Jesus handelt nach dem Gesetz der Liebe

Predigt über Lukas 7, 36- 50: Jesu Salbung durch eine Sünderin

11. Sonntag nach Trinitatis, 1.9.2019
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Lukas 7, 36- 50

36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.
37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl.
38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl.
39 Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.
40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!
41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig.
42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?
43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.
44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.
45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen.
46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.
47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.
48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.
49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, ader auch die Sünden vergibt
50 Er aber sprach zu der Frau:
Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Liebe Gemeinde.

In der Mathematik gibt es klare Regeln und Gesetze, nach denen Zahlen errechnet, Schlussfolgerungen gezogen und Beweise geführt werden. Die Mathematik basiert auf der Logik, alles ist durchschaubar, vernünftig und nachvollziehbar.

Auch in der Natur gibt es Gesetze, die wir kennen oder erforschen können. Sie zeigen, wie alles miteinander zusammenhängt, welche Ursachen für welche Wirkungen verantwortlich sind, und wie bestimmte Vorgänge ablaufen. Die Naturgesetze helfen uns, die Ordnung hinter allem zu erkennen, und es ist gut, dass es sie gibt

Für das Zusammenleben haben wir Menschen uns deshalb auch Gesetze gegeben. Sie regeln das Miteinander und geben uns Orientierung. Durch die Gesetze lässt sich vieles vorhersagen, wir wissen, wie es uns durch unser Tun ergehen wird, welche Konsequenzen unser Handeln hat.

Und schließlich gibt es noch religiöse Gesetze. In der Bibel wird erzählt, dass Gott sie den Menschen gegeben hat. Sie dienen ebenfalls dem Gelingen des Lebens und offenbaren uns den Willen Gottes. Zudem erfahren wir durch das Gesetz Gottes, wie sich unsere Beziehung zu ihm gestalten soll.

Zurzeit Jesu gab es eine Gruppe von Menschen, denen das besonders wichtig war, es waren die Pharisäer. Sie hielten das Erbe Israels und die Überlieferungen der Väter in Ehren und kämpften mit leidenschaftlichem Eifer für die genaue Einhaltung der Vorschriften. Dabei galt für sie nicht nur das Gesetz des Mose, sondern auch mündlich überlieferte genaue und strenge Anwendungsregeln für das tägliche Leben. Sie meinten es ernst mit Gott und der Religion, und das ist ja eigentlich nicht schlecht.

Trotzdem geriet Jesus immer wieder in Konflikt mit ihnen. So war es auch, als er einmal bei einem von ihnen zu Gast war. Wir haben die Geschichte vorhin gehört. Sie spielt im Haus eines Pharisäers namens Simon, der offensichtlich Interesse an einem engeren Kontakt zu Jesus hatte. Er hatte ihn jedenfalls zum Abendessen eingeladen. Die Teilnehmer lagen dafür auf Kissen um eine Schüssel, die Füße waren nach außen gerichtet.

Nun war es im Orient nicht unüblich, dass Fremde in ein Haus eintraten, während dort gegessen wurde. Doch was hier geschah, war ein Ärgernis: Eine Frau verschaffte sich den Zugang, üblicher Weise nahmen nur Männer an so einem Essen teil. Obendrein ging diese Frau einem Gewerbe nach, durch das sie in den Augen der Pharisäer auf jeden Fall als Sünderin galt: Sie war eine stadtbekannte Prostituierte. Sie wollte zu Jesus, das hatte sie sich vorgenommen, denn sie kam mit einem Geschenk für ihn: In einem Alabasterfläschchen befand sich ein kostbares Salböl für seine Füße. „Sie trat [damit] von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit [diesem] Salböl.“ Wahrscheinlich liebte sie Jesus, und der ließ sich ihre Liebkosung auch gefallen.

Der Gastgeber war dagegen empört. Nach den Reinheitsvorschriften hätte Jesus diese Frau auf keinen Fall an sich herankommen lassen dürfen. Das sagte er zwar nicht, aber Jesus kannte seine Gedanken, und es kam es zu einem Gespräch. Zunächst erzählte Jesus ein Gleichnis, das im damaligen Kreditgeschäft spielte. Es handelt von zwei Schuldnern, die beide ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten. Die Schulden des einen entsprachen 50 Tageslöhnen, also ca. zwei Monatsgehältern, der andere schuldete das Zehnfache. Weil keine Aussicht auf Rückzahlung bestand, schenkte der Gläubiger beiden das geliehene Geld.

Der Pharisäer sollte nun sagen, wer von beiden wohl dankbarer war, und er antwortete richtig: natürlich der mit den größeren Schulden. Und damit musste er zugeben, dass auch die Frau für Vergebung und einen Schuldenerlass sehr dankbar sein würde. Und es scheint so, als geschähe das hier im Vollzug, während sie Jesus die Füße salbte. Denn Jesus lobte ihr Verhalten und stellte es sogar als vorbildlich hin. Er verglich sie mit dem Gastgeber und gab ihr den Vorzug. Denn Simon hatte einiges versäumt, was eigentlich gegenüber seinem Gast üblich gewesen wäre: Er hätte ihm beim Eintritt Wasser für die Füße bereitstellen, ihn mit einem Kuss begrüßen und Öl zum Salben des Hauptes reichen sollen. All das war nun durch die Frau geschehen, und deshalb stand sie besser da. Vor allem zeigte ihr Handeln, dass sie Jesus liebte.

Und diese große Liebe zu Jesus ermöglichte große Vergebung. Das kommt hier zum Ausdruck. Um diese Botschaft zu unterstreichen, erklärte Jesus anschließend öffentlich die Sünden der Frau für vergeben. Die Teilnehmenden bezweifelten zwar, ob er dazu überhaupt die Vollmacht hatte, aber davon ließ er sich nicht beirren. Er segnete die Frau und entließ sie mit dem Zuspruch, dass ihr Glaube sie gerettet hatte.

Jesus kannte also noch ein ganz anderes Gesetz, als das der logischen Folgerung. Er bestand nicht auf einem vernünftigen Zusammenhang zwischen dem Tun und dem Ergehen, sondern handelte nach dem Gesetz der Liebe. Und das sprengt hier die üblichen Regeln. Beide, sowohl die Frau als auch er selber, handelten anders, als es üblich war: Sie fragte nicht nach den Folgen ihres Handelns, verschwendete ihr Geld, gab sich einfach hin und vertraute auf die Liebe Jesu. Und er nahm das an, verteidigte sie, vergab ihr und schenkte ihr eine neue Perspektive.

Und das ist für uns genauso eine Herausforderung, wie für den Pharisäer. Es stellt auch uns in Frage und hält uns vor Augen, welches Gesetz das wichtigste ist. Es ist das Gesetz der Liebe. Lasst uns also fragen, was das für unser Leben bedeutet.

Und dabei hilft es uns, wenn wir uns den Unterschied zwischen dem Verhalten des Pharisäers und der Frau klar machen. Wir haben nämlich alle so einen Pharisäer in uns, und was die Frau tut und erlebt, kann auch für uns rettend und befreiend sein.

Der Pharisäer verkörpert unser Handeln nach Regeln und Gesetzen. Das ist tief in uns angelegt, denn es gibt uns Sicherheit und Orientierung. Unsere Eltern bringen uns das bei, und wir lernen es ebenfalls in der Schule: Nur wer sich richtig verhält, kommt klar. Mit diesem Gesetz wachsen wir auf. Und wir lassen uns von klein an darauf ein, weil es unserer menschlichen Vernunft entspricht. Vorgänge werden durchschaubar und nachvollziehbar. Wir wissen, was gut und was böse ist, setzen unsere Willenskraft ein und gewinnen Kontrolle über das Leben, denn vieles ist vorhersehbar. Wer schuldig geworden ist, wird bestraft, es wird ihm angerechnet, was er getan hat, und er kann dafür sühnen. Und das ist auch gut und wichtig für das Zusammensein, wir ordnen oder verhindern damit das Chaos und schützen uns gegen die Sünde. So lässt sich das Leben bewältigen, es kann gelingen.

Deshalb merken wir auch nicht, dass sich dieses Denken immer wieder auch in unsre Frömmigkeit einschleicht. Wir regeln unser Verhalten auch gegenüber Gott, versuchen die Wirkungen unseres Glaubens zu steuern, wollen ihn beeindrucken und insgeheim lenken. Wir sind wie die Pharisäer.

Und das ist nicht nur hilfreich, es hat auch Schattenseiten. Z.B. besteht die Gefahr, dass unser Verhalten starr und unbeweglich wird. Für Spontaneität ist nicht viel Raum. Außerdem verzehrt es Kraft. Wer immer alles richtig machen will, muss sich anstrengen. Wir sammeln Erfolge, und das führt dann wiederum dazu, dass unser Ich dabei groß wird. Wir werden selbstgefällig, halten uns für fehlerfrei und tadellos, und es entstehen Konflikte mit anderen. Denn möglicherweise erheben wir uns über sie, beurteilen oder verachten sie sogar. Denn natürlich sehen wir, wer alles in unseren Augen etwas verkehrt macht, sich unangemessen verhält und unausgesprochene Vorschriften übergeht. Die Gesetzlichkeit macht egoistisch und kleinlich, und genau das kritisiert Jesus in unserer Geschichte. Deshalb prangerte er das Pharisäertum an.

Er sah die vielen Menschen, die ihren Idealen nicht gerecht wurden, und er sah sie mit den Augen Gottes. Er wollte, dass alle gerettet werden, auch die Unvollkommenen und Schwachen, die Erfolglosen und Niedergeschlagenen. Zu ihnen gehörte die Frau. Ihr Verhalten war deshalb ganz anders, aber es war so, dass Jesus etwas mit ihr anfangen konnte und sie zum Vorbild machte.

Denn sie vertraute ihm und öffnete ihm ihr Herz. Dabei war sie ehrlich zu sich selber. Sie wusste, wie es um sie stand, und verschloss davor nicht die Augen. Sie brauchte Hilfe, und hatte sie bei Jesus erfahren. Deshalb fühlte sie sich zu ihm hingezogen und suchte den Kontakt. Sie liebte ihn. Das kommt in ihren Handlungen zum Ausdruck.

Und das ist auch für unsere Frömmigkeit das Entscheidende: Wir sollen nichts machen, sondern lieben. Dabei ist die Liebe eine Kraft, die uns ergreift und durchströmt. Wir vergessen uns selbst, wenn wir mit Liebe erfüllt sind, und rechnen nichts mehr auf. Die Liebe übersteigt die Vernunft und auch den Willen, sie ist inkonsequent und unergründlich und manchmal auch schwer nachvollziehbar. Man muss sie leben und empfangen und sich ihr hingeben.

Und bei all dem hilft Jesus uns, genau das hat er gebracht und uns geschenkt. Wir müssen es nur annehmen und uns darüber freuen: Uns werden unsere Sünden vergeben, d.h. alle unsere Unvollkommenheiten, unser Versagen, unsere Angst und unser Kleinmut darf und soll vorkommen. Jesus will nicht unsere Tadellosigkeit, sondern unsere Nöte und unser Leid. Er lädt uns ein, damit zu ihm zu gehen, es ihm anzuvertrauen und uns von ihm lieben zu lassen. Wir sollen keine Vorschriften beachten, sondern an ihn glauben, ihn lieben und uns ihm hingeben.

Nur dann werden wir gerettet und befreit. Denn im Mittelpunkt steht dabei nicht unser Ich, unsere Vernunft oder unser Wille, sondern Jesus und seine Kraft. Seine Liebe ergreift uns, und wir werden von seinem Geist erfüllt. In seiner Gegenwart können wir aufatmen und frei werden, weil wir uns selber und unsere Ideale und Wünsche loslassen. Unser Glaube rettet uns, weil er an uns handelt, wir werden zufrieden und glücklich.

Und das wirkt sich auch auf unser Miteinander aus, unser Verhalten ändert sich, denn wir wollen niemand anderem mehr etwas Schlechtes antun. Das ist die Perspektive, die Jesus der Frau gibt und die er auch uns verheißt. Der Kirchenvater Augustin hat das einmal sehr klar mit dem kurzen Satz zum Ausdruck gebracht: „Liebe, und dann tu, was du willst.“ Er steht in seinem Kommentar zum Johannesbrief und klingt fast zu einfach, um wahr zu sein. Aber ein von Liebe erfüllter Mensch braucht tatsächlich weniger Regeln und Gesetze. Er lebt auch so im Sinne Gottes und erfüllt seinen Willen. Denn natürlich achtet er bei seinen Entscheidungen darauf, ob er sich selbst und anderen schadet oder gut tut. Er kann gar nicht mehr egoistisch, aggressiv oder bösartig handeln. Seine Selbstherrlichkeit verschwindet, er sieht die anderen und setzt sich für sie ein.

Das „Gesetz der Liebe“ ist demnach wichtiger und wirksamer als alle anderen, und wir sind eingeladen, uns daran zu halten. Dann gelingt das Leben ganz von selber.

Amen.

Frieden ist möglich

Predigt über Jesaja 2, 1- 5: In Zion finden alle Völker Heil und Frieden

8. Sonntag nach Trinitatis,  11.8.2019, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 2, 1- 5

1 Dies ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat  über Juda und Jerusalem:
2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen,
3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
4 Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Liebe Gemeinde.

„50 Jahre nach Woodstock wollte einer der Veranstalter von damals das legendäre Festival wiederbeleben. Nun ist das Revival abgesagt. Doch die Idee passt in unsere Zeit, die von der Sehnsucht nach Vergangenem geprägt ist. Aber was bringt es, ständig zurückzuschauen?“ das fragt Kristian Teetz im Wochenendjournal der Kieler Nachrichten vom 3. August. Er stellt in seinem Artikel fest, dass „das Vergangene immer attraktiver wird.“ Viele Menschen blicken gern zurück, denn „Erinnerungen können sehr warme Emotionen wecken“. „Das Eintauchen in die Nostalgie ist wie das Einhüllen in eine bequeme Decke der guten alten Tage.“ Denn „das Gewesene ist bekannt, vertraut und verständlich“. Längst haben diesen Trend auch Firmen entdeckt. Sie stellen Produkte her, die „möglichst authentisch von Tradition und Vergangenheit erzählen“. Ein Soziologe sah den Grund für diese Entwicklung in der Angst vor der Zukunft: Menschen haben kein Vertrauen mehr, dass die Zukunft gut wird. Sie gehen davon aus, dass wir die Fähigkeit verloren haben, zerstörerische Ereignisse und Entwicklungen zu verhindern. Deshalb suchen sie Halt in der Vergangenheit. (KN 3.8.2019, Wochenendjournal, S. 1)

Dem Propheten Jesaja ging es da ganz anders. Er tat genau das Gegenteil, um sich gut zu fühlen, Mut zu fassen und Hoffnung zu schöpfen: Er schaute in die Zukunft und sah dort die Wiederherstellung des Paradieses. Wir haben seine Vision vorhin gehört.

Sie führt uns gleich am Anfang an das Ende der Tage. Dann wird die Natur umgewandelt, und der Berg, auf dem der Tempel in Jerusalem steht, der Zion, wird über alle anderen Berge erhöht. Er wird zum Wohnsitz Gottes und zum Mittelpunkt der Welt. Deshalb versteht es sich von selbst, dass alle Völker dahin strömen und wallfahren werden. Sie holen sich dort Belehrung, damit sie ein gottgemäßes Dasein führen. Sie wollen in den Wegen und Pfaden Gottes wandeln, d.h. den von Gott gewünschten Weg in ihrem Dasein einschlagen. Er wird ihnen in Wort und Weisung übermittelt.

Dabei bedeutet die Herrschaft Gottes nicht Unterdrückung oder Unfreiheit, sondern Friede und Gerechtigkeit. Gott wird eine gute Ordnung durchsetzen, indem er die Menschen zur Einsicht führt. Und dadurch geschieht dann das, wovon alle träumen: Es entsteht ein neuer Wille zum Frieden und ein konkretes den Frieden förderndes Handeln. Der Krieg wird unnötig. Waffen werden überflüssig und von den Bekehrten zur besseren Nutzung in Geräte landwirtschaftlicher Arbeit verwandelt. Der Friede der Urzeit ohne Mordwerkzeuge und Kriegshandwerk kehrt wieder.

Das beinhaltet die Vision, und sie ist ein großartiger Zukunftsentwurf. Er enthält die Hoffnung ewigen Friedens. „Schwerter zu Pflugscharen“, dieses Wort des Propheten ist inzwischen ja auch zu einer Redewendung geworden, die das Ziel des Völkerfriedens durch weltweite Abrüstung ausdrückt.

Die Friedensbewegung der DDR, die 1978 entstand, hat sich das deshalb als Symbol gegeben: Darauf schmiedet ein Mensch ein Schwert zu einem Pflug um. Das Ziel dieser Bewegung ist es, die Menschen zum Frieden zu erziehen. In vielen Kirchengemeinden entstanden damals staatskritische, unabhängige Friedensinitiativen. Der Grund dafür lag darin, dass die SED das Pflichtfach „Wehrerziehung“ an DDR-Schulen eingeführt hatte. Der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR entwickelte daraufhin ein Alternativprogramm.

Ganz neu war das nicht. Nach 1945 hatten die Kirchen erkannt, dass Aufrüstung keine Antwort auf die Konflikte in der Menschheit sein kann. So verfasste Papst Johannes XXIII. 1963 die Enzyklika Pacem in terris, die sich erstmals an „alle Menschen guten Willens“ richtete und u.a. forderte, „dass der allgemeine Rüstungswettlauf aufhört; dass ferner die in verschiedenen Staaten bereits zur Verfügung stehenden Waffen auf beiden Seiten und gleichzeitig vermindert werden; dass Atomwaffen verboten werden; und dass endlich alle auf Grund von Vereinbarungen zu einer entsprechenden Abrüstung mit wirksamer gegenseitiger Kontrolle gelangen.“

Und natürlich verstehen wir es auch heutzutage noch als unsere christliche Pflicht, für den Frieden einzutreten und „Schwerter zu Pflugscharen“ zu machen. Es gibt die Friedensbewegung zum Glück immer noch, Christen und Christinnen erheben ihre Stimme für den Frieden und beten dafür.

Doch sind wir damit erfolgreich? Ist es nicht unrealistisch, sich die Vision des Propheten zu eigen zu machen? In der Qualität unterscheidet sie sich doch gar nicht so sehr von der Nostalgie: Beides scheinen nur Träume zu sein: Denn die Vergangenheit lässt sich nicht wiederholen, und die Zukunft lässt sich nicht so gestalten, wie wir es uns vorstellen. Wir erleben gerade, wie das Wettrüsten offensichtlich von Neuem beginnt. Es scheint aussichtslos zu sein, die Menschen zum Frieden erziehen zu wollen. Appelle verhallen, Menschen guten Willens werden überhört, sie reiben sich auf und erreichen am Ende nichts. Weder der Blick in die Vergangenheit noch der in die Zukunft scheint zu helfen. Und auch unsere Gebete scheinen wirkungslos zu sein.

Was sollen wir also tun? Das müssen wir uns fragen, und dabei kann uns der Prophet Jesaja durchaus helfen. Was er hier entwirft, ist nämlich nicht nur Utopie. Als Christen glauben wir vielmehr, dass Jesus Christus diese Vision zum Teil wahr gemacht hat. Alle Prophezeiungen im Alten Testament, die von einem Retter und dem ewigen Reich Gottes handeln, haben sich in ihm erfüllt. Das ist die Botschaft des Neuen Testamentes. Denn er ist direkt von Gott gekommen. Er ist der Sohn Gottes, der die Menschheit erlöst. Er hat den vollkommenen Frieden gelebt und weitergegeben. In seinen Abschiedsreden hat er gesagt: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ Das Reich des Friedens ist also mit Jesus Christus angebrochen, das glauben und bekennen wir.

Und das ist als erstes wichtig, wenn wir danach fragen, was wir als Christen tun können: Das Entscheidende ist bereits getan: Durch Jesus Christus ist eine neue Realität da, es hat sich etwas in der Welt verändert, wir müssen nicht verzagen oder mutlos werden. Wir müssen nur an Jesus Christus glauben und mit seiner Kraft rechnen.

Das ist der zweite Schritt, der sich aus seiner Gegenwart ergibt. Jeder und jede einzelne ist aufgefordert, Jesus Christus nachzufolgen und ihm etwas zuzutrauen. Wir denken viel zu oft, dass wir mit unserer eigenen Kraft das Gute tun müssen. Wenn wir uns nur genügend anstrengen, wird es schon gelingen, das predigen viele und versuchen möglichst viel zu tun.

Doch damit hat sich eine neue Art der Werkgerechtigkeit in unseren Glauben eingeschlichen, ein moralisches Leistungsdenken, ein erhobener Zeigefinger. Und das ist nicht nur problematisch, sondern sogar hinderlich, denn er verstellt uns den Blick auf Christus. Die Moralappelle stehen uns im Wege und entsprechen auch nicht dem Evangelium. Das befreit uns gerade von dem Versuch, uns selbst erlösen zu müssen. Uns wird zugesagt, dass wir nicht alles hinbekommen müssen. Wir dürfen uns eingestehen, dass unsere Kraft oft nur sehr gering ist. Immer wieder scheitern wir mit unseren Ideen und Vorstellungen, aber das macht nichts. Denn wir können zu Jesus Christus beten und auf ihn vertrauen.

Vielleicht klingt das jetzt ebenfalls nach einem Traum von einer besseren Welt oder einer Flucht in Vergangenes. Doch so ist der Glaube nicht gemeint. Er orientiert sich an einer Realität und wir bekommen durch ihn eine ganz neue Kraft. Wenn wir von ganzem Herzen auf Christus vertrauen, werden wir mit Zuversicht und Mut ausgerüstet. Jesus hilft uns, ein gottgemäßes Dasein führen. Er lässt uns auf den Wegen und Pfaden Gottes wandeln, denn wir haben nicht nur sein Wort und seine Weisung, sondern auch seine Liebe und Gnade. Der Friede beginnt also durch ihn, durch den Glauben und bei jedem und jeder Einzelnen von uns. Er entsteht von innen heraus. Das ist das Zweite, das wir beachten müssen.

Und das heißt als Drittes, dass weder das Gestern noch das Morgen entscheidend ist, sondern in erster Linie das Jetzt. Und um das zu erleben, bedarf es nun doch eines gewissen Trainings. Es ist die Übung der Achtsamkeit auf den Augenblick. Jeder Mensch hat dazu die Fähigkeit und kann Momente ungeteilter Aufmerksamkeit erleben. Dazu gehört es, dass wir Sinneseindrücke bewusst wahrnehmen, unser Denken steuern, uns selber spüren und unser Handeln kontrollieren.

Dabei ist das Trainingsfeld unser Alltag und unser nächstes Umfeld. Wir können die Achtsamkeit bei der Erfüllung unserer Aufgaben üben und gegenüber den Personen die wir treffen. Es gilt, ihnen mit Liebe zu begegnen und die Dinge, die uns beschäftigen, ungeteilt und mit ganzem Herzen zu verrichten. Das ist nicht ganz einfach. Wir sind lieber in der Vergangenheit oder in der Zukunft, weil uns die Gegenwart eben oft nicht gefällt. Aber es lohnt sich, wenn wir sie trotzdem bewusst wahrnehmen und akzeptieren.

Jeder und jede kann das regelmäßig üben, denn es ist ein Talent, das in uns allen wohnt. Wir müssen es nur weiterentwickeln. Man kann es mit dem Erlernen anderer Fähigkeiten vergleichen, wie etwa dem Spielen eines Musikinstruments oder einem körperlichen Training. Es bedeutet, immer wieder zu versuchen, im Hier und Jetzt zu sein. Dadurch entsteht eine innere Balance, mit der Mutlosigkeit oder Ungeduld verschwinden.

Es gibt dazu eine schöne Anekdote aus einem Zenkloster:
»Einige Schüler fragen ihren Zen-Meister, warum er so zufrieden und glücklich ist. Der Zen-Meister antwortet: „Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich …” „Das tun wir auch“, antworteten seine Schüler, „aber was machst Du darüber hinaus?” fragten Sie erneut. Der Meister erwiderte: „Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich … ”  Wieder sagten seine Schüler: „Aber das tun wir doch auch Meister!” Er aber sagte zu seinen Schülern: „Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.”«

Diese Geschichte und die damit verbundene Schule kommen zwar aus der fernöstlichen Religion, aber wir können sie gut auch in unseren Glauben übertragen und die Übung der Achtsamkeit als Christen praktizieren. Es sollte kein Problem sein, denn Christus ist ja da, und zwar jetzt. Jetzt will er uns begegnen und mit seinem Geist erfüllen. Selbst wenn uns der Augenblick nicht gefällt, so können wir ihn durch seine Anwesenheit mit einer wohlwollenden und offenen Haltung annehmen und aushalten, zusammen mit dem ganzen damit verbundenen Erleben. Das ist der dritte Schritt.

Und der verändert die Welt durchaus. Denn je mehr Menschen das tun und auf diese Weise ruhig werden, umso mehr Frieden ist da. Es entsteht Klarheit in den Gedanken, und der Einsatz für das Wohl anderer weitet sich aus. Das Licht Christi kann scheinen, es wird heller und besser in unserer Welt. Frieden wird möglich.

Lasst uns deshalb weder im Gestern schwelgen noch uns Utopien hingeben. Lasst uns vielmehr in das Licht schauen, das jetzt leuchtet, und beherzigen, was schon Meister Eckhart erkannt hat:
„Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenüber steht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.“

Amen.

Christus schenkt uns Einheit

Predigt über Johannes 6, 30- 35: Jesus ist das Brot des Lebens

7. Sonntag nach Trinitatis
4.8.2019, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Einige Bauern in Schleswig-Holstein haben den Weizen bereits geerntet, denn sie wollten es noch vor dem nächsten Regen schaffen, der ja jetzt auch gekommen ist. Sie haben Glück gehabt und alles richtig gemacht. Die Ernte ist eingefahren und kann verkauft werden. Und wir wissen, wie es nun weitergeht: Das Korn wird zu Mehl gemahlen, und aus dem wird dann Brot gebacken. Diesen Vorgang kennen wir alle. Aus vielen Ähren wird ein Brot, und es ist ein langer Prozess, der dazu gehört. Er führt über das Ernten, das Dreschen und Mahlen bis zum Backen des Brotes, das wir dann verzehren, und das uns ernährt.

Ein solcher Vorgang steht oft hinter dem, was wir zu uns nehmen oder herstellen, es gibt etliche Beispiele: So wird aus vielen Trauben ein Wein, aus vielen Steinen ein Haus, aus vielen Wörtern eine Rede usw.

Auch im sozialen Bereich ereignet sich etwas Entsprechendes: Aus vielen Menschen wird eine Gemeinschaft, aus vielen Gläubigen eine Kirche. Das wünschen wir uns zumindest.

Doch gerade hier ist es nicht so einfach machbar. Wir scheitern immer wieder daran und bekommen die Einheit nicht hin. Dabei gehört sie zum Leben wie die Nahrung, wir brauchen einander und wir brauchen den Frieden, um zu überleben.

Das wusste auch Jesus, und er ist gekommen, um uns zu helfen: Er kann den Hunger genauso stillen wie die Sehnsucht nach Liebe und Einheit. In dem Evangelium von heute (Johannes 6, 1- 15) und in der anschließenden Rede Jesu wird das sehr schön dargestellt.

Zunächst wird uns hier von einer wunderbaren Brotvermehrung erzählt, die Jesus einmal möglich gemacht hat. Er war von vielen Menschen umlagert worden, hatte zu ihnen gesprochen und sie am Abend alle gespeist. Das bisschen Essen, das da war, hatte er von einem Kind genommen und auf wunderbare Weise vermehrt. Aus fünf Gerstenbroten und zwei Fischen wurde genug, um 5000 Menschen satt zu machen. Sie konnten essen, so viel sie wollten. Es war sogar noch mehr als nötig da. Zum Schluss blieben zwölf Körbe mit Brocken von Brot übrig.

Leider zogen die Beteiligten aus diesem Wunder dann allerdings die falschen Schlüsse. Sie wollten Jesus daraufhin zum König machen, weil sie davon ausgingen, dass er immer alle Menschen mit genug Nahrung versorgen konnte. Doch das war ein Irrtum. Brot, das die Menschen satt macht, war für ihn nicht das wichtigste. Deshalb hielt er am nächsten Tag eine lange Rede, in der er vom Brot im übertragenen Sinn sprach. Es ist seine Rede über das wahre „Brot des Lebens“. Und daraus ist ein Abschnitt heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

Johannes 6, 30- 35

30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«
32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.
34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.
35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Jesus sagt hier also, dass er in Wirklichkeit nicht den irdischen, leiblichen Hunger stillen will, sondern den Hunger nach Leben überhaupt. Dieser Aussage war ein Gespräch vorweg gegangen. Er hatte die Menschen zum Glauben an sich selber aufgefordert und von einer „Speise, die da bleibt zum ewigen Leben“ (Joh. 6, 27) gesprochen. Ansatzweise hatten sie das auch verstanden.

Doch dann wollten sie ein Zeichen haben, dass er wirklich von Gott gesandt war, und verlangten von ihm eine Wiederholung des Mannawunders in der Wüste. Das war für sie „Brot vom Himmel“. Damit meinten auch sie durchaus mehr, als normales Brot. Hinter ihrer Forderung steht die uralte tiefe Sehnsucht nach einer himmlischen Nahrung, die göttliche Kraft spendet. Die Menschen baten Jesus also um ein Wunderbrot, ohne zu wissen, wie es aussehen und beschaffen sein mochte. Und auf diese Bitte hin antwortete Jesus ihnen: „Ich bin das Bot des Lebens.“ Wonach sie fragten, war da: Es ist er selber. Das heißt, er schenkt den Menschen das Leben in seiner ganzen Fülle.

Das ist hier die Botschaft und die gilt auch für uns: Jesus gibt uns Leben und Glück, er sättigt uns ganz und stillt alle unsere Sehnsüchte. Wenn er bei uns ist, haben wir genug.

Doch was heißt das nun konkret? Wie wird er zum Brot des Lebens? Und steckt in dem Bild auch die Vorstellung, dass wir ihn essen sollen?

Über diese Fragen lasst uns noch einmal nachdenken und uns zunächst klar machen, was wir alles zum Leben brauchen. Das ist nämlich in der Tat mehr, als nur Nahrung und Kleidung. Das wissen wir auch. Der Apostel Paulus hat einmal sehr schön gesagt, was wir noch nötig haben, mit dem berühmten Vers: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei.“ (1. Korinther 13, 13) Um dieser Tugenden oder Kräfte willen ist Jesus gekommen. Er kann unser Verlangen danach stillen, wir müssen nur auf ihn hören und uns auf ihn einlassen.

Damit sind wir bereits bei dem ersten, das in dem Vers angesprochen wird, dem Glauben. Es ist das Vertrauen auf Jesus Christus, mit dem wir uns für ihn öffnen. Oft steht als Symbol für den Glauben das Kreuz. Es erinnert uns an den Tod und an das Leid, das Jesus auf sich genommen hat, und das heißt, er ist auch dann noch gegenwärtig, wenn wir leiden und sterben. Er ist uns ganz nahe gekommen und für uns da. Wir müssen nur in Beziehung zu ihm treten, uns auf ihn gründen und mit seiner Kraft rechnen.

Daraus entsteht dann ganz von selber das Zweite, nämlich die Hoffnung. Sie lässt uns nach vorne schauen, sie verschafft uns immer einen Ausblick und gibt uns Halt. Deshalb ist ihr Symbol der Anker. Mit der Hoffnung werfen wir ihn praktisch aus und machen uns an der Zuversicht fest. Wir bleiben optimistisch und gewinnen Mut.

Und das Dritte ist die Liebe. Sie wird uns ebenfalls durch Jesus Christus geschenkt und entsteht da, wo wir an ihn glauben und auf ihn hoffen. Seine Aussage „Ich bin das Brot des Lebens“ ist dafür ein sehr schönes Bild. Es besagt, dass er sich uns schenkt und mit seiner Liebe in uns einziehen möchte. Zudem ist die Tatsache, dass das Brot aus vielen Ähren zusammengesetzt, ein wunderbares Symbol für Einheit und Gemeinschaft.

Und daran können wir uns besonders beim Abendmahl erinnern. Ich bin vor etlichen Jahren regelmäßig in einer kleinen christlichen Communität zum Gottesdienst gegangen. Es war die „Cella“ des sogenannten „Ordo Pacis“, einer evangelischen Schwesternschaft, die für den Frieden lebt und betet. Im Vorbereitungsgebet für das Abendmahl wurde immer gesagt: „Wie aus den vielen Ähren ein Brot geworden ist, so führe auch uns zusammen. Sammle deine Kirche aus den Enden der Erde und mach sie eins in dir.“ So in etwa lautete das Gebet, und ich fand das immer sehr schön und anschaulich. Das Brot, das wir beim Abendmahl essen, kann uns wirklich zeigen, wie aus Vielem Eins geworden ist, und uns an die Liebe und den Frieden erinnern. Es ist „Brot des Lebens“, Christus selber, der uns neu mit Glaube, Hoffnung und Liebe ausrüsten und uns einen möchte.

Doch verstehen wir das Abendmahl eigentlich alle so? Trauriger weise ist gerade die Frage nach dem Abendmahlsverständnis die Hauptursache für die Spaltungen in der Christenheit: So sagen die Katholiken, das Brot ist der Leib Christi, und der Wein ist das Blut Christi. Er ist darin real präsent, und nach dem Empfang bleibt er es auch. Die Lutheraner sagen zwar auch, dass Brot und Wein Leib und Blut Christi sind, aber nur in dem Augenblick, in dem der Gläubige es empfängt. Danach sind die Elemente wieder „schlicht“ Brot und Wein. Und die Reformierten streiten die sogenannte „Realpräsenz“ ganz ab. Sie verstehen das Abendmahl als ein Zeichen und eine Erinnerung an Christus und betonen die Gemeinschaft, die wir dabei untereinander haben. Luther und Zwingli haben sich darüber am Ende sogar entzweit.

Und diese Zerwürfnisse sind immer noch nicht aufgehoben. Bis heute verbietet die katholische Kirche ihren Mitgliedern, an einer Abendmahlsfeier bei den Protestanten teilzunehmen, und wir dürfen es bei ihnen eigentlich auch nicht. Zwischen den Lutheranern und den Reformierten ist es zwar nicht ganz so schlimm, sie haben durchaus Abendmahlsgemeinschaft, aber zu Diskussionen führt diese Frage immer noch, und oft regen sich die einen über die anderen auf. Dabei sind gerade das Essen des Brotes und das Trinken des Weines im Namen Christi als Zeichen der Einheit untereinander gemeint. Wir tun es zum „Gedächtnis an Christus“, wie es in den Einsetzungsworten heißt, und das heißt in seiner Gegenwart und mit seiner Liebe. Leider scheint es sehr schwer zu sein, das auch umzusetzen.

Aber ist es das eigentlich wirklich? Können wir uns nicht bewusst auf einen Prozess einlassen, der zu Einheit führt? Es ist doch gar nicht so entscheidend, was wir denken, wenn wir zum Tisch des Herrn gehen. Ich schließe mich mit meinem Verständnis des Abendmahls zwar Luther an, aber über andere Auffassungen rege ich mich nicht mehr auf. Wir können doch einfach zusammenkommen und erleben, was dabei geschieht. Das ist ohnehin genauso unterschiedlich, wie wir alle sowieso sind. Und das Schöne an der gemeinsamen Feier ist es ja gerade, dass wir keine Theologie betreiben, uns nicht unterhalten und nicht streiten, sondern zusammenkommen und gemeinsam etwas erfahren.

In einem Abendmahlsgebet in unserer heutigen Agende heißt es dazu wunderbar: „Christus nimmt das Brot, er dankt und teilt es. Es ist so einfach und lässt doch das Geheimnis seines Wesens aufleuchten. Weil er aus der Fülle Gottes lebt, hält er nicht fest. Er gibt das Brot denen, die Hunger leiden, er schenkt sich selber darin, er spart sein Leben nicht auf. Ihn selbst empfangen wir, wenn wir an seinem Tisch […] das Brot des Lebens teilen, und in seiner Nähe hoffen wir auf eine verwandelte Welt, in der wir miteinander leben als Schwestern und Brüder. […] Christus ist das Brot des Lebens. Seine Güte reicht für alle!“ (Passion und Ostern, Agende für evangelisch-lutherische Kirchen  und Gemeinden, Band II, Teilband 1, Hrg. Kirchenleitung der VELKD, Hannover, 2011, S. 64)

An diesem Gebet wird sehr schön deutlich, dass das Abendmahl keine Streitfrage, sondern ein Geschehen ist. Es geht dabei weder um die Kirche noch um ein Dogma, sondern um Jesus Christus und seine Liebe. Er ist auf geheimnisvolle Weise gegenwärtig, darin sind wir uns alle einig. Wie wir uns diese Gegenwart im Einzelnen vorstellen, kann in den Hintergrund treten. Denn er bewirkt das, was wir uns wünschen: Er schenkt sich selber und zieht in uns ein, mit seiner Liebe und seiner Kraft. Wir empfangen ihn, wir sind mit ihm zusammen und dürfen ihm etwas zutrauen. Dann macht er aus den Vielen eine Einheit und es entsteht, was wir zum Leben brauchen: Frieden und Gemeinschaft.

Es ist deshalb gut, wenn wir immer wieder so zusammenkommen. Lasst uns dabei „nie vergessen“, dass wir „Schwestern und Brüder“ Jesu sind und als solche „von einem Brot essen, und aus einem Kelch trinken.“ Lasst uns „in Frieden beieinander wohnen, Gebeugte stärken und die Schwachen schonen, und so „den letzten heiligen Willen des Herrn erfüllen.“ Ja, „dazu müsse seine Lieb uns dringen.“ Möge er selber „dieses große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.“ (EG 221)

Amen.

Das Reich Gottes wächst von allein

Predigt über Markus 4, 26- 29: Das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat

Sommerpredigt „Mutter Erde“, 28.7.2019
9.30 Uhr und 11 Uhr Luther- und Jakobikirche Kiel

Luft, Wasser und Feuer, diese drei Energiequellen standen im Mittelpunkt unserer letzten Gottesdienste. Heute war eine vierte Kraft unser Thema, die Erde. Wir folgten damit der antiken Vorstellung von den vier Elementen, aus denen sich das Leben zusammensetzt. Franz von Assisi hat das in seinem Gesang über die Schöpfung ebenfalls aufgegriffen. „Mutter Erde“ gehört zu seinen „Geschwistern“ wie die Sonne, der Mond, die liebenden Menschen und alle anderen Kräfte, die diese Welt erhalten.
Die Erde  erhält und ernährt uns. Sie bringt von allein Kräuter und Pflanzen hervor. Für Jesus war das ein Gleichnis für das Reich Gottes. Auch das wächst von allein. Die Predigt behandelt die Frage, was das für unseren Glauben und die Kirche bedeutet.

Markus 4, 26- 29

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft
27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.
28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.
29 Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Liebe Gemeinde.

„Ein Haus wird abgerissen, das Grundstück liegt brach – und entwickelt sich zum Hotspot der Artenvielfalt.“ So begann vor Kurzem ein Artikel in den Kieler Nachrichten über eine Fläche in Probsteierhagen, auf der ein Bankgebäude gestanden hatte. Sie sollte eigentlich regelmäßig gemäht werden, doch zwei Menschen vom Umweltbeirat baten darum, sie sich selbst zu überlassen. Sie untersuchten sie dann regelmäßig und stellten in diesem Jahr fest: Es hat sich etwas ganz besonderes entwickelt. „Sensationelle 161 Pflanzenarten konnten identifiziert werden, darunter etliche Rote-Liste-Arten wie die Wilde Malve, der Gewöhnliche Hornklee, die Kuckuckslichtnelke“ und vieles mehr. Der Grund dafür liegt buchstäblich im Boden. „Der ist nicht nur kalkreich, locker und besonnt, sondern geradezu jungfräulich.“ Er bietet vielen selten gewordenen Pflanzen ideale Bedingungen. Die Fläche soll nun für zwei bis drei Jahre brach liegen gelassen werden. Die beiden Betreuer wollen lediglich darauf achten, dass sie nicht „verbuscht“. Denn alle reden davon, wie wichtig es ist, dass wir nicht „jede Ecke sauber halten“ und versiegeln, sondern blühenden Pflanzen Raum geben. (KN, 13.7.2019, S. 11)

Sie dienen nicht nur der Freude, sondern auch dem Erhalt der Umwelt. Wir brauchen die Artenvielfalt. Das wusste schon Franz von Assisi und er besang die Erde mit den Worten: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“

Schon immer war der Boden für die Menschen von existentieller Bedeutung, denn er erhält und ernährt uns. Weil die meisten Menschen von der Landwirtschaft lebten, gibt es dazu auch in der Bibel etliche Geschichten, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Viele Leute, mit denen Jesus redete, führten ein agrarisches Leben. Deshalb griff er ihre Erfahrungen gerne in seinen Gleichnissen auf. Eins davon haben wir vorhin gehört. Es handelt von der „selbstwachsenden Saat.“

Jesus beschreibt darin den Weg und die Entwicklung, die das Samenkorn macht, bis es Frucht bringt: Zuerst wird es auf den Acker geworfen. Dann dauert es eine Weile, bis es in der Erde gekeimt hat und einen Halm hervorbringt. Der stößt alsbald durch die Oberfläche, und an diesem Halm wächst langsam die Ähre. Sie bringt die Körner hervor, die Frucht, die geerntet werden kann.

Und das alles geschieht „von allein“. Der Bauer, der gesät hat, muss nichts dazu tun, damit dieses Wachstum stattfindet. Er muss nur die Tage und Nächte verstreichen lassen, es passiert „automatisch“, d.h., „selbsttätig, aus eigenem Antrieb und ohne fremdes Zutun“.

Und genau das ist hier der Vergleichspunkt: die unerklärliche Selbstwirksamkeit der ausgestreuten Saat. Genauso wächst das Reich Gottes von alleine. Wie die Kräfte im Boden verborgen sind, so entsteht auch das Reich Gottes durch eine unsichtbare Kraft. Wie wir in der Natur auf das selbsttätige Wachsen und Gedeihen vertrauen können, so können wir für das Reich Gottes daran glauben, dass Gott im Verborgenen am Werk ist und Früchte hervorbringt.

Das ist die Botschaft Jesu, und die ist wichtig und wohltuend. Es wurde in den Medien ja gerade mal wieder darüber berichtet, dass die Kirchen immer mehr Mitglieder verlieren und schrumpfen. Das beunruhigt viele, besonders natürlich uns, die noch dazu gehören. Neu ist uns das nicht, im Gegenteil, wir kennen das bereits und fragen uns ständig, was wir tun müssen, um diesen Trend zu stoppen. „Mehr Selbstkritik üben“, hieß es in einem Kommentar, und das ist natürlich nicht verkehrt. Jeder Aufbruch fängt damit an, dass man sich fragt, was anders werden muss. Aber das hat offensichtlich jemand geschrieben, der die Kirche nicht von innen kennt. Ich habe nämlich den Eindruck, dass wir fast gar nichts anderes mehr tun. Überall und immer geht es in Gemeinden, auf Konventen, an der theologischen Fakultät usw. um dieselbe Frage: Was machen wir falsch? Was müssen wir besser machen? Und tun wir genug?

Ich finde das langsam ermüdend und behaupte sogar, dass genau diese Frage das echte Wachstum verhindern oder zumindest beeinträchtigen kann. Sie ist zwar wichtig, aber oft wird sie nicht richtig gestellt. Sie ist meistens viel zu weltlich gemeint, zu menschlich, zu pragmatisch. Ich erinnere mich noch gut an den Diakon in meiner Vikariatsgemeinde. Der sagte gern, wenn die Kirchenglocken läuteten: „Die Firma ruft.“ Das war natürlich witzig gemeint, und ich musste auch lachen, aber es offenbart eine traurige Tatsache: Wir sehen die Kirche oft so, als sei sie eine Firma, eine Bildungseinrichtung, eine Partei oder etwas ähnlich Irdisches. Und das ist sie eben nicht. Sie ist vielmehr ein Abbild des Reiches Gottes, und dem liegen ganz andere Kriterien zu Grunde, als unseren weltlichen Betrieben. Mit einfachen Strategieüberlegungen kommen wir nicht weiter. Lasst uns deshalb fragen, worin unser wahrer Beitrag zum Wachstum des Reiches Gottes liegen kann.

Dabei ist es zunächst wichtig, dass wir uns klar machen, was wir haben. Das Gleichnis Jesu sagt dazu: Ihr habt den Samen und den Boden: Dabei ist der Same zweierlei: Zum einen ist er das Wort Gottes. Das ist aufgeschrieben und wird bis heute verkündet. Es ist lebendig und kräftig und wirkt jederzeit und an allen Orten auf der Erde. Durch das Hören wird es in die Menschen hineingelegt, und wer es annimmt, lässt sich taufen. Die Taufe können wir als den anderen Samen verstehen. Viele Menschen haben sie erhalten, und das ist wie ein Keim, der in ihnen schlummert und an die Oberfläche kommen möchte. So können wir das Bild von den Samen anwenden.

Was nun den Boden betrifft, auf dem diese Samen wachsen, so ist er demnach das Innere jedes und jeder Einzelnen, der oder die das Wort Gottes und die Taufe empfangen hat, unser Geist und unsere Seele. In uns will das Wort Gottes keimen, und die Taufe ihre Kraft entfalten. Das ist das andere, was wir haben, und beides ist grundlegend für das Reich Gottes. Es wurde uns gegeben und ist da.

Doch natürlich brauchen wir auch etwas. Es muss Bewegung da sein, Wachstum und Gedeihen, und damit das geschehen kann, ist durchaus zusätzlich etwas nötig. Und was das ist, lässt sich sehr schön mit der Geschichte aus Probsteierhagen vergleichen. Die beiden Experten, die die Wiese entdeckten und retteten, haben nämlich nichts anderes getan, als dass sie aufmerksam waren, geduldig und liebevoll. Und diese drei Schritte sind auch für das Wachsen des Reiches Gottes das wichtigste. Lasst uns darüber also noch einmal nachdenken. Und da ist schon etwas Selbstkritik angesagt, denn genau das tun wir oft nicht.

Zunächst geht es um die Aufmerksamkeit, um das Hinsehen und Wahrnehmen. Wir haben damit so unsere Probleme, denn unser Blick ist oft verstellt. Wir sind blind für das, was da ist, übersehen es, weil wir mit etwas anderem beschäftigt sind. Wir machen uns viel zu schnell unsere eigenen Gedanken, entwickeln Pläne und haben Ideen. Durch genügend Eifer, Leistung, Geld, und die richtigen Programme wird es schon gelingen, das Reich Gottes zu bauen. Das ist unsere weit verbreitete Meinung, doch genau die verhindert es, dass wir sehen, was längst da ist, und das liegt in uns. Anstatt uns nach außen zu wenden, sollten wir zunächst einmal in uns gehen und wahrnehmen, was Gott in uns hineingelegt hat. Wir sind der Boden, in dem sein Same gedeihen will, und alles beginnt damit, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere Seele und unseren Geist lenken. Das ist der erste Schritt.

Als zweites brauchen wir dann natürlich Geduld. Es hat keinen Zweck, das Wachstum des Reiches Gottes nach unseren eigenen Vorstellungen herbeizwingen zu wollen, zu manipulieren und selber Hand anzulegen. Damit erreichen wir nichts. Denn nur wer geduldig ist, kann erkennen, wie das Reich Gottes entsteht. Der Ruf zur Geduld beinhaltet also gleichzeitig den Ruf zum Vertrauen auf Gottes Kraft, es ist ein Ruf zum Glauben, dass Gott in wunderbarer Weise aus den kleinsten Anfängen große Ereignisse wirken kann.

Das Samenkorn muss ja sterben, um Frucht zu bringen, es muss in die dunkle Erde, um dann wieder ans Licht zu gelangen, zu wachsen und zu reifen. Genauso ist es mit dem Reich Gottes. Wer sich danach sehnt, muss leidensfähig und geduldig sein, anspruchslos und ruhig. Alles andere ist wie das Zerren an einer Pflanze, die gerade aus der Erde hervorbricht. Wir fördern damit nicht ihr Wachstum, wir zerstören sie nur. Denn wir reißen ihre Wurzeln aus, und dadurch stirbt sie. Der zweite Schritt besteht also in der Geduld, in der Leidensbereitschaft und inneren Ruhe.

Und als drittes ist die Liebe nötig, Gewaltfreiheit und Friede. Auch die fehlen uns oft, denn wir sind nicht selten aggressiv und selbstherrlich. Vieles entspricht nicht unseren Vorstellungen und macht uns ärgerlich und wütend. Immer wieder stehen uns andere Menschen mit ihren Ideen im Weg, das ist unser Erleben, und wir geben ihnen gern die Schuld dafür, dass Dinge nicht gelingen. Wir verurteilen uns gegenseitig, oder verachten uns sogar. Und das gilt es zu beenden, zu allererst in unserem eigenen Umfeld. Pflanzen und Wiesen müssen liebevoll gehegt und gepflegt werden. Sie wachsen zwar von allein, aber sie brauchen unseren Schutz und unsere Zuwendung. Und diese Fähigkeit haben wir alle, wir müssen sie nur einsetzen und entwickeln. Es gilt, uns im Frieden und in der Liebe zu üben und uns selber immer wieder zurückzunehmen, loszulassen und zuzulassen. Genau das ist das wesentliche Merkmal des Reiches Gottes, und es kann nur wachsen, wenn wir das beherzigen.

Doch wenn wir so handeln, geschieht viel mehr, als wir ahnen. Der Same kann keimen, Kraft entfaltet sich, das Leben wird schön und das Reich Gottes gedeiht. Und zwar geschieht es selbsttätig, ohne fremdes Zutun. Denn die Liebe breitet sich automatisch aus. Sie steckt an und springt von einem auf den anderen über. So wie viele Blumen sich selber aussäen, fällt auch der Same, der sich in uns entwickelt, in andere hinein, in einen neuen Mutterboden, wo er dann ebenso wachsen und gedeihen kann.

So entsteht das Reich Gottes: Der Same und der Boden sind uns gegeben. Was wir brauchen, damit die Früchte gedeihen können, sind Aufmerksamkeit, Geduld und Liebe. Dann wird es sowohl in unserem eigenen Leben als auch in der Welt schöner, bunter und lebendiger.

Die Wiese in Probsteierhagen ist dafür ein schönes Bild, und sie ist ja zum Glück auch nicht der einzige Fleck in unserem Land, der sich so natürlich entwickeln darf. Es gibt seit dem letzten Jahr das Programm „Schleswig-Holstein blüht auf“. Das ist eine Initiative der Landesregierung: Landwirtschaften, Kommunen und Unternehmen wird dafür kostenlos blütenreiches Saatgut bereitgestellt. Und das Ergebnis ist gut. Über 200 Landwirtinnen und Landwirte beteiligten sich bislang an der Initiative und erhielten die Saatmischung „Bienenweide“ für die Anlage von Blühstreifen auf Ackerschlägen. „Auf insgesamt 350 Hektar Fläche bereicherten Sonnenblumen, Malven, Ringelblume und Co die Landschaft. Auch Kommunen und Unternehmen zeigten großes Engagement für Blüten und Insekten.“ Und das ist großartig. Denn nur wenn wir die Natur geduldig pflegen und mit Liebe behandeln, kann es auch uns gut gehen.

Lasst uns diese Einsicht deshalb ebenso auf die Kirche und das Reich Gottes übertragen, denn da gelten die gleichen Gesetzmäßigkeiten: Uns ist mit dem Wort Gottes viel anvertraut, lasst uns deshalb dafür sorgen, dass es wachsen und gedeihen kann.

Amen.

 

Jesus gibt uns lebendiges Wasser

Predigt über Johannes 4, 1- 14: Jesus und die Frau am Jakobsbrunnen

Sommerpredigt: Wasser, 14.7.2019,
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Im Sommer sind wir viel draußen und erleben die elementaren Kräfte der Natur. Wir spüren den Ursprung des Lebens. Nach der Lehre der alten Griechen besteht es durch vier Grundelemente: „Erde“, „Wasser“, „Luft“ und „Feuer“. Das brachte auch Franz von Assisi in seinem Sonnengesang zum Ausdruck. Dabei waren für ihn die Energien in der Natur Hinweise auf die Kraft Gottes, und er pries den Schöpfer durch sie. Das Lied, das er darüber schrieb, nennen wir den „Sonnengesang“.
Wir haben für den Sommer eine Reihe von vier Predigten zuammengestellt, in denen wir den Worten des heiligen Franziskus folgen und  mit ihm die Luft, das Wasser, das Feuer und die Erde betrachten. Heute stand das Wasser im Mittelpunkt. Franziskus nennt es seine „Schwester“ und sagt, dass es „gar nützlich ist und demütig und kostbar und keusch.“ In der Bibel und auch in der geistlichen Tradition dient es oft als Symbol für die göttliche Kraft, für das, was er uns gibt.
Wir haben deshalb bedacht, wie kostbar das Wasser ist, und sind im Geiste gleichzeitig zu dem „Brunnen des Heils“, gegangen, durch dessen Wasser nicht nur unser leiblicher sondern auch unser seelischer Durst gelöscht wird.

 Johannes 4, 1- 14

5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab. 6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde. 7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! 8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen. 9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. – 10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser. 11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? 12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh. 13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; 14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Liebe Gemeinde.

Am liebsten würde sie mit dem Wasser spielen, in der Hitze plantschen, so wie es fünfjährige Mädchen rund um den Globus gerne tun. In Somalia aber wissen schon kleine Kinder wie Nura, dass man jeden Tropfen sauberes Wasser sorgsam auffangen und es auch erst einmal aus der Tiefe holen muss. Dafür hat die Hilfsorganisation Unicef gemeinsam mit den Familien Solarpumpen installiert und damit viele sichere Wasserquellen erschlossen. Für Nura und ihre Familie ist die Freude darüber groß. Das Leben ist einfacher geworden. Kinder müssen nicht mehr stundenlang unterwegs sein, um zur einzigen Wasserquelle der Umgebung zu gelangen. Auch vor Hunger, Krankheit und Tod hat der dauerhafte Zugang zu sicherem Trinkwasser etliche Menschen in dem Land bewahrt, das immer wieder extremer Dürre ausgesetzt ist.

In unseren Breitengraden wissen wir den hohen Wert des Wassers oft kaum zu schätzen, denn wir haben genug davon und es kommt einfach aus dem Wasserhahn. Dabei ist es nach wie vor eine der wertvollsten Ressourcen, die unsere Erde hat. Ohne Wasser gäbe es keine Leben. Nicht umsonst nennt Franziskus es „kostbar“.

In biblischen Zeiten lag dieses Wissen den Menschen wahrscheinlich noch viel näher, denn es ging ihnen ähnlich wie Nura: Sie mussten das Wasser erst einmal gewinnen, bevor sie es trinken konnten, und holten es aus Brunnen oder sammelten es in Zisternen.

So tat es auch die Frau, von der das Johannesevangelium im vierten Kapitel erzählt. Jesus traf sie an einem Brunnen in der Gegend Samaria in der Mitte Palästinas. Es handelte sich um den sogenannten Jakobsbrunnen, der eine Tiefe von 32 Metern hat. Es gibt ihn auch heute noch. Unten sprudelt frisches Quellwasser.

Jesus kam in der Mittagshitze erschöpft bei diesem Brunnen an und setzte sich zum Ausruhen auf den Rand. Dann kam die Frau, um dort wie gewohnt Wasser zu schöpfen, und Jesus sprach sie an. Das war ungewöhnlich, und brachte die Frau in Verlegenheit. Denn die beiden waren allein dort, und diese Situation war aus zwei Gründen für beide schwierig: Erstens sprach – nach damaliger Sitte – ein jüdischer Mann nicht eine Frau an, und zweitens herrschte zwischen Juden und Samaritern Feindseligkeit. Jeglicher Kontakt war verboten.

Darauf wies die Frau Jesus zunächst hin, doch er ignorierte das. Er wollte mit ihr sprechen und eröffnete den Dialog mit der Bitte um Wasser. Dabei ging es ihm von Anfang an um das, was er ihr – und damit allen Menschen – geben kann. Er nannte es geheimnisvoll „lebendiges Wasser“. Die Bitte war also nur ein Vorwand, um dieses Symbol einzuführen.

Das merkte die Frau allerdings nicht, sie wunderte sich nur über diesen Fremden und missverstand ihn. Natürlich dachte sie daran, dass er das frische Quellwasser meinte. Warum war er dann aber ohne Schöpfgerät gekommen? Sie redeten aneinander vorbei, denn Jesus verstand unter „lebendigem Wasser“ etwas anderes, das einen tieferen Sinn hat. Er sagte: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“

Um diese Botschaft ging es ihm, und sie bedeutet: „Ich kann dir etwas schenken, das ewig bleibt. Du wirst keinen Durst mehr haben, wenn du das empfängst.“ Jesus sprach von einem Wasser, das im Inneren des Menschen zu einer Quelle wird, die zum ewigen Leben sprudelt.

Und das dürfen wir auch auf uns beziehen: Wenn wir an ihn glauben, wird unser Lebensdurst und unsere Sehnsucht nach der Ewigkeit gestillt. Wir müssen nicht auf noch mehr oder etwas Besseres warten. Es gilt vielmehr, in vollen Zügen das aufzunehmen, was Jesus uns gibt. Er kann uns ganz erfüllen, und dadurch können wir selber zu einer Quelle lebendigen Wassers werden.

Doch was bedeutet das nun? Welche Folgen hat das für unsere Lebensführung und für unser Handeln? Was sollen wir als Christen tun?

Wenn wir darüber im Zusammenhang mit dem Thema „Wasser“ nachdenken, liegt der Gedanke nahe, dass wir dieses kostbare Gut schützen und möglichst jedem zugänglich machen müssen. Genauso wie die samaritanische Frau in unserer Geschichte denken wir bei Wasser an das Gut, das wir alle zum Leben brauchen, das unseren leiblichen Durst löscht. Wir unterstützen deshalb gerne Initiativen, die dafür sorgen, dass auch Menschen in trockeneren Gegenden genug zu trinken haben. Wir leisten Entwicklungshilfe und appellieren an unser Gewissen, das Wasser rein zu halten, es nicht zu verschwenden und gerecht zu verteilen. Und das ist auch gut  und christlich.

Doch es ist noch lange nicht alles, was bei diesem Thema wichtig ist. Es geht Jesus um noch viel mehr. Und was das ist, können wir uns gut vergegenwärtigen, wenn wir nach den Ursachen der Probleme fragen. Die Gründe für die Wasserknappheit in vielen Ländern sind nämlich lange nicht nur Trockenheit und Dürre, sondern liegen meistens bei Menschen und sind psychologisch zu erklären: Die Gier der Reichen und Regierenden steckt dahinter. Sie nutzen die Ressourcen für sich, und der Rest der Bevölkerung ist ihnen egal. Sie wollen Reichtum und Macht. Und das ist ein allgemeines Phänomen und hat etwas mit einer unstillbaren Sehnsucht zu tun, die in uns allen wohnt.

Das hat Ernesto Cardenal einmal sehr schön beschrieben. Er war ein Priester in Nicaragua, der in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die Ungerechtigkeiten in seinem Land anprangerte und sich auf die Seite der Armen stellte. Er vertrat ein Christentum der bedingungslosen Liebe zu Jesus und zu den Menschen. Und er hatte eine große dichterische Gabe. Mit seinem „Buch über die Liebe“ wurde er weltberühmt. Und darin sagt er an einer Stelle:

„In den Augen aller Menschen wohnt eine unstillbare Sehnsucht. In den Pupillen der Menschen aller Rassen, in den Blicken der Kinder und Greise, der Mütter und liebenden Frauen, in den Augen des Polizisten und des Angestellten, des Abenteurers und des Mörders, des Revolutionärs und des Diktators und in denen des Heiligen: in allen wohnt der gleiche Funke unstillbaren Verlangens, das gleiche heimliche Feuer, der gleiche tiefe Abgrund, der gleiche unendliche Durst nach Glück und Freude und Besitz ohne Ende. Dieser Durst, den alle Wesen spüren und von dem auch im Gleichnis von der Samariterin am Brunnen gesprochen wird, ist die Liebe zu Gott.

Um dieser Liebe willen werden alle Verbrechen begangen und alle Kriege gekämpft, ihretwegen lieben und hassen sich die Menschen. Um dieser Liebe willen werden Berge bestiegen und die Tiefen der Meere erforscht, für sie wird geherrscht und intrigiert, gebaut und geschrieben, gesungen, geweint und ge­liebt. Alles menschliche Tun, sogar die Sünde, ist eine Suche nach Gott, nur sucht man Ihn meistens dort, wo er am wenig­sten zu finden ist. […]
Überall suchen wir Gott, auf Festen und Orgien und Reisen, in Kinos und Bars, und doch finden wir Ihn einzig und allein in uns selbst.
In jedem Innern leuchtet die gleiche Flamme, brennt der gleiche Durst. […]
Der Liebende, der Forscher, der Geschäftsmann, der Agitator, der Künstler und der kontemplative Mönch, alle suchen sie dasselbe, nämlich Gott und nichts als Gott. […]
Gott ist die Heimat aller Menschen. Er ist unsere einzige Sehn­sucht. Gott ist im Innersten aller Kreatur verborgen und ruft uns. Wir hören seinen Ruf in der Tiefe unseres Wesens wie die Lerche, die frühe von ihrer Gefährtin geweckt wird, oder wie Julia, die Romeo unter ihrem Balkon pfeifen hört.“ (Ernesto Cardenal, das Buch von der Liebe, Lateinamerikanische Psalmen, Wuppertal, 1978, S. 20f)

Das ist der Punkt, den Jesus mit seinem Vergleich meint. Er macht darauf aufmerksam, dass alles Materielle und die Dinge dieser Welt nie ausreichen, um unseren tiefsten Durst zu löschen. Im Gegenteil: Sie machen unzufrieden, rücksichtslos und egoistisch. Und darin haben die meisten Probleme auf der Welt ihren Grund: Wir versuchen unseren Durst mit etwas zu löschen, das ihn in Wirklichkeit nur noch schlimmer macht.

Und da setzt die christliche Lebensführung an. Sie beschäftigt sich nicht nur mit den Symptomen, sondern auch mit den Ursachen der menschlichen Probleme. Wir haben etwas, das tiefer geht. Es ist das „lebendige Wasser“, das Jesus uns gibt. Es zu trinken bedeutet, einfach an ihn zu glauben und ihm nachzufolgen. Das ist in sich selber sinnvoll und die wichtigste Aufgabe, die wir als Christen haben. Darin sollte unser vornehmliches Tun liegen.

Konkret heißt das, dass wir in unserer Lebensführung aufhören müssen, uns selber glücklich machen zu wollen. Anstatt jedes Mal nach vergänglichen Gütern zu greifen, wenn wir einen inneren Durst verspüren, sollten wir ihn immer mal wieder aushalten. Es gilt, unsere Sehnsucht zu ertragen und uns für das zu öffnen, was Jesus uns schenkt. Er lädt uns ein, zu ihm gehen, zu ihm zu rufen und um seine Hilfe zu bitten. Sie ist sofort da, wenn wir das tun. Genauso wie die Samariterin ihn einfach getroffen hat, müssen wir nicht auf ihn warten. Er will mit uns reden und uns beschenken, und das geschieht beim Gebet. Es ist wie das Trinken des Wassers, das er uns gibt. In vollen Zügen fließt seine Kraft und Liebe dabei in uns hinein. In demselben Moment, in dem wir ihn im Geiste treffen, wird „unser Durst ganz gelöscht“.

Und wenn das geschieht, brauchen wir tatsächlich nicht mehr. Die tiefen Schichten in unserer Seele werden angerührt, wir bekommen Leben und Kraft. Wir können plötzlich lieben, wo wir vorher vielleicht wütend waren. Wir werden gelassen und mit Geduld und Freude erfüllt. Wir sind ganz von selber zufrieden und glücklich, auch im Leid, auch dann, wenn wir das eine oder andere, was die Welt so bietet, vielleicht nicht haben, und sich nicht alle unsere irdischen Wünsche erfüllen. Denn Jesus stillt den Durst der Seele ganz.

Und diese Erfahrung sind wir den Armen und Bedürftigen in der Welt genauso schuldig, wie frisches Trinkwasser. Wir haben als Christen eine Gabe, die sie zum ewigen Leben führt, und nach der sie genauso dürsten, wie alle Menschen. Christliches Handeln beinhaltet mit Sicherheit Nächstenliebe und auch Entwicklungshilfe. Natürlich ist es unsere Aufgabe, die materiellen Bedürfnisse der Armen zu befriedigen, sie vor Hunger, Unterdrückung und Tod zu bewahren oder zu retten. Auch gegen Umweltverschmutzung und Ungerechtigkeit gilt es, die Stimme zu erheben. Aber wir haben den Menschen zusätzlich noch etwas Größeres zu bieten, etwas das über diese Welt hinaus weist, das sie ganz erfüllt und ihre Seele ruhig macht.

Das kleine Mädchen Nura aus Somalia, von dem ich zu Anfang erzählte, wird vielleicht eines Tages danach fragen. Sie wird noch mehr haben wollen, als Wasser zum Trinken, etwas, das bleibt und sie bestimmt glücklich macht. Und das wird auch sie nur finden, wenn sie vom „lebendigen Wasser“ trinkt und sich in Ewigkeit geliebt weiß. Dann wird ihre Freude wirklich groß und ihr Leben schön und unbeschwert.

Amen.

 

 

Die Predigt von Johannes der Täufer

Dieser Sonntag ist der Tag  vor dem 24. Juni, und das ist seit alters her der „Tag der Geburt Johannes des Täufers“, denn nach der Schrift wurde er sechs Monate vor Jesus geboren. Wir können das Johannisfest gerne am vorangehenden Sonntag feiern. Das haben wir getan, denn das passte wunderbar zu dem Ereignis, das heute in unserem Gottesdienst außerdem stattfand,  der Taufe eines jungen Erwachsenen.
Er studiert Jura  und interessiert sich vor allem für das Völkerrecht, d.h. er „wünscht sich eine gerechte Welt für alle, unabhängig von Geschlecht, sexueller Identität und Religion. Er respektierst alle Lebensformen und setzt sich bereits jetzt für Chancengleichheit ein“, wie er selber sagt.  Wenn er fertig ist, möchte er gern ins Ausland gehen, und zwar dorthin, wo es Konflikte oder Krisen gibt, und er eventuell helfen kann.

Predigt über Matthäus 3, 1- 12: Johannes der Täufer

Tag der Geburt Johannes des Täufers, 23.6.2019, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Matthäus 3, 1- 12

1 Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa
2 und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!
3 Denn dieser ist’s, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat (Jesaja 40,3): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«
4 Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig.
5 Da ging zu ihm hinaus die Stadt Jerusalem und ganz Judäa und alle Länder am Jordan
6 und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.
7 Als er nun viele Pharisäer und Sadduzäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?
8 Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!
9 Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.
10 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
11 Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
12 Er hat seine Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.

Liebe Gemeinde.

Es gab in der Geschichte der Menschheit immer wieder charismatische Personen, die eine Massenbewegung auslösten und gesellschaftliche Veränderungen heraufführten. Martin Luther King war z.B. einer. Von Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre war er der bekannteste Sprecher der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner. Durch seinen Einsatz wurde die Rassentrennung am Ende gesetzlich aufgehoben.

Ein weiteres berühmtes Bespiel ist Mahatma Gandhi, ein indischer Rechtsanwalt, Publizist, Widerstandskämpfer, Asket und Pazifist, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum politischen und geistigen Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung wurde. Mit gewaltfreiem Widerstand führte diese Bewegung schließlich das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien herbei.

In der Bibel finden wir solche Gestalten ebenso, große Propheten, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregten und die Volksscharen in Bewegung setzten. Einer davon ist Johannes der Täufer. Wir haben eben aus dem Evangelium etwas über ihn gehört.

Wie Gandhi war auch er ein Asket, darauf weisen seine Kleidung und Nahrung hin. Lange Zeit lebte er zurückgezogen in der Wüste, abseits des weltlichen Geschehens, ganz auf Gott ausgerichtet. Doch eines Tages trat er auf und predigte im Stil der alten Propheten. Er rief zu Buße und Umkehr auf und kündigte das Kommen des Gottesreiches an. Er stand am Ufer des Jordans gegenüber von Jericho, und unzählige Menschen gingen zu ihm, um ihn zu hören. Wer seiner Botschaft folgte und seine Sünden bekannte, ließ sich von ihm taufen. Johannes vollzog die Taufe durch Eintauchen ins fließende Wasser, und sie bedeutete eine symbolische Reinigung.

Doch nicht allen gefiel das. Pharisäer und Sadduzäer, die führenden Leute des Judentums, stellten sich ihm entgegen. Sie taten zwar so, als ob sie ihn ernst nahmen, aber Johannes entlarvte ihre unehrliche Gesinnung und beschimpfte ihre Falschheit. Nur wer es mit der Umkehr ernst meinte, konnte dem zukünftigen Gericht entkommen. Das war seine Warnung. Und Umkehr bedeutete für ihn die radikale Anerkennung Gottes. Dabei sollte sich niemand in falscher Sicherheit wiegen. Gott ist frei in seiner Entscheidung, und sein Strafgericht trifft jeden, der seine Sünden nicht bekennt. Mit drastischen Bildern beschreibt Johannes diesen Vorgang: Es ist wie das Fällen eines Baumes und wie die Trennung von Weizen und Spreu.

Aber er bleibt nicht bei der Strafpredigt, er schließt daran die Ankündigung eines „Größeren“ an. Er wird nach ihm kommen, und „mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen“. Aus christlicher Sicht sagt er damit das Auftreten Jesu an. Denn Jesus war vom Geist gezeugt und mit der Fülle des Geistes ausgerüstet, das ist die Botschaft des Evangeliums. Und das, was Jesus Christus durch seinen heiligen Geist am Menschen tut, ergibt dann erst die rechte Taufe. Sie schenkt die vergebende Gnade Gottes, und es wird ein neuer Mensch geboren, der in das Reich Gottes zum ewigen Leben gelangt. So dürfen wir die Worte von Johannes über die „Geisttaufe“ verstehen.

Doch nicht nur der Geist, der das neue Leben gibt, wird von Jesus Christus verwaltet, sondern auch das Feuer, das das Böse verzehrt. Denn er vollstreckt gleichzeitig das göttliche Gericht. Mit den beiden Worten „Geist und Feuer“ wiederholt Johannes der Täufer die Verheißung des Alten Testmentes. Dort war die Ausgießung des Geistes für die letzten Tage versprochen. Zugleich wird vielfach auch vom Feuer geredet, in das Gott Israel bringt.

Mit dieser Weissagung hat Johannes in wunderbarer Weise Jesus den Weg vorbereitet. Er hat seine königliche Herrlichkeit verkündet und dem Volk zugleich deutlich gemacht, wozu es ihn brauchen wird: Er ist gesandt, um die Welt durch Gnade und Gericht von der Macht des Bösen zu erlösen. Seine Ankündigung deckt sich dann auch mit den Worten und Taten Jesu. Wenn wir das Evangelium weiterlesen, finden wir bestätigt, was Johannes am Anfang gesagt hat.

Die Frage ist deshalb allerdings, wozu wir seine Predigt überhaupt noch brauchen. Für die Menschen damals erscheint es sinnvoll, dass einer vorweg ging und den Messias ankündigte. Für uns, die wir an Jesus Christus glauben und seine Botschaft kennen, wirkt sie dagegen etwas überholt. Warum müssen wir uns noch mit Johannes dem Täufer beschäftigen? Und warum gibt es sogar einen kirchlichen Gedenktag für ihn? Wir begehen ihn zwar nicht jedes Jahr, aber er ist in unserem liturgischen Kalender vorgesehen.

Und das ist auch sinnvoll. Drei Gründe gibt es, warum Johannes immer noch interessant ist: Erstens ist seine Predigt nach wie vor aktuell. Zweitens ist seine Taufe ein Vorläufer der christlichen Taufe, und drittens erkennen wir beim Vergleich zwischen Johannes und Jesus deutlich, was uns durch Jesus Christus geschenkt wurde. Lasst uns diese drei Punkte deshalb bedenken.

Zunächst geht es um den Ruf des Täufers zur Umkehr, und der ist nie überholt. Er bedeutet eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und Denken, und das Ziel ist ein Sinneswandel. Und der ist oft nötig, sowohl in der Gesellschaft als auch in unserem persönlichen Leben. Die beiden großen Prediger, Martin Luther King und Mahatma Gandhi haben das ebenso getan, und sie haben damit viel Gutes bewirkt. Es gab ein Umdenken und große Veränderungen in der jeweiligen Gesellschaft. Und das brauchen wir heutzutage ebenso. Es passiert vieles in der Welt, das böse ist, Kriege und Umweltzerstörung, Aufrüstung und Hunger, Ausbeutung und Ungerechtigkeit usw. Wenn wir Menschen nicht immer wieder umdenken, unsere Sünden bekennen, Buße tun und neu anfangen, wird es uns irgendwann nicht mehr geben. Insofern ist es gut, auf die mahnende Stimme von Johannes dem Täufer zu hören.

Der zweite Grund für seine Bedeutung liegt in seiner Taufpraxis. Sie war für die ersten Christen ein Beispiel, das sie nachgeahmt haben. Es gab im Judentum zwar schon immer rituelle Waschungen, die der symbolischen Reinigung dienten, aber die Taufe von Johannes hatte noch eine größere Bedeutung. Denn sie ging mit einem Sündenbekenntnis einher und sollte einen Neuanfang einleiten. Wer sich von ihm taufen ließ, hatte eine Entscheidung getroffen. Er stellte sich offenkundig vor Gott und Menschen als Sünder dar und versprach, mit seinem bisherigen Weg abzuschließen, das Böse in Zukunft zu meiden und den Willen Gottes zu beachten. Und das alles spielt auch bei uns eine Rolle, wenn Menschen getauft werden.

Dabei ist nun aber als drittes wichtig, in wie fern sich Johannes und Jesus voneinander unterscheiden. Johannes sagt selber: „Der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen.“ Jesus ist der Stärkere, und der Täufer räumt ihm diese Rolle auch ein. Das Ausziehen der Sandalen war ein niedriger Dienst, dem Sklaven vorbehalten. Wenn der Täufer sich also noch nicht einmal für würdig hält, dem Kommenden diesen Dienst zu tun, kann der Abstand nicht augenfälliger verdeutlicht werden.

Worin aber besteht der? Was ist an Jesus so anders? Seine Predigt unterschied sich in vielem gar nicht so sehr von der des Johannes. Auch er verkündigte das nahe Gottesreich und rief die Menschen auf, sich darauf einzustellen. Der große Unterschied ist allerdings der, dass Jesus es mit sich selber bereits gekommen sah. Er ermahnte die Menschen nicht nur, er schenkte ihnen auch etwas. Mit seinem Erscheinen war das Reich Gottes da, das war seine Botschaft. Er ist der „Friedefürst“, der etwas von der Ewigkeit in die Welt gebracht hat. Wir müssen also nicht nur auf Jesus hören, es gilt auch, sich auf ihn einzulassen, ihm zu vertrauen und ihn um seiner selbst willen zu lieben. Nicht unsere Vorstellungen von einer besseren Welt sind der Sinn des christlichen Lebens, sondern Jesus Christus selber und seine Liebe.

So ist auch unsere Taufe nicht nur ein symbolischer Akt, sondern wir glauben, dass wir dabei mit Christus verbunden werden, in seine Wirklichkeit eintauchen und Anteil bekommen an der Ewigkeit.

Und das bedeutet eine noch viel größere Veränderung, als lediglich ein Sündenbekenntnis. Die Sünden werden uns vergeben, „der alte Mensch wird ersäuft, und es kommt ein neuer Mensch heraus, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ So sagt Luther es im Kleinen Katechismus. (Das viete Hauptstück, das Sakrament der heiligen Taufe, zum Vierten)

Und das ist wichtig, wenn wir für den Frieden oder das Gute wirken wollen, wenn wir umkehren und neu anfangen. Wir sind als Christen erfüllt von einer besonderen Kraft, und das heißt, wir sind nie allein, wir werden gehalten und gestärkt. Wir haben ein Vertrauen, das tiefer geht, und eine Zuversicht, die über diese Welt hinausweist.

Und das ist gerade dann entscheidend, wenn wir mal scheitern. Das kommt ja leider oft vor. Sowohl im persönlichen Leben als auch bei unserem Engagement für andere erreichen wir lange nicht alles, was wir uns wünschen. Wir kommen immer wieder an unsere Grenzen, werden enttäuscht und sind oft frustriert. Es besteht die Gefahr, dass wir die Hoffnung verlieren. Und genau davor kann Jesus Christus uns bewahren. Wir müssen in solchen Situationen nur auf ihn schauen und zu ihm rufen. Er lebt und er ist da, für uns und für die ganze Welt, und er ist selber aktiv. Er baut sein Reich nicht nur durch diejenigen, die immer alles hinbekommen, sondern auch und gerade durch diejenigen, die mit seiner Kraft und Gegenwart rechnen. Als Christen wissen wir, es hängt nicht alles von uns ab. Wir müssen uns zwar immer wieder auf den Weg machen, aber wir dürfen dabei auf den vertrauen, der uns vorangeht. Wir sind auf die ewige Zukunft ausgerichtet, wir sind erlöst und frei und können entspannt und gelassen bleiben.

Und dadurch sind wir viel handlungsfähiger als manch anderen. Auch Martin Luther King hatte dieses Lebensgefühl, denn er war vom Glauben getragen. Er war ein Baptistenprediger, d.h. ein Christ, der sein Leben ganz in den Dienst des Evangeliums gestellt hatte. Die Baptisten taufen die Menschen bewusst erst, wenn sie erwachsen sind und zum Glauben gefunden haben. Die Entscheidung für Jesus Christus geht der Taufe voraus. So war es bei Martin Luther King also ganz sicher.

Und auch Gandhi war ein tief religiöser Mensch. In seiner Familie wurde eine Form des Hinduismus gelebt, bei der Gebet und Frömmigkeit hervorgehoben wird. Gandhi ging sein Leben lang davon aus, dass Geist und Materie miteinander verbunden sind, und dass das Verhalten des Individuums metaphysische Konsequenzen hat. Sein Handeln war also weit mehr, als bloßer Aktionismus, und die Wirkung hatte etwas damit zu tun, dass er tief im Glauben an Gott verwurzelt war.

Und das zeichnet auch uns Christen aus. Wir haben einen großen Beistand und sind eingeladen, ihm mit unserem ganzen Leben zu folgen und zu vertrauen. Unsere Devise lautet: „Aufschaun, umkehren, loslassen, was nicht hält!“ „Dem Herrn die Ehre zollen und glauben seinem Bund.“

So ist es in dem Erzähllied über Johannes den Täufer ausgedrückt, das in unserem Gesangbuch steht. (EG 312) Der ursprüngliche Text stammt von Huub Oosterhuis, einem holländischen Theologen und Dichter, der besonders die politische Verantwortung der Christen betonte. Es ist als Lied für diesen Tag vorgesehen und fasst in sehr schöner Weise zusammen, was Johannes der Täufer für uns heute noch bedeuten kann.

Amen

Christus spricht: „Meinen Frieden gebe ich euch“

Predigt über Johannes 14, 15- 19. 23b- 27: Die Verheißung des Heiligen Geistes

Pfingstsonntag, 9.6.2019, 9.30 Uhr Lutherkirche Kiel

Johannes 14, 15- 19. 23b- 27

15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.
16 Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit:
17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.
19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.
23b Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
24 Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.
25 Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin.
26 Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
27 Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Liebe Gemeinde.

Der Theologiestudent Nils Straatmann hatte die trockene Theorie satt. Er wollte die Orte, an denen Jesus gewirkt hat, mit eigenen Augen sehen. Mit einem Schulfreund reiste er deshalb 2016 in den nahen Osten, um der Route des historischen Jesus zu folgen. Die beiden wanderten vom vermeintlichen Geburtsort Bethlehem bis zum Berg Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze. Sie wollten wissen, ob sie Jesus bei dieser Wanderung finden würden, 2000 Jahre später. Sie besuchten Handwerker in Nazareth, fuhren mit dem letzten Fischer auf den See Genezareth und feierten mit Drusen am Lagerfeuer.

Doch es blieb keine Reise in die Vergangenheit, im Gegenteil, das Unternehmen wurde zu einem aufrüttelnden Roadtrip, bei dem sie immer wieder auf Mauern, Panzer und bewaffnete Soldaten stießen. Und obwohl sie bei den Menschen, die sie trafen, ebenso viel Hoffnung, Hilfsbereitschaft und Weisheit erfahren haben, fanden sie Jesus auf ihrer Wanderung nicht. Das Fazit war vielmehr: „Eine Figur wir er wäre heute nicht mehr möglich!“ Das ist einer der letzten Sätze in dem Buch, das Nils Straatmann über diese Reise geschrieben hat. (Nils Straatmann, Auf Jesu Spuren, eine Reise durch Israel und Palästina, München 2017

Doch das hat ihn nicht entmutigt, er kommt vielmehr zu dem Ergebnis, dass „wir alle gute Menschen sind, solange wir es versuchen. Wer Frieden will, muss friedlich sein.“

Und genau das hätte auch Jesus sagen können, denn das hat er hinterlassen: Er hat uns die Möglichkeit und die Kraft geschenkt, in seinem Geist und im Frieden zu leben. In dem Evangelium von heute, das zugleich der Predigttext ist, heißt es am Ende: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“

Der Abschnitt ist ein Teil der sogenannten Abschiedsreden Jesu. (Johannes 13,1- 17,26) Er spricht hier mit seinen Jüngern und kündigt seinen Weggang an. Sie werden bald allein sein und sich auch als „Waisen“ fühlen. Das sagt er ihnen voraus, denn er weiß, dass das für sie nicht leicht sein wird. Sie hatten mit ihm endlich einmal erlebt, wie es ist, wenn Gott ganz nah ist. Jesus hatte ihnen Liebe und Barmherzigkeit gebracht. Er hat Menschen geheilt und viel Leid abgewendet. Sie hatten geglaubt, dass durch ihn nun endlich eine bessere Zeit anbrechen würde. Doch jetzt wird er sie bald wieder verlassen. Soll also alles bleiben wir vorher? Sollen sie weiter auf eine neue Welt, auf den Messias und den ewigen Frieden warten müssen?

Auf diese Frage geht Jesus hier ein und er sagt ganz eindeutig: Habt keine Angst, es hat sich etwas für euch geändert, selbst wenn ich jetzt weggehe. Denn ich werde euch jemanden schicken, der mich vertritt. Jesus nennt ihn den „Tröster“, man kann auch übersetzen „Fürsprecher“ oder „Beistand“. Er sagt: „Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit“. Er wird diesen „Helfer“ also vom Vater erbeten und er verspricht ihnen, dass der immer bei ihnen bleiben wird. Es ist der „Geist der Wahrheit, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ So lauten die Worte Jesu. Die Jünger werden ihn also nicht vergessen und seine Lehre bewahren. Durch den Heiligen Geist ist sichergestellt, dass die Offenbarung Gottes weitergeht: „Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“ So drückt Jesus das aus. Gott verbirgt sich nicht, sondern seine Kraft und Liebe werden lebendig bleiben, und zwar in denen, die Jesus kennen, ihn lieben und an ihn glauben.

Jesus sagt bewusst, dass „die Welt ihn nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht.“ Er bleibt der Welt also fremd. Nur die Jünger bekommen ihn geschenkt. „Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“ Das ist seine Verheißung.

Jesus wird also an keinen Ort und an kein Land mehr gebunden sein und auch nicht an die Zeit, sondern an die, die an ihn glauben und auf sein Wort hören. Bei ihnen wird man ihn finden. Die Abläufe in der Welt verändern sich durch ihn nicht. Er sucht vielmehr den einzelnen Menschen. Und der muss sich persönlich an seinem Reich beteiligen. Er muss in den Dienst des Geistes treten, ihn suchen und erbitten und ihn auch in sich hinein lassen. Jesus sagt das mit den Worten: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.“ Und wo das geschieht, ist Jesus da, in dem Menschen, der sich zu im bekennt. Denn er und sein Vater „werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“

Das ist die Pfingstbotschaft, die auch an uns gerichtet ist, und das ist gut. Denn wir fragen uns sicher oft, wo Jesus denn heutzutage ist. Dabei ist der Theologiestudent Nils Straatmann nicht der Einzige, der ausprobiert hat, ob er ihn eventuell in seinem historischen Heimatland findet. Viele Christen pilgern dorthin, um die Stätten zu besuchen, an denen Jesus gelebt und gewirkt hat. Es herrscht dort deshalb auch ein reger Tourismus, der natürlich von den Einheimischen gefördert wird. Es gibt überall Souvenirs, die an Jesus erinnern, und an einer Stelle im Jordan kann man sich sogar noch einmal taufen lassen. Viele Pilger geraten dabei in Verzückung und sind zu Tränen gerührt. Angeblich erleben sie die Nähe Jesu.

Aber hat das wirklich etwas mit seinem Geist zu tun? Es wirkt eher wie eine spirituelle Dienstleistung, mit der Geld gemacht wird. Jesus hätte das möglicherweise sogar abgelehnt. Denn es ging ihm um etwas ganz anderes: Um die Liebe und um sein Wort. Und das hat sich nach seinem Abschied zum Glück über Landesgrenzen hinweg ausgebreitet und ist heute auf der ganzen Welt zu hören. Die Macht Jesu und seine Liebe sind universal, sie umspannen den ganzen Erdkreis. Wir können ihn also überall und zu jeder Zeit finden. Es gibt dazu das sehr schöne Lied in unserem Gesangbuch, das mit der Zeile beginnt „der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“. (EG 266) Es steht unter der Rubrik „Ökumene“. Dieses Wort bezeichnet ursprünglich die ganze „bewohnte Erde“, wird aber insbesondere für die „Gesamtheit der Christen“ gebraucht. (Duden) Alle Kirchen und Konfessionen gehören dazu. Das Christentum ist zu einer Weltreligion geworden. Und dadurch gibt es immer irgendeinen Menschen, der sich an Jesus erinnert und seinen Geist in sich trägt. In dem Lied heißt es: „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht. Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben den Menschen überm Meer das Licht: Und immer wird ein Mund sich üben, der Dank für deine Taten spricht.“ (EG 266, 3.4) Das ist der erste Gedanke, der sich aus dem ergib, was Jesus seinen Jüngern verheißt, und was wir zu Pfingsten feiern.

Wenn wir wissen wollen, wo Jesus ist, dann müssen wir also eine ganz andere Reise unternehmen als nach Israel, und zwar die Reise nach innen. Und das heißt, wir müssen in uns hineinschauen und überprüfen, was da los ist. Welcher Geist erfüllt uns? Welche Gedanken bestimmen uns? Woran erinnern wir uns am liebsten? Oft sind wir ein Teil dieser Welt und halten uns an das, was wir in ihr finden. Das sind all die Dinge, die wir sehen und hören, was sich unseren Sinnen darbietet. Aber auch das, was wir planen und tun, gehört dazu, unsere Aktivitäten und Beziehungen. Mit all dem sind wir oft so beschäftigt, dass wir nicht mehr merken, dass es auch noch etwas ganz anderes gibt, nämlich die Gegenwart Christi und seinen Geist. Seine Verheißung fordert uns deshalb auf, uns immer wieder zu entscheiden, was uns erfüllen soll. Wir müssen selber Schritte tun, aufbrechen und gelegentlich die Blickrichtung ändern, weg von dem vielen, das uns umgibt und hin zu dem einen, der uns regiert und in uns wohnen möchte. Er hat uns seine Liebe und sein Wort gegeben, und es ist gut, wenn wir uns darauf einlassen. Oft bedeutet das, dass wir innerlich umkehren, aber es ist sehr verheißungsvoll. Denn wir werden zu etwas sehr Schönem eingeladen. Jesus spricht ja nicht umsonst vom „Tröster“, von einem „Beistand“ und „Fürsprecher“. Wir können ihn empfangen, und das tut gut, denn er erfüllt uns mit neuer Kraft und Zuversicht. Und die ist unabhängig von der Welt. Sie wird uns von Gott geschenkt, der nicht abwesend ist, sondern eigentlich immer darauf wartet, dass wir uns auf diese Weise für ihn öffnen. Das ist der zweite Gedanke.

Und als drittes kann sich dadurch etwas in der Welt verändern. Frieden wird möglich, denn den hat Jesus uns versprochen. Sein Geist ist vor allen Dingen ein Geist der Liebe und des Friedens. Wenn er in uns einzieht, werden wir fähig, von uns selber Abstand zu nehmen, loszulassen und aufeinander zuzugehen. Konflikte und Kriege entstehen ja immer dadurch, dass Menschen für das kämpfen, was sie für das Gute und Richtige halten. Sie wollen ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche durchsetzen, zur Not mit Gewalt. In dem Buch von Nils Straatmann wird das eigentlich am deutlichsten, denn diese Situation ist im Nahen Osten allgegenwärtig. Der Student hat bei seiner Reise sowohl Palästinenser als auch Juden getroffen, und alle haben ihm immer ihre Sicht der Dinge dargestellt. Jeder und jede fühlte sich im Recht und sah in den anderen das Problem. Keiner kam auf die Idee, die eigenen Gedanken einmal zu relativieren und sich in die Gegenseite hineinzuversetzen. Lieber leidet und wartet man auf bessere Zeiten, oder man kämpft und sichert sich ab.

Und so ist es fast immer zwischen Menschen, die in einem Konflikt miteinander leben. Das gibt es ja überall, auch in viel kleineren sozialen Zusammenhängen, wie in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft usw. Wir streiten uns oft, denn es ist schwer, von den eigenen Vorstellungen einmal abzulassen und die Dinge anders zu sehen, als wir es gewohnt sind. Das geht nicht so einfach, denn wir hängen viel zu sehr an unseren Ideen und Wünschen. Aus eigener Kraft schaffen wir das kaum.

Aber genau deshalb hat Jesus uns seinen Geist hinterlassen. Wenn wir ihn in uns hineinlassen, können wir von uns selber absehen, und umgekehrt: Um den Geist Jesu zu empfangen, müssen wir loslassen. Beides gehört zusammen. Und auch wenn das im ersten Moment wie ein Verzicht wirkt, so liegt darin eine ganz große Befreiung: Wir werden befreit zum Lieben und zum wahren Leben. Menschen finden zueinander, die sich vorher feind waren, Konflikte werden beigelegt, Streit wird beendet und Kriege hören auf.

Es lohnt sich deshalb, wenn wir  den Geist Jesu in uns wohnen lassen und friedlich werden. Und es ist gut, wenn wir ihn selber darum bitten, so wie das auch Georg Werner 1638 in seinem Pfingstlied „Freut euch, ihr Christen alle“ tut. (EG 129) Er sagt in der dritten Strophe:

„Verleih, dass wir dich lieben, o Gott von großer Huld, durch Sünd dich nicht betrüben, vergib uns unsre Schuld, führ uns auf ebner Bahn, hilf, dass wir dein Wort hören und tun nach deinen Lehren: das ist recht wohlgetan.“

Amen.

 

Christus ist unser guter Hirte

Predigt über Johannes 10, 11- 16. 27- 30: Jesu Rede über den guten Hirten

2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 5.5.2019
Luther- und Jakobikirche Kiel

Johannes 10, 11- 16. 27- 30:

1 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –,
13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,
15 wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.
16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir;
28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.
29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen.
30 Ich und der Vater sind eins.

Liebe Gemeinde.

Der Wolf ist wieder da. Seit einigen Jahren erobern sich die Tiere ihre ursprüngliche Heimat zurück, nachdem sie in Deutschland seit Anfang des 20. Jahrhunderts als ausgerottet galten. Doch in fast allen Bundesländern siedeln sie sich mittlerweile wieder an. Das ist deshalb möglich, weil Wölfe äußerst anpassungsfähig und nicht auf unberührte Wildnis angewiesen sind. Sie kommen in unserer Kulturlandschaft gut zurecht. Naturschutzverbände begrüßen die Wiederbesiedlung Deutschlands durch den Wolf.

Ob das gelingt, ist allerdings von der Akzeptanz und Toleranz durch die Bevölkerung abhängig. Besonders die Halter von Schafen sind da sehr kritisch, denn es gibt immer wieder Übergriffe von Wölfen, die dann ein oder mehrere Schafe reißen. In den Medien erregt das viel Interesse, denn die Debatte darüber ist sehr kontrovers. Dass die Nutztierherden besser geschützt und die Schäfer wirtschaftlich unterstützt werden müssen, ist sowohl den Gegnern als den Befürwortern von Wölfen in Deutschland klar. Angewiesen sind die Wölfe auf die Schafe nicht, denn eigentlich erbeuten sie wilde Tiere. Dass sie sich an Nutztieren vergreifen, ist eher die Ausnahme.

Die gab es allerdings bereits in biblischen Zeiten. Das Verhältnis zwischen Wolf und Hausschaf war offensichtlich schon immer angespannt. Das geht aus vielen Stellen in der Bibel hervor, so auch aus dem Evangelium von heute. Es steht bei Johannes und ist ein Teil der Rede Jesu über „den guten Hirten“. Das ist eine der großen Bildreden, die wir im Johannesevangelium finden. In ihnen offenbart sich Jesus seinen Jüngern mit bildhaften Selbstaussagen. Er bezeichnet sich darin unter anderem als „das Brot des Lebens“ (Joh. 6,35), „das Licht der Welt“ (Joh.8,12) oder „den wahrhaftigen Weinstock.“ (Joh.15,5) Alle diese Bilder sind mit einer Verheißung und einer Einladung an die Hörer verbunden, und so ist es auch in unserem Text: Das Bild ist hier der Hirte, die Verheißung besteht darin, dass er sein Leben für die Schafe hingibt, um sie zu bewahren, und die Einladung ist die, auf seine Stimme zu hören und ihm zu folgen.

Und dieses Bild taucht wie gesagt an mehreren Stellen in der Bibel auf, die berühmteste ist Psalm 23. Dort wird Gott als der gute Hirte bezeichnet, und das beinhaltet viele schöne, romantische Vorstellungen: Von einer „grünen Aue“ und „frischem Wasser“ ist da die Rede, von der „Erquickung der Seele“ und sicherer „Führung“.

Natürlich schwingt diese Idylle auch in der Rede Jesu mit, aber er erwähnt sie bewusst nicht. Was hier genannt wird, klingt vielmehr eher hart und sehr ernst, fast sogar ein bisschen düster. Denn Jesus beginnt gleich mit der Aussage: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ Das wiederholt er nachher sogar noch einmal. Dieser Hirte leidet und stirbt also, er opfert sich selber, und das ist nun gar nicht idyllisch. Jesus redet dann auch im Weiteren erst mal nur von den grausamen Seiten dieses Bildes, denn er erwähnt die Gefahren, denen die Schafe ausgesetzt sind. Dazu gehörte als markantestes Problem offensichtlich der Wolf, der die Schafe zerriss. Das kannten die Menschen. Und es kam wohl nicht selten vor, dass der Schäfer dann floh und die Schafe im Stich ließ. Allerdings geschah das nur, wenn ihm die Herde nicht selber gehörte und er lediglich angestellt war. Er entzog sich einfach den Gefahren und der Verantwortung. Das greift Jesus jedenfalls als Gleichnis auf. In der Lutherübersetzung wird der Lohnarbeiter „Mietling“ genannt. Er „kümmert sich nicht um die Schafe“, wie Jesus sagt.

Er kennt sie ja auch gar nicht richtig, sie bedeuten ihm nichts. Das ist der Punkt, auf den Jesus hier hinaus will. Denn das ist bei dem Besitzer der Schafe anders, und mit ihm vergleicht Jesus sich. D.h. er hat zu denjenigen, die zu seiner Herde gehören, also zu den Menschen, die an ihn glauben, eine lebendige Beziehung. Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater.“ Es gibt zwischen ihm und den Gläubigen also eine enge Verbundenheit, die sogar mit der himmlischen Gemeinschaft zwischen Gott und Jesus verglichen wird. Jesus nennt Gott hier seinen Vater, und so wie er und der Vater eins sind, so kommt es auch zu einer geistigen Einheit zwischen ihm und den Gläubigen.

Etwas weiter unten beschreibt er das noch einmal genauer, denn da sagt er: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ Das ist seine Verheißung. Und damit ist die Einladung verbunden, wirklich auf ihn zu hören und ihm nachzufolgen, d.h. ihm zu vertrauen und sich seinem Schutz zu unterstellen. Wir sind aufgefordert, uns der Herde Jesu anzuschließen und uns von ihm führen zu lassen.

Sicher versuchen wir das auch, denn uns gefällt das Bild von dem guten Hirten. Aber möglicherweise fragen wir uns manchmal, ob das überhaupt etwas bringt. Vor welchen Gefahren beschützt Jesus uns denn? Was kann er und was tut er? Ist er tatsächlich da? Wir sind doch unzähligen Notlagen ausgesetzt, gegen die er nichts unternimmt. Es kommt uns oft so vor, als ob er sich gar nicht wirklich um uns kümmert. Denn auch wenn wir an Jesus glauben, ist das Leben häufig sehr leidvoll. Es kann z.B. eine schlimme Krankheit sein, die uns befällt. Oder eine Naturkatastrophe bricht über uns herein. Wir sehen gerade in Mozambique, wieviel Leid das verursacht. Auch Krieg und Ungerechtigkeit verhindert Jesus nicht, im Gegenteil, es werden mehr Christen verfolgt und getötet als Gläubige aus anderen Religionen. „Wölfe wüten“ in ihren Reihen, und Jesus scheint davor zu „fliehen“. Was sollen wir also mit dem Bild von dem angeblich „guten Hirten“ anfangen? Das fragen wir uns. Wir zweifeln an seiner Wahrheit.

Deshalb müssen wir darüber nachdenken, wie es gemeint sein kann, und dazu sind mir drei Punkte eingefallen.

Zunächst einmal sollten wir erkennen und zugeben, dass es nicht nur äußere Gefahren gibt, die unser Leben bedrohen und zerstören können. Es gibt auch „innere Wölfe“, die uns von innen her zerreißen. Das sind all unsere negativen Eigenschaften und Kräfte. Zu jeder äußeren Bedrohung gibt es immer ein inneres Gegenstück: Bei einer Krankheit sind es die Angst und die Sorge, bei Krieg und Katastrophen die Bitterkeit und der Groll, bei schweren Verlusten die Traurigkeit und Schwermut usw. Aber auch unsere Begierden gehören zu den Gefahren von innen: Es kann ein unstillbarer Drang nach einem Menschen sein, der gar nicht mit uns zusammen sein will, eine Besessenheit. Ebenso zählt eine Abhängigkeit dazu, ein schweres Laster oder eine Sucht, und vieles mehr. Unser Leben ist von unzähligen inneren Nöten bedroht, unsere Seele ist ständig in Gefahr, zerrissen zu werden.

Und vor all dem kann Jesus uns durchaus bewahren. Wir müssen nur auf seine Stimme hören und ihm folgen, ihm vertrauen und mit seiner Kraft rechnen. Anstatt uns den negativen Kräften hinzugeben, können wir zu ihm rufen und ihn um seinen Beistand bitten. Er kümmert sich dann um uns, er läuft nicht weg, sondern passt auf uns auf. Er verscheucht die negativen Gedanken und Gefühle. Wir werden nicht von innen her zerrissen, sondern durch seine Liebe und Gegenwart geheilt. Der „Wolf“ wird kontrolliert und verzieht sich irgendwann. Das ist das erste, was unser guter Hirte Jesus machen kann.

Als zweites müssen wir beachten, dass er uns kein problemfreies irdisches Leben verspricht, darum geht es hier gar nicht. Es geht ihm vielmehr um die Ewigkeit. In erster Linie wird Jesus die Seinen nicht in diesem Leben hier auf Erden versorgen, er gibt ihnen vor allem Anteil an der himmlischen Welt. Er versteht sich selbst als ein Gesandter der Ewigkeit und da will er die Seinen hinein holen, in das Reich Gottes, das grenzenlos ist.

Die Verheißung Jesu reicht also viel weiter, als ein liebliches Idyll. Er ist in das Leid der Menschen hinabgestiegen, er hat es auf sich genommen und sein Leben geopfert, damit wir in Ewigkeit leben. Er ist für uns gestorben und auferstanden, damit wir mit Gott verbunden werden. Und Gott „ist größer als alles“, das betont er hier. Niemand kann deshalb die Schafe „aus des Vaters Hand reißen“. Wenn sie einmal mit dem Vater verbunden sind, der größer als alles ist, dann sind sie bis in alle Ewigkeit gerettet. Das ist seine Verheißung.

Jesus denkt also an noch viel mehr, als an grüne Wiesen und frisches Wasser, und das ist auch realistisch. Damit wird er dem Leben viel eher gerecht. Denn was nützt die ganze Versorgung, wenn am Ende doch der Tod siegt? Wir brauchen tatsächlich noch mehr, als nur den Traum von einer schönen Landschaft, in der wir behütet werden. Wir brauchen eine Perspektive und eine Hoffnung, die über den Tod hinausweist. Nur dann werden wir in der Tiefe unserer Seele wirklich frei und ruhig. Und genau das schenkt Jesus uns. Das ist der zweite Punkt.

Und als drittes tut Jesus etwas, das er in unserem Text folgendermaßen anspricht: „Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.“ Um das zu verstehen, müssen wir uns folgendes in Erinnerung rufen: Die christliche Mission fing in den Synagogen und in der jüdischen Gemeinde an. Die ersten Christen waren demnach Juden, also Menschen, die an die Verheißung Gottes glaubten, das auserwählte Volk zu sein. Und für sie war es nicht selbstverständlich, dass das Evangelium von Jesus Christus allen galt, auch denen, die vorher keine Juden waren, sondern aus ihrer Sicht eben Heiden. An mehreren Stellen im Neuen Testament wird aber genau das betont: Dass alle Menschen auf der Welt zum Heil berufen sind. Die Kirche Gottes kennt keine Grenzen, sie ist weltweit und wird aus Menschen aller Völker und Nationen zusammengesetzt. Und genau diese Behauptung taucht hier innerhalb der Rede Jesu auf. Er meint mit „den anderen Schafen“ die „Heidenchristen“. Sie werden zusammen mit den „Judenchristen“ die eine Kirche Gottes bilden.

Was der gute Hirte stiftet, ist also eine Gemeinschaft, die völlig unabhängig von jedem menschlichen Zusammengehörigkeitsgefühl ist. Niemand muss vorher schon irgendetwas besonderes sein, es gibt keine Bedingungen, an die sich das Heil anknüpft. Wer sich Jesus anvertraut, gehört vielmehr dazu. Und dadurch werden Menschen verbunden, die einander vorher fremd waren. Der gute Hirte stiftet Frieden und überwindet Grenzen und Intoleranz. Das ist das dritte, was er kann und bewirkt.

Es ist also durchaus sinnvoll, dass wir ihm vertrauen und an ihn glauben. Die Vorstellung von Jesus als dem guten Hirten ist keineswegs unrealistisch. Er bannt vielmehr tatsächlich die Gefahren, denen wir in diesem Leben ausgesetzt sind: Den Gefahren von innen, der Gefahr einer ewigen Verlorenheit und der Gefahr des Unfriedens in der Gemeinde. All diese „Wölfe“ werden vertrieben oder kontrolliert. Sie müssen sich unter seine Macht beugen und haben keine Möglichkeit mehr, das Leben zu zerstören.

Amen.

 

 

 

1

 

Das himmlische Erbe

Predigt über 1. Petrus 1, 3- 9: Lebendige Hoffnung

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti
28.4.2019, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

In dem Gotttesdienst wurde eine Jugendliche getauft.

1. Petrus 1, 3- 9

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,
7 damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

Liebe Gemeinde.

Die meisten Menschen erben etwas, wenn ihre Eltern oder nahe Angehörige verstorben sind. Oft rechnen sie sogar damit, weil schon vorher darüber gesprochen wurde. Viele Eltern wollen ihren Kindern auch gerne etwas hinterlassen, das für diese dann einen Wert hat. Das kann ein Haus sein, Geld oder Gold oder anderes Vermögen. Es freut die Erben normalerweise, denn sie können damit in der Regel etwas Sinnvolles anfangen.

Ein Erbe kann allerdings auch Nachteile haben. Wenn ein Mensch nur Schulden hinterlässt, ist es z.B. ratsam, es nicht anzutreten. Eine weitere traurige Begleiterscheinung eines Erbes ist nicht selten Streit in der Familie. Irgendeiner aus der Erbengemeinschaft fühlt sich ungerecht behandelt, und es kommt zu bitteren Zerwürfnissen. Und schließlich müssen wir noch berücksichtigen, dass ein Erbe – wie alle materiellen Güter – der Vergänglichkeit unterworfen ist. Geld zerrinnt, wenn wir es ausgeben, und Häuser verfallen, wenn wir sie nicht pflegen. Wir begrüßen es zwar, wenn wir etwas Schönes oder viel erben, aber für ewig glücklich macht es uns nicht.

Daran dachte der Verfasser des ersten Petrusbriefes, als er schrieb, dass die Christen ein ganz anderes Erbe antreten, als andere Menschen, nämlich „ein unvergängliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel.“ Wenn wir an Christus glauben, treten wir also ein Erbe an, das unzerstörbar und vollkommen ist. Wir bekommen etwas, das uns keiner mehr wegnehmen kann und ewig halten wird. Es liegt für uns im Himmel, d.h. es ist unsichtbar, aber es hat einen Wert, der alles andere weit übersteigt. Jesus Christus hat es für uns hinterlassen, und zwar mit seiner Auferstehung. Er hat den Tod überwunden, er lebt und regiert in Ewigkeit, und daran bekommen wir alle Anteil. Wir erben durch ihn das ewige Leben. Wir müssen nur daran glauben und auf ihn vertrauen, das wird in dem Briefabschnitt weiterhin deutlich.

Es ist der Anfang des ersten Petrusbriefes, eine Art Loblied, in dem Gott für seine „große Barmherzigkeit“ gepriesen wird. Es war in neutestamentlicher Zeit üblich, Briefe mit so einem Dank zu beginnen. Der Schreiber, der sich Petrus nennt, wahrte also die Form. Doch das war nicht der einzige Grund für diesen Briefanfang. Er wollte mit dem, was er hier sagt, außerdem den Glauben derjenigen stärken, an die er schrieb.

Es waren Christen der sogenannten zweiten Generation, d.h. sie waren Jesus Christus nicht persönlich begegnet, sondern durch die Predigt der Apostel zum Glauben an ihn gekommen. Sie hatten „ihn lieb und glaubten an ihn, obwohl sie ihn nicht gesehen haben“, wie es heißt. Sie hatten sich also für Christus entschieden, und das war am Anfang mit viel Freude verbunden. Wir wissen aber, dass das Glücksgefühl dieser Menschen nicht lange dauerte, denn sie gerieten bald in Bedrängnis. Von vielen Außenstehenden wurden sie verdächtigt, geschmäht, angeklagt und sogar vor Gericht gestellt, und so waren sie „traurig in mancherlei Anfechtungen“.

Das hat der Schreiber des Petrusbriefes vor Augen, und er will den Christen Mut machen. Sie sollen sich von ihrem neuen Bekenntnis nicht abbringen lassen, auch wenn sie deswegen verfolgt werden. Dazu erinnert er sie an Gottes Handeln in Jesus Christus. Es war gut, dass sie sich darauf eingelassen hatten, denn sie haben dadurch einen neuen Daseinsgrund. Das wesentliche Merkmal ihrer Existenz ist nicht mehr die Angst vor dem Tod, sondern „der Seelen Seligkeit“, wie er es formuliert.

Der Verfasser stellt den Christen also die Ewigkeit vor Augen. Er lässt das himmlische Erbe in ihrem Geist lebendig werden, und damit will er sie zum Durchhalten motivieren. Die Anfechtungen sind eine Prüfung, durch die ihr „Glaube als echt und viel kostbarer befunden wird als das vergängliche Gold.“ Das Leid ist kein Grund, vom Glauben wieder abzufallen. Es ist vielmehr eine Bewährungsprobe, mit der seine Echtheit festgestellt wird. Es dauert auch nur „eine kleine Zeit“ im Vergleich zur Ewigkeit, die auf sie wartet. Gott wird sie durch seine „Macht bewahren“ und „dann werden sie sich freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude“. Sie werden dabei sein, wenn „Jesus Christus offenbart wird“. Und das alles ist wie „eine neue Geburt“, die eine lebendige Hoffnung begründet.

Die Botschaft lautet hier also: Durch die Auferstehung Jesu Christi haben alle, die an ihn glauben, eine ewige Zukunft. Ihnen wird ein neues Dasein geschenkt, das im Tod nicht aufhört, es geht weiter. Die Freude des Heils ist zeitlos und weist über alles Irdische hinaus. Diese schöne Verheißung gilt bis heute allen Gläubigen, sie ist also auch an uns gerichtet: Wir werden mit Christus auferstehen, weil wir durch die Barmherzigkeit Gottes zu einem neuen Leben wiedergeboren werden.

Die Frage ist allerdings, was das für unsere Lebensführung bedeutet. Freuen wir uns darüber wirklich? Wie können wir diese Hoffnung denn gewinnen und behalten? Vieles in der Welt und in der Menschheit ist so schlimm und bedrückend, dass wir sie manchmal verlieren. Wir können die Probleme, die es in unserer Zeit gibt, auch nicht einfach durch den Glauben herunterspielen. Sie behalten ihre Macht und stellen solche Verheißungen, wie wir sie hier hören, in den Schatten.

Wir finden es oft am besten, selber etwas zu tun. Das zeigt ihr Jugendlichen uns gerade mit euren Demonstrationen „Fridays für Future“. Du, Clara, machst da auch mit. Ihr wollt, dass etwas geschieht, damit – in diesem Fall – der Klimawandel gestoppt wird.

Und das ist auch richtig. Natürlich müssen wir alles tun, was wir können, damit die Welt und die Menschen gerettet werden. Jeder und jede muss ihre Gaben und Fähigkeiten einbringen, Zeit und Geld investieren, Ideen entwickeln und sich engagieren, damit das Leiden weniger wird.

Aber das allein reicht nicht, denn unser Handeln wird immer unvollkommen bleiben, und das wissen wir auch. Alles, was wir erreichen und aufbauen, kann aufhören, es ist vergänglich und brüchig. Wir werden oft enttäuscht, verlassen, betrogen oder hintergangen. Unsere Leistungsfähigkeit lässt im Laufe des Lebens nach. Und so sind wir über weite Strecken des Lebens gar nicht zuversichtlich und hoffnungsvoll, sondern traurig, ärgerlich oder erschöpft. Auch Angst und Sorge sind ständige Begleiter. Und am Ende macht uns das Sterben zu schaffen. So lange es geht, verdrängen wir es, aber es kommt, und es ist unausweichlich. Dann erleben wir, wie unsere Kräfte schwinden und der Körper zerfällt. Und das ist eine Not, auf die es keine Antwort gibt. Das kann kein Mensch durch Demonstrationen ändern.

Es ist deshalb wichtig, dass wir nicht ausschließlich diesseitig denken, dass unsere Lebensinhalte nicht nur weltlich und irdisch sind und damit ein Verfallsdatum haben. Das ist der erste Schritt, der uns zum Glauben und zu einer ewigen Hoffnung führen kann: Wir müssen ehrlich und realistisch sein und unsere Grenzen erkennen.

Als zweites ist es dann wichtig, dass wir die Beziehung zu Gott, von der die Bibel redet, auch leben und seine Barmherzigkeit annehmen. Es liegt an uns, ob wir das Erbe antreten, das er für uns bereit hält. Wir müssen uns für den neuen Daseinsgrund entscheiden, den wir durch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi gewinnen können, und uns darauf verlassen, dass es etwas gibt, das ewigen Bestand hat, das nicht von dieser Welt und damit auch nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist. Und das heißt, wir sind eingeladen, unsere Sichtweise und unser Bewusstsein zu ändern. Die irdischen Nöte können uns den Blick versperren und die himmlische Verheißung in den Schatten stellen, aber es kann auch genau anders herum verlaufen: Wir vertrauen auf die großartige Perspektive, die das Evangelium uns schenkt, und dadurch wird alles andere zweitrangig und verliert seine Schrecken.

Unser Lebensgefühl wandelt sich, wenn wir diesen Richtungswechsel vollziehen, es ist dann bestimmt von der neuen Wirklichkeit, die Jesus Christus heraufgeführt hat. Das ist der dritte Schritt, und der erfolgt bereits bei der Taufe. Da werden wir mit dem Auferstandenen verbunden und von Gott her „neu geboren.“ Unser Leben besteht dadurch aus noch viel mehr als aus unseren Taten und Erfolgen. Auch unser Geld oder Gold muss uns nicht bestimmen, denn wir erben die himmlische Zukunft und lassen uns davon prägen. Das Heil Gottes wird bei der Taufe in unser Inneres eingesenkt. Unser Leben ist in Jesus Christus begründet, in seiner Auferstehung und in der Ewigkeit.

Nicht umsonst sind die Taufkleider traditionsgemäß weiß. Das ist deshalb passend, weil die Farbe Weiß im Zusammenhang mit Freude steht. Sie symbolisiert außerdem Unschuld und Reinheit, ebenso Unsterblichkeit und Unendlichkeit, all das, was über das Erbe im Himmel in unserem Briefabschnitt ausgesagt wird. Und das passt zur Taufe, weil sie wie eine neue Geburt ist, nach der der Mensch unschuldig und rein ist. Auch das ewige Leben wird ihm in der Taufe geschenkt. So heißt es in einem Lied über die Taufe: „Du hast zu deinem Kind und Erben, mein lieber Vater mich erklärt.“ (EG 200, 2)

Es ist deshalb ganz schön, dass du, Clara, dich heute taufen lassen willst. Du bist bereits alt genug, um all das zu beherzigen, was dir damit geschenkt wird. Du kannst dich in dem Bewusstsein üben, dass Gott bei dir ist. Dann empfängst du jeden Tag aufs Neue Zuversicht und Trost. Eine gute Praxis ist dafür das regelmäßige Wiederholen des christlichen Bekenntnisses. Es ist gut, Gott immer wieder zu loben und ihm für „seine große Barmherzigkeit“ zu danken. Dann wird die Hoffnung lebendig, und die „Auferstehung Jesu Christi“ bleibt aktuell. Sie verleiht dir die Kraft zum Handeln, lässt dich durchhalten, auch wenn es einmal leidvoll wird. Freude und Jubel bleiben dir erhalten.

Es ist deshalb eine alte und sehr sinnvolle Tradition, dass der Taufsegen die Zusage des ewigen Lebens enthält. Die klassische Formulierung lautet: „Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der dich von neuem geboren hat durch das Wasser und den heiligen Geist und dir alle deine Sünde vergibt, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben.“ Auch Säuglingen wird dieser Segen gegeben, d.h. sie werden bereits bei der Taufe in die Wirklichkeit hineingenommen, die auch nach dem Tod noch da ist. Durch ihre Taufe legen wir den neuen, ewigen Daseinsgrund, und der trägt bis zum Ende. Deshalb gilt auch das Umgekehrte: Bei der Grablegung erinnern wir an die Taufe mit folgenden Worten: „Gott vollende an dir, was er dir in der Taufe geschenkt hat und gebe dir Anteil an seiner Herrlichkeit“. So kommt zum Ausdruck, dass das ganze Leben von der Taufe bis zum Tod wie ein großer Bogen ist, der sich unter der Barmherzigkeit Gottes auspannt.

Lasst uns deshalb dankbar dafür sein, dass wir getauft sind, und unsere Freude darüber mit dem Lied zum Ausdruck bringen, aus dem ich eben schon einen Satz zitiert habe:

„Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott, Vater, Sohn und Heilger Geist.“ (EG 200)

Amen.

„Ich habe den Herrn gesehen!“

Predigt über Johannes 20, 11- 18: Maria Magdalena sieht den  Auferstandenen

Ostersonntag, 21.4.2019, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

„Welchen Namen hat das Kind?“ Das fragen wir am Taufstein noch einmal, kurz bevor wir ein neugeborenes Kind taufen. Das hängt damit zusammen, dass die Namensgebung und die Taufe meistens in einem engen zeitlichen Rahmen liegen. Die Taufe ist dadurch so etwas wie ein Namensgebungsritual geworden. Wir denken dabei auch an das „Buch des Lebens“, das in der Offenbarung des Johannes erwähnt wird. Am Ende der Zeiten wird es aufgeschlagen, und dann werden die gerettet, deren Namen darin aufgeschrieben sind, und das geschieht bei der Taufe. (Off.17,8; 20,15) An ihren Namen werden die Menschen erkannt, und dazu sind Namen ja auch da.

Sie geben einer Person ihre Identität und sind eng mit dem jeweiligen Individuum verbunden. Wenn wir den Namen von jemandem nennen, der anwesend ist, dann meinen wir ihn auch. Wir wenden wir uns ihm zu, geben ihm Aufmerksamkeit und wollen etwas von ihm. Er soll auf uns hören und sich auch uns zuwenden. Es kann sein, dass wir ihn warnen wollen, ihm drohen, belehren oder ermahnen. Es kann aber auch liebevoll und freundlich gemeint sein, wenn wir jemanden bei seinem Namen nennen, und Zuneigung und Nähe ausdrücken.

In einer der Ostererzählungen war letzteres der Fall. Sie handelt von Maria Magdalena und Jesus, und beide sagen den Namen des jeweils anderen voller Wohlwollen und Zärtlichkeit. Sie steht im Johannesevangelium und berichtet von der ersten Erscheinung des Auferstandenen:

Johannes 20,11- 18:

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab
12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.
13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.
15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.
16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!
17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
18 Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht Maria Magdalena. Das war eine Frau, die sich zu Jesu Lebzeiten dem Jüngerkreis angeschlossen hatte. Sie war eng mit Jesus befreundet gewesen. Es gibt sogar die Meinung, dass sie seine Geliebte war. Auf jeden Fall war sie wie alle anderen, die ihm nahe gestanden hatten, nach seinem Tod tief traurig und erschüttert. Sie hatte jemanden verloren, der ihr sehr viel bedeutet hatte.

Deshalb will sie den Leichnam Jesu noch einmal besuchen, solange das möglich ist, und geht – mit Tränen in den Augen – am Sonntag nach seiner Hinrichtung, also zwei Tage später zu seinem Grab. Dort erlebt sie dann allerdings etwas ganz anderes, als sie erwartet hat. Das Grab ist offen, und sie schaut hinein. Und nun kommt die Überraschung: Der, den sie sucht, ist nicht da. Stattdessen erblickt Maria zwei Engel, mit denen sie in ein Gespräch über das leere Grab kommt. Doch bevor die Engel ihr sagen, wo Jesus ist, dreht sie sich um und sieht ein drittes Mal etwas: Hinter ihr steht ein Mann. Auch der spricht sie an und fragt, warum sie weint. ,Das ist der Gärtner‘, denkt sie, ,und der wird mir sagen können, wo der Leichnam Jesu geblieben ist.‘ Doch das ist ein Irrtum, denn in Wirklichkeit steht der lebendige Jesus vor ihr, sie erkennt ihn nur nicht. Und nun kommt die Schlüsselszene der Erzählung: Jesus nennt Maria bei ihrem Namen. Das ist ein beeindruckender Moment, durch den sich alles ändert, denn jetzt sieht Maria ihn, Jesus. Er ist nicht tot, sondern er lebt! Voller Ehrfurcht und Liebe spricht auch sie ihn an und nennt ihn „mein Meister“.

Am liebsten möchte sie ihn anrühren, ihn wahrscheinlich umarmen, aber das will er nicht. Denn Jesus ist nicht mehr so, wie früher. Er ist der Auferstandene, der sich nur zeigen will, den sie sehen soll. Das ist alles. Er wird sie wieder verlassen, weil er zu seinem Vater geht. Aber sie soll Gewissheit haben, dass er lebt, deshalb offenbart er sich ihr. Und er gibt ihr den Auftrag, den Jüngern von diesem Erlebnis zu berichten. Das tut sie auch, und in dem Satz, den sie ihnen sagt, „Ich habe den Herrn gesehen“, kommt zum Ausdruck, dass sie nicht nur etwas erblickt hat, sie hat auch etwas erkannt und begriffen. Maria geht in dieser Geschichte also durch einen Prozess: Erst guckt sie hin, dann sieht sie jemanden, danach erkennt sie und am Ende hat sie verstanden und glaubt.

Dabei ist es eine schöne Einzelheit, dass Maria Jesus zuerst nicht wiedererkannte, weil sie gar nicht damit rechnete, dass er da sein könnte. Sie begriff das erst, nachdem er sie angesprochen und ihren Namen genannt hatte. Und das tat er nicht ärgerlich oder belehrend, sondern liebevoll und zugewandt. Er redete sie ganz persönlich an, stellte eine Beziehung her, in der sie vorkam. Und dadurch wurden ihre Augen geöffnet. Sie erkannte ihn nicht nur an seiner Stimme, sondern alles, was sie mit ihm erlebt hatte, ihre gegenseitige Liebe und Freundschaft kam in dieser Anrede vor. Es fiel ihr wieder ein, und dadurch wusste sie, wen sie da vor sich hatte. Sie weinte daraufhin nicht mehr, sondern ging fröhlich zu den Jüngern.

Und diesen Prozess können auch wir durchlaufen, wenn wir zum Glauben an den Auferstandenen kommen wollen. Wir haben als aufgeklärte Menschen ja so unsere Probleme mit der Auferstehung. Hat es das wirklich gegeben, und überzeugen uns die Berichte aus den Evangelien? Wir halten sie für unwahrscheinlich und zweifeln daran, dass Jesus wieder lebendig wurde.

Dabei würden wir das wahrscheinlich gerne glauben, denn gerade die Ostererzählungen enthalten eine sehr frohe Botschaft. Sie verkünden uns, dass der Tod besiegt ist. Sie wollen uns eine Hoffnung geben, die über die innerweltliche Hoffnung hinausweist. Uns wird der Weg in eine Zukunft gewiesen, die eine ganz andere Qualität hat, als die zeitliche. Sie bleibt nicht horizontal und auf das Diesseits gerichtet, sondern ist vertikal und transzendent. Und das klingt faszinierend und schön.

Wir sehnen uns danach auch, denn oft ist dieses Leben dunkel und voller Leid. Auch wir kennen Traurigkeit und Tränen. Wir haben Angst vor vielem, das uns bedroht. Die Vergänglichkeit macht uns zu schaffen, wir kommen oft nicht klar. Bosheit und Unsicherheit, Krankheit und Schwermut, Enttäuschung und Einsamkeit und vieles mehr verdunkeln unser Dasein immer wieder. Wir suchen eine Zuversicht und ein Vertrauen, das tiefer geht, als die vielen oberflächlichen Tröstungen, die es so gibt.

Denn die reichen oft nicht. Ob wir Abwechslung suchen und uns zerstreuen, Medikamente nehmen oder eine Therapie machen, vieles von dem hat keinen bleibenden Erfolg. Wir brauchen eine Antwort auf unsere Lebensfragen, die uns durch alles Leid hindurch trägt, die dauerhaft ist und nicht so schnell wieder verblasst. Wir sehnen uns nach Erlösung. Und genau die verspricht uns die Osterbotschaft. Hier wird uns eine Hilfe zugesagt, die größer ist, als alles andere. Es würde sich also lohnen, daran zu glauben. Lasst uns deshalb fragen, wie wir dahin kommen können. Die Geschichte von Maria Magdalena gibt uns dafür ein paar sehr schöne Hinweise.

Zunächst einmal sagt sie uns, dass Jesus selber dafür sorgt, dass wir ihn erkennen und ihm vertrauen. Er steht längst hinter uns, wir müssen uns nur umdrehen und hinsehen. Und auch wenn wir nicht sofort wahrnehmen, dass er da ist, so erkennt er uns auf jeden Fall. Er weiß, wer wir sind und spricht uns an. Wir müssen selber gar nicht viel dazu tun.

Das ist im Glauben oft unser Irrtum: Wir meinen, er kommt durch unsere Aktivität und unser Denken zu Stande. Wir entwickeln bestimmte Theorien und Ideale, über die wir dann diskutieren und nach denen wir vielleicht auch handeln. Und das ist ja auch nicht schlecht. Wirklich an den Auferstandenen zu glauben, geht jedoch weit darüber hinaus. Denn entscheidend ist nicht das, was wir machen oder denken, sondern das, was Jesus tut. Es geht nicht um unsere Taten, sondern um das, was wir geschenkt bekommen und was an uns geschieht.

Das einzige, was wir dazu beitragen können, ist, dass wir uns bereit halten, uns darauf vorbereiten. Das hat Maria auch getan, indem sie zum Grab ging. Sie sehnte sich nach Jesus, und das ist für uns genauso wichtig, dass wir nach der Gegenwart Jesu verlangen und mit ihm zusammen sein wollen. Wir müssen nach ihm suchen und nach ihm fragen und dabei unsere eigenen Vorstellungen von ihm ablegen. Wir dürfen uns überraschen lassen.

Und dazu müssen wir uns einfach nur umwenden. Maria tut das hier gleich zweimal, einmal, als sie merkt, dass da jemand hinter ihr steht, und dann noch einmal, nachdem Jesus ihren Namen genannt hat. Das ist eigentlich unlogisch, aber gerade daran wird deutlich, dass dieses Umwenden im übertragenen Sinn gemeint ist: Wenn wir Jesus erkennen wollen, müssen wir uns immer wieder umdrehen, d.h. uns von unseren üblichen Gedankengängen wegwenden und unsere Blickrichtung verändern. Bildlich gesprochen, dürfen wir nicht zu lange ins Grab gucken, d.h. in das Düstere, den Tod und die Gefahr. Es gilt, den Bick davon abzulenken und dahin zu schauen, von woher die Zuversicht kommen kann.

Das ist als letztes wichtig, dass wir auf Jesus blicken und auf seine Stimme hören. Er nennt auch uns bei unserem Namen, er spricht auch uns an, und das ist in sich selber sinnvoll und schön. Es ist ein Zeichen dafür, dass wir geliebt und gesehen werden und bei Gott vorkommen. Unsere Namen sind längst in sein Buch geschrieben. Es reicht, wenn wir das annehmen und uns darüber freuen. Dann entsteht auch bei uns die Gewissheit, dass Jesus auferstanden ist, dass er lebt und bei uns ist. Es ist keine leibliche Begegnung, die dadurch zu Stande kommt. Wir können Jesus genauso wenig anrühren, wie Maria, denn er ist nicht Raum und Zeit unterworfen. Aber Seele und Geist werden erfüllt von der Ewigkeit, und das ist befreiend und heilsam.

Spätestens bei unserer Taufe fängt das alles an. Sie ist eng mit Ostern verknüpft und erhält von daher ihren Sinn. Wir empfangen ewiges Leben von Gott und werden unter seinen Schutz gestellt. Es ist deshalb ein schöner Brauch, dass in der Osternacht Menschen getauft werden.

In Luther:

Das war in der Alten Kirche so, und heute passiert es ebenfalls in vielen Gemeinden. Die Taufe ist wie Ostern ein Zeichen des Neubeginns und der Auferstehung. Gott erkennt uns dabei, er nennt unsere Namen und verbindet sie mit dem Namen des auferstandenen Christus. Seit unserer Taufe ist der lebendige Gott bei uns und begleitet uns durch unser ganzes Leben, wir müssen nur immer wieder auf ihn schauen.

Amen.