Seid barmherzig!

Predigt über Lukas 6, 36- 42

4. Sonntag nach Trinitatis, 28.6.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

In dem Gottesdienst wurden zwei Babys getauft.

Lukas 6, 36- 42

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn aeben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.
39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?
40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.
41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?
42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Liebe Gemeinde.
„Zu ihrem Sohn hatte sie keinen Kontakt mehr.“ Diesen traurigen Satz höre ich manchmal bei Beerdigungsgesprächen: Eltern und Kinder haben sich aus irgendeinem Grund entzweit. Leider gibt es so etwas in vielen Familien. Ursachen sind Meinungsverschiedenheiten und Konflikte, Enttäuschungen oder Verletzungen. Auch im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde oder im Verein ereignet sich so etwas.
Denn so sind wir Menschen: Wir denken alle unterschiedlich, haben gegensätzliche Bedürfnisse und können die Meinung und das Handeln der anderen manchmal nicht ertragen. Dazu kommt das Bestreben, Recht zu behalten und sich durchzusetzen. Und so kommt es zu Spaltungen und Zerwürfnissen.
Die Zeitung besteht eigentlich nur aus solchen Nachrichten: Überall in der Welt gibt es Streit und Konflikte, einige sind harmlos, andere wiegen schwer. Politische, weltanschauliche oder religiöse Auseinandersetzungen führen zu Beschuldigungen, Verleumdungen und leider oft zu Kriegen.
Und das war schon immer so, seit es die Menschheit gibt. Auch Jesus kannte dieses Phänomen und er hat darunter gelitten. Er sah, wie destruktiv die Menschen oft miteinander umgehen, und er hat etwas dagegen gesetzt. Wir haben es in der Lesung vorhin gehört. Sie ist ein Teil aus der sogenannten „Predigt auf dem Felde“, die wir im Lukasevangelium finden, der Parallele zur Bergpredigt bei Matthäus. Von daher kennen wir die Aussagen auch. Sie handeln von der „Stellung zum Nächsten“ und werden mit dem Aufruf zur Barmherzigkeit eingeleitet. Es geht um Verständnis füreinander und um die Annahme von Mitchristen und Mitchristinnen als Geschwister innerhalb der Gemeinschaft. Der Grund zu dieser Aufforderung, liegt in der Barmherzigkeit Gottes.
Konkret bedeutet das: Nicht richten und nicht verurteilen. Oft führen die Maßstäbe, die jemand durch den Glauben gewonnen hat, zu rigorosen Verdammungen. Davor sollen die Christen sich hüten. Jesus weist dafür auf das Gericht Gottes am Ende der Zeiten hin: Da entscheidet sich alles, vorher sollen die eigenen, menschlichen Normen nicht die Barmherzigkeit verdrängen. Das wird durch zwei praktische Forderungen ergänzt: Einmal sollen wir Gnade walten lassen, einander vergeben und uns von unserer Schuld befreien. Und zum anderen sollen wir geben, d.h. einander beschenken, mit den irdischen Gütern also nicht geizen, sondern freizügig sein.
Und dann folgt das bekannte Bild vom „Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen Auge.“ Wenn wir uns das konkret vorstellen, ist klar, dass ein Balken im eigenen Auge blind macht. Das Fatale ist, dass wir genau das Gegenteil denken: Wir meinen, wir sehen klar und spielen uns als „Blindenführer“ auf. Dabei merken wir nicht, dass wir selber gar nichts sehen, und so „fallen beide in die Grube“. Wer seine Mitchristen unbedingt ändern und bessern will und nicht mehr merkt, was er selber alles falsch macht, führt sich und die anderen ins Verderben.
Mit diesem harten Bild warnt Jesus seine Jünger eindringlich vor dem gegenseiteigen Richten. Und diese Mahnung sollen sie auch nicht dadurch außer Kraft setzen, dass sie als Jesusjünger denken, vielleicht etwas Besseres oder sogar „über dem Meister“ zu sein. Sie sollen vielmehr ganz auf die Kritik innerhalb der Gemeinde verzichten. Jeder soll zuerst seine eigenen Fehler beseitigen, bevor er sich anderen als Helfer anbietet. Alles andere ist Heuchelei.
Das ist der Predigttext von heute, und der ist auf dem Hintergrund unsres üblichen Umgangs miteinander geradezu revolutionär. Bei einem Streit sehen wir normalerweise nur die Fehler der anderen, „die Splitter in ihren Augen“. Wir geben ihnen die Schuld, finden sie gemein und ungerecht, egoistisch und herrschsüchtig. Dagegen stellt Jesus seine Aussagen. Er entwirft hier ein völlig neues Bild vom menschlichen Zusammensein, er schlägt etwas vor, was alle herkömmlichen Muster umkrempelt. Und das ist gut, denn er öffnet damit ganz neue Möglichkeiten, aus vertrackten und verfahrenen Situationen herauszukommen.
Das wünschen wir uns ja eigentlich. Keiner will einen Konflikt wirklich. Im Grunde wollen wir Ruhe haben. Und wir denken, sie tritt ein, wenn der andere sich endlich fügt, endlich tut, was wir wollen, oder noch besser, verschwindet. Wir wollen „den Splitter entfernen“, d.h. die Störung beseitigen, sie loswerden, und schlagen dafür manchmal wild um uns. Zu einer Lösung führt das allerdings nicht, im Gegenteil, normalerweise wird der Streit dadurch nur noch schlimmer. Die Situation eskaliert und alles geht kaputt.
Ein Ausweg öffnet sich nur dann, wenn jeder und jede bei sich selber anfängt, vom anderen ablässt und sich selbst erforscht. Doch das scheint ganz schwierig zu sein. Warum tun wir das so selten? Es fällt uns unwahrscheinlich schwer. Und das liegt wahrscheinlich daran, dass wir Angst davor haben. Was bekommen wir denn zu sehen, wenn wir in uns blicken? Es können unangenehme Dinge sein, auf jeden Fall entdecken wir dabei nicht nur Schönes. Es sind „die Balken im eigenen Auge“, d.h. Fehler und Schwächen treten zu Tage, und die beunruhigen uns. Führt es nicht in die Niederlage, wenn wir sie zugeben? Wir fürchten uns vor den negativen Seiten in unsrer Seele und unserem Verhalten, weil wir uns dabei zu verlieren drohen. Es fühlt sich an, als würden wir untergehen. Es hat etwas Selbstzerstörerisches an sich, das ist jedenfalls unser spontanes Empfinden.
Doch so sind die Mahnungen Jesu nicht gemeint. Von einer krampfhaften Selbstzerknirschung ist hier nicht die Rede. Es geht in einem ersten Schritt vielmehr darum, dass wir uns selber überhaupt spüren. Anstatt in einem Konflikt nur auf den anderen zu starren und ihn ändern zu wollen, sollen wir uns fragen: Was ist eigentlich mit mir los? Was bewegt mich denn? Was erfüllt mich gerade? Dabei stellen wir zunächst fest, dass es wahrscheinlich Wut und Angst ist, Misstrauen und Sorge, und das sind lauter negative Kräfte. Die tun uns gar nicht gut. Trotzdem lassen wir sie ungehemmt zu und versinken darin manchmal. Das gilt es zunächst einmal zu erkennen. Wir müssen es nicht verurteilen oder abschalten, sondern anschauen und wahrnehmen, denn dadurch tauchen wir daraus bereits auf. Wir steigen aus der zerstörerischen Dynamik eines Konfliktes aus und machen uns von unseren Festlegungen frei. Und das ist in Wirklichkeit gar nicht so schwer, wir müssen nur darauf kommen und dazu bereit sein.
Dann verändert sich auch unser Verhalten. Das ist der nächste Schritt. Es gibt dazu in der Gesprächsführung sogar eine Methode. Erfahrene Gesprächsleiter oder Gesprächsleiterinnen laden die Kontrahenten z.B. gerne dazu ein, dem anderen keine Vorwürfe mehr zu machen, sondern von sich selber zu reden, sogenannte Ich-Botschaften zu senden. Der oder die andere wird eingeladen, dabei einmal nur zuzuhören. So wird eine positive Energie freigesetzt, die oft schon zu einer Lösung des Konfliktes führt. Wir können uns entspannen, sehen klarer und erkennen, was den anderen wirklich bewegt. Menschen, die sich streiten, finden wieder zueinander, wenn sie sich ernsthaft darum bemühen.
Und als Christen sollte uns das erst recht möglich sein, denn wir haben immer jemand Drittes in unserer Mitte: Es ist Jesus Christus, der uns mit der positiven Kraft versorgt, die wir brauchen. Wir müssen nur auf ihn blicken, ihm vertrauen und uns für seine Gegenwart öffnen. Dann empfangen wir Barmherzigkeit, und die setzt sich durch. Das ist das Dritte. Im Glauben an Jesus Christus kann uns gar nichts passieren, selbst wenn wir Fehler und Schwächen haben, denn er nimmt uns persönlich auf jeden Fall so an, wie wir sind. Er liebt uns alle und schenkt uns seine Kraft. Es ist die Kraft der Gnade, des Vertrauens und Wohlwollens. Damit erfüllt er uns, und das kann alles heilen. Unsere Seele kommt zur Ruhe. Ärger, Angst und Enttäuschung weichen. Das Negative löst sich ins Nichts auf. Wir legen Lasten ab, und es wird etwas neu. Die Dinge rücken sich zurecht. Das Kleine wird klein, und das Große wird groß. Wir werden fähig, zuzugeben, dass der oder die andere doch nicht so ganz verkehrt liegt, dass wir selber auch Fehler gemacht haben. Wir können über unsren eigenen Schatten springen und uns entschuldigen.
Und das wünsche ich der Welt und unserem Land, jeder Familie, jedem Freundeskreis und jeder Gemeinde, dass die Kraft der Liebe Christi uns Frieden ermöglicht.
Besonders wünsche ich es den Familien, deren Kinder heute getauft werden. Sie haben beide gerade damit angefangen, eine Familie zu sein: Christian Erichsen ist letztes Jahr im August geboren, Max Ehlers kam im Februar zur Welt, und sie sind beide der jeweils erste Sohn. Durch die Taufe werden sie mit Jesus Christus verbunden. Er nimmt sie an, er schenkt ihnen seine Liebe, und darauf dürfen auch ihre Eltern und Großeltern, Paten und Verwandten vertrauen. Dann haben Sie immer jemanden in der Mitte Ihrer Familie, von dem eine positive Kraft ausgeht. Wenn Sie an ihn glauben, dann wird es nie dazu kommen, dass der Kontakt zu Ihrem Sohn aus irgendeinem Grund einmal abbricht. Dann wird die Liebe und die Barmherzigkeit Sie immer wieder auffangen und erfüllen und Sie durch alle Höhen und Tiefen Ihres gemeinsamen Lebens begleiten.
Amen.

Die große Einladung

Predigt über Lukas 14, 15- 24: Das große Abendmahl

2. Sonntag nach Trinitatis, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 14, 15- 24:

15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!
16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.
17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!
18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.
21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.
22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.
24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Liebe Gemeinde.
„Komm her!“ Diesen Befehl hören und gebrauchen wir alle ganz oft. Ich selber sage ihn wahrscheinlich am meisten zu unserer Hündin, und wir haben gleich am Anfang gelernt: Wenn sie gehorchen soll, muss es sich für sie lohnen, zu uns zu kommen. Das muss schöner und spannender sein, als alles andere, was sie gerade tut. So einigermaßen hat sie das auch gespeichert, sie befolgt den Befehl ganz gut.
Bei Menschen ist es etwas einfacher, denn die verstehen ja, was die Worte bedeuten. Sie wissen, „kommen“ heißt, sich in Bewegung zu setzen und zu der Person hinzugehen, die ruft.
Die Gründe, warum wir als Menschen zu jemandem kommen, sind deshalb vielschichtiger. Wenn ein Lehrer z.B. „Komm her“ sagt, weil ein Schüler etwas ausgefressen hat, geschieht es aus Angst. Bei Erwachsenen kann Höflichkeit ein Grund sein, Pflichtbewusstsein oder ein hierarchisches Gefälle. Es muss sich nicht immer lohnen, sondern gehört sich eben.
Auf jeden Fall entscheiden wir, ob wir dem Befehl bzw. der Einladung folgen. Wir können sie auch ausschlagen und nicht kommen.
So etwas geschieht in dem Gleichnis, das wir vorhin gehört haben. Es handelt vom „Großen Abendmahl“, oder von der „großen Einladung“. Sie kennen es sicher alle, denn es ist eine der bekanntesten und schönsten Geschichten im Neuen Testament. Jesus erzählt es an einem Sabbat im Haus eines oberen Pharisäers. Er war dort zu Gast und saß mit anderen an einem Tisch. Er hatte mit ihnen bereits über Fragen der Frömmigkeit gesprochen. Ein Mann spricht nun ein weiteres Thema an, und zwar die Teilhabe am Reich Gottes nach der Auferstehung. Er stellt es sich wie ein Festmahl vor, und preist diejenigen „selig“, die daran teilnehmen. Damit ist das Gleichnis gut eingeleitet, denn nun will Jesus erklären, wer an diesem Tisch Gottes sitzt und sich „selig preisen“ darf.
Die Hauptperson ist ein Hausherr, „ein Mensch“, wie es wörtlich heißt. Näheres wird über ihn nicht gesagt. Und es gibt auch keinen offensichtlichen Anlass, warum er zu einem „Abendessen“ einlädt. Der Grund für das Fest ist einfach nur die Freude am Leben und am Zusammensein. Essen und Trinken sind dafür ja auch immer ein sehr gutes Mittel. Bei einem festlichen Mahl erfahren wir Gemeinschaft und Nähe, wir sind fröhlich und gut gestimmt. Und das wollte „der Mensch“ hier mit seinen Freunden einfach einmal erleben. Sie hatten deshalb auch alle rechtzeitig Bescheid gekriegt, sie waren lange vorher eingeladen worden.
Aber dann passiert das Ärgerliche: Einer nach dem anderen sagt ab. Die ersten beiden, weil sie gerade Neuanschaffungen getätigt haben: Der eine hat einen Acker erworben, der andere ein Gespann Ochsen. Und sie müssen sich das jetzt erst mal angucken. Der dritte sagt ab, weil er gerade geheiratet hat, er will wohl mit seiner Frau zusammen sein. Das kann man zwar verstehen, aber so ganz plausibel sind die Entschuldigungen nicht. Dabei ist klar, dass das nur Beispiele sind. Sie stehen für alle Geladenen, die auf das Kommen aus verschiedenen Gründen verzichten. Nichts von dem, was sie vorbringen, hätte sie von der Teilnahme an dem Fest abzuhalten brauchen. Sie reden sich heraus. Es liegt also eine offensichtliche Geringschätzung der Einladung vor, eine Missachtung und Beleidigung des Gastgebers.
Der wurde darüber auch zu Recht wütend. Was sollte er tun? Das Fest einfach ausfallen lassen oder verschieben? Das passiert hier nicht.
Er lädt vielmehr kurz entschlossen andere Gäste ein. Zweimal schickt er seine Knechte los, um die Menschen hereinzuholen, die sonst nie eingeladen werden, die von anderen verachtet werden, die man deshalb auch auf den „Straßen und Gassen der Stadt“ findet: „die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen“. Die galten in der damaligen Gesellschaft als Ausgestoßene, keiner beachtete sie, weil sie als minderwertig galten. Mit Sicherheit freuen sie sich jetzt, sind bestimmt überrascht und überwältigt und kommen sofort mit. Die zweite Gruppe ist dann nicht viel anders. Es sind die, die außerhalb der Stadt, „auf den Landstraßen und an den Zäunen“ stehen, also Fremde und Reisende. Auch sie kommen sicher gerne.
Und so kann das Fest stattfinden. Das Haus ist gefüllt und alle freuen sich. Nur die Zuerst Geladenen, die kommen jetzt nicht mehr hinein, der Hausherr will nichts mehr von ihnen wissen, es kommt zum Bruch mit ihnen.
Das ist das Gleichnis, das Jesus hier erzählt, und es soll – wie gesagt – ein Sinnbild für das Reich Gottes sein: Es ist wie ein Fest, zu dem Gott einlädt. Dabei ruft er nicht nur die Frommen aus dem Volk Israel. Die sind hier nämlich mit den zuerst Geladenen gemeint. Er sucht vielmehr alle, besonders aber die Notleidenden und Hilfesuchenden, die Fremden und Ausgestoßenen. Sie brauchen keinerlei Voraussetzung, sie müssen einfach nur kommen.
Damit beschreibt das Gleichnis den Kern der christlichen Verkündigung: Gott lädt alle zu sich ein. Das Gleichnis enthält die Botschaft, dass christlicher Glaube wie die Teilnahme an einem Fest ist, zu dem jeder kommen kann. Jesus hat das nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt. Wenn man die Evangelien liest, entdeckt man, dass er selber offensichtlich gerne gefeiert hat. Er liebte Feste, ließ sich von allen möglichen Leuten einladen und veranstaltete selbst offene Mahle. Dabei war er heiter und ließ die Menschen etwas von der Güte Gottes erfahren. Deshalb steht in der Mitte seiner Verkündigung immer wieder dieses Bild einer fröhlichen Mahlgemeinschaft. Die Türen dazu stehen jedem offen, und das Gleichnis will uns dazu ermahnen, auch hineinzugehen in diesen Festsaal.
Die Frage, ist bloß, ob wir das überhaupt möchten und können. Wollen wir zu so einer Festgemeinschaft dazugehören? Jesus sagt zu uns: „Kommt her!“, aber lohnt sich das auch für uns? Ich sagte ja, dass wir uns letzten Endes immer entscheiden, ob wir so einer Einladung folgen.
Wenn ich mir die Menschen vorstelle, die an dem Mahl in dem Gleichnis teilnehmen, dann muss ich z.B. an den Geruch denken, mit dem dieser Saal gefüllt wird, an den Dreck und die Lumpen, auch an das Elend, das diese Menschen ja mitbringen, das Leid und die Traurigkeit. Kann da überhaupt Feststimmung aufkommen? Außerdem hat es etwas Demütigendes an sich, zu dieser Gruppe der Eingeladenen zu gehören. Wir sehen uns selber doch ganz anders.
Es liegt uns nicht fern, genauso zu handeln, wie die Erstgeladenen. Sie hatten alle etwas Interessanteres zu tun. Sie wollten sich mit Dingen beschäftigen, die ihnen Spaß machten. Und das ist auch für uns meistens ein entscheidendes Kriterium, nach dem wir uns entscheiden. Wir tun, was uns Freude verspricht, und sind dabei auf alle möglichen weltlichen Dinge fixiert: Unseren Wohlstand, zu dem die Wohnung oder das Haus gehören, Kleidung, Essen und Trinken. Abwechslung, Spaß und Vergnügen locken uns am ehesten. Wenn jemand uns dazu einlädt, kommen wir gern. Auch die Familie ist uns wichtig, die Ehefrau oder der Ehemann, wie in unsrem Gleichnis, Kinder und Enkel, Verwandte und Bekannte.
Das ist zwar alles ganz natürlich, aber genau deshalb erzählt Jesus das Gleichnis. Er will uns ermahnen, all das nicht als Ausrede zu benutzen, seiner Einladung zu folgen. Und es ist gut, wenn wir darauf einmal hören, denn leider schlagen auch wir sie oft aus. Es ist irgendwie unattraktiv und langweilig, sich zu viel mit dem Glauben zu beschäftigen. Was heißt das auch schon? Sollen wir immer in die Kirche gehen, in der Bibel lesen und beten? Die anderen Dinge sind faszinierender. Sie scheinen mehr Glück und Freude zu versprechen.
Aber ist das eigentlich wirklich so? Lassen Sie uns einmal genau hinschauen, was passiert, wenn wir uns tatsächlich nur auf die Welt festlegen. Macht uns das glücklich? All die schönen Dinge können uns ja auch verloren gehen. Sie haben keinen Ewigkeitswert und nützen uns oft gar nichts. Es muss z.B. nur eine Krankheit kommen, die uns zu schaffen macht, schon ist die Ruhe dahin. Und die Familie ist auch nicht immer so, wie wir sie uns wünschen. Viele Ehen gehen auseinander, es gibt überall Konflikte und immer wieder Ärger.
Und das können wir auch nicht schönreden. Natürlich versuchen wir, unser Leben immer so glänzend wie möglich zu sehen. Wir bemühen uns, die Unvollkommenheit zu vertuschen und etwas anderes darzustellen. Wir schämen uns für unsere Fehler und Schwächen, allerdings nur heimlich, es soll am liebsten niemand merken. Und genau das ist anstrengend und funktioniert irgendwann nicht mehr. Da bricht doch alles zusammen.
Es ist deshalb gut, wenn wir uns eingestehen: So einfach ist es gar nicht, das Glück in der Welt zu finden, so leicht gelingt unser Leben nicht. Unsre Wünsche stimmen in weiten Strecken nicht mit der Wirklichkeit überein. Es gibt viel mehr Enttäuschung, Elend und Not, als uns lieb ist.
Und genau dahinein verkündet uns Jesus: Lasst das einfach zu, seid ehrlich zu euch selbst. Es macht nichts, wenn ihr zu den „Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen“ gehört. Um am Leben teilzuhaben, müsst ihr das nicht abschaffen, im Gegenteil: Ich heiße euch so willkommen, wie ihr seid. Wir müssen bei ihm keine Rolle spielen, keine Fassade aufbauen. Es ist keiner besser oder schlechter, sondern letzten Endes ist jeder bedürftig: Wir sind oft „arm“ an Liebe, „verkrüppelt“ in unserer Seele, „blind“ für die Wahrheit und „geistig“ gelähmt. Das ist das Eine, was wir hier erkennen sollen.
Das Zweite besteht darin, endlich zu Jesus zu gehen, bei ihm unsre Zuflucht zu suchen. Und das kann durchaus heißen, alles andere einmal zu lassen, Abstand zu nehmen von den Dingen, die uns normaler Weise faszinieren, und uns ganz auf ihn auszurichten. Dafür ist es gut, wenn wir unsre Lebensführung immer wieder überdenken und gegebenenfalls korrigieren. Wir müssen uns frei machen, auch einmal auf die Erfüllung unsrer Wünsche verzichten und unsre Gedanken an die Welt, uns selbst und andere Menschen ablegen. Es ist nicht sinnvoll, sie immer zur Anleitung für unser Handeln zu machen. Besser ist es, sie gelegentlich vorbeiziehen zu lassen, gegenwärtig zu sein, zur Ruhe zu kommen, und auf die Stimme Jesu zu achten, der sagt: „Kommt her!“ Auf sie gilt es zu hören und ihr zu folgen. Wir sollen an Jesus glauben, ihm vertrauen und uns von ihm lieben und beschenken lassen.
Ein schönes, konkretes Zeichen ist dafür das Abendmahl. Es ist eine Handlung, in der die Einladung Jesu an uns jedes Mal lebendig wird. Wenn wir ihr folgen, können wir die Erfahrung machen, dass er uns liebt und annimmt. Er selber ist im Abendmahl gegenwärtig, wir erfahren dabei seine Nähe, und es entsteht neue Gemeinschaft untereinander.
Und das ist das Dritte: Durch die Einladung Jesu und unsre Bereitschaft, ihr zu folgen, verändert sich etwas. Wenn wir uns noch einmal die Menschen in dem Gleichnis vorstellen, dann kann man sagen, dass der Schmutz von ihnen abfällt. Die Traurigkeit weicht, das Elend hat ein Ende. Sie werden hineingenommen in etwas Neues und Schönes. Die Atmosphäre ist nicht durch ihr Leid geprägt, sondern im Gegenteil: Durch das Fest verschwindet die Not. Es kommt Freude auf, weil sie dabei sein dürfen. Nicht der Raum, in den sie eintreten, verändert sich durch ihr Auftauchen, sondern dieser neue Raum verändert sie, weil sie eine ganz neue Erfahrung machen: Sie können kommen, wie sie sind, ohne irgendeine Voraussetzung.
Und das gilt auch für uns. Auch uns bietet Jesus einen Raum an, in dem wir so sein können, wie wir sind. Der Glaube fordert nur unsere Einwilligung, unsere Bereitschaft, seiner Einladung zu folgen.
Und wenn wir das tun, dann können auch wir merken, wie sich bei uns etwas verändert. Es tut in Wirklichkeit gut, einmal einfach nur da zu sein, ohne etwas vertuschen oder darstellen zu müssen. Alles, was wir eventuell verkehrt gemacht haben, wird uns vergeben, wir müssen uns für nichts schämen. Das Leben darf unvollkommen sein. Wenn wir das erkennen, wird es viel einfacher und erhält eine ganz neue Qualität. Wir empfangen Heilung an Leib und Seele, werden aufgerichtet und leicht, wir sehen klar und bekommen neue Kraft. Was unter uns zerrissen war, wird wieder hergestellt, wo Spaltungen waren, zieht neues Vertrauen ein. Wir werden lebendig und fühlen uns frei, es entstehen Glück und Dankbarkeit.
Es lohnt sich also, der Einladung Jesu zu folgen, auf seinen Ruf zu hören: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, 28)
Amen.