Geht Gottes Weg!

Predigt über Apostelgeschichte 4, 32- 37: Die Gütergemeinschaft der ersten Christen

1. Sonntag nach Trinitatis, 14.6.2020
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Kleine Kinder werden von ihren Eltern gerne angehalten, die Schokolade miteinander zu teilen oder den anderen auch mal ihr Spielzeug zu überlassen. Häufig haben diese Aufforderungen allerdings keinen Erfolg, denn die Kinder finden es besser, das Spielzeug nur für sich zu behalten. „Das gehört mir. Das ist meins.“ Diese Sätze lernen sie früh. Und auch die Schokolade würden sie am liebsten allein aufessen.

Der Drang nach eigenem Besitz ist also offensichtlich angeboren, und er bleibt auch in uns. Als Erwachsene erleben wir das ja ganz ähnlich: Wir wollen das, was uns gehört, für uns allein haben. Wir tun uns z.B. schwer, unser Auto oder unseren Computer einem anderen zu leihen, der es gerade braucht. Wir befürchten, er könne unsere Dinge nicht gut behandeln, mit unserem Auto in einen Unfall verwickelt werden, den Computer durcheinander bringen usw. Das Risiko ist uns zu groß, und Scherereien mit der Versicherung zu unangenehm. Wir haben viele Gründe, das, was uns lieb ist, nicht mit anderen zu teilen, sondern es für uns zu behalten.

In der Urgemeinde war das anders. Das ist die erste Gemeinde, die nach der Pfingstpredigt des Petrus in Jerusalem entstanden war. Sie wird in der Apostelgeschichte im vierten Kapitel beschrieben. Dort wird uns folgendes erzählt:

Apostelgeschichte 4, 32- 37

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Der Evangelist Lukas hat das geschrieben und er zeichnet hier das Bild der christlichen Frühzeit, das für immer ein Leitbild dessen geblieben ist, was Kirche sein soll: Es ist das Ideal der Gütergemeinschaft. Die Einigkeit unter den zum Glauben Bekehrten war so stark, dass das private Eigentum keine Grenzen mehr zwischen den Menschen zog. Niemand beanspruchte sein Hab und Gut nur für sich selber, sondern stellte es, wo es nötig war, für die Geschwister zur Verfügung. Es sollte keine Armen und keine Reichen in der Gemeinde geben.

Diese Vorstellung war nicht neu. Im Alten Testament wird so die Wirkung des Segens Gottes beschrieben. Durch ihn erfüllt sich die Verheißung einer endzeitlichen Heilsgemeinde. Und auch in der griechischen Philosophie gab es dieses Bild bereits. Da kursierte die Utopie einer verlorenen, heilen Urzeit, die wieder hergestellt werden müsse. Der Gedanke an eine Welt ohne die Schranken des Privateigentums, in der allen alles gemeinsam ist, strahlte schon immer eine große Faszination aus. Der Evangelist Lukas kannte diese Idee sicher auch und hat sie hier übernommen.

Allerdings dachte er dabei nicht an eine organisierte oder gesetzlich fixierte Eigentumsgemeinschaft, in der alle Güter vergesellschaftet wurden. Er erzählt uns vielmehr, dass die Begüterten ihren Besitz verkauften und so zum Unterhalt der Bedürftigen beitrugen. Was dem Einzelnen gehörte, stellte er in selbstverständlicher Freiheit der Gemeinschaft zur Verfügung, so wie es gerade gebraucht wurde. Mit einem biografischen Beispiel belegt der Evangelist das Bild der Gütergemeinschaft in der Urgemeinde noch: Er erwähnt einen Barnabas, der mit gutem Beispiel voranging, seinen Acker verkaufte und das Geld den Aposteln gab, damit sie es in der Gemeinde verwenden konnten.

Sicher steht dahinter auch eine geschichtliche Wirklichkeit. Das ist nicht nur eine Phantasie oder ein frommer Wunsch, sondern so war es am Anfang wohl wirklich: Die Gemeindeglieder waren „ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Allerdings ist das Experiment schon bald gescheitert. Bereits in der Apostelgeschichte wird erzählt, wie erste Schatten auf das Bild der Urzeit gefallen sind. Es ergaben sich vielfältige Schwierigkeiten.

Und das können wir uns gut vorstellen, denn auch wir hätten unsere Bedenken, wenn wir so leben sollten. Es schwebt uns zwar immer noch als das vollkommene Bild einer Gemeinde vor, aber verwirklicht wird es kaum. In unserer Kirche wird das Privateigentum nicht in Frage gestellt. Wir bezahlen zwar unsere Kirchensteuer, damit alles getan werden kann, was wichtig ist, und sicher spenden wir gelegentlich auch Geld für Notleidende, aber niemand würde alles hergeben, was er besitzt, und es mit allen anderen teilen.

Was sollen wir mit dieser Geschichte also anfangen? Ist das Ganze nicht sehr unrealistisch und für eine heutige Umsetzung kaum tauglich? Das fragen wir uns und wir müssen uns Gedanken machen.

Lasst uns das tun und zunächst folgendes feststellen: Lukas vertritt hier nicht einfach nur irgendeine Philosophie. Er erinnert mit der Beschreibung der Gütergemeinschaft in der Urgemeinde vielmehr an die Kritik des Reichtums, die er bereits in seinem Evangelium betont, und die er von Jesus gelernt hatte. Der verzichtete auf Besitz und warnte vor dem Sorgen um materielle Güter. Sie waren für ihn eine Gefahr, weil sie dem radikalen Anspruch Gottes im Weg standen. Sie verengen den Blick auf das eigene Ich, das war seine Warnung, und die hat die Urgemeinde ernst genommen. Sie hat versucht, die Gefahr des Besitzes zu bannen. Mit der Gütergemeinschaft realisierten sie eine Lebensform, in der die materiellen Dinge als gute Gaben Gottes verstanden wurden. Sie trennten die Menschen nicht voneinander, sondern führten sie zusammen. So blieben die Einzelnen offen für Gott und den Nächsten. Der Geist Jesu war unter ihnen lebendig, er stärkte und ermutigte sie. Jesus stellte sich sozusagen zu ihnen. Seine Gedanken wurden ihre Gedanken, und sie wuchsen in sein Reich hinein. Und das hat ihnen sicher Freude bereitet. Sie erlebten, wie reich es innerlich macht, dem anderen zu helfen. Es freut nicht nur den Empfänger oder die Empfängerin, sondern auch den Geber oder die Geberin.

Und das können auch wir erfahren, wenn wir die Dinge, die uns gehören, mit anderen teilen, jemandem z.B. unser Auto oder unseren Computer leihen. Die Freude, die wir ihm damit bereiten, fällt auf uns selber zurück. Wir kennen es ja auch aus eigener Erfahrung, wie schön es ist, wenn wir beschenkt werden, wenn ein anderer etwas mit uns teilt, das er besitzt, und wir es auch haben dürfen. Es zählt plötzlich ein ganz anderer Maßstab, als das Festhalten am Eigentum. Wir teilen und lieben, kommen uns näher und werden eins. Freude entsteht, und das Evangelium wird Wirklichkeit.

Und das muss sich auch nicht nur auf äußere materielle Dinge beziehen. Genauso wichtig ist es, dass wir Erfahrungen, Ideen und Gedanken, Zuversicht und Vertrauen miteinander teilen. Wenn jemand uns erzählt, was er in einen anderen Land, bei einer schönen Begegnung oder einer interessanten Lektüre erfahren hat, dann schenkt uns das mehr Sicherheit und zeigt uns Wege auf, wie wir in unserer Situation handeln können. Wir sind dankbar, wenn wir Anteil gewinnen an den Erlebnissen der anderen.

Es gibt dazu ein schönes Sprichwort, das lautet: „Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Es sagt uns, wie gut es uns tut, wenn jemand mit uns fühlt, sich auf unser Leid einlässt und es mit uns teilt, mit uns trägt. Dann wird es leichter. Wir fühlen uns nicht allein, denn da geht jemand mit uns hinein in die leidvollen Gefühle, die uns bedrücken.

In den letzten Wochen und Monaten haben wir alle sicher Dinge erlebt, die uns belastet oder traurig gemacht haben. Wir hatten Angst und waren unsicher, wütend oder nervös. So tat es gut, wenn jemand das alles mit uns ausgehalten hat und wir unsere Sorgen und Ängste teilen konnten. Sie werden leichter, wenn wir damit nicht allein sind. Wir fühlen uns dazu gehörig und sind nicht ausgeschlossen.

Und umgekehrt ist es mit der Freude. Wir haben in uns den Drang, unsere Freude auch vor anderen auszudrücken. Und wenn der andere sich ehrlich mit uns freut, dann vertieft das unsere Freude. Sie wird gleichsam verdoppelt. Wir freuen uns dann miteinander an schönen Erlebnissen und Gedanken, an den Zusammenhalt in der Familie, an der Gesundheit und der Zuversicht. Das Teilen tut uns allen gut, ob es nun um unseren Besitz oder unsere Güter geht, unser Leid oder unsere Freude, unsere Erfahrungen oder Gedanken.

Denn wir dürfen dabei daran glauben, dass Jesus Christus bei uns ist. Er ermutigt uns zum Geben und zum Nehmen, wie es gerade nötig ist, und er schenkt uns die Freude und die Dankbarkeit, wenn das Teilen gelingt. Auf diese Weise verwirklicht sich sein Friede, und sein Reich wächst. Es muss gar nicht das Ideal der vollkommenen Gütergemeinschaft sein, es reicht schon, wenn die Liebe Christi hier und da in der Welt vorkommt und Menschen tröstet und ermutigt. Unser Alltag wird damit aufgehellt.

Der englische Geistliche John Raphael Peacy hat ein schönes Lied gedichtet, das all diese Gedanken wiedergibt. Er lebte von 1896 bis 1971 in Brighton und schrieb viele geistliche Lieder, die bis heute gesungen werden. Der evangelisch- methodistische Pastor Stefan Weiler hat das besagte Lied im Jahr 2000 ins Deutsche übersetzt. Ich habe es im Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine gefunden, dort lautet es folgendermaßen:

1. Geht Gottes Weg, bringt Frieden in die Welt! Habt guten Mut, weil Gott sich zu euch stellt. Seine Gedanken werden eure sein. Ihr werdet wachsen in sein Reich hinein. Geht Gottes Weg, bringt Frieden in die Welt!

2. Geht Gottes Weg, bringt Liebe in die Welt, Liebe, die tröstet, wo Verzweiflung quält, die Menschen nachgeht, die verloren sind, und noch im Fernsten sieht das Gotteskind. Geht Gottes Weg, bringt Liebe in die Welt!

3. Geht Gottes Weg, bringt Stärke in die Welt, Stärke, bei der ein neuer Maßstab zählt: die überzeugt, nicht unterdrücken will und sich doch durchsetzt – nachhaltig und still. Geht Gottes Weg, bringt Stärke in die Welt!

4. Geht Gottes Weg, bringt Freude in die Welt, Freude, die auch das Alltagsgrau erhellt, die über jede Gabe staunen kann und dankt für das, was Gott an uns getan. Geht Gottes Weg, bringt Freude in die Welt!

T: vor 1971 John Raphael Peacy „Go forth for God, go to the world in peace“ ;  deutsch: 2000 Stefan Weller;
M: 1551 Loys Bourgeois / 1562 London;
Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine Nr. 547)

Amen.

Der Predigt liegt ein Text von Anselm Grün zu Grunde, den ich z.T. zitiert habe, ohne es jeweils anzugeben. Ihr findet ihn in folgendem Buch:
Anselm Grün, Der Engel der Einfachheit und andere himmlische Boten, die das Leben leichter machen; Freiburg, Basel, Wien 2014; S. 88 : „Der Engel des Teilens“

Du öffnest, Herr, die Türen

Predigt über Apostelgeschichte 2,1-14.22-24: Das Pfingstwunder

Pfingstsonntag, 24.5.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Abends, spätestens vor dem Schlafen gehen, verschließen wir in der Regel unsere Türen. Wir wollen nicht, dass ungebetene Gäste in unser Haus bzw. unsere Wohnung kommen und uns unangenehm überraschen. Das Verriegeln gibt uns Sicherheit. Wir schließen ja auch Menschen ein, die gefährlich sind, oder Tiere oder Geld oder wertvolle Gegenstände. Dahinter steht immer eine Angst oder eine Sorge.

So war es auch bei den Jüngern nach dem Tod Jesu. Im Johannesevangelium heißt es: „Die Jünger waren versammelt und die Türen waren verschlossen aus Furcht vor den Juden.“ (Joh.20,19) Und so blieben sie in einem Haus in Jerusalem und versteckten sich im „Obergemach“. Dort „pflegten sie sich aufzuhalten“. (Apg. 1,13)

Sie glaubten zwar an die Auferstehung Jesu und hatten sich auch nicht getrennt, aber sie waren unsicher und wussten nicht, wie es nun weitergehen sollte. Auf jeden Fall trauten sie sich mit ihrem Glauben nicht an die Öffentlichkeit. Sie fürchteten sich vor den Juden und den Römern, die ja schließlich dafür gesorgt hatten, dass Jesus hingerichtet worden war. Wenn sie sich öffentlich zu ihm bekennen würden, dann würde es ihnen nicht viel anders ergehen als ihm, das war ihre Sorge, und deshalb zogen sie sich lieber zurück.

Doch nach 50 Tagen geschah etwas, das ihre Situation grundlegend veränderte. Das Ereignis steht am Anfang der Apostelgeschichte, es war das Pfingstwunder, und das wird folgendermaßen erzählt:

Apostelgeschichte 2, 1- 14. 22b- 24

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?
8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,
11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!
22b Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst –
23 diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht.
24 Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte.

Am Pfingstfest der Juden geschah also ein Wunder: Der Heilige Geist kam auf die Jünger herab, und zwar mit Wind und mit Feuer. Die waren mit einem Mal da, und es sind Energien: Der Wind bewegt alles, was ihm begegnet. Wo vorher Stillstand war, ist plötzlich was los. Und so ähnlich ist es mit dem Feuer, das ist ebenfalls eine Kraft, die vieles verändern und bewirken kann. Deshalb sind der Wind und das Feuer sehr gute Bilder für den Heiligen Geist: Auch er ist Energie und Kraft, er setzt in Bewegung, verändert und wirkt.

Und mit dieser Energie waren die Jünger plötzlich erfüllt. Die Angst war wie weggeblasen, alle Furcht war von ihnen abgefallen, und sie verließen ihr Versteck. Sie öffneten ihre Türen, gingen auf die Straße und fingen an, von Jesus Christus zu reden. Sie verkündeten seine Auferstehung und waren davon plötzlich so begeistert, dass sie sich nicht mehr zurückhalten wollten.

Und dann geschah das nächste Wunder: Jeder verstand sie, „denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“ Gott löste alle Hindernisse zwischen den Menschen auf. Er öffnete die Lippen der Apostel und die Ohren der Hörenden. Eine wunderbare Verständigung trat ein, der Geist steckte alle an. Viele kamen zum Glauben an Jesus Christus und wollten sich taufen lassen. Das wird etwas weiter unten erzählt. Der Heilige Geist hatte die Menschen bewegt, ihr Denken erhellt und alles verändert.

Und das war nicht nur ein historisches Ereignis, sondern es kann sich jederzeit wiederholen. Denn der Heilige Geist ist auch heute noch lebendig und weht überall. Er schenkt neue Einsichten, Mut und Zuversicht. Furcht und Todesangst verschwinden. Wen er ergreift, fühlt sich frei und unbeschwert. Türen öffnen sich, es entsteht Gemeinschaft und Liebe. Und das sind wunderbare Eigenschaften und Wirkungen. Lasst uns deshalb fragen, wie der Heilige Geist auch in der heutigen Zeit wehen und arbeiten kann.

Die Situation der Jünger können wir uns gut vorstellen, denn bei uns waren genauso wie bei ihnen ungefähr zwei Monate lang die meisten Türen zu. Wir sollten am besten zu Hause bleiben und uns nicht mit anderen treffen. Bis auf die Läden waren alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen und viele sind es immer noch. Dahinter steht ebenfalls eine Angst: Es ist die Furcht vor dem Corona-Virus, und die ist auch noch nicht weg. Vieles wird langsam zwar wieder geöffnet, so auch unsere Kirchen, aber Vorsicht ist nach wie vor geboten. Das Stichwort, das jetzt gilt, ist „die neue Normalität“. Dazu gehören Abstands- und Hygieneregeln, Mund- und Nasenschutz, Dokumentationspflicht bei Veranstaltungen usw.

So richtig frei fühlen wir uns also weiterhin nicht. Dabei verwirren uns mittlerweile die vielen verschiedenen Meinungen zu diesem Thema. Die Gegenstimmen werden lauter, Wissenschaftler*innen legen voneinander abweichende Theorien vor, die Studien und Statistiken sind nicht alle gleich, Politiker*innen vertreten unterschiedliche Strategien usw. Wer hat denn nun Recht? Das fragen sich inzwischen viele. Die Unsicherheit bleibt also, selbst bei geöffneten Türen, und die sogenannte „neue Normalität“ fühlt sich irgendwie gar nicht normal an. Wir sind geschwächt und angreifbar.

Das ist unsere gegenwärtige Situation und Stimmungslage, und dahinein schenkt uns das Pfingstfest nun eine wunderbare Botschaft. Denn uns wird verkündet: Es gibt einen besseren Weg zu einem angst- und sorgenfreien Lebensgefühl, als es uns z.Zt. angeboten wird, denn es gibt noch eine ganz andere Realität, als die der Wissenschaft, der Politik oder des eigenen Denkens. Es ist der Heilige Geist, der uns alle ergreifen kann, wir müssen nur damit rechnen. Dann verschwinden Unsicherheit und Furcht ganz von selber, wir fühlen uns frei und werden gestärkt. Denn er verbindet uns mit Jesus Christus, der den Tod überwunden hat. Wir müssen uns davor also nicht mehr fürchten.

Letzten Endes steht hinter dem Verschließen von Türen ja immer eine Todesangst. Sei es die Quarantäne wegen einer Infektion, ein Besuchsverbot in Altersheimen oder auch nur das Verschließen der Türen am Abend: Wir tun es, um unser Leben zu sichern, um nicht zu sterben.

Auch die Jünger fürchteten den Tod und schlossen sich deshalb ein. Wie sie da wieder herauskommen würden, wussten sie nicht. Am einfachsten wäre es eigentlich gewesen, ihren Glauben an Jesus Christus abzulegen, aber das taten sie nicht. Sie blieben zusammen und bildeten eine verschworene Gemeinschaft, denn sie waren davon überzeugt, dass Jesus lebte. Deshalb warteten und beteten sie einfach, d.h. sie blieben mit Gott in Verbindung, hielten an ihrer Überzeugung fest und hatten Geduld. Und weil sie das alles taten, konnte die Kraft des Heiligen Geistes sie ergreifen und erfüllen. Sie fanden Trost und Hoffnung, Zuversicht und Freude.

Und das kann auch bei uns geschehen, wir müssen uns nur genauso verhalten wie die Jünger, und das heißt: Anstatt unser Lebensgefühl von dem bestimmen zu lassen, was von außen an uns herangetragen wird, wenden wir uns nach innen, beten und halten zusammen, glauben und vertrauen auf Jesus Christus. Unsere „Herzenstür“ kann immer offenstehen, das kann kein Gesetz der Welt verbieten, und Jesus kann dort jederzeit mit seinem Geist einziehen.

Wir sind es ja nicht gewohnt, dass der Staat so viel Macht über unser Leben hat wie in der letzten Zeit, und sogar in unsere privatesten Beziehungen hineinregiert. Das fühlt sich nicht gut an, es regt sich Widerstand. Doch anstatt uns dagegen aufzulehnen, ist es besser, wenn wir eine noch viel stärkere Macht über unser Leben zulassen: die Macht des Heiligen Geistes. Er verbindet uns mit Jesus Christus, der den Tod überwunden hat. Er schafft eine neue Realität, in der Krankheit, Leid und Sterben ihre Bedeutung verlieren. Der Heilige Geist hebt uns weit über all das hinaus. Er lässt uns aufatmen, befreit uns und macht uns stark.

Und dieses Lebensgefühl sollte unsere „neue Normalität“ sein. Anstatt die Antworten auf unsere Fragen von anderen Menschen oder von uns selbst zu erwarten, rechnen wir mit Gott: Wir beten und halten zusammen und glauben an etwas Großes, nämlich daran, dass Jesus bei uns ist und den Tod überwunden hat.

Dann öffnen sich auch die Türen unserer Häuser und Kirchen ganz von selbst, und das ist gut, ob nun mit Hygieneregeln oder ohne. Wichtiger als die Form unserer Zusammenkunft ist die Tatsache an sich, dass wir hier Gottesdienst feiern und uns zu der Quelle führen lassen, die uns allen Leben schenkt.

Der evangelische Theologe und Kirchenmusiker Friedrich Hofmann hat dazu 1986 ein schönes Lied gedichtet (EG, Ausgabe für die Nordelbische Kirche, Nr. 567) . Es lautet:

1. Du öffnest, Herr, die Türen, lädst uns zur Kirche ein, willst uns zur Quelle führen, zum Wasser frisch und rein.
2. Du machst uns dir zu eigen, gibst uns zum Guten Kraft, hilfst Liebe uns erzeigen; du bist’s, der Neues schafft.
3. Aus deinen Quellen leben lehr uns, du Guter Hirt. Du hast dein Wort gegeben, dass uns nichts mangeln wird.
4. Die Taufe ist das Zeichen, dass du stets bei uns bist. Lass uns von dir nicht weichen und mach uns treu, Herr Christ!
5. Gelobt sei deine Treue und deiner Liebe Licht! Stell täglich uns aufs neue, Herr, vor dein Angesicht.
6. Du öffnest uns die Türen, lädst uns zum Leben ein; willst uns zur Freude führen, auf ewig dein zu sein.

Amen.

Christus schafft den neuen Menschen

Lesepredigt über 2. Korinther 5, 17: Die neue Schöpfung

3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 3.5.2020

Für einen Gottesdienst zu Hause ist hier ein Entwurf:

3. n. Ostern zu Hause

Liebe Gemeinde

Es gab schon immer Wahrsagerinnen, Orakel und Propheten. Sie können uns angeblich etwas über die Zukunft sagen, denn sie sind anders in die kommenden Geschehnisse eingeweiht als wir. Sie kennen Geheimnisse, die wir nicht kennen und berichten darüber. Viele Menschen folgen gerne ihren Ausführungen. Ob ihre Quellen seriös sind, spielt für sie keine große Rolle.

Anderen ist das wichtiger, wenn es um die Zukunft geht, und es gibt ja durchaus auch ernstzunehmende Vorhersagen. Sie resultieren aus Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, Aufzeichnungen, Messungen und Berechnungen. Der Wetterbericht entsteht z.B. so, und wir vertrauen ihm normaler Weise. Auch sogenannte Zukunftsforscher sind angesehene Wissenschaftler, auf deren Stimme gehört wird.

Auf jeden Fall ist es ein großes Bedürfnis der Menschen, die Zukunft vorherzusagen. Wir beschäftigen uns gerne und oft damit, entweder aus Angst, oder um das Leben zu planen, aus Sorge, oder weil wir Wünsche haben, die wir uns erfüllen möchten. Die Zukunft begleitet uns ständig in unsrem Denken und Fühlen, unserem Handeln und unseren Entscheidungen.

In der Bibel ist das auch so, da spielt sie sogar eine große Rolle. An vielen Stellen ist dort von den Verheißungen Gottes die Rede: Propheten haben Visionen, sie machen Zusagen, wollen Zuversicht vermitteln oder warnen. Auch das Thema einer völlig neuen Welt, die Gott heraufführen wird, durchzieht die ganze Bibel. Die Israeliten hofften darauf, und sowohl Jesus als auch die Apostel waren davon überzeugt, dass bald das ewige Reich Gottes anbrechen würde.

Hinter dem Spruch für den Sonntag Jubilate und die kommende Woche steht diese Vorstellung ebenso. Er steht im zweiten Brief des Paulus an die Korinther und lautet: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor. 5, 17)

Paulus sagt mit diesem Satz, was es heißt, Christ zu sein und zu Christus zu gehören: Es ist, als würde der Mensch mit Christus neu geschaffen. So wie Christus gestorben und auferstanden ist, so wird auch der Gläubige ganz neu mit ihm leben.

Hinter dieser Aussage steht der Endzeitglaube von Paulus. Er lebte in dem Bewusstsein, dass es zwei Weltzeiten, zwei Äonen gibt, einen alten und einen neuen. Die alte Zeit begann einst mit der Erschaffung Adams, die neue Zeit ist mit Christus angebrochen. Wer mit ihm Gemeinschaft hat, wird also neu erschaffen und hat Anteil an der ewigen Zukunft Gottes. Er wird ein himmlischer Mensch.

Dabei weiß Paulus sehr wohl, dass die Welterneuerung noch nicht vollendet ist. Es wird noch mehr kommen, die endgültige Auferstehung und die volle Gottesherrschaft stehen noch aus. Sünde und Tod sind noch da, die alte Welt ist noch nicht endgültig abgelöst. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, die vergehende Welt ist besiegt und zum Untergang verurteilt. Denn Christus hat ein neues Zeitalter herbeigeführt, das in die alte Welt eingebrochen ist. Das Neue triumphiert bereits. Die große Entscheidung über die Mächte dieser Welt ist in Christus gefallen.

Es ist also beides gleichzeitig da: Das „Noch nicht“ und das „Es ist geschehen“. Und so gibt es bereits jetzt ein „neues Sein in Christus“, auch wenn das alte „noch nicht“ vergangen ist. Christus erneuert den inneren Menschen, er versöhnt ihn mit Gott. Der Tag des Heils ist jetzt.

Das ist die Botschaft von Paulus, und es tut gut, darauf zu hören. Gerade jetzt in der Corona-Krise denken ja viele Menschen darüber nach, wie es wohl danach werden wird. Wir erleben etwas Ungewohntes und Neues. Es macht Angst und lädt zu Spekulationen ein. Viele sagen, dass die Welt danach eine andere sein wird. Doch wie wird sie aussehen?

Mit den Methoden und Werkzeugen der Trend- und Zukunftsforschung lassen sich die möglichen Folgen der Pandemie einschätzen. Ein Zukunftsinstitut hat vier Szenarien entwickelt, die beschreiben, wie unsere Zukunft nach der Pandemie mittelfristig aussehen könnte:

Szenario eins ist die totale Isolation. Der Shutdown wird zur Normalität, alle sind gegen alle, es herrscht Angst und Misstrauen unter den Menschen. Es wird z.B. normal sein, sich vor dem ersten Date gegenseitig die Gesundheitsdaten zu schicken. Bei jeder Ausreise brauchen wir eine Genehmigung. Es gibt selbst in der EU umständliche Visumsverfahren, und wir akzeptieren das alle.

Szenario zwei beschreibt den System-Crash: Das Virus hat die Welt ins Taumeln gebracht und sie kommt nicht mehr heraus. Das Vertrauen in die globale Zusammenarbeit ist massiv erschüttert. Jede Nation ist sich selbst die Nächste. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen. Die Welt wankt nervös in die Zukunft.

Diese beiden Abläufe sind pessimistisch.

Man kann aber auch optimistisch sein, und sich vorstellen, dass sich die globalisierte Gesellschaft nach der Corona-Krise wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt. Das ist das dritte Szenario: Es wird mehr Wert auf regionale Erzeugnisse gelegt. Die Rückbesinnung auf Familie und Haus und Hof hat Einzug gehalten. Kleine Gemeinschaften entstehen neu und verfestigen sich – immer in vorsichtiger Abgrenzung zu „den Anderen“. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur sind wichtige Werte, die jedoch nur lokal gedacht werden, nicht global.

Und das vierte Szenario sieht eine wunderbare neue Welt heraufkommen: Die Menschen haben gelernt und gehen gestärkt aus der Krise hervor. Wir passen uns besser den Gegebenheiten an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Die Weltwirtschaft wächst zwar weiter, aber deutlich langsamer. Unternehmen entwickeln neue Geschäftsmodelle und machen sich unabhängig vom Wachstum. Sie fragen nicht mehr nach dem Profit, sondern nach dem Sinn des Wirtschaftens. Sie legen Wert auf bessere, sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen. Das gemeinsame Überstehen der Krise führt zu einem neuen, achtsamen Umgang miteinander. Solidarität, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt bestimmen das Handeln aller. Dieses Szenario wäre natürlich das Beste.

Aber was von all dem eintreten wird, weiß niemand. Es gibt Zukunftsforscher, die mit ihren Prognosen schon gehörig danebengelegen haben, und möglicherweise wird sich gar nicht so viel ändern.

Denn am naheliegendsten wäre es ja, wenn die jetzige Prämisse „Die Gesundheit und das Überleben der Menschen hat absoluten Vorrang“ bald auch alle anderen Bereiche der Politik bestimmt. Dann würden wir sofort Tempo 130 auf allen Autobahnen haben, damit es weniger Verkehrstote gibt. Alkohol, Zigaretten und ungesunde Lebensmittel werden verboten, damit niemand an den Krankheiten stirbt, die dadurch entstehen. Wir stellen die Waffenproduktion ein, damit kein Mensch mehr einen anderen erschießen kann. Wir kümmern uns endlich entschieden um das Klima, damit alle Lebewesen auf diesem Planeten überleben können, usw.

Vielleicht wird das eine oder andere davon ja tatsächlich geschehen, aber sicher nicht sofort nach der Krise, weil dadurch alle so einsichtig werden oder weil die jetzigen Prioritäten in der Politik festgesetzt werden und überall gelten. Denn die Menschen bleiben egoistisch und träge. Macht und Gier und Wille haben uns dahin gebracht, wo wir sind, und die werden nicht einfach so verstummen. Der Mensch wird weiterhin von seinen Wünschen und Bedürfnissen gesteuert sein. Es ist auch nicht ganz nachvollziehbar, warum ein Virus plötzlich alles verändert sollte. Wenn es besiegt ist, wird es wahrscheinlich wieder in Vergessenheit geraten. Auch in früheren Zeiten hat die Menschheit Krisen überstanden und bald danach so weiter gemacht, wie vorher.

Denn zu einer echten Erneuerung gehört etwas ganz anderes, als eine Krankheit, vorübergehender Freiheitsentzug oder ein Wirtschaftseinbruch, selbst wenn es in allen Ländern der Welt geschieht. Es muss eine Zeitenwende eintreten, eine ganz neue Welt entstehen, ohne unser Zutun. Und genau das ist geschehen. So lautet die Botschaft des Neuen Testamentes:

Jesus Christus hat die neue Welt gebracht, in ihm hat sich etwas ereignet, das alle, die an ihn glauben, immer wieder neu erschafft. Das Alte hat seine Macht verloren, auch wenn sich das Neue noch nicht ganz durchgesetzt hat. Christus ist auferstanden und hat die Schöpfung erneuert. Wir müssen nur daran glauben und uns darauf einlassen. So lautet das Evangelium.

Doch was heißt das nun konkret? Was müssen wir beachten, wenn wir an der neuen Schöpfung Anteil haben wollen? Lasst uns darüber noch nachdenken und uns zunächst folgendes klar machen:

Wenn das Heil jetzt da ist, müssen wir uns auf die Gegenwart konzentrieren. Es ist nicht ratsam, zu viel über die Zukunft zu sinnieren und mit den Gedanken in einer Zeit zu sein, die noch nicht da ist. Jetzt geschieht das, was wichtig ist. Alles andere sind Phantasien, Wünsche und Spekulationen. Sie sind zwar in einem gewissen Grad realistisch, aber viel realer ist der Augenblick. In ihm gilt es, zu verweilen. Und das heißt, anstatt etwas zu wollen, müssen wir einfach nur da sein. Nicht auf das Machen und Planen kommt es an, sondern auf das Vertrauen und die Gelassenheit. Christus will uns jetzt ergreifen, und es gilt, seine Liebe und Gnade zu empfangen. Dann kann sein Geist uns erfüllen und wir werden „neu erschaffen“. Es entsteht ein neues Bewusstsein und damit auch eine neue Lebensweise und ein neues Handeln. Das ist der erste Punkt.

Als zweites dürfen wir wissen, dass das entscheidende Merkmal dieses neuen Lebens große Freude und Zuversicht ist. Die Angst vor dem Tod verschwindet, denn Christus hat die Welt überwunden und die Ewigkeit steht uns offen. Wir gewinnen eine Hoffnung, die weit über Raum und Zeit hinausweist. Wir werden geduldiger und leidensfähiger. Verlust, Krankheit, Schmerzen und Not verlieren ihr Gewicht. Wir bleiben ruhig und zufrieden, ganz gleich, was geschieht.

Beachten müssen wir dabei nur, dass dieser Zustand nicht ein für alle Mal da ist und von selber andauert. Er will immer wieder eingeübt sein. Es ist eine tägliche Aufgabe, uns so Christus anzuvertrauen, dass sein Geist uns erfüllt und wir zu „neuen Menschen“ werden. Es erfordert unser Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Wenn wir die allerdings aufbringen, wird das neue Sein langsam zu einer Gewohnheit, die uns immer mehr prägt.

Und wenn das so ist, kann sich auch die Welt verändern. Das ist der letzte Gedanke in diesem Zusammenhang. Und die Krise kann dafür auch eine gute Ausgangsbasis sein. Wir wissen zwar nicht, was danach sein wird, aber wir können uns etwas vornehmen und selber dazu beitragen, dass nicht alles wieder so sein wird wie vorher.

Wir merken jetzt alle, wie bedroht unser Leben ist, wie sehr wir einander brauchen, und was wirklich zählt. Und wir haben es selber in der Hand, ob von den guten Vorgängen und Abläufen in unserer Gesellschaft etwas überlebt. Anstatt zu spekulieren, sollten wir für uns selber etwas beschließen. Wichtig sind jetzt nicht die Stimmen von irgendwelchen Orakeln oder Zukunftsforschern, sondern die Entscheidungen jeder und jedes Einzelnen. Auf Glaube, Hoffnung und Liebe kommt es an. Und ob diese Tugenden unsere Gesellschaft prägen, liegt an uns. Die Möglichkeit dazu haben wir, weil Christus es uns geschenkt hat, so zu leben.

Lasst uns deshalb nicht allzu sehr in die Zukunft schauen und dabei ungeduldig die Tage zählen, bis all die Unbequemlichkeiten und Einschränkungen endlich vorüber sind. Jeder Tag zählt, ob in der Krise oder danach, ob in der Zeit oder in der Ewigkeit. Denn „das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“

Amen.

Christus ist der Hüter unserer Seelen

2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 26.4.2020

Auch an diesem Sonntag dürfen wir uns noch nicht wieder in unseren Kirchen versammeln. Vielleicht freut der Teufel sich darüber, dass die Kirchen endlich leer sind. Doch da hat er sich zu früh gefreut: Es gibt  plötzlich viel mehr Kirchen, denn die Gottesdienste finden nun in den Wohnungen der Christen statt. Damit das auch an diesem Sonntag wieder geschehen kann, ist hier ein Entwurf für den Ablauf:

2. n. Ostern zu Hause

Lesepredigt über 1. Petrus 2, 21b- 25: Ermahnung zur Christusnachfolge

Liebe Gemeinde.

Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Dieses Bild existiert seit langem und lebt bis heute im Denken und im Sprachgebrauch vieler Menschen fort. Der Vater dieser Theorie ist der französische Philosoph René Descartes, der von 1596 bis 1650 lebte. Er betrachtete Leib und Seele als getrennte Einheiten und prägte unsere Vorstellung über Geist und Körper. Dabei glaubte er bereits an eine Interaktion zwischen Leib und Seele.

In der Medizin wurde diese Ansicht übernommen, etwa wenn Ärzte nach psychischen und physischen Beschwerden untergliedern und den wechselseitigen Einfluss als „psychosomatisch“ bezeichnen. Aber auch geläufigen Redewendungen wohnt dieses Verständnis inne: Wir „reden uns etwas von der Seele“ oder „es lastet uns etwas auf der Seele“, ohne dass es dafür eine körperliche Entsprechung gäbe.

In der Hirnforschung gilt die Zweiteilung von Leib und Seele als überholt, denn ein Interaktionszentrum im Gehirn konnte nie entdeckt werden. Die Theorie ist seit langem durch das Verständnis von der Nervenreizleitung über elektrische Erregung abgelöst.

Trotzdem hat sie etwas für sich. Sie ist anschaulich und leicht verständlich und liegt auch dem biblischen Menschenbild zu Grunde: Der Mensch ist ein Geist, er hat eine Seele und lebt in einem irdischen Leib. Für diese Vorstellung gibt es viele Belege.

Was dabei unsere Seele betrifft, so wird sie meistens kritisch gesehen, weil sie am liebsten den eigenen menschlichen Weg gehen will. Doch das ist gefährlich, denn wenn wir uns von der Seele leiten lassen, sind wir Schwankungen unterworfen. Unsere Gefühle sind mal hoch und mal tief, und mit unserem Eigenwillen widerstehen wir oft den Plänen Gottes. Deshalb braucht unsere Seele einen göttlichen „Wächter“ und „Leiter“. Sie muss lernen, sich an dem Wort Gottes und seinen Verheißungen zu orientieren. Das kommt an vielen Stellen in der Bibel zum Ausdruck, wie auch in dem Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der heute unser Predigttext ist. Er lautet folgendermaßen:

1. Petrus 2, 21b- 25

21b Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“

Hier ist von einem „Umherirren“ die Rede, und zwar von „irrenden Schafen“. Das ist ein Bild, bei dem es dem Schreiber hauptsächlich um den Hirten geht, der den Schafen hilft, ihren Weg zu finden: Genauso, wie sie sich ohne den Hirten hoffnungslos verlaufen würden, genauso ginge es uns ohne Christus. Das ist seine Aussage. „Er ist der Hirte und Bischof unserer Seelen“, d.h. der „Beobachter, Beschützer und Bewahrer“. Auf diese Botschaft läuft der Textabschnitt hinaus.

Das Ganze ist so eine Art Christushymnus, mit dem der Verfasser die Zuhörer oder Leser ermahnen und auch ermutigen möchte. Er stellt Christus als Vorbild hin und gleichzeitig als den Erlöser und Retter. Er hat das in dieser Form wahrscheinlich aus der Tradition übernommen, als festes, zusammenhängendes Lehrstück.

Hier ist es ein Teil seiner Ermahnungen an Sklaven, von denen es in der neutestamentlichen Zeit und auch in den christlichen Gemeinden sehr viele gab. Er fordert sie zur Geduld auf. Sie sollen das Übel ertragen und das Unrecht erleiden, das ihnen zugefügt wird, und zwar genauso wie Christus es getan hat. Und damit spricht er natürlich alle an, die Christus nachfolgen. Sie sollen in seinen Spuren wandeln. Er hat als Unschuldiger gelitten und das schweigend auf sich genommen, ohne Gleiches mit Gleichem zurückzugeben. Er hat seine Sache Gott anheimgestellt. Und so sollen auch die Christen das Gericht Gottes nicht in eigener Regie vorwegnehmen, sondern ihre manchmal leidvolle Situation annehmen. Das ist der erste Teil dieses Lehrstücks.

Danach gibt der Verfasser aber noch mehr zu bedenken. Es bleibt nicht einfach nur bei der Ermahnung, sondern es folgt noch eine Motivierung und Begründung für die christliche Leidensnachfolge. Letzten Endes bedeutet sie nämlich Freiheit und Heilung, die Christus uns nicht nur vorgelebt, sondern auch bewirkt hat. „Er hat unsere Sünde selber an das Kreuz hinaufgetragen“, heißt es, und er hat uns damit von der Knechtschaft der Sünde frei und los gemacht. Er hat den üblichen Automatismus von Schmähung und Widerschmähung zerbrochen, und damit hat er das Heil bewirkt. Alle, die an ihn glauben, können deshalb in derselben Freiheit leben wie er. Das ist ihre neue Ausrichtung, ihr Ziel, das das Leben gestalten und prägen soll. Sie können ihre alten Gewohnheiten hinter sich lassen, umdenken und eine ganz andere Geisteshaltung einnehmen. Denn mit Christus hat etwas Neues angefangen, was dann am Ende mit dem Bild von dem „Hirten und Hüter der Seelen“ zusammengefasst wird:

D.h. Christus zeigt den Weg, er gibt Orientierung, nach ihm kann man sich ausrichten, und zwar in jeder Hinsicht. Er ist das Vorbild und gleichzeitig derjenige, der den Weg auskundschaftet, begleitet und überwacht. Von ihm kommt das Heil, das zur Überwindung führt. Denn er hat den Tod auf sich genommen und überwunden. Er hat ihn zwar nicht abgeschafft, aber er hat ihn durchschritten. Er hat die Vergänglichkeit angenommen, war geduldig und gehorsam und hat dabei auf Gott vertraut. Und dadurch hat er etwas erreicht, das viel größer ist als Raum und Zeit, das weit über die Vergänglichkeit hinausweist: Es ist ewiges Leben, das Christus allen schenkt, die ihm folgen. Und damit ist er für die Seele ein fester und zuverlässiger Halt. Er gibt innere Orientierung und Schutz, Heil und Befreiung. Wir müssen nur auf ihn schauen und uns fest mit ihm verbinden.

Und das ist gerade in diesen Zeiten besonders wichtig, denn wir erleben in der Coronakrise etwas, das wir vorher so in unserem Land nicht kannten: Uns werden unzählige Dinge plötzlich vorgeschrieben, die weit in unser persönliches Leben hineinreichen. Es gibt Verbote von Dingen, die wir für selbstverständlich halten: Familienbesuche, Gottesdienste, sportliche und kulturelle Veranstaltungen, Vereinstreffen und vieles mehr ist nicht mehr erlaubt. Ganz neue Regeln, Pflichten, Vorschriften und Gesetze sind entstanden, die uns alle einschränken. Krankenhäuser ähneln Hochsicherheitsgefängnissen, und selbst Sterbende dürfen nur in Ausnahmefällen besucht werden.

Das ist alles nur schwer zu ertragen, trotzdem machen die Menschen mit, denn die Denkrichtung dahinter teilen die meisten. Sie besteht darin, dass die körperliche Gesundheit und das Vermeiden des Sterbens als das höchste Gut angesehen wird, das es zu bewahren gilt.

Aber ist das eigentlich wirklich eine heilsame Denkweise? Wird sie unserem Leben gerecht, mit allem, was dazu gehört? Je länger dieser Zustand andauert, umso mehr bekomme ich das Gefühl, dass die Anordnungen wie ein „Umherirren“ sind. Unser Wohlbefinden wird auf den Leib reduziert, und dabei wird vergessen, dass wir aus noch viel mehr bestehen. Wir haben auch eine Seele und einen Geist, und die leiden z.Zt. bei den meisten Menschen viel mehr. Therapeuten rechnen jetzt schon damit, dass sie nach der Krise, wenn die Abstandregeln gelockert werden, einen enormen Zulauf haben werden. Denn es entsteht Verunsicherung und Angst. Die Aggressivität nimmt in vielen Familien zu, andere vereinsamen. Auch Traurigkeit, Stress und innere Verarmung sind die Folgen. Es stirbt zwar nicht der Leib, es sterben aber seelische Regungen, wir werden mental und psychisch stark geschwächt.

Und das ist meiner Meinung nach genauso gefährlich wie das Virus, denn natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Leib und Seele, auch wenn im Gehirn dafür kein Interaktionszentrum gefunden wurde. Selbst führende Lungenärzte sagen uns, dass das Immunsystem gestärkt wird, wenn es uns seelisch gut geht. Es ist also dringend notwendig, dass wir darauf achten. Sonst wird diese Krise noch viel katastrophalere Folgen haben, als wir ahnen. Und dabei kann uns der Glaube an Jesus, den „Hirten unsere Seelen“, helfen, und zwar in drei Schritten.

Zunächst ist es wichtig, dass wir das Denken, das uns in den Medien und durch die Politik vorgesetzt wird, nicht einfach so übernehmen. Wir sind ja zum Glück noch frei in unseren Überlegungen. Träumen ist nicht verboten, sich etwas vorzustellen auch nicht, und erst recht nicht glauben, hoffen und lieben. Es gibt zwar Stimmen, die behaupten, dass die Religionsfreiheit gerade eingeschränkt wird, aber das stimmt nicht. Wir dürfen uns bloß nicht in größeren Mengen versammeln und dabei eng aneinander stehen, um unseren Glauben zu praktizieren. Alles andere ist erlaubt. Lasst uns das deshalb nutzen und die einseitige Sicht auf die Dinge, die uns gerade überall vorgesetzt wird, ablegen.

Das gelingt am besten, indem wir zweitens ganz nah bei uns selber bleiben, uns selber gut im Blick behalten und unseren eigenen Weg des Denkens und Fühlens finden. Und dabei dürfen wir barmherzig mit uns selber sein. Oft erlauben wir uns das nicht. Wir verurteilen uns schnell, wenn wir merken, dass uns die eigene Hülle zu eng wird, dass wir wütend oder ungeduldig werden, traurig oder niedergeschlagen. Wir denken, wir machen etwas falsch. Aber das hilft nicht weiter, es ist vielmehr ratsam, dass wir uns selber lieben, so wie wir sind, einfühlsam und anteilnehmend bleiben. Dabei hilft die Frage: Wer bin ich wirklich? Was sind eigentlich meine Prioritäten? Was ist für mich das Wichtigste? Wir müssen unser ureigenstes Lebensgefühl nicht verändern. Die Situation, in der wir uns befinden, ist nur äußerlich einschränkend. Wir müssen das zwar annehmen und die Regeln beachten, aber bestimmen müssen sie unser Bewusstsein nicht. Wir dürfen und müssen wir selber bleiben.

Dann gelingt uns auch der dritte Schritt, der darin besteht, dass wir uns Jesus Christus anvertrauen. Er ist unser guter Hirte, und er hat einen viel besseren Rat, als irgendein Mensch ihn uns je geben könnte. Denn er kennt unsere Seele, er führt uns den Weg zum Leben, zu dem Seele und Geist genauso gehören wie der Leib. Er wacht darüber, und er beschützt uns auch. Er ist ein sicherer Hort, eine Zuflucht, zu der wir immer fliehen können.

Es ist deshalb gut, wenn wir auf Christus schauen wie auf einen Wegweiser und abwarten, bis sein Bild eine Wirkung entfaltet. Wir begeben uns dadurch in sein Kraftfeld. Es geht Heil von ihm aus, die Schwankungen unserer Seele kommen zur Ruhe, Ängste und Unsicherheiten verschwinden, Stress und Aggressivität nehmen ab, Traurigkeit und Einsamkeit lösen sich auf. Wir werden fest und zuversichtlich.

Denn Jesus Christus ist nicht nur eine Phantasie, er lebt und regiert wirklich, und diese Realität ist größer als das irdische Leben, sie öffnet eine ganz neue Dimension. Es ist die lebendige Gegenwart Gottes, auf die sowieso alles hinausläuft. Wir müssen nur daran glauben und uns danach ausrichten. Dann wird unser verkürztes Denken gesprengt, die Seele kann frei atmen und der Leib wird gesund.

Und selbst wenn wir sterben, ist das kein Drama, das es zu vermeiden gilt. Es ist vielmehr gut, denn der Tod trägt uns endgültig und ganz hinüber in die Gegenwart unseres „guten Hirten“. Wir sind dann für immer in den Armen des „Hüters unserer Seelen“ geborgen. Die Verheißungen Gottes werden wahr und können durch nichts mehr ausgelöscht werden.

Amen.

 

Des Lebens Blütensieg

Ostersonntag, 12.4.2020

Ostern verweist uns auf ein Geschehen, das heute lebendig ist.  Wir dürfen uns in diesen Coronazeiten zwar nicht zum Gottesdiesnt versammeln, aber das löscht die Gegenwart des Auferstandenen nicht aus. Feiert euren Ostergottesdiesnt deshalb zu Hause an einem Tisch mit Kerzen und Blumen und einem Osterbild. Dafür ist hier ein Gottesdienstentwurf mit Liedvorschlägen, Bibellesungen und Gebeten und eine Lesepredigt.

Ostersonntag zu Hause

Lesepredigt über Jeremia 1, 11f: Der erwachende Zweig

Liebe Gemeinde

Ich bin in diesen Tagen von mehreren Menschen an ein Lied erinnert worden, das der jüdische Dichter und Religions-Philosoph Schalom Ben-Chorin gedichtet hat. Der lebte von 1913 bis 1999, d.h. er hat beide Weltkriege miterlebt, und er nannte sein Gedicht „das Zeichen“. Er schrieb es 1942 in Jerusalem, als sich gerade die Schreckensmeldungen über den Krieg und die Vernichtung seines Volkes häuften. Es beginnt mit der Strophe: „Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.“ (EG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 606,1) Wenn Ben-Chorin verzagt und hoffnungslos war, tröstete ihn die leise Botschaft des Mandelbaums. Denn der blüht, wenn ringsum noch alles kahl ist und auf den hohen Hügeln rund um Jerusalem noch Schnee liegt.

Ähnlich werden auch wir es in den kommenden Tagen erleben können: Die Mandel- und Obstbaumblüte wird vielen Menschen Freude und Zuversicht geben, denn sie ist ein wunderbares Hoffnungszeichen, ein „Zeichen für den Sieg des Lebens“.

In der Bibel finden wir dafür ebenfalls Beispiele. Und vermutlich dachte auch Ben-Chorin an die Stelle aus dem Buch des Propheten Jeremia im ersten Kapitel, wo steht:

Jesaja 1,11

1 Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du?
2 Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.

Diese Vision steht am Anfang des Buches von Jeremia und es ist ein Teil seiner Berufungsgeschichte. Mit ihr beginnt sein Auftreten als Prophet. Er beschreibt darin eine persönliche Begegnung mit Gott, durch die er auf seinen Beruf vorbereitet wurde. Sie bildet den Ausgangspunkt und das Fundament seiner gesamten Prophetie. Entscheidend sind dabei nun allerdings nicht Ideen oder Programme, die er von Gott bekommt, sondern Gott weckt in ihm die Hoffnung und Gewissheit auf ein kommendes Heil für die ganze Welt.

In einer Vision stellt er ihm einen „erwachenden Zweig“ vor Augen, und damit ist ein Mandelzweig gemeint. Der Mandelbaum blüht im Frühjahr nämlich als erster der Fruchtbäume und daher lautet sein hebräischer Name „der Wächter“ oder „der Frühe“, und er klingt wie „wachsam sein“. In der Vision Jeremias gilt er als Zeichen dafür, dass Gott über seine Schöpfung „wacht“. Der Zweig besagt: Gott steht zu seinen Verheißungen. Er verkündet die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. Er bezeugt, dass das Leben aus Gott am Ende stärker sein wird, als alle Not. Der „erwachende Zweig“ steht als Zeichen gegen Leid, Zerstörung und Tod und sagt Gottes ewiges Friedensreich an.

Eine solche Symbolik durchzieht die ganze Bibel. Dem Übermaß an Unheil und Schuld auf der Welt begegnet Gott immer wieder mit lebendigen Zeichen der Schöpfung und der Natur. So lesen wir von einem „Reis aus der Wurzel Isais“ bei dem Propheten Jesaja. (Jes.11,1f).10  Die Christen haben das später als Ankündigung der Geburt Jesu gedeutet. (Röm.15, 12) Das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ (EG 30) greift dieses Bild auf.

Aber auch Jesus selbst bediente sich gerne dieser Vorgänge in der Natur. So erzählte er das Gleichnis vom Senfkorn (Matth.13,31; 17,20) und benutzte das Bild vom „Weizenkorn, das in der Erde erstirbt, um Frucht zu bringen“. (Joh.12,24). Damit deutete er seinen eigenen Weg an. Er ist selber gestorben, war tot und wurde beerdigt. Aber dabei ist es nicht geblieben. Zu Ostern feiern wir vielmehr seine Auferstehung.

Die Evangelien bezeugen, dass er nicht im Grab geblieben ist. Viele Menschen haben ihn danach gesehen. Zuerst erschien er den Frauen „Maria Magdalena und der anderen Maria“ (Mat.28,9f), dann zeigte er sich auch allen Jüngern (Joh.20,19ff) und wurde „von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal gesehen“, wie Paulus im Korintherbrief berichtet. (1. Kor.15,6) Mit diesen Darstellungen legt das Neue Testament viel Wert darauf, die Botschaft von der Auferstehung glaubhaft zu machen, und sie sind auch der Ausgangspunkt des Christentums. Mit Ostern begann der Weg des Glaubens an Jesus Christus als dem Sohn Gottes, der den Tod überwand.

Doch obwohl dieser Glaube sich im Laufe der Jahrhunderte erfolgreich in der ganzen Welt verbreitet hat, haben damit heutzutage viele von uns ihre Schwierigkeiten. Wir können und wollen uns das so nicht vorstellen, wir glauben nicht an ein Wunder. Denn unser Denken ist von der Naturwissenschaft und von der Vernunft bestimmt, und da passt der Glaube an die Auferstehung eines Toten nicht hinein.

Das muss er allerdings auch nicht, denn sowohl das Neue Testament als auch der Prophet Jeremia und andere biblische Zeugen wollen gar nicht unsere Vernunft ansprechen. Um die Osterbotschaft aufzunehmen, ist es sogar ungünstig, wenn wir unser normales Denken einschalten. Denn sie ist ein Mysterium, ein Geheimnis, dem wir uns ganz anders nähern müssen, als mit logischen Schlussfolgerungen. Überlegungen zu Ursache und Wirkung, das Nachdenken über Voraussetzungen und Ergebnisse helfen uns bei diesem Thema nicht weiter. Im Gegenteil, sie stehen uns im Weg. Wir müssen ganz andere Mechanismen in unserem Geist und unserem Bewusstsein einschalten, um die Botschaft von der Auferstehung zu begreifen.

Dafür ist es gut, wenn wir zunächst einmal ruhig werden und aufhören zu denken. Wir sollten uns dafür auch Zeit nehmen, denn es dauert eine Weile, bis unsere Gedanken zur Ruhe kommen. Es gehört dazu, dass wir unser Ich zurücknehmen, innerlich schauen, einfach nur da sind und abwarten, was geschieht. Die Auferstehung ist ein Ereignis, das nicht in die Geschichte und nicht in die Logik passt, aber es ist erfahrbar. Das Evangelium will etwas in uns wecken, und das ist der Glaube an den Sieg des Lebens.

Shalom Ben-Chorin wusste, dass es ein bisschen „meschugge“, d.h. ein „ein bisschen verrückt“ ist, in einem zarten Mandel-Blütenzweig einen Protest gegen den enormen Druck von Hoffnungslosigkeit zu erkennen. So hat er es später ausgedrückt. Aber zu dieser Verrücktheit sind wir eingeladen. Wir sind eingeladen, an den Sieg des Lebens zu glauben. Ostern ist das Fest, an dem wir uns darauf besinnen, dass aus Ohnmacht Leben wurde. Jesu Weg war nicht der Weg des Scheiterns, sondern in Wahrheit Ausdruck von Gottes Kraft und Liebe, die sich gegen alles Leid und auch gegen allen Augenschein durchgesetzt hat. Es gibt das ewige Friedensreich Gottes.

Die Hoffnung darauf verbindet Juden und Christen. Aber als Christen glauben wir noch mehr. Denn wir glauben, dass das Reich Gottes schon begonnen hat. Es ist bereits unsichtbar gegenwärtig und seine Spuren durchziehen diese Welt. Denn wir haben Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen vor Augen, wenn wir von unserer Hoffnung sprechen. Und das heißt: Durch sein Sterben und Auferstehen ist der Tod nicht das Ende. Es siegt das Leben. Wer Christus vertraut, wird in Ewigkeit gerettet. Das ist die Botschaft, die von Ostern ausgeht, und der erste Mandelzweig ist dafür ein wunderbares Zeichen. So können auch wir singen: „Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, dass das Leben siegt!“

Schalom Ben-Chorin dichtete dieses Lied in einer der „trübsten Zeiten“ für die Juden, um sie an eine unzerstörbare Hoffnung gegen allen Augenschein zu erinnern. Es entstand während der Nazi-Zeit, deren Unrecht er am eigenen Leib erlebt hatte. Ursprünglich lebte er in München, und er wurde dreimal verhaftet. 1935 gelang ihm dann aber zum Glück die Flucht nach Palästina und er ließ sich in Jerusalem nieder. Und obwohl er das unbeschreibliche Leiden und Sterben seiner jüdischen Glaubensgeschwister vor Augen hatte, gab er den Glauben an Gottes Gegenwart in der Geschichte seines Volkes nicht preis. Er dichtete in hoffnungslosen Zeiten das Lied vom blühenden Mandelzweig, das Lied von der unzerstörbaren Hoffnung, dass die Liebe trotz allem bleibt. „Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“ So lautet die dritte Strophe, und die ist immer noch aktuell, auch und besonders in dieser Zeit, in der wir gerade stehen.

Überall auf der Welt ist die Menschheit von dem Coronavirus bedroht, gegen das wir noch kein Mittel und keinen Impfstoff haben. Wir können uns nur schützen, indem wir zueinander Abstand halten, und dadurch erleben wir gerade etwas, das wir vorher so noch nicht kannten. Das soziale Leben wurde weitgehend eingestellt, damit wir uns nicht zu schnell gegenseitig anstecken. Trotzdem sterben Menschen, die wir lieben. Jede Hoffnung scheint umsonst. Wir erfahren was es heißt, dass „eine Welt vergeht.“

Schalom Ben-Chorin hat das ebenfalls erlebt, allerdings in noch viel schlimmerem Ausmaß. Es werden jetzt ja oft Vergleiche mit dem zweiten Weltkrieg herangezogen, aber davor sollten wir uns hüten. Was wir erleben, ist nicht annähernd so grausam, wie das, was damals geschah. Wir kennen es bloß nicht, dass wir unsre Freiheiten einschränken müssen, dass es plötzlich Verbote gibt von etwas, was wir für selbstverständlich halten, und dass mehr Menschen sterben als sonst. Es macht uns natürlich Angst. Aber wir wissen, dass Menschen in der Geschichte und in der Gegenwart noch viel größeres Leid erfahren haben. Und an denen können wir uns ein Beispiel nehmen, so wie an Ben-Chorin, der das Staunen über die weiße Blüte der Mandelbäume dem Schrecken entgegengehalten hat. Es ist ein Hoffnungs-Bild. Er dichtete deshalb: „Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“

Der Mandelbaum, der Mandelzweig oder die Mandelblüte sind auch heute noch in Israel ein Symbol für das neue Leben nach dem Winter, für den Verzweifelten das Zeichen der Hoffnung auf neues und erwachendes Leben, und für den Sterbenden die Verheißung des ewigen Lebens. Wir Menschen brauchen solche Zeichen in unserem Alltag. Gerade und besonders dann, wenn „eine Welt untergeht“, wenn wir zu versinken glauben und keinen festen Halt mehr unter unseren Füßen spüren. Dann winken uns Zeichen wie der Mandelzweig zu: Mensch, sieh hin! Ein unscheinbarer, blühender Mandelzweig ist das Zeichen, dass das Leben siegt. Vertraue Gott! Wenn du das tust, können sich Resignation und Verzweiflung auflösen, kann neue Hoffnung sich Bahn brechen. Gott schenkt uns solche Zeichen der Hoffnung, Zeichen, die weit über das vordergründig Gesehene hinausweisen. Wir müssen einfach nur genau hinsehen, um sie zu entdecken!

Auch die Auferstehung Jesu Christi lässt sich gut mit diesem Bild beschreiben. Und doch ist sie noch viel mehr als das. Denn wenn Christus auferstanden ist, dann ist er jetzt gegenwärtig, dann ist er wirksam und lebendig, dann kann er uns ergreifen und mit seinem Geist erfüllen. Der Osterglaube gibt uns nicht nur ein Symbol, sondern er verweist uns auf eine Realität, die größer und wirklicher ist als die Welt, in der wir leben. Wer sich diesem Glauben anschließt, hat nicht nur gute Gefühle und Gedanken, er bekommt vielmehr eine ganz tiefe Ruhe und wird wirklich getragen. Es entsteht eine Zuversicht, die weit über das Sterben hinausweist, und eine Hoffnung, die den Tod überwindet. Das Leben hat gesiegt, lasst uns darauf vertrauen und Gott dafür loben.

Amen.

Dieser Predigt liegt eine Predigt von Pfarrer Volker Sailer aus Stuttgart zu Grunde, die ich im Internet gefunden habe. Ich habe sie teilweise zitiert, das aber nicht an allen Stellen gekennzeichnet. Den ursprünglichen Text findet ihr hier:

https://www.jomjournal.de/fotos-privat-u-a/predigt-und-lied-mandelzweig/

 

Lasst uns unseren Tagen mehr Leben geben

Karfreitag, 10.4.2020

Es gibt Stimmen, die sagen, dass Ostern in diesem Jahr ausfällt. Doch das kann gar nicht geschehen! Das Einzige was ausfällt, sind gemeinsame Gottesdienste in unseren Kirchen, weil wir uns wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus nicht versammeln dürfen.

Aber Karfreitag und Ostern selber bedeuten ja viel mehr als unsre Gottesdienste. Sie verweisen uns auf ein Geschehen, das heute lebendig ist: Jesus ist für uns gestorben und auferstanden und keine Macht der Welt kann daran etwas ändern.

Feiert euren Gottesdienst deshalb im Wohnzimmer an einem Tisch mit einem Kreuz oder einem passenden Bild. Dafür ist hier ein Gottesdienstentwurf mit Liedvorschlägen, Bibellesungen und Gebeten und eine Lesepredigt.

Karfreitag zu Hause

Lesepredigt über Johannes 3, 16

Liebe Gemeinde.

„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Das waren der Kerngedanke und die Grundhaltung von Lady Cicely Saunders, einer englischen Krankenschwester, die von 1918 bis 2005 lebte. Sie hat die moderne Hospizbewegung gegründet und war Pionierin der Palliativmedizin. D.h. sie sorgte dafür, dass sterbenskranke Menschen, denen im Krankenhaus gesagt wurde „wir können nichts mehr für sie tun“ in Würde und Menschlichkeit ihre letzte Wegstrecke gehen konnten, in einem hellen Gebäude mit freundlichen Räumen und einer farbenfrohen Dekoration. Und dieses Konzept hat sich überall durchgesetzt, auch bei uns gibt es ein Hospiz. Es ist ein Ort, an dem die Angehörigen sich zusammen mit einem Team an der Versorgung des Kranken beteiligen können, und auch ihnen steht das Team zur Seite, wenn sie selbst Hilfe vor oder nach dem Tod des Patienten benötigen. Zentrale Leitideen sind dabei Lebensqualität und Selbstbestimmung bis zum Schluss.

Vor dem Tod selbst schreckt die Hospizbewegung nicht zurück, im Gegenteil, er wird als Teil des Lebens bejaht und als etwas ganz natürliches gesehen. Die Erkenntnis, dass unser Leben irgendwann zu Ende ist, hat in diesem Fall also viel Kreativität und Engagement freigesetzt.

Und das war nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit so. Im Gegenteil, viele philosophische Ansätze beruhen auf der Auseinandersetzung mit dem Tod und der Frage nach dem Leid, und auch in den Religionen ist das ein zentrales Thema, allen voran im Christentum. In unserem Glauben werden das Sterben und die Vergänglichkeit radikal einbezogen, es dreht sich praktisch alles um diese Realität. Die Antwort, die das Evangelium darauf gibt, ist allerdings keine theoretische Abhandlung, sondern ein Geschehen: Jesus Christus ist gestorben und auferstanden, er hat den Tod besiegt und uns ewiges Leben geschenkt. Das ist die Botschaft, und wir sind aufgefordert, daran zu glauben. Mit einem Satz aus dem Johannesevangelium werden dieses Ereignis und die Einladung, uns Jesus Christus anzuvertrauen, wunderbar zusammengefasst. Wir kennen ihn alle, denn er ist berühmt geworden und lautet: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh.3,16) Dieser Satz fasst das ganze Heilsgeschehen, das Gott durch Jesus Christus heraufgeführt hat, in einem Kerngedanken zusammen. Er beinhaltet die Geburt und das Kommen Jesu genauso wie sein Sterben und Auferstehen. Wir lesen ihn deshalb zu Weihnachten, und er ist ebenso das Leitwort für den Karfreitag, dem Tag an dem wir des Kreuzestodes Jesu gedenken.

Ursprünglich stammt er nicht aus der Passionsgeschichte, sondern aus einem Gespräch, das Jesus eines Nachts mit einem Pharisäer namens Nikodemus führte. Er wollte von Jesus wissen, wer er wirklich war, denn er hatte von den Zeichen und Wundern Jesu gehört und selber welche gesehen. Aber war er wirklich von Gott gesandt? Und wenn ja, wie konnte man zu diesem Glauben kommen? Das waren seine Fragen.

Und Jesus offenbart sich ihm in diesem Gespräch. Er spricht von der Wiedergeburt, die nötig ist, um in ihm den Sohn Gottes zu erkennen, und vom Empfang des Heiligen Geistes. Die alles entscheidende Tat aber, die den Menschen rettet, kommt von Gott selbst: Er hat der Welt seinen Sohn geschenkt und ihn für sie am Kreuz hingegeben. Jeder, der zu ihm aufblickt, wird ewiges Leben haben, er wird aus der Verlorenheit und der Vergänglichkeit gerettet und an der Auferstehung der Toten teilhaben. Das ist seine Botschaft, nicht nur für Nikodemus, sondern für alle, die das Evangelium lesen. Sie zeichnet den Weg Jesu vor, benennt seinen Ursprung, seinen Auftrag und sein Ziel.

Und damit gibt das Evangelium auf den Tod eine ultimative Antwort. Jesus hat nicht darüber philosophiert, er hat ihn besiegt. Sein Ziel war es nicht, „dem Leben mehr irdische Tage zu geben“, sondern den wenigen Tagen, die ihm auf dieser Erde zur Verfügung standen, so viel Leben wie möglich. Und etwas Weitreichenderes und Lebendigeres, als er bewirkt hat, kann es gar nicht geben. Denn er hat mit seinem Kreuz und seiner Auferstehung eine Zeitenwende heraufgeführt. Der Himmel steht offen, und das Leben hat ein für alle Mal gesiegt! Lasst uns deshalb zu denen gehören, „die an ihn glauben“.

Das ist gerade in diesen Tagen besonders nötig, denn der Tod und das Sterben sind überall. Das Coronavirus hat unser Leben verändert, hoffentlich nur vorübergehend, aber z.Zt. ist alles, was geschieht, ausgesprochen gruselig. Wir müssen nicht nur die Nachrichten über die Toten verkraften, die jetzt überall zu beklagen sind, auch das Leben der Gesunden droht zu verkümmern. Unsere Gesellschaft ist in der Gefahr, ihre Seele zu verlieren, denn vieles von dem, was es lebenswert und menschlich macht, ist verboten.

Eine der vielen traurigen Tatsachen ist jetzt die, dass viele Menschen umgeben von Maschinen und Gestalten in Schutzkleidung sterben. Sie sehen am Ende ihres Lebens kein Lächeln mehr, keine Farben und keine vertraute Person. Wegen der Ansteckungsgefahr werden sie zur Einsamkeit verurteilt. Weil alle wissen, wie unerträglich das ist, wird in Einzelfällen zum Glück dann doch die Palliativmedizin einbezogen. Die Kranken werden isoliert, und Angehörige dürfen unter strengen Sicherheitsvorschriften Abschied nehmen. Ihnen wird die Möglichketi gegeben, „Lebe wohl“ zu sagen, um so ein letztes Stück Würde und Menschlichkeit aufrecht zu erhalten.

Ansonsten wird alles dem Gemeinwohl, der Solidarität und der Rücksichtnahme untergeordnet wird. Denn der Medizin liegt die Devise zu Grunde: „Wir wollen dem Leben so viele Tage geben wie möglich“. Jeder Arzt ist verpflichtet, Leben zu retten, und es wurden dafür inzwischen großartige Möglichkeiten entwickelt: Es gibt Beatmungsgeräte, das künstliche Koma und die Intensivpflege. Meistens ist das alles segensreich und für viele Menschen wirklich lebensrettend. Doch in diesen Tagen zeigt sich, dass der medizinische Fortschritt, wie wir ihn gern nennen, auch ganz erhebliche Schattenseiten hat. Damit jeder, der es nötig hat, diese Therapie bekommen kann, müssen alle anderen unglaublich hohe Opfer bringen. Sozial, juristisch, wirtschaftlich und ethisch sind wir an eine Grenze gekommen, die uns den Weg zu einer für alle Menschen segensreichen Lösung versperrt. Das sollten wir zugeben. Es reicht nicht, wenn wir nur noch an die gesellschaftlichen Maßnahmen und die Medizin glauben und so tun, als hätten wir aus dieser Situation einen plausiblen Ausweg, als könnten wir das alles ohne Schaden bewältigen. Wir dürfen uns nichts vormachen und müssen das Dilemma anerkennen, in dem wir stecken. Wir sollten nicht daran glauben, dass wir als Menschen alles in den Griff bekommen können. Den Tod können wir schon gar nicht besiegen, es wird ihn immer geben. Es ist also ratsam, wenn wir innerlich immer mal wieder aus dem Denken aussteigen, das gerade die Welt beherrscht und uns täglich in den Medien präsentiert wird.

Und dabei kann uns der Glaube an Jesus Christus helfen. Er starb für uns am Kreuz, und das ist eine der grausamsten Todesarten, die es gibt. Es geschah ohne Selbstbestimmung, mit unsäglichen Schmerzen, allein und qualvoll, verachtet und verlassen. Jesus ist an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens gegangen.

Er war nicht der erste und einzige, der einen solchen Tod starb. Die Kreuzigung war damals bei den Römern die übliche Hinrichtungsmethode, und die Folter, die damit einherging, war ein Teil der Strafe. Aber Jesus war der erste und einzige Sohn Gottes. In ihm offenbarte Gott seine Liebe zu der Welt, und das heißt: Am Kreuz Jesu hat Gott selber den Tod auf sich genommen. Und damit hat er die Grenze geöffnet, vor der wir stehen, wenn wir sterben, die Grenze vor der wir uns als Gesellschaft auch jetzt in diesen Zeiten befinden.

Wir müssen nur an ihn glauben, und „bei ihm stehen, wenn ihm sein Herze bricht“. So hat Paul Gerhard diesen Schritt der Hingabe an Jesus beschrieben. (EG 84, 6). D.h., wir müssen ihn im Geist umarmen, „in unseren Arm und Schoß fassen“. Dann sieht er auch uns und steht uns zur Seite.

Das ist eine geistliche Übung, mit der wir das eigene Sterben in gewisser Weise vorwegnehmen. Wir lassen das Leben los und richten unseren Blick auf das Kreuz. Wir bejahen den Tod. In dieser Zeit haben wir dazu unzählige Möglichkeiten, denn die angeordneten Kontakteinschränkungen bedeuten ein Sterben auf vielen verschiedenen Ebenen: Existenzen sind bedroht, Träume platzen, Menschen werden arbeitslos, viele Möglichkeiten der liebevollen Zuwendung, der zärtlichen Berührung und des Trostes werden unmöglich gemacht, um von Geselligkeit, Feiern und Unterhaltung einmal ganz zu schweigen. Unser Leben ist gerade sehr arm. Aber anstatt das zu beklagen, können wir dieses Sterben auf uns nehmen. Dann gehen wir nicht bloß mit hilfreichen Gedanken oder einer bestimmten Strategie durch diese Krise, sondern wir kommen wirklich dem Tod näher. Und das ist gut, denn er ist sowieso ein Teil des Lebens. Vielleicht lernen wir jetzt, ihn in das Leben einzubeziehen und zu bejahen. Und damit „geben wir unseren Tagen mehr Leben“, als wenn wir ihn verdrängen oder abschaffen wollten. Wir leben bewusster und wesentlicher, wacher, gesünder und klarer. Es geschieht etwas mit uns: Eine Kraft zieht in unsere Seele ein, die uns ausgeglichener und ruhiger macht. Wir werden gelassen und angstfrei. Und wir gewinnen etwas, das viel größer ist, als dieses Leben: Wir gewinnen die Ewigkeit, denn Jesus zieht uns zu sich „an sein Herz“.

Auch in der Hospizbewegung sollte der Glaube an die Überwindung des Todes vorkommen, sonst ist selbst dieser Weg nur ein verkürztes Angebot. Für viele Menschen ist es sicher ausreichend, aber nicht für alle.

Meinem Vater war es z.B. nicht genug. Er ist vor zehn Jahren gestorben. Auch für ihn kam der Tag, wo der Arzt im Krankenhaus sagte: „Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Er schlug das Hospiz vor, und dort ist mein Vater dann eingezogen. Nach drei Tagen wurde er allerdings unruhig und hat rebelliert. Er vertrug die Freundlichkeit der Menschen um ihn herum nicht, das war ihm alles zu seicht, zu weltlich und zu menschlich. Er empfand es als Theater. Denn seit seinem 20. Lebensjahr lebte er im Glauben an die Ewigkeit. In der Gefangenschaft in Russland während des zweiten Weltkrieges, wo er von Schrecken umgeben war und täglich das Massensterben miterlebte, hatte er sich bekehrt, und war seitdem durchdrungen von dem Bewusstsein, dass es noch mehr gibt, als diese Welt, eine Überwindung, die größer ist als alles. Darauf wollte er sich in seinen letzten Tagen konzentrieren, und er hat alle, die ihm weniger als das anboten, höflich weggeschickt. Er kam wieder nach Hause zu meiner Mutter, und die Pflege konnte gut organisiert werden. Ein Freund, von dem er wusste, dass der genauso dachte und lebte wie er selber, hat ihm regelmäßig das Abendmahl gereicht mit einer Liturgie, die ihm vertraut war. Das fand er gut. Und damit hat er seinen letzten „Tagen mehr Leben gegeben“ als irgendeine andere Maßnahme es möglich machen konnte. Er hat sich mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn verbunden, ganz leiblich, ganz nah und ganz real.

Und das können wir alle tun, nicht nur für uns selber, sondern auch für die Angehörigen, die wir jetzt allein lassen müssen. Wir können für sie beten und sie im Geist vor das Kreuz Christi legen. Dann zieht auch in diesen dunklen und beklemmenden Zeiten die überwindende Kraft des Kreuzes in uns und in die Welt ein, und sie wird uns durch alles hindurch tragen, was wir jetzt erleben. Lasst uns auf diese Kraft vertrauen. Sie kommt von der Gegenwart Jesu Christi, der sich für uns „dahingegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“.

Amen.

 

 

 

Sieben Wochen ohne Pessimismus

Geistlicher Impuls zur fünften Fastenwoche

Psalm 62, 2- 8: „Mein Zuversicht ist bei Gott“
März 2020

1. Einleitung

Die Fastenzeit steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Zuversicht – Sieben Wochen ohne Pessimismus“. Als dieses Thema ausgesucht wurde, ahnte noch kein Mensch, wie aktuell es werden würde: Plötzlich brauchen wir die Zuversicht mehr als alles andere. Ein Virus bedroht unsre Gesundheit, unsere Wirtschaft, unser soziales Leben und unsere Psyche, wie es noch nie dagewesen ist, und das auf der ganzen Welt, in allen Ländern. Die Menschheit ist empfindlich getroffen worden.

Natürlich setzen wir unsere Zuversicht auf die Medizin und die Politik, auf unsere eigene Disziplin, unser Durchhaltevermögen und unseren Zusammenhalt. Trotzdem liegt die Versuchung, dem Pessimismus zu erliegen, ständig auf der Lauer und will uns ergreifen. Sie kommt in der Gestalt der Mutlosigkeit, Traurigkeit, Wut, einem ganzen Gemisch aus negativen Gedanken und Gefühlen. Gelegentlich übermannt sie uns auch.

Es wäre aber fatal, wenn wir dieser Versuchung zu sehr nachgeben und ihr am Ende erliegen, denn dann wird alles nur noch schlimmer. Es ist wichtig, ihr zu widerstehen. Texte aus der Bibel können uns dabei helfen. Für die fünfte Fastenwoche ist ein Abschnitt aus Psalm 62 vorgeschlagen, in dem das Thema lautet: „Meine Zuversicht ist bei Gott.“

2. Psalm 62, 2- 8

2 Meine Seele ist stille
zu Gott, der mir hilft.
3 Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz,
dass ich gewiss nicht fallen werde.
4 Wie lange stellt ihr alle einem nach,
wollt alle ihn morden,
als wäre er eine hangende Wand
und eine rissige Mauer?
5 Sie denken nur, wie sie ihn stürzen,
haben Gefallen am Lügen;
mit dem Munde segnen sie,
aber im Herzen fluchen sie. SELA.
6 Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.
7 Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,
dass ich nicht fallen werde.
8 Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, /
der Fels meiner Stärke,
meine Zuversicht ist bei Gott.

3. Auslegung

Der Dichter dieses Psalms ist in bedrängter Lage. Von seinen ehemaligen Freunden verlassen und verfolgt, kommt er sich vor wie eine „sinkende Wand, wie eine Mauer, die vom Einsturz bedroht ist“. Die Angriffe seiner Gegner haben ihn zermürbt, und er droht, unter dem seelischen Druck zusammenzubrechen. Ein innerer Kampf spielt sich in seiner Seele ab. Er ringt zwischen Verzweiflung und Gottvertrauen.

Am Ende siegt das Vertrauen, deshalb beginnt sein Psalm mit dem Bekenntnis, dass er „bei Gott Hilfe“ gefunden hat. Er hat seinen Blick ganz auf Gott konzentriert, sich betend für Gott geöffnet und das Suchen nach menschlicher Hilfe aufgegeben. Er hat sich restlos Gott anvertraut und sieht nur noch den Einen, der ihm „Hilfe, Fels und Burg“ ist.

Dadurch sind die unruhevollen Gedanken, die ihn quälten, einer großen Stille gewichen. Er wurde aus seinen menschlichen Sorgen und Bedrängnissen herausgehoben. Seine Seele ist ruhig geworden. Das Hin und Her der Ängste ist vorbei. Er ist innerlich Herr geworden über seine Not.

Er hat Abstand gewonnen zu dem, was ihm widerfährt, und dadurch kann er es ganz anders einordnen. Er hat den richtigen Maßstab und ein sicheres Urteil erworben. Gott hat sich ihm offenbart und ihm Klarheit geschenkt. Dabei ist ihm die Hoffnungslosigkeit seiner Situation durchaus bewusst, er macht sich nichts vor und gibt sich keiner Illusion hin. Aber er bleibt innerlich der Überlegene, er zerbricht daran nicht und lässt sich nicht besiegen. Denn er hat eine Position eingenommen, die ihn über alle Not hinweghebt: Es ist der Blick des Glaubens, von dem her er nun Hoffnung und Zuversicht erhält.

Und das ist ein wunderbares Zeugnis echter Gebetshaltung. Der Beter hat es aufgeschrieben, weil er andere zu demselben Vorgehen einladen möchte. Und es tut gut, wenn wir dieser Einladung folgen.

4. Anwendung

Dafür gibt es ein ganz konkretes Mittel. Es ist die häusliche Andacht und Zeiten der Stille. Wir sind eingeladen, sie in unseren Alltag einzubauen. Gerade jetzt haben wir dazu wunderbare Möglichkeiten. Die Ausgangsbeschränkungen binden uns alle mehr an das Haus, wir haben viel Zeit und dürfen uns noch nicht einmal zum Gottesdienst versammeln. Aber das muss uns nicht daran hindern, ihn einzeln, zu Zweit oder mit der Familie bei uns zu Hause zu feiern. In vielen Gemeinden wird dazu jetzt eingeladen, und das ist sehr schön. Wir können diese Form der Frömmigkeit wieder beleben.

Viele Christen und Christinnen haben das leider verlernt und führen genauso ein lautes und aktives Leben, wie alle anderen. Es ist voll von Begegnungen, Sinneseindrücken, Ablenkungen und Zerstreuungen, und den meisten bleibt kaum Zeit, um „zu Gott still zu werden“, zu schweigen und zu beten. Und das ist schade, denn eigentlich gehört das zu einem lebendigen Glauben dazu. Wir können es jetzt wieder einführen und uns am besten einmal am Tag hinsetzen, ein Kreuz oder ein biblisches Bild aufstellen, eine Kerze anzünden und Andacht halten. Es gibt dafür viele Anregungen, Bibellesepläne, Impulse zum Kirchenjahr, die Losungen, das Gesangbuch usw. Lasst uns das jetzt verstärkt nutzen.

Die Fastenzeit lädt uns dazu sowieso ein. Es ist die Zeit, in der wir „mit Jesus ziehen“, ihn auf seinem Leidensweg begleiten und an seinem Sterben teilhaben. Und dazu gehört es, dass wir vorübergehend „der Welt entfliehen“, uns aus allem zurückziehen, unser Bewusstsein in eine andere Richtung lenken und eine neue Dimension erfahren. Der Barockdichter Sigmund von Birken (1626-1681) hat diesen Weg sehr schön mit einem Lied beschrieben. Es beginnt mit der Strophe:
„Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach, in der Welt der Welt entfliehen auf der Bahn, die er uns brach, immerfort zum Himmel reisen, irdisch noch schon himmlisch sein, glauben recht und leben rein, in der Lieb den Glauben weisen. Treuer Jesu, bleib bei mir, gehe vor, ich folge dir.“ (EG 384,1) Es macht deutlich, dass das Leiden und Sterben Jesu zwar ein schwerer Weg war, der in die tiefste Tiefe führte, aber er endete dort nicht. Auch wenn die Jünger es vor seinem Tod noch nicht glauben konnten, danach haben sie bezeugt: „Der Herr ist auferstanden!“ Lasst uns diese Botschaft annehmen, dann werden wir auch „mit ihm leben“. (EG 384,4) So können gerade der Verzicht und das Fasten uns ganz neue Zuversicht geben. Sie entsteht nicht aus unseren menschlichen Gedanken, sondern aus der Gegenwart Gottes und der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu.

5. Auswirkung

Und das hat eine Wirkung, die weit über unsere eigene Frömmigkeit hinausweist. Wir werden nicht nur in der Seele ruhig, sondern es entsteht ein unsichtbares Kraftfeld des Gebetes, das uns miteinander verbindet und diese Welt umgibt. „Gott weiß die Beter überall“. So hat Jochen Klepper es 1938 in seinem Mittagslied ausgedrückt (EG 457,3). Und in einem Kirchenlied aus England von 1870 heißt es: „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht. So sei es, Herr: Die Reiche fallen, dein Thron allein wird nicht zerstört; dein Reich besteht und wächst, bis allen dein großer, neuer Tag gehört.“ (EG 266,3.5)

Das ist eine sehr schöne Verheißung, und wir können alle daran mitwirken, dass sie wahr wird. Gerade in diesen ungewöhnlichen Zeiten können wir dafür sorgen, dass das Gebet und das „Stillschweigen zu Gott“ nicht aufhören, dass immer irgendwo jemand auf Gott vertraut, dem Pessimismus widersteht und sich in Zuversicht übt. Wir können das Heil von Gott erwarten, es ruht längst bei ihm, der uns immer eine Zuflucht bietet, auf dem unser Dasein gegründet ist wie auf einen Felsengrund. Nicht bange Sorge, menschliche Ängstlichkeit und Wut sind die Gefühle, die unser Leben beherrschen sollten, sondern Zuversicht und Hoffnung, Geborgenheit und Vertrauen, Sicherheit und Kraft.

Amen.

6. Gebet des Klosters am Rand der Stadt

Jemand muss zuhause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten, Tag und Nacht.
Wer weiß denn, wann du kommst?
Herr, jemand muss dich kommen sehen durch die Gitter seines Hauses,
durch die Gitter –
durch die Gitter deiner Worte, deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens immer
jetzt und heute in der Welt.
Jemand muss wachen, unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr, du kommst ja doch in der Nacht, wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst. Wachen. Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig, läuft draußen herum
und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran, dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist und sicher kommst?
Jemand muss es glauben, zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen und dich einzulassen,
wo du immer kommst.
Herr, durch meine Zellentüre kommst du in die Welt
und durch mein Herz zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst?
Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben sind wir da,
draußen, am Rand der Stadt.
Herr, und jemand muss dich aushalten, dich ertragen,
ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten und singen.
Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten und daraus leben.
Das muss immer jemand tun mit allen andern und für sie.
Und jemand muss singen, Herr, wenn du kommst!
Das ist unser Dienst: Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust, die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist und wunderbar, wie keiner.
Komm, Herr!
Hinter unsern Mauern unten am Fluss wartet die Stadt auf dich.
Amen.
(Silja Walter)

Gott tröstet uns

Lesepredigt über Jesaja 66, 10- 14

4. Sonntag der Passionszeit, Lätare, 22.3.2020

Liebe Gemeinde.

Jeder Mensch, braucht die Nähe von anderen Menschen, und normaler Weise suchen wir sie auch. Natürlich gibt es Einzelgänger, die am liebsten für sich alleine bleiben, aber das ist die Ausnahme. Von unserer Grundstruktur her sind wir soziale Wesen und brauchen zum Überleben unser Miteinander. Und dazu gehören nicht nur der Austausch, die Zusammenarbeit und das gemeinsame Leben, sondern auch Berührung und Körperkontakt sind wichtig.

Das ist ja auch das erste, was wir erfahren, wenn wir auf die Welt kommen: Wir werden in den Arm unserer Mutter gelegt und es entsteht sofort eine Verbindung zu ihr. Vor der Geburt war sie sogar noch inniger, denn da waren wir neun Monate lang in ihrem Leib. Und wenn keine Störungen vorliegen, werden wir die ganze Kindheit über weiter von unseren Eltern hoch gehoben, getragen, in den Arm genommen, gestreichelt.

Als Erwachsene suchen wir dieses Erleben dann bei einem Partner oder einer Partnerin: Wir kuscheln, umarmen und küssen uns. Auch das Bedürfnis zum Geschlechtsverkehr ist nicht nur ein Trieb, sondern hat darin ebenso seine Wurzeln.

Die liebevolle Berührung schafft Geborgenheit, sie stärkt und beruhigt uns, sie kann uns trösten und uns neu beleben.

Der Prophet Jesaja wusste das auch, und er benutzt es als ein Bild für unsere Beziehung zu Gott. Er schreibt in Kapitel 66:

Jesaja 66, 10- 14

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust.
12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Das ist ein Abschnitt von dem sogenannten „dritten“ Jesaja. Wir nennen ihn so, weil beim Lesen des Jesajabuches deutlich wird, dass es drei Verfasser haben muss, die alle zu verschiedenen Zeiten gewirkt haben. Der Dritte gehörte bereits zu den Heimkehrern aus dem babylonischen Exil, die den jüdischen Staat wieder aufbauten. Dieser war unter dem Herrscher Nebukadnezar völlig zusammengebrochen. Jerusalem hatte er erstmals 597 und nochmals 586 v.Chr. erobert. Beim zweiten Mal führte er die jüdische Oberschicht in die Gefangenschaft und ließ die Stadt und seinen Tempel zerstören.

Zur Zeit des dritten Jesaja war eigentlich alles wieder gut, das Exil war beendet, die Verbannten kehrten zurück. Trotzdem wurden die Menschen ungeduldig, denn das Heil, nach dem sie sich sehnten, war nicht da. Das Leben blieb schwierig und konfliktgeladen, der Aufbau ging nur schleppend voran.

Der dritte Jesaja will seine Landsleute deshalb trösten und ermutigen. Davon handeln sein Buch und somit auch unser Predigttext. Darin verheißt der Prophet eine völlig neue Zeit, in der alle Nöte und Drangsale endgültig aufgehoben sein werden. Das Heil wird kommen, das ist gewiss, denn Gott lässt nichts unvollendet. Es wird wieder Glück und Freude geben, überall kehrt Wohlstand ein, und Jerusalem wird wieder aufgebaut.

Damit beginnt unser Abschnitt: Alle Bewohner der Stadt werden reichlich und in Fülle haben. Sie werden umsorgt wie Säuglinge. Mit diesem Bild beschreibt der Prophet den glückseligen Zustand. Babys dürfen trinken, bis sie satt sind, die Brüste der Mutter versiegen nicht. So wird es mit der göttlichen Fürsorge auch sein. Dazu kommt sein Trost, auch der wird sein wie der Trost einer Mutter für ihr kleines Kind: Gott wird sie aller Sorge und Angst entreißen, und dann wird nur noch Freude herrschen. Neue Lebenskraft wird entstehen, wie das sprießende Grün nach einem belebenden Regen.

Das ist natürlich ein Bild für die Endzeit, und Visionen dieser Art gibt es viele in der Bibel. Sie beinhalten den Glauben an die Ewigkeit und eine paradiesische Zukunft. Gott wird sie heraufführen, das ist die Verheißung. Und die hat die Menschen damals wahrscheinlich wirklich getröstet. Denn die Vorstellung von der Wiederherstellung des Paradieses, die eines Tages eintrifft, war sowieso ein Teil ihres Denkens und ihres Lebensgefühls. Der Prophet musste sie nur daran erinnern.

Doch wie geht es uns damit? Nützen uns solche Worte heutzutage noch etwas?

Schlecht geht es uns zurzeit auch. Die weltweite Krise, die das Coronavirus ausgelöst hat, ist für uns alle völlig neu. So etwas haben wir noch nie erlebt, und es macht uns Angst. Dabei beunruhigt uns nicht nur die Krankheit, die wir bekommen können, wenn wir nicht aufpassen. Uns verunsichern auch die Maßnahmen, die jetzt überall verordnet werden. Plötzlich dürfen wir ganz vieles von dem, was wir gewohnt sind und für selbstverständlich halten, nicht mehr tun. Die oberste Devise lautet: Soziale Kontakte so gut es geht vermeiden! Und das geht diametral gegen alles, was uns als Menschen ausmacht. Das Geheimnis unseres Erfolges innerhalb der Evolution liegt gerade darin, dass wir mehr als jedes andere Lebenswesen zusammen etwas machen. Und wir werden auch nur so überleben. Wenn es verboten wird, stürzt alles ein, und das ist bedrohlich. Wo führt das hin? Und sind die Entscheidungen alle richtig? Niemand kann das mit Fug und Recht behaupten. Es hat sich lediglich eine bestimmte Art des Denkens und Handelns durchgesetzt. Alle Länder der Welt handeln im Moment nach demselben Muster.

Es hat seinen Grund darin, dass die Gesundheit über alles gestellt wird und auf jeden Fall so viele Leben gerettet und so wenig Leid verursacht werden soll wie möglich. Darin sind wir uns einig, da müssen wir nicht lange drüber nachdenken.

Das Dilemma ist bloß, dass das im Moment gar nicht möglich ist. Ganz gleich, welche Entscheidungen getroffen werden, es entsteht immer irgendwo großes Leid: Existenzen von vielen, die selbständig arbeiten und auf Kunden angewiesen sind, sind bedroht. Familienmitglieder müssen ihre Lieben in den Altersheimen und Krankenhäusern allein lassen, weil sie sie nicht besuchen dürfen. Die Landwirtschaft steht vor großen Problemen, weil niemand mehr reisen darf, um dabei zu helfen. Eltern sind im Stress, weil sie ihre Kinder betreuen und gleichzeitig Geld verdienen müssen. Und in Quarantäne oder Ausgangssperre besteht die Gefahr der psychischen und körperlichen Instabilität. Lagerkoller, Depression, oder Verlotterung können eintreten. Es gibt in der jetzigen Situation also keine optimale Lösung, kein richtig oder falsch, und die Probleme, die gerade entstehen, sind gigantisch.

Natürlich hoffen wir, dass das alles bald wieder aufhört, und dass genug Geld da sein wird, um anschließend allen zu helfen, die es nötig haben werden. Wir müssen den Politikern vertrauen und uns auch gegenseitig so gut es geht Mut machen. Humor ist ebenfalls ein gutes Mittel gegen die Angst, selbst wenn es nur Galgenhumor ist.

Aber reicht das? Gibt es nicht vielleicht noch etwas anderes, das uns jetzt trösten kann? Unser Prophetenwort möchte uns so ein Angebot machen, und es tut gut, darauf zu hören. Denn es enthält auch für uns eine Botschaft, die uns weiterführt. Wir können sie uns in drei Schritten klar machen.

Den ersten Schritt hat Ernesto Cardenal, ein spanischer Mystiker und Befreiungstheologe in seinem „Buch von der Liebe“ einmal so ausgedrückt: „Gott hüllt uns von allen Seiten ein wie die Atmosphäre. Und wie die Atmosphäre voller Licht- und Schallwellen ist, die wir weder sehen noch hören können, wenn wir nicht die dafür bestimmten Kanäle einschalten, so können wir auch die Wellenlänge Gottes nicht hören, es sein denn, wie schalten den entsprechenden Kanal ein. Wer nur in der Welt der fühlbaren Sender lebt, kann den Sender Gottes nicht abhören.“ (Das Buch von der Liebe, 61978, S.25)

Das ist ein wunderbares Bild, das uns ganz konkret dazu einlädt, nicht den ganzen Tag Radio zu hören oder fern zu sehen, Zeitung zu lesen oder im Internet nach den neuesten Nachrichten zu suchen. Es reicht völlig aus, das ein oder zweimal am Tag zu tun. Denn es gibt noch mehr, als das, was uns da erzählt wird, eine ganz andere Dimension, eine ganz andere Hülle, die uns umgibt. Es ist die Gegenwart Gottes. Er hält uns längst in den Armen, wie eine Mutter das mit ihrem Kind tut. Wir müssen uns diese Umarmung nur bewusst machen und sie genießen. Uns werden zurzeit zwar viele Bewegungsfreiheiten genommen, aber uns wird nicht verboten, wohin wir mit unseren Gedanken gehen. Wir können sie getrost auf Gott lenken und „seinen Sender einschalten“. Das ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt besteht darin, dass wir in der gegenwärtigen Lage die ganz große Chance haben, einmal unseren Lebenswandel zu überdenken. Ist das wirklich alles nötig, was wir immer so wollen und veranstalten? Wir sollen Abstand zueinander halten, und das ist unnatürlich. Aber gelegentlich tun solche unnatürlichen Maßnahmen auch gut. Viele Menschen ziehen sich freiwillig ein oder mehrere Male im Jahr zurück, gehen in ein Kloster oder ähnliches, um innerlich frei zu werden, zur Ruhe zu kommen und sich neu auszurichten. Plötzlich ist es für uns alle so, und das ist nicht nur schlecht. Wir können uns in diesen Zeiten fragen: Ist unsere Lebensweise eigentlich gottgemäß? Will er es, dass wir ständig hin- und herreisen, uns vergnügen und ablenken, Lärm machen, Geld verdienen, Wohlstand anhäufen? Gibt es nicht noch ganz andere Werte? Das Miteinander ist zwar lebensnotwendig, aber das Zusammensein mit Gott brauchen wir ebenso. Und dafür ist es gut, sich vorübergehend von anderen Menschen zurückzuziehen, zu schweigen und in sich zu gehen. Oft vermeiden wir durch unsere oberflächliche und gesellige Lebensweise den Kontakt zu ihm. Und das ist schädlich. Denn im tiefsten kann nur seine Berührung uns wirklich zufrieden machen. Es wird nie wieder so sein, wie im Säuglingsalter, dass die Umarmung der Mutter oder des Vaters uns vollständig beruhigen. Sind wir erst einmal erwachsen, schlummert in uns allen ein Bedürfnis nach Zuwendung, das nur der Ewige stillen kann. Vielleicht will er uns das ja gerade einmal zeigen. Es wäre also ratsam, die Chance zu ergreifen.

Und als drittes sagt uns der Prophet: Es gibt noch eine andere Welt, die Gott heraufführen wird. Jetzt gehören Leid und Tod dazu, aber eines Tages wird sich das ändern. Und das heißt: Wir dürfen nicht erwarten, dass wir mit menschlichen Mitteln den Tod abschaffen können. Er wird uns alle irgendwann treffen, ob durch das Coronavirus oder etwas anderes. Die Sterblichkeitsrate beträgt letzten Endes immer und überall 100%, daraus gibt es kein Entkommen. Deshalb ist es auch in normalen Zeiten gut, daran zu glauben, dass wir mit dieser Tatsache nicht allein gelassen sind. In Krankheit und Armut sind wir bei Gott geborgen, wenn wir einsam sind, sterben oder nichts mehr geht. Seine Liebe hört nie auf. Und nur durch ihn gewinnen wir das ewige Leben.

Das hat er uns durch seinen Sohn Jesus Christus gezeigt und geschenkt. Er ist selber den Weg des Leidens und Sterbens gegangen, damit wir nicht allein sind, wenn es uns trifft. Er will uns tragen und in den Arm nehmen, streicheln und liebkosen. Wir müssen nur daran glauben, darauf vertrauen und uns das gefallen lassen. Dann erleben wir auch in diesen Zeiten eine tiefe Geborgenheit, die uns stärkt und beruhigt, uns tröstet und neu belebt, ganz gleich, was geschieht.

Amen.

Geduld – Bewährung – Hoffnung

Predigt über Römer 5, 1- 6: Friede mit Gott

2.Sonntag der Passionszeit, Reminszere, 8.3.2020, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Römer 5, 1- 6

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;
2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
6 Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.

Liebe Gemeinde.

„Selbstoptimierung“ – dieses Wort lungert heutzutage an allen Ecken und Enden. So findet ihr z.B. Ratgeber, wie ihr für ein gutes Familienleben sorgen könnt. Du lernst, wie du am besten Ordnung hältst, und natürlich gibt es unzählige Ernährungs- und Bewegungstipps, die zu einem gesunden und guten Körpergefühl führen. Jede Buchhandlung hat einen Tisch, der mit Büchern über Achtsamkeit, Minimalismus oder ähnliches geradezu überläuft, und auch im Fernsehen gibt es unzählige Sendungen zu diesen Themen.

Alle flüstern dir ein: Du kannst besser werden, lebenslustiger, gesünder und liebevoller. Und die Bücher werden gekauft. Denn danach sehnen wir uns: Kaum jemand ist glücklich und zufrieden, die meisten jammern und maulen und sind verdrießlich. Der Leidensdruck ist bei vielen groß, und das sehen die Optimierer. Deshalb vermehren sich die Beiträge über Produktivität, Entspannung, positives Denken usw.

Sie versprechen uns, dass es so etwas wie ein Ziel gibt, einen Zustand, in den man sich selbst versetzen, hineinarbeiten oder wünschen kann. Wir müssen nur den richtigen Weg einschlagen, bei dem ein Schritt aus dem anderen folgt, anfangen und die fachgemäße Reihenfolge einhalten.

Auch das, was Paulus uns in der Epistel von heute beschreibt, klingt beim ersten Hören nach solchen Ratschlägen. Jedenfalls präsentiert er uns eine Schlussfolgerung, die sich auf den Leidensdruck bezieht und einen Weg andeutet, wie wir ihn überwinden können. „Geduld, Bewährung, Hoffnung, Liebe“, das ist bei ihm die geeignete Reihenfolge. Und das klingt durchaus nach einem Rezept, mit dem wir im Leben klar kommen können.

Die Frage ist allerdings, ob Paulus das so gemeint hat. Und um die zu beantworten, ist es gut, wenn wir das, was er sagt, etwas genauer lesen.

Dabei müssen wir als erstes den Anfang des Textes und den Zusammenhang beachten, in dem die erwähnte Schrittfolge auftaucht. Er beginnt mit dem theologischen Ausdruck „gerechtfertigt aus Glauben“. Den kennen wir von Paulus und wissen, dass es für ihn ein ganz wichtiges Thema war. Überall in seinen Briefen ruft er den Lesern und Leserinnen die Rettungstat Gottes in Christus in Erinnerung. Er verkündet: Wir haben durch Christus „Frieden mit Gott“. Das hebräische Wort dafür lautet „Shalom“ und das hat viele Bedeutungen. Es heißt nicht nur „Frieden“, sondern auch Heil und Unversehrtheit, Wohlbefinden und Glück. Es entsteht, weil wir mit Gott Gemeinschaft haben.

Wir erhalten „Zugang zur Gnade“, wie Paulus es weiter ausdrückt, d.h. wir sind befreit von Sünde und werden von der Liebe Gottes geschützt und umgeben. Das ist seine Botschaft, und die eröffnet eine große Hoffnung: Wer ihr folgt, wird ein Kind Gottes. Die Verheißungen Gottes erfüllen sich an ihm und er bekommt ein neues Sein.

Die Stichworte „Rechtfertigung, Gnade und Herrlichkeit Gottes“ bilden also den Zusammenhang, in dem die erwähnte Reihenfolge von „Geduld, Bewährung, Hoffnung und Liebe“ steht. Und daran merken wir schon, dass es hier um etwas ganz anderes geht, als in den erwähnen Ratgebern.

Auch das Thema „Leidensdruck“ wird hier anders behandelt. Paulus spricht ihn an, weil die Christen ihn kennen. Es geht ihnen nicht nur gut, sondern wie bereits die Frommen im Alten Testament, erwarten sie vielerlei Leiden. Paulus nimmt damit auf, was z.B. in den Psalmen zum Ausdruck kommt, aber auch bei den Propheten und anderen großen Gestalten. Hiob und Jeremia sind Beispiele für Gerechte, die trotzdem viel zu leiden hatten. Sie haben sich dadurch bewährt, wurden geläutert und mussten keine Angst mehr vor dem Endgericht haben.

Paulus hat das auch erlebt, denn er ist oft in Bedrängnis geraten. Er wurde mehrfach gefangen und schikaniert, hatte Angst und war bedrückt. Aber er hat sich davon nicht unterkriegen lassen, sondern blieb standhaft und hielt an seinem Glauben fest. Er hatte „Geduld“ und Ausdauer. Die Leidenszeiten haben ihn also nicht zerstört, sondern dienten sogar zum Guten: Seine inneren Kräfte wurden gestärkt, sein Vertrauen wuchs und damit auch die Zuversicht und die „Hoffnung“. Er hat sich „bewährt“ und die Prüfungen bestanden. Deshalb blieb er guter Dinge. Er wurde nicht enttäuscht oder „beschämt“, sondern vom heiligen Geist erfüllt. Durch ihn war „die Liebe Gottes in sein Herz gegossen“. Er konnte sie erwidern und dem Willen Gottes entsprechen. Das alles will Paulus mit dem Satz sagen: „Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Und so kann es allen Christen gehen: In dieser vom Geist getragenen Liebe füllen sie den Stand der Gnade aus, in den sie durch Christus versetzt sind. Zum Schluss erläutert Paulus noch, worin die Liebe Gottes zu den Sündern aus Juden und Heiden besteht, und zwar mit der Formel: „Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.“ Der Tod Christi ist die Heilstat Gottes, die dem Glauben vorangeht und ihm seinen Grund in der Geschichte gibt.

Und damit wird klar, dass hier tatsächlich etwas ganz anderes zur Sprache kommt, als wir es von den medizinischen, psychologischen oder esoterischen Ratgebern, den sogenannten Optimierern hören. Sie laden uns ja alle zu so etwas wie Selbsterlösung ein. Das Glück ist machbar. Wir können uns das Heil erarbeiten, das versprechen sie uns. Das Ziel, das es zu erreichen gilt, liegt zwar in der Zukunft, aber wir können es uns ausmalen, daran glauben und darauf hinarbeiten. Wir müssen uns nur selber motivieren, dann werden wir den optimalen Zustand irgendwann erreichen.

Das verheißen sie uns, und natürlich ist da etwas dran. Wenn es uns schlecht geht, sollten wir durchaus die körperlichen, seelischen und sozialen Gesetzmäßigkeiten beachten, die zu einer Besserung führen. Bestimmte Probleme lassen sich natürlich lösen, wenn wir vernünftig sind und auf das achten, was nötig ist. Aber können wir wirklich irgendwann die bestmögliche Situation erreichen? Bleibt das nicht eine Illusion? Diese perfekte Verfassung gibt es doch gar nicht, wir kommen nie da hin.

Ganz gleich, was wir tun, viele Probleme bleiben ungelöst. Sie können durch Trauer entstehen, eine unheilbare Krankheit, Armut oder Vertreibung. Es gibt unzählige Nöte, in die wir geraten können, und da hilft dann auch kein noch so gut gemeinter Ratgeber. Wir leiden wirklich, wissen nicht weiter und verzweifeln. Es ist ein Irrglaube, dass das Glück herstellbar ist. Wir sollten uns davon befreien.

Und dabei kann Paulus uns helfen. Denn für ihn ist das Leid nicht etwas, das wir abschaffen können. Es gehört zum Leben, und er versucht nicht, dagegen anzukämpfen. Er hält sich an keine Illusionen. Was für ihn wirklich zählt, ist etwas ganz anderes, und es ist längst da. Die Erlösung ist vollbracht, daran sollen wir glauben und uns festhalten. Die Rettung ist nicht nur eine Phantasie, sondern Realität. Für Paulus gilt nicht das, was irgendwann eventuell eintritt, sondern das, was jetzt ist. Wir können es demnach am besten in der Gegenwart erkennen, im Augenblick. Auf den müssen wir uns also konzentrieren. Und das können wir gut mit dem, was Paulus als erstes erwähnt: mit der Geduld. Mit ihr harren wir aus, bleiben im Hier und Jetzt und akzeptieren das, was ist, auch wenn es schwer ist. Wenn wir uns darin üben, merken wir ganz schnell, dass wir einen „Zugang zu Gott“ haben, dass es noch mehr gibt, als uns selbst und unsere eigenen Kräfte. Wir können bekennen: „In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist.“ (EG 398,1) Das ist der erste Unterschied zu den Vorschlägen zur Selbstoptimierung.

Der zweite Punkt ist der, dass uns alles, was wir von Gott empfangen, geschenkt wird. Es kostet nichts, sondern ist umsonst. Die Ratgeber wollen ja alle irgendwann unser Geld. Die Bücher kosten etwas, ebenso jeder Besuch bei einem Arzt oder Psychologen. Und wenn der erfolgt ist, müssen wir uns anstrengen: Unser Wille ist gefordert, Übung und Disziplin, denn uns wird ein bestimmtes Verhalten empfohlen. Es kostet also auch noch unsere Kraft. Eine Weile kriegen wir vielleicht hin, was uns geraten wird, dann gehen wir ins Fitnessstudio, essen weniger, räumen auf, sind eine Zeit lang netter und aufmerksamer usw. Aber hält das alles an? Oft geben wir vieles davon doch irgendwann wieder auf. Wir scheitern an dem Vorhaben, besser, gesünder und entspannter zu werden, und die Niederlage tut dann besonders weh. Sie hat keinen Platz in all diesen Konzepten.

Im Glauben an Christus ist sie dagegen erlaubt, sie gehört sogar dazu. Denn wir müssen uns nicht in Selbstdisziplin üben, sondern im Vertrauen und in der Hingabe. Wir müssen vor Gott nicht perfekt sein und auch nichts bezahlen, sondern dürfen uns loslassen und fallen lassen, so wie wir sind. Und das kostet nichts. Wir sollen uns nur „bewähren“, und das heißt: Wir lassen uns auf einen Prozess ein. Natürlich fühlt der sich zwischendurch dann auch mal optimal an, aber entscheidend ist das Weitergehen, bei dem es hoch und runter geht. Es gibt Höhen und Niederlagen, und die dürfen alle sein. Das ist der zweite Punkt.

Und als drittes wird uns im Glauben etwas Großes verheißen: er weist über den Tod hinaus, und das tut kaum ein weltlicher Ratgeber. Wenn wir ihnen folgen, bleiben wir im Diesseits, ja schlimmer noch: wir bleiben bei uns selbst stehen. Alle Optimierungsversuche sind letzten Endes egozentrisch. Das Ich steht im Mittelpunkt, man kreist um sich selbst und hat nur das eigene Leben im Blick.

Im Glauben an Jesus Christus geschieht genau das Gegenteil: Wir werden von uns selbst befreit und blicken weit über unser Leben und diese Welt hinaus. Wir bekommen himmlische Gaben.“ Wir haben teil an der Verheißung der „Herrlichkeit Gottes“, und dadurch wird die „Liebe in unser Herz gegossen.“ Und das heißt: Wir werden auch für andere zum Segen. Ganz gleich, wie es uns geht, wir tragen etwas in die Welt, was ihr fehlt. Wir öffnen uns für unsere Mitmenschen und bringen ihnen den Frieden. Und das ist etwas ganz Großes.

Christus kann uns in den Zustand versetzen, der für uns und allen anderen am heilsamsten ist. Dafür hat er gelitten und ist gestorben, wir müssen nur seinem Weg folgen und uns in Geduld üben. Dann bewähren wir uns, bekommen neue Hoffnung und erfahren die grenzenlose Liebe Gottes.

Amen.

 

Lasset uns mit Jesus ziehen

Predigt über Lukas 18, 31- 34: Die dritte Leidensankündigung

Sonntag vor der Passionszeit, Estomihi, 23.2.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 18, 31- 34

31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden,
33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.
34 Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.

Liebe Gemeinde.

Die schwerste Botschaft, die es zu überbringen gibt, ist die Todesnachricht. Bei einem Gewaltverbrechen oder einem Unfall mit Todesfolge ist das die Aufgabe der Polizei. Es gehört natürlich zu ihrer Ausbildung, dafür das nötige Feingefühl zu entwickeln, trotzdem werden wir als Notfallseelsorger und Seelsorgerinnen oft gebeten, mitzukommen. Denn die Information ist für die Angehörigen ein Schock, niemand weiß, wie sie reagieren werden. Sie brauchen oft menschlichen Beistand oder psychologische Betreuung.

Ähnlich schwer ist es, wenn Ärzte in so einer Situation sind. Das geschieht sicher noch viel häufiger. Dabei müssen sie nicht nur Todesnachrichten überbringen, sondern oft schon vorher ankündigen, dass eine Krankheit nicht mehr heilbar ist, und der oder die Betroffene nur noch kurze Zeit zu leben hat. Auch das erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl.

Einem Kranken selbst sagt man es manchmal lieber gar nicht. Das ist dann natürlich unehrlich, aber es gibt Menschen, für die es besser ist, wenn sie nicht erfahren, dass sie bald sterben werden. Möglicherweise würden sie es sowieso nicht verstehen oder glauben.

So ging es jedenfalls den Jüngern Jesu. Sie waren zwar in der Rolle der Angehörigen, und Jesus war der, der bald sterben würde, aber das Unverständnis lag bei ihnen. Er wusste um die Realität und sah ihr ins Auge. Seine Jünger sollten es auch verstehen, und er hat dreimal versucht, sie in sein bevorstehendes Schicksal einzuweihen. So überliefern es die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas. Die dritte Vorhersage aus dem Lukasevangelium haben wir eben gehört.

Man kann sie unter die Überschrift stellen: „Jesu Weg zum Ziel“, denn so war es für ihn: Er war gefasst und hatte das Ende seines Weges auf der Erde klar im Blick. Er wusste, dass seine Feinde ihn umbringen wollten, und er eines gewaltsamen Todes sterben würde. Doch das erschreckte ihn nicht, weil er an die göttliche Bestimmung glaubte, die dahinter stand. Er ging davon aus, dass sich damit der Heilsplan Gottes erfüllte. Denn so hatten es bereits die Propheten vorhergesagt, und nun wurde diese Weissagung Wirklichkeit.

Darüber wollte er seine Jünger belehren und aufklären. Sie sollten hören, was ihm und damit auch ihnen bevorstand. Er weihte sie in sein Wissen ein.

Doch es gelang ihm nicht, sich verständlich zu machen. Sie begriffen nicht, wovon er redete und was er meinte. Sie wehrten sich gegen die furchtbare Nachricht und nahmen sie nicht auf, denn das konnten sie nicht verkraften. Sie sollten erkennen, dass seine Hinrichtung bevorstand, sie ihn also auf grausame Weise verlieren würden und dabei selber in Gefahr gerieten. Das lag außerhalb ihres Vorstellungsvermögens, sie wollten es einfach nicht erfassen.

Denn es war zu schlimm für sie. Drei Jahre lang waren sie mit ihm gegangen, hatten dafür alles aufgegeben, hatten ihm vertraut und geglaubt, dass er der Messias war, der alles ändern würde. Natürlich liebten sie ihn auch und hingen an ihm. Sie wollten ihn auf keinen Fall verlieren. Es ist völlig nachvollziehbar, dass sie die Todesnachricht ablehnten.

Wie es Jesus selber mit diesem Wissen ging, wird hier zwar nicht erwähnt, aber er schien nüchtern und innerlich gefestigt gewesen zu sein. Er beschreibt ja sehr genau, was ihn erwartete: Zuerst kommen seelische Qualen, Verspottung, Misshandlung und Verhöhnung. Dann folgen körperliche Grausamkeiten, wie die Geißelung und die Hinrichtung.

Davor hätte er eigentlich Angst bekommen und so schnell wie möglich weglaufen und sich verstecken müssen. Doch er tat genau das Gegenteil: Er begab sich in die Hände seiner Feinde und ging ihnen entgegen, nach Jerusalem, wo sie bereits auf ihn warteten. Fast scheint es so, als hatte er eine Todessehnsucht, doch das war nicht der Fall. Er beschwor seinen gewaltsamen Tod zwar herauf, aber er wusste, dass das nicht das Ende seines Auftrags sein würde. Deshalb konnte er so ruhig damit umgehen. Er sah weiter, über sich und seine Zeit auf Erden hinaus. Er glaubte an die Macht Gottes, die auch noch jenseits des Todes bleibt und wirkt. Gerade durch seinen Tod würde sie sich als wahr erweisen, und den Menschen den Weg in die Ewigkeit öffnen. Das waren sein Glaube und seine Einsicht, davon war er erfüllt und durchdrungen.

Die Jünger dagegen konnten das nicht verstehen, seine Rede blieb für sie rätselhaft. „Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.“ So steht es am Ende des Textabschnittes.

Und damit sind sie uns sehr nah. Das können wir uns gut vorstellen. Möglicherweise geht es uns sogar ganz ähnlich. Wir wissen zwar, dass Jesus gekreuzigt wurde, aber leicht fällt uns dieses Wissen nicht. Es ist unbehaglich und anstößig. Und das war schon immer so. Von Anfang an war das Kreuz ein Ärgernis, über das auch die Christen nachdenken mussten. Bis heute versucht die Theologie, es einzuordnen, und es gibt viele verschiedene Ansätze dafür.

Der geläufigste ist, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist. Der Apostel Paulus hat diese Theorie als erster formuliert. In den Evangelien liegt der Schwerpunkt anders. Da machen die Leidensankündigungen – von denen uns heute eine vorliegt – deutlich, was der Tod Jesu bedeutet, und zwar werden wir mit ihnen in die Nachfolge gerufen. D.h. wir sollen Jesus in sein Leiden und in den Tod folgen, um dann auch mit ihm aufzuerstehen und zu neuem Leben zu erwachen. Der Christ und die Christin werden eingeladen, sich auf den Weg zu machen und mit ihm zu gehen. Dann können auch sie erfahren, dass die Macht Gottes weit über den Tod hinausgeht. Wir werden zur Leidensbereitschaft herausgefordert, um an der Auferstehung teil zu haben.

Aber wollen wir das? Ist das für uns nicht genauso hart? Wir wollen den Tod und das Leiden nicht, es schreckt uns ab und verstört uns. Es geht uns nicht anders als den Jüngern. Gewaltsame Vorfälle sind dabei besonders entsetzlich. Wir hören ja fast täglich davon. Meistens geschehen sie in anderen Ländern, doch jetzt ist es auch bei uns passiert: Neun Menschen mussten in Hanau sterben, weil ein Einzelner es so wollte. Wie können wir da ruhig und fest bleiben? Es löst Angst und Schrecken aus.

Deshalb wird der Vorfall in den Medien und in der Politik ausführlich behandelt. Es gibt inzwischen sehr viele gute und hilfreiche Äußerungen und Aktionen dazu. Ich möchte all die Bekundungen jetzt nicht wiederholen, und hinzuzufügen gibt es dem auch kaum noch etwas.

Die Frage, die sich in unserem Zusammenhang stellt, ist auch hauptsächlich die: Wie geht es jetzt den Angehörigen der Opfer? Sie sind ja am meisten betroffen und sind in schweres Leid geraten. Deshalb gibt es auch eine Opferbeauftragte, die ihnen mit ihrem Team hilft, die vielen Gefühle und Gedanken zu verarbeiten, Trauer und Wut, Angst und Entsetzen. Der Gedanke, so ein Schicksal einfach hinzunehmen oder es möglicherweise sogar freiwillig zu wählen, kommt uns auf diesem Hintergrund völlig abwegig, ja sogar zynisch vor. Das kann doch nicht die Antwort auf Terror und Krieg, Gewalt und Morden sein!

Doch so dürfen wir den Weg Jesu und seinen Ruf in die Nachfolge auch nicht verstehen. Er will nicht, dass wir taten- oder gedankenlos zusehen, wenn etwas Schlimmes passiert. Der Schreck und die Verstörung gehören dazu. Wir sollen nur realistisch sein und uns nichts vormachen. Es gilt zu erkennen, dass das Leben oft genau so grausam ist. Auch wenn uns keine Terroranschläge treffen, geht es uns nicht immer gut. Wir müssen vieles erleiden und ertragen, und am Ende steht auf jeden Fall der Tod, da führt kein Weg auf der Welt drum herum. Jesus möchte von uns Nüchternheit und Ehrlichkeit gegenüber diesen Tatsachen. Wir verdrängen das ja lieber, verschließen unsere Augen und beschäftigen uns nicht damit. Doch damit werden wir dem Leben nicht gerecht. Wir versuchen, etwas auszuklammern, das sich nicht ausklammern lässt. Und das ist nicht ratsam. Denn irgendwann holt es uns ein, und dann haben wir keine Möglichkeit, damit umzugehen. Angst überfällt uns, Unruhe und möglicherweise Verzweiflung. Wir wissen nicht weiter, sind ratlos und aufgeschmissen. Deshalb ist es so schwer, eine Todesnachricht zu empfangen. Sie tut sehr weh.

Doch es gibt einen Weg, wie sich dieser Schmerz abschwächen kann. Und zwar ist es wichtig, dass wir uns selber spüren und uns klar machen, was alles in uns vorgeht, wenn wir mit dem Tod in Berührung kommen. Es ist nämlich gar nicht nur die schlimme Erfahrung, die uns quält, sondern auch das, was dadurch in unserer Seele geschieht: Wir hadern und lehnen uns auf, und das zermürbt uns. Es gibt negative Kräfte, die uns von innen verzehren und zerstören wollen. Das müssen wir erkennen und uns dagegen wehren. Es ist nicht zwingend, dass wir uns diesen Kräften ausliefern, wir können ihnen etwas entgegensetzen.

Es beginnt damit, dass wir still werden und gar nichts mehr tun oder denken, allerdings ohne unsere Augen zu verschließen. Wir wenden uns nicht von der Realität ab, sondern wenden uns Gott zu. Er ist die größere Realität, und wir sagen und geben ihm, was uns beschwert. Er kann von uns nehmen, was uns nieder drückt, daran gilt es, zu glauben. Das ist zwar wie ein Sterben, aber es tut gut. Wir nehmen unseren eigenen Tod damit ein Stück weit vorweg, jedoch mit einem „Ja“, und dadurch lässt der Schmerz nach.

Wir haben vorhin das Lied gesungen: „Gott ist gegenwärtig“ (EG 165). Es beginnt in den ersten beiden Strophen mit der Vorstellung von Gottes Thron und der Aufforderung zur Anbetung. Das ist schön, und wir singen es gerne. Die dritte Strophe ist dagegen sehr unbeliebt und wird oft weggelassen. Sie beginnt mit dem Satz: „Wir entsagen willig allen Eitelkeiten, aller Erdenlust und Freuden.“ Das ist uns fremd und passt nicht in unser Lebensgefühl. Aber es ist eine sehr sinnvolle Vorgehensweise, die auch in der Leidensankündigung Jesu zum Ausdruck kommt: Es ist gut, wenn wir die Oberflächlichkeit bei Seite legen und annehmen, dass das Leben nicht nur lustvoll und unterhaltsam ist.

Stattdessen sind wir eingeladen, unseren „Willen, Seele, Leib und Leben Gott zum Eigentum zu geben.“ So geht die Strophe aus dem genannten Lied weiter. Und das ist wichtig. Denn daran wird deutlich, dass wir weder zu einem heldenhaften Verzicht noch zum Stumpfsinn oder zur Gelichgültigkeit aufgefordert werden. Wir dürfen vielmehr wissen und glauben, dass wir nicht allein sind. Wir können und sollen auf Jesus blicken und uns seinen Weg und sein Leiden vorstellen. Er geht dann mit uns und steht uns bei. Jesus führt uns durch die Dunkelheit. Und das gilt in allen Situationen, die dunkel und schwer sind, die wir nicht verstehen und die uns aufwühlen. Wir sind auf jeden Fall bei ihm geborgen. Er umgibt uns mit seiner Liebe und lässt uns teilhaben an seiner Überwindung.

Natürlich geschieht das nicht in einem Augenblick. Es ist manchmal ein langer Weg, den wir gehen müssen, bevor es nach einer schlimmen Erfahrung wieder hell in uns und um uns herum wird. Aber es gibt diesen Weg, und es geht darum, dass wir ihn einschlagen. Dann behalten wir auf jeden Fall eine Hoffnung. Mit der Zeit weicht die Verzweiflung, und das Herz wird ruhig, auch angesichts von Tod und Schrecken. Jesus hat das Reich Gottes gebracht und die Ewigkeit für uns geöffnet. Leiden und sterben, Gewalt und Terror haben nicht das letzte Wort. Es gibt vielmehr eine Wirklichkeit jenseits des irdischen Lebens. Gottes Macht ist größer als alles, der Tod kann sie nicht auslöschen. Das hat Jesus verkündigt, dafür hat er gelebt, dafür ist er gestorben und auferstanden. Er führt uns den Weg zu Gott, den Weg durch die Zeit in die Ewigkeit.

Seine Botschaft war die schönste, die es gibt, denn sie ist eine Antwort auf alle unsere Fragen und Nöte. Sie löst keinen Schock aus, sondern bringt Ruhe und Freude. Er selber ist der Beistand, den wir brauchen. Er heilt unsere Seele und verheißt uns Leben. Es tut deshalb gut, wenn wir ihn empfangen, an ihn glauben und darauf vertrauen, dass sein Weg auch für uns der beste ist.

Lasst uns deshalb singen:

„Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand und unser Herr geht mit.“ (EG 394)

Amen.