Predigt über Lukas 2, 41- 52: Der zwölfjährige Jesus im Tempel
zum 2. Sonntag nach Weihnachten, 8.1.2026, Altenzentrum St. Nicolai, Kiel
Lukas 2, 41- 52
41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.
42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.
43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten’s nicht.
44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.
45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.
46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.
47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.
48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.
49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?
50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.
51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.
52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.
Liebe Gemeinde.
Die Geschichte, die wir eben gehört haben, ist die einzige Erzählung aus der Kindheit Jesu, die wir im Neuen Testament finden. Es ist eine Legende, d.h. wir wissen nicht, ob es historisch gesehen so war, aber sie enthält eine Botschaft, die uns guttut. Lassen Sie sie uns deshalb betrachten und bedenken.
Jesus ist hier bereits zwölf Jahre alt, und er war mit seinen Eltern und vielen anderen nach Jerusalem zum Passahfest gereist. Die Reise dauerte mehrere Tage, man ging zu Fuß in einer Reisegruppe, einer Karawane, zu der sicher auch Esel und Lasttiere gehörten. Das gab Sicherheit und Schutz. Gemeinsam zog man natürlich auch wieder nach Hause. Am Abend nach dem Fest sammelte man sich dafür an einem vereinbarten Punkt, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung war. Und das war an dem ersten Rückreisetag, von dem unsere Geschichte erzählt, nun nicht der Fall, ein Junge fehlte, und zwar Jesus, der älteste Sohn von Maria und Josef. Sie mussten also noch einmal zurück, um ihn zu suchen, und natürlich machten sie sich große Sorgen. Drei Tage lang fanden sie ihn nicht! Doch zum Glück entdeckten sie ihn dann im Tempel. Natürlich waren sie böse mit ihm und schimpften ihn aus. Es interessierte sie auch gar nicht, dass Jesus mitten unter den Schriftgelehrten saß, ihnen zuhörte, kluge Fragen stellte und auffallende Einsichten von sich gab. Die Umgebung staunte und fragte sich: Wer ist das bloß? Wo stammt er her?
Jesus wirkte erwachsen und überlegen, und so klang auch seine Antwort an seine Eltern: „Was sucht ihr mich? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ In diesem Satz leuchtete seine wahre und tiefste Herkunft auf. Doch seine Eltern erkannten das nicht, sie nahmen ihn mit und kehrten mit ihm in seine Heimat zurück. Da ordnete sich Jesus dann erstmal in ein normales, alltägliches Leben ein. Erst mit 30 Jahren trat er wieder in Erscheinung.
Das ist die Erzählung, über die wir heute nachdenken, und sie soll andeuten, dass Jesus eigentlich nicht in Nazareth zu Hause war, wo er zwar aufwuchs, sondern in Wahrheit war er in Jerusalem beheimatet, wo der Tempel stand und der Gottesdienst seinen zentralen Ort hatte. Denn Jesus hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu Gott. Er nennt ihn hier bewusst seinen Vater, und er hatte eine tiefe Einsicht in seinen Willen. Die Geschichte will deutlich machen, dass Jesus eine göttliche Herkunft hatte.
Das wird hier erzählt, und darin sind wie gesagt ein paar Hinweise enthalten, die für unseren Glauben von Bedeutung sind.
Zunächst einmal können wir an die Situation denken, die hier beschrieben wird. Das Ganze geschieht ja während einer Reise. Die Menschen machten eine Pilgerfahrt. Das kann man gut als Bild für das ganze Leben verstehen. Gerade am Jahresanfang wird uns bewusst, dass unser Leben wie eine Reise ist. Es gibt keinen Stillstand, Situationen verändern sich, und verweilen können wir nirgends für immer. In Anlehnung an eine Zeile aus einem Abendlied von Tersteegen können wir sagen: „Ein Jahr, das sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern“. (EG 4481,5) Das ist das erste Motiv in dieser Geschichte.
Als zweites kommt darin vor, dass ein Kind sich angeblich verlaufen hat. Jedenfalls machen sich seine Eltern große Sorgen. Und auch das können wir auf unser Leben übertragen: Wir verlaufen uns manchmal in unseren Träumen oder Zwängen und kommen an Grenzen, an denen wir nicht weiterwissen. Wir haben Vorstellungen davon, wie unser Leben sein soll, aber dann kommt etwas dazwischen. Wir werden krank, unsere Mitmenschen bereiten uns Probleme, wir verlieren sie, die allgemeine Weltlage hindert uns daran, glücklich zu sein usw. Auch das Älterwerden ist ja nicht einfach, da bricht vieles weg, das früher selbstverständlich war. Angst macht sich breit, Aufregung und Sorgen. Das ist das zweite Thema, das in der Geschichte vorkommt.
Doch dann gibt es zum Glück einen dritten und sehr schönen Inhalt in der Erzählung, um den es eigentlich auch geht. Die Hauptperson ist ja der Knabe Jesus, der schon als Kind wusste, was sein Auftrag war. Wir können uns mit ihm verbinden, denn er ist ein Mensch wie wir. Er steht neben uns und ist uns ganz nahe. Aber das ist eben nicht das Einzige, was ihn auszeichnet. Auf der anderen Seite hat er eine viel tiefere Einsicht in das Leben und den Willen Gottes als wir. Es geht Autorität von ihm aus, er kennt die Wahrheit, er weiß den Weg, und den kann er auch uns zeigen. Wir müssen nur darauf vertrauen, dass von ihm eine besondere Kraft ausgeht, die uns erfüllen und beruhigen kann.
Dann merken wir, dass er auch uns dahin führt, wo wir eigentlich zu Hause sind. Auch unsere Bestimmung ist es, in der Gegenwart Gottes zu weilen. Die Strophe aus dem Abendlied von Tersteegen, die ich eben genannt habe, lautet deshalb auch vollständig: „Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“
Damit wird ja auch ein Ziel genannt, das wir erreichen können, und ein Wunsch, der uns anleiten kann, dass nämlich „das Herz sich an die Ewigkeit gewöhne“. Wir werden dadurch ruhig und entspannt, gelassen und innerlich froh.
Vielleicht müssen wir uns zunächst einmal verlaufen, um darauf zu kommen. Meistens entdecken wir erst in einer Lebenskrise, dass es noch mehr geben muss, als unsere innerweltlichen Ziele, aber das ist ja auch nicht schlimm. Im Gegenteil, jede Irrung birgt die Chance in sich, auf den richtigen Weg geführt zu werden.
Und genau darum geht es beim Glauben an Jesus Christus. Er will uns in seines „Vaters Haus“ führen, dafür ist er unser Bruder und unser Freund geworden. Er kann uns beschützen und begleiten, durch ihn sind wir nie allein, und er kennt den richtigen Weg.
Amen.