Jesus Christus – die Mitte der Welt

Predigt über Offenbarung 5: Das Buch mit den sieben Siegeln

1. Sonntag im Advent, 3.12.2017, Luther- und Jakobikirche Kiel

Offenbarung 5

1 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.
2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?
3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.
4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.
5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.
6 Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.
7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.
8 Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen,
9 und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen
10 und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.
11 Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend;
12 die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.
13 Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!
14 Und die vier Gestalten sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

Liebe Gemeinde.

Wer einen Kreis zeichnen möchte, braucht dafür normalerweise einen Zirkel, d.h. eine Mitte, von der her sich der Kreis definiert, und einen Radius. Ohne das – besonders ohne einen Mittelpunkt – ist es sehr schwierig.
In der Physik spielt diese Tatsache ebenfalls eine Rolle, d.h. wenn Bewegung in den Kreis kommt und er sich dreht. Dann entsteht die sogenannte „Zentrifugalkraft“. Ein Bespiel dafür ist der Schleuderball, den man an einer Schlaufe festhält und dreht. Dadurch wird er beschleunigt, und wenn man ihn loslässt, fliegt weg. Und das heißt: Solange die Elemente auf der Kreislinie mit der Mitte verbunden sind, bleiben sie da, wenn sie losgelassen werden, fliehen sie.
Und das ist ein schönes Bild für unser Leben insgesamt: Wenn wir eine Mitte haben, an die wir uns binden, sind wir gehalten. Trennen wir uns davon, werden wir in die Weite geschleudert und gehen verloren.
Wir brauchen diese Mitte also, und sie muss die Kraft haben, gegen die „Fliehkräfte“ des Lebens zu wirken, uns festzuhalten. In der Physik heißt diese Kraft die „Ziehkraft“ oder einfach „Zentralkraft“.
Und genau davon ist in unserer Epistel von heute, der Vision aus der Offenbarung des Johannes, die Rede: Die kraftvolle Mitte, die hier beschreiben und verkündet wird, ist ein Lamm, das vor dem Thron Gottes steht und von „vieltausendmal tausend Engeln“ umringt wird.
Lassen Sie uns das, was dort erzählt wird, einmal ausmalen und die einzelnen Elemente deuten.
Die Vision beginnt bereits im vorhergehenden Kapitel: Da wird beschrieben, wie sich im Geist für den Seher Johannes eine Tür im Himmel öffnet und er zum Eintritt gerufen wird. In einem Saal voller Licht, Weite und Schönheit sieht er in der Mitte Gottes Thron, umgeben von vier Gestalten. Drei davon gleichen Tieren, es waren ein Löwe, ein Stier und ein Adler. Die vierte Gestalt hatte „ein Antlitz wie ein Mensch“. (Offb. 4,6f) Die Kirche sieht darin die Symbolbilder der vier Evangelisten. Sie singen unaufhörlich das „Heilig, heilig, heilig“, das in der Tradition des Judentums und der alten Kirche ein wichtiger Teil der Liturgie ist. Um diesen Thron und die vier Gestalten herum stehen „vierundzwanzig Älteste“.  (Offb. 4, 4.8) Sie repräsentieren eine gottesdienstliche Versammlung und stehen für die endzeitlich-himmlische Kirche.
Unser Kapitel beginnt nun mit einer Buchrolle, die zur Rechten des Thrones liegt und die siebenfach versiegelt ist. Es ist eine Urkunde, und sie enthält den endzeitlichen Geschichtsplan Gottes. Mit der Lösung der sieben Siegel werden die Geschicke der letzten Zeit entbunden, alle Schicksale und Schrecken, die noch über die Welt hereinbrechen sollen. Wer die Siegel öffnen kann, setzt also den endzeitlichen Geschichtsplan Gottes in Gang. Auch die Erwartung einer endgültigen Rettung wird damit erfüllt. Der Siegelöffner ist gleichzeitig der Überwinder, der die Weltgeschichte an ihr Ziel bringt. Er stillt die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung.
Es gibt nur einen, der das kann, und dieses Wesen erscheint nun vor den Augen des Sehers im himmlischen Thronsaal: Es ist ein Lamm, das die Schnittwunden seiner Schächtung an seinem Hals hat und zugleich sieben Hörner trägt. Mit diesem Bild ist Christus gemeint. Es kommt an vielen Stellen in der Offenbarung vor. Die sieben Hörner sind ein Zeichen seiner herrschaftlichen Würde. Gleichzeitig ist er das Opferlamm, das die Schuld der Welt stellvertretend gesühnt hat. Der Titel „Lamm“ weist also auf den Opfertod Christi hin und gleichzeitig auf die Herrschaft, die dem erhöhten Herrn übertragen ist. Es ist die der hingebenden Liebe. Und als der, der zugleich liebt und regiert, empfängt er das Buch des Lebens aus der Hand Gottes und löst die Siegel des Schreckens.
In diesem Augenblick fallen alle Umstehenden vor ihm nieder. Sie spielen himmlische Musik und entzünden in goldenen Schalen Räucherwerk, das wohlriechend den Himmel durchströmt. Das sind die Gebete der Christen, die aus den irdischen Gottesdiensten in den himmlischen Gottesdienst gelangen. Zum Schluss vereinen sich die Chöre aller Geschöpfe und Engel, die um den Thron stehen, und sie singen das „neue Lied“, den Lobpreis der Vollendung der Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung: „Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen!“
Diesen Abschnitt aus der Bibel lesen wir heute, am ersten Advent, und das wirkt zunächst befremdlich. Denn in den Wochen, die vor uns liegen, erwarten wir die irdische Geburt des Gottessohnes, das ist alter liturgischer Brauch. Es gehört allerdings genauso zu unserer Tradition, dabei gleichzeitig an das zweite Kommen Christi zum Anbruch der Endzeit zu denken. Das vergessen wir heutzutage gern. Doch in den Adventswochen verbinden wir diese beiden Inhalte, und das ist gut, denn es erinnert uns daran, worum es in dieser Zeit letzten Endes geht: Um den Anbruch einer neuen Welt, um die Berührung des Himmels mit der Erde und das Erscheinen Gottes. Wir werden eingeladen, uns neu auf die geheime Mitte des Universums auszurichten, auf den liebenden und erhöhten Christus, der auch uns halten und retten kann.
Lassen Sie uns also fragen, wie das geht und was dazu gehört. Und dafür hilft es, wenn wir uns zunächst klar machen, wie unser Leben normaler Weise aussieht. Wir können das gut mit dem Bild von den „Fliehkräften“ tun, die sind nämlich vielfältig und stark. Sie entstehen, weil unser Leben ständig in Bewegung ist und sich dreht. Wir werden von Vielerlei umkreist und machen diese Bewegung deshalb selber mit.
Das können z.B. andere Menschen sein, die etwas von uns wollen. Wir sollen ihren Erwartungen gerecht werden, etwa im Beruf oder in der Familie. Es geht auch meistens gar nicht anders, als dass wir darauf eingehen, denn natürlich braucht ein Kind seine Eltern, der Ehemann die Ehefrau, die Vorgesetzte ihre Angestellten usw. Die Aufgaben, die damit zusammenhängen, bringen Bewegung ins Leben, und vieles davon macht uns auch Freude. Doch gelegentlich kann es zu viel werden, dann geraten wir unter Druck und entfernen uns von unserer eigenen Mitte. Wir geraten ins Schleudern, und es fühlt sich so an, als würde eine starke, fremde Kraft uns aus der Bahn werfen.
Konsum- und Vergnügungsangebote können dieselbe Wirkung haben. Gerade jetzt in der Adventszeit locken sie in vielfältiger Weise. Wir reden nicht umsonst von der „Glitzerwelt“ der Kaufhäuser und Weihnachtsmärkte: Überall werden wir geblendet und verführt. Unsere Lust wird stimuliert. Das macht bis zu einem bestimmten Grad Spaß, aber unsere Bedürfnisse und Triebe können uns auch ins Rotieren bringen. Dann verlieren wir uns und fühlen uns irgendwann unwohl.
Und diese Liste, der „Fliehkräfte“ des Lebens ließe sich beliebig verlängern: Von allen Seiten werden wir umkreist und fangen an, uns zu drehen. Und dabei entsteht die Gefahr, dass wir uns selber aus den Augen verlieren. Bildlich gesprochen, werden wir in die Weite geschleudert. Wir verlieren die Orientierung und den festen Standpunkt, wissen nicht mehr, wo wir hingehören, und fühlen uns schlecht. Innere Leere und Sinnlosigkeitsgefühle beschleichen uns. Auch Einsamkeit und Angst kommen auf, und irgendwann geht nichts mehr. Wir sind erschöpft und ausgelaugt und wissen nicht weiter.
Es ist deshalb wichtig, dass wir immer mit der Mitte in Verbindung bleiben und die „Zentralkraft“ wirken lassen. Wir brauchen ein Zentrum, das uns hält und von dem her wir leben.
Und dazu regt die Adventszeit uns an. Uns wird der verkündet, der in der Mitte der Welt vor dem Thron Gottes steht und uns retten kann: Jesus Christus, der liebende und erhöhte Herr. Er ist da und lädt uns zu sich ein. Wenn wir auf ihn blicken und uns ihm anvertrauen, dann kann seine Kraft uns halten. Es ist die Kraft der liebenden Hingabe, die uns bindet und erlöst.
Die Adventszeit ist dazu da, dass wir uns ihr aussetzen, uns immer wieder innerlich sammeln und die Gegenwart Christi genießen. Anstatt uns auf die Peripherie des Lebens auszurichten, gilt es, die Mitte zu suchen. Die Erlösung liegt nicht in auf der Kreislinie, sondern im Zentrum. Es ist deshalb gut, wenn wir unser Bewusstsein regelmäßig umlenken und uns darauf „konzentrieren“. Dann werden wir fest und ruhig, wir finden zu unserer eigenen Mitte und zu Gott.
In einem Himmelfahrtslied von Philipp Friedrich Hiller aus dem Jahr 1757 kommt all das sehr schön zum Ausdruck. Es lautet: „Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß.“ (Evangelisches Gesangbuch 123) Dieses Bild hat der Dichter der Offenbarung entnommen und er malt es in den folgenden Versen sehr schön aus, bis es in Strophe fünf heißt: „Nur in ihm, o Wundergaben, können wir Erlösung haben, die Erlösung durch sein Blut.“ Der Dichter erinnert damit an das „Opferlamm“, das wir durch den Glauben in unser Leben aufnehmen dürfen. Deshalb folgt in Strophe sieben der Aufruf: „Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen, klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen, sagt, ihr Armen, ihm die Not. Wunden müssen Wunden heilen, Heilsöl weiß er auszuteilen, Reichtum schenkt er nach dem Tod.“ Es geht darum, dass wir uns Christus anvertrauen, zu ihm rufen und viel von ihm erwarten. Dann „zieht er uns zu sich empor“ und „der Himmel steht uns offen“.
Deshalb ist es gut, wenn wir uns in die Scharen der Engel und Wesen um den Thron Gottes einreihen. Selbst wenn wir auf der „tiefsten Stufe“ stehen, oder – um in unserem Bild zu bleiben – auf einer der äußeren Kreislinien, können wir auf die Mitte schauen und mit allen anderen „glauben, reden und rufen: Jesus Christus herrscht als König, alles sei ihm untertänig; ehret, liebet, lobet ihn!“
Amen.

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Der geistliche Kampf

Predigt über Matthäus 10, 34- 39: Entzweiungen um Jesu willen

21.Sonntag nach Trinitatis, 5.11.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Wussten Sie, dass derzeit die größte Christenverfolgung aller Zeiten herrscht? Nach einer neuen Einschätzung leiden mehr als 200 Millionen Menschen unter einem hohen Maß an Verfolgung, weil sie sich zu Jesus Christus bekennen. Besonders bedroht sind sie in Ländern und Gebieten, in denen islamistische Extremisten oder Terroristen Macht ausüben. Aber auch in Nordkorea können Christen ihre Religion nur heimlich ausüben, und wenn es bekannt wird, müssen sie mit schlimmsten Konsequenzen rechnen. Diskriminiert werden sie zum Teil ebenso in China. Das ist also kein vergangenes Phänomen aus der alten Kirche, sondern auch eins der Gegenwart.
Bereits seit 1955 gibt es deshalb z.B. die Bewegung „Open Doors“, deren Vision und Berufung der Dienst an den verfolgten Christen weltweit ist. Mit Nachrichten, Gebeten, finanzieller Unterstützung, Veranstaltungen, Schreibaktionen usw. will der Verein bedrängte Christen darin unterstützen und ermutigen, trotz Verfolgung ihr Christsein zu leben und auch in einer feindlich gesinnten Umwelt das Evangelium zu verkünden.
Und damit handeln sie ganz im Sinne Jesu. Er warnte schon zu Lebzeiten seine Jünger davor, dass sie verfolgt werden, und er forderte sie auf, trotzdem bei ihrem Glauben zu bleiben. Davon handelt unser heutiger Predigttext. Er steht im Matthäusevangelium im zehnten Kapitel und lautet folgendermaßen:

Matthäus 10, 34- 39


34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.
38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.
39 Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

„Meint nicht“, damit beginnt Jesus hier, d.h. er wendet sich gegen eine vorhandene und naheliegende Auffassung: Die Jünger dürfen keinen allumfassenden Frieden erwarten, wenn sie ihm nachfolgen. Er hatte die Friedensstifter zwar seliggepriesen (Mt. 5,9), aber sie müssen damit rechnen, dass gegen sie das Schwert gezückt wird. Es ist gefährlich, Jünger Jesu zu sein.
Außerdem kann die Familie zerfallen, wenn jemand sich ausdrücklich zu Jesus bekennt. Es gab diese düstere Vision bereits im Alten Testament. Die Familie galt damals als Zelle und Fundament des gesellschaftlichen Lebens und Bestehens. Sie bot Obdach und Schutz für den Einzelnen. Löste sie sich auf, war die Gesellschaft ruiniert und der Einzelne verlor seine Geborgenheit. Der Verfall der Familie bedeutete also höchste endzeitliche Not. Das greift Jesus hier auf, und auch seine Worte haben einen endzeitlichen Charakter. Allerdings schildert er nicht in erster Linie den Zerfall alles Bestehenden, sondern eine erschütternde Erfahrung: Die Stellungnahme zu Jesus kann einen Riss in die Familie bringen.
Er fordert deshalb ausdrücklich dazu auf, im Konfliktfall die Entscheidung für ihn über die Entscheidung für die Hausgenossen zu stellen. Es kann sein, dass sie das Jüngersein unmöglich machen wollen oder schwer behindern. Dann gilt der Gehorsam gegenüber Jesus mehr als der Gehorsam gegenüber den Eltern, Kindern oder Schwiegerkindern. Es geht Jesus also um eine eindeutige Nachfolge.
Das wird im weiteren Verlauf noch deutlicher. Jeder seiner Zuhörer hatte schon Menschen gesehen, die zum Tode verurteilt waren und ihr Kreuz zum Richtplatz trugen. Dieses Bild benutzt er nun, um die Jünger auf eventuelles Leid vorzubereiten. Sie müssen Feindseligkeiten aushalten und dürfen sogar das Martyrium nicht ausschließen.
Am Ende kommt dann der wichtigste Satz, an dem deutlich wird, dass all das nicht ergebnislos bleibt, sondern dem Gewinn des Lebens dient. Jesus bürstet die alltägliche Erfahrung gegen den Strich, indem er sagt: „Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ Natürlich denkt er damit über die Grenzen des irdischen Lebens hinaus, an die Auferstehung und das Himmelreich. Aber er beschreibt auch ein Prinzip, das sich bereits im jetzigen Leben ereignet: Aus der Preisgabe geht neuer Lebensgewinn hervor, im Loslassen findet der Jünger, was er eigentlich sucht. Er rettet seine Seele und entdeckt ganz neue Wege des Seins.
Wichtig ist bei all dem, dass dieser Textabschnitt ein „Ich-Bin-Wort“ Jesu ist. Er beschreibt seine Sendung und seinen Weg. Wer sich an ihn bindet, muss sich an ihm orientieren. Ein Christ ist nicht der, der Jesus bewundert, sich unter sein Kreuz setzt und von dort über ihn redet. Es ist vielmehr der Mensch, der das Kreuz als sein eigenes Schicksal annimmt. Nur wer mit Jesus geht, wird das Leben gewinnen. Denn in ihm hat Gott eine ganz neue Antwort auf das Leid und den Tod gegeben, eine Antwort, die durch die Krise zum Leben führt.
Und das ist auch für uns eine gute Botschaft. Wir tun uns ja schwer mit diesen Aussagen. Wer will das hören? Und auf wen von uns trifft das zu? Hier in Deutschland werden wir zum Glück nicht wegen unseres Glaubens verfolgt, geschweige denn hingerichtet. Und auch in unseren Familien gibt es kaum Zerwürfnisse wegen Jesus. Es kann sein, dass lange nicht alle Familienangehörigen uns verstehen, vielleicht belächeln sie uns sogar, aber sie lassen uns immerhin unseren Glauben leben. Ein Riss entsteht dadurch nicht.
Außerdem haben wir ein anderes Bild von Jesus. Wir sehen ihn am liebsten als den, der uns liebt und begleitet. Wir glauben an ihn, weil wir uns davon etwas Gutes und Schönes versprechen, mehr Zuversicht und Ruhe, Harmonie und Hoffnung. Auch unsere Erwartung ist irgendwie ein allumfassender Friede.
Und die ist auch nicht abwegig. Bloß so einfach entsteht das alles nicht, das wusste Jesus. Er kannte das Leben und hat es mit all seinen Abgründen, seinem Leid, seiner Vergänglichkeit und Not schonungslos aufgedeckt. Wir dürfen das Evangelium nicht auf die seichten und sanften Töne reduzieren, dann verstehen wir nur die Hälfte und bleiben an der Oberfläche. Um wirklich all das Gute zu gewinnen, das Jesus uns verheißt und wonach wir uns im Glauben sehnen, müssen wir tiefer nachfragen. Und genau dazu lädt Jesus uns ein. Lassen Sie uns deshalb in drei Schritten nachvollziehen, was er hier darlegt.
Zunächst einmal müssen wir klar sehen, dass es das Böse in der Welt gibt. Die Christenverfolgungen sind dafür ein trauriger Beweis. Menschen entfernen sich vom Menschsein und lassen das Böse in sich selber und in ihrer Umgebung siegen. Sie entscheiden sich für die Vernichtung, lassen grausame Kräfte walten, die in den Tod führen. Das Morden ist dafür die Endstufe. Und dass es sie gibt, wissen wir nicht nur aus den Nachrichten, wir erleben es auch dadurch, dass Menschen, die davon betroffen sind, hierher fliehen. Denn bei uns gibt es das so zum Glück nicht, hier sind alle einigermaßen sicher.
Trotzdem ist auch unser Leben nicht frei vom Bösen. Es gibt Vorstufen des ganz Schlimmen, die wir alle in unserem persönlichen Umfeld erfahren. Ich kenne kaum jemanden, der nicht in irgendeiner Form unter einer anderen Person leidet. Denn es gibt überall Menschen, die sich von Egoismus, Gier oder Macht hinreißen lassen. Es kommt zu Ungerechtigkeiten, Diffamierungen, Intrigen, Streit und Spannungen. Es kann von der Vorgesetzten ausgehen, von der Schwiegermutter, dem Kollegen, einem Patienten, einer Schülerin usw. Viele Menschen machen anderen das Leben schwer, bewusst oder unbewusst.
Wie gehen wir damit um? Das ist die nächste Frage, die wir uns stellen müssen, der zweite Punkt unseres Gedankenganges. Welchen Weg wählen wir in einer Krise, im Konfliktfall? Es gibt da verschiedene Möglichkeiten.
Die schlechteste Methode ist mit Sicherheit das Zurückschlagen. Wenn wir dieselben Mittel wählen wie unsere Gegner, kommen wir nicht weit. Der Konflikt verschärft sich nur, es wird noch mehr zerstört.
Wenn es geht, ist es deshalb sinnvoller, die Flucht zu ergreifen. Viele Menschen tun das ja auch zu Recht. Sie retten ihr Leben, indem sie fliehen. Trotzdem ist das ebenfalls keine befriedigende Antwort, denn es ist gefährlich und der Ausgang ist ungewiss. Außerdem möchte eigentlich niemand seine Heimat verlassen und in einer fremden Kultur ganz von vorne anfangen.
Eine wirkliche Lösung ergibt sich erst dann, wenn die Konfliktparteien aufeinander zugehen, miteinander reden und sich vertragen. Das wünschen wir uns deshalb auch alle. Doch leider geht das oft nicht, weil nur eine der beiden Seiten das möchte. Die anderen bleiben verhärtet und ziehen den Streit vor.
Aber es gibt noch einen vierten Weg, und zu dem fordert Jesus uns hier auf. Er lädt zu einem uneingeschränkten „Ja“ ein, zur Leidensbereitschaft und zum Gehorsam. Gegebenenfalls gehört sogar das Annehmen des Todes dazu. In der Psychologie gibt es dafür den Ausdruck „radikale Akzeptanz“, und den finde ich sehr treffend. Denn er macht deutlich, dass es dabei keineswegs um etwas Schlaffes oder Feiges geht. Im Gegenteil: Was Jesus uns vorschlägt, fordert ganz viel innere Aktivität, all unseren Mut und eine große Standhaftigkeit. Es geht um die Preisgabe des Lebens, um Loslassen und um ein Opfer. Jesus erwartet, dass wir unseren eigenen Egoismus, unsere Gier und unsere Angst bekämpfen und besiegen.
Den meisten von uns ist das möglicherweise zu radikal und zu steil. Wir scheuen davor zurück, denn es kommt einer mentalen und seelischen Höchstleistung gleich. Wir fühlen uns restlos überfordert. Aber so ist der Aufruf Jesu auch nicht gemeint. Wir sollen keine Übermenschen werden, sondern ihm nachfolgen. Ohne ihn wäre seine Handlungsweise in der Tat unmöglich, in der Jüngerschaft erweist sie sich dagegen als heilbringend.
Und das ist der letzte Punkt, den wir uns klar machen können: Jesu Weg führt in die Überwindung. Wir gewinnen durch die Nachfolge viel mehr, als wir ahnen. Im Glauben an ihn werden uns Dinge möglich, die weit über das übliche Muster hinausgehen und damit auch weit über unsere irdische Wirklichkeit. Denn in Jesus begegnet uns der Sohn Gottes. Er öffnet uns das Himmelreich und verspricht uns nichts Geringeres als ewiges Leben. Er sprengt die Strukturen der Vergänglichkeit.
Im Konfliktfall und in einer Krise heißt das, dass wir mit ihm zusammen innerlich aussteigen und unseren Halt auf einer ganz anderen Ebene finden. Die Lösung liegt nicht in der Aggression, nicht in der Flucht und auch nicht immer im Miteinander-Reden. Sie liegt vielmehr bei Jesus Christus, der uns neues Leben und eine uneingeschränkte Freiheit ermöglicht. Wenn wir radikal auf ihn vertrauen, ist plötzlich ist alles da, wonach wir uns sehnen: Ruhe und Frieden, Heil und Erlösung. Denn Christus rettet uns vor den andern und schützt uns vor uns selbst. Ganz gleich, wie es um uns steht und wie feindlich gesinnt unsere Umwelt ist, wir gewinnen einen großen Mut und eine tiefe Zuversicht. Es ist überall und immer möglich, unser Christsein zu leben und das Evangelium zu verkünden.
Lassen Sie uns deshalb nicht krampfhaft am Leben festhalten, wir werden es sowieso irgendwann „verlieren“. Die Verheißung liegt vielmehr darauf, getrost „das Leben zu verlieren um Christi willen“, denn dann werden wir es auf wunderbare Weise neu „finden“.

Amen.

 

Heilung an Leib und Seele

Predigt über Markus 1, 32- 39: Jesu Wirken in Kafarnaum und Galiläa

Sonntag nach Trinitatis, 22.10.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Markus 1, 32- 39

32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.
33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.
34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren,
und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.
35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

Liebe Gemeinde.
Überall wo Leben und Bewegung ist, gibt es ein Streben nach „Gleichgewicht“. Es ist nötig, damit etwas Bestand und eine Zukunft hat. Das können wir in der Natur beobachten, und genauso in Wirtschaft und Politik. Auch in der Psychologie und der Medizin spielt es eine Rolle.
So beschreibt das Gleichgewicht in der Biologie z.B. den stabilen Zustand eines Ökosystems, in der Wirtschaft einen ausgeglichenen Handel und in der Politik die Machtverhältnisse zwischen Staaten und Bündnissen. In der Psychologie und bei Lebewesen ist mit Gleichgewicht so etwas wie Gelassenheit und Gemütsruhe gemeint. Medizinisch gesehen führt es Gesundheit und Wohlergehen mit sich.
Und das ist, wie in allen Bereichen der Welt und der Natur, ein erstrebenswerter Zustand. Wir wären sicher alle gerne ausgeglichene und gesunde Menschen. Denn damit geht die Fähigkeit einher, vor allem in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben. Wer innerlich im Gleichgewicht ist, regt sich nicht auf und wird nicht nervös, er ist frei von Stress, gesund und stabil. Und das wünschen wir uns.
Doch wie kommen wir dahin? Auf diese Frage kann uns das Evangelium von heute paar Hinweise geben.
Es ist ein Abschnitt, der am Anfang des Markusevangeliums steht. Dabei handelt es sich um einen Sammelbericht über die Tätigkeit Jesu. Er zeigt, wie Jesu Handeln die Menschen erfasst. Besonders erwähnt werden die Kranken und Besessenen: Jesus kann ihnen helfen, er hat rettende Macht. Seine Kraft kommt von Gott, dessen Herrschaft sich durch sein Handeln erweist. Es bringt ganz konkrete Erlösung, körperlich und seelisch.
Dieses Bild von Jesus durchzieht das ganze Evangelium. Es wird immer wieder mit vielen Wundergeschichten ausgeschmückt und belegt. Vor unserem Abschnitt wird z.B. erzählt, wie Jesus einen Besessenen heilt und danach die Schwiegermutter des Petrus von ihrem Fieber befreit. Gott offenbart sich in ihm, das will der Evangelist zeigen.
Doch er stellt ihn nicht einfach nur als Wundermann dar, dem alle hinterherrannten. Es gibt an dem Tun Jesu etwas Besonderes, das soll ebenfalls deutlich werden. Deshalb folgt auf den Bericht über die Heilungen die Feststellung: „Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“
Noch in der Nacht verließ Jesus also das Haus, in dem er mit seinen Jüngern untergekommen war, um für sich allein zu sein und zu beten. Und dieser Weggang ist interessant. Was verbirgt sich dahinter? Wollte Jesus fliehen? Wurde es ihm alles zu viel? Das könnte man vermuten, doch das wäre ein Irrtum. Es ist auch nicht einfach nur die Sitte des Morgengebetes, die Jesus hier pflegte, denn alle anderen schliefen ja noch. Es geht vielmehr um ein Gleichgewicht, um einen Ausgleich der Kräfte. Das Handeln Jesu und seine Verkündigung waren nur dadurch wirksam, dass er sich immer wieder zurückzog und mit Gott redete. An vielen Stellen in den Evangelien wird das erwähnt. So schreibt Matthäus nach dem Bericht über die Speisung der Fünftausend z.B.: „Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.“ (Mt. 14,23) Und Lukas erwähnt nach der Geschichte über die Heilung eines Aussätzigen: „Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus, und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten. Er aber zog sich zurück in die Wüste und betete.“ (Lk.5,15f) Jesus nahm sich also immer wieder Zeit für den, in dessen Auftrag er handelte, für Gott, seinen Vater im Himmel. Er sprach mit ihm und ließ sich mit der Kraft ausrüsten, die er brauchte.
Die Jünger verstanden dieses Verhalten nicht. In dem heutigen Abschnitt aus dem Markusevangelium heißt es weiter: „Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.“ Das klingt fast vorwurfsvoll: Wie kannst du dich nur verstecken!? Das war ihre Kritik. Sie erwarteten, dass er weiter tätig war. Doch darauf ging Jesus nicht ein. Das Anliegen der Jünger war in seinen Augen selbstsüchtig und oberflächlich.
Außerdem ist sein Auftrag noch viel größer, als das, was sie jetzt gerade erleben. Jesus bringt mehr, als sie ahnen. Das wird an seiner Aufforderung zum Weitergehen deutlich, die er ihnen als Antwort gibt: „Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“ Er erfasst mit seiner Tätigkeit ganz Galiläa, und von da aus geht es weiter, wie in konzentrischen Kreisen. Das wird hier angedeutet. Jesu Auftreten ist letzten Endes für die ganze Welt von Bedeutung.
Nach seinem Wirken setzten die Jünger das ja auch um und haben missioniert. Das Evangelium hat sich in der ganzen Welt und durch alle Jahrhunderte verbreitet. Auch wir sind dadurch – Gott sei Dank – mit der Botschaft von Jesus Christus in Berührung gekommen. Wir sind hier, weil wir glauben, dass Jesus lebt und himmlische Macht hat. Er kann immer noch helfen und heilen.
Und unsere Geschichte will uns das auch verkündigen: Wir dürfen von Jesus erwarten, dass er uns rettet und erlöst. Er kann uns zur inneren Ruhe führen, zur Ausgeglichenheit und zur Gelassenheit. Auf zwei Ebenen gibt unser Text uns dazu Hinweise. Einmal stellt er uns Jesus als den vor Augen, der göttliche Kraft besitzt. Wir können uns ihm anvertrauen, zu ihm rufen und viel von ihm erhoffen. Das ist die eine Ebene.
Gleichzeitig ist Jesu Verhalten beispielhaft. Wir werden eingeladen, genauso wie er uns immer wieder zurückzuziehen und uns Zeit mit ihm zu nehmen. Er zeigt uns, wie auch wir konkret unseren Glauben leben können.
Lassen Sie uns über diese beiden Aspekte deshalb noch einmal etwas ausführlicher nachdenken.
Zunächst wird uns verkündet, dass Jesus da ist, und wir sind eingeladen, seine Macht zuzulassen. Das ist eine Zusage, aber zugleich eine Herausforderung. Ohne dass wir mitmachen und etwas investieren, kann das Heil nicht wirken, das Jesus uns gibt. Es kostet unsere Bereitschaft, uns darauf einzulassen. Und das heißt, wir müssen unser eigenes Machtstreben aufgeben, unseren Eigenwillen ablegen und unser Leistungsdenken beenden.
Davon sind wir leider alle durchdrungen. Es wird uns mit in die Wiege gelegt, dass wir am liebsten alles alleine hinbekommen und uns selbst erlösen wollen. In gewisser Hinsicht ist das auch nicht schlecht, denn dadurch geschieht etwas in unserem Leben und in der Gesellschaft, wir kommen weiter, erreichen unsere Ziele und verändern die Gegebenheiten. Aber ganz oft ist dieses Verhalten auch ungesund und zerstört das vorhandene Gleichgewicht. Gesellschaftlich und persönlich gerät durch unseren Eigenwillen immer wieder etwas aus den Fugen. Konflikte entstehen, Unfriede und Streit brechen aus, Stress und Krankheiten plagen uns. Wo der Mensch nicht eingreift, entsteht in der Natur fast immer von selber ein Gleichgewicht. Unser Handeln und unser Wille zerstört es dagegen immer wieder.
Es gibt ein Gedicht von Werner Bergengruen, in dem das sehr deutlich formuliert ist. Das war ein deutsch-baltischer aus Riga, der von 1892 bis 1964 lebte, zuletzt in Baden-Baden. Er hatte immer einen kritischen Blick auf seine Zeit und die Gesellschaft und war – als es akut wurde – ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Das Gedicht, das ich meine, beginnt folgendermaßen:
„Wir sind so sehr verraten, von jedem Trost entblößt, in all den wirren Taten ist nichts, das uns erlöst.“ Weiter klagt er das „Fingerzeigen“ und die „plumpen Worte“ an und sagt, dass er „sie satt hat“. Das sind drastische Formulierungen für die zerstörerischen Vorgänge, die wir oft heraufbeschwören, für Trostlosigkeit und Unerlöstsein.
Um sie zu stoppen, müssen wir uns selber und unseren Eigenwillen also relativieren, unser Machtstreben und unsere Gier aufgeben und uns einschränken. Und dafür ist es gut, wenn wir auf Jesus blicken. In ihm ist Gott gegenwärtig, vor ihm verliert unser eigenes Streben seine Alleingültigkeit, er besitzt die Kraft, uns zu bremsen. Das Wirrwarr lichtet sich, wir werden einfacher und klarer. Er trieb Dämonen aus, d.h. er konnte den zerstörerischen Kräften, die in einem Menschen wohnten, Einhalt gebieten. Er stellte das Gelichgewicht wieder her und heilte Krankheiten.
Und das können auch wir erleben, wir müssen uns nur Zeit für ihn nehmen. Damit sind wir bei dem zweiten Thema, das in unserem Evangelium vorkommt: Wir müssen uns immer mal wieder zurückziehen und beten. Werner Bergengruen formuliert: „Wir woll’n den Klang des Schweigens, das uns erschaffen hat.“ Das sind schöne und einladende Worte, die wir beherzigen sollten: Es ist gut, wenn wir regelmäßig schweigen und die Hände in den Schoß legen, ruhig werden und uns in Muße üben.
Zum einen setzen wir damit äußerlich dem Lärm und der Hektik etwas entgegen. Auf Zeiten der Aktivität folgt eine Phase der Passivität, das Handeln wird durch Nichtstun ausgeglichen, und das ist gut. Eine Dauerbeschallung macht uns letzten Endes krank, und permanente Aktivität auch. Irgendwann sind wir erschöpft und ausgelaugt, die Kräfte sind verbraucht, der Akku ist leer. Wir brauchen Ruhe.
Wahrscheinlich wissen wir das auch alle. Trotzdem vermeiden wir die Stille gern, denn es ist nicht ganz einfach, sie auszuhalten. Wenn es lautlos um uns ist, sind wir plötzlich allein mit uns selber. Es geschieht nichts mehr, wir werden durch nichts abgelenkt und müssen unseren Zustand ertragen. Und der kann unangenehm sein. Wenn wir innerlich unruhig sind und voller Gedanken, dann fühlt es sich zunächst nicht besonders gut an, still zu sein. Wir kommen in Berührung mit unserer Armseligkeit, unserer Schuld oder unserem Versagen. Schwäche, Not und Schmerzen werden viel spürbarer, weil wir sie nicht mehr verdrängen.
Aber genau darin liegt die Chance, die die Stille uns bietet. Sie ist nicht nur äußerlich wichtig, sondern vor allem innerlich. Wir kommen uns endlich einmal nahe und spüren uns selber. Wir werden aufmerksam für seelische Vorgänge.
Und dabei dürfen wir mit Jesus in Beziehung treten. Es geht nicht um Selbsterlösung durch Meditation, sondern als Christen sind wir eingeladen, in der Stille auf Jesus zu vertrauen und uns auf ihn zu verlassen. Wir dürfen viel von ihm erwarten, zu ihm beten, ihn um Hilfe anrufen. So wie er selber mit Gott geredet hat, wenn er sich zurückzog, so können wir mit ihm sprechen und um sein Erbarmen bitten. Wir lassen uns los, entspannen uns und lassen seine Liebe wirken.
Dann werden wir ruhiger, wir spüren nach einer Weile seine Gegenwart, seine Macht und Hilfe, seine heilenden Kräfte, sein Erbarmen und seine Liebe. Sie werden wirksam und führen uns zu einem inneren Gleichgewicht.
Erfahrungsgemäß geschieht das ungefähr nach einer dreiviertel Stunde Stillsitzen, Schweigen und Beten. Es wäre also gut, wenn wir so viel Zeit von vorne herein investieren. Aber natürlich gibt es auch andere Methoden. Auf einem Spaziergang z.B. kann dasselbe geschehen, wenn wir Jesus dabei innerlich mit uns gehen lassen. Oder wir richten immer wieder Ruhepausen im Alltag ein, „Oasen der Stille“, die uns den Aufblick ermöglichen. Auch Zeiten des Wartens können wir so nutzen, oder Nächte, in denen wir keinen Schlaf finden.
Auf jeden Fall braucht unser Glaube eine konkrete Praxis, nur dann wird er wirksam und kann uns verändern. Das hat Jesus uns vorgelebt.
Aber das lohnt sich auch. Kräfte des Gleichgewichts wirken und heilen und beruhigen uns. Neues Leben wird möglich, Stabilität und Friede, Wachstum und Gedeihen. „Gewalt und Gier und Wille der Lärmenden zerschellt.“ So formuliert Werner Bergengruen in seinem Gedicht die Auswirkung des Schweigens. Und er schließt mit der Bitte: „O komm, Gewalt der Stille, und wandle du die Welt.“
Amen.

Gewalt der Stille

Wir sind so sehr verraten,
von jedem Trost entblößt,
in all den wirren Taten
ist nichts, das uns erlöst.

Wir sind des Fingerzeigens,
der plumpen Worte satt,
wir woll’n den Klang des Schweigens,
das uns erschaffen hat.

Gewalt und Gier und Wille
der Lärmenden zerschellt.
O komm, Gewalt der Stille,
und wandle du die Welt.

Werner Bergengruen

 

Gott hilft gern

Predigt über Markus 9, 17- 27: Heilung eines besessenen Knaben

17. Sonntag n.Tr., 8.10.2017, 9.30 Uhr und 11.00 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Markus 9, 17- 27

17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.
18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht. 19 Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!
20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.
21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.
22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!
23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.
24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
25 Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!
26 Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, sodass die Menge sagte: Er ist tot.
27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

Liebe Gemeinde.

Um 600 v. Chr. schrieb der Dichter Äsop die Fabel: „Der Ochsentreiber und Herkules“. Sie lautet folgendermaßen: „Als ein Ochsentreiber im Morast stecken blieb, tat er nichts als allein die Götter um Hilfe anzuflehen. Schließlich erschien ihm Herkules mit den Worten: ,Lege die Hände an die Räder und treibe mit der Peitsche dein Gespann an, zu den Göttern flehe jedoch erst dann, wenn du selbst etwas getan hast; sonst wirst du sie vergeblich anrufen.‘“ Die Moral von der Geschichte lautet also: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.“ Und dieses Sprichwort ist bis heute im Volksmund lebendig geblieben. Es beinhaltet die Aufforderung, die Initiative in die eigene Hand zu nehmen, und warnt davor, sich bei der Bewältigung des Lebens zu sehr auf Götter oder höhere Mächte zu verlassen.
In der Bibel steht der Spruch nicht, obwohl viele Menschen das denken. Aber was hätte er da zu suchen? Er würde ja einen Keil zwischen Gott und die Menschen treiben. Wenn man ihn nach den Regeln der Logik verneint, wird das noch deutlicher, denn dann lautet er: „Gott hilft dir nicht, wenn du dir selber nicht hilfst.“ Wir wären in ausweglosen Situationen also verloren, und das ist bestimmt nicht die Botschaft der Bibel.
Im Gegenteil, da wird den Menschen gerade dadurch geholfen, dass sie sich auf Gott, bzw. auf Jesus Christus verlassen. An dem Evangelium von heute wird das sehr schön deutlich. Es handelt von einem Mann, dem durch Glauben etwas Wunderbares möglich wurde.
Lassen Sie uns diese Geschichte einmal betrachten. Viele Personen tauchen darin auf: Jesus, die Jünger und eine Menschenmenge, ein kranker Junge und sein Vater. Wenn wir nachvollziehen wollen, was sie miteinander zu tun haben, müssen wir beachten, was unmittelbar vor dem Ereignis, um das es geht, stattfand.
Da hatte sich Jesus mit drei Jüngern auf einen Berg zurückgezogen und dort war er ihnen in einem hellen Licht erschienen. Dazu vernahmen sie Gottes Stimme, die ihn als seinen Sohn ausrief. Es war seine sogenannte Verklärung, bei der offenbar wurde, dass in Jesus die Macht und Kraft Gottes wohnte. Und das ist der Schlüssel zu unserer Geschichte, denn als solcher handelt er hier.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein epileptischer Knaben, der nicht sprechen kann und oft von seinen Anfällen hin- und hergerissen wird. Der Vater war bereits ganz verzweifelt, weil der Junge dabei nicht nur litt, sondern natürlich auch jedes Mal in Gefahr geriet. Deshalb war sein Vater zu den Jüngern Jesu gegangen, die nicht mit auf dem Berg waren. Einige weitere Menschen waren zusammen gekommen, um das Wunder zu beobachten, das sie tun sollten. Aber die Jünger konnten nichts ausrichten, und es gab bereits so etwas wie einen Tumult. Die Menge war aufgebracht, sie stritten mit den Jüngern, weil sie versagt hatten, und schrien durcheinander.
In diese Situation kommt Jesus nun hinein und er handelt von Anfang an souverän und vollmächtig. Es ist fast so, als wäre er von dem besonderen Glanz, den das Licht auf dem Berg ihm verliehen hatte, noch umgeben.
Er spricht mit dem Vater und erkundigt sich zunächst nach der Krankheit. Es war wie gesagt das, was wir heute als Epilepsie bezeichnen. Aber damals verstand man darunter noch mehr als ein Nervenleiden. Sie wurde als Besessenheit aufgefasst, die durch Dämonen verursacht war. D.h. man sah in den Anfällen eine fremde Macht, die den Kranken zu Boden riss und ihn quälte. Deshalb brauchte sie auch einen Bezwinger, der stärker als die Dämonen war. Und genau den suchte der Vater. Deshalb war er zuerst zu den Jüngern gegangen und wandte sich nun an Jesus.
Und Jesus kann durchaus helfen, aber das tut er nicht sofort. Er führt zunächst ein Gespräch über den Glauben des Mannes und fordert ihn zu einem unbedingten Vertrauen auf, ohne Wenn und Aber. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“, sind seine Worte, und damit meint er den Glauben an die Allmacht Gottes. Durch ihn kann der Mensch an den unbegrenzten Möglichkeiten Gottes Anteil gewinnen. Wichtig ist dabei, dass so ein Glaube keine eigene Leistung ist, sondern bereits von Gott kommt. Das ahnt der Mann hier wohl deshalb bittet er Jesus um genau diesen Glauben: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ ruft er.
Und Jesus erhört die Bitte. Er offenbart seine göttliche Macht und Hoheit und bezwingt den Dämon. Der Knabe liegt danach zunächst völlig erschöpft auf dem Boden, es ist fast als wäre mit der Krankheit auch das Leben aus ihm gewichen. Aber das täuscht nur. Es ist endlich Ruhe und Frieden in die Seele des Jungen eingekehrt, er ist geheilt. Jesus schließt das Wunder ab, indem er ihn „bei der Hand ergriff und ihn aufrichtete, und er stand auf.“ So endet die Geschichte, und sie lädt uns ein, auf Gott zu vertrauen, wenn wir uns selber nicht mehr helfen können.
Die Frage ist allerdings, ob wir dazu in der Lage sind und es wollen. So einfach ist das ja nicht. Die Geschichte klingt eher wie ein Märchen. Ist es nicht viel realistischer, sich selber zu helfen? Krankheiten wie Epilepsie werden ja bestimmt nicht durch Glauben geheilt. Betroffene brauchen die Medizin und den richtigen Umgang mit ihrem Leiden. Und so ist es oft. Wer Erfolg haben will, gesund und fit sein möchte, beliebt und glücklich, muss etwas dafür tun. Ohne eigene Initiative geht vieles nicht. Insofern stimmt das besagte Sprichwort durchaus, „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Wie sollen wir also mit der Erzählung bzw. der Botschaft der Bibel und des Evangeliums umgehen? Ist es nicht doch besser, sich selber zu helfen?
Über diese Frage müssen wir nachdenken, und die Antwort steht durchaus in der Geschichte. Wenn wir sie genau lesen, wird nämlich deutlich, dass die Initiative des Menschen und die Hilfe Gottes gar keine Alternative sind. Das schließt sich nicht aus. Es ist kein Entweder-oder, sondern gehört zusammen.
Zunächst einmal ist klar zu erkennen, dass der Glaube des Mannes selbst eine starke Aktivität ist. Er hat nichts mit Faulheit oder mit Schicksalsergebenheit zu tun. Das denken ja viele Menschen, die nicht an Gott glauben. Sie halten es für ver-antwortungslos, sich auf eine höhere Macht zu verlassen.
Wenn es Gott nicht gäbe, dann hätten sie auch recht. Aber können sie das beweisen? Es ist eine Behauptung, die der Vernunft entspringt, dem sogenannten „gesunden Menschenverstand“. Danach gilt nichts als real, was wir nicht erklären oder mit den Sinnen erfahren können. Aber ist es wirklich „gesund“, sich allein darauf zu verlassen? Reicht dieser Erkenntnisweg, um die ganze Realität zu erfassen? Er ist finde ich sehr diesseitig, schmal und heidnisch. Die Vernunft kann uns auch täuschen und an der Wirklichkeit vorbei führen. Ich finde es sogar etwas dumm, die Gegenwart Gottes mit dem Verstand zu leugnen, denn unzählige wunderbare Glaubenszeugnissen belegen, dass die Realität größer ist, und sie sind sehr inspirierend. „Größer als der Helfer, ist die Not ja nicht.“ Das ist z.B. so ein Satz. Er ist ebenfalls volkstümlich geworden und bedeutet genau das Gegenteil.
Johann Friedrich Raeder hat ihn formuliert, ein Kaufmann aus dem 19. Jahrhundert und ein deutscher Kirchenliederdichter. Er war zunächst Angestellter in einem Handelshaus in Elberfeld und machte sich später selbständig. Er trieb Geschäfte mit dem natürlichen Farbstoff Indigo, der in den Tropen vorkommt. Raeder hatte davon eine große Menge bestellt und im Voraus bezahlt. Damit war er bewusst ein Risiko eingegangen. Als die Lieferung tatsächlich nicht eintraf, war er wirtschaftlich angeschlagen. Doch er war gleichzeitig ein frommer Mann und gab innerlich nicht auf. Er übte sich vielmehr im Gottvertrauen. Außerdem hatte er den örtlichen Handwerkergesangsverein gegründet, d.h. er sang gern, und so dichtete er auf eine Melodie, die er wahrscheinlich kannte, das Lied „Harre, meine Seele, harre des Herrn. Alles ihm befehle, hilft er doch so gern.“ Er fand damit die Kraft zum Durchhalten. Es war für ihn dann auch wie ein Wunder, als die Handelsgüter plötzlich doch eintrafen und ihm der Ruin erspart blieb. (s. wikipedia)
Sein Lied wird bis heute gesungen und steht immer noch in unserem Gesangbuch. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Kirche, Nr. 602) Denn es beschreibt eine Erfahrung, die jeder und jede machen kann: Es gibt immer etwas Größeres als die Not. Wir fallen nie tiefer, als in die Arme Gottes, und es lohnt sich, auf ihn zu vertrauen. Das ist klüger und lebensweiser, als sich nur auf die eigene Kraft, die Sinne oder die Vernunft zu verlassen.
Und davon handelt unsere Geschichte. Sie hält uns den vor Augen, der mit göttlicher Vollmacht ausgerüstet ist und uns immer helfen kann, Jesus Christus. Sich ihm anzuvertrauen, führt uns aus aller Not und macht in ganz neuer Weise Leben möglich. Um das zu erkennen, ist es gut, wenn wir die Ereignisse, die darin vorkommen, einmal symbolisch bzw. innerlich verstehen. Die Erzählung handelt zwar von einem epileptischen Jungen, aber die Symptome seiner Krankheit lassen sich auch auf das Seelenleben übertragen. In vielen Situationen ist es ja so, als würde eine fremde Macht von uns Besitz ergreifen: Wir sind aufgewühlt und unruhig, werden hin- und hergerissen und verlieren die Kontrolle. Unsere Gefühle sind Wut oder Angst, Hoffnungslosigkeit und Panik. Wir stürzen und verletzen uns, sind sprachlos und starr. Es scheint keine Hilfe zu geben.
Doch das ist ein Irrtum, denn wir können genauso wie der Vater des Jungen zu Jesus gehen und ihn um Hilfe bitten. Er hat göttliche Macht, von ihm geht Licht und Kraft aus, die sich sofort auf uns überträgt, wenn wir zu ihm rufen. Seine Gegenwart macht unsre Seele „unverzagt“. Es ist, als bräche ein „neuer Morgen“ an, wie Johann Räder es in seinem Lied ausdrückt.
Und dadurch ändert sich etwas in unserem Leben. Licht erhellt das Dunkel und wir bekommen neue Kraft. Es kann sein, dass uns ganz anders geholfen wird, als wir dachten, und manchmal dauert es auch länger, als wir es uns wünschen. Aber es geschieht etwas: In einer Krankheitssituation werden wir geduldiger und zuversichtlicher. Geldsorgen verlieren ihre Bedrohlichkeit, unser Glück hängt nicht mehr von Erfolg oder Äußerlichkeiten ab usw. Es ist interessant, dass in dem Lied von Johann Raeder die letzte Aussage nicht darin besteht, dass unser Leben durch den Glauben äußerlich saniert wird, sondern es ist die Bitte: „Rett auch unsere Seele, du treuer Gott.“ Es ging auch dem Dichter also in erster Linie um etwas Innerliches.
Und das dürfen wir nicht unterschätzen, denn gerade dadurch bekommen wir die Kraft, etwas zu tun und Initiative zu ergreifen. „Wenn Gott uns hilft, können wir uns auch selber helfen.“ So würde dann der Satz lauten, nach dem wir handeln und leben. Denn es gibt keine Verzweiflung mehr, keine Faulheit oder Niedergeschlagenheit. Wir werden verantwortungsbewusst und aktiv.
Deshalb gehört zu dem Weg des Gottvertrauens auch noch ein letzter Punkt. Beim christlichen Glauben geht es ja nie nur um das persönliche Seelenheil. Auch der Mitmensch rückt ins Blickfeld, der Nächste, der ebenfalls Hilfe braucht. Wir nehmen ihn plötzlich ganz anders wahr und kümmern uns um ihn. Denn wer sich von Gott helfen lässt, wird zu einer Hilfe für andere Menschen. Das eine geht nicht ohne das andere. „Nur wenn ich selber helfe, werde ich mir auch von Gott helfen lassen. Und nur wenn ich mir von Gott helfen lasse, werde ich zu einer Hilfe für andere.“ So hat in einer Umfrage einmal jemand den Satz kommentiert, den ich am Anfang erwähnte. Und ein anderer sagt: „Die Idee des Christentums ist es, einander zu helfen. Ob die Christen das tun oder nicht, das steht auf einem anderen Blatt, aber von Gott ist es so gedacht.“
Lassen Sie uns deshalb „des Herren harren“, damit „der treue Gott unsere Seele retten“ kann, und auch wir selber zu Helfern in der Not werden.
Amen.

Die große Krankenheilung

Predigt über Jesaja 29, 17- 24: Die große Wandlung

12. Sonntag nach Trinitatis, 3.9.2017, 9.30 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Jesaja 29, 17- 24 

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.
18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;
19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.
20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,
21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.
23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.
24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Liebe Gemeinde.
In der Geschichte der Menschheit gab es von Anfang an das Bestreben, alle Krankheiten zu besiegen. Dabei wurden im Alten Orient hauptsächlich Dämonen als Verursacher von Erkrankungen angesehen, und eine kultische Reinigung versprach Heilung. Hippokrates von Kos hat im fünften Jahrhundert vor Christus dann als erster den Körper beobachtet und versucht, auf seine Zusammensetzung Einfluss zu nehmen. In Arabien wurden diese Erkenntnisse weiterentwickelt, und ab dem 13. Jahrhundert kamen sie über Spanien und die Mauren nach Mittel- und Westeuropa. Außerdem hatte sich hier in den Klöstern eine umfassende Kunde der Heilkräuter ausgebildet.
Die größten medizinischen Fortschritte wurden aber erst ab dem 19. Jahrhundert gemacht, vor allem durch die Entwicklungen in den Naturwissenschaften. Die Liste der Neuentdeckungen und ersten Behandlungserfolge wird seitdem von Jahrzehnt zu Jahrzehnt länger. So wurde z.B. 1941 der erste Patient mit Penicillin behandelt, und 1960 wurde die erste Bypass-Operation durchgeführt. (vgl. wikipedia, Geschichte der Medizin)
Die Forschung geht allerdings weiter, denn eine krankheitsfreie Menschheit gibt es noch lange nicht. Die Heilung aller Gebrechen bleibt vorerst eine Vision.
Deshalb klingt die Ankündigung des Propheten Jesaja immer noch aktuell. Wir haben seine Verheißung einer zukünftigen Heilszeit vorhin gehört. Er beschreibt darin die Umkehrung aller Dinge und Verhältnisse: „Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen.“ Das ist eine Folge dieser Wende. Doch nicht nur Gebrechen wie Taubheit und Blindheit werden geheilt, „die Elenden werden wieder Freude haben, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein.“ Den Schwachen wird geholfen, und Frieden und Gerechtigkeit werden einziehen. „Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten. “ Gott ist auf der Seite der Schwachen, er heilt und baut wieder auf, er schlägt alle bösen Machthaber nieder. Und zuletzt werden „die, welche irren in ihrem Geist, Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.“
Die Welt wird umgewandelt, denn Gott macht alles neu, das ist die Botschaft des Propheten. Er heilt die Kranken, erhöht die Niedrigen und bringt die Irrenden zurecht. Die Hohen und Mächtigen dagegen stürzt er zu Boden.
Wir finden solche Verheißungen an vielen Stellen im Alten Testament, und im Neuen Testament ebenso. Maria hat sie z.B. in ihrem Lobgesang  aufgegriffen (Lukas 1,46-55), und Jesus hat vieles davon verwirklicht. In seinen Reden taucht die Vision von einer besseren Welt wieder auf. Er sprach vom Anbruch des Reiches Gottes oder der „Himmelsherrschaft“, die durch ihn gekommen ist.
Doch wie gehen wir damit um? Brauchen wir so eine Phantasie? Wird sie denn jemals wahr? Und was hat Jesus damit zu schaffen? Er tut ja nichts! Es gibt nach wie vor viel Elend, Krankheit, Not und Ungerechtigkeit. Bis jetzt hat sich in der Welt nichts geändert. Das ist unser Einwand, und der legt es nahe, so einen Text, wie wir ihn heute bedenken sollen, nicht wirklich ernst zu nehmen. Er ist zu unrealistisch und zu phantastisch und passt nicht in unser Denken.
Das stimmt zwar, und so ein Urteil liegt durchaus nahe. Es entsteht allerdings aus einer gewissen Flüchtigkeit heraus. Wir sind zu schnell mit unserer Meinung und sollten zunächst einmal genau lesen, was hier steht. Dann ändert sich unser erster Eindruck eventuell, und der Abschnitt entfaltet doch eine Botschaft, die uns gut tut. Lassen Sie uns deshalb hinschauen, was hier wirklich steht.
Dabei müssen wir als erstes berücksichtigen, dass der Prophet an dieser Stelle eine endzeitliche Vision darlegt. Was er beschreibt, liegt in einer fernen Zukunft. Es ist die große Wandlung, die Gott heraufführen wird, wenn er diese Welt neu macht. Mit unserer Realität, wie wir sie jetzt kennen, soll das Ganze auch gar nichts zu tun haben, denn alles wird in sein Gegenteil verkehrt. Das ist das Eine, was wir beachten müssen.
Und dann müssen wir genau lesen, was hier mit den einzelnen Gruppen von Menschen, die unter etwas leiden, geschehen soll. Zunächst nennt der Prophet die Tauben. Sie werden nicht nur hören, was in der Welt gesprochen wird und ertönt, sondern „die Worte des Buches“. Damit ist die Heilige Schrift gemeint, das, was Gott sagt und will. Sie werden es verstehen und ihm gehorchen. Als nächstes werden die Blinden erwähnt. Auch ihnen wird nicht einfach das Augenlicht versprochen, sondern für sie bringt die Wende ebenfalls eine geheimnisvolle Offenbarung. „Ihre Dunkelheit und Finsternis“ wird aufgehoben, das Chaos lichtet sich und sie sehen, was Gott tut. Die dritte Gruppe sind die Frommen und Demütigen. Sie beugen sich vor Gott und erfahren dadurch eine große Freude. Genauso geht es auch den Armen und Verachteten, die in der Gesellschaft keinerlei Chance haben. Sie werden frohlocken und jauchzen, d.h. sie werden Gott loben und sich in ihm freuen.
Und dann ist es interessant, dass am Ende noch zwei weitere Gruppen erwähnt werden, die wir möglicher Weise gar nicht mit den Kranken und Armen in Zusammenhang bringen würden. Und zwar sind es zum Einen die, die sich auf einem Irrweg befinden, die taumeln und keine Orientierung im Leben haben. Sie werden zur Einsicht kommen und wissen, wo es lang geht. Zum Anderen werden die genannt, die immer etwas zu meckern haben, die Unzufriedenen und ewigen Nörgler. Sie werden Belehrung annehmen, sich an die Weisungen gewöhnen, die ihnen vorgetragen werden, und sich in ein positives Denken einüben.
Das alles müssen wir genau beachten, dann merken wir, dass es hier um mehr geht, als körperliche Heilung oder materielle Wiederherstellung. In allen Ankündigungen spielt Gott die entscheidende Rolle, sein Wort und Wille, seine Gegenwart und seine Kraft. Er wird die Antwort sein, um ihn werden sich die Menschen versammeln, ihn werden sie erkennen und ihm dienen. Das kündigt der Prophet hier an. In der neuen Welt wird Gott die Mitte sein, seine Gegenwart wird alles bestimmen. Deshalb wird alles gut.
Es wird also um eine neue Realität gehen, und das dürfen wir als Verheißung ruhig ernst nehmen. Sie ist auch gar nicht so fern, wie es beim ersten Hören scheint, denn durch Jesus Christus ist davon schon etwas wahr geworden. In ihm ist diese neue Zukunft bereits angebrochen. Das Reich Gottes ist mitten unter uns und wirkt in diese Welt hinein.
Es ist deshalb gut, wenn wir auf Jesus vertrauen. Wir können mit allem, was uns belastet, zu ihm fliehen und zu ihm rufen. Wir dürfen viel von ihm erwarten, dann kann er uns verwandeln.
Lassen Sie uns also fragen, wie das vor sich geht. Dafür ist es gut, wenn wir uns zunächst die schwerwiegenden Störungen unseres Wohlbefindens bewusst machen. Das kann durchaus eine unheilbare Krankheit sein, Taubheit oder Blindheit, Armut oder Elend. Wer darunter leidet, erlebt sein Schicksal als nachteilig. Es fehlt etwas, was andere Menschen haben, im Leben klafft ein großes Defizit, und man fühlt sich vom Dasein betrogen. „Allen geht es gut, nur mir selber nicht.“ Das denken wir dann.
Aber ist das wirklich so? Wenn wir genau hinschauen, gibt es doch kaum ein Leben ohne Mangel. Es ist nie vollkommen, allein schon dadurch, dass wir nie alles verwirklichen können, was wir uns vorstellen. Im Geist und in der Seele entwerfen wir viel mehr Wünsche und Möglichkeiten, als wir jemals erfüllen oder umsetzen, denn wir können nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein. Wir verpassen also ständig etwas. Damit kann irgendwann die Feststellung einhergehen, dass unser Lebensentwurf verkehrt war. Jahre sind vergangen, und plötzlich haben wir den Eindruck, unsere Zeit vertan zu haben. Wir haben uns verirrt und Schuldgefühle und Traurigkeit drücken uns nieder.
Und diese Liste an Störungen und Unvollkommenheiten lässt sich unendlich fortsetzen. Jeder Mensch ist davon irgendwann betroffen. Denn selbst wenn alles gut verläuft, eines Tages sind wir trotzdem mit der Vergänglichkeit konfrontiert. Die Medizin hat es zwar möglich gemacht, dass wir viel älter werden als in früheren Jahrhunderten, aber ein Mittel gegen Sterblichkeit ist noch nicht entdeckt worden. Das Altern lässt sich nicht aufhalten, der Tod kommt irgendwann zu jedem und jeder. Und vorher wird ab einem bestimmten Zeitpunkt alles immer weniger: Die Kräfte lassen nach, der Mensch wird gebrechlich und muss am Ende das gesamte Leben loslassen. Bei Lichte betrachtet, ist das die massivste Störung, und der kann niemand entkommen.
Es ist deshalb für jeden Menschen heilsam, vom Leben nicht zu viel zu erwarten. Wir brauchen alle eine Perspektive, die über Raum und Zeit hinausweist, um bis zum Ende froh und zuversichtlich zu bleiben. Und genau die will uns der Prophet geben. Er will uns zum Vertrauen auf Gott einladen, der eines Tages alles verwandeln wird. Der Glaube ist ein Weg, der uns Hoffnung und Trost schenkt, der zur Heilung, zur Ruhe und zur Gelassenheit führt.
Wir müssen uns nur dafür entscheiden, und dazu gehört die Einsicht, dass wir es selber steuern können, wieviel Macht wir der Störung und den Defiziten, dem Leid und der Not über unser Denken und Fühlen geben wollen. Das Schwere muss nicht das alles Bestimmende sein. Wir können unser Bewusstsein auch von etwas anderem prägen lassen, von etwas Schönem und Großem, von der Gegenwart Gottes und seiner Liebe. Wir müssen die Antwort auf unsere Fragen, den Ausgleich des Mangels und die Beseitigung der Unzulänglichkeiten an der richtigen Stelle suchen, und die ist nicht in dieser Welt. Wir finden sie nur bei Gott und bei seinem Sohn Jesus Christus.
Wenn wir das allerdings tun, wird die Vision des Propheten im Verborgenen wahr, denn im Glauben öffnet sich ein ganz neuer Weg. Es geht uns so, wie den Menschen, die der Prophet vor Augen hatte. Wir können die Nöte, die er benennt, auch geistig und seelisch verstehen: Dann sind wir selber die Tauben und Blinden, die Armen und Irrenden. Und zwar sind wir taub für die Stimme Gottes und blind für seine Gegenwart. Wir irren in der Welt umher, verlieren uns in unseren eigenen Gedanken und Gefühlen. Am Ende werden wir negativ und verbittert. Wenn wir uns dagegen Jesus Christus anvertrauen, hören wir Worte des Trostes und der Liebe, wir sehen ein helles Licht, nehmen unsere Schwachheit an und finden sicher unseren Weg. Es entsteht eine große Freude. Das Leben wird schön, auch mit dem Mangel und trotz der Defizite. Sie stören uns nicht mehr, weil wir eine tiefe Ruhe gefunden haben, die uns dankbar und zuversichtlich macht.
Und natürlich können dadurch auch einige Krankheiten geheilt werden. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Seele und Leib, das hat die Medizin inzwischen erkannt und dafür den Ausdruck „Psychosomatik“ geprägt. Damit ist die Lehre von der Verflechtung psychischer Fähigkeiten und körperlicher Vorgänge gemeint. Das entsprechende Fachgebiet, die „psychosomatische Medizin“, ist relativ jung. Erst 1992 entschied der Deutsche Ärztetag, es einzurichten. (vgl. wikipedia, Psychosomatik) Die Ursprünge der Psychosomatik lassen sich allerdings bis an die Anfänge der Medizin zurückverfolgen, denn es wurde schon immer daran gearbeitet, dass Seele und Geist frei werden. Dann lösen sich Verspannungen und die selbstheilenden Kräfte des Körpers werden mobilisiert. Und das ist ein guter Ansatz, von dem viele Menschen profitieren.
Trotzdem wird die Medizin wahrscheinlich niemals alle Probleme lösen, es wird immer unheilbare Krankheiten geben, und das Altern wird mit Sicherheit nicht abgeschafft. Wir brauchen deshalb den Blick über diese Welt hinaus, eine Perspektive für die Zeit nach dem Leben hier auf Erden. Es ist also gut, wenn wir daran glauben, dass wir eines Tages die Stimme Gottes hören, sein Licht sehen, seine Freude empfangen, von allen Irrtümern befreit werden und Gott in Ewigkeit loben.
Amen.

Solus Christus – Allein durch Christus

Predigt über Johannes 14, 1- 6: Jesus, der Weg zum Vater

Sommerpredigt „Solus Christus“, 13.8.2017,
11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Der Gottesdienst enthielt die zweite Sommerpredigt über die sogenannten „vier Soli“. Heute war das Thema: „Solus Chritus – Allein durch Christus werden wir gerettet“. Für die Reformatoren hieß das, dass  in Chritus  die ganze göttliche Wahrheit beschlossen liegt. Sie grenzten sich damit gegenüber der Vorstellung ab, dass auch Heilige, Kirchenvertreter oder andere menschliche Instanzen uns erlösen können. Gottes größte Tat, sein erlösendes Geschenk an uns ist sein Sohn Jesus Christus.
Dieser Grundsatz kommt an verschiedenen Stellen im Neuen Testament zum Ausdruck. Schön ist z.B. der Vers aus der Offenbarung: „Christus spricht: Ich bin das A und O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ (Offenbarung 22,13) Es ist praktisch das letzte Wort der Bibel. Bei Luther fnden wir in diesem Zusammenhang einen Vers aus dem ersten Brief an Timotheus: „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus.“ (1. Timotheus 2,1-7)
Der Predigt habe ich die Selbstaussage Jesu zu Grunde gelegt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Sie überschneidet sich in weiten Teilen mit der Neujahrspredigt dieses Jahres, die ich ebenfalls zu dieser Bibelstelle gehalten habe.

Johannes 14, 1- 6

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.
4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.
5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?
6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Liebe Gemeinde.

Die lateinische Formel „solus Christus“ ist ein kurzer Ausdruck für einen theologischen Grundsatz der Reformation. Dieser Grundsatz lautet, dass Jesus Christus der alleinige Heilsmittler ist. In Christus allein ist Gott eindeutig zu finden, und an Christus allein soll der Mensch glauben.
So erklärte Luther im Kleinen Katechismus: „Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit.“ (Martin Luther, der kleine Katechismus, das zweite Hauptstück der Glaube, Erklärung zum zweiten Artikel von der Erlösung)
Die Grundlage für diesen Glauben finden wir natürlich im Neuen Testament, in den Evangelien und in den Briefen der Apostel. Im Johannesevangelium finden wir dazu besonders schöne Aussagen, denn da erhebt Jesus selber diesen Anspruch, und zwar mit den sogenannten „Ich-bin-Worten“. Er offenbart mit diesen Sätzen, dass er von Gott kommt und den Menschen das Heil bringt. Fünf davon sind bildhaft gemeint: „Ich bin das Brot des Lebens (6,35), das Licht der Welt (8,12), die Tür (10,9), der gute Hirte (10,14) und der wahre Weinstock (15,5)“. Und dann gibt es noch zwei Aussagen, die stehen im Zusammenhang mit dem Tod und der Auferstehung Jesu. Sie lauten: „Ich bin die Auferstehung (11,25), der Weg, die Wahrheit und das Leben (14,6).“ Und bei diesem letzten Satz betont Jesus zugleich die Ausschließlichkeit, das „solus“, indem er sagt: „niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ Dieses Ich-bin-Wort bringt deshalb am klarsten zum Ausdruck, was es heißt, dass „Jesus allein“ das Heil bringt.
In der Rede, in der es vorkommt, spricht Jesus mit seinen Jüngern, kurz bevor er sie für immer verlässt, und er erklärt ihnen seine Sendung, den Glauben und das Ziel des Lebens. Dabei will er seine Jünger hauptsächlich trösten und beruhigen, denn natürlich waren sie erschüttert, dass die Trennung von ihm bevorstand. Sie hatten Angst, ihn zu verlieren und mit ihm das Leben. Denn das hatte er ihnen in ganz neuer Weise ermöglicht: Sie waren durch ihn Gott nahe gekommen. Sollte das alles nun vorbei sein? Das fragten sie sich, und Jesus wusste das. Deshalb sagt er als erstes: „Euer Herz erschrecke nicht!“ Er ermutigt sie zum Glauben an Gott und an ihn. Und dann folgt das Bild von dem „Haus Gottes mit den verschiedenen Wohnungen“. So stellten sich die Propheten des Alten Testamentes die himmlische Welt vor. Jesus nennt diesen göttlichen Ort das „Haus meines Vaters“, und er verheißt seinen Jüngern, dass es das Ziel ihres Lebens sein wird.
Und der Weg dorthin ist er selber. Das sagt Jesus mit dem Satz: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Jesus offenbart hier also wie gesagt, wer er ist, und er nennt gleich drei Titel: „Weg, Wahrheit und Leben“. Aus dem Zusammenhang kann man schließen, dass der Nachdruck auf dem „Weg“ liegt: Jesus ist der Weg zum Vater. Jesus erläutert das noch durch die beiden anderen Begriffe: Er ist der Weg zum Vater, weil in ihm die Wahrheit und das Leben liegen. Er hat die „Wahrheit“ Gottes ja offenbart, er hat den Menschen das Heil gezeigt und angeboten, und dadurch hat er ihnen „Leben“ vermittelt. Damit meint Jesus die ganze Fülle des Lebens, die Erlösung von den Sünden, Befreiung aus der Gewalt des Bösen und die Überwindung des Todes, wie Luther es erklärte. Denn er führt jeden, der an ihn glaubt, in die göttliche Wirklichkeit, er lässt ihn am Leben Gottes teilhaben, des lebendigen Vaters und Ursprungs. Deshalb ist Jesus der „Weg“ zum Vater. Er führt die Gläubigen in die Gemeinschaft mit ihm und damit zum Ziel ihres Lebens.
Das ist hier die Botschaft, und damit kann Jesus die Jünger kurz vor der Trennung tatsächlich gut aufrichten und ermutigen, denn sie ist sehr tröstlich.
Für uns sind das ebenso beruhigende Worte, die uns zeigen, wo es lang geht. Wir müssen sie nur in unser Leben übertragen, und dafür ist das Bild von dem Weg und dem Ziel sehr gut geeignet. Auch unabhängig davon, wie Jesus es hier einsetzt, können wir unser Leben damit beschreiben: Es ist wie eine Wanderung, bei der wir eine Vorstellung davon haben, wo wir hin wollen. Denn unser Leben geht Tag für Tag weiter, und wir haben immer etwas vor Augen, das wir erreichen möchten. Wir haben Wünsche und Träume, Pläne und Vorhaben. Dabei muss es sich gar nicht um irgendetwas Besonderes oder Individuelles handeln. Es gehört zu unserer menschlichen Natur, dass wir uns vorstellen, wie unser Leben am besten sein soll. Das fängt schon damit an, dass wir alle gerne gesund sein wollen. Krankheiten mögen wir nicht, und wir tun viel, um sie zu verhindern und auszukurieren. Aber das ist nicht alles. Auch Erfolg ist ein ganz natürlicher Wunsch, ob im Beruf oder im privaten Bereich. Und natürlich will niemand allein sein. Das Streben nach Gemeinschaft ist ein weiteres allgemeines Ziel, das wir alle teilen. Wir wünschen uns Zuwendung und Liebe.
Doch erreichen wir das auch? Wer zeigt uns den Weg? Wer sorgt dafür, dass wir uns nicht verirren? Der Gedanke an die Zukunft ist immer mit Unsicherheit verbunden, eventuell sogar mit Angst und Sorge. Das Leben gelingt nicht einfach so, der Druck ist manchmal groß.
Und dahinein ist das Wort Jesu eine wunderbare Botschaft. Um die zu verstehen, ist es gut, wenn wir es von hinten lesen und zunächst auf das Ziel achten, dass Jesus vor Augen hatte: „zum Vater kommen“, darum geht es ihm, das wollte er und das bietet er seinen Jüngern an. Auch für Luther war das die entscheidende Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Wie kann ich „sein eigen sein und in seinem Reich unter ihm leben und ihm dienen in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit?“
Das war Luthers größte Sorge, und damit nennt er – genauso wie Jesus – ein ganz anderes Ziel, als wir es heutzutage normaler Weise tun. Es ging ihm nicht um etwas Innerweltliches, sondern um die ewige Heimat bei Gott. Und er hat erkannt und geglaubt, dass wir sie „allein durch Jesus Christus“ erreichen können.
Damit stellt er uns etwas vor, auf das auch wir einmal unser Interesse lenken sollten, denn es ist etwas Großes und Wunderbares. Alles andere ist von vorne herein kleiner, denn dieses Ziel weist über die Welt hinaus. Wir sollten deshalb einmal alles, wonach wir uns sehnen, auf diesem Hintergrund überprüfen und uns fragen: Ist es wirklich so wichtig? Ist es nicht viel entscheidender, dass uns unsere Sünden vergeben werden, dass wir dem Bösen entkommen und den Himmel nicht versäumen? Es reicht schon, diese Ziele in den Vordergrund zu stellen, damit der Druck, den wir uns normaler Weise machen, von uns abfällt. Es geht uns dann gleich viel besser.
Doch Jesus malt uns nicht nur dieses schöne Ziel vor Augen, er spricht gleichzeitig von dem Weg, der dorthin führt, und das ist gut, denn wie sollen wir den kennen? Jesus weiß, dass das nicht möglich ist. Ein Ziel, das über die Welt hinausweist, können wir von uns aus nicht erreichen. Das ist Jesus klar. Und er sagt auch nicht nur: Ich helfe euch, steh euch bei und zeig euch den Weg, sondern: „Ich bin der Weg“, und das heißt, wir müssen nur auf ihn vertrauen.
Es geht im Glauben nicht darum, dass wir aus eigener Kraft gut werden oder zum Vater kommen. Wir müssen uns vielmehr auf Jesus einlassen. Wir können uns entspannen, auf „sein heiliges, teures Blut“ vertrauen, und an „sein unschuldiges Leiden und Sterben“ glauben. Dann werden wir aus dem Bereich des Todes und des Teufels befreit und in die göttliche Wirklichkeit geführt. Jesus bringt die Gläubigen in die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, und damit zum wahren Ziel ihres Lebens.
Und dabei gibt es auch kein Verirren, das ist praktisch ausgeschlossen. Wer auf Jesus vertraut, ist auf der sicheren Seite, ganz gleich, was sonst alles im Leben geschieht. Selbst wenn wir andere Ziele nicht erreichen, sind wir weiter geborgen. Die Gemeinschaft mit Gott lässt sich durch nichts zerstören, im Gegenteil: Sie gibt uns Halt und Trost, wenn einmal etwas schief geht. Wenn wir krank werden, Niederlagen erleiden und einsam sind, dann bleibt Gott trotzdem bei uns, dann sind wir weiter in seiner Nähe. Im Leben und im Sterben kann uns nichts von ihm trennen.
Das ist der große Trost, den Jesus uns hier gibt. Wenn wir ihn annehmen, sind wir in Ewigkeit geschützt und bewahrt. Wir empfangen Kraft und Zuversicht, wir werden gelassen und hoffnungsvoll. Ängste verschwinden, innere Fesseln lösen sich. Und auch heute noch geschieht das „allein durch Christus“, denn er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Amen.

Sola scriptura – Allein durch die Schrift

Predigt über Psalm 119 in Auswahl

Sommerpredigt „Sola scriptura, 6.7.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobkirche Kiel

Wir finden in Luthers Schriften „vier Soli“ – so nennen wir seine Antworten auf die Frage, wodurch der Mensch gerettet wird. Er verstand diese Aussagen als Provokationen, denn „solus“ heißt „allein“. „Allein durch die Schrift, allein durch Christus, allein durch Gnade und allein durch Glaube“ werden wir selig, das war seine Theologie.
In unseren Predigten im August wollen wir entfalten, was diese „Soli“ für uns bedeuten. Heute ging es um den Ausdruck: „Allein durch die Schrift“. Das heißt für Luther, es gibt für die Offenbarung des Heils und das Zeugnis über Christus nur eine einzige Quelle, und das ist die Bibel. Wer wissen will, was Gott uns sagt und schenkt, muss sie lesen und verstehen. Und es ist auch wichtig, dass wir das tun, denn wir brauchen die Erkenntnis der göttlichen Wahrheit. Im Matthäusevangelium und im 5. Buch Mose steht: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ (Matthäus 4,4 und 5.Mose 8,3)
Ich bin in der Predigt den Fragen nachgegangen, wie wir die Bibel am besten lesen und was das bewirkt.

Die in der Predigt zitierten Aussagen Martin Luthers  über die Bibel sind gesammelte Zitate aus seinen Schriften, zusammengestellt von Gisela Andresen, Bibelzentrum Schleswig, November 2016.

Aussagen Luthers über die Bibel

PSALM 119 in Auszügen

Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.
Ich habe Freude an deinen Mahnungen; sie sind meine Ratgeber.
Meine Seele liegt im Staube; erquicke mich nach deinem Wort.
Ich laufe den Weg deiner Gebote; denn du tröstest mein Herz.
Zeige mir, HERR, den Weg deiner Gebote, dass ich sie bewahre bis ans Ende.
HERR, ich denke des Nachts an deinen Namen und halte dein Gesetz.
Das ist mein Schatz, dass ich mich an deine Befehle halte.
Der Gottlosen Stricke umschlingen mich; aber dein Gesetz vergesse ich nicht.
Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.
Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.
Ich komme in der Frühe und rufe um Hilfe; auf dein Wort hoffe ich.
Meine Zunge soll singen von deinem Wort; denn alle deine Gebote sind gerecht.

 

Liebe Gemeinde.

„Wenn du am Abend schlafen gehst, so nimm noch etwas aus der Heiligen Schrift mit dir zu Bett, um es im Herzen zu erwägen und es – gleich wie ein Tier – wiederzukäuen und damit sanft einzuschlafen.“ Das empfiehlt Luther den Christen, und so tat er es selber auch. Für ihn war die Bibel ein Buch, das sich nie erschöpfte, es blieb bis an sein Lebensende die einzige legitime Quelle für die Offenbarung des Wortes Gottes. Sie vermittelt die Heilsbotschaft und bedarf keiner Ergänzung durch kirchliche Überlieferungen. „Die Bibel macht die Weisheit aller anderen Bücher zur Narrheit, weil keines vom Ewigen Leben lehrt als diese allein.“ Das war seine Überzeugung. Deshalb blieb er ihr treu und las sie immer wieder. „So ist’s um die Heilige Schrift bestellt: Wenn man meint, man habe sie ausgelernt, so muss man erst anfangen.“ Das hat er ebenfalls einmal gesagt. Und er hat aus diesem Grund die Bibel ins Deutsche übersetzt, jeder Mensch sollte darin lesen können.
Damit folgte er dem, was in Psalm 119 zum Ausdruck kommt. Das ist ein langer Psalm mit 176 Versen und er trägt in der Lutherbibel die Überschrift: „Die Herrlichkeit des Wortes Gottes“, denn darin sinniert ein Mensch darüber nach, wie schön und wunderbar das Wort Gottes ist. Er verwendet verschiedene Ausdrücke dafür, wie „Verordnungen“, „Zeugnisse“, „Befehle“, „Gebote“, aber er meint immer dieselbe Sache, und es gibt kaum eine Verszeile ohne einen Hinweis darauf. Dabei sind die Aussagen interessanter Weise nicht inhaltlich, sondern alphabetisch angeordnet. Jeweils acht Verse beginnen mit demselben Buchstaben des hebräischen Alphabetes, es sind insgesamt 22, daraus ergibt sich die Verszahl von 176. Der Psalm heißt deshalb auch „Das güldene ABC“.
Er ist also ein künstliches Produkt religiöser Dichtung, es gibt zwischen den einzelnen Versen keine Gedankenzusammenhänge. Der Psalm ist vielmehr ein buntes Mosaik von sich wiederholenden Gedanken. Sie kreisen allerdings um einen Mittelpunkt, und der ist das Wort Gottes als der bestimmende Faktor des gesamten Lebens. Und es finden sich viele schöne Aussagen darin, Bilder und Vergleiche, die veranschaulichen, wie schön und gut, hilfreich und wunderbar das Wort Gottes ist.
Wir erfahren, was ist die Bibel überhaupt ist, wie wir sie lesen können, wie sie zu uns spricht, wie sie uns begleiten kann und was sie in unserem Leben bewirkt.
Dabei fällt zunächst auf, dass der Psalmbeter die Bibel liebt. „Wie habe ich dein Gesetz so lieb!“ (V.97) sagt er. Er nennt sie einen „Schatz“ (V.56) und ein „Erbe“ (V.57), das ihm lieber ist als „viel tausend Stück Gold und Silber“ (V. 72). Die Bibel ist für ihn also das wertvollste, was es gibt, ein heiliges Buch, und er lädt zur Ehrfurcht ihr gegenüber ein. Wir könnten das zum Ausdruck bringen, indem wir z.B. nie ein anderes Buch auf die Bibel legen.
Aber wichtiger ist es natürlich, dass wir sie lesen, obwohl es nicht ganz einfach ist. Wo fangen wir an? Wo hören wir auf? Wie viel lesen wir an einem Stück? Wie oft? Das muss man sich alles gut überlegen. Denn die Bibel ist kein Roman, den man einfach so von Anfang bis Ende durchlesen kann.
Wenn man die Bibel lesen will, muss man sich also einen Plan machen. Am besten nimmt man sich für jeden Tag einen Abschnitt vor. Der Beter von Psalm 119 tut das auch. Er sagt: „Täglich sinne ich deinem Gesetz nach“ (V.97) und zwar „in der Frühe“ (V. 147). So können wir es auch machen, und was die Reihenfolge betrifft, so gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann bei Jesus Christus anfangen, Luther nannte ihn die „Mitte der Schrift“ und sagte, alles, was „Christum treibet“ ist in der Bibel lesenswert. Und wenn das geschieht, hat man sie auch richtig verstanden.
Eine zweite Möglichkeit besteht darin, einen Bibelleseplan zu verwenden. Dafür gibt es verschiedene Entwürfe und Vorschläge, z.B. vom Ökumenischen Arbeitskreis für Bibellesen. Das Schöne an so einem Plan ist, dass man davon ausgehen kann: andere benutzen ihn auch, man ist mit diesem Textabschnitt heute also nicht allein, sondern gehört zur Gemeinde der Bibelleser, und das verbindet ja.
Wenn wir dabei nun an unverständlichen Stellen vorbeikommen, können wir es wiederum mit Luther handhaben. Er sagte: „Ich lese die Bibel, wie ich meinen Apfelbaum ernte: Ich schüttle ihn, und was runterkommt und reif ist, das nehme ich. Das andere lasse ich noch hängen.“ Und weiterhin empfiehlt er: „Ist ein dunkler Spruch in der Schrift, so zweifelt nur nicht, es ist gewisslich dieselbe Wahrheit dahinter, die an anderer Stelle hell und klar zu verstehen ist.“
Auf jeden Fall ist es gut, die Bibel zu lesen. Und man kann auch noch weitergehen und einzelne Abschnitte sogar auswendig lernen. Der Beter von Psalm 119 tut das offensichtlich ebenfalls. Er sagt: „Ich behalte dein Wort in meinem Herzen“, (V.11), „ich bewahre deine Gebote bis ans Ende“ (V. 33) und „dein Gesetz vergesse ich nicht“ (V.61. 109). Er liest das Wort Gottes also nicht nur, sondern er „bewahrt es in seinem Herzen auf“, und das ist eine sehr schöne Beschreibung dafür, was auswendig lernen bedeutet: Man macht sich etwas zu eigen, es wird Bestandteil des geistigen Gutes, das man erwirbt, es gewinnt einen Platz in der Seele, im Herzen, im Denken. Dadurch steht es immer zur Verfügung, in jeder Situation des Lebens. Was man in sich trägt, kann einem so gut wie keiner mehr wegnehmen. Und das ist sehr nützlich, denn es gibt immer wieder Situationen, in denen können wir nicht in der Bibel lesen, weil wir z.B. keine da haben. Es wäre aber gut, wenn wir es gerade dann tun: in Zeiten der Bedrängnis, der Krankheit, der Sorgen und Nöte, wenn wir verfolgt werden oder auf der Flucht sind.
Und eine dritte Möglichkeit, mit der Bibel umzugehen, ist die Betrachtung einzelner Stellen oder Geschichten. Dann lesen wir sie nicht nur, sondern wir versuchen, in der Stille und im Schweigen einen Text zu schauen und zu durchdringen. Der Beter von Psalm 119 tut das auch. So bittet er Gott: „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.“ (V.18). Oder „Neige mein Herz zu deinen Mahnungen.“ (V.36). Das heißt, wir zerlegen das Wort Gottes nicht in seine Einzelteile, sondern gehen davon aus, dass Gott sich in dem Text, offenbart, dass er, der Eine darin enthalten ist. In Psalm 119 sagt der Beter z.B.: „Deine Mahnungen sind Wunderwerke“ (V.129). D.h. wir können davon ausgehen, dass jeder Text, jede Geschichte eine innere Mitte hat, eine Aussage, um die es darin eigentlich geht. Bei der Betrachtung versuchen wir, die zu entdecken und zu erkennen. Dafür ist die hingebende Hörbereitschaft erforderlich.
Wir gehen also nicht intellektuell an die Bibel heran, sondern mit dem Glauben, dass sie heilsam sein kann, dass sie uns hilft und uns aus unserem Intellektualismus gerade erlöst. Luther sagt dazu: „Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.“ Und in Vers 66 sagt der Beter von Psalm 119 etwas ähnliches, denn er bittet dort um „heilsame Einsicht und Erkenntnis“, wenn er sich mit dem Wort Gottes beschäftigt.
Und damit sind wir bei der letzten Frage, und zwar der, wie sich die Beschäftigung mit der Bibel überhaupt auswirkt. Es geschieht an Geist, Seele und Leib.
Zunächst nehmen wir das Geschriebene ja mit unserem Geist auf. Der Psalmbeter sagt dazu z.B: „Deine Mahnungen sind mein Ratgeber.“ (V.24), auch das bekannte Wort, „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ (V.105) bringt zum Ausdruck, was das Wort Gottes im Geist bewirkt. Der Beter sagt auch: „Dein Wort macht klug die Unverständigen.“ (V.130). Das Wort Gottes kann uns also den Weg weisen, es gibt Orientierung und kann uns Klarheit verschaffen.
Und das ist notwendig, so etwas brauchen wir. Gerade heutzutage herrscht ja viel Orientierungslosigkeit. Nach welchen Maßstäben sollen wir handeln? Was sind unsere Werte? Die Bibel will darauf antworten. Dabei ist natürlich entscheidend, dass sie im Unterschied zu anderen Ratgebern hauptsächlich von Gott erzählt. Sie weist auf die Transzendenz hin, auf die Dimension unseres Lebens, die Zeit und Raum übersteigt, die ewig und unwandelbar ist. Und das brauchen wir auch. Ohne Gott ist unsere Wirklichkeit verkürzt, wir lassen das Wichtigste außer Acht. Unser Leben erschöpft sich nicht im Immanenten, im Gegenteil, wenn wir es darauf reduzieren, geraten wir irgendwann an eine Grenze, wir verlieren die Orientierung, und gehen unter. Fragen nach dem Sinn und Ziel unseres Lebens, nach dem Tod, woher wir unsere Hoffnung nehmen usw. würden unbeantwortet bleiben. Insofern ist es gut, wenn wir die Bibel lesen, sie kann uns Klarheit verschaffen und uns den richtigen Weg weisen. Sie erhellt unseren Geist.
Und das wirkt sich natürlich auch seelisch aus. Der Beter von Psalm 119 sagt z.B.: „Ich habe Freude an deinen Mahnungen.“ (V.24). Das Wort Gottes „erquickt“ (V.25) und „tröstet“ (V.32) ihn, wenn seine „Seele im Staube liegt“. „Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.“ (V.92), sagt er. Es entsteht also Freude, Trost und Hoffnung. Und das brauchen wir oft. Der Beter kennt offensichtlich dunkle Stunden, Leid und Not. Er sagt nicht, worin sie besteht, aber er weiß, dass das Wort Gottes ihm helfen kann.
Und das ist ein wichtiger Hinweis, denn das kennen wir auch. Wir sind oft am Boden, Krankheiten drücken uns nieder, Misserfolge, Enttäuschungen, Einsamkeit und Angst. Diese Erlebnisse lassen sich auch nicht vermeiden, durch den Glauben werden wir nicht davor bewahrt. Aber die Frage ist, wie gehen wir damit um. Oft versuchen wir ja, durch eigene Kraft wieder da heraus zu kommen oder andere Menschen um Rat zu fragen usw. Das ist auch nicht ganz verkehrt, aber es reicht oft nicht. Denn die letzte Lösung kann nur darin bestehen, dass wir uns Gott anvertrauen, dass wir auf ihn und sein Wort hören.
Wir geben uns oft mit weniger zufrieden, mit ein bisschen Urlaub, einem Glas Wein, einem Film im Fernsehen usw. Aber das bleibt alles oberflächlich. Nur die Hinwendung zu Gott geht wirklich in die Tiefe und schenkt uns den Trost und die Freude, die wir letzten Endes suchen. Denn sie kann uns auch dann noch trösten, wenn das Leid nicht sofort weggeht. Gott ist auch im Tod noch da, sein Wort verweist uns auf die Ewigkeit.
Und das wirkt sich dann auch leiblich aus. Der Beter von Psalm 119 sagt sogar, dass er nur durch das Wort Gottes wirklich lebt. „Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe“, sagt er in Vers 116. Und in Vers 114 heißt es. „Du bist mein Schutz und Schild; ich hoffe auf dein Wort.“ Wer sein Gesetz liebt, wird „nicht straucheln“, es „stärkt“ ihn (V.117).
Wir kennen ja alle den Zusammenhang zwischen Seele und Leib. Krankheiten oder Erschöpfungszustände sind nicht einfach nur leiblich bedingt, sondern haben seelische Ursachen. So ist es klar, dass die Beschäftigung mit dem Wort Gottes sich auch leiblich auswirkt. Es verschafft Schutz, d.h. wir sind dadurch mit einer Kraft umgeben, die Angriffe von außen abwehrt. Wir fallen seltener hin, werden lebendig. Es ist ja auch entspannend und kann uns gelassen machen, wenn wir wissen, dass unser Leben bei Gott geborgen ist, er für uns sorgt und uns liebt. Und all das erfahren wir jedes Mal, wenn wir in seinem Wort lesen.
Deshalb muss das Wort Gottes auch immer wieder verkündet werden, es muss hörbar sein, im Gottesdienst, in Gemeindegruppen, in der Schule oder in der Familie. Das weiß auch der Beter von Psalm 119. Er sagt in Vers 13: „Ich will mit meinen Lippen erzählen alle Weisungen deines Mundes.“ Natürlich gehören dazu ebenso die Auslegung und die Predigt.
Denn Gott will sich auch heute noch offenbaren, er spricht zu jedem, der an ihn glaubt. Sein Wort verstummt nicht, es geht weiter um die Welt, es will leben und Leben schaffen, immer wieder neu. Und dazu trägt jeder, der an ihn glaubt, bei. Es ist also nicht beliebig, ob wir es lesen, es bewahren, es betrachten und wirken lassen und dann verkündigen. Denn anders als durch sein Wort kann das Heil Gottes nicht zu uns Menschen kommen.
Es ist deshalb wirklich der größte Schatz, den wir haben. Wir werden „allein durch die Schrift“ gerettet.
Amen.

Die Predigt ist ein Auszug aus vier Vorträgen, bzw. Geistlichen Impulsen, die ich 2010 im Gethsemanekloster Riechenberg bei einer sogenannten Ora-et-Labora-Woche gehalten habe:
Bibel und Kontemplation

Und hier ist der Bibelleseplan 2017 vom Ökumensichen Arbeitskreis für Bibellesen:
BLP_2017

 

 

 

Das Brot des Lebens

Predigt über Johannes 6, 30- 35: Ich bin das Brot des Lebens

7. Sonntag nach Trinitatis, 29.7.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Johannes 6, 30- 35

30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«
32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.
34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.
35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Liebe Gemeinde.

Alle Lebewesen auf der Erde, Menschen, Tiere und Pflanzen, kennen die Empfindung von Hunger und Durst. Beides hat einen starken Einfluss auf unser Verhalten. Wilde Tiere sind deshalb fast den ganzen Tag auf Nahungssuche, und schon Babys schreien hauptsächlich, wenn sie Hunger oder Durst haben. Es ist der Mangel an Nahrung und Flüssigkeit, der sich dabei meldet, und der will gestillt werden. Das ist auch gut so, denn dadurch wird der Organismus tatsächlich mit den nötigen Nährstoffen und Energie versorgt, am Anfang des Lebens durch die Mutter bzw. die Eltern, später durch unser eigenes Handeln. Hunger und Durst sichern daher das Überleben, denn ihnen folgt immer die Bereitschaft zu essen und zu trinken, jedenfalls solange der Mensch oder das Tier gesund sind.
Zu den Grundnahrungsmitteln, die den Hunger stillen, zählt das Brot, das Grundelement gegen den Durst ist das Wasser.
Dabei werden Hunger und Durst vielfach nicht nur körperlich verstanden. In der Kunst und Philosophie, Religion und Psychologie finden wir außerdem einen „Hunger nach Liebe“ oder einen „Durst nach der Ewigkeit“ usw. Dann bezeichnen auch Brot und Wasser mehr als Materialien. Sie sind Synonyme für das, was insgesamt zum Leben nötig ist
In dem Evangelium von heute spricht Jesus vom Brot in diesem übertragenen Sinn. Der Abschnitt ist ein Teil der sogenannten Brotrede, die wir im Johannesevangelium in Kapitel sechs finden. (V. 22- 59)
Ihr geht die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung voraus. (Kap. 6, 1- 15) Am Tag zuvor war Jesus von vielen Menschen umlagert worden, er hatte zu ihnen gesprochen und sie am Abend alle gespeist. Das bisschen Essen, das da war, hatte er von einem Kind genommen und auf wunderbare Weise vermehrt. Aus fünf Gerstenbroten und zwei Fischen wurde genug, um 5000 Menschen satt zu machen. Sie konnten essen, so viel sie wollten. Es war sogar noch mehr als nötig da. Zum Schluss blieben zwölf Körbe mit Brocken von Brot übrig.
Leider zogen die Beteiligten aus diesem Wunder allerdings die falschen Schlüsse. Sie wollten Jesus daraufhin zum König machen, weil sie davon ausgingen, dass er immer alle Menschen mit genug Nahrung versorgen konnte.
Deshalb hielt er am nächsten Tag eine lange Rede über das wahre „Brot des Lebens“. Er sagt darin, dass er in Wirklichkeit nicht den irdischen, leiblichen Hunger stillen will, sondern den Hunger nach Leben überhaupt. „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Auf dieses Wort will er hinaus.
Er fordert die Menschen also zum Glauben an ihn auf. Dabei geht er in unserem Abschnitt auf eine Forderung ihrerseits ein. Sie wollten ein Zeichen haben, dass er wirklich von Gott gesandt war, und verlangten von ihm eine Wiederholung des  Mannawunders in der Wüste. Es war für sie „Brot vom Himmel“, d.h. eine himmlische Gabe.
Damit meinten sie durchaus mehr, als normales Brot. Hinter ihrer Forderung steht die uralte tiefe Sehnsucht nach einer himmlischen Nahrung, die göttliche Kraft spendet. Mit der Bezeichnung „himmlisches Manna“ ist die Speise der Engel und der Erlösten in der zukünftigen messianischen Zeit gemeint. Die Menschen bitten Jesus hier um ein solches Wunderbrot, ohne zu wissen, wie es aussehen und beschaffen sein mag. Und auf diese Bitte hin antwortet Jesus ihnen: „Ich bin das Bot des Lebens.“ Wonach sie fragen, das ist für sie da: er in seiner Person. Das heißt, er gibt ewiges Leben, das diejenigen empfangen, die an ihn glauben.
Und das sagt er auch zu uns, die wir seine Worte heute lesen und hören. Er will uns auf den Unterschied zwischen unserem täglichen Brot für das irdische Leben und dem Brot des ewigen Lebens hinweisen, und lädt uns ein, uns mit ihm zu verbinden.
Und dazu gehört zunächst die Einsicht, dass auch wir mehr zum Leben brauchen als Nahrung und Wasser. Um das „Brot des Lebens“ zu empfangen, müssen wir unseren Hunger danach spüren. Und den ignorieren wir gern, denn wir sind alle materialistisch veranlagt. Was uns als Babys prägte, nämlich das elementare Bedürfnis nach Essen und Trinken, das bleibt ein Leben lang bestimmend. Jeder Mensch möchte satt werden, und irgendwie gehen wir alle davon aus, dass das das wichtigste im Leben ist.
Für uns Christen geht damit die Überzeugung einher, dass wir uns um die Hungernden kümmern müssen. Im Jahr 1959 gründeten die evangelischen Landes- und Freikirchen deshalb z.B. in Deutschland die Hilfsaktion „Brot für die Welt“. Frauen und Männer in den Kirchen, Menschen in Gemeinden und Gruppen engagieren sich darin für eine bessere Welt. Dahinter steht das große Ziel, den Armen Gerechtigkeit zu verschaffen, und das heißt, ihnen ein menschenwürdiges Leben ohne Hunger und Armut, ohne Gewalt und Ausgrenzung zu ermöglichen. Auch große Teile der Bevölkerung in Deutschland interessiert das inzwischen längst.
Aber reicht das? Erfüllen wir damit alles, was Jesus von uns möchte und was wir einander schuldig sind? Er selber kennt noch einen anderen Hunger als den nach Brot, und auf den sollten auch wir achten. Gerade in einer Wohlstandsgesellschaft ist es wichtig, dass wir alle Bedürfnisse des Menschen ins Auge fassen. Denn wir haben hier in unserem Land zwar genug zu essen, aber das kann uns auch davon ablenken, dass der Hunger nach Leben damit noch lange nicht gestillt ist. Oft bleibt der nämlich ungesättigt, wir merken das bloß nicht richtig. Denn wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, materiell auf unsere Kosten kommen. Wir arbeiten für unser leibliches Wohl und kümmern uns um die Erfüllung unserer finanziellen Wünsche.
Viele Menschen sind damit durchaus erfolgreich. Ich habe gerade ein junges Paar kennengelernt, die eigentlich heiraten wollten. Sie hatten so viel Geld, dass die Hochzeit mit allem stattfinden konnte, was die Veranstalter so anbieten. Eine weiße Kutsche war z.B. dabei, die das Brautpaar von der Kirche zum Restaurant bringen sollte. Ungefähr ein Jahr lang haben sie alles organisiert und vorbereitet. Es sollte eine Traumhochzeit werden, denn sie konnten sich alles leisten, was dazu gehört.
Doch dann wurde es dem Bräutigam mulmig. Er merkte plötzlich, dass es schon lange gar nicht mehr um ihn und seine Verlobte ging. Sie hatten sich in all den Äußerlichkeiten verloren und waren sich dabei fremd geworden. Der Reichtum hatte sie von ihren wahren Gefühlen abgelenkt, von dem, wonach sie sich eigentlich sehnten, und das war etwas ganz anderes. In Wirklichkeit wollte jeder von ihnen vom anderen verstanden werden und ihm immer vertrauen können. Sie wünschten sich einen tiefen Sinn im Leben und suchten letztlich etwas Bleibendes und Dauerhaftes. Und das konnte die Hochzeit allein ja nun nicht bieten. Nach einem Tag würde alles vorbei sein, und was käme dann?
Diese Frage ist zwar schmerzhaft und unbequem, aber ich finde sie sehr wichtig. Wir alle sollten uns immer wieder klar machen, wie materialistisch wir eigentlich sind. Was zählt für uns? Wofür leben wir? Was wünschen wir anderen? Wenn wir nur auf Geld und Reichtum, d.h. auf die Sättigung unserer irdischen Bedürfnisse aus sind, verkürzen wir unser Leben auf dramatische Weise. „Brot und Wasser“ reichen nicht, um glücklich zu sein, im Gegenteil, wenn wir zu sehr darauf fixiert sind, werden wir in die Irre geleitet und vom wahren Leben abgeschnitten.
Wir brauchen dafür gar nicht erst so etwas zu erleben, wie das Brautpaar, das ich erwähnte. Die beiden haben ihre Hochzeit übrigens wirklich abgesagt. Ihre Geschichte ist zum Glück eine Ausnahme. Keine Ausnahme ist es allerdings, dass jeder Mensch im Leben irgendwelche Krisen durchmacht. Die Frage nach dem Sinn des Lebens oder nach einer dauerhaften Erfüllung taucht auch in anderen Situationen auf. Irgendwann merken wir alle, dass Brot und Wasser allein nicht reichen, dann nämlich, wenn wir allein gelassen oder enttäuscht werden, wenn wir krank sind oder im Beruf scheitern, wenn wir uns schuldig machen, Angst bekommen oder durch schwierige Konflikte erschüttert werden. Es gibt unzählige Begebenheiten, die das Leben in Frage stellen.
Was machen wir dann? Wenn wir rein materialistisch organisiert sind, stehen wir zunächst vor einer Grenze und wissen nicht weiter. Das ist kein schönes Erleben, es macht uns hilflos und ratlos, und wir wollen natürlich so schnell wie möglich eine Lösung.
Die gibt es auch, aber sie besteht in etwas ganz anderem, als uns bisher geleitet hat. Sie ergibt sich, wenn wir die Krise als eine Chance verstehen. Es ist gut, wenn wir gelegentlich an unsere Grenzen kommen, auch wenn das schmerzt. Aber wir haben dann die Möglichkeit, uns für etwas Größeres zu öffnen. Wir machen uns auf, ändern die Richtung und gehen neue Wege. Dabei gibt es viel zu entdecken. Wir bekommen Antworten, die das Wesentliche im Leben berühren. Auch die Begegnung mit Jesus kann auf diese Weise möglich werden. Denn er kommt uns entgegen, wenn wir nach dem „Brot des Lebens“ fragen, und bietet es uns an.
Und damit meint er mehr als nur eine Lehre, die wir als menschliche Gedanken in unseren Verstand übertragen oder in unserem Handeln umsetzen. Er hat uns nicht nur ein Beispiel gegeben, das nun durch uns wieder lebendig werden soll. Das „Brot des Lebens“ ist vielmehr er selber, sein Wort und Werk, sein Weg und seine Geschichte. Wir müssen ihn also in unserem Leben empfangen, ihn uns ganz aneignen. Sein Leben muss das unsrige werden, so dass wir in ihm sind und er in uns. Er will von uns nicht betrachtet und gedeutet, sondern „gegessen“ werden, d.h. in uns einziehen und mit uns verschmelzen.
Dazu gehört es, dass wir uns selber loslassen und hingeben, und dafür kann eine Krise eine Chance sein: Wir lassen das Scheitern zu, geben auf und bejahen das Sterben. Glaube ist immer ein Aus-sich-herausgehen, ein Sich-verlassen, ein Abschied-nehmen. Wenn wir nichts mehr festhalten und uns vertrauensvoll vor Jesus stellen, dann empfangen wir von ihm ewiges Leben, ewige Liebe und einen ganz tiefen Sinn. Der Mangel kann uns dazu führen, dass wir von Jesus mit den nötigen Nährstoffen und Energie versorgt werden. Auch im übertragenen Sinn ist es gerade der Hunger und der Durst, der unser Überleben sichert, denn daraus folgt die Bereitschaft vom „Brot des Lebens“ zu essen und vom „lebendigen Wasser“ zu trinken. Es stärkt und bewahrt uns in allen Lebenslagen, gibt uns Widerstandskraft gegen die Mächte des Hasses, der Sinnlosigkeit und des Todes.
Und diese Kraft sind wir der Welt genauso schuldig wie normales Brot. In Zeiten des Wohlstands und des Friedens ist es nicht nur unsere Aufgabe, für mehr Gerechtigkeit in der Welt zu sorgen, wir sollten die Gelegenheit auch nutzen, um uns ganz auf Gott zu gründen und auf Jesus zu vertrauen. Keiner hält uns davon ab, keiner stört uns, wir dürfen unseren Glauben leben, wie wir wollen. Und das ist wunderbar. Es gibt uns die Möglichkeit, den Menschen das wahre „Brot des Lebens“ darzureichen. Sie brauchen nicht nur unser Geld, sondern auch unser Verstehen, unsere Liebe, unseren Glauben und unser Wissen um die Ewigkeit.
Erst dann stillen wir den Hunger und den Durst der Menschen ganz, erst dann empfangen sie alles, was sie zum Leben brauchen. Denn wir verkünden und bringen ihnen Jesus, der vor uns steht und spricht: „Ich bin das Brot des Lebens“.

Amen.

Der Mensch denkt, Gott lenkt

Predigt über 1. Mose 50, 15- 21: Josefs Edelmut

4. Sonntag nach Trinitatis, 9.7.2017, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Es waren einmal zwölf Brüder, die waren alle fleißig und wohl geraten. Trotzdem bevorzugte der Vater einen von ihnen, den zweit Jüngsten. Er war sein Lieblingssohn und musste nicht wie die anderen das Vieh hüten. Er durfte zu Hause bleiben, und als Einzigem schenkte sein Vater ihm ein schönes und kostbares Kleidungsstück, einen bunten Rock. Sein Name war Josef.
Sicher kennen Sie seine Geschichte alle. Die steht im ersten Buch Mose und ist die letzte der sogenannten Vätergeschichten. (1. Mose 37.39-50)
Die Brüder Josefs wurden natürlich neidisch, und konnten ihm „kein freundliches Wort sagen“ , wie es heißt. (1. Mose 37,4) D.h. sie wollten nichts mit ihm zu tun haben. Ganz schlimm kam es, als er auch noch anfing, ihnen von seinen Träumen zu erzählen. Darin hatte er erlebt, dass sie sich alle vor ihm verneigten. Nun entstand eine regelrechte Feindschaft, und sie wollten ihn loswerden. Am liebsten hätten sie ihn umgebracht.
Doch der Älteste, Ruben, war dagegen. Er wollte kein Blut vergießen und es gelang ihm, seine Brüder davon abzuhalten. Sie warfen ihn stattdessen in eine Grube. Daraus wollte Ruben ihn später wieder befreien.
Aber dann kam eine Händlerkarawane vorbei, und die kauften ihnen Joseph gerne als Sklaven ab. Sie nahmen ihn mit nach Ägypten. Dort diente er zunächst am Hof des Pharao, aber dann hatte er Pech: Die Frau des Pharao verleumdete ihn und er wurde ins Gefängnis geworfen. Das war der Tiefpunkt in seiner Lebensgeschichte.
Doch dann kam die Wende, und zwar entdeckte der Pharao Josefs Gabe des Traumdeutens. Josef hatte dadurch vorausgesagt, dass eine Hungersnot über das Land kommen würde. Gleichzeitig empfahl er dem Pharao, rechtzeitig genug Korn zu speichern, so dass während der Dürre keiner leiden musste. Von diesem klugen Vorschlag war der Pharao so angetan, dass er ihn daraufhin zum wichtigsten Mann im Land machte. Er setzte ihn über ganz Ägypten und stattete ihn mit allen Reichtümern und Ehren aus, die es gab.
Als solcher begegnete er dann nach vielen Jahren seinen Brüdern wieder. Sie hatten gehört, dass es in Ägypten Korn gab, und so zogen sie hin, um dort welches zu kaufen. Sie mussten Joseph darum bitten. Dabei erkannten sie ihn nicht, er wusste allerdings sehr wohl, wen er da vor sich hatte.
Natürlich hätte er nun Rache üben können, sie abweisen und nach Hause schicken, damit sie verhungern und es ihnen genauso ginge, wie ihm. Aber das tat er nicht. Er redete zwar hart mit ihnen und gab sich auch nicht sofort zu erkennen, aber in seinem Herzen hatte er ihnen längst vergeben.
Bei ihrer dritten Reise offenbarte er ihnen dann endlich seine Identität, und es kam zur Versöhnung. Damit endet die Josefgeschichte, und dieser Schluss ist heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

1. Mose 50, 15- 20

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sag-ten.
18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.
19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Das ist der Abschnitt, um den es heute geht. Er beginnt mit der Angst und dem schlechten Gewissen der Brüder Josefs. Sie flehten ihn um Vergebung an. Doch davon wollte Josef gar nichts wissen. Es stand ihm nicht zu, Sünden zu vergeben, das war allein Gottes Sache, so war seine Einstellung. In allem, was geschehen war, erkannte er vielmehr den Heilsplan Gottes. Josef war davon überzeugt, dass Gottes Wille alle Lebensbereiche durchdringt. Er umgreift sogar das Böse der Menschen und ordnet die Planungen des Menschenherzens den göttlichen Zielen unter.
Es lag ihm deshalb fern, Macht oder Gewalt anzuwenden. Josef zeichnete sich durch Weitherzigkeit und Klugheit aus. Er war durch sein Leiden geläutert. Zucht und Selbstbeherrschung hatten ihn geformt und er war ein weiser Mann geworden. Er war auch tief gläubig und konnte vergeben. Eine wohltätige Güte ging von ihm aus, die aufbauend und für alle befreiend und rettend war.
Und das soll jeden, der es hört, dazu bewegen, genauso zu denken und zu handeln. Darin liegt die Botschaft dieser Geschichte. Es ist auch das „Gesetz Christi“: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater 6, 2) Das ist unser Wochenspruch.
Beim ersten Hören erscheint uns das sehr geläufig. Wir wissen, dass Christen gut zu anderen sein sollen, Lasten mittragen, dem Nächsten helfen, die Schwachen schützen, den Schuldigen vergeben, die Kranken heilen usw. Es geschieht ja zum Glück auch an vielen Orten und in vielen Situationen. Als vor ungefähr zwei Jahren eine Million Flüchtlinge zu uns nach Deutschland kamen, ging eine große Welle der Hilfsbereitschaft durch das Land. Erfreulicherweise ist sie auch noch nicht abgeebbt. Viele Menschen engagieren sich weiter und begleiten die neuen Mitbürger und Mitbürgerinnen auf ihrem mühsamen Weg in unsere Gesellschaft.
Allerdings gibt es auch Gegenstimmen, und das Wort „Gutmensch“ kam auf. Es hat einen ironischen und sarkastischen Klang, ist gehässig oder verachtend gemeint. Toleranz und Hilfsbereitschaft werden mit diesem Wort pauschal als dumm und weltfremd diffamiert, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus. Ich musste einmal einen entsprechenden Aufkleber von unserem Schaukasten entfernen. Da hatte es offensichtlich jemand für nötig gehalten, uns als christliche Gemeinde zu verunglimpfen und uns den Kampf anzusagen.
Das fand ich im ersten Moment zwar ungerecht und empörend, aber so abwegig ist der Vorwurf nicht. Wir sollten ruhig immer mal wieder überprüfen, was uns eigentlich motiviert, wenn wir helfen und „gut“ sind. Heischen wir dabei möglicher Weise nach äußerer Anerkennung? Und wie dogmatisch sind wir? Wollen wir unsere Mitmenschen nicht am liebsten missionieren, weil wir unsere Vorstellungen und unsere Handlungsweise für absolut richtig halten? Können wir andere Ansichten noch ertragen?
Das sind Fragen, die wir beantworten müssen, und dabei hilft uns unser Predigttext. Darin geht es nämlich nicht um ein äußeres Helfen, sondern um eine innere Beschaffenheit. Die Geschichte von Josef gehört zur sogenannten Weisheitsliteratur des Alten Testamentes, d.h. sie entwirft bewusst das Bild eines Jünglings von tiefer Gläubigkeit und Willensstärke. Er war wahrhaftig und treu, verantwortungsbewusst und geduldig. Er hatte die Schule der Lebenskunst erfolgreich durchlaufen und war das Ideal eines Menschen, das es zu erstreben galt. In dem letzten Abschnitt wird das deutlich, er ist der Schlüssel zu der ganzen Geschichte.
Es geht hier also nicht in erster Linie um ein äußeres Helfen und um Nächstenliebe, sondern um die Motive, aus denen heraus wir handeln. Es geht um uns selber. Wir werden eingeladen, in uns zu gehen und uns in Glauben und Selbstbeherrschung zu üben. Und das können wir am besten, indem wir nicht als erstes auf unsere Taten oder unser Werke schauen, sondern zunächst einmal unsere Beziehungen unter die Lupe nehmen, in denen wir sowieso leben. Der erste Schritt führt uns nicht zu den Schwachen und Bedürftigen, mit denen wir vorher noch nie etwas zu tun hatten, sondern zu den Menschen, mit denen wir in Familie und Beruf zusammenleben, zu unserem Partner und unseren Kindern, zu Kollegen, Vorgesetzten oder Mitarbeitern.
Da gibt es ja leider immer wieder eine Menge Konflikte und entsprechend viel Streit. Auch in der Gemeinde und in ande-ren Gruppen herrscht oft Unfriede. Dabei ist es meistens nicht so gravierendes Unrecht, wie es Josef zugestoßen ist. Im Vergleich dazu sind es eher Kleinigkeiten.
Trotzdem reagieren wir oft viel weniger beherrscht und geduldig als Josef. Ärger entsteht, Wut oder Zorn. Es kommt zu Schuldzuweisungen, Vorwürfen und nicht selten zur Trennung. Keiner will nachgeben, keiner sich ändern oder die Dinge einmal anders beurteilen. Wir bleiben bei unserer Sichtweise, denn wir empfinden es als Unrecht, was der andere uns zufügt.
Und hier zeigt uns Josef, wie wir das überwinden können, denn er lädt uns ein, unsere innere Blickrichtung zu ändern: Anstatt auf die bösen anderen und das vermeintliche Unrecht zu schauen, können wir auf Gott sehen. Gott waltet in allem und hat ein Ziel mit uns. Es gilt, dass wir darauf unser Bewusstsein lenken, uns nach Gott ausrichten. Seine Macht kennt keine Grenzen. Er kann auch aus Unrecht Gutes wirken und unsere kurvenreiche Lebensbahn am Ende zu einem geraden Weg werden lassen. Damit versetzen wir uns in eine andere Dimension. Wir lassen den Willen Gottes an uns wirken, und der beinhaltet vor allen Dingen Gnade und Güte. Das hat Josef gelernt, er war darin am Ende sogar ein Virtuose.
Vielleicht denken wir deshalb: „So können wir uns nie verhalten, das schaffen wir nicht!“. Es ist in der Tat auch nicht einfach, sondern eine hohe Lebenskunst. Denn es heißt, dass wir loslassen, unsere Gedanken, unser Wollen, all das, was immer im Vordergrund steht, rückt in unserem Bewusstsein nach hinten. Es wird kleiner und verliert an Macht. Es ist ein inneres Sterben und Abschied nehmen von Ideen und Plänen, von Gefühlen und Wünschen. Und das geschieht nicht von heute auf morgen. Es dauert manchmal lange und fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Auch Josef ist erst im Laufe der Jahre zu dem Mann geworden, der er am Ende war.
Aber wir haben es besser als er, denn wir müssen das alles nicht allein hinbekommen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass uns jemand dabei hilft, denn als Christen glauben wir an Jesus Christus, und der ist diesen Weg gegangen, in aller Konsequenz. Er hat sich selber immer wieder losgelassen und sich Gott anvertraut. Bis in den Tod hat er das durchgehalten.
Am Ende wurde ihm genau dadurch neues Leben geschenkt. Er ist von den Toten auferstanden und lebt heute noch. Deshalb ist er auch nicht nur ein Vorbild für uns, sondern gleichzeitig derjenige, der uns an die Hand nimmt. Der Glaube an Jesus Christus ermöglicht jedem diesen Weg. Denn Christus ist nicht nur unser Lehrer, sondern gleichzeitig die Quelle, aus der wir immer wieder die Energie der Liebe empfangen. Sie macht uns zur Demut und zur Geduld fähig, wir werden gestärkt und befreit, und unser Leben gelingt. Seine Liebe und Gnade können uns heilen. Denn er vergibt uns immer wieder und nimmt uns an. Das gilt es zuzulassen und sich davon bestimmen zu lassen. Luther sagt an einer Stelle in seinen Schriften: Wir müssen „Christus in uns hineinbilden“. (in: Von der Freiheit eines Christenmenschen, zum siebenten, WA 6)  Sein „Gesetz“ ist keine Handlungsanweisung, sondern eine wohltuende und befreiende Kraft. Sie ist wie Balsam für unsere Seele und wirkt aufbauend und zusammenführend. Innerlich und äußerlich setzen wir der Zerstörung etwas entgegen. Unsere Seele und unser Miteinander werden heil.
Denn natürlich geschieht dadurch dann auch das Gute. Wer so beschaffen ist, sieht von alleine den Mitmenschen, der Hilfe braucht. Er streckt seine Hand aus und kümmert sich um ihn, nicht aus moralischer Überlegenheit heraus, sondern aus einem echten inneren Antrieb, aus Mitgefühl und wahrer Liebe. Denn wird im Innersten ein „guter Mensch“.
Amen.

Die große Einladung

Predigt über Matthäus 22, 1- 14: Die königliche Hochzeit

2. Sonntag nach Trinitatis, 25.6.2017, Lutherkirche Kiel

Matthäus 22, 1- 14

1 Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach:
2 Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete.
3 Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen.
4 Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit!
5 Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft.
6 Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.
7 Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.
8 Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren’s nicht wert.
9 Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet.
10 Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll.
11 Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an,
12 und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte.
13 Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein.
14 Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Liebe Gemeinde.
„Keine Kappen, Kapuzen oder Trainingsanzüge erlaubt. Nur elegante Kleidung. Vielen Dank.“ So steht es am Eingang eines Londoner Clubs in Soho. Es ist dort die Kleiderordnung.
Wir kennen so etwas auch aus anderen Zusammenhängen. Im Bereich von Veranstaltungen soll dadurch eine besondere, meist festliche Atmosphäre erzeugt werden. Auf Einladungen wird deshalb mitunter die gewünschte Art der Kleidung angegeben. Oftmals wird die Einhaltung des passenden „dress codes“ – wie man dazu ebenfalls sagt – aber auch stillschweigend vorausgesetzt. So wird in Spielcasinos häufig von den männlichen Besuchern das Tragen eines Jacketts und einer Krawatte erwartet.
Auf jeden Fall gibt es im privaten, gesellschaftlichen, kulturellen und geschäftlichen Umfeld viele Regeln und Vorschriften zur gewünschten Kleidung. Sie sind nicht unbedingt per Gesetz festgelegt, sondern aufgrund von Konventionen oder einer Erwartungshaltung des Veranstalters. Je nach Land oder Religion, sozialem Status oder Unternehmenszugehörigkeit können sie sich unterscheiden.
Solche Kleiderordnungen gab es auch schon in der Antike. In dem Gleichnis über eine Hochzeit, das wir vorhin gehört haben, taucht z.B. eine auf. Da ist am Ende von einem Mann die Rede, „der hatte kein hochzeitliches Gewand an“, wie es heißt. Und das war schlimm, es gefiel dem Gastgeber gar nicht. Der unangemessen Gekleidete wurde gefesselt und rausgeworfen. Dabei war er gerade erst eingeladen worden, ganz überraschend und unerwartet! Wo soll er so schnell das passende Gewand herbekommen haben? Wir wundern uns über diese Strenge. Und genauso befremdlich finden wir wahrscheinlich andere brutale Einzelheiten in der Geschichte. Lassen Sie sie uns deshalb betrachten und deuten und auf unser Leben anwenden.
Sie handelt von einer königlichen Hochzeit, zu der viele ehrenwerte Gäste eingeladen waren. Es sollte ein herrliches Fest werden, „Ochsen und Mastvieh waren bereits geschlachtet und alles war bereit“. Doch dann geschah das Unglaubliche und Skandalöse: Als die Knechte des Königs losgingen, um die Geladenen abzuholen, sagten alle Gäste ab, einer nach dem anderen. „Sie wollten nicht kommen.“, heißt es dazu ganz lapidar, ihre Gründe werden nicht genannt. Sie verachteten die Einladung einfach nur und zogen es vor, ihren alltäglichen Geschäften nachzugehen.
Und dann kam es noch schlimmer: „Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.“ Das machte den König natürlich zornig. Er „schickte [daraufhin] seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.“
Das ist ein furchtbarer und erschreckender Höhepunkt in diesem Gleichnis, aber es ist damit noch nicht zu Ende, die Handlung geht weiter. Das Fest fällt nämlich nicht aus, es findet statt, auch ohne die zuerst Geladenen, denn nun kommen andere. Die Knechte sprechen einfach alle an, die sie finden, ganz gleich, wer sie sind, ob gut oder böse, arm oder reich. Sie kommen mit, und die Tische werden voll.
Das könnte jetzt eigentlich das gute Ende der Geschichte sein, doch es folgt noch die letzte Episode mit dem Gast, der kein „hochzeitliches Gewand“ trägt. Nach antiker Sitte wurde es ihm wahrscheinlich am Eingang angeboten, aber er wollte es nicht. Er verhält sich also frech und unhöflich, stellt sich nicht richtig auf das Fest ein und wird daraufhin wieder rausgeworfen. Am Ende steht dazu der Satz: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“
Das ist bereits eine Erklärung Jesu. Und Erklärungen brauchen wir zu dem Gleichnis auch. Die Geschichte ist wie gesagt an vielen Stellen befremdlich und ärgerlich. Es ist deshalb wichtig, dass wir die Einzelheiten verstehen. Es hat auch alles eine bestimmte Bedeutung, man kann jedes Teilstück auf die Wirklichkeit übertragen.
So ist der König, der hier zur Hochzeit einlädt, Gott. Sein Sohn ist Jesus Christus, der Messias. Nach seiner Auferstehung wird er erhöht und tritt die Himmelsherrschaft an. Das ist hier mit dem Fest gemeint. Die eingeladenen Gäste sind all diejenigen, die von ihm gehört haben, denen das Evangelium gepredigt wurde. Die Knechte, die die Geladenen holen sollen, sind also die Propheten und Apostel. Einige wurden ja wirklich umgebracht. Zum Glück blieb das aber die Ausnahme. Die meisten Hörer sind einfach nur gleichgültig, sie haben etwas Besseres vor. Das Fest, und das heißt die Himmelsherrschaft Jesu, interessiert sie nicht.
Aber sie ist da, die Feier findet statt und kann auch nicht aufgeschoben werden. In unserem Gleichnis wird das damit zum Ausdruck gebracht, dass das Vieh bereits geschlachtet ist. Der Gastgeber kann also nicht mehr warten. Und d.h. jeder, der die Botschaft von Jesus Christus hört, muss sich entscheiden. Zeit zum Zögern wird ihm nicht gegeben. Er wird vielmehr untergehen, wenn er den Ruf Gottes missachtet. Das wird mit dem Zorn des Gastgebers und seinem Rachefeldzug gegen die Ungläubigen benannt.
Diese Stelle gefällt uns natürlich nicht, denn so wollen wir Gott nicht sehen. Aber wahrscheinlich steht dahinter ein historisches Ereignis, das die Leser des Matthäusevangeliums miterlebt hatten. Und zwar handelt es sich um die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70 n.Chr. Sowohl Juden als auch Christen sahen darin das Zorngericht Gottes. Mit der blutrünstigen und brutalen Episode von der Rache des Gastgebers ist dieses geschichtliche Ereignis gemeint. Wir müssen das also nicht direkt auf uns übertragen.
Wichtiger ist die Botschaft, dass die Gemeinde Jesu sich aus denen zusammensetzt, die den Ruf der Boten hören und ihm ohne zu zögern folgen. Nicht ihre Herkunft oder ihre Vergangenheit spielen eine Rolle, sondern nur ihre Entscheidungsbereitschaft. Das Gleichnis will also warnen und uns dazu herausfordern.
In diese Richtung weist auch die letzte Episode mit der Kleiderordnung. Genauso wichtig wie die Entscheidung für Christus sind die weiteren Folgen für das Leben. Wenn man den Ruf Christi gehört hat und ihm nachgegangen ist, dann muss man sich reinigen und ändern, sonst ist man bald wieder außen vor. Deshalb schließt das Gleichnis mit dem Satz: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ Das heißt: „Sehr viele haben eine Einladung bekommen, aber nur wenige waren bereit, sich dafür klarzumachen.“ (Martin Dreyer, Volxbibel)
Und damit will Jesus seine Hörer wachrütteln. Sie sollen sich für ihn entscheiden, an ihn glauben, in sein Reich eintreten und ihr Leben ändern. Das ist die Botschaft dieses Gleichnisses, und die gilt auch uns, die wir es heute hören. Dabei erinnern uns die düsteren Töne an den Ernst der Sache. Es gibt das Reich Gottes nicht ohne eine Umkehr oder einen Sinneswandel. Wir sollen uns nichts vormachen und das Leben nicht verharmlosen.
Das tun wir gerne, auch als Kirche und im Glauben. Oft wollen wir darin ausschließlich fröhlich sein. Wir kommen zusammen und veranstalten etwas, das uns von dem üblichen Einerlei, Problemen und Anstrengungen ablenkt und uns für kurze Zeit an etwas anderes denken lässt. Gottesdienste sollen am liebsten bunt und lebendig sein. Die Gemeinde gefällt uns am besten, wenn es darin möglichst heiter und lustvoll zugeht.
Denn das liegt uns nahe, so leben wir auch sonst. Unser Lebensgefühl und unser Bewusstsein sind davon geprägt, es möglichst gut und einfach zu haben. Wir wollen glücklich und zufrieden sein. Und dafür wählen wir Wege, die wir in dieser Welt finden: Wir verdienen Geld, verwirklichen uns selber und versuchen, gesund zu bleiben.
Die Frage ist allerdings, ob das wirklich hinhaut. Gelingt das Leben, wenn wir uns das Schöne aus der Welt heraussuchen, an uns selber denken und unseren Wünschen nachjagen? Das Leben hat ja leider auch viele Schattenseiten. Es gibt das Böse, die Sünde und die Vergänglichkeit. Krankheiten, Kriege und Katstrophen lassen sich nicht einfach verdrängen und wegdenken, und der Tod erst recht nicht.
Jesus will uns einladen, davor nicht einfach die Augen zu verschließen, dem nicht auszuweichen und uns gerade einmal nicht mehr abzulenken. Genau das tun in seinem Gleichnis die Gäste, die als erstes eingeladen waren. Sie verlieren sich in der Welt und achten nicht auf die Stimme des Evangeliums. Die bezieht nämlich all das Schreckliche ein, die Sünde und den Tod. Jesus hat nicht nur ein nettes Lächeln oder ein weiches Ruhelager für uns. Er ist vielmehr am Kreuz gestorben. Er hat das Böse und das Leid auf sich genommen und ist da hindurch gegangen. Er hat keinen weltlichen, sondern einen ewigen Sieg errungen. Er ist von den Toten auferstanden und hat das Reich Gottes anbrechen lassen. Sein Fest hat einen endzeitlichen Charakter. Es ist der Anbruch der Himmelsherrschaft, die alles in dieser Welt sprengt und überwindet. Die sollen wir nicht verpassen, dafür sollen wir uns entscheiden.
Und dazu gehört es, dass wir die Augen vor dem Schlimmen in der Welt und in unserem Leben nicht einfach verschließen. Es besteht dann nämlich die Gefahr, dass es uns irgendwann einholt, dass wir die Gefahren nicht rechtzeitig erkennen und dann darin untergehen. Wir können uns in der Welt verlieren und bildlich gesprochen umgebracht werden. Wir verkümmern, verpassen die Freude und am Ende auch das Leben. Damit wir es in seiner ganzen Fülle gewinnen, müssen wir uns nach der Ewigkeit ausstrecken, nach etwas Bleibendem, das stärker ist als Sünde und Tod, Not und Zerstörung.
Und dazu gehört es als erstes, dass wir in uns gehen und ehrlich mit uns selber sind: Wo stehe ich gerade und wie führe ich meine Leben? Es ist wichtig, dass wir uns diese Fragen immer wieder stellen. Wir müssen uns selber spüren und erkennen, mit unseren Sehnsüchten und Wünschen, mit all unseren Defiziten und Schwächen. Denn nur dann können wir uns entscheiden.
Das wäre der nächste Schritt. Und zwar sind wir eingeladen, uns für etwas Großes zu entscheiden, etwas, das Raum und Zeit überschreitet. Es geht um die Teilhabe am ewigen Reich Gottes. Jesus Christus ist das höchste Gut, der Brunnquell aller Gnaden“, wie es in einem Choral aus dem 18. Jahrhundert heißt. (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 219)
Genau danach sehnen wir uns letzten Endes auch. Unser ganzes Streben nach Glück ist im Grunde genommen immer das Suchen nach dem verlorenen Paradies, nach endgültiger Überwindung, nach einem Leben in dauernder Freiheit und Ruhe. Wir suchen eine Quelle der Liebe und Barmherzigkeit, die niemals aufhört zu sprudeln.
Es gibt sie in Jesus Christus. Doch um daraus zu trinken, müssen wir unsere gewohnten Wege verlassen, die Welt loslassen und unsren inneren Blick in seine Richtung lenken. Es gilt, unsere Rettung nicht mehr von weltlichem Vergnügen, Zerstreuung oder Wohlstand zu erwarten, sondern von Jesus Christus, der diese Welt überwunden hat.
Dann schenkt er uns all das, was wir uns wünschen, unser Leben wird neu. Wir feiern ein wunderschönes Fest mit ihm. Denn wir werden gerettet und gehalten. Wir haben ein ewiges Ziel vor Augen und spüren einen festen Grund in unserem Leben. Wir können aufatmen und bekommen Kraft. Unsere „Seele wird selig“, wie es in dem Lied weiter heißt. Wir werden fröhlich und gelassen, erleben Gemeinschaft und fühlen uns frisch.
Dabei ist als letztes wichtig, dass wir das alles nicht aus eigener Kraft heraus können. Der Dichter unsres Liedes bittet Jesus selber darum, ihn „zu diesem hohen Werke“ bereit zu machen und ihm das „schöne Ehrenkleid zu schenken.“ Nur durch die „Stärke des Geistes Jesu“ werden wir „würdige Gäste“ und in Jesus „eingepflanzt.“
Das Lied endet deshalb mit der Bitte:
„Bleib du in uns, dass wir in dir auch bis ans Ende bleiben; lass Sünd und Not uns für und für nicht wieder von dir treiben, bis wir durch deines Nachtmahls Kraft eingehn zur Himmelsbürgerschaft und ewig selig werden.“
Amen.