Mit Gott Neuland betreten

Predigt über Lukas 4, 16- 21: Jesu Predigt in Nazareth
Neujahr, 1.1.2023, 18 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 4, 16- 21

16 Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen.
17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2):
16 Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen.
17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2):
18 »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen,
19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«
20 Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn.
21 Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

Liebe Gemeinde.

Kennt ihr den Rentnergruß? Er lautet: „Keine Zeit! Keine Zeit!“

Ironisch nennt man den Ruhestand ja auch manchmal „Unruhestand“. Denn es gibt tatsächlich viele Rentnerinnen und Pensionäre, die immer unterwegs sind, einen vollen Terminkalender haben, Verpflichtungen eingehen und irgendwo weiterarbeiten, ehrenamtlich oder auch hauptamtlich.

Denn das gehört zum menschlichen Leben, dass wir so lange es geht, aktiv sind. Wir wollen gerne nützlich sein, uns bewegen, andere Menschen treffen, etwas erleben usw. Was wir tun und leisten ist ein wichtiger Teil unserer Identität. Wir setzen uns Ziele und gestalten unser Leben.

Am Anfang eines neuen Jahres denken wir darüber gerne einmal nach. Wir fragen uns, was uns wichtig ist und wo es lang gehen soll. Denn neben den Verpflichtungen, an denen sich nichts ändern lässt, haben wir auch Gewohnheiten, über die wir durchaus entscheiden können. Das ist nicht nur im Ruhestand so. Wir können frei wählen, was wir essen, wie wir mit unseren Kräften umgehen wollen, welchen Menschen wir unsere Aufmerksamkeit schenken, was wir lesen usw. Am Jahresanfang nehmen wir uns deshalb gerne vor, einmal etwas Neues auszuprobieren, „Neuland zu betreten“.

Doch wie geht das eigentlich am besten? Mit den guten Vorsätzen ist das ja so eine Sache. Sie sind zwar gut, aber oft auch anstrengend. Wir wollen etwas verändern, scheitern aber an unsrem schwachen Willen und einer fehlenden Entschlusskraft. Nach ein oder zwei Monaten ist oft alles wie gehabt. Schnell reißen alte Unsitten wieder ein. Wir können zwar planen, aber wir haben die Zukunft nicht in der Hand. Wir brauchen noch mehr, als unsere guten Vorsätze, und genau davon handelt unser Evangelium.

Es enthält die Antrittspredigt Jesu. Seine öffentliche Wirksamkeit begann mit einem Besuch in der Synagoge seines Heimatortes Nazareth. Er war dort bekannt und wusste, wie man sich in einem Gottesdienst verhält. So hatte er als männlicher Jude das Recht, eine Prophetenlesung zu übernehmen. Das nahm er in Anspruch und meldete sich dafür. Man reichte ihm das Jesajabuch und daraus las er die Verheißung eines zukünftigen Messias: „Die Gefangenen werden entlassen, die Blinden werden sehen und die Zerbrochenen befreit.“ Der Prophet Jesaja bezieht sich mit dieser Verheißung auf ein Gesetz aus dem Buch Mose, nach dem es alle fünfzig Jahre ein sogenanntes Erlassjahr geben soll. Es lautet: „Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen; es soll ein Erlassjahr für euch sein. Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seiner Sippe kommen.“ (3. Mose 25,10)

Diese Schriftstelle und auch das Prophetenwort kannten die Zuhörer Jesu, nun warteten sie gespannt auf seine Auslegung. Und er erklärte ihnen: Was sie gehört haben, geht mit ihm in Erfüllung, und zwar „heute“, im Augenblick des Hörens, als Zuspruch. Er selber, Jesus ist der von den Propheten Verheißene. Das war seine Botschaft.

Doch diese Erklärung lehnten die Menschen in Nazareth ab. Dafür kannten sie ihn zu gut, er war ja einer von ihnen gewesen. Wütend jagten sie ihn am Ende des Gottesdienstes aus der Stadt und wollten ihn einen Abhang hinunterstürzen. Doch dazu kam es nicht. Wie durch ein Wunder ging Jesus „mitten durch sie hinweg“. (Lk. 4,30) Erreicht hat er in Nazareth allerdings nichts, denn die Menschen dort haben sich ihm gegenüber verweigert.

Und damit steht die Frage im Raum, was wir denn tun. Wie reagieren wir auf seine Worte? Sicher nicht so krass, wie die Nazarener, aber ganz einfach ist seine Aussage auch für uns nicht. Wir wollen gar kein „Erlass- oder Gnadenjahr“, wie Luther übersetzt hat, denn mit „Gnade“ verbinden wir nicht nur positive Gedanken und Gefühle. Wenn wir Gnade empfangen, ist es ja vollkommen uninteressant, was wir können oder leisten. Unsere Fähigkeiten und Eigenschaften spielen keine Rolle. Wir sind passiv und bestimmen nicht mehr selber, was geschieht. Bedeutet das nicht Stillstand? Wo bleibt die eigene Verantwortung für unser Handeln? Ist es nicht völlig sinnlos, sich Ziele zu setzen, wenn am Ende doch jemand anders über unser Ergehen entscheidet? Und verleitet es nicht zu Trägheit, sich einfach nur auf die Gnade zu verlassen?

Die persönlichen Fähigkeiten, Kraft und Kreativität, all das zählt bei uns mehr. Damit bauen wir unser Leben auf, gestalten es und nehmen uns etwas vor. Ideen und Wünsche setzen uns Bewegung. Und wir finden es auch gerecht, wenn jemand für seine Vergehen bestraft und möglicher Weise eingesperrt wird. Jeder muss die Folgen seines Handelns und seiner Entscheidungen tragen. Dieses Denken bestimmt unsere Lebensführung und unsere Gesellschaft. Die Verheißung eines „Gnadenjahres“ passt da irgendwie nicht hinein.

Doch so schnell sollten wir sie nicht abtun. Es ist sinnvoller, einmal genau nachzufragen, was hier gemeint ist, und dabei hilft es, wenn wir das griechische Wort, das hier für „Gnadenjahr“ steht, unter die Lupe nehmen. Wörtlich kann man nämlich übersetzen: „ein Jahr des Empfangens, des Zulassens oder Annehmens“. Es ist also ein „angenehmes Jahr“, in dem es uns gut geht.

Und das ist eine vielversprechende Ankündigung, die keineswegs zum Stillstand und zur Müdigkeit führt, denn genau das brauchen wir, wenn unser Leben gelingen soll. So einfach lassen sich unsere guten Vorsätze ja wie gesagt nicht verwirklichen. Es gibt viele Hinderungsgründe, von innen und von außen. Welche das sind, können wir uns gut klar machen, wenn wir die schlechten Zustände, die Jesus aufzählt, einmal im übertragenen Sinn verstehen. Er erwähnt Armut und Gefangenschaft, Blindheit und Gebrochenheit. Und das kennen wir bildlich gesehen alle.

So sind wir vielleicht nicht unbedingt materiell arm, aber es gibt ja auch eine Armut an Freude oder Liebe. Unser Leben ist dann irgendwie leer, wir sehnen uns nach mehr Mitmenschlichkeit und Zuwendung, fühlen uns einsam und verlassen. Und das raubt uns die Kraft und macht uns schwach.

Und „gefangen“ sind wir auch alle, in Beziehungen und Abhängigkeiten. Andere Menschen machen oft mit uns, was sie wollen. Wir können uns nicht lösen, sind in Umstände eingebunden, die uns festhalten. Und das lässt sich nicht so einfach verändern.

Genauso können wir „Blindheit“ im weiteren Sinne verstehen. Dann bedeutet sie, dass wir den Weg nicht mehr erkennen. Die Ziele verblassen, das Leben verfinstert sich, wir sind von Dunkelheit umgeben.

Und unter dem „Zerbrechen“ verstand sicher auch schon der Prophet alles, was im Leben schief läuft: Wir sind nicht immer gesund und fröhlich, aktiv und motiviert. Vieles zerbricht und zerrinnt im Laufe der Zeit. Wir liegen immer wieder am Boden.

Wenn wir unseren Text so verstehen, klingt er plötzlich ganz anders, und die Verheißung eines „Gnadenjahres“ gewinnt auch für uns eine Bedeutung. Es ist dann das Jahr, das wir bewusst nicht selber gestalten. Es wird uns vielmehr geschenkt. Wir lassen uns etwas gefallen. Nicht Ziele oder Inhalte stehen im Vordergrund, sondern das Vertrauen und die Offenheit. Wir geben uns hin und glauben. Und das ist keineswegs faul oder träge, sondern es fordert eine innere Aktivität, ein Schauen in eine andere Richtung, aufwachen und aufmerken, und zwar auf den, der da ist, gestern, heute und in Ewigkeit: Jesus Christus.

Er möchte „der Fels sein, auf dem wir stehen, der Führer, dem wir trauen, der Stab, an dem wir gehen, das Brot, von dem wir leben, der Quell, an dem wir ruhen, das Ziel, das wir erstreben.“ So hat Cornelius Friedrich Adolf Krummacher es 1857 in dem Lied formuliert. „Stern, auf den ich schaue.“ (EG 407) Es gilt also, dass wir die Liebe Jesu annehmen und uns von ihm führen lassen. Wir müssen nicht alles selber hinbekommen, nicht immer aktiv und leistungsfähig sein, stark und motiviert. In seiner Gegenwart hat auch das Versagen Raum, die Schwachheit und das Leid, Einsamkeit und Trauer. Alles, was zum Leben gehört, darf vorkommen, wir dürfen sein, wer wir wirklich sind. Denn so werden wir angenommen und geliebt. In einem „Gnadenjahr“ steht das im Vordergrund.

Und das wirkt sich beruhigend und heilend aus. Wir werden erfüllt und gestärkt, von innen her gehalten und aufgebaut. Ein Gnadenjahr ist immer auch ein Jahr der seelischen Ruhe und der Zuversicht. Wir werden durch die Gnade innerlich befreit. Abhängigkeiten lösen sich auf, weil wir nicht mehr so viel erwarten. Wir können loslassen und uns entspannen. Alte Muster verschwinden, und vieles ändert sich. All das beinhaltet das „Gnadenjahr“, und das ist eine wunderbare Perspektive. Es lohnt sich, wenn wir uns am Anfang des Jahres dafür entscheiden und uns das vornehmen. Dann kann Jesus uns Kraft und Mut geben und unsere Lasten tragen.

Und das geht nicht nur, wenn der Ruhestand beginnt. Auch mit einem vollen Terminkalender, vielen Aufgaben und Verpflichtungen gibt es immer noch Möglichkeiten, Zeiten der Ruhe unterzubringen. Wir haben Freiräume, die wir nutzen können, um uns auf Jesus zu verlassen. Wir müssen uns nur dafür entscheiden.

Natürlich ist der Ruhestand dafür eine wunderbare Gelegenheit. Was vorher nur zwischendurch möglich ist, kann nun die Hauptaufgabe sein. Viele von euch haben schon lange diese Möglichkeit, weil sie bereits in diese Lebensphase eingetreten sind. Für mich beginnt er heute, und ich finde es sehr schön, dass das Wort „Ruhe“ darin vorkommt. Die Mütter und Väter des Gebetslebens und der Frömmigkeit sprechen gerne von der „Ruhe des Geistes und der Seele“. Sie tritt ein, wenn wir uns auf Gott verlassen und seine Gnade annehmen. Dann „stehen wir in der Ruhe“, und das tut uns allen gut. Wenn wir darauf achten, aus der Ruhe heraus zu handeln und zu leben, gelingt uns vieles besser. Wir merken von selber, was wichtig ist und wo es lang gehen soll, wie wir unsere Kräfte am besten einteilen, welche Menschen wir lieben wollen und welche Einflüsse auf uns wirken sollen. „Mit Gott betreten wir Neuland“ und gehen getrost unseren Weg.

Amen.

Uns ist ein Kind geboren!

Predigt über Lukas 2, 1- 20: Jesu Geburt
Heiligabend, 24.12.2022, 17 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 2, 1- 20

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.
2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.
3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.
4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,
5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.
6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.
7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.
9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.
10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.
16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.
17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.
18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.
19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Liebe Gemeinde.

„Die Geschichte von Jesus gibt Mut“. So lautete die Überschrift eines Artikels in den Kieler Nachrichten vom 26. November über eine 89-jährige Bürgerin der Stadt, Astrid Ettinger. Es sind ihre eigenen Worte, und sie hat das schon als Kind so empfunden: Jedes Jahr war sie aufs Neue von der Krippe fasziniert, die ihre Eltern unter dem Tannenbaum aufbauten, von all den Figuren, besonders von Maria und dem Jesuskind. Im Laufe ihres Lebens hat sie dann Krippen gesammelt. Sie sind in diesem Jahr in der Heilandskirche in der Saabrückenstraße ausgestellt. Astrid Ettinger hofft, dass „die Menschen durch die Krippen auf andere Gedanken kommen“. Wenn sie selber die Figuren anschaut, fühlt sie sich sofort in Kindertage zurückversetzt und die Weihnachtsgeschichte wird für sie ganz lebendig.

Deshalb gibt es sie auch, die Krippendarstellungen. Die älteste stammt aus dem Jahr 1289. Anfangs wurde die Geburt Christi nur mithilfe der Heiligen Familie sowie Ochse und Esel dargestellt. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts kamen die Heiligen Drei Könige, Hirten, Schafe, Stallungen sowie der Stern von Bethlehem samt Verkündigungsengel dazu.

Und das ist schön, denn all die Menschen und Tiere in der Geschichte haben eine bestimmte Rolle, die etwas über die Bedeutung von Weihnachten aussagt. Die wichtigste Person ist dabei natürlich das Kind in der Krippe, es bildet den Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Der Grund dafür ist, dass Gott in diesem Kind erschienen ist. So lautet die Botschaft des Engels, so glauben es Maria und Joseph, die Hirten und Könige und alle anderen, die die Krippe besuchen.

Und das ist eine revolutionäre Botschaft, denn eigentlich müsste es doch ganz anders aussehen, wenn Gott auf die Erde kommt. Die Menschen haben es sich bis dahin auch anders vorgestellt. Sie glaubten durchaus daran, dass Gott eines Tages erscheint, denn das hatten die Propheten vorausgesagt. Aber in ihren Verheißungen war von einer wunderbaren Offenbarung Gottes die Rede, bei dem er seine Macht und Herrlichkeit demonstriert, Frieden und Gerechtigkeit bringt und alles neu macht. Auch der Evangelist Lukas kannte diese Erwartungen.

Doch gerade deshalb hat er seine Geschichte so erzählt, wie wir sie kennen. Ganz bewusst hat er das genaue Gegenbild entworfen: Es gibt niemanden, der schwächer und kleiner ist als ein neugeborenes Kind. Dazu ist das Kind in seiner Erzählung nicht in einem Palast zur Welt gekommen, sondern als seine Eltern unterwegs waren. Und seine erste Nacht hat es nicht in einem weichen, warmen Bettchen verbracht, sondern in einem Futtertrog, der in einem zugigen Stall stand. Doch genau da ist Gott erschienen. Niedriger und weniger aufsehenerregend geht es kaum. Dazu passen auch die ersten Besucher, die Hirten. Das waren keine Würdenträger, sondern einfache Leute.

So erzählt Lukas es, und das tut er wie gesagt bewusst. Er verkündet damit die Botschaft: Gott kommt klein in die Welt, und damit kommt er zu den Kleinen, zu den Schwachen und Unbedeutenden, zu uns allen. Wenn wir Menschen mit ihm zusammen sein wollen, müssen wir nicht zu Gott aufsteigen, sondern er wird niedrig. Er sucht sich nicht das Große und Strahlende, sondern das Schwache und Belanglose. Und dadurch erlöst er uns. Denn es bedeutet, dass wir nicht großartig sein müssen, wenn es uns gut gehen soll. Unser Leben gelingt nicht dadurch, dass wir erfolgreich sind, leistungsstark und anerkannt.

Das denken wir ja oft und wollen es am liebsten auch. Jeder und jede von uns trägt den Wunsch in sich, irgendwie ein bedeutungsvolles Leben zu führen. Wir wollen gut sein, beachtet, gelobt und geliebt werden. Wir bewundern deshalb die, die das schaffen: Filmstars, Sängerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen, die bahnbrechende Dinge herausbekommen, großartige Sportler, Schriftstellerinnen, deren Bücher zu Bestsellern werden, Regierende, die dem Wohl der Menschheit dienen, Philosophen, die uns die Welt erklären, und Heilige. Sie gelten in unseren Augen etwas und sind unsere Vorbilder. Wir verehren sie, weil wir ihnen viel verdanken. Der Applaus ist ihnen sicher. Und heimlich wünschen wir uns das alle, jedenfalls so ein bisschen: etwas Ruhm und Erfolg wäre doch ganz schön.

Doch leider gehören die meisten von uns einfach nur zum Durchschnitt. Wir sind nicht bedeutend, fallen nicht auf, haben Fehler und Schwächen, und sehen ganz normal aus. Wir sind keine Lichtgestalten. Es kann sogar sein, dass unser Leben eher dunkel ist, dass uns etwas belastet und Kummer macht. Wir leiden unter unserer Situation, sind unzufrieden, traurig und ängstlich. Anstatt großartig zu sein, kommen wir oft noch nicht einmal richtig mit unserem Leben klar.

Doch wir sollten uns nicht allzu sehr blenden lassen. Natürlich haben auch die berühmten Menschen Probleme. Der Erfolg ist oft nur äußerlich. Der schöne Schein kann trügen, denn er hat auch Schattenseiten. Es wird oft sogar bekannt, dass gerade große Stars Drogen nehmen, unter dem Leistungsdruck oder Depressionen leiden, ihre Partner und Partnerinnen häufig wechseln und sich letzten Endes einsam fühlen. Ganz zu schweigen von den vielen Neidern, der ständigen Öffentlichkeit, Intrigen und Verleumdungen. Das Leid verschont niemanden, und Scheinwerfer reichen nicht, um es zu vertreiben.

Doch genau deshalb ist Jesus gekommen, und die Weihnachtsgeschichte will uns sagen: Du musst nicht verzweifeln, selbst wenn du ganz unten bist. Denn genau da findet Gott dich und will dir begegnen. Du musst nicht alles hinbekommen und dich schon gar nicht mit irgendetwas Großem rühmen. Rühm dich einfach nur deiner Kleinheit und Schwäche und vertrau auf das Kind Jesus. Dann wirst du mit seiner Liebe beschenkt und in seine Gnade eingehüllt, und das wird dich froh und frei machen.

Es gibt eine Heilige, die genau das betont hat. Sie hieß Therese Martin und lebte am Ende des 19. Jahrhunderts in einem Kloster in der Normandie, in dem Ort Lisieux. Sie wurde nur 24 Jahre alt und war lange krank. Aber in ihrem kurzen Leben hat sie ein starkes Glaubenszeugnis abgelegt. Es gibt viele Briefe und Aufzeichnungen von ihr, die deutlich machen, dass gerade ihre Kleinheit und Verborgenheit zum Wesen ihres Lebens und ihrer Lehre gehörte. Sie sprach vom „kleinen Weg“ und verschrieb sich bewusst dem Jesuskind. Ihr Ordensname lautete auf ihren eigenen Wunsch hin „Therese vom Kinde Jesus“. In der kirchlichen Tradition wird sie auch die „kleine Therese“ genannt, und zwar in Abgrenzung zur „großen Therese“.

Die gab es ebenfalls, es war die Spanierin Theresa von Avila, die im 16. Jahrhundert gelebt hat. Sie war klug und belesen, hatte eine große geistliche Kraft und eine starke Ausstrahlung. Sie reformierte den Orden, zu dem sie gehörte, den Karmel, verfasste Schriften über den mystischen Weg und wurde später zur Kirchenlehrerin erklärt. Die kleine Therese bewunderte sie und trug ja auch denselben Namen, aber sie verkörperte etwas ganz anderes. Sie legte Zeugnis von der Botschaft ab, die alles umwälzt, nämlich dass Gott das Bedeutungslose liebt und nichts anderes möchte, als dass wir ihn auch lieben. Sie sagte einmal: „Die Heiligkeit besteht nicht in dieser oder jener Übung. Sie gründet in einer Verfassung unseres Herzens, die uns demütig und klein macht in den Armen Gottes, eingedenk unserer Schwachheit bis zur Kühnheit vertrauend auf seine Güte als Vater.“ (Ernst Guttinger, Nur die Liebe zählt, Die Mission der Theresia Martin, ein Weg für alle, Leutesdorf am Rhein 1978, S. 20) Therese von Lisieux zeigt uns den Weg der Hingabe an die Liebe Gottes, die uns im Kinde Jesus geschenkt wurde. Wir müssen nichts leisten, brauchen keine Macht und keinen Erfolg, damit unser Leben gelingt. Es reicht, wenn wir unsere Kleinheit annehmen, wie die Hirten zu dem Kind in der Krippe eilen und uns für seine Gegenwart öffnen.

Dann „kommen wir wirklich auf andere Gedanken“, wie Astrid Ettinger sagt. Die Weihnachtsgeschichte „gibt uns Mut“ und richtet uns auf. Und das Schöne ist: All das bleibt nicht bei uns, sondern wirkt sich auf unser Miteinander aus. Wir werden auch gegenüber unseren Mitmenschen liebevoller und aufmerksamer, friedlicher und gütiger. Nicht nur die Gottesliebe wird lebendig, sondern auch die Nächstenliebe.

Lasst uns deshalb dieses Kind anbeten und lieben. Es ist zwar klein, hat aber Großes bewirkt, denn es ist aus dem Himmel zu uns gekommen und kann uns trösten und erfreuen. Das alles kommt sehr schön in einemChoral zum Ausdruck. Den Text hat ein Zeitgenosse von Johann Sebastian Bach gedichtet, Valentin Thilo der Jüngere, und es heißt: „O Jesulein süß, o Jesulein mild!“. Die Verkleinerung des Namens Jesu und die beiden Adjektive „süß“ und „mild“ wirken möglicherweise etwas kitschig und unpassend für den Sohn des Allerhöchsten, selbst als er noch ein Baby war. Aber er hat den Willen Gottes verwirklicht, seinen Zorn gestillt und uns Sünder angenommen. Das bekennt der Dichter in seinem Lied. Wenn wir es singen, können wir uns dem Kind Jesus hingeben und ihm unser Leben anbefehlen.

Amen.

1. O Jesulein süß, o Jesulein mild!
Deines Vaters Willen hast du erfüllt,
bist kommen aus dem Himmelreich,
uns armen Menschen worden gleich.
O Jesulein süß, o Jesulein mild!

2. O Jesulein süß, o Jesulein mild!
Deins Vaters Zorn hast du gestillt,
du zahlst für uns all unser Schuld
und bringet uns in deins Vaters Huld.
O Jesulein süß, o Jesulein mild!

3. Jesulein süß, o Jesulein mild!
Mit Freuden hast du die Welt erfüllt.
Du kommst herab vons Himmels Saal
Und tröstest und in dem Jammertal.
O Jesulein süß, o Jesulein mild!

4. O Jesulein süß, o Jesulein mild!
Sei unser Schirm und unser Schild,
wir bitten durch dein Geburt im Stall,
beschütz uns all vor Sündenfall.
O Jesulein süß, o Jesulein mild!

5. O Jesulein süß, o Jesulein mild!
Du bist der Lieb ein Webenbild.
Zünd an in uns der Liebe Flamm,
dass wir dich lieben allzusamm.
O Jesulein süß, o Jesulein mild!

6. O Jesulein süß, o Jesulein mild!
Hilf, dass wir tun alls, was du willt,
was unser ist, ist alles dein,
ach lass uns dir befohlen sein.
O Jesulein süß, o Jesulein mild!

Freuet euch!

Predigt über Philipper 4, 4- 7: Mahnung zur Freude im Herrn

4. Sonntag im Advent, 18.12.2022, Lutherkirche Kiel

Philipper 4, 4- 7

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Liebe Gemeinde.

Seine letzte Adventszeit und damit auch das Weihnachtsfest verbrachte Dietrich Bonhoeffer im Gestapo-Bunker in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße, das war 1944. Seine Lage war aussichtslos, und das wusste er auch. Deshalb war ihm bestimmt nicht nach Feiern und schon gar nicht nach Freude zu Mute. Er suchte stattdessen nach einer Einstellung, die sich nicht mehr an das Leben klammerte, sondern vom Glauben an die Ewigkeit geprägt war, und das ist ihm auch gelungen. Wir können das seinen Briefen entnehmen, die er aus dem Gefängnis heraus an seinen Freund Eberhard Bethge schrieb. Sie sind 1951 in dem Buch „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht worden. Und darin findet sich auch das Lied, das wir alle kennen: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“ (EG 65,1) Bonhoeffer wusste sich bei Gott geborgen, und so konnte er sich im Geiste mit seinen Lieben verbinden. Er sah vor seinem inneren Auge den Kerzenschein und empfand die stille Freude, die Gott uns im Glauben schenkt.

Er wurde damit dem Aufruf des Apostels Paulus aus dem Philipperbrief gerecht, den wir eben schon gehört haben. „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ Das ist der Wochenspruch, der in der Epistel von heute steht. Sie ist auch unser Predigttext: Wir sollen uns also freuen. Gleich zweimal ermahnt der Apostel die Philipper dazu.

Doch welche Freude meint er eigentlich? Wir verstehen darunter ja meistens etwas, das wir ausrichten können, indem wir schöne Dinge unternehmen, mit anderen Menschen zusammenkommen, Spaß und Unterhaltung haben. Ein fröhliches Weihnachtsfest, das wir organisieren, würde auch dazu gehören.

Aber Paulus spricht hier von einer ganz anderen Freude. Er meint nicht das irdische Vergnügen, denn in der Stimmung war er selber genauso wenig wie Dietrich Bonhoeffer. Wie dieser befand Paulus sich in Gefangenschaft, als er den Brief an die Philipper schrieb, und er wusste nicht, wie sie ausgehen würde. Das Gerichtsurteil stand noch bevor, darauf wartete er gerade, und das konnte durchaus ein Todesurteil sein. Er hatte also allen Grund zur Sorge und zur Angst, und die Philipper teilten das mit ihm.

Auf diesem Hintergrund wird klar, was für eine Freude Paulus hier meint. Es ist eine Freude, die unabhängig ist von der äußeren Situation und von innen kommt. Es die Freude im Leid, die sich gerade in der Trübsal bewährt. Von ihr sollen die Philipper sich bestimmen und erfüllen lassen. Sie wird von Christus bewirkt, der nahe ist. Damit begründet Paulus die Freude. Er war davon überzeugt, dass Christus wiederkommen wird, dass er bereits vor der Tür steht und allem Leid ein Ende macht. Deshalb folgt auch der Aufruf zur Sorglosigkeit: Der helle Schein des kommenden Christus leuchtet in das Dunkel der Gegenwart und vertreibt alle Angst. Die Christen müssen sich nicht fürchten, sie sollen stattdessen beten und Gott danken.

Dann wird Gott mit seiner Macht in den Herzen der Menschen das Heil schaffen. Das kommt mit dem letzten Satz zum Ausdruck: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Es geht also bei der Freude, zu der Paulus aufruft, um die Hoffnung und die Gewissheit der Gegenwart Christi. Aus ihr entspringen Güte und Frieden. Paulus lädt zur Gemeinschaft und einer engen Verbundenheit mit Christus ein. Mit ihm und durch ihn sollen wir leben.

Was Paulus verkündet, hat also das nichts mit Veranstaltungen oder Festen, Spaß oder Vergnügen zu tun. Die Freude, an die er denkt, liegt tiefer und ist dauerhafter. Sie kann uns durch die Entbehrung hindurch tragen, uns im Leiden erhalten bleiben und uns von innen her heil und frei machen. Es geht um Fülle und Freude in einem ganz tiefen Sinn. Dietrich Bonhoeffer hat sie erfahren, und will dazu einladen. Lasst uns deshalb fragen, wie seine Briefe und Gedichte aus dem Gefängnis uns trösten und ermutigen können, wie auch wir diese tiefe und umfassende, ewige Freude empfangen, die Jesus uns gibt, worin sie besteht und wie sie sich auswirkt.

Dafür ist es gut, wenn wir uns zunächst bewusst machen, wie es nicht geht, wie wir es aber oft versuchen. Ich erwähnte ja schon, dass wir die Freude gerne selber organisieren wollen. Das Weihnachtsfest ist dafür ein schönes Beispiel. Da erwarten wir Friede und Harmonie in der Familie, Fröhlichkeit und Aufmerksamkeit füreinander, Geborgenheit, Wärme und Licht. Und wir tun viel dafür, damit all das eintritt. Aber gelingt uns das auch? Wir sind gerade zu Weihnachten oft gar nicht so entspannt, wie wir es eigentlich gerne sein wollen. Und es bleiben immer Wünsche offen, egal wie sehr wir uns anstrengen. Das liegt hauptsächlich an unserem Umgang miteinander. Häufig finden wir die anderen nicht so nett und aufmerksam, wie wir es möchten. Sie haben eigene Themen, die uns gar nicht interessieren, sind zu schweigsam oder zu laut. Alles Mögliche kann die Harmonie stören. Erst recht traurig ist es, wenn wirklich das Schicksal in einer Familie zuschlägt, jemand kurz vor dem Fest stirbt oder einen Unfall hat. Dann ist alles verdorben, und wir können nicht mehr richtig feiern.

Wir merken also gerade am Weihnachtsfest unseren Mangel und unsere Freudlosigkeit und leiden darunter. Wir merken wie ist schwer es ist, die Freude zu organisieren und herzustellen. Das sollten wir uns bewusst machen und es uns auch eingestehen, denn genau deshalb ist Jesus gekommen. Er will dagegen etwas tun, und nur er allein kann es wirklich. Wir müssen es nur von ihm auch erwarten. Wir sollen seine Freude empfangen, und das geht ganz anders, als durch unsere üblichen Festvorbereitungen.

Mir sind drei Merkmale eingefallen, die die Freude an Christus auszeichnen: Als erstes müssen wir beachten, dass wir sie nicht machen können, sie wird uns geschenkt, und das heißt, dass wir Raum für ihn schaffen müssen, ihn kommen und handeln lassen. Wir müssen uns an ihn wenden und in unserem Herzen Platz für ihn machen. Dazu gehört es, dass wir nicht mehr versuchen, das Leid und den Mangel abzuschaffen, sondern ruhig werden und ja zu unserem Leben sagen, auch zu den anderen Menschen. Wir sollten sie annehmen wie sie sind, und nichts von ihnen erwarten. Dann kann Jesus uns trösten und erfreuen.

Als zweites müssen wir wissen, dass die Freude, die Jesus bringt, eher eine stille Freude ist. Es geht dabei nicht laut zu, wie bei einem Fest oder einer Party. Wir werden vielmehr leise, Güte und Wohlwollen ziehen in uns ein, Bescheidenheit und Nachsicht. Und das sind ganz große Gaben, nach denen wir uns in Wirklichkeit auch sehnen. Sie sorgen wirklich für ein gutes und friedliches Miteinander.

Und das dritte Merkmal dieser Freude ist, dass sie uns ganz erfüllt. Da bleibt keine Enttäuschung oder Unzufriedenheit zurück, denn anders als unsere Mitmenschen schenkt Jesus uns seine ganze Aufmerksamkeit oder mehr noch: Er schenkt sich selber und das ewige Leben. Und das ist das, was wir uns in Wirklichkeit auch wünschen. Wenn wir es empfangen, werden wir deshalb gelassen, unserer Erwartungen an die anderen verlieren ihre Bedeutung. Wir sind entspannt und guter Dinge, fröhlich und offen.

Unsere Hauptaufgabe in dieser Zeit besteht also gar nicht darin, dass wir das Weihnachtsfest so gut es geht vorbereiten, sondern darin, dass wir diese Freude empfangen. Und dafür sollten wir Gelegenheiten schaffen. Wir können uns für jeden Tag eine kurze Zeit der Stille und des Gebetes vornehmen, in der wir uns Christus anvertrauen und seine Liebe annehmen.

Das tat auch Dietrich Bonhoeffer, und so konnte er getrost bleiben, selbst als er am 7. Februar 1945 in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar eingeliefert wurde. Am 9. April wurde er noch einmal verlegt, in das KZ Flossenbrügg bei Weiden in der Oberpfalz. Dort wurde er dann zusammen mit andern Widerstandskämpfern hingerichtet. Er starb durch die Gewalt der Nazis, und das war grausam und ungerecht. Trotzdem oder gerade deshalb ist sein Glaubenszeugnis bis heute lebendig geblieben, und wir können mit ihm bekennen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ (EG 65,7) Dann kann es hell werden in unseren Herzen und in unseren Häusern, und das Weihnachtsfest wird gelingen. Amen.

„Wachen ist unser Dienst“

Predigt über Markus 13, 31- 37: Mahnung zur Wachsamkeit

Letzter Sonntag im Kirchenjahr, 20.11.2022, Lutherkirche Kiel

Markus 13, 31- 37

31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.
32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen:
35 so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,
36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

Liebe Gemeinde.

Die Temperaturen sind gesunken, es hat gefroren und die ersten Schneeflocken sind gefallen. Die Blätter fallen schon lange, die Bäume sind kahl geworden, die Natur legt sich zur Ruhe. Viele Dichter und Dichterinnen haben die Stimmung und das Erleben dieser Jahreszeit in Poesie ausgedrückt, so auch Rainer Maria Rilke (1875- 1926). Von ihm gibt es mehrere Herbstgedichte, wie z.B. dieses:

„Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: Es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Das klingt melancholisch und tröstlich zugleich, denn einerseits drückt Rilke aus, dass wir alle sterben müssen, andererseits glaubt er, dass wir gleichzeitig aufgefangen werden. Der Dichter sieht das Fallen der Blätter und die Vergänglichkeit des Lebens, aber parallel dazu spürt er die Hand des Ewigen, der alles hält.

Und so ist es auch in der Bibel. Wir haben zwei Lesungen gehört, die vom Ende der Welt handeln und dazu eine neue Welt verheißen. So enthält das Evangelium von heute den letzten Teil der Endzeitrede Jesu. Er spricht darin von den letzten Ereignissen vor dem Weltuntergang: Kriege, Hungersnöte und Erdbeben bilden den „Anfang der Wehen“, wie er sagt. Dann kommt eine große Drangsal, wie sie vorher noch nicht da gewesen ist. Eine kosmische Katastrophe wird alles vernichten. Doch am Ende wird Christus wieder kommen. Das ist der Höhepunkt, auf den alles zuläuft.

Zum Schluss seiner Ausführungen ermahnt Jesus seine Jünger, dafür bereit zu sein, sie sollen wachen und aufpassen, damit sie bei diesem Ereignis zu denen gehören, die gerettet werden. Sie müssen sich bewähren, eigentlich auch schon vorher. Ihr ganzes Leben soll von diesem Ende her geprägt sein, denn der Zeitpunkt, zu dem es eintritt, ist ungewiss. Darum geht es in diesem letzten Abschnitt, der die Mahnung zur Wachsamkeit enthält.

Dafür erzählt Jesus noch ein Gleichnis: Es ist wie bei einem Hausherrn, der auf Reisen ist. Er hat sein Haus dem Personal überlassen, damit sie in seiner Abwesenheit seine Geschäfte führen und für Ordnung sorgen. Natürlich sind sie ihm Rechenschaft schuldig, wenn er wieder kommt. Da sie aber nicht wissen, wann das sein wird, müssen sie dafür immer bereit sein. Die Bücher müssen jeden Tag stimmen, das Haus muss aufgeräumt sein, es muss Frieden und Ordnung herrschen.

Genauso versteht Jesus die Wachsamkeit der Christen: Die ungewisse Zukunft soll ihr Bewusstsein schärfen und zur Aufmerksamkeit für das Zeitgeschehen führen. Sie müssen jederzeit bereit sein, Rechenschaft abzulegen, und dürfen auch das Leiden nicht scheuen. Am wichtigsten aber sind das Vertrauen und der Glaube, dass Gott der Herr der Geschichte bleibt und in der Endphase die Dinge ordnet.

Um diese Grundhaltung geht es hier. Und die ist auch für uns wichtig. Wir rechnen zwar nicht unbedingt mit dem nahen Ende der Welt, aber wir wissen, dass jeder und jede einzelne irgendwann „fallen“ und sterben wird. Es ist noch nicht lange her, dass viele von uns das gerade erlebt haben. Und sie sind deshalb traurig. Es ist deshalb gut, an etwas zu glauben, das über unser Leben und diese Welt hinausgeht. Es kann uns trösten, wenn wir unseren inneren Blick auf den großen Horizont der Ewigkeit richten und ihn in das gegenwärtige Leben einbeziehen. Dazu lädt Jesus uns hier ein.

Aber was heißt das nun? Wie sollen wir unser Leben führen, damit das wahr wird und uns wirklich beruhigt? Lasst uns darüber nachdenken und uns einzelne Regungen der Seele bewusst machen. Es gibt vier Vorgänge in unserem Inneren, die uns oft bestimmen: Das Verlangen, die Furcht, der Schmerz und die Freude. Hinter dieser Aufzählung steht ein kurzes Wort von Theresa von Avila, einer spanischen Nonne aus dem 16. Jahrhundert (1515- 1582). Sie wusste viel über die Seele und das Gebet und sie schrieb einmal:

„Dein Verlangen sei, Gott zu schauen,
deine Furcht, ihn zu verlieren,
dein Schmerz, ihn noch nicht zu genießen,
deine Freude, dass er dich zu sich führen kann.
Dann wirst du in großem Frieden leben.“

Mich bewegt dieses Wort, seit dem ich es kenne, denn es beschreibt sehr schön, wie sich die Seele auf Gott einstellen kann: Wir müssen dafür unser Verlangen, unsere Furcht, unseren Schmerz und unsere Freude auf ihn beziehen. Das tut gut und schenkt uns einen tiefen Frieden. Denn diese Regungen beunruhigen uns normalerweise, manchmal zerreißen sie uns innerlich sogar.

Beginnen wir mit dem Verlangen: Es geht meistens in eine andere Richtung. Wir wollen immer alles Mögliche: Wer viel arbeitet, wünscht sich mehr Freizeit, die Einsame sehnt sich nach Gemeinschaft, der Arme möchte mehr Geld, die Kranke Gesundheit, der Traurige Trost usw. Unsere Wünsche sind vielfältig und mächtig. Sie haben uns manchmal im Griff, und das fühlt sich gar nicht gut an. Meistens leiden wir unter ihnen, denn sie werden nur so selten erfüllt. Wir bleiben in ganz vieler Hinsicht unglücklich und unzufrieden.

Deshalb tut es gut, anstatt all dieser vielen Dinge einmal nur nach Einem zu verlangen, danach nämlich, Gott zu schauen. Dann wird alles andere plötzlich kleiner und unbedeutender. Denn dann richten wir uns nach dem Größten aus, und das hebt unseren Geist empor. Das Verlangen nach diesem oder jenem verliert seine Macht.

Genauso ist es mit der Furcht, die kennen wir auch alle. Wir fürchten uns vor dem Krieg und vor anderen Menschen, vor den eigenen Schwächen, vor dem Älterwerden und dem Tod. Die Furcht macht uns normalerweise klein und schwach. Sie nimmt uns unsere Lebenskraft.

Anders ist, wenn unsere größte Furcht darin besteht, Gott zu verlieren. Denn dann merken wir, dass er im Leben eigentlich das Entscheidende ist. Die anderen Ängste verblassen ihm gegenüber.

Die dritte Empfindung, die in unserem Wort genannt wird, ist der Schmerz. Auch vor dem bleiben wir nicht verschont. Er entsteht durch Trauer, Enttäuschung, Verletzungen und Krankheit. Wenn er da ist, bestimmt er unser ganzes Leben. Doch auch das ändert sich, wenn unser größter Schmerz darin besteht, „Gott noch nicht zu genießen“. Uns wird bewusst, dass er uns in Wirklichkeit fehlt. Wir leben viel zu oft so, als bräuchten wir ihn nicht. Und das sollte uns weh tun, das sollte unser Schmerz sein, denn der lässt sich merkwürdigerweise ertragen. Es ist ein süßer Schmerz, der nichts mit Krankheit oder Trauer zu tun hat, sondern uns wach und lebendig macht.

Denn es gibt eine Lösung, eine Antwort auf unser Verlangen, unsere Furcht und unseren Schmerz. Gott selber hat sie uns gegeben, denn er kommt und ist schon da und will uns zu sich führen. Es muss nicht so bleiben, wie es ist, dass wir nur nach ihm verlangen, uns sorgen, ihn zu verlieren, oder es weh tut, dass er nicht da ist. Das kann sich alles ändern, und zwar ohne unser Zutun. Denn Gott selber will, dass das alles aufhört, und dass es uns gut geht. Er kommt uns deshalb entgegen und schenkt uns seine Liebe und Nähe. Und das löst eine tiefe Freude aus. Sie entzündet sich nicht an vergänglichen Dingen, sondern ist umfassend und erfüllend. Deshalb endet das Gedicht Theresas von Avila auch mit der Verheißung eines großen inneren Friedens. Der kennzeichnet ein Leben, das von Gott bestimmt ist.

Es ist deshalb gut, wenn wir wachen und beten, und zwar so viel und so oft wie möglich. Wir tun das nicht nur für uns, sondern auch für die Welt. Sie braucht Menschen, die nicht dem Lärm und der Unrast erliegen, sondern gelassen das Fallen der Blätter anschauen können, und die das Sterben und die Vergänglichkeit nicht beunruhigt.

Eine Nonne, ihr Name ist Silja Walter (1919- 2011), hat das einmal sehr schön formuliert mit ihrem „Gebet des Klosters am Rand der Stadt“. Es lautet folgendermaßen:

„Jemand muss zuhause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten, Tag und Nacht.
Wer weiß denn, wann du kommst?
Jemand muss wachen, unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden.
Herr, du kommst ja doch in der Nacht, wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst.
Wachen. Auch für die Welt. Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draußen herum und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran, dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist und sicher kommst?
Jemand muss es glauben,
zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen
und dich einzulassen, wo du immer kommst.
Herr, und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen, ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten und singen.
Dein Leiden, deinen Tod mit aushalten und daraus leben.
Das muss immer jemand tun mit allen andern und für sie.
Und jemand muss singen,
Herr, wenn du kommst!
Das ist unser Dienst:
Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust, die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist und wunderbar, wie keiner.“

Amen.

Betet ohne Unterlass

Predigt über Lukas 18, 1- 8: Die bittende Witwe

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 13.11. 2022, 9.30 Uhr und 11.00 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Lukas 18, 1- 8

1 Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten,
2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.
3 Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!

4 Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue,
5 will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.
6 Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!
7 Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen?
8 Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

Liebe Gemeinde.

Ein Gerichtssaal ist in der Regel so aufgebaut, dass am Kopfende der Richter oder die Richterin sitzt. Ihr Platz ist meistens etwas erhöht, damit sie alle anderen gut sehen kann. Außerdem leitet sie das Verfahren im Gerichtssaal, sorgt für Ordnung, hört zu, stellt Fragen und fällt am Ende ein Urteil

Richter und Richterinnen genießen deshalb Respekt und Ansehen und flößen uns auch etwas Furcht ein. Denn sie haben eine gewisse Macht und tragen viel Verantwortung. Sie können streng oder milde sein, gnädig oder hart. Natürlich unterstehen sie dem Gesetz, aber das kann man ganz unterschiedlich auslegen und anwenden. Deshalb dauern einige Gerichtsverfahren sehr lange, und das Urteil wird mit Spannung erwartet.

Auch zurzeit Jesu war das schon so. Es gab Gesetze und Richter, aber die Urteile konnten am Ende sehr verschieden sein. Offensichtich gab es sogar skrupellose Menschen darunter, von so einem handelt jedenfalls das Gleichnis, das wir eben gehört haben. Darin kommen ein Richter und eine Witwe vor. Der Richter wird als unbestechlich und unabhängig dargestellt, er „fürchtete sich vor keinem Menschen“, d.h. er nahm keine Rücksicht auf besondere Anliegen oder Situationen und kümmerte sich nicht um das, was die Leute von ihm dachten. „Auch Gott fürchtete er nicht“, d.h. er tat, was er wollte und was ihm am besten passte.

Daneben wird eine Witwe vorgestellt, die in derselben Stadt wohnte und von ihm ein gerechtes Urteil erwartete. Witwen hatten im Alten Israel eine schwere Stellung, wenn es um Rechtsfragen ging. Keiner stand ihnen wirklich bei, sie wurden von niemandem geschützt oder vertreten. Das war das Problem dieser Frau. Sie hatte einen „Widersacher“, d.h. einen Gegner vor Gericht. Es gab offensichtlich einen Streit, bei dem die Frau eigentlich im Recht war, es wurde ihr bloß nicht gewährt. Dagegen wehrte sie sich und sprach persönlich bei dem Richter vor. Er sollte ihr Recht verschaffen.

Allerdings hatte er dazu keine Lust. Er „wollte lange nicht“, wie es heißt. Doch irgendwann besann er sich und verhalf der Witwe schließlich zum Recht. Besonders ehrenwerte Gründe hatte er zwar nicht – er wollte einfach nicht länger durch ihr Kommen belästigt werden – aber er tat am Ende, was sie wünschte.

Das ist das Gleichnis, das Jesus erzählt, und er schließt aus dem Verhalten des Richters auf Gottes Verhalten: Gott verschafft den Menschen, die zu ihm beten, sogar noch viel eher Recht. Er führt Hilfe herbei, wenn die Menschen unablässig zu ihm beten, und er hat Geduld mit ihnen. Insofern unterscheidet sich sein Verhalten erheblich von dem des Richters. Er handelt nicht willkürlich oder rücksichtslos, sondern langmütig und freundlich. Er erhört unser Beten und hilft uns. Das ist hier die Botschaft.

Aber stimmt die eigentlich? Oft deckt sie sich doch nicht mit unsren Erfahrungen. Wir senden viele Gebete zu Gott, die er nicht zu hören scheint. Jedenfalls ändert sich nichts in unserem Leben, wenn wir beten. Das ist eher unsere Erfahrung. Bei der Bitte um Heilung kann das z.B. so sein. Wird die erhört? Viele Krankheiten nehmen einen verhängnisvollen Verlauf, ganz gleich, wie sehr wir Gott in den Ohren liegen.

Und auch in größere Zusammenhänge sollte er endlich einmal eingreifen: Warum stoppt er den Krieg und den Terror nicht, gebietet keinem Tyrannen Einhalt, verhindert keine Naturkatastrophen, lässt so viel Menschen leiden und sterben? Jeden Sonntag beten wir dafür, dass das aufhört, aber es geschieht nichts. Warum ist das so? Das sind die Fragen, die sich unwillkürlich aufdrängen, wenn wir dieses Gleichnis lesen. Mit der Wirklichkeit scheint es nicht überein zu stimmen. Das ist unser Eindruck. Vielleicht ärgern wir uns sogar darüber.

Abtun sollten wir es aber trotzdem nicht, denn es enthält durchaus eine Botschaft, die sehr schön ist. Wir müssen uns nur klar machen, was das Verhalten der Witwe alles ausmacht: Sie hat eine Hoffnung gegen alle Vernunft, sie kämpft um ihr Recht, gibt nicht auf und lässt den Kopf nicht hängen. Sie sucht unermüdlich den Kontakt zu dem Richter und glaubt daran, dass er in Wirklichkeit gut ist. Und auch der Richter verdeutlicht vieles von dem, was wir von Gott erwarten können, wenn wir beten: Er hat ein Einsehen, lässt sich bewegen, hört zu und greift zum Schluss ein.

Und das können auch wir erleben, wenn wir so wie die Witwe zu Gott beten, mit Hoffnung und Vertrauen, Ausdauer und Geduld. Das Entscheidende daran ist der Kontakt zu Gott, und der ereignet sich, wenn wir beten. Dazu will das Gleichnis einladen, und es lohnt sich, wenn wir darüber einmal nachdenken.

Beim Beten geht es nämlich nicht nur um die Erfüllung unserer Wünsche, sondern um noch viel mehr. Wenn wir es regelmäßig praktizieren, beeinflusst es unser Lebensgefühl, es wirkt sich auf Seele und Geist aus und verändert durchaus etwas. Denn „im Gebet bringen wir unser Leben vor Gott“, und dabei fallen Sorgen und Ängste von uns ab. „Unsere Seele schöpft tief Atem.“

Lasst uns über das Beten deshalb einmal nachdenken und uns drei Dinge klar machen, die dabei wichtig sind. Im Anhang unseres Gesangbuches steht dazu eine sehr schöne kleine Anleitung (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutehrische Kirche,1994, Nr. 812). Dort wird zuerst herausgestellt wie gut es ist, dass wir überhaupt mit Gott reden, denn dabei ereignet sich das, was bei jedem anderen Gespräch auch geschieht: Wir öffnen uns füreinander. Zwischen Gott und uns entsteht eine Verbindung. Wir stellen uns auf seine Gegenwart ein, reden mit ihm im Herzen und ehren ihn. Das ist das erste, was beim Beten wichtig ist.

Als zweites müssen wir überlegen, wie wir am besten beten können, und dazu gehört zunächst, dass wir nicht nur an unsre Wünsche denken sollten, sondern immer mit dem Dank beginnen, mit unserem Lob und unserer Freude. Sie haben darin ihren Grund, dass Gott überhaupt da ist, für uns und für alle Welt. Wir können das gut mit den ersten Sätzen des Vaterunsers tun. Auch dort stehen sie nicht umsonst, sondern „führen uns zu Anbetung, Lob und Dank: Wir dürfen Gott unsern Vater nennen, unser Leben durch sein Wort bestimmen lassen, das Kommen seines Reiches mit Freuden erwarten und uns seinem Willen anvertrauen. Das ist der Grundton des Gebets der Kirche.

Aber wir dürfen Gott auch bitten: um das tägliche Brot, um Bewahrung und Hilfe, um Vergebung, für uns und für andere Menschen. Wir dürfen ihm unser Leid klagen, vor ihm aussprechen, was uns bewegt, […] auch das Persönlichste.“ Andere Weisen des Betens können andächtiges Schweigen und Nachdenken vor Gott sein. Sie führen uns ebenfalls zu ihm.

Und dazu kommt noch etwas Weiteres: „Im Gebet dürfen wir uns auf Jesus berufen und uns an ihn wenden. Er war dessen gewiss, dass Gott ihn hört. Wenn wir beten, nehmen wir teil am Gottvertrauen Jesu Christi. Mag unser eigener Glaube schwach, unser Gebet verkümmert sein, Gott hört uns dennoch um Christi willen.“

Wenn wir uns das Beten vornehmen, ist es sinnvoll, feste Zeiten im Tagesablauf dafür einzurichten. Sie ermöglichen es, „zur Ruhe zu kommen und mit dem Beten vertrauter zu werden. Dafür bieten sich Morgen und Abend, aber auch die Mahlzeiten an. Zeiten der Stille, verbunden mit Lesen der Bibel und dem Gebet, helfen zur Ordnung, die unser Leben prägt und trägt. Unser Beten wird reicher, wenn wir auf das gelesene oder gehörte Gotteswort antworten, oder unser Leben unter einem Bibelwort neu überdenken. Wenn dies zusammen mit anderen geschieht, kann eine solche Gebetsgemeinschaft unser Beten ermutigen und vertiefen.

Die größte Gebetsgemeinschaft sind die Gottesdienste der weltweiten Kirche. Das Gebet des einzelnen wird umschlossen vom Gebet der ganzen Kirche, das, getragen vom Geist Gottes, durch alle Zeiten und rund um den Erdball geht. Es ist Gottes Geist, der alle Betenden verbindet und auch für die eintritt, die nicht beten können.

Wir dürfen mit eigenen Worten beten. Wenn uns aber die Worte fehlen, so kommen uns Gebete zu Hilfe, die schon andere gesprochen haben. Dazu gehören die Psalmen, die auch Jesus gebetet hat. Viele Gesangbuchlieder sind Gebete, in die wir einstimmen können. Eine Hilfe beim Beten ist es, die Hände zu falten, in manchen Fällen auch zu knien. Sich bei den Worten: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes mit dem Kreuz zu bezeichnen, ist ein Brauch, den auch evangelische Christen nicht scheuen müssen. Ein stiller Raum, wo man ungestört ist, hilft zur inneren Sammlung.“ So lautet die Anleitung im Gesangbuch zur Praxis des Betens. Unser Gleichnis spricht zwar nicht davon, aber wir können es gut so verstehen.

Beachten müssen wir bei all dem allerdings noch einen dritten Gedanken, der in der Lehre Jesu immer eine Rolle spielt: Jesus lebte in dem Bewusstsein, dass diese Welt bald vergeht. Er erwartete das nahe Ende und hat deshalb stets dazu aufgerufen, sich dem kommenden Reich Gottes zuzuwenden. Auf diesem Hintergrund müssen wir auch das Gleichnis von der bittenden Witwe verstehen. Es lädt dazu ein, sich aus der Welt heraus auf Gott zu konzentrieren, bei ihm den Halt zu suchen und sich ganz ihm anzuvertrauen. Und genau das tun wir beim Beten. Wir kommen dadurch aus unserer Diesseitigkeit heraus und in Berührung mit der Ewigkeit. Unsere Wünsche und Erwartungen werden kleiner und unbedeutender. Die Dinge im Leben rücken sich zu Recht, es entsteht eine neue Ordnung in unserem Denken und Ruhe kehrt ein.

In jeder orthodoxen Kirche hängt nicht umsonst in der Mitte der Altarwand ein Bild von Jesus als dem Weltenherrscher oder Weltenrichter. Er thront auf einem Stuhl und ist den Gläubigen zugewandt. Er ist gnädig und ordnet die Welt mit seiner Liebe. Die Menschen finden deshalb bei ihm einen tiefen Halt und einen Ausblick, der sie froh und zuversichtlich macht. Und so soll es sein.

Lasst uns deshalb am Glauben festhalten, unermüdlich zu Gott beten und ihm die Ehre geben.

Amen.

Die Kraft der Liebe

Predigt über Hoheslied 8, 6- 7: Liebe ist stark wie der Tod

20. Sonntag nach Trinitatis, 30.10.2022, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Zu den wesentlichen menschlichen Grundbedürfnissen gehört es, eine Familie zu haben. Sie erfüllt wichtige wirtschaftliche, rechtliche und auch emotionale Funktionen. Sie stiftet Identität, trägt zum Selbstbild bei und bildet die Basis für dauerhafte Beziehungen. Den engsten Kern bilden Eltern und Kinder, aber auch die weitere Verwandtschaft gehört zur Familie. Durch sie entstehen bereits in der Kindheit persönliche Bindungen von hoher Bedeutung. Die engen Beziehungen werden später größtenteils auf Lebens- und Ehepartnerinnen der Verwandten erweitert und bis ins hohe Alter aufrechterhalten. Sie werden durch Familienbesuche und Familienfeste zelebriert. Auch die Erben sind fast immer Familienangehörige. Die meisten jungen Menschen wollen deshalb eine Familie gründen. Sie haben dann einen Kreis, in dem sie sich geborgen und sicher fühlen.

Doch leider ist genau das nicht so einfach. Gerade heutzutage halten Beziehungen oft nicht ein Leben lang. Konflikte, Meinungsverschiedenheiten, Neid oder Missgunst können Familien zerstören. Es kommt zu Trennungen und zum Zerfall. Manchmal ist sogar gerade die Familie der Ort, wo großes Leid angerichtet wird, durch Gewalt oder Missbrauch.

Es ist also keineswegs selbstverständlich, dass die Familie ein sicherer Hafen ist und das bietet, wonach wir uns sehnen. Das geschieht nur, wenn wir uns darum ganz bewusst bemühen und eine Kraft zulassen, die uns zusammenhalten kann: Es ist die Kraft der Liebe.

Normalerweise steht die auch am Anfang jeder Familiengründung, denn sie beginnt damit, dass zwei Menschen heiraten, und das tun sie heutzutage in unserer Gesellschaft meistens aus Liebe. Sie wollen sich gegenseitig stützen, füreinander da sein, auch in schweren Zeiten. Zuverlässigkeit und Vertrauen bilden die Grundlage, dass man zusammen passt und sich ergänzt. Die beiden Menschen versprechen sich deshalb lebenslange Treue.

Am Anfang der Ehe ist die Liebe auch stark und fest, genauso wie es in einem Bibelwort zum Ausdruck kommt, das heute unser Predigttext ist. Es steht im sogenannten Hohen Lied der Liebe, einem Buch im Alten Testament, das alte israelische Hochzeitslieder enthält. In Kapitel acht wird die Macht der Liebe besungen, und dort sagt die Braut zu ihrem Bräutigam:

„Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können.“

Das ist ein starkes Wort in einer wunderbaren Sprache, mit der in schönen und anschaulichen Bildern beschrieben wird, wie stark die Liebe ist.

Das erste Bild ist das vom Siegelring. Darunter muss man sich ein Kleinod vorstellen, das als Zeichen der Verbundenheit an einer Schnur um den Hals getragen wurde. Es war unverkäuflich und ruhte nah am Herzen. Bildlich steht es für das, was man nicht mehr loslässt, was einen schmückt und für immer zu einem gehört. Passender kann man die Verbundenheit von Mann und Frau kaum beschreiben, denn genauso ist es gemeint, wenn Sie sich ihr Ja-Wort geben: Sie werden sich gegenseitig zum wertvollsten, was Sie haben, und immer nah am Herzen des anderen sein.  

Hieran schließt sich das zweite Bild an, das die Unbezwingbarkeit der Liebe beschreibt: Sie ist stark wie der Tod bzw. das Totenreich. Das klingt etwas unheimlich, denn vor dem Tod haben wir alle Angst. Wenn er kommt, ist er unausweichlich, es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Er ist endgültig und unbesiegbar. Doch gerade dadurch wird die Liebe hier als die stärkste Macht überhaupt beschrieben: Auch ihr können wir uns nicht entziehen, wenn sie einmal da ist und uns ergriffen hat.

Dann ist sie sogar noch stärker als der Tod. Davon handeln die folgenden Bilder: Die Liebe wird mit einer Flamme verglichen, einer heißen Glut, die sich durch nichts auslöschen lässt. Selbst noch so große Wasser sind dazu nicht in der Lage. Ströme, die darüber hinweg fließen, können sie nicht wegspülen.

Die Liebe ist also eine Macht, die die gesamte Natur beherrscht und im Dienst des Lebens alle Mächte des Todes besiegt. Sie ist deshalb auch die Kraft, die unsere Familien zusammenhalten kann, selbst wenn es Konflikte und Probleme gibt. Mit der Liebe können wir sie lösen und bewältigen.

Diese Liebe wünschen wir uns deshalb, und sie steht ja auch – wie gesagt – meistens am Anfang einer Ehe. Dass sie uns allerdings erhalten bleibt, ist leider nicht selbstverständlich. Sie kann uns verloren gehen, aus dem Blickfeld geraten und ins Abseits gedrängt werden. Was können wir dagegen tun? Dazu finden wir in unsrem Evangelium von heute einen wichtigen Hinweis, den wir beachten müssen.

Jesus redet in dem Abschnitt über Ehe und Ehescheidung, und er formuliert einen Satz, der in jeder kirchlichen Trauung vorkommt. Es ist die Formel: „Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden.“ (Mk. 10,9) Wenn wir das bei einer Heirat anwenden und uns darauf gründen, sind die Ehepartner durch noch mehr verbunden, als nur durch ein persönliches Gefühl oder ihr eigenes Erleben. Die Liebe Gottes kommt dazu, und sie ist groß und stark. Die wahre Liebe hat immer etwas Göttliches. Sie ist nicht nur eine menschliche Regung. Wir stellen sie nicht selber her, sondern sie wird uns geschenkt und verbindet uns mit Gott. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns zu ihm bekennen, wenn die Liebe lebendig bleiben soll, dass wir an ihn glauben und auf ihn vertrauen. Denn Gott ist so, wie es hier beschrieben wird: Niemand kann ihn hindern oder vernichten, er ist stärker als alle Kräfte der Natur und stärker als der Tod. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns auf seine Gegenwart gründen. Dann haben wir mehr, als nur uns selbst und unser eigenes Vermögen. Wir gewinnen ein tiefes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, genau das, wonach wir uns sehnen. Wir müssen uns nur an ihn halten.

In Zeiten, die nicht so einfach sind, ist das besonders wichtig. Wenn es Probleme gibt, fühlen wir uns ja allein, denn wir können die Liebe nicht von unseren Mitmenschen erwarten. Jedes Familienmitglied ist mit sich selbst beschäftigt. Und dann ist es entscheidend, dass eine Person „einfach einmal anfängt“, ganz gleich, ob die anderen auch mitmachen. Die Liebe muss erst einmal von einem oder einer ausgehen und ist dadurch möglicherweise vorübergehend einseitig. Es gehört dazu, dass wir nichts erwarten oder fordern. Das ist anstrengend und geht uns gegen den Strich, es bedeutet Selbstlosigkeit. Doch genau die ist nötig und auch möglich, denn es gibt eine Liebesquelle, die unabhängig von uns selbst und den anderen ist: Es ist die Liebe Gottes.

In Zeiten der Not und Unsicherheit können wir darauf vertrauen. Denn Gottes Liebe ist eine Macht, die heiß wie eine Flamme ist und fest steht wie ein Fels. Durch sie gelingt es, dass jeder und jede Einzelne in einer Familie stark ist, die Ansprüche an die anderen auch einmal zurückstellt, einfach nur hilft und selbstlos für die Angehörigen da ist.

Diese Liebe ist mit dem Bibelwort gemeint. Hier ist von einer starken Tugend die Rede, die uns im Glauben an Gott möglich wird. Sie ist das Größte, das es gibt, durch sie überwinden wir alle Tiefen und Hindernisse und finden immer wieder zueinander. Wir brauchen diese Liebe, denn nur durch sie können eine Ehe und eine Familie ein Leben lang halten.

Und es ist gut, wenn wir sie nicht nur dort leben. Gerade in der heutigen Zeit, wo die herkömmlichen Lebensformen unsicher geworden sind, sollten wir die Liebe mit allen unseren Mitmenschen teilen. Auch in anderen Beziehungen sind Treue und Verlässlichkeit, Vertrauen und gegenseitige Hilfe wichtig, in Freundschaften und unter Nachbarn, in der Gemeinde und im Kollegenkreis.

Das wollte Jesus, so hat er es praktiziert. Er vertrat die Überzeugung, dass unser Miteinander von der Liebe Gottes erfüllt sein muss, und das hat er auch gelebt. Denn dann sind unsere Beziehungen an einem tiefen Halt befestigt und in etwas begründet, das größer ist, als die menschliche Liebe. Und das ist entscheidend für unser Zusammenleben. Wenn das so ist, werden wir gehalten, was immer geschieht, nichts wirft uns aus der Bahn. Denn der Segen Gottes liegt auf unserem Miteinander.

Amen.

Ermuntert einander

Predigt über Epheser 5, 15- 20: Singt Psalmen und geistliche Lieder

18. Sonntag nach Trinitatis, 16.10.2022, Lutherkirche Kiel

Epheser 5, 15

15 So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise,
16 und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit.
17 Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.
18 Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.
19 Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzena
20 und asagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde.

„Wie geht es dir?” Das sagt man normalerweise nach jeder Begrüßung. Auf Englisch heißt die Frage: „How do you do?“ und dort lautet die gängige Antwort: „Danke, mir geht es gut. Und wie geht es dir?“ Es ist in England also eine Art Höflichkeitsfloskel, mit der man erst einmal Allgemeinplätze austauscht, bevor man in ein echtes Gespräch kommt. In vielen Kulturen macht man das so – in Deutschland allerdings nicht.

Hier nimmt man die Frage ernst und beantwortet sie ausführlich. Dadurch ist man sofort bei dem, was gerade oben auf liegt, und das ist meistens eine Menge. Jeder und jede erzählt gern, was ihn oder sie gerade beschäftigt. Man freut sich über die Gelegenheit, es einmal sagen zu können, über ein offenes Ohr und die Aufmerksamkeit, denn oft sind es schwierige Erlebnisse. Uns bedrückt etwas, ein Problem steht im Raum, wir leiden unter den Gegebenheiten, und das wollen wir gerne mit anderen teilen. Für das Gegenüber ist die Antwort deshalb häufig belastend und anstrengend. Vielleicht bereut man es sogar, dass man überhaupt gefragt hat. Denn erbaulich ist so ein Gespräch nur sehr selten.

Es entspricht auch nicht dem, was Paulus uns für unser Miteinander vorschlägt. In der Epistel von heute, einem Abschnitt aus dem Epheserbrief, steht vielmehr die Ermahnung: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ Und das ist interessant. Auf die Idee kommen wir nicht unbedingt, wenn wir uns treffen.

Die Ermahnung stammt natürlich aus einem anderen Zusammenhang. Es geht hier nicht um Begrüßungsformen, sondern um den Zusammenhalt der Christen untereinander. Im Epheserbrief ist das sowieso ein zentraler Gedanke. Da entfaltet Paulus seine Vorstellung von der Kirche und der christlichen Gemeinde. Sie ist für ihn der Ort, an dem sich das Heil, das Jesus Christus gebracht hat, verwirklicht. Sie ist der Bereich, in dem seine Macht spürbar wird, weil die Menschen sich ihm unterstellen.

Unmittelbar vor unserem Textabschnitt beschreibt er das, indem er von dem „Licht“ redet, in dem die Christen wandeln sollen. Wenn sie das nicht tun, sind sie in Finsternis, denn dann vollziehen sie das neue Leben nicht, das Jesus Christus ihnen ermöglicht hat. Er hat sie durch seine Liebe gerettet, und das sollen sie nun auch mit ihrem Lebenswandel umsetzen.

Darauf bezieht sich in unserem Textabschnitt der Satz: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise“. Weisheit besteht für Paulus darin, den Willen Gottes zu erkennen und zu tun, eben „im Licht zu wandeln“.

Weiter heißt es: „lasst euch vom Geist erfüllen.“ Für Paulus ist das der Gegensatz zu einem „unordentlichen“ Leben. Er sagt vorher: „Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt“. Vielleicht gab es diesbezüglich Missstände in der Gemeinde in Ephesus. Vielleicht ist es aber auch nur ein Gedankenspiel, mit dem Paulus daran erinnern will, dass der Geist Christi berauschen kann. Er kann den Menschen ergreifen und prägen, sein Tun und Handeln ganz und gar bestimmen, und das wünscht Paulus den Ephesern. Damit sollen sie auch nicht warten, sondern „die Zeit auskaufen“, also jetzt beginnen. 

Die Epheser können sich demnach gegenseitig dabei helfen, ein Leben im Licht Christi zu führen, indem sie den Geist Christi zulassen, dankbar sind und Lieder und Psalmen singen. Denn dabei ist Gott selber gegenwärtig, die Gesänge transportieren seine Nähe und seinen Geist, sie gehen zu Herzen und erfüllen das Gemüt. Paulus lädt seine Leser und Leserinnen zu einer gottesdienstlichen Lebensführung ein, die sich von einen auf die andere überträgt. Sie lässt die neue Wirklichkeit lebendig werden, die Jesus Christus heraufgeführt hat. 

Das ist hier der Gedanke, und der ist sehr schön. Er regt uns dazu an, einmal zu fragen, was bei uns oben auf liegen sollte. Womit können wir uns am besten gegenseitig aufbauen und Freude machen? Unsere Geschichten sind es nur selten, denn die sind wie gesagt oft negativ. Die Dinge, die in unserem Leben gerade geschehen, unsere Erlebnisse und Gefühle sind meistens nicht dazu geeignet, anderen Menschen eine Freude zu machen. Wir erzählen sie auch nicht deshalb, sondern weil sie gerade Thema sind, und wir uns damit identifizieren.

Wenn wir z.B. krank sind, dann ist das der Inhalt unseres Lebens. Unser ganzes Denken und Wünschen, unsere Ängste, Sorgen und unsere Hoffnungen kreisen um das Leid, das damit einhergeht. Mit anderen Nöten ist das genauso, sei es der Verlust unserer Arbeitsstelle, drohende Armut oder Heimatlosigkeit, ein Konflikt in der Familie, die allgemeine Weltlage oder was auch immer. Oft bestimmen die Probleme unser Lebensgefühl, sie erfüllen uns und machen uns aus.

Gut tut uns das nicht. Im Gegenteil, es trübt unseren Geist, die Freude verschwindet aus dem Leben, wir werden griesgrämig und negativ. Es wäre viel besser, wenn etwas Positiveres und Helleres unseren Geist bestimmt und unser Bewusstsein prägt. Und das kann sehr gut das sein, was Paulus uns hier rät. Ein Psalm oder ein geistliches Lied hätte eine sehr heilsame Wirkung. Wir müssen es nur bewusst so einsetzen, als ein Hilfsmittel gegen negative Gedanken.

Gerade die Psalmen werden nicht umsonst seit Jahrtausenden gesungen. In der Christenheit geschieht das hauptsächlich in den Klöstern. Aber auch in unserer evangelischen Kirche ist die Tradition des Psalmengesanges lebendig geblieben. Eine geistliche Gemeinschaft, die Michaelsbrüder, haben z.B. ein Tageszeitenbuch herausgegeben, in dem sie den gesamten Psalter so aufgeteilt haben, dass man ihn einmal im Jahr gebetet hat, wenn man morgens, mittags und abends jeweils etwas daraus liest oder singt. Den Sinn des Psalmengesanges begründen die Michaelsbrüder folgendermaßen: „Mit den Psalmen […] stimmen wir […] in das Beten Jesu und seiner Jünger ein, die – wie die Angehörigen des Volkes Israel vor ihnen und nach ihnen – die Psalmen gebetet und gesungen haben. Indem wir uns mit ihnen vereinen, entdecken wir mit Staunen: Wir Menschen von heute sind in diesen uralten Gebeten aufgenommen. Wir erfahren, dass unsere Leiden und Ängste, unsere Freude und unser Dank ernstgenommen werden – aber indem wir sie vor Gott aussprechen, indem wir in das Lob der Taten Gottes einstimmen, verlieren die Nöte an Gewicht, während die Zuversicht wächst. Das Beten der Psalmen bereitet einen inneren Raum für das Hören auf das Wort und für das aktuelle Gebet.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Ev. Michaelsbruderschft, 4. Auflage, Göttingen 1998, S. 405) Sie bewirken also genau das, was wir uns wünschen, wenn wir von unseren Kümmernissen reden, denn es rückt etwas anderes an erste Stelle, als das, was uns sonst so umtreibt.

Und das kann man auch über die geistlichen Lieder sagen. Wir haben als evangelische Christen einen wunderbaren Schatz, das ist unser Gesangbuch. Die Lieder, die wir darin finden, sind nicht nur für den Gottesdienst geeignet, sie dienen auch der Frömmigkeit des Einzelnen. Man kann sie bedenken und meditieren und daraus Trost und Hilfe erfahren. Wenn man sie auswendig lernt, hat man immer eine eiserne Ration an geistlicher Nahrung, die in der Not stärken und helfen kann.

Viele Lieder sind auch tatsächlich als „Ermunterung“ für den Einzelnen gedacht. Er oder sie soll daraus neue Kraft schöpfen. Und das gelingt deshalb, weil sie aus dem Leben heraus entstanden sind. Es stehen immer bestimmte Situationen dahinter, und jeder Dichter und jede Dichterin wollte damit den anderen Gläubigen etwas schenken.

So passt in schweren Lebenslagen z.B. wunderbar das Lied von Paul Gerhard: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“ (EG 361,1)

Wenn wir uns diese Lieder gegenseitig geben und sie gemeinsam singen, dann „ermuntern“ wir uns und „bauen uns auf“. Denn dadurch entsteht ein Raum, in dem Gott gegenwärtig ist, in dem wir die Ewigkeit spüren, und unsere Leiden und Nöte leichter werden.

Auch die Dankbarkeit gehört zu den Mitteln, die das bewirken. Die erwähnt Paulus ja als Drittes. Wenn sie in unser Herz einzieht, sind wir gegen Groll und Angst geschützt, unser Geist wird hell und Freude kehrt ein. Wir werden getröstet und gestärkt und bekommen neue Kraft. Es dringt Licht in die Finsternis, das unseren Wandel dann beeinflusst.

Und damit das wirklich geschieht, könnten wir uns etwas angewöhnen: Ich habe einmal erlebt, wie jemand bei einem Gespräch über dieses Thema mit einem Mal einen kleinen Zettel aus seiner Hosentasche holte. Darauf stand der Satz: „Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Das ist aus Psalm 91 Vers 11. Der Betreffende hatte diesen Zettel einmal auf einer Freizeit von der Leiterin bekommen. Er erzählte uns, dass sie ihren Mitmenschen immer solche Spruchkarten schenkt, und das ist eine sehr schöne Idee.

Auf die Frage „Wie geht es dir?“ könnten wir ebenfalls mit einem Psalmwort antworten. Stellt euch vor, ihr werdet das nächste Mal danach gefragt. Dann erzählt ihr nicht, wie schlimm gerade alles ist, sondern sagt: „Danke, mir geht es gut. Denn „der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Psalm 23,1) Oder: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.“ (Ps. 46,2f)

Es gibt viele wunderbare Psalmsprüche, die uns erbauen und ermuntern können. Eine kleine Auswahl findet ihr hier. Sicher ist dabei ein Spruch, der euch hilft, im Licht der Liebe Gottes zu wandeln.

Amen.

Christus muss in mir wachsen

Predigt über Apostelgeschichte 9, 1- 20: Die Bekehrung des Saulus
4.9.2022, 12. Sonntag nach Trinitatis
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Apostelgeschichte 9, 1- 20

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester
2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.
3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel;
4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst.
6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.
7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.
8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus;
9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.
10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr.
11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet
12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde.
13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat;
14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen.
15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.
16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen
17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest.
18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen
19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus.
20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.

Liebe Gemeinde.

Ihr kennt sicher alle die kleinen Internet-Gesichter, mit denen wir beim Nachrichtenschreiben gerne unsere Emotionen ausdrücken. Es gibt sehr viele, allein für das Gefühl der Wut oder des Zorns hab ich vier gefunden: eins mit hochrotem Kopf, eins mit zorniger Augenstellung, eins mit Symbolen für Kraftausdrücke vor dem Mund und eins, bei dem der Atem wie Auspuffgase aus den Nasenlöchern kommt. Denn genauso geht es uns, wenn wir wütend sind: Wir laufen rot an, bekommen Zornesfalten, fluchen und schnauben durch die Nase.

Es geschieht, wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind, uns ärgern, etwas ablehnen, uns ungerecht behandelt fühlen und meinen, im Recht zu sein. Und das geht uns immer mal wieder so, denn jeder und jede von uns hat bestimmte Überzeugungen, Ideale, Wertvorstellungen und Ziele, die nicht unbedingt mit denen unserer Mitmenschen übereinstimmen. Es kommt dann auf unser Temperament an, ob wir uns aufregen und das auch zeigen. Wir können unsere Gefühle natürlich kontrollieren, und meistens tun wir das wahrscheinlich auch, aber es kann auch Situationen geben, da zeigen wir sie ganz bewusst.

Bei Saulus war letzteres der Fall. Wir haben vorhin die Geschichte seiner Bekehrung gehört, und die beginnt mit seiner Wut gegen die Christen. Es heißt am Anfang: „Er schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn.“ Das Wort „Schnauben“ ist eine bildliche Bezeichnung des heftigen Zornes, den er verspürte. Man kann auch übersetzen: „Er wütete weiterhin mit Drohungen und Mord gegen die Jünger des Herrn.“ Denn für ihn war der neue Glaube eine ungeheure Gotteslästerung, ein Frevel und eine Frechheit gegenüber dem jüdischen Gesetz. Saulus verfolgte die Christen deshalb und lieferte sie aus. Er tat das mit großem Eifer, denn er war ein gesetzestreuer Pharisäer und griechisch gebildeter Jude mit römischem Bürgerrecht. Er unternahm den Versuch, den Anhängern Jesu die Möglichkeiten zu nehmen, sich zusammenzufinden. Er wollte die jungen christlichen Gemeinden zerstören.

Doch eines Tages wurde seinem feindseligen Handeln ein jähes Ende gesetzt. Es geschah, als er gerade nach Damaskus ging, um dort wieder christliche Familien aufzuspüren. Da „umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel“ und warf ihn zu Boden. Man muss sich das so vorstellen, dass der Himmel sich spaltete und das aus ihm hervordringende Licht Saulus von allen Seiten wie feurige Blitze umgab. Er verlor mit einem Schlag seine ganze Kraft und hörte die Stimme Jesu, die zu ihm sprach. Saulus hatte Jesus zu Lebzeiten nie gesehen. Auch nach seiner Auferstehung gehörte er nicht zu denen, die ihm begegnet waren. Doch das änderte sich nun. Jesus erschien ihm und erteilte ihm einen Auftrag: „Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.“ Das waren seine Worte. Jesus nahm sich also ausgerechnet diesen Mann und gab ihm einen Auftrag.

Allerdings nicht sofort. Es gab noch eine dreitägige Zwischenzeit, denn zunächst war Saulus so geblendet, dass er nichts mehr sah, und so erschüttert, dass er nichts mehr aß und trank. Er musste an die Hand genommen und in die Stadt geführt werden. Dort wohnte er dann „in dem Haus des Judas“, wie es heißt, betete und zu fastete. Er wartete darauf, dass Jesus sein Leben nun irgendwie in die Hand nehmen würde.

Und das geschah durch einen Mann namens Hananias, einem namhaften Vertreter der christlichen Gemeinde, der den Auftrag erhalten hatte, Saulus zu besuchen. Und bei der Begegnung klärte sich alles: „Hananias legte die Hände auf ihn“ „und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich.“

Saulus bekam einen neuen Glauben, einen neuen Auftrag und auch einen neuen Namen. Er hieß nun Paulus und wurde ein „auserwähltes Werkzeug“ Jesu. Denn von nun an trug er dessen „Namen vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.“

Das ist die berühmte Geschichte von der Bekehrung und Beauftragung des Paulus, und daran ist vieles für uns interessant, vor allem die Veränderung, die durch die Erscheinung Jesu Christi im Leben von Paulus vor sich ging. Er hat nämlich nicht einfach nur die Religion gewechselt und eine neue Lehre angenommen, sondern er war seitdem mit Christus erfüllt. Christus war „in ihm“, wie er es in vielen Stellen seiner Briefe ausdrückt. Sein Leben wurde dem Schicksal Jesu ähnlich. Er musste „viel leiden um seines Namens willen“, wie es am Ende unserer Erzählung heißt. Von nun an war er nicht mehr von seinem eigenen Wollen gesteuert, sondern der Wille Gottes führte ihn. Er wurde dadurch einem der größten Missionare der Christenheit. Als erster hat er das Evangelium in die Welt hinausgetragen, und bis heute lesen wir seine Briefe, denn sie enthalten die grundlegenden Inhalte unseres Glaubens. Und das sind nicht nur Dogmen und Ideen, sondern Paulus betont überall, dass es um den lebendigen Christus geht. Das entscheidende Ereignis war in seinem Leben kein Theologiestudium, sondern seine Bekehrung.

Und das ist auch für uns wichtig. Denn oft verwechseln wir da etwas. Wir meinen schnell, dass unser Glaube vor allem aus bestimmten Handlungsanweisungen besteht. Wir ermahnen einander, appellieren gegenseitig an unser Gewissen, stellen religiöse Richtlinien und Gesetze auf.

Natürlich gehört das alles auch dazu, aber es ist nicht das entscheidende und es hat problematische Folgen. Denn natürlich setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte. Wir interpretieren die Bibel nicht alle in der gleichen Weise, sondern verstehen sie so, wie es in unser Denken passt. Und dadurch entstehen unter uns oft Konflikte. Häufig führt es zu Rechthaberei, manchmal auch zum Streit und zur Wut aufeinander, zu Spaltungen und Trennungen. Und das ist dann nicht mehr schön. So sollte die Gemeinde Christi eigentlich nicht sein.

Allerdings ist es nicht ganz leicht, daran etwas zu ändern. Wir brauchen Hilfe, und in der Geschichte von der Bekehrung des Paulus finden wir ein paar wichtige Hinweise dazu. Wir können sie auch auf andere Situationen anwenden, in denen wir meinen Recht zu haben. Es passiert ja oft, dass wir mit etwas nicht einverstanden sind, was unsere Mitmenschen tun der sagen. In der Familie, im Kollegium, in der Öffentlichkeit, überall kann es dazu kommen, dass wir uns ärgern, etwas ablehnen und uns ungerecht behandelt fühlen. Unsere jeweiligen Überzeugungen, Ideale, Wertvorstellungen und Ziele führen zu vielen Konflikten, und es entsteht immer wieder Streit. Nicht umsonst gibt es die verschiedenen Gesichter im Internet für diese Emotionen. Doch die tun niemandem gut. Sie zerstören nicht nur unser Miteinander, auch unsere eigene Seele wird vergiftet.

Doch es gibt ein Gegenmittel: Es ist der Glaube an Jesus Christus. Er kann uns helfen, und unsere Geschichte zeigt uns, wie das vor sich geht. Wir können hier nämlich herauslesen, was Jesus Christus tut, wie ein christliches Leben aussieht, und wie sich das Evangelium auswirkt. Drei Grundzüge können wir erkennen:

Erstens bedeutet Glauben, dass Jesus selber uns immer wieder entgegen tritt, und wir seine Stimme hören. Er zeigt sich uns und erteilt auch uns einen Auftrag. Der Glaube ist also keine Ideologie, er besteht nicht aus unseren Ideen oder Gedanken, er erschöpft sich nicht in Ethik oder Moral, sondern er lebt von der Gegenwart des lebendigen Herrn. Jesus muss auch in unser Leben treten. Er will an uns handeln, unsere Gedanken prägen, unsere Entscheidungen vorbereiten und uns führen. Er will auch uns immer wieder erschüttern, befreien und erleuchten. Das ist der erste Punkt, der hier deutlich wird.

Der zweite Schritt besteht nun in unserer Reaktion darauf. Paulus brauchte nach der ersten Begegnung drei Tage, um sie zu verarbeiten, und in diesen Tagen tat er praktisch nichts. Er war still und wartete ab, betete und fastete. Er gab Christus die Möglichkeit, sein Leben wirklich in die Hand zu nehmen. Er antwortete auf das Erlebnis also mit Vertrauen und Hingabe, und das ist ein schöner Hinweis.  

Auch für uns gilt, dass wir uns immer wieder Zeit nehmen müssen, um der Gegenwart Christi in unserem Leben Raum zu geben. Es ist eine Zeit des Loslassens, in der wir nicht mehr auf unsre eigene Kraft oder unsere Ideen vertrauen, in der wir uns nicht durchsetzen, sondern ruhig werden, nicht viel denken und schon gar nicht handeln, sondern einfach nur bereit und offen sind.

Dieses Warten und Vertrauen, Beten und Hören kann auch durch eine Lebenskrise ausgelöst werden. Es kann ganz von alleine kommen, denn es gibt ja Erlebnisse, die fühlen sich an, als ob wir geblendet werden. Wir sehen danach nicht, wo es lang geht. Alles scheint verdunkelt und unklar. Das gilt es dann auszuhalten und abzuwarten. Denn auch wir können gerade dadurch etwas Neues empfangen.

Vielleicht geschieht es auch bei uns durch andere Menschen, die wir treffen, die mit uns reden, uns die Hand auflegen und uns helfen. Wir müssen sie nur gewähren lassen. Das ist der zweite Punkt.

Und als drittes folgt daraus natürlich ein neues Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen. Es entsteht durch die Kraft des Heiligen Geistes. Wir werden froh und frei und können auch andere Meinungen akzeptieren. Konflikte, Streit und Wut lösen sich auf, sie verschwinden von selber. Wenn wir auf die Gegenwart Christi vertrauen, der unter uns lebendig ist, müssen wir uns noch nicht einmal zusammenreißen. Unser Zorn legt sich ohne unser Zutun, oder er kommt gar nicht erst auf. Eine andere Wirklichkeit erfüllt und umgibt uns und wird unter uns lebendig.

Johannes der Täufer hat über Jesus gesagt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh. 3,30) Das könnte auch Paulus so geschrieben haben und unzählige andere, die im Namen Jesu aufgetreten sind. Es macht deutlich, dass das Leben mit Jesus ein Weg ist. Wenn wir uns dafür entscheiden, fängt etwas an, das dann weiter geht und wächst. Wir sind nicht ein für alle Mal bessere Menschen, wenn wir uns für Jesus entscheiden, sondern entwickeln uns immer weiter, näher zu ihm hin. Wir werden ihm im Laufe des Lebens ähnlicher, kommen langsam in sein Licht und sehen klarer. Unser Eigenwille, der uns von ihm trennt, verliert seine Macht, weil die Macht des Lichtes Gottes uns umfängt.

Amen.

Ich bin getauft

Predigt über Römer 6, 3- 8: Taufe und neues Leben

6. Sonntag nach Trinitatis, 24.7.2022, Luther- und Jakobikirche Kiel

Römer 6, 3- 8:
3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

Liebe Gemeinde.

Drei Kirchenkreise in Schleswig-Holstein feiern in diesem Sommer große Tauffeste am Strand: In Büsum, in Eckernförde und in Kiel finden sie statt, und alle sind ausgebucht. Die Feste werden aus einem guten Grund veranstaltet: Während der vergangenen Jahre sind im Norden wegen der Pandemie weniger Menschen in die Kirche aufgenommen worden. Viele Leute haben sich in der Corona-Zeit von der Kirche entfernt und finden nicht mehr zurück. Deshalb wird ihnen nun dieses Angebot gemacht, und es scheint gut anzukommen. Hier in Kiel soll es am 13. August am Skagerakufer in Friedrichsort geschehen. Etwa 85 Täuflinge werden es sein, d.h. bis zu 1000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind dabei. Die Familien können es sich auf Decken auf der Wiese hinter dem kleinen Strand gemütlich machen. Während des Gottesdienstes gehen sie nacheinander mit Ihrem Pastor oder ihrer Pastorin ans Wasser zur Taufe. Bis zu sieben Taufen sollen gleichzeitig stattfinden. Nach einem gemeinsamen Abschluss des Gottesdienstes können die Gäste dann auf der Wiese picknicken. Jeder und jede bringt das Essen und die Getränke für sich und seine Gäste selbst mit. Es werden also überall fröhliche Feste.

Doch wie passt das mit dem Abschnitt zusammen, den wir vorhin aus dem Römerbrief gehört haben? Paulus schreibt da etwas über die Bedeutung der Taufe. Aber er betont nicht die Freude und das Leben. Am häufigsten stehen da vielmehr die Worte „Tod“, „Sterben“ und „Begrabenwerden“. Er sagt gleich am Anfang: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod.“ Und das klingt eher düster. Es scheint mit unseren schönen Tauffeiern irgendwie nichts zu tun zu haben.

Aber das ist zu kurz gedacht. Wir müssen den Text genau lesen, dann entdecken wir, dass dort genauso oft Begriffe wie „neues Leben“ und „Auferweckung“ stehen. Und am wichtigsten ist ein kleines Wort, das hier insgesamt fünf Mal vorkommt, und das ist das Wort „mit“. Es bezieht sich auf Christus und uns und beschreibt unsere Gemeinschaft „mit“ ihm. Sie entsteht in der Taufe, denn da werden wir „mit ihm verbunden“, und das heißt, dass wir auch an seinem Schicksal Anteil gewinnen. Wir werden also auch „mit ihm gekreuzigt“, wir „sterben mit ihm“, werden „mit ihm begraben“, um dann aber auch „mit ihm auferweckt“ zu werden und „in einem neuen Leben zu wandeln“. Das ist das, was Paulus hier sagt.

Es geht ihm bei der Taufe also um mehr, als um ein Fest des natürlichen Lebens. Es entsteht eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Christus und uns. Und die markiert einen tiefen Einschnitt, der wie ein Sterben und wieder Auferstehen ist. Es gibt ein Einst und das Jetzt, und die sind klar voneinander abgegrenzt. Die Taufe hat für Paulus also eine tiefe Bedeutung, und es ist gut, wenn wir das ernst nehmen.

Dabei müssen wir natürlich berücksichtigen, dass er die Kindertaufe noch gar nicht kannte. Für ihn hing die Taufe vielmehr immer mit dem Bekenntnis zum christlichen Glauben zusammen. Wer die Predigt des Evangeliums gehört hatte und sich daraufhin zu Christus bekehrte, wurde getauft. Der Taufe ging also eine bewusste Entscheidung vorweg, und sie erfolgte im Erwachsenenalter. Sie markierte demnach immer eine einschneidende Veränderung im Leben eines Menschen.

Daran denkt Paulus hier, und viele Kirchengemeinschaften sehen das heutzutage noch genauso. Sie sagen: Vor der Taufe muss die Bekehrung zu Jesus Christus und der Glaube an ihn stehen. Erst wenn ein Mensch merkt, dass er das Heil braucht, wenn er gesündigt hat und darunter leidet, wenn er gerettet werden möchte und sich deshalb an Jesus Christus wendet, ist die Taufe sinnvoll. Sie ist dann ein Ausdruck dafür, dass ein Mensch sich für Jesus Christus entschieden hat. Sie ist ein öffentliches Bekenntnis und die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft. Wir nennen sie auch „Gläubigentaufe“, die erst im religionsmündigen Alter erfolgt, also nach dem 14. Lebensjahr.

Die Kirchen und Gemeinschaften, die sie praktizieren und das so verstehen, kritisieren die Kindertaufe, und lehnen sie sogar ab. Taufen, bei denen man nichts vorweisen muss, sind ihrer Meinung nach ungültig. Menschen, die eventuell als Babys getauft wurden, sich als Erwachsene dann aber bekehren, werden deshalb z.B. bei den Baptisten noch einmal getauft. Und Tauffeste, wie sie jetzt in unserer Kirche stattfinden, werden sicher hinterfragt, denn da dürfen bewusst alle mitmachen, die irgendwie meinen, dass die Taufe gut für sie ist. Sie werden nicht lange vorher unterrichtet oder auf ihr Gewissen geprüft. Bei der Kindertaufe ist das schließlich auch so, und die ist schon lange bei uns Praxis.

Trotzdem sollten wir uns ernsthaft fragen, was dabei eigentlich geschieht. Welche Bedeutung hat die Taufe denn nun? Und wie wirkt sie sich im Leben aus? Wenn wir die Bemerkungen von Paulus ernst nehmen, ist sie auf jeden Fall mehr als ein schönes Ritual und hat durchaus Folgen für das Leben. Eine Kindertaufe befreit uns nicht davon, uns auch zu Jesus Christus zu bekehren, mit ihm zu leben und sich von dem Heil, das er uns schenkt, prägen zu lassen. Sonst kann ihre Wirkung sich nicht entfalten.

Und was das heißt, können wir uns sehr schön mit dem Symbol des Wassers klar machen. Lasst uns dieses Element und unsere Beziehung zu ihm deshalb noch einmal bedenken. Es hat hauptsächlich zwei Funktionen. Für die Bedeutung der Taufe ist als erstes wichtig, dass man darin untergehen kann. Man kann ertrinken oder etwas „ersäufen“. Dieser Ausdruck kommt von Luther, und für ihn ging es dabei um den „alten Adam“. Er sagt im Kleinen Katechismus: „Das Taufen mit Wasser bedeutet, dass der alte Adam in uns […] soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten.“ Luther stellt sich also vor, dass unsere Sünden ertränkt werden. Das Böse geht unter. Das meint auch Paulus, wenn er vom Sterben und vom Tod spricht. Und das sollte durchaus in unserem Leben geschehen. Es ist wie ein geistiges oder seelisches Untertauchen, bei dem die Macht der Sünde stirbt. Mit Sünde sind dabei die zerstörerischen Kräfte gemeint, die überall am Werk sind. Wir kennen sie gut: Es sind z.B. Angst und Misstrauen, Hass und Feindschaft, Neid und Zorn. Davon sind übrigens auch Kinder nicht frei. Im Gegenteil, wenn wir sie nicht davon abhalten, leben sie die negativen Triebe manchmal viel erbitterter aus, als wir. Denn die Sünde schlummert von Anfang an in unserer Seele und unserem Denken.

Wenn wir ein schönes und helles Leben führen wollen, müssen wir diesen negativen Kräften etwas entgegensetzen, sonst können sie uns zerstören. Und dabei hilft es, wenn wir uns vorstellen, dass wir sie „ersäufen“. Wenn wir getauft sind, müssen wir das allerdings nun nicht alleine tun. Es ist keine moralische Leistung oder eine seelische Kraftanstrengung. Sowohl Luther als auch Paulus vertrauen vielmehr darauf, dass es „mit Christus“ geschieht, d.h. durch seine Gegenwart und dank seines Heilswerkes. Die haben wir empfangen und daran können und sollen wir immer wieder denken. Er ist für uns gestorben und auferstanden, und es ist gut, wenn wir uns ihm „täglich“ anvertrauen.

Dann geschieht das, wofür das Wasser außerdem ein Bild ist: Es steht genauso für Leben und Kraft. Wir können im Wasser nicht nur untergehen, sondern wir brauchen es zum Dasein: Wir trinken es und würden ohne Wasser verdursten. Der Regen befruchtet die Erde und verhilft allen Pflanzen und Tieren zu Wachstum und Gedeihen. Und das können wir ebenfalls auf den Glauben übertragen. Mit diesem zweiten Bild wird deutlich, dass Jesus Christus durch den Glauben und die Taufe in uns einzieht und uns neue Kraft schenkt. So verstanden das auch Luther und Paulus. Das „Untergehen der Sünde“ ist für sie kein Selbstzweck. Es dient vielmehr dazu, dass „täglich ein neuer Mensch herauskommen und auferstehen soll, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ So formuliert Luther es weiter. Und Paulus schreibt: „Denn wer [so] gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ Er wird unserer „Seele Trieb und Kraft“. (EG 406,1)

Wir sterben also im Vertrauen auf Gott. Wir denken an seine schöpferische Kraft, an die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus und lassen die an uns wirken. Gott ist voller Liebe und Erbarmen gegenüber uns. Er will uns befreien und neu schaffen, immer wieder. Wenn wir uns das vorstellen, erleben wir seine Kraft auch. Ob es nun vor oder nach der Taufe geschieht, entscheidend ist, dass wir „bei Jesus bleiben“ und ihm „treu“ sind. (EG 406,1.3)

Wir haben am Anfang des Gottesdienstes ein Lied gesungen, in dem das Wasser ebenfalls als Bild vorkommt (EG 615). Der Text ist von Gerhard Tersteegen, einem Mystiker aus dem 18. Jahrhundert, von dem wir viele Lieder haben. In diesem spricht er von dem „Meer der Liebe“, in das wir uns „versenken“ können. Für ihn war das ein wohltuender innerer Vorgang, zu dem er mit dem Lied einladen möchte. Wenn wir ihm folgen, geht es auch uns gut: Wir lassen uns selber los und tauchen in etwas Größeres ein. Wir denken nicht mehr an all das, was uns gefangen hält, sondern beten die „Macht der Liebe“ an. Wir verlieren alles Schwere, werden getragen und gehen ganz in der Liebe Gottes auf.

Etwas später kommt das Bild vom Wasser in diesem Lied noch einmal vor: Es ist nun das Element, das wir trinken, das uns „zuströmt“ (EG 406,1) und von dem wir leben. In Strophe vier heißt es: „Ehr sei dem hohen Jesusnamen, in dem der Liebe Quell entspringt, von dem hier alle Bächlein kamen, aus dem der Sel‘gen Schar dort trinkt.“ Auch Tersteegen benutzt die beiden Seiten des Wassers, um deutlich zu machen, wie der Glaube sich im Leben ereignen kann.

Die Taufe und das Symbol des Wassers sind also sehr schön geeignet, das Leben mit Jesus Christus zu veranschaulichen. Unser ganzes Dasein wird dadurch kraftvoll und leicht. Wir haben es gut, werden frei und unbeschwert. Denn wir sind nicht mehr von den dunklen Mächten bestimmt, sondern die Liebe und das Erbarmen Gottes umgeben und erfüllen uns. Wir leben „getrost“ (EG 406,2) und zuversichtlich.

Deshalb ist es durchaus sinnvoll, eine Taufe fröhlich zu feiern. Sie muss nicht ernst und düster sein, denn sie ist ein Fest des Lebens und der Liebe, das Freude bereitet. Das ist das Ziel der Tauffeste, und es ist gut und schön, dass die Teilnahme ohne Hürden möglich ist und so viele Menschen mitmachen wollen. Möge es dort so entspannt und heiter zugehen, wie alle sich das wünschen.

Amen.