Die große Krankenheilung

Predigt über Apostelgeschichte 3,1-10: Die Heilung des Gelähmten

12. Sonntag nach Trinitatis, 19.8.2018, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Apostelgeschichte 3, 1- 10

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.
2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.
3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.
4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!
5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.
6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!
7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,
8 er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.
10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

Liebe Gemeinde.

Vor Kurzem war in der Zeitung ein Bericht über junge Leute, die sich bei Instagram bewusst so zeigen, wie sie sind, auch wenn sie nicht dem gängigen Schönheitsideal oder der Norm entsprechen. Sie stehen zu sich selbst, zu einem angeblichen Makel oder auch einer Behinderung, die sie möglicherweise haben.

So wurde unter anderem eine Rollstuhlfahrerin vorgestellt, die sich selbstbewusst der Öffentlichkeit präsentiert und ihre Gedanken allen mitteilt, die sich dafür interessieren. Ein Bild wurde besonders erwähnt. Es zeigt sie in einer Kirche, und darunter hat sie geschrieben: „Laufen kann ich immer noch nicht. Danke Jesus, für nichts.“ Das klingt mutig, aber auch bitter und fast böse. Auf jeden Fall provoziert es alle, die gerne in die Kirche gehen, an Jesus glauben und ihm dankbar sind.

Dazu gehören wir auch. Wir kommen hierher, feiern unsere Gottesdienste und freuen uns des Lebens. Aber tun wir das eventuell nur, solange wir gesund und munter sind und kein schweres Schicksal zu tragen haben? Vielleicht hat Jesus in Wirklichkeit gar keine Macht. Möglicherweise hören der Glaube und das Danken auf, wenn es uns schlecht geht. Machen wir uns unter Umständen alle etwas vor?

Das müssen wir uns fragen, und zwar nicht nur, wenn wir Äußerungen lesen, die uns dazu provozieren. Auch über das, was im Neuen Testament steht, müssen wir nachdenken, denn es entspricht in weiten Teilen tatsächlich nicht unserer Wirklichkeit. Was sollen z.B. all die Wundergeschichten, in denen Menschen geheilt und gerettet werden? Sollten wir die nicht lieber zu den Akten legen? Es ist nachvollziehbar, dass sich Menschen mit einer Behinderung davon verhöhnt fühlen.

Auch die Erzählung, die wir eben gehört haben, wirft diese Fragen auf. Sie ist sogar fast noch schlimmer als die Berichte über Jesu Heilungstätigkeit, weil er gar nicht selber darin handelt, sondern zwei seiner Jünger. Sie steht in der Apostelgeschichte, und zwar ganz am Anfang. Es ist das erste Wunder, das nach seiner Himmelfahrt in seinem Namen geschah, und schließt an die Pfingstgeschichte an. Die Apostel hatten gerade den Heiligen Geist empfangen, und Petrus hatte seine erste Predigt gehalten. Er hatte verkündet, dass „Jesus, der ans Kreuz geschlagen und umgebracht worden war, von Gott auferweckt wurde. Er konnte nicht vom Tode festgehalten werden.“ (Apg.2,23f) Vielen, die ihm zuhörten, war das „durchs Herz gegangen“ (Apg.2,37). Sie ließen sich taufen, und es entstand die erste Gemeinde. Die Predigt von Petrus war also vollmächtig und sehr wirksam gewesen.

Mit der anschließenden Wunderheilung wird dem nun ein Zeichen hinzugefügt: Ein Mann, der von Geburt an gelähmt war, wird geheilt, und daran wird deutlich, dass das Wirken Jesu weitergeht.

Die Geschichte beginnt mit einer genauen Orts- und Zeitangabe: Im Tempelbezirk zur Zeit des Abendgebetes sahen Petrus und Johannes den gelähmten Mann, der dort täglich saß und um Almosen bettelte. Er sprach auch die beiden Apostel an. Doch von ihnen bekam er nun etwas ganz anderes, als er es gewohnt war, kein „Silber und Gold“, sondern etwas viel wunderbareres: Durch den Befehl des Petrus „im Namen Jesu“ konnte er plötzlich aufstehen. „Seine Füße und Knöchel wurden fest. Er ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.“ Das war das Wunder und es geschah ausdrücklich durch das Wirken Jesu. Das betonte Petrus in der anschließenden Auseinandersetzung mit den Umstehenden. Jesus lebt und er hat immer noch die Macht, Kranke zu heilen. Das ist hier die Botschaft.

Und auf die sollten wir uns ruhig einmal einlassen, auch wenn es nicht unseren Erfahrungen entspricht, dass Gelähmte durch den Glauben wieder laufen können. Drei Gedankengänge können uns dabei helfen.

Zunächst einmal gibt es in der Geschichte einige Details, über die es sich lohnt, nachzudenken. Das erste davon ist, dass ausführlich erzählt wird, wie Petrus und Johannes Kontakt zu dem Gelähmten aufnahmen: „Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!“ Petrus bestand also auf Blickkontakt und damit auf einer persönlichen Begegnung. Er sah den Mann, und der sollte auch ihn anschauen. Die nächste interessante Einzelheit ist das Reichen der Hand: „Er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf.“ Auch eine Berührung gehörte also dazu. Bei ihr übertrug sich die Kraft Jesu, von der Petrus erfüllt war. Und als letztes fällt auf, dass der Geheilte nicht nur aufstand und dann verschwand, sondern mit Petrus und Johannes in den Tempel ging und dort seiner neuen Lebensfreude Ausdruck gab. Er „sprang umher und lobte und dankte Gott.“

Und das sind Einzelheiten, die wir beherzigen sollten. Auch wenn wir niemanden, der im Rollstuhl sitzt, durch die Kraft Jesu heilen können, so ist es wichtig, dass wir diese – und überhaupt andere – Menschen anschauen, Kontakt aufnehmen, keine Berührungsängste haben und unsre Lebensfreude mit ihnen teilen.

Zum Glück sind wir in unserer Gesellschaft diesbezüglich auch auf einem guten Weg. Der soziologische Begriff dafür ist „Inklusion“. Er wird im Internet folgenderweise definiert: „Inklusion ist das Konzept einer Gesellschaft, in der jeder Mensch akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt an dieser teilhaben kann – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung, von eventuellen Behinderungen oder sonstigen individuellen Merkmalen. In der inklusiven Gesellschaft gibt es keine definierte Normalität, die jedes Mitglied dieser Gesellschaft anzustreben oder zu erfüllen hat. Normal ist allein die Tatsache, dass Unterschiede vorhanden sind. Diese Unterschiede werden als Bereicherung aufgefasst und haben keine Auswirkungen auf das selbstverständliche Recht der Individuen auf Teilhabe. Aufgabe der Gesellschaft ist es, in allen Lebensbereichen Strukturen zu schaffen, die es den Mitgliedern dieser Gesellschaft ermöglichen, sich barrierefrei darin zu bewegen.“ (http://www.inklusion-schule.info/inklusion/definition-inklusion.html)

In biblischen Zeiten gab es das noch nicht. Da wurden z.B. kranke oder behinderte Menschen ausgegrenzt, ihnen blieb nichts anderes übrig, als zu betteln. Insofern verhielten sich Petrus und Johannes sehr modern. Das können wir durchaus der Geschichte entnehmen. Auch wenn wir heutzutage keine Wunder vollbringen, sagt sie uns, dass wir alle Menschen in gleicher Weise beachten sollten, ohne Vorurteile oder Abneigungen. Dann kann viel Heil und Freude entstehen, auch durch uns.

Das ist der erste Gedanke, der die Geschichte doch lesenswert macht. Es gibt darüber hinaus aber noch weitere Aspekte. Sie kommen auch in der Definition des Begriffs „Inklusion“ vor. Darin ist ja davon die Rede, dass es in Wirklichkeit gar keine Normalität gibt, und darüber lohnt es sich nachzudenken. Das wäre das Zweite. Wir sehen das nämlich meistens anders. Unbewusst haben wir alle ein Bild im Kopf, wie unser Leben sein sollte: Wir wünschen uns Gesundheit und Wohlstand, Freundschaft und Liebe, Abwechslung und Fröhlichkeit usw. Aber gibt es das so überhaupt? Haben wir nicht alle irgendwelche Defizite? Auch ohne eine körperliche Behinderung kann es sein, dass uns ganz viel fehlt und uns Grenzen gesetzt werden, unter denen wir leiden. Allein schon das Älterwerden gehört dazu. Es kann aber auch der Verlust eines Menschen sein, Kinderlosigkeit, Depressionen, Selbstzweifel, Ängste. Jeder und jede fühlt sich doch durch irgendetwas „behindert“, und wenn wir wollen, könnten wir alle aufhören, Gott dankbar zu sein. Das ist der zweite Gedanke.

Und daraus ergibt sich als drittes, dass wir uns selber entscheiden müssen, mit welcher Einstellung wir dem Leben begegnen wollen. Worauf sind wir fixiert? Natürlich kann ein älterer Mensch auf seine vergangene Jugend blicken, die Kinderlose auf die Mutter, die Rollstuhlfahrerin auf alle, die laufen können usw. Aber ist das ratsam? Dadurch entstehen doch nur Neid und Bitterkeit. Gibt es nicht auch noch andere Möglichkeiten des Bewusstseins? Viel besser wäre es doch, wenn wir aufhörten, uns mit anderen zu vergleichen, und auch uns selber gegenüber unvoreingenommen sind. Wir sind eingeladen, uns so anzunehmen, wie wir sind, und unsere Möglichkeiten zu nutzen. Dann entdecken wir ganz vieles, für das es sich lohnt, zu danken.

Und dabei kann uns der Glaube an Jesus helfen. So ganz einfach ist das ja nicht. Denn es gehört dazu, dass wir uns von den Bildern verabschieden, die wir vom Leben haben, Wünsche aufgeben, die nicht erfüllbar sind, und uns in Gelassenheit üben. Und da kann Jesus uns hinführen. Denn er sieht uns so, wie wir sind, und er steht uns zur Seite. Er kennt das Leid und das Sterben, doch er kennt auch die Überwindung und die Auferstehung. Und daran kann er uns Anteil geben. Er lebt und hat Macht, daran dürfen wir glauben. Das war die Botschaft des Petrus, und er verkündet das immer noch. Wir sind eingeladen, uns Jesus anzuvertrauen, mit allem, was uns fehlt und behindert. Er sieht uns, und auch wir dürfen unseren inneren Blick auf ihn richten. Wir sollten auf ihn fixiert sein und seine Gegenwart zu unserem Focus machen. Dann stärkt er uns von innen her, auch heute noch. Er schenkt uns eine Freude, die unabhängig ist von den äußeren Gegebenheiten, Hoffnung und Mut. Er macht uns zuversichtlich einfach dadurch, dass er da ist. Er selber ist die Gabe, für die wir dankbar sein können.

Auch die Rollstuhlfahrerin, die ich eingangs erwähnte, kann das erleben, sie müsste sich nur dafür entscheiden. Dass das gelingen kann, zeigen uns zum Glück andere Menschen mit demselben Schicksal. Ein prominentes Beispiel ist Wolfgang Schäuble. Er spricht darüber in der Öffentlichkeit zwar kaum, aber er wäre heute nicht Präsident des Bundestages, wenn er einen Groll entwickelt und gepflegt hätte. Und ich bin mir sicher, dass auch sein Glaube ihm geholfen hat, sein Leben zu meistern.

Lassen Sie uns also Gott loben, ganz gleich, wie es uns geht und was wir zu tragen haben. Irgendeinen Grund haben wir alle, und es lohnt sich, darauf zu achten: „Nun lasst uns Gott, dem Herren, Dank sagen und ihn ehren, für alle seine Gaben, die wir empfangen haben.“ (EG 320,1)

Amen.

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Das Kreuz als Lebensbaum

Predigt über Lied 96 aus dem Evangelischen Gesangbuch:
„Du schöner Lebensbaum des Paradieses“

Vierte Sommerpredigt „In fremden Zungen“: Ungarn
5.8.2018, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

In diesen Wochen bereisen wir in unseren Gottesdiensten mit dem Gesangbuch andere europäische Länder. Heute geht es nach Ungarn, und zwar mit einem Lied aus dem 17. Jahrhundert. Es heißt: „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“. Damit ist das Kreuz Christi gemeint, deshalb singen wir das Lied normaler Weise in der Passionszeit. Es enthält aber nicht nur eine Betrachtung des Sterbens Jesu, sondern vor allem handelt es vom Leben, das uns durch den Glauben an ihn möglich wird. Deshalb passt es auch gut in den Sommer. Es lädt uns ein, vor das Kreuz Christi zu treten und die Kraft zu empfangen, die davon ausgeht. Wir dürfen auf das Wort Jesu vertrauen, das er im Johannesevangelium zu Nikodemus sagt: „Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh. 3, 14b.15)

Liebe Gemeinde.

In jeder Kirche finden wir ein Kreuz, meistens an einer zentralen Stelle. Hier in der Jakobikirche steht auf dem Altar eins aus Glas und Metall. (s. Bild rechts) Es war allerdings nicht immer genau dieses. Die meisten von euch wissen sicher, dass es dazu ein Vorgängerkreuz gab. Es wurde leider gestohlen, wie viele andere vorher auch. So gab es eine Zeit, in der gar kein Kreuz mehr auf dem Altar stand. Doch das hielten einige Gemeindeglieder nicht aus, ihnen fehlte etwas ganz Wesentliches. Es gab daraufhin eine Initiative für ein neues Kreuz, und das haben wir hier nun: Es ist von einer Tiffany-Künstlerin aus Schilksee gefertigt. Der Entwurf und auch das Geld dafür kamen aus der Gemeinde. Nach dem Gottesdienst kommt es jetzt immer in einen Karton, mit dem es gut weggepackt werden kann ohne im Abstellraum zu zerbrechen. Während der offenen Kirche wird es dann durch ein Holzkreuz ersetzt, das ebenfalls dafür gestiftet wurde. Denn natürlich soll das schöne Glaskreuz nicht wieder gestohlen werden.

Aber wer macht so etwas überhaupt? Das habe ich mich gefragt. Entweder ist das jemand, dem das Kreuz viel bedeutet, der sich so ein schönes aber nicht leisten kann. Oder es ist eine Person, die den materiellen und künstlerischen Wert erkannt und es zu Geld gemacht hat. Das stell ich mir allerdings gar nicht so einfach vor, denn der oder die Käuferin müsste dann ebenfalls jemand sein, dem ein Kreuz etwas bedeutet. Doch vielleicht gibt es davon ja genug Menschen. Das Kreuz ist immerhin das zentrale Symbol für uns Christen. Es erinnert an den Tod Christi und wurde im Laufe der Geschichte in unzählig vielen Variationen dargestellt.

Eine schöne Möglichkeit ist das, das wir hier haben: Das Kreuz ist aus buntem Glas, also durchscheinend, leuchtend und farbig und damit lebendig und schön. Den sterbenden Christus sehen wir darauf nicht, und das ist durchaus legitim. Denn wir glauben, dass er lebt und unter uns ist. Wir müssen uns seinen Tod nicht ständig vor Augen halten.

Viele Christen sehen die sogenannte Kreuzestheologie heutzutage ja auch kritisch: Warum soll jemand für uns sterben? Sind wir nicht selber verantwortlich für das, was wir falsch machen? Wozu brauchen wir einen Stellvertreter? Das fragen sich etliche Gläubige, und es ist gut, dass darüber heutzutage öffentlich nachgedacht wird. Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, was der Tod Christi bedeutet, und dazu gibt es viele Ansätze.

Eine – oder sogar mehrere – Antworten finden wir in dem Lied „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ aus unserem Gesangbuch. Lasst uns das deshalb einmal betrachten.

Es wurde ursprünglich 1641 von Imre Pécseli Király gedichtet. Das war ein reformierter Pastor aus Ungarn, der eine poetische Veranlagung hatte. So hat er viele Gedichte und Lieder geschrieben und mit ihnen seinen Glauben, seine Theologie und seine Frömmigkeit zum Ausdruck gebracht.

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts kam dieses alte Lied dann zu uns nach Deutschland, und zwar durch den deutsch/ungarischen Theologen Vilmos Gyöngyösi, auch Wilhelm Güttler genannt. Er schuf eine Rohübersetzung, die dann wiederum der singbaren deutschen Liedfassung von Dieter Trautwein zu Grunde lag. (vgl. Wer ist wer im Gesangbuch, Hg. Wolgang Herbst, Göttingen, 2001, S. 126)  Der Urtext ist in unserem Gesangbuch ebenfalls abgedruckt, ich kann mich allerdings nur an der deutschen Fassung orientieren, weil ich natürlich kein Ungarisch spreche. Ich vertraue aber dem Text von Dieter Trautwein und finde es sogar interessant, dass er das Lied aufgegriffen hat.

Er ist ein Theologe des letzten Jahrhunderts, der in den sechziger Jahren maßgeblich an der Kirchen- und Gottesdienstreform mitgewirkt hat. Zu dieser Arbeit gehörte für ihn auch das Singen mit Gemeinden und Gruppen. Dabei hat er eine ganz neue christliche Singkultur geschaffen und mit seinen Liedern vielen Menschen einen Zugang zum Glauben ermöglicht. Vor allem durch die Kirchentage wurden seine Lieder bekannt. (vgl. Wer ist wer im Gesangbuch, a.a.O., S. S. 327ff)

Es ist deshalb so ein bisschen untypisch für ihn, dass er diesen alten Text mitsamt einer alten Melodie aufgenommen hat, aber wahrscheinlich war das Lied auch für ihn so aussagekräftig, dass er das gerne tat. Es hat in der deutschen Fassung sechs Strophen und lautet folgendermaßen:

1. Du schöner Lebensbaum des Paradieses, gütiger Jesus, Gotteslamm auf Erden. Du bist der wahre Retter unsres Lebens, unser Befreier.

2. Nur unsretwegen hattest du zu leiden, gingst an das Kreuz und trugst die Dornenkrone. Für unsre Sünden musstest du bezahlen mit deinem Leben.

3. Lieber Herr Jesus, wandle uns von Grund auf, dass allen denen wir auch gern vergeben, die uns beleidigt, die uns Unrecht taten, selbst sich verfehlten.

4. Für diese alle wollen wir dich bitten, nach deinem Vorbild laut zum Vater flehen, dass wir mit allen Heilgen zu dir kommen in deinen Frieden.

5. Wenn sich die Tage unsres Lebens neigen, nimm unsren Geist, Herr, auf in deine Hände, dass wir zuletzt von hier getröstet scheiden, Lob auf den Lippen:

6. Dank sei dem Vater, unsrem Gott im Himmel, er ist der Retter der verlornen Menschheit, hat uns erworben Frieden ohne Ende, ewige Freude.

Ich sagte ja schon, dass darin mehrere Deutungen des Sterbens Jesu vorkommen, und zwar können wir drei Abschnitte bzw. Themen entdecken:

Die ersten beiden Strophen beinhalten die Vorstellung, dass Jesus sich für uns geopfert hat und für unsere Sünden gestorben ist.

In den nächsten beiden Strophen ist Christus unser Vorbild: Er möge uns helfen, den anderen genauso zu verzeihen, wie er das getan hat, und unseren Lebenswandel heiligen.

Und in den letzten beiden Strophen ist er derjenige, der uns nahe ist, wenn wir sterben. Er schenkt uns das ewige Leben.

Diese drei Themen kommen hier vor, und es ist sehr schön, dass das Lied nicht nur einen Aspekt enthält. Denn dadurch relativiert sich auf jeden Fall die These, dass Christus sich für uns geopfert hat. Sie ist nur eine Möglichkeit, sein Sterben zu verstehen, es gibt auch noch andere Zugänge zu seinem Kreuz. Allerdings lädt uns das Lied ein, dieses Thema nicht gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen, und das ist auch gut so, weil es durchaus Situationen gibt, in denen wir einen Retter brauchen, jemanden, der für uns eintritt und uns befreit.

Denn leider gibt es die Sünde und das Böse, und wir dürfen sie nicht unterschätzen. Durch sie ist Jesus ans Kreuz gekommen, denn seine Feinde waren im Unrecht und luden schwere Schuld auf sich. Und so etwas geschieht immer noch überall. Jeder Konflikt ist dafür ein Zeichen, jede Schwäche, jede Unvollkommenheit. Wir begehen alle Fehler und manchmal können wir sie auch nicht mehr aus eigener Kraft wieder gutmachen. Und vor Gott können wir schon gar nicht bestehen, denn er hat sich die Menschen und ihr Zusammenleben eigentlich ganz anders gedacht. Das müssen wir erkennen und einsehen.

Dann sind wir nämlich froh, dass Jesus Christus das alles auf sich genommen hat, um uns schwachen und bedürftigen Menschen einen Weg der Befreiung zu bereiten. Mit seiner Geduld und Leidensbereitschaft hat er am Kreuz die Not der Menschheit überwunden, und wir sind eingeladen, uns darauf einzulassen. Das ist kein einfacher Schritt, denn natürlich stößt das Kreuz uns ab. Es ist durchaus ein Ärgernis, aber wir sollten ihm trotzdem nicht ausweichen. Denn auf geheimnisvolle Weise ist es gleichzeitig ein „Lebensbaum des Paradieses“, d.h. wir gewinnen durch das Kreuz neues Leben. Wir dürfen hinzutreten und darauf vertrauen. Wir legen damit nicht die Verantwortung für unsere Taten ab, sondern lassen uns helfen, wenn wir allein nicht klar kommen. Und das gibt es ja, dass uns die Kraft fehlt, unsre Fehler selber gerade zu biegen, die Suppe auszulöffeln, die wir uns oder anderen eingebrockt haben. Wir sind oft auf Unterstützung angewiesen, und die bekommen wir durch das Kreuz Christi. Wenn wir uns ihm nähern, merken wir, dass eine Kraft vom ihm ausgeht, die wir uns nicht erklären können. Wir werden aufgerichtet, unsere Sünden werden von uns genommen, und das Böse in uns wird entmachtet. Uns wird durch das Kreuz Vergebung und Heil geschenkt. Das Dunkel lichtet sich, Ängste verschwinden, und neues Leben entsteht.

Und damit sind wir bei dem zweiten Teil des Liedes, bei der Verwandlung unseres Lebens durch den Glauben an Christus, seinen heilbringenden den Tod und die Auferstehung. Er schenkt uns ganz neue Möglichkeiten. Wir können die Liebe, die wir empfangen, auch anderen Menschen weitergeben. Wir können „vergeben, die uns beleidigt“ haben, „die uns Unrecht taten“ und „selbst sich verfehlten“, wie es in dem Lied heißt. Dabei wird uns hier ein sehr schöner Vorschlag gemacht, wie uns das gelingen kann: Wir werden zur Fürbitte für unsere Feinde eingeladen. Sie ist dafür ein guter Weg. Das hat Jesus am Kreuz ebenfalls getan, indem er betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk.23,34) Mit diesem Verhalten geht er uns als gutes Beispiel voran. Wenn wir ihm folgen, kommen wir „mit allen Heiligen“ zu Gott, und „Frieden“ wird möglich, wie Dieter Trautwein es formuliert. Im Vertrauen auf Jesus werden wir immer wieder mit der Kraft versorgt, die wir dazu brauchen. Das ist das zweite Thema.

Und als drittes enthält das Sterben Jesu eine große Verheißung: „Wenn sich die Tage unsres Lebens neigen, nimmt Christus unseren Geist in seine Hände“. Wir sterben nicht allein, sondern „getröstet“ und mit einem „Lob auf den Lippen“. Mit seinem Tod und seiner Auferstehung hat Christus eine neue Zeit heraufgeführt. Denn in ihm stirbt nicht nur ein Mensch, Gott selber hat sich hingegeben, und so ist er „der Retter der verlorenen Menschheit“. Sein Kreuz stellt eine Zeitenwende dar, „er hat uns Frieden ohne Ende und ewige Freude erworben.“ Der Tod hat seine Macht verloren. Im Glauben und im Vertrauen auf das Kreuz Christi gewinnen wir Anteil an der Ewigkeit, wir „erben den Himmel“, wie es in der Bibel heißt (Hebr.9,15), und werden mit unendlicher Liebe erfüllt. Zum Kreuz und zum Tod Jesu gehört immer die Auferstehung. Ohne sie wäre es sinnlos.

Es ist deshalb sehr passend, das Kreuz als „Lebensbaum des Paradieses“ zu bezeichnen. Wenn wir seine Früchte regelmäßig essen und genießen, empfangen wir Unsterblichkeit. Und dazu gibt es noch eine weitere schöne Möglichkeit der bildlichen Darstellung.

Es ist das sogenannte Triumphkreuz, das es schon lange in der christlichen Kunst gibt. In der Nikolaikirche hier in Kiel hängt z.B. eins (s. Bild rechts). Da sehen wir zwar Christus, wie er am Kreuz hängt und stirbt, aber gleichzeitig ist das Kreuz lebendig: Es treibt Blüten und Blätter und ist wie ein „Lebensbaum“.

Lasst uns „dem Vater, unsrem Gott im Himmel dafür danken und ihn loben“, indem wir das Lied „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ jetzt singen.

Amen.

Das stetig um die Erde wandernde Gebet

Predigt über Lied 266 (EG):
Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen

Erste Sommerpredigt „In fremden Zungen“, 15.7.2018
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Sommerzeit ist Reisezeit, und so bereisen wir in den nächsten Gottesdiensten in unseren beiden Kirchen mit dem Gesangbuch europäische Länder. Es wird jeweils ein Lied aus einem ausgewählten Land vorgestellt. Auf diese Weise verbinden wir uns mit anderen Christen aus der Weite der Ökumene.
Das erste Lied, das wir heute betrachten, ist dafür programmatisch, und zwar zum einen, weil die Originalfassung Englisch ist, also in der Sprache, in der heutzutage sich fast jede mit jedem auf der Welt verständigen kann. Außerdem beinhaltet es das Bekenntnis zu der einen weltumspannenden Kirche.
Das merkt man zwar nicht gleich am ersten Satz, der mit dem Abend beginnt und der lautet: „Der Tag, mein Gott ist nun vergangen“, aber dabei bleibt der Dichter nicht stehen. Das Ende des Tages ist für ihn vielmehr ein Anlass, daran zu denken, dass die Sonne zur gleichen Zeit woanders aufgeht. Und damit steht auch das Gebet niemals still, es umspannt vielmehr auf unsichtbare Weise die ganze Welt.

EG 266

Text: Gerhard Valentin 1964 nach dem englischen »The day thou gavest, Lord, is ended« von John F. Ellerton 1870
Melodie und Satz: Clement Cotterill Scholefield 1874


Deutshe Fassung
  1. Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen
    und wird vom Dunkel überweht.
    Am Morgen hast du Lob empfangen,
    zu dir steigt unser Nachtgebet.
  2. Die Erde rollt dem Tag entgegen;
    wir ruhen aus in dieser Nacht
    und danken dir, wenn wir uns legen,
    dass deine Kirche immer wacht.
  3. Denn unermüdlich, wie der Schimmer
    des Morgens um die Erde geht,
    ist immer ein Gebet und immer
    ein Loblied wach, das vor dir steht.
  4.  Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben
    den Menschen überm Meer das Licht:
    Und immer wird ein Mund sich üben,
    der Dank für deine Taten spricht.
  5.  So sei es, Herr: Die Reiche fallen,
    dein Thron allein wird nicht zerstört;
    dein Reich besteht und wächst, bis allen
    dein großer, neuer Tag gehört.
Englische Fassung
  1. The day thou gavest, Lord, is ended,
    The darkness falls at thy behest;
    To thee our morning hymns ascended,
    Thy praise shall sanctify our rest.
  2. We thank thee that thy Church unsleeping,
    While earth rolls onward into light,
    Through all the world her watch is keeping,
    And rests not now by day or night.
  3. As o’er each continent and island
    The dawn leads on another day,
    The voice of prayer is never silent,
    Nor dies the strain of praise away.
  4. The sun that bids us rest is waking
    Our brethren ’neath the western sky,
    And hour by hour fresh lips are making
    Thy wondrous doings heard on high.
  5. So be it, Lord; thy throne shall never,
    Like earth’s proud empires, pass away:
    Thy kingdom stands, and grows for ever,
    Till all thy creatures own thy sway.

Liebe Gemeinde.

Überall auf der Welt wohnen Menschen, und manchmal wundert man sich über die Orte, die sie besiedelt haben. An abgelegenen Gebirgshängen, auf einsamen Inseln, im Urwald und im ewigen Eis, in jedem Winkel auf der Erde sind Menschen zu Hause. Und in einer globalisierten Welt wissen auch fast alle voneinander. Denn heutzutage ist die ganze Menschheit vernetzt, durch den Tourismus und den Welthandel, das Internet und die Medien, Katastrophenhilfe und militärische Bündnisse usw.

Es gibt inzwischen zwar starke Bewegungen gegen die Globalisierung, weil viele davon Nachteile haben, aber es gibt auch etliche Vorteile, sonst wäre es nicht dazu gekommen.

Ein weltweites Netzwerk ist auf jeden Fall gut, und das hat es auch schon lange vor der modernen Zeit gegeben: Es ist das ständig um die Erde wanderende Gebet. Wir können davon ausgehen, dass immer irgendwo auf der Welt ein Mensch wach ist und betet, und das schon, seitdem es den Glauben gibt.

Diesen Gedanken hat John Ellerton in seinem Lied „The day Thou gavest, Lord, is ended“ wunderbar beschrieben. Es ist ein geistliches Lied, das mehrfach ins Deutsche übertragen und in die wichtigsten deutschsprachigen Gesangbücher aufgenommen wurde, so auch in unseres.

John Ellerton, der den Originaltext verfasste, lebte von 1826 bis 1893 und war anglikanischer Geistlicher und Liederdichter. Seine Strophen erschienen – ohne Melodie – erstmals 1870 im Druck. Sie enthalten einen abendlichen Dank für das weltumspannende Gebet, das im „Rollen“ des Erdballs niemals endende Gotteslob der Kirche.

Die Übertragung „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ schuf Gerhard Valentin im Jahr 1964. Valentin war Lehrer, Schauspieler und ab 1967 Musikreferent im Landesjugendpfarramt der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sein Text folgt allen fünf Strophen des englischen Originals und war von Anfang an mit dessen Melodie verbunden. Ursprünglich war es für die Gruppen der evangelischen Jugendarbeit bestimmt. Es steht nun aber wie gesagt auch in unserem Gesangbuch und zwar in der Rubrik „Gottesdienst und Ökumene“.

Und das passt sehr gut, denn der Verfasser denkt bei „Kirche“ nicht an eine bestimmte Konfession oder Nation, er meint vielmehr die eine „heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen“, wie es im Glaubensbekenntnis formuliert ist. Und er denkt über die Weltgeschichte hinaus an das überzeitliche Königreich Gottes. Es steht den stolzen Mächten der Welt entgegen.

Nachdem das Lied veröffentlicht war, wurde es schnell bekannt und sehr beliebt. So wünschte sich Königin Victoria 1897 zur Feier ihres Diamantenen Thronjubiläums neben anderen diesen Choral, und er wurde weltweit bei den Dankgottesdiensten gesungen. Genau 100 Jahre später war das Lied Teil der Zeremonie zur Übergabe der Kronkolonie Hongkong in die Souveränität der Volksrepublik China. Und 2005 erreichte es bei einer von der BBC veranstalteten Abstimmung über „The nation’s favourite hymn“, also den „Lieblingschoral der Nation“, Platz drei in der Kategorie „Loblieder.“

Und es ist in der Tat sehr schön, das merken wir schon beim Singen. Die einzelnen Aussagen sind stark und bringen eine wunderbare Sicht auf diese Welt zum Ausdruck. Wir wollen das Lied deshalb jetzt etwas genauer betrachten.

Dabei können wir drei Teile entdecken: Strophen eins und zwei handeln vom Abend des Tages und dem Lauf der Sonne um den Erdball. Die nächsten beiden Strophen thematisieren die weltumspannende Kirche und das nie endende Gebet. Und in der letzten Strophe kommen das Ende der Welt und das neue Reich Gottes in den Blick. Diese drei Teile sind drei Schritte, mit denen wir dem Gedankengang des Liedes gut folgen können.

Teil eins handelt wie gesagt vom Abend des Tages, und so denken wir im ersten Moment auch, dass es ein Abendlied ist: Am Anfang steht die Feststellung: Der Tag ist vergangen und die Dunkelheit bricht ein. Der Mensch, der hier singt, kommt also zur Ruhe und blickt noch einmal auf den Tag zurück. Dabei wird gleich deutlich, dass es ein geistliches Lied ist, denn der Dichter kleidet diese Aussagen in eine Anrede an Gott. Er lebt in dem Bewusstsein, dass Gott ihm den Tag geschenkt hat, und er auf sein Geheiß nun zu Ende geht. Gott steht also hinter allem, was geschieht. Deshalb ist es angemessen, den Tag mit einem Loblied zu beginnen und mit einem Nachtgebet abzuschließen. Es soll die Nachtruhe weihen und heiligen. Das kommt in der ersten Strophe zum Ausdruck.

In der zweiten wird nun aber deutlich, dass die Gedanken des Dichters über den Abend hinausgehen, und sein Lied eigentlich ein ganz anderes Thema hat. Er stellt sich nämlich vor, dass ja lange nicht überall auf der Welt die Menschen zum gleichen Zeitpunkt schlafen. Die Erde „rollt vielmehr dem Tag entgegen“. Wenn die Sonne auf der einen Seite des Erdballs sinkt, geht sie auf der anderen Seite gerade auf, und dort singen Menschen ihr Morgenlied. Und damit entsteht ein geheimer Zusammenhang zwischen allen Betenden. Gemeinsam bilden sie die eine weltweite Kirche, die niemals schläft. Mindestens einer wacht immer, sodass die Kirche keine Ruhe kennt, weder bei Tag noch bei Nacht.

Mit diesem Gedanken leitet der Dichter den zweiten Teil seines Liedes ein, ihm widmet er die nächsten beiden Strophen: So wie ständig über jedem Kontinent und jeder Insel die Dämmerung den nächsten Tag herbeiführt, so schweigt die Stimme des Gebetes niemals. Zu keiner Zeit stirbt die Kraft des Lobpreises. „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens und die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht.“ So lautet die deutsche Übertragung.

Der Dichter betrachtet dafür den Weg der Sonne. Wo sie untergeht, lädt sie uns zur Ruhe ein, auf der anderen Seite der Welt weckt sie zur gleichen Zeit die Menschen. Und auch da leben unser „Brüder“, wie der Dichter sagt, Menschen desselben Glaubens. Deshalb gibt es immer irgendwo Lippen, die sich gerade „auftun, um Gottes Ruhm zu verkündigen“. „Immer wird ein Mund sich üben, der Dank für deine Taten spricht“. Die wunderbaren Dinge, die Gott tut, werden jederzeit und allerorts vernommen. Davon handeln die Strophen drei und vier.

Und im dritten Teil, in der fünften Strophe, geht der Blick des Dichters noch weiter. Er schaut über diese Welt hinaus. In ihr gibt es Königreiche und Nationen, die stolz daher kommen und meinen, sie werden niemals untergehen. Doch das ist ein Irrtum, „die Reiche fallen“, sie vergehen, wie alles auf dieser Welt. Mit dem „Thron Gottes“ verhält es sich anders. Dieses Bild kennen wir aus der Bibel, hauptsächlich aus der Offenbarung. Es korrespondiert mit Jesu Verkündigung des „Reiches Gottes“. Das ist ein ewiges Reich, das für immer „besteht und wächst“, bis irgendwann das Ende der Welt kommt und Gottes „großer, neuer Tag“ anbricht. Dann werden alle Geschöpfe unter seiner Macht sein. Das glaubt und denkt der Dichter nicht nur, er wünscht es sich auch. Die letzte Strophe beginnt im Originaltext nicht umsonst mit dem Ausruf: „So be it, Lord. – So sei es, Herr”.

Und damit ist das Lied ein wunderbares Zeugnis für den Glauben an die universale Gegenwart Gottes, an seine Allmacht und seine immerwährende Fürsorge für die Menschen. Dazu lädt der Dichter uns ein, und es tut gut, wenn wir uns diesen Glauben zu eigen machen.

Dabei können wir den drei Schritten folgen, die das Lied beschreibt, und mit dem Abend eines Tages beginnen. Es ist die Zeit, in der in den meisten Regionen der Welt die Dunkelheit hereinbricht, die Zeit des Ruhens und Schlafens. Einerseits ist es gut, dass wir dazu die Gelegenheit haben, andererseits sind wir während der Nacht und des Schlafes aber auch ausgeliefert. Wir machen selber nichts mehr, sind hilflos und schutzlos, und das kann Ängste auslösen. Nicht umsonst ist „Dunkelheit“ ein Bild für Gefahr und Not, Leiden und Sterben. Doch gerade in solchen Zeiten ist es gut, wenn wir uns an Gott wenden, so wie der Dichter es tut. Er lebt in dem Bewusstsein, dass Gott ihm den Tag gegeben hat und dass er auch nachts noch bei ihm ist. Mit diesem Bekenntnis drückt er sein Gottvertrauen aus. Das tröstet und beruhigt ihn, es lässt ihn sicher schlafen und nimmt ihm die Angst. Und er lädt uns ein, dasselbe zu tun: In der Dunkelheit gilt es, auf den zu vertrauen, dem Tag und Nacht gehört, der immer bei uns ist, und dessen Schutz viel größer ist, als wir denken.

Außerdem ist es sehr entlastend zu wissen, dass auch andere Menschen jetzt wach sind, und das aktive Gebet weiter geht, wenn ich schlafe. Das Gotteslob wandert mit der Sonne um die Erde. Davon handeln die nächsten beiden Strophen, der zweite Teil des Liedes. Er beinhaltet die Ökumene und die Zusammengehörigkeit aller Christen und Kirchen. Und das ist ein sehr hilfreicher und entspannender Gedanke. Er besagt, dass ich nicht auf mich allein gestellt bin, auch nicht mit meinem Glauben, sondern ich bin in eine weltweite Gemeinschaft eingebettet. Mein eigenes Leben wird dadurch in wohltuender Weise relativiert.

Es ist ja auch nie vollkommen, das merkt jeder und jede von uns immer wieder. Wir wünschen uns das zwar und sind oft unzufrieden mit uns oder mit der Kirche, fühlen uns kraftlos und unbedeutend, arm an Ideen und schwach, aber das ist unnötig. Denn das, was ich bin und verwirkliche, ist von vorne herein nur ein Teil des Ganzen. Ich bin nicht allein und schon gar nicht die Mitte der Welt. Ich habe vielmehr einen kleinen Platz auf dieser Erde, und das ist auch gut so. Ich muss nicht alles können und machen, denn nur zusammen mit allen anderen Menschen und Gläubigen entsteht ein Gesamtbild.

Das ist die zweite Idee, die dieses Lied enthält. Und als drittes folgt ein Ausblick auf die Ewigkeit, auf das Ende der Welt und „Gottes großen Tag“. Das Lied enthält also ein Abendgebet, ein Bekenntnis zur Ökumene und ein Gotteslob. Denn nun kommt Gottes Größe zur Sprache, seine Überlegenheit und Schöpferkraft. Er ist der Anfang und das Ziel der Weltgeschichte, er hält den Kosmos in seiner Hand und wird ihn eines Tages neu schaffen. So wie der Morgen einen neuen Tag bringt, wird Gott sein Reich heraufführen, das jetzt schon „besteht und wächst“.

Dabei ist Gott ganz anders als die Herrscher dieser Welt. Sie können zwar Gutes tun, aber oft zerstören sie mit ihrer Machtgier auch das Leben. Leider geht von vielen Herrschern eine große Gefahr aus. Gott dagegen ist nur am Leben interessiert. Er will die Menschheit retten und erlösen. Eines Tages wird das die Wirklichkeit sein, in der die Erde neu erwacht.

Mit diesem Gedanken endet der Dichter sein Lied und damit erhebt er nicht nur Gott. Der Lobpreis zieht ihn auch selber empor und verschafft ihm Zuversicht und Freude. Er hat eine Hoffnung, die weit über diese Welt hinausgeht, und damit möchte er uns anstecken.

Wenn wir sein Lied singen, geschieht das ganz von allein, und weil es so viele Schichten hat, passt es eigentlich immer. Wir singen es deshalb jetzt noch einmal, und zwar den Originaltext, die englische Fassung.

Amen.

Gott kommt und sieht und findet uns

Predigt über Apostelgeschichte 8, 26- 39: Der Kämmerer aus Äthiopien

6. Sonntag nach Trinitatis, 8.7.2018, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Apostelgeschichte 8, 26- 39

26 Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.
27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten.
28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!
30 Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?
31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
32 Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.
33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«
34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?
35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.
36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?
37 Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.
38 Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.
39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

Liebe Gemeinde.

Einer der weltweit größten Wirtschaftszweige ist der Tourismus. In dieser Branche werden horrende Gewinne erzielt, und mit rund 100 Millionen Beschäftigten gilt sie als einer der bedeutendsten Arbeitgeber. Die wirtschaftliche Grundlage sind im Wesentlichen die Kulturgüter und die Natur der Reiseorte. Das möchten Menschen sehen und erleben, und es werden immer mehr, die sich das Reisen leisten können.

Welche Ziele sich die Einzelnen aussuchen, ist ganz unterschiedlich. Gemeinsam ist allen Touristen allerdings, dass sie vorher bestimmte Vorstellungen haben. Jeder und jede erwartet etwas von einer Reise, und sie gilt dann als gelungen, wenn diese Erwartungen erfüllt wurden, wenn das Wetter entsprechend war, man viel Schönes gesehen hat, tolle Begegnungen hatte oder was auch immer.

Und das gab es schon sehr früh. So finden wir bereits in der Bibel viele Erzählungen über Menschen auf Reisen. Meistens führten praktische Gründe dazu, wie die Suche nach Nahrungsplätzen oder Wasser oder die Flucht vor Kriegen, Unterdrückung und Naturkatastrophen. Aber es gibt auch andere Geschichten. Eine davon haben wir vorhin gehört, es ist der Bericht über einen Reisenden aus Äthiopien, einen Beamten der Königin. Er hatte eine Wallfahrt nach Jerusalem gemacht, zum Tempel, „um dort anzubeten“. Er hatte also religiöse Gründe für seine Reise. Offensichtlich war er ein großer Freund des Judentums, d.h. er bekannte sich zu dem Glauben an den einen lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Wo und wie er davon gehört hatte, erfahren wir nicht, aber er interessierte sich offensichtlich für die heilige Schrift, denn er hatte in Jerusalem eine Schriftrolle des Propheten Jesaja erworben. Unsere Erzählung setzt da ein, wo er auf der Rückfahrt war und in seinem neuen Buch las. Leider verstand er nicht viel von dem, was dort geschrieben stand. Er hatte auch gerade eine sehr schwierige Stelle zu fassen, einen Teil aus dem sogenannten Gottesknechtstlied in Kapitel 53. Es heißt: „Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser: »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«

Es ist immer noch ein Rätsel, von wem der Prophet das hier sagt, „von sich selber oder von jemand anderem?“ Die Theologen sind sich da nicht einig. Es war allerdings in der christlichen Tradition von Anfang an üblich, diese Stelle auf Jesus Christus zu beziehen, denn sie drückt erstaunlich genau aus, was er erlitten hat.

So ist es auch in unserer Geschichte, die mit einem kleinen Wunder weitergeht. Mit einem Mal war nämlich der Apostel Philippus da. Er war einer der ersten Missionare und als Wanderprediger tätig. An einen bestimmten Ort war er also nicht gebunden, sondern er verkündigte dort, wo er gerade war, das Evangelium von Jesus Christus. Dazu hatte Gott ihn berufen. Und Gott wollte, dass es nicht nur zu den Juden sondern ebenfalls zu den Heiden gelangte. Durch einen Engel ließ er Philippus deshalb nun zu genau diesem Zeitpunkt auf der Wüstenstraße erscheinen, als der Kämmerer die besagte Stelle – offensichtlich laut – las. Philippus hörte es jedenfalls und er fragte. „Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.“ So geht die Erzählung weiter. Und das war gut für den Äthiopier, denn nun hörte er noch viel mehr, als er vorher wusste, er empfing eine ganz neue und ungeahnte Botschaft: Philippus predigte ihm das Evangelium von Jesus Christus. Er verkündigte, dass Jesus für die ganze Menschheit gestorben und auferstanden ist und allen Heil und Vergebung schenkt. Und das war für den Reisenden umwerfend. Offensichtlich hat es ihn tief angerührt, vielleicht hatte er auf genau diese Botschaft gewartet. Er war jedenfalls offen für das Evangelium und nahm es an. „Er glaubte von ganzem Herzen, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“ Er hatte keine Bedenken, und so war wie auf Befehl Wasser zur rechten Zeit da – in der Wüste sicher etwas Rares – und er ließ sich taufen. Sein Leben gehörte damit Jesus Christus.

Danach wurde Philippus „durch den Geist wieder entrückt“. Und die Geschichte endet mit dem Satz: „Der Kämmerer zog seine Straße fröhlich.“ Die Reise war also gelungen, seine Erwartungen waren sogar weit übertroffen worden. Unvorhergesehener Weise hatte sich sein Leben verändert, er fühlte sich befreit und gestärkt und kam als neuer Mensch wieder nach Hause.

Natürlich ist das Ganze eine Wundergeschichte. Das erkennen wir an vielen Einzelheiten, die göttliche Lenkung ist hier nicht zu übersehen. Es sollte zu der Bekehrung und der Taufe des Kämmerers aus Äthiopien kommen, und dafür hat Gott die Initiative ergriffen.

Das alles liest sich gut und ist spannend und faszinierend. Doch was hat das nun mit uns zu tun? Dass wir so etwas erfahren, ist ja recht unwahrscheinlich. Können wir das auf unser Leben übertragen? Das müssen wir uns fragen, und dafür ist es ratsam, wenn wir uns ein paar Dinge herausgreifen und näher betrachten.

Zunächst einmal ist es sehr schön, was der Kämmerer von dieser Reise mitnimmt. Das sind nämlich nicht die Dinge, die er gesehen und gefunden hat, entscheidend ist vielmehr, dass er gesehen und gefunden wurde, und zwar von Gott selbst.

Und das können wir gut auf uns anwenden. Unser Leben ist ja insgesamt wie eine Reise, auf der wir möglichst viel erleben möchten. Es soll gelingen, wir wollen fröhlich sein und unsere Ziele erreichen. Doch wichtiger als all das ist, dass Gott zu uns kommt, uns sieht und findet. Nicht was wir alles machen, ist entscheidend, sondern dass Gott uns begegnet, zu uns spricht, und wir die befreiende Botschaft annehmen, dass er uns liebt.

Bei dem Kämmerer ist es dazu gekommen, weil er offen und bereit dafür war. Er ließ Philippus auf den Wagen steigen und hörte zu. Außerdem war er vorbereitet und interessiert, und das alles ist auch für uns entscheidend. Wenn wir uns nach der Liebe Gottes sehnen, müssen wir uns in diese Haltung einüben. Sie entspricht nicht unbedingt unserem normalen Lebensgefühl. Das ist vielmehr meistens davon geprägt, dass wir etwas machen, dass wir selber reden, etwas wollen und erwarten. Was uns bei unseren Reisen leitet, bestimmt unser Bewusstsein auch im Alltag: Wir stellen uns das Ziel vor, planen den Weg dorthin und investieren viel Zeit und Geld. Das ist natürlich oft auch wichtig, aber zu dem, was der Kämmerer erlebt hat, führt es uns nicht. Das geschieht vielmehr dann, wenn wir mit all dem gerade einmal aufhören.

Und dabei hilft die Einsicht, dass all unsere selbstgesteckten Ziele und Erfahrungen irgendwann vergehen. Wie nach einer Reise, so haben wir auch am Ende des Lebens hauptsächlich Erinnerungen, und selbst die verblassen irgendwann. Wir können nichts festhalten und nichts mitnehmen. Alles verändert sich, das Leben ist flüchtig und nicht nur mit Freude, sondern auch mit viel Traurigkeit angefüllt.

Es ist demnach gut, wenn wir von vorne herein nach mehr fragen, nach etwas Bleibendem, das nie verloren geht. Es ist da, und Gott bietet es uns auch ständig an. Dabei ist er nicht an Ort und Zeit gebunden, er kann uns immer und überall erreichen. Eine Reise bis zum Ende der Welt oder sonst wohin ist dafür nicht nötig. Nicht wir müssen zu ihm gehen, sondern er kommt zu uns. Gott findet uns da, wo wir gerade sind, und es spielt auch keine Rolle, wie es uns geht. In Freude und Leid, in Armut oder Reichtum, in Krankheit oder Gesundheit kann er zu uns kommen. Denn Gott ist unabhängig und frei, groß und souverän.

Und die Wege, auf denen er uns erreicht, sind ebenfalls ganz unterschiedlich. Es kann in vielfältiger Weise geschehen, wenn wir allein sind oder in der Gemeinde, zu Hause oder unterwegs, in der Stille oder beim Reden und Hören. Zu dem Äthiopier kam Gott durch einen anderen Menschen, der bereits an Jesus Christus glaubte, und das ist wahrscheinlich auch bei uns am ehesten der Fall. Wir müssen solche Menschen nur zu uns „auf den Wagen steigen lassen“, d.h. sie in unser Leben hineinlassen, uns auf sie einlassen, ihnen zuhören und uns anrühren lassen.

Aber es gibt auch noch ein anderes Ereignis, das wichtig dafür ist, und das ist unsere Taufe. Da hat Gott uns ein erstes Mal aufgesucht und seine Gnade über uns ausgebreitet. Das war ein großes Geschenk, auch wenn wir davon nicht viel mitbekommen haben, weil wir noch zu klein waren. Aber das macht nichts, im Gegenteil, gerade das hat eine Bedeutung: Die Kindertaufe ist ein schönes Zeichen dafür, dass Gott ohne unser Zutun kommt, dass wir passiv bleiben dürfen, keinen Aufwand betreiben müssen, keine Anstrengung und kein Geld dafür brauchen.

Es reicht, wenn wir irgendwann reagieren. Bei einer Erwachsenentaufe ist das von vorne herein dabei, denn sie folgt auf die Bekehrung und ist dafür das Siegel und die Bestätigung. Wurden wir als Kinder getauft, können wir das später nachholen und eines Tages mit dem Glauben antworten. Dazu gibt es den Konfirmandenunterricht und die Konfirmation. Da erfahren wir, was die Taufe bedeutet und können uns bewusst für Gott entscheiden, d.h. seine Zuwendung annehmen und sein Sehen genießen, seinen liebevollen Blick auf uns ruhen lassen.

Und das ist das schönste Erlebnis der Welt. Es rührt uns auf dem Grund unserer Seele an. Die Angst, etwas zu verpassen oder zu verlieren, verschwindet, weil unsere tiefste Sehnsucht gestillt wird. Denn Gott sieht uns ganz. Er weiß, wer wir sind und lässt uns so sein. Unter seinem Blick finden wir zu uns selber, und das kann keine Reise uns bieten, ganz gleich, wie weit weg sie uns führt oder wie spannend sie ist.

Die Geschichte des Kämmerers aus Äthiopien lädt uns ein, daran zu glauben und Gott immer wieder zu uns kommen zu lassen. Dann „ziehen auch wir unsere Straße fröhlich“.

Amen.

Christus vergibt uns unsre Sünden

Predigt über 1. Johannes 1, 5- 2, 6: Das Leben im Licht

3. Sonntag nach Trinitatis, 17.6.2018, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

1. Johannes 1, 5- 2, 6

1 5 Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.
6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.
7 Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.
8 Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.
9 Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.
10 Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.
2 1 Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen  Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.
2 Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.
3 Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten.
4 Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht.
5 Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind.
6 Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat.

Liebe Gemeinde.

»In einem katholischen Dorfpfarrhaus klopft des Abends ein Mann an die Tür. Er sei katholischer Priester, sagt er, und habe hier eine Wagenpanne gehabt. Ob er im Pfarrhaus übernachten könne? „Aber natürlich“, sagt der Dorfpfarrer, „kommen Sie doch rein.“ „Kann ich morgen in Ihrer Kirche die Messe lesen?“ fragt der Fremde. „Hier sind mein Ausweis und meine Celebret“, [das ist dafür die kirchliche Erlaubnis] und er kramt schon danach in der Tasche. „Aber lassen Sie doch, Herr Confrater, das ist nicht nötig“, wehrt der Gastgeber ab. „Kommen Sie doch weiter ins warme Zimmer. Wie wär‘s mit einem guten Glas Wein?“ „Vielen Dank, aber ich trinke nicht“, sagt der Fremde. „Aber eine gute Zigarre werden Sie sicher nicht ablehnen?“ „Leider – ich rauche auch nicht.“ „Nun – das soll ja vorkommen“, sagt der Dorfpfarrer etwas befremdet. „Aber in einer Viertelstunde kommen der Lehrer und der Doktor zu einem Skat. Sie halten doch mit?“ „Bedaure“, sagt der Fremde, „ich spiele nicht Karten!“ „So? Dann zeigen Sie mir doch lieber einmal Ihr Celebret!“« (Der klerikale Witz, Hrg. Hans Bemmann, München, 7. Auflage 1983, S. 22f)

Das ist natürlich ein Witz, aber wie alle Witze enthält er ein Körnchen Wahrheit. In diesem Fall ist es das weltliche – oder auch sündhafte – Verhalten vieler Geistlicher, das nicht nur geduldet sondern geradezu erwartet wird.

Priester, Pastoren, und auch Mönche und Nonnen sollen schließlich dem Leben zugewandt sein, sich den einen oder anderen Genuss gönnen und Freude ausstrahlen. Ein übertriebenes Sündenbewusstsein oder gar Weltverneinung wirken abstoßend. Es ist viel beruhigender, wenn Geistliche sich in ihrem Lebenswandel nicht von anderen Menschen unterscheiden, dann braucht keiner ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er z.B. trinkt, raucht oder Karten spielt.

Denn die Bibel entlastet uns diesbezüglich nicht. Da ist an vielen Stellen davon die Rede, dass wir unsere Sünden und unsere Schlechtigkeit erkennen und unseren Lebenswandel ändern sollen. So auch in dem Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief, den wir eben gehört haben. Da heißt es an einer Stelle: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wir machen Christus zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. Wir wandeln in der Finsternis.“ Das klingt anstrengend und ungemütlich. Schon das Wort „Sünde“ schreckt uns ab, und eine Aufforderung wie „Sündigt nicht!“ die in dem Text auch an uns gerichtet wird, noch viel mehr.

Führt das nicht alles zur Freudlosigkeit? Das wird dem Christentum ja oft unterstellt. Wir haben den berühmten Vorwurf von Nietzsche im Ohr: „Sie müssten fröhlicher aussehen, die Christen.“ Er fand, das Christentum habe den Lebenswillen geschwächt, es mache keinen Mut zum Leben, sondern erziehe zum Muckertum. „Der christliche Glaube ist von Anbeginn Opferung: Opferung aller Freiheit, alles Stolzes, aller Selbstgewissheit und des Geistes.“ So sagt er. Der christliche Glaube war für ihn deshalb ein „Zeichen von Verarmung an Leben.“ Das sind Nietzsches Vorwürfe (siehe: http://www.ursulahomann.de/NietzscheUndDasChristentum/komplett.html) und mit denen müssen wir uns in der Tat auseinandersetzen. Denn natürlich kann der Glaube zur Verneinung des Lebens führen. Nietzsche kannte auch solche Menschen. Er hatte eine Kirche erlebt, die seiner Meinung nach der Menschheit jede Lebenshoffnung nahm. Und das hat der eine oder die andere von Ihnen eventuell ebenfalls schon erfahren, weil in der Kirche viel zu viel über die Sünde geredet wird, und das ist für viele heutzutage zum Problem geworden.

Aber ist es wirklich lebensfeindlich? In unserem Briefabschnitt kommt etwas anderes zum Ausdruck. Lassen Sie uns einmal genau hinschauen, was hier steht, dann entdecken wir, dass es gar nicht so schlimm ist. Gleich zu Beginn wird uns bereits etwas sehr Positives verkündigt. Es heißt ja am Anfang: „Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.“ Es geht also um etwas Helles und Schönes, um genau das, wonach wir uns sehnen, um Leben und Freude. Der Schreiber will uns das nicht vermiesen oder ausreden, er erkennt bloß, dass es nicht so einfach ist, das auch zu finden. Denn es gibt ganz vieles, das unser Leben und unseren Geist verdunkeln kann. Und damit meint er nicht das eine oder andere Laster, sondern dunkle Kräfte, die in der Welt wirken. Wenn in der Bibel das Wort „Sünde“ steht, dann ist damit nicht etwas Moralisches gemeint, sondern eine Macht, die uns von Gott trennt. Sie hat etwas Zerstörerisches an sich, sie kann uns in den Abgrund reißen. Und davor sollen wir bewahrt werden.

Dabei geht es nicht darum, dass wir uns aus eigener Kraft gegen negative Einflüsse stemmen und einen makellosen Lebenswandel führen. Es gibt vielmehr jemanden, der die Macht der Sünde gebrochen hat. Das ist Jesus Christus, der Sohn Gottes. „Sein Blut macht uns rein von aller Sünde. Er ist treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Er ist unser Fürsprecher bei dem Vater, er ist gerecht und die Versöhnung nicht allein für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Das ist das Evangelium, die gute Botschaft. Daran dürfen wir glauben, darauf dürfen wir vertrauen. Dann wirkt sich die befreiende Kraft Jesu in unserem Leben aus.

Doch damit das geschieht, müssen wir ehrlich sein und uns selbst erkennen. Wir dürfen uns nichts vormachen, uns nicht selber betrügen oder einer Lebenslüge hingeben. Vor dieser Gefahr will uns der Schreiber des Briefes bewahren. Er warnt uns davor, so zu tun, als würde das Leben von alleine gelingen, und als wäre das so einfach.

Die Aufforderung zu einem geordneten Lebenswandel ist also nicht gegen das Leben gerichtet, sondern sie dient ihm. Und sie ist auch nicht moralisch gemeint, sondern eng verknüpft mit der Botschaft, dass wir einen göttlichen Beistand und ein Vorbild haben. Jesus Christus ist da, um uns zu helfen und zu erlösen. Wir werden zwar dazu ermahnt, „seine Gebote zu halten und so zu leben, wie er“, aber das geht nur, wenn wir „ihn kennen und in ihm“ sind. Dann können seine Wahrheit und seine Liebe sich in uns ausbreiten.

Wir müssen sowohl „Sünde“ als auch „Freude“ also noch viel umfassender und tiefer verstehen, als wir das normalerweise tun. Es sind keine innerweltlichen oder psychologischen Kategorien, sondern beschreiben jeweils Räume des Bewusstseins oder Bereiche des Lebens, Kräfte, die wirken und Macht haben.

Fangen wir doch einmal mit der Freude an. Wir denken oft, wir gewinnen sie, wenn wir uns möglichst viel gönnen, Spaß und Erfolg haben, mit netten Menschen zusammen sind, gesund bleiben usw. Aber sind diese Vorgänge und Handlungen nicht alle sehr oberflächlich und vor allen Dingen flüchtig? Solche Geschichten können ganz schnell vergehen und zusammenbrechen. Dieses Konzept bleibt auch irgendwie immer unvollkommen und unzureichend, denn wir haben nie so ganz genug. Und wenn es schlimm kommt, wirkt es sogar zerstörerisch. Denn es kann z.B. in eine Sucht führen, zu Geldverschwendung oder zum Ehebruch, in Krankheit oder in den sozialen Abstieg.

Das Leben ist leider etwas komplizierter, als wir es uns wünschen, und das gilt es, zu erkennen. Es ist gut, wenn wir aufdecken, was uns gefährdet, und uns selber spüren. Das mindert nicht die Lebensqualität, sondern wir nehmen uns endlich einmal ernst, so wie wir sind. Uns wird bewusst, was wir können und auch nicht können. Wir setzen uns mit uns selber und unserer Wirklichkeit auseinander.

Das ist mit „Sündenerkenntnis“ gemeint, und die ist zutiefst heilsam. Denn sie führt dazu, dass wir uns nicht mehr selber betrügen und die Bilder, die wir vom Leben haben, loslassen. Wir machen uns nichts mehr vor, sondern können uns entspannen. Dazu will uns der Glaube an Jesus Christus führen, und ohne ihn geht es auch kaum. Wir können uns an ihn wenden, dann fängt er uns auf. Wir müssen nur zu ihm beten, ihn um Hilfe und Erbarmen anflehen. Dadurch kommen wir mit Gott in Berührung, der uns erschaffen hat. Er ist der tiefste Grund für unser Dasein und das Ziel auf das wir zugehen. Es gilt also, dass wir uns auf Christus einlassen, ihm vertrauen und seine Liebe und Vergebung zulassen. Nur mit ihm kann das Leben wirklich gelingen, nur bei ihm finden wir unseren Sinn und unseren Halt, die ganze Fülle, nach der wir uns sehnen. Wir spüren seine Kraft.

Der Glaube an Jesus Christus und das Evangelium beinhalten also in Wirklichkeit genau das Gegenteil von dem, was Nietzsche darin gesehen hat. Wir gehen nicht zerknirscht oder mit gesenktem Haupt durch das Leben, wir werden vielmehr aufgerichtet und bekommen neuen Mut. Unser Dasein wird hell und schön. Wir werden heiter und gelassen. Lasten fallen von uns ab und Freude kommt auf, eine tiefe und bleibende Freude, die sich nicht so schnell vertreiben lässt.

Natürlich gehört dazu, dass wir gelegentlich Abstand nehmen von der Welt und uns gewisser Genüsse enthalten. Wenn wir in der Anekdote, die ich am Anfang erzählt habe, einmal nicht den Witz beachten, sondern die Lebensweise des Pfarrers, der keinen Wein trinken möchte, nicht raucht und nicht Karten spielt, dann bekommt sie einen ganz anderen Sinn. Denn dieser Mensch hat den Wert der Askese erkannt, die das Leben ordnet und reinigt. In dem Wort „Laster“ steckt ja „die Last“, und das ist sehr vielsagend: Wenn wir Laster abwerfen, wird unser Gang leichter und fröhlicher, wir gewinnen Güte und Gelassenheit.

Und solche Menschen gibt es, Menschen die sich zu einem Lebenswandel entschieden haben, der die weltlichen Freuden kritisch sieht und davon Abstand nimmt. Wir treffen sie z.B. in Klöstern. So stellt sich eine Nonne ihren Ordensgründer, den heiligen Benedikt, z.B. folgendermaßen vor: „… mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehend, mit offenen Ohren nach allen Richtungen horchend, mit durchdringenden, gütigen Augen, die tiefer als die Oberfläche sehen und in allen Christus entdecken.“ (Aquinata Böckmann OSB, Perspektiven der Regula Bendicti, Münsterschwarzach 1986, S. 4ff) So jemanden habe ich vor kurzem tatsächlich getroffen, und zwar den Abt des Benediktinerklosters in Hildesheim. Er hielt einen Vortrag über die Stille. Und wenn man mich fragt, was mir am meisten an ihm aufgefallen ist, dann würde ich sagen: Die Freude und Heiterkeit. Die hat er ausgestrahlt und damit hat er uns angsteckt.

Wir müssen nicht alle ins Kloster gehen, aber wir dürfen uns gerne von Menschen inspirieren lassen, die diesen besonderen Weg gewählt haben. Sie zeigen uns, dass es im Leben um mehr geht, als um ein paar weltliche Freuden, denn sie verweisen uns auf Gott und laden uns ein, „im Licht zu wandeln, wie Christus im Licht ist.“ Was das konkret heißt und in welcher Form wir das tun, müssen wir selber herausfinden, aber wir dürfen davon ausgehen, dass „wir dann Gemeinschaft untereinander haben, und das Blut Jesu uns rein macht von aller Sünde.“

Amen.

Alle sind zum Glauben an Gott eingeladen

Predigt über 1. Korinther 14,1-3.20-25: Zungenrede und prophetische Rede

2. Sonntag nach Trinitatis, 10.6.2018, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Korinther 14,1-3.20-25

1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!
2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen.
3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
20 Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.
21 Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.«
22 Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?
24 Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt;
25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Liebe Gemeinde.

Für den Reformator Martin Luther war klar: Niemand ist unter Christen und Christinnen besser oder heiliger als der oder die andere. Er war der Meinung: Jeder Christ soll die Bibel selbst lesen und verstehen und den Glauben weitergeben. Einer seiner kraftvollen programmatischen Sätze lautet: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei, […].“ So schreibt der Reformator 1520 in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation […]“. Und er erklärt kurz und bündig, dass „wir alle gleichmäßig Priester sind“. Mit der Zeit wurde daraus der Ausdruck „Priestertum aller Gläubigen“, weil es sich auf alle Christinnen und Christen bezieht.

Es gibt also in der Gemeinde grundsätzlich keine Personen, die nicht zum Predigen berufen sind. Jedem und jeder wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, alle sollen in den gottesdienstlichen Versammlungen Christi Gegenwart und Zuwendung erfahren und weitersagen können.

Das war auch schon Paulus wichtig. Die Gottesdienste der Gemeinde sollten für alle Menschen offen und verständlich sein. Besonders in seinem ersten Brief an die Korinther bietet er einen Einblick in seine Meinung zu diesem Thema. Da behandelt er verschiedene Fragen des Abendmahls und der Liturgie, und in diesem Zusammenhang stehen auch seine Ausführungen über zwei Formen von geistgewirkter Rede. Wir haben daraus vorhin einen Teil gehört.

Dabei ist euch sicher aufgefallen, dass Paulus sich mit einem Phänomen auseinandersetzen musste, das wir heutzutage in unseren Gottesdiensten nicht kennen, der sogenannten „Zungenrede“. Das ist ein Reden oder Beten in der Verzückung, der Ekstase. Sie galt in den ersten Christgengemeinden als eine Gabe des Geistes. Menschen wurden dabei von einer überrationalen seelischen Bewegung erschüttert und sprachen oder sangen dann in fremden Lauten. Das klang sicherlich ganz schön, war aber ohne Übersetzung bzw. Auslegung für andere nicht verständlich. Sie „reden im Geist von Geheimnissen“, wie Paulus es ausdrückt, und er hatte damit ein Problem. Denn in der Gemeinde von Korinth wurde diese Gabe als ein besonders wertvoller Erweis des Geistes angesehen und von einem Teil der Gemeindeglieder sehr hoch bewertet. Sie fanden sich heiliger und Gott näher, als die anderen, herausgerufen und auserwählt. Und offensichtlich führte das zu Konflikten und zu Unordnung in der Gemeinde. Denn diejenigen, die diese Gabe nicht hatten, fühlten sich dadurch minderwertig und nicht richtig dazugehörig. Außerdem war es so, dass der ekstatisch Redende allein mit Gott verbunden war, andere konnten daran nicht teilhaben. Er war isoliert und störte das gemeinschaftliche Element des Gottesdienstes.

Paulus sieht sich deshalb genötigt, einzugreifen, und er stellt klar: Sinnvoll ist nur eine Sprache, die von denjenigen, die sie hören, auch verstanden wird. Das ist schon im Allgemeinen so, aber in Glaubensfragen erst recht. Was hat ein Gottesdienstbesucher oder eine Gottesdienstbesucherin davon, wenn sie die Zungenrede zwar hört, aber nicht versteht? Gar nichts! Zur Erbauung aller dient nur das „prophetische Reden“, so nennt Paulus das Sprechen, das alle verstehen und das „zur Ermahnung und zur Tröstung“ führt. Es bewirkt, dass ein Ungläubiger erkennt, was tief „in seinem Herzen verborgen ist“. Er spürt seine Gottesferne und seine Verlorenheit, weiß sich aber gleichzeitig von Gott angesprochen, geliebt und gewollt. „Und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“ wie Paulus sagt. Und darum soll es in den Gottesdiensten gehen: Dass Menschen zum Glauben an Gott und an Jesus Christus finden. Sie sollen den Ruf Gottes vernehmen und mit Ja beantworten. Paulus möchte, dass die Gemeinde ein Ort ist, an dem die Menschen aufatmen können, wo ihnen die Angst genommen wird, wo sie vom Tod wieder ins Leben finden. Der Gottesdienst möge seinen einladenden Charakter bewahren, das ist ihm wichtig. Die sich plagen und die schwer zu tragen haben, sollen sich angesprochen wissen. Und daran beteiligen sich alle, die bereits dazu gehören. „Strebt nach der Liebe!“ Mit diesem Satz leitet Paulus seine Ausführungen ein und das ist zugleich die Zusammenfassung und das Ziel.

Und das ist auch für uns eine wichtige Ermahnung: Die Liebe möge über allem stehen. Mit ihr gilt es, einander zu begegnen und Fremde einzuladen. Sie ist das große Geschenk, das Gott uns in Jesus Christus gemacht hat, und das soll durch nichts verdunkelt werden. Die Liebe fließt von Jesus Christus in die Herzen der Gläubigen und von ihnen zu allen anderen Menschen. Das ist das Evangelium, dem ja auch wir folgen.

Aber ist das nun so neu? Und können uns die Ausführungen über die Zungenrede irgendetwas dazu verdeutlichen? Brauchen wir die überhaupt noch? Dieses Phänomen gibt es bei uns wie gesagt nicht. Ist es deshalb nicht überflüssig, dass wir uns mit diesem Kapitel im ersten Korintherbrief beschäftigen? Das fragen wir uns, und dazu gibt es folgendes zu sagen:

Ganz unnötig sind die Gedanken von Paulus für uns nicht, denn hinter seiner Kritik verbirgt sich eine Beobachtung, die auch auf uns zutrifft. Und zwar betrifft sie die Haltung, die sich leicht einschleicht, wenn jemand eine besondere geistliche Gabe empfängt. Sie mag von Gott sein, aber sie hat etwas Verführerisches an sich. Denn ganz schnell bildet der Empfänger oder die Empfängerin sich darauf etwas ein. Die Eitelkeit wird also gefördert, denn man fühlt sich als etwas Besonderes. Selbstruhm, Egoismus und Geltungssucht ergreifen das Gemüt, und das alles sind Laster, die nicht mehr dem Wirken des Heiligen Geistes entsprechen. Zudem fühlt es sich sicher gut an, in eine entsprechende Ektase zu verfallen. Man bekommt daran Spaß, und so spielt plötzlich auch das Lustprinzip eine Rolle. Ganz abgesehen davon, dass kein Außenstehender und keine Außenstehende verstehen kann, was mit der betreffenden Person geschieht. Sie erbaut ausschließlich sich selbst und löst sich aus der Gemeinschaft.

Und vor diesen Lastern sind auch wir nicht geschützt. Wir beschäftigen uns ebenfalls ganz gerne mit uns selbst ohne Rücksicht auf unsere Mitmenschen. Wir pflegen unsere Religiosität und fühlen uns herausgerufen. Allenfalls vergleichen wir uns mit anderen und messen den Grad unserer Christlichkeit. Natürlich wollen wir am liebsten gut und vielleicht sogar heilig sein. Doch das führt auch bei uns dazu, dass die Gemeinschaft leidet. Die anderen geraten in Vergessenheit oder sind in unseren Augen minderwertig.

Und zu dieser Gruppe können wir ganz schnell auch selber gehören. Das ist die andere Seite dieses Erfolgsdenkens. Wenn wir uns miteinander vergleichen, können wir uns auch schlechter fühlen als die anderen, das Selbstvertrauen schwindet, Unsicherheit und Zaghaftigkeit beschleichen uns. Wir halten uns für bedeutungslos. Und das führt zu genau den gleichen Folgen, wie die Selbstüberschätzung: Wir drehen uns um uns selbst und verlieren den Kontakt zu den anderen. Das gegenseitige Verständnis leidet, und Außenstehende fühlen sich ausgegrenzt.

All das sind übrigens Phänomene, die sich nicht nur in der Gemeinde abspielen. Unser Miteinander ist davon oft geprägt, dass wir uns gegenseitig übertreffen wollen, gerade in einer Leistungsgesellschaft ist das so: Auch im Beruf oder in der Familie wollen wir am liebsten gut sein und anerkannt werden. Die einen schaffen das, die anderen bleiben auf der Strecke. Und dabei gehen die Liebe und die Offenheit füreinander verloren, Unfriede und Unordnung kehren ein.

Davor will Paulus die Korinther bewahren, und darauf müssen auch wir achten. Es ist wichtig, dass wir nüchtern bleiben und immer wieder unsre eigenen Schwächen erkennen. Wir sind nicht besser oder schlechter als andere und genauso erlösungsbedürftig. Der Gottesdienst ist kein Ort von besonders Auserwählten, sondern ein Ort, an dem Christus spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28) Dieser Einladung dürfen wir folgen und uns beleben und aufrichten lassen. Christus möchte uns stärken und erfrischen. Das ist das Evangelium, das wir immer wieder feiern, wenn wir zusammenkommen. Wir sind geladene Gäste, die es nötig haben, dass ihnen vergeben wird. Wir werden durch die Barmherzigkeit Christi angenommen, wie wir sind. Daran werden wir heute erinnert. Das Gleichnis von dem großen Abendmahl aus dem Lukasevangelium (Lukas 14, 15-24) betont genau diesen Sachverhalt, und es tut gut, wenn wir das beachten.

Dann werden wir nicht nur selber getröstet, sondern wirken auch auf andere einladend. Sie kommen am ehesten hinzu, wenn sie Menschen treffen, die erfüllt sind von der Liebe Christi und das mit klaren Worten bekennen. Nicht der Grad der Heiligkeit oder der theologischen Bildung ist entscheidend, um ein guter Prediger oder eine gute Predigerin des Evangeliums zu sein, sondern der Glaube an Jesus Christus, dem wir alles verdanken. Ihn sollen wir weitergeben, in Liebe und Zuwendung zu den Menschen.

Das ist das Anliegen von Paulus, und das ist auch für uns noch wichtig. Zusammenfassend kann man sagen, dass er mit seinen Ausführungen auf die drei Ebenen eingeht, die bei der Weitergabe des Evangeliums eine Rolle spielen: Das sind Gott, die anderen und ich selbst. Alles drei muss zusammenspielen.

Was mich selbst betrifft, so gilt es, immer wieder ehrlich zu sein und mir nicht einzubilden, ich sei besser als andere. Nur wenn das eigene Ich kleiner wird, und ich den Selbstruhm ablege, kann Gott größer werden. Und um ihn geht es, um seine Liebe und Gegenwart. Sie sind in Jesus Christus da, dem wir vertrauen dürfen. Dann sehen wir die anderen ganz von selber klarer. Wir können uns in sie hineinversetzen, hören ihre Fragen und erkennen ihre Not. Und wir lernen automatisch, in welcher Sprache wir am besten mit ihnen reden. Sie verstehen uns und wir sie.

Und wenn das geschieht, ist die Kirche und jede Gemeinschaft lebendig und kann wachsen. Der Geist Gottes kann wirken und offenbart den Anwesenden, wie groß die Liebe Gottes ist. Alle, die sich darauf einlassen, erfahren in den Versammlungen seine Gegenwart und Zuwendung und werden zu Priestern und Priesterinnen, Bischöfen und Bischöfinnen seiner Gemeinde.

Amen.

Gott verheißt uns seinen Geist

Predigt über Jeremia 31, 31- 34: Der neue Bund

6. Sonntag nach Ostern, 13.5.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jeremia 31, 31- 34

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde.

Alle sieben Jahre feiert Israel das sogenannte Bundeserneuerungsfest. „Das ganze Volk kommt dafür zusammen und erscheint vor dem Angesicht des HERRN. Das Gesetz, das Gott dem Volk gegeben hat, wird feierlich ausgerufen. Männer, Frauen und Kinder und ebenso die Fremdlinge, die in den Städten Israels leben, sollen es hören und lernen und den HERRN, ihren Gott, fürchten und alle Worte des Gesetzes halten und tun.“ Diese Anweisung steht im fünften Buch Mose, im 31. Kapitel. (5. Mose 31,10-12)

Das erste Mal gab Gott dem Volk am Sinai seine Gebote. Der Bericht darüber im zweiten Buch Mose lautet: „Mose kam und sagte dem Volk alle Worte des HERRN und alle Rechtsordnungen. Da antwortete alles Volk wie aus einem Munde: Alle Worte, die der HERR gesagt hat, wollen wir tun.“ (2. Mose 24, 3)

Das war wie ein Vertrag zwischen Gott und den Menschen: Gott offenbarte seinen Willen und versprach seine Treue. Als Gegenleistung sollten die Menschen sich verpflichten, seine Gebote einzuhalten. Später hat Mose den Bundesschluss Gottes mit dem Volk Israel mit den berühmten Worten zusammengefasst: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.“ (5. Mose 6, 4- 6)

Aber ist dem Volk Israel das auch gelungen? Der Prophet Jeremia sieht das skeptisch. Die Verse, die wir vorhin gehört haben, zeigen, dass die Geschichte ganz anders verlaufen ist: Der Bund Gottes mit dem Volk Israel ist von Seiten der Menschen immer wieder missachtet worden, wie bei einem Vertragsbruch. Es war ein Bund, „den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR“. Die Israeliten taten immer wieder, „was dem Herrn missfiel“, wie es an vielen Stellen im Alten Testament heißt: Sie dienten anderen Göttern, unterdrückten die Armen und Fremdlinge, waren lieblos und ungerecht und wichen in vielerlei Hinsicht von den Geboten Gottes ab. Und da kam offensichtlich auch das Bundeserneuerungsfest nicht gegen an. Sämtliche Warnungen der Propheten verhallten ungehört. Drohungen und Strafen führten ebenfalls zu nichts. Ungefähr 700 Jahre nach dem Bundesschluss am Sinai – genau lässt der sich nicht datieren – sprach Jeremia deshalb davon, dass noch mehr geschehen musste, damit das Volk gottesfürchtig blieb, etwas viel grundlegenderes, eine Erneuerung des ganzen Menschen. Und die verheißt der Prophet hier: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen. Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben“.

Das ist eine großartige und umwerfende Ankündigung: Gott wird die Sache selber in die Hand nehmen und den Menschen helfen. Aus seiner Forderung soll eine Gabe werden, indem er sein Gesetz in das Herz der Menschen legt und ihnen damit die Kraft des Gehorsams schenkt. Sein Wille wird in ihrem Inneren wohnen, so dass sie von selber das Bedürfnis haben, ihn zu tun. Es wird ein persönliches Verhältnis jedes und jeder Einzelnen zu Gott geben, die sich in der Herzenshingabe äußern wird. Zugleich werden sie „alle Gott erkennen, beide, Klein und Groß.“, denn Gott selbst wird ihre Augen öffnen. Der Bundesgedanke bekommt also eine ganz neue Note. Er wird individuell zugespitzt und persönlich vertieft. Und das ist eine wunderbare Neufassung des alten Bundesschlusses, eine grundlegende Umwälzung der Verhältnisse.

Die kommt auch darin zum Ausdruck, dass es bei all dem einzig und allein um Gott gehen wird: Er steht am Anfang des neuen Bundes und gründet ihn. Gleichzeitig schafft er die Möglichkeit seiner Durchführung bei den Menschen. Und schließlich ist er selber das Ziel, auf das der Bund zusteuert. Er dient der Selbsterschließung Gottes. Gott offenbart sich, damit alle Menschen ihn „erkennen“. Der neue Bund wird demnach die ideale Vollendung der Heilsordnung Gottes sein. Alle, Groß und Klein, werden in den paradiesischen Zustand zurückgeführt. Denn auch ihre Sünden werden vergeben. „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ sagt der Prophet. Damit ist gewährleistet, dass der neue Bund auch Bestand haben wird. Dabei fließen auch die Erfahrungen Jeremias in diese Verheißung ein. Er weiß um die Abgründigkeit des menschlichen Herzens, und er hat erlebt, wie Gottes starke Hand ihn hielt und ihm die Kraft zum Gehorsam schenkte. Jeremia hat auch in der dunkelsten Nacht, und obwohl er gesündigt hat, bei Gott Heilung und Rettung gefunden. Er weiß deshalb, dass die Vergebungsbereitschaft Gottes das Fundament des neuen Bundes ist. Auf ihr ruht das Heil in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft.

Das ist hier die Verheißung, und die ist sehr schön: Gott lässt sich erkennen, und der Mensch kann seiner Bestimmung gemäß leben. Er empfängt Vergebung, Heil und Freude. Das Leben gelingt und ist gesegnet und erfüllt, weil Gott alles schenkt, was dafür nötig ist. Diese Botschaft hören wir heute und sie gilt auch uns. Auch wir sind gemeint und dürfen das auf uns beziehen.

Die Frage ist allerdings, ob wir damit etwas anfangen können. Wo und wie ist denn dieses Heil erfahrbar? Ist das nicht alles sehr fern von unserem Alltag, abgehoben und abstrakt? Es klingt irreal und hat nur wenig mit unserem Leben zu tun. Wozu lesen und hören wir solche Worte? Das müssen wir uns fragen, und dazu gibt es folgendes zu sagen:

Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir es hier mit einer Zukunftsvision zu tun haben. Der Prophet beschreibt die Endzeit. An die glaubt das Volk Israel ja bis heute. Es lebt aus seinen Verheißungen, von der Hoffnung, dass eines Tages alles neu wird, dass der Messias kommt und die Welt und die Menschen so verwandeln wird, dass endlich Gottes Plan mit der Schöpfung in Erfüllung geht. Insofern hat das, was Jeremia hier schreibt, natürlich etwas irreales. Es ist noch nicht Wirklichkeit und soll sich von dem Alltag der Menschen unterscheiden.

Aber es kann Zuversicht wecken, und für die haben wir als Christen erst recht einen Grund. Denn wir glauben, dass durch Jesus dieser neue Bund schon angefangen hat. Er war der vollkommene, neue Mensch, in dessen Herz das Gesetz Gottes geschrieben stand. Er hat Gott von innen heraus gehorcht und seinen Willen getan. In ihm hat demnach etwas von dem begonnen, was uns hier verheißen wird, und im Glauben an ihn gewinnen wir daran Anteil. Denn er schenkt uns seinen Geist, durch den das möglich wird, den Tröster und Beistand Gottes.

Wir lesen diesen Text bewusst am Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Noch ist der Heilige Geist nicht gekommen, der Auferstandene ist aber schon in den Himmel aufgenommen. Wir finden uns sozusagen zwischen den Zeiten: Abschied und Verheißung, Verlassenheit und Erwartung liegen eng beieinander. Wir bereiten uns auf Pfingsten vor, und das klingt auch in unserem Text an. Er hat also durchaus etwas mit uns zu tun. Lasst uns deshalb fragen, wie die Verheißung unser Leben prägen kann.

Dabei müssen wir unser ganzes Dasein in den Blick nehmen. Denn wenn etwas von der Verwandlung wahr werden soll, die hier beschreiben wird, dann geschieht das auf unserem Lebensweg. Es ist ein langer Prozess, mit dem wir vielleicht nie an ein Ende kommen. Aber es lohnt sich, dass wir uns auf den Weg machen und uns langsam dem Ziel nähern.

Wir müssen uns also klar machen, wie das aussieht, und dafür ist es gut, wenn wir zunächst erkennen, wie unser Leben normalerweise verläuft, ohne diese Verheißung. Es ist ja oft nicht davon geprägt, dass wir gerne „neue Menschen“ werden wollen, unsere Ziele sehen anders aus. Wenn wir jung sind, denken wir z.B. an beruflichen Erfolg, wir wünschen uns eine Familie und den Frieden in der Welt. Um gesund zu bleiben treiben wir Sport und halten uns fit, achten auf den Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit usw. Meistens geht das Konzept auch auf, es geht uns einigermaßen gut. Trotzdem dürfen wir nicht die Schattenseiten ignorieren, die mit diesem Lebensentwurf einhergehen. Das ist z.B. eine gewisse innere Unruhe und Sehnsucht, die uns ständig begleitet. Wir sind viele Jahre lang Getriebene unserer Wünsche. Und was den Glauben betrifft, so verschafft der uns auch nicht unbedingt Gelassenheit. Im Gegenteil, hier sind wir ebenfalls aktiv, weil wir meinen, etwas tun zu müssen. Wir sehen das gerne genauso wie die Israeliten: Wir schließen einen Vertrag mit Gott, halten uns an seine Gebote und gehen davon aus, dass er dann bei uns ist und uns hilft.

Aber stimmt das? Und wo führt das alles hin? Trägt es uns auch im Alter noch, wenn wir unser Leben so anlegen? Irgendwann sind die Kräfte ja verbraucht, wir sind erschöpft und spüren die Vergänglichkeit. Enttäuschungen und Verletzungen säumen unseren Weg. Am Ende stellen wir fest, dass wir viel aushalten und einstecken mussten. Und dann fragen wir uns vielleicht, wofür das alles gut war. Sinnlosigkeitsgefühle und Traurigkeit können aufkommen. Und bei all dem ist Gott irgendwie fern. Der Vertrag hat nicht richtig funktioniert. Vielleicht geben wir Gott sogar die Schuld dafür, dass am Ende so wenig übrig bleibt.

Aber ist das wirklich so? Können wir Gott für alles verantwortlich machen, was schief gelaufen ist? Liegt es nicht vielmehr an uns, wenn wir uns am Ende einsam und verlassen fühlen? Auf die Verheißung haben wir jedenfalls nicht gesetzt, sondern daran haben wir vorbei gelebt, denn wir haben ignoriert, dass Gott uns die ganze Zeit im Inneren beschenken und umwandeln wollte. Diese Selbsterkenntnis sollten wir zulassen, und uns durch die Worte des Propheten wieder ganz auf Gott ausrichten. Er verheißt uns, dass wir mit Gott in Übereinstimmung leben können. Wir müssen unser Leben nur so anlegen, dass das geschehen kann, und empfangsbereit sein. Wir werden daran erinnert, dass Gott der Anfang, die Mitte und das Ziel unseres Lebens ist. Wir haben uns nicht selber geschaffen und wir gehen unseren Weg auch nicht ohne ihn. Er ist von Anfang an dabei und er hat uns ein großes Geschenk gemacht. Das ist sein Sohn Jesus Christus, der uns immer wieder vergibt. Wir können jederzeit zu ihm kommen und neu beginnen. Wir müssen keinen Vertrag einhalten, sondern dürfen seinen Geist empfangen. Er ist das Fundament, das nicht wankt, die Hilfe, die niemals aufhört, und das Ziel, das unsrem Leben eine ganz andere Orientierung gibt. Und das alles finden wir nicht außerhalb von uns, sondern tief in uns. Die Mystiker sprechen vom „Seelengrund“. Ihn schafft Gott neu, wenn wir seinen Geist empfangen. Er wohnt dort bereits. „Er hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt“, wie der Prediger Salomo sagt. (Prd. 3,11) Wenn wir uns nach innen wenden, um ihn in uns zu suchen, werden wir ihn deshalb finden, und das tut gut. Wir kommen in Übereinstimmung mit unserem Ursprung, unser Leben wird so, wie es von Gott her gedacht ist.

Der Prophet lädt uns ein, das zu unserem Lebensziel zu erklären, das neue Herz, in dem Gott wohnt. So müssen wir seine Worte hören, dann haben sie auch ganz viel mit unserem Leben zu tun. Sie wirken sich aus und verändern etwas. Wir werden gelassen und ruhig und finden inneren Frieden. Und das nimmt am Ende unseres Weges nicht ab, sondern zu. Die Dynamik des Lebens dreht sich um 180 Grad, denn wir sind im Alter nicht vom Leben ausgeschlossen, sondern kommen dem Ziel näher. Das, wofür wir geschaffen sind, gewinnt immer mehr die Oberhand.

Es lohnt sich also, wenn wir den Bund, den Gott mit uns geschlossen hat, jeden Tag erneuern, und „vor seinem Angesicht unser Leben führen. Wir dürfen ihm dienen, erleuchtet durch seine Wahrheit, getragen von seinem Erbarmen, gebunden in seinen Willen und gesegnet mit seiner Verheißung.“ (Ev. Tagzeitenbuch Nr. 153.3, S. 154)

Amen.

 

 

 

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Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23- 34: Paulus und Silas im Gefängnis

4. Sonntag nach Ostern, Kantate, 29.4.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Apostelgeschichte 16, 23- 34

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.
24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.
26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen
34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Gemeinde.

Bei unserem letzten Gemeindeausflug besuchten wir am Ende die Kirche von Broager, das ist ein kleiner Ort auf der dänischen Seite der Flensburger Förde, und das hat sich gelohnt. Denn diese Kirche ist nicht nur eine Sehenswürdigkeit, uns fiel beim Singen auch die wunderbare Akustik darin auf. So viele Personen waren wir gar nicht, trotzdem klangen unsere Lieder so, als wäre die ganze Kirche mit Menschen gefüllt. Da hat das Singen richtig Spaß gemacht.

Wie gut oder wie schlecht die Akustik in einem Raum ist, spielt ja oft eine große Rolle, gerade wenn es um Musik geht. Damit beschäftigt sich eine ganze Wissenschaft. Die ist mit dem Wort „Akustik“ auch gemeint. Es ist die Lehre vom Schall und seiner Ausbreitung. Sie umfasst sämtliche damit zusammenhängende Gesichtspunkte, wie die Entstehung vom Schall, seine Wahrnehmung durch das Gehör und seine Wirkung auf Menschen und Tiere usw.

In der Geschichte, die wir vorhin gehört haben, spielt das alles auch eine Rolle, denn da hat ein akustisches Phänomen eine großartige und spektakuläre Auswirkung: Es war der Gesang der Apostel Paulus und Silas im Gefängnis. Der muss stark gewesen sein, denn er durchdrang die Mauern, und alle Gefangenen hörten ihn. Er wurde zu einem öffentlichen Zeugnis für die große Kraft Gottes, die daraufhin alle Anwesenden erfahren haben, denn er rief Gottes Handeln auf den Plan: Es geschah ein Erdbeben, das sämtliche Türen des Gefängnisses aufsprengte und alle Fesseln abfallen ließ.

Natürlich handelt es sich bei diesem Ereignis um etwas anderes, als lediglich einen Schall mit einer bestimmten Wirkung. Ein Wunder geschieht, mit dem Gott seine Macht beweist. Dabei sind die Motive, die in der Erzählung vorkommen, für den Verfasser nicht neu. Das gibt es in der Bibel auch an anderen Stellen: Fromme Menschen werden unschuldig gefangen und eingekerkert und haben eigentlich einen Grund zum Klagen. Doch das tun sie nicht, sondern sie stimmen stattdessen ein Loblied an. So pries der gefangene Josef seinen Gott. Und „der ganze Fisch war voll Gesang“, (Klaus-Peter Hertzsch, Biblische Balladen zum Vorlesen, Stuttgart 1970) als Jona darin gefangen war. Genau dasselbe tun hier nun Paulus und Silas.

Vorweg geht ihre Verhaftung. Uns wird erzählt, dass sie „hart geschlagen“ und dann in das „innere Gefängnis geworfen“ wurden. Darunter muss man sich wohl so etwas wie ein unterirdisches Loch vorstellen, ohne Fenster, ohne Licht, kalt und feucht und stickig. Ihre Füße kamen in den Block, so dass sie sich kaum noch bewegen konnten.

Zu all dem war es gekommen weil sie einer Wahrsagerin den bösen Geist ausgetrieben hatten. Aus ihrer Sicht hatten sie ihr geholfen und etwas Gutes getan. Heute würden wir sagen, dass sie sie aus einem psychotischen Zustand befreit und sie geheilt hatten. Doch das gefiel nicht allen Beteiligten. Denn die Frau war eine Sklavin, und ihre Herren profitierten von ihrer Gabe des Wahrsagens. Sie nahmen Geld dafür ein. Und diese Männer waren natürlich erbost, als die Frau die Fähigkeit des Hellsehens plötzlich nicht mehr besaß. Ihre Geldquelle war versiegt. Und als sie mitkriegten, dass Paulus und Silas dahinter steckten, ließen sie die ins Gefängnis werfen. Es gelang ihnen mit Vorwänden und Lügen und Anheizen der Stimmung in der Stadt. Paulus und Silas saßen also unschuldig in diesem finsteren Loch. Geldgier, Machtwille, Lügen und Manipulation der anderen hatten sie dorthin gebracht.

Wenn einem so etwas widerfährt, wird man natürlicherweise wütend. Auflehnung und Zorn, Angst, Traurigkeit und Weinen sind die naheliegenden Reaktionen. Aber das taucht hier an keiner Stelle auf. Die Apostel reagieren ganz anders. Anstatt zu klagen, vielleicht sogar vor Gott, fangen sie an zu singen. „Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder“. So wird es hier erzählt. Und damit wird das Wunder eingeleitet. Gott selber tritt auf den Plan. Eine Macht, die stärker ist als all diese Ungerechtigkeiten, greift ein und ebnet den Gefangenen den Weg in die Freiheit.

Doch erstaunlicher Weise nutzen Paulus und Silas diese Möglichkeit gar nicht. Anstatt den Kerker so schnell möglich zu verlassen, kümmern sie sich zunächst um den Gefängniswärter. Der war bei diesem Geschehen von panischer Angst ergriffen worden und stand offensichtlich so unter Schock, dass er sich selber das Leben nehmen wollte. Davor bewahrt Paulus ihn hier. Er spricht zu ihm, beruhigt ihn und führt ihn zum Glauben an Jesus Christus. Die rettende und befreiende Kraft Gottes geht also noch weiter und greift um sich. Sie setzt sich in einer feindlichen Umwelt durch. Davon möchte diese Geschichte ein Zeugnis ablegen.

Aber beeindruckt uns das überhaupt? Klingt das nicht alles eher wie ein Märchen? Wir tun uns ja schwer mit den Wundergeschichten der Bibel, denn sie entsprechen nicht unseren Erfahrungen. Kein unschuldig Gefangener wird heutzutage so befreit. Und davon gibt es leider viele. Wir wünschen uns zwar, dass Gott einmal eingreift und alle Ungerechtigkeit beseitigt, aber das tut er nicht.

Was sollen wir mit der Geschichte also anfangen? Das müssen wir uns fragen, und dafür ist es gut, wenn wir ihre zentrale Botschaft herausfiltern: Es geht um die Offenbarung der Macht Gottes, die Türen öffnet und Fesseln löst. Die Geschichte erinnert damit an die Auferstehung Jesu, der sogar aus dem Grab befreit wurde und den Tod überwand. Die Freiheit, die hier verkündet wird, hat also einen anderen Charakter, als irdische Freiheit. Das wird auch daran erkennbar, das Paulus und Silas und die anderen Gefangenen gar nicht sofort weglaufen. Sie bleiben, wo sie sind, und bekehren erst einmal den Gefängniswärter, der ebenfalls von dem Wunder ergriffen wird. Er findet zum Glauben an den Auferstandenen und verliert seine Angst.

Lasst uns also fragen, wie wir dahin kommen können, und dafür ist es gut, wenn wir noch einmal etwas genauer darüber nachdenken, was Freiheit überhaupt ist.

Normalerweise verstehen wir darunter ja die Möglichkeit, alles tun zu können, was wir wollen. Wenn geschieht, was wir uns wünschen, niemand uns hindert oder einschränkt, dann fühlen wir uns frei. Und das erstreben wir auch. „Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden, Freiheit, aus der man etwas machen kann. Freiheit, die auch noch offen ist für Träume, wo Baum und Blume Wurzeln schlagen kann.“ So dichtete es Ernst Hansen in dem Lied „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 1995, Nr. 623) Doch genau diese Zeilen haben auch einen kritischen Unterton: Der Dichter will sagen, dass wir das zwar wollen, aber es nicht so einfach finden. Im Gegenteil, gerade dieses Streben führt in ganz viele Zwänge. Es beginnt mit der Angst, ob es auch klappt. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt und wie viele Gefahren und Hürden uns erwarten. Es kann zu herben Enttäuschungen kommen. Andere Menschen verletzen uns, Krankheiten, Unfälle oder andere schlimme Ereignisse durchkreuzen unsere Träume und sie zerplatzen. Und selbst, wenn wir viel erreichen, bleibt die Furcht vor dem Verlust ein ständiger Begleiter. Außerdem bauen wir Mauern zwischen uns und anderen, es sind die Mauern unseres Egoismus. Das kommt in der nächsten Strophe des Liedes von Ernst Hansen zum Ausdruck, die lautet: „Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.“ Das ist die eine Seite, die wir beachten müssen, wenn wir über Freiheit nachdenken.

Auf der anderen Seite fühlen sich lange nicht alle Gefangenen unfrei. Es gibt wunderbare Zeugnisse von Menschen, die gerade im Gefängnis zu einer großen Gelassenheit gefunden haben. Bonhoeffer ist für uns wahrscheinlich das berühmteste Beispiel. Er kannte während der Haft beides: Die „Unruhe und die Sehnsucht, den Zorn und die Ohnmacht, Müdigkeit und Leere“. Trotzdem bescheinigten ihm die anderen, dass er „gelassen und heiter und fest“ aus seiner Zelle träte, „wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.“ Sie sagten ihm oft, er „spräche mit seinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte er zu gebieten. Er trüge die Tage des Unglücks gleichmütig lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.“ So lauten seine eigenen Worte. (Widerstand und Ergebung, Gütersloher Verlagshaus, 18. Auflage 2005, S. 188) Er selber wusste nicht, ob er nun mehr das eine oder das andere war, aber er hat sich damit getröstet, dass Gott es wusste, und dem hat er sich anvertraut. Bis heute ist sein Zeugnis für viele Christen glaubensstärkend und inspirierend.

Etwas Ähnliches wissen wir von dem Jesuiten Franz Jalics. Er wurde 1927 in Budapest geboren und war lange als Dozent in Argentinien tätig. Während des Bürgerkrieges wurde er dort einmal vom Militär verschleppt und für fünf Monate festgehalten, weil er angeblich ein Terrorist war. Das war für ihn einerseits eine furchtbare Erfahrung. Andererseits haben gerade diese Wochen ihn sehr verändert, denn er hat im Gefängnis ständig gebetet. Er berichtet, dass Depressionen, die er vorher kannte, hinterher weg waren. Auch seine „Aggressivität war vollständig verschwunden und kam nie wieder zurück.“ Er schreibt: „Die Monate von Verschleppung, Gefangenschaft und Nähe des Todes, verbunden mit der ständigen Wiederholung des Namens Jesu, hatten in mir eine tiefgehende Läuterung bewirkt.“ In der Stille der Gefangenschaft hat sich eine Wandlung vollzogen. Sein „versklavtes Ich“ war befreit worden. Und aus diesem Erleben hat er anschließend „Kontemplative Exerzitien“ entwickelt. So lautet der Titel seines gleichnamigen Buches, das 1994 erstmals erschien. Es ist eine „Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet.“ (Echter Verlag Würzburg, 11. Auflage 2008, S. 174ff). Franz Jalics wurde einer der bedeutendsten geistlichen Begleiter für das sogenannte „Gebet der Ruhe“. Heute lebt er wieder in seiner Geburtsstadt Budapest und führt durch seine reichen Erfahrungen immer noch andere Menschen in die innere Freiheit.

Und die finden wir tatsächlich nicht dort, wo alles geschieht, was wir wollen, sondern da, wo wir unser Wollen loslassen, in der Meditation, und wenn äußerlich gerade einmal nicht mehr viel passiert. Es gibt Menschen, die dafür ja sogar freiwillig hinter Mauern gehen. Sie wählen den Weg der Abgeschiedenheit eines Klosters, um ihr Leben ganz dem Gebet und dem Lobpreis Gottes zu widmen. Denn sie wissen: Gott erweist seine Macht gerade da, wo wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten an eine Grenze stoßen und auf unsere Selbstverwirklichung verzichten.

Genau das haben Paulus und Silas erlebt. Und daran glaubten sie auch schon, bevor das Erdbeben geschah. Deshalb haben sie gesungen und Gott gelobt.

Und das ist immer noch ein guter Weg, um in die Freiheit geführt zu werden, denn das wirkt sich aus. Wenn wir singen, wird zuerst die Stimme laut, wir hören das Lied mit unseren Ohren, aber zudem breitet der Schall sich aus. Er erfasst unsere Seele und sprengt die Mauern, die uns umgeben. Unser Geist öffnet sich, Fesseln werden gelöst und wir sind frei. Und auch andere nehmen ihn wahr, kommen herzu und erleben die Größe Gottes.

Lasst uns deshalb jetzt ein kraftvolles Lied singen, in dem die Macht Jesu beschrieben wird: „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 66)

Amen.

Christus tilgt unsere Schuld

Predigt über Kolosser 2, 12- 15: Christus erneuert das Leben

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 8.4.2018, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Kolosser 2, 12- 15:

12 Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
13 Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.
14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Gemiende.

In Kiel – wie auch in anderen deutschen Städten – gibt es ein sogenanntes Schuldner-und Insolvenzberatungszentrum, kurz SIZ. Das hilft Menschen, die in eine wirtschaftliche und psychosoziale Notlage geraten sind, zu einem Neuanfang. Dort wird gemeinsam mit den Klienten nach einer geeigneten Entschuldungsmaßnahme gesucht. Außerdem werden die Hilfesuchenden bei der Bewältigung der Schritte unterstützt, die sich aus der Beratung ergeben haben. Im Vordergrund steht natürlich die Existenzsicherung, d.h. der Erhalt der Wohnung, der Heizung- und der Stromlieferung. Oft muss zwar eine Privatinsolvenz eingeleitet werden, aber bei diesem Verfahren begleitet das SIZ die Betroffenen dann weiterhin, damit keine erneute Überschuldung eintritt.

Was Schulden sind, weiß fast jeder Bürger und jede Bürgerin. Normalerweise nehmen wir sie allerdings nur auf, wenn wir wissen, dass wir sie im Laufe der Zeit abbezahlen können. Festgehalten wird das, was wir den Gläubigern schulden, in einem sogenannten „Schuldbrief“. Er beinhaltet die „Begründung und Sicherung einer persönlichen Forderung“.

So etwas gibt es seit Menschen Gedenken, offensichtlich auch schon in biblischen Zeiten. Paulus benutzt diesen Vorgang jedenfalls als ein Bild, um einen theologischen und geistlichen Zusammenhang deutlich zu machen. Wir haben das vorhin in der Epistellesung gehört, die heute unser Predigttext ist. Paulus sagt dort an einer Stelle: „Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war“. Paulus denkt dabei an eine handgeschriebene Urkunde, auf der vermerkt ist, welche Schulden ein Mensch hat, was er noch alles bezahlen muss. Und er benutzt das hier als ein Bild für das Gesetz Gottes mit seinen Forderungen, die der Mensch zu erfüllen hat, um gerecht zu sein. Christus hat diesen Schuldbrief öffentlich zerrissen und für ungültig erklärt, und zwar durch seinen Tod am Kreuz. Wer daran glaubt, wird nicht mehr durch das Gesetz belastet, er ist frei.

Das ist hier die Botschaft, und die ist wunderbar. Sie verheißt einen Neuanfang, der nun allerdings nicht durch Bezahlung, eine Beratung und viel Selbstdisziplin möglich wird, sondern durch eine Schuldentilgung. Der Gläubiger, in diesem Fall Gott, verzichtet auf seine Forderungen. Und wie großartig das ist, können wir uns gut vorstellen, wenn wir es mit der Befreiung von wirtschaftlichen Schulden vergleichen. Das Leben ändert sich von Grund auf, es kann ganz neu und schön werden.

Die anderen Bilder, die Paulus in unserem Textabschnitt dafür benutzt, beschreiben deshalb genau das: Er redet von einem „neuen Leben“, das die Christen führen. „Christus hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden“, sagt er und damit meint er ein Leben, das von der Auferstehung geprägt ist. Christus ist darin gegenwärtig mit seiner Kraft und seiner Liebe. Sein Geist durchdringt das Denken und Fühlen, er schenkt Freiheit und Frieden. Denn er nimmt die Glaubenden immer wieder mit auf seinem Weg durch den Tod und die Hölle ins Leben und in die Freude.

Und das alles beginnt mit der Taufe, bei der Gott an den Täuflingen handelt. Was sie sind, sind sie also nicht aus sich selbst, sondern aus der Kraft Gottes. Der Schöpfer hat sie bei der Taufe neu geschaffen. „Mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.“, so die Worte von Paulus

Mit dem Glauben an Jesus Christus und der Taufe geht also etwas Altes zu Ende und etwas Neues beginnt. Unser altes Leben mit all seinen Lasten und Schulden, mit seiner Gottesferne und seinen Verfehlungen wird beerdigt. Die Vergangenheit kann nicht mehr auferstehen, wir müssen sie nicht mit uns herumschleppen oder verdrängen. Sie muss uns nicht ängstigen oder entmutigen, denn wir werden daraus befreit. Uns wird versprochen, dass Gott nichts von uns fordert, wir müssen nichts bezahlen, obwohl wir tief in seiner Schuld stehen. Er verzichtet darauf und schenkt uns immer wieder einen Neuanfang.

Doch was heißt das nun für unsere Lebensführung? Lasst uns darüber noch einmal nachdenken, denn oft fühlen wir uns als Christen keineswegs so frei. Viele Gläubige haben eher das Gefühl, dass sie ganz viel leisten müssen. Gott fordert von uns, dass wir ihn und unsere Nächsten lieben, dass wir sein Wort beachten und gute Christen sind. Das wird von namhaften Vertretern der Kirche oft betont und dann auch in den Medien wiederholt. Sie zählen die Missstände auf, die es in der Gesellschaft und in der Welt gibt, und erinnern uns an unsere Pflicht, dagegen etwas zu tun.

Natürlich haben sie recht, denn als Christen leben wir aus der Liebe, wir haben eine Hoffnung und glauben daran, dass die Sünde und der Tod nicht das letzte Wort haben. Und es ist auch gut und notwendig, dass wir darüber reden und das zeigen. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass unser Glaube nicht zu einem Programm wird, das wir abarbeiten müssen. Die Kirche ist keine politische Partei, und das Evangelium ist kein „Schuldbrief“, in dem die Forderungen Gottes stehen. Im Gegenteil, damit ist es ja gerade vorbei. Deshalb müssen wir aufpassen, dass unser Christsein unter der Hand nicht zu einem bloßen Tun wird, und wir eine neue Form der Werkgerechtigkeit praktizieren.

Diese Gefahr besteht, und sie hat ihren Grund darin, dass wir alle gerne handeln, das ist schön einfach und liegt uns. Wenn uns gesagt wird, was wir machen sollen, freuen wir uns. Es gibt klare Anweisungen, klare Ziele und wenn uns gelingt, was wir tun sollen oder wollen, haben wir ein Erfolgserlebnis. Es stärkt unser Selbstbewusstsein und macht uns zufrieden. Das Handeln und Anpacken entspricht also unserer Natur. Und das ist einerseits auch gut so. Jede Gesellschaft oder Gemeinschaft braucht Menschen, die sich engagieren. Die Stärkeren müssen den Schwächeren helfen, damit das soziale Gefüge erhalten bleibt. Überhaupt geht im Leben natürlich nichts, ohne dass wir uns einsetzen. Wer faul ist, landet irgendwann im Abseits.

Doch es gibt andererseits auch Probleme dabei, und das sind zum einen die Grenzen, an die wir mit unserem eigenen Tun immer wieder geraten. Es ist z.B. anstrengend. Wir bringen uns zwar gerne ein, aber irgendwann kann es auch zu viel werden, sowohl was ein ehrenamtliches Engagement betrifft, als auch der Einsatz für die Familie oder im Beruf. Wir haben dann das Gefühl, dass alle etwas von uns wollen, aber wir sind in Wirklichkeit längst erschöpft. Dann quälen uns die Forderungen, und der Zusammenbruch droht. Das ist eine Schattenseite unseres Aktivismus.

Einen weiteren Dämpfer bekommt unser guter Wille dadurch, dass die Probleme, um die wir uns am liebsten kümmern würden, oft so groß und unübersehbar sind, dass wir gar nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Es scheint von vorne herein aussichtslos zu sein, dass wir uns z.B. um ein Ende der Kriege bemühen, allen Flüchtlingen ein neues zu Hause bieten, sämtliche Obdachlose beherbergen und vieles mehr. Wir sind ratlos und verzagen angesichts der Größe des Leids, das wir gerne bekämpfen und beenden wollen.

Und eine dritte Schwierigkeit besteht darin, dass wir uns beim Handeln in Schuld verstricken können, Fehler begehen und damit Unheil anrichten. Manchmal merken wir es wahrscheinlich gar nicht gleich, dass Menschen unter unserem Verhalten leiden. Es wird uns erst später bewusst, und dann schämen wir uns und haben ein ungutes Gefühl. Wenn es absichtlich geschieht, entsteht ein schlechtes Gewissen. Das können wir zwar verdrängen, aber das hilft nicht wirklich. Die Schuld bleibt da und wir können sie nicht rückgängig machen. Sie steht auf unserem „Schuldbrief“.

Und all das dürfen wir nicht verharmlosen. Hinter der Überforderung, dem Verzagen oder der Schuld verbergen sich dunkle Kräfte und Mächte, die nach uns greifen und das Leben schwer machen. Sie bedrohen uns und können uns sogar zerstören.

Und genau da setzt das Evangelium an. Es fordert nicht in erster Linie ein soziales Verhalten, sondern zunächst will es uns befreien und stärken. Nicht wir müssen etwas für Christus tun, sondern er hat etwas für uns getan: Die Macht des Bösen hat er besiegt, indem er alle unsere Schulden getilgt hat. Es gibt keinen „Schuldbrief“ mehr, auf dem steht, was wir zu tun oder was wir falsch gemacht haben. Deshalb kann auch niemand etwas von uns fordern oder uns in die Enge treiben. Anstatt selber aktiv zu werden, dürfen wir das als erstes glauben und uns darüber freuen. Wir sollen kein Programm abarbeiten, sondern etwas empfangen und etwas sein. Und zwar sollen wir Kinder Gottes sein, befreite Menschen, die keine Schulden mit sich herumtragen müssen und vor dem Untergang bewahrt werden.

Und das beginnt mit der Taufe und setzt sich im Glauben fort, oder auch umgekehrt. Ob wir als kleine Kinder, die noch nicht glauben, oder als Erwachsene getauft werden, die sich dafür entschieden haben, ist in diesem Zusammenhang nicht ausschlaggebend. Denn der Glaube und die Taufe gehören immer zusammen, ganz gleich, was zuerst da war.

Durch diese beiden Ereignisse gibt es etwas in unserem Leben, das uns auf verborgene Weise vor der Erschöpfung, dem Untergang und einer Verurteilung bewahren kann. Es gibt einen Sieg, in den wir hineingenommen sind. Was uns überfordert und ängstigt ist nicht die letzte Wirklichkeit, denn die wurde von Christus durchbrochen und überwunden. Wir müssen uns nur auf ihn gründen und bei ihm unser Heil suchen. Dafür ist es gut, wenn wir uns einfach nur vor Augen halten, was er für uns getan hat, und darauf vertrauen. Das ist unsere wichtigste Aufgabe als Christen. Es gibt einen, der uns in unserer Schwachheit beisteht, der uns annimmt, wie wir sind und uns all unserer Fehler vergibt. Durch seine Kraft sind wir immer wieder frei, wir können auftauchen, durchatmen und neu anfangen. Erst wenn das geschehen ist und wir aus der Vergebung heraus leben, ist unser Tun gesegnet und wir können anderen helfen. Es kann nur von innen heraus und mit der Kraft Christi gelingen.

Dieses Bewusstsein muss uns bestimmen, und zwar am besten jeden Morgen neu. Immer dann, wenn wir aus dem Schlaf erwachen, können wir auf Christus blicken und ihm vertrauen. Es ist eine gute Zeit, um sich die eigenen Grenzen bewusst zu machen, loszulassen und Buße zu tun, wenn es nötig ist. Dann empfangen wir für jeden Tag, die Kraft, die wir brauchen.

Das meint Luther mit dem „Ersäufen des alten Adam“. Und Luther hat sich dafür auch immer wieder an seine Taufe erinnert. Wenn er Anfechtungen erlitt, hat er laut zu sich selber gesagt: „Baptistus sum, ich bin getauft“, und schon war das Böse gebannt, er wurde ruhig.

Der bekannte evangelische Theologe und Schriftsteller Jörg Zink hat das ebenfalls einmal sehr schön formuliert. Er sagt:

„Ich bin getauft. Damit sage ich: Ich habe einen Vater Im Himmel. Ich darf jederzeit zu Ihm kommen. Das gilt, auch wenn Ich versagt habe. Das gilt, auch wenn Ich durch lange Zeit nichts von Ihm habe wissen wollen.
Ich habe Geschwister auf dieser Erde. Das sind alle getauften Menschen, die in der Gemeinde zusammenkommen, auch wenn sie genauso oder schlimmer als ich versagen. Ich gehöre zur Familie der Kinder Gottes.
Das Böse hat keine endgültige Macht über mich, denn Jesus Christus hat es für mich überwunden. Keine Schuld hat mehr so viel Macht, dass sie mir die Heimkehr zu Gott versperren könnte.
Der Tod wird mich nicht festhalten. Christus ist aus dem Tod auferstanden, und so wird er auch mich durch den Tod hindurch geleiten und zu einem neuen Leben führen.“

Amen.

Der Herr macht lebendig

Predigt über 1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a: Der Lobgesang der Hanna

Ostersonntag, 1.4.2018, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a

1 Und Hanna betete und sprach:
Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,
mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,
denn ich freue mich deines Heils.
2 Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner,
und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
6 Der HERR tötet und macht lebendig,
führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
7 Der HERR macht arm und macht reich;
er erniedrigt und erhöht.
8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setze unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse.

Liebe Gemeinde.

Es gibt in Deutschland 1,5 bis 2 Millionen Paare, deren Wunsch nach einem Kind unerfüllt bleibt. Sie wollen eins, doch es klappt nicht, und darunter leiden sie oft erheblich. Die Lebensplanung droht zu scheitern, und der Sinn des Lebens verschwindet ebenso. Dazu kommen Vorurteile, mit denen sie konfrontiert sind, wie etwa, dass sie krank oder egoistisch sind. Bei jedem misslungenen Versuch, schwanger zu werden nehmen der Stress, die Enttäuschung und auch die Traurigkeit zu.

Es gibt deshalb viele Hilfen für die Betroffenen. Hier in Kiel ist z.B. das „Kinderwunschzentrum“ der Uniklinik ein Angebot, aus diesem Leiden herauszukommen. Es möchte den Eltern „helfen, ihr Glück zu finden“. Ständig werden die Methoden in Diagnostik und Therapie verbessert. Dazu kommt eine persönliche Betreuung, in der auch emotionale und intime Fragen einer Paarbeziehung besprochen werden. Das Zentrum blickt bereits auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurück, und es ist nicht das einzige in Deutschland. Auch in anderen Arztpraxen, bei Hebammen, im Internet und vielen weiteren Foren gibt es Hilfsangebote.

Den Frauen in biblischen Zeiten ging es in dieser Beziehung anders. Sie machten meistens Gott dafür verantwortlich, wenn sie kinderlos blieben, bzw. wenn sie dann doch schwanger wurden. Gott hat die Macht, den Mutterleib zu schließen oder zu öffnen, das war der Glaube. Er kann also auch die Unfruchtbare „zu Ehren bringen, dass sie eine fröhliche Kindermutter wird“, wie es in Psalm 113 heißt. Und es gibt mehrere Geschichten über Frauen, die unerwartet schwanger wurden.

Zu ihnen gehörte auch Hanna, deren Loblied wir vorhin gehört haben. Ihr Mutterschoß galt als „verwelkt“ oder „vertrocknet“. Sie bekam keine Kinder. Darüber war sie sehr traurig, obwohl ihr Mann sie liebte und trotzdem zu ihr hielt. (1. Samuel 1) Nur von seiner zweiten Frau – so etwas war damals erlaubt – wurde sie „gekränkt und gereizt“, den die bekam Kinder. Die Geschichte erzählt nun, wie Hanna eines Tages im Tempel betete und dem Herrn ein Gelübde machte: Sie bat Gott darum, sie anzusehen, an sie zu denken, ihr Elend zu beenden und ihr einen Sohn zu schenken. Sie versprach, dass sie ihn dann „dem HERRN geben würde sein Leben lang“.

Und diese Bitte hat Gott erfüllt. Er hat ihren Schoß zum Leben erweckt und sie fruchtbar gemacht. Hanna wurde schwanger und gebar einen Sohn. Sie nannte ihn Samuel und hielt ihr Versprechen: Als er entwöhnt war, brachte sie ihn in den Tempel, „weil er vom HERRN erbeten war“ (1. Samuel 1, 28). Dort wuchs er unter der Obhut des Priesters auf. Er wurde ein heiliger Mann und ein großer Prophet, der später die ersten Könige Saul und David salbte.

Für Hanna war das Geschenk Gottes wie eine Auferstehung von den Toten. Die Unfruchtbare gebar neues Leben und hatte Teil an der Schöpferkraft Gottes. Das kommt in ihrem Lied zum Ausdruck, und deshalb lesen wir es heute, am Tag der Auferstehung Jesu Christi. Der entscheidende Vers lautet: „Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“

Hinter dieser Aussage steht eine ganz bestimmte Vorstellung der Israeliten. Sie gehen davon aus, dass es unter der Erde ein Reich der Schatten gibt, einen tiefer gelegenen Ort, an dem alle Tätigkeit aufhört, und wo Gott nicht mehr gepriesen wird. Die Toten kommen dorthin und warten bis zum jüngsten Tag auf ihre Befreiung. Das hebräische Wort für dieses Totenreich lautet „Scheol“. Im Alten Testament ist oft davon die Rede, dass Gott die Menschen dort hinab bringt, sie hinabsteigen lässt, weil sie gesündigt haben.

Den Glauben, dass Gott die Toten dort vor dem jüngsten Tag auch wieder herausholt, den finden wir im Alten Testament jedoch nur selten. Hanna singt das, denn das war ihre Erfahrung: Gott lässt die Toten auch wieder aufsteigen, er führt sie aus dem Scheol herauf. So hat Hanna ihr Schicksal erlebt, und auch anderen ergeht es ihrer Meinung nach ähnlich. Sie nennt noch zwei weitere Beispiele: Gott macht arm und wieder reich, er erniedrigt und erhöht. „Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche“, singt sie. Denn so hat sie sich gefühlt. Diese wunderbare Wende hat Gott ihr geschenkt.

Deshalb ist sie überglücklich, damit fängt ihr Lied ja an: In der Seele und im Geist ist sie erfüllt mit Freude und Jubel. Sie kann wieder aufrecht gehen und ihr Gesicht zeigen. Sie kann ohne Furcht von Gott erzählen. Alle sollen ihre Worte vernehmen. Denn sie ist davon überzeugt, dass sie ihr Glück Gott zu verdanken hat. Er ist der Mächtigste im Himmel und auf Erden, in der Tiefe und in der Höhe. Das ist das Lied der Hanna, und es bezeugt sehr schön den Glauben an die Auferstehung.

Und das ist gut, denn wir fragen uns heutzutage, worin der bestehen kann. Wir sind zwar Christen, und eigentlich ist Ostern unser zentrales Fest, aber inzwischen können viele damit nichts mehr anfangen. Sie können sich nicht vorstellen, was da am Ostermorgen wirklich geschah. Ist Jesus tatsächlich von den Toten auferweckt worden? Dagegen gibt es viele Einwände: Das kann doch nicht sein und wirkt fast so ein bisschen gruselig. Und was soll diese Botschaft überhaupt? Sie passt nicht in unser neuzeitliches, aufgeklärtes Denken. Selbst Umschreibungen, wie etwa die, dass „das Leben gesiegt hat“, helfen uns nicht, denn davon merken wir nichts.

Es gibt den Tod und viel Elend. Das Leben setzt sich lange nicht überall durch, auch dann nicht, wenn wir an an Jesus Christus glauben. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist dafür nur ein Beispiel. Dazu gibt es noch viele andere Ereignisse, die uns an der Macht Christi zweifeln lassen, weil sie unsere Lebensplanung durchkreuzen, uns ins Leiden stürzen und uns unglücklich machen. Ehen gehen auseinander, Konflikte machen uns zu schaffen, Angehörige sterben usw. Da hilft es auch nicht, wenn uns verkündet wird, dass Jesus auferstanden ist und den Tod überwunden hat. Es klingt wie ein Märchen aus fernen Zeiten, das mit unserem Leben nichts zu tun hat.

Doch das muss nicht so bleiben. Es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen der Botschaft von der Auferstehung und unserem Leben heute. Sie hat nach wie vor Gültigkeit und ist wahr, wir müssen nur anders da heran gehen, als mit unserem Verstand oder unseren Erfahrungen.

Und zwar ist es gut, wenn wir zunächst in unser Leben schauen und uns klar machen, worin die tiefste Ursache für all unsere Wünsche liegt. Letzten Endes sehnen wir uns ja immer nach irgendetwas. Wenn ein Wunsch erfüllt ist, kommt meistens schon der nächste. Ganz ruhig und zufrieden sind nie. Ist das lang ersehnte Kind z.B. da, ist meistens noch lange nicht alles gut, sondern dann kommen neue, ganz andere Probleme. Viele Eltern fühlen sich am Anfang überfordert, denn ein Säugling verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie müssen Opfer bringen. Und wenn die Kinder dann älter werden, läuft es nur selten nach dem Wunsch von Mutter und Vater. Spätestens in der Pubertät kommen Schwierigkeiten, denn die Kinder gehen ihre eigenen Wege. Die Eltern müssen sie loslassen. Und leider bleibt so mancher Konflikt, der dabei entsteht, ein Leben lang da und überschattet das Verhältnis dauerhaft.

Der Wunsch nach Glück und Ruhe, nach Zufriedenheit und Geborgenheit, menschlicher Nähe und Liebe ist also keinesfalls weg, wenn wir versuchen, all das selber herzustellen. Er wird nie ganz erfüllt, ganz gleich, was wir machen. Und das müssen wir ernst nehmen. Uns werden zwar viele Angebote gemacht, wie wir heutzutage unsere Fragen beantworten und unsere Probleme lösen können, aber sie gehen meiner Meinung nach nicht an die Wurzeln. Natürlich helfen die Ratgeber, Bücher, Internetseiten, Therapeuten und Philosophen, denn sie alle denken darüber nach, wie unsere Sehnsucht nach Glück gestillt werden kann. Viele Antworten, die wir dort finden, sind durchaus brauchbar. Trotzdem sollten wir tiefer bohren und den Wunsch nach Ruhe und Glück einmal an sich – als solchen – betrachten.

Ich denke nämlich, dass sich darin letzten Endes die Sehnsucht nach Gott verbirgt. Unser tiefstes Verlangen bleibt oft ungestillt, weil wir auf noch viel mehr angelegt sind, als nur auf das irdische Dasein. Wir stecken in dem Dilemma, dass wir hier auf der Erde leben und eines Tages sterben werden. Alles vergeht, und deshalb kann es uns nicht genügen. Denn in Wirklichkeit sind wir für die Ewigkeit geschaffen. „Gott hat uns zu sich hin geschaffen“, wie Augustin gesagt hat, „und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in ihm.“ Wir sollten deshalb die letzte Erfüllung von vorne herein bei Gott suchen. Nur er kann uns eine Antwort auf die tiefsten Fragen geben, die wir haben, weil sie immer über dieses Leben hinaus gehen. Alles andere verfliegt irgendwann, nichts lässt sich festhalten, und auch das Leid wird deshalb nicht aufhören.

Auf diesem Hintergrund gewinnt die Botschaft von der Auferstehung ihre Bedeutung. Denn damit hat Gott uns eine Antwort gegeben, die alles einschließt, auch das Sterben und den Tod, das Leid und die Sehnsucht. Wir müssen uns nur darauf einlassen.

Es ist deshalb gut, wenn wir mit allem, was uns bewegt und was wir uns wünschen, zunächst zu Gott gehen, so wie Hanna das gemacht hat. Sie hat ihr Herz vor ihm ausgeschüttet, und ihr Glück bestand nicht nur darin, dass sie schwanger wurde. Sie preist Gott hauptsächlich dafür, dass er sie überhaupt gehört hat. Sie hat in der Beziehung zu Gott ihr Glück gefunden. Deshalb hat sie ihr Kind auch ihm geschenkt. Sie hat es nicht als ihr Eigentum betrachtet, sondern es in die Obhut des Priesters gegeben, als es entwöhnt war. Sie zeigt uns also, dass sie im Glauben und im Gebet ihre wahre Ruhe gefunden hat.

Und das kann auch uns so gehen, denn Gottes Macht ist grenzenlos, das wird uns zu Ostern verkündet. Die Auferstehung Jesu ist kein historisches Ereignis, sie geschieht vielmehr immer wieder und zwar da, wo Menschen sich darauf verlassen, dass Jesus lebt. In seiner Gegenwart können wir ruhig werden. Er schenkt uns eine Erfüllung und Hoffnung, die weiter geht, als alles andere. Wir können Ostern nicht mit dem Verstand begreifen, aber wir können von Ostern her leben. „Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.“ So fordert uns Joachim Neander mit dem Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ (Evangelischesw Gesangbuch Nr. 317) zum Glauben auf. Wenn wir tun, was er sagt, merken wir, dass die Botschaft von der Auferstehung wahr ist.

Denn es geschieht etwas in uns und in unserem Leben. Alles, was nicht Gott ist, wird nämlich zweitrangig. Wir erkennen die Grenzen unserer Möglichkeiten und können sie annehmen, und wunderbarer Weise ergibt sich durch dieses Bewusstsein vieles von allein. Wir erfahren, dass uns plötzlich auch bei irdischen Problemen geholfen wird, ohne dass wir viel dafür tun. Es kann z.B. sein, dass Eltern, die sich immer ein Kind wünschten, es erst dann bekamen, nachdem sie diesen Wunsch losgelassen hatten. Im Nachhinein merken sie, dass sie sich selber im Weg gestanden hatten. Die Fixierung auf dieses eine Problem hatte alles verhindert. Sie waren verspannt und unbeweglich geworden. Erst nachdem sie diese Haltung aufgegeben hatten, konnte das neue Leben entstehen. Und so ist es in vielen anderen Situationen auch. Wenn wir unsere Wünsche loslassen und uns entspannen, werden wir plötzlich geführt. Und das geht am besten im Vertrauen auf Gott und seine lebensschaffende Kraft, wenn wir uns ihm hingeben und uns für seine Gegenwart öffnen. Dann kommen seine Möglichkeiten zum Zuge, und er kann an uns handeln: Er „erhält uns, verleiht uns Gesundheit und geht freundlich mit uns um“. Wir können die Erfahrung machen, dass „der gnädige Gott seine Flügel über uns ausbreitet“. Das bezeugen alle Menschen, die auf Gott und die Auferstehung Jesu Christi vertraut haben. Nicht umsonst ist das Lied, aus dem auch dieser Satz stammt, eins der bekanntesten Kirchenlieder geworden und es ist schön, wenn wir Gott damit immer wieder für seine Allmacht und Schöpferkraft loben.

Amen.