Lobet und preiset den Herrn

Predigt über EG 514: Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf!

Sommerpredigt IV, 1.8.2021, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Evangelisches Gesangbuch Nr. 514:

  1. Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf! Halleluja,
    Lasst brausen hoch zum Himmel auf: Halleluja!
    Du Sonne hell mit goldnem Strahl, Halleluja,
    Mond leuchtend hoch vom Himmelssaal, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  2. Du Sturm, der durch die Welten zieht, Halleluja,
    du Wolke, die am Himmel flieht, Halleluja.
    Du Sommers junges Morgenrot, Halleluja,
    du Abendschein, der prächtig loht, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  3. Ihr Wasserbäche, klar und rein, Halleluja,
    singt euer Loblied ihm allein, Halleluja.
    Du Feuers Flamme auf dem Herd, Halleluja,
    daran der Mensch sich wärmt und nährt, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  4. Du, Mutter Erde, gut und mild, Halleluja,
    daraus uns lauter Segen quillt, Halleluja.
    Ihr Blumen bunt, ihr Früchte treu, Halleluja,
    die Jahr um Jahr uns reifen neu, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  5. Ihr Herzen, drin die Liebe wohnt, Halleluja,
    die ihr den Feind verzeihend schont, Halleluja.
    Ihr, die ihr traget schweres Leid, Halleluja,
    es Gott zu opfern still bereit, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  6. Du, der empfängt in letzter Not, Halleluja,
    den Odem mein, o Bruder Tod, Halleluja:
    Führ Gottes Kinder himmelan, Halleluja,
    den Weg, den Jesus ging voran, Halleluja.
    Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.
  7. Ihr Kreaturen, singt im Chor: Halleluja!
    Hebt euer Herz zu Gott empor, Halleluja.
    Vater und Sohn und Heilgem Geist, Halleluja,
    dreieinig, heilig, hochgepreist, Halleluja,
    sei die Ehre, sei die Ehre! Halleluja.

Text: Karl Budde 1929
nach dem englischen »All creatures of our God and King« von William Henry Draper 1926
nach dem Sonnengesang des Franz von Assisi 1225
Melodie: Köln 1623

Liebe Gemeinde.

Der heilige Franz von Assisi hatte ein besonderes Verhältnis zur Kreatur. Er betrachtete die Schöpfung mit geöffneten Augen und nahm alles, was sich um ihn herum bewegte, in sein Herz auf. Berühmt geworden ist die Legende, wie er einmal den Vögeln eine Predigt hielt, als wären sie vernünftige Wesen: Sie hörten ihm aufmerksam zu, und er machte das Zeichen des Kreuzes über sie. Aber auch von seiner Liebe zu Lämmern und Wölfen wird erzählt, und sogar von den Würmlein, die er aufsammelte und in Sicherheit brachte, damit kein Wanderer sie zertrete. „Auf eine wundersame, andern verschlossene Weise fand er den Zugang in das Geheimnis der Dinge“, schrieb ein Augenzeuge.

Am prägnantesten spiegelt wohl der „Sonnengesang“ sein Verhältnis zur Kreatur wider. Es ist ein herrliches Loblied, das der Heilige selbst oft gesungen hat. Er nahm damit die Aufforderung des Psalmisten auf, „den Herrn zu loben“. Gleich im ersten Vers hat er es ausgesprochen, dass „der Preis, der Ruhm und die Ehre Gott allein zukomme, dessen Name kein Mensch würdig ist, auf die Lippen zu nehmen.“

Und im weiteren Verlauf zählt er auf, was Gott alles geschaffen hat: Er beginnt mit der Sonne und verherrlicht sie. Als „Schwester Sonne“ spricht er von ihr und betrachtet sie als ein Sinnbild des Allerhöchsten. Alle anderen Geschöpfe sieht er ebenso als seine Geschwister: den Mond und die Sterne, Wind, Wetter und Luft, Wasser und Feuer, die ganze Erde als Allmutter, samt den Früchten, Blumen und Kräutern. Auch die Menschen vergisst er nicht und lobt besonders die, die um der Liebe willen Verzeihung üben, ihr Leid ertragen und in Frieden verharren. Schließlich erhält sogar der Tod noch den Brudernamen. Und das letzte Wort ist wieder Lob, Preis und Dank „in großer Demut“.

Franziskus pries Gott also hauptsächlich durch die Energien, die diese Welt erfüllen: die Sonne, das Feuer, das Wasser, den Wind und die Erde. Auch die Liebe und die Leidensfähigkeit der Menschen sind Kräfte, die uns am Leben erhalten. Er lobte damit Gott als das Licht und den Ursprung des Lebens, und seinen Geist als die Quelle des Heils. Sogar den Tod konnte er begrüßen, weil er den Menschen und alle Lebewesen zu ihrem Schöpfer zurückführt. Dass er sich dichterisch ausdrückte, lag an seinem beschwingten Wesen. Er nannte sich einen „Spielmann Gottes“, weil die Worte und Melodien ihm eingegeben wurden.

Und so geht es vielen Menschen, die vom Glauben und von Gott erfüllt sind: Sie singen und dichten und rühmen Gott. Sie sind voller Freude und Fröhlichkeit und wollen die Botschaft, die sie erfüllt, in die Welt tragen. Dabei ist der Sonnengesang des Franz von Assisi mehrere Male eine Vorlage gewesen. Der alte italienische Text wurde übersetzt oder in anderen Sprachen nachgedichtet, damit man ihn leichter singen konnte. William Henry Draper war einer von denen, die das taten. Er lebte von 1855 bis 1933 in England und war ein Pfarrer und Liederdichter. 1926 schrieb er das Lied „All Creatures of our God and King“, das in vielen Kirchen in England bis heute gerne gesungen wird. Es ist sein berühmtestes Lied und eine gelungene Übertragung des Sonnengesangs.

Drei Jahre später übersetzte der Theologieprofessor Karl Budde, der in Straßburg und Marburg lehrte, dieses Lied dann ins Deutsche. Sein Hauptfach war zwar das Alte Testament, aber er hatte immer ein großes Interesse am Kirchenlied und am Gesangbuch. In verschiedener Hinsicht wirkte er daran mit. Auch Liedübersetzungen gehörten zu seinem Handwerk, und so entstand der Choral „Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf!“. Seit 1995 steht es in unserem evangelischen Gesangbuch. Sowohl in Englisch als auch in Deutsch wird es nach einer Melodie aus dem 17. Jahrhundert gesungen.

Wie schon der Sonnengesang handelt es von der wahren Wirklichkeit der Schöpfung: Sie ist ein Gleichnis für die Größe und Liebe Gottes. Alles bildet ihn ab. Dabei liegt es diesem Lied fern, sich die anderen Lebewesen Untertan zu machen und über sie zu herrschen. Es geht vielmehr um eine Verbrüderung mit allem, was lebt und uns Leben gibt.

Es ist deshalb sinnvoll, den Sonnengesang oder auch dieses Lied mehrmals vor sich hin zu lesen, ihn zu meditieren. Wir spüren dann, dass sich hinter allem Geschaffenen ein himmlisches Wohlwollen verbirgt, in das wir eintauchen können. Wir werden vorsichtiger und zärtlicher gegenüber allen Lebewesen, offener und rücksichtsvoller. Und das ist dringend nötig, damit die Natur erhalten bleibt und nicht alles zerstört wird.

Zum Glück ist das schon vor langem ein wichtiges Thema in der Christenheit geworden. Wir überlassen die „Bewahrung der Schöpfung“ nicht mehr nur Politikern, Naturschützerinnen oder den Jugendlichen von „Fridays für Future“. Auch die Kirchen denken, dass sie hier einen Auftrag haben.

Doch was bedeutet das? Und ist das so einfach? Wenn wir als Christen und Christinnen zum Umweltschutz aufrufen, entstehen doch viele Fragen: Ist das nicht viel zu moralisch und ideologisch gedacht? Und wo führt es uns hin? Vielen Umweltaktivistinnen wird ja vorgeworfen, dass sie ihre Ziele am liebsten mit Macht durchsetzen würden. Sie sind dogmatisch und manchmal sogar militant. Wenn sie konsequent wären, müssten sie unsre Grundrechte genauso einschränken, wie es durch die Pandemie geschehen ist: Alles, was die Umwelt zerstört, müsste verboten werden. Ein christlicher Ansatz ist das aber nicht. Wir versuchen es sanfter und friedlicher. Doch führt uns das wirklich zu dem gewünschten Erfolg? Ist unser Einsatz nicht eher aussichtslos?

Das sind die Fragen, die wir bei diesem Thema haben. Und darauf kann uns der Sonnengesang ein paar wunderbare Antworten geben.

Zunächst einmal ist es wichtig, dass Franziskus hier seine Freude an der Schöpfung zum Ausdruck bringt. Er ist ganz und gar positiv gestimmt, heiter und beschwingt, und dazu lädt er auch uns ein. Der Ausgangspunkt unsres Denkens und Handelns sollte immer diese Freude sein. Es gilt, auf das Schöne zu blicken, und nicht auf die Zerstörung. Nicht wütend, sondern frohgemut zu sein, nicht kämpferisch, sondern begeistert und von Liebe erfüllt.

Doch wie kann das nun gelingen? Das können wir uns ja nicht einfach so vornehmen, es geht nicht auf Befehl und ist keine Sache der Willensentscheidung. Wenn wir traurig sind, können wir nicht plötzlich auf Freude umschwenken, wenn wir uns ärgern, können wir nicht schnell mal eben friedlich werden.

Deshalb ist es wichtig, dass wir zunächst gar nicht an uns selber denken, sondern genauso wie Franziskus Gott an erste Stelle setzen. Nicht umsonst beginnt er seinen Gesang mit dem Lob Gottes. Er sagt am Anfang: „Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen. Dir allein, Höchster, gebühren sie, und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.“ In unserem Lied ist daraus der Refrain geworden: „Halleluja, singt ihm Ehre“.

Franziskus wusste immer, dass er selber nur ein Geschöpf ist. In den Strophen fünf und sechs seines Liedes kommt das ganz deutlich zum Ausdruck. Da spricht er nämlich Dinge an, die für unser Empfinden gar nicht so gut in ein Lob auf die Schöpfung passen. Denn es geht darin um Liebe und Geduld und sogar um das Sterben. Karl Budde hat sie folgendermaßen übersetzt: „Ihr Herzen, drin die Liebe wohnt, die ihr den Feind verzeihend schont, ihr, die ihr traget schweres Leid, es Gott zu opfern still bereit, singt ihm Ehre!“ Und weiter heißt es:  „Du, der empfängt in letzter Not, den Odem mein, o Bruder Tod: Führ Gottes Kinder himmelan, den Weg, den Jesus ging voran.“ Hier wird deutlich, dass es Franziskus nicht um Schwärmerei für die Natur ging und auch nicht um ein Programm, sie zu bewahren. Er lädt vielmehr zur Leidensfähigkeit und zur Demut ein. Das war sein Weg, und er folgte damit Jesus Christus nach. In unserem Lied wird das aufgenommen, und Karl Budde richtet sich damit nach der englischen Vorlage. Franziskus hat Christus im Sonnengesang nicht erwähnt, aber natürlich dachte er an ihn. Er war ihm selber auch schon längst ähnlich geworden, hatte sich ganz hingegeben und in „seinen heiligsten Willen gefügt“. So drückt er es aus.

Und das ist der letzte Schritt, der uns helfen kann, den richtigen Weg zu gehen. Die meisten Probleme, die wir mit der Umwelt haben, gründen ja darin, dass wir uns nicht einfügen, nicht „geduldig“, „leidensfähig“ und „demütig“ sind. Stattdessen wollen wir immer irgendetwas. Wir beuten die Natur aus, weil es uns um unseren Wohlstand und unser Vergnügen geht, um Mobilität und Bequemlichkeit. Wir verdrängen den Tod und wollen alles aus dem Leben herauspressen, was es uns bieten kann. Und obwohl wir längst wissen, wie schädlich dieses Verhalten ist, kommen wir da nur schwer heraus.

Doch es gibt einen Weg, den wir einschlagen können: Wir müssen uns nur Jesus Christus anvertrauen. Er kann uns helfen, das zu ändern, indem er uns seine Kraft und Liebe schenkt. Er öffnet uns eine andere, ewige Wirklichkeit. Und wenn die uns erfüllt, werden wir ganz von alleine genügsam, friedlich und ruhig. Im Glauben an Jesus Christus und in der Nachfolge verliert die Vergänglichkeit ihre Schrecken und der Tod hat keine Macht mehr über uns. Wir müssen ihm nicht ausweichen, sondern können ihm gelassen entgegengehen. Und dadurch verschwinden Angst und Wut, genauso wie das Gefühl der Aussichtslosigkeit und Resignation. Die Rücksicht gegenüber allen Lebewesen kommt ganz von selber. Sie entsteht nicht im Kopf, sondern in unseren Herzen. Der Verzicht auf das eine oder andere, das der Umwelt schaden würde, fällt nicht schwer, weil wir von etwas anderem erfüllt sind, als dem Wunsch nach einer schnellen Befriedigung. Unsere Bedürfnisse nach Luxus und Abwechslung verschwinden, es muss nicht alles immer besser und weiter und interessanter werden. Wir wissen: Wir sind selber Geschöpfe in Gottes Hand. Und das führt uns in die Ruhe des Geistes. Aus ihr heraus handeln und leben wir, bleiben heiter und fröhlich. Christus schenkt uns diesen inneren Frieden. Er ist die Frucht eines starken Glaubens und Vertrauens.

Franziskus hat das in einer Weise und Intensität gelebt, wie vielleicht kein Christ und keine Christin vor oder nach ihm. Er erriet die Geheimnisse der Schöpfung, und er dachte an eine Heiligung aller Lebewesen. Er stellte sich eine Wiederkehr des Paradieses vor und verhielt sich entsprechend. Aus der Einfalt des Glaubens an Christus heraus verbrüderte er sich auf eine einzigartige Weise mit der Umwelt. Er lebte schon halb im Himmel, und hat ihn deshalb allen, die er traf, geschenkt.

So lasst auch uns danach streben, „Gott allein die Ehre geben“ und zärtlich und rücksichtsvoll gegenüber allem sein, was um uns herum lebt und sich bewegt.

Amen.

verwendete Literatur:
– Der Mann aus Assisi, Franziskus und seine Welt, Text Walter Nigg, Bilder Toni Schneider, Freiburg, Basel, Wien 1975, S. 28ff

Wolfgang Herbst (Hrg.), Wer ist wer im Gesangbuch, Göttingen 2001, S. 56 und 77

Freuet euch der schönen Erde

Predigt über EG 510: Freuet euch der schönen Erde

Sommerpredigt I, 11.7.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

  1. Freuet euch der schönen Erde,
    denn sie ist wohl wert der Freud.
    O was hat für Herrlichkeiten
    unser Gott da ausgestreut,
    unser Gott da ausgestreut!
  2. Und doch ist sie seiner Füße
    reich geschmückter Schemel nur,
    ist nur eine schön begabte,
    wunderreiche Kreatur,
    wunderreiche Kreatur
    .
  3. Freuet euch an Mond und Sonne
    und den Sternen allzumal,
    wie sie wandeln, wie sie leuchten
    über unserm Erdental,
    über unserm Erdental.
  4. Und doch sind sie nur Geschöpfe
    von des höchsten Gottes Hand,
    hingesät auf seines Thrones
    weites, glänzendes Gewand,
    weites, glänzendes Gewand.
  5. Wenn am Schemel seiner Füße
    und am Thron schon solcher Schein,
    o was muss an seinem Herzen
    erst für Glanz und Wonne sein,
    erst für Glanz und Wonne sein.


    Text: Philipp Spitta (1827) 1833
    Melodie: Frieda Fronmüller 1928

Liebe Gemeinde.

„Nach seiner Konfirmation wurde er in eine Uhrmacherlehre gegeben. Zwar entwickelte er durchaus handwerkliche Fähigkeiten, doch entsprach dieser Beruf nicht wirklich seinen Begabungen. An den Abenden studierte er heimlich in seinen alten Schulbüchern, lernte Geschichte und Latein oder las die Bibel. Er empfand die Last eines verfehlten Berufes, die ihn schließlich schwermütig werden ließ. Trostvoll waren ihm die arbeitsfreien Stunden, die er in der Natur verbrachte, bei denen er Ruhe und Inspiration für erste kleine Gedichte fand.“

So steht es in einer Lebensbeschreibung Philipp Spittas. (Detlev Klahr, Spitta, C.J.Philipp, in: Wer ist wer im Gesangbuch, Hrg. Wolfgang Herbst, Göttingen 2001, S.308ff) Er wurde 1801 in Hannover geboren und starb 1859 in Burgdorf. Er war das vierte Kind seiner Eltern, und ein Studium konnten sie nur für einen ihrer Söhne finanzieren. Philipp war das nicht. Erst als sein älterer Bruder, der dafür vorgesehen war, trauriger Weise starb, durfte er die Lehre abbrechen und sich auf ein Studium vorbereiten. So wurde er Theologe, anschließend Hauslehrer, später Pastor und sogar Superintendent.

Nebenbei dichtete er sein Leben lang und brachte damit zum Ausdruck, was ihn bewegte, was er fühlte und glaubte. So kam es auf Drängen und unter Mithilfe eines Freundes 1833 zur Herausgabe einer Liedersammlung. Sie erschien unter dem Titel „Psalter und Harfe“ mit dem Untertitel „Eine Sammlung christlicher Lieder zur häuslichen Erbauung“. Und darin fand sich auch das Lied „Freuet euch der schönen Erde“. Philipp Spitta hatte es 1827 geschrieben. Es ist ein Lob von Schöpfung und Schöpfer in fünf Strophen.

Der Text erschien zunächst ohne Melodie, doch schon bald gab es verschiedene Versuche, daraus ein Lied zu machen. Die passendste und eingängigste Weise erfand 1928 schließlich Frieda Fronmüller, eine evangelische Kirchenmusikerin und Komponistin. Sie hat sich eine lebhafte Melodie ausgedacht, in der die letzte Zeile jeweils gesteigert wiederholt wird. Von ihren Chören wurde sie mit Freude und Erfolg gesungen und fand Eingang in viele Gesangbücher, so auch 1995 in unser Evangelisches Gesangbuch.  

Philipp Spitta besingt mit dem Lied die Wunder und die Schönheit der Natur, ihre „Herrlichkeiten“ und ihren „Schein“. In der christlichen Spiritualität war die Welt lange Zeit nur als Exil und Jammertal in den Blick gekommen. So empfand Philipp Spitta das nicht. Er hatte die Schöpfung ja auch ganz anders erlebt: Feld und Wald hatten ihn beruhigt und getröstet, als es ihm schlecht ging. Er hatte die heilende Kraft der Natur erfahren. Deshalb war sie für ihn „wert der Freud“.

Anstatt jedoch eine Wiedervergöttlichung der Schöpfung zu unternehmen, beschreibt er sie mit biblischen Bildern „nur“ als Gleichnis und Vorgeschmack der Herrlichkeit Gottes. Dieses „nur“ fällt in seinem Lied auf. Es kommt dreimal vor, denn er sieht im Geist noch mehr, als das, was ihn umgibt: Er stellt sich den „Thorn Gottes“ vor.

Der wird ja an vielen Stellen in der Bibel erwähnt. Er ist „hoch und erhaben“, Gott sitzt darauf als der Allmächtige, und „der Saum seines Gewandes füllt den Tempel“. (Jes. 6, 1) So schaut es der Prophet Jesaja in einer Vision. Auch die Auffassung, dass wir dort hinkommen, wenn wir sterben, wird überall in der Bibel vertreten, besonders im Buch der Offenbarung. Und wie bei allen Propheten ist da ebenfalls die Rede davon, dass Gott einst „alles neu machen“ wird (Offenbarung 21,5), dass er kommen wird, um eine neue Welt heraufzuführen, in der niemand mehr weint oder klagt. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21,4) Das ist das Ziel, auf das alles zuläuft.

Jesus hat das ebenfalls verkündet. Er sprach immer wieder vom Reich Gottes, und er meinte damit die himmlische Welt. Für ihn war sie sogar bereits angebrochen. Mit seinem Kommen war das Reich Gottes schon mitten in der alten Welt gegenwärtig. (Lukas 17, 20f)

Daran dachte Philipp Spitta, und er hat in seinem Lied diesen Glauben in sehr schöner Weise mit der Liebe zur Natur verbunden. Er verherrlicht die Schöpfung nicht, er lehnt sie aber auch nicht ab. Er durchstreift sie vielmehr betend und stellt bei seinen Spaziergängen einen Bezug zur Ewigkeit her. Alles was er sieht und erlebt, ist für ihn der „Schemel seiner Füße“, also das, was sich unten am Thron Gottes abspielt. Spitta ist sich der Vergänglichkeit allen Lebens bewusst, erkennt aber gerade dadurch seinen Wert und kann sich an dem erfreuen, was ihn umgibt. Er sieht dahinter die „Hand“ des Schöpfers und den „Glanz“ seiner Gegenwart.

Und das ist eine gute Strategie, um mit leidvollen Situationen fertig zu werden. Die kennen wir ja auch. Bei Philipp Spitta war es die falsche Berufswahl, das kann uns heute noch genauso treffen. Wir können lange nicht alles verwirklichen, was wir uns wünschen. Aber auch Konflikte oder Krankheiten führen dazu, Verluste und Enttäuschungen. Sie verursachen Traurigkeit, Sinnlosigkeitsgefühle, Schwermut usw. Das sind Erfahrungen, die wir alle irgendwann einmal machen. Das Leben ist nicht immer leicht, es bereitet uns viele Probleme, und es entstehen Schmerzen, Wut oder Angst, Einsamkeit und Unglück.

Und wenn es uns so geht, dass uns alles zu viel wird, dann ist es gut, genauso wie Philipp Spitta in die Natur zu gehen. Auch Ärzte und Therapeutinnn empfehlen das. Und gerade jetzt im Sommer ist es eine sehr wirkungsvolle Medizin, denn überall um uns herum blüht und grünt es. Selbst wenn eine Krankheit oder eine Behinderung uns vielleicht daran hindert, weite Wanderungen zu unternehmen, der nächste Garten, Strauch oder Busch ist nie weit weg. Das Auge findet immer etwas, das beruhigt und guttut, denn es ist überall bunt, die Felder sind voller Korn, die Gärten voller Blumen, die Wälder voller Laub. Vögel singen, Insekten summen, Tiere haben ihren Winterschlaf beendet. Es ist hell und warm. Wind, Sonne und Regen beleben alles, was da ist. Wir sind umgeben von den „Herrlichkeiten, die unser Gott für uns ausgestreut hat“, und es ist gut, wenn wir sie genießen. Sie haben heilende Kräfte, unsre Seele kann sich entspannen, wenn wir uns ihnen aussetzen, wir atmen auf und fühlen uns frei.

Doch das allein reicht nicht. Wir sind ebenso dazu aufgefordert, an Gott zu denken, der das alles geschaffen hat. Es gibt noch mehr als diese Welt, einen, der größer als alles ist, den Ewigen und Erhabenen. Ohne ihn bleibt unser Leben doch nur ein „Erdental“, wie Philipp Spitta es nennt. Denn den Tod können wir nicht auslöschen. Und das sehen wir auch, wenn wir in der Natur sind. Ihre Vergänglichkeit begegnet uns auf Schritt und Tritt. Jede verwelkte Blüte, jedes tote Tier, jeder abgestorbene Baum erinnert uns daran, ganz zu schweigen von all den Folgen der Umweltzerstörung, wie vertrocknete Landschaften, Brände, Überschwemmungen usw. Ganz unbefangen können wir die Natur nicht auf uns wirken lassen. Im Gegenteil, unsre Stimmung kann auch umkippen und schlecht werden, wenn wir uns bewusst machen, wie gefährdet alles ist. Wir müssen betend und meditierend spazieren gehen, unseren Geist gleichzeitig zu dem erheben, der über uns leuchtet wie die Sonne und der Mond. Seine Hand hält uns am Leben, das ausgestreckt ist zwischen Himmel und Erde, zwischen Geburt und Tod, Werden und Vergehen. Wir können diese Spannung nicht auflösen, sie ist immer da. Das gilt es zu bejahen, es anzunehmen und auszuhalten.

Erst am Ende der Welt wird sie aufgehoben, da wird sich alles in eine Richtung verwandeln, denn dann „macht Gott alles neu“. „Das Schönste liegt also noch vor uns“, dieser Gedanke gilt zu jeder Zeit, in der Jugend und im Alter, in Freud oder Leid. Das dürfen wir nicht vergessen, und darauf dürfen wir uns sogar freuen. Die Gläubigen werden es auch alle erleben, denn mit dem Tod wird die ewige Vollendung für jeden und jede einzelne bereits wahr.

Philipp Spitta gebraucht dafür die Vorstellung, dass wir am „Herzen Gottes“ sein werden. Die gibt es in der Bibel nicht. Dort ist nur an ganz wenigen Stellen überhaupt davon die Rede, dass Gott ein Herz hat. Aber es ist ein schönes Bild. Wer „am Herzen“ von jemand anderem ruht, ist ihm ganz nahe. Es entsteht eine enge Verbindung. Wir können uns darunter eine Liebesbeziehung vorstellen, zu der eine innige Umarmung gehört. Das beinhaltet auch die Aussage, dass dort alles voller „Glanz und Wonne“ sein wird. 

„All Kreatur soll werden ganz herrlich, schön und klar“. So wird dieser Zustand in einem alten Lied aus dem 16. Jahrhundert beschrieben, das von der Ewigkeit handelt. (EG 148) „Da werden wir mit Freuden den Heiland schauen an, der durch sein Blut und Leiden den Himmel aufgetan.“ „Da wird man hören klingen die rechten Saitenspiel.“ Und „mit Gott wir werden halten das ewig Abendmahl.“

Amen.

Liebe verschenken

Predigt über 1. Mose 50, 15- 21: Josephs Edelmut

4. Sonntag nach Trinitatis, 27.6.2021, 9.30 Uhr und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wir machen gerne anderen Menschen Geschenke, besonders wenn wir sie mögen. Üblich ist das bei Geburtstagen und zu Weihnachten, aber es gibt auch noch mehr Gelegenheiten. Wir bringen damit immer zum Ausdruck, dass wir den oder die andere wertschätzen, und wollen ihnen etwas Gutes tun. Wir verlangen auch keine Gegenleistung, dadurch zeichnet sich ein Geschenk ja aus: Wir wollen nichts dafür haben. Es erfolgt aus freien Stücken, wir geben einfach etwas, aus Freude und Wohlwollen, Großzügigkeit und Liebe.

Auch in der Bibel kommt das vor. Die meisten von euch kennen sicher die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern. (1. Mose 37- 50) Sie beginnt mit einem Geschenk: Jakob, der Vater der zwölf Söhne, liebte einen ganz besonders, das war Joseph. Er schenkte ihm deshalb einen „bunten Rock“. (1. Mose 37,3) Das war ein hübsches Gewand mit langen Ärmeln, das bis zu den Knöcheln reichte. Der Mann auf der Straße trug so etwas nicht. Üblich war ein kürzerer mantelartiger Umhang. Joseph besaß also ein Luxuskleidungsstück, das für ihn nur brauchbar war, weil er obendrein oft zu Hause bleiben durfte. Sein Vater Jakob verwöhnte und bevorzugte ihn.

Eigentlich hätte Jakob ahnen müssen, dass das nicht gut gehen konnte, denn damit zog Unheil herauf: Die Brüder Josephs waren neidisch, hassten ihn und schmiedeten Pläne, wie sie ihn loswerden konnten. Er hatte sich nämlich auch noch durch etwas anderes unbeliebt gemacht: In seinen Träumen hatte er die Zukunft vorausgesehen, in der seine Brüder sich vor ihm verneigten.

Das alles gefiel ihnen nicht, und als die Gelegenheit sich bot, verkauften sie ihn als Sklave an eine Handelskarawane. Sie dachten, die Geschichte sei damit zu Ende, denn nun waren sie ihn los. Doch das war weit gefehlt. Für Joseph fing das Abenteuer nun erst an: Er kam nach Ägypten, wo er am Hof des Pharaos diente. Zunächst folgte noch ein weiterer Tiefschlag, weil dessen Frau ihn verleumdet hatte, und er im Gefängnis landete, aber dann kam die Wende:

Der Pharao erfuhr von seiner Gabe des Traumdeutens. Durch sie hatte Joseph eine Dürre vorhergesagt und gleichzeitig empfohlen, wie man ihr begegnen könnte: Der Pharao sollte rechtzeitig genug Korn speichern, so dass keine der Hungersnot entstehen würde. Der Plan überzeugte den Pharao, und er wollte ihn verwirklichen. Er machte Joseph dafür zum wichtigsten Mann im Land, setzte ihn über ganz Ägypten und stattete ihn mit allen Reichtümern und Ehren aus, die es gab. Joseph wurde ein zweites Mal reich beschenkt, und sein Vorhaben gelang ihm auch.  

Nach vielen Jahren traf er dadurch seine Brüder wieder. Sie hatten gehört, dass es in Ägypten Korn gab, und zogen dorthin, um welches zu kaufen. Es war Joseph, den sie darum bitten mussten. Doch sie erkannten ihn nicht. Sie sahen in ihm nur einen reichen, vornehmen und klugen Ägypter, der viel Macht besaß, und sie fürchteten sich vor ihm. Er wusste allerdings sehr wohl, wen er da vor sich hatte.

Natürlich hätte er nun Rache üben können, sie abweisen und nach Hause schicken, damit sie hungerten und es ihnen noch schlechter ginge, als er es erlebt hatte. Aber das tat er nicht. Nun war er an der Reihe, ein Geschenk zu machen. Er „redete zwar hart mit ihnen“ und gab sich auch nicht sofort zu erkennen (1.Mose 42,7), aber in seinem Herzen hatte er ihnen längst vergeben. Er schenkte ihnen also Nachsicht und Güte. Bei ihrer dritten Reise offenbarte er ihnen dann endlich auch seine Identität, und es kam zur Versöhnung. (1. Mose 45)

Damit endet die Josefgeschichte, und die Schlusssätze sind heute unser Predigttext. Sie lauten folgendermaßen:

1. Mose 50, 15- 20

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.
18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.
19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Dieser Abschnitt will uns dazu einladen, uns genauso zu verhalten wie Joseph. Er hatte viel Macht und hätte ohne Probleme Gewalt anwenden können. Doch das tat er nicht. Es ging vielmehr eine wohltätige Güte von ihm aus, die aufbauend und für alle befreiend und rettend war. Er war ein weiser und gläubiger Mann geworden. In allem, was geschehen war, erkannte er den Heilsplan Gottes. Demut, Klugheit und Weitherzigkeit waren die Eigenschaften, die er trainiert und sich angewöhnt hatte. Und das soll jeden und jede, die es hört, bewegen, sich ebenfalls darin zu üben. Glaube und Liebe sollen das Ziel und der Sinn des Lebens sein.

Man erkennt daran, dass die Josephserzählung zur Weisheitsliteratur Israels gehört, denn das sind die Themen, die darin vorkommen: Uns wird bewusst das Bild eines frommen Jünglings von bester Bildung und Zucht gezeigt, der die Fähigkeit der Selbstbeherrschung und Geduld besaß. Er war wahrhaftig, treu und verantwortungsbewusst und hatte die Schule der Lebenskunst erfolgreich durchlaufen. Auch wir sind eingeladen, das alles zu lernen und einzuüben.

Doch wie kann das nun gelingen? Und wollen wir das überhaupt? Das klingt nicht gerade einfach und geht uns sogar gegen den Strich. In Konfliktsituationen verhalten wir uns normalerweise anders. Es gibt sie ja überall: Zwischen Eltern und Kindern, Ehepartnern oder Arbeitskolleginnen. Auch in der Gemeinde und in anderen Gruppen herrscht immer mal wieder Unfriede. Er entsteht durch Meinungsverschiedenheiten, Machtkämpfe, Missachtung, Neid, Intrigen und vieles mehr. Meistens folgt daraus Ärger, Wut oder Zorn. Es kommt zu Schuldzuweisungen, Vorwürfen und nicht selten zur Trennung. Keine will nachgeben, keiner sich ändern oder die Dinge einmal anders beurteilen. Wir bleiben bei unserer Sichtweise, denn wir empfinden es als Unrecht, was der oder die andere uns zufügt.

Zu einer Lösung kommt es dadurch allerdings nicht. Im Gegenteil, oft verhärten sich die Fronten, und das tut niemandem gut. Es wäre viel besser, wenn wir uns in der Lebenskunst üben würden, die zum Heil und zum Frieden führt. Und das kann auch gelingen. Wir müssen uns nur dafür entscheiden und können dann in drei Schritten vorgehen.

Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir erkennen, was wir längst geschenkt bekommen haben. Es ist die Liebe und Vergebung Jesu Christi. Er hat sich ganz dem Willen Gottes hingegeben und war von seiner Gnade und Kraft erfüllt. Dadurch hat er das Unheil, das ihm wider fuhr, überwunden und das Böse besiegt. Und dabei ist er nicht nur ein Vorbild, sondern auch derjenige, der uns an die Hand nimmt. Er begegnet uns mit Liebe und Erbarmen. Er vergibt uns immer wieder und nimmt uns an. Die Kraft, seinen Weg zu gehen, kommt von ihm selber. Er ist nicht nur unser Lehrer, sondern auch die Quelle, aus der wir immer wieder die Energie der Liebe empfangen. Sie macht uns zur Demut und zur Geduld fähig, wir werden gestärkt und befreit. Das gilt es zuzulassen.

Dann gelingt auch der zweite Schritt, der darin besteht, die anderen einmal wirklich zu sehen. In einem Konflikt spüren wir meistens nur uns selbst, unseren Zorn oder die Verletzung, die uns zugefügt wird, die Enttäuschung und das Unrecht. Wir stecken in unseren eigenen Gefühlen und Gedanken fest. Doch wie geht es eigentlich unserem Gegenüber? Was bewegt sie oder ihn? Wie kommt es, dass sie so handeln? Diese Fragen sollten wir uns einmal stellen. Wir steigen damit aus dem Konflikt aus und gucken uns die Situation von außen an. Dadurch sehen und verstehen wir einiges, was uns vorher nicht klar war. Meistens steht hinter dem problematischen Verhalten der anderen nämlich eine Last, die sie mit sich herum schleppen.

Wenn wir das erkennen, können wir als drittes beschließen, diese Last mitzutragen, den anderen unsere Kraft zur Verfügung zu stellen und ihnen etwas zu schenken. Anstatt uns durchzusetzen und auf unserem vermeintlichen Recht zu bestehen, schenken wir ihnen unsere Nachsicht und Weitherzigkeit. Wir machen ihnen das Geschenk der Friedfertigkeit und der Ruhe, und erwarten dafür keine Gegenleistung. Wir tun es einfach so, aus freien Stücken, weil wir es können und diese Liebe übrig haben. Wir können es uns sozusagen leisten, weil wir selber reich beschenkt wurden. Alle Menschen haben die Fähigkeit der Vergebung und der Liebe. Sie steckt in jedem von uns, sie wurde uns allen mitgegeben. Wir müssen sie nur zum Zuge kommen lassen und sie mit der Hilfe Christi entfalten. Das ist der dritte Schritt.

Und wenn wir das alles machen, merken wir, wie gut uns das tut. Es hat heilsame Folgen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: „Die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.“ Das geschieht, wenn wir uns in Nachsicht üben. Wie jedes Geschenk macht auch dieses nicht nur die Empfangenden glücklich, sondern genauso die Gebenden. Es beruhigt und besänftigt, heilt und befreit. Es eröffnet etwas Schönes, einen ein Weg der Freude und des Friedens, und es lohnt sich, den einzuschlagen. Wir verwirklichen etwas besonderes, wenn wir ihn gehen, denn wir steigen aus den üblichen Mustern aus und lassen uns von einer Kraft bestimmen, die alles verändern kann. Es ist die Kraft der Liebe. Wenn wir sie austeilen, vervielfältigt sie sich, und je mehr wir das tun, umso sinnvoller und erfüllter wird unser Leben. Denn „der hat sein Leben hat am besten verbracht, der die meisten Menschen hat froh gemacht.“

Amen.

Gott ist Schöpfer, Erlöser und Kraft

Predigt über Johannes 3, 1- 8: Jesus und Nikodemus

Trinitatis, 30.5.2021, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Johannes 3, 1- 8

1 Es war aber ein Mann unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.
7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden.
8 Der Wind bläst wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Liebe Gemeinde.

Die meisten Menschen schlafen nachts. Das bietet sich an, weil es dunkel ist, und wir weniger Möglichkeiten haben, die Zeit zu nutzen, als tagsüber. Nachts wird allerdings auch gerne gefeiert. Viele Partys beginnen spät und enden erst in den frühen Morgenstunden. Doch das leisten wir uns nur gelegentlich, und es geschieht an bestimmten Orten. In der Mehrzahl der Häuser ist es nachts ruhiger als am Tag. Deshalb ist für einige Menschen die Nacht auch gut zum Studieren oder zum Beten geeignet. Sie fühlen sich ungestört und können sich besser konzentrieren.

Das war bereits in der Antike und im Orient so. Die Nacht diente gelegentlich dem Gespräch und dem Studium. Auch Nikodemus, ein Mitglied der Pharisäergemeinschaft und des Hohen Rates, kam einmal des Nachts zu Jesus. Er wollte mit ihm ein Gespräch über den Glauben und die Religion führen. Hauptsächlich wollte er wissen, wer Jesus war und was er konnte, denn er wollte daran teilhaben.

Jesus sagte es ihm und offenbarte sich zunächst mit der bekannten Formel: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir.“ So hat Luther das zweifache „Amen“ übersetzt, das im Urtext steht. Es bedeutet: „Es steht fest“. Was Jesus ihm sagte, war also von vorne herein göttliche Wahrheit, es war Gottes Wort, und das lautete: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

Es ging ihm also um das „Reich Gottes“. Diesen Ausdruck finden wir oft in den Reden Jesu. Er meinte damit die vollendete Heilswirklichkeit, das was Gott am Ende der Zeiten, am Ende der Welt heraufführen wird. Jesus verkündete, dass es durch ihn nahe war, dass es durch sein Kommen bereits angebrochen ist. Doch das kann nicht jeder „sehen“, d.h. begreifen, geschweige denn da hineinkommen. Er muss dafür „von oben herab geboren werden“, wie es wörtlich in dem Gespräch mit Nikodemus heißt. Und damit wollte Jesus sagen, dass er vom Himmel her neu geschaffen werden muss. Gott muss an ihm handeln, ihn neu hervorbringen und wachsen und werden lassen.

Nikodemus verstand darunter eine „zweite Geburt“, eine „Wiedergeburt“, wie wir es aus vielen Übersetzungen kennen. Und er fragte mit Recht, wie das denn ginge: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“ Das war seine Frage, die deutlich macht, dass er über Jesus wirklich noch nichts wusste. Er missverstand ihn, und seine Frage klingt fast so, als ober er sich über Jesus lustig machte.

Deshalb verdeutlichte Jesus das, was er gesagt hatte: Er meinte keine leibliche Geburt, sondern eine Geburt „aus Wasser und Geist“. Der Vorgang, an den er dachte, ist also so etwas wie eine Reinigung, die von innen heraus geschieht, eine Bekehrung, die große Veränderungen mit sich führt, eine geistige Neuschöpfung des Menschen durch die Kraft Gottes.

Diese Vorstellung oder Metapher von der „Wiedergeburt“ taucht auch an anderen Stellen im Neuen Testament auf. Sie beinhaltet immer die Vergebung der Sünden, befähigt den menschlichen Verstand, die geistliche Wirklichkeit zu erkennen und befreit den Willen zur Heiligung, d.h. zum freiwilligen Gehorsam gegenüber Gott. Sie ist ein göttliches Geschenk, ein Mysterium, das die „Gotteskinder“ von der Welt unterscheidet und schon jetzt ihr Handeln bestimmt.

Das ist das Evangelium von heute und es passt gut zu dem Fest, das wir an diesem Sonntag feiern, dem Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. Dabei geht um die Idee, dass Gott „Drei in Einem“ ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Diese Vorstellung ergibt sich aus der Botschaft des Neuen Testamentes, denn da wird verkündet, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist und uns den Heiligen Geist hinterlassen hat. Es gibt also nicht nur Gott, den Allmächtigen, sondern auch den Sohn und seinen Geist. Doch diese Lehre können wir nur begreifen, wenn wir „wiedergeboren“ werden, denn in unserer Wirklichkeit gibt es so etwas nicht. Für den Verstand und die Sinne ist es unfassbar und nicht zu erkennen. Dass Gott unbegreiflich ist, passt allerdings zu ihm, ganz gleich, was wir über ihn lehren. Wir können Gott nie in den Griff kriegen, geschweige denn, ihn uns handhabbar machen. Denn Gott ist keine Sache und auch keine andere Person. Er ist eine Wirklichkeit, die nicht wir erfassen, sondern die uns erfassen kann, auf die wir uns einlassen müssen und in die wir eintreten können. Und andersherum ist es der dreieinige Gott, der uns befähigt, ihn zu erkennen. Er nimmt uns in sein Geheimnis hinein und schenkt uns den Glauben. Denn er ist lebendig und wirksam, der Schöpfer, der Erlöser und die Kraft, die zum Glauben führt. Gott ist nicht starr und unbeweglich, er ist auch nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern er ist in sich selbst Bewegung, Beziehung und Austausch. Es gibt deshalb keinen Bereich unseres Lebens, der von ihm ausgespart bleibt. Wir können ihm vielmehr überall begegnen, in der Höhe und in der Tiefe, in Freude und im Leid. Gott findet immer einen Weg zu uns und wir zu ihm. Das ist mit „Wiedergeburt“ gemeint.

Doch wie kann das nun geschehen? Was bedeutet es konkret für unsere Frömmigkeit, für unsere Glaubenspraxis? Diese Fragen haben auch wir. Wir können uns gut mit Nikodemus identifizieren, denn wir sind in einer ähnlichen Situation: Er suchte Jesus auf, weil er zu ihm gehören wollte. Er wollte glauben, aber er wusste nicht wie. Was Jesus ihm sagte, gilt also auch uns. Lasst uns deshalb darüber nachdenken, was das bedeutet, „von oben her geboren zu werden“.

Um diese Frage zu beantworten, ist es gut, wenn wir in unser Leben schauen. Es ist ja leider nicht immer einfach, sondern von vielerlei Problemen angefüllt. Keine Lebensgeschichte verläuft ohne Leid oder Trauer, Gewalt oder Unrecht, Angst oder Einsamkeit. Wir wollen das alles zwar nicht und tun viel, damit es nicht die Oberhand gewinnt. Aber gelingt das auch? Bleiben nicht trotz all unserer Versuche, das Leben heil zu machen, Wunden und ungelöste Fragen zurück? Das Schwere lässt sich nicht einfach so auslöschen. Es ist da. Oft verstärkt sich das Leid sogar dadurch, dass wir es loswerden wollen.

Und das ändert sich bei einer Geburt von oben herab. Denn dazu gehört es als erstes, dass wir das Leid annehmen, uns selber loslassen und etwas geschehen lassen. Wir sagen „Ja“ und halten den Schmerz aus.

Einfach ist das nicht. Es ist ein schmaler Pfad, den wir nicht so gerne gehen, ein dunkler Tunnel, der uns vielleicht sogar Angst macht. Wir suchen normalerweise breitere und hellere Wege. Davon gibt es ja viele. Wir können uns z.B. ablenken und zerstreuen. Unsere Fantasie ist immer aktiv, wir lesen, sehen, hören und denken ständig etwas Neues. Und langsam gibt es auch wieder mehr Möglichkeiten, mit anderen Menschen etwas zu erleben und zu unternehmen.

Mit der Vorstellung von der Wiedergeburt wird das alles auch nicht verurteilt. Wir sollen uns nicht vom Leben abwenden. Aus eigener Kraft heraus können wir das auch gar nicht, jedenfalls nicht so, dass dabei etwas Neues eintritt. Und darum geht es ja. Wir brauchen deshalb den, der etwas Neues in uns schaffen kann, und das ist Jesus Christus. Wir sind zum Glauben an ihn eingeladen, zum Vertrauen, dazu, auf ihn zu schauen und ihn zu lieben. Das ist der nächste Schritt. Jesus Christus ist da und er „schläft nie“.

Das hat Gerhard Tersteegen einmal sehr schön zum Ausdruck gebracht. Er war ein christlicher Mystiker, Dichter, Seelsorger und Prediger, der im 18. Jahrhundert in Mühlheim an der Ruhr lebte. Viele Lieder von ihm stehen in unserem Gesangbuch. In einem Abendlied – oder besser gesagt: einem Nachtlied – thematisiert er die Stunden in der Nacht, in denen wir nicht schlafen können. Er schlägt vor, dass wir sie zur Anbetung Gottes nutzen. Die erste Strophe lautet: „Nun schläfet man, und wer nicht schlafen kann, der bete mit mir an den großen Namen, dem Tag und Nacht wird von der Himmelswacht Preis Lob und Ehr gebracht: o Jesu Amen.“ (EG 480,1) D.h. wir sind nicht allein in der dunklen Welt, sondern werden von Gott gesehen, geliebt und bewacht. Es ist deshalb sinnvoll und ratsam, dass wir ihn „anbeten“ und ebenfalls „für ihn wachen“, uns ihm hingeben und ihn „machen lassen“.

Das kommt in der zweiten Strophe des Liedes von Tersteegen zum Ausdruck, die lautet: „Weg Phantasie! Mein Gott und Herr ist hie; du schläfst, mein Wächter, nie, dir will ich wachen. Ich liebe dich, ich geb zum Opfer mich und lasse ewiglich dich mit mir machen.“ So können auch wir beten. Dann werden wir ins Weite geführt, werden ruhig und zufrieden. Es ist wie eine „Wiedergeburt“: Wir können Altes abwerfen und bekommen neue Kraft. Uns durchströmt eine neue Energie. Unsere Seele wird geweitet, und unser Geist erhebt sich über diese Zeit hinaus.

Tersteegen drückt das in der dritten Strophe mit einem schönen Bild aus. Er sieht die Sterne, die in der Nacht funkeln, und stellt sich vor, dass er selbst ein „Sternlein“ ist, das von dem Licht Christi widerstrahlt. Er dichtet: „Es leuchte dir der Himmelslichter Zier; ich sei dein Sternlein hier und dort zu funkeln. Nun kehr ich ein, Herr rede du allein beim tiefsten Stillesein zu mir im Dunkeln.“

Das können auch wir uns wünschen und von Gott erbitten. Die Nacht ist dafür gut geeignet. Denn dann ist es meistens still und wir sind nicht abgelenkt. Es muss auch immer wieder geschehen, denn wir werden durch den Glauben an Jesus nicht ein für alle Mal „von oben herab geboren“ und sind damit dann für den Rest unseres Lebens neue Menschen. Es ist vielmehr ein Vorgang, der sich wiederholt. Die neue Geburt ist ein lebenslanger Prozess.

Wahrscheinlich hat Nikodemus das alles auch erfahren. Was Jesus ihm in dem nächtlichen Gespräch erklärt hat, ist wahr geworden. Er hat sich darauf eingelassen und wurde sein Jünger. Zweimal taucht er noch im Johannesevangelium auf. Das eine Mal verteidigte er Jesus in einem Streitgespräch mit anderen Pharisäern und gab sich als sein Anhänger zu erkennen. (Joh. 7, 50)

Das andere Mal war nach dem Tod Jesu. Nikodemus half bei der Abnahme Jesu vom Kreuz und brachte zur Bestattung ein wohlriechendes Harz mit. Damit bekannte er, dass er in Jesus Gott ganz neu gefunden hatte und mit dem Heiligen Geist erfüll war. (Joh. 19, 39)

Das nächtliche Gespräch mit ihm hatte sich also gelohnt, es hat ihm eine tiefe Erkenntnis geschenkt, Klarheit und Orientierung.  

Amen.

Ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Predigt über Hesekiel 34, 1- 16. 31: Die schlechten Hirten und der rechte Hirte

2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 18.4.2021

9.30 und 11 Uhr Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wir reden zurzeit viel über Vertrauen. So gab es dazu am Sonnabend vor zwei Wochen auch in der Zeitung einen langen Artikel. Und darunter war eine Statistik abgedruckt, „wem die Deutschen vertrauen“. Die Polizei stand mit 84% ganz oben, private Rundfunksender mit 19% ganz unten. Die Bundesregierung lag mit 61% im mittleren Feld. Das Vertrauen in die Politik sei mit Beginn der Pandemie stetig gesunken, hieß es. Dabei sind wir gerade jetzt darauf angewiesen. Doch wem können wir noch vertrauen? Den Zeitungen, der Wirtschaft oder den Gewerkschaften? Sie kommen in der Statistik noch schlechter weg als die Regierung.

Und was ist mit den Kirchen? Sie stehen erschreckender Weise an vorletzter Stelle! Das kann natürlich damit zusammenhängen, dass sowieso nur noch ungefähr die Hälfte aller Bürger und Bürgerinnen zur Kirche gehören, aktiv beteiligen sich sogar noch weniger. Die Mehrheit der Bevölkerung kann schlicht und ergreifend nichts mit uns anfangen. Vielleicht hätte man deshalb eher fragen sollen, wieviel Gottvertrauen die Menschen haben.

Aber das passt wohl nicht in so eine Umfrage, denn es gibt „einen entscheidenden Unterschied zwischen Gottvertrauen und politischem Vertrauen. Gottvertrauen ist bedingungslos. Es ist an keine Erwartungen geknüpft. Politisches Vertrauen dagegen muss man erwerben, rechtfertigen, zurückgeben.“ So stand es in dem Artikel. („Verlass dich darauf!“ von Thorsten Fuchs, Wochenendjournal von Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung, Sonnabend/Sonntag, 3./4. April 2021, S. 1)

Diese Einsicht hatte auch schon der Prophet Hesekiel. Er lebte in einer Zeit, in der es ebenfalls schwer war, den Politikern zu vertrauen, sie hatten es verspielt, und er lädt deshalb dazu ein, sich ganz auf Gott zu verlassen. Das kommt in einem Abschnitt aus Kapitel 34 zum Ausdruck, in dem es um „schlechte Hirten und den rechten Hirten“ geht. Das ist heute unser Predigttext, der folgendermaßen lautet:

Hesekiel 34, 1- 16. 31:

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
3 Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.
4 Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
5 Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten ha
ben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.
6 Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.
7 Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort!
8 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten,
9 darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort!
10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.
13 Ich will sie au
s allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.
14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.
15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.
16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Das ist ein Teil aus der sogenannten „Hirtenrede“ des Propheten Hesekiel. Sie beginnt mit dem Versagen der „Hirten Israels“. Der Prophet hatte viel an den Verantwortlichen für das Volk auszusetzen. Er meint damit die politischen und religiösen Führer, also den König und die Priester, die damals ganz ähnliche Aufgaben und Verantwortungsbereiche mit viel Macht und Einfluss hatten. Heutzutage sind Staat und Kirche getrennt, das kannte das Alte Testament aber noch nicht.

Was Hesekiel nun den „Hirten“ vorwirft, ist ihr Egoismus und ihre Genusssucht, die Vernachlässigung der Schwachen und die Unterdrückung der Starken. Sie führten das Volk nicht, sondern bereicherten sich selber. Anstatt die Menschen zu sammeln und zu vereinen, überließen sie sie der Verwahrlosung.  

Mit all dem spielt der Prophet auf die Katastrophe von 587 vor Christus an, als der König von Babel das Land erobert und den Tempel zerstört hatte. Israel hatte damit seine Eigenstaatlichkeit verloren, und die Menschen waren zerstreut. Hesekiel lebte mit dem Volk Israel bereits im Exil. Sie litten natürlich unter dieser Situation und waren traurig. Deshalb denkt der Prophet darüber nach, und er deutet das Geschehene als ein Versagen der politischen und religiösen Führer. Die „Hirten“ haben in der langen Geschichte Israels versäumt, was eigentlich ihr Amt gewesen wäre. Das ist sein Vorwurf.

Und so enthält seine Rede zuerst ein Scheltwort. Daran schließt sich die Ankündigung des Gerichtes über die treulosen Hirten an. Aber dann folgt das eigentliche Ziel des Textes, die Zusage, dass Gott selbst sich seines Volkes annehmen wird. Damit möchte der Prophet seine Mitmenschen trösten und ihnen eine Perspektive geben: Gott wird eingreifen, und sein Verhalten wird ganz anders sein, als das der menschlichen Führer.

Er wird ihr Leid beenden. Es soll ihnen allen gut gehen, er verspricht ihnen Reichtum und Fülle. „Verlorene wird er finden, Verirrte zurückbringen, Verwundete verbinden und Schwache stärken.“ Er wird immer bei ihnen bleiben und sich um sein Volk kümmern, sie beschützen und bewahren und ihnen den rechten Weg zeigen. Das ist die Verheißung des Propheten Hesekiel an sein Volk, die mit dem Satz zusammengefasst wird: „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.“

Für uns Christen hat sich diese Verheißung erfüllt. Denn wir glauben, dass Gott durch Jesus Christus in dieser Weise bei uns ist. Er ist der „gute Hirte“ , und wir sind seine Herde. (Johannes 10,11.14) Auch die Kirche dürfen wir so verstehen. Eigentlich ist sie der Ort und die Gemeinschaft, an dem das erlebbar wird.

Doch offensichtlich ist das nicht der Fall, sonst würden viel mehr Menschen Vertrauen in die Kirche haben. Und das wäre auch gut, denn das brauchen wir dringend, gerade in dieser Zeit. Was können wir also dazu tun, damit die Kirche ein Ort ist, an dem die Menschen in Berührung mit Gott kommen, sich an seiner Gegenwart erfreuen und neuen Mut schöpfen?

Das müssen wir uns fragen, und dafür gibt uns der Text auch einen Hinweis, indem er nämlich den Kontrast zwischen den menschlichen Hirten und dem „wahren Hirten“ hervorhebt. Das können wir gut auf uns anwenden. Unsere „Hirten“ sind zwar nicht so egoistisch und rücksichtslos, wie Hesekiel es beschreibt, aber mit dem Gottvertrauen hapert es ebenfalls oft. Auch wenn sie die Schwachen nicht vernachlässigen und es nicht böse meinen, vertrauen sie oft doch eher auf ihre eigene Kraft. Die unbegrenzten Möglichkeiten Gottes werden gerne ignoriert. Und dadurch ist alles sehr menschlich und eigenwillig geworden. Pastorinnen und Mitarbeiter, Oberkirchenräte und Theologinnen, sie alle trauen sich selber am ehesten zu, die Menschen zu versammeln und ihnen Gutes zu tun. Professionelle Methoden, Ideen und Strategien stehen im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns.

Aber nicht umsonst hat Luther für ein Priestertum aller Gläubigen plädiert, d.h. es kommt auf alle an, jeden und jede Einzelne. Und sie müssen nicht besonders gut ausgebildet sein, sondern hauptsächlich auf Gott vertrauen. Entscheidend ist der lebendige Glaube, das Wissen um Gottes Gegenwart und sein Handeln. Dem müssen wir Raum geben.

Und das kommt nicht einfach nur so, dafür müssen wir uns Zeit nehmen und es auch einüben. Denn es ist eine andere Art des Vertrauens als das rein menschliche oder politische, es ist „bedingungslos und ohne Erwartungen“. Und das heißt, wir müssen alle Erwartungen an andere oder an das Leben zunächst einmal loslassen, nichts mehr wollen oder selber machen.

Das ist nicht so ganz leicht, weil wir uns eigentlich immer etwas wünschen und uns dafür dann einsetzen. Das Leben ist nie ganz so, wie wir es gern hätten, und das macht uns zu schaffen. Wir wollen etwas dagegen tun, denn wir leiden unter unserer Kümmerlichkeit und Schwäche, an unseren Grenzen, unserer Sehnsucht und vielem mehr. Doch anstatt das unbedingt abschaffen zu wollen, wäre es gut, wenn wir es zunächst einmal aushalten, unsere Unzufriedenheit, die Ängste, die Traurigkeit usw. Das wäre der erste Schritt zu einem lebendigen Gottvertrauen, dass wir all das Schwere im Leben einfach nur wahrnehmen, es anschauen und ertragen.

In einem zweiten Schritt können wir es vor Gott bringen und uns vorstellen, dass er uns auf eine „fette Weide“ führen möchte. Er ist da, und seine Gegenwart ist wie das schöne Land von dem der Prophet spricht. In unserer Phantasie können wir uns die Wirklichkeit Gottes als hohe Berge und lichte Täler vor Augen führen, blühende Wiesen und üppige Felder. Wir können dort verweilen und es uns gut gehen lassen, im Geiste spazieren gehen, uns versorgen lassen und „schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist.“

Dann verschwinden ganz von selber alle „trüben und finsteren“ Gedanken und Gefühle. Wir werden gestärkt und aufgerichtet, „das Verwundete wird verbunden und das Verirrte wird zurückgeführt.“

Und wenn das alle tun, die zur Kirche gehören, dann werden Menschen ganz von alleine Vertrauen in unsere Gemeinschaft fassen. Denn dann können sie bei uns erleben, dass sie gehalten und behütet sind, beschützt und geliebt. Und wer weiß, vielleicht rücken wir dadurch in der Statistik „wem die Deutschen vertrauen“ auch wieder weiter nach oben.

Möge Gott selber uns dazu verhelfen. Amen.

Das Ja zum Kreuz Christi

Predigt über Jesaja 52, 13- 15; 53, 1- 12: Das stellvertretende Leiden und die Herrlichkeit des Gottesknechtes

Karfreitag, 2.4.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche

Liebe Gemeinde.

„Wer weiß, wofür das gut ist.“ Das sagen Eltern gerne zu ihren heranwachsenden Kindern, wenn diese bereits Pläne haben und eigene Wege gehen. Sie wünschen sich vieles, haben Träume und malen sich in der Phantasie aus, wie ihr Leben verlaufen soll. Doch das klappt nicht immer so, wie sie es erhoffen: Beziehungen zerbrechen oder kommen gar nicht erst zu Stande, Bewerbungen werden abgelehnt, die Fähigkeiten reichen nicht aus, um die Ziele zu erreichen, Ideen erweisen sich als nicht tragbar usw. Als Erwachsene kennen wir das bereits, haben aber oft auch die Erfahrung gemacht, dass ein Scheitern noch lange nicht das Ende des Lebens bedeutet. Im Gegenteil, es war gut, denn dadurch haben sich andere, bessere Wege eröffnet. Rückblickend stellt sich jedenfalls vieles ganz anders dar, so dass wir manchmal sogar dankbar dafür sind, dass unsere ursprünglichen Vorhaben nicht Wirklichkeit wurden. Oft legen wir uns die Dinge im Nachhinein auch so zurecht, dass alles zusammenpasst und einen Sinn ergibt.

Die ersten Christen taten das ebenso, denn sie mussten ein tragisches Ereignis verarbeiten, das sie tief erschüttert hatte: Es war der Kreuzestod Jesu. Warum musste der, dem sie vertraut und den sie verehrt hatten, der ihnen so viel Gutes gebracht hatte, der sie geliebt und befreit hatte, so schändlich sterben? Warum hat er sich nicht gewehrt, warum hat die Gemeinheit gesiegt, die Bosheit und Ungerechtigkeit? Was war der Sinn für diese katastrophale Niederlage? Das fragten sie sich, und dabei stießen sie auf Texte im Alten Testament. Das hatte Jesus ja selber oft zitiert. Er hatte sich auf die Verheißungen der Propheten berufen, um seine Sendung zu erklären und zu rechtfertigen. So lag es nahe, auch nach seinem Tod die Schrift zu Rate zu ziehen. Und die Apostel fanden etwas, das passte haargenau auf sein Schicksal. Es sind die sogenannten Gottesknechtslieder im Buch des Propheten Jesaja. Es gibt davon vier, und sie handeln alle von einem Mann, der von Gott für einen besonderen Auftrag auserwählt wurde. Seine Aufgabe war es, die Müden aufzurichten, die Gefangenen zu befreien, Israel zu sammeln und den Heiden das Licht zu bringen. Gott gab ihm dafür seinen Geist und verlieh ihm eine besondere innere Kraft. Die brauchte er auch, denn er wurde nicht von allen geliebt. Anfeindungen kamen auf ihn zu, er wurde verfolgt und gedemütigt. Er geriet in schweres Leid. Und weil all das genau das Schicksal Jesu beschreibt, wurden diese Texte als eine Vorhersage verstanden. In dem vierten Lied ergeht es dem Gottesknecht am schlimmsten, denn es beschreibt seinen Tod. Es ist deshalb die alttestamentliche Lesung für Karfreitag und heute unser Predigttext. David liest ihn uns jetzt vor.

Jesaja 52, 13- 15; 53, 1- 12

5213 Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.
14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder,
15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.
53 1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?
2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.
7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.
8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war.
9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.
10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.

11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.
12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“

Das ist der Abschnitt aus dem AltenTestament für den heutigen Tag. Hier ist von einem Menschen die Rede, der vollkommen aus dem Rahmen fällt, der als Gegenbild zu jeglicher Menschengröße und Menschenehre erscheint. Er war keine interessante Figur, keine eindrucksvolle Persönlichkeit, sondern ein Außenseiter, der von seiner Umgebung verachtet und gemieden wurde, weil er Krankheit und Schmerzen erlitt, gebrandmarkt durch Qualen, ausgestoßen aus der menschlichen Gemeinschaft, zerschlagen, gestorben und ehrlos begraben. Doch ausgerechnet er wird von Gott erwählt, erhöht und zum Sieger erklärt. Denn alles Übel, alle Schuld zieht er auf sich, so dass die wirklich Schuldigen wegen seiner Leiden Gesundheit und eine unangefochtene soziale Stellung behalten. 

Das erfahren wir hier. Doch von wem redet der Prophet eigentlich? Das ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es kann sein, dass er sich selber meint, vieles lässt darauf schließen. Seine Worte beschreiben jedenfalls genau das Prophetenamt, denn oft gehörten Anfeindungen und Schmähungen dazu. Das erfuhren die Propheten in Israel nicht selten. Sie erlitten Schläge und Beschimpfungen, Spott und Hohn, wurden gefangen, gefoltert und gelegentlich sogar hingerichtet. Darunter litten sie natürlich und beklagten sich auch oft.

Doch hier liegt nun erstaunlicher Weise keine Klage vor, sondern ein Bekenntnis der Gemeinde. Es wird betont, dass der Prophet trotz allem an Gott festhielt und das Leid annahm. Auch die Wirkung seines Todes wird beschrieben: Sie weist weit über das Geschehen hinaus, in eine andere Zeit, in die Zukunft oder sogar in eine andere Wirklichkeit. „Er wird das Licht Gottes schauen und die Fülle haben.“ So ist das formuliert. Und sein Leiden hat einen Sinn für die Vielen: Er tut es stellvertretend für sie, er nimmt die Sünden der Menschheit auf sich, um ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen. 

Das sind die Worte Jesajas, und es liegt nahe, dass die ersten Christen in dem Geschick dieses Mannes eine Vorhersage für das Leben und Sterben Jesu sahen, denn genauso ist es ihm ergangen.

Aber können wir damit noch etwas anfangen? Jesu Tod als Sühne für unsere Sünden zu verstehen, stößt heutzutage bei vielen Menschen auf Ablehnung. Wir haben keine Opferreligion mehr, wie im alten Israel. Und die Vorstellung, dass Gott seinen Sohn absichtlich hinrichten ließ, ist uns viel zu grausam und zu brutal. Das wollen wir nicht mehr hören, und es fällt uns schwer, das zu glauben.

Doch was machen wir dann mit dem Kreuzestod Jesu? Wir kommen um diese Tatsache, dass er so schmählich gestorben ist, nicht herum. Wir müssen also bedenken, welchen Sinn das ergeben soll. Und wir können in dem Vorgehen der ersten Christen auch eine Möglichkeit der Annäherung entdecken, selbst wenn uns die Vorstellung vom Sühnetod nicht behagt. Denn sie haben „Ja“ zu seinem Sterben gesagt. Sie haben das Kreuz Jesu angenommen und versucht, einen verborgenen Sinn darin zu entdecken. Rückblickend haben sie erkannt, wofür er gut war, und waren dafür dankbar. Und dabei haben sie nicht einfach nur von außen darauf geblickt und eine Theorie entwickelt, sondern sie haben sich in das Geschehen hineinbegeben und ihre eigenen Nöte mitgebracht. Sie haben geglaubt, dass der Tod Jesu ihnen das Heil bringt, und dem Gekreuzigten „ihre Herzen geschenkt“.

So hat Friedrich von Bodelschwingh es 1938 in dem Lied zum Ausdruck gebracht: „Nun gehören unsere Herzen ganz dem Mann von Golgatha“. (EG 93) Er ist davon ausgegangen, dass es das „Geheimnis des Gerichtes über aller Menschen Schuld“ gibt, und dass Jesus darin eingeweiht war. Und das ist auch nicht schwer, denn dass wir Gott nicht gerecht werden, wissen wir alle. Wir haben unzählige Fehler, sind schwache, unvollkommene Menschen und sterben eines Tages. Vieles von dem, was wir im Leben verkehrt machen, bleibt ungeklärt und ungesühnt, wir nehmen es mit ins Grab. Doch wir müssen deshalb nicht verzweifeln. Es ist vielmehr wichtig, dass wir das zugeben und uns gleichzeitig vor dem Kreuz Christi „verneigen“. Dann kann seine geheime Kraft wirken. Wir müssen „mit Jesus sterben“, dann haben wir auch an seinem Sieg Anteil. (Römer 6,5-11)

Denn den hat er auf Golgatha errungen. Er hat nicht nur „das Gericht“ und den Tod gesehen, sondern auch „das Geheimnis des neuen Lichtes“, das ewige Erbarmen Gottes, das bei seinem Sterben bereits aufstrahlte. Und er hat damit die „Hölle“ und die „Lügenmächte“ überwunden: Ihr Triumph ist nur eine Illusion, denn Christus ist durch das „Tor des Sterbens“ hindurch gedrungen, „und die sonst des Todes Kinder, führt zum Leben er empor.“ Mit seinem Sterben bietet Jesus uns die Gnade Gottes an, das Heil und das ewige Lebe, und es tut gut, wenn wir es entgegennehmen. Das will unser Text uns sagen, und auch Bodelschwingh mit seinem Lied.

Er hat auch noch weitere hilfreiche Worte gefunden, die uns zum Kreuz Christi einen Zugang eröffnen. Denn er spricht vom „heilgem Stilleschweigen“ und lädt dazu ein. Wir sollen uns „tief und tiefer vor dem Wunder verneigen, das geschah.“ Und das ist ein guter Ratschlag, denn dann hören wir auf, über all das, was uns zu schaffen macht, zu grübeln. Gerade in einer Krise, wie wir sie z.Zt. erleben, ist das hilfreich. Wir wissen jetzt nicht, wofür sie gut ist. Es ist ein riesengroßes Desaster, und wir sind mit unserem Latein langsam am Ende. Das erleben wir auch in anderen Situationen, denn wir kennen das Scheitern und die Niederlage, das Zerplatzen von Träumen und die Unerfüllbarkeit von Wünschen. Aber gerade dann, wenn es uns so geht, ist es gut, einfach beim Kreuz Christi zu „stehen“, um den „Anblick seiner Gnad“ zu bitten und ihn zu umarmen, wie Paul Gerhard sagt. (EG 85,4.6)

Sein Tod war noch viel unbegreiflicher und ungerechter als alles, was wir erfahren. Trotzdem – oder gerade deshalb – sind wir eingeladen, dazu ja zu sagen und mit Bodelschwingh zu beten: „Ja, wir danken deinen Schmerzen; ja, wir preisen deine Treu; ja, wir dienen dir von Herzen; ja, du machst einst alles neu.“ (EG 93,4)

Dann merken wir selber, „wozu das Kreuz gut war“. Es war kein Scheitern, sondern hat neue Wege eröffnet. So lasst uns rückblickend dafür dankbar sein und uns der geheimen Wirkung des Kreuzestodes Jesu überlassen. Amen.

Nun gehören unsre Herzen
ganz dem Mann von Golgatha,
der in bittern Todesschmerzen
das Geheimnis Gottes sah,
das Geheimnis des Gerichtes
über aller Menschen Schuld,
das Geheimnis neuen Lichtes
aus des Vaters ewger Huld.

Nun in heilgem Stilleschweigen
stehen wir auf Golgatha.
Tief und tiefer wir uns neigen
vor dem Wunder, das geschah,
als der Freie ward zum Knechte
und der Größte ganz gering,
als für Sünder der Gerechte
in des Todes Rachen ging.

Doch ob tausend Todesnächte
liegen über Golgatha,
ob der Hölle Lügenmächte
triumphieren fern und nah,
dennoch dringt als Überwinder
Christus durch des Sterbens Tor;
und die sonst des Todes Kinder,
führt zum Leben er empor.

Schweigen müssen nun die Feinde
vor dem Sieg von Golgatha.
Die begnadigte Gemeinde
sagt zu Christi Wegen: Ja!
Ja, wir danken deinen Schmerzen;
ja, wir preisen deine Treu;
ja, wir dienen dir von Herzen;
ja, du machst einst alles neu.

Friedrich von Bodelschwingh 1938

Jesus – der Anfänger und Vollender des Glaubens

Predigt über Hebräer 11, 1- 2. 39b. 40; 12, 1-3: Der Weg des Glaubens

Palmsonntag, 28.3.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wer außergewöhnliche Leistungen vollbringt, wird gern als Held oder Heldin bezeichnet. Das sind Personen, die mit besonderer körperlicher Kraft ausgestattet sind, wie z.B. Schnelligkeit, Stärke oder Ausdauer. Oft haben sie auch herausragende geistige Gaben, wie Mut, Aufopferungsbereitschaft und Tugendhaftigkeit. Sie kämpfen für Ideale und setzen sich für andere ein. Dadurch erlangen sie Ruhm und erheben sich über den Durchschnittsmenschen. Es können Politikerinnen oder Wissenschaftler sein, Umweltschützerinnen, Ärzte usw. Sie werden oft zu Stars, d.h. sie kommen groß heraus, ziehen die Menschenmassen an und werden vom allgemeinen Volk verehrt. Dasselbe gilt für hervorragende Sportlerinnen und Schriftsteller, Künstler und gelegentlich auch Theologen oder religiöse Menschen.

Von ihnen erzählt uns z.B. die Bibel. Viele Personen, die darin vorkommen, sind in aller Welt bekannt. Über die Jahrhunderte hinweg wurden ihre Geschichten verbreitet, so dass ihre Namen zum kollektiven Gedächtnis der Menschheit gehören. Dazu zählen z.B. Noah, Abraham und Mose, ebenso Jakob, Josef und David.

Im elften Kapitel des Hebräerbriefes wird an viele dieser alttestamentlichen Berühmtheiten erinnert. Dabei ist das Kriterium für die Zusammenstellung allerdings nicht eine hervorragende Leistung oder Fähigkeit, d.h. es sind keine Helden oder Heldinnen. Im Gegenteil, es waren ganz normale Menschen mit Schwächen und Fehlern, Ängsten und Zweifeln. Der Schreiber zählt sie auch nicht auf, damit wir sie bewundern. Es geht ihm vielmehr um den starken Glauben, den sie alle hatten, um ihre besondere Frömmigkeit und ein großes Gottvertrauen. Denn dazu will er einladen, weil er das für das wichtigste im Leben hält.

Sein Kapitel beginnt deshalb mit einer Erklärung, was überhaupt Glaube ist. Er geht dann über zu den verschiedenen Beispielen und beendet seine Ausführungen mit der Einladung an uns, ebenfalls so zu glauben. Ich lese den Anfang von Kapitel elf und das Fazit, das am Anfang von Kapitel zwölf steht. Diese Verse sind heute unser Predigttext und sie lauten folgendermaßen:

Hebräer 11, 1- 2. 39b. 40; 12, 1-3

11 1Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.
2 Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen,
39b und doch nicht erlangt, was verheißen war,
40 weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden.
12 1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Das ist der Predigttext, und wir wollen zunächst versuchen, ihn zu verstehen: Am Anfang steht ein grundsätzlicher Satz über das Wesen des Glaubens: Er bedeutet, dass man auf etwas hofft und ganz fest darauf vertraut, obwohl man es nicht beweisen kann. Man wurde von Tatbeständen überführt, die nicht sichtbar sind. Denn ein Stück des Erhofften ist als geheime Kraft schon wirklich. Der Glaube selbst wird der Beweis für das, was man nicht sehen kann.

Dieser Gedanke wird durch den Hinweis auf die Vorväter eingeschärft: Die Schrift stellt vielen Menschen aus früherer Zeit für ihren Glauben ein gutes Zeugnis aus. Sie hatten diese Art des Glaubens und dienen deshalb als Vorbilder. Dabei hielten sie nicht einfach nur etwas für wahr, was in Wirklichkeit unsicher war, sondern sie hatten durch den Glauben eine feste Grundlage. Da war nicht etwas möglich und scheinbar, was insgesamt fraglich blieb, sondern das Erhoffte war für sie wirklich und tragfähig.

Trotzdem fehlte ihnen noch etwas. Die endgültige Verheißung hatten sie noch nicht empfangen, denn Gott hatte noch einen besseren Plan. Er wollte, dass alle Menschen das Ziel erreichen, das er für sie vorgesehen hat, also auch wir. Nur mit uns zusammen sollen die Menschen aus der Vergangenheit zur Vollendung kommen.

Darum sind auch wir gefragt, ob wir den „Kampf des Glaubens“ auf uns nehmen wollen. D.h. wir sollen unser Leben mit Gott leben und alles, was uns dabei behindert und belastet, ablegen, besonders die Sünde. So fährt der Schreiber des Hebräerbriefes fort, nachdem er wie gesagt, die Glaubens-Stars und Helden aufgezählt hatte. Wie könnten wir in Gleichgültigkeit verharren, wenn wir von ihnen hören? Das ist sein Gedanke. Sie umgeben uns wie eine „Wolke“, d.h. wie eine dicht gedrängte Schar, durch die wir nicht allein sind, sondern zu einer verschworenen Gemeinschaft gehören und angespornt werden.

Die entscheidende Kraftquelle aber ist der Aufblick auf den gekreuzigten Jesus. Er führt den langen Zug aller Glaubenden durch die Geschichte an bis in den Himmel hinein, d.h. mit ihm fängt glaubensmäßig alles an und mit ihm wird alles irgendwann aufhören. Und das kommt daher, dass er eine außergewöhnlich starke Gottesbindung hatte. Er hielt den Glauben durch, auch noch am Ende, als ihm Gott fragwürdig geworden war. Er hatte als Sohn eine besondere Berufung, und darin hat er sich bewährt. Selbst in der Verzweiflung übernahm er noch Verantwortung. Als Auserwählter hätte er sich auch für Freude und Freiheit vom Leid entscheiden können, doch das tat er nicht, sondern ertrug geduldig das Kreuz. Er war sich dafür nicht zu schade. Und dadurch wurde er erhöht. Trotz seines schändlichen Endes hat er sich rechts neben Gottes Thron gesetzt und eine unbegrenzte Vollmacht bekommen.

So kann er auch unser Verhalten bestimmen und uns befreien. Dieser Wahrheit sollen wir uns stellen. Wir sollen bedenken, was Jesus an gemeinen Anwürfen der Gottlosen ertragen musste, welchen Demütigungen er ausgesetzt war. Dann werden auch wir nicht so schnell nachlassen und müde werden. Es wird uns aufbauen und uns helfen, auszuhalten. Denn Jesus ist der Maßstab und das Vorbild, das uns beflügeln kann. Von ihm kommt die erforderliche Kraft, die wir brauchen, um in dem verordneten Kampf durchzuhalten.

Das ist das, was unser Predigttext uns sagen möchte.

Im Tagzeitengebet der Kirche ist aus diesem Abschnitt im Hebräerbrief deshalb ein Eingangsspruch für das Morgenlob geworden. Er lautet: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Herr, unser Gott, wir danken Dir für die Ruhe der Nacht und das Licht dieses neuen Tages. Lass uns bereit sein, Dir zu dienen, lass uns wach sein für Dein Gebot.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Evangelische Michaelsbruderschaft, Göttingen, 6. überarbeitete Auflage 2020, S. 265)

Dieses Gebet können wir am Morgen sprechen, und das ist eine gute Idee. Wir beginnen den Tag dann anders, als wenn wir uns einfach in unseren Alltag oder unsere Aufgaben stürzen. Wir halten inne und bedenken, dass sowohl die Nacht als auch der Tag von Gott kommen, dass er uns die Zeit schenkt, die jetzt vor uns liegt. Und damit werden wir automatisch auf das hingewiesen, was wirklich trägt und hält, was zählt und wichtig ist. Es stärkt unseren Glauben und zeigt uns, wo es lang geht.

Wichtig ist dabei die Ermunterung zur Nüchternheit und Wachsamkeit, die Bitte darum, „abzutun, was uns träge macht“. Wir können das noch erweitern und auch an alles denken, was uns ärgerlich oder traurig macht, verspannt oder ängstlich, gestresst und krank. Wir bringen alles vor Gott, was uns behindert und belastet, lassen es los und „legen es ab“. Wir gründen uns stattdessen auf das, „was man nicht sieht, was wir erhoffen und glauben“.

Und das tut gerade in Krisenzeiten gut, wenn wir bedrängt sind und uns das Leben nicht gefällt. Zurzeit ist das ja der Fall: Viele von uns leiden und sind unzufrieden, fühlen sich einsam und müde. Neu ist dieser Zustand nicht, wir kennen ihn auch durch andere Vorkommnisse. Es gibt unzählige Faktoren, die uns das Leben schwer machen, und oft kreisen unsere Gedanken dann darum.

Doch das muss nicht sein, es gibt eine Möglichkeit, das alles zu relativieren: Wir müssen nur auf Jesus blicken und mit ihm beten. Er hat das auch getan, als es ihm schlecht ging. Sein Gebet in Gethsemane ist dafür ein wunderbares Beispiel. Es war in der Nacht vor seiner Gefangennahme. Da wusste er, was ihm bevorstand, und hatte natürlich Angst davor. Aber er hat sich trotz aller Verzweiflung an Gott gehalten. Er „ließ den Mut nicht sinken“ und betete: „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt.26,39b) Und das war ein großer Moment in der Menschheitsgeschichte. Es gibt dazu ein böhmisches Lied aus dem 19. Jahrhundert, in dem die kosmische Tragweite dieser Nacht besungen wird. (s.u.) Die ganze Natur nahm Anteil. Denn in Gethsemane wurde Jesus zu dem, der er heute ist, dem Überwinder des Todes und Begründer einer Weltreligion. Er hat sich durch dieses Gebet „zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt“. Wenn wir ihm in den Garten Gethsemane folgen und dasselbe Gebet sprechen, kann er uns deshalb aus allem herausziehen, was uns belastet und bedrückt, denn es verliert seine Bedeutung. Groß wird dagegen das, was wir „glauben und erhoffen“, seine Gegenwart und Kraft.

Das ist keine hervorragende Leistung, sondern eine Vertrauensübung. Wir dürfen unsere Schwäche mitbringen und sollen keine Helden der Heldinnen sein. Aber auch wenn wir nicht zu Stars werden, berühmt und bewundert, haben wir trotzdem Anteil an dem Größten, das es gibt, denn wir überwinden die Todesfurcht und gewinnen eine unerschütterliche Grundlage, die im Leben und im Sterben hält.

Amen.

Da Jesus in den Garten ging, und sich sein bittres Leiden anfing, da trauert alles, was da was, da trauert Laub und grünes Gras.
Die Feigenbäume bogen sich, die harten Fels zerkloben sich, die Sonn verlor den klaren Schein, die Vöglein lassen ihr Singen sein.
Hört zu nun alle, hört euch an: wer dieses Liedlein singen kann, der sing es Gott zu Ehr all Tag, auf dass sein Seel bleib ohne Klag.

Text und Melodie gehen auf eine 1840 in der Grafschaft Glatz gemachte Aufzeichnung zurück. Quelle für diese Aufzeichnung sind die „Ansinglieder“ Straubing 1590

Bei der Erklärung des Textes habe ich aus folgenden Übersetzungen zitiert:

  • Martin Dreyer, Die Volxbibel, München 2014, S. 2109ff, 2113
  • Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Frankfurt am Main, 2003, S.198 und 201
  • August Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD Band 9, Göttingen 1981, S. 209, 229ff

Durch Sterben zum Leben

Predigt über Johannes 12, 20- 26: Die Ankündigung der Verherrlichung

4. Sonntag der Passionszeit, Lätare, 14.3.2021, 9.30 Uhr Lutherkirche Kiel

Johannes 12, 20- 24
20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.
21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.
22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.
23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Liebe Gemeinde.

«Ein junger Mann betrat einen Laden. Hinter der Theke sah er einen Engel. Hastig fragte er ihn: „Was verkaufen Sie hier, mein Herr?“ Der Engel gab ihm freundlich zur Antwort: „Alles, was Sie wollen“. Der junge Mann dachte: ,Es ist ein Engel, also kann er mir sicher das Reich Gottes verkaufen.’
Deshalb sagte er: „Dann möchte ich gerne:das Ende der Kriege in aller Welt,
Beseitigung von Hunger und Armut,
Gerechtigkeit und Solidarität unter den Menschen,
mehr Zeit der Eltern für ihre Kindern,
immer mehr Bereitschaft, miteinander zu reden
und,…“
Doch da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: „Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich verkehrt verstanden. Wir verkaufen hier keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.“
Enttäuscht verließ er daraufhin den Laden, denn so hatte er sich das nicht vorgestellt. Seine Begeisterung verflog genauso schnell, wie sie gekommen war.»

Den Jüngern Jesu ging es sicher oft ganz ähnlich, denn er sagte ihnen immer wieder Dinge, die sie in dieser Weise nicht hören wollten. Das Evangelium von heute ist dafür ein Beispiel, denn da kündigtt er ihnen an, dass er bald sterben wird. Er spricht zwar von seiner „Verherrlichung“, aber er meinte damit seinen Kreuzestod. So wird er im ganzen Johannesevangelium verstanden: Seine Kreuzigung war zugleich seine Erhöhung, und nun war diese Stunde nahe. Das wusste Jesus und redete darüber mit seinen Jüngern.

Vor allen Dingen wollte er es ihnen erklären, und das tat er mit demselben Bild wie in der kleinen Geschichte, die ich eben erzählt habe, denn er spricht hier vom Samenkorn, aus dem etwas wächst, wenn man es in die Erde legt. Er sagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Das ist sein Gleichnis, das er auch schon an anderen Stellen verwendet hat, und damit beschreibt er seinen Tod und dessen Wirkung. Er wird nicht sinnlos sein, sondern Frucht tragen und neues Leben bewirken. Sein Sterben wird den Menschen das Heil bringen.

Er sagt seinen Jüngern das, um sie darauf vorzubereiten, denn für sie gelten dieselben Gesetzmäßigkeiten. Sie sollen seinen als auch ihren eigenen Tod annehmen und sich ganz auf ihn verlassen. Das ist die Aufforderung Jesu, und sie ist eine starke Zumutung an die Hörer und Hörerinnen. Er fordert sie bewusst heraus, wie er es ja oft getan hat. Wer zu Jesus gehören will, muss sich für ihn entscheiden und ihm auf dem Weg zum Kreuz folgen, d.h. er muss bereit zum Leiden und Sterben sein. Nur dann wird er dort hinkommen, wo Jesus sein wird: in die Herrlichkeit des Vaters, zu Gott.

Das Gleichnis vom Samenkorn veranschaulicht diese Regel sehr schön. Es muss ja sterben, um Frucht zu bringen, es muss in die dunkle Erde, um dann wieder ans Licht zu gelangen, zu wachsen und zu reifen: „Allein das Weizenkorn, bevor es fruchtbar sprosst zum Licht empor, wird sterbend in der Erde Schoß, vorher vom eignen Wesen los“. So hat es der reformierte Theologe und Kirchenliederdichter Samuel Preiswerk 1829 in einem Lied formuliert. Er dachte dabei an dieses Wort Jesu und dichtete weiter: „Du gingest, Jesu, unser Haupt, durch Leiden himmelan und führest jeden, der da glaubt, mit dir die gleiche Bahn.“ (EG, Ausgabe für Baden, Elsass und Lothringen, 606) Wer sich also nach Heil und Erlösung sehnt, muss leidensfähig und geduldig sein, anspruchslos und ruhig.

Das ist hier die Botschaft und die Ermahnung, und die geht uns möglicherweise gegen den Strich, denn natürlich hätten wir es gerne anders. Wir würden genauso wie der junge Mann, von dem ich am Anfang erzählt habe, am liebsten das Ende der Kriege in aller Welt kaufen, Hunger und Armut in einem Nu beseitigen, Gerechtigkeit und Solidarität unter den Menschen herbeiführen, Eltern dazu zwingen, mehr mit ihren Kindern zu spielen, die Menschen dazu bewegen, mehr miteinander zu reden usw.

Auch persönliches Glück, Zufriedenheit und Wohlstand würden wir am liebsten selber herstellen. Wir versuchen das alles auch dauernd, die einen mehr, die anderen weniger. Irgendwo ist jeder und jede von uns engagiert: In der Gemeinde, in der Familie, am Arbeitsplatz. Durch genügend Eifer, Leistung, Geld, und die richtigen Programme wird es schon gelingen, diese Welt und unser Leben zu verbessern. Das ist eine weit verbreitete Meinung.

Aber so einfach ist es eben nicht. Der Weg zum Heil und zum Frieden geht ganz wo anders lang, das will Jesus uns hier sagen. Und obwohl seine Worte provozieren, sind sie sehr klug und wahr. Denn mit unserem Wollen und Machen geraten wir alle irgendwann an eine Grenze. Vieles erreichen wir gar nicht, und anderes vergeht wieder. Jesus hat das erkannt und er möchte deshalb, dass wir das Leben und unsere Ideen nicht unnötig festhalten, sie nicht überbewerten und immer wieder ihre Unvollkommenheit entlarven. Er lädt uns zur Nüchternheit und zur Distanz gegenüber allem Machen und Wollen ein. Wir sollen uns nicht an irgendwelche Programme binden, sondern uns immer wieder im Loslassen üben. Wer sich an seinen eigenen Gedanken und Wünschen festhält, ist nicht gut beraten, denn er hält sich an Flüchtiges und manchmal auch an Böses. Er zieht das Unvollkommene dem Vollkommenen vor, das Zeitliche dem Ewigen, und das ist kein guter Weg. Er führt nicht zum Heil.

Um das zu erlangen, sind andere Vorgänge wichtig, und von denen spricht Jesus hier. Er erinnert uns mit dem Gleichnis an das natürliche Wachstum. Das gilt es wahrzunehmen und zuzulassen. Wenn wir eine bessere Welt oder ein schöneres Leben wollen, dann können wir dafür nur die Saat legen. Wir tragen sie auch bereits in uns, wenn wir geboren werden, denn Gott hat seinen Samen in uns hineingelegt. Es ist die Fähigkeit, friedlich und geduldig zu sein, zu glauben und zu hoffen, die wir alle haben. Wir müssen sie nur entwickeln und uns darin einüben, damit sie stärker und umfassender wird.

Die Haltung, um die es im Leben geht, wenn es gelingen soll, muss vom Hören und Erkennen geprägt sein, von Ruhe und vom Zulassen. Dann geschieht viel mehr, als wir ahnen. Der Same kann wachsen, Kraft entfaltet sich, das Leben wird schön.

Wir müssen also nicht traurig sein, wenn der Weg, den wir gehen, einmal eng wird. Das ist in dieser Krise ja der Fall. Wir leiden darunter in verschiedener Hinsicht. Auch in anderen Notlagen ist das so. Sie fühlen sich oft wie ein Sterben an. Aber das muss uns nicht niederdrücken, denn wir kennen Jesus, der uns treu durch alles Schwere hindurchführt. Er hat uns gerufen, und es gilt, unseren Blick fest auf ihn zu richten. Es ist sogar gut, wenn unser natürliches Lebensgefühl einmal in Frage gestellt wird, unser menschliches Denken und unsere weltliche Gesinnung. Gerade dann kann es sein, dass wir auf einem ganz geraden Weg sind. Wenn wir immer nur unsere eigenen Ideen und unsere Lust „pflegen“, können wir das nicht erleben. Nur wer bereit ist, sich selber auch einmal zu „verlassen“, und alles, was ihn innerlich bindet, zu lösen, findet den richtigen Weg. Wir müssen wie Pilger leben, „frei, bloß und wahrlich leer; viel sammeln, halten, handeln macht unsern Gang nur schwer.“ So hat der Mystiker Gerhard Tersteegen in seinem Pilgerlied formuliert. „Wer will, der trag sich tot; wir reisen abgeschieden, mit wenigem zufrieden; wir brauchen’s nur zur Not.“ (EG 393, 4) Das waren seine tiefe Einsicht und Entscheidung.

Aber wollen wir das auch? Wollen wir so leben und uns diese Haltung angewöhnen? Ist das nicht weltfremd und verantwortungslos, ignorant und selbstgenügsam? Was passiert denn, wenn wir alle nur noch abwarten, keiner mehr etwas tut und wir die Welt sich selber überlassen? Dann bricht doch das Chaos über uns herein, wir entziehen uns und fliehen vor der Realität. Das ist unser Einwand.

Doch das ist mitnichten so. Wir sollen uns ja nicht in uns selber zurückziehen, sondern der Kraft Gottes vertrauen. Und das ist etwas ganz anderes. Gott ist da, sein Reich hat längst begonnen. Wenn wir ihm etwas zutrauen, dann fliehen wir also nicht vor den Aufgaben, wir erfüllen vielmehr unsere christliche Pflicht. Denn wir werden von Christus dazu aufgerufen, die Dinge klar zu sehen, ihn zu erkennen und seine Kraft zuzulassen. Das möchte Gott, denn nur dann kann diese Welt so werden, wie er sie sich vorgestellt hat, nur dann kann sein Reich wachsen.

Und dass es das tut, merken wir an der Entspannung und der Freude, die er uns schenkt, wenn wir im Vertrauen auf ihn unsere Begrenztheit annehmen. Unser Leben wird dann ganz von alleine fruchtbar und kann gedeihen. Wir haben Teil am dem faszinierenden Ereignis der „Verherrlichung“ Jesu, an seiner Auferstehung und seiner Überwindung. In sie werden wir durch den Glauben hineingenommen.

Wir werden selber zum Samen in dieser Welt. Denn Gott macht etwas mit uns, er kann uns endlich einsetzen. Wir verhindern nichts mehr und stoßen auch an keine Grenzen. Wir erleben vielmehr, wie die Liebe wächst und der Frieden gedeiht.

Wir müssen also nicht enttäuscht sein, wenn uns „nur“ Samen angeboten werden. Sie sind das größte, was es gibt, denn sie bergen ein Geheimnis und ein Wunder: Es ist das Geheimnis des Wachsens, das ohne unser Zutun geschieht, und das Wunder der Frucht, die dabei herauskommt. Wir sollten sie deshalb willig annehmen und zu Jesus beten: „Du starbest selbst als Weizenkorn und sankest in das Grab. Belebe denn, o Lebensborn, die Welt, die Gott dir gab.“ (s.o.)

Amen.

So ist Versöhnung

Predigt über Jesaja 5, 1- 7: Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

2. Sonntag der Passionszeit: Reminiszere, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Menschen können singen und das tun sie aus ganz verschiedenen Anlässen: Wenn sie sich freuen und wenn sie traurig sind, aus Wut oder aus Begeisterung, um etwas zu erzählen oder zu vergessen. So gibt es Klage- und Loblieder, Dank- und Liebeslieder, Kampflieder, Balladen und vieles mehr. Wir besingen unsere Gefühle und Gedanken, unsere Erfahrungen und Einsichten. Und das tun wir, weil ein Lied noch mehr sagen kann, als das gesprochene Wort. Es berührt uns viel intensiver, spricht tiefere Schichten in unserer Seele an und inspiriert uns. Deshalb gibt es seit Menschengedenken Lieder, und viele aus uralten Zeiten sind auch überliefert. In der Bibel sind es die Psalmen, die alles enthalten, was Menschen in Lieder fassen können. Und verstreut finden wir noch etliche weitere, so z.B. bei den Propheten. Sie haben nicht nur geredet und gepredigt, sondern oft auch gesungen und zwar öffentlich.

Unser Predigttext von heute ist so ein Lied, das der Prophet Jesaja wahrscheinlich in Jerusalem vor dem Tempel gesungen hat, so dass alle es hören konnten. Es ist das sogenannte „Weinberglied“ und lautet folgendermaßen:

Jesaja 5, 1- 7

1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.
2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!
4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.
6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.
7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Was hat es damit auf sich? Am Anfang klingt dieser Text wie ein Liebeslied, am Ende wird er zum Klage- oder sogar Drohlied. Und was will der Prophet damit sagen?

Er sang sein Weinberglied wahrscheinlich anlässlich eines Herbstfestes in Jerusalem. Da war es üblich, dass man Lieder zur Unterhaltung der Menschen vortrug, auch Liebeslieder waren dabei. Und das Bild vom Weinberg für die Geliebte war bereits ein gängiges Motiv, weil es die Liebe schön beschreiben kann: Auch hier wird ja zuerst erzählt, wie der Liebhaber alles für seine Geliebte tut: Der Weinberg war auf einer fetten Höhe angelegt, es musste also das Beste daraus werden, wenn man sich seiner sorgsam annahm. Das tat der Weinbergbesitzer und wartete dann zu Recht darauf, dass er gute Trauben brächte. So weit gehen die heiteren Töne, die dann allerdings umschlagen: Alle Mühe war vergeblich, der Weinberg setzte faule, übel schmeckende Beeren an.

Ein enttäuschter Liebhaber beklagt sich also über seine treulose und undankbare Geliebte. Er wird zum Ankläger, der das Urteil der Menge herausfordert. Doch er wartet gar nicht auf den Urteilsspruch, sondern verkündet selber die Strafe, die die Untreue treffen wird: Er wird sie links liegen lassen, wird ihr Schutz und Pflege versagen, so dass sie gänzlich verkommt. Seine Liebe schlägt in Zorn um.

Das haben die festlich gestimmten Hörer und Hörerinnen vielleicht noch mit einer gewissen Schadenfreude aufgenommen, aber dann verging ihnen das Lachen sicher. Am Ende finden sie sich nämlich auf der Anklagebank vor. Das Bild wird enthüllt, indem der Prophet sagt: „Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing.“ Jesaja will mit seinem Lied also die Liebe zwischen Gott und seinem Volk beschreiben, denn die war auch einmal innig und schön. Aber dann wurde das Verhältnis durch die Schuld des Volkes zerstört. Nicht mehr in Bildern, sondern in einer klaren und scharfen Sprache wird der Grund solcher Zerstörung benannt: Es ist die Rechtsvergessenheit des Volkes, insbesondere seiner Oberschicht, Auflehnung gegen Gott, Schlechtigkeit und Sünde. Gott hatte das Seinige zu vollem Gedeihen getan, der Mensch aber hat versagt und wird deshalb untergehen. Das Todesurteil ist verhängt, das ist die erschreckende Ankündigung Jesajas.

Bestimmt waren die Menschen darüber empört und verärgert. So etwas wollten sie nicht hören, schon gar nicht auf einem Fest!

Und möglicherweise geht uns genauso. Es ist ja letzten Endes eine Gerichtspredigt, und die gefällt uns nicht. Das ist uns zu brutal. Wo bleiben da die Liebe und Geduld Gottes, seine Gnade und Barmherzigkeit? Außerdem stört uns möglicher Weise auch der Stil: Eine grausame Botschaft wird mit schöner Sprache und lieblichen Bildern eingeleitet, um dann umso heftiger Angst und Schrecken auszulösen. Wir fragen uns, was das soll. Und wozu lesen wir das noch?

Um darauf eine Antwort zu bekommen, ist es gut, wenn wir das Lied als Ganzes betrachten und zunächst die heitere Botschaft hören, die in dem anfänglichen Bild ausgemalt wird. Wir dürfen uns dabei ruhig mit dem Volk Israel gleichsetzen. Dann wird uns gesagt, dass Gott sich rührend um uns kümmert. Er ist um uns bemüht, er hängt an uns, an jedem und jeder einzelnen. Und er hat schöpferische und gestaltende Kraft, mit der er unser Leben ordnen kann. Er pflegt und erhält es, er tut ganz viel, um uns zu bewahren. Gott ist lebendig und mitfühlend. Er will nicht der strenge und strafende Gott sein, sondern er ist voller Liebe und Leidenschaft für uns Menschen.

Und so ist es auch geblieben. Hier wird zwar außerdem sein Zorn benannt, aber der war nicht sein Wesensmerkmal, sondern eine Reaktion auf die Untreue seines Volkes. Die forderte er und er war enttäuscht. Das Strafgericht, das daraus folgte, wird ja an vielen Stellen im Alten Testament thematisiert.

Aber dabei ist es nicht geblieben, denn eines Tages änderte Gott seine Strategie. Er merkte, dass seine Strafe zu nichts führte, und so hat er sich eines anderen besonnen und den Menschen die versöhnende Hand gereicht. Das ist die Botschaft des Neuen Testamentes: Er hat uns wissen lassen, dass er uns „trotzdem mag“ und endgültig Frieden geschlossen. So wird es uns mit dem Kommen Christi verkündet. Das Evangelium ist „wie ein Brief nach langem Schweigen“ und „wie ein unverhoffter Gruß.“ Durch die Augen Jesu Christi schaut Gott uns mit einem „Blick“ an, „der Hoffnung weckt“. Wir sollen keine Angst vor ihm haben, sondern nur seine Liebe erwidern. Das ist sein großes und versöhnendes Angebot.

Trotzdem ist dadurch noch nicht alles gut, denn leider vergessen wir das oft. Häufig entscheiden wir ohne Gott, was wir für richtig halten. Dabei versuchen wir, die wir hier sitzen, natürlich das Gute zu tun, das, was uns und den anderen hilft, was gerecht und friedlich ist. Die Frage ist allerdings, ob uns das auch gelingt, denn wir werden dabei von Wünschen und Ideen gesteuert und leider oft auch von Besserwisserei und einem gewissen Kontrollbedürfnis. Und dadurch machen wir zwangsläufig Fehler.

In der jetzigen Situation wird das besonders deutlich: Die Politiker und Politikerinnen müssen ständig folgenschwere Entscheidungen treffen. Sicher machen sie etliches richtig, aber sie machen auch vieles falsch. Denn niemand weiß oder kann genau abwägen, was jetzt wirklich das ratsamste ist. „Wie man‘s macht, ist es verkehrt.“ Das ist z.Zt. das Dilemma, das wir ja auch aus dem persönlichen Leben kennen.

Da lauern ebenfalls ständig Gefahren der Zerstörung, weil niemand verhindern kann, dass er andere enttäuscht oder verletzt, übergeht oder vergisst. Wir können den Frieden und die Gerechtigkeit verlieren, auch wenn wir uns noch so sehr um sie bemühen. Unkraut überwuchert oft das Gute, unser Leben bleibt trocken und unfruchtbar. Das sollten wir erkennen und zugeben, denn dann sind wir bereits auf einem besseren Weg.

Es ist der Weg der Demut und der Ehrlichkeit uns selber gegenüber. Wir müssen uns unsere Fehlbarkeit und Begrenztheit eingestehen, die Kontrolle vorübergehend aus der Hand geben, unsere Besserwisserei beenden und zugeben: „Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“ So hat Matthias Claudius das ausgedrückt in dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ (EG 482,4). Diese Selbsterkenntnis tut schon mal gut, sie macht uns nüchtern und relaistisch.

Aber noch heilsamer ist dann der nächste Schritt, der darin besteht, dass wir auf die Geduld und Liebe Gottes vertrauen und bitten: „Gott lass uns dein Heil schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.“ (EG 482,5)

Das Heil ist zum Greifen nahe, wir müssen es nur annehmen und uns für seine Kraft öffnen. Dann gewinnen wir einen viel größeren Schutz, als durch unsere Eigenmächtigkeit. Denn wir vertrauen auf die Macht der Liebe und der Versöhnung. Und das ist das wirksamste Mittel zu mehr Gerechtigkeit und Frieden. Es ist „ein Weg aus der Bedrängnis“, denn unser Leben wird geordnet, wir fühlen uns frei und gelassen, wir gewinnen Stärke und Kraft. Gottes schöpferische Energie kann wirken. Unser Leben wird wie ein fruchtbarer Weinberg, auf den „ein frischer Tau fällt“. Es fühlt sich an „wie ein Fest nach langer Trauer“.

So beginnt ein Lied, das noch viel besser als bloße Worte beschreiben kann, was Versöhnung bedeutet:

1. Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht, ein off’nes Tor in einer Mauer, für die Sonne aufgemacht. Wie ein Brief nach langem Schweigen, wie ein unverhoffter Gruß, wie ein Blatt an toten Zweigen, ein »Ich-mag-dich-trotzdem-Kuss«:
So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn. So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn.
2. Wie ein Regen in der Wüste,  frischer Tau auf dürrem Land, Heimatklänge für Vermisste, alte Feinde, Hand in Hand. Wie ein Schlüssel im Gefängnis, wie in Seenot »Land in Sicht« wie ein Weg aus der Bedrängnis, wie ein strahlendes Gesicht. So ist Versöhnung…
3. Wie ein Wort von toten Lippen, wie ein Blick, der Hoffnung weckt, wie ein Licht auf steilen Klippen, wie ein Erdteil neu entdeckt. wie der Frühling, wie der Morgen, wie ein Lied, wie ein Gedicht, wie das Leben, wie die Liebe, wie Gott selbst, das wahre Licht. So ist Versöhnung…

Text: Jürgen Werth 1988
Melodie: Johannes Nitsch 1988

Liebe, dir ergeb ich mich

Predigt über Jesaja 58, 1- 9: Falsches und rechtes Fasten
Sonntag vor der Passionszeit, Estomihi, 14.2.2021, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Im Jahr 269 erlitt der Priester Valentin von Rom den Märtyrertod. Er wurde hingerichtet, weil er Soldaten getraut hatte, denen das Heiraten verboten war. Außerdem hatte er während der Christenverfolgungen im Römischen Reich Gottesdienste für Christen gefeiert.

200 Jahre später führte Papst Gelasius den 14. Februar als seinen Gedenktag ein.

Im 14. Jahrhundert wurde das Fest des heiligen Valentinus dann erstmals mit der romantischen Liebe verbunden, und im England des 18. Jahrhunderts entwickelte es sich zu einer Gelegenheit, bei der Paare ihre Liebe zum Ausdruck brachten. Sie schenkten einander Blumen und Süßigkeiten und schickten sich Grußkarten. Diese Sitte hat sich seitdem in ganz Europa und vielen Industrieländern verbreitet, und dadurch ist sie auch bei uns üblich geworden.

Der heutige Tag scheint also gut zu dem Thema zu passen, das unser Predigttext enthält. Er handelt nämlich von Liebe und Fürsorge, gegenseitiger Rücksicht und Hilfe. Es ist ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja und lautet folgendermaßen:

Jesaja 58, 1- 9a

1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!
2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.
3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«
Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?
6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“
7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Der Prophet Jesaja ermahnte sein Volk also zu Nächstenliebe und gegenseitiger Fürsorge. Denn er erlebte, dass das in der Gesellschaft fehlte. Die Menschen in seiner Zeit – das war nach der Rückkehr aus dem Exil – hatten zwar mit dem Bau eines neuen Tempels begonnen und hielten bestimmte Fastentage ein, aber sie waren ihm dabei nicht fromm und ehrlich genug. Denn sie hofften eigentlich nur, dass Gott sie hörte und sah und sie dafür belohnen würde. Sie erwarteten seine Hilfe. Aber die kam nicht, und das ärgerte sie. „Warum fasten wir und du siehst es nicht an?“ Das war ihr Vorwurf: Sie aßen nichts, kleideten sich in Sack und Asche, unterdrückten alle leiblichen Freuden, doch nichts änderte sich! Der Aufbau ging nur schleppend voran, das Leben blieb ärmlich und bedürftig.

Darauf antwortet der Prophet hier und er sagt: Eure Fastentage gefallen Gott nicht, denn sie sind nur äußerlich. In Wirklichkeit beschäftigt euch doch etwas ganz anderes, als das Gebet und der Wille Gottes. Die Fastenden nutzten die Tage nämlich dazu, leichter Geschäfte betreiben zu können. Sie mahnten ihre Schuldner, ließen die Arbeiter schuften, und es kam obendrein auch noch zu Zank und Streit, sogar zu Gewalttaten. Es gab also erhebliche Missstände, und die klagt der Prophet hier an. So ein Fasten war völlig nutzlos.

Was Gott in Wirklichkeit will, ist zwar auch eine gewisse Selbstbeschränkung und ein Verzicht, aber nicht als kultisches Ritual, sondern als die tätige Liebe am Mitmenschen. Damit will Gott geehrt sein, darin besteht der wahre Gottesdienst. Und zwar geht es um Liebe an den Entrechteten und Misshandelten, den Sklaven und Gefangenen, den in ihrer wirtschaftlichen Existenz Bedrohten und in Schuldhaft Sitzenden. Und es geht ebenso um die Liebe an den Hungernden, Heimatlosen und Frierenden. Es geht stets um die Sorge für den Bruder und die Schwester, für den in Not befindlichen „Nächsten“.

Das ist hier die Mahnung, und es folgt darauf auch noch eine Verheißung. Für ein derartiges Leben in Liebe wird das ersehnte Heil kommen. Es wird sich also etwas ändern, langsam aber sicher.

Das klingt in unseren Ohren alles sehr vertraut, denn die Nächstenliebe ist längt ein wichtiges Thema in der Kirche geworden. Was hier erwähnt wird, sind Aufgaben, die von verschiedenen kirchlichen Initiativen und Einrichtungen schon seit langem übernommen werden. Brot für die Welt sorgt z.B. dafür, dass Menschen in ärmeren Gegenden der Erde genug zu essen bekommen. Bei uns gibt es so etwas wie die „Kieler Tafel“, Unterkünfte für Obdachlose werden bereit gestellt, wir sammeln immer wieder Altkleider, damit andere etwas anzuziehen haben. Und Pfarrstellen gibt es auch überall: in Gefängnissen, Krankenhäusern und Altenheimen. Das Feld der Diakonie ist sehr weit, es gibt unzählige Helfer und Helferinnen, haupt- und ehrenamtliche. Wer Zeit und Kraft hat, engagiert sich irgendwo und praktiziert die Nächstenliebe.

Trotzdem sollten auch wir einmal unser Gewissen überprüfen und uns fragen, mit welcher Einstellung wir das machen. Wir tun zwar Gutes, aber unser Handeln bleibt doch oft genauso äußerlich wie das Fasten der Israeliten. Es hat nicht viel mit Gott zu tun, sondern eher mit unseren moralischen Werten, Mitmenschlichkeit und Armenfürsorge. Es ist unser soziales Engagement, zu dem uns Anstand und Mitgefühl motivieren.

Es geht dem Propheten aber nicht nur darum. Er will vielmehr, dass Gott im Leben und in der Gesellschaft lebendig ist. Der Glaube erschöpft sich nicht in Ritualen und im organisierten Handeln, sondern in einem lebendigen inneren Vollzug, an dem der ganze Mensch beteiligt ist. Gott ist keine Idee, und der Glaube kein Programm. Gott ist vielmehr ein lebendiges Gegenüber und eine Realität. Wir können mit ihm rechnen und sollen ihn lieben. Es geht um persönliche Hingabe und Offenheit, um echte und gelebte Liebe, die von Herzen kommt.

Deshalb scheint das Thema wie gesagt gut zum Valentinstag zu passen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn genauso wenig wie die Nächstenliebe einfach nur ein moralisches Verhalten ist, genauso wenig dürfen wir sie mit der romantischen Liebe verwechseln. Im Griechischen gibt es deshalb auch zwei Begriffe für Liebe: den Eros und die Agape, und die haben eine sehr unterschiedliche Bedeutung. 

Der Eros macht zwei Liebende zu einem Paar, und die Verbindung kommt durch den Wunsch nach Befriedigung zu Stande, durch die Sehnsucht nach Zuwendung und Aufmerksamkeit. Der Liebespartner bzw. die Liebespartnerin möchte etwas bekommen. Die Liebenden haben Bedürfnisse und Erwartungen, ihre Lust regt sich, und sie vereinigen sich seelisch und körperlich.

Die Agape dagegen möchte etwas geben und sich verausgaben. Wer sie lebt, vergisst sich selber, wird selbstlos, bringt Opfer für die anderen und ist leidensfähig. Sie wendet sich auch denjenigen zu, die nicht liebenswert sind, und fragt nach keiner Gegenleistung. Sie ist uneigennützig und von Gott inspiriert, d.h. eine Kraft des Geistes und des Glaubens.

Jesus Christus hat uns in wunderbarer Weise vorgelebt, wie diese Liebe aussieht. Er war davon erfüllt, hat sie anderen Menschen gegeben und ist am Ende dafür gestorben. Und natürlich meint der Prophet Jesaja genau das. Was er beschreibt, hat sich im Neuen Testament erfüllt. Vorher sind die Menschen trotz aller Ermahnungen auch immer wieder daran gescheitert. Erst durch Jesus Christus ist die Liebe, wie Gott sie sich vorstellt, möglich geworden. Und sie ist viel größer und tiefer als das, was wir am Valentinstag feiern.

Gegeneinander ausspielen sollten wir die beiden verschiedenen Weisen zu lieben allerdings nicht, denn wenn die erotische Liebe halten soll, muss sie sich irgendwann in selbstlose Liebe verwandeln. Wer liebt muss leiden können, denn in jeder Liebesbeziehung gibt es Enttäuschungen und Verletzungen. Niemand kann die Erwartungen des oder der anderen vollständig erfüllen, es bleibt immer etwas zu wünschen übrig. Es ist deshalb gut, wenn wir uns von der Liebe erfüllen lassen, die Jesus Christus uns schenkt, und bereit sind, selbstlos füreinander da zu sein und auch zu leiden.

Dazu werden wir eingeladen, und es ist gut, dass wir das von Jesus Christus lernen können. Ohne ihn würden wir es nämlich genauso wenig schaffen wie die Israeliten. Wir brauchen den göttlichen Beistand, um die Agape zu verwirklichen. Nicht umsonst gehen so viele Paare wieder auseinander. Aber das muss nicht sein, denn die Hilfe ist da, der Grund ist gelegt, wir müssen uns nur ganz Jesus Christus anvertrauen.

Der christliche Mystiker Johann Scheffler, dessen Lyrik wir auch unter dem Namen Angelus Silesius kennen, hat das 1657 wunderbar in einem Lied zum Ausdruck gebracht, das in unserem Gesangbuch steht. Es handelt von der „Liebe“, die ihn zum „Bilde ihrer Gottheit gemacht hat“, und damit meint er Jesus Christus. Denn er sagt von ihr, dass sie „Mensch geboren wurde“, und für ihn „gelitten“ hat und „gestorben“ ist. Scheffler bekennt sich mit dem Lied also zu Jesus Christus und seinem Heilswerk und er verspricht, sich ihm „ewiglich zu ergeben“. (EG 401)

Amen.