Lasst uns frei hinzutreten zum Thron Gottes

Predigt über Hebräer 4, 14- 16: Der Gnadenthron

1. Sonntag der Passionszeit, Invokavit, 10.3.2019, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Hebräer 4, 14- 16

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unsrer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Liebe Gemeinde.

Ein Thron war schon in der Antike das Symbol der Könige und Götter. Es ist ein Stuhl, oder besser gesagt ein Sessel, der meistens aufwendig gestaltet ist. Auf ihm nimmt der Herrscher oder die Herrscherin zu besonderen Anlässen Platz, z.B. bei Krönungszeremonien, bei der Rechtsprechung oder der Verkündigung von Gesetzen und Erlässen. Dem Thron wird deshalb immer eine unmittelbare Verbundenheit mit der königlichen Macht zugesprochen, er ist das symbolische Zentrum des Herrschaftsbereiches. Man kann sich ihm in der Regel nur mit einer besonderen Erlaubnis nähern, und wenn es geschieht, dann sind Ehrfurcht und Gehorsam geboten.

In Deutschland gibt es keinen König oder keine Kaiserin mehr, und damit auch keinen klassischen Thron, aber aus anderen Ländern kennen wir das durchaus. Außerdem ist uns das Bild aus der Geschichte oder der Kunst vor Augen.

In der Bibel gibt es den Thron ebenfalls. Der König Salomo baute z.B. einen, von dem es heißt, dass „dergleichen vorher nie gemacht worden war.“ Er bestand aus Elfenbein, das mit Gold überzogen war, und sechs Stufen führten zu ihm hinauf. So steht es im ersten Buch der Könige. (1. Könige 10,18-20)

Doch das ist nicht der einzige Thron, der in der Bibel erwähnt wird. Im Tempel von Jerusalem lag ganz hinten ein besonderer Raum, das Allerheiligste, das durch dichte Vorhänge vom übrigen Tempel abgetrennt war. Früher befand sich da die Bundeslade mit den Gesetzestafeln, später stellte man sich vor, dass dort der Thron Gottes stand. Der Raum durfte nur vom Hohenpriester betreten werden, wenn er am großen Versöhnungstag die Sühnehandlung für ganz Israel zu vollziehen hatte. Er empfing dort stellvertretend für das Volk die Vergebung Gottes. Natürlich wussten die Menschen, dass ein kleiner Raum wie das Allerheiligste im Tempel Gott nicht fassen kann, aber es war ein Sinnbild. Es versicherte den Menschen: Gott ist bei uns. Nur nähern durfte man sich ihm nicht. Nichts Unheiliges oder Unreines sollte Gott beleidigen. Gottes Herrlichkeit war zu furchtbar, zu groß, zu verzehrend, als dass ein normal Sterblicher sie aushalten würde. Das war der Glaube. Deshalb war das Allerheiligste von den normalen Menschen abgeschirmt, und nur der Hohepriester vertrat die Menschen dort vor Gott.

Das alles wusste der Schreiber des Hebräerbriefes und er war mit der Tempelpraxis offensichtlich vertraut. Denn er benutzt dieses Geschehen in seinem Brief an einigen Stellen als ein Bild. In dem Abschnitt, der heute unsere Epistellesung und auch unser Predigttext ist, stellt er sich vor, wie der Hohepriester durch die Vorhöfe und Hallen des Tempels in das Allerheiligste geht, und er sagt: So schreitet Jesus durch die Himmel und tritt für uns vor den Thron Gottes. Und daran schließt er die unglaubliche, ja fast skandalöse Botschaft an, dass jeder und jede, die sich Christus anschließt, ebenfalls in das Allerheiligste hineingehen darf. Der Verfasser stellt also die außerordentliche Behauptung auf, dass der Zutritt zu Gott durch Jesus Christus und sein Heilswerk für jeden Menschen frei ist. Man kann Gott ohne Angst und Schrecken begegnen.

Und er begründet das damit, dass Jesus Christus der „große Hohenpriester“ ist. So nennt er ihn, weil er ein für alle Mal Versöhnung zwischen Gott und Mensch bewirkt hat. In ihm ist Gott selber Mensch geworden. Dabei wird hier sehr schön beschrieben, was das heißt: „Jesus leidet mit unserer Schwachheit mit und wurde versucht wie wir.“ D.h. er war ein Mensch aus Fleisch und Blut, er fühlte und kannte Angst und Not, wie sie jeder und jede in dieser Welt schmerzlich erfahren muss. Persönliche innere Kämpfe sind ihm nicht erspart geblieben, er musste wie alle Menschen den vielfältigen Versuchungen widerstehen.

Doch genau das ist ihm gelungen wie keinem anderen. Er blieb in all dem „ohne Sünde“ und ist Gott bis zum Tod am Kreuz gehorsam gewesen. Selbst in dieser radikalen Grenzsituation hat er dem Willen Gottes entsprochen. Deshalb hat Gott ihn erhöht und ihn selber auf den „Thron der Gnade“ gesetzt.

An dieses „Bekenntnis“ sollen wir uns „halten“. Wir dürfen uns ihm „mit Freudigkeit nähern“, und werden „Erbarmen empfangen und Gnade finden“, so dass uns „zur passenden Zeit Beistand und Schutz“ zu Teil wird. Das ist hier die Botschaft. Es ist eine Einladung, die lautet: „Komm herein, die Tür steht offen. Du brauchst dich nicht zu fürchten, Gott erwartet dich vielmehr und sieht dich freundlich an.“ Ein wunderbares Angebot ist das, und es tut uns gut, wenn wir es annehmen.

Doch was heißt das nun? Wie geht das, und was gehört dazu? Das müssen wir uns fragen, und dabei hilft es, wenn wir die einzelnen Schritte, die hier aufgezählt werden, einmal entfalten und uns klar machen, was sie für unseren Lebenswandel bedeuten. Fünf Maßnahmen werden hier genannt, die alle sehr viel beinhalten:

Erstens sollen wir „am Bekenntnis festhalten“; dann dürfen wir „hinzutreten“; drittens „erlangen wir Barmherzigkeit“; viertens „finden wir Gnade“; und als letztes „wird uns geholfen“. Damit wird ein innerer Weg beschrieben, auf dem sich so einiges ereignet. Wir müssen uns das nur ausmalen, dann wird klar, was in der Seele und im Geist geschieht, wenn wir von dem Hohenpriester Jesus mit Gott versöhnt werden.

Zuerst ist da das „Bekenntnis“, an dem wir „festhalten“ sollen. Damit ist die anerkannte Behauptung gemeint, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Die Christen sind darin übereingekommen, das zu glauben, und es gilt, diesen Glauben selber zu ergreifen. Unserem Leben als Christen liegt kein Wissen zu Grunde und auch kein Gesetz, sondern das Vertrauen auf die Botschaft des Evangeliums. Wir kennen die Zeugnisse über Jesus Christus aus der Bibel und auch aus der Verkündigung, die bis heute ergeht. Darauf gilt es zu hören, das Evangelium ernst zu nehmen und sich darauf einzulassen. Wir dürfen es für uns in Besitz nehmen und behalten. Das ist der erste Schritt.

Die nächste Handlung ist das „Hinzutreten“, d.h. wir müssen uns in Bewegung setzen, herbeikommen und uns Jesus „nähern“. Man kann es auch mit „besuchen“ übersetzen, oder sich „an ihn wenden“, und zwar mit „Zuversicht“, wie es in der Lutherübersetzung heißt. Das griechische Wort, das dort steht, bedeutet auch „Offenheit“, „Freudigkeit“ und „Freimütigkeit“, und das beinhaltet mehr, als beim ersten Hören deutlich wird. Denn es ist die Einladung zur Ehrlichkeit. Wir dürfen so kommen, wie wir sind, frei und unverstellt. Und das klingt zwar ganz schön, ist aber in Wirklichkeit gar nicht so einfach. Denn dazu gehört, dass wir nicht nur unsere positiven Eigenschaften einbringen, sondern auch alle unsere Schwächen und Fehler zugeben.

Das ist hier sowieso der Hintergrund. Natürlich geht der Schreiber des Hebräerbriefes wie alle neutestamentlichen Verfasser davon aus, dass wir die Erlösung brauchen. Wir sind Menschen, die immer wieder versucht werden und den Versuchungen auch erliegen. Keiner und keine von uns ist ohne Laster. Es gibt in jedem Leben Schuld und Vergehen. Worin das im Einzelnen besteht, ist genauso vielfältig wie wir Menschen sind.

Drei Beispiele haben wir in der Versuchungsgeschichte von Jesus gehört (Matthäus 4, 1- 11). Da ist die erste Hürde die Aufforderung, Steine in Brot zu verwandeln, und damit ist der Materialismus gemeint. Dem erliegen wir alle zu einem bestimmten Grad, denn wir lieben die Dinge dieser Welt und binden uns gerne daran. Als zweites soll Jesus von der Zinne des Tempels springen und sich von den Engeln auffangen lassen. Damit ist ein Glaube angedeutet, der am liebsten Beweise haben will, und das gehört ebenfalls zu unseren Untugenden. Und schließlich bietet der Teufel Jesus uneingeschränkte Macht an, wenn er ihn anbetet. Viele Menschen erliegen dieser Versuchung tatsächlich. Aber das sind wie gesagt nur drei Beispiele für das, was unser Leben gefährdet. Es gibt noch viel mehr. Jede Sucht gehört dazu, Begierde und Abhängigkeit. Manchmal rutschen wir unversehens dahinein und merken erst später, dass wir Irrwege gehen, nämlich dann, wenn wir anfangen zu leiden. Dazu können innere Leere und Sinnlosigkeitsgefühle gehören, fehlende Zuversicht und Freude, Rücksichtslosigkeit oder Ungerechtigkeit und vieles mehr. Die Laster können das Leben auf jeden Fall zerstören.

Dieses alles schauen wir uns nur ungern an, aber genau das ist notwendig, wenn wir zum „Thron der Gnade hinzutreten.“ Es bedeutet, dass wir offen und ehrlich sind und unsere üblichen Wege verlassen, umkehren und uns an Jesus wenden. Das ist der zweite Schritt.

Und daraus folgen die nächsten drei, die alle darin bestehen, dass Gott selber handelt. Wenn wir so zu ihm kommen, dann hat er Mitleid mit uns. Er verurteilt uns nicht und weist uns auch nicht ab. Er wendet sich uns vielmehr zu und verschont uns. Wir werden angenommen und „empfangen Barmherzigkeit“, d.h. auch ohne liebenswert zu sein, werden wir geliebt.

Außerdem finden wir „Gnade“, d.h. Freundlichkeit und Wohlwollen. Wir werden freigesprochen. Ein Thron kann ja auch ein Richterstuhl sein, von dem aus Urteile ergehen, und die können durchaus Strafen beinhalten. Von einem „Gnadenthron“ aus geschieht genau das Gegenteil: Uns wird ein Liebesdienst erwiesen, mit altertümlichen Worten ausgedrückt, wird uns „Huld und Gunst erzeigt.“

Und das bedeutet als letztes und fünftes, dass wir die angemessene Hilfe bekommen. Es ändert sich also etwas in unserem Leben. Wir bekommen Unterstützung und Beistand. Wir sind nicht mehr auf uns allein gestellt. Es gibt eine feste Grundlage, einen Schutz, unter dem wir unser Leben führen. Wir bekommen neue Kraft und das Leben wird schön. Wir werden erlöst und sind frei. Die Versuchungen können uns viel weniger anhaben, denn wir können die Dinge der Welt plötzlich lassen, wir hören auf, zu viel davon zu erwarten. Wir sind in der Lage, zu vertrauen, und auch von der Macht können wir uns verabschieden. Ein neues Leben beginnt.

Das alles steckt in den drei Versen aus dem Hebräerbrief, über die wir heute nachdenken. So ist es, wenn wir der Einladung folgen, die hier an uns ergeht.

Und dafür, wie das ganz konkret geschehen kann, gibt es in unserer Kirche und im Gottesdienst zwei schöne Möglichkeiten, die beide heute da sind. Das erste ist die Fastenzeit, die ja am Mittwoch begonnen hat, d.h. heute ist darin der erste Sonntag. Oft denken wir, diese Zeit dient der Selbstüberwindung und dem Verzicht. Wir müssen es endlich einmal hinbekommen, diese Welt und unser Leben besser zu machen. Doch das ist gar nicht der Schwerpunkt. Viel entscheidender ist, dass es eine Zeit „des Hinzutretens zum Thron der Gnade“ wird, d.h. eine Zeit der besonderen Nähe zu Jesus. Wir sind eingeladen, verstärkt die Gemeinschaft mit ihm zu suchen. Gerade in dieser Zeit geht es um seine menschlichste Seite, um sein Versucht-werden, sein Leiden und Sterben. Es geschah bei ihm „ohne Sünde“, und damit hat er uns das Heil geschenkt. Das bedenken wir in der Passionszeit, und deshalb ist sie eine besondere Heilszeit, eine Zeit der Gnade und Barmherzigkeit, der Hilfe und der Freude. Sie dient der Erneuerung und Veränderung, dem Frieden und der Gerechtigkeit. Wir müssen sie nur auch so nutzen.

Und das andere Angebot, das uns gemacht wird, ist das Abendmahl. Bei diesem Sakrament „treten“ wir buchstäblich „herzu“ und nähern uns Gott. Der Altar erinnert uns an den „Gnadenthron“, zu dem wir gehen, um mit Gott Gemeinschaft zu haben. Wir brauchen dafür keine besondere Erlaubnis und wir müssen uns auch nicht unterwerfen. Uns wird beim Abendmahl vielmehr „Barmherzigkeit und Gnade“ geschenkt.

Amen.

Sei nicht übergerecht

Predigt über Prediger 7, 15- 18: Von der wahren Weisheit

2. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae
17.2.2019, 9.30 Uhr und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Es ist Karnevalszeit, und in anderen Teilen von Deutschland merkt man das auch. Im Rheinland könnt ihr auf der Straße jetzt bestimmt den einen oder anderen Menschen mit roter Nase oder bunter Perücke treffen. Da feiern die Leute das ja sehr intensiv. Ich hab dort in einem Restaurant auch einmal ein Plakat gesehen, da stand drauf: „Wir heitern den Rest der Nation auf.“ So verstehen sich die Menschen dort. Sie halten sich offensichtlich für besonders lustig und spaßig.

Dabei haben inzwischen mehrere Umfragen ergeben, dass die glücklichsten Deutschen hier in Schleswig-Holstein leben, obwohl man uns Mundfaulheit und Nüchternheit nachsagt. Aber die Menschen hier sind wohl besonders ausgeglichen und zufrieden.

Humor führt also nicht automatisch zum Glück, und hinter Spaß verbirgt sich nicht unbedingt echte Lebensfreude. Die Dinge liegen oft ganz anders als wir denken. So ist es auch mit Gut und Böse. Wir meinen, dem Bösen müsste es schlecht gehen und dem Guten gut. Aber das ist nicht unbedingt so. Es gibt in vielen Fällen kein einfaches Ursache-Wirkung-Prinzip, auch wenn wir das gerne hätten. Das Leben ist komplizierter.

Das hat auch schon der Prediger Salomo erkannt. Aus seinem Buch stammt heute unser Predigttext. Er steht dort im siebten Kapitel und lautet:

Prediger 7, 15- 18

15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.
16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.
17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.
18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Das ist ein kurzer Bericht über eine allgemeine Wahrnehmung im menschlichen Leben und eine anschließende Mahnung. Der Prediger hat erfahren, dass eine weit verbreitete Gewissheit so nicht stimmt. Sie lautet: „Der Gerechte besteht, und der Gottlose vergeht.“ Gerade in der Bibel finden wir unzählige Aussagen, die das behaupten, und bis heute verlassen sich viele Menschen auch sehr gerne darauf. Doch so einfach ist es eben nicht. Der Prediger stellt diesen Satz in Frage, weil er ganz andere Vorgänge beobachtet hat, und er zieht daraus seine Schlüsse.

Aber wer ist das eigentlich, der das hier sagt, und warum sagt er es? In was für einer Gedankenwelt lebte dieser Prediger, was erfüllte und bewegte ihn?

Das sollten wir uns fragen, wenn wir uns mit diesem Text beschäftigen, denn das ganze Buch des Predigers Salomo, aus dem der Abschnitt stammt, ist im Alten Testament einzigartig. Ob der Verfasser wirklich der König Salomo war, wissen wir nicht, aber das spielt auch keine Rolle. An seinem Hof hat es auf jeden Fall Weisheitsschulen gegeben, in denen junge Menschen lernten, wie sie mit dem Leben umgehen sollten. Dadurch entstand die sogenannte Weisheitsliteratur, zu der auch die Sprüche Salomos in der Bibel gehören. Sie durchmustern die menschlichen Beziehungen und Werte und handeln davon, wie man zu Reichtum, Kraft, Gesundheit und Ruhm gelangt. Es sind Regelungen für das Vorankommen und Zurückfallen, Mahnungen zu Fleiß, Geduld, Ehrlichkeit usw.

Diese Weisheitsliteratur ist auch für das Buch des Predigers Salomo der Mutterboden. Der Verfasser war wahrscheinlich ein Weisheitslehrer mit großem Ansehen, vielleicht hat er sogar eine eigene Schule gebildet. Denn es fällt auf, dass er die Welt- und Lebensweisheit einer gewissen Durchschnittshaltung ablehnt. Die war ihm zu optimistisch und zu oberflächlich. Er setzt sich damit kritisch auseinander und sagt: So wie ihr euch die Welt erklärt, so ist sie oft nicht! Er stellt viele Fragen, die sehr in die Tiefe gehen, und kann sie häufig selber nicht beantworten. Für ihn gibt es keine Sicherheit in der allgemeinen Erkenntnis, denn er entdeckt die bedrohliche Wirklichkeit, dass alles vergänglich und unsicher ist. Der Prediger stellt deshalb den Wert von Freude, Arbeit, Besitz und Macht in Frage, und bezweifelt ebenso den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen. Nur eins steht für ihn fest, und das ist Gott als die gültige Wirklichkeit und als der Herrn, der alles in Händen hält. Gott bleibt der Herr aller Zeit und allen Zufalls, er hat sogar alles gut gemacht.

Das ist die Weisheit des Predigers, und die kommt nun auch sehr schön in unserem Textabschnitt zum Ausdruck. Hier geht es wie gesagt um den Lehrsatz der „gerechten Vergeltung“, nach dem aus der bösen Tat auch ein böses Schicksal folgt. So gerade laufen die Dinge nicht, es kann sich alles verkrümmen und ganz anders zugehen, sagt der Prediger. Die Zusammenhänge und Ordnungen sind viel weniger fest, als wir meinen. Deshalb warnt er vor „Übergerechtigkeit“, d.h. vor einer Haltung, mit der man meint, das eigene Wohlergehen in der Hand zu haben. Wer auf seine Weisheit baut, kann erleben, dass er trotzdem zugrunde geht. Deshalb fordert der Prediger erschreckender Weise, dass man sowohl an der Weisheit als auch an der Torheit festhalten soll. „Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt.“ sagt er. Das klingt schlau und berechnend, als wollte er alle Möglichkeiten offen lassen. Doch so ist es nicht gemeint. An dem abschließenden Satz wird deutlich, welchen Weg er vorschlägt: Es ist die „Furcht Gottes“, an der es festzuhalten gilt, „denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ Und damit meint der Prediger einerseits die Absage an alles Heldentum, andererseits aber das Vertrauen auf Gott und seine Kraft. Man sollte zwar nicht versuchen, sich mit Gott zu behaupten, es ist aber sehr wohl sinnvoll, ihn zu erkennen und zu ehren. Auch an anderen Stellen in seinem Buch ermahnt der Prediger zur Gottesfurcht und erinnert daran, dass Gott uns beschenkt. Das dürfen wir entgegennehmen. Es ist gut, wenn der Mensch mit dem ihm zugemessenen Teil lebt, wann, wo und solange ihm dieser gehört, und dabei seines Schöpfers gedenkt.

Die Wahrheit über das Leben und das Glück liegt also viel tiefer, als wir oft meinen. Nicht unsere Frömmigkeit zählt, sondern das Wirken Gottes. Er ist hinter allem. Viele Fragen im Leben bleiben offen, aber Gott ist trotzdem da und beantwortet sie mit seiner Nähe und Liebe. Als Christen glauben wir, dass diese Liebe und Gegenwart Gottes in Jesus Christus besiegelt wurde. Auf ihn dürfen wir uns immer verlassen, im Leben und im Sterben.

Das ist hier die Botschaft, und es tut uns gut, wenn wir sie ernst nehmen. Wir sollten uns die Kritik des Predigers ruhig einmal zu Herzen nehmen, denn nicht selten verfallen auch wir einer Haltung, die viel zu oberflächlich ist. Vor allem denken wir genauso wie etliche andere Menschen, dass wir unser Leben selber lenken können. Auch halten wir es für schlüssig, dass der Glaube uns dabei hilft, im Leben voran zu kommen. Schließich steht Gott uns bei, wenn wir auf ihn vertrauen, er gibt uns Kraft und Erfolg und Glück, das ist die landläufige Meinung.

Doch so einfach ist es eben tatsächlich nicht, das erfahren wir immer wieder. Den gläubigen Menschen geht es in vielen Fällen keineswegs besser, als den Ungläubigen. Gott bewahrt uns nicht automatisch vor Unheil und Leid. Und das macht uns dann durchaus zu schaffen. Worin liegt eigentlich der Sinn, sich an Gott zu halten? Das fragen wir uns manchmal.

Und da hilft uns der Prediger, denn er lädt uns zu einer ganz anderen Denkweise ein. Er verweist uns auf tiefere Schichten der Wirklichkeit und des Bewusstseins und sagt: Gott ist nicht fern, wenn es dir schlecht geht. Stell nicht den Glauben an ihn in Frage, sondern überprüf deine Einstellung. Du bist zu willensgesteuert und zielgerichtet und verwechselst die Frömmigkeit mit einer Leistung.

Und das sollten wir uns sagen lassen. Es ist gut, wenn wir in uns hineinschauen und dabei ehrlich sind. Es kann durchaus sein, dass auch wir „übergerecht“ sind. Ohne dass wir es merken, schleicht sich dabei ein gewisser Stolz ein. Wir halten uns dann für besser als andere und rühmen uns innerlich damit, dass wir so gläubig sind. Wir werden selbstherrlich. Umso tiefer fallen wir, wenn etwas im Leben anders läuft, als wir es erwartet haben. Dann verdunkelt sich alles, wir verstehen die Welt nicht mehr, hadern mit Gott und der Glaube schwächt sich ab.

Und davor warnt uns der Prediger, dazu muss es nicht kommen. Wir müssen den Glauben nur von vorne herein ganz anders verstehen. Wenn wir uns an Gott halten, dann sollten wir es um seinetwillen tun und nicht um unseretwillen. Es geht um ein echtes tiefes Vertrauen, um Hingabe und Liebe. Wenn wir uns an Gott halten, dann müssen wir das ergebnisoffen tun. Vor Augen sollten uns nicht irgendwelche Ziele stehen, sondern Gott selber und seine Wirklichkeit. Er ist da, und wir dürfen auch einfach nur da sein. Wir müssen nichts erreichen.

Für die Lebensführung heißt das, dass wir das rechte Maß für alles finden müssen und in ein inneres und äußeres Gleichgewicht kommen. Es gehört beides zum Leben, das Leichte und das Schwere, das Schöne und das Hässliche, der Spaß und der Ernst. Das sagt uns der Prediger gleich am Anfang seines Buches. Die Worte sind berühmt geworden, mit denen er beschreibt, dass „alles seine Zeit hat“: „geboren werden und sterben, schweigen und reden, suchen und verlieren, lieben und hassen.“ (Prediger 3, 1-8) Das sollen wir erkennen, und das heißt, auch das Negative darf sein. Wir haben das Recht, uns „an das eine zu halten und auch jenes nicht aus der Hand zu lassen“. Das Unglück und sogar die Torheit sind erlaubt. Wir müssen nicht ständig erfolgreich und glücklich sein und dafür krampfhaft den Ernst und die Trauer aus dem Leben verbannen. Letzen Endes gewinnen wir dadurch nichts. Im Gegenteil, das Gute kommt erst, wenn wir das Schlechte annehmen und auch dazu ja sagen. Es verliert dann seine Macht. Die wahre Freude liegt auf einer ganz anderen Ebene, als in den wechselvollen Alltäglichkeiten. Sie liegt viel tiefer oder auch höher, als alles andere.

Wenn wir diese Botschaft ernst nehmen, stellt sich eine positive Grundhaltung dem Leben gegenüber ein. Wir können es annehmen, wie es ist, wir werden von dem Druck befreit, um jeden Preis immer gut drauf sein zu wollen. Und das tut gut.

Möglicher Weise geht es in Schleswig-Holstein besonders gut, diesen ausgewogenen Weg zu gehen. Er hat ja auch etwas mit Nüchternheit zu tun. Vielleicht ist es gerade förderlich, dass hier nicht so viel los ist. Die Oberflächlichkeit hat weniger Möglichkeiten, sich auszubreiten. Und natürlich hat auch die Natur ihren Einfluss auf das Gemüt. „Zwischen den Meeren“ wird der Geist weiter und die Seele atmet auf.

Trotzdem ist es natürlich auch hier nicht ganz leicht, die wahre Freude wirklich zu finden. Der Prediger fordert uns heraus und formuliert durchaus einen hohen Anspruch. Ob ihm diese Haltung gelungen ist, wissen wir nicht, aber es ist gut, dass er sie formuliert hat. Und als Christen haben wir auf jeden Fall eine wunderbare Hilfe, denn Jesus Christus ist genau diesen Weg gegangen und er nimmt uns an die Hand. Durch ihn finden wir das „Ja“ zu allem, was uns widerfährt, er schafft den Ausgleich und befreit uns von unseren Zwängen.

Amen.

Gottes Kraft, sein Ziel und seine Treue

Predigt über 1. Korinther 1, 4- 9: Dank für Gottes reiche Gaben in Korinth

5. Sonntag vor der Passionszeit, 3.2.2019, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Korinther 1, 4- 9

4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus,
5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und in aller Erkenntnis.
6 Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden,
7 so dass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe
und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.
8 Der wird euch auch fest erhalten bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.
9 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

Liebe Gemeinde.

„Ich habe geschrieben und gelehrt, nichts hat genützt!“ Das sagte Luther am Ende seines Lebens, als er ahnte, dass der Tod näher kam. In den letzten Jahren war seine Grundstimmung von der Bedrückung geprägt, dass all sein Predigen, Lehren und Kämpfen genauso vergeblich gewesen sein könnte, wie der Versuch, „Getreide auf Granit zu säen und zu ernten.“ Er war von „Altersresignation“ befallen, Gewissensnöte und Bitterkeit quälten ihn. Dazu kam der Kummer über den Tod seines dreizehnjährigen Töchterchens Magdalena und Enttäuschungen in der Wittenberger Gemeinde. Er sorgte sich um das öffentliche Wohl und das Schicksal des Reiches. Er verzweifelte an sich selbst, hatte häufig Wutausbrüche und verfasste eine letzte große Streitschrift, „wider das Papsttum“. Es war eine Generalabrechnung. (s. Hellmut Dewald, Luther, eine Biographie, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes GmbH&Co, 1982, S. 360ff)

Das alles klingt erschreckend und passt eigentlich nicht in das Bild, das wir uns gerne von Luther machen. Aber er war ein Mensch wie wir alle, und es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass er am Ende verzagte. Mit diesem Erleben ist er auch nicht allein, ich kenn das von anderen Menschen ebenso. Und von vielen wissen wir einfach nur nicht, wie es ihnen am Ende ihres Lebens ging. Was den Apostel Paulus betrifft, so ist darüber z.B. nichts überliefert.

Es kann allerdings sein, dass er vor solchen Selbstzweifeln geschützt war. In dem Briefabschnitt, den wir vorhin gehört haben, ist er nämlich voller Dankbarkeit über das, was – in diesem Fall in Korinth – durch sein Predigen geschehen war.

Der Text gehört zu seinem Eingangsgruß, und Paulus folgt darin einer antiken Briefsitte. Es war üblich, dass am Anfang eine Danksagung stand. Doch bei Paulus war das nicht einfach nur eine Höflichkeitsfloskel oder eine diplomatische Liebenswürdigkeit, es ist vielmehr bezeichnend für seine Glaubenshaltung, denn mit dem Dank will er Gott ehren. Er lenkt gleich am Anfang die Aufmerksamkeit auf die „Gnade Gottes“, die der Gemeinde in Christus gegeben wurde. Die Korinther sind dadurch „reich“ geworden, sie haben viele „Charismen“ empfangen, das ist das griechische Wort für  „Gnadengaben“. Besonders hebt Paulus die „Lehre und Erkenntnis“ hervor, man kann auch übersetzen „Wort“ und „Einsicht“. Sie haben also Gott erkannt und sind geistlich urteilsfähig. „Die Predigt von Christus ist in ihnen kräftig geworden.“ Und so sind alle Merkmale einer von Gottes Kraft und Geist geschaffenen Gemeinde da. Paulus blickt sowohl auf ihre Vergangenheit als auch auf ihre Gegenwart und ist für alles dankbar.

Schließlich mündet sein Dank in den Blick nach vorne, und zwar auf die zukünftige Vollendung und die Wiederkunft Christi. Das war für ihn sowieso ein wichtiges Thema. Er erwartete dieses Ereignis und ging davon aus, dass er es noch erleben würde, das Ende dieser Welt und die Aufrichtung der endgültigen Himmelsherrschaft Christi. Es war von den Propheten im Alten Testament angekündigt worden, und auch Jesus hatte davon gesprochen.

Dabei gingen jedoch alle davon aus, dass das nicht nur ein freudiges Ereignis werden würde. Auch in unserem Briefabschnitt klingt an, dass das Erscheinen Christi zwar die Welt erneuern wird, aber es wird gleichzeitig mit einem Endgericht einhergehen. Wer gerettet werden will, muss also „untadelig“ sein. Und das klingt düster und bedrohlich. Diese Ankündigung sollte allerdings keine Angst machen, sondern die Rede darüber geht im Neuen Testament immer mit der Botschaft einher, dass Christus den Menschen im Endgericht beisteht. Er hilft allen, die an ihn glauben, und darauf sind sie auch angewiesen, denn keiner und keine ist vollkommen. Dafür bedankt Paulus sich hier ebenso: Dass Christus die Korinther „fest erhalten wird bis ans Ende“. Gott selber wird dafür sorgen, dass keine Vorwürfe gegen sie erhoben werden, dass alle ihre Fehler getilgt und eventuelle Strafen erlassen werden. Dessen dürfen sie sich gewiss sein.

Und das hat seinen letzten Grund in der Treue Gottes. „Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid“, sagt Paulus am Ende seiner Danksagung. Gottes Wille ist unerschütterlich ein und derselbe. Er hat sein Werk an der Gemeinde begonnen, und er wird es auch vollenden. Er hat die Korinther berufen, und das Ziel ist die Gemeinschaft mit Christus. Von dieser Tat Gottes her lebt die Gemeinde. Sie wartet also auf das Kommen ihres Herrn als die Schar derer, die mit Jesus Christus bereits unlöslich verbunden sind. Sie haben teil am Leben des Auferstandenen und Erhöhten.

Das alles sagt Paulus in seiner Danksagung am Anfang seines Briefes, und das ist interessant. Er hatte – was die Korinther betrifft – nämlich genauso viele Gründe zur Sorge. Der Anlass für den Brief waren sogar schwerwiegende Streitigkeiten in der Gemeinde in Korinth. Es gab Parteiungen, Auseinandersetzungen mit der Weisheit der griechischen Philosophie, dem Heidentum und dem Judentum, die Leugnung der Auferstehung, Selbstüberschätzung etlicher Gemeindeglieder, sittliche Missstände und vieles mehr. All das wich erheblich von dem ab, was Paulus dort einmal gepredigt hatte. Er hätte also seinen Brief auch mit dem Ausdruck tiefster Sorge beginnen können und wie Luther sagen: „Ich habe geschrieben und gelehrt, nichts hat genützt!“ Doch das tut Paulus nicht. Am Anfang besinnt er sich vielmehr auf all das Gute, das er erkennt. Und das ist deshalb lesenswert, weil Paulus dabei auf Gott schaut. Er bedankt sich für sein Handeln, und dazu sind auch wir eingeladen, und es tut jedem und jeder gut. Lasst uns also den Inhalt dieses Briefabschnittes einmal genau betrachten.

Dabei können wir drei Leitworte herauslesen, die wichtig für den Glauben sind: Es sind „die Kraft Gottes“, „das Ziel Gottes“ und „die Treue Gottes“. Auch für uns ist es wichtig, diese drei Motive im Handeln Gottes immer wieder zu erkennen, denn wir sind oft genauso voller Sorge um das Christentum, die Kirche und die Gemeinde wie z.B. Martin Luther. Was ist denn noch da? Die Zahlen der Kirchenmitglieder gehen stetig zurück, Gottesdienstbesucher und -besucherinnen werden weniger, der Glaube nimmt ab und die Verweltlichung nimmt zu. Das macht auch uns oft verzagt.

Dazu kommen möglicherweise noch eigene Zweifel: Ist an dem Evangelium wirklich etwas dran? Wirkt Gott noch in unserer Zeit? Und ist der Tod tatsächlich besiegt? Wir erfahren im Laufe unsres Lebens sehr vieles, das dagegen spricht. Auch persönliche Schicksalsschläge oder Enttäuschungen gehören dazu, wie bei Martin Luther. Trägt unser Glaube uns dann immer? Befallen uns nicht auch oft Traurigkeit und Wut, Depression und Ängste? Manchmal scheint Gott doch fern zu sein, und wir fragen uns, ob er überhaupt da ist. Dazu sehen wir, dass es „den Gottlosen gut geht“ (Ps. 73,3), und so wissen wir manchmal nicht mehr, warum wir uns noch an den Glauben halten sollen. Zweifel und Verzagtheit bestimmen unser Lebensgefühl.

Doch das muss nicht sein. Paulus zeigt uns, wie wir aus dieser negativen Grundstimmung herausfinden können. Er lädt auch uns ein, unseren Blick auf Gott zu lenken und unsere Haltung zu ändern.

Dazu gehört es, dass wir zugeben, wie sehr wir immer auf unsere menschlichen Möglichkeiten schauen, auf unsere eigenen Fähigkeiten und Ziele, die oft sehr hoch gesteckt sind. Wir wollen viel und trauen uns viel zu. Zwischendurch und am Ende vergleichen wir dann das, was wir geschafft haben mit dem, was wir einmal wollten. Oder wir vergleichen uns mit anderen, von denen wir das Gefühl haben, dass sie besser sind. Das betrifft auch unsere Sicht auf die Kirche und die Gemeinde und unseren Umgang damit. Und dadurch entsteht das Leiden, denn wir fühlen unsre Unzulänglichkeit und unsere Schwäche. Es sind gar nicht die Umstände, die uns verzagen lassen, sondern unser Wollen und die Art und Weise, wie wir die Dinge sehen und beurteilen. Diese Haltung ist es, die zu unserer schlechten Stimmung führt.

Es gilt also, das zu ändern, oder zumindest immer wieder zu unterbrechen. Wir müssen uns eingestehen, dass wir viel weniger können, als wir meinen. Gott dagegen kann unendlich viel. Vor allem die Kirche und die Gemeinde sind sein Werk. Niemand könnte an ihn glauben, wenn nicht Gott ihn dahin führen würde. Und so ist es auch im Leben: Gott ist da, sein Wirken ist bloß oft ganz anders, als wir es uns vorstellen. Er lenkt unseren Weg, und wir verdanken ihm unser Leben. Das dürfen wir uns immer wieder bewusst machen und ihm dafür danken. Dann sehen wir unser Leben anders. Es gibt dafür ein einfaches mathematisches Bild: Die Gegenwart Gottes ist wie das positive Vorzeichen vor einer Klammer. Mag innerhalb der Klammer noch so viel Negatives stehen, so kann das nie das Vorzeichen ändern. Und das besteht darin, dass Gott bei uns ist. Er wird uns fest erhalten, was auch kommen mag. Wenn wir das glauben und darauf schauen, werden wir innerlich sicher und gewiss. Das ist der erste Gedanke, der sich aus dem Briefabschnitt ergibt.

Das zweite Motiv, das hier auftaucht, ist das „Ziel Gottes“, und das ist groß und wunderbar. Gott hat eine Zukunft für uns eröffnet, die weit über diese Welt hinausweist. Er will, dass wir ihn eines Tages ganz sehen, dass wir Christus begegnen, wenn er sich endgültig offenbart. Und er wird selber dafür sorgen, dass wir „untadelig“ sind. Wir haben also immer eine Zukunft, der gegenüber unsere Zukunftssorgen fast kleinlich wirken. Oft denken wir nämlich lange nicht weit genug. Unsere Ziele sind viel zu irdisch, selbst wenn es uns um die Kirche geht. Wir wollen hier und jetzt vollere Kirchen, lebendigere Gemeinden und fröhlichere Christen und Christinnen. Doch darum geht es letzten Endes gar nicht. Die Kirche ist nicht eine menschliche Gemeinschaft, sondern ein Abbild für die ewige Gemeinschaft der Menschen mit Gott. Seine Zukunftsvision ist viel weitreichender: Er sieht eine erlöste Menschheit, in der der Tod nicht mehr regiert. Und da will er uns hinführen. Auch wir sollten dieses große Ziel nie aus den Augen verlieren und daran glauben. Dann weitet sich unser Geist, die Seele atmet auf und der Leib kann sich entspannen. Uns durchströmen bereits jetzt die Kräfte der Ewigkeit, wir sind erlöst und frei. Das ist das zweite Thema, das hier aufleuchtet.

Und als drittes nennt Paulus die „Treue Gottes“. Treue spielt ja in einer Beziehung eine Rolle. Wir versprechen sie z.B., wenn wir heiraten, denn sie sorgt dafür, dass wir unabhängig werden von dem Auf und Ab, das jede Ehe mit sich bringt. Sie gewährt Dauer und Beständigkeit. Und genauso ist es mit Gott. Er hat sich uns verbürgt und er ist zuverlässig. Im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi hat er seine Treue besiegelt. Er will die Gemeinschaft mit uns, er will uns teilhaben lassen an der Auferstehung. Das ist der Grund für unsere Gewissheit.

Und all das, der Glaube an die Kraft Gottes, an sein Ziel mit uns und an seine Treue, kann uns fröhlich und zuversichtlich machen. Ganz am Ende ging es auch Luther so. In den allerletzten Wochen und Tagen seines Lebens distanzierte er sich von der Welt. Die Klagen über die Erfolglosigkeit so vielen Tuns wurden weniger laut. Er wurde verhaltener, und plötzlich beobachteten seine Mitmenschen eine ungewöhnliche Gelassenheit an ihm. Sein Glaube äußerte sich nun als Überlegenheit, die nicht mehr von irdischer Verbundenheit bestimmt war. Er war vielmehr von der Erwartung der jenseitigen Welt getragen. Es gibt ein paar sehr späte, persönliche Briefe von ihm, die vergnügt und fast munter klingen. Und eine seiner letzten Aussagen ist berühmt geworden. Sie bezieht sich auf die Heilige Schrift, über die Luther sagte. „Neige dich vor ihren Spuren! Wir sind Bettler. Das ist wahr.“  Und bevor er seinen letzten Atemzug tat, betete er wie Jesus Christus laut: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Ein Augenzeuge berichtet: „Er tat einen tiefen, doch sanften Atemzug, mit dem er seinen Geist aufgab, mit Stille und großer Geduld.“ (s.o., S. 370f)

Und das ist schön, so kann es auch uns gehen, wenn wir fest auf Jesus Christus blicken und ihm für alles danken, was er uns geschenkt hat.

Amen.

Gott geht mit den Seinen

Predigt über Josua 3, 5-16: Israel geht durch den Jordan

1. Sonntag nach Epiphanias, 13.1. 2019, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Josua 3, 5- 16

5 Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun.
6 Und zu den Priestern sprach er: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her.
7 Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, adich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: bWie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein.
8 Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen.
9 Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes!
10 Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter:
11 Siehe, die Lade des Bundes des Herrschers über alle Welt wird vor euch hergehen in den Jordan.
12 So nehmt nun zwölf Männer aus den Stämmen Israels, aus jedem Stamm einen.
13 Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des HERRN, des Herrschers über alle Welt, tragen, in dem Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall.
14 Als nun das Volk aus seinen Zelten auszog, um durch den Jordan zu gehen, und als die Priester die Bundeslade vor dem Volk hertrugen
15 und an den Jordan kamen und ihre Füße vorn ins Wasser tauchten – der Jordan aber war die ganze Zeit der Ernte über alle seine Ufer getreten –,
16 da stand das Wasser, das von oben herniederkam, aufgerichtet wie ein einziger Wall, sehr fern, bei der Stadt Adam, die zur Seite von Zaretan liegt; aber das Wasser, das zum Meer hinunterlief, zum Salzmeer, das nahm ab und floss ganz weg. So ging das Volk hindurch gegenüber von Jericho.

Liebe Gemeinde.

Um von einer Seite des Nordostseekanals auf die andere zu kommen, gibt es 10 Brücken, 14 Fähren und einen Tunnel. Überall dort, wo vor dem Bau bereits eine Straße war, musste die Überquerung gewährleistet werden, deshalb gibt es so viele Möglichkeiten. Über einen Fluss führen normalerweise weniger Brücken oder Fähren, geschweige denn, dass ein Tunnel darunter hinweg geht. Denn das sind natürliche Wasserläufe, die nicht selten auch eine Ländergrenze bilden. Das hat sich im Laufe der Geschichte ganz von allein ergeben, weil es in früheren Jahrhunderten noch wesentlich schwieriger war, über einen Fluss zu kommen. Die ersten festen Brücken wurden von den Römern im 5. Jahrhundert vor Christus gebaut. In vorgeschichtlicher Zeit verwendete man umgestürzte Bäume, bewusst platzierte Stämme, Lianen, Steine und hölzerne Planken. Sie überwanden allerdings nur kurze Distanzen.

Über den Jordan, den Fluss, der von Norden nach Süden durch Palästina fließt, kamen die Menschen in der Frühgeschichte Israels also nur ganz schwer. Der war zu breit und lag außerdem in einem tiefen Graben. Als die Israeliten dort ankamen und auf die andere Seite wollten, waren sie demnach erst einmal ratlos. Nur durch ein Wunder gelang es ihnen, den Fluss zu überqueren.

So wird es in der Geschichte erzählt, die wir vorhin gehört haben. Sie handelt von dem Durchzug des Volkes Israel durch den Jordan. Wenn wir uns vorstellen, was da beschrieben wird, sehen wir Abertausende von Menschen, wie sie nach der langen Wüstenwanderung endlich zum Jordan gelangt sind. Sie waren kurz vor dem Ziel, denn auf der anderen, der westlichen Seite, lag das „gelobte Land“, das ihnen von Gott verheißen war. Diese Verheißung hatte sie auch geführt. Gott hatte sie einst den Vätern und später Mose gegeben. Nun lag das versprochene Land vor ihnen, zum Greifen nah, aber da floss der Jordan. Unüberwindlich tat sich der Graben des Stromes vor ihnen auf, und keiner wusste, wie sie dort hinüber gelangen sollten. Und noch etwas machte ihnen Angst: Selbst, wenn sie es schafften, wie würde es ihnen drüben ergehen? Sie kannten das Land nicht. Lauerten dort nicht Feinde? Mehrfach waren sie auf ihrer Wanderung angegriffen worden. Wer sagte ihnen, dass es jenseits des Jordan nicht wieder zu Kämpfen kommen würde?

Doch mit diesen Fragen mussten sie sich nicht lange beschäftigen, Gott selber gab ihnen die Antwort: Mit einer unsichtbaren Macht hielt er das Wasser des Jordan zurück, so dass Männer, Frauen und Kinder trockenen Fußes durch das Flussbett ziehen konnten. Seine starke Hand beschützte sie.

Dabei spielte die sogenannte Bundeslade eine Rolle. Das war ein hölzerner Kasten, in dem die Gesetzestafeln lagen. Sie war das Heiligtum des Volkes Israel, das sie durch die Wüste getragen und bei einer Rast jeweils in einem besonderen Zelt, der Stiftshütte, aufgestellt hatten. Später stand sie im Tempel in Jerusalem. Mit ihr gelang es den Israeliten nun, durch den Jordan zu ziehen, denn als die Priester mit der Lade den Fluss betraten, wich das Wasser zu beiden Seiten. Es wurde in seiner reißenden Strömung angehalten. Nach dem Durchzug kehrte das Wasser in sein Bett zurück.

Das Ereignis erinnert an einen Bericht des arabischen Geschichtsschreibers Nuwairi, nach dem im 13. Jahrhundert n. Chr. einmal das Jordanwasser aussetzte, weil sich im Oberlauf nach einem Ufereinsturz ein Damm gebildet hatte. Ob sich in unserem Text eine Erinnerung an einen ähnlichen Vorfall erhalten hat, muss offen bleiben. Hier ist der Bericht Teil einer theologischen Konzeption: Es geht um ein wunderbares Eingreifen Gottes.

Dabei erinnert das beschriebene Wunder an den Durchzug durch das Rote Meer (2. Mose 14). Mit ihm hatte Gott dem Volk die Flucht vor den Ägyptern und den Weg durch die Wüste ermöglicht. Am Ende ihrer Wanderung stand nun wieder so ein göttliches Handeln, mit dem das Werden Israels im verheißenen Land begann. Die Heilsgeschichte nahm ihren weiteren Verlauf, der bis hin zum Kommen Jesu reicht.

So wird es uns in der Bibel erzählt. Was jedoch genau geschehen ist, als das Volk Israel in das „gelobte Land“ einzog, wissen wir nicht. Die Geschichten in der Bibel, die davon handeln, sind keine historischen Berichte. Sie wollen vielmehr hauptsächlich die Macht Gottes beschreiben, seine Gegenwart und Treue. Es geht um die Geschichte Gottes mit seinem Volk: Er tut, was er verheißen hat, das war der Glaube Israels. Und bei dieser Betrachtung der Vergangenheit sind im Nachhinein ganze Jahrhunderte zusammengerückt und haben sich ineinander geschoben. In Wirklichkeit war die sogenannte Landnahme nämlich ein langer Prozess. Die Ahnen Israels waren wohl eher Kulturlandnomaden, die sich im Laufe des 2. Jahrtausends v. Chr. im alten Palästina friedlich angesiedelt haben.

Es ist wichtig, dass wir uns das klar machen, denn in der Geschichte klingt ja an, dass es einen „Heiligen Krieg“ gegeben hat, mit dem Israel das Land einnahm. Erst dadurch wurde es angeblich frei für die Neubesiedelung. Dieser Krieg wird im weiteren Verlauf des Josuabuches dann auch mit manchen grausamen Schilderungen ausgeführt. Danach war es Gott selbst, der für Israel kämpfte.

Das tut unseren heutigen Ohren weh, denn ein Teil dieser Vorstellung ist die Vernichtung der Feinde im göttlichen Auftrag. Das macht uns Mühe, weil diese Ausführungen in der Geschichte und bis in die Gegenwart hinein Nachwirkungen hatten, sowohl im Islam als auch im Christentum. Und erst recht nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts verbietet es sich, dass wir uns eine Vertreibung und einen Völkermord im Auftrag Gottes vorstellen, davon reden, geschweige denn ihn durchführen.

Doch so müssen wir das Alte Testament auch nicht verstehen. Es ist wichtig zu sehen, dass es sich im Buch Josua um einen späteren, geschichtstheologischen Entwurf handelt, in den leidvolle Erfahrungen Israels aus den Kämpfen vor dem Exil eingeflossen sind. Tatsächlich erfolgte die Landnahme wie gesagt friedlich, und es gab diesen Krieg so gar nicht. Hier spricht sich vielmehr ein Glaube aus, der sich in rauen Zeiten bewähren musste. Das Bild von einem kriegerischen Gott verändert sich auch bereits im Alten Testament gründlich. Und vollends das Neue Testament versteht Gott dann ganz anders.

Unsere Geschichte enthält also kein historisches Ereignis, sondern eine theologische Aussage: Die wunderbare Macht und Gegenwart Gottes wird hier beschrieben. Es geht um eine Glaubenserfahrung. Und die hat natürlich auch für uns eine Bedeutung. Wir können vieles aus der Erzählung sehr schön auf unser Leben anwenden.

Dafür ist es gut, wenn wir uns als erstes bewusst machen, dass unser Leben ein Weg ist. Gerade am Anfang eines neuen Jahres nehmen wir das wahr. Wir merken, es geht immer weiter. Und es nicht immer einfach. Es gibt viele „Grenzflüsse“, d.h. Grenzen, an die man gleichsam nach langer Wanderung gelangt ist, und man weiß: man muss hinüber. Aber da ist die bange Frage, es wie gelingt, über die Grenze zu kommen. Und wie wird es drüben sein? Was kommt auf mich zu? Solche Grenzen können Entscheidungen im persönlichen Leben sein, oder auch größere Geburtstage, die das Leben unübersehbar gliedern. Einen tiefen Einschnitt bildet immer auch der Verlust eines Menschen, eine Krankheit, ein Unfall usw.

Wenn wir fragen, wie wir da hindurch bzw. hinüber kommen, schildert unsere Geschichte nun etwas Unerhörtes: Der Weg in das jenseits liegende Land wird frei. Auf trockenem Boden gelangt das ganze Volk hinüber. Und damit soll kein plattes Wunder und auch kein satter Glaube beschrieben werden, dem alles in den Schoß fällt. Nein, Schritt für Schritt müssen die Menschen erst einmal in die Gefahr hinein, müssen das Flussbett überqueren, obwohl das Wasser jeden Augenblick zurückkehren könnte. Was sie erfahren, ist also dies: Gottes Gegenwart trägt sie durch, eben Schritt für Schritt, bis sie am anderen Ufer ankommen. Und auch dort wird sich, gegen alle scheinbare Bedrohung, die Verheißung erfüllen, dass es „ihr Land“ ist.

Und diese Erfahrung können wir ebenfalls machen: Wir müssen nur nach Gottes Willen fragen, auf ihn vertrauen und uns an ihn halten. Dann macht er uns den Weg frei, er zeigt ihn uns, wenn wir ihn gehen, und er hält die Gefahren zurück.

Dabei ist es sehr schön, dass in unsrer Geschichte zwei Details genannt werden, die uns einen Hinweis auf unsere Glaubenspraxis geben können. Zum einen heißt es am Anfang nämlich, dass das Volk sich vor dem Überqueren des Jordan „geheiligt“ hat. Sie haben also an Gott gedacht und sich auf seine Gegenwart eingestellt. Und das ist auch für uns ratsam. Es bedeutet, dass wir uns in der Stille auf Gott und seine Führung einrichten, zu ihm beten und seinen Geist empfangen. Paul Gerhardt hat das in einem Lied, das er für den Jahresbeginn dichtete, sehr schön zum Ausdruck gebracht. Es beginnt mit den Worten: „Nun lasst uns gehn und treten mit Singen und mit Beten zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben.“ (EG 58,1) Darin bestünde unsere „Heiligung“, dass wir singend und betend unseren Weg gehen.

Die andere Einzelheit in der Geschichte, die wir auf unsere Frömmigkeit übertragen können, ist die „Bundeslade“, die die Israeliten mit sich führten. Sie war ein Zeichen für die Gegenwart Gottes. Eine Bundeslade haben wir zwar nicht, aber Gott gibt auch uns Zeichen, an denen sich unser Glaube festmachen kann. Das sind z.B. die Bibel und der Gottesdienst. Sie bezeugen Gottes Gegenwart, erzählen uns von ihm und stärken unseren Glauben. Materiell haben wir Gott damit nicht; aber er hat uns diese Dinge gegeben, damit sie uns immer wieder an ihn erinnern.

Sie können das, weil uns in ihnen Jesus Christus begegnet, der Sohn Gottes. Er ist das eigentliche und lebendige Zeichen, das allen anderen vorkommt. Er wurde gesandt, damit wir an ihm erkennen, was Gott kann und tut, an seinem Weg, seiner Verkündigung, seinem Kreuz und seiner Auferstehung. Konkret begegnet er uns bei unserer Taufe und im Abendmahl. Die Sakramente bezeugen die Liebe Gottes und den „neuen Bund“, den er mit uns in Jesus Christus schloss. Es sind Quellen der Kraft, um über die Grenzen in unserem Leben hinüberzugelangen, Schritt für Schritt, im Glauben getragen.

Heute, wo wir wissen, wie man Brücken baut, können wir uns gerne auch eine Brücke vorstellen, die in entsteht, wenn wir unseren Weg über eine Grenze wagen. Sie verbindet zwei Ufer, die ohne sie voneinander getrennt sind, und gibt uns einen sicheren Halt. Jenseits wartet ein Stück „verheißenes Land“, und auch dort werden wir den Weg finden. Im vollen Sinn gilt das schließlich für die letzte Grenze im Leben und für die Zukunft jenseits der Zeit. Bis dahin trägt uns Gott mit der Kraft seiner Liebe.

Wenn wir uns in dieser Weise im Glauben üben, wächst im Laufe der Zeit das Vertrauen in die Möglichkeiten Gottes. Das Gefühl der Geborgenheit bei ihm wird stärker. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass er wirklich etwas kann und tut. Wir gründen uns auf eine unsichtbare Macht, die überall da ist, wo wir sind. Sie umgibt uns von allen Seiten.

Das wird in einem Reisesegen aus der Tradition der Kirche sehr schön zum Ausdruck gebracht, der auch in unserem Gesangbuch steht. Er lautet: „Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen. Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen, und dich zu schützen. Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen. Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst, und dich aus der Schlinge zu ziehen. Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist. Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen. Der Herr sei über dir, um dich zu segnen. So segne dich der gütige Gott.“ (EG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 922).

Amen.

 

Auf dass die Schrift erfüllt würde

Predigt über Matthäus 2, 13- 18: Die Flucht nach Ägypten und der Kindermord des Herodes

1. Sonntag nach Weihnachten, 30.12.2018, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Sind Weihnachten einige eurer Wünsche in Erfüllung gegangen? Dann habt ihr euch sicher gefreut, denn das ist grundsätzlich ein schönes Erlebnis, nicht nur, wenn es um materielle Geschenke geht. Wir freuen uns wahrscheinlich noch viel mehr, wenn wir z.B. verliebt sind, und sich herausstellt, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Wer schon immer mal eine bestimmte Reise machen wollte und sich diesen Wunsch irgendwann endlich erfüllt, ist ebenso glücklich. Auch die Heilung von einer schlimmen Krankheit gehört zu solchen Erlebnissen, und vieles mehr. Wir alle kennen das Warten, das dazu gehört, die Hoffnung, die sich damit verbindet, und die Freude, wenn sie in Erfüllung geht.

Den ersten Christen erging es ähnlich, denn sie glaubten, dass Jesus der verheißene Messias war. Es waren Juden, und so war ihr Lebensgefühl vom Warten auf den göttlichen Retter bestimmt. Für diejenigen, die sich zu Christus bekehrten, war die Schrift nun in Erfüllung gegangen, davon waren sie überzeugt. Und das versuchten sie zu beweisen. In den Evangelien wird seine Geschichte so erzählt, dass daran kein Zweifel bleiben soll.

Besonders Matthäus legt Wert auf dieses Bekenntnis. Sein Evangelium ist mehr als die anderen von sogenannten „Reflexionszitaten“ durchzogen. Das sind Stellen aus dem Alten Testament, die am Ende einer Erzählung über Jesus stehen und belegen, dass die Begebenheit mit den Verheißungen in der Bibel übereinstimmt. Sie reflektieren die Erfüllung des Alten Testamentes in Jesu Leben und beleuchten seine Geschichte von der Schrift her. Gerade am Anfang des Matthäusevangeliums finden wir mehrere solcher Zitate, so auch in dem Abschnitt aus der Kindheit Jesu, der heute unser Predigttext ist. Er steht im zweiten Kapitel, Vers 13 bis 18, und lautet folgendermaßen:

Matthäus 2, 13- 18

13 Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.
14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten
15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«
16 Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.
17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15):
18 »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

Das sind zwei Kurzerzählungen, die für den Evangelisten wichtige Ereignisse mitteilen. Sie ergaben sich im Anschluss an den Besuch der drei Sterndeuter, den „Weisen aus dem Morgenland“ im Stall in Bethlehem (Matthäus 2, 1-12), und es sind schmerzliche Episoden. Die Vorgänge belasten den „neugeborenen König der Juden“. So hatten die drei Weisen Jesus genannt. Zuerst muss er nach Ägypten fliehen, und im Anschluss daran werden alle gleichaltrigen Knaben in Bethlehem getötet. Das sind brutale Vorkommnisse. Ob sie wirklich so geschehen sind, wissen wir nicht, aber um Historizität geht es dem Evangelisten auch gar nicht. Er greift vielmehr auf vorgegebene Überlieferungen zurück. Hier war es Matthäus wahrscheinlich wichtig, zwischen Jesus und Mose eine Parallele herzustellen. Im Leben von Mose ereigneten sich nämlich ähnliche Dinge: Kurz nachdem er geboren war, gab es einen massenhaften Kindermord (2. Mose 1,15-22), und auch er war später nach Ägypten geflohen (2. Mose 11-15). So entspricht das Schicksal Jesu der wunderbaren Rettung des Mose und des Volkes Israel aus Ägypten. Die Geschichten über seine Flucht und der Bewahrung vor dem Tod als kleines Kind sind demnach so etwas wie Meditationen über die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen, und sie sollen offenbaren, dass Jesus von Nazareth der verheißene Messias ist.

Viele Menschen hat das damals auch überzeugt, nicht nur durch diese Geschichte, sondern durch viele weitere Episoden, die belegen, dass Gott seine Ankündigungen wahr gemacht hat. Der Glaube an Jesus als dem Retter der Menschheit hat sich ausgebreitet und wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einer Weltreligion. Es gibt heutzutage überall Kirchen und christliche Gemeinschaften, auch wir gehören dazu. Wir glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist.

Doch liegt das an den sogenannten Schriftbeweisen in den Evangelien? Die sehen wir wahrscheinlich eher kritisch, eben weil wir wissen, dass sie nachträglich angeführt wurden. Und die Geschichte, die wir heute bedenken, den Kindermord in Bethlehem, löst möglicherweise sogar genau das Gegenteil aus: Sie lässt uns am Glauben zweifeln. Wie konnte Gott das zulassen? Und warum musste ausgerechnet so etwas Schreckliches geschehen, damit Jesus seinen ihm vorgezeichneten Weg gehen konnte? Das empört und verstört uns, es wirkt makaber und zynisch.

Die Frage nach dem Grund für das Böse stellen wir ja sowieso oft. Warum gibt es das? Wenn Menschen es erleben oder davon hören, verlieren sie eher ihren Glauben, als dass es ihnen hilft, Gott zu verstehen. Sie machen ihm Vorwürfe, werden wütend und klagen ihn an. Er soll sich rechtfertigen.

Doch das tut er nicht, und eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es auch nicht. Sie steht als großes Menschheitsrätsel im Raum und wird letzten Endes auch offen bleiben. Trotzdem gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen, und dazu enthält unsere Geschichte ein paar Hinweise. Wir müssen sie nur genau lesen. Auch ist es wichtig, sie in den Zusammenhang des ganzen Evangeliums einzuordnen. Und schließlich können wir fragen, wie wir das dann auf unser Leben und seine Rätsel anwenden können. Lasst uns diese drei Gedankengänge einmal vollziehen. Wenn wir wollen, können sie uns besänftigen und unsere Empörung abbauen.

Zunächst einmal geht es um Genauigkeit, um ein sorgfältiges Lesen der Geschichten, und dabei entdecken wir, dass der Evangelist den Schriftbeweis für das Bethlehem-Massaker in bemerkenswerter Weise einleitet. Er sagt nämlich bewusst nicht „auf dass erfüllt würde“ (V.15), wie er es sonst tut, sondern: „da wurde erfüllt“ (V. 17). Er war also nicht das Ziel des göttlichen Planens. Menschen haben das verursacht, das Böse geschah – wie so oft – durch Machtgier und Eifersucht, Zorn und Raserei. Gott hat das nicht gewollt oder verursacht, er hat es nur vorhergesehen, weil er die Menschen kennt. Er hat seinen Plan nicht durch die Brutalität verwirklicht, sondern trotz dieser Grausamkeit. Sie begleitete den Weg Jesu von Anfang an, das soll hier gesagt werden. Schon zu Beginn seines Lebens lag ein Schatten über ihm. Es blieb dann ja auch so, dass er nicht den Weg besonderer menschlicher Größe gegangen ist. Sein Leben war – mit weltlichen Maßstäben gemessen – nicht erfolgreich oder befriedigend und schon gar nicht triumphierend. Er war vielmehr von Anfang ein Leidender und Sterbender. Und das war nicht zufällig so, sondern genau darin lag der Wille Gottes.

Und daraus ergibt sich der zweite Gedanke, der uns helfen kann, die Geschehnisse am Anfang des Lebens Jesu, wie Matthäus sie erzählt, und auch andere schlimme Vorkommnisse in der Welt, einzuordnen: Gott hat durch die Geburt seines Sohnes nicht die Menschen geändert. Er hat das Böse nicht ausgerottet oder vernichtet, sondern er hat es auf sich genommen. Er ist selber tief in das Elend der menschlichen Wirklichkeit eingetaucht, hat die Ungerechtigkeit und Grausamkeit, zu denen Menschen fähig sind, ertragen und durchlitten. Sein Sieg geschah nicht durch sein Kommen, sondern erst durch sein Sterben und Auferstehen. Das war von Anfang an das Ziel. So haben es die Evangelisten deshalb dargestellt: Der Anfang war klein und schwach, und erst durch das Ende ergibt sich ein Gesamtbild. Ostern ist die Christenheit entstanden, durch das Fest der Auferstehung. Denn da wurde der Tod besiegt, da hat die Macht Gottes über das Böse triumphiert, und der Himmel hat sich geöffnet. Die ältesten Sätze des Glaubensbekenntnisses enthalten dieses Ereignis. Auch in der Predigt von Paulus standen das Kreuz und die Auferstehung Jesu im Mittelpunkt. Er lud zum Glauben an die erlösende Kraft dieses Geschehens ein.

Und damit sind wir bei dem dritten Gedanken, der hier wichtig ist: Wir verstehen das Evangelium nur, wenn wir an Jesus glauben, ihm vertrauen und nachfolgen. Es hilft uns nicht, wenn wir mit unserem Verstand versuchen, sein Geheimnis zu ergründen, und angeblich kluge Fragen stellen. Denn seine Geschichte und seine Sendung übersteigen unser Denken. Es ist deshalb sogar gut, wenn wir unser Denken einmal ruhen lassen mitsamt der Frage nach dem Grund für das Leiden. Es ist hilfreicher, wenn wir sie aushalten und unbeantwortet stehen lassen. Dazu müssen wir uns natürlich entscheiden. Es liegt an uns, ob wir verbittern oder loslassen wollen, uns verhärten oder vertrauen. Die Evangelien laden uns zu dem zweiten ein, zum Stillhalten und zum Glauben.

Es gibt dazu eine schöne kleine Geschichte von dem deutsch jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Er lebte im vorigen Jahrhundert, zuerst in Wien und dann in Jerusalem, und er hat Jesus immer als gerechten jüdischen Lehrer der Tora anerkannt. Er würdigte es, dass Jesus viele Menschen aus den Völkern zum Glauben an Israels Gott gebracht hat. Die Frage, ob er gleichzeitig der Messias war, ließ Buber allerdings bewusst unbeantwortet. Gegenüber Christen soll er einmal augenzwinkernd vorgeschlagen haben:

„Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: ,Antworte nicht‘.“ (zitiert nach Reinhold Boschki, Dagmar Mensink (Hrsg.): Kultur allein ist nicht genug. Das Werk von Elie Wiesel – Herausforderung für Religion und Gesellschaft, Münster 1998, S. 39; Quellenangabe bei https://de.wikipedia.org/wiki/Messias)

Es darf also ruhig sein Geheimnis bleiben. Und das ist ein sehr schöner Gedanke, denn die Enthüllung von Geheimnissen bleibt im Verborgenen, da, wo wir mit Gott allein sind und unseren Geist und unsere Seele für seine Gegenwart öffnen. Wenn wir das tun, können wir erfahren, dass es noch viel mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir ahnen. Dem Glauben erschließt sich eine unaussprechliche und wunderbare Wirklichkeit, und die ist erfüllend und heilend.

So erging es den beiden alten Menschen, von denen wir in der Lesung des Evangeliums gehört haben. Lukas erzählt uns von ihnen. (Lukas 12,25-38) Seine Kindheitsgeschichte ist eine ganz andere als die von Matthäus. Laut ihm wird Jesus sieben Tage nach seiner Geburt zur Beschneidung in den Tempel gebracht, wie es im Gesetz des Moses vorgeschrieben war. Und da traf das Kind Jesus einen alten Mann, Simeon, der sein Leben lang auf den Messias gewartet hatte. Der ging fest davon aus, dass er ihn sehen würde, bevor er starb. Als er nun den Eltern von Jesus begegnete, wusste er sofort: Das ist er. So nahm er das Kind auf seine Arme und sang: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“

Für Simeon war ein Traum in Erfüllung gegangen. Die langgehegte Hoffnung fand ihr Ziel, er war überglücklich und konnte sich nun ruhig und gelassen auf seinen Tod einstellen. Und so kann es auch uns gehen. Wenn wir Jesus im Geist umfangen und ihn mit unserer Seele umarmen. Unsere Fragen kommen zur Ruhe und wir können wie Martin Luther singen: „Was kann euch tun die Sünd und Tod? Ihr habt mit euch den wahren Gott; lasst zürnen Teufel und die Höll, Gotts Sohn ist worden eu’r Gesell.“ (EG 25,4)

Amen.

 

Das Licht in der Finsternis

Predigt über Jesaja 9, 1- 6: Der Friedefürst wird verheißen

Heiligabend, 24.12.2018, 17 und 23 Uhr, Jakobi- und Lutherkirche Kiel

Jesaja 9, 1- 6

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.
4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

 Liebe Gemeinde.

Besitzen Sie eine Lichtdusche? Vielleicht haben Sie heute ja eine geschenkt bekommen. Es ist eine Lampe, die das Sonnenlicht simuliert. Mit einer Stärke von 2500 bis 10000 Lux entspricht sie dem natürlichen Tageslicht, und es ist notwendig, sich dem täglich auszusetzen, gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit. Denn es ist erwiesen, dass sich das Licht auf den Körper und die Seele auswirkt. Man nennt das „Lichttherapie“. Dabei wird die Bestrahlung mit hellem Licht genutzt, um psychische Erkrankungen zu heilen, insbesondere die winterliche Depression. Schon eine halbe Stunde Aufenthalt im Wirkungskreis einer Lichtdusche kann für eine deutliche Verbesserung der Symptome sorgen, sagen die Anbieter. Das Licht vertreibt die Dunkelheit, es weckt Freude und neue Energie.

Deshalb ist es auch ein Symbol für Jesus Christus, von dem wir glauben, dass er der Sohn Gottes ist, und damit der wahre Lebensspender. Jesus sagt selber: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Johannes 8, 12)  Und im Alten Testament gibt es diese Symbolik ebenfalls, wie z.B. in der Verheißung des Propheten Jesaja, die wir vorhin gehört haben. Da wird ein großes Licht angekündigt, das von Gott kommt, und alle Finsternis vertreibt. Die Botschaft beginnt mit den Worten: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Das ist eine sehr schöne Prophezeiung, und die Christen haben sie von Anfang an auf Jesus Christus übertragen. Für uns ist sie durch seine Geburt in Erfüllung gegangen.

Aber was heißt das nun, und ist das berechtigt? Scheint das göttliche Licht in Jesus Christus wirklich auf? Diese Fragen haben wir, denn offensichtlich ist das nicht. Lassen Sie uns deshalb darüber nachdenken, und uns zunächst klar machen, was der Prophet Jesaja selber mit seiner Verheißung meinte.

Er ist einer der großen alttestamentlichen Schriftpropheten und wirkte in einer Zeit, als Juda durch die Großmacht Assyrien bedroht wurde. Das Volk hatte also Angst und verlor langsam die Hoffnung, das ist der Hintergrund. Jesaja wollte den Menschen Mut machen. Deshalb verkündete er eine gewaltige Wende, und versprach den Israeliten im Namen Gottes einen universalen Frieden, Gerechtigkeit und Heil. Er verhieß ihnen den zukünftigen Messias: Der wird ein gerechter Richter und Retter der Armen sein, so lautet seine Botschaft.

Dabei ist der Abschnitt, den wir gehört haben, so etwas wie ein Auftragsgedicht für seine Thronbesteigungsfeier. Jesaja erinnert darin unter anderem an einen Tag in der Vergangenheit des Volkes, an dem die Israeliten mit Gottes Kraft einen herrlichen Sieg über ihre Feinde errungen hatten, mit nur ganz geringer menschlicher Macht. So etwas wird wieder geschehen, sagt Jesaja. Denn Gott wird ihnen einen Retter „geben“, wie es heißt. Dahinter steht die Vorstellung, dass ein König von der Gottheit gezeugt wurde. Und er erhält besondere Namen, auch das gehörte zu einer Thronbesteigungsfeier. Sie lauten: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“.

Zum Schluss sagt der Prophet: „Auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“

Das ist die Verheißung Jesajas, und die haben die Christen wie gesagt auf Jesus bezogen. Sie sehen in ihm diesen Retter, der die Finsternis vertreibt und eine ewige Herrschaft des Friedens aufrichtet.

Aber tun sie das eigentlich zu Recht, das hatten wir gefragt. Und was bedeutet das? Wo und wann erleben wir davon denn etwas? Die Welt hat sich in den letzten 2000 Jahren, seit Christus erschienen ist, doch so gut wie gar nicht geändert! Es gibt keinen Frieden und keine Gerechtigkeit, und schon gar keine Wunder. Was soll das also, dass wir so etwas alles in Jesus sehen? Er scheint machtlos zu sein, sein Licht leuchtet gar nicht. Das denken viele, und deshalb helfen sie sich lieber selber.

Wenn wir in die Welt schauen und auf unsere Erfahrungen vertrauen, ist das auch verständlich, denn es gibt viel Dunkelheit, die niemand vertreibt. Wir hören von Kriegen und Katastrophen, Menschen hungern und leiden, sie werden ausgebeutet, gefoltert und ermordet. Das war schon immer so und ist heutzutage nicht anders. Wir wissen, dass es sogar in unserem Land viel Ungerechtigkeit und Armut gibt. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen. Ebenso wichtig ist es, dass wir tun, was wir können, damit all das aufhört. Die Vision des Propheten bzw. die Weihnachtsbotschaft entlassen uns nicht aus unserer Verantwortung für die Welt, geschweige denn, dass sie uns zum Nichtstun einladen.

Das Ziel ist ein ganz anderes, und um das zu verstehen, ist es gut, wenn wir zunächst in unser persönliches Leben schauen und sie darauf anwenden. Da gibt es ja auch viel Leid und Dunkelheit. Oft sind wir selber schwach und traurig, nicht nur durch diese kalte und trübe Jahreszeit. Vielleicht ist kürzlich in Ihrer Familie etwas geschehen, das das Leben verdüstert hat: Eine Trennung, ein Unfall, ein Jobverlust, eine Krankheit. Das Gefühl der Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit dominiert dann, Enttäuschung, Angst und Zweifel.

Doch auch wenn hoffentlich zurzeit alles ruhig ist, kennen wir diese Gefühle alle. Kein Leben ist frei von Leid, es gehört dazu. Das müssen wir zugeben und uns eingestehen, denn darauf bezieht sich die Verheißung der Bibel. Der Prophet spricht in eine Zeit der Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit hinein, und er lädt uns zu einem ganz bestimmten Umgang damit ein.

Normalerweise helfen wir uns ja irgendwie selber, wenn es uns schlecht geht. Wir suchen Rat bei anderen Menschen, strengen uns an oder lenken uns ab. Auch eine Lichttherapie oder andere medizinische und psychologische Maßnahmen können die Dunkelheit vertreiben. Aber reicht das? Und ist der Effekt von Dauer? Oft bleiben unsere Versuche, uns selber zu retten, unzureichend. Es gelingt uns nicht richtig, denn viele Nöte lassen sich gar nicht therapieren.

Und das liegt nicht an den falschen Maßnahmen, sondern daran, dass die Ursachen viel weitreichender sind, als wir ahnen. Sie hängen damit zusammen, dass wir letzten Endes alle dem Tod und der Sünde verfallen sind. Das Leben ist vergänglich, und niemand bleibt im Laufe seines Lebens frei von Schuld. Die Dunkelheit ist eine Tatsache, die wir nicht vertreiben können. Sie gehört zu der Wirklichkeit unseres Daseins, und das lässt sich auch nicht ändern, wir müssen das aushalten. Und genau das ist der erste Schritt, der sich aus der biblischen Verheißung ergibt: Uns wird nahe gelegt, nicht mehr aus eigener Kraft gegen das Leid anzukämpfen, sondern es anzunehmen, d.h. still zu werden und erst einmal auszuharren.

Wir können das, weil es ein viel größeres Licht gibt, als wir ahnen: Es kommt von Gott, denn sein Jesus Christus ist in dieser Welt erschienen, und wir sind eingeladen, uns seinem Licht auszusetzen. Das ist der zweite Schritt. Wir müssen nur zu ihm gehen, uns ihm öffnen und ihn in unser Leben hineinlassen. Ohne an ihn zu glauben, entdecken wir ihn nicht. Wenn wir ihm aber vertrauen, kann er in uns und an uns wirken. Und das geht viel tiefer als jede Therapie. Denn sein Licht scheint uns nicht nur an, wie eine Lichtdusche das tut, es umfängt uns ganz, es ergreift den Geist und die Seele. Wir werden mit allem, was uns belastet, aufgefangen, mit Licht umhüllt und durchflutet. Uns wird eine tiefe Ruhe geschenkt, unsere Seele wird friedlich.

Das machen die Namen deutlich, die ihm von dem Propheten gegeben sind. Sie enthalten die Wörter „wunderbar“, „göttlich.“ und „ewig“. Das besagt, dass Jesus Geheimnisse enthüllen kann, die nicht mit der Vernunft zu fassen sind. Er ist größer als die Welt und hat ungeahnte Möglichkeiten. Er kann das Böse überwinden und uns innerlich stark machen. Er beschützt und trägt, er rettet und befreit. Und er bleibt immer da. Seine Gegenwart wird bis in eine unbegrenzte Zukunft hinein weitergehen.

All das können wir erfahren, wenn wir uns Christus zuwenden. Seine Macht zieht dann in unser Leben ein, sein Licht leuchtet auf und verändert alles. Jesus hat nicht mit Gewalt in diese Welt eingegriffen, aber eine neue, göttliche Wirklichkeit ist durch ihn in diese Welt gekommen, und wir entdecken sie, wenn wir uns darauf einlassen.

Es ist deshalb auch nicht nur unsere Privatsache, wenn wir das Licht Christi suchen und finden. Das ist kein ausschließlich innerlicher oder individualistischer Vorgang. Wenn Christus in ein Leben einzieht und es verändert, scheint das göttliche Licht vielmehr auch in dieser Welt, denn unser Handeln verändert sich dadurch, das, was wir sagen und wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Wann immer Menschen sich zu Christus bekehren, kommt sein Friede in die Welt und das Böse wird überwunden. Denn die Anderen spüren das große und helle Licht und werden davon angesteckt.

Deshalb lautet sein letzter Name „Friedefürst“, man kann auch sagen „Befehlshaber des Friedens“. D.h. er wacht darüber, dass Frieden in den Menschen ist und passt darauf auf, dass er erhalten bleibt. Er garantiert ihn, d.h. er sorgt für Stabilität und Ruhe, Wohlergehen und Heil.

Die Verheißung des Propheten und die Weihnachtsbotschaft entlassen uns also nicht aus der Verantwortung oder dem Handeln, sondern fordern uns dazu auf, dass Christus in unserem Leben und damit in der Welt vorkommt, dass sein Licht leuchtet und die Menschen es sehen. Wir müssen zwar nicht selber diese Welt verändern, aber wir können zeigen, dass sich etwas verändert hat. Wir können und sollen Zeichen setzen, Hinweise geben und Botschafter des Friedens sein.

Zum Glück tun das auch viele Christen, und wer weiß, vielleicht sähe diese Welt noch viel düsterer aus, wenn es sie nicht gäbe. Heute sind wir alle dazu eingeladen, die Verheißung Gottes anzunehmen, uns auf ihn zu verlassen, das Wunder der Geburt seines Sohnes zu bestaunen und uns von ihm lieben zu lassen.

Das Licht, das wir anzünden, kann dafür ein schönes Symbol sein. Es liegt nahe, dass wir in der Weihnachtszeit Kerzen brennen lassen. Verglichen mit anderen Lichtquellen sind sie zwar nicht besonders hell – eine Kerze hat die Stärke von gerade mal einem Lux – aber sie vertreibt die Dunkelheit im Raum und erzählt uns etwas von dem großen Licht, das Gott zu Weihnachten aufscheinen lässt.

Amen.

Seht auf und erhebt eure Häupter

Predigt über Lukas 21, 25- 28: Das Kommen des Menschensohnes

2. Sonntag im Advent, 9.12.2018, Lutherkirche Kiel

Lukas 21, 25-28

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, aweil sich eure Erlösung naht.

Liebe Gemeinde.

Sicher kennt ihr alle die Marienkirche in Lübeck. Ihr Mittelschiff ist 40 Meter hoch, und damit hat sie das höchste gemauerte Backstein-Kirchenschiff der Welt. Sie wurde von 1277 bis 1351 gebaut und ist eine gotische Kathedrale. Sie scheint – wie alle diese Kirchen – dem Himmel zuzustreben. Und das war auch beabsichtigt. Die Baumeister damals wollten die senkrechte Richtung betonen, und das gelang ihnen durch eine neuartige Bauweise. Dazu gehören die gegliederten Säulen, gerippte Gewölbe und fliegende Strebepfeiler. Die Architektur verlor dadurch an Schwere und wirkt geradezu grazil. Die Wände sind durch die lang gestreckten Fenster und Portale wie aufgelöst, und so sind die gotischen Kathedralen auch immer lichtdurchflutet. Dazu trägt noch der sogenannte Obergaden bei. Das ist die obere Wandfläche des Mittelschiffs, die zusätzlich mit Fenstern durchbrochen ist. Dieses Fensterband ermöglicht eine direkte Belichtung des Innenraumes.

Und mit all dem symbolisieren die gotischen Kirchen wie kaum andere die Nähe zu Gott. Sie ziehen den Blick automatisch nach oben und lösen ein Gefühl von Erhabenheit und Schwerelosigkeit aus.

Daran musste ich denken, als ich unseren Predigttext las, denn dort werden wir auch aufgefordert nach oben zu schauen. „Seht auf und erhebt eure Häupter“ heißt es hier. Und die Begründung lautet: weil „sich eure Erlösung naht“, weil der Menschensohn kommt. Es wird also ein himmlisches, endzeitliches Ereignis geben, und Jesus fordert uns auf, uns darauf einzustellen.

Diese Ermahnung gehört zu seiner Endzeitrede. Darin trägt Jesus verschiedene Gedanken und Vorstellungen über das Kommen des Endes vor. Er erwähnt z.B. die baldige Zerstörung des Tempels, die Verfolgung der Gemeinde und das Ende Jerusalems. Außerdem, und damit beginnt unser Text, wird es Veränderungen an Sonne und Mond geben. Weltweite Naturkatastrophen werden eintreten, denen keiner entkommen kann. Sie werden die Menschen in Angst und Schrecken versetzen, denn die Urordnung der Schöpfung wird dabei umgewälzt.

Aber inmitten dieser Weltendramatik, wenn die ganze Erde erbebt und erzittert, wird der Menschensohn am Himmel sichtbar. Und er wird mit großer Macht und Herrlichkeit kommen.

Damit greift Jesus eine fromme jüdische Vorstellung auf. Denn man dachte bei dem Menschensohn an eine himmlische Gestalt, ein Lichtwesen, dem nach diesem letzten Gericht von Gott die Weltherrschaft übertragen werden sollte. Und das hat Jesus für sich in Anspruch genommen. Wenn er vom Menschensohn sprach, dann meinte er immer sich selbst, und zwar als den Auferstandenen, der einst wiederkommt, wenn alle kosmischen Ordnungen zerbrechen.

Und wenn das geschieht, dann sollen die Christen „ihre Häupter erheben“ und zum Himmel „aufsehen“, denn für sie bedeutet es Erlösung.

Jesus selber erwartete all das in Kürze. Noch in seiner Generation würde die Vollendung der Welt erfolgen, davon war er überzeugt. Seine Botschaft lautet deshalb: Verliert euch nicht allzu sehr an diese Welt oder in dieser Welt. Lebt nicht ausschließlich horizontal, sondern beachtet die Vertikale. Alles in dieser Welt wird vergehen, untergehen und zu Ende gehen. Das Eigentliche und Große kommt erst noch, und es kommt bald.

Und das ist auch für uns wichtig, denn wir lieben diese Welt oft mehr, als uns gut tut. Sie ist ja auch „schön und groß“ und bietet uns unendlich viele Möglichkeiten der Freude und des Genusses. Wir suchen und finden in ihr „Liebe und Ehre und Glück“ – wie es Eleonore Reuß im 19. Jahrhundert in einem ihrer Lieder formuliert hat. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-Luth. Kirchen in Bayern und Thüringen, Nr. 621) Möglicher Weise hören wir es deshalb auch gar nicht so gern, wenn wir uns davon lösen sollen. Das klingt nach Verzicht und Entsagung und nach einer Geringschätzung der Welt. Es gibt auch solche Christen, die sich alles Mögliche selber verbieten: Sie erlauben kein Tanzen, kein Kartenspiel, kein Alkohol usw. Auch Mönche und Nonnen suggerieren uns mit ihrer Lebensweise, dass es gut, wenn wir die Welt verachten und uns von ihr abwenden. Doch zu diesen Menschen gehören wir nicht und so wollen wir nicht leben. Es passt nicht zu unserer Überzeugung. Auch als Christen genießen wir die Welt mit ruhigem Gewissen, denn für die meisten von uns steht sie nicht in einem Gegensatz zum Reich Gottes.

Doch so ist die Endzeitrede Jesu auch nicht gemeint. Es geht nicht um die Alternative: entweder die Welt und das Diesseits oder Gott und die Ewigkeit. Jesus will uns einfach nur aufwecken und lädt uns ein, nüchtern zu sein. Und das tut uns gut, denn wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass die Welt nicht nur Freude macht. Es gibt ganz viel Unvollkommenes und Brüchiges. Kein Leben ist ausschließlich von Glück angefüllt, genau das ist vielmehr sehr flüchtig. Es entgleitet uns immer wieder, und dadurch sind wir oft unzufrieden und unruhig. Wir sehnen uns nach mehr als wir haben. Das kann ein Mehr an Aufmerksamkeit und Zuwendung sein, ein Mehr an Gesundheit und Kraft, ein Mehr an Geld und Abwechslung. Meistens bleibt immer irgendetwas zu wünschen übrig, oft steht das Gefühl des Mangels im Vordergrund.

Jesus lädt uns mit seiner Ermahnung zunächst dazu ein, das zu begreifen, es auszuhalten und anzunehmen. Wir sollen uns selber spüren, nichts verdrängen oder zudecken, uns nichts vormachen und uns nicht täuschen lassen. Das ist alles. Wir sollen keine Asketen werden und die Welt auch nicht verachten, aber wir sollen ihre Grenzen und ihre Unzulänglichkeit erkennen. Es kommt darauf an, dass wir keine falschen Erwartungen an die Welt haben, denn dann werden wir enttäuscht. Wir sind für noch mehr geschaffen, und es kommt auch noch mehr. Das sagt er uns als erstes.

Es geht also um das richtige Maß, um ein Gleichgewicht. Das ist der zweite Gedanke, der hier nahe liegt. Das „Aufsehen und das Haupt erheben“ gehört mit dem Handeln in der Welt zusammen wie das Einatmen und das Ausatmen. Wir brauchen beides, um zu überleben, genauso wie wir das Wachen und das Schlafen brauchen, die Arbeit und die Muße usw. Beides muss in einer gesunden Balance zueinander stehen. Das Problem ist also nicht, dass wir weltlich sind, sondern dass wir das rechte Maß verlieren.

Das ist gerade jetzt in der Adventszeit leider eine Gefahr. Überall gibt es Ablenkung und Zerstreuung. Wir sind auch meistens etwas im Stress in dieser Zeit, denn wir nehmen uns ganz viel vor: Wir müssen Geschenke kaufen oder basteln, Grüße schreiben, auf Adventsfeiern gehen und Besuche machen. Das macht alles Spaß und hilft uns, diese dunkle Jahreszeit besser durchzustehen, aber es ist auch anstrengend. Alles zieht und zerrt an uns, jeder und jede will etwas.

Und das Gefühl entsteht nicht erst durch die vielen Dinge, die uns in dieser Zeit beschäftigen und angeboten werden. Wir leben immer am liebsten genauso, weil es irgendwie am meisten Befriedigung und Erfüllung verspricht. Bildlich gesprochen atmen wir oft nur noch aus und vergessen das Einatmen.

Es bestünde darin, dass wir uns ebenso für Gott Zeit nehmen, die Vertikale einbeziehen und uns regelmäßig von der Ewigkeit anrühren lassen. „Es ist eine Ruhe vorhanden für das arme müde Herz“, so dichtete Eleonore Reuß weiter, und es ist wichtig, dass wir diese Ruhe suchen, uns der Gegenwart Gottes aussetzen und die Liebe Jesu walten lassen. Wir dürfen an den glauben, der im Leid und sogar im Tod noch lebendig ist und uns zur Seite steht. Auch wenn uns alles entgleitet und unser Leben zusammenbricht, wir sind geliebt und gehalten, denn Jesus kommt uns entgegen, um unser Leben in seine Hand zu nehmen. Und wenn wir uns bei ihm bergen, dann sind wir wirklich befreit und erlöst.

Dazu ist die Adventszeit eigentlich da. Wir bereiten uns jetzt auf das Fest des Kommens Gottes vor. Wir erwarten den Erlöser, und dazu gehört es, dass wir unsere „Häupter erheben“. Adventlich leben heißt: Aufrecht gehen, gelassen und ruhig werden, leicht und schwerelos. Wir strecken Kopf, Herz und Hände nach oben aus zu ihm, der uns entgegengeht und uns ruft. Das ist die Haltung der Erlösten, und wir sind eingeladen, sie immer wieder einzunehmen, uns darin zu üben und in ein inneres Gleichgewicht zu kommen. Das ist der zweite Punkt, den es zu bedenken gilt.

Und als drittes ist noch wichtig, dass wir natürlich alle unterschiedlich sind, und damit ist auch die Sehnsucht nach der Ewigkeit unterschiedlich stark ausgeprägt. Es hängt mit unserer Veranlagung und Lebensgeschichte zusammen, wie unzufrieden wir mit der Welt sind, wie oft wir „den Blick nach oben lenken“ müssen. Es ist nur wichtig, dass wir erkennen, wer wir selber sind und was wir wirklich brauchen. Oft verschütten wir mit unserer Lebensweise unsere religiöse Neigung. Ein tiefes Bedürfnis wird zugedeckt, wir geben uns mit weniger zufrieden als wir brauchen. Unseren Hunger nach der Ewigkeit kann die Welt nämlich nicht stillen. Wenn wir es versuchen, ist es so, als nähmen wir die falschen Medikamente. Das passiert ja leider manchmal, wenn die Diagnose nicht stimmt.

Und dasselbe kann auch geistig und seelisch geschehen: Wir erkennen nicht, woran wir eigentlich leiden und was uns in Wirklichkeit fehlt. Wir denken, es ist das eine oder andere Vergnügen, mehr Geld oder Geselligkeit, aber in Wirklichkeit ist es die Ewigkeit und das Reich Gottes. Und wenn wir das missachten, werden wir davon genauso krank. Viele Schmerzen und Nöte in unserem Leben hängen damit zusammen, dass wir zu wenig ernstnehmen, wofür wir eigentlich gemacht sind, und die falschen Maßnahmen ergreifen, um uns wohl zu fühlen. Gott hat uns „zu sich hin geschaffen“, wie Augustinus es so schön gesagt hat, und das dürfen wir nicht ignorieren.

Dabei macht es nichts, wenn uns eventuell erst spät im Leben bewusst wird, was wir in Wirklichkeit die ganze Zeit gesucht haben. Wir können den göttlichen Funken, der tief in uns glüht, jederzeit neu entfachen und unsre Sehnsucht nach Gott ausleben. Das ist dann wie ein ganz tiefes Einatmen. Wir werden neu mit Leben erfüllt. Ich bin mir sicher, dass dadurch auch die eine oder andere Krankheit weicht, denn viel seelische und körperliche Not hat ihre Ursache darin, dass wir unseren tiefsten Lebenshunger vergraben haben.

Die Menschen im Mittelalter wussten das vielleicht noch besser als wir, deshalb haben sie so schöne große Kathedralen gebaut. Sie sind Gebete aus Steinen, zu Bauwerken gewordener Glaube. Sie zeugen von der Sehnsucht nach Gott und können uns eine Ahnung davon geben, dass „unsere Erlösung nahe ist“.

Unsere Lutherkirche ist lange nicht so hoch, aber klein ist sie auch nicht. Vor 60 Jahren wurde sie wieder aufgebaut, das haben wir gerade gefeiert, und dabei habe ich erfahren, dass der damalige Propst nicht noch einmal so eine große Kirche in Kiel bauen wollte. Wir haben darüber alte Filme gesehen, die sehr schön deutlich machen, was für ein mutiges Vorhaben es war, die Trümmer zu beseitigen und diese Kirche neu zu errichten. Nun steht sie hier und auch in ihr können wir erleben, dass Gott nahe ist. Es ist deshalb schön, wenn wir hier zusammenkommen. Lasst uns dafür dankbar sein und immer wieder „aufsehen und unsere Häupter zu Gott erheben“, der uns entgegenkommt und uns erlöst.

Amen.

1. Ich bin durch die Welt gegangen,
und die Welt ist schön und groß;
und doch ziehet mein Verlangen
mich weit von der Erde los.

2. Ich habe Menschen gesehen,
und sie suchen spät und früh.
Sie schaffen, sie kommen und gehen,
und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

3. Sie suchen, was sie nicht finden
in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden
und unbefriedigt zurück.

4. Es ist eine Ruhe vorhanden
für das arme, müde Herz.
Sagt es laut in allen Landen:
Hier ist gestillt der Schmerz!

5. Es ist eine Ruhe gefunden
für alle fern und nah:
In des Gotteslammes Wunden
am Kreuze auf Golgatha!

Text: Eleonore Fürstin Reuß (1835-1903)
Melodie: Karl Kuhlo 1885

Ewigkeit, in die Zeit, leuchte hell hinein

Predigt über Jesaja 65, 17- 19. 23- 25: Neuer Himmel und neue Erde

Ewigkeitssonntag, 25.11.2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 65, 17-19.23-25

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,
19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.
23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
24 Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Liebe Gemeinde.

Es gibt im Evangelischen Gesangbuch eine ganze Reihe von Dichterinnen, die zu dem Liedgut beigetragen haben. Mit ihnen haben wir uns in diesem Jahr in unserem Gesprächskreis beschäftigt, und dabei ist uns aufgefallen, dass keine von ihnen ein einfaches Leben hatte. Besonders erschütternd und bewegend war die Erkenntnis, dass sie alle enge Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben.

So war es auch bei Marie Schmalenbach, von der ich euch heute ein Lied mitgebracht habe. Es steht leider nicht mehr in unserer Ausgabe des evangelischen Gesangbuches, ich finde es aber sehr schön und singenswert.

Marie Schmalenbach lebte von 1835 bis 1924 in Ostwestfalen. Sie war die Tochter eines Pfarrers und hatte insgesamt zehn Geschwister. Sieben davon starben allerdings sehr früh. Sie hat also schon in ihrer Kindheit erfahren, wie vergänglich das Leben ist. Als Ehefrau und Mutter erlebte sie das dann wieder, denn auch sie verlor eins ihrer fünf Kinder durch den Tod. s. https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=617&url_tabelle=tab_person) Und obwohl das vor 150 Jahren keine Ausnahme war – die Kindersterblichkeit war ja viel höher als heutzutage – hat sie das sicher traurig gemacht. Sie musste das verarbeiten, und dabei half ihr der Glaube an die Ewigkeit. Das bezeugt ihr Lied: „Brich herein, süßer Schein selger Ewigkeit. Leucht in unser armes Leben, unsern Füßen Kraft zu geben, unsrer Seele Freud, unsrer Seele Freud.“ (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-luth Kirche in Niedersachsen und Bremen, Nr. 643,1)

Sie formulierte damit etwas, das auch in der Bibel an vielen Stellen zum Ausdruck kommt. Die Hoffnung auf die Ewigkeit und eine paradiesische Zukunft taucht dort überall auf, sowohl im Alten, wie im Neuen Testament. Gott wird sie heraufführen, denn sie ist sein Reich. Er wohnt in der Ewigkeit und er wird die Menschen eines Tages dahin zurückführen, das ist die Verheißung. Der Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja, den wir vorhin gehört haben, ist auch so eine Heilsankündigung.

Sie stammt von dem „dritten“ Jesaja. Wir nennen ihn so, weil beim Lesen des Jesajabuches deutlich wird, dass es drei Verfasser haben muss, die alle zu verschiedenen Zeiten gewirkt haben. Der Dritte gehörte bereits zu den Heimkehrern aus dem babylonischen Exil, die den jüdischen Staat wieder aufbauten. Dieser war unter dem Herrscher von Nebukadnezar völlig zusammengebrochen. Jerusalem eroberte er erstmals 597 und nochmals 586 v.Chr. Beim zweiten Mal führte er die jüdische Oberschicht in die Gefangenschaft und ließ die Stadt und seinen Tempel zerstören.

Zur Zeit des dritten Jesaja war eigentlich alles wieder gut, das Exil war beendet, die Verbannten kehrten zurück. Trotzdem wurden die Menschen ungeduldig, denn das Heil, nach dem sie sich sehnten, war nicht da. Das Leben blieb schwierig und konfliktgeladen, der Aufbau ging nur schleppend voran.

Der dritte Jesaja will seine Landsleute deshalb trösten und ermutigen. Davon handeln sein Buch und somit auch unser Predigttext. Darin verheißt der Prophet eine völlig neue Zeit, in der alle Nöte und Drangsale endgültig aufgehoben sein werden. Alles mündet in einen geschichtslosen Zustand ewiger Glückseligkeit. Denn Gott wird „einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen“. In dieser Welt ohne Leid wird man sich freuen und ohne Unterbrechung frohlocken. Sogar Gott selber wird sich über das Heil freuen, das er für seine Gemeinde in und um Jerusalem schaffen wird. Denn es wird keine menschliche Sünde mehr geben, Gott muss nicht mehr strafend eingreifen. Deshalb verstummt auch das Klagegeschrei. Die furchtbare Säuglingssterblichkeit wird aufhören, und der Segen Gottes steht über den Menschen. Ihre Gebete werden jederzeit und unmittelbar erhört. Und alle Tiere werden in Frieden miteinander leben, der Wolf mit dem Schaf, der Löwe und die Schlange neben dem Rind. Mit diesem idyllischen Bild von der Wiederkehr paradiesischer Verhältnisse schließt die Verheißung.

Sie steht in einem auffälligen und wunderbaren Kontrast zu der jetzigen Welt, die von all dem nichts oder nur sehr wenig weiß. Deshalb spricht uns die Verheißung auch an. Sie formuliert Sehnsüchte und Wünsche, die wir alle kennen. Sie klingt wie ein Märchen mit einem guten Ende.

Aber ist sie das nicht auch? Was hier formuliert ist, hat mit unserer Wirklichkeit doch nichts zu tun. Wozu lesen wir das? Wollen wir daran glauben und uns daran festhalten? Menschen haben das immer wieder getan, aber waren die dadurch nicht etwas weltfremd? Was bringt es denn, wenn wir in unserer Phantasie aus der Welt fliehen? Verlieren wir dadurch nicht den Realitätsbezug und das Verantwortungsbewusstsein? Das fragen wir uns. Der Glaube an die Ewigkeit hat in unserem modernen Denken und Bewusstsein einen schweren Stand. Ein Lied wie das von Marie Schmalenbach passt nicht mehr zu unserem Lebensgefühl. Darum ist es wohl auch aus unserem Gesangbuch verschwunden.

Das finde ich allerdings schade, denn der Ewigkeitsbezug ist keineswegs nur eine Wahnvorstellung. Das merken wir, wenn wir uns darauf einmal einlassen, und das können wir in drei Schritten tun.

Der erste Schritt ist eine theologische Klärung zu den Aussagen der Bibel und des christlichen Glaubens. Dazu gehört die Einsicht, dass wir zwar nicht wissen, ob es die Ewigkeit gibt, wir wissen aber auch nicht, ob das Gegenteil der Fall ist. Wir können uns im Irrtum befinden, wenn wir das Reich und die Macht Gottes leugnen. Und das würde dann einemn schwerwiegenden Verlust gleich kommen. Wir würden etwas Großes und Bedeutendes verpassen. So sah das auch der Prophet Jesaja. Er war erfüllt von der Gewissheit, dass Gott noch lange nicht fertig ist mit der Schöpfung, eines Tages wird er sie vielmehr vollenden. Und er umgibt uns jetzt mit seiner neuschaffenden Gegenwart, mit seiner undendlichen Macht und Liebe.

Jesus Christus hat das mit seinem Kommen noch einmal grundlegend bestätigt. Er verkündete ebenfalls das Reich Gottes, das mit ihm bereits angebrochen ist. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat Gott schöpferisch in das Weltgeschehen eingegriffen und uns einen Weg zu ihm eröffnet. Das Paradies ist nicht mehr verschlossen.

Und es ist auch nicht erst da, wenn wir sterben oder hier alles zu Ende geht. Gott wirkt vielmehr jetzt schon in die Zeit hinein. Die Strahlen der Ewigkeit fallen von vorne auf unseren Weg. Darum bittet Marie Schmalenbach in ihrem Lied. Sie formuliert in Strophe vier: „Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell hinein, dass uns werde klein das Kleine, und das Große groß erscheine.“ Sie hält die Ewigkeit also für „groß“ und alles Zeitliche für „klein“, und sie wünscht sich, dass die Verhältnisse sich in ihrem Bewusstsein umdrehen: Nicht mehr die Welt soll bedeutend und wirklich sein, sondern die Gegenwart Gottes und sein zeitloses Reich. Diesem Wunsch hat sie Raum gegeben. Und das können auch wir tun.

Darin besteht der nächste Schritt: Wir dürfen den Glauben an die Ewigkeit und das Vertrauen auf die Verheißungen Gottes nicht mit Nichts-Tun verwechseln. Wir legen damit auch nicht unser Verantwortungsbewusstsein ab und ergeben uns einfach nur in unser Schicksal. Es ist vielmehr eine starke innere Aktivität, für die wir uns bewusst entscheiden müssen. Sie fordert unsere Aufmerksamkeit und Bereitschaft. Vor allem gehört es dazu, dass wir das Leid annehmen und Gedanken des Grolls, der Bitterkeit und der Trauer loslassen. Davon ist unser Leben ja leider immer wieder erfüllt. Auch wenn wir nicht um einen lieben Menschen trauern, sind wir noch lange nicht glücklich. Wir werden von vielen Nöten heimgesucht.

Marie Schmalenbach trauerte ebenfalls nicht nur um das Kind, das sie verloren hat. Sie litt unter noch mehr. So haben ihre Eltern ihre geistigen Interessen in ihrer Jugend zwar sehr gefördert, als Erwachsene blieb ihr dann aber nur das Leben als Hausfrau, Ehefrau und Mutter. Sie heiratete mit 21 Jahren den damaligen Hilfsprediger Theodor Schmalenbach und hoffte, in ihm einen angemessenen Gesprächspartner gefunden zu haben. Sie hätte sich gerne mit ihm über theologische und politische Fragen ausgetauscht. Aber das fand nicht statt. Ihr Mann war viel unterwegs und ließ sie an seiner Arbeit und seinen Gedanken kaum teilhaben. Ihre Pflichten lagen einzig und allein im Haushalt und in der Erziehung der Kinder. An dieser Situation konnte sie auch nichts ändern, denn es war gesellschaftlich und kirchlich vorgegeben, dass die Frau sich dem Willen des Mannes unterordnete. Für Marie war das unbefriedigend und teilweise unerträglich. Sie lebte ein einsames, zurückgezogenes Leben und hatte kaum Kontakte zu Menschen, die ihren intellektuellen und geistlichen Bedürfnissen nachkommen konnten. (s.o.) All das steht hinter den Zeilen aus ihrem Lied: „Hier ist Müh morgens früh und des Abends spät, Angst, davon die Augen sprechen, Not, davon die Herzen brechen, kalter Wind oft weht, kalter Wind oft weht.“ Und das ist eine allgemeine Erfahrung, das Leben ist voll von Leid. Menschen enttäuschen uns oder machen uns Angst. Wir sorgen uns, fühlen uns schwach und ausgeliefert, sind traurig oder niedergeschlagen. Was Marie Schmalenbach betrifft, so fand sie nur im Lesen und Schreiben ihrer Gedichte einen Trost und eine Lebenserfüllung.

Und darin kommt zum Ausdruck, wie sie sich gerettet hat. Ihre Gedichte enthalten keineswegs nur Klagen, sondern ein starkes Glaubenszeugnis. So ist es auch in unsrem Lied, dem die dritte Strophe lautet: „Jesus Christ, du nur bist unsrer Hoffnung Licht, stell uns vor und lass uns schauen jene immergrünen Auen, die dein Wort verspricht, die dein Wort verspricht.“ Marie Schmalenbach hat sich auf Jesus Christus und auf sein Wort gegründet. Sie hat ihr Leid angenommen, gehofft und gebetet und sich auf die Ewigkeit ausgerichtet. Auf diese Weise hat sie sich gegen die Verbitterung und Traurigkeit gewehrt, und das ist eine große geistige und seelische Leistung. Wir müssen also zweitens feststellen, dass der Glaube und das Vertrauen auf Gott etwas äußerst aktives ist, und wir sind dazu ebenfalls eingeladen.

Dann ergibt sich ganz von allein der dritte Schritt: Unser Leben verändert sich. Durch den Glauben an Jesus Christus bleibt nicht alles beim Alten, sondern die Kräfte der Auferstehung wirken. Gott schickt seine Strahlen, und wir spüren seine Nähe, sein Licht und seine Wärme. Er hört unsere Gebete und antwortet auf unsre Fragen. Denn was er uns schenkt, sind nicht irgendwelche weltlichen Dinge, sondern er kommt selber zu uns. Das „Kleine wird klein und das Große wird groß“. Ein innerer Friede breitet sich aus. Unser Geist wird weit, die Seele kann aufatmen, Schweres wird plötzlich leicht. Wir werden widerstandfähig und unabhängig von den äußeren Umständen. Das Weinen und Klagen verstummt, und es entsteht eine Freude, die sich nicht so leicht vertreiben lässt.

Und schließlich macht uns das dann auch fähig zum Handeln, wo es möglich und nötig ist. Wir bekommen den Mut, neue Schritte zu wagen. Was uns erfüllt, will aus uns heraus und fließt zu den anderen Menschen. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass die Hoffnung auf die Ewigkeit keine Weltflucht ist: Sie wirkt sich in der Welt aus, denn wir werden transparent und bringen den Menschen das, was ihnen am meisten fehlt: Das Wissen um das ewige Licht.

Amen.

Pax et Bonum

Predigt über Philipper 4, 4- 9: Mahnung zur Freude im Herrn und zum Frieden

Bitte um Frieden und um Schutz des Lebens
18.11. 2018, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Philipper 4, 4- 9

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
8 Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!
9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

Liebe Gemeinde.

In Assisi gibt es als Souvenir  kleine Teller oder Kacheln mit der Aufschrift „pax et bonum“ – auf Deutsch heißt das: „Frieden und Gutes“, denn das war ein Gruß bzw. ein Segenswort, das Franz von Assisi immer gebrauchte. Er wünschte das jedem Menschen, den er traf, und er sagte damit: „Mögest du in Frieden leben, versöhnt mit dir selbst, mit den deinen und der Welt. Mögest du heil sein oder werden, nicht verwundet noch verletzt, angstfrei und geborgen.“ Dieser Gruß ist also ein Segenswunsch, und er ist in der franziskanischen Familie zur Tradition geworden. (s. https://www.st-marienwoerth.de/pax/01/files/assets/downloads/page0011.pdf)

Die Gewohnheit des Friedensgrußes ist aber auch noch weiter verbreitet. Wir machen z.B. das gelegentlich in der Abendmahlsliturgie. Dann reichen wir einander die Hand und sagen „Der Friede des Herrn sei mit dir“.

Außerdem kennen wir den Friedenswunsch als „Kanzelsegen“. Das ist schon seit dem 4. Jahrhundert in unseren Gottesdiensten Tradition und soll deutlich machen, dass letzten Endes nur Gottes Friede das Heil bewirkt. Der Prediger oder die Predigerin sagt damit: „Ich habe euch das Evangelium verkündet, aber Gottes Friede ist größer, als ich ihn auszudrücken vermag.“ Und das geht wunderbar mit dem Vers, den wir vorhin in der Epistellesung gehört haben „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Er steht zusammen mit anderen Wünschen und Ermahnungen am Ende des Briefes von Paulus an die Philipper. Dort ist es ein Zuspruch, der die Empfänger stärken und erfrischen sollte.

Die Gemeinde in Philippi war sozusagen die Lieblingsgemeinde von Paulus, denn die Menschen dort hatten seiner Verkündigung geglaubt und lebten seitdem in der Liebe, die Jesus Christus ihnen geschenkt hatte. Sie waren „erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus.“ (Phil.1,11) Paulus war „darin guter Zuversicht, dass der in ihnen angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden.“ So schreibt er es am Anfang des Briefes. (1,6) Für Paulus war das, was in der Gemeinde in Philippi geschah, also Gottes Werk. Wenn er an die Philipper dachte, setzte er deshalb sein Vertrauen ganz auf Gott, der den Anfang und das Ende „des guten Werkes“ in seinen Händen hat.

So sind auch seine Wünsche und Ermahnungen am Ende des Briefes gemeint, und es ist wichtig, dass wir das beachten, denn sonst fühlen wir uns von seinen Worten eventuell erdrückt oder überfordert. Es ist ja nicht wenig, was Paulus hier zu verlangen scheint. Er zählt eine ganze Liste von Eigenschaften auf, die die Philipper sich aneignen sollen: Er wünscht sich, dass „sie achtenswert, gerecht, lauter, wohlgefällig, angesehen, tauglich und lobenswert“ leben. Außerdem sollen sie „sich freuen, sich keine Sorgen machen, beten und danken und den Frieden Gottes im Herzen bewahren“. Kurz gesagt: Sie sollen gute Menschen sein, fromm und gottesfürchtig. Es klingt sogar fast so, als sollten sie heilig leben. Dabei stellt Paulus sich ihnen als Vorbild hin. Er sagt: Lebt so, wie ihr es von mir „gelernt, empfangen, gehört und gesehen“ habt. Das ist noch eine Liste von Wörtern, die hier vorkommt. Und das klingt wie gesagt anstrengend.

Wir hören das ja nicht neutral, sondern beziehen es gleich auf uns, und so ist es auch gemeint. Natürlich werden auch wir damit ermahnt. Doch wie soll das gehen? Ist da nicht alles etwas zu viel verlangt und ist es nicht auch gesetzlich? Es klingt so, als sollten wir plötzlich doch wieder durch gute Werke glänzen. Wo bleiben da die Gnade und die Vergebung? Gott nimmt uns doch auch als Sünder an, wenn wir das alles gerade nicht schaffen! Das hat Paulus immer wieder betont. Auch im Philipperbrief ist davon die Rede, dass Jesus Christus für uns gestorben ist und alle Sünde auf sich nimmt. Paulus lehnt im dritten Kapitel die „Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt“ ab und verkündet die Gerechtigkeit, „die durch den Glauben an Christus kommt“. (3,9) Und er betont, dass er „ihn erkennen möchte und die Kraft seiner Auferstehung.“ (3,10)  Was sollen also diese strengen Ermahnungen am Ende des Briefes? Sie scheinen dazu im Widerspruch zu stehen.

Doch so ist es nicht. Der Glaube an Jesus Christus hat für Paulus auf jeden Fall Vorrang vor allem anderen. Christen sind erlöst und frei vor Gott. Allerdings hat das auch Folgen. Das Leben verändert sich durch den Glauben. Es bleibt nicht alles beim Alten, sondern wird neu. Und wie diese Veränderung und Erneuerung aussieht, beschreibt Paulus am Ende des Briefes. Seine Ermahnungen und Wünsche sind also kein neues Gesetz und auch keine menschliche Leistung.

Nicht umsonst spricht er in unserem Abschnitt von einem „Frieden, der höher ist als alle Vernunft.“ Der wurde den Christen geschenkt, und er kann sich um ihr Herz und ihre Gedanken legen wie eine beschützende und bewahrende Macht. Das ist der Ausgangspunkt. D.h. Paulus verlangt keine Moral. Es ist auch kein Programm, das er den Philippern auftischt. Was er ihnen wünscht, ist vielmehr die Kraft und die Nähe Gottes, die ihnen hilft, ihr altes Wesen abzulegen. Der „Friede Gottes“ liegt jenseits von Philosophie, Politik oder Psychologie, er ist vielmehr durch Jesus Christus Wirklichkeit im Leben der Christen.

Das müssen wir als erstes berücksichtigen, wenn wir diese Ermahnungen hören. Gott ist der Ursprung des Friedens. Daran erinnert Paulus hier, und er möchte, dass wir Gott den Weg bereiten, seinem Frieden sozusagen die Tür öffnen, ihm eine Chance geben. Dazu gehört es, dass wir unser Leben ordnen. So wie wir ein Zimmer aufräumen müssen, wenn wir friedlich darin leben und uns wohlfühlen wollen, so müssen wir auch in unserer Seele und in unserem Geist Klarheit einziehen lassen. Der Friede und das Gute fängt nicht an, wo wir äußerlich alles mögliche Gute tun, sondern in uns. Er geht von innen nach außen, von den Einzelnen zu den Vielen.

Trotzdem ist der Frieden natürlich immer etwas Gemeinschaftliches. Das ist als zweites wichtig. Er ereignet sich, wenn wir mit anderen zusammen sind, und d.h. wir können ihn nur gemeinsam verwirklichen, und zwar, indem wir uns damit gegenseitig sozusagen anstecken. Wir können ihn uns auch zusprechen.

Ich erwähnte ja bereits, dass Franz von Assisi das immer getan hat. Zu der Tradition des „pax et bonum“ gibt es auch eine Geschichte aus seinem Leben, die ich euch gerne einmal erzählen möchte:

„Als sich die ersten jungen Männer um Franziskus scharten und mit ihm sein Leben teilen wollten, da erfuhren sie in ihrer Heimat viel Ablehnung, Spott und Hohn. So kam es, dass sie aufbrachen in eine andere Gegend, wo man sie, da sie fremd waren, freundlich aufnahm. Hier überkamen Franziskus allerdings große Zweifel, ob er die Botschaft des Evangeliums recht verstanden habe, ob er, mit all seinen Begrenzungen und Unzulänglichkeiten Jesu Fußspuren überhaupt nachfolgen könne. In seiner Not betete er. Und in der Nacht, als er schlief, schenkte Gott ihm einen Traum, in dem Gott ihm all das vergab, was Franziskus belastete und zwischen sie beide zu stehen kam. Friede kam zwischen Gott und ihn, und Franziskus wurde beauftragt und ermächtigt, überall wo er hinkam, diesen Frieden und Zuspruch zu verkünden. Eine große Freude erfüllte ihn da. Er erfuhr an sich selbst das unendliche und reiche Erbarmen Gottes. Er war angenommen, trotz seiner Schwachheit, ja sogar zum Mitarbeiter Gottes erwählt, um etwas von dieser Erfahrung den Menschen zu bringen. So versammelte er bereits am nächsten Morgen seine Brüder und sandte sie zu zweit aus, um wie die Jünger Jesu Friede und Gnade den Menschen zuzusprechen. Seine Mitbrüder sollten Gutes über die Schwellen der Häuser tragen, in die sie kamen – ,pax et bonum‘.“ (s.o.)

Und das ist mit Sicherheit geschehen, denn bei dem Zuspruch des Segens überträgt sich etwas von dem Frieden, den wir meinen. Er breitet sich in dem Moment aus, wo wir ihn äußern, geht von einem zum anderen und entfaltet sich.

So hat Paulus das auch gesehen. Er stellt sich selber ja als Vorbild hin, d.h. er möchte, dass die Philipper von ihm lernen, sich etwas bei ihm abgucken. Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas überheblich, so als würde er alles richtig machen. Aber so hat Paulus sich sicher nicht gefühlt. Er will einfach nur deutlich machen, dass es den Frieden Gottes gibt. Auch andere Menschen leben ihn, und darauf gilt es zu achten. Sie verwirklichen etwas von dem, was Gott will. Was wir an ihnen sehen, können wir uns zu Herzen nehmen und selber danach leben. Dann hat der Friede eine Möglichkeit, um sich zu greifen. Das ist der zweite Punkt

Und als drittes müssen wir berücksichtigen, dass der Friede nie vollkommen sein wird. Es ist zwar wichtig, dass wir auf ihn achten, aber er wird immer nur punktuell bleiben, sowohl räumlich wie auch zeitlich. Denn leider wird er immer wieder vertrieben, durch Streit und Eifersucht, Hass und Zorn. Er ist flüchtig und vergänglich. Deshalb braucht er ja auch unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen ihn pflegen und bewahren. Am ehesten können wir das in unserem nächsten Umfeld verwirklichen, in der Familie, im Freundeskries, in der Gemeinde und der Nachbarschaft. Da gibt es ja immer mal wieder Konflikte. Die können wir entschärfen, indem wir nicht aggressiv, sondern freundlich und liebevoll miteinander umgehen, ruhig bleiben, miteinander reden, Fehler zugeben und uns entschuldigen, wenn es nötig ist.

Und um das hinzubekommen, ist es ein besonders gutes Mittel, wenn wir auch unseren Gegnern den Frieden wünschen, denjenigen, die uns kritisieren, uns zu Unrecht verletzen oder enttäuschen. Eigentlich ärgern sie uns ja und machen uns wütend. Am liebsten würden wir ihnen genauso begegnen wie sie uns, mit Kritik und Vorwürfen. Aber das hilft nicht, es macht den Konflikt meistens nur noch schlimmer. Viel besser ist es, wenn wir sie segnen. Wir können damit in Gedanken beginnen, indem wir für sie beten und ihnen im Geist Gutes zusprechen. Dann entschärft sich der Konflikt. Wir werden selber innerlich friedlich, bekommen Abstand und sehen, dass diejenigen, die uns bedrängen und ärgern, einfach nur anders sind als wir. Ihre Lebenssituation unterscheidet sich von der unsrigen, sie haben andere Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt und setzen andere Prioritäten. Wenn wir das einsehen, dann finden wir meistens auch die richtigen Worte, und Frieden wird möglich.

Und das ist von großer Bedeutung, denn dadurch entstehen „Inseln des Friedens“ oder auch „Oasen“, an denen wir neue Kraft schöpfen. Davon kann es nie genug geben, und mit der Hilfe Gottes können wir sie bilden. Die Gemeinde in Philippi war so eine Insel, denn sie war diesbezüglich auf einem guten Weg. Dort leuchtete beispielhaft auf, was Gott will.

Und das kann heutzutage auch bei uns geschehen, die Gemeinde ist dafür ein guter Ort. Dann fällt von Gott her ein Lichtstrahl in die Zeit. Die Kirche setzt Zeichen des Friedens in dieser Welt, und Gerechtigkeit bricht an. Es geschieht dann, wenn Menschen durchlässig werden für den Frieden Christi, und dort, wo sie aufeinander zugehen, sich die Hand reichen und den Frieden weitergeben, der sie erfüllt.

Wir wollen das deshalb jetzt tun. Ich lade euch ein, eurem Nachbarn oder eurer Nachbarin neben oder vor oder hinter euch in der Bank die Hand zu geben mit den Worten „Friede sei mit dir“. Ihr könnt auch aufstehen, in der Kirche umhergehen und diesen Gruß noch anderen Menschen geben.

Amen.