Lasst euch nicht verhärten

Predigt über 1. Timotheus 2, 1- 4: Das Gemeindegebet

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, Volkstrauertag, 15.11.2020
Bitte um Frieden und um Schutz des Lebens
9.30 Uhr und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

„Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.“ Das schrieb der Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann 1968 seinem Freund Peter Huchel, der in der DDR vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht und isoliert wurde. Biermann hat daraus ein ganzes Gedicht gemacht, das den Titel „Ermutigung“ trägt. Er hat es noch im gleichen Jahr veröffentlicht und eine Melodie dazu komponiert. Diese Liedvertonung wurde sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik populär und gehört zu den bekanntesten Liedern Wolf Biermanns. Der Dichter warnt darin ein Gegenüber, trotz der herrschenden Zustände nicht zu „verhärten“ und zu „verbittern“. Dafür hätte er ebenfalls viele Gründe gehabt, denn er war mit einem Auftrittsverbot belegt worden. Das war schlimm für einen Künstler, er drohte zu resignieren. Aber das wollte er nicht. Er hat auch sich selber mit diesem Lied ermutigt und seine positive Grundhaltung nicht aufgegeben. Das wird besonders an der letzten Strophe deutlich, in der er mit dem optimistischen Bild eines kommenden Frühlings Trost verheißt. Es ist deshalb kein Wunder, dass das Lied auch Eingang in das Gesangsgut kirchlicher Kreise fand.

Doch wie kann das nun gelingen, dass wir uns nicht „verhärten, verbittern und erschrecken“ lassen, ganz gleich wie „hart“, oder „bitter“ oder „schrecklich“ die Zeiten sind? Eine einfache Ermahnung reicht da doch nicht. Wir brauchen noch konkretere Vorschläge und Strategien. Und die gibt es auch. So enthält unser Predigttext von heute einen guten Entwurf, wie wir zu einem friedlichen und positiven Lebensgefühl kommen können. Er steht im ersten Brief des Paulus an Timotheus und lautet:

1. Timotheus 2, 1- 4

1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen,
2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,
4 welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Paulus schrieb das an seinen Freund und Schüler Timotheus, als er selber in Rom in Gefangenschaft war. Ihm war vorgeworfen worden, dass er gegen das Gesetz und die vorherrschenden religiösen Überzeugungen agiert hatte. Er hatte ja sowohl die jüdische Lehre als auch die römischen Götter hinterfragt und das Volk damit in Unruhe versetzt. Er galt als Aufrührer und saß deshalb in Untersuchungshaft. Und die Einkerkerung war sehr streng: Er lag in Fesseln wie ein Verbrecher. Eine erste Gerichtsverhandlung lag hinter ihm. Sie war zwar günstig verlaufen, aber Paulus war skeptisch, dass der Prozess positiv ausgehen würde. Eine Hinrichtung war durchaus realistisch, darüber war Paulus sich im Klaren. Und genauso ist es dann ja auch gekommen.

Timotheus war nun einer seiner engsten Gefährten und hatte in der jungen Kirche in Kleinasien bereits eine verantwortliche Führerstellung als Vertreter des Apostels inne. So hat er nach dem Martyrium des Paulus dessen Werk auch fortgesetzt. Aus den Quellen kann man schließen, dass er wahrscheinlich zum ersten Bischof von Ephesus wurde.

Mit den Briefen an ihn wollte Paulus ihm wohl sein Lebenswerk als Vermächtnis übergeben. Besonders der erste hat den Charakter eines amtlichen Schreibens. Es beginnt mit einigen grundsätzlichen theologischen Klarstellungen und enthält ab dem zweiten Kapitel eine Gemeindeordnung. Und die beginnt mit der Anweisung von „Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung“ im Gottesdienst. Damit beschreibt Paulus das gesamte christliche Gebet, das er als Einheit versteht. Und es soll allen Menschen gelten, ohne Ausnahme, ganz im Sinne der Liebesgesinnung Jesu. So soll es auch für die Kaiser und hohen Beamten erfolgen, also für die heidnische Obrigkeit, die römische Regierung und Verwaltung. Paulus begründet das damit, dass dann das Gemeindeleben gedeihen kann. Er vertraut also darauf, dass Gott die christliche Gemeinde bei der Lenkung der Weltgeschichte berücksichtigen wird, so dass sie Frieden haben und halten kann. Er glaubt daran, dass Gott der Beschützer der gesamten Menschheit ist, und sein Heilsplan alle umfasst. Hinter seiner Missionstätigkeit hatte ja auch die Überzeugung gestanden, dass alle Menschen vom Evangelium erfahren sollten, damit sie gerettet werden. Er wollte sie zur „Anerkennung der Wahrheit“ führen und sie bekehren.

Dafür hat er gelebt und dafür ist er gestorben. Er hat sich also durch nichts „verhärten“ lassen, war unerschrocken, wurde nicht bitter und hat nicht geschwiegen. Möglich wurde ihm das durch seinen Glauben an Gottes Allmacht und die umfassende Wirkung des Gebetes. Das war seine Strategie für ein friedliches und positives Lebensgefühl.  

Und das kann auch uns helfen. Einfach sind die Zeiten, in denen wir gerade leben, ja ebenfalls nicht. Sie sind zwar noch lange nicht so schlimm, wie während der DDR-Diktatur, geschweige denn unter der Herrschaft der Römer, aber vielen Menschen geht es gerade nicht gut. Sie können dem, was die Regierung jetzt in der Corona-Krise beschließt und verordnet, nur schwer vertrauen. Den einen ist es zu wenig, den anderen geht es zu weit. Es ist alles sehr ungewohnt, schränkt uns ein, macht uns nervös und dünnhäutig. Die einen haben dabei Angst vor der Ansteckung mit dem Virus, die anderen vor der Macht der Regierenden, und wieder andere haben Angst vor der Angst, die sich gerade überall verbreitet. Es liegt nahe, dass wir die Politiker und Politikerinnen deshalb verurteilen, ihnen alles Mögliche unterstellen und spekulieren, was sie vielleicht antreibt, ohne dass wir davon etwas erfahren. In vielen Köpfen sprießen gerade Verschwörungstheorien.

Vielleicht hilft das denjenigen, die daran glauben und ihre Hypothesen in die Welt setzen. Sie verharmlosen damit die Gefährlichkeit des Virus, schaffen sich eine andere Realität und fühlen sich sicher. Das mag eventuell eine Hilfe sein, eine optimistische Grundhaltung verbirgt sich dahinter aber nicht. Im Gegenteil: Es entsteht ein sehr düsteres Weltbild, negative Gedanken und Gefühle drängen sich in den Vordergrund, die Aggressivität wächst, und es wird Unfriede gesät. Und das kann nicht gut gehen. Niemandem ist damit geholfen, dass wir hart werden. Es führt vielmehr irgendwann zum Zusammenbruch, so wie Wolf Biermann es formuliert hat: „Die allzu hart sind, brechen, die allzu spitz sind, stechen und brechen ab sogleich.“

Und genau das haben wir als Christen nicht nötig. Im Gegenteil, unser Glaube ist immer friedlich ausgerichtet, er führt zur Versöhnung und zur Liebe, zur Hoffnung und zur Zuversicht. Und um das zu gewinnen, ist es in der Tat gut, für die „Obrigkeit“, d.h. für die Regierenden zu beten, und zwar mit „Bitte und Danksagung“. Gemäß den Anordnungen von Paulus kommt das ja auch fast in jedem Fürbittgebet und damit in jedem Gottesdienst vor.

Die Frage ist allerdings, ob wir überhaupt daran glauben, dass Gott es erhört und dass es etwas bewirkt. Ganz so überzeugt wie Paulus sind wir davon wahrscheinlich nicht. Wir machen zu oft die Erfahrung, dass Gott nicht so handelt, wie wir uns das wünschen. Sonntag für Sonntag oder sogar jeden Tag beten wir für Frieden und Gerechtigkeit, aber sie scheinen sehr fern zu sein, jedenfalls in vielen Teilen der Welt. Hat Gott sich nicht längst verabschiedet und die Menschen sich selbst überlassen, ganz gleich, wieviel wir beten? Diese Gedanken kennen wir sicher alle. Sie liegen angesichts so vieler Konflikte in der Menschheit ja auch nahe und fallen uns in dieser Krise bestimmt wieder ein.

Doch sie sollten uns nicht davon abhalten, trotzdem Fürbitte für alle Menschen zu halten. Das bewirkt nämlich noch an einer ganz anderen Stelle etwas: Es prägt auf jeden Fall unser Bewusstsein und unsere Seele, und zwar in mehrfacher Weise.

Zunächst einmal ändert sich unsere Einstellung zu den Regierenden, denn wir sehen die Politiker und Politikerinnen als unsere Mitmenschen, die genauso viel göttlichen Beistand brauchen wie alle anderen. Was sie beschließen, kann nur menschlich und damit unzulänglich sein. Sie wissen vieles auch nicht besser als wir. Sie haben möglicherweise etwas mehr Macht, aber die ist in der Regel begrenzt. Wir dürfen das Handeln der Regierenden deshalb nicht überbewerten, sondern können es ruhig relativieren.

Denn die letzte Macht hat Gott, daran sollen wir glauben. Er lenkt nach wie vor unsere Geschicke. Er ist der Herr der Welt, und es gilt, auf ihn zu schauen. Mit dem Gebet tun wir das. Wir richten unser Bewusstsein auf den, der größer ist als alle anderen, der die Welt geschaffen hat und auch erhalten will. Wir setzen unser Vertrauen auf seine Gegenwart und Kraft. Denn er ist bei uns, ganz gleich, wie es um uns steht.

Paulus ist für diesen Glauben ein wunderbares Beispiel. Er hat sich nicht erschüttern lassen, die Machthaber haben ihm seinen Glauben nicht austreiben können. Es ist, als ob er befolgt hat, was Wolf Biermann so formuliert: „Du, lass dich nicht erschrecken in dieser Schreckenszeit. Das woll‘n sie doch bezwecken, dass wir die Waffen strecken schon vor dem großen Streit.“ Selbst angesichts des Todes hat Paulus genau das nicht getan, „die Waffen gestreckt“: Er hat seinen Glauben nicht aufgegeben, sondern seine Zuversicht behalten. Und er hat wie Jesus für seine Feinde gebetet. Er war von einem tiefen Frieden und von Ruhe erfüllt.

Und so kann es auch uns gehen. Wenn wir auf Gott vertrauen und am Gebet festhalten, werden unser Bewusstsein und unsere Seele erhellt, und wir beruhigen uns. Angst und düstere Gedanken weichen, wir werden frei und klar. Der Heilige Geist kann Einzug halten, und Frieden wird möglich. Die finsteren Mächte können uns nichts anhaben, weil wir geschützt sind.

Und das ist in der Zeit, in der wir gerade leben, das wichtigste. Damit kommen wir am besten durch die Krise. Es ist gut, wenn wir der Stimme Wolf Biermanns folgen, der uns zuruft: „Du, lass dich nicht verbrauchen. Gebrauche deine Zeit. Du kannst nicht untertauchen. Du brauchst uns und wir brauchen grad deine Heiterkeit.“

Und natürlich wird die Krise auch irgendwann zu Ende sein. Alle Pandemien waren irgendwann vorbei, genauso wie alle Kriege in der Geschichte wieder aufgehört haben, und alle Tyrannen eines Tages gestürzt wurden oder starben. Es hat manchmal lange gedauert, aber am Ende haben sich die konstruktiven Kräfte durchgesetzt. Es war, wie Wolf Biermann am Schluss seines Liedes sagt: „Das Grün ist aus den Zweigen gebrochen.“ Und wer weiß, vielleicht lag es genau daran, dass es immer Menschen gab, die für die „Obrigkeit“ gebetet haben.

Amen.

„Ermutigung“

Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich

Du, lass dich nicht verbittern
In dieser bitt’ren Zeit
Die Herrschenden erzittern
Sitzt du erst hinter Gittern
Doch nicht vor deinem Leid
Auch nicht vor deinem Leid

Du, lass dich nicht erschrecken
In dieser Schreckenszeit
Das woll’n sie doch bezwecken
Dass wir die Waffen strecken
Schon vor dem großen Streit
Schon vor dem großen Streit

Du, lass dich nicht verbrauchen
Gebrauche deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns und wir brauchen
Grad deine Heiterkeit
Grad deine Heiterkeit

Wir woll’n es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid
Dann wissen sie Bescheid.

Text und Melodie: Wolf Biermann 1968

Bekennt euch zu Jesus Christus

Predigt über Matthäus 10, 26- 33: Menschenfurcht und Gottesfurcht

Reformationsfest, 31.10.2020, 18 Uhr, Lutherkirche

Liebe Gemeinde.

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ – Das sind die berühmtesten Lutherworte, gesprochen 1521 auf dem Reichstag zu Worms. Kein Luther-Film kommt ohne sie aus, und meistens sagt Luther sie darin selbstbewusst oder sogar triumphierend. Bis heute sind diese Worte populär.

Sie sind die Antwort Luthers auf die Frage, ob er seine Schriften widerrufen wolle. Und Luther wusste genau, dass es dabei um seinen Kopf ging: würde er es nicht tun, drohte ihm als verurteiltem Ketzer der Feuertod. Trotzdem lehnte er den Widerruf ab, denn seine Predigten seien bibelgemäß und seine Kritik am Papsttum sei ebenfalls durch die Heilige Schrift gedeckt. So lautete seine Begründung.

Ein triumphales „Hier stehe ich …“, und ein selbstbewusstes „Ich kann nicht anders“ sind allerdings Legende. In Wirklichkeit hat Luther seine Rede mit einem schlichten „Gott helfe mir. Amen.“ beendet. Wer für die rhetorische Zuspitzung verantwortlich ist, wissen wir nicht, aber es ist ihm auf jeden Fall ein großer Wurf gelungen, denn die nie gesagten Worte wurden für unsere protestantische Tradition prägend. So stellen wir uns Luther gerne vor: aufrecht stehend, mit stolzgeschwellter Brust vor einem krumm hockenden Kaiser. Das hat Vorbildcharakter, so mutig wären wir ebenfalls gerne.

Und das sollten wir uns auch nicht ausreden lassen, im Gegenteil, es entspricht den Ermahnungen im Evangelium. In der Aussendungsrede sagt Jesus zu seinen Jüngern:

Matthäus 10, 26b- 33

26 Fürchtet euch nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.
27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.
30 Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt.
31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.
32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.
33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Das ist der Predigttext für heute, und er hat als Grundthema die Ermunterung der Jünger: „Fürchtet euch nicht.“ Sie begegnet uns in den wenigen Sätzen dreimal. Offensichtlich wusste Jesus, dass die Jünger Mut für das brauchten, was er von ihnen erwartete: Er sandte sie als Missionare aus. Der Abschnitt steht am Ende seiner Rede, mit der er sie damit beauftragte, in seinem Namen zu predigen. Sie sollten verkündigen, dass das „Himmelreich nahe herbeigekommen ist.“ (Mt. 10, 7) Und Jesus verschwieg ihnen nicht, dass sie dabei viele Anfeindungen und Verfolgungen erleben würden, Hass und Entzweiung, Verurteilung und Leid. Deshalb stellt er am Ende klar die Gottesfurcht über die Menschenfurcht und versichert ihnen, dass Gott immer bei ihnen sein wird. Er veranschaulicht das mit dem Gleichnis von den Sperlingen. Das waren damals im Orient die billigsten essbaren Vögel, sie waren wirtschaftlich also sehr unbedeutend. Trotzdem sind sie Gottes Geschöpfe, und seine bewundernswerte Aufmerksamkeit gilt ihnen genauso wie allen anderen. Und da man vom Kleineren auf das Größere schließen kann, darf man davon ausgehen, dass Gott diejenigen, die sich zu ihm bekennen, erst recht beachtet.

Den Höhepunkt der Rede Jesu bildet dann der letzte Satz, das Wort vom Bekennen und Verleugnen. Es enthält die Bitte um einem klares „Ja“ zu Christus. Er fordert ein eindeutiges Bekenntnis und krönt seine Bitte mit dem Versprechen, dass das nicht einseitig bleiben wird. Er wird sich selber an diejenigen binden, die sich ganz zu ihm halten. Die Festlegung ist wechselseitig und hat universale Gültigkeit: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Das ist der Schlusssatz.

Und den hatte Luther offensichtlich verinnerlicht. Er war ja in einer ganz ähnlichen Situation, wie Jesus sie den Jüngern hier prophezeit: Er stand vor einem Gericht und musste sich verantworten. Und er war bereit, das Martyrium auf sich zu nehmen, d.h. für seine Überzeugung zu sterben.

Denn sie bestand nicht einfach in irgendeiner Ideologie oder menschlicher Lehre, er hatte vielmehr am eigenen Leibe die Erlösungstat Christi erlebt. Seine Seele war frei geworden, weil er die tiefe Erkenntnis gewonnen hatte, dass der Glaube ihn vor Gott gerecht macht. Wofür er „stand“, war größer, als alle menschliche Gerichtsbarkeit, es wies weit über Tod und Leben hinaus. Denn es war das ewige Heil, dessen er sich gewiss war, und er spürte: Christus wird sich zu ihm bekennen, wenn er sich zu ihm bekennt, d.h. wenn er sich ganz auf ihn verlässt und ihm vertraut.

Luthers Zeugnis ist die Grundlage für unsere Kirche, und es ist gut, dass wir das heute feiern. Wir verehren damit keinen Heiligen, aber wir denken an einen Menschen, der mit seiner Standhaftigkeit, seinen brennenden Fragen nach Gott und seinem mutigen Einstehen für seinen Glauben die Kirche tief geprägt hat. Der Reformationstag ruft uns ebenfalls zum freien und furchtlosen Bekenntnis auf und erinnert an die Traditionen, auf die sich die evangelischen Christen gründen.

Und das ist heute genauso wichtig wie damals. Denn nicht alles ist gut geblieben in der Kirche. Wir müssen uns immer wieder reformieren, wie Luther selber gesagt hat.

Und was das bedeutet, können wir uns gut bewusst machen, wenn wir einmal fragen, was denn die Kirche in der jetzigen Krise einbringen kann. Wir haben es ja nicht ganz leicht. Denn auf der einen Seite ist es geboten, dass wir die Schwachen schützen und auf diejenigen Rücksicht nehmen, die am stärksten gefährdet sind. Als Christen sind wir der Nächstenliebe verpflichtet. Insofern ist es gut, wenn die Kirche all die Maßnahmen der Politik, die dazu dienen, dass wir aufeinander Rücksicht nehmen, gutheißt und beachtet.

Doch das darf nicht dazu führen, dass wir verschweigen, was unseren Glauben genauso ausmacht, und das ist die Gewissheit, dass uns weder Tod noch Leben von Gott trennen kann. Unser Glaube weist weit über dieses Leben hinaus und gibt uns eine Hoffnung und einen Mut, der sich durch nichts erschüttern lässt. Das müssen wir ebenfalls verkünden und leben.

Denn viele Menschen verlieren gerade ihre Zuversicht und ihre Seelenruhe. Sie werden krank, weil sie keine Perspektive mehr sehen, weil sie vereinsamen und an Leib und Seele verarmen. Deshalb ist das Bekenntnis zu einem Gott, der all unsere Not kennt und sie längst für uns überwunden hat, in der jetzigen Zeit genauso wichtig wie die Nächstenliebe. Es sollte klar und auffällig sein. Wir dürfen uns als Christen mit dieser Botschaft nicht verstecken, denn sie ist überlebensnotwendig.

Das schreiben auch unsre Bischöfe. So steht in einem Brief von Gothart Magaard an alle Kirchengemeinden ausdrücklich: „Gottesdienste und Kasualien werden in den kommenden Wochen besonders wichtig sein und können weiterhin gefeiert werden. Wir brauchen Orte und Zeiten, wo Sorgen und Ängste formuliert werden können und Menschen Kraft und Hoffnung schöpfen. Auch im Blick auf Seelsorge sollten wir Menschen im Rahmen der Möglichkeiten so gut es geht begleiten.“ (29.10.2020) Und Bischöfin Fehrs sagte in einer Sendung im NDR: „Hoffnung, Zuversicht, Optimismus, Lebenswillen – das sind die Kräfte, die wir jetzt in dieser Pandemie-Zeit mit all ihren Unwägbarkeiten brauchen. Wenn die Corina-Nachrichten niederdrücken, Existenzangst auslösen oder vielleicht einfach nur nerven, ist hartnäckige Zukunftskraft gefragt.“ Und sogar die Hälfte der gesamten Ärzteschaft hat erkannt, wie wichtig es ist, dass die Menschen die Hoffnung nicht verlieren. „Wir müssen die Menschen mitnehmen, ihnen Mut machen, Angst, Panik und Verbote helfen niemandem. Es ist wichtig, Alternativen aufzuzeigen, denn Hoffnung ist ein besserer Partner als Verzagtheit.“ So steht es in einem Papier, das am Mittwoch vorgestellt wurde.

Und das alles kann uns durch die deutliche Stimme des Evangeliums zukommen. Wir sollten uns als Christen deshalb mutig zu unserem Glauben bekennen. Wir müssen die bewährten Hygiene- und Schutzkonzepte dabei ja nicht missachten. Natürlich ist es wichtig, dass wir weiterhin vorsichtig mit unseren Kontakten umgehen. Aber die Angst sollte uns trotzdem nicht beherrschen.

Im Gegenteil, wir sind aufgefordert, gerade jetzt öffentlich von dem zu reden, was wir glauben, und nicht einfach nur zu schweigen. Das ist in vieler Hinsicht sehr wirkungsvoll und wohltuend. Zunächst einmal bedeutet es ja, dass wir uns nicht von dem beeindrucken lassen, was um uns herum geschieht, sondern von dem, worauf wir vertrauen. Wir konzentrieren uns nicht auf die Nachrichten, nicht auf die Maßnahmen und schon gar nicht auf unsere Sorgen. Wir schieben das alles vielmehr beiseite und machen in unserem Bewusstsein Platz für das Bekenntnis des Glaubens.

Dann füllen andere Gedanken unseren Geist und unsre Seele, als sie uns gerade überall in unsrer Umgebung begegnen. Angst und Verzagtheit weichen der Zuversicht. Hoffnung und Liebe werden lebendig, und unsere Seele weitet sich. Wir fühlen uns frei und atmen auf.

Denn was uns erfüllt und wovon wir überzeugt sind, ist nicht einfach nur eine Idee. Wir haben vielmehr jemanden auf unserer Seite, der stärker ist als alle anderen, den lebendigen Gott, der uns durch Jesus Christus erlöst hat. Wenn wir uns zu ihm bekennen, bekennt er sich zu uns. Er ist dann bei uns, seine Gegenwart wird lebendig und spürbar. Oft denken wir ja, glauben heißt, etwas für Gott zu tun. Doch das ist ein Irrtum. In erster Linie geht es darum, dass Gott etwas für uns tut. Wir müssen einfach nur darauf vertrauen, dass er da ist und dass sein Reich kommt. Dann merken wir, dass er sich an unsere Seite stellt, uns rettet und erlöst.

Und diese Botschaft sind wir der Welt schuldig. Es ist deshalb gut, wenn wir genauso furchtlos wie Luther aufstehen und uns zu „Gott, dem Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ bekennen, und zu „Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn“. Er ist Mensch geworden wie wir, hat gelitten und ist gestorben und wurde begraben. Er stieg bis in das Totenreich hinab. Aber dort ist er nicht geblieben, sondern „am dritten Tage ist er auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel und sitzt nun zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“

Möge der Heilige Geist uns zu diesem Bekenntnis befähigen und uns damit zur „heiligen christlichen Kirche“ machen. Dann haben wir „Gemeinschaft mit allen Heiligen, empfangen die Vergebung unserer Sünden und werden selber auferstehen von den Toten und das ewige Leben ererben.“ (Apostolisches Glaubensbekenntnis)

Amen.

Gebt Christus Raum im Miteinander

Predigt über Epheser 4, 22- 32: Der neue Mensch

19. Sonntag nach Trinitatis, 18.10.2020, 9.30 und 11 Uhr,
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

In der Beschwerdeordnung der Bundeswehr ist genau geregelt, welche Frist und Form bei einer Beschwerde einzuhalten ist. Es heißt dort in § 6, Absatz 1: „Die Beschwerde darf frühestens nach Ablauf einer Nacht und muss innerhalb eines Monats eingelegt werden, nachdem der Beschwerdeführer von dem Beschwerdeanlass Kenntnis erhalten hat.“ Mit der Nacht ist die allgemeine Ruhezeit gemeint, die von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens dauert. Wenn sich einer also bei dem nächst höheren Vorgesetzten beschweren möchte, muss er erst mal eine Nacht geschlafen haben. Das lernen die Rekruten schon in der Grundausbildung. Es kann dabei um Konflikte zwischen Kameraden gehen oder um Probleme zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, und es betrifft sämtliche Bereiche, persönliche und sachliche.

Und das ist eine uralte Regel, die wir ja auch im zivilen Leben kennen: Wenn ich mich über irgendetwas ärgere oder aufrege, ist es gut, zunächst einmal ruhig zu werden, eine Nacht darüber zu schlafen und erst am nächsten Tag zu reagieren. Denn auf jeden Fall hat sich bis dahin meine Gefühlslage verändert: Eventueller Zorn ist verraucht, und ich sehe die Dinge klarer.

Auch Paulus schlägt in seinen Briefen an vielen Stellen vor, dass wir nicht wütend und aufgebracht, sondern ruhig und besonnen miteinander umgehen sollen. So z.B. am Ende des Epheserbriefes. Er schreibt in Kapitel vier Vers 22- 32:

Epheser 4, 22- 32
22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.
26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen
27 und gebt nicht Raum dem Teufel.
28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.
29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.
30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.
31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.
32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Das ist heute unser Predigttext. Es ist ein Teil der Ermahnungen zu einem christlichen Lebenswandel, die die zweite Hälfte des Epheserbriefes bilden. Paulus gibt dort Ermutigungen und Anregungen, wie die Christen leben sollen, damit sie die wahre Gemeinde des Herrn werden. Das Leben verändert sich durch die Taufe und die Zugehörigkeit zu Christus. Der Mensch legt „seinen früheren Wandel“ ab und „erneuert sich in seinem Geist und Sinn, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“

Davon ist Paulus überzeugt, und so gibt er klare und konkrete Anweisungen für die Lebensführung. Er lehnt alle „trügerischen Begierden“ ab, „Lüge, Diebstahl, faules Geschwätz, Bosheit, Bitterkeit und Grimm, Zorn, Geschrei und Lästerung.“ Davon sollen wir uns lossagen, d.h. es beseitigen und abschaffen. Dagegen setzt er Wahrheit, Rechtschaffenheit, gute Rede und den Dienst am Nächsten. Er sagt zum Schluss unseres Abschnittes: „Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

Dabei lässt er keinen Zweifel daran, dass all das wichtig und notwendig ist. Er macht nicht nur Vorschläge, sondern er belehrt und ermahnt die Leser und Leserinnen. Denn Paulus sieht eine Gefahr: Wenn wir das nicht tun und in der Sünde verharren, „richten wir uns selber zu Grunde“. Wir geben „Raum dem Teufel“, d.h. wir lassen böse Kräfte zu, die uns beherrschen und vernichten können. Es ist also nicht beliebig, ob wir uns in dieser Weise in Gottesfurcht üben oder nicht. Wir können einander zum Fluch oder zum Segen werden, und natürlich möchte Paulus, dass der Segen sich durchsetzt. Das ist sein Anliegen: Die Gemeinde soll von Freude gekennzeichnet sein, von Dankbarkeit und Gnade.

Dabei ist das, was er hier sagt, nicht neu. Es entspricht sowohl jüdischem als auch griechischem Denken. Da finden wir ebenfalls Weisungen für ein gedeihliches Miteinander. Es gibt Tugend- und Lasterkataloge, die aufzählen, was zu unserem Heil bzw. zum Untergang führt. Und es ist bis heute aktuell. Menschen brauchen solche Regeln, wenn ihr Zusammenleben gelingen soll. Nicht nur die Bundeswehr hat das erkannt, es gilt genauso in der Familie, im Kollegenkreis, in der Nachbarschaft, in der Gesellschaft usw.

Denn es gibt immer und überall Konflikte, Streit und Ungerechtigkeit. Ich kann mich übergangen fühlen, missachtet oder betrogen. Jemand anders verletzt oder enttäuscht mich, ich werde bevormundet, klein gemacht, beleidigt oder was auch immer. Und dadurch entstehen dann all die negativen Gefühle und Regungen, die Paulus aufzählt: „Bitterkeit, Wut und Zorn“. Und die führen zu „Geschrei, Lästerreden und Boshaftigkeit“. Meistens ist es dann so, dass der oder die Lautere gewinnt. Zu einer Klärung kommt es dabei nicht, geschweige denn zu einer Beilegung des Konfliktes. Das gelingt nur, wenn wir „freundlich miteinander umgehen, Erbarmen zeigen und bereit sind zu vergeben“. Und dafür brauchen wir einen gewissen Abstand zu dem Vorgefallenen, wir müssen uns erst einmal beruhigen, die Gefühle in den Griff bekommen und wieder klar denken. Erst dann ist es möglich, aufeinander zuzugehen und Konflikte ins Reine zu bringen.

Das sind wie gesagt Erkenntnisse, die wir überall finden. Trotzdem sind sie natürlich nicht ganz einfach umzusetzen. Oft brauchen wir dazu die Hilfe von jemand Außenstehenden, und die gibt es zum Glück. Es ist sogar eine klar definierte Aufgabe oder sogar ein Beruf. Bei der Bundeswehr übernehmen das die sogenannten „Vermittler“, in der Politik oder in der Rechtsprechung können es „Schlichter“ sein, und im therapeutischen Bereich die „Berater“. Sie helfen uns, unsere Probleme zu bewältigen und zu Lösungen zu kommen.

Aber ist das nun alles, was Paulus uns hier vorschlägt. Geht es ihm einfach nur darum, dass unser zwischenmenschliches Leben glatt läuft und gut funktioniert? Dann wäre das, was er hier sagt, ja so etwas wie ein Übungsprogramm, eine bestimmte Moral und Ethik, und wir fragen uns: Wollen wir das überhaupt hören? Wer kann das denn hinkriegen? Ist das nicht ein viel zu hoher Anspruch? Für die Bundeswehr kann es ja sein, dass die Abläufe so streng geordnet werden, aber soll es überall so militärisch zugehen? Sollen wir uns immer zusammenreißen und versuchen, uns so gut und anständig wie möglich zu verhalten? Das kann doch nicht die Botschaft von Paulus sein!

Und in der Tat geht es Paulus letzten Endes um noch etwas ganz anderes. Was das ist, erfahren wir am Ende unsers Textes, denn da bezieht er sich auf Christus. Mit ihm begründet er seine Ermahnungen, und Christus ist auch der, durch den das alles überhaupt möglich wird. Der letzte Halbsatz lautet nicht umsonst: „wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“ Damit erinnert Paulus daran, dass wir als Christen eine ganz wichtige Voraussetzung haben. Wir verlassen und gründen uns in allem auf Christus. Er hat auf jeden Fall so gelebt und gehandelt, wie Paulus es hier beschreibt. D.h. er ist immer freundlich zu uns, er vergibt uns und hat Erbarmen. Jesus hat einen heiligen Lebenswandel geführt und verkündet, und um ihn geht es Paulus, um seine Gegenwart und Kraft. Paulus lädt uns ein, auf Jesus Christus zu schauen und seinen Geist zu empfangen. Nur dann kann es gelingen, dass wir „neu werden“.

Und jetzt komme ich auf den Anfang zurück: Dazu kann die Nacht dienen, die wir zwischen einen Vorfall und unsere Reaktion einschieben. Nachts sind wir nicht mehr abgelenkt und können uns alle negativen Regungen, die in uns sind, anschauen: unseren Unwillen, eine seelische Hitze oder ungute Leidenschaft. Und wir haben dann viel Zeit, in der sich das alles legen kann.  

Das scheint beim ersten Hören nicht ganz zu dem zu passen, was Paulus in unserem Text an einer Stelle erwähnt. Da steht nämlich, dass wir „die Sonne nicht über unserem Zorn untergehen lassen sollen“. Darunter stellen wir uns vor, dass wir noch vor dem Abend alles klären sollten, was uns von anderen trennt. Und das klingt etwas anders als die allgemeine Weisheit, erst einmal eine Nacht zu schlafen, bevor es weitergeht. Aber so stark unterscheiden sich die beiden Anweisungen gar nicht voneinander, sie liegen sogar ziemlich dicht zusammen. Denn auch Paulus sagt damit, dass wir uns beruhigen sollen, und er weiß, dass das ein paar Stunden dauern kann. Ob es nun vor oder nach dem Sonnenuntergang geschieht, ist gar nicht so entscheidend. Wichtig ist einfach nur, dass wir unseren „Zorn“ ablegen. Und das kann gut gelingen, wenn uns nichts anderes mehr stört.

Wir können dann auch am besten die Hilfe in Anspruch nehmen, die da ist. Sie kommt von Christus. Er ist gegenwärtig und mit ihm seine unendliche Liebe und Barmherzigkeit. Die erleben wir, wenn wir uns einfach nur vor ihn stellen und ihn um Hilfe bitten. Wir lösen uns damit ganz von selber von dem, was uns gefangen hält, und legen es ab. Das Erbarmen Christi zieht in uns ein und verwandelt uns. Wir müssen den Zorn nicht mit in den Schlaf nehmen, sondern gehen mit guten Gedanken und Empfindungen in die Nacht. Am nächsten Morgen fühlen wir uns dann neu und befreit. Und wenn das geschieht, ist es gar nicht mehr schwer, dass wir uns auch liebevoll und barmherzig verhalten. Die Freundlichkeit kann siegen, ganz gleich, wie jemand anders mich behandelt hat.

Und das Schönste daran ist: Christus wird lebendig in unserem Miteinander, er kommt wirklich vor und wirkt in unsere Beziehungen hinein. Paulus sagt das Ganze ja, um deutlich zu machen, wie die christliche Gemeinde beschaffen ist und wodurch sie sie sich auszeichnet: Sie ist der „Leib Christi“, sein Geist ist darin lebendig, seine Gegenwart wird wirklich und wahr. Und das geschieht, wenn alle Gemeindeglieder versuchen, ihm Raum zu geben. Dann hat der „Teufel“ keinen Platz, und der „Tag der Erlösung“ kann kommen.

Amen.

Tragt Gottes Liebe in die Welt

Predigt über Apostelgeschichte 6, 1- 7: Die Wahl der sieben Diakone

13. Sonntag nach Trinitatis, 6.9. 2020, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Nun leben wir bereits ein halbes Jahr mit der Corona-Pandemie, und das Ende der Krise ist nicht in Sicht. Das macht viele Menschen mürbe und ungeduldig, traurig und seelisch krank.

Doch das ist nur die eine Seite. Wie jede Notlage, so birgt auch diese Krise Chancen. Das hat sich bereits vielfach gezeigt: Im Kulturbereich, in Geschäften und auch in der Kirche ist ganz viel Kreativität und Flexibilität freigesetzt worden. So hat das Schleswig-Holstein-Musik-Festival phantasievolle Wege ausprobiert, und es war wunderbar, was dabei herausgekommen ist. In der Gastronomie wurden neue Modelle der Bewirtung von Menschen mit leckeren Speisen erfunden. Und auch bei den Gottesdiensten in unseren Gemeinden ist viel in Bewegung gekommen, das Geist und Seele anregt und unseren Glauben erfrischt. Wir alle reagieren damit auf die Notlage und nutzen die Krise als Chance.

Und das mussten Menschen schon immer. Bereits den Aposteln in der Urgemeinde erging das so. Wir können das in der Apostelgeschichte lesen. Dort steht in Kapitel sechs:

Apostelgeschichte 6, 1- 7

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.
3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Das ist unser Predigttext von heute, und in dem ist gleich am Anfang von einer Krise die Rede. Sie war zwar vergleichsweise klein, aber es gab einen Konflikt: Und zwar war nicht lange nach der Entstehung in der Jerusalemer Gemeinde ein Missstand eingetreten. Es ging um die „tägliche Versorgung“. Davon ist hier die Rede. Wir können daraus schließen, dass jeden Tag in der Gemeinde Nahrungsmittel an alle verteilt wurden. Es heißt ja auch in Kapitel zwei: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.“ (Apg.2,44-46) Es wurde also jeden Tag gleichmäßig verteilt, was die Menschen für ihren Lebensunterhalt brauchten. Keiner sollte hungern oder Mangel leiden. Die Armen wurden von den anderen mit bedacht, und alle hatten genug.

Doch nun gab es eine besonders bedürftige Gruppe von Menschen, die nicht in diese Versorgung einbezogen war. Das waren die Witwen der griechischen Juden, also Frauen, die ihre Männer verloren hatten und in Jerusalem fremd waren. Sie hatten keine Verwandten vor Ort und damit keine Großfamilie um sich, und sie wurden übersehen. Das war hier der Missstand, und darüber beschwerten sich ihre Landsleute bei den Aposteln, den Leitern der Gemeinde.

Und die reagierten daraufhin ganz kreativ und praktisch. Zunächst riefen sie eine Gemeindeversammlung ein und trugen das Problem vor. Es war offensichtlich organisatorischer Art. Denn die Apostel selbst hatten keine Zeit, auch noch diese Aufgabe zu übernehmen. Sie versahen bereits den „Dienst am Wort“, und der sollte auch nicht zu kurz kommen. Die Gemeinde war ja noch jung, und es war ihnen wichtig, dass das Wort Gottes weiter gepredigt wurde. Der Glaube musste gefestigt werden. Außerdem kamen immer noch mehr Menschen hinzu. Die Gemeinde wuchs und wurde größer, und das sollte auch so bleiben.

Doch der „Tischdienst“, wie es wörtlich heißt, war ihnen ebenfalls wichtig. Sie hielten das Anliegen, dass alle Armen versorgt wurden, für vollkommen berechtigt, und deshalb brauchten sie Helfer, Männer, die bereit waren, sich um die diakonischen Aufgaben zu kümmern. Die sollten auf dieser Versammlung nun gewählt werden. So wurden sieben kluge Männer mit einem guten Ruf bestimmt, die vom Geist Christi erfüllt waren. Unter Handauflegung und Gebet wurden sie für ihren Dienst eingesetzt.

Das ist die Geschichte, die wir heute bedenken, und sie macht einiges deutlich, was für unseren Glauben, in der Gemeinde und in der Kirche wichtig ist.

Zunächst einmal sehen wir, dass das Evangelium keine bloße Ideologie ist. Es war den Aposteln zwar wichtig, dass das die Lehre Jesu gepredigt wurde, aber es blieb nicht einfach nur beim Wort. Das Reden und Zuhören war lange nicht alles, was das Gemeindeleben ausmachte.

Und das müssen auch wir uns zu Herzen nehmen, denn leider tendiert unser Glaube oft dahin, eine bloße Kopfsache zu sein. Er besteht aus guten Gedanken, die wir aufschreiben und über die wir uns unterhalten. Es gibt Lehrsätze, Geschichten und Bekenntnisse. Das ist zwar alles schön und gut und bildet auch die Grundlage, aber unsere Dogmen können uns auch starr und unbeweglich machen. Sie lassen uns rückwärtsgewandt sein oder verleiten uns zu Zukunftsvisionen. Und all das ist gefährlich, denn entscheidend ist das, was jetzt in unserem Leben und in der Gesellschaft geschieht. Der Glaube ist etwas Lebendiges und Gegenwärtiges, er reagiert auf die jeweilige Situation. Er macht offen und handlungsfähig, beweglich und kreativ. Im Glauben nehmen wir jeden Tag aus Gottes Hand und sehen, was er uns schenkt.

Es gibt um uns herum und auch in unserem eigenen Leben viele Nöte: Armut und Einsamkeit, Traurigkeit und Verlassenheit, Hunger und Krankheit. Wer an Jesus Christus glaubt, sieht das alles, lindert es und schafft Abhilfe. Das ist der erste Punkt, der an unserer Geschichte deutlich wird.

Als zweites sehen wir, dass christlicher Glaube immer etwas mit Gemeinschaft zu tun hat. Keiner und keine kann ganz für sich alleine das Evangelium leben. Es führt uns zusammen und lässt uns füreinander da sein. Christen unterstützen sich gegenseitig, sie teilen und helfen, nehmen Rücksicht und dienen einander. Dabei wird hier sehr schön deutlich, dass nicht alle alles machen müssen. Es gibt verschiedene Begabungen und Veranlagungen. Die einen sind mehr zum Predigen geeignet, die anderen mehr für die Armenpflege. Außerdem ist klar, dass es keine Unterschiede gibt. Das Evangelium und die Nächstenliebe gelten allen gleichermaßen. Es werden keine Grenzen gezogen, niemand wird ausgeschlossen. Alle sind füreinander da. Das ist der zweite Punkt.

Und damit könnte alles gesagt sein, doch es gibt noch etwas Drittes, das wichtig ist, und das ist der Grund für unser Handeln. Es geht hier nämlich nicht nur um Mitgefühl und Kontaktfreudigkeit. Tatkraft und Hilfsbereitschaft haben ja auch viele Menschen, die gar nicht an Jesus Christus glauben. Das macht die christliche Gemeinde also noch nicht aus. Sie ist nicht bloß eine Einrichtung, die sich um soziale Belange und die Hilfsbedürftigen kümmert.

Wir leben vielmehr in der Nachfolge Jesu Christi und bezeugen, dass er durch seine Liebe unser Leben erneuert hat. Die Gegenwart Jesu Christi motiviert uns, mit unserem ganzen Leben seinem Vorbild zu folgen. Die Grundlage bleibt das Evangelium. Deshalb war es den Aposteln auch so wichtig, dass sie weiterhin genug Zeit hatten, es zu verkündigen. Sie wollten, dass das Wort Gottes den Lebensstil prägt und das Miteinander immer wieder korrigiert. Der Blick sollte frei bleiben für das, was Jesus Christus schenkt.

Und das ist deshalb wichtig, weil die Hilfe, die wir anbieten, dadurch eine Qualität erhält, die es woanders so nicht gibt. Denn wir bringen den Menschen die Liebe Christi, sie kommen durch uns in Berührung mit Gott. Und das ist deshalb gut, weil ihnen das letzten Endes am meisten fehlt, auch wenn sie es gar nicht wissen. Jeder und jede sehnt sich nach einer Liebe, die über Zeit und Raum hinaus weist, die noch mehr beinhaltet, als bloße Mitmenschlichkeit, die eine andere Tiefe und Weite hat. Sie suchen eine ewige Hoffnung und eine Zuversicht, die in jeder Notlage, ja selbst im Sterben noch trägt. Und die gewinnen sie nur durch Jesus Christus.

Es ist also gut, wenn wir uns immer wieder fragen: Ist das Evangelium wirklich die Grundlage meines Lebens? Hat Jesus Christus meinen Geis erneuert? Frage ich täglich nach seinem Willen und stehe ich ihm zur Verfügung? Wenn wir uns so prüfen, kommt alles vor, was Jesus Christus gewollt hat. Dann bleiben wir wach und offen, sehend, kreativ und praktisch. Wir werden fähig zur helfenden Tat, die von echter Liebe erfüllt ist und sich aus Gottes Liebe speist. Sie bringt den Menschen die Ewigkeit. Und das ist das, was wir in der jetzigen Krise als Kirche einbringen können. Wir haben die Chance, mit unserem ganzen Leben zu bezeugen, dass Jesus Christus lebt und alle Menschen liebt.

Es gibt eine Heilige, die auch evangelische Christen als Sinnbild für die tätige Nächstenliebe verehren. Das ist Elisabeth von Thüringen. Sie lebte im 13. Jahrhundert, und von ihr gibt es folgende Legende:
„Als Elisabeth eines Tages in die Stadt geht, um den Armen Brot zu geben, obwohl gerade dies ihr unter Strafe verboten ist, trifft sie die Mutter ihres Mannes, die ihre Barmherzigkeit nicht gutheißt und ihr eine Falle stellen will. Auf die Frage, was sie in dem Korb habe, den sie bei sich trägt, antwortet Elisabeth, es seien Rosen im Korb. Ihre Schwiegermutter bittet sie, das Tuch zu heben, um die wunderbaren Rosen sehen zu können. Widerwillig hebt Elisabeth das Tuch, und im Korb liegen Rosen statt des Brotes für die Armen.“

An diese Geschichte erinnert der katholische Theologe Claus-Peter März mit dem folgenden Lied:

1. Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht,
und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe die alles umfängt,
in der Liebe die alles umfängt.

2. Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt,
und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
dann Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

3. Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält
und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

4. Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt
und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

5. Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist,
und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

 (1985)

Amen.

 

Jesus reinigt unsre Seele

Im Gottesdienst wurde ein vierjähriger Junge getauft.

Predigt über Johannes 13, 1- 15: Die Fußwaschung

Sommerpredigt Wasser IV: Wasser reinigt
16.8.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche

Johannes 13, 1- 15

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.
2 Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten,
3 Jesus aber wusste, dass ihm ader Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging,
4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich.
5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.
6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.
9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!
10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.
14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.
15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

Liebe Gemeinde.

Zu Weihnachten und am Geburtstag bekommen wir Geschenke, manchmal auch noch zu Ostern. Du, Leander, hast auch noch ganz schön viel von deinem alten Kindergarten geschenkt bekommen, als du da verabschiedest wurdest. Mit dem Jahrestag der Taufe ist das anders, da schenken wir uns normalerweise nichts. Wir feiern ihn ja auch nicht, und viele von euch wissen wahrscheinlich noch nicht einmal, wann ihrer überhaupt ist.

Dabei ist er eigentlich auch ein Feier- und Geschenketag, denn bei der Taufe geschieht etwas sehr schönes und großes, das für unser ganzes Leben wichtig ist: Jesus schenkt uns bei der Taufe nämlich seine Liebe und Hilfe, den Glauben und das Vertrauen, Vergebung und Kraft. Er tut für uns das, was er auch für seine Jünger getan hat, als er sich von ihnen verabschiedete. Wir haben die Geschichte eben gehört. Sie erzählt uns, wie er ihnen die Füße wusch.

Er tat das, bevor er das letzte Mal mit ihnen zusammen Abendbrot aß. Er wusste da bereits, dass er in der kommenden Nacht gefangen genommen und hingerichtet werden würde. „Er war zu der Gewissheit gelangt, dass seine Stunde gekommen war und er die Welt verlassen und zum Vater gehen sollte“, wie es heißt. (Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christine Nord, Frankfur a.M., 2003, S. 343f)  Und er hat die Fußwaschung ganz bewusst zu diesem Zeitpunkt gemacht. Er wollte seinen Jüngern noch einmal zeigen, dass er sie liebte, und er wollte ihnen damit auch ein Vorbild für ihren Dienst aneinander geben. Das erklärte er ihnen am Ende.

Aber vorher „erhob er sich vom Mahl, zog sein Gewand aus und legte sich ein Tuch um die Lenden wie ein Sklave. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Lendentuch abzutrocknen.“ (s.o.) So wird es hier beschrieben. Die Fußwaschung selbst war dabei nichts besonderes, das geschah damals immer, wenn man ein Haus betrat und sich zum Essen versammelte. Die Füße waren ja meistens staubig von der Reise, man ging normalerweise zu Fuß und trug nur Sandalen. Ein Sklave wusch den Gästen deshalb den Staub von den Füßen. Das war wie gesagt normal. Aber dass Jesus das jetzt tat, das war ungeheuerlich. Gerade im Johannesevangelium wird überall betont, dass er der Gottessohn ist, dem alles zu Füßen liegt. Und der verrichtete hier einen Sklavendienst!

Deshalb protestierte Petrus auch. Er konnte das nicht ertragen. Zweimal wehrte er sich dagegen, und zweimal musste Jesus ihm erklären, warum er das machte. Seine zweite Antwort war sogar eher eine Warnung: „Wenn ich dir nicht die Füße wasche, dann bekommst du nichts ab von dem, was ich bin“, sagte er. (s.o.) Er machte also deutlich, dass es nicht nur irgendein Liebesdienst war, den er hier ausübte, sondern die Fußwaschung war ein Gleichnis für das, was er den Menschen sowieso schenken wollte. Und das war in Wirklichkeit noch viel mehr. Denn es waren die Ewigkeit und die Liebe Gottes, und damit die Hoffnung und die Zuversicht. Wenn Petrus sich das also nicht gefallen gelassen hätte, wäre er nicht zu Gott und in den Himmel gekommen. Das hatte Jesus ihnen immer beigebracht, das war die ganze Zeit sein Thema gewesen, und die Jünger waren ihm deshalb auch nachgefolgt. Sie wollten dieses Geschenk von ihm haben. Mit der Fußwaschung zeigte Jesus ihnen nun, dass er ihnen das wirklich gab. Er hat nicht nur darüber gepredigt, sondern er machte es auch wahr. Am Ende verstand Petrus das dann schließlich und ließ es deshalb zu, dass Jesus ihm die Füße wusch.

Aber die Geschichte ist damit nicht zu Ende, es folgt noch eine zweite Erklärung von Jesus. Er sagte: „Als Herr und Lehrer habe ich euch die Füße gewaschen, und nun müsst ihr euch auch gegenseitig die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr genauso handelt wie ich.“ (s.o.) Er verpflichtete seine Jünger also zu Hilfsbereitschaft und zu selbstloser Liebe.

Und damit sind auch wir angesprochen. Wir sollten uns die beiden Erklärungen ebenfalls zu Herzen nehmen. Dabei finde ich es allerdings wichtig, dass wir sie hintereinander beachten. Möglicherweise liegt uns die zweite Deutung nämlich näher: Dass wir als Christen hilfsbereit und liebevoll sein sollen, das wissen wir und das finden wir auch wichtig. Es ist ja auch relativ einfach, weil es eine klare Handlungsanweisung ist. Wir werden zu einem bestimmten Verhalten aufgefordert. Uns wird gesagt, was wir tun sollen. Und über so etwas sind wir meistens froh. Es ist praktisch und verständlich. Außerdem ist es schön, anderen zu helfen, denn wir werden dadurch zu guten Menschen und finden viel Anerkennung. Wir sind mit uns selber zufrieden und haben ein gutes Gewissen. Wir können mit dem Beispiel Jesu also etwas anfangen.

Aber ganz so einfach ist das alles leider nicht, denn wir bekommen es gar nicht immer hin, wirklich gut und liebevoll zu sein. Wir schaffen es überhaupt nicht, immer alles richtig zu machen. Und das ist auch nicht der Sinn unseres Glaubens. Das zeigt uns diese Geschichte sehr schön. Jesus sagt uns hier, dass das erste, was im Glauben zählt, nicht unsre Taten sind. Es beginnt vielmehr damit, dass er etwas für uns tut. Unserem Dienst an den anderen geht der Dienst Jesu an uns vorweg. Den müssen wir uns erst einmal gefallen lassen und den dürfen wir auch nicht überspringen. Sonst wird unsere Nächstenliebe zur Werkgerechtigkeit, und die hat Jesus ganz bestimmt nicht gemeint. Wir sollen nicht einfach nur gute Werke tun, sondern erst einmal ein Geschenk von ihm empfangen, und zwar das Geschenk seiner Liebe und Barmherzigkeit.

Und das ist deshalb nicht ganz einfach, weil es Demut und Selbstüberwindung erfordert. Wir müssen dafür nämlich zugeben, dass wir im Leben Fehler machen, dass wir nicht immer optimal miteinander umgehen, nicht perfekt sind und manchmal versagen. Darin besteht hier die Schwierigkeit, denn das geht uns gegen den Strich. Unser Stolz will diesen nüchternen Blick auf unser Leben am liebsten verhindern. Wir müssen sozusagen auf den Boden kommen. Und das tut manchmal weh. Wir täuschen uns und die anderen ganz gerne über unsere Fehler und Schwächen hinweg. Wir überspringen diesen Punkt lieber. Denn so angenehm ist das nicht. Wir akzeptieren unsere schlechten Seiten eben nicht richtig.

Aber genau damit hat Jesus ein Ende gemacht. Er will nicht, dass wir erst einmal zu guten Menschen werden, sondern er liebt uns so, wie wir sind. Wir müssen uns vor ihm nicht schämen oder verstecken. Denn er nimmt uns auch mit unseren Fehlern an und wäscht den Dreck ab, den wir in unserer Seele haben. Das müssen wir uns einfach nur klar machen und uns gefallen lassen. Dann passiert das, was hier in der Geschichte vorkommt: Wir werden innerlich gereinigt, an Seele und Geist. Es beginnt damit, dass wir uns entspannen können. Die Anstrengung fällt von uns ab. Der Leistungsdruck verschwindet, und das tut gut. Wir werden ruhig und nüchtern. Wir werden plötzlich mit einer ganz anderen Kraft erfüllt, als unserer eigenen.

Die Taufe ist dafür ein sehr schönes Ritual. Es ist das Ereignis, bei dem Jesus uns seine Liebe schenkt, für unser ganzes Leben. Wir müssen sie nur empfangen. Anstatt selber aktiv zu werden, dürfen wir bei der Taufe passiv sein und uns etwas gefallen lassen. So wie die Jünger es auch waren, als Jesus ihnen die Füße wusch. Das Wasser der Taufe erinnert uns daran. Es ist ein Symbol für die Reinigung. Jesus „wäscht damit unsere Seele“, er vergibt uns alle Schuld und nimmt uns die Sünden ab.

Und daraus folgt dann das Zweite, nämlich dass wir so auch miteinander umgehen sollen. Die Nächstenliebe ist eine Wirkung der Liebe Jesu. Die Kraft und die Liebe, die wir durch Jesus empfangen, die können und sollen wir natürlich weitergeben. Sie prägt unser Miteinander. Es wäre ja auch widersinnig, wenn das nicht geschehen würde. Aber wir sollten die richtige Reihenfolge beachten, denn nur dann wird unsere Nächstenliebe so, wie Jesus es gemeint hat. Sie ist dann nicht das angestrengte Werk, das mich gerecht macht, sondern ein Ausdruck des Geschenkes, das ich bekommen habe. Sie kommt nicht aus dem Kopf oder dem Willen, sondern vom Herzen. Sie entspringt in unserem Inneren und fließt aus uns heraus.

Dieser Zusammenhang kommt auch sehr schön in dem Taufspruch von Leander zum Ausdruck. Er lautet: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Mk. 9,23) Das hat Jesus einmal zu einem Mann gesagt, dessen Sohn krank war. Er wollte, dass er wieder gesund wurde, und er glaubte, dass Jesus das tun konnte. Und so geschah es dann auch, der Junge wurde geheilt.

Und das heißt für uns: Wer sich an Jesus wendet, bekommt immer eine Antwort. Er muss nie aufgeben und kann jederzeit neu anfangen. Er bekommt Kraft für alle seine Vorhaben, er wird gesund und stark, zuversichtlich und ruhig. Und er wird mit Liebe für seine Mitmenschen erfüllt, das Leben kann gelingen.

Das alles wird dir, Leander, heute geschenkt. Und das ist etwas ganz Großes. Wir alle haben bei unsrer Taufe dieses Geschenk bekommen. Es lohnt sich also, dass wir uns taufen lassen, und dann jedes Jahr an diesen Tag denken und ihn feiern.

Amen.

 

Jesus gibt uns „mehr als alles“

Im heutigen Gottesdienst wurde eine Jugendliche getauft, nächsten Sonntag feiern wir die Taufe eines kleinen Jungen. Das hat mich auf eine Predigtreihe über Wassergeschichten aus der Bibel gebracht, denn Wasser spielt bei der Taufe ja eine Rolle. Es erinnert an vieles, auch daran, dass Jesus einmal gesagt hat: „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ Das sagt er in einem Gespräch mit einer Samariterin, die er einmal an einem Brunen traf. Die Geschichte steht im Johannesevangelium, und der Anfang daraus war heute der Predigttext.

Predigt über Johannes 4, 1- 14: Jesus und die Samariterin

Sommerpredigt Wasser III: Jesu ist das lebendige Wasser
9.8.2020, 9.30 Uhr Lutherkirche

Johannes 4, 1- 14

1 Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes
2 – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –,
3 verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.
4 Er musste aber durch Samarien reisen.
5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab.
6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde.
7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!
8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen.
9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. –
10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser.
11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser?
12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.
13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten;
14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Liebe Gemeinde.

„Es muss im Leben mehr als alles geben“. So lautet der Titel eins Kinderbuches von dem amerikanischen Autor Maurice Sendak. 1962 hat er es geschrieben, und es enthält eine wunderbare Geschichte, in der wir uns alle wiederfinden können. Sie handelt von dem Hund namens Jennie, der buchstäblich „die Schnauze voll hat“. Eigentlich hatte Jennie alles, was ein Hund sich wünschen kann. Sie schlief auf einem runden Kissen im oberen und auf einem viereckigen im unteren Stockwerk. Sie hatte zwei Fenster, um nach draußen zu schauen, zwei Schüsseln für ihr Futter und vieles mehr. Auch hatte sie einen Herrn, der sie liebte. Doch das kümmerte Jennie wenig. Eines Nachts packte sie alles, was sie besaß, und blickte zum letzten Mal zum Fenster hinaus. Selbst die Topfpflanze konnte sie nicht daran hindern, fortzulaufen. „Du hast doch alles, was ein Hund sich wünscht. Warum läufst du dann fort?“ fragt sie. „Weil ich unzufrieden bin. Ich wünsche mir etwas, was ich nicht habe. Es muss im Leben noch mehr als alles geben.“ Antwortete Jennie und lief davon. (https://kulturbeschau.blogger.de/stories/1431724/)

Die Geschichte handelt also von der Unruhe des Herzens, und das ist eine Erfahrung, die wahrscheinlich jeder und jede irgendwann einmal macht: Wir könnten zufrieden sein mit dem, was wir haben, was wir uns leisten können, besonders wenn wir uns mit den Menschen dieser Erde vergleichen, die am Rande des Existenzminimums leben. Aber wir sind es nicht. Wir haben einen unstillbaren Durst nach etwas, das „mehr als alles“ ist.

Und das wusste auch Jesus. Ihm war klar, dass wir noch viel mehr zum Leben brauchen, als wir oft meinen. Das normale Wasser reicht nicht, um unseren Durst zu löschen. Mit diesem Bild erklärte er das einmal einer Frau, die er an einem Brunnen traf. Er unterhielt sich mit ihr über das „wahre Wasser des Lebens.“ Das Gespräch steht im Johannesevangelium, und wir haben den Anfang davon eben gehört.

Jesus kam in der Mittagshitze erschöpft bei diesem Brunnen an und setzte sich zum Ausruhen auf den Rand. Dann kam die Frau, um dort wie gewohnt Wasser zu schöpfen, und Jesus sprach sie an. Das war ungewöhnlich, und brachte die Frau in Verlegenheit. Denn die beiden waren allein dort, und diese Situation war aus zwei Gründen für beide schwierig: Erstens sprach – nach damaliger Sitte – ein jüdischer Mann nicht eine Frau an, und zweitens herrschte zwischen Juden und Samaritern Feindseligkeit. Jeglicher Kontakt war verboten.

Darauf wies die Frau Jesus zunächst hin, doch er ignorierte das. Er wollte mit ihr sprechen und eröffnete den Dialog mit der Bitte um Wasser. Dabei ging es ihm von Anfang an um das, was er ihr – und damit allen Menschen – geben kann. Er nannte es geheimnisvoll „lebendiges Wasser“. Die Bitte war also nur ein Vorwand, um dieses Symbol einzuführen.

Das merkte die Frau allerdings nicht, sie wunderte sich nur über diesen Fremden und missverstand ihn. Natürlich dachte sie daran, dass er das frische Quellwasser meinte. Warum war er dann aber ohne Schöpfgerät gekommen? Sie redeten aneinander vorbei, denn Jesus verstand unter „lebendigem Wasser“ etwas anderes, das einen tieferen Sinn hat. Er sagte: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“

Um diese Botschaft ging es ihm, und sie bedeutet: „Ich kann dir etwas schenken, das ewig bleibt. Du wirst keinen Durst mehr haben, wenn du das empfängst.“ Jesus sprach von einem Wasser, das im Inneren des Menschen zu einer Quelle wird, die zum ewigen Leben sprudelt.

Und das dürfen wir auch auf uns beziehen: Wenn wir an ihn glauben, wird unser Lebensdurst und unsere Sehnsucht nach der Ewigkeit gestillt. Wir müssen nicht auf noch mehr oder etwas Besseres warten. Es gilt vielmehr, in vollen Zügen das aufzunehmen, was Jesus uns gibt. Er kann uns ganz erfüllen, und dadurch können wir selber zu einer Quelle lebendigen Wassers werden.

Doch was bedeutet das nun? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zunächst bewusst machen, wie wir meistens leben, und wovon unser Verhalten geprägt ist. Es ist oft so ähnlich wie bei dem kleinen Hund Jennie, der zwar alles hatte, aber noch mehr wollte. So geht es uns auch. Obwohl wir viel haben, begehren wir fast immer noch mehr. Wir haben Bedürfnisse, die wir befriedigen möchten, und das versuchen wir dann. Wir meinen, dass wir etwas unbedingt haben müssen, wenn wir glücklich sein wollen. Deshalb konsumieren und reisen wir, verdienen Geld, treffen Menschen, feiern Partys, lesen Bücher usw. Wir denken, „unser Durst wird gelöscht“, wenn wir das alles machen.

Das ist der Punkt, an den Jesus mit seinem Vergleich anknüpft. Er sagt, dass wir von dem natürlichen Wasser immer wieder trinken müssen, und damit stellt er das normale Begehren in Frage. Er macht auf die Nachteile aufmerksam, die alles Materielle und Menschliche, alles Weltliche und Irdische hat. Und darüber lohnt es sich einmal nachzudenken. Es stimmt nämlich, dass wir nie ganz zufrieden sind, wenn wir nur das suchen und haben wollen. Wir brauchen davon immer mehr, das Begehren hört nie auf.

Ein zweites Problem besteht darin, dass alles Irdische irgendwann vergeht. Was wir in unserem Leben erreichen oder aufbauen, kann wieder zerbrechen, nichts hält ewig. Und dazu gehören nicht nur Dinge, sondern auch Beziehungen, Freundschaften und Ehen. Ebenso Fähigkeiten, Ideen und Pläne, Gedanken und Vorstellungen. Alles, was wir aus uns selber heraus schaffen, kann kaputt gehen. Das ist das zweite Problem.

Und die dritte Schwierigkeit besteht darin, dass das Trachten nach den Dingen anstrengend ist, es kostet Kraft und Geld und laugt uns aus. Irgendwann sind wir davon erschöpft und müde.

Es lohnt sich also, das Wasser zu trinken, das Jesus uns gibt, denn es stillt unseren Durst wirklich, es vergeht nicht und schenkt uns Kraft. Doch wie geht das nun? Welche Folgen hat das für unsere Lebensführung und für unser Handeln? Das müssen wir uns als letztes fragen.

Und dazu ist es gar nicht schlecht, wenn wir uns noch einmal den kleinen Hund in Erinnerung rufen. Er hat sich auf den Weg gemacht und alles hinter sich gelassen, was ihn bis dahin gebunden hat. Er hat Abschied genommen und sein bequemes zu Hause verlassen. Und das können wir bildlich verstehen: Auch wir müssen uns aufmachen.

Wenn wir Jesus wirklich in uns aufnehmen wollen, ist es wichtig, dass wir all die anderen Quellen einmal verlassen. Wir wollen ja etwas Größeres und Bleibendes gewinnen, und dazu müssen wir das Kleinere und Vergängliche gelegentlich bei Seite lassen, es ignorieren und daran sozusagen vorbeigehen.

Es gibt eine große Heilige aus dem 16. Jahrhundert, Teresa von Avila, die in vielen Schriften sehr schön dargestellt hat, wie wir Jesus in uns aufnehmen können. Sie hat dafür auch oft das Bild vom Wasser benutzt. An einer Stelle sagt sie: „Alle Ratschläge, die ich euch in diesem Buch gegeben habe, zielen auf einen einzigen Punkt: dass wir uns von allem gelöst ganz dem Schöpfer schenken und unseren Willen in den seinen fügen. Dann wird der Weg kurz, auf dem wir zum Quell lebendigen Wassers gelangen. Aber nur der wird daraus trinken, der seinen Willen so ganz dem Herrn übergibt, dass dieser ihn gänzlich mit dem seinen in Übereinstimmung bringen kann.“ (Teresa von Avila, „Ich bin ein Weib – und obendrein kein Gutes“, ein Portrait der Heiligen in ihren Texten, ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Erika Lorenz, Freiburg i. Br. 1989, S. 79)

Es geht also darum, dass wir uns Gott hingeben. Wir müssen aufhören, uns selber glücklich machen zu wollen. Und dazu gehört es, dass wir all das, was uns fehlt, zunächst einmal akzeptieren, unseren inneren Durst aushalten, ohne ihn gleich mit etwas Vergänglichem zu stillen. Es gehört zu unserem Leben, dass wir nie genug haben, dass wir oft nicht richtig klar kommen, dass vieles zerbricht, und dass wir leiden. Wir wollen das immer so schnell wie möglich beenden, aber das ist nicht der richtige Weg. Wir müssen die Brüchigkeit des Lebens aushalten, ja dazu sagen und auf uns nehmen, was das Leben uns schickt.

Nur dann sind wir offen für das, was Jesus uns gibt. Denn dann können wir innerlich zu ihm gehen, zu ihm rufen und um seine Hilfe bitten. Sie ist sofort da, wir müssen uns um nichts mehr bemühen. Es ist nichts weiter nötig, als dass wir ihn anrufen und uns von ihm lieben lassen.

Wenn Leiden über uns kommen, können wir sagen: „Gib mir Kraft, sie zu tragen.“ Sind es Krankheiten, Enttäuschungen oder Verletzungen, können wir beten: „Hier bin ich, Jesus, ich halte das jetzt aus und versuche nicht, es abzustellen. Denn du hast dich für uns alle, also auch für mich, Gott hingegeben.“ Wir müssen dann nicht darauf warten, dass er uns erfüllt. In demselben Moment, in dem wir uns ihm anvertrauen, wird „unser Durst ganz gelöscht“. Dann brauchen wir wirklich nicht mehr, kein anderes Ding, keinen Menschen und keine Idee. Jesus erfüllt unser Inneres mit seiner Liebe, so dass sie in uns sprudelt.

Die tiefen Schichten in unserer Seele werden angerührt, wir bekommen Leben und Kraft. Wir werden gelassen und mit Geduld und Freude erfüllt. Wir sind ganz von selber zufrieden und glücklich, auch im Leid, auch dann, wenn wir das eine oder andere, was die Welt so bietet, vielleicht nicht haben, und sich nicht alle unser Wünsche erfüllen. Denn Jesus stillt unseren Durst ganz.

Das Wichtigste und Größte, das „mehr als alles“ ist, können wir uns nicht verdienen und auch nicht selber herstellen. Wir können es uns nur von Jesus schenken lassen und dankbar annehmen.

Amen.

 

Der Herr wird für euch streiten

Predigt über 2. Mose 14: Das Wunder am Schilfmeer

Sommerpredigt Wasser II, 2.8.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

In vier Gottesdiensten in diesem Sommer geht es um Geschichten aus der Bibel, in denen Wasser vorkommt. Das letzte Mal haben wir eine gelesen, in der es positiv besetzt war: Es rettet Leben und gibt uns Kraft.  (2. Mose 14, 1- 7) Viele andere Erzählungen in der Bibel handeln aber von genau dem Gegenteil. Sie beschreiben, dass man im Wasser auch untergehen kann. Eine der Bekanntesten ist in diesem Zusammenhang wohl die vom Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer. Sie waren aus Ägypten aufgebrochen, und eigentlich hatte der Pharao sie auch ziehen lassen. Aber dann überlegte er es sich anders und verfolgte sie mit seinen Soldaten. Am Schilfmeer holte er sie ein, und da geschah dann das Wunder und die Katastrophe: Gott spaltete das Meer in zwei Hälften, sodass die Israeliten hindurch ziehen konnten, aber über den Ägyptern schloss sich das Meer wieder, und das ganze Heer ertrank. Für uns klingt das zwar furchtbar, aber in der Geschichte Israels und in seinem Glauben war das das zentrale Ereignis der Rettung durch Gott.

2. Mose 14 in Auszügen

13,20 Die Israeliten zogen aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.
21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.
22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
14,5b Als das dem König von Ägypten angesagt wurde, sprach er: Warum haben wir die Israeliten ziehen lassen, sodass sie uns nicht mehr dienen?
7 Und er nahm sechshundert auserlesene Wagen mit Kämpfern auf jedem Wagen.
9a Und die Ägypter jagten ihnen nach mit Rossen, Wagen und ihren Männern.
10 Und die Israeliten fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN.
13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen.
14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.
19b Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie
20 und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.
21a Und der Herr ließ das Meer zurückweichen.
22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.
24 Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer.
25b Da sprachen die Ägypter: Lasst uns fliehen vor Israel; der HERR streitet für sie wider Ägypten.
27 und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der HERR sie mitten ins Meer.
30 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen.
31 So sah Israel die mächtige Hand, mit der der HERR an den Ägyptern gehandelt hatte. Und das Volk fürchtete den HERRN und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.

Liebe Gemeinde.

Ihr kennt sicher alle das Wort „Gospel“. Es „ist Englisch und heißt auf Deutsch: ,Die gute Nachricht‘. Es setzt sich zusammen aus dem altenglischen Wort gōd, das heißt gut, und spel, auf Deutsch: Erzählung.“ (wikipedia) Dabei steht dieses Wort nicht nur für das geschriebene Evangelium, sondern auch für eine ganz bestimmte Musik. Sie ist in den afroamerikanischen Gemeinden während der Sklavenzeit entstanden und enthält Jazz- und Blueseinflüsse. Die Texte in den Liedern, die wir auch „Spirituals“ nennen, handeln vom Loben, Danken und von der Hoffnung, die aus dem Glauben an Gott entspringt. Der allgemeine Klang der Gospelmusik ist also positiv, optimistisch und fröhlich. Doch diese Fröhlichkeit ist nicht oberflächlich, sondern sie entstammt den tiefen Leiderfahrungen aus der Sklavenzeit.

Und genau das macht diese Musik so inspirierend und attraktiv. Die Gospels haben sich seit ihrer Entstehung weit verbreitet und werden bis heute gesungen. Es gibt überall Gospelchöre, und auch in unserem Gesangbuch finden wir das eine oder andere Lied aus dieser Richtung. Teilweise wurden sie sogar ins Deutsche übersetzt, wie z.B. „Komm, sag es allen weiter.“ (EG 225)

Und sicher kennen viele von euch auch das Lied: „When Israel was in Egypt’s land“. Es beschreibt die Sehnsucht der Israeliten nach Freiheit und die zähe Auseinandersetzung zwischen Mose und dem Pharao, die dem Auszug voranging. Die Sklaven haben sich darin wiedegefunden, weil sie in derselben Situation waren, wie die Israeliten in Ägypten, und weil sie sich ebenfalls leidenschaftlich die Befreiung wünschten. Außerdem glaubten auch sie an einen starken Gott. Die gefangenen Afrikaner klagten ihm ihr Leid und trauten ihm dasselbe Handeln zu wie damals. Das war ihre Hoffnung, und die haben sie besungen und bezeugt.

Wir haben die Geschichte von dem Auszug der Israeliten aus Ägypten eben gehört. Es war allerdings nicht der ganze Text aus der Bibel, der davon berichtet, der ist in Wirklichkeit doppelt so lang. Aber es gibt darin so viele Wiederholungen und auch einige Ungereimtheiten, dass es ein bisschen ermüdend ist, wenn man es alles hört. Man kann auch davon ausgehen, dass hier verschiedene Erzählungen zu einer zusammengefügt wurden. So ist das ganz oft im Alten Testament. In einer Geschichte melden sich oft mehrere Stimmen zu Wort. Wir haben jetzt z.B. nicht gelesen, dass Gott „das Herz des Pharao verhärtete“. (Vers 4) Seine Motivation, die Israeliten zu verfolgen, war einfach nur der Ärger darüber, dass er sie hatte ziehen lassen, und dass sie ihm nicht mehr dienten. Er dachte, die hole ich leicht ein.

Und das Wunder selbst wird auch auf verschiedene Weise beschrieben. In der oben stehenden Version, wird nur gesagt, dass „der Herr das Meer zurückweichen ließ“. Andere Erzähler berichten, dass Mose seinen Stab hob und das Meer teilte. (Vers 16) Es ist aber auch noch von einem Ostwind die Rede (Vers 21), der das Meer zur Seite schob. Das sind wahrscheinlich andere Überlieferungen. Und genauso wird das Untergehen der Ägypter verschieden begründet. Wir haben gehört, dass sie erschrocken und verwirrt waren und ins Meer hineinliefen. An anderer Stelle wird gesagt, dass ihre Räder ins Stocken gerieten, und sie so den Wasserfluten nicht mehr entkommen konnten. (Vers 25)

Es ist also ziemlich eindeutig, dass mehrere Überlieferungen zu Grunde liegen, und man sieht daran, dass die Geschichte immer wieder erzählt wurde. Ich sagte ja auch schon, dass die Rettung am Schilfmeer ein ganz entscheidendes Ereignis für die Israeliten war. Ihr Urbekenntnis, das überall im Alten Testament auftaucht, lautet: „Jahwe hat Israel aus Ägypten herausgeführt.“ Das ist wie eine Formel, die bei ganz vielen Gelegenheiten wiederholt wurde. Wir finden sie in den Psalmen, bei den Propheten und in der Geschichtsschreibung. Und der Kern dieses Themas ist das Wunder am Schilfmeer. Wahrscheinlich sind die Erzählungen darüber sogar jünger, als die Urformel. Sie sind erst im Nachhinein entstanden. Man wollte damit das kurze Bekenntnis theologisch entfalten und deutlich machen, was wirklich geschehen ist. Man erinnerte sich an eine entscheidende Kriegstat Jahwes, und das galt als so eine Art Garantie: Es war eine unverbrüchliche Bürgschaft dafür, dass Gott sein Heil für Israel durchsetzen würde. Das war sein Wille, und das war der Glaube Israels.

Es fällt nämlich auf, dass in allen Erzähltraditionen Gott der allein Handelnde ist. Israel steht tatenlos daneben und lässt seine Macht zu. Und die setzt sich ohne Lärm oder Getöse durch. Gott handelt wortlos und Israel lässt es schweigend und vertrauensvoll geschehen. Der Satz, mit dem das zum Ausdruck kommt, lautet: „Der Herr wird für euch streiten und ihr werdet stille sein.“ Gott verherrlicht sich hier also selbst ohne Mitwirken des Menschen. Nur der Glaube Israels wird betont, denn um den ging es. Der sollte begründet werden. Deshalb endet die Erzählung mit dem Satz: „Und das Volk fürchtete den Herrn und sie glaubten ihm und seinem Knecht.“

Aber wie geht es uns damit? Wir kennen die Geschichte sicher alle, aber führt sie auch uns zum Glauben an Gottes Macht und an sein Heil? Wir sind ja schließlich keine Israeliten und haben die Ägypter genauso im Blick. Die sind nicht gerettet worden, sondern grausam ertrunken. Dieser Gott, von dem hier die Rede ist, ist gar nicht nur gut, sondern er hat auch ei­ne sehr brutale Seite. Und deshalb entstehen für uns erst ein­mal Fragen, wenn wir die Geschichte hören: Was ist das für ein Gott? Wie kann er so etwas tun? Und wollen wir daran überhaupt glauben? Das ist das, was uns beschäftigt.

Und so geht es uns mit dem gesamten Alten Testament. Überall und immer sollen die Feinde sterben und tun es auch. Das wird erzählt, das wünschen sich die Psalmbeter und das verheißen die Propheten. Gott wirkt in der Geschichte, er rettet die Einen und vernichtet die Anderen.

Und das machen wir so nicht mehr mit. Wir haben ein ganz anderes Weltbild. Toleranz steht für uns ganz oben. Wir wün­schen unseren Feinden nicht den Untergang, sondern wollen Frieden für alle. Daran glauben wir, das soll Gott bewirken. Und das ist auch gut so. Zum Glück haben sich unsere Vorstellungen von einem gerechten Gott verändert.

Bloß eine Sache übersehen wir dabei leicht: Es ist noch nicht so weit, dass Gottes gute Macht sich ganz durchgesetzt hat. Den Kampf gegen das Böse gibt es nach wie vor. Unsere Welt ist nicht friedlich. Es gibt die Ungerechtigkeit, den Terror und den Krieg, Rassismus und Diskriminierung. Das Heil Gottes hat noch nicht die ganze Welt erfasst. Diese Tatsache dürfen wir nicht übersehen. Wir stehen nach wie vor in einem Kampf. Das müssen wir erkennen. Wir verharmlosen mit unserer Toleranz auch manchmal die Schärfe der Auseinandersetzungen. Wollen wir gegen Rechtsextreme tolerant sein? Gegen fanatische Fundamentalisten? Gegen grausame Diktatoren und totalitäre Regierungen? Es gibt sie ja leider in vielen Ländern, und das das ist beunruhigend. Wir dürfen das nicht verharmlosen.

Wir müssen vielmehr sehen: Es gibt auch heute noch das Gegeneinander von Gut und Böse, und wir müssen uns entscheiden, wo wir stehen wollen. Die Bibel lädt uns ein, uns klar auf die Seite des Guten zu stellen und daran zu glauben. Und sie will uns dazu nicht nur auffordern, sondern verkündet uns gleichzeitig, woher wir dafür unsere Zuversicht nehmen können, was wir dem Bösen entgegensetzen können. Auch unsere Geschichte enthält diese Botschaft. Sie erzählt uns, woher wir die Hoffnung nehmen können, dass das Böse einmal besiegt werden wird. Sie enthält ein starkes Bekenntnis, denn es kommt ein mächtiger Gott darin vor. Die Schilderung von dem Wunder am Schilfmeer bezeugt: Gott ist letzten Endes stärker als das Böse und er wird eines Tages siegen.

Als Christen dürfen wir das erst recht glauben. Denn in Chris­tus hat Gott seine Macht ein für alle Mal erwiesen. Er hat ihn von den Toten auferweckt, und das ist ein stärkeres Ereignis als alles, was vorher dagewesen ist. Die früheren Taten Gottes weisen aber darauf hin und können verdeutlichen, wie Gott handelt. So kann auch das Wunder am Schilfmeer dafür ein Symbol sein. Das Meer steht dann für den Tod, aus dem die Israeliten auf wunderbare Weise gerettet wurden. Und das kann Gott wirklich tun. Seine Macht ist stärker als der Tod, und es ist gut, daran zu glauben. Denn nur dieser Glaube kann unsere Hoffnung unerschütterlich machen. Nur wenn wir uns daran festhalten, können wir in den Schrecken, die uns umgeben, zuversichtlich bleiben. Das schützt und trägt uns. Und dazu will uns die Geschichte einladen.

Oft halten wir uns ja lieber an anderen Dingen fest. An einer Idee vielleicht, an der Phantasie von einer besseren Welt. Und oft glauben wir auch lieber an unsere eigenen Möglichkeiten. Wir kämpfen für das Gute. Aber dieser Kampf ist oft vergeb­lich, wenn er nicht noch viel tiefer gegründet ist. Unsere Ideen zerbrechen nicht selten an der Wirklichkeit, sie halten nicht. Und dann zerplatzen unsere Träume. Wir werden nüchtern und geben auf.

Vielleicht müssen wir auch erst an diesen Punkt kommen, um uns wirklich an Gott zu halten. Erst wenn wir merken, dass wir nichts mehr tun können, erwacht in uns der Glaube an Gottes Möglichkeiten. Es ist das „Stille werden“, von dem in der Geschichte die Rede ist. Damit fängt der Glaube an. Und dass daraus wirklich eine feste Zuversicht entstehen kann, dafür gibt es viele Beispiele.

Die Schwarzen in Amerika konnten nicht umsonst viel mehr mit dem Alten Testament anfangen, als wir. Sie haben sich in den Geschichten über Israel wiedergefunden und daraus Lieder gemacht. Für die Sklaven war der Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer eine mutmachende Geschichte. Genauso würde Gott auch sie einst befreien. Sie lebten in Gefangenschaft, aber sie glaubten an einen Gott, der sie da herausführen würde. Und so ist es dann ja auch geschehen. Zu Ende ist dieser Kampf um Freiheit noch nicht, das haben wir gerade in den letzten Wochen wieder erlebt. Der Rassismus ist leider überall präsent. Aber es ist gut, dass es eine starke Gegenbewegung gibt, und der Slogan: „Black lives matter“ in vielen Ländern laut bezeugt und gelebt wird.

Denn die Hoffnung auf eine bessere Welt hat einen berechtigten Grund. Wir dürfen daran glauben, dass Gott so, wie er Israel aus Ägypten herausgeführt hat, eines Tages das Heil in der Welt durchsetzen wird. Das ist sein Wille, und der ist stark und mächtig und wird zuletzt auch geschehen.

Das Lied „When Israel was in Egypt‘s land“ bezeugt das. Es steht übrigens auch im Evangelischen Gesangbuch, und zwar im Anhang der Ausgabe für die Landeskirche in Württemberg. (Nr. 603) Da findet sich zusätzlich eine deutsche Übersetzung. Der Schriftsteller und Afrika-Forscher Janheinz Jahn hat sie 1962 geschrieben, und sie lautet folgendermaßen:

1. Als Israel in Ägypten war, –
– lass mein Volk doch ziehn!
das Joch nicht zu ertragen war –
– lass mein Volk doch ziehn!
Kehrvers
Geh hin, Moses, geh ins Ägypterland,

sag König Pharao:
Lass mein Volk doch ziehn!
2. »Gott will’s«, sprach Moses vor dem Thron,
– lass mein Volk doch ziehn!
»sonst töt ich deinen ersten Sohn«
– lass mein Volk doch ziehn!
3. »Genug der Knechtschaft, Last und Fron«,
– lass mein Volk doch ziehn!
»lass ziehn es mit Ägyptens Lohn«
– lass mein Volk doch ziehn!
4. Und Gott wies Mose Weg und Zeit,
– lass mein Volk doch ziehn!
dass er sein Volk zur Freiheit leit’
– lass mein Volk doch ziehn.

Amen.

Trau Gott etwas zu!

Predigt über 2. Mose 17, 1- 7: Israel in Massa und Meriba

Sommerpredigt „Wasser“ I: Wasser bedeutet Leben
26.7.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

2. Mose 17, 1- 7

1 Und die ganze Gemeinde der Israeliten zog aus der Wüste Sin weiter ihre Tagereisen, wie ihnen der HERR befahl, und sie lagerten sich in Refidim. Da hatte das Volk kein Wasser zu trinken.
2 Und sie haderten mit Mose und sprachen: Gib uns Wasser, dass wir trinken. Mose sprach zu ihnen: Was hadert ihr mit mir? Warum versucht ihr den HERRN?
3 Als aber dort das Volk nach Wasser dürstete, murrten sie wider Mose und sprachen: Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass du uns, unsere Kinder und unser Vieh vor Durst sterben lässt?
4 Mose schrie zum HERRN und sprach: Was soll ich mit dem Volk tun? Es fehlt nicht viel, so werden sie mich noch steinigen.
5 Der HERR sprach zu ihm: Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin.
6 Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel.
7 Da nannte er den Ort aMassa und Meriba, weil die Israeliten dort gehadert und den HERRN versucht und gesagt hatten: bIst der HERR unter uns oder nicht?

Liebe Gemeinde.

Am 31. Mai 1934 erklärten die Theologen der sogenannten bekennenden Kirche in Barmen: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ (Die theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen, Artikel 1) Das steht ganz am Anfang ihres Dokumentes, das seitdem zu den grundlegenden Bekenntnissen unserer Kirche gehört, es ist die „Barmer Erklärung“. Sehr deutlich wird darin betont, dass wir als Christen nur einen Herrn und Gott haben, wir brauchen keine weiteren Ideologien. Im dritten Reich war diese Aussage sehr bedeutungsvoll, denn sie richtete sich gegen den Versuch der Nazis, die Kirche ihren Zwecken unterzuordnen. Viele Christen haben das verheerender Weise zugelassen und grenzten sich nicht deutlich ab.

Und in dieser Gefahr, sich verschiedenen teilweise verlockenden und gefährlichen Einflüssen auszusetzen, stehen wir als Christen und Christinnen auch heutzutage noch. Denn so war es schon immer:

Bereits in der Bibel gibt es viele Geschichten, die erzählen, wie das Volk Israel an der Macht Gottes zweifelte und mit ihm haderte. Immer wieder trauten sie ihm nichts mehr zu und ließen sich mit anderen Mächten und Göttern ein.

Das begann bereits in der Zeit der Wüstenwanderung. 40 Jahre lang war das Volk Israel unterwegs von Ägypten Richtung Palästina. Sie lebten wie Nomaden, und das führte natürlich viele Entbehrungen mit sich: Es gab wenig zu essen und zu trinken, sie hatten keine feste Bleibe, mussten immer wieder weiter und wussten gar nicht so genau, wohin die Reise überhaupt ging. Das Ziel war unklar und ein Ende war nicht absehbar. Sie wurden auch regelmäßig von anderen Nomadenstämmen angegriffen. Es war also ein äußerst hartes Dasein. Sicherheiten gab es nicht, weder äußerlich noch innerlich, und oft murrten die Menschen deshalb. Sie waren unzufrieden mit diesem Leben.

Deshalb brauchten sie auch einen Führer, der sie immer wieder beruhigte, ihnen Mut zusprach und den Sinn ihrer Wanderschaft nicht aus dem Gedächtnis verlor. Das war Mose. Er war von Gott für diese Aufgabe auserwählt worden. Er stand also mit Gott in engem Kontakt, und er vergaß deshalb nie, warum sie unterwegs waren. Das war ja nicht nur einfach so geschehen, sondern auf die Weisung Gottes hin. Er hatte sie losgeschickt, um sie in ein Land zu führen, in dem es ihnen gut gehen sollte. Aber der Weg war wie gesagt nicht einfach. Dabei war das größte Problem gar nicht mal die äußere Situation, sondern die schlechte Stimmung, die immer wieder aufkam. Das Volk „murrte“ regelmäßig, und Mose bekam das dann ab.

In der Geschichte, die wir eben gehört haben, kommt es gleich zu Anfang vor, das Murren und Klagen. An einem bestimmten Ort, dessen Name sogar genannt wird, haderte das Volk mit Mose und mit Gott. Es ging mal wieder um Wasserknappheit. Und wie so oft, sehnten sie sich nach Ägypten zurück, wo sie hergekommen waren. Sie hatten dort zwar als Sklaven gelebt, aber wenigstens hatten sie immer zu essen und zu trinken. In ihrer Erinnerung verzerrte sich das Bild der Vergangenheit, und ihr Glaube vermischte sich mit der Vorstellung, dass es früher in Ägypten doch viel besser war. Und das warfen sie Mose hier vor.

Mose zog sich daraufhin erst einmal zurück und betete zu Gott. Er schrie sogar zu Gott, denn offensichtlich hielt er das auch nicht mehr aus. Er wusste nicht mehr, was er tun sollte. Aber Gott hatte eine Antwort. Er sah, dass das Problem nicht nur das fehlende Wasser war, sondern auch der fehlende Glaube an seine Macht und Möglichkeiten. Deshalb wollte er die aufs Neue demonstrieren.

Mose sollte das Volk feierlich versammeln, und zwar vor einem Felsen, den es in der Nähe gab. Mit ein paar Ältesten sollte er sich dem Volk gegenüber an diesen Felsen stellen und dann mit seinem Stab daran schlagen. Gott wollte vor ihm stehen und dafür sorgen, dass daraufhin Wasser aus dem Felsen hervorquoll. Und so geschah es dann auch. Plötzlich war dort ein Wasserfall und das Volk hatte zu trinken.

Es wird nicht mehr berichtet, dass sie daraufhin aufhörten zu murren, denn das hielt der Erzähler wohl für selbstverständlich. Das Ereignis blieb ihnen aber im Gedächtnis, und der Ort bekam daraufhin auch einen neuen Namen. Er hieß jetzt „Massa und Meriba“, das heißt „Versuchung und Anklage“, weil das Volk Gott dort versucht und gesagt hatte: „Ist der Herr unter uns oder nicht?“

Und das ist auch das Thema dieses Ereignisses: Die Menschen zweifeln an der Macht und den Möglichkeiten Gottes, weil sie seine Nähe nicht spüren, und er antwortet darauf in wunderbarer Weise. Die Geschichte will uns also sagen: „Trau Gott etwas zu und verlass dich ganz auf ihn.“

Das ist an Hand dieser Erzählung allerdings nicht ganz einfach, denn das Wunder kommt uns märchenhaft vor. Möglicherweise ist es auch nicht wirklich geschehen, sondern es gab an der Stelle bereits einen Wasserfall, und es entstand diese Legende, um sein Vorhandensein zu erklären.

Aber das muss uns nicht daran hindern, die Geschichte ernst zu nehmen. Sie hat trotzdem eine Botschaft, die wahr und aktuell ist. Die Erzählung ist nämlich wie ein Bild, das unser Leben beschreibt. Lasst uns die Einzelheiten deshalb einmal übertragen.

Dann ist da als erstes die Wanderung, auf der es immer wieder Durststrecken gibt. Das kennen wir auch. Uns fehlt es zwar nicht an Wasser, aber trotzdem oft an Kraft und Ausdauer. Die Anforderungen des Lebens sind häufig sehr hart, wir werden müde und murren, manchmal innerlich und leise, manchmal aber auch laut und hörbar.

In der jetzigen Krise ist das z.B. so. Unser Leben ist nun schon seit gut vier Monaten nicht mehr so, wie wir uns das wünschen. Und keiner weiß, wie lange es noch so weitergehen wird, dass wir Abstände einhalten müssen, Mund- und Nasenschutz tragen und vor allem: nicht in geschlossenen Räumen singen dürfen. Das betrifft uns als Gemeinde schon. Ebenso leiden darunter alle Kulturschaffenden, Reiseanbieter und andere Geschäfte. Und da kann man zwischendurch schon mal ungeduldig werden und anfangen zu murren. Es macht uns ärgerlich, traurig und sorgenvoll.

Und solche Gefühle entstehen auch in anderen Situationen, in schwierigen Beziehungen z.B., bei Krankheiten und vielem mehr. Für unsere Wanderung durch das Leben brauchen wir auf jeden Fall immer wieder viel Mut und Vertrauen, das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, Ausdauer und Kraft. Und das kann alles manchmal verschwinden. Das ist das eine, was diese Geschichte thematisiert. Sie beschreibt eine Situation, die wir kennen, in der wir an Gott zweifeln und der Versuchung ausgesetzt sind, uns allen möglichen Ideologien oder Mächten anzuvertrauen.

Das Zweite ist dann aber das Wunder, das geschieht. Das können auch wir erleben. Wir müssen es Gott bloß zutrauen, dass er etwas tun kann. Die Israeliten dachten ja, dass Gott sie vergessen hatte, dass sie ihm gleichgültig geworden waren. Aber in Wirklichkeit war es umgekehrt: Sie hatten ihn vergessen. Sie haben sich selber blockiert mit ihrem Ärger und ihrem Hadern, ihren verzerrten Träumen und Vorstellungen. Gott musste ihnen erst mal die Augen öffnen, und genau so ist es auch bei uns.

Wir sind oft so verstrickt in all unsere Gedanken, dass wir gar nicht mehr mit Gott rechnen. Alles dreht sich um die Probleme unseres Lebens und die Sorgen, die wir haben. Wir starren auf das, was vor uns liegt und uns zu schaffen macht, und dadurch entsteht das Gefühl der Überforderung. Wir kriegen Angst und fühlen uns auch von Gott verlassen.

Und genau das ist das größte Problem, denn das ist ein ganz großer Irrtum. Gott verlässt uns niemals. Wenn wir uns allein fühlen, dann haben wir ihn verlassen. Wir müssen also nur zurückkehren, und das heißt, mit ihm auch wirklich rechnen. Wir müssen unseren Kopf immer wieder für ihn frei machen und den Gedanken, dass er bei uns ist, auf uns wirken lassen. Dann können wir erleben, dass da etwas dran ist. Wir spüren dann, es gibt ja noch viel mehr, als nur all diese Dinge, die uns beschäftigen oder belasten. Es gibt auch noch die entlastende Liebe und Gegenwart Gottes. Er ist immer da, er weiß um uns und will uns auch versorgen.

Als Christen und Christinnen dürfen wir uns dessen umso gewisser sein, denn durch Jesus Christus ist das so. Er ist der Sohn Gottes und mit ihm ist Gott uns ganz nahe gekommen. An ihn sollen und dürfen wir glauben, und zwar von ganzem Herzen. Nicht unsere vielen Gedanken oder Gefühle sollten der Mittelpunkt unseres Lebens sein, und schon gar keine andere „Macht oder Gestalt“, sondern Jesus Christus ist in Wirklichkeit die Mitte, und von ihm her ordnet sich alles andere.

Das war auch das Anliegen der Barmer Erklärung. Sie beginnt nicht umsonst mit dem Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh.14,6) Wenn wir diesen Weg wählen, werden wir ruhig und zuversichtlich, geduldig und stark. Es ist wir das Trinken von Wasser, das plötzlich und unerwartet aus einem Felsen sprudelt. Wir können das als Bild verstehen, das die Kraft Gottes beschreibt. Sie fließt sogar da, wo vorher harter Stein war, und sie fließt eben auch. Durch die Gegenwart Jesu Christi strömt sie in mir und durch mich hindurch. Das ist das Zweite.

Und das Dritte ist die Gemeinschaft, in der die Israeliten das erlebt haben. Gott hat sich ihnen gezeigt, als sie versammelt waren. Und so kann es auch uns ergehen. Die Gemeinde kann ein Ort sein, wo die Quelle der Kraft Gottes immer wieder zum Sprudeln kommt. Denn wir können uns gegenseitig zum Glauben ermuntern, uns an Jesus Christus erinnern, zu ihm rufen und uns gegenseitig auch helfen. Das ist besonders dann gut, wenn es gesellschaftliche Krisen gibt.

So ging es auch der bekennenden Kirche. Im Gegensatz zu den jetzigen Problemen, waren die Vorgänge in der Zeitwirklich schlimm, grausam und zerstörerisch. Deshalb war es gut, dass doch viele Menschen wach und klar geblieben sind, sich zusammengefunden und bekannt haben: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

Der Pfarrer und geistliche Dichter Otto Riethmüller war einer von denen, die diese Erklärung als erster unterschrieb. Von ihm gibt es ein schönes Lied, in dem die Gegenwart Gottes als „Quelle mit einem frischen Trank“ beschrieben wird. Es enthält die Bitte um das wahre Wasser des Glaubens, das der in der Kirche als „Stadt Gottes“ fließen möge. Der Text lautet folgendermaßen:

  1. „Nun gib uns Pilgern aus der Quelle der Gottesstadt den frischen Trank; lass über der Gemeinde helle aufgehn dein Wort zu Lob und Dank.
  2. Gib deiner Liebe Lichtgedanken mit Vollmacht uns in Herz und Mund; mach, woran Leib und Seele kranken, durch deine Wunderhand gesund.
  3. Schließ auf, Herr, über Kampf und Sorgen das Friedenstor der Ewigkeit. In deiner Burg sind wir geborgen, durch dich gestärkt, zum Dienst bereit.
  4. Zeig uns dein königliches Walten, bring Angst und Zweifel selbst zur Ruh. Du wirst allein ganz recht behalten; Herr, mach uns still und rede du.“
    (Otto Riethmüller, 1889 – 1938)

Amen.

Nur mit Jesus will ich Pilger wandern

Predigt über Lukas 5, 1- 11: Die Berufung der ersten Jünger

5. Sonntag nach Trinitatis, 12.7.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 5, 1- 11

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth
2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Liebe Gemeinde.

Kermit, der Frosch aus der Muppetshow, stand einmal an einem regnerischen Tag sinnierend am Fenster und sagte: „Manchmal frage ich mich, was aus den Menschen geworden ist, die mich nach dem Weg gefragt haben.“ Offensichtlich hatte er Antworten gegeben, die gar nicht so genau stimmten. Vielleicht hatte er nicht zugeben wollen, dass er den Weg nicht kannte, vielleicht ist ihm auch erst hinterher eingefallen, dass seine Angaben verkehrt waren.

Das kennt ihr sicher auch alle aus eigener Erfahrung. Auf die Frage nach dem Weg sind wir ja nie vorbereitet, und dadurch vertun wir uns leicht mir der Auskunft, verwechseln die Seiten oder die Straßennamen, und wissen eigentlich nur so ungefähr, wo es lang geht. Trotzdem wollen wir natürlich helfen und uns als ortskundig erweisen, und so geben wir Antworten, die möglicherweise in die Irre führen.

Oft wäre die Aussage ehrlicher, die ich einmal auf der Rückseite eines T-Shirts gelesen habe. Da stand: „Folgt mir nicht nach, ich weiß auch nicht wo’s lang geht.“ Ich fand das sehr lustig, denn die Aussage bezieht sich natürlich auf das Leben im Allgemeinen. Und da ist es gar nicht so schlecht, wenn einer zugibt, dass er sich nicht auskennt. Er ist damit bestimmt nicht allein. Bei den meisten Menschen ist es besser, wenn ihnen niemand folgt.

Zu denen gehörte Jesus allerdings nicht. Er war sich über seinen Weg und seinen Auftrag ganz sicher, und er riet nicht davon ab, ihn zu fragen oder ihm nachzufolgen. Im Gegenteil, er rief dazu sogar auf und begann damit gleich am Anfang seines öffentlichen Auftretens.

Wir haben die Geschichte eben gehört. Sie handelt von ihm und den Fischern Simon, Jakobus und Johannes. Sie trafen sich am See Genezareth. Dort hatte Jesus gepredigt, mit Vollmacht und einer großen Ausstrahlungskraft. Er war zutiefst überzeugt von seiner Rede und fand mit seiner Botschaft viele interessierte Zuhörer. Sie drängten sich um ihn, so dass es sogar zu eng für ihn wurde. Aber er wusste sich zu helfen: Hinter ihm auf dem See lagen zwei leere Boote. Die Fischer waren ausgestiegen, um die Netze zu waschen. In eines der beiden ging Jesus nun, um die Menge von dort aus weiter zu belehren. Er bat darum, das Boot einige Meter auf den See hinauszufahren, weil er so die beste Akustik hatte. Die Menge nahm am Ufer im Halbkreis Platz.

„Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ So geht die Geschichte weiter. Die Menschenmenge verschwindet aus dem Blickfeld, und wir erfahren, was im Boot geschieht: Es ergeht ein Befehl an den Besitzer, der Simon heißt, und der gehorcht aufs Wort. Und das ist erstaunlich, denn eigentlich ist die Aufforderung unsinnig. Die Fischer sind die ganze Nacht unterwegs gewesen um etwas zu fangen, weil das dafür die günstigste Zeit ist. Nun ist bereits morgen, und sie waren erfolglos geblieben. Aber „auf sein Wort“ wirft Simon die Netze noch einmal aus. Es ist stärker als seine berufliche Erfahrung. Und dann fangen sie so viele Fische, dass die Netze zu reißen beginnen. Kollegen von einem anderen Boot müssen helfen, um sie an Bord zu ziehen. „Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.“

Ein Wunder geschieht, und das überwältigt Simon. Er begreift, dass Jesus kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern göttliche Eigenschaften hat. Er ist offensichtlich Herr über die Naturereignisse. Simon kniet deshalb vor ihm nieder und spricht: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Im Griechischen heißt die Anrede „Kyrios“, und das ist eine Ehrenbezeichnung. Gleichzeitig empfindet er sich selber als „sündigen Menschen“. Doch Jesus beruhigt sein erschrecktes Gewissen und sagt zu Simon und seinen Gefährten, Johannes und Jakobus: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Sie sollen Missionare werden und Menschen für Jesus und das Reich Gottes gewinnen.

Zum Schluss wird dann kurz festgestellt: „Sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“ Sie wurden zu seinen engsten Vertrauten und taten von nun an, was Jesus von ihnen wollte. Sie lernten von ihm und wurden später zu Aposteln.

Wir kennen die Geschichte alle, haben sie schon oft gelesen und gehört. Trotzdem ist sie immer wieder faszinierend, denn was hier geschieht, ist ungewöhnlich. Wie kommt es, dass Jesus sich so sicher war? Er kannte den Weg und wollte, dass die Menschen ihm folgten. Und das ist ihm auch gelungen. Die Fischer gingen tatsächlich mit ihm, ohne Bedenken und ohne Zögern. Und das geschieht bis heute: Viele hören auf sein Wort und bekehren sich zu ihm.

Und das ist auch erklärlich, denn von den unzähligen Wegen, die wir gehen können, führt der Weg Jesu uns tatsächlich zum Leben. Was ihn erfüllt und was er verkündigt, ist von ganz anderer Natur, als unsere menschlichen Ziele. Er kommt von Gott und verkündigt sein Reich. Sein Weg weist weit über diese Welt hinaus und führt in die Ewigkeit. Und es ist gut, wenn auch wir das beherzigen.

Wir nennen uns zwar Christen, aber oft interessiert uns dieses Thema gar nicht so sehr. Wir setzen uns lieber innerweltliche Ziele, und davon gibt es etliche, die auch alle ganz unterschiedlich sind. Die Möglichkeiten, seinem Leben einen Inhalt zu geben, sich selber zu verwirklichen und etwas zu erreichen, sind vielfältig. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten und Überschneidungen. So gehören zu den Dingen, die den meisten Menschen wichtig sind, die Ausbildung und der Beruf, Wohlstand und materielle Güter, Menschen und Erlebnisse, Ideen und Erfahrungen. Doch die Fülle dieser Inhalte ist manchmal unüberschaubar. Man kann sich leicht verirren. Einige Menschen wissen vielleicht ihr Leben lang genau, was sie wollen, aber viele geraten zwischendurch auf Irrwege und wissen dann nicht mehr richtig, wo es lang geht.

Das geschieht z.B., wenn jemand seinen Job oder auch den Partner bzw. die Partnerin verliert. Bei anderen ist es eine Krankheit, die alles durcheinander bringt, oder sogar der Tod eines nahen Angehörigen. Auch in einer Krise, wie wir sie z.Zt. erleben, gerät vieles ins Wanken, was für uns eigentlich selbstverständlich ist: Unsere Grundrechte und unsere Bewegungsfreiheit, kulturelle Erlebnisse, Begegnungen und soziale Nähe. Gewohnte Wünsche und Ziele stehen plötzlich in Frage, und das führt bei vielen große Probleme mit sich. Wie in allen leidvollen Situationen sind wir unsicher und orientierungslos. Wir müssen uns deshalb fragen, wie wir das alles bewältigen können, und nach einem Weg suchen, der uns da heraus führt. Und genau den will Jesus uns zeigen. In drei Schritten können wir ihm folgen.

Der erste Schritt ist die Erkenntnis, dass alle unsere selbstgewählten Ziele letzten Endes beliebig sind. Sie haben keine allgemeine Gültigkeit, sondern sind von vorne herein vergänglich und dem Wechsel unterworfen. Zudem sind sie meistens sehr individuell, betreffen nur uns selber, und das heißt automatisch, dass andere uns nicht unbedingt weiterhelfen können.

Diese Erkenntnis kommt auch in unserer Geschichte vor. Sie steckt hinter dem Ausruf von Simon: „Ich bin ein sündiger Mensch“. Das klingt uns vielleicht etwas zu negativ, aber es heißt, dass er seinen Blick nach innen richtet. Und das können auch wir tun. Uns wird dann bewusst, dass wir an Zielen und Ideen festhalten, die uns nicht weiterbringen. Wir haben uns „bezaubern und betören“ lassen, wie es in einem Lied von Gerhard Tersteegen heißt (EG, 392,1) . Deshalb geraten wir in ein Dickicht, bleiben gefangen und finden nicht den richtigen Weg.

Doch genau in diese Situation hinein erfolgt der zweite Schritt. Er besteht darin, dass wir auf Jesus hören und uns von seinem Ziel anstecken lassen. Er ist mitten unter uns und steigt zu uns ins Boot. Das kann ein Bild für unser Leben sein. Jesus betritt es, denn er kennt uns und will uns begegnen. Und seine Botschaft lautet: Die Welt und das Leben erschöpfen sich nicht im Diesseits. Es gibt nicht nur unsre Aufgaben und Wünsche, sondern das Reich Gottes ist da. Mit Jesus kommt Gott zu uns. Und der wirkt in unserem Leben, er schenkt uns das, was wir am meisten brauchen, denn er schenkt uns sich selber in Hülle und Fülle.

Auch wir sollten deshalb vor Jesus niederfallen, uns für ihn öffnen und auf seine Stimme hören. Wir müssen sie nur einmal beachten. Dann relativiert sich alles andre ganz von selber und erscheint in einem neuen Licht. Wir erkennen, was wirklich zählt. Die Probleme werden kleiner und verlieren ihre Macht. Das Leid wird gemildert, und selbst der Tod macht uns keine Angst mehr. Wir müssen nur die Gegenwart Jesu annehmen, vor ihm niederfallen und uns dann für ihn entscheiden.

Das ist der dritte Schritt, dass auch wir für ihn leben, ihn in die Mitte treten lassen und ihm nachfolgen. Und das geht genauso wie bei Simon nur ganz oder gar nicht. Jesus fordert ein klares Bekenntnis von uns. Die Liebe und die Kraft Jesu können nur dann in unserem Leben wirken, wenn wir anderen Kräften Einhalt gebieten, wenn wir nicht mehr unserem eigenen Willen folgen, sondern auf Jesus vertrauen und uns ihm hingeben. Es gilt, loszulassen, was uns bindet, und leidensbereit zu werden.

An der Hand Jesu fällt uns das nicht schwer, denn er hält uns das ewige Ziel vor Augen. Sein Ruf ist ein rettender Ruf, und es ist ein erlösender Schritt, darauf zu hören. Jesus führt uns aus dem Leid in eine ganz große Freiheit. Das Leben verändert sich, denn es gelten plötzlich neue Regeln, eine neue Lehre. Nicht mehr die vielen Ziele, die uns verführen wollen, geben den Ton an, sondern die eine ewige Heimat. Die Stimme Jesu weist uns darauf hin und heilt uns von innen her. Sie öffnet ganz neue Möglichkeiten des Denkens und Handelns. Unser Lebensgefühl verändert sich. Wir werden ruhiger und gelassener, die Unsicherheit verschwindet und wir gewinnen einen festen Halt. Und diesen Weg können wir dann auch anderen zeigen. Sie dürfen uns gerne folgen, denn wir wissen, was aus ihnen wird: Die Unruhe weicht und sie werden ebenfalls mit Freude erfüllt. Sie werden genauso wie wir zuversichtlich, sicher und frei.

Lasst uns deshalb mit Jesus unseren Weg gehen, so wie das in einem Pilgerlied aus dem 19. Jahrhundert zum Ausdruck kommt. Der evangelische Pfarrer Johann Peter Schück aus Hoffenheim hat es gedichtet, und es lautet:

  1. Nur mit Jesu will ich Pilger wandern, nur mit Ihm geh froh ich ein und aus; Weg und Ziel find ich bei keinem andern, Er allein bringt Heil in Herz und Haus.
  2. Berg und Tal und Feld und Wald und Meere, froh durchwall ich sie an Seiner Hand. Wenn der Herr nicht mein Begleiter wäre, fänd ich nie das wahre Vaterland.
  3. Er ist Schutz, wenn ich mich niederlege, Er mein Hort, wenn früh ich stehe auf, Er mein Rater auf dem Scheidewege und mein Trost bei rauem Pilgerlauf.
  4. Bei dem Herrn will ich stets Einkehr halten, Er sei Speis und Trank und Freude mir; Seine Gnade will ich lassen walten, Ihm befehl ich Leib und Seele hier.
  5. Bis es Abend wird für mich hienieden, und Er ruft zur ew’gen Heimat hin, bis mit Ihm ich gehe ein zum Frieden, wo Sein sel’ger Himmelsgast ich bin.
    (Text und Melodie: Johann Peter Schück, 1811- 1892)

Amen.