Predigt über Lukas 18, 9- 14: Der Pharisäer und der Zöllner
zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 13.8.2026, 10 Uhr, Altenzentrum St. Nicolai Kiel
Lukas 18, 9- 14
9 Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Liebe Gemeinde.
Kinder fallen öfter einmal hin. Es kann zwar sein, dass sie dann weinen, aber schlimm ist es meistens nicht, denn ihre Knochen sind noch weich, und der Weg bis zum Boden ist auch nicht so lang. Für uns Erwachsene ist es schlimmer, meistens verletzen wir uns ernsthaft.
Und das kann man auch als Bild verstehen und in das Leben im Allgemeinen übertragen. Bei Problemen und Krisen im Leben sprechen wir ja ebenfalls gerne vom „Fallen“ oder „Abstürzen“. Und dazu hat Theodor Heuss einmal gesagt: „Es ist keine Schande hinzufallen, aber es ist eine Schande, einfach liegenzubleiben.“ Etwas Ähnliches sagte auch Nelson Mandela: „Unser größter Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.“ Und Winston Chruchill fand: „Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.“
Aber ist das so leicht gesagt, wie getan? Wie geht das denn im Ernstfall, und wer hilft uns dabei, wenn es nötig ist?
In dem Gleichnis, das wir eben gehört haben, geht Jesus auf diese Frage ein. Zwei Personen kommen darin vor, die einander gegenübergestellt werden. Gemeinsam ist ihnen der Weg zum Tempel, der hier als Bethaus verstanden wird. Denn genau das wollen sie dort tun. Der Pharisäer stellt sich aufrecht zum Beten hin, doch dann spricht er eigentlich eher mit sich selbst, als mit Gott. Sein Gebet ist wie ein Monolog und beinhaltet sehr viel Selbstlob. Er vergleicht sich mit anderen Menschen und kommt zu dem Ergebnis, dass er im Gegensatz zu dem Zöllner, den er bereits wahrgenommen hat, immer alles richtig macht. Dafür dankt er Gott.
Dazu bildet der Zöllner nun einen bewussten Kontrast. Das hängt zunächst mit seinem Beruf und seiner Stellung in der Gesellschaft zusammen. Die Zöllner wurden Dieben und Räubern gleichgestellt, denn sie standen im Dienst der römischen und damit heidnischen Besatzungsmacht und hatten dadurch viel Kontakt mit Nicht-Juden. Das machte sie unrein. Außerdem kassierten sie immer einiges von dem Zoll, den sie erhoben, in die eigene Tasche. Es handelte sich dabei um Marktzölle und Grenzzölle usw. Es gab zwar feste Tarife, doch verleitete das System zum Betrug. Kein Wunder, dass die Zöllner in der Achtung der anderen ganz unten standen.
So einer geht hier nun ebenfalls in den Tempel. Er bleibt allerdings in der Ferne stehen, denn weiter nach vorne wagt er sich nicht. Er steht auch nicht aufrecht, sondern beugt sich zur Erde und schlägt sich als Zeichen der Buße an die Brust. Er ist sich also seiner Mangelhaftigkeit bewusst, er fühlt sich schuldig und sündig und spricht ein Bußgebet:
Beide wollen von Gott gehört und gesehen werden. Er soll ihr Gebet annehmen bzw. ihnen helfen. Doch das widerfährt nur dem Zweiten, dem Zöllner. „Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“
Das ist die Botschaft Jesu und damit beantwortet er sehr schön die Frage, wie wir nach einem Fall wieder aufstehen können, und wer uns dabei hilft: Gott selber reicht uns die Hand, wenn wir uns nach ihm ausstrecken. Wir müssen uns unser Fallen nur eingestehen, zu ihm rufen und uns von ihm aufrichten lassen.
Dazu gehört, dass wir uns zunächst klar machen, was überhaupt zu einem Absturz führen kann. Es müssen gar keine schlimmen Verbrechen sein, die wir begehen. Wir fallen bereits aus dem Gleichgewicht, wenn wir nicht ehrlich sind, unsensibel und egoistisch handeln. Rücksichtslosigkeit und Grobheit sind weit verbreitet und führen in den Abwärtstrend. Denn sie machen uns hart, unbeliebt und einsam. Wir verkümmern innerlich und fallen dadurch manchmal tief, d.h. wir leiden und wissen nicht weiter.
Und das kann genauso von außen ausgelöst werden, durch andere Menschen z.B. Sie bringen uns zu Fall, indem sie uns enttäuschen oder ungerecht behandeln. Oder sie verlassen uns, im schlimmsten Fall durch den Tod. Dann brechen wir durch die Trauer zusammen. Aber auch andere Umstände wie Krankheit oder Armut, Überlastung und Stress können dazu führen, dass wir irgendwann am Boden liegen und nicht mehr weiterwissen. Manchmal sind wir dann der Verzweiflung nahe, alles wird düster und leidvoll. Not und Elend bestimmen unser Lebensgefühl. So muss es auch dem Zöllner gegangen sein: Er fühlte sich einfach nur noch schlecht und armselig.
Doch er fand eine Möglichkeit, wieder aufzustehen, und das war der Weg in den Tempel. Mehr wird über ihn nicht gesagt, doch dahinter steckt ganz viel, was wir uns klar machen können. Es gehörte ja dazu, dass er sich seine Hilflosigkeit eingestanden hat. Er war zwar gefallen, aber dadurch war er auch auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Das hat er erkannt und akzeptiert, obwohl es weh tat.
Und damit zeigt er uns den ersten Schritt, der zum Aufstehen gehört. Er besteht darin, dass wir die Misere, in der wir stecken, zunächst einmal aushalten und auch annehmen. Wir dürfen nicht die Augen verschließen und so tun, als wäre nichts. Ablenkung oder Zerstreuung helfen nicht, wenn es uns wirklich schlecht geht. Wir müssen uns tiefgehend mit dem Problem beschäftigen und zugeben, dass wir am Boden liegen. Der Zöllner hat das getan, sonst wäre er nicht in den Tempel gegangen.
Das war der nächste Schritt, und der war sehr verheißungsvoll, denn es war der Weg in das Gebet. Auch wir können diesen Weg gehen und Jesus um sein Erbarmen bitten. Er ist da und wartet darauf bereits. Er kennt uns und liebt uns. Er vergibt uns auch, wenn wir schuldig geworden sind. Er verstößt uns dafür nicht. Das gilt es zu erleben, und dafür reicht in der Tat ein kurzes Gebet wie „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Dann werden wir bei jedem Fallen aufgefangen. Das ist das Zweite.
Und der dritte Schritt ist eine Veränderung, die damit einhergeht, denn die Liebe Christi zieht in unser Herz ein. Wir sind dadurch vor dem Fallen geschützt, denn uns kann so leicht nichts mehr umstoßen. Wir finden unser Gleichgewicht, werden widerstands- und leidensfähig. Wir bekommen eine Kraft, die uns durch alles hindurch trägt. Trauer und Krankheit können wir viel besser aushalten, sie führen uns nicht in die Verzweiflung. Selbst in der Dunkelheit scheint noch ein Licht. Jesus kann das Leid wenden, und zwar einfach dadurch, dass er da ist und wir ihm vertrauen.
Wenn Kinder noch klein sind, gehen sie am sichersten an der Hand ihrer Eltern. Dadurch haben sie eine gute Verbindung zu ihnen und werden immer festgehalten. Wenn sie einmal stolpern oder das Gleichgewicht verlieren, fallen sie nicht gleich hin. So eine Hand wird auch uns ausgestreckt. Jesus reicht sie uns, wir müssen sie nur ergreifen, dann ist uns besser geholfen, als durch irgendetwas anderes auf der Welt. Wenn wir an seiner Hand durch das Leben gehen, fallen wir viel seltener hin und sind immer gut versorgt.
Amen.