Keine Gewalt!

Predigt über Lukas 3, 3-14.18: Die Predigt Johannes des Täufers

3. Sonntag im Advent, 15.12.2019

Lukas 3, 3- 14. 18

3 Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden,
4 wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben!

5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden.
6 Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«
7 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?
8 Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.
9 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
10 Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun?
11 Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.
12 Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun?
13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!
14 Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!
18 Und mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und verkündigte ihm das Heil.

Liebe Gemeinde.

Bewaffnete Menschen flößen uns normalerweise einen gewissen Respekt ein, wenn nicht sogar Angst. Bei uns sind das Polizisten und Soldaten. Aber auch Sicherheitskräfte, Jäger und Schützen dürfen Waffen tragen. Sie benötigen dafür zum Glück eine Erlaubnis, der zivile Waffenbesitz wird in Deutschland streng kontrolliert. Seit 1970 ist es das Bestreben der Politik, „möglichst allen Bürgern in allen Regionen zu verwehren, sich zu bewehren.“ So formulierte es der damalige Hamburger Regierungsdirektor Siegfried Schiller, denn „schon der bloße Waffenbesitz könne ganz ohne Hintergedanken zu einer Gefahr für die Allgemeinheit werden.“ Er hielt eine rigorose Reglementierung für vertretbar, und so kam es dann auch. Heutzutage beruft Deutschland sich darauf, eines der strengsten Waffengesetze weltweit zu haben. Es wurde in den letzten Tagen sogar noch verschärft und regelt den Erwerb, die Lagerung, den Handel, den Besitz und die Instandsetzung von Waffen, insbesondere von Klingen- und Schusswaffen sowie Munition. Auch definiert es verbotene Waffen und verbietet deren Besitz und Inverkehrbringen. Denn eine bewaffnete Person ist derjenigen, die waffenlos ist, überlegen, sie kann gefährlich werden und großes Unheil anrichten.

Und das war schon immer so, auch zurzeit Jesu. Um die Herrschaft der Römer im Alltag zu sichern, waren z.B. die römischen Soldaten bewaffnet. Außerdem gab es jüdische Soldaten, die zur Verteidigung der Festungen am unteren Jordan zahlreich waren. Und die nutzten ihre Überlegenheit tatsächlich aus. Nicht selten schikanierten und misshandelten sie das Volk, erpressten Schutzgelder oder Geschenke und sorgten für Verunsicherung. Sie waren offensichtlich kaltherzig und gierig, übten Macht aus und nahmen keine Rücksicht auf das Wohlergehen ihrer Mitmenschen.

Doch erstaunlicher Weise waren auch sie mit vielen anderen Menschen zu Johannes dem Täufer gekommen. Der hatte lange Zeit zurückgezogen in der Wüste gelebt hatte, abseits des weltlichen Geschehens, ganz auf Gott ausgerichtet. Eines Tages trat er dann aber auf und predigte im Stil der alten Propheten. Er rief zu Buße und Umkehr auf und kündigte das Kommen des Gottesreiches an. Er stand am Ufer des Jordans gegenüber von Jericho, und unzählige Menschen gingen zu ihm, um ihn zu hören. Wer seiner Botschaft folgte und seine Sünden bekannte, ließ sich von ihm taufen. Johannes vollzog die Taufe durch Eintauchen ins fließende Wasser, und sie bedeutete eine symbolische Reinigung. Wie die großen Propheten des Alten Testamentes erregte er also die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, und die Volksscharen setzten sich in Bewegung. Auch die Soldaten folgten wie gesagt seinem Ruf.

Dabei war seine Predigt keineswegs angenehm. Er verstand sich als Wegbereiter des kommenden Messias, für den alles beseitigt werden musste, was „uneben“ und gottlos war. Er beschimpfte viele seine Hörer sogar und entlarvte jede unehrliche Gesinnung und Falschheit. Er nannte sie „Schlangenbrut“, und damit meinte er alle, die Böses oder Tödliches um sich verbreiteten. Sie sollten ihre Gesinnung ändern und mit ihren Taten beweisen, dass sie Gottes Wille verstanden hatten. Sonst würden sie beim Gericht Gottes, das nach der Meinung des Täufers nahe bevor stand, wie ein unfruchtbarer Baum „abgehauen“.

Und auf diese Drohung reagierten die Hörer. Sie fragten betroffen, was zu tun sei. Johannes beantwortete ihre Fragen und konnte sie so auf den rechten Weg bringen. Für jeden und jede hatte er einen Rat. Drei Beispiele werden hier genannt: Die Reichen sollten ihre Habe teilen. Die Zöllner – das waren Abgabenpächter, die für die Römer arbeiteten – sollten die Anweisung der Obrigkeit nicht zu ihren Gunsten übertreten. Sie sollten sich vielmehr soldarisch mit ihren Mitmenschen zeigen. Und die Soldaten sollten ihre Macht nicht missbrauchen, um sich zu bereichern, sondern sich mit ihrem Sold zufrieden geben. Diese drei Gruppen werden hier genannt, aber Johannes hatte sicher auch für alle anderen konkrete Vorschläge, wie sie Gottes Willen beherzigen konnten. Es wird zusammengefasst mit dem Satz: „Mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und verkündigte ihm das Heil.“

Seine Botschaft lautete: Widersteht der Versuchung, einander zu unterdrücken oder auszunutzen, achtet einander, tut Buße, kehrt um und schafft Frieden. Auch uns gilt dieser Aufruf, und es ist gut, dass wir ihn immer wieder hören. Denn obwohl wir hier in Deutschland strenge Waffengesetzte haben und so schnell niemand auf der Straße durch eine Schusswaffe umkommt, tun wir einander oft nichts Gutes und üben viel Gewalt aus. Bertold Brecht hat das einmal so gesagt: „Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Selbstmord treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur wenige davon sind in unserem Staate verboten.“

Wir sollten uns also alle angesprochen fühlen und uns fragen, wann und wo wir unsere Macht missbrauchen und anderen Menschen Angst machen. Es passiert öfter als wir ahnen, und zwar immer dann, wenn wir die Schwächen unserer Mitmenschen ausnutzen. Das kann durch körperliche Überlegenheit geschehen, dadurch, dass wir ein Geheimnis über jemanden wissen, das niemand erfahren soll. Wir können den Ruf von jemand anderem ruinieren, ihn ausgrenzen und missachten. Man spricht auch von „den Waffen der Frau“, d.h. wir können andere Menschen täuschen und verführen. Verboten ist das alles nicht.

Aber es ist auch nicht das, was Gott will. Johannes der Täufer legt uns hier eine ganz eindeutige Ethik vor, und es gut, wenn wir die beachten: Er ruft uns zu einer kritischen Auseinandersetzung mit unserem eigenen Verhalten und Denken auf, und das Ziel ist ein Sinneswandel. Wir sollen unsere Sünden bekennen, Buße tun, umdenken und neu anfangen.

Die Frage ist allerdings, wie wir das hinbekommen. Natürlich bemühen wir uns immer wieder darum gut zu sein, aber viele scheinbar harmlose „Unebenheiten“ sind nicht so einfach zu begradigen. In Ehen und Familien haben sich z.B. oft bestimmte Verhaltensmuster eingeschlichen, die ein soziales Gefälle bedeuten. Es ist klar, wer der Stärkere und wer der Schwächere ist, aber wir gewöhnen uns daran, auch an das Leid, das damit einhergeht. Viele tragen es schweigend und wehren sich nicht mehr. Im Kollegen- oder Freundeskreis kann es das auch geben, und selbst wenn wir es ändern wollten, so ist das nicht so einfach. Es klingt ja auch sehr nach einem erhobenen Zeigefinger, so als ob wir durch eigene Anstrengung besser werden sollen.

Doch so ist das, was Johannes der Täufer predigte, nicht gemeint. Um es richtig zu verstehen, müssen wir noch einmal darüber nachdenken, was es mit der „Wegbereitung“ auf sich hat. Das ist ja sein Anliegen, d.h. Johannes will, dass wir das Kommen Jesus vorbereiten, das wir zu Weihnachten feiern. Und das bedeutet nicht, dass wir nun aus eigener Kraft in unserem Leben aufräumen und unser Miteinander neu ordnen. Wir sollen uns vielmehr auf Jesus ausrichten, und das heißt, unsere Blickrichtung ändern. Dabei lassen wir ganz von selber von vielem ab, das uns gefangen hält. Wir steigen aus unseren Gewohnheiten aus und lassen uns von dem Ziel, auf das wir zugehen, bereits anrühren. Wir öffnen eine Tür in unserem Geist, und dadurch empfangen wir Jesus bereits. Wir spüren seine Nähe und die kann wirken. Von der Krippe geht jetzt schon eine Kraft aus, die uns verändern kann. Johannes der Täufer fordert uns nicht dazu auf, durch unsere Werke gerecht zu werden. Er warnt uns nur vor Tatenlosigkeit. Wir können unser Heil verspielen, wenn wir nicht aufpassen. Es geht ihm nicht um das Tun, sondern um ein neues Sein. Und um das zu verwirklichen, dürfen wir jetzt schon auf die Hilfe Christi vertrauen.

Davon handelt eine kleine Geschichte von Max Bolliger, einem Kinderbuchautoren der Schweiz. Er ist 1929 geboren und trat erstmals zu Beginn der 1950er Jahre mit Gedichten und Erzählungen für Erwachsene in Erscheinung. Er wechselte dann aber zum Kinder- und Jugendbuch. Die folgende Geschichte ist allerdings für Kinder und Erwachsene gleichermaßen schön und aussagekräftig. Sie heißt:

„König, Bauer und Knecht“, (In heiliger Nacht, Weihnachtliche Worte und Weisen, Freiburg, Bassel, Wien, 2008,  S. 99f)

In der Nähe Betlehems lebten vor zweitausend Jahren ein König, ein Bauer und ein Knecht.
Wenn der König auf seinem Pferd durch die Straßen ritt, fiel der Bauer vor ihm auf die Knie und küsste den Saum seines Gewandes. Wenn der Bauer auf seinem Esel über die Felder ritt, verneigte sich der Knecht und nahm seinen Hut vom Kopf. Wenn aber der Knecht jemandem begegnete, wurde er von niemand gegrüßt. Nur ein kleiner herrenloser Hund… wollte nicht mehr von ihm weichen.
Wenn der König schlechter Laune war, ließ er den Bauern für einen Tag ins Gefängnis werfen. Wenn der Bauer zu viel getrunken hatte, rief er den Knecht und ließ ihn am Feiertag Holz hacken. Wenn der Knecht unglücklich war, pfiff er dem kleinen herrenlosen Hund und schlug ihn mit dem Stock.
So fürchtete sich der Bauer vor dem König, der Knecht vor dem Bauern und der Hund vor dem Knecht.
Aber auch der König fürchtete sich. Er fürchtete sich vor dem Tod.
Der König verbot seinen Kindern, mit den Kindern des Bauern zu spielen. Der Bauer verbot seinen Kindern, mit den Kindern des Knechtes zu spielen. Der Knecht verbot seinen Kindern, mit dem kleinen herrenlosen Hund zu spielen.
So fürchteten sich die Kinder des Königs, die Kinder des Bauern und die Kinder des Knechtes nicht vor dem Tod, nicht vor einem König, nicht vor einem Bauern und nicht vor einem Knecht. Sie fürchteten sich vor der Strafe. Die Kinder waren traurig, denn sie vermochten zwischen dem Kind eines Königs, dem Kind eines Bauern und dem Kind eines Knechtes keinen Unterschied zu erkennen.
Eines Tages aber stand über Betlehem ein leuchtender Stern. In einem Stall mitten auf dem Feld war Christus geboren …
Ohne dass einer vom andern wusste, machten sich der König, der Bauer und der Knecht auf, das Kind zu suchen.
Als sie einander vor dem Stall mitten auf dem Feld trafen, waren sie verlegen.
Aber Maria, die das Kind geboren hatte, lächelte ihnen zu und bat sie näher zu treten.
Und als sie das Kind in der Krippe erblickten, erfüllte sie plötzlich eine große Freude…
Sie knieten nieder und beteten es an.
„Nimm mir die Angst vor dem Tod“, bat der König.
„Nimm mir die Angst vor dem König“, bat der Bauer.
„Nimm mir die Angst vor dem Bauern“, bat der Knecht.
Da fing das Kind an zu weinen, weil es ahnte, dass es für den König, den Bauern und den Knecht einst am Kreuze sterben würde.
Am frühen Morgen kehrten die drei Männer gemeinsam nach Hause zurück, der König in sein Schloss, der Bauer auf seinen Hof und der Knecht in seine Hütte.
Nun wusste einer um des andern Angst, doch der Glaube an das Kind schenkte ihnen die Kraft, sie zu überwinden.
Am folgenden Tag aber spielten die Kinder des Königs, die Kinder des Bauern und die Kinder des Knechtes zusammen mit dem kleinen herrenlosen Hund. Auch er brauchte sich nicht mehr zu fürchten.

Amen.

 

Wachet und seid bereit!

Predigt über Mattthäus 25, 1-. 13: Von den klugen und törichten Jungfrauen

Ewigkeitssonntag, 24.11.2019, Lutherkirche Kiel

Matthäus 25, 1- 13

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.
2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit.
4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen.
5 Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.
6 Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!
7 Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.
8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen.
9 Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst.
10 Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen.
11 Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf!
12 Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: aIch kenne euch nicht.
13 Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Liebe Gemeinde.

Wir müssen uns im Leben ständig entscheiden. Manchmal haben wir dafür viel Zeit, manchmal weniger. Gelegentlich muss es sogar in Sekundschnelle erfolgen, wie z.B. bei einem Fußballspiel. Meistens haben die Spieler nur einen Augenblick, um zu entscheiden, was sie mit dem Ball machen, der zu ihnen kommt. Sie müssen ständig wachsam sein.

Wenn es darum geht, mit wem wir leben oder welchen Beruf wir wählen, haben wir mehr Bedenkzeit. Und das ist auch gut so, denn das sind schwerwiegende Entscheidungen. Aus ihnen folgt, wie unser Leben in den nächsten Jahren weitergeht, und was aus uns wird.

Natürlich gibt es auch im Alltag ständig Entscheidungssituationen: Wofür gebe ich mein Geld aus? Was mache ich in meiner Freizeit? Was esse ich, was ziehe ich an? Vieles davon ist nicht besonders folgenschwer, aber es muss trotzdem beschlossen werden.

Und dann gibt es unzählige Situationen und Erlebnisse, in denen müssen wir entscheiden, wie wir uns dazu verhalten wollen, ob wir uns z.B. ärgern oder ruhig bleiben, glauben oder zweifeln, traurig sind oder uns freuen. Unsere Einstellung zum Leben, unser Bewusstsein und unser Denken unterliegen ebenfalls unserem eigenen Wollen.

Darauf bezieht sich das Gleichnis, das wir eben gehört haben, und es weist von vorne herein in eine Richtung: Es will uns zur Freude einladen, zum Glauben und Hoffen, und fragt uns, ob wir dazu bereit sind.

Es gehört zu der sogenannten Endzeitrede Jesu, zu seinen letzten Worten (Matthäus 24+ 25) . Er will seinen Jüngern mit dieser Rede sagen, welche Ereignisse am Ende der Zeit über sie hereinbrechen werden. Dazu gehören schlimme Katastrophen und die Auflösung der gesamten Weltordnung. Das Ziel ist allerdings nicht die Zerstörung, sondern die Ankunft des „Menschensohnes“ – wie Jesus sich selber nennt – d.h. sein Wiederkommen als von Gott gesandter Weltenherrscher. (Mt. 24, 29f) Jesus ging davon aus, dass all das zu Lebzeiten der Jünger noch geschehen würde. Deshalb gab er ihnen Anweisungen, wie sie sich dann verhalten sollen. Diese Absicht steht also auch hinter dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen.

Jesus vergleicht darin sein Erscheinen mit einer Hochzeitsfeier. Zehn Mädchen warten darin zusammen mit der Braut auf den Bräutigam, um ihn mit brennenden Lichtern zu empfangen. Ihre Aufgabe ist es, das Paar mit den hellen Lampen in das Haus des Bräutigams zu begleiten, wo dann die Hochzeit gefeiert wird. Für ihre Lampen brauchen sie Öl, und das reicht natürlich nur für eine begrenzte Zeit. Da nun nicht klar ist, wann genau der Bräutigam kommen wird, ist es „klug“, nicht nur die Lampen, sondern auch einen Ölvorrat dabei zu haben. Fünf von ihnen sorgen dafür, die anderen fünf versäumen es. Und das ist „töricht“, denn der Bräutigam lässt so lange auf sich warten, dass sie alle einschlafen und ihre Lampen vor seiner Ankunft verlöschen. Die Klugen können sie dank ihres mitgebrachten Öls wieder entzünden, die Törichten dagegen müssen schnell noch etwas kaufen. Aber dadurch verpassen sie die Ankunft des Bräutigams. Sie nehmen nicht an dem Hochzeitszug teil und kommen zu spät zu dem Fest. Sie stehen vor verschlossener Tür und werden auch nicht mehr hineingelassen. Der Bräutigam verleugnet sie sogar und sagt sich von ihnen los. Sie werden von ihm brutal abgewiesen mit den Worten: „Ich kenne euch nicht.“

Das Gleichnis endet also recht düster, wenn nicht sogar tragisch, denn natürlich ist damit eine Gerichtssituation gemeint. Wenn wir die Geschichte auf die Ankunft Jesu beziehen, heißt das, dass nicht alle gerettet werden, es gibt ein Zuspät. Jesus warnt uns davor, dass es Verlierer und Gewinner geben wird, Teilnehmende und Ausgeschlossene.

Und das klingt hart, wir hören es nicht gern. Es scheint auch der Botschaft der Nächstenliebe zu widersprechen: Hat Jesus nicht an anderen Stellen gesagt, dass alle zu ihm kommen können und gerettet werden? Warum macht er hier diese Unterscheidung? Das müssen wir uns fragen.

Und dabei hilft uns der Gedanke, dass es gar nicht erst Jesus ist, der uns zu einer Entscheidung auffordert, sondern das führt das Leben bereits mit sich. Es geht hier nicht in erster Linie um die Abweisung der törichten Jungfrauen, sondern um den letzten Satz, der lautet: „Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“ Es lohnt sich, wenn wir den befolgen, denn er ist eine Einladung zur Freude. Dafür ist das Hochzeitsfest ein Symbol, und die Frage an uns lautet: Können und wollen wir uns freuen, ganz gleich, was geschieht?

Das ist natürlich eine Provokation, besonders heute, am Ewigkeitssonntag. Denn wir hören nicht nur die Verheißung Gottes, wir denken auch an die Lieben, die wir durch den Tod verloren haben. Das macht uns traurig, wir leiden und sind schwermütig. Genauso geht es uns, wenn wir an die eigene Todesstunde denken. Können wir uns darauf freuen? Und sind wir darauf vorbereitet? Der Tod kommt uns meistens doch eher wie ein dunkles Loch vor, in dem man versinkt. Freude kommt bei dieser Vorstellung kaum auf. Im Gegenteil, wir sind niedergedrückt und haben Angst.

Doch genau das kann sich ändern, denn wie wir uns gegenüber einem traurigen Ereignis verhalten wollen, können wir selber entscheiden. Oft ist unser Glaube in seiner Leuchtkraft verblasst. Wir sind eingeschlafen, wie die Mädchen in unserem Gleichnis. Wir haben zwar irgendwo im Hinterkopf noch die Ahnung, dass es vielleicht etwas gibt, worauf wir hoffen könnten, aber von einem lebendigen Schwung der Freude ist unser Glaube oft nicht getragen. Er schläft.

Es gilt also, dass wir aufwachen und uns bereiten. Und das kann durchaus in einer Stunde oder Zeit geschehen, die wie eine Krise ist. Gerade dann kann sich alles verändern, die verborgene Hoffnung kann zum Leuchten kommen und uns neu beleben.

Dazu – sagt dies Gleichnis – ist Öl in den Gefäßen der Freude nötig: die Glaubenskraft, die uns erfüllt, in der wir nicht nach uns fragen, sondern nach dem, der auferstanden ist und in Ewigkeit lebt. Wir müssen uns nur für ihn entscheiden. Und natürlich tun das nicht alle. Die Schar der Zehn zerfällt hier in zwei Gruppen. Es ist ein Bild dafür, dass es zwei verschiedene Weisen gibt, wie wir uns gegenüber Jesus einstellen. Die Klugen sind die, die für ihn offen sind, den Törichten sind andere Dinge wichtiger. Vielleicht ist der praktische Lebensvollzug, die Geschäftigkeit oder die Ablenkung. Es gibt vieles, wodurch der Glaube ins Hintertreffen gerät.

Und wenn das so ist, kann es am Ende tatsächlich ein Zuspät geben. Und dabei müssen wir gar nicht nur an das Ende der Welt denken, denn das hat sich ja ganz offensichtlich verzögert. Kaum jemand denkt daran und ändert deshalb sein Leben. Im Gegenteil, wir fühlen uns sicher und verhalten uns so, als würde alles immer weiter gehen.

Doch das ist auch ohne Endzeitgefühle ein Irrtum, denn unsere ganz persönliche Todesstunde kommt bestimmt. Auch Krisen und Verluste bleiben nicht aus. Und darauf gilt es, zu reagieren. Wie wollen wir das tun? Das Gleichnis lädt uns zum Glauben ein, und dazu haben wir immer eine Chance, ganz gleich, wo wir im Leben gerade stehen. Ein Zuspät gibt es erst in der allerletzten Sekunde, vorher nicht. Es ist nur wichtig, dass wir die Entscheidungsstunde, die alles ändert, als solche erkennen. Sie kann jederzeit kommen, am Anfang unseres Lebens, in der Mitte und auch noch gegen Ende. Vielleicht ereignet sie sich, weil wir von außen angerührt werden. Es kann aber auch von innen her kommen. Plötzlich und überraschend werden wir von der Sinnfrage unseres Lebens überfallen, erfahren ihre Lösung und eine tiefe Geborgenheit. Es ist ein Augenblick, in dem wir unser Leben nicht nur in unseren menschlichen Beziehungen und weltlichen Gegebenheiten sehen, sondern wir spüren, dass es noch viel mehr gibt. Zu der Horizontalen kommt die Vertikale, von der wir angerührt werden und die uns ruft. Wir werden von der Gegenwart des kommenden Herrn überwältigt und merken: Unser Leben ist in seinen Händen. Und dann sind wir aufgefordert, zu antworten. Wir werden geweckt und sollen unsere „Lampen anzünden“.

Natürlich ist dadurch nicht sofort die Freude da, es ist nicht von heute auf morgen plötzlich alles gut. Nach dem Tod eines Angehörigen gibt es eine Zeit der Trauer, und die muss auch sein. Wir können und sollen das nicht verdrängen. Ebenso normal ist es, dass das Wissen um unsere Vergänglichkeit uns bedrückt. Die Frage ist bloß, in welche Richtung bewegen wir uns? Wo soll es hingehen? Wollen wir in der Trauer oder der Angst verharren? Das ist die Entscheidung, die es zu fällen gilt, und wir sind eingeladen, Jesus in unserem Leben zu empfangen. Dann wird ein Prozess in Gang gesetzt, der uns langsam ins Licht führt. Er selber hilft uns dabei, denn wir begleiten ihn zu seinem Freudenfest.

Nun kann es sein, dass wir Menschen an unserer Seite finden, die den Glauben wie selbstverständlich bei sich haben. Dann scheint es nahe zu liegen, sie an das Gebot christlicher Nächstenliebe zu erinnern und sie zu bitten: „Gebt uns von eurem Glauben etwas ab.“ Doch das ist nicht möglich. Andere können zwar für uns beten und vor Gott für uns einstehen, aber jede und jeder muss sich letzten Endes selber entscheiden. Und es ist gut, wenn wir das nicht zu spät tun und am Ende zu den Törichten gehören. Es wäre vielmehr schön, wenn wir in unserer Todesstunde den Eingang in die Ewigkeitsfreude gewinnen, und unser Leben auch vorher schon davon durchdrungen ist.

Es gibt dazu eine schöne Erzählung von Werner Bergengruen: Ein Ritter war in eine Kapelle geraten, wo er eine Stimme hört, die sagt: „Nach sechs.“ Tief erschreckt erkennt er darin eine Ankündigung seines Todes und denkt, dass „nach sechs Tagen“ gemeint war. Er hält das für die Frist, die ihm gelassen ist, und benutzt sie, um sein Leben zu ordnen. Er versöhnt sich mit seinen Widersachern, hilft mit seinen Mitteln und Möglichkeiten Bedürftigen und lebt in innerer Sammlung vor Gott. Als aber nach sechs Tagen sein Leben nicht zu Ende gekommen ist, denkt er: Es waren wohl sechs Monate gemeint. Der Ritter hat also noch mehr Zeit, und was macht er nun? Natürlich behält er die neu gewonnene Lebensführung bei. Selbst als er später „nach sechs Jahren“ hört, bleibt er dem Glauben treu. Die Warnung war ihm Herausforderung zu seiner Lebensumwandlung geworden.

So ist das „Wachet“, auf das unser Gleichnis hinausläuft, gemeint. Es fordert uns auf, in der Nachfolge Jesu zu leben und der Trägheit zu widerstehen. Wir sind jederzeit gerufen, uns klar für Gott zu entscheiden, denn wir können nie mit Gewissheit sagen, wann unsere Todesstunde kommt. Und dabei müssen wir keine Angst haben, denn wir sind gleichzeitig zur Freude eingeladen. Gott hält seine Herrlichkeit für uns bereit. Wir müssen uns nur mit Christus verbinden, dann wird sich unsere Freude vollenden. Zu ihr will Christus uns führen. Anstatt über das drohende Zuspät zu erschrecken, dürfen wir hoffen und wissen, dass wir mit ihm leben werden und in Ewigkeit geborgen sind.

Amen.

„Ermuntert euch ihr Frommen, zeigt eurer Lampen Schein! Der Abend ist gekommen, die finstre Nacht bricht ein. Es hat sich aufgemachet der Bräutigam mit Pracht. Auf, betet, kämpft und wachet! Bald ist es Mitternacht.“ (EG 151, 1)

Der Predigt liegt eine Meditation von Heinz-Günther Klatt zu Grunde, die ich teilweise auch zitiert  habe. Sie ist zu finden in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttext-Reihe I,2, Rogate bis Ewigkeitssonntag, Göttingen, 1991, S. 333ff.

Bewahrt, was Gott euch anvertraut hat

Predigt über 1. Mose 8, 18- 22: Die Zusage Gottes an Noah

20. Sonntag nach Trinitatis, 3.11.2019, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Mose 8, 18- 22

18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne,
19 dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.
22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Liebe Gemeinde.

Spätestens seit der Bewegung „Fridays for future“ ist das Wissen über die Klimaproblematik in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Fast alle reden darüber, dass die Erderwärmung unseren Planeten und unser Leben bedroht, und dass sich etwas ändern muss. Die Meeresspiegel steigen, und ganze Landstriche sind von Trockenheit oder Überschwemmung bedroht. Die Warnungen der Wissenschaftler, die das alles voraussagen, kann niemand mehr überhören. Und es ist auch klar, dass das kommende Unheil von uns Menschen gemacht ist. Es ist keine Naturgewalt, sondern ist die Folge unserer Lebensweise. Wir tragen die Verantwortung dafür, ob die Umwelt zerstört wird oder erhalten bleibt.

Diese Einsicht ist allerdings nicht neu, wir finden sie bereits in der Bibel. Die Geschichte von der Arche Noah ist dafür ein sehr eindrückliches Beispiel. Sie handelt davon, wie vor Urzeiten einmal eine Sintflut über die Erde kam und fast alles Leben zerstörte. Wissenschaftler sind sich heutzutage sicher, dass es diese Flut wirklich gab. Das Schwarze Meer nahm dadurch seine jetzige Form an. Die Ursache war ein gewaltiger Wassereinstrom aus dem Mittelmeer, der sich ungefähr 6300 Jahre vor Christus ereignete. Funde von Muscheln und Schnecken haben zu dieser Erkenntnis beigetragen. Die große Flut vertrieb einige Zehntausend Menschen, es war eine fruchtbare Katastrophe. So ist es naheliegend, dass die Menschen damals darin ein Strafgericht Gottes sahen. Das konnte nur von ihm kommen, so erzählt es nicht nur die Bibel, auch aus Babylonien gibt es eine ähnliche Überlieferung.

Die biblische Sintflutgeschichte beginnt damit, dass Gott die Bosheit der Menschen satt hatte und mit der Schöpfung noch einmal von vorne anfangen wollte. Er brauchte dafür nur eine kleine Gruppe von Menschen und Tieren, und er wählte Noah und seine Familie. Wen er in seine Arche aufnahm, wurde gerettet, und aus diesem Rest entstand die neue Weltzeit, in der wir heute leben. Am Ende bekundet Gott seinen Willen, ihren Erhalt zu garantieren. Er wird in Zukunft Gnade und Nachsicht walten lassen. Sein Zorn ist verraucht, er offenbart seinen Heilswillen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Das ist seine Zusage.

Und damit wird deutlich, dass es nicht an Gott liegt, wenn die Erde noch einmal untergeht, auf ihn Verlass. Der Mensch ist dafür verantwortlich, dass das Chaos nicht wieder alles verschlingt. Es gilt der ursprüngliche Auftrag aus der Schöpfungsgeschichte: „Macht euch die Erde untertan“, (1. Mose 1,28) d.h. nutzt sie, aber übernehmt Verantwortung. Bewahrt, was ich euch anvertraue, und sorgt dafür, dass es erhalten bleibt. Noah gehorchte diesem Auftrag. Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, baute er einen Altar und dankte Gott. Er fürchtete ihn und lebte so, wie Gott es von ihm erwartete.

Und dazu sind auch wir aufgefordert. Die Geschichte will uns an unsere Verantwortung für die Schöpfung erinnern, daran, das Leben zu schützen, friedlich, demütig und gottesfürchtig zu sein.

Doch genau das scheint uns nicht zu gelingen. Der Mensch ist damit offensichtlich überfordert. Es sieht so aus, als ob es zu schwer ist, die Umwelt zu bewahren und sich angemessen zu verhalten. Woran liegt das? Das müssen wir uns fragen. Denn wenn wir nicht umdenken und umkehren, bekommen wir die Probleme nicht mehr in den Griff. Lasst uns als darüber nachdenken, welche Schritte helfen können, damit wir die gute Ordnung Gottes nicht länger durcheinander bringen.

Und dazu gehört es als erstes, dass wir uns auf ihn verlassen, uns ihm anvertrauen und an seine Zusage glauben. Oft denken wir nicht an Gott. Unsere Lebensweise ist säkular und weltlich, wir sind selbstherrlich und hochmütig geworden. Uns treibt ein unstillbarer Hunger nach immer mehr, die Gier, möglichst alles zu bekommen, was wir uns wünschen. Und das macht uns dumm und kurzsichtig. Wir kümmern uns nicht mehr um die Folgen unseres Handelns.

Wenn wir uns dagegen Gott anvertrauen und seine Macht anerkennen, ändert sich das. Wir sind dann eingebettet in seine Ordnung, werden demütig und bescheiden. Wir brauchen nicht mehr alles, sondern können getrost den einen oder anderen Wunsch loslassen. Und dadurch wird auch unser Blick klarer. Wir gewinnen Einsicht und werden klug. Das ist der erste Schritt.

Als zweites entsteht aus dieser Veränderung unseres Bewusstseins ein neues Handeln. Es ist gar nicht mehr so schwer, Verantwortung zu übernehmen und an dem mitzuwirken, was dem Erhalt der Schöpfung dient. Dazu hat jeder und jede die Möglichkeit. Es kann in unserem Alltag beginnen, in unserer nächsten Umwelt. Was und wieviel wir verbrauchen, können wir selber entscheiden. Und je mehr Menschen so bewusst handeln, umso effektiver wird es. Natürlich können wir als Einzelne nur wenig verändern, aber viele einzelne Menschen ergeben eine große Menge mit einer starken Wirkung. Es gilt der schöne Spruch von Stephan Zweig: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Das ist der zweit Punkt, den wir beherzigen sollten.

Und als drittes ist noch wichtig, dass Gott uns nicht allein gelassen hat. Er hat uns zwar in die Verantwortung entlassen, aber er weiß um unsere Schwäche und Fehlbarkeit. Deshalb hat er uns einen Beistand geschickt, seinen Sohn Jesus Christus. Und der hat bereits etwas von der neuen Welt Gottes, die eines Tages kommt, heraufgeführt. Die ist nach wie vor das Ziel des Handelns Gottes. An vielen Stellen in der Bibel ist davon die Rede, sowohl im Alten wie im Neuen Testament: Gott wird in einer unbestimmten Zukunft diese Welt zu Ende gehen und sein Reich anbrechen lassen. Den Kosmos, wie wir ihn kennen, ist nicht alles, was es gibt. Wir dürfen vielmehr davon ausgehen, dass es noch eine unsichtbare Welt gibt, eine Wirklichkeit jenseits von Raum und Zeit. Jesus Christus ist ihr Bote, er hat sie uns eröffnet, denn er hat die engen Grenzen unseres Daseins gesprengt, er ist von den Toten auferstanden. Das ist die Botschaft des Evangeliums. Bei ihm finden wir ein Leben, das niemals aufhört, in dem der Tod nicht mehr herrscht. Wir müssen nur daran glauben und auf ihn vertrauen.

Und das brauchen wir genauso wie Demut und sittliche Kraft: Wir brauchen die Zuversicht, dass uns letzten Endes nichts zerstören kann, dass die Mächte der Finsternis besiegt sind und wir an der Ewigkeit Anteil haben.

Lasst uns deshalb auf die Zusage Gottes vertrauen, unsere Verantwortung für die Welt wahrnehmen und auf Jesus Christus blicken, der uns zu all dem befähigt.

Amen.

Steh auf und geh!

Kurzpredigt über Johannes 5, 1-9: Die Heilung am Teich Betesda

19. Sonntag nach Trinitatis, 27.10.2019Gethsemanekloster Riechenberg

Johannes 5, 1- 9:

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;
3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
 Sie warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte.
4 Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.
5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.
6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Zwei Personen stehen in der Geschichte im Mittelpunkt: ein kranker Mann und Jesus.

Der Mann war schon seit 38 Jahren gelähmt, und zwar am ganzen Körper. Er konnte nur liegen und sich so gut wie gar nicht bewegen. Er hatte wahrscheinlich starkes Rheuma oder Gicht, und die Aussicht auf Heilung war gering.

Aber er hatte eine Hoffnung, und die lag in einer Heilquelle, dem „Teich Betesda“ in Jerusalem. Von Zeit zu Zeit bewegte sich das Wasser dieses Teiches auf geheimnisvolle Weise, und dann musste man hineinsteigen, um gesund zu werden. Das ging allerdings nur einzeln. Wer jeweils als erster in das bewegte Wasser gelangte, hatte die beste Heilungschance. Die Kranken mussten sich also gedulden und in der Regel lange warten. Deshalb waren fünf Hallen um diesen Teich herum gebaut worden, in denen lagen die Patienten und hofften auf den heilenden Strudel. Auch der Mann, der hier im Mittelpunkt steht, tat das.

Aber für ihn war es so gut wie aussichtslos, denn er kam gar nicht ohne fremde Hilfe in dieses Wasser hinein. Wenn er sich mühsam dorthin gequält hatte, war bereits ein anderer vor ihm dort, und seine Chance war wieder vorbei. Er war immer zu spät. Und so bewegte sich in seinem Leben nichts mehr, alles war zum Stillstand gekommen.

Doch das findet in der Erzählung ein Ende, und zwar nicht durch diesen Teich, sondern weil Jesus zu ihm kommt. Er sieht diesen Menschen, geht zu ihm hin und spricht ihn an. Er weiß also um ihn, und dann genügt ein einfaches Wort aus seinem Mund, und der Kranke wird gesund. Jesus sagt zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett und geh umher“. Und der Mann gehorcht. Ohne Widerspruch, ohne Zögern oder Zweifeln befolgt er die Aufforderung Jesu und wird gesund, endlich, nach 38 Jahren! Er rollt seine Schlafmatte zusammen und verlässt die Hallen seines Elends, seiner vergeblichen Hoffnung und seiner Sehnsucht.

Und das ist der Punkt, an dem diese Geschichte eine Bedeutung hat. Die Heilungswunder Jesu sind für uns ja immer etwas problematisch, weil wir diese Erfahrungen so nicht machen: Kaum jemand wird durch ein Wunder oder durch den Glauben von einer chronischen Krankheit geheilt. Trotzdem ist die Geschichte sehr schön, denn an Geist und Seele können wir etwas Ähnliches erleben.

Es gibt ja Situationen, in denen sind wir ebenfalls wie gelähmt: Nichts bewegt sich mehr in unserem Leben. Das kann durch dauernde Konflikte geschehen, die alles überschatten, unerfüllte Wünsche und Erwartungen, Ängste, Sorgen, Wut oder Ärger, oder auch durch Überforderung, Stress, zu viel Druck, zu viel Arbeit, und vieles mehr.

Die Probleme scheinen zwar unlösbar, aber meistens haben wir trotzdem eine bestimmte Idee, wodurch sich das ändern könnte. Wir meinen zu wissen, von woher die Heilung kommen müsste, was die Lösung wäre. Sie liegt bloß in weiter Ferne und tritt nicht ein, weil andere uns daran hindern, weil die Umstände es nicht zulassen, weil die Zeit noch nicht gekommen ist oder ähnliches. Das sind unsere Gedanken, und darin schwingt meistens auch etwas Selbstmitleid oder ein Vorwurf mit. Bildlich gesprochen liegen wir an einem magischen Teich und warten darauf, dass das Wasser sich bewegt und wir hineinsteigen können. Wir sind auf diese eine Möglichkeit fixiert, wie der Kranke in unserer Geschichte. Und dabei merken wir nicht, dass wir in Wirklichkeit genauso verloren sind wie er. Wir richten uns vielmehr in unseren Gedanken ein, sie sind uns irgendwann vertraut, selbst wenn sie nicht weiterführen. Wir gewöhnen uns an dieses Lebensgefühl, das damit einhergeht. Und so warten und hoffen wir vergeblich und verlieren den Zugang zum Leben. Alles steht still.

Doch für uns kann sich genauso etwas ändern, wie für den Kranken, denn Jesus kommt auch zu uns. Er spricht uns an und fordert uns auf, einfach aufzustehen. Damit das geschehen kann, müssen wir nur auf ihn blicken, auf sein Wort hören, und die Ideen, auf die wir fixiert sind, einmal loslassen. Die Hilfe kommt aus einer ganz anderen Richtung, als wir denken. Es sind gar nicht die widrigen Umstände oder die schwierigen Menschen, die uns unbeweglich machen, sondern unsere festgefügten Vorstellungen davon, was geschehen müsste. Es gilt, dass wir die aufgeben und uns stattdessen an Jesus wenden und ihm gehorchen, ohne Widerspruch, ohne Zögern oder Zweifeln. Jesus sagt auch zu uns: „Steh auf! Verlass deine Ideen und deine Vorstellungen, sie helfen dir nicht.“ Und er gibt uns die Kraft dazu. In seiner Gegenwart werden wir neu belebt. Verkrustungen der Seele und des Geistes werden gelöst, es bewegt sich etwas, der Stillstand hat ein Ende. Denn Jesus durchbricht unsere Einsamkeit und löst das Selbstmitleid auf.

Auf den Mann in unserer Geschichte kam ja etwas völlig neues und unbekanntes zu. Er kannte das Leben, das auf ihn wartete gar nicht. Aber er hat sich trotzdem getraut, aufzustehen und in dieses Leben hineinzugehen. Und genauso befähigt Jesus auch uns, das Vertraute zu verlassen und in unbekannte Gefilde aufzubrechen. Wir hören auf, uns zu bedauern und sind nicht mehr allein. Wir bekommen den Mut, Neues zu wagen und kennenzulernen. Jesus kann unsere Seele heilen. Er hilft uns, die Hallen unseres Elends, unsere vergeblichen Hoffnungen und heimlichen Vorwürfe zu verlassen. Durch ihn erfüllt sich unsere Sehnsucht nach Veränderung, nach Bewegung und Aufbruch auf wunderbare Weise. Wir brauchen kein magisches Wasser, wir brauchen nur seine Gegenwart, sein vollmächtiges Wort und seine Kraft. Und die sind da, an jedem Tag, zu jeder Stunde, in jedem Augenblick.

Amen.

Bleibt gelassen!

Predigt über Philipper 4, 10- 13: Die Selbstgenügsamkeit des Apostels

17. Sonntag nach Trinitatis, 13.10.2019, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel, mit Taufe (Taufspruch: Philipper 4,13)

Philipper 4, 10- 13

10 Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen; ihr wart zwar immer darauf bedacht, aber die Zeit hat’s nicht zugelassen.
11 Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht.
12 Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden;
13 ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

Liebe Gemeinde.

Der Apostel Paulus war ein großer und erfolgreicher Missionar. Er bereiste Syrien, die heutige Türkei und Griechenland und gründete überall christliche Gemeinden. Ohne ihn hätte sich der Glaube an Jesus Christus nicht so schnell ausgebreitet. Und es ist ihm zu verdanken, dass alle Menschen, ganz gleich zu welchem Volk sie gehören, sich Jesus Christus anschließen und zur Kirche gehören können.

Doch natürlich hat Paulus sich damals auch Feinde gemacht, denn die Bekehrten wurden ihrem bisherigen Glauben abtrünnig. Sie verachteten fortan die Tempel ihrer alten Götter. Und diejenigen, die mit der herkömmlichen Religion ihr Geld verdienten oder dadurch eine anerkannte gesellschaftliche Stellung hatten, gerieten in Verruf. In Ephesus gab es aus diesem Grund einmal viel Unruhe. (Apostelgeschichte 19, 23-40) Es entstand ein großer Tumult, so dass am Ende die Ordnungshüter eingriffen und Paulus festnahmen. Auch an anderen Orten ist ihm das widerfahren. Immer wieder wurde er wegen Volksverhetzung und Gotteslästerung angeklagt und gefangen genommen. Seine Gegner wollten der Ausbreitung des Evangeliums damit einen tödlichen Schlag verpassen und dachten, nun hat der Spuk endlich ein Ende.

Doch das war weit gefehlt. Genau das Gegenteil trat ein: Die christliche Mission wurde dadurch sogar gefördert. (Philipper 1,12) Denn die Inhaftierung von Paulus sorgte für Aufsehen, und zwar auch dort, wo er bis dahin noch gar nicht gehört worden war. Außerdem machte das seine Weggefährten „umso kühner, das Wort zu reden ohne Scheu.“ (Philipper 1,14) Das erfahren wir von Paulus selber, denn er nutzte die Zeit im Gefängnis, um Briefe zu schreiben. Auch der Brief an die Philipper ist in der Gefangenschaft entstanden, und da steht am Anfang, dass er seine Fesseln „für Christus trug“. (Philipper 1,13)

Dabei wusste Paulus nicht, wie das alles ausgehen würde. Das Gerichtsurteil stand noch bevor. Darauf wartete er gerade, und das konnte durchaus ein Todesurteil sein. Er hatte also allen Grund zur Sorge und zur Angst, und die Philipper teilten das mit ihm. Sie nahmen Anteil an seinem Schicksal, weil sie ihm viel zu verdanken hatten. Es war eine Gemeinde, mit der er sich ausgesprochen eng verbunden fühlte, seine Lieblingsgemeinde sozusagen. So hatten sie z.B. für ihn gesammelt, denn die offizielle Verpflegungszuteilung für Inhaftierte ließ sehr zu wünschen übrig. Die Gefangenen waren auf die Unterstützung durch Verwandte und Bekannte angewiesen. Die Philipper hatten sich das zu Herzen genommen und eine Kollekte für Paulus organisiert, um ihm zu helfen. (Philipper 4,14-18) Und da er sich mit ihnen besonders verbunden fühlte, nahm er sie auch an. Er war darüber „hoch erfreut“, wie er schreibt.

Damit beginnt der Abschnitt des Philipperbriefes, den wir eben gehört haben. Und mit den Worten, die auf diesen Dank folgen, will Paulus den Philippern dann die Sorge nehmen, die sie sich um ihn machten. Er betont, dass er keinen Mangel leidet, denn er hat gelernt, sich genügen zu lassen. Er ist „autark“, wie es wörtlich heißt, d.h. unabhängig und innerlich frei. Nichts kann ihn erschüttern oder umwerfen, weder die eigenen Emotionen noch das Schicksal. Er ist in die Kunst der Selbstgenügsamkeit eingeweiht. So können weder Hunger noch Sattheit, weder Armut noch Reichtum, weder Gefängnis noch Freiheit seine Existenz im Kern treffen.

Denn die ist von etwas ganz anderem bestimmt: Jesus Christus hat ihn befähigt, allen Anforderungen gewachsen zu sein. Christus ist stark in ihm, er gibt ihm die Kraft zum Verzichten und Entsagen. „Ich vermag alles durch, der mich mächtig macht.“ Das ist sein Bekenntnis. „Sein Glaube war der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1. Johannes 5, 4c) Er war gelassen und getrost.

Und das hat er natürlich nicht einfach nur als Information verstanden. Er wollte damit ein Vorbild sein und den Philippern Mut machen, sich ebenfalls in Gelassenheit zu üben. Auch sie sollten in Jesus Christus ihre Stärke sehen und sich in allen Lebenslagen auf ihn verlassen. Das ist hier die Botschaft.

Und die ist nach wie vor gültig. Am vergangenen Sonntag gab es dazu im Radio auf NDR-Kultur eine sehr schöne Sendung in der Reihe „Glaubenssachen“. Der Publizist Detlef Kühn hat darin viele Aussagen und Gedanken über „die Kunst des Lassens“ zusammengestellt.( Glaubenssachen 6.10.2019) Er beginnt seine Ausführungen mit der Aufforderung, dass „wir gelassen bleiben sollen, uns nicht immer gleich aufregen, uns keine Sorgen machen und keine Ängste haben“. Psychologen sagen, dass wir dadurch gesund bleiben, in der Philosophie gilt sie als Hilfe zu einem richtigen Denken und Handeln, und in der Religion führt sie uns zu Gott. Die „innere Ruhe ist ein kostbares Gut“, darin sind sich alle einig.

Aber lösen wir dadurch eigentlich irgendein Problem? So fragt Detlef Kühn weiter. „Müssen wir unser Leben nicht auf die Reihe kriegen?“ Und wie ist es mit den gesellschaftlichen Verhältnissen? Müssen wir da nicht für Veränderungen sorgen? Wo bleibt das Tun, wo die Verantwortung in der Welt, wenn wir uns nur in Gelassenheit üben? „Widerspricht es nicht dem Gebot der Nächstenliebe“, wenn wir alles nur ertragen? Das fragen auch wir uns, und darüber müssen wir in der Tat nachdenken.

Doch damit sind wir nicht allein, das sind sehr alte Fragen, die schon immer gestellt wurden. Vor ca. 700 Jahren haben Mystiker wie Meister Eckhart und Heinrich Seuse darüber z.B. ebenfalls nachgedacht, und eine Antwort lautet: „Das Tun eines wirklich gelassenen Menschen ist sein Lassen. Sein Wirken ist sein Untätig-Bleiben.“ Das klingt zwar widersprüchlich, ist aber eigentlich ganz leicht zu verstehen, denn die Gelassenheit ist eine Aktivität des Geistes und erfordert unsere Aufmerksamkeit. Sie ist durchaus ein Tun und hat auch eine Wirkung. Eine bewusste Entscheidung für ein ganz anderes Lebenskonzept, als wir es üblicherweise haben, steht dahinter. Denn der natürliche Mensch ist nicht gelassen. Es ist ihm nicht egal, ob er „niedrig oder hoch, satt oder hungrig“, frei oder gefangen ist. Er will nicht beides, sondern immer nur eins: den Wohlstand, den Reichtum, das Heil, das Glück, die Freiheit, die Macht usw. Das ist das Konzept, nach dem wir normalerweise leben. Wir wollen keine Probleme, kein Leid, kein Elend. Es soll alles immer besser werden. Das Leben soll bergauf gehen und schön sein.

Und genau das stellt Paulus in Frage, das galt für ihn so nicht. Er hält uns mit seinem Leben und seinen Worten etwas anderes vor Augen, und das ist gut. Denn das Bedürfnis, dass immer alles nur gut sein soll, ist die Ursache ganz vieler unserer Probleme. Genau diese Einstellung führt zu den Ungerechtigkeiten, unter denen viele Menschen leiden, zu Hunger, Armut, politischer Unterdrückung und immer neuen Kriegen. Es ist deshalb besser, wenn wir da aussteigen. Anstatt immer schöner und reicher werden zu wollen, hilft es viel mehr, wenn wir uns in innerer Ruhe üben. Das ist kein Nichtstun, sondern ein Lebenskonzept, das letzten Endes umwälzender und verändernder als alles andere ist. Wir drücken uns damit nicht vor der Verantwortung, sondern wir werden ihr gerecht. Das ist das erste, was es dazu zu sagen gibt.

Der zweite Gedanke zu der Frage, wie sinnvoll die innere Ruhe ist, stammt ebenfalls von Heinrich Seuse. Er sagt: „Der gelassene Mensch hat Gemeinschaft mit anderen. Er liebt sie, ohne an ihnen zu hängen. Er fühlt mit ihnen, jedoch nicht in Sorge, sondern in rechter Freiheit.“ So war es ja auch bei Paulus: Weil er ruhig war, konnte er theologische Briefe schreiben, die bis heute gelesen werden. Er konnte die Philipper trösten, an der Ausbreitung des Evangeliums weiter mitarbeiten und seinen Auftrag und den Dienst, zu dem Gott ihn berufen hatte, umso besser ausüben.

Helmut Schmidt hat einmal gesagt: „Das Gegenteil von Gelassenheit ist Aufgeregtheit, Nervosität – ein Zustand, in dem man im äußersten Fall nicht mehr Herr seiner selbst ist. Gelassenheit bewahrt einen davor, zu schnell zu entscheiden und dabei Fehler zu begehen. Sie ist eine Hilfe, fast eine Voraussetzung für die Anwendung der Vernunft. Nur wer die innere Gelassenheit mitbringt, kann auf die Stimme der Vernunft hören.“ Wir können an dem Leben von Helmut Schmidt und seiner Frau erkennen, dass das stimmt. Sie haben viele richtige Entscheidungen getroffen und gerade durch die innere Gelassenheit angemessen gehandelt. Sie stand nicht im Gegensatz zu ihrem Anspruch der Pflichterfüllung, sondern hat ihn ergänzt. Das ist der zweite Gedanke.

Und als drittes ist noch wichtig, dass bei Paulus noch mehr eine Rolle spielte, als nur eine bestimmte innere Einstellung. Es ging ihm um Christus. Durch ihn „vermochte er alles.“ Er war durchdrungen und erfüllt von der Gewissheit, dass Jesus Christus lebt, dass das Reich Gottes da ist und wächst. Dem hatte er sein ganzes Leben gewidmet. Christus hatte ihn ergriffen, und von daher lebte Paulus. Er wusste, es gibt ein Reich, das nicht von dieser Welt ist, und wer daran Anteil hat, ist gerettet. Paulus vertrat also keine Philosophie, er verkündete Jesus Christus und sein Reich. Dazu lud er ein.

Auch wir haben diese Botschaft irgendwann gehört, und durch die Taufe wurden wir in das Reich Gottes aufgenommen. Deshalb ist der Vers „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“ auch ein sehr schöner Taufspruch. Er besagt, dass Jesus Christus das Leben prägen und bestimmen soll, dass er uns Kraft verleiht, durch alles, was kommt, sicher hindurchzugehen. Er passt auch gut an den Anfang eines Lebens, wenn wir noch nicht wissen, wie es wird, und uns einen Beistand wünschen.

Aber natürlich ist die Taufe noch nicht alles, sondern dazu gehören zudem eine Entscheidung und ein Handeln. Wir sind eingeladen, diesen Glauben auch zu leben, auf Jesus Christus zu schauen und ihm wirklich zu vertrauen. Das kann im Gebet geschehen und beim Gottesdienst, bei unserem Dienst in der Kirche und an den Nächsten, in allen Lebenslagen. Und dabei geht es durchaus um die Kunst des Lassens. Es gilt, uns nicht so schnell aufzuregen, den Sorgen Einhalt zu gebieten, und uns nicht von unseren Ängsten bestimmen zu lassen. Die Übung der Gelassenheit geht Hand in Hand mit dem Glauben an Jesus Christus.

So war es bei Paulus, und das war letzten Endes das Geheimnis seines missionarischen Erfolges. Die Ausbreitung des Evangeliums war nicht sein Werk, sondern Jesus Christus wirkte durch ihn. Er hatte Paulus berufen und beauftragt. Und was die Menschen überzeugte, waren nicht gekonnte Reden, gutes Aussehen oder sicheres Auftreten. Im Gegenteil, wir wissen von Paulus selber, dass er keine beeindruckende äußere Erscheinung war. Er redete oft „in Schwachheit“, wie er selber sagt. (1.Korinther 2,1-5) Nicht seine menschlichen Fähigkeiten haben ihm genützt, sondern allein die Kraft Jesu Christi, die in ihm wohnte und durch den er „alles vermochte“.

Lasst deshalb auch uns unser Leben ganz auf Jesus Christus gründen.

Amen.

 

Brich mit dem Hungrigen dein Brot

Predigt über Jesaja 58, 7- 12: Die wahre Frömmigkeit

Erntedankfest, 6.10.2019, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Jesaja 58, 7- 12

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,
10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Liebe Gemeinde.

„In der Heilsgeschichte ist das Werk Gottes eine Handlung der ganzheitlichen Befreiung und Förderung des Menschen in seiner vollen Dimension, die als einzigen Beweggrund die Liebe hat.“ Das haben die Bischöfe Lateinamerikas 1968 auf ihrer zweiten Generalversammlung in Medellín in Kolumbien verkündet. Es war die Geburtsstunde der sogenannten „Befreiungstheologie“. Diese Theologie hat seitdem die Kirche verändert, sowohl die katholische als auch die evangelische. Die wichtigste Botschaft lautet dabei: „Gott hat in der Fülle der Zeit seinen Sohn gesandt, der Mensch wurde, um alle Menschen aus aller Knechtschaft zu befreien, in der sie die Sünde, die Unwissenheit, der Hunger, das Elend und die Unterdrückung, mit einem Wort, die Ungerechtigkeit und der Hass gefangen halten.“ Die Kirche nahm also die gesellschaftliche Situation in den Blick und rief zur Solidarität mit den Armen und zum Handeln auf. Und das war bis 1968 nicht immer selbstverständlich gewesen. Zu der Zeit war es neu und provozierend. (Bruno Kern, Theologie der Befreiung, Tübingen und Basel 2013)

Dabei haben bereits die Propheten des Alten Testamentes das gefordert. Wir haben  die Worte Jesajas gehört, die genau dieses Anliegen zum Ausdruck bringen.

Er ermahnt darin die Israeliten zur tätigen Liebe an ihren Mitmenschen. Und zwar geht es um die Liebe an den Entrechteten und Misshandelten, den Sklaven und Gefangenen, den in ihrer wirtschaftlichen Existenz Bedrohten und in Schuldhaft Sitzenden, ebenso an den Hungernden, Heimatlosen und Frierenden. Jesaja ermahnt zur Hilfe für den in Not befindlichen „Nächsten“, der vom gleichen „Fleisch“ ist.

Und an diese Mahnung schließt sich eine sehr schöne Verheißung an. Der Prophet sagt: „Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“ Das heißt, für ein derartiges Leben in Liebe wird Heil, Friede und Wohlergehen kommen. Der Prophet sagt das so: „Deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.“ Es wird sich also etwas ändern, langsam aber sicher. Ein Vorgang wird in Gang gesetzt, der zur Besserung und dann zur Heilung führt. Und dabei ist das Entscheidende: Gott wird auf das Rufen der Menschen antworten. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch wird wieder hergestellt, die Gebete dringen zu ihm vor. Das ist der Segen, den Israel erwarten darf: „Wenn du schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Und er wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken.“ Der Prophet schmückt die Verheißung noch weiter aus und beschreibt das Heil mit schönen Bildern: „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Das heißt, es entsteht neues, fruchtbares Leben.

Und am Ende erfahren wir noch etwas über die Situation, in die hinein der Prophet dies alles sagt. Er spricht ja davon, dass „wieder aufgebaut werden soll, was lange wüst gelegen hat, und wieder aufgerichtet wird, was vorzeiten gegründet ward.“ Das bezieht sich auf die Trümmer, die die Menschen nach der Eroberung Israels, dem jahrelangen Exil und der Rückkehr vorfanden. In dieser Zeit hat der Prophet gesprochen. Seine Landsleute hatten gedacht, dass nach ihrer Heimkehr alles besser wird, aber das dauerte länger als erwartet, und deshalb war die Stimmung schlecht. Der Prophet spricht zu Unzufriedenen und Ungeduldigen, und er will sie ermutigen und aufrichten: Sie sollen nicht aufgeben und nicht ihren Glauben verlieren.

Den hatten sie auch durchaus noch. Das erfahren wir, wenn wir die Verse lesen, die unserem Abschnitt vorangehen. Da ist nämlich von bestimmten jährlichen Fastentagen die Rede, an denen die Menschen alle leiblichen Freuden unterdrückten. Sie beachteten damit bestimmte religiöse Vorschriften und hofften, dass Gott sie dafür belohnen würde. Sie riefen zu ihm und erwarteten Hilfe.

Doch die kam nicht. Und mit dem, was der Prophet in unserem Abschnitt sagt, erklärt er ihnen, woran das lag: Er ermahnte sie nicht nur, er kritisierte sie auch. Und zwar fand er, dass ihre Frömmigkeit viel zu äußerlich war. Es änderte sich dadurch ja nichts in ihrem Zusammenleben, denn es gab weiterhin Ungerechtigkeit, Gewalt, Zank und Streit. Jesaja fand ihre Hinwendung zu Gott deshalb unecht und heuchlerisch. Sie hatte nichts mit dem Leben zu tun und war völlig sinnlos. Erst wenn sie „die mit Unrecht gebundenen losließen, die Bedrückten befreiten, den Hungrigen Brot gäben, die im Elend ohne Obdach sind, ins Haus führten und die Nackten kleideten“, würde es eine Wende geben.

Und genau das hat die sogenannte Befreiungstheologie sich zu Herzen genommen. Sie hat Gottes Heilswillen mit den Zeichen der Zeit in Verbindung gebracht und diese im Licht des Evangeliums neu gedeutet. Die Bischöfe haben damals erkannt, dass die Kirche die Pflicht hat, die Befreiung von Millionen Menschen zu verkünden, und ihnen zu helfen, dass diese Befreiung Wirklichkeit wird.

Aber ist es das eigentlich noch aktuell? Ist es nötig, dass wir das hören? Tun wir das nicht längst? Es gibt mittlerweile doch viele Initiativen, mit denen dieses Anliegen verwirklicht wird. Die beiden großen Organisationen, „Brot für die Welt“ in der evangelischen Kirche und das bischöfliche Hilfswerk Misereor in der katholischen Kirche, zählen z. B. dazu. Sie sorgen dafür, dass Menschen in ärmeren Gegenden der Erde genug zu essen bekommen und dass ihre Lebensverhältnisse sich verändern. Sie thematisieren ebenso die ungerechte Verteilung der Güter, die dem Hunger meistens zu Grunde liegt. Und bei uns gibt es so etwas wie die „Kieler Tafel“, Unterkünfte für Obdachlose werden bereit gestellt, wir sammeln immer wieder Altkleider, damit andere etwas anzuziehen haben usw. Außerdem gibt es überall, wo Menschen leiden und benachteiligt sind, Pfarrstellen: in Gefängnissen, Krankenhäusern und Altenheimen. Das Feld der Diakonie ist sehr weit, es gibt unzählige Helfer, haupt- und ehrenamtliche. Wer Zeit und Kraft hat, engagiert sich irgendwo und praktiziert die Nächstenliebe.

Und das, was der Prophet Jesaja kritisiert, tun wir sowieso nicht, in Sack und Asche herumlaufen und dabei den Kopf hängen lassen. Wir wissen längst, dass das helfende Handeln an unsren Mitmenschen besser ist und zum Evangelium gehört.

Trotzdem steckt in der Ermahnung des Propheten auch für uns noch ein wichtiger Hinweis. Denn es geht ihm nicht einfach nur um Mitmenschlichkeit, Moral oder ein neues Gesetz. Er will vielmehr, dass der Wille und die Gegenwart Gottes das Leben und die Gesellschaft prägen. Und das ist noch viel mehr. Wir sollen nicht nur äußerlich handeln, auch innerlich soll sich etwas verändern. Das wird deutlich an der schönen Formulierung: Wenn du „den Hungrigen dein Herz finden lässt“, und auch an der Ermahnung, auf niemanden „mit dem Finger zu zeigen und nicht schlecht über andere zu reden“. Es heißt, dass echte Liebe sich nicht in äußeren Taten erschöpft, sie muss gelebt werden und von Herzen kommen. Es soll menschliche Nähe geben, Wärme und Mitgefühl. Und wie das entstehen kann, ist durchaus einiger Überlegungen wert. Lasst uns also fragen, wie es zu der rechten inneren Einstellung kommen kann.

Dabei hilft es uns, dass wir diesen Abschnitt heute, am Erntedankfest lesen. An diesem Tag geht es um den Dank für alles, was wir zum Leben haben und brauchen. Das sollen die Früchte und das Gemüse, das hier heute liegt, verdeutlichen. Das sind zwar nur Lebensmittel, die wir essen, aber sie erinnern uns gleichzeitig an alles andere, das zum Leben nötig ist: Gesundheit, Wohnung, Kleidung, Freundschaften und noch viel mehr. Oft denken wir erst darüber nach, wenn etwas davon fehlt, wenn wir krank werden oder etwas verlieren. Aber es ist viel sinnvoller und besser, regelmäßig für all das zu danken. Dazu sind wir heute eingeladen.

Und das ist ein guter Ansatz. Wenn wir dankbar sind, verändern wir uns nämlich in genau die Richtung, in die die Worte des Propheten uns weisen. Lasst uns diesen Zusammenhang noch einmal etwas genauer bedenken und uns bewusst machen, was beim Danken mit uns geschieht. Mit drei Dingen kommen wir dabei nämlich in Berührung: mit Gott, mit uns selber und mit unseren Mitmenschen.

Als erstes ist es Gott, an den wir uns wenden. Er ist der Schöpfer und Erhalter unseres Lebens. Wir haben es bereits gesungen: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn.“ Und „Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ (EG 508,1) Das können wir ruhig öfter mal singen, denn dieses Bewusstsein haben wir weitgehend verloren. Wissenschaft und Technik, weltweiter Handel, Wohlstand und Konsum haben das Gefühl verdrängt, dass das Walten Gottes größer ist als das Handeln und Wissen von uns Menschen. Genau das sollten wir uns aber immer wieder bewusst machen, denn Gott hat sich nicht verabschiedet. Er ist nach wie vor derjenige, der „die Sonne aufgehen und die Winde wehen“ (EG 508,4) lässt. Wenn wir ihm dafür danken und ihm die Ehre geben, erkennen wir, dass wir in Wirklichkeit gar nicht so groß sind, wie wir oft meinen. Dem Egoismus wird Einhalt geboten und auch dem Machtstreben und damit der Sünde. Wir werden demütig und bescheiden. Und das tut gut. Es rückt die Verhältnisse wieder zurecht. Wenn wir mit Gott in Berührung kommen, kann sein „Licht leuchten, und unsere Heilung schnell voranschreiten“. Das ist das erste, das sich durch den Dank gegenüber Gott ergibt.

Als zweites kommen wir durch den Dank auch in Berührung mit uns selber. Wer dankt, ist ehrlich und offen. Wo echte Dankbarkeit ist, ist kein Platz für Heuchelei oder falschen Schein. Und das ist auch für uns ein wichtiger Hinweis, denn ganz frei sind wir davon nicht. Wir pflegen zwar keine Fastenrituale, wie die alten Israeliten, aber unsere Frömmigkeit ist oft ebenfalls mehr äußerlich. Wir haben uns an bestimmte Verhaltensweisen, die wir für gläubig und kirchlich halten, gewöhnt. Unser alltägliches Lebensgefühl ist davon aber nicht geprägt. Wir trennen das Leben oft vom Glauben, beides läuft so nebeneinander her: Das eine spielt sich in der Kirche ab, das andere zu den übrigen Zeiten und an den anderen Orten, an denen wir sind. Doch so ist es nicht gedacht, und der Dank ist ein guter Weg, damit sich das ändert. Durch den Dank entsteht eine Übereinstimmung zwischen Gott und unserem Leben. Beim Danken kommt der Glaube in unseren Alltag hinein. Unser Glaube wird echt und lebendig. Er besteht nicht aus Gewohnheiten, sondern kommt von innen heraus und macht unseren Geist und unsre Seele hell. Wir spüren uns selber. Das ist das zweite, das durch den Dank geschieht.

Und als drittes folgt daraus eine neue Wahrnehmung unserer Mitmenschen. Wir kommen auch mit ihnen in Kontakt, erkennen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Not und Bedürftigkeit, und sorgen ganz von selber dafür, dass wir besser miteinander umgehen. Unsere Umwelt kommt in den Blick, es entsteht eine schonende und umsichtige Grundeinstellung gegenüber dem Leben und unseren Nächsten. Der Ungerechtigkeit und dem Hass wird Einhalt geboten. Die Hilfsbereitschaft wächst, Mildtätigkeit und Güte prägen unser Handeln. Wir werden „wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“

Es lohnt sich also, den Weg des Dankens zu gehen. Durch den Dank öffnet sich etwas in uns, und ganz von selber wird das geschehen, wozu der Prophet Jesaja und die Befreiungstheologen uns ermahnen. Wir werden vor Gleichgültigkeit bewahrt und unsere Schwäche wird überwunden. Es kann sich etwas verändern, in der Kirche, in uns und in der Gesellschaft. Und das kommt dann nicht von uns, sondern von Gott selber. Sein „Licht wird aufgehen in der Finsternis“. Er baut sein Reich, und wir dürfen daran mitwirken.

Amen.

 

Jesus handelt nach dem Gesetz der Liebe

Predigt über Lukas 7, 36- 50: Jesu Salbung durch eine Sünderin

11. Sonntag nach Trinitatis, 1.9.2019
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Lukas 7, 36- 50

36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.
37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl.
38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl.
39 Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.
40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!
41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig.
42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?
43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.
44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.
45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen.
46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.
47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.
48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.
49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, ader auch die Sünden vergibt
50 Er aber sprach zu der Frau:
Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Liebe Gemeinde.

In der Mathematik gibt es klare Regeln und Gesetze, nach denen Zahlen errechnet, Schlussfolgerungen gezogen und Beweise geführt werden. Die Mathematik basiert auf der Logik, alles ist durchschaubar, vernünftig und nachvollziehbar.

Auch in der Natur gibt es Gesetze, die wir kennen oder erforschen können. Sie zeigen, wie alles miteinander zusammenhängt, welche Ursachen für welche Wirkungen verantwortlich sind, und wie bestimmte Vorgänge ablaufen. Die Naturgesetze helfen uns, die Ordnung hinter allem zu erkennen, und es ist gut, dass es sie gibt

Für das Zusammenleben haben wir Menschen uns deshalb auch Gesetze gegeben. Sie regeln das Miteinander und geben uns Orientierung. Durch die Gesetze lässt sich vieles vorhersagen, wir wissen, wie es uns durch unser Tun ergehen wird, welche Konsequenzen unser Handeln hat.

Und schließlich gibt es noch religiöse Gesetze. In der Bibel wird erzählt, dass Gott sie den Menschen gegeben hat. Sie dienen ebenfalls dem Gelingen des Lebens und offenbaren uns den Willen Gottes. Zudem erfahren wir durch das Gesetz Gottes, wie sich unsere Beziehung zu ihm gestalten soll.

Zurzeit Jesu gab es eine Gruppe von Menschen, denen das besonders wichtig war, es waren die Pharisäer. Sie hielten das Erbe Israels und die Überlieferungen der Väter in Ehren und kämpften mit leidenschaftlichem Eifer für die genaue Einhaltung der Vorschriften. Dabei galt für sie nicht nur das Gesetz des Mose, sondern auch mündlich überlieferte genaue und strenge Anwendungsregeln für das tägliche Leben. Sie meinten es ernst mit Gott und der Religion, und das ist ja eigentlich nicht schlecht.

Trotzdem geriet Jesus immer wieder in Konflikt mit ihnen. So war es auch, als er einmal bei einem von ihnen zu Gast war. Wir haben die Geschichte vorhin gehört. Sie spielt im Haus eines Pharisäers namens Simon, der offensichtlich Interesse an einem engeren Kontakt zu Jesus hatte. Er hatte ihn jedenfalls zum Abendessen eingeladen. Die Teilnehmer lagen dafür auf Kissen um eine Schüssel, die Füße waren nach außen gerichtet.

Nun war es im Orient nicht unüblich, dass Fremde in ein Haus eintraten, während dort gegessen wurde. Doch was hier geschah, war ein Ärgernis: Eine Frau verschaffte sich den Zugang, üblicher Weise nahmen nur Männer an so einem Essen teil. Obendrein ging diese Frau einem Gewerbe nach, durch das sie in den Augen der Pharisäer auf jeden Fall als Sünderin galt: Sie war eine stadtbekannte Prostituierte. Sie wollte zu Jesus, das hatte sie sich vorgenommen, denn sie kam mit einem Geschenk für ihn: In einem Alabasterfläschchen befand sich ein kostbares Salböl für seine Füße. „Sie trat [damit] von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit [diesem] Salböl.“ Wahrscheinlich liebte sie Jesus, und der ließ sich ihre Liebkosung auch gefallen.

Der Gastgeber war dagegen empört. Nach den Reinheitsvorschriften hätte Jesus diese Frau auf keinen Fall an sich herankommen lassen dürfen. Das sagte er zwar nicht, aber Jesus kannte seine Gedanken, und es kam es zu einem Gespräch. Zunächst erzählte Jesus ein Gleichnis, das im damaligen Kreditgeschäft spielte. Es handelt von zwei Schuldnern, die beide ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten. Die Schulden des einen entsprachen 50 Tageslöhnen, also ca. zwei Monatsgehältern, der andere schuldete das Zehnfache. Weil keine Aussicht auf Rückzahlung bestand, schenkte der Gläubiger beiden das geliehene Geld.

Der Pharisäer sollte nun sagen, wer von beiden wohl dankbarer war, und er antwortete richtig: natürlich der mit den größeren Schulden. Und damit musste er zugeben, dass auch die Frau für Vergebung und einen Schuldenerlass sehr dankbar sein würde. Und es scheint so, als geschähe das hier im Vollzug, während sie Jesus die Füße salbte. Denn Jesus lobte ihr Verhalten und stellte es sogar als vorbildlich hin. Er verglich sie mit dem Gastgeber und gab ihr den Vorzug. Denn Simon hatte einiges versäumt, was eigentlich gegenüber seinem Gast üblich gewesen wäre: Er hätte ihm beim Eintritt Wasser für die Füße bereitstellen, ihn mit einem Kuss begrüßen und Öl zum Salben des Hauptes reichen sollen. All das war nun durch die Frau geschehen, und deshalb stand sie besser da. Vor allem zeigte ihr Handeln, dass sie Jesus liebte.

Und diese große Liebe zu Jesus ermöglichte große Vergebung. Das kommt hier zum Ausdruck. Um diese Botschaft zu unterstreichen, erklärte Jesus anschließend öffentlich die Sünden der Frau für vergeben. Die Teilnehmenden bezweifelten zwar, ob er dazu überhaupt die Vollmacht hatte, aber davon ließ er sich nicht beirren. Er segnete die Frau und entließ sie mit dem Zuspruch, dass ihr Glaube sie gerettet hatte.

Jesus kannte also noch ein ganz anderes Gesetz, als das der logischen Folgerung. Er bestand nicht auf einem vernünftigen Zusammenhang zwischen dem Tun und dem Ergehen, sondern handelte nach dem Gesetz der Liebe. Und das sprengt hier die üblichen Regeln. Beide, sowohl die Frau als auch er selber, handelten anders, als es üblich war: Sie fragte nicht nach den Folgen ihres Handelns, verschwendete ihr Geld, gab sich einfach hin und vertraute auf die Liebe Jesu. Und er nahm das an, verteidigte sie, vergab ihr und schenkte ihr eine neue Perspektive.

Und das ist für uns genauso eine Herausforderung, wie für den Pharisäer. Es stellt auch uns in Frage und hält uns vor Augen, welches Gesetz das wichtigste ist. Es ist das Gesetz der Liebe. Lasst uns also fragen, was das für unser Leben bedeutet.

Und dabei hilft es uns, wenn wir uns den Unterschied zwischen dem Verhalten des Pharisäers und der Frau klar machen. Wir haben nämlich alle so einen Pharisäer in uns, und was die Frau tut und erlebt, kann auch für uns rettend und befreiend sein.

Der Pharisäer verkörpert unser Handeln nach Regeln und Gesetzen. Das ist tief in uns angelegt, denn es gibt uns Sicherheit und Orientierung. Unsere Eltern bringen uns das bei, und wir lernen es ebenfalls in der Schule: Nur wer sich richtig verhält, kommt klar. Mit diesem Gesetz wachsen wir auf. Und wir lassen uns von klein an darauf ein, weil es unserer menschlichen Vernunft entspricht. Vorgänge werden durchschaubar und nachvollziehbar. Wir wissen, was gut und was böse ist, setzen unsere Willenskraft ein und gewinnen Kontrolle über das Leben, denn vieles ist vorhersehbar. Wer schuldig geworden ist, wird bestraft, es wird ihm angerechnet, was er getan hat, und er kann dafür sühnen. Und das ist auch gut und wichtig für das Zusammensein, wir ordnen oder verhindern damit das Chaos und schützen uns gegen die Sünde. So lässt sich das Leben bewältigen, es kann gelingen.

Deshalb merken wir auch nicht, dass sich dieses Denken immer wieder auch in unsre Frömmigkeit einschleicht. Wir regeln unser Verhalten auch gegenüber Gott, versuchen die Wirkungen unseres Glaubens zu steuern, wollen ihn beeindrucken und insgeheim lenken. Wir sind wie die Pharisäer.

Und das ist nicht nur hilfreich, es hat auch Schattenseiten. Z.B. besteht die Gefahr, dass unser Verhalten starr und unbeweglich wird. Für Spontaneität ist nicht viel Raum. Außerdem verzehrt es Kraft. Wer immer alles richtig machen will, muss sich anstrengen. Wir sammeln Erfolge, und das führt dann wiederum dazu, dass unser Ich dabei groß wird. Wir werden selbstgefällig, halten uns für fehlerfrei und tadellos, und es entstehen Konflikte mit anderen. Denn möglicherweise erheben wir uns über sie, beurteilen oder verachten sie sogar. Denn natürlich sehen wir, wer alles in unseren Augen etwas verkehrt macht, sich unangemessen verhält und unausgesprochene Vorschriften übergeht. Die Gesetzlichkeit macht egoistisch und kleinlich, und genau das kritisiert Jesus in unserer Geschichte. Deshalb prangerte er das Pharisäertum an.

Er sah die vielen Menschen, die ihren Idealen nicht gerecht wurden, und er sah sie mit den Augen Gottes. Er wollte, dass alle gerettet werden, auch die Unvollkommenen und Schwachen, die Erfolglosen und Niedergeschlagenen. Zu ihnen gehörte die Frau. Ihr Verhalten war deshalb ganz anders, aber es war so, dass Jesus etwas mit ihr anfangen konnte und sie zum Vorbild machte.

Denn sie vertraute ihm und öffnete ihm ihr Herz. Dabei war sie ehrlich zu sich selber. Sie wusste, wie es um sie stand, und verschloss davor nicht die Augen. Sie brauchte Hilfe, und hatte sie bei Jesus erfahren. Deshalb fühlte sie sich zu ihm hingezogen und suchte den Kontakt. Sie liebte ihn. Das kommt in ihren Handlungen zum Ausdruck.

Und das ist auch für unsere Frömmigkeit das Entscheidende: Wir sollen nichts machen, sondern lieben. Dabei ist die Liebe eine Kraft, die uns ergreift und durchströmt. Wir vergessen uns selbst, wenn wir mit Liebe erfüllt sind, und rechnen nichts mehr auf. Die Liebe übersteigt die Vernunft und auch den Willen, sie ist inkonsequent und unergründlich und manchmal auch schwer nachvollziehbar. Man muss sie leben und empfangen und sich ihr hingeben.

Und bei all dem hilft Jesus uns, genau das hat er gebracht und uns geschenkt. Wir müssen es nur annehmen und uns darüber freuen: Uns werden unsere Sünden vergeben, d.h. alle unsere Unvollkommenheiten, unser Versagen, unsere Angst und unser Kleinmut darf und soll vorkommen. Jesus will nicht unsere Tadellosigkeit, sondern unsere Nöte und unser Leid. Er lädt uns ein, damit zu ihm zu gehen, es ihm anzuvertrauen und uns von ihm lieben zu lassen. Wir sollen keine Vorschriften beachten, sondern an ihn glauben, ihn lieben und uns ihm hingeben.

Nur dann werden wir gerettet und befreit. Denn im Mittelpunkt steht dabei nicht unser Ich, unsere Vernunft oder unser Wille, sondern Jesus und seine Kraft. Seine Liebe ergreift uns, und wir werden von seinem Geist erfüllt. In seiner Gegenwart können wir aufatmen und frei werden, weil wir uns selber und unsere Ideale und Wünsche loslassen. Unser Glaube rettet uns, weil er an uns handelt, wir werden zufrieden und glücklich.

Und das wirkt sich auch auf unser Miteinander aus, unser Verhalten ändert sich, denn wir wollen niemand anderem mehr etwas Schlechtes antun. Das ist die Perspektive, die Jesus der Frau gibt und die er auch uns verheißt. Der Kirchenvater Augustin hat das einmal sehr klar mit dem kurzen Satz zum Ausdruck gebracht: „Liebe, und dann tu, was du willst.“ Er steht in seinem Kommentar zum Johannesbrief und klingt fast zu einfach, um wahr zu sein. Aber ein von Liebe erfüllter Mensch braucht tatsächlich weniger Regeln und Gesetze. Er lebt auch so im Sinne Gottes und erfüllt seinen Willen. Denn natürlich achtet er bei seinen Entscheidungen darauf, ob er sich selbst und anderen schadet oder gut tut. Er kann gar nicht mehr egoistisch, aggressiv oder bösartig handeln. Seine Selbstherrlichkeit verschwindet, er sieht die anderen und setzt sich für sie ein.

Das „Gesetz der Liebe“ ist demnach wichtiger und wirksamer als alle anderen, und wir sind eingeladen, uns daran zu halten. Dann gelingt das Leben ganz von selber.

Amen.

Frieden ist möglich

Predigt über Jesaja 2, 1- 5: In Zion finden alle Völker Heil und Frieden

8. Sonntag nach Trinitatis,  11.8.2019, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jesaja 2, 1- 5

1 Dies ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat  über Juda und Jerusalem:
2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen,
3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
4 Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Liebe Gemeinde.

„50 Jahre nach Woodstock wollte einer der Veranstalter von damals das legendäre Festival wiederbeleben. Nun ist das Revival abgesagt. Doch die Idee passt in unsere Zeit, die von der Sehnsucht nach Vergangenem geprägt ist. Aber was bringt es, ständig zurückzuschauen?“ das fragt Kristian Teetz im Wochenendjournal der Kieler Nachrichten vom 3. August. Er stellt in seinem Artikel fest, dass „das Vergangene immer attraktiver wird.“ Viele Menschen blicken gern zurück, denn „Erinnerungen können sehr warme Emotionen wecken“. „Das Eintauchen in die Nostalgie ist wie das Einhüllen in eine bequeme Decke der guten alten Tage.“ Denn „das Gewesene ist bekannt, vertraut und verständlich“. Längst haben diesen Trend auch Firmen entdeckt. Sie stellen Produkte her, die „möglichst authentisch von Tradition und Vergangenheit erzählen“. Ein Soziologe sah den Grund für diese Entwicklung in der Angst vor der Zukunft: Menschen haben kein Vertrauen mehr, dass die Zukunft gut wird. Sie gehen davon aus, dass wir die Fähigkeit verloren haben, zerstörerische Ereignisse und Entwicklungen zu verhindern. Deshalb suchen sie Halt in der Vergangenheit. (KN 3.8.2019, Wochenendjournal, S. 1)

Dem Propheten Jesaja ging es da ganz anders. Er tat genau das Gegenteil, um sich gut zu fühlen, Mut zu fassen und Hoffnung zu schöpfen: Er schaute in die Zukunft und sah dort die Wiederherstellung des Paradieses. Wir haben seine Vision vorhin gehört.

Sie führt uns gleich am Anfang an das Ende der Tage. Dann wird die Natur umgewandelt, und der Berg, auf dem der Tempel in Jerusalem steht, der Zion, wird über alle anderen Berge erhöht. Er wird zum Wohnsitz Gottes und zum Mittelpunkt der Welt. Deshalb versteht es sich von selbst, dass alle Völker dahin strömen und wallfahren werden. Sie holen sich dort Belehrung, damit sie ein gottgemäßes Dasein führen. Sie wollen in den Wegen und Pfaden Gottes wandeln, d.h. den von Gott gewünschten Weg in ihrem Dasein einschlagen. Er wird ihnen in Wort und Weisung übermittelt.

Dabei bedeutet die Herrschaft Gottes nicht Unterdrückung oder Unfreiheit, sondern Friede und Gerechtigkeit. Gott wird eine gute Ordnung durchsetzen, indem er die Menschen zur Einsicht führt. Und dadurch geschieht dann das, wovon alle träumen: Es entsteht ein neuer Wille zum Frieden und ein konkretes den Frieden förderndes Handeln. Der Krieg wird unnötig. Waffen werden überflüssig und von den Bekehrten zur besseren Nutzung in Geräte landwirtschaftlicher Arbeit verwandelt. Der Friede der Urzeit ohne Mordwerkzeuge und Kriegshandwerk kehrt wieder.

Das beinhaltet die Vision, und sie ist ein großartiger Zukunftsentwurf. Er enthält die Hoffnung ewigen Friedens. „Schwerter zu Pflugscharen“, dieses Wort des Propheten ist inzwischen ja auch zu einer Redewendung geworden, die das Ziel des Völkerfriedens durch weltweite Abrüstung ausdrückt.

Die Friedensbewegung der DDR, die 1978 entstand, hat sich das deshalb als Symbol gegeben: Darauf schmiedet ein Mensch ein Schwert zu einem Pflug um. Das Ziel dieser Bewegung ist es, die Menschen zum Frieden zu erziehen. In vielen Kirchengemeinden entstanden damals staatskritische, unabhängige Friedensinitiativen. Der Grund dafür lag darin, dass die SED das Pflichtfach „Wehrerziehung“ an DDR-Schulen eingeführt hatte. Der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR entwickelte daraufhin ein Alternativprogramm.

Ganz neu war das nicht. Nach 1945 hatten die Kirchen erkannt, dass Aufrüstung keine Antwort auf die Konflikte in der Menschheit sein kann. So verfasste Papst Johannes XXIII. 1963 die Enzyklika Pacem in terris, die sich erstmals an „alle Menschen guten Willens“ richtete und u.a. forderte, „dass der allgemeine Rüstungswettlauf aufhört; dass ferner die in verschiedenen Staaten bereits zur Verfügung stehenden Waffen auf beiden Seiten und gleichzeitig vermindert werden; dass Atomwaffen verboten werden; und dass endlich alle auf Grund von Vereinbarungen zu einer entsprechenden Abrüstung mit wirksamer gegenseitiger Kontrolle gelangen.“

Und natürlich verstehen wir es auch heutzutage noch als unsere christliche Pflicht, für den Frieden einzutreten und „Schwerter zu Pflugscharen“ zu machen. Es gibt die Friedensbewegung zum Glück immer noch, Christen und Christinnen erheben ihre Stimme für den Frieden und beten dafür.

Doch sind wir damit erfolgreich? Ist es nicht unrealistisch, sich die Vision des Propheten zu eigen zu machen? In der Qualität unterscheidet sie sich doch gar nicht so sehr von der Nostalgie: Beides scheinen nur Träume zu sein: Denn die Vergangenheit lässt sich nicht wiederholen, und die Zukunft lässt sich nicht so gestalten, wie wir es uns vorstellen. Wir erleben gerade, wie das Wettrüsten offensichtlich von Neuem beginnt. Es scheint aussichtslos zu sein, die Menschen zum Frieden erziehen zu wollen. Appelle verhallen, Menschen guten Willens werden überhört, sie reiben sich auf und erreichen am Ende nichts. Weder der Blick in die Vergangenheit noch der in die Zukunft scheint zu helfen. Und auch unsere Gebete scheinen wirkungslos zu sein.

Was sollen wir also tun? Das müssen wir uns fragen, und dabei kann uns der Prophet Jesaja durchaus helfen. Was er hier entwirft, ist nämlich nicht nur Utopie. Als Christen glauben wir vielmehr, dass Jesus Christus diese Vision zum Teil wahr gemacht hat. Alle Prophezeiungen im Alten Testament, die von einem Retter und dem ewigen Reich Gottes handeln, haben sich in ihm erfüllt. Das ist die Botschaft des Neuen Testamentes. Denn er ist direkt von Gott gekommen. Er ist der Sohn Gottes, der die Menschheit erlöst. Er hat den vollkommenen Frieden gelebt und weitergegeben. In seinen Abschiedsreden hat er gesagt: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ Das Reich des Friedens ist also mit Jesus Christus angebrochen, das glauben und bekennen wir.

Und das ist als erstes wichtig, wenn wir danach fragen, was wir als Christen tun können: Das Entscheidende ist bereits getan: Durch Jesus Christus ist eine neue Realität da, es hat sich etwas in der Welt verändert, wir müssen nicht verzagen oder mutlos werden. Wir müssen nur an Jesus Christus glauben und mit seiner Kraft rechnen.

Das ist der zweite Schritt, der sich aus seiner Gegenwart ergibt. Jeder und jede einzelne ist aufgefordert, Jesus Christus nachzufolgen und ihm etwas zuzutrauen. Wir denken viel zu oft, dass wir mit unserer eigenen Kraft das Gute tun müssen. Wenn wir uns nur genügend anstrengen, wird es schon gelingen, das predigen viele und versuchen möglichst viel zu tun.

Doch damit hat sich eine neue Art der Werkgerechtigkeit in unseren Glauben eingeschlichen, ein moralisches Leistungsdenken, ein erhobener Zeigefinger. Und das ist nicht nur problematisch, sondern sogar hinderlich, denn er verstellt uns den Blick auf Christus. Die Moralappelle stehen uns im Wege und entsprechen auch nicht dem Evangelium. Das befreit uns gerade von dem Versuch, uns selbst erlösen zu müssen. Uns wird zugesagt, dass wir nicht alles hinbekommen müssen. Wir dürfen uns eingestehen, dass unsere Kraft oft nur sehr gering ist. Immer wieder scheitern wir mit unseren Ideen und Vorstellungen, aber das macht nichts. Denn wir können zu Jesus Christus beten und auf ihn vertrauen.

Vielleicht klingt das jetzt ebenfalls nach einem Traum von einer besseren Welt oder einer Flucht in Vergangenes. Doch so ist der Glaube nicht gemeint. Er orientiert sich an einer Realität und wir bekommen durch ihn eine ganz neue Kraft. Wenn wir von ganzem Herzen auf Christus vertrauen, werden wir mit Zuversicht und Mut ausgerüstet. Jesus hilft uns, ein gottgemäßes Dasein führen. Er lässt uns auf den Wegen und Pfaden Gottes wandeln, denn wir haben nicht nur sein Wort und seine Weisung, sondern auch seine Liebe und Gnade. Der Friede beginnt also durch ihn, durch den Glauben und bei jedem und jeder Einzelnen von uns. Er entsteht von innen heraus. Das ist das Zweite, das wir beachten müssen.

Und das heißt als Drittes, dass weder das Gestern noch das Morgen entscheidend ist, sondern in erster Linie das Jetzt. Und um das zu erleben, bedarf es nun doch eines gewissen Trainings. Es ist die Übung der Achtsamkeit auf den Augenblick. Jeder Mensch hat dazu die Fähigkeit und kann Momente ungeteilter Aufmerksamkeit erleben. Dazu gehört es, dass wir Sinneseindrücke bewusst wahrnehmen, unser Denken steuern, uns selber spüren und unser Handeln kontrollieren.

Dabei ist das Trainingsfeld unser Alltag und unser nächstes Umfeld. Wir können die Achtsamkeit bei der Erfüllung unserer Aufgaben üben und gegenüber den Personen die wir treffen. Es gilt, ihnen mit Liebe zu begegnen und die Dinge, die uns beschäftigen, ungeteilt und mit ganzem Herzen zu verrichten. Das ist nicht ganz einfach. Wir sind lieber in der Vergangenheit oder in der Zukunft, weil uns die Gegenwart eben oft nicht gefällt. Aber es lohnt sich, wenn wir sie trotzdem bewusst wahrnehmen und akzeptieren.

Jeder und jede kann das regelmäßig üben, denn es ist ein Talent, das in uns allen wohnt. Wir müssen es nur weiterentwickeln. Man kann es mit dem Erlernen anderer Fähigkeiten vergleichen, wie etwa dem Spielen eines Musikinstruments oder einem körperlichen Training. Es bedeutet, immer wieder zu versuchen, im Hier und Jetzt zu sein. Dadurch entsteht eine innere Balance, mit der Mutlosigkeit oder Ungeduld verschwinden.

Es gibt dazu eine schöne Anekdote aus einem Zenkloster:
»Einige Schüler fragen ihren Zen-Meister, warum er so zufrieden und glücklich ist. Der Zen-Meister antwortet: „Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich …” „Das tun wir auch“, antworteten seine Schüler, „aber was machst Du darüber hinaus?” fragten Sie erneut. Der Meister erwiderte: „Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich … ”  Wieder sagten seine Schüler: „Aber das tun wir doch auch Meister!” Er aber sagte zu seinen Schülern: „Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.”«

Diese Geschichte und die damit verbundene Schule kommen zwar aus der fernöstlichen Religion, aber wir können sie gut auch in unseren Glauben übertragen und die Übung der Achtsamkeit als Christen praktizieren. Es sollte kein Problem sein, denn Christus ist ja da, und zwar jetzt. Jetzt will er uns begegnen und mit seinem Geist erfüllen. Selbst wenn uns der Augenblick nicht gefällt, so können wir ihn durch seine Anwesenheit mit einer wohlwollenden und offenen Haltung annehmen und aushalten, zusammen mit dem ganzen damit verbundenen Erleben. Das ist der dritte Schritt.

Und der verändert die Welt durchaus. Denn je mehr Menschen das tun und auf diese Weise ruhig werden, umso mehr Frieden ist da. Es entsteht Klarheit in den Gedanken, und der Einsatz für das Wohl anderer weitet sich aus. Das Licht Christi kann scheinen, es wird heller und besser in unserer Welt. Frieden wird möglich.

Lasst uns deshalb weder im Gestern schwelgen noch uns Utopien hingeben. Lasst uns vielmehr in das Licht schauen, das jetzt leuchtet, und beherzigen, was schon Meister Eckhart erkannt hat:
„Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenüber steht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.“

Amen.

Christus schenkt uns Einheit

Predigt über Johannes 6, 30- 35: Jesus ist das Brot des Lebens

7. Sonntag nach Trinitatis
4.8.2019, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Einige Bauern in Schleswig-Holstein haben den Weizen bereits geerntet, denn sie wollten es noch vor dem nächsten Regen schaffen, der ja jetzt auch gekommen ist. Sie haben Glück gehabt und alles richtig gemacht. Die Ernte ist eingefahren und kann verkauft werden. Und wir wissen, wie es nun weitergeht: Das Korn wird zu Mehl gemahlen, und aus dem wird dann Brot gebacken. Diesen Vorgang kennen wir alle. Aus vielen Ähren wird ein Brot, und es ist ein langer Prozess, der dazu gehört. Er führt über das Ernten, das Dreschen und Mahlen bis zum Backen des Brotes, das wir dann verzehren, und das uns ernährt.

Ein solcher Vorgang steht oft hinter dem, was wir zu uns nehmen oder herstellen, es gibt etliche Beispiele: So wird aus vielen Trauben ein Wein, aus vielen Steinen ein Haus, aus vielen Wörtern eine Rede usw.

Auch im sozialen Bereich ereignet sich etwas Entsprechendes: Aus vielen Menschen wird eine Gemeinschaft, aus vielen Gläubigen eine Kirche. Das wünschen wir uns zumindest.

Doch gerade hier ist es nicht so einfach machbar. Wir scheitern immer wieder daran und bekommen die Einheit nicht hin. Dabei gehört sie zum Leben wie die Nahrung, wir brauchen einander und wir brauchen den Frieden, um zu überleben.

Das wusste auch Jesus, und er ist gekommen, um uns zu helfen: Er kann den Hunger genauso stillen wie die Sehnsucht nach Liebe und Einheit. In dem Evangelium von heute (Johannes 6, 1- 15) und in der anschließenden Rede Jesu wird das sehr schön dargestellt.

Zunächst wird uns hier von einer wunderbaren Brotvermehrung erzählt, die Jesus einmal möglich gemacht hat. Er war von vielen Menschen umlagert worden, hatte zu ihnen gesprochen und sie am Abend alle gespeist. Das bisschen Essen, das da war, hatte er von einem Kind genommen und auf wunderbare Weise vermehrt. Aus fünf Gerstenbroten und zwei Fischen wurde genug, um 5000 Menschen satt zu machen. Sie konnten essen, so viel sie wollten. Es war sogar noch mehr als nötig da. Zum Schluss blieben zwölf Körbe mit Brocken von Brot übrig.

Leider zogen die Beteiligten aus diesem Wunder dann allerdings die falschen Schlüsse. Sie wollten Jesus daraufhin zum König machen, weil sie davon ausgingen, dass er immer alle Menschen mit genug Nahrung versorgen konnte. Doch das war ein Irrtum. Brot, das die Menschen satt macht, war für ihn nicht das wichtigste. Deshalb hielt er am nächsten Tag eine lange Rede, in der er vom Brot im übertragenen Sinn sprach. Es ist seine Rede über das wahre „Brot des Lebens“. Und daraus ist ein Abschnitt heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

Johannes 6, 30- 35

30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«
32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.
34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.
35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Jesus sagt hier also, dass er in Wirklichkeit nicht den irdischen, leiblichen Hunger stillen will, sondern den Hunger nach Leben überhaupt. Dieser Aussage war ein Gespräch vorweg gegangen. Er hatte die Menschen zum Glauben an sich selber aufgefordert und von einer „Speise, die da bleibt zum ewigen Leben“ (Joh. 6, 27) gesprochen. Ansatzweise hatten sie das auch verstanden.

Doch dann wollten sie ein Zeichen haben, dass er wirklich von Gott gesandt war, und verlangten von ihm eine Wiederholung des Mannawunders in der Wüste. Das war für sie „Brot vom Himmel“. Damit meinten auch sie durchaus mehr, als normales Brot. Hinter ihrer Forderung steht die uralte tiefe Sehnsucht nach einer himmlischen Nahrung, die göttliche Kraft spendet. Die Menschen baten Jesus also um ein Wunderbrot, ohne zu wissen, wie es aussehen und beschaffen sein mochte. Und auf diese Bitte hin antwortete Jesus ihnen: „Ich bin das Bot des Lebens.“ Wonach sie fragten, war da: Es ist er selber. Das heißt, er schenkt den Menschen das Leben in seiner ganzen Fülle.

Das ist hier die Botschaft und die gilt auch für uns: Jesus gibt uns Leben und Glück, er sättigt uns ganz und stillt alle unsere Sehnsüchte. Wenn er bei uns ist, haben wir genug.

Doch was heißt das nun konkret? Wie wird er zum Brot des Lebens? Und steckt in dem Bild auch die Vorstellung, dass wir ihn essen sollen?

Über diese Fragen lasst uns noch einmal nachdenken und uns zunächst klar machen, was wir alles zum Leben brauchen. Das ist nämlich in der Tat mehr, als nur Nahrung und Kleidung. Das wissen wir auch. Der Apostel Paulus hat einmal sehr schön gesagt, was wir noch nötig haben, mit dem berühmten Vers: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei.“ (1. Korinther 13, 13) Um dieser Tugenden oder Kräfte willen ist Jesus gekommen. Er kann unser Verlangen danach stillen, wir müssen nur auf ihn hören und uns auf ihn einlassen.

Damit sind wir bereits bei dem ersten, das in dem Vers angesprochen wird, dem Glauben. Es ist das Vertrauen auf Jesus Christus, mit dem wir uns für ihn öffnen. Oft steht als Symbol für den Glauben das Kreuz. Es erinnert uns an den Tod und an das Leid, das Jesus auf sich genommen hat, und das heißt, er ist auch dann noch gegenwärtig, wenn wir leiden und sterben. Er ist uns ganz nahe gekommen und für uns da. Wir müssen nur in Beziehung zu ihm treten, uns auf ihn gründen und mit seiner Kraft rechnen.

Daraus entsteht dann ganz von selber das Zweite, nämlich die Hoffnung. Sie lässt uns nach vorne schauen, sie verschafft uns immer einen Ausblick und gibt uns Halt. Deshalb ist ihr Symbol der Anker. Mit der Hoffnung werfen wir ihn praktisch aus und machen uns an der Zuversicht fest. Wir bleiben optimistisch und gewinnen Mut.

Und das Dritte ist die Liebe. Sie wird uns ebenfalls durch Jesus Christus geschenkt und entsteht da, wo wir an ihn glauben und auf ihn hoffen. Seine Aussage „Ich bin das Brot des Lebens“ ist dafür ein sehr schönes Bild. Es besagt, dass er sich uns schenkt und mit seiner Liebe in uns einziehen möchte. Zudem ist die Tatsache, dass das Brot aus vielen Ähren zusammengesetzt, ein wunderbares Symbol für Einheit und Gemeinschaft.

Und daran können wir uns besonders beim Abendmahl erinnern. Ich bin vor etlichen Jahren regelmäßig in einer kleinen christlichen Communität zum Gottesdienst gegangen. Es war die „Cella“ des sogenannten „Ordo Pacis“, einer evangelischen Schwesternschaft, die für den Frieden lebt und betet. Im Vorbereitungsgebet für das Abendmahl wurde immer gesagt: „Wie aus den vielen Ähren ein Brot geworden ist, so führe auch uns zusammen. Sammle deine Kirche aus den Enden der Erde und mach sie eins in dir.“ So in etwa lautete das Gebet, und ich fand das immer sehr schön und anschaulich. Das Brot, das wir beim Abendmahl essen, kann uns wirklich zeigen, wie aus Vielem Eins geworden ist, und uns an die Liebe und den Frieden erinnern. Es ist „Brot des Lebens“, Christus selber, der uns neu mit Glaube, Hoffnung und Liebe ausrüsten und uns einen möchte.

Doch verstehen wir das Abendmahl eigentlich alle so? Trauriger weise ist gerade die Frage nach dem Abendmahlsverständnis die Hauptursache für die Spaltungen in der Christenheit: So sagen die Katholiken, das Brot ist der Leib Christi, und der Wein ist das Blut Christi. Er ist darin real präsent, und nach dem Empfang bleibt er es auch. Die Lutheraner sagen zwar auch, dass Brot und Wein Leib und Blut Christi sind, aber nur in dem Augenblick, in dem der Gläubige es empfängt. Danach sind die Elemente wieder „schlicht“ Brot und Wein. Und die Reformierten streiten die sogenannte „Realpräsenz“ ganz ab. Sie verstehen das Abendmahl als ein Zeichen und eine Erinnerung an Christus und betonen die Gemeinschaft, die wir dabei untereinander haben. Luther und Zwingli haben sich darüber am Ende sogar entzweit.

Und diese Zerwürfnisse sind immer noch nicht aufgehoben. Bis heute verbietet die katholische Kirche ihren Mitgliedern, an einer Abendmahlsfeier bei den Protestanten teilzunehmen, und wir dürfen es bei ihnen eigentlich auch nicht. Zwischen den Lutheranern und den Reformierten ist es zwar nicht ganz so schlimm, sie haben durchaus Abendmahlsgemeinschaft, aber zu Diskussionen führt diese Frage immer noch, und oft regen sich die einen über die anderen auf. Dabei sind gerade das Essen des Brotes und das Trinken des Weines im Namen Christi als Zeichen der Einheit untereinander gemeint. Wir tun es zum „Gedächtnis an Christus“, wie es in den Einsetzungsworten heißt, und das heißt in seiner Gegenwart und mit seiner Liebe. Leider scheint es sehr schwer zu sein, das auch umzusetzen.

Aber ist es das eigentlich wirklich? Können wir uns nicht bewusst auf einen Prozess einlassen, der zu Einheit führt? Es ist doch gar nicht so entscheidend, was wir denken, wenn wir zum Tisch des Herrn gehen. Ich schließe mich mit meinem Verständnis des Abendmahls zwar Luther an, aber über andere Auffassungen rege ich mich nicht mehr auf. Wir können doch einfach zusammenkommen und erleben, was dabei geschieht. Das ist ohnehin genauso unterschiedlich, wie wir alle sowieso sind. Und das Schöne an der gemeinsamen Feier ist es ja gerade, dass wir keine Theologie betreiben, uns nicht unterhalten und nicht streiten, sondern zusammenkommen und gemeinsam etwas erfahren.

In einem Abendmahlsgebet in unserer heutigen Agende heißt es dazu wunderbar: „Christus nimmt das Brot, er dankt und teilt es. Es ist so einfach und lässt doch das Geheimnis seines Wesens aufleuchten. Weil er aus der Fülle Gottes lebt, hält er nicht fest. Er gibt das Brot denen, die Hunger leiden, er schenkt sich selber darin, er spart sein Leben nicht auf. Ihn selbst empfangen wir, wenn wir an seinem Tisch […] das Brot des Lebens teilen, und in seiner Nähe hoffen wir auf eine verwandelte Welt, in der wir miteinander leben als Schwestern und Brüder. […] Christus ist das Brot des Lebens. Seine Güte reicht für alle!“ (Passion und Ostern, Agende für evangelisch-lutherische Kirchen  und Gemeinden, Band II, Teilband 1, Hrg. Kirchenleitung der VELKD, Hannover, 2011, S. 64)

An diesem Gebet wird sehr schön deutlich, dass das Abendmahl keine Streitfrage, sondern ein Geschehen ist. Es geht dabei weder um die Kirche noch um ein Dogma, sondern um Jesus Christus und seine Liebe. Er ist auf geheimnisvolle Weise gegenwärtig, darin sind wir uns alle einig. Wie wir uns diese Gegenwart im Einzelnen vorstellen, kann in den Hintergrund treten. Denn er bewirkt das, was wir uns wünschen: Er schenkt sich selber und zieht in uns ein, mit seiner Liebe und seiner Kraft. Wir empfangen ihn, wir sind mit ihm zusammen und dürfen ihm etwas zutrauen. Dann macht er aus den Vielen eine Einheit und es entsteht, was wir zum Leben brauchen: Frieden und Gemeinschaft.

Es ist deshalb gut, wenn wir immer wieder so zusammenkommen. Lasst uns dabei „nie vergessen“, dass wir „Schwestern und Brüder“ Jesu sind und als solche „von einem Brot essen, und aus einem Kelch trinken.“ Lasst uns „in Frieden beieinander wohnen, Gebeugte stärken und die Schwachen schonen, und so „den letzten heiligen Willen des Herrn erfüllen.“ Ja, „dazu müsse seine Lieb uns dringen.“ Möge er selber „dieses große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.“ (EG 221)

Amen.