung. John F. Ellerton drückt das auch aus. In dem Lied „Der Tag, mein Gott ist nun vergangen“ (EG 266) heißt es in Strophe drei: „Denn unermüdlich wie ein Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht.“ Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke: Die Welt ist von Betenden umschlossen und wird dadurch von einer unsichtbaren Kraft erhalten. Das ist die erste Antwort auf unsere Anfragen.
Als zweites ist es gut, dass wir durch das Gebet überhaupt mit Gott in Kontakt treten. Gebet ist gelebtes Vertrauen, Glaubenspraxis. Durch das Gebet leben wir mit Gott und beziehen ihn in unseren Alltag und alles, was uns beschäftigt ein. Entscheidend ist dabei unsere Blickrichtung: Wir starren beim Beten nicht mehr nur auf die Probleme und lassen sie auf uns einwirken, sondern wir schauen auf Gott. Wir lassen uns nicht von dem Elend und von der Zerstörung bestimmen, sondern von Zuversicht und Hoffnung. Dazu gehört es, dass wir unsere Wünsche und Vorstellungen abgeben, unsere Anliegen bei Gott ablegen und sie ihm überlassen. Gerade beim Gebet für andere ist das entscheidend: Wir stellen sie in die Obhut Gottes und wissen sie da geborgen.
Manchmal weiß Gott auch viel besser, was wirklich gut für uns oder die anderen ist. Es kann heilsam sein, wenn er nicht alles erfüllt, was wir wollen. Möglicherweise ist etwas, das wir für eine Schlange halten, in Wirklichkeit ein Fisch, und das, was wie ein Skorpion aussieht, ist ein Ei. Das stellt sich oft erst später heraus, vielleicht sogar erst nach Jahren. Aber wir erkennen dann eines Tages, dass Gott es die ganze Zeit, in der es uns schlecht ging, gut mit uns gemeint hat. Das ist der zweite Gedanke. Und daraus ergibt sich schon von alleine der dritte Punkt:
Es geht beim Beten letzten Endes um Gott selber, darum dass wir ihm näher kommen. Alle großen Beter und Beterinnen sagen das. So antwortet Luther auf die Frage, ob Gott nicht schon alles weiß, folgendes: „Darum fordert Gott das Beten nicht, dass wir ihn damit lehren sollten, was er geben soll, sondern darum, dass wir‘s erkennen und bekennen, was er uns für Güter gibt und noch viel mehr geben will und kann, so dass wir durch unser Gebet mehr uns selbst unterrichten als ihn. Denn damit werde ich umgewandelt, dass ich nicht hingehe wie die Gottlosen, die solches nicht erkennen noch dafür danken, und so wird mein Herz zu ihm gekehrt und erweckt, dass ich ihn lobe, danke und in Nöten bei ihm Zuflucht habe und Hilfe von ihm erwarte. Das dient alles dazu, dass ich, je länger je mehr erkennen lerne, was er für ein Gott ist, und weil ich bei ihm suche und anklopfe, so hat er auch Lust, desto mehr und reichlicher zu geben.“ ( Schlag nach bei Luther, Hg. Margot Käßmann, Frankfurt am Main 2012, S. 27f)
Es geht beim Beten also darum, dass wir Gott selber erkennen. Letzten Endes ist er die Antwort auf alle unsere Anliegen und Wünsche. Er stillt unsere Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit mit seiner Gegenwart. „Der Vater im Himmel wird uns den Heiligen Geist geben.“ So sagt Jesus das.
Und das ist etwas, das wir im Laufe unsres Lebens immer mehr lernen. Andere bringen es uns bei, und wir müssen es einfach ausprobieren. Die Mystikerin Teresa von Avila ist z.B. eine solche Lehrerin des Gebetes. Sie hat aufgeschrieben, wie wir es lernen können, und dafür das Bild von der „inneren Burg“ entwickelt. Es steht für die Seele, die „sieben Wohnungen“ hat. Durch die gehen wir, wenn wir uns für ein Leben mit Gott entschieden haben. D.h. die Seele dringt immer weiter in ihr Innerstes vor, sie wird langsam freier und gelassener und erkennt schrittweise, dass sie allein in Gott zur Ruhe kommen kann. (Teresa von Avila, Seelen-Burg oder – Die sieben inneren Wohnungen der Seele, erschienen in der Kleinen Bibliothek spritueller Weisheit, Hg. Abt Emmanuel Jungclausen OSB in Zusammenarbeit mit Christian Felmann, Freiburg 1999)
Auf diesem Weg nach innen werden unsere Worte langsam weniger. Irgendwann müssen wir gar nicht mehr alle Einzelheiten vor Gott ausbreiten, sondern genießen einfach seine Nähe. Vielleicht reicht am Ende ein Satz wie Jesus ihn in Gethsemane gebetet hat: „Mein Vater nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Matthäus 26, 39) Möglicher Weise verstummt aber auch der irgendwann, und unser Gebet wird wortlos. Wir sind nur noch still und ruhig in den Armen Gottes, wie ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter oder seines Vaters.
Und das lernen wir am ehesten dadurch, dass wir es einfach tun.
Amen.

 

 

Die singende Gemeinde

Predigt über Matthäus 21, 14- 17: Der Lobgesang der Kinder im Tempel
4. Sonntag nach Ostern, Kantate, 14.5.2017

9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Matthäus 21, 14- 17

14 Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie.
15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich
16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?
17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Liebe Gemeinde.

„Oma ist der kostbarste Teil der Familie. Die hat schon Altertumswert.“ Oder: „In die Kirche gehe ich nicht so gern, es dauert immer ewig, bis der liebe Gott kommt.“ Oder: „Den Nikolaus gibt’s gar nicht in echt. In Wahrheit kommt der vom Roten Kreuz.“
Das sind Kindersprüche, zusammengestellt in einem Buch aus der Reihe „Kindermund“ im Baumhausverlag. „Kindermund tut Wahrheit kund“, das bestätigt sich immer wieder, und es lohnt sich, solche Aussagen zu sammeln. Ohne es zu wollen sprechen Kinder etwas aus, was wir als Erwachsene so nicht sagen würden, es trifft aber genau zu.
So war es auch im Tempel von Jerusalem, nachdem Jesus gerade dahin gekommen war. Da sangen die Kinder, die sich dort aufhielten, ganz spontan „Hosianna dem Sohn Davids“. Sie hatten den Gesang von den Erwachsenen gehört, die Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem begleitet hatten. Vielleicht hatten die Kinder ihn noch im Ohr, vielleicht wollten sie die Erwachsenen auch nur mal nachmachen. Ob es Spaß oder Übermut war, das wissen wir alles nicht. Denn was in den kindlichen Gemütern vor sich ging, wird hier nicht gesagt. Wichtig ist einfach nur, dass sie sangen. Das war im Tempel außerhalb der Gottesdienste nicht üblich. Jesus hatte es vielmehr durch seinen Aufenthalt dort ausgelöst. Und der Inhalt des Liedes war für ihn von großer Bedeutung.
Die Hohenpriester und Schriftgelehrten regten sich darüber auf und entrüsteten sich. „Hörst du auch, was diese sagen?“ fragten sie Jesus. Und darin steckte ein Vorwurf und eine Anklage: „Sie preisen dich als den Messias! Das kannst du doch nicht zulassen! Sorg mal besser dafür, dass sie ihren Mund halten.“ Das meinten sie hier mit ihrer Frage.
Aber davon war Jesus weit entfernt. Er ließ die Kinder gewähren, weil sie seiner Meinung nach genau das Richtige sagten. Er richtete sich sowieso nicht nach dem, was die Würdenträger wollten. So wandte er sich z.B. auch den Kranken, Blinden und Lahmen zu, die an den Tempeltoren saßen und bettelten, und heilte sie.
Denn er war der Messias. Die Kinder sangen und bejubelten ihn, wie es ihm gebührte, und sie sagten mit ihrem Gesang die Wahrheit. Er war der Sohn Davids, auf den alle warteten. Jesus bestätigte das mit einem Wort aus Psalm 8: „Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet“. Das heißt, Gott nahm dieses Lob der Kinder an.
Damit ließ Jesus die Hohenpriester stehen. „Er ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.“ Das ist der letzte Satz des heutigen Abschnittes aus dem Evangelium.
Und diese Episode über den Gesang der Kinder im Tempel passt sehr schön zu dem Sonntag „Kantate“, an dem es um das Singen und Loben der „Wunder Gottes“ geht. Die Begebenheit, von der hier die Rede ist, gibt uns Anlass, einmal darüber nachzudenken, was es mit dem Jubel und den „neuen Liedern“ auf sich hat, warum sie gut sind und was mit uns geschieht, wenn wir darin einstimmen.
Es haben ja lange nicht alle Lebewesen die Fähigkeit zu singen. Das ist etwas besonders schönes. Als Menschen können wir noch mehr als sprechen, schreien oder Geräusche von uns geben. Wir sind in der Lage, mit unserer Stimme Musik zu machen. Und das haben die Menschen schon immer und überall getan, denn mit Liedern lässt sich viel mehr ausdrücken, als mit bloßen Worten. Gefühle schwingen dabei mit, tiefe Regungen der Seele kommen nach oben und finden Gehör. In Lieder legen wir unsere Freude und unseren Schmerz, Klage und Lob, Humor und Ernsthaftigkeit. Sie führen zum Lachen oder zum Weinen, rühren uns an oder stoßen uns ab.
In der Ausgabe des Evangelischen Gesangbuches für die bayrische und thüringische Landeskirche steht dazu am Anfang ein sehr schöner Text. Er bezieht sich auf die Liedzeile: „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (Evangelisches Gesangbuch 324,1) und betrachtet sie folgendermaßen:
„Ich öffne meinen Mund und hole Luft. Mein Atem wandelt sich zum Klang. Meine Stimme wird ein Lied.
Ich lasse hören, was meine Seele bewegt. Ich stimme in die Worte und Melodien anderer ein und finde mich selbst darin wieder.
Dir, Gott, singe ich mein Lob und meine Klage, meine Trauer und meine Freude. Du hörst die leisen Töne unter den lauten.
Ich singe mit Herz und Mund. Überlieferte Worte nehme ich auf, Melodien anderer Völker lasse ich erklingen.
Ich singe alleine oder mit anderen – und im Klang der Stimmen spüre ich den Atem der Schöpfung.
Wer singt, stimmt ein, lässt sich ein, bleibt nicht allein.“
Damit ist sehr schön formuliert, was unser Gesangbuch möchte. Es enthält Lieder, mit denen wir das alles verwirklichen können, in denen Gott und der Glaube vorkommen, die Seele angerührt wird und wir Gemeinschaft erfahren.
So war es auch im Tempel von Jerusalem. Dabei sangen die Kinder in unserer Szene das Loblied „Hosianna dem Sohn Davids“. Der Ruf „Hosianna“ war im Tempel bekannt, denn er gehörte zu der Liturgie beim sogenannten Laubhüttenfest, einer Art von Erntedankfest in Israel. Die Kinder verbanden ihn mit der Anrede „Sohn Davids“, denn das hatten die Menschen beim Einzug Jesu in Jerusalem ebenfalls getan. „Sohn Davids“ war die Bezeichnung für den König und endzeitlichen Heilsbringer. Für den hielten die Menschen Jesus also. Sie begrüßten und feierten ihn als den messianischen Davidsohn, der seine Stadt besucht und ihr Rettung schenkt.
In unserer Abendmahlsliturgie singen wir das immer noch und leiten es mit den Worten ein: „Darum loben die Engel deine Herrlichkeit, beten dich an die Mächte und fürchten dich alle Gewalten. Dich preisen die Kräfte des Himmels mit einhelligem Jubel; mit ihnen vereinen auch wir unsere Stimmen.“ Indem wir „Hosianna dem Sohn Davids“ singen, schließen wir uns also dem Lobgesang all derer an, die vor uns waren und kommen werden, himmlischen und irdischen Wesen, und loben Gott mit uralten Gesängen.
Und das ist etwas sehr Gutes und Schönes. Es gehört sich Gott gegenüber auch, denn wir bringen mit dem Lob zum Ausdruck, dass er groß und mächtig ist. Gott ist anders, er ist erhaben und kann viel mehr als wir. Es ist deshalb auch naheliegend, dass der Bittruf „Hilf doch“ zu einem Loblied geworden ist, denn damit trauen wir Gott etwas zu. Wir glauben an seine Möglichkeiten, erwarten etwas von ihm und geben zu, dass wir ihn brauchen. Ohne ihn kommen wir nicht weiter. Es ist angemessen, ihn mit dieser Erkenntnis zu loben.
Gleichzeitig setzen wir uns durch das Lob mit ihm in Beziehung. Wir nähern uns ihm und begeben uns in seine Gegenwart. Das Gotteslob ist wie das Betreten eines Raumes, in dem es gut und schön ist.
Und dabei geschieht etwas mit uns. Wir lenken beim Loben unseren inneren Blick ja von uns selber weg, lenken uns sozusagen auf wohltuende Weise ab. Es dreht sich nicht mehr um uns, sondern jemand anders wird zur Mitte unserer Gedanken und unserer Aufmerksamkeit. Wir lassen uns selber los, und dabei rücken Probleme, Sorgen und Ängste in den Hintergrund. Der Leib kann sich entspannen, das Herz wird emporgehoben und der Geist weitet sich. Wir werden einfacher und freier, lockerer und unbeschwerter.
Das sind wir ja leider oft nicht. Im Gegenteil wir haben meistens irgendwelche Probleme und Sorgen. Etwas belastet uns, macht uns Angst, treibt uns um. Wenn wir daran denken, haben wir normalerweise etwas im Blick das außerhalb von uns liegt, bestimmte Umstände, Ereignisse oder Personen. Denn natürlich gibt es immer Auslöser für unsere Schwierigkeiten, und um die kreisen dann unsere Gedanken.
Aber sie sind nicht die einzige Ursache. Oft hängen unsere Probleme auch damit zusammen, dass wir uns selber viel zu wichtig nehmen. Unser Wollen und Trachten ist die andere Seite, die zweite Ursache dafür, dass es uns schlecht geht. Wir hängen an unseren Wünschen und Vorstellungen. Wenn wir die also einmal loswürden, wäre schon viel gewonnen.
Und genau da kann das Gotteslob uns hinführen. Denn Gott ist da und sein Sohn Jesus Christus kann uns retten. Wir müssen ihn nur mit unserem Loblied begrüßen. Dann kommen wir mit ihm in Kontakt, mit seiner Macht und Größe, und unsere Gedanken beruhigen sich. Sorgen und Ängste werden kleiner und alle Mühen und Nöte verlieren ihr Gewicht, denn sie verschwinden hinter dem Gotteslob. Wir werden selbstvergessen und gelassen. Und das ist nicht nur ein psychologischer Vorgang. Mit unseren christlichen Liedern besingen wir vielmehr genauso wie die Kinder damals im Tempel in Jerusalem Jesus als den Sohn Gottes. Wir bringen unseren Glauben daran zum Ausdruck, dass er für uns da ist und uns das Heil bringt. Durch das Lob wird es wirksam und lebendig. Jesus zieht dabei in uns ein und befreit uns von allem Schweren.
In der Reformation wurde das besonders wichtig. Luther hat nicht nur das Evangelium neu entdeckt, und betont, dass allein Jesus uns retten kann. Er hat aus diesem Glauben auch eine ganz neue Form des Gemeindegesanges geschaffen. Noch zu seinen Lebzeiten entstand ein erstes evangelisches Gesangbuch. Es wurde 1545 von Valentin Babst in Leipzig veröffentlicht und heißt deshalb das „Babstsche Gesangbuch“. Luther hat dafür eine Vorrede geschrieben, in der steht:
„,Singet dem Herrn ein neues Lied, singet dem Herrn alle Welt!‘ Denn Gott hat unser Herz und Mund fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solchs mit Ernst gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass andere auch hören und herzukommen.“
Das finden wir in unserer Ausgabe des Gesangbuches auf der ersten Seite. Luthers Worte richten sich damit immer noch alle, die als evangelische Christen singen möchten. Sie sollen Jesus Christus mit Gesang und Freude loben, ihn als den erkennen, der er ist, und sich ihm ganz öffnen.
Lassen Sie uns das deshalb jetzt tun, indem wir selber das Lied der Kinder aus dem Jerusalemer Tempel singen: „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem.“ (Evangelisches Gesangbuch 13)
Amen.

Die neue Geburt

Predigt über Johannes 21, 1- 14: Der Auferstandene am See von Tiberias

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 23.4.2017
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Johannes 21, 1- 14

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 
2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.
3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.
6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.
8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.
10
Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!

11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.
14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.

 

Liebe Gemeinde.

Haben Sie schon „angegrillt“? Es ist ja leider noch etwas zu kalt für dieses Vergnügen. Im Sommer und bei wärmeren Temperaturen machen das viele Menschen sehr gern. Der Schrevenpark wird dann z.B. zu einer regelrechten Grillwiese und es gibt entsprechende Regeln. Im Freien Fleisch oder Fisch zu braten, macht einfach Spaß. Man verlagert das Essen nach draußen, um gleichzeitig die frische Luft und die Landschaft oder den Garten zu genießen.
Wenn so eine gemeinschaftlich im Freien eingenommene Mahlzeit ohne Grillen geschieht, nennen wir das auch Picknick. Als Kinder haben wir das mit unseren Eltern Sonntagnachmittags gelegentlich gemacht. Es war dann immer mit einem Ausflug, z.B. einer Fahrradtour verbunden.
Es gibt dieses Vergnügen schon lange. Besonders populär wurde das Picknick in England im 19. Jahrhundert. Dort ist es bis heute bei den oberen Schichten beliebt und kann den Rang eines gesellschaftlichen Ereignisses haben. Aus Großbritannien stammt auch der Picknickkorb.
Man kannte es bereits in der Antike und auch in der Bibel gibt es diverse Geschichten von Mahlzeiten im Freien. Eine haben wir vorhin gehört.
Das Essen fand am Ufer des Sees Tiberias statt, so wird der See Genezareth im Johannesevangelium genannt. Jesus hatte dort die Idee, seine Jünger zu einem Essen unter freiem Himmel einzuladen.
Es ist eine der sogenannten Offenbarungsgeschichten, d.h. Jesus offenbart sich hier als der Auferstandene, und zwar gegenüber sieben seiner Jünger. Die waren beieinander, um zu fischen, wie sie es gewohnt waren. Sie hatten also nach der Kreuzigung Jesu ihre alte Tätigkeit wieder aufgenommen. Petrus hatte dazu die Initiative ergriffen.
Doch leider „fingen sie in dieser Nacht nichts.“ Das konnte es natürlich geben, ihre Fahrt und ihre Mühe waren vergeblich gewesen. Sie kannten das, und sie hatten auch schon einmal erlebt, dass Jesus ihnen daraufhin einen wunderbaren Fischzug ermöglichte. Das war am Anfang ihrer Jüngerschaft gewesen, als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatten. (Lukas 5, 1- 11)
Doch daran erinnerten sie sich jetzt offensichtlich nicht. Außerdem war Jesus gestorben, und so erkannten sie nicht, dass er es war, der da am Morgen plötzlich am Ufer stand. Er sprach sie zwar mit „Kinder“ an, aber das öffnete ihre Augen noch nicht. Trotzdem gehorchten sie ihm, als er ihnen sagte: „Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“
Und dann geschah das Wunder: Das Netz war so voll, dass sie es wegen der Menge der Fische nicht ziehen konnten. Nun wussten sie, wer es war, der mit ihnen redete. „Der Jünger, den Jesus lieb hatte“, sprach es als erster aus: „Es ist der Herr!“
Kaum hatte Petrus das gehört, zog er die Konsequenz: Nackend, wie er bei der Arbeit im Boot war, warf er sich schnell sein Obergewand über, gürtete es und stürzte sich ins Wasser, um als erster bei Jesus zu sein. Die anderen kamen mit dem Boot nach. Es waren nur etwa 90 Meter bis zum Ufer, aber an dem übervollen Netz hatten sie schwer zu schleppen.
Möglicherweise haben sie dabei schon den wunderbaren Bratgeruch wahrgenommen, der über den See gezogen war: Jesus hatte eine Mahlzeit vorbereitet. Woher er die Fische genommen hatte, wird nicht erzählt. Das gehört zu den erstaunlichen und unerklärlichen Ereignissen, die bei dieser Begegnung stattfanden. Auf sehr schöne Weise verbinden sie sich durch das gemeinsame Essen mit etwas Alltäglichem.
Petrus zog vorher noch das schwere Netz an Land, von dem es heißt: Es war „voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.“ Die Zahl hat sicher eine symbolische Bedeutung. Man vermutet, dass es damals so viele bekannte Völker gab. Dann ist mit der Zahl 153 die Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Völkerwelt gemeint, die durch das Netz des Evangeliums gesammelt und zusammengehalten wird. „Machet zu Jüngern alle Völker“  heißt es am Ende des Matthäusevangeliums im sogenannten Missionsbefehl. (Matthäus 28, 19) Der klingt hier durch.
Nach getaner Arbeit lud Jesus nun zum Mahl. Keiner der Jünger traute sich, ihn direkt zu fragen, ob er der Herr sei, sie waren ihm gegenüber befangen. Sie wussten zwar, dass er es war, aber sie hatten Mühe mit der Situation. Das mussten sie erst einmal verarbeiten, und dazu brauchten sie noch etwas Zeit. Nicht umsonst wird im Neuen Testament erzählt, dass sie erst 50 Tage nach Ostern alle Furcht ablegten und in der Lage waren, ihren Glauben in die Welt zu tragen. (Apostelgeschichte 2, 1- 4)
Aber sie genossen die Gemeinschaft mit Jesus. In der Mahlfeier spürten sie seine wohltuende Nähe. Sie war vertraut und doch in keiner Weise selbstverständlich.
„Das war das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.“ Mit diesem Satz endet unsere Erzählung.
Man hat den Eindruck, dass es eigentlich zwei Geschichten sind, die hier miteinander kombiniert wurden: Das Wunder vom Fischzug und das Wunder eines Mahles mit dem Auferstandenen. Es kann auch tatsächlich sein, dass die Szene aus zwei Begebenheiten zusammengesetzt wurde und sich hier diese beiden Erzählungen miteinander verschmolzen haben. Doch genau dadurch bekommt die Geschichte ihren Reiz und ihren Reichtum: Bei einem alltäglichen Geschehen wie dem Essen offenbart sich Jesus als der Auferstandene, der wunderbar eingreift. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut und gleichzeitig hat er göttliche Kraft und Macht.
Auch zu seinen Lebzeiten hatte Jesus ja öfter mit seinen Jüngern und anderen Menschen gegessen und getrunken. Die Mahlgemeinschaft ist ein häufiges Motiv im Evangelium, wie die Speisung der Fünftausend oder das Essen mit Zöllnern und Sündern. Auch das letzte Abendmahl gehört dazu: Jesus saß gerne mit den Menschen zum Essen zusammen. Das stärkte seine Gemeinschaft mit ihnen und zeigte, dass er ihnen nahe war. Daran knüpft diese Begegnung hier an, und damit gibt Jesus seinen Jüngern ein Erkennungszeichen. So kannten sie ihn, und daran sollten sie sich erinnern. Das gelingt ihnen allerdings erst durch den wunderbaren Fischzug, mit dem sein Auftreten einhergeht. Einerseits ist die Begegnung also vertraut und normal, andererseits wird der Alltag der Jünger durchbrochen und in übernatürlicher Weise verändert.
Darin liegt die Botschaft dieser Geschichte, auch wir dürfen das erleben: Wir können Jesus im normalen, täglichen Leben begegnen, dann wird etwas neu, ohne dass wir ergründen können, wie es geschieht. Es ist traumhaft und wirklich zugleich, geheimnisvoll und doch ganz real. So handelt der Auferstandene immer noch. Daraus speist sich unser Glaube und unsere christliche Lebensführung.
Lassen Sie uns also fragen, wie es dazu kommen kann, dass sich auch in unserem Leben der Auferstandene offenbart und an uns handelt.
Dabei dürfen wir als erstes davon ausgehen, dass er selber zu uns kommt. So wie er hier am Seeufer stand, so kann er plötzlich in unser Leben treten. Er kommt uns entgegen und will selber, dass wir ihn erkennen. Vielleicht hören wir von ihm, lesen etwas, machen eine Erfahrung, die auf ihn hinweist. Er ist auf jeden Fall in dieser Welt gegenwärtig und zeigt sich immer wieder. Wir müssen ihn nicht zu uns ziehen. Es gilt lediglich, ihn zu erkennen, d.h. auf seine Zeichen zu achten. Es ist also gut, wenn wir für Überraschungen offen sind. Wir können die Begegnung mit ihm nicht planen, sie geschieht unvorhergesehen.
Das ist einerseits spannend, andererseits verunsichert uns das aber auch und macht uns Angst. Überraschungen können unwillkommen sein, und genau da liegt das Problem. Das ist der nächste Punkt. Normalerweise bestimmen wir ja selber, was geschieht, oder zumindest wollen wir das gerne. Wir behalten am liebsten die Kontrolle über unser Leben und richten uns nach unserem Willen und unsren Wünschen. Die sollen wahr werden, denn davon versprechen wir uns Glück und Erfolg. In der Familie, im Beruf, in dem, was wir lernen und womit wir uns vergnügen, handeln wir so. Lange Zeit geht das auch gut, wir erreichen etwas und verwirklichen unsere Vorhaben.
Doch meistens kommen wir irgendwann an eine Grenze, durch das Älterwerden z.B. Es kann aber auch schon vorher geschehen, etwa durch eine Krankheit, einen Verlust oder eine Krise. Es gibt unzählige Ereignisse, die uns aus der Bahn werfen und unsere Pläne durchkreuzen können. Dann merken wir, dass unser Leben nicht aufgeht, wenn wir nur auf uns selber vertrauen. Im Gegenteil, oft machen wir uns genau dadurch etwas vor. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir alles im Griff haben. Wir können dabei in die Irre gehen, weil wir letzten Endes Trugbildern nachlaufen. Oft sind es in Wirklichkeit so etwas wie Wahnvorstellungen, die uns anleiten, sie verblenden uns und versperren uns die Sicht.
Und genau das kann und will Jesus durchbrechen. Er will unsere Augen und unseren Geist für seine Gegenwart öffnen. Das, was uns die Sicht versperrt, muss dafür allerdings weichen. Es ist deshalb oft ein schmerzhafter Vorgang, der uns zur Erkenntnis seiner Macht führt. Er geht durch Leiden und Sterben hindurch. Wir müssen etwas loslassen, aufgeben und uns eingestehen, dass wir alleine nicht weiterkommen. Es ist wichtig, dass wir unsere Begrenztheit annehmen und ehrlich sind. Krisen und Niederlagen sind nicht nur schlimm, sie können uns auch weiterführen. Es gilt deshalb, dass wir sie bejahen.
Anders war es bei Jesus auch nicht, wir folgen ihm auf diesem Weg und können genau wie er zu neuem Leben finden. Das ist der letzte Schritt. Es ist dann wie eine zweite Geburt. Nicht umsonst bezeichnen wir es als „Wiedergeburt“, wenn ein Mensch zum Glauben kommt und sich dem Auferstandenen anvertraut. Es gibt seinem Leben einen neuen Sinn und ein neues Ziel. Es entsteht Hoffnung und Zuversicht. Aufbruch und Bewegung kennzeichnen diesen Neuanfang. Die Auferstehung vollzieht sich im eigenen Leben, denn von nun an gibt es keine ausweglosen Situationen mehr. Selbst wenn gar nichts anderes mehr geht, ist Jesus immer noch da. Er ist die neue Mitte, derjenige, der uns einlädt und uns mit seiner göttlichen Kraft in unserem Alltag begleitet.
Mit der Taufe wird dafür eine Grundlage gelegt. Sie erinnert an die Wiedergeburt, dafür ist das Wasser ein Zeichen: Es kann Tod und Leben bedeuten, etwas Altes geht unter und etwas Neues wird lebendig. Außerdem legt sie die Grundlage für die Gegenwart Christi in unserem Leben. Er ist durch die Taufe wirklich bei uns und wird sich immer wieder zeigen.
Er schafft Situationen, an denen wir ihn erkennen können. Wir führen unsren Alltag mit ihm, alles ist wie immer und doch liegt unserem Leben ein Wunder zu Grunde. Die himmlische und ewige Wirklichkeit hat Einzug genommen, ein starker Begleiter und Helfer.
Lassen Sie uns also hinschauen, uns von Jesus einladen lassen und die Nähe und Gemeinschaft mit ihm genießen. Dann wird es immer wieder einen neuen Anfang geben.
Amen.