Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder

Predigt über Apostelgeschichte 16, 23- 34: Paulus und Silas im Gefängnis

4. Sonntag nach Ostern, Kantate, 29.4.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Apostelgeschichte 16, 23- 34

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.
24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.
26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen
34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Gemeinde.

Bei unserem letzten Gemeindeausflug besuchten wir am Ende die Kirche von Broager, das ist ein kleiner Ort auf der dänischen Seite der Flensburger Förde, und das hat sich gelohnt. Denn diese Kirche ist nicht nur eine Sehenswürdigkeit, uns fiel beim Singen auch die wunderbare Akustik darin auf. So viele Personen waren wir gar nicht, trotzdem klangen unsere Lieder so, als wäre die ganze Kirche mit Menschen gefüllt. Da hat das Singen richtig Spaß gemacht.

Wie gut oder wie schlecht die Akustik in einem Raum ist, spielt ja oft eine große Rolle, gerade wenn es um Musik geht. Damit beschäftigt sich eine ganze Wissenschaft. Die ist mit dem Wort „Akustik“ auch gemeint. Es ist die Lehre vom Schall und seiner Ausbreitung. Sie umfasst sämtliche damit zusammenhängende Gesichtspunkte, wie die Entstehung vom Schall, seine Wahrnehmung durch das Gehör und seine Wirkung auf Menschen und Tiere usw.

In der Geschichte, die wir vorhin gehört haben, spielt das alles auch eine Rolle, denn da hat ein akustisches Phänomen eine großartige und spektakuläre Auswirkung: Es war der Gesang der Apostel Paulus und Silas im Gefängnis. Der muss stark gewesen sein, denn er durchdrang die Mauern, und alle Gefangenen hörten ihn. Er wurde zu einem öffentlichen Zeugnis für die große Kraft Gottes, die daraufhin alle Anwesenden erfahren haben, denn er rief Gottes Handeln auf den Plan: Es geschah ein Erdbeben, das sämtliche Türen des Gefängnisses aufsprengte und alle Fesseln abfallen ließ.

Natürlich handelt es sich bei diesem Ereignis um etwas anderes, als lediglich einen Schall mit einer bestimmten Wirkung. Ein Wunder geschieht, mit dem Gott seine Macht beweist. Dabei sind die Motive, die in der Erzählung vorkommen, für den Verfasser nicht neu. Das gibt es in der Bibel auch an anderen Stellen: Fromme Menschen werden unschuldig gefangen und eingekerkert und haben eigentlich einen Grund zum Klagen. Doch das tun sie nicht, sondern sie stimmen stattdessen ein Loblied an. So pries der gefangene Josef seinen Gott. Und „der ganze Fisch war voll Gesang“, (Klaus-Peter Hertzsch, Biblische Balladen zum Vorlesen, Stuttgart 1970) als Jona darin gefangen war. Genau dasselbe tun hier nun Paulus und Silas.

Vorweg geht ihre Verhaftung. Uns wird erzählt, dass sie „hart geschlagen“ und dann in das „innere Gefängnis geworfen“ wurden. Darunter muss man sich wohl so etwas wie ein unterirdisches Loch vorstellen, ohne Fenster, ohne Licht, kalt und feucht und stickig. Ihre Füße kamen in den Block, so dass sie sich kaum noch bewegen konnten.

Zu all dem war es gekommen weil sie einer Wahrsagerin den bösen Geist ausgetrieben hatten. Aus ihrer Sicht hatten sie ihr geholfen und etwas Gutes getan. Heute würden wir sagen, dass sie sie aus einem psychotischen Zustand befreit und sie geheilt hatten. Doch das gefiel nicht allen Beteiligten. Denn die Frau war eine Sklavin, und ihre Herren profitierten von ihrer Gabe des Wahrsagens. Sie nahmen Geld dafür ein. Und diese Männer waren natürlich erbost, als die Frau die Fähigkeit des Hellsehens plötzlich nicht mehr besaß. Ihre Geldquelle war versiegt. Und als sie mitkriegten, dass Paulus und Silas dahinter steckten, ließen sie die ins Gefängnis werfen. Es gelang ihnen mit Vorwänden und Lügen und Anheizen der Stimmung in der Stadt. Paulus und Silas saßen also unschuldig in diesem finsteren Loch. Geldgier, Machtwille, Lügen und Manipulation der anderen hatten sie dorthin gebracht.

Wenn einem so etwas widerfährt, wird man natürlicherweise wütend. Auflehnung und Zorn, Angst, Traurigkeit und Weinen sind die naheliegenden Reaktionen. Aber das taucht hier an keiner Stelle auf. Die Apostel reagieren ganz anders. Anstatt zu klagen, vielleicht sogar vor Gott, fangen sie an zu singen. „Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder“. So wird es hier erzählt. Und damit wird das Wunder eingeleitet. Gott selber tritt auf den Plan. Eine Macht, die stärker ist als all diese Ungerechtigkeiten, greift ein und ebnet den Gefangenen den Weg in die Freiheit.

Doch erstaunlicher Weise nutzen Paulus und Silas diese Möglichkeit gar nicht. Anstatt den Kerker so schnell möglich zu verlassen, kümmern sie sich zunächst um den Gefängniswärter. Der war bei diesem Geschehen von panischer Angst ergriffen worden und stand offensichtlich so unter Schock, dass er sich selber das Leben nehmen wollte. Davor bewahrt Paulus ihn hier. Er spricht zu ihm, beruhigt ihn und führt ihn zum Glauben an Jesus Christus. Die rettende und befreiende Kraft Gottes geht also noch weiter und greift um sich. Sie setzt sich in einer feindlichen Umwelt durch. Davon möchte diese Geschichte ein Zeugnis ablegen.

Aber beeindruckt uns das überhaupt? Klingt das nicht alles eher wie ein Märchen? Wir tun uns ja schwer mit den Wundergeschichten der Bibel, denn sie entsprechen nicht unseren Erfahrungen. Kein unschuldig Gefangener wird heutzutage so befreit. Und davon gibt es leider viele. Wir wünschen uns zwar, dass Gott einmal eingreift und alle Ungerechtigkeit beseitigt, aber das tut er nicht.

Was sollen wir mit der Geschichte also anfangen? Das müssen wir uns fragen, und dafür ist es gut, wenn wir ihre zentrale Botschaft herausfiltern: Es geht um die Offenbarung der Macht Gottes, die Türen öffnet und Fesseln löst. Die Geschichte erinnert damit an die Auferstehung Jesu, der sogar aus dem Grab befreit wurde und den Tod überwand. Die Freiheit, die hier verkündet wird, hat also einen anderen Charakter, als irdische Freiheit. Das wird auch daran erkennbar, das Paulus und Silas und die anderen Gefangenen gar nicht sofort weglaufen. Sie bleiben, wo sie sind, und bekehren erst einmal den Gefängniswärter, der ebenfalls von dem Wunder ergriffen wird. Er findet zum Glauben an den Auferstandenen und verliert seine Angst.

Lasst uns also fragen, wie wir dahin kommen können, und dafür ist es gut, wenn wir noch einmal etwas genauer darüber nachdenken, was Freiheit überhaupt ist.

Normalerweise verstehen wir darunter ja die Möglichkeit, alles tun zu können, was wir wollen. Wenn geschieht, was wir uns wünschen, niemand uns hindert oder einschränkt, dann fühlen wir uns frei. Und das erstreben wir auch. „Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden, Freiheit, aus der man etwas machen kann. Freiheit, die auch noch offen ist für Träume, wo Baum und Blume Wurzeln schlagen kann.“ So dichtete es Ernst Hansen in dem Lied „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 1995, Nr. 623) Doch genau diese Zeilen haben auch einen kritischen Unterton: Der Dichter will sagen, dass wir das zwar wollen, aber es nicht so einfach finden. Im Gegenteil, gerade dieses Streben führt in ganz viele Zwänge. Es beginnt mit der Angst, ob es auch klappt. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt und wie viele Gefahren und Hürden uns erwarten. Es kann zu herben Enttäuschungen kommen. Andere Menschen verletzen uns, Krankheiten, Unfälle oder andere schlimme Ereignisse durchkreuzen unsere Träume und sie zerplatzen. Und selbst, wenn wir viel erreichen, bleibt die Furcht vor dem Verlust ein ständiger Begleiter. Außerdem bauen wir Mauern zwischen uns und anderen, es sind die Mauern unseres Egoismus. Das kommt in der nächsten Strophe des Liedes von Ernst Hansen zum Ausdruck, die lautet: „Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst.“ Das ist die eine Seite, die wir beachten müssen, wenn wir über Freiheit nachdenken.

Auf der anderen Seite fühlen sich lange nicht alle Gefangenen unfrei. Es gibt wunderbare Zeugnisse von Menschen, die gerade im Gefängnis zu einer großen Gelassenheit gefunden haben. Bonhoeffer ist für uns wahrscheinlich das berühmteste Beispiel. Er kannte während der Haft beides: Die „Unruhe und die Sehnsucht, den Zorn und die Ohnmacht, Müdigkeit und Leere“. Trotzdem bescheinigten ihm die anderen, dass er „gelassen und heiter und fest“ aus seiner Zelle träte, „wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.“ Sie sagten ihm oft, er „spräche mit seinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte er zu gebieten. Er trüge die Tage des Unglücks gleichmütig lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.“ So lauten seine eigenen Worte. (Widerstand und Ergebung, Gütersloher Verlagshaus, 18. Auflage 2005, S. 188) Er selber wusste nicht, ob er nun mehr das eine oder das andere war, aber er hat sich damit getröstet, dass Gott es wusste, und dem hat er sich anvertraut. Bis heute ist sein Zeugnis für viele Christen glaubensstärkend und inspirierend.

Etwas Ähnliches wissen wir von dem Jesuiten Franz Jalics. Er wurde 1927 in Budapest geboren und war lange als Dozent in Argentinien tätig. Während des Bürgerkrieges wurde er dort einmal vom Militär verschleppt und für fünf Monate festgehalten, weil er angeblich ein Terrorist war. Das war für ihn einerseits eine furchtbare Erfahrung. Andererseits haben gerade diese Wochen ihn sehr verändert, denn er hat im Gefängnis ständig gebetet. Er berichtet, dass Depressionen, die er vorher kannte, hinterher weg waren. Auch seine „Aggressivität war vollständig verschwunden und kam nie wieder zurück.“ Er schreibt: „Die Monate von Verschleppung, Gefangenschaft und Nähe des Todes, verbunden mit der ständigen Wiederholung des Namens Jesu, hatten in mir eine tiefgehende Läuterung bewirkt.“ In der Stille der Gefangenschaft hat sich eine Wandlung vollzogen. Sein „versklavtes Ich“ war befreit worden. Und aus diesem Erleben hat er anschließend „Kontemplative Exerzitien“ entwickelt. So lautet der Titel seines gleichnamigen Buches, das 1994 erstmals erschien. Es ist eine „Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet.“ (Echter Verlag Würzburg, 11. Auflage 2008, S. 174ff). Franz Jalics wurde einer der bedeutendsten geistlichen Begleiter für das sogenannte „Gebet der Ruhe“. Heute lebt er wieder in seiner Geburtsstadt Budapest und führt durch seine reichen Erfahrungen immer noch andere Menschen in die innere Freiheit.

Und die finden wir tatsächlich nicht dort, wo alles geschieht, was wir wollen, sondern da, wo wir unser Wollen loslassen, in der Meditation, und wenn äußerlich gerade einmal nicht mehr viel passiert. Es gibt Menschen, die dafür ja sogar freiwillig hinter Mauern gehen. Sie wählen den Weg der Abgeschiedenheit eines Klosters, um ihr Leben ganz dem Gebet und dem Lobpreis Gottes zu widmen. Denn sie wissen: Gott erweist seine Macht gerade da, wo wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten an eine Grenze stoßen und auf unsere Selbstverwirklichung verzichten.

Genau das haben Paulus und Silas erlebt. Und daran glaubten sie auch schon, bevor das Erdbeben geschah. Deshalb haben sie gesungen und Gott gelobt.

Und das ist immer noch ein guter Weg, um in die Freiheit geführt zu werden, denn das wirkt sich aus. Wenn wir singen, wird zuerst die Stimme laut, wir hören das Lied mit unseren Ohren, aber zudem breitet der Schall sich aus. Er erfasst unsere Seele und sprengt die Mauern, die uns umgeben. Unser Geist öffnet sich, Fesseln werden gelöst und wir sind frei. Und auch andere nehmen ihn wahr, kommen herzu und erleben die Größe Gottes.

Lasst uns deshalb jetzt ein kraftvolles Lied singen, in dem die Macht Jesu beschrieben wird: „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 66)

Amen.

Christus tilgt unsere Schuld

Predigt über Kolosser 2, 12- 15: Christus erneuert das Leben

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 8.4.2018, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Kolosser 2, 12- 15:

12 Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
13 Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.
14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Gemiende.

In Kiel – wie auch in anderen deutschen Städten – gibt es ein sogenanntes Schuldner-und Insolvenzberatungszentrum, kurz SIZ. Das hilft Menschen, die in eine wirtschaftliche und psychosoziale Notlage geraten sind, zu einem Neuanfang. Dort wird gemeinsam mit den Klienten nach einer geeigneten Entschuldungsmaßnahme gesucht. Außerdem werden die Hilfesuchenden bei der Bewältigung der Schritte unterstützt, die sich aus der Beratung ergeben haben. Im Vordergrund steht natürlich die Existenzsicherung, d.h. der Erhalt der Wohnung, der Heizung- und der Stromlieferung. Oft muss zwar eine Privatinsolvenz eingeleitet werden, aber bei diesem Verfahren begleitet das SIZ die Betroffenen dann weiterhin, damit keine erneute Überschuldung eintritt.

Was Schulden sind, weiß fast jeder Bürger und jede Bürgerin. Normalerweise nehmen wir sie allerdings nur auf, wenn wir wissen, dass wir sie im Laufe der Zeit abbezahlen können. Festgehalten wird das, was wir den Gläubigern schulden, in einem sogenannten „Schuldbrief“. Er beinhaltet die „Begründung und Sicherung einer persönlichen Forderung“.

So etwas gibt es seit Menschen Gedenken, offensichtlich auch schon in biblischen Zeiten. Paulus benutzt diesen Vorgang jedenfalls als ein Bild, um einen theologischen und geistlichen Zusammenhang deutlich zu machen. Wir haben das vorhin in der Epistellesung gehört, die heute unser Predigttext ist. Paulus sagt dort an einer Stelle: „Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war“. Paulus denkt dabei an eine handgeschriebene Urkunde, auf der vermerkt ist, welche Schulden ein Mensch hat, was er noch alles bezahlen muss. Und er benutzt das hier als ein Bild für das Gesetz Gottes mit seinen Forderungen, die der Mensch zu erfüllen hat, um gerecht zu sein. Christus hat diesen Schuldbrief öffentlich zerrissen und für ungültig erklärt, und zwar durch seinen Tod am Kreuz. Wer daran glaubt, wird nicht mehr durch das Gesetz belastet, er ist frei.

Das ist hier die Botschaft, und die ist wunderbar. Sie verheißt einen Neuanfang, der nun allerdings nicht durch Bezahlung, eine Beratung und viel Selbstdisziplin möglich wird, sondern durch eine Schuldentilgung. Der Gläubiger, in diesem Fall Gott, verzichtet auf seine Forderungen. Und wie großartig das ist, können wir uns gut vorstellen, wenn wir es mit der Befreiung von wirtschaftlichen Schulden vergleichen. Das Leben ändert sich von Grund auf, es kann ganz neu und schön werden.

Die anderen Bilder, die Paulus in unserem Textabschnitt dafür benutzt, beschreiben deshalb genau das: Er redet von einem „neuen Leben“, das die Christen führen. „Christus hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden“, sagt er und damit meint er ein Leben, das von der Auferstehung geprägt ist. Christus ist darin gegenwärtig mit seiner Kraft und seiner Liebe. Sein Geist durchdringt das Denken und Fühlen, er schenkt Freiheit und Frieden. Denn er nimmt die Glaubenden immer wieder mit auf seinem Weg durch den Tod und die Hölle ins Leben und in die Freude.

Und das alles beginnt mit der Taufe, bei der Gott an den Täuflingen handelt. Was sie sind, sind sie also nicht aus sich selbst, sondern aus der Kraft Gottes. Der Schöpfer hat sie bei der Taufe neu geschaffen. „Mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.“, so die Worte von Paulus

Mit dem Glauben an Jesus Christus und der Taufe geht also etwas Altes zu Ende und etwas Neues beginnt. Unser altes Leben mit all seinen Lasten und Schulden, mit seiner Gottesferne und seinen Verfehlungen wird beerdigt. Die Vergangenheit kann nicht mehr auferstehen, wir müssen sie nicht mit uns herumschleppen oder verdrängen. Sie muss uns nicht ängstigen oder entmutigen, denn wir werden daraus befreit. Uns wird versprochen, dass Gott nichts von uns fordert, wir müssen nichts bezahlen, obwohl wir tief in seiner Schuld stehen. Er verzichtet darauf und schenkt uns immer wieder einen Neuanfang.

Doch was heißt das nun für unsere Lebensführung? Lasst uns darüber noch einmal nachdenken, denn oft fühlen wir uns als Christen keineswegs so frei. Viele Gläubige haben eher das Gefühl, dass sie ganz viel leisten müssen. Gott fordert von uns, dass wir ihn und unsere Nächsten lieben, dass wir sein Wort beachten und gute Christen sind. Das wird von namhaften Vertretern der Kirche oft betont und dann auch in den Medien wiederholt. Sie zählen die Missstände auf, die es in der Gesellschaft und in der Welt gibt, und erinnern uns an unsere Pflicht, dagegen etwas zu tun.

Natürlich haben sie recht, denn als Christen leben wir aus der Liebe, wir haben eine Hoffnung und glauben daran, dass die Sünde und der Tod nicht das letzte Wort haben. Und es ist auch gut und notwendig, dass wir darüber reden und das zeigen. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass unser Glaube nicht zu einem Programm wird, das wir abarbeiten müssen. Die Kirche ist keine politische Partei, und das Evangelium ist kein „Schuldbrief“, in dem die Forderungen Gottes stehen. Im Gegenteil, damit ist es ja gerade vorbei. Deshalb müssen wir aufpassen, dass unser Christsein unter der Hand nicht zu einem bloßen Tun wird, und wir eine neue Form der Werkgerechtigkeit praktizieren.

Diese Gefahr besteht, und sie hat ihren Grund darin, dass wir alle gerne handeln, das ist schön einfach und liegt uns. Wenn uns gesagt wird, was wir machen sollen, freuen wir uns. Es gibt klare Anweisungen, klare Ziele und wenn uns gelingt, was wir tun sollen oder wollen, haben wir ein Erfolgserlebnis. Es stärkt unser Selbstbewusstsein und macht uns zufrieden. Das Handeln und Anpacken entspricht also unserer Natur. Und das ist einerseits auch gut so. Jede Gesellschaft oder Gemeinschaft braucht Menschen, die sich engagieren. Die Stärkeren müssen den Schwächeren helfen, damit das soziale Gefüge erhalten bleibt. Überhaupt geht im Leben natürlich nichts, ohne dass wir uns einsetzen. Wer faul ist, landet irgendwann im Abseits.

Doch es gibt andererseits auch Probleme dabei, und das sind zum einen die Grenzen, an die wir mit unserem eigenen Tun immer wieder geraten. Es ist z.B. anstrengend. Wir bringen uns zwar gerne ein, aber irgendwann kann es auch zu viel werden, sowohl was ein ehrenamtliches Engagement betrifft, als auch der Einsatz für die Familie oder im Beruf. Wir haben dann das Gefühl, dass alle etwas von uns wollen, aber wir sind in Wirklichkeit längst erschöpft. Dann quälen uns die Forderungen, und der Zusammenbruch droht. Das ist eine Schattenseite unseres Aktivismus.

Einen weiteren Dämpfer bekommt unser guter Wille dadurch, dass die Probleme, um die wir uns am liebsten kümmern würden, oft so groß und unübersehbar sind, dass wir gar nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Es scheint von vorne herein aussichtslos zu sein, dass wir uns z.B. um ein Ende der Kriege bemühen, allen Flüchtlingen ein neues zu Hause bieten, sämtliche Obdachlose beherbergen und vieles mehr. Wir sind ratlos und verzagen angesichts der Größe des Leids, das wir gerne bekämpfen und beenden wollen.

Und eine dritte Schwierigkeit besteht darin, dass wir uns beim Handeln in Schuld verstricken können, Fehler begehen und damit Unheil anrichten. Manchmal merken wir es wahrscheinlich gar nicht gleich, dass Menschen unter unserem Verhalten leiden. Es wird uns erst später bewusst, und dann schämen wir uns und haben ein ungutes Gefühl. Wenn es absichtlich geschieht, entsteht ein schlechtes Gewissen. Das können wir zwar verdrängen, aber das hilft nicht wirklich. Die Schuld bleibt da und wir können sie nicht rückgängig machen. Sie steht auf unserem „Schuldbrief“.

Und all das dürfen wir nicht verharmlosen. Hinter der Überforderung, dem Verzagen oder der Schuld verbergen sich dunkle Kräfte und Mächte, die nach uns greifen und das Leben schwer machen. Sie bedrohen uns und können uns sogar zerstören.

Und genau da setzt das Evangelium an. Es fordert nicht in erster Linie ein soziales Verhalten, sondern zunächst will es uns befreien und stärken. Nicht wir müssen etwas für Christus tun, sondern er hat etwas für uns getan: Die Macht des Bösen hat er besiegt, indem er alle unsere Schulden getilgt hat. Es gibt keinen „Schuldbrief“ mehr, auf dem steht, was wir zu tun oder was wir falsch gemacht haben. Deshalb kann auch niemand etwas von uns fordern oder uns in die Enge treiben. Anstatt selber aktiv zu werden, dürfen wir das als erstes glauben und uns darüber freuen. Wir sollen kein Programm abarbeiten, sondern etwas empfangen und etwas sein. Und zwar sollen wir Kinder Gottes sein, befreite Menschen, die keine Schulden mit sich herumtragen müssen und vor dem Untergang bewahrt werden.

Und das beginnt mit der Taufe und setzt sich im Glauben fort, oder auch umgekehrt. Ob wir als kleine Kinder, die noch nicht glauben, oder als Erwachsene getauft werden, die sich dafür entschieden haben, ist in diesem Zusammenhang nicht ausschlaggebend. Denn der Glaube und die Taufe gehören immer zusammen, ganz gleich, was zuerst da war.

Durch diese beiden Ereignisse gibt es etwas in unserem Leben, das uns auf verborgene Weise vor der Erschöpfung, dem Untergang und einer Verurteilung bewahren kann. Es gibt einen Sieg, in den wir hineingenommen sind. Was uns überfordert und ängstigt ist nicht die letzte Wirklichkeit, denn die wurde von Christus durchbrochen und überwunden. Wir müssen uns nur auf ihn gründen und bei ihm unser Heil suchen. Dafür ist es gut, wenn wir uns einfach nur vor Augen halten, was er für uns getan hat, und darauf vertrauen. Das ist unsere wichtigste Aufgabe als Christen. Es gibt einen, der uns in unserer Schwachheit beisteht, der uns annimmt, wie wir sind und uns all unserer Fehler vergibt. Durch seine Kraft sind wir immer wieder frei, wir können auftauchen, durchatmen und neu anfangen. Erst wenn das geschehen ist und wir aus der Vergebung heraus leben, ist unser Tun gesegnet und wir können anderen helfen. Es kann nur von innen heraus und mit der Kraft Christi gelingen.

Dieses Bewusstsein muss uns bestimmen, und zwar am besten jeden Morgen neu. Immer dann, wenn wir aus dem Schlaf erwachen, können wir auf Christus blicken und ihm vertrauen. Es ist eine gute Zeit, um sich die eigenen Grenzen bewusst zu machen, loszulassen und Buße zu tun, wenn es nötig ist. Dann empfangen wir für jeden Tag, die Kraft, die wir brauchen.

Das meint Luther mit dem „Ersäufen des alten Adam“. Und Luther hat sich dafür auch immer wieder an seine Taufe erinnert. Wenn er Anfechtungen erlitt, hat er laut zu sich selber gesagt: „Baptistus sum, ich bin getauft“, und schon war das Böse gebannt, er wurde ruhig.

Der bekannte evangelische Theologe und Schriftsteller Jörg Zink hat das ebenfalls einmal sehr schön formuliert. Er sagt:

„Ich bin getauft. Damit sage ich: Ich habe einen Vater Im Himmel. Ich darf jederzeit zu Ihm kommen. Das gilt, auch wenn Ich versagt habe. Das gilt, auch wenn Ich durch lange Zeit nichts von Ihm habe wissen wollen.
Ich habe Geschwister auf dieser Erde. Das sind alle getauften Menschen, die in der Gemeinde zusammenkommen, auch wenn sie genauso oder schlimmer als ich versagen. Ich gehöre zur Familie der Kinder Gottes.
Das Böse hat keine endgültige Macht über mich, denn Jesus Christus hat es für mich überwunden. Keine Schuld hat mehr so viel Macht, dass sie mir die Heimkehr zu Gott versperren könnte.
Der Tod wird mich nicht festhalten. Christus ist aus dem Tod auferstanden, und so wird er auch mich durch den Tod hindurch geleiten und zu einem neuen Leben führen.“

Amen.

Der Herr macht lebendig

Predigt über 1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a: Der Lobgesang der Hanna

Ostersonntag, 1.4.2018, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Samuel 2, 1- 2. 6- 8a

1 Und Hanna betete und sprach:
Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,
mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,
denn ich freue mich deines Heils.
2 Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner,
und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
6 Der HERR tötet und macht lebendig,
führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
7 Der HERR macht arm und macht reich;
er erniedrigt und erhöht.
8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub
und erhöht den Armen aus der Asche,
dass er ihn setze unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse.

Liebe Gemeinde.

Es gibt in Deutschland 1,5 bis 2 Millionen Paare, deren Wunsch nach einem Kind unerfüllt bleibt. Sie wollen eins, doch es klappt nicht, und darunter leiden sie oft erheblich. Die Lebensplanung droht zu scheitern, und der Sinn des Lebens verschwindet ebenso. Dazu kommen Vorurteile, mit denen sie konfrontiert sind, wie etwa, dass sie krank oder egoistisch sind. Bei jedem misslungenen Versuch, schwanger zu werden nehmen der Stress, die Enttäuschung und auch die Traurigkeit zu.

Es gibt deshalb viele Hilfen für die Betroffenen. Hier in Kiel ist z.B. das „Kinderwunschzentrum“ der Uniklinik ein Angebot, aus diesem Leiden herauszukommen. Es möchte den Eltern „helfen, ihr Glück zu finden“. Ständig werden die Methoden in Diagnostik und Therapie verbessert. Dazu kommt eine persönliche Betreuung, in der auch emotionale und intime Fragen einer Paarbeziehung besprochen werden. Das Zentrum blickt bereits auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurück, und es ist nicht das einzige in Deutschland. Auch in anderen Arztpraxen, bei Hebammen, im Internet und vielen weiteren Foren gibt es Hilfsangebote.

Den Frauen in biblischen Zeiten ging es in dieser Beziehung anders. Sie machten meistens Gott dafür verantwortlich, wenn sie kinderlos blieben, bzw. wenn sie dann doch schwanger wurden. Gott hat die Macht, den Mutterleib zu schließen oder zu öffnen, das war der Glaube. Er kann also auch die Unfruchtbare „zu Ehren bringen, dass sie eine fröhliche Kindermutter wird“, wie es in Psalm 113 heißt. Und es gibt mehrere Geschichten über Frauen, die unerwartet schwanger wurden.

Zu ihnen gehörte auch Hanna, deren Loblied wir vorhin gehört haben. Ihr Mutterschoß galt als „verwelkt“ oder „vertrocknet“. Sie bekam keine Kinder. Darüber war sie sehr traurig, obwohl ihr Mann sie liebte und trotzdem zu ihr hielt. (1. Samuel 1) Nur von seiner zweiten Frau – so etwas war damals erlaubt – wurde sie „gekränkt und gereizt“, den die bekam Kinder. Die Geschichte erzählt nun, wie Hanna eines Tages im Tempel betete und dem Herrn ein Gelübde machte: Sie bat Gott darum, sie anzusehen, an sie zu denken, ihr Elend zu beenden und ihr einen Sohn zu schenken. Sie versprach, dass sie ihn dann „dem HERRN geben würde sein Leben lang“.

Und diese Bitte hat Gott erfüllt. Er hat ihren Schoß zum Leben erweckt und sie fruchtbar gemacht. Hanna wurde schwanger und gebar einen Sohn. Sie nannte ihn Samuel und hielt ihr Versprechen: Als er entwöhnt war, brachte sie ihn in den Tempel, „weil er vom HERRN erbeten war“ (1. Samuel 1, 28). Dort wuchs er unter der Obhut des Priesters auf. Er wurde ein heiliger Mann und ein großer Prophet, der später die ersten Könige Saul und David salbte.

Für Hanna war das Geschenk Gottes wie eine Auferstehung von den Toten. Die Unfruchtbare gebar neues Leben und hatte Teil an der Schöpferkraft Gottes. Das kommt in ihrem Lied zum Ausdruck, und deshalb lesen wir es heute, am Tag der Auferstehung Jesu Christi. Der entscheidende Vers lautet: „Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“

Hinter dieser Aussage steht eine ganz bestimmte Vorstellung der Israeliten. Sie gehen davon aus, dass es unter der Erde ein Reich der Schatten gibt, einen tiefer gelegenen Ort, an dem alle Tätigkeit aufhört, und wo Gott nicht mehr gepriesen wird. Die Toten kommen dorthin und warten bis zum jüngsten Tag auf ihre Befreiung. Das hebräische Wort für dieses Totenreich lautet „Scheol“. Im Alten Testament ist oft davon die Rede, dass Gott die Menschen dort hinab bringt, sie hinabsteigen lässt, weil sie gesündigt haben.

Den Glauben, dass Gott die Toten dort vor dem jüngsten Tag auch wieder herausholt, den finden wir im Alten Testament jedoch nur selten. Hanna singt das, denn das war ihre Erfahrung: Gott lässt die Toten auch wieder aufsteigen, er führt sie aus dem Scheol herauf. So hat Hanna ihr Schicksal erlebt, und auch anderen ergeht es ihrer Meinung nach ähnlich. Sie nennt noch zwei weitere Beispiele: Gott macht arm und wieder reich, er erniedrigt und erhöht. „Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche“, singt sie. Denn so hat sie sich gefühlt. Diese wunderbare Wende hat Gott ihr geschenkt.

Deshalb ist sie überglücklich, damit fängt ihr Lied ja an: In der Seele und im Geist ist sie erfüllt mit Freude und Jubel. Sie kann wieder aufrecht gehen und ihr Gesicht zeigen. Sie kann ohne Furcht von Gott erzählen. Alle sollen ihre Worte vernehmen. Denn sie ist davon überzeugt, dass sie ihr Glück Gott zu verdanken hat. Er ist der Mächtigste im Himmel und auf Erden, in der Tiefe und in der Höhe. Das ist das Lied der Hanna, und es bezeugt sehr schön den Glauben an die Auferstehung.

Und das ist gut, denn wir fragen uns heutzutage, worin der bestehen kann. Wir sind zwar Christen, und eigentlich ist Ostern unser zentrales Fest, aber inzwischen können viele damit nichts mehr anfangen. Sie können sich nicht vorstellen, was da am Ostermorgen wirklich geschah. Ist Jesus tatsächlich von den Toten auferweckt worden? Dagegen gibt es viele Einwände: Das kann doch nicht sein und wirkt fast so ein bisschen gruselig. Und was soll diese Botschaft überhaupt? Sie passt nicht in unser neuzeitliches, aufgeklärtes Denken. Selbst Umschreibungen, wie etwa die, dass „das Leben gesiegt hat“, helfen uns nicht, denn davon merken wir nichts.

Es gibt den Tod und viel Elend. Das Leben setzt sich lange nicht überall durch, auch dann nicht, wenn wir an an Jesus Christus glauben. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist dafür nur ein Beispiel. Dazu gibt es noch viele andere Ereignisse, die uns an der Macht Christi zweifeln lassen, weil sie unsere Lebensplanung durchkreuzen, uns ins Leiden stürzen und uns unglücklich machen. Ehen gehen auseinander, Konflikte machen uns zu schaffen, Angehörige sterben usw. Da hilft es auch nicht, wenn uns verkündet wird, dass Jesus auferstanden ist und den Tod überwunden hat. Es klingt wie ein Märchen aus fernen Zeiten, das mit unserem Leben nichts zu tun hat.

Doch das muss nicht so bleiben. Es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen der Botschaft von der Auferstehung und unserem Leben heute. Sie hat nach wie vor Gültigkeit und ist wahr, wir müssen nur anders da heran gehen, als mit unserem Verstand oder unseren Erfahrungen.

Und zwar ist es gut, wenn wir zunächst in unser Leben schauen und uns klar machen, worin die tiefste Ursache für all unsere Wünsche liegt. Letzten Endes sehnen wir uns ja immer nach irgendetwas. Wenn ein Wunsch erfüllt ist, kommt meistens schon der nächste. Ganz ruhig und zufrieden sind nie. Ist das lang ersehnte Kind z.B. da, ist meistens noch lange nicht alles gut, sondern dann kommen neue, ganz andere Probleme. Viele Eltern fühlen sich am Anfang überfordert, denn ein Säugling verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie müssen Opfer bringen. Und wenn die Kinder dann älter werden, läuft es nur selten nach dem Wunsch von Mutter und Vater. Spätestens in der Pubertät kommen Schwierigkeiten, denn die Kinder gehen ihre eigenen Wege. Die Eltern müssen sie loslassen. Und leider bleibt so mancher Konflikt, der dabei entsteht, ein Leben lang da und überschattet das Verhältnis dauerhaft.

Der Wunsch nach Glück und Ruhe, nach Zufriedenheit und Geborgenheit, menschlicher Nähe und Liebe ist also keinesfalls weg, wenn wir versuchen, all das selber herzustellen. Er wird nie ganz erfüllt, ganz gleich, was wir machen. Und das müssen wir ernst nehmen. Uns werden zwar viele Angebote gemacht, wie wir heutzutage unsere Fragen beantworten und unsere Probleme lösen können, aber sie gehen meiner Meinung nach nicht an die Wurzeln. Natürlich helfen die Ratgeber, Bücher, Internetseiten, Therapeuten und Philosophen, denn sie alle denken darüber nach, wie unsere Sehnsucht nach Glück gestillt werden kann. Viele Antworten, die wir dort finden, sind durchaus brauchbar. Trotzdem sollten wir tiefer bohren und den Wunsch nach Ruhe und Glück einmal an sich – als solchen – betrachten.

Ich denke nämlich, dass sich darin letzten Endes die Sehnsucht nach Gott verbirgt. Unser tiefstes Verlangen bleibt oft ungestillt, weil wir auf noch viel mehr angelegt sind, als nur auf das irdische Dasein. Wir stecken in dem Dilemma, dass wir hier auf der Erde leben und eines Tages sterben werden. Alles vergeht, und deshalb kann es uns nicht genügen. Denn in Wirklichkeit sind wir für die Ewigkeit geschaffen. „Gott hat uns zu sich hin geschaffen“, wie Augustin gesagt hat, „und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in ihm.“ Wir sollten deshalb die letzte Erfüllung von vorne herein bei Gott suchen. Nur er kann uns eine Antwort auf die tiefsten Fragen geben, die wir haben, weil sie immer über dieses Leben hinaus gehen. Alles andere verfliegt irgendwann, nichts lässt sich festhalten, und auch das Leid wird deshalb nicht aufhören.

Auf diesem Hintergrund gewinnt die Botschaft von der Auferstehung ihre Bedeutung. Denn damit hat Gott uns eine Antwort gegeben, die alles einschließt, auch das Sterben und den Tod, das Leid und die Sehnsucht. Wir müssen uns nur darauf einlassen.

Es ist deshalb gut, wenn wir mit allem, was uns bewegt und was wir uns wünschen, zunächst zu Gott gehen, so wie Hanna das gemacht hat. Sie hat ihr Herz vor ihm ausgeschüttet, und ihr Glück bestand nicht nur darin, dass sie schwanger wurde. Sie preist Gott hauptsächlich dafür, dass er sie überhaupt gehört hat. Sie hat in der Beziehung zu Gott ihr Glück gefunden. Deshalb hat sie ihr Kind auch ihm geschenkt. Sie hat es nicht als ihr Eigentum betrachtet, sondern es in die Obhut des Priesters gegeben, als es entwöhnt war. Sie zeigt uns also, dass sie im Glauben und im Gebet ihre wahre Ruhe gefunden hat.

Und das kann auch uns so gehen, denn Gottes Macht ist grenzenlos, das wird uns zu Ostern verkündet. Die Auferstehung Jesu ist kein historisches Ereignis, sie geschieht vielmehr immer wieder und zwar da, wo Menschen sich darauf verlassen, dass Jesus lebt. In seiner Gegenwart können wir ruhig werden. Er schenkt uns eine Erfüllung und Hoffnung, die weiter geht, als alles andere. Wir können Ostern nicht mit dem Verstand begreifen, aber wir können von Ostern her leben. „Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.“ So fordert uns Joachim Neander mit dem Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ (Evangelischesw Gesangbuch Nr. 317) zum Glauben auf. Wenn wir tun, was er sagt, merken wir, dass die Botschaft von der Auferstehung wahr ist.

Denn es geschieht etwas in uns und in unserem Leben. Alles, was nicht Gott ist, wird nämlich zweitrangig. Wir erkennen die Grenzen unserer Möglichkeiten und können sie annehmen, und wunderbarer Weise ergibt sich durch dieses Bewusstsein vieles von allein. Wir erfahren, dass uns plötzlich auch bei irdischen Problemen geholfen wird, ohne dass wir viel dafür tun. Es kann z.B. sein, dass Eltern, die sich immer ein Kind wünschten, es erst dann bekamen, nachdem sie diesen Wunsch losgelassen hatten. Im Nachhinein merken sie, dass sie sich selber im Weg gestanden hatten. Die Fixierung auf dieses eine Problem hatte alles verhindert. Sie waren verspannt und unbeweglich geworden. Erst nachdem sie diese Haltung aufgegeben hatten, konnte das neue Leben entstehen. Und so ist es in vielen anderen Situationen auch. Wenn wir unsere Wünsche loslassen und uns entspannen, werden wir plötzlich geführt. Und das geht am besten im Vertrauen auf Gott und seine lebensschaffende Kraft, wenn wir uns ihm hingeben und uns für seine Gegenwart öffnen. Dann kommen seine Möglichkeiten zum Zuge, und er kann an uns handeln: Er „erhält uns, verleiht uns Gesundheit und geht freundlich mit uns um“. Wir können die Erfahrung machen, dass „der gnädige Gott seine Flügel über uns ausbreitet“. Das bezeugen alle Menschen, die auf Gott und die Auferstehung Jesu Christi vertraut haben. Nicht umsonst ist das Lied, aus dem auch dieser Satz stammt, eins der bekanntesten Kirchenlieder geworden und es ist schön, wenn wir Gott damit immer wieder für seine Allmacht und Schöpferkraft loben.

Amen.