Jesus zeigt uns den Vater

Predigt über Lukas 2, 41- 52: Der zwölfjährige Jesus im Tempel
zum 2. Sonntag nach Weihnachten, 8.1.2026, Altenzentrum St. Nicolai, Kiel

Lukas 2, 41- 52

41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.
42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.
43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten’s nicht.
44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.
45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.
46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.
47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.
48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.
49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?
50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.
51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.
52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Liebe Gemeinde.

Die Geschichte, die wir eben gehört haben, ist die einzige Erzählung aus der Kindheit Jesu, die wir im Neuen Testament finden. Es ist eine Legende, d.h. wir wissen nicht, ob es historisch gesehen so war, aber sie enthält eine Botschaft, die uns guttut. Lassen Sie sie uns deshalb betrachten und bedenken.

Jesus ist hier bereits zwölf Jahre alt, und er war mit seinen Eltern und vielen anderen nach Jerusalem zum Passahfest gereist. Die Reise dauerte mehrere Tage, man ging zu Fuß in einer Reisegruppe, einer Karawane, zu der sicher auch Esel und Lasttiere gehörten. Das gab Sicherheit und Schutz. Gemeinsam zog man natürlich auch wieder nach Hause. Am Abend nach dem Fest sammelte man sich dafür an einem vereinbarten Punkt, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung war. Und das war an dem ersten Rückreisetag, von dem unsere Geschichte erzählt, nun nicht der Fall, ein Junge fehlte, und zwar Jesus, der älteste Sohn von Maria und Josef. Sie mussten also noch einmal zurück, um ihn zu suchen, und natürlich machten sie sich große Sorgen. Drei Tage lang fanden sie ihn nicht! Doch zum Glück entdeckten sie ihn dann im Tempel. Natürlich waren sie böse mit ihm und schimpften ihn aus. Es interessierte sie auch gar nicht, dass Jesus mitten unter den Schriftgelehrten saß, ihnen zuhörte, kluge Fragen stellte und auffallende Einsichten von sich gab. Die Umgebung staunte und fragte sich: Wer ist das bloß? Wo stammt er her?

Jesus wirkte erwachsen und überlegen, und so klang auch seine Antwort an seine Eltern: „Was sucht ihr mich? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ In diesem Satz leuchtete seine wahre und tiefste Herkunft auf. Doch seine Eltern erkannten das nicht, sie nahmen ihn mit und kehrten mit ihm in seine Heimat zurück. Da ordnete sich Jesus dann erstmal in ein normales, alltägliches Leben ein. Erst mit 30 Jahren trat er wieder in Erscheinung.

Das ist die Erzählung, über die wir heute nachdenken, und sie soll andeuten, dass Jesus eigentlich nicht in Nazareth zu Hause war, wo er zwar aufwuchs, sondern in Wahrheit war er in Jerusalem beheimatet, wo der Tempel stand und der Gottesdienst seinen zentralen Ort hatte. Denn Jesus hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu Gott. Er nennt ihn hier bewusst seinen Vater, und er hatte eine tiefe Einsicht in seinen Willen. Die Geschichte will deutlich machen, dass Jesus eine göttliche Herkunft hatte.

Das wird hier erzählt, und darin sind wie gesagt ein paar Hinweise enthalten, die für unseren Glauben von Bedeutung sind.

Zunächst einmal können wir an die Situation denken, die hier beschrieben wird. Das Ganze geschieht ja während einer Reise. Die Menschen machten eine Pilgerfahrt. Das kann man gut als Bild für das ganze Leben verstehen. Gerade am Jahresanfang wird uns bewusst, dass unser Leben wie eine Reise ist. Es gibt keinen Stillstand, Situationen verändern sich, und verweilen können wir nirgends für immer. In Anlehnung an eine Zeile aus einem Abendlied von Tersteegen können wir sagen: „Ein Jahr, das sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern“. (EG 4481,5) Das ist das erste Motiv in dieser Geschichte.

Als zweites kommt darin vor, dass ein Kind sich angeblich verlaufen hat. Jedenfalls machen sich seine Eltern große Sorgen. Und auch das können wir auf unser Leben übertragen: Wir verlaufen uns manchmal in unseren Träumen oder Zwängen und kommen an Grenzen, an denen wir nicht weiterwissen. Wir haben Vorstellungen davon, wie unser Leben sein soll, aber dann kommt etwas dazwischen. Wir werden krank, unsere Mitmenschen bereiten uns Probleme, wir verlieren sie, die allgemeine Weltlage hindert uns daran, glücklich zu sein usw. Auch das Älterwerden ist ja nicht einfach, da bricht vieles weg, das früher selbstverständlich war. Angst macht sich breit, Aufregung und Sorgen. Das ist das zweite Thema, das in der Geschichte vorkommt.  

Doch dann gibt es zum Glück einen dritten und sehr schönen Inhalt in der Erzählung, um den es eigentlich auch geht. Die Hauptperson ist ja der Knabe Jesus, der schon als Kind wusste, was sein Auftrag war. Wir können uns mit ihm verbinden, denn er ist ein Mensch wie wir. Er steht neben uns und ist uns ganz nahe. Aber das ist eben nicht das Einzige, was ihn auszeichnet. Auf der anderen Seite hat er eine viel tiefere Einsicht in das Leben und den Willen Gottes als wir. Es geht Autorität von ihm aus, er kennt die Wahrheit, er weiß den Weg, und den kann er auch uns zeigen. Wir müssen nur darauf vertrauen, dass von ihm eine besondere Kraft ausgeht, die uns erfüllen und beruhigen kann.

Dann merken wir, dass er auch uns dahin führt, wo wir eigentlich zu Hause sind. Auch unsere Bestimmung ist es, in der Gegenwart Gottes zu weilen. Die Strophe aus dem Abendlied von Tersteegen, die ich eben genannt habe, lautet deshalb auch vollständig: „Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“

Damit wird ja auch ein Ziel genannt, das wir erreichen können, und ein Wunsch, der uns anleiten kann, dass nämlich „das Herz sich an die Ewigkeit gewöhne“. Wir werden dadurch ruhig und entspannt, gelassen und innerlich froh.

Vielleicht müssen wir uns zunächst einmal verlaufen, um darauf zu kommen. Meistens entdecken wir erst in einer Lebenskrise, dass es noch mehr geben muss, als unsere innerweltlichen Ziele, aber das ist ja auch nicht schlimm. Im Gegenteil, jede Irrung birgt die Chance in sich, auf den richtigen Weg geführt zu werden.

Und genau darum geht es beim Glauben an Jesus Christus. Er will uns in seines „Vaters Haus“ führen, dafür ist er unser Bruder und unser Freund geworden. Er kann uns beschützen und begleiten, durch ihn sind wir nie allein, und er kennt den richtigen Weg.

Amen.

Wir sehen Gottes Herrlichkeit

Predigt über Hiob 42, 1- 6: Hiobs letzte Antwort an den Herrn
1. Sonntag nach Weihnachten, 27.12.2025, 18.00 Uhr, Lutherkirche Kiel

Der Predigttext für den 1. Sonntag nach Weihnachten steht im Buch Hiob, Kapitel 42 und lautet folgendermaßen:

Hiob 42, 1- 6
1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:
2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.
3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« (Kap.38,2) Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.
4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!« (Kap. 38,3)
5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.
6 Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.

Liebe Gemeinde.

„So weit das Auge reicht“. Das sagen wir, wenn wir eine unermessliche Weite beschreiben wollen oder eine sehr große Anzahl von Dingen. Sie sind bis zum Horizont sichtbar. Die Redewendung bezieht sich besonders auf die Szenerie in einer Landschaft, wie z.B. die Dünen in der Wüste, Wälder im Gebirge, Wiesen und Felder in einer Ebene. Sie sind überall, in Hülle und Fülle und scheinen grenzenlos zu sein.

Doch das ist natürlich ein Irrtum. Unser Auge reicht immer nur bis zum Horizont. Es gibt eine Grenze des Sichtbaren. Die haben wir durch moderne Technik zwar sehr weit ausgedehnt und können mittlerweile sogar ins All gucken, aber trotzdem hört die Reichweite unseres Blicks irgendwann auf.

Es ist deshalb bemerkenswert, wenn Hiob zu Gott sagt: „Mein Auge hat dich gesehen.“ D.h. er hat hinter das Universum geschaut, auf den, der es geschaffen hat, der den Kosmos lenkt und alles, was darin ist. Hiob wurde ein Blick in den Bereich Gottes vergönnt, der jenseits alles Sichtbaren liegt. Wie ist es dazu gekommen?

Sicher kennt ihr die Geschichte von Hiob. Er war ein wohlhabender, frommer und rechtschaffener Mann mit einer großen Familie und vielen Angestellten. Doch eines Tages kam schreckliches Unglück über ihn: Seine Herden wurden durch Feinde und Feuer zerstört und alle Knechte getötet. Seine Söhne und Töchter starben bei einer Sturmkatastrophe, und zuletzt bekam er Lepra, sodass die Menschen sich von ihm fernhielten, und auch seine Frau sich von ihm abwandte. Innerhalb kürzester Zeit war er einsam, arm und sterbenskrank.

Das ist die Rahmenhandlung des Buches, die in den ersten beiden Kapiteln erzählt wird. Die folgenden 35 Kapitel enthalten lange Erörterungen über die Frage, warum das alles geschehen ist. Sie werden in endlosen Gesprächen mit seinen vier Freunden dargelegt, die gekommen waren, um Hiob zu beklagen und zu trösten. Sie waren fest davon überzeugt, dass Hiob gesündigt haben musste. Wenn er das zugeben, bereuen und sich bessern würde, dann würde Gott ihm gnädig sein und sein Schicksal wieder wenden. In ausgedehnten Redegängen mit jeweiligen Antworten Hiobs wird diese Sichtweise in dem Buch entfaltet.

Doch die Gespräche führen zu keinem Ergebnis, denn Hiob hält sich für unschuldig. Er klammert sich an seine Rechtschaffenheit und Gottesfurcht und bringt sie immer wieder vor. Und nach menschlichem Ermessen war das auch legitim. Hiob hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Die Geschichte setzt sich also mit dem Problem auseinander, warum ein Unschuldiger leiden muss, und übt Kritik an der Weisheit der Freunde. Die entsprach zwar dem damals gängigen Denkschema, aber genau das wir hier in Frage gestellt.

Erst am Ende wendet sich alles, denn zum Schluss spricht Gott selber mit Hiob. Zweimal offenbart er sich und redet zu Hiob „aus dem Sturm“. Das ist der Höhepunkt der Erzählung und die Lösung der Hiobsfrage. Sie geschieht nicht auf gedanklicher Ebene, nicht durch intellektuelle Erkenntnis oder theologische Lehrsätze, sondern durch ein Geschehen, in das Gott Hiob hineinnimmt.

Gott weist auf seine Größe hin, auf die Erschaffung der Welt durch ihn, das Meer, das Licht, die Weiten der Welt, das Wettergeschehen, den Himmel und alle Lebewesen: Gott ist ihr Schöpfer. Das soll Hiob erkennen und sich vor Gott demütigen. Er hatte die Allmacht Gottes mit seinen Worten verdunkelt. Hiob hatte Gott herausgefordert, nun ist es andersherum: Gott fordert von Hiob eine Antwort.

Und damit haben wir es in dem Textabschnitt zu tun. Es ist die letzte Antwort Hiobs, in der er sich selber erkennt und darauf verzichtet, vor Gott etwas zu gelten. Er hält sich nicht mehr an seinem guten Gewissen fest, sondern wird still und lässt Gott handeln. Er gibt seinen Eigenwillen auf und verzichtet auf seine Selbstbehauptung. Er kommt zur Ruhe, weil er sich Gott ganz und allein hingibt. Dadurch wird er in das Geheimnis Gottes eingeweiht, und zwar weil Gott es will. Gott selber bewirkt all das. Er handelt, indem er Hiob niederbeugt und gleichzeitig wieder aufrichtet. Er neigt sich zu ihm herab und würdigt ihn seiner Gegenwart. Er stellt die Verbindung her und gibt ihm am Ende sein Leben zurück. Hiob wird vollständig restauriert. Die Geschichte hat ein Happy End.

Dabei geht es der Erzählung nicht nur um diese eine Person. Wir wissen gar nicht, ob es Hiob wirklich gegeben hat. Er steht für das menschliche Schicksal im Allgemeinen, für unsere Fragen und unser aller Geschichte. Sie ist voller Leid und Widersprüche, voller Gegensätze und ungelöster Probleme.

Doch es gibt eine Botschaft, die uns trösten kann: Gott hat für uns alle ein gutes Ende vorbereitet, er hat in das Weltgeschehen eingegriffen, indem er sich selber zu uns herabgelassen hat. Das ist die Botschaft von Weihnachten: Gott hat sich offenbart, und zwar nicht gelegentlich wie z.B. gegenüber Hiob, sondern ein für alle Mal: Wir alle können ihn jederzeit erkennen und „seine Herrlichkeit sehen“. Dieter Trautwein dichtete das in einem Weihnachtslied so: „Der immer schon uns nahe war, stellt sich als Mensch den Menschen dar. Bist du der eignen Rätsel müd? Es kommt, der alles kennt und sieht! Er sieht dein Leben unverhüllt, zeigt dir zugleich dein neues Bild.“ (EG 56) In einer Liedstrophe lobt auch Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf dieses Geschehen. Sie lautet: „Halleluja, welche Höhen, welche Tiefen reicher Gnad, dass wir dem ins Herze sehen, der uns so geliebet hat; dass der Vater aller Geister, der der Wunder Abgrund ist, dass du, unsichtbarer Meister, uns so fühlbar nahe bist.“ (EG 251,4)

Dabei können wir von Hiob sehr schön lernen, wie diese Botschaft uns erreichen und verändern kann. Auch wir sind ja oft voller Fragen, niemand wird vom Leid verschont, von Trauer und Enttäuschung, Angst und Sorge, Wut und Schmerzen. Es kann dafür persönliche oder gesellschaftliche Gründe geben. Überall ist die Not groß: Ungerechtigkeit, Lügen und Gewalt greifen um sich. Wir hadern damit, lehnen uns auf und fragen sicher auch manchmal Gott, warum er nicht eingreift, denn wir wissen selber nicht weiter. Wir verstehen Gott und die Welt nicht mehr und fordern Antworten.

Doch solche Gedanken oder Vorwürfe beruhigen uns nicht, sie führen zu keiner Lösung, im Gegenteil, sie regen uns nur noch mehr auf. Wir können genauso lange diskutieren wir Hiob und seine Freunde, an ein Ende kommen wir dadurch nicht. Denn die Antwort liegt auf einer ganz anderen Ebene: Sie kommt „aus dem Sturm“, d.h. aus dem Jenseits. Erst wenn wir still werden und von uns selber absehen, können wir sie vernehmen. Wir sind eingeladen, uns selber loszulassen und uns trotz allem vor Gott zu verbeugen und auf seine Botschaft zu hören.

Es kann gut sein, dass uns das nicht gefällt. Es gibt Stimmen, die halten das Ende des Hiobsbuches für eine Zumutung: Gott zeigt seine Größe, und Hiob wird ganz klein. Er wird geradezu erdrückt und kommt am Ende gar nicht mehr vor.

Doch das ist ein Missverständnis, und so hört das Buch Hiob auch nicht auf. Gott ist nicht derjenige, der einfach nur seine Macht demonstrieren will, er will uns Menschen vielmehr in seine Wirklichkeit hineinholen, uns Anteil geben an seiner Gegenwart, damit wir ihm „ins Herze sehen“. Bloß damit das geschehen kann, müssen wir zunächst unseren letzten Halt verlieren, uns einsam vor Gott stellen und unseren Blick nicht mehr von unserem eigenen Wollen und unserem Denkschema trüben lassen. Wir sind immer viel zu voreingenommen, teilen die Welt gerne in Gut und Böse, unterscheiden das Nützliche von dem Schädlichen. Mit Weisheit und Vernunft versuchen wir, uns zu orientieren, durch Recht soll Ordnung hergestellt werden usw. Doch dieses Denken hat einen Horizont. Es ist begrenzt und legt uns fest.

Das sollten wir erkennen, so wie auch Hiob es erkannt hat, und davon ablassen. Es ist gut, wenn wir anstatt zu denken und zu urteilen, einmal schweigen und hören, vor Gott treten und ihn loben und anbeten. Denn dann tut sich etwas auf, was hinter dem Horizont liegt, dann werden unsere Grenzen gesprengt, wir sehen eine Wirklichkeit, die nicht mit dem Auge und auch nicht mit der Vernunft zu erfassen ist, wir sehen „die Höhen und Tiefen der Gnade Gottes“. Und das macht uns frei, alles Widersprüchliche wird aufgelöst, die Fragen kommen zur Ruhe.

Ein schönes Beispiel ist dafür der alte Prophet Simeon, von dem wir das heutige Evangelium erzählt. (Lukas 2,25-35) Sein Leben lang wartete er auf „den Trost Israels“, und am Ende traf er ihn wirklich. Er erkannte ihn in dem Kind Jesus, das Maria in den Tempel gebracht hatte, um ihn dem Herrn darzustellen. Simeon nahm es zärtlich auf die Arme und erlebte in diesem Augenblick die Erfüllung seiner Sehnsucht und Hoffnung. Er stimmte daraufhin ein Loblied an. Voll Freude pries er Jesus mit einem Hymnus und segnete seine Eltern. Er begann sein Lied mit dem Satz: „Nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren.“ D.h.er war bereit, zu sterben, denn er wusste, er hatte das Ziel nicht verfehlt. Das Licht, das er erblickte, verhieß ihm auch: Nach dem Tod kommt noch mehr, das Schönste liegt noch vor mir. In dem Kind Jesus leuchtete die Ewigkeit auf, und die warf ihre Strahlen bereits auf seinen Weg. Sie schien von vorne und machte ihm den Abschied leicht.

Und so kann es auch uns ergehen. Durch die Begegnung mit Jesus Christus führt Gott uns an die Grenzen unserer menschlichen Vernunft und Weisheit und lässt uns einen Blick werfen in den Bereich jenseits aller Fragen und Nöte. Leid und Trauer werden gemildert. Der Tod verliert seine Schrecken. „Weil Gott in tiefster nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht traurig sein.“ (EG 56)

Amen.

Von der Erneuerung der Kirche

Predigt über 5. Mose 6, 4- 9: Höre Israel
zum Reformationsfest, 1.11.2025, 18 Uhr, Lutherkirche Kiel

Der Predigttext für das Reformationsfest steht in diesem Jahr im fünften Buch Mose, Kapitel sechs und lautet folgendermaßen:

5. Mose 6, 4- 9

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen
7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,
9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Liebe Gemeinde.

„Friedrich der Große, König von Preußen, war bekannt dafür, dass er nicht allzu viel hielt von Religion und Kirche. Gern spöttelte er auch über Dinge des Glaubens. Seinen Leibarzt fragte er einmal, um ihn in Verlegenheit zu bringen: Doktor, nenn’ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann. – Der darauf wie aus der Pistole geschossen: Die Juden, Majestät!“

Das war eine überraschende und gute Antwort. Denn es ist menschlich unbegreiflich, dass ein so kleines, gefährdetes, ungebildetes Nomadenvolk aus der – weltpolitisch damals – hintersten Provinz Partner Gottes wird und es bis heute geblieben ist. Es hat seine Erwählung über Jahrtausende hin weitergegeben und lebendig erhalten hat. Zahllose Verfolgungen und Ausrottungsversuche durch andere Völker haben das Judentum nicht zerstört. Es hat überlebt, und viele trauen bis heute den uralten biblischen Verheißungen Gottes. Das kann dieses Volk unmöglich aus eigener Kraft geschafft haben. Darum: Die Juden sind wirklich so etwas wie ein Gottesbeweis: Dass es sie überhaupt gibt und dass es sie immer noch gibt, verrät, dass da einer hinter ihnen steht. (https://www.uni-muenster.de/FB2/philosophie/predigten/mu_bbb_ernstgemeint.html)

Sie verehren ihn und sind ihm durch alle Veränderungen in der Weltgeschichte treu geblieben. Denn sie haben einen der wirkungsvollsten Texte des Alten Testamentes ernst genommen. Wir haben ihn eben gehört, es ist das berühmte „Sch‘ma Jisrael“, das übersetzt heißt: „Höre Israel, der Herr, unser Gott ist einzig.“ Es hat seinen Ursprung in der Frühzeit Israels und enthält die Forderung nach der ausschließlichen Verehrung Jahwes. Und das hat Israel beherzigt. Es hat sich von Anfang an zu dem einen, lebendigen Gott bekannt, dem Ursprung aller Dinge, den Schöpfer, der unwandelbar, heilig, allwissend und allgegenwärtig ist. Das steckt in dem Wort „der Herr ist einzig.“ Er fordert eine ausschließliche Beziehung ohne jegliche Grenzen.

Des Weiteren wird in dem „Sch’ma Jisrael“ gesagt, dass der Einzelne seinen Glauben und sein Wissen, das Bekenntnis zu Gott und die lebendige Beziehung zu ihm auch an seine Kinder weitergeben muss. Sie sollen den Text wiederholt hören und auswendig lernen, die Familie und der Lebensraum sollen ganz davon geprägt werden. Dafür wurde von den Rabbinern empfohlen, das „Sch’ma Jisrael“ jeden Morgen und jeden Abend zu sprechen. Dadurch hörten die Kinder es ganz von selber mindestens zweimal am Tag.

Außerdem sollten sie diese Worte „zum Zeichen auf die Hand binden, und sie sollen ein Merkzeichen zwischen den Augen sein.“ Das haben die Juden wörtlich verstanden und sogenannte Gebetsriemen eingeführt. Das sind Lederbänder, an denen jeweils in einem kleinen Etui diese Worte befestigt sind. Ein frommer Jude bindet sich solche Riemen beim Beten an die Hand und auf die Stirn. Es ist ein Zeichen dafür, dass er sich an Gott gebunden fühlt, ganz gleich, wie leicht oder schwer es ihm fällt.

Genauso ist es mit der letzten Aussage: „Und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tür.“ Die wurde ebenfalls wörtlich verstanden, und das ist ja auch nicht verkehrt. Denn dadurch wurde man jedes Mal, wenn man das Haus oder die Stadt betrat, daran erinnert. Die Forderung nach einer festen Beziehung zu Gott hatte ihren Ort also in der Lebenswelt des Einzelnen und der Gemeinschaft, und dadurch konnte sie ihre Kraft entfalten. Und die hat viele Juden durchgetragen, in Verfolgung und Tod, in Leiden und Sterben. Sie haben sich an das „Sch’ma Jisrael“ gehalten und deshalb gibt es sie bis heute. Sie zeigen uns damit sehr schön, wie eine Religion lebendig bleiben kann.

Und das gilt genauso für die Kirche und die Christenheit. Wir fragen uns ja oft, wie es weitergehen soll. In der heutigen Zeit ist es nicht ganz einfach, beachtet zu werden und Menschen zu gewinnen. Die etablierten Kirchen schrumpfen, wir werden immer weniger.

Dabei tun wir ganz viel, um das Aussterben zu verhindern: Gottesdienste werden reformiert, das Liedgut wird überarbeitet, man bleibt nicht nur in der Kirche, sondern geht auch dahin, wo die Menschen sind. Wir passen uns an und strengen uns an, wir experimentieren und probieren neue Wege, werden weltoffen, sind kontaktfreudig und aufgeschlossen. Wir machen „niedrigschwellige Angebote“, wie es so schön heißt.

Und das ist auch ganz im Sinne Luthers. Er hat ja nicht nur die Kirche damals reformiert, sondern betont, dass das dauernd geschehen muss, auf Latein: „Ecclesia semper reformanda“. Den Ausdruck kennt ihr sicher. Er besagt, dass wir uns auf Luthers Thesen und Erkenntnissen nicht ausruhen dürfen. Evangelisch zu sein heißt nicht, dass wir das Erbe der Reformation pflegen und immer wieder die alten Schriften lesen, sondern dass wir uns ständig erneuern. Das haben wir auch alle verstanden und versuchen es wie gesagt.

Doch warum hilft es so wenig? Das Ergebnis kann sich nicht gerade sehen lassen, wir scheinen uns oft umsonst abzustrampeln. Es kommt trotz aller Anstrengungen kein rechter Schwung in unsere Kirche.

Der Grund dafür muss also noch tiefer liegen, und das „Sch’ma Jisrael“ kann uns auch darauf hinweisen. Wir sollten uns wie die Juden immer wieder nach Gott ausrichten, uns an ihn binden und auf seine Stimme hören. Das vergessen wir bei all den Bemühungen nämlich leicht. Vor lauter Versuchen, die Menschen zu halten und zu gewinnen, gerät Gott aus dem Blick. Wir vertrauen mehr auf unsere eigenen Ideen, auf unsere menschliche Kraft und unsere Leistung, als auf ihn.

Und an der Stelle kann Luther doch noch ein Vorbild sein und uns korrigieren. Er ließ sich von Gott und der Wahrheit leiten, von der Schrift und seinem Gewissen. Menschen und Meinungen interessierten ihn nicht, Ängste hat er abgelegt und Machtgelüste waren ihm fremd. Er war einfach nur Christ, authentisch und überzeugt von dem, was er erfahren und erkannt hatte.

Das entscheidende Erlebnis, mit dem alles anfing, hatte er dabei im Turm des Wittenberger Klosters. Er war da noch Mönch und strebte nach Vollkommenheit. D.h. er rang mit sich und dem Teufel, mit Gott und der Welt um Freiheit von der Sünde und ein reines Gewissen. Doch leider gelang ihm das nicht. Er wurde nicht glücklich und gelassen, sondern hatte Angst vor der Strafe Gottes und litt unter ständigen Anfechtungen. „O meine Sünde, Sünde, Sünde!“ war seine regelmäßige Klage. Sie beherrschte und verdüsterte seine Seele.

Sein Beichtvater Staupitz riet ihm angesichts dieser inneren Nöte, nicht mehr zu grübeln, sondern nur auf die Wunden Christi zu schauen, der für uns gestorben ist. Das tat Luther dann, und so traf ihn eines Tages die Erkenntnis wie ein Blitz: Gott will gar nicht, dass ich aus eigener Kraft vollkommen werde. Er will keine guten Werke, sondern einfach nur mein Vertrauen. Gott ist voller Liebe und Gnade, er sucht den Sünder und erbarmt sich über ihn. Das erkannte Luther plötzlich, und dadurch fand er den Seelenfrieden und die innere Sicherheit, um die er so lange gerungen hatte.

Und das ist auch für uns das Entscheidende: Wir müssen uns zu allererst Gott anvertrauen, all die Stimmen in uns und um uns zum Schweigen bringen und auf seine Stimme hören. „Mit ganzem Herzen und mit all unserer Kraft“ gilt es, ihn zu lieben. Wenn wir das tun, werden wir innerlich frei. Wir empfangen den Geist Christi und leben auf. Der lebendige Glaube verschafft uns Erneuerung, er macht uns stark und fröhlich.

Und dadurch kann dann auch die Kirche lebendig bleiben. Sie wird ein Ort, an dem Menschen etwas anderes erleben, als in der Welt. Wir sollten gar nicht dauernd versuchen, uns krampfhaft anzupassen. Mit unseren sogenannten niedrigschwelligen Angeboten sind wir in der Gefahr, alles einzuebnen und dadurch bedeutungslos zu werden. Wir organisieren sie, damit die Menschen sich in der Kirche nicht fremd fühlen. Aber warum sollen sie das eigentlich nicht? Sind wir nicht viel attraktiver, wenn sie in der Kirche etwas Neues erfahren, etwas Ungekanntes und Ungeahntes. Wir sollten auf das hinweisen, was uns unterscheidet, wonach sich alle sehnen und was sie sonst nirgends finden: Auf die Gegenwart Gottes und das ewige Licht. Dann sind wir interessant und faszinierend.

Auch wir werden zu einem Beweis dafür, dass Gott da ist, einfach dadurch, dass es uns gibt. Wenn wir unseren Glauben leben und weitergeben, unser Bekenntnis lebendig erhalten und darauf vertrauen, kann uns niemand zerstören. Die Kirche wird am Leben bleiben, denn es steht jemand hinter ihr, der zwar unsichtbar ist, aber dafür umso mächtiger.

Gott selber kann die Kirche retten und reformieren. Unsere eigene Kraft und Leistung sind viel zu klein, sie werden niemals ausreichen. Aber wir haben die Gegenwart Gottes, den Ursprung aller Dinge, den Schöpfer, der unwandelbar, heilig, allwissend und allgegenwärtig ist, und die Liebe seines Sohnes Jesus Christus, der uns erlöst hat. Durch ihn wird das große Werk gelingen.

Dank und Nächstenliebe

Predigt über Jesaja 58, 7- 12: Brich dem Hungrigen dein Brot
Altenzentrum St. Nicolai, 9.10.2025, 10 Uhr, Erntedank

Jesaja 58, 7- 12

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,
10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Liebe Gemeinde.

Mit den Worten, die wir eben gehört haben, ermahnt der Prophet Jesaja die Israeliten zur tätigen Liebe an ihren Mitmenschen. Und zwar geht es um die Liebe an den Entrechteten und Misshandelten, den Sklaven und Gefangenen, an denjenigen, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind oder in Schuldhaft sitzen, ebenso an den Hungernden, Heimatlosen und Frierenden. Jesaja ermahnt zur Hilfe für den in Not befindlichen „Nächsten“.

In einem derartigen Leben, in dem die Liebe gelebt wird, entstehen Heil, Friede und Wohlergehen. Es wird sich etwas ändern, nicht nur für die Bedürftigen, sondern auch für die, die helfen, langsam aber sicher. Es wird allen besser gehen. Und dabei ist das Entscheidende: Gott wird gegenwärtig sein. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch wird wieder hergestellt, die Gebete dringen zu ihm vor, der hört und er antwortet. Das ist der Segen, den Israel erwarten darf. Es entsteht neues, fruchtbares Leben.

Und am Ende erfahren wir noch etwas über die Situation, in die hinein der Prophet dies alles sagt. Das Land lag nämlich in Trümmern, denn er redete und wirkte in der Zeit nach dem Exil. Das wissen wir auch aus anderen Stellen in seinem Buch. Da war die Stimmung in der Gesellschaft schlecht. Der Prophet spricht zu Unzufriedenen und Ungeduldigen. Der Aufbau dauerte ihnen zu lange, es ging ihnen nicht schnell genug voran. Deshalb will Jesaja sie ermutigen und aufrichten: Sie sollen nicht aufgeben und nicht ihren Glauben verlieren. Er soll vielmehr weiterhin ihren Alltag und ihr Zusammenleben prägen, dann wird es ihnen bald wieder besser gehen.

Und das wird auch uns gesagt. Wir sollen ebenso dafür sorgen, dass das Heil Gottes zu allen Menschen kommt, dass sie befreit werden und ein gutes Leben haben. Das Evangelium soll konkret werden und unser Handeln prägen.

Natürlich geschieht das auch längst. Es gibt viele Initiativen, mit denen dieses Anliegen verwirklicht wird. Die beiden großen Organisationen, „Brot für die Welt“ in der evangelischen Kirche und das bischöfliche Hilfswerk Misereor in der katholischen Kirche zählen z. B. dazu. Sie sorgen dafür, dass Menschen in ärmeren Gegenden der Erde genug zu essen bekommen und dass ihre Lebensverhältnisse sich verändern. In unserem Land ist das Feld der Diakonie ebenfalls sehr weit: Es gibt unzählige Helfer, haupt- und ehrenamtliche. Wer Zeit und Kraft hat, engagiert sich irgendwo und praktiziert die Nächstenliebe.

Trotzdem steckt in der Ermahnung des Propheten auch für uns noch ein wichtiger Hinweis. Denn es geht ihm nicht einfach nur um Mitmenschlichkeit. Er will vielmehr, dass der Wille und die Gegenwart Gottes das Leben und die Gesellschaft prägen. Wir sollen nicht nur äußerlich handeln, auch innerlich soll sich etwas verändern. Die Liebe soll von Herzen kommen. Wir sollen die Menschen unser „Herz finden lassen“, wie der Prophet es ausdrückt. D.h. wir sollen uns ihnen öffnen, es soll menschliche Nähe geben, Wärme und Mitgefühl. Lassen Sie uns also fragen, wie es zu dieser inneren Einstellung kommen kann.

Und dabei kann das Erntedankfest uns helfen. An diesem Tag geht es um den Dank für alles, was wir zum Leben haben und brauchen. Gesundheit, Wohnung, Kleidung, Freundschaften und noch ganz viel mehr. Oft denken wir erst darüber nach, wenn etwas fehlt oder kaputt geht, wenn wir krank werden oder etwas verlieren. Aber es ist viel sinnvoller und besser, regelmäßig für all das zu danken. Wenn wir dankbar sind, verändern wir uns nämlich in genau die Richtung, in die die Worte des Propheten uns weisen. Denn beim Danken geschieht dreierlei: Wir kommen in Berührung mit Gott, mit uns selber und mit unseren Mitmenschen, und das tut allen gut.

Als erstes ist es Gott, dessen Nähe wir spüren, als Schöpfer und Erhalter unseres Lebens. Das Bewusstsein dafür geht uns  heutzutage leider leicht verloren, denn wir leben in einer Zeit, in der Wissenschaft und Technik sehr dominieren. Auch der weltweite Handel, Wohlstand und Konsum haben das Gefühl verdrängt, dass das Walten Gottes größer ist als das Handeln und Wissen von uns Menschen. Genau das sollten wir uns aber immer wieder bewusst machen, denn Gott ist da, und wenn wir ihm danken, merken wir das auch. Wir spüren seine Größe und Gegenwart, werden wir demütig und bescheiden. Egoismus und Machtwille schwächen sich ab. Es rückt die Verhältnisse wieder zurecht. Wenn wir mit Gott in Berührung kommen, werden wir innerlich ausgeglichen und geheilt.

Als zweites wird durch den Dank unser Herz angerührt, das Glaubensleben wird innerlich. Das ist es ja oft nicht. Wir haben uns vielmehr bestimmte Verhaltensweisen angewöhnt, die wir für gläubig und kirchlich halten. Wir trennen das Leben oft vom Glauben, beides läuft so nebeneinander her: Das eine spielt sich in der Kirche ab, das andere zu den übrigen Zeiten und an den anderen Orten, an denen wir sind. Doch so ist es nicht gedacht, und der Dank ist ein guter Weg, damit sich das ändert. Durch den Dank zieht der Glaube in unseren Alltag ein und prägt unser Lebensgefühl. Er wird echt und lebendig und kommt von innen heraus. Das ist das zweite, das durch den Dank geschieht.

Und als drittes folgt daraus eine neue Wahrnehmung unserer Mitmenschen. Wir kommen auch mit ihnen in Kontakt, erkennen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Not und Bedürftigkeit, und sorgen ganz von selber dafür, dass wir besser miteinander umgehen. Unsere Umwelt kommt in den Blick, es entsteht eine schonende und umsichtige Grundeinstellung gegenüber dem Leben und unseren Nächsten. Der Ungerechtigkeit und dem Hass wird Einhalt geboten. Die Hilfsbereitschaft wächst, Mildtätigkeit und Güte prägen unser Handeln. Wir werden „wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Mit diesem schönen Bild beschreibt der Prophet die Veränderung der Gesellschaft.

Es lohnt sich also, den Weg des Dankens zu gehen. Durch den Dank öffnet sich etwas in uns, und ganz von selber wird das geschehen, wozu der Prophet Jesaja uns ermahnt. Es verändert sich etwas zum Guten hin, in der Kirche, in uns und in der Gesellschaft. Und das kommt dann nicht von uns, weil wir so viel tun oder so gut sind, sondern von Gott selber. Sein „Licht wird aufgehen in der Finsternis“, er baut sein Reich, und wir dürfen daran mitwirken.

Amen.

Gott ist der Eine

Predigt über Hiob 23, 1- 17: Hiobs dritte Antwort an Elifas
11. Sonntag nach Trinitatis, 30. und 31.8.2025, 18 und 11Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Ihr kennt aus der Bibel sicher die Geschichte von Hiob. Er war ein frommer und rechtschaffener Mann, gottesfürchtig, anständig und gut. Er hatte sieben Söhne und drei Töchter und besaß riesige Herden von Schafen, Kamelen, Rindern und Eseln. Er war also reich und hatte einen großen Betrieb. Dazu gehörten noch viele Leibeigene und Bedienstete.

Doch eines Tages kam großes Unglück über ihn, angeblich weil Gott ihn prüfen wollte. So wird es am Anfang des Buches jedenfalls erzählt. Seine Herden wurden durch Feinde und Feuer zerstört und die Knechte getötet. Seine Söhne und Töchter aßen und tranken gerade im Hause ihres Bruders, da kam ein großer Wind von der Wüste her, der das Haus zum Einsturz brachte, und sie wurden darunter begraben. Zuletzt wurde Hiob am ganzen Körper mit bösen Geschwüren geschlagen, so dass ihm nichts anderes blieb, als sich in die Asche zu setzen und mit einer Scherbe seine Haut zu schaben. Auch seine Frau sagte sich von ihm los. Er war arm, krank und total einsam. Als Bündel Elend bot er ein Bild des Schreckens und des Jammers.

Da kamen seine drei Freunde, Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama, um ihn zu beklagen und zu trösten. (Hiob 1) Sie führten lange Gespräche mit ihm. Jeder entfaltete seine Meinung in jeweils drei langen Reden. Alle waren fest davon überzeugt, dass Hiob gesündigt haben musste. Wenn er das zugeben, bereuen und sich bessern würde, dann würde Gott ihm gnädig sein und sein Schicksal wieder wenden.

Doch so einfach war die Situation leider nicht, und damit beschäftigt sich das ganze Buch Hiob. Es stellt die Frage, was denn passiert, wenn ein Unschuldiger leidet. Welche Antwort gibt es darauf? Was soll das? Wie kommt er da wieder heraus und welche Rolle spielt Gott? Das Buch Hiob setzt sich sehr kritisch mit der Weisheit der Freunde auseinander, und diese Kritik finden wir in den Antworten Hiobs. Auch das sind jeweils lange Redegänge. Seine dritte Antwort an Elifas von Teman ist heute unser Predigttext und lautet folgendermaßen:

Hiob 23, 1- 17:

1 Hiob antwortete und sprach: 2 Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss. 3 Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seinem Thron kommen könnte! 4 So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen 5 und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. 6 Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde Acht haben auf mich. 7 Dann würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter! 8 Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. 9 Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht. 10 Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich erfunden werden wie das Gold. 11 Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab 12 und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir. 13 Doch er ist der Eine – wer will ihm wehren? Und er macht’s, wie er will. 14 Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. 15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. 16 Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; 17 denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

Das ist eine der langen Reden Hiobs. Elifas hatte ihm geraten, sich mit Gott zu vertragen, dann wird es ihm auch wieder gut gehen. Er sollte seine Weisung annehmen, sich bekehren und demütigen. Dann wird er sich auch wieder an Gott freuen können, und Gott wird ihn erhören. „Denn er erniedrigt die Hochmütigen; aber wer seine Augen niederschlägt, dem hilft er.“ (22,29) Das ist sein Schlusssatz.

Doch der hilft Hiob nicht, denn er war nie „hochmütig“ und hat immer „die Augen niedergeschlagen“. Er weiß nicht mehr, wo Gott ist, wer er ist und wie er glauben soll. Er zweifelt und ist ratlos. Das Einzige, was er tun kann, ist trotz dieser Ratlosigkeit an Gott festzuhalten, ihm die Ehre zu geben, auch ohne dafür einen persönlichen Grund zu haben, ohne die Erfahrung von Gottes Nähe und Liebe. Und das tut er. Gegen die Vernunft, gegen alle Einsicht und gegen sein eigenes Gefühl der Verlassenheit lobt er Gott. „Doch er ist der Eine – wer will ihm wehren? Und er macht’s, wie er will. Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn.“

Das ist sein Bekenntnis, auf das seine Rede hinausläuft. Sie ist zwar eine Klage und drückt viel Traurigkeit, Angst und Einsamkeit aus, aber sie endet nicht in der totalen Verzweiflung. Hiob beugt sich, ist demütig und bleibt weiter geduldig. Er hofft darauf, dass sich sein Schicksal eines Tages wieder ändern wird.

Und das ist auch die Botschaft für uns: Es ist gut, wenn wir „still warten“ und ruhig bleiben. Es nützt nichts, wenn wir uns auflehnen und abmühen. Besser ist es, Gottes Macht zu preisen und seine Gnade zu rühmen, denn nur dann erfahren wir auch sein Heil.

Das gilt besonders dann, wenn wir die Nähe Gottes nicht mehr spüren. Solche Situationen kennen wir sicher alle, in denen Gott abwesend zu sein scheint. Wir verstehen ihn nicht, zweifeln, hadern und klagen. Wir können nicht mehr richtig glauben, weil das Leid, das wir empfinden, stärker ist.

Das kann durch verschiedene Ereignisse ausgelöst werden. Es kann ein Schicksalsschlag sein, ein schwerwiegender Verlust, eine Krankheit, ein Konflikt. Und auch die allgemeine Weltlage kann uns in die Verzweiflung treiben. Wir hören so viel Schlimmes, von Kriegen, Vertreibung, Gewalt und Tod. Ungerechtigkeit und Hass greifen um sich, Egoismus, Gier und Machtwille scheinen gerade an vielen Stellen in der Welt zu siegen.

Wo ist Gott da? Warum greift er nicht ein? Wie sollen wir noch an ihn glauben? Diese Fragen stellen wir uns, und um sie geht es auch im Buch Hiob. Die Zweifel an Gott sind genauso alt wie der Glaube an ihn. Menschen haben sie immer wieder, und wenn sie einmal in unsrem Kopf sind, lassen sie uns nicht so schnell wieder los.

Doch genau da müssen wir ansetzen. Anstatt mit Gott zu rechten und ihm Vorwürfe zu machen, müssen wir einmal in uns gehen und uns selber eine Frage stellen, und zwar die nach unserem Gottesbild. Wir stellen uns Gott ja irgendwie vor und haben auch Erwartungen an ihn: Er soll gut sein, gnädig und liebevoll, helfend und beschützend. Wenn er das nicht mehr ist, fangen wir an zu zweifeln. Doch wir müssen uns klar machen, dass dann eigentlich nur unser Bild von ihm ins Wanken gerät, unsere Vorstellungen und Wünsche. Anstatt uns gegen Gott zu wenden, sollten wir uns lieber von unsren Bildern befreien, sie abtun und loslassen. Das ist das erste.

Als zweites müssen wir einsehen, dass Gott größer ist als die Gedanken, die wir über ihn haben. Wir dürfen uns nicht über ihn stellen. Dann ist er ja auch nicht mehr Gott. Ohne dass wir es merken, verfallen wir damit dem Hochmut. Das Wort kommt von „hoch“, und da sind wir gerne, oben, überlegen und eigenmächtig. Wir überheben uns, und damit entfernen wir uns natürlich von Gott. Denn groß ist allein er, und es gilt auf ihn zu blicken, trotz allem, ohne Bild, ohne Grund, ohne Erfahrung.

Wenn wir Gott wirklich kennen lernen wollen, muss es uns um ihn selber gehen. Gott ist nicht unser Handlanger, sondern er ist unverfügbar. Anstatt nach „Osten, Westen, Norden oder Süden“ zu schauen, muss unser Blick auf Gott selber gerichtet sein. Wir finden ihn nicht in der Welt, sondern nur, wenn wir ihn anbeten und ihm die Ehre geben. Denn Gott ist nicht ein Teil unseres Lebens oder unseres Denkens, sondern wir sind ein Teil von ihm. Jeder und jede Einzelne ist ein Gedanke Gottes, wir sind sein Bild, seine Idee, und nicht umgekehrt. Es ist gut, wenn wir das demütig erkennen, still werden und uns an seiner Gegenwart genügen lassen.

Es gibt unzählige Menschen, die das getan und davon Zeugnis abgelegt haben. Es war nicht nur Hiob. Sie sind durch die „dunkle Nacht“ gegangen, wie sie es nennen. Fast jeder und jede Gläubige erlebt das irgendwann einmal. Es ist die Nacht der Gottesferne. Die Begeisterung für Gott löst sich auf, es bleibt nur innere Leere. Aber viele von denen, die von solchen Erfahrungen berichten, bezeugen gleichzeitig, dass sie trotzdem weiter geglaubt haben und irgendwann getröstet wurden. Bei Hiob war es auch so. Am Ende des Buches zeigt Gott sich und stellt sein Leben wieder her, weil er es wollte.

Luther hat diese Haltung das große „Dennoch“ genannt. Es ist ein Glaube ohne Grund, auf den ich mich dann in allen Lebenslagen gründen kann; der „reine Glaube“, der sich an nichts hält und dann selber zum festen Halt wird.

Ein weiteres Beispiel für diese Weise des Glaubens sind viele Baltendeutsche, die nach dem Ersten Weltkrieg wegen ihres christlichen Glaubens und ihrer deutschen Herkunft von den kommunistischen Machthabern verfolgt und in Gefängnisse und Lager eingesperrt wurden. Sie haben trotzdem weiter fest an Gott geglaubt und oft ein Lied gesungen, das sich ihnen als Trost eingeprägt hatte. Es stammt von einer damaligen Zeitgenossin, Hedwig von Redern, einer Dichterin, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gelebt hat.  

Sie war das älteste Kind des Generalleutnants Hermann von Redern aus einem märkischen Uradelsgeschlecht. Als Hedwig 20 Jahre alt war, starb ihr Vater, und ihr Wohnsitz wurde durch einen Brand zerstört. Die Familie zog in eine Mietwohnung in Berlin, wo sie von da an in relativ ärmlichen Verhältnissen lebte.

Doch Hedwig hat nicht an Gott gezweifelt. Im Gegenteil, im christlichen Glauben fand sie Mut und fing an, christliche Texte zu dichten.

Eine besondere Wirkungsgeschichte hatte dabei das Lied: „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll. Ist‘s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh. Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit, dein Plan ist fertig schon und liegt bereit. Ich preise dich für deiner Liebe Macht, ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.“ (EG 603,1.2)

Amen.

„Ihr seid das Licht der Welt“

Predigt über Matthäus 5, 13- 16: Salz und Licht
8. Sonntag nach Trinitatis, 9. und 10. 8. 2025, 18 und 11 Uhr

Luther- und Jakobikirche Kiel

Matthäus 5, 13- 16

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Liebe Gemeinde.

Wenn wir in einen dunklen Raum kommen, suchen wir als erstes den Lichtschalter. Wir wollen es hell haben und sehen, was um uns ist. Wenn sich kein Licht anschalten lässt, benutzen wir eine Taschenlampe oder eine Kerze, denn die Helligkeit brauchen wir. Sie vertreibt die Dunkelheit und damit das Bedrohliche und Unheimliche. Sie nimmt uns die Unsicherheit und die Angst.

Deshalb gilt das Licht als Symbol für das Gute und Hilfreiche, das Heil und die Freude. In dieser Bedeutung kommt es an unzähligen Stellen in der Bibel vor. Auch Jesus benutzt das Licht als ein Bild, mit dem er seinen Jüngern sagt, wie sie leben sollen. Wir haben seine Worte vorhin gehört. „Ihr seid das Licht der Welt“, sagt er ihnen.

Der Abschnitt gehört zur Einleitung der Bergpredigt, die wir im Matthäusevangelium in den Kapiteln fünf bis sieben finden. Diese Rede Jesu enthält die wichtigsten Teile seiner Lehre, an die seine Jünger sich halten sollen. Er beschreibt damit, wie er sich die christliche Gemeinde vorstellt, besonders in einer ihr feindlich gesonnenen Welt.

Jesus will deutlich machen, dass mit ihm etwas grundlegend Neues in die Welt gekommen ist. Durch sein Erscheinen ist das „Reich Gottes“ angebrochen, das „Himmelreich“, wie er es auch oft nennt. Es ist ein außerweltliches Reich, das den Weltreichen gegenübersteht. In der christlichen Gemeinde ist es schon gegenwärtig. Die Kirche ist sein Abbild, d.h. sie repräsentiert die Königsherrschaft Christi. Das kann sie allerdings nur, wenn sie seine Lehre beachtet. Durch sie gewinnt die Kirche ihr Profil und ihre Gestalt. Deshalb legt er sie seinen Jüngern dar.

In den Versen, die wir gelesen haben, beschreibt er seine Botschaft mit zwei Gleichnissen aus der damaligen Alltagswelt. Er bezeichnet diejenigen, die auf ihn hören, als „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“. Das Salz würzt und konserviert Speisen, das Licht vertreibt die Dunkelheit.

Für das zweite Bild vom Licht führt Jesus wiederum zwei Beispiele an, die verdeutlichen, was er damit sagen will. Zunächst erwähnt er die „Stadt auf dem Berg“. Das war eigentlich Jerusalem. Es wurde von den Juden gern als „Licht der Welt“ bezeichnet. Alle Völker ziehen deshalb dahin, das war ihre Überzeugung. In Zukunft wird aber – so die Botschaft Jesu – die christliche Gemeinde diese Anziehungskraft haben. Sie strahlt die Herrlichkeit des Herrn aus. Das ist das eine Bild.

Mit dem anderen Beispiel werden wir in ein palästinensisches Bauernhaus zurzeit Jesu geführt. Es wurde in der Dunkelheit von einer tönernen Öllampe erhellt, die man auf einen eisernen Halter mit hohem Fuß, den Leuchter stellte. So strahlte das Licht der Lampe besonders hell. Alle im Haus Befindlichen hatten dadurch vom Licht etwas. Es wäre völlig unsinnig gewesen, hätte man die Lampe statt auf einen Leuchter unter einen Kübel gestellt. Dann hätte niemand etwas davon gehabt, nach einer Zeit wäre das Licht sogar ausgegangen.

Jesus sagt damit, dass das Licht selbstverständlich in der Öffentlichkeit leuchtet. Und genauso sollen es auch seine Jünger tun. „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Das ist sein Schlusssatz, mit dem er die Bilder deutet. Das Licht, das die Jünger sein und verbreiten sollen, sind die guten Werke, die sie vor den Menschen tun, um sie zum Lobpreis des himmlischen Vaters anzuregen. Und das heißt, der Anschluss an Jesus, Nachfolge und Annahme des Evangeliums vom Reich Gottes wirken sich in der Glaubenspraxis aus. Es ist nicht gleichgültig, wie die Christen leben, was sie tun und sind. Und zwar nicht nur, weil ihr eigenes Seelenheil davon betroffen ist, sondern auch, weil es eine Bedeutung für die Welt hat.

Lasst uns über diesen Zusammenhang also nachdenken und fragen, wie wir unser Leben gestalten müssen, damit wir „Licht der Welt“ sind.

Nötig ist es ja, dass in dieser Welt Lichter leuchten, nicht nur im materiellen oder technischen Sinn. Es herrscht – sinnbildlich gesprochen – gerade viel Dunkelheit, durch die Kriege, von denen wir täglich hören, die Umweltprobleme, die politischen Kräfteverhältnisse und vieles mehr. Wir fühlen uns bedroht und suchen einen Lichtschalter, um die Dunkelheit zu beenden. Es ist schwer, ihn zu finden, und manchmal verzagen wir auch.

Doch es gibt ihn, und Jesus sagt uns, wo er ist: nämlich in jedem und jeder Einzelnen von uns. Wir müssen das Licht in uns selber suchen, nicht außerhalb von uns, nicht bei anderen, bei den Politikerinnen oder Regierenden, Wissenschaftlern, Ärztinnen oder Lehrern, nicht in der Welt, sondern in unserem Geist und in unserer Seele. „Wir sind das Licht der Welt.“

Doch was bedeutet das nun? Es klingt ja etwas hochmütig, so etwas zu behaupten. Und steckt darin nicht ein sehr hoher Anspruch? Wie sollen wir das denn sein? Von „guten Werken“ war die Rede, und die sehen wir kritisch. Wir wollen keine Forderungen und keine Moral, sondern Erlösung und Rettung. Das sind unsere Gedanken.

Doch so dürfen wir die Worte Jesu nicht hören. Jesus will uns nicht unter Druck setzen, und er formuliert auch keine Gesetze. Er benennt vielmehr die Möglichkeiten, die wir haben, und das sind ganz viele. Wir müssen nur einmal in uns hineinschauen und uns mit uns selber beschäftigen., mit unserem Empfinden und Denken, mit unseren Gefühlen und unserem Bewusstsein.

Wir vermeiden das gern, weil wir dabei nicht nur Schönes zu sehen bekommen. Im Gegenteil, wir wissen, wo unsere Schwächen sind, dass wir unvollkommen sind und Fehler haben. Meistens äußert sich das im Umgang mit anderen Menschen. Da herrschen oft Egoismus und Gleichgültigkeit. Wir sehen lieber weg, wenn es irgendwo Probleme gibt, bleiben gefühlskalt und wenden uns ab. Auch Ärger und Ungeduld können uns ergreifen, wenn andere nicht unseren Vorstellungen entsprechen. So entstehen Streit, und manchmal auch Hass und Krieg. Wir sind keine Heiligen und auch keine Heldinnen, sondern werden oft von negativen Kräften gesteuert. Verschlossenheit, Unruhe und Hektik, Angst oder Verzweiflung gehören ebenfalls dazu

Das alles gilt es wahrzunehmen, ohne uns dafür zu schämen oder zu verurteilen. Wir machen uns einfach nur bewusst, wer wir sind und was alles zu uns gehört. Und das tut gut, denn wir lösen uns dabei ein Stück von uns selber und kommen uns gleichzeitig nahe. Wir spüren uns und lernen uns kennen. Das wäre der erste Schritt.

Als nächstes ist es gut, wenn wir uns so, wie wir sind, dem Licht Gottes aussetzen und uns von ihm anstrahlen lassen. Es ist durch Jesus Christus erschienen, er ist das „Licht der Welt“ (Joh.8,12). Das wird überall bezeugt, in der Bibel und in der geistlichen Tradition. Es ist eine Botschaft und eine Erfahrung, die wir selber machen können. Wir müssen Jesus Christus nur darum bitten, in unserem Leben zu leuchten.

Der pietistische Pastor Georg Neuss hat diese Bitte in einem Lied so formuliert: „Lass deines guten Geistes Licht und dein hell glänzend Angesicht erleuchten mein Herz und Gemüt, o Brunnen unerschöpfter Güt.“ (EG 389,3) Damit greift er das Bild von dem Licht sehr schön auf: Unsere Seele und unsere Empfindung sind wie ein Raum, in dem es dunkel ist. Aber wir können Jesus bitten, einzutreten und diesen Raum hell zu machen, und zwar immer wieder.

Es sollte zu einer Gewohnheit werden, einem Ritual, mit dem wir uns darin üben, das Licht Christi anzuschalten. Am besten ist es, wenn wir uns dafür täglich Zeit nehmen. Dabei spielt es keine Rolle, welchen Zeitpunkt am Tag wir wählen und an welchem Ort wir uns gerade befinden, denn Jesus Christus ist immer und überall da. Seine „Güte“ kennt keine Grenzen, sie ist wie ein „Brunnen“, der nie versiegt. Und sie ist völlig unabhängig von der Situation, in der wir sind. Wir sollen also nicht selber leuchten, sondern uns in das Licht Christi hineinstellen und uns davon durchfluten lassen. Dann wird unser Leben ganz von selber hell.

Und wenn das geschieht, werden wir auch nach außen hin strahlen. Wir werden durchlässig für das Licht Christi, es scheint durch uns hindurch in diese Welt.

Konkret heißt das, dass wir ganz anders miteinander umgehen können. Wir bekommen „Himmelsgüter“, wie Georg Neuss sie in seinem Lied nennt. Er zählt „Weisheit, Stärke, Rat und Verstand“ auf, (EG 389,4) Aber es gehören auch Geduld und Barmherzigkeit dazu, Ruhe und Zuversicht, Liebe und Friedfertigkeit. Wir wenden uns einander zu, öffnen uns und können helfen, teilen und abgeben. Wir überschätzen uns nicht selber, sind ehrlich und verbreiten Hoffnung. Wir „tragen ein Licht in die Welt.“ (EG 539) Natürlich werden wir darin nie vollkommen sein. Wir sind noch auf dem Weg dorthin. Es ist wichtig, dass wir uns das sagen, damit wir uns nicht unter Druck setzen. Keiner von uns ist schon ganz und gar hell und rein. Aber das sollen wir auch nicht sein. Jesus entwirft hier keinen Zwang, sondern ein Idealbild, dem wir uns annähern können. Luther hat einmal gesagt: „Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.“ Auf diesen Weg können wir uns machen. Wir können immer wieder den Lichtschalter in uns betätigen, damit es in unserer Seele und in der Welt heller wird, indem wir Gott um sein Licht bitten.

Wir können das gut mit dem genannten Lied von Georg Neuss tun:

  1. Ein reines Herz, Herr, schaff in mir,
    schließ zu der Sünde Tor und Tür;
    vertreibe sie und lass nicht zu,
    dass sie in meinem Herzen ruh.
  2. Dir öffn ich, Jesu, meine Tür,
    ach komm und wohne du bei mir;
    treib all Unreinigkeit hinaus
    aus deinem Tempel, deinem Haus.
  3. Lass deines guten Geistes Licht
    und dein hell glänzend Angesicht
    erleuchten mein Herz und Gemüt,
    o Brunnen unerschöpfter Güt,
  4. und mache dann mein Herz zugleich
    an Himmelsgut und Segen reich;
    gib Weisheit, Stärke, Rat, Verstand
    aus deiner milden Gnadenhand.
  5. So will ich deines Namens Ruhm
    ausbreiten als dein Eigentum
    und dieses achten für Gewinn,
    wenn ich nur dir ergeben bin.

Heinrich Georg Neuss 1703


Der dreieinige Gott

Predigt über 2. Korinther 13, 11- 13: Grüße und Segenswunsch
zum Sonntag Trinitatis, 14.6.2025, 18Uhr, Lutherkirche Kiel

2. Korinther 13, 11- 13

11 Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
12 Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen.
13 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde.

„Herzliche Grüße“, „alles Liebe“ oder „bleib gesund“, das sind Formeln, mit denen wir gerne Briefe oder Nachrichten beenden. Wir wünschen damit denjenigen, denen wir geschrieben haben, alles Gute und drücken unsere Zuneigung aus.

Der Apostel Paulus schloss seine Briefe ebenfalls mit bestimmten Ausdrücken ab. Die lauten allerdings etwas anders, als unsere Sätze. „Der Gott des Friedens sei mit euch“ steht z.B. am Ende des Römerbriefes. Ebenso gerne endete Paulus mit dem Satz: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit euch allen!“. Manchmal nannte er den „Frieden Gottes“ und die „Gnade Christi“ auch nebeneinander.

Ungewöhnlich ist dagegen sein Gruß am Schluss des zweiten Korintherbriefes, den wir eben gehört haben. Ich habe ihn zusammen mit den Abschiedsworten gelesen, das sind ein paar Ermahnungen, die noch vorangehen: „Lasst die Freude bei euch Einzug halten, tröstet und ermuntert euch gegenseitig, bewahrt Eintracht und Frieden untereinander“. So lauten sie in einer modernen Übersetzung. (Klaus Berger und Christiane Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert, Frankfurt am Main und Leipzig, 2003, S.133) Das bezieht sich auf die Situation, in die hinein Paulus seinen zweiten Brief an die Korinther geschrieben hat: Es herrschte viel Streit in der Gemeinde. Den sollten die Korinther beenden und stattdessen der Freude und dem Frieden Raum geben. Sie können überall dort aufbrechen, wo Christus, der eine Herr über alle anerkannt wird. Er ist die lebendige Mitte allen Zusammenlebens der Seinen. Von ihm sollen sich die Korinther zurechtbringen, ermahnen und bewegen lassen. Sie sollen neu lernen, eines Sinnes zu sein und in Frieden miteinander umzugehen. Tun sie das, so wird Gott mit ihnen sein. Denn Gott ist die Liebe, die er den Seinen schenkt, und der Friede, der die Herzen seiner Gläubigen erfüllen kann.

Der Ort, an dem das am ehesten geschieht, ist der Gottesdienst. Da können sie allen Streit unterbrechen und sich gegenseitig vergeben. Es kann zur Versöhnung kommen, indem die Menschen einander die Hand reichen. Dieses Ritual gibt es ja bis heute in der Abendmahlsliturgie. Im urchristlichen Gottesdienst gab es als Brauch dafür sogar den „heiligen Kuss“.

Und dann spricht der Apostel den Segen, mit dem er im Gottesdienst seine Ansprache abzuschließen pflegte. Nur während dieser Segen sonst immer aus dem „Frieden Gottes“ oder der „Gnade Christi“ besteht, ist er hier dreigliedrig formuliert. Die Segenskräfte gehen nicht nur von Gott, dem Vater und dem Herrn Jesus Christus aus, sondern Paulus fügt als drittes Glied die „Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ hinzu. Das ist einmalig in seinen Briefen und lässt aufhorchen. Zum ersten Mal bekommt der gottesdienstliche Segen des Apostels trinitarische Struktur. „Unser Herr Jesus Christus begleite euch in seiner Gnade. Gott der Herr schenke euch seine Liebe, der Heilige Geist verbinde euch alle untereinander.“ So kann man das in heutigem Deutsch übersetzen. (Klaus Berger, s.o.)

Uns sind solche Formeln inzwischen längst vertraut. Den Schlusssatz aus dem zweiten Korintherbrief kennen wir z.B. als Kanzelgruß, d.h. der oder die Predigende stellt ihn der Predigt voran. Auch eröffnen wir den Gottesdienst in der Regel „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Wir taufen und trauen Menschen mit dieser Anrufung, schließen Gebete zu Jesus Christus oft mit dem Satz „der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und regierst in Ewigkeit“ und singen einen Lobpreis auf den Dreieinigen Gott am Ende eines Psalms. Auch unser Segen enthält die Bitte, dass Gott der Vater, der Sohn und der Heiliger Geist bei uns sein möge. Ist der Name des dreieinigen Gottes dadurch nicht etwas abgegriffen? Bedeutet er uns überhaupt noch etwas, bzw. worin steckt für uns die Aktualität solcher Formeln, das Inspirierende und Bewegende? Das müssen wir uns fragen, und dazu sind mir folgende Gedanken eingefallen.

Grundsätzlich besagt der Gruß oder der Segenswunsch im Namen des dreieinigen Gottes, dass Gott sich nicht durch eine Vorstellung beschreiben lässt, und das Bild von der „Dreieinigkeit“ ist von vorne herein für den Verstand ein Widerspruch. Das ist allen bewusst, die diesen Namen nennen. Denn damit sind nicht einfach drei Personen gemeint, die zusammengehören. Das wäre Vielgötterei, und die liegt dem christlichen Glauben fern. Es gibt deshalb in der Theologie auch die Begriffe von den drei „Wesenheiten“ oder drei Eigenschaften Gottes. Ein Hymnus der Benediktiner beschreibt die Trinität mit Bildern. Er beginnt mit der Strophe: „Dreifaltiger verborgner Gott, ein Licht aus dreier Sonnen Glanz, drei Flammen einer Liebesglut, Gott Vater, Sohn und Heil’ger Geist.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Ev. Michaelsbruderschaft, Göttingen 2020, Nr.665) Das ist sehr schön, aber erklärt wird damit auch nicht, was es mit der Dreieinigkeit auf sich hat.

Doch gerade damit sind wir bei dem ersten Thema, das die Trinität zum Ausdruck bringt: Wir können Gott gar nicht begreifen, das ist sein Hauptmerkmal. Gott ist keine Idee, und er hat auch keinen Ort, an dem er sich aufhält. Er ist nicht nur durch einen Gedanken zu erfassen. Wir können ihn nicht verstehen und beschreiben, denn seine Wirklichkeit ist viel tiefer und größer als unser Denken. Er ist in sich selber lebendig und mächtig, wirksam und schöpferisch, liebend und vergebend. Unsre Beziehung zu ihm ereignet sich nicht dadurch, dass wir ihn verstehen oder ergreifen, ihn in unser Denken einbauen und festlegen, sondern er nähert sich uns. Wir sind seine Kinder, er schenkt uns seine Heilskraft, rettet uns aus dem Tod und lässt uns Anteil haben an seiner Liebe. Wo Gott gegenwärtig ist, entstehen Frieden und Ruhe. Wir sind nicht mehr allein, und werden untereinander verbunden.

Der Glaube ist also kein Denksystem, sondern ein Vollzug. Das ist der nächste Gedanke, der sich daraus ergibt. Wir müssen uns auf Gott einlassen und in seine Wirklichkeit eintreten. Die Beziehung zu Gott besteht darin, dass wir uns ihm anvertrauen, uns ihm hingeben und ihn in unser Leben hineinlassen. Dabei bringt die Vorstellung von der Dreiheit Gottes zum Ausdruck, dass wir ihm überall begegnen können, in der Höhe und in der Tiefe, in Kraft und in Schwachheit. Gott findet immer einen Weg zu uns und wir zu ihm. Wir öffnen uns für ihn und empfangen das, was er uns schenken möchte.

Und diese Erfahrung führt uns zur Anbetung. Das ist der dritte Punkt. Die Formeln vom Dreieinigen Gott bringen das auch zum Ausdruck: Sie enthalten unsere Ehrfurcht und Dankbarkeit. Unser Denken kommt zur Ruhe, wenn wir den Namen des dreieinigen Gottes nennen, wir werden still, und unser Glaube mündet in das Lob.  Wir erkennen:  Gott ist Geber und Gabe in einem. Wir haben unser Leben von ihm und er schenkt uns sich selber Er will uns begleiten, uns lieben und stärken. Und er ist das Ziel unseres Glaubens, es geht in allem um ihn. In seiner Gegenwart sind deshalb, wer wir sein sollen.

All das steckt in dem Segen, den Paulus hier formuliert. Ganz viele Aspekte unseres Lebens und unserer Beziehung zu Gott sind darin enthalten. Die Vorstellung von dem dreieinigen Gott macht es deshalb eigentlich sogar einfacher, an Gott zu glauben, als wenn er nur Einer wäre. Sie ist immer aktuell, kann uns inspirieren und bewegen. Denn sie hilft uns, uns Gott aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen heraus anzunähern. Vielleicht ist auch mal der eine und mal der andere Aspekt wichtiger für uns. Wir müssen uns nicht auf einen Gedanken festlegen. Die Trinität ist so etwas wie ein Raum, in dem wir Zuflucht finden. Wir können uns bei Gott bergen, mit ihm Gemeinschaft haben und uns von ihm umschließen lassen. Sein Geheimnis lässt sich nicht lüften, aber es kann uns anlocken und ergreifen. 

Es ist deshalb sinnvoll, wenn wir so einen Segenswunsch, wie Paulus ihn an das Ende seines Briefes an die Korinther gesetzt hat, zu eigen machen, ihn in unseren Gottesdiensten verwenden, und warum nicht auch einmal am Ende eines Briefes? Zumindest ist es nicht schlecht, wenn wir uns und unseren Lieben die Gaben wünschen, die der dreieinige Gott uns in vielfältiger Weise schenken möchte.

Der Mystiker und Seelenführer Gerhard Tersteegen hat das so gehandhabt. Er lebte von 1697 bis 1769 in Mühlheim an der Ruhr und führte ein beschauliches und abgeschiedenes Leben. In seinem Haus hielt er regelmäßig Erweckungsversammlungen und Erbauungsstunden und führte viele persönliche Glaubensgespräche. Auch in Briefen und Schriften hat er sich geäußert, denn die Menschen vertrauten sich ihm an und suchten seinen Rat. In einem seiner Briefe grüßte er am Ende z.B. so: „Nun, mein herzlich geliebter Bruder, nochmals grüße ich dich im Namen Jesu, und umarme dich im Geiste seiner Liebe, in dem ich durch die Gnade bleibe.“ (Tersteegens Briefe in Auswahl, Basel 1889, S.162)

Tersteegen hat auch viele Lieder und Gedichte geschrieben. In unserem Gesangbuch gibt es insgesamt neun. Eins davon ist ein Lobpreis auf die Dreifaltigkeit. Tersteegen nennt Gott darin den „Brunn alles Heils“ und sucht seinen Segen. Er nennt ihn „Schöpfer“, „Heiland“ und „Tröster“ und bittet darum, dass er bei uns bleiben und uns erleuchten möge und uns seinen Frieden schenke. Lasst auch uns darum bitten und uns bei dem dreieingen Gott bergen.

Amen.

Die neue Schöpfung

Predigt über Sprüche 8, 22- 36: Der Ruf der Weisheit
3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 11.5.2025, 8 Uhr, Gethsemanekloster Riechenberg

Sprüche 8, 22- 36
Die Weisheit ruft:
22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.
23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.
24 Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.
25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,
26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.
27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe,
28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe,
29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte,
30 da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;
31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.
32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten!
33 Hört die Mahnung und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind!
34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore!
35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN.
36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Liebe Gemeinde.

Das Wort „Weisheit“ – auf Hebräisch „Chakamah“ – kommt im Alten Testament oft vor. Es bedeutet „Geschicklichkeit, Wissen und Kenntnis.“ Auch bezeichnet es die Fähigkeit, Situationen beurteilen zu können und die richtigen Mittel für die Lösung eines Problems oder eines Konfliktes zu finden. Der König Salomo besaß z.B. diese Weisheit. Doch sie geht auch noch tiefer: Die Weisheit kann darüber hinaus die Rätsel der Welt lösen. Und zuletzt ist mit dem Wort die Weisheit Gottes gemeint, die die Quelle der menschlichen Weisheit ist. Durch sie wurde die Welt erschaffen und wird von ihr regiert.

Davon handelt der Hymnus, den wir eben gehört haben. Die Weisheit wird dort als eine wesentliche Eigenschaft Gottes gerühmt, die sich in der Schöpfung manifestiert. Sie war sein erstes Werk, und dann hat sie ihm bei der Erschaffung der Welt beigestanden. Wie ein Handwerker oder eine Künstlerin stand sie neben Gott und hat mit spielender Leichtigkeit das Schöpfungswerk dirigiert. Jeden Tag hatte sie ihre Freude daran.

Uralt und göttlich ist somit die Weisheit und sie gilt als erste der Tugenden. Deshalb ist es notwendig, dass die Menschen ihrem Unterricht aufmerksam folgen. Wer das tut, wird reich belohnt: Er empfängt Leben und Gottes Wohlgefallen. Wer sie dagegen verschmäht, schadet sich selbst und verliert sich in den Tod.

Auffällig ist, dass die Weisheit wie eine Person dargestellt wird, die hier sogar selber spricht. Das hat die Christen schon sehr früh dazu bewogen, diese und ähnliche Aussagen im Alten Testament auf Jesus Christus zu übertragen. Sie erinnern an den Prolog des Johannesevangeliums, der lautet: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ (Joh.1,1-3) „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (14)

Wir glauben, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, „sein Kind an seiner Seite, das unter seinen Augen spielte auf dem weiten Rund der Erde und an den Menschen seine Freude hatte“. (V.30f) Im Nicänischen Glaubensbekenntnis heißt es dementsprechend: „Wir glauben an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit.“ Damit bekennen wir, dass Jesus Christus nicht nur eine geschichtliche Person ist, sondern „wahrer Gott vom wahren Gott“. Besonders in der österlichen Freudenzeit ist das unser Thema: Wir feiern die Auferstehung, die Schöpfung und das ewige Leben.

Naturwissenschaftlich lässt sich dieser Teil unseres Glaubens nicht erklären. Als moderne Menschen zweifeln wir deshalb oft an solchen Aussagen, sie passen nicht in unser aufgeklärtes Denken. Aber das ist auch nicht der richtige Weg, um uns diesem Geheimnis zu nähern. Ein Hymnus wie der über die Weisheit ist dafür sehr viel besser geeignet. Wenn wir darin den Weg Jesu Christi sehen, beschreibt er, dass die Auferstehung ein uraltes, lebendiges Geschehen ist, das am Anfang da war und immer noch wirkt, ein dauerndes Ereignis in der Welt und in der Natur, das sich in Jesus Christus gezeigt hat und bis heute verkündet wird.

Und das bedeutet für unseren Glauben, dass er nicht eine Ideologie ist, eine Lehre mit verschiedenen Kapiteln und Punkten. Wenn wir an Jesus Christus glauben, schließen wir uns vielmehr an die lebendige Quelle an, aus der alles Leben kommt. Wir haben Teil an der schöpferischen Kraft Gottes und werden mit der ganzen Natur verbunden. Wir werden eins mit der Schöpfung und wissen uns als Teil von ihr.

Es bedeutet auch, dass unser Glauben keine Privatsache ist, etwas, das sich im individuellen Bereich erschöpft und im stillen Kämmerlein gepflegt wird, sondern er öffnet uns für die Welt und unsere Mitmenschen. Er will mit anderen zusammen gefeiert werden und ruft uns in die Verantwortung.

Nicht umsonst endet unser Lied über die Weisheit mit einer Ermahnung zur Nachfolge. In der Übersetzung die „Gute Nachricht“ lauten die Verse: „Deshalb, ihr jungen Leute, hört auf mich! Wie glücklich sind alle, die mir folgen! Schlagt meine Unterweisung nicht in den Wind, hört darauf und werdet klug! Wie glücklich sind alle, die mir zuhören, die jeden Tag vor meinem Haus stehen und an meinem Tor auf mich warten. Alle, die mich finden, finden das Leben und der Herr hat Freude an ihnen.“ (Gute Nachricht, V. 32-35)

Das erinnert ebenfalls an ein Wort Jesu, und zwar an den sogenannten Heilandsruf, der im Matthäusevangelium in Kapitel elf steht. Jesus sagt dort: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11, 28-30) Das ist eine weitere Bibelstelle, die eine Brücke zwischen der alttestamentlichen Weisheit und Jesus Christus bildet. Jesu Ruf gleicht dem der Weisheit. Wir sind eingeladen, ihm zu folgen, damit wir Glück und Ruhe finden. In Jesus ist Gott ganz nah bei uns.

Wenn wir also auf die Weisheit – und das heißt für uns: auf das Evangelium und auf Jesus Christus  – hören, kann Gott uns finden und uns immer wieder erneuern. Wir empfangen das ewige Leben.

Und das ist eine wunderbare Botschaft, denn unser Leben ist oft voller Leid. Wir stecken manchmal in Sackgassen, haben Angst und fühlen uns verloren. Sowohl im persönlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich spüren wir häufig unsere Ohnmacht, vielleicht auch Wut und Ärger. Krankheit und Konflikte machen uns das Leben schwer, und am Ende wartet der Tod auf uns.

Doch er ist überwunden, das ist die Botschaft von Ostern. Unsere engen Grenzen sind gesprengt. Durch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi und an seine schöpferische Macht verwandelt sich alles: Unser Geist wird weit, unsere Seele wird stark. Wir werden von innen her gewärmt und finden eine Heimat. In der Weisheit Gottes, die in Christus für uns zu erkennen ist und zu finden ist, nähern wir uns dem Ursprung und Ziel des Lebens, seinem Sinn.

Wir haben deshalb wirklich einen Grund uns zu freuen. Der heutige Sonntag heißt „Jubilate“, das heißt jubelt, freut euch und seht, wie gewaltig die Werke Gottes sind. Der Tod ist zerbrochen, das Finsterste überwunden.

Lasst uns deshalb der Einladung unseres Liedes folgen und uns auf den Weg der Weisheit begeben. Es lohnt sich, immer wieder auf Jesus Christus zu hören, auf seine Einladung und seine Verheißung. Es gilt, das Evangelium ernst zu nehmen und zwar täglich aufs Neue. Wenn wir uns jeden Morgen vor das „Haus Jesu Christi“ stellen, werden wir heil und empfangen unvergängliche Freude. Dann holt er uns ab, und wir gehen durch die Tür zu einem Leben, in dem der Tod überwunden ist. Wir finden die Seligkeit und den Frieden, nach dem wir uns sehnen, denn Jesus Christus „hat seine Freude an uns“ und erfüllt uns mit seiner Gegenwart.

Amen.

Das Abendmahl

Predigt: über 1. Korinther 11, 23- 26: Vom Abendmahl des Herrn
Gründonnerstag, 17.4.2025, 19 Uhr, Altenzentrum St. Nicolai, Kiel

1. Korinther 11, 23- 26

Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth:
23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot,
24 dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.
25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.
26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Liebe Gemeinde.

In dem Briefabschnitt aus dem Korintherbrief, den wir eben gehört haben, erklärt Paulus, was ihm beim Abendmahl wichtig ist, und zwar betont er, dass wir uns dabei an die Gegenwart Christi erinnern: Jesus Christus hat uns diese Mahlfeier gestiftet, und sein Geist soll dabei lebendig sein.

Paulus führt deshalb die Überlieferung an, die er vom Herrn empfangen hatte: Das Mahl, das wir feiern, ist vom Herrn selber gestiftet. Dafür zitiert er die Worte Jesu, die in den Evangelien überliefert wurden. Er hat sie an dem Abend vor seiner Hinrichtung gesprochen, „in der Nacht, da er verraten ward“, als er mit den Jüngern sein letztes Mahl einnahm. Von daher empfängt die Mahlfeier im Gottesdienst seine Einmaligkeit und seine Bedeutung, d.h. das Leiden und Sterben Jesu prägen es ganz entscheidend. Es ermöglicht eine Teilhabe an seiner Hingabe. Darauf weisen die Worte hin „für euch gegeben“ und „für euch vergossen“. Das Brot wird zum Leib Christi und der Kelch enthält sein Blut. Er ist gleichzeitig ein Sinnbild des Bundes, den Gott verheißen hat. Bei der Feier wird er vergegenwärtigt. Die Teilnehmenden bekommen das Heil geschenkt und „verkündigen den Tod des Herrn, bis er kommt“.

Das ist das, was Paulus hier hervorhebt, und so ist es auch in die kirchliche Tradition eingeflossen: Es gibt deshalb beim Reichen des Brotes und des Kelches die Spendeworte: „Christi Leib, für dich gegeben“ und „Christi Blut, für dich vergossen.“ Sie erinnern an die Gegenwart Christi und lassen seinen Geist lebendig werden. Sie bezeugen seine Liebe und stiften Gemeinschaft.

Viele Christen haben damit allerdings heutzutage Probleme. Sie wollen und können sich das nicht vorstellen, dass sie den Leib Christi essen und das Blut Christi trinken. Das hat für sie etwas Abstoßendes und Kannibalisches an sich. Und wie soll das denn auch gehen, dass aus dem Brot und dem Wein Leib und Blut Christi werden? Außerdem ist die Erinnerung an den Tod Jesu für viele zu düster und negativ. Das passt nicht in unser Denken und Lebensgefühl. Die Spendeworte, die daran erinnern, sind deshalb in vielen Gemeinden und Köpfen überholt. Es hat sich eingebürgert, das Brot und den Wein mit den Worten weiterzureichen „nimm und iss vom Brot des Lebens“ und „nimm und trink vom Kelch des Heils.“ Das ist positiver und viel leichter zu verstehen. Und diese Worte liegen auch nahe. Sie stammen zwar nicht aus der biblischen Abendmahlstradition, aber dahinter steht die Aussage Jesu: „Ich bin das Brot des Lebens“. Und das ist ein Wort aus dem Johannesevangelium. (Johannes 6,48) Insofern sind sie durchaus biblisch und legitim und ja auch sehr schön. Sie sind eingängiger und wirken bejahender.

Trotzdem möchte ich einmal fragen, ob damit nicht doch etwas verloren gehen kann. Der Ausdruck „Brot des Lebens“ hat für sich genommen zunächst ja nichts mit Jesus zu tun. Die Bibelstelle aus dem Johannesevangelium muss man kennen und sie muss einem einfallen. Und erst recht verblasst der Zusammenhang mit Christi Leiden und Sterben. Es besteht die Gefahr, dass Christus in den Hintergrund tritt und wir nur noch eine rituelle Mahlzeit feiern mit einem allgemeinen religiösen Charakter. Und das ist schade.

Ich möchte deshalb einmal ein Plädoyer für die Spendeworte „Christi Leib, für dich gegeben“ und „Christi Blut, für dich vergossen“ halten. Drei Dinge sind an diesen Worten wichtig und schön.

Erstens wird mit den Formeln unmissverständlich deutlich, dass beim Abendmahl Christus gegenwärtig ist. Sein Name wird genannt, und darin liegt bereits eine besondere Kraft. Wie jeder Name ist auch der Name Christi ein Teil von ihm. Wenn wir ihn nennen, rechnen wir mit seiner Gegenwart. Wir vergewissern uns damit, dass er da ist, und dass es um etwas Heiliges geht. Nicht unsere Gefühle oder schöne Vorstellungen stehen im Mittelpunkt des Abendmahls, sondern Christus selber. Und wir erinnern uns auch nicht nur an ihn, sondern verlassen uns auf die Wirklichkeit seines Todes und seiner Auferstehung. Sie sind ein Geschehen, etwas Lebendiges und Kraftvolles, und da werden wir hineingezogen. Und es geht sogar noch weiter: Christus zieht gleichzeitig in uns ein, er verbindet sich mit uns und schenkt uns leibhaftig das Heil, das er durch seinen Tod und seine Auferstehung geschaffen hat. Das ist das Erste, was bei den Worten „Christi Leib, für dich gegeben“ und „Christi Blut für dich vergossen“ anklingt.

Der zweite Punkt betrifft die Lebenshingabe Jesu Christi, sein Leiden und Sterben, das in diesen Worten vorkommt. Sie sind zwar etwas düster, aber so ist unser Leben auch oft. Es gibt darin viel Leid, kaum jemand kommt unbelastet zum Abendmahl, irgendetwas treibt uns immer um. Es kann Schuld oder Angst sein, Ratlosigkeit oder Trauer. Und das müssen wir nicht ausblenden, es darf alles vorkommen. Die schweren Gefühle, die damit einhergehen, müssen wir nicht abstellen. Im Gegenteil, gerade weil es uns oft nicht gut geht, ist Christus gekommen. Er hat unser Leid mit uns geteilt, wir sind in der Dunkelheit des Lebens nicht allein. Gott selber geht mit uns, er kennt die Tiefen und hat sie nicht gescheut. Und im Abendmahl zeigt er uns das. Da dürfen wir seine Liebe empfangen, die tröstet und stärkt. Sie beschönigt nichts, sondern überwindet das Leid. Christus schenkt uns im Abendmahl eine Kraft, die stärker ist als der Tod und die Dunkelheit. Es ist wie eine Medizin, ein heilbringendes Mittel. Deshalb dürfen wir alles mitbringen, was uns belastet. Wir werden so geliebt, wie wir sind, und sollen neues Leben empfangen.

Und als Drittes fordern die Formeln und die Vorstellung, dass wir Leib und Blut Christi zu uns nehmen, unseren Glauben heraus, und das ist gut und wichtig. Mit der Vernunft oder dem Verstand lässt sich die Umwandlung der Elemente nämlich nicht erklären oder begreifen. Es bleibt ein Geheimnis, wie Christus in ihnen gegenwärtig ist. Dahinter steht kein natürlicher Vorgang, sondern es ist ein Sakrament, d.h. eine Handlung, die die unsichtbare Wirklichkeit Christi vergegenwärtigt. Und damit kommen wir nur in Berührung, wenn wir zu Christus in Beziehung treten, wenn wir auf seine Worte hören, uns ihn vor Augen halten und uns auf ihn einlassen.

Das hat besonders Luther betont. Im Kleinen Katechismus hat er unterstrichen, dass die „Worte neben dem leiblichen Essen und Trinken das Hauptstück im Sakrament sind. Und wer diesen Worten glaubt, der hat, was sie sagen.“ (Fünftes Hauptstück, zum Dritten) Und das heißt, das Abendmahl muss in eine lebendige Glaubenspraxis eingebunden sein. Auch andere religiöse Vollzüge sind wichtig, wie das Vertrauen, das Gebet, Lesen oder Hören des Wortes Gottes, Verkündigung und Gemeinschaft. Das Abendmahl ist ein Teil unserer Frömmigkeit, und nur wenn die lebendig ist, kann es uns etwas bedeuten.

Lassen Sie uns also diese drei Punkte beachten: Dass Christus im Abendmahl gegenwärtig ist, dass er für uns gestorben und auferstanden ist, und dass wir an ihn glauben und ihm nachfolgen.

Dann wirkt das Abendmahl tatsächlich. Es ist keine gewöhnliche Mahlzeit, die wir einnehmen, damit wir satt werden, sondern „schenkt Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit“, wie Luther sagt (s.o., zum Zweiten). Es ist ein Mahl der Liebe Gottes, er tut uns dabei etwas unendlich Gutes. Und alle, die herzutreten, sind in gleicher Weise willkommen, es gibt keine Unterschiede und keine Beurteilungen. So sättigt das Abendmahl unsere Seele, es macht uns froh und zuversichtlich und stiftet in besonderer Weise Gemeinschaft. Lasst es uns deshalb mit Ernst und Dankbarkeit empfangen.

Amen.