EINFÜHRUNGEN IN DIE STILLE ZEIT

Auslegungen und Meditationen zu Gebeten von Martin Luther

Stilles Wochenende in Riechenberg, 26.- 29.1.2017
Beten mit Martin Luther

Erste Einführung:
Luthers Morgen- und Abendsegen

  1. Hinführung

a. Allgemeine Bemerkungen zu den Gebeten von Martin Luther

Martin Luther war ein frommer Mann, d.h. er hat in einer unmittelbaren Beziehung zu Gott gelebt und regelmäßig mit ihm gesprochen. Schon zu seinen Lebzeiten gab es Hinweise auf die Bedeutung und die Kraft seines Betens. Es war daher naheliegend, dass man nicht lange nach Luthers Tod Gebetstexte aus seinen Schriften sammelte und in Luthergebetbüchern veröffentlichte. Die erste Sammlung dieser Art erschien bereits 1579. Die Herausgeber wollten Luthers Gebete dabei als gute Muster vorlegen, an denen man erkennt, wie man überhaupt beten kann. Denn viele Christen waren noch ungeübt darin, eigene persönliche Gebete zu formulieren. Das Ziel der Herausgeber war, dass die Leser mit freier Andacht und eigenen Worten, ohne Bücher und Anleitung beten lernten.

Das ist im Laufe der Zeit auch tatsächlich viel üblicher geworden. Gerade wir evangelische Christen sind es gewohnt, eigene Gebete zu formulieren. Trotzdem blieben die Gebete Luthers faszinierend, und es gab weitere Veröffentlichungen. So ist z.B. 1710 ein neues Luthergebetbuch entstanden, und in der Gegenwart ist 1976 schließlich eine Gesamtausgabe der Gebete Luthers erschienen (vgl. Frieder Schulz, Hrg., „Heute mit Luther beten“, eine Sammlung von Luthergebeten für die Gegenwart,  Gütersloh 1978, Vorwort).

Daraus gibt es nun wiederum verschiedene neuere Sammlungen. Die jüngste ist von Margot Käßmann 2014 anlässlich des Reformationsjubiläums herausgekommen. (Margot Käßmann, Hrg. Beten mit Luther, Frankfirt, 2014) Die Gebete, die sie darin zusammengestellt hat, sollen zeigen, welcher Geist und welche Hoffnung Luther erfüllte. Er schwebte nicht nur in fernen theologischen Höhen, sondern seine theologischen Erkenntnisse durchdrangen seinen Alltag mitten in der Welt. Gerade durch das Beten blieb es ihm gegenwärtig, dass wir allein durch Christus, allein aus Gnade und allein aus Glauben leben (s. Beten mit Luther, S. 8ff).

Das Beten hat in der Reformation also eine viel größere Rolle gespielt, als wir oft meinen. Im Gebet, wie Luthers eigenen Gebete schön zeigen, kann der einzelne Christ, die einzelne Christin unmittelbar mit Gott ins Gespräch treten, ohne dass es der Vermittlung durch einen Priester oder Heilige bedarf. Das war das Anliegen Luthers.

Er hat auch durch Gebete seinen Tagesablauf strukturiert, so sind z.B. der Morgen- und Abendsegen und Tischgebete entstanden. Genauso hat er mitten im Alltag gebetet und den Gesprächsfaden zu Gott immer wieder aufgenommen. Die Beziehung zu Gott war für ihn wie eine Freundschaft, und die wird – wie jede Freundschaft – dadurch vertrauter, dass man miteinander redet. Dann hat sie Bestand in guten und in schweren Tagen. Es geht Luther also nicht um spontane Angstgebete – obwohl es die auch geben darf – , sondern um das Gebet als Lebenshaltung in Beziehung mit Gott. Er ging davon aus, dass das Gebet einen verändert und die Gläubigen zusammenführt. Denn wir beten ja nicht nur allein, sondern in einer Gemeinschaft und für andere.

Dabei ist noch wichtig, dass für Luther das Beten nicht das Ende allen Zweifels bedeutete. Gerade das „Amen“ sollen wir laut sprechen, sagt er, damit wir den Zweifel und die Anfechtung angehen. Im Gebet dürfen also auch Fragen ausgesprochen werden.

Für unser Stilles Wochenende habe ich nun aus dem Buch von Margot Käßmann drei Gebete herausgesucht, die ich schön und passend für die Stille finde. Sie stehen auch schon in einem Siebensterntaschenbuch, das 1978 erschien und den Titel trägt: „Heute mit Luther beten“. Dort – wie auch bei Frau Käßmann – sind zu jedem Gebet kurze Überschriften abgedruckt, die den Leser abholen und ihm helfen sollen, sich auf die Gebete Luthers einzulassen. Außerdem ist zu jedem Gebet eine Bibelstelle angegeben, aus dem es entstanden ist. Das hilft, den Gebeten Luthers mit dem Verstand und dem Herzen nachzusinnen und sie dann auch nachzusprechen.

Die Bekanntesten sind mit Sicherheit sein Morgen- und sein Abendsegen. Deshalb fangen wir damit an.

Morgensegen
Das Gebet für den Beginn des Tages

Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen:

Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen

Darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Als dann mit Freuden an dein Werk gegangen und etwa ein Lied gesungen oder was dir deine Andacht eingibt.

Abendsegen
Das Gebet für den Schluss des Tages

Des Abends, wenn du zu Bett gehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen:

Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.

Darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast, und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht getan habe, und mich diese Nacht auch gnädiglich behüten. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Alsdann flugs und fröhlich geschlafen.

(Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Hamburg, 1. Auflage 1994. Nr. 815 und 852)

b. Zum Morgen- und Abendsegen

Der Morgen- und Abendsegen heißen auch „Hausgebete“ oder „Bettgebete“, denn sie sollen zu Hause und im Bett gesprochen werden. Sie sind spätere Zusätze zum Kleinen Katechismus von 1529. Bei evangelischen Christen sind sie bis in die Gegenwart lebendig geblieben, viele kennen sie auswendig. Sie sind auch in alle Ausgaben des Evangelischen Gesangbuches in den Anhang aufgenommen worden.

Im Kleinen Katechismus stehen sie unter der Überschrift: „Wie ein Hausvater sein Gesinde soll lehren“. Das zeigt, dass die Hausgebete als geprägte und wiederholbare Texte zur Einübung in das tägliche Gebet dienen sollen. Luther stellte sie außerdem bewusst in den Kontext biblischer und kirchlicher Überlieferung. Er schlägt vor, auch noch das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Und er erwähnt gottesdienstliche Sitten wie das trinitarische Votum am Anfang, das Bekreuzigen, das Hände Falten und Knien.

Dahinter steht bei Luther natürlich die monastische Gebetspraxis. Er war es von seinem Leben als Mönch her gewohnt, den Tag durch die Tageszeitengebete zu strukturieren. So ist erkennbar, dass hinter seinem Morgensegen die sogenannte Prim steht, das Gebet der Mönche vor dem Tagewerk, und hinter dem Abendsegen die Komplet, also das letzte Tageszeitengebet vor dem Schlafen. Luther hat seinen Morgen- und Abendsegen aus Elementen dieser beiden Stundengebete geformt und sie in den Raum der christlichen Familie übertragen.

(vgl. Albrecht Peters, Kommentar zu Luthers Katechismen, Band 5: Beichte, Haustafel, Traubüchlein, Taufbüchlein, Göttingen 1994, S. 191ff)

Wir wollen uns die Texte nun im Einzelnen anschauen.

  1. Auslegung

Auffällig ist zunächst die Gleichförmigkeit der beiden Gebete. Morgens und abends beginnt es jeweils mit dem Satz: „Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn.“

Luther spricht Gott also so an, wie wir es auch im Vaterunser tun, und er verlässt sich dabei bewusst auf Jesus Christus. Die erste Regung am Tag und die letzte am Abend ist dabei der Dank an Gott.

Im Morgensegen heißt es dann weiter: „dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast“ und im Abendsegen entsprechend: „dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast“. Es geht also um Gefahren, vor denen Gott behütet hat. Dabei verband Luther mit der Nacht offensichtlich das Gefühl, „Schaden und Gefahr“ ausgeliefert zu sein. Und das passt ja auch, denn wir liegen schutzlos da und brauchen deshalb die Hilfe Gottes. Für den Tag erwähnt Luther „den Schaden und die Gefahr“ nicht, wahrscheinlich, weil wir, wenn wir wach sind, dem selber ausweichen können. Trotzdem brauchen wir auch tagsüber die „Gnade Gottes“.

Und dann folgt das Thema „Sünden und Übel“. Auch hier ist die Lage je nach Tageszeit unterschiedlich. Morgens bittet Luther darum, „vor Sünden und allem Übel behütet zu werden, damit Gott all sein Tun und Leben gefalle“, abends bittet er um Vergebung der Sünden. Das ist ebenfalls logisch und nachvollziehbar. „Wer schläft, sündigt nicht“, das war offensichtlich Luthers Bewusstsein. Aber im wachen Zustand besteht überall die Möglichkeit, Unrecht zu tun. Aus eigener Kraft können wir dem allerdings kaum widerstehen, deshalb ist es gut, am Morgen um Hilfe zu bitten und am Abend um Vergebung für all die Male, wo es uns doch nicht gelungen ist.

Und dann folgt in beiden Gebeten der abschließende Satz: „Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.“

Dazu gibt es einen biblischen Hintergrund. Am bekanntesten ist der Vers aus Psalm 91: „Denn er hat seinen Engeln befohlen dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ (Ps. 91,11) Von den Engeln hat Luther oft gesprochen, die stellte er sich als Verkörperung der Gegenwart Gottes vor. Genauso glaubte er an Teufel und Dämonen, an Feinde Gottes, die gegen ihn streiten. In dem Lied „ein feste Burg“ erwähnt er „den altbösen Feind, der es jetzt ernst meint.“ (Evangelisches Gesangbuch, a.a.O., Nr. 362) Auch die Formulierung „ich befehle mich in deine Hand“ stammt aus dem Psalter. In Psalm 31 heißt es: „In deine Hände befehle ich meinen Geist.“ (Ps.31,6) Das wurde in den Klöstern im Schlafsaal zur Komplet gesungen.

  1. Anwendung

Die beiden Gebete haben sich wie gesagt durchgesetzt und sind zu Kernstücken evangelischen Betens geworden. Man kann sie genauso anwenden, wie Luther es vorschlägt, indem der Morgensegen das erste ist, das wir morgens sagen, und der Abendsegen unser letztes Wort. Denn sie enthalten alles, was wir zum Bestehen des Tages brauchen.

Es fängt schon damit an, dass wir unser Tageswerk im Namen des dreieinigen Gottes anfangen und beenden. Wir geben unserem Leben damit ein Vorzeichen. Nicht das Ich oder die Welt stehen im Vordergrund, sondern Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das lenkt uns in wohltuender Weise auf das Wesentliche und Wirkliche.

Als nächstes kommt der Dank als erste bzw. letzte Regung des Tages, und das ist ebenso aufschlussreich. In den 80er Jahren hat Jürgen von der Lippe das lustige Lied gedichtet, das mit den Worten beginnt: „Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da?“ Und er beschreibt dann einen Tag, an dem so ziemlich alles schief läuft. Das spiegelt ein Lebensgefühl wider, das viele von uns haben: Uns fallen zuerst die Probleme und der Stress ein, den der Tag mit sich führen kann, und damit gehen wir dann auch ins Bett. Wir erleben in erster Linie, wie unvollkommen, anstrengend und mangelhaft alles ist. Es kommt wenig Freude auf, das Leben ist heimtückisch und unberechenbar.

Dagegen ist der Morgensegen Luthers wie Balsam. Auch darin werden all die Unwägbarkeiten erwähnt, aber Luther bedankt sich zuerst für das Gute, d.h. er denkt positiv, und dann bittet er darum, vor dem Schlechten bewahrt zu werden. Ihm ist klar, dass es ihm nicht unbedingt gelingen wird, aber das verdirbt ihm nicht die Freude, denn er weiß sich bei Gott geborgen, am Anfang genauso wie am Ende, bzw. er sucht bewusst bei Gott seine Zuflucht.

Und er wird von einem klaren Ziel durch den Alltag geleitet: Sein Tun und Leben sollen Gott gefallen. Er setzt sich zu Gott in Beziehung, er fühlt sich nicht als autonomes Wesen, das allein entscheidet, was gut und richtig ist. Für ihn gilt ein höheres Prinzip, ihn leitet eine tiefere Einsicht: Es ist das Wissen um die Gegenwart Gottes, um seine Liebe, aber auch um seinen Anspruch auf unser Leben.

Doch der beunruhigt Luther nicht. Im Gegenteil, er geht davon aus, dass sein Leben geborgen ist, wenn er es ganz in Gottes Hand legt.

Und das umfasst „alles“, das betont Luther hier. Er sagt: „Leib und Seele und alles“, d.h. nichts ist ausgenommen. Die Beziehung zu Gott ist kein Teilaspekt des Lebens, keine Regung unter anderen, sondern sie schließt den ganzen Menschen ein.

Wir können das nicht nur nachbeten, sondern auch meditieren. Dabei fallen uns bestimmt Dinge ein, die uns beschäftigen und beunruhigen. Wenn wir hierher ins Kloster kommen, bringen wir ja vieles mit, das unseren Alltag prägt. Vielleicht suchen wir nach Lösungen und Antworten. Wir denken nach und grübeln. Doch das hilft meistens nicht weiter. Wir finden am ehesten einen Ausweg, wenn wir gar nicht mehr lange über all unsere „Sorgen“ nachdenken, sondern sie abgeben und unser ganzes Leben in Gottes Hand legen, ihm danken und uns ihm anvertrauen. Wir können uns von ihm führen lassen, auf sein Wort hören und um Bewahrung bitten. Das reicht schon. Wenn wir das ernsthaft und vertrauensvoll tun, sortiert sich von selbst, was wichtig und was unwichtig ist. Wir bekommen einen anderen Blick auf unser Leben, werden aus Verstrickungen gelöst und entspannen uns. Und das kann zur täglichen Übung werden. Es ist immer wieder heilsam und wohltuend, den Tag mit so einem Gebet zu beginnen und abzuschließen.

 

Zweite Einführung: „Erfüllt werden“

  1. Hinführung

Wir kennen Martin Luther hauptsächlich als Theologen und Reformator der Kirche, als Verfasser unendlich vieler Schriften, als Streiter und Kämpfer. Dass er auch fromm war, geht dabei oft unter. Luther hat aber die Gewohnheit, viel zu beten, wie er sie aus dem Kloster kannte, nie abgelegt. Es ist kein Tag vergangen, ohne dass er mindestens drei Stunden gebetet hat. So berichten es Zeitgenossen, die ihn kannten. Wenn man dann bedenkt, wie viel er außerdem geschrieben hat, ist klar, dass seine theologischen Gedanken und Erkenntnisse direkt aus dem Gebet kommen, und umgekehrt, dass seine Lehre auch sein Gebet beeinflusst hat. Das eine war nicht ohne das andere möglich.

In der Schrift von Martin Luther, „Wie man beten soll“ – aus dem wir bei den Andachten immer etwas vorgelesen bekommen – wird das alles sehr schön dargelegt. ( Martin Luther, „Wie man beten soll, für Meister Peter den Barbier“, Hrg. Ulrich Köpf und Peter Zimmerling, Göttingen 2011) Dort wird eine „kleine Theologie des Gebetes“ nach Luther entfaltet und einige wichtige Punkte wurden herausgearbeitet. So ist unter anderem wichtig, dass Luther persönlich gebetet hat und alles vor Gott zur Sprache brachte, was ihn bewegte. Er reformierte nicht nur die Kirche, sondern auch das Beten, indem er das bloße Nachplappern von vorformulierten Gebeten ablehnte. Der Verstand und das Herz müssen beteiligt sein, und es muss im Glauben geschehen.

Dabei ist für Luther das Beten zunächst zwar menschliches Reden zu Gott, es geschieht dabei aber auch noch mehr. Es kommt oft vor, dass der Mensch beim Beten etwas empfängt. Luther sagt in der Schrift an den Barbier, dass ihm beim Beten manchmal Gedanken kommen, denen er dann Raum gibt. Er hört dann in Stille zu, es ist für ihn wie eine Predigt des Heiligen Geistes. Er kennt also auch das, was wir kontemplatives Beten nennen, oder was die Mystiker praktizieren. („Wie man beten soll,“ a.a.O., S. 16ff)

Und darum geht es uns hier ja auch. Ich habe deshalb als zweites Gebet einen Text ausgesucht, der uns zu dieser Erfahrung hinführen kann.

Erfüllt werden

Siehe, Herr, hier ist ein leeres Fass, das gefüllt werden muss.
Mein Herr, fülle es!
Ich bin schwach im Glauben – stärke mich!
Ich bin kalt in der Liebe – wärme mich, ja mache mich heiß,
dass meine Liebe auf den Nächsten strömt!
Ich habe keinen festen und starken Glauben,
ich zweifle immer wieder, kann Dir nicht vollkommen vertrauen.
Ach Herr, hilf mir, mehre meinen Glauben und mein Vertrauen,
in Dir ruht der ganze Schatz meiner Güter, ich bin arm,
Du bist reich und gekommen, Dich der Armen zu erbarmen.
Ich bin ein Sünder, Du bist gerecht!
Bei mir staut sich die Sünde, in Dir aber ruht die Fülle der Gerechtigkeit.
Darum bleibe ich bei Dir, von dem ich reichlich nehmen kann,
dem ich aber nichts zu geben vermag.

(Beten mit Luther, a.a.O., S. 94f)

 

  1. Auslegung

a. Kontext

Das Gebet steht in einer sogenannten „Sommerpostille“. In später so genannten „Postillen“ legt Luther die Evangelien und Epistel der jeweiligen Sonntage aus. Er hat damit 1520 begonnen. Seine Postillen sollen Predigern und später auch dem Volk dazu dienen, die Bibeltexte „recht“ zu verstehen, sie sollen Augen und Ohren und Herz öffnen für das Evangelium. Also übersetzt er zunächst den Urtext neu. Dann kommt „post illa verba“ also „nach diesen Worten“ die Erklärung der Textabschnitte. Luther folgt dabei immer einem gewissen Schema: Erstens legt er aus, was der Text zu glauben lehrt. Doch damit nicht genug: Zum zweiten legt er aus, was der Text zu tun lehrt.

Unser Gebet steht in einer „Sommerpostille“ – so werden die Auslegungen genannt, die Texte beinhalten, die im Sommer dran waren, im Unterschied z.B. zu den „Adventspostillen“. Der Text, den Luther behandelt, ist das Evangelium am 24. Sonntag nach Trinitatis, das ist auch heute noch Matthäus 9,18-26.

 

Matthäus 9, 18- 26

18 Als er dies mit ihnen redete, siehe, da kam einer von den Vorstehern der Gemeinde, fiel vor ihm nieder und sprach: Meine Tochter ist eben gestorben, aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig.
19 Und Jesus stand auf und folgte ihm mit seinen Jüngern.
20 Und siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren den Blutfluss hatte, trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes. 21 Denn sie sprach bei sich selbst: Könnte ich nur sein Gewand berühren, so würde ich gesund.
22 Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und die Frau wurde gesund zu derselben Stunde.
23 Und als er in das Haus des Vorstehers kam und sah die Flötenspieler und das Getümmel des Volkes,
24 sprach er: Geht hinaus! Denn das Mädchen ist nicht tot, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn.
25 Als aber das Volk hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff sie bei der Hand. Da stand das Mädchen auf.
26 Und diese Kunde erscholl durch dieses ganze Land.

Luther geht in seiner Auslegung auf die beiden Menschen ein, die hier etwas von Jesus erbitten. Sie sind bedürftig, und besonders die blutflüssige Frau hält sich für unwürdig, Jesus zu begegnen. Luther kommt deshalb auf das schlechte Gewissen, das uns quälen kann. Wir wissen oft nicht, ob wir überhaupt zu Gott beten dürfen, ob er uns ansieht und erhört.

Doch das ist nicht nötig, wir dürfen immer mit allem kommen, auch wenn wir uns für sündig halten. Und dann schlägt er das Gebet vor, das wir uns nun näher anschauen wollen.

b. Inhalt

Er bezeichnet sich selber zunächst als „leeres Fass“, das gefüllt werden muss. Das ist ein sehr anschauliches Bild. Dabei müssen wir unter „Fass“ sicher eher ein „Gefäß“ verstehen. Trotzdem passt die Vorstellung, ein Fass zu sein, ganz gut: Es ist groß, und es geht viel hinein. Wenn Luther nun sagt, dass er „leer“ ist, meint er, dass er Gott nichts bringen kann, er kann nur etwas von Gott empfangen.

Der Hauptgrund dafür ist sein schwacher Glaube. Luther thematisiert hier also nicht irgendeinen Mangel, nicht eine von vielen Nöten, die uns befallen können, er bringt seine Glaubensnot vor Gott. Er hat das Gefühl, von sich aus noch nicht einmal richtig glauben zu können, geschweige denn gerecht und gut vor Gott zu sein. Weiter unten erwähnt er die Zweifel, die ihn immer wieder befallen, das mangelnde Vertrauen Er fühlte sich also gar nicht wie der starke Mann, zu dem wir ihn oft machen, sondern schwach und hilfsbedürftig, kläglich und ohne Energie. Deshalb ist seine erste Bitte: „Stärke mich“, d.h. gib mir neue Kraft, richte mich auf.

Doch nicht nur der Glaube fehlt ihm, auch in der Liebe ist er oft „kalt“, wie er sagt. Neben dem Glauben ist die Liebe ja die zweite große Tugend, die einen Christen oder eine Christin auszeichnet. Sie macht uns lebendig und verbindet uns mit den Mitmenschen. Und sie ist auch notwendig. Wir wünschen uns alle, zu lieben und geliebt zu werden. Ohne Liebe würden wir eingehen. Aber auch sie ist nicht aus eigener Kraft möglich. So erlebt Luther es jedenfalls.

Er stellt sich den Empfang der Liebe dann bildlich vor: Sie ist wie Wärme, ja er will innerlich sogar „heiß“ werden, und das, was ihn dann an Wärme und Hitze erfüllt, soll auf den Nächsten überströmen. Wie ein Ofen Wärme abgibt, so möchte Luther, dass die Liebe Gottes von ihm auf andere übergeht, dass sie sie spüren und erleben, wenn sie mit ihm zusammen sind.

Ein weiteres Bild, mit dem Luther seine Wünsche gegenüber Gott dann beschreibt, ist das vom Reichtum und von der Armut: Er fühlt sich „arm“, Gott allein kann ihn „reich“ machen. Damit kommt gleichzeitig zum Ausdruck, dass andere, materielle und weltliche Güter nicht der wahre Reichtum sind. Gott zu vertrauen, seine Gegenwart, seine Liebe und Zuwendung sind ein viel größerer „Schatz“. Es ist für Luther das Wertvollste, was es gibt.

Natürlich hängt die Armut, die Luther empfindet, mit der „Sünde“ zusammen, von der kein Mensch frei ist. Das erwähnt er hier als Letztes. Er kommt damit auf die Rechtfertigungslehre, die für ihn ja A und O seiner ganzen Theologie ist. In dem Evangelium, das er auslegt, ist die blutflüssige Frau eine Sünderin, die sich nicht traut, direkt vor Jesus zu treten. Sie schämt sich. Doch das muss niemand, selbst wenn die „Sünde sich staut“, denn Gott wird dem, der ihm vertraut, die „Fülle der Gerechtigkeit“ zukommen lassen.

Das sind der Kontext und der Inhalt dieses Gebetes. Ich möchte jetzt etwas zu seiner Anwendung sagen.

  1. Anwendung

Wir können dieses Gebet schön nachsprechen und meditieren. Dabei ist die Bibelstelle , die in dem Taschenbuch „Heute mit Luther beten“ angegeben ist sehr nützlich. (a.a.O., 40) Sie soll ja dabei helfen, das Gebet zu erschließen. Sie stammt aus der Geschichte über den reichen Jüngling, der nicht in der Lage ist, alles aufzugeben, um Jesus zu folgen. Jesus sagt daraufhin zu seinen Jüngern: „Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen.“ (Markus 10, 23f) Und das heißt: Wir müssen erst mal leer werden, bevor wir glauben und nachfolgen können.

Sind wir das? Sind wir „leere Gefäße“? Das können wir uns als erstes fragen.

Unser Lebensgefühl ist normaler Weise sicher nicht so. Im Gegenteil, wir sind immer voll von irgendwelchen Gedanken, Erinnerungen, Erlebnissen, Wünschen, Plänen usw. Uns beschäftigt ganz viel, und das bringen wir auch mit hierher ins Kloster. Es können schöne oder schwere Dinge sein. Zu den schönen Dingen gehört z.B. ein toller Urlaub, ein schönes Fest, eine wunderbare Begegnung, ein Erfolg, ein Buch, das wir gelesen, ein Film, den wir gesehen haben, oder was auch immer es an Bereicherndem gibt. Das erfüllt uns dann, d.h. wir halten es meistens fest, denken viel daran und leben damit. Genauso ist es mit den schweren Dingen: Konflikte, Krankheiten, Niederlagen, Ängste, Zweifel, Unsicherheit. Davon können wir genauso voll sein. Die Probleme halten uns dann gefangen.

Hier im Kloster suchen wir nach Lösungen. Wir möchten frei und ruhig werden. Vielleicht denken wir nach, bitten Gott um Hilfe, reden mit jemandem. Aber hilft das auch?

Luther lädt uns mit seinem Gebet dazu ein, dass wir zunächst „leer“ werden, und das ist auch das Anliegen des Klosters. Wir haben uns bewusst der Zerstreuung und dem Lärm entzogen, um alles, was uns gefangen hält, einmal loszulassen. Im Gebet bzw. in der Meditation lassen wir die Gedanken also einfach vorüberziehen. Sie sind jetzt nicht mehr wichtig. Dabei können wir uns außerdem sagen: Letzten Endes ist es alles leer, was uns beschäftigt, vieles davon ist nichtig und flüchtig. Es beschäftigt uns zwar, erfüllt uns aber nicht. Es ist deshalb gut, wenn wir all diese Nichtigkeiten sozusagen auskippen, d.h. zu „leeren Fässern“ werden und Gott darum bitten, uns neu zu füllen.

Dafür brauchen wir keinen großen und starken Glauben. Das ist der nächste Gedanke. Vielleicht geht es uns ja so ähnlich wie Luther, dass wir gar nicht richtig auf Gott vertrauen können. Wir fühlen uns sündig und schwach, haben Zweifel und sind innerlich „arm“. Wir spüren Gottes Gegenwart und Liebe nicht und finden keinen Zugang zu ihm. Wir werden gar nicht ruhiger.

Dann ist es gut, das alles einfach zuzugeben und auszuhalten, auch in puncto Glauben zu „leeren Fässern“ werden. Wir können den Glauben und das Vertrauen nicht erzwingen, das gehört zum wahren Beten dazu. Wenn es echtes Beten ist, dann liegt unsere ganze Hilflosigkeit darin. Wir machen uns nicht selber stark, sondern warten darauf, dass Gott uns erfüllt. Wir müssen ihm nichts bringen, weder irgendwelche Opfer noch eine großartige Konzentration und schon gar keine Heiligkeit.

Selbst unsere Liebe muss nicht groß sein. Wenn wir uns „kalt“ fühlen, so wie Luther, dann darf das so sein. Es reicht, wenn wir einfach nur da sind, mit all unseren Sünden und Unvollkommenheiten, mit unseren Mängeln und Fehlern, und das alles vor Gott bringen. Luther empfiehlt dieses Gebet ja, wenn unser Gewissen uns zu schaffen macht. Und dann kann es wirklich helfen.

Denn Gott kann und will uns „reichlich“ geben, uns fest und stark machen, warm und liebend. Er will uns beruhigen und befreien, uns heilen und neu beleben. Wir müssen ihn nur gewähren lassen.

 

Dritte Einführung: „Gleichgewicht“

  1. Hinführung

Wir nennen Luther den großen Reformator, d.h. Erneuerer, und das war er auch. Er hat die Kirche erneuert und uns bis heute wichtige Impulse gegeben. Er hat sein eigenes Leben von Grund auf geändert, indem er das Mönchsein aufgegeben und geheiratet hat. Aber das bedeutet nicht, dass er alles neu gemacht hat. Eigentlich wollte er auch gar keine neue Kirche gründen, vieles daran ist ihm bis zum Ende lieb und wert gewesen.

So z.B. die Form des Gottesdienstes. Wir nennen ihn nicht umsonst „lutherische Messe“. Er hat die sogenannte Liturgie beibehalten, d.h. die festen Gesänge und Gebete vor dem Verkündigungsteil, das Kyrie und Gloria, und in der Feier des Abendmahls ist ebenfalls vieles geblieben. Die schlichteren und nüchternen Formen eines evangelischen Gottesdienstes sind erst bei den sogenannten reformierten Christen entstanden, in der Schweiz und in Holland.

Luther hat die alten Gesänge also nicht abgeschafft, weil sie den Leuten eventuell unverständlich waren, er hat sie stattdessen ins Deutsche übersetzt und erklärt. Ihm war wichtig, dass jeder Gottesdienstbesucher und jede Gotteseinstbesucherin mit Herz und Verstand nachvollziehen konnte, was da geschah. In seinen Erklärungen zu den einzelnen Stücken finden wir deshalb auch eine Erklärung des Segens, der am Ende erfolgt. Es ist der sogenannte aaronitische Segen, den wir bis heute der Gemeinde am Ende des Gottesdienstes zusprechen. Er lautet folgendermaßen: „Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Er steht im vierten Buch Mose im 6. Kapitel (V.24- 26)  und ist eine Anweisung an die Priester. So sollten sie das Volk Israel segnen.

Das letzte Gebet, das wir betrachten wollen, stammt aus der Erklärung Luthers zu diesem Segen, und zwar zu dem letzten Satz „und gebe dir Frieden.“

Die Erklärung beinhaltet einen weiteren Punkt, der ein Missverständnis ausräumen kann, das wir eventuell haben, wenn wir an Luther denken. Er hatte ja etwas gegen „gute Werke“. Doch das bedeutete nicht, dass ihm der Lebenswandel eines Christen völlig gleichgültig war. Die guten Werke können lediglich nicht der Rechtfertigung dienen, sie können uns nicht retten und wir können sie nicht von uns aus vollbringen. Als Früchte des Glaubens sind sie aber durchaus wichtig und notwendig. Natürlich soll ein Christ weiter danach fragen, was Gott wohlgefällt, sein Leben nach den Geboten ausrichten, den Nächsten lieben, Gott fürchten und ehren usw. Luther liebte die zehn Gebote und empfahl sie sogar zur täglichen Meditation.

In der Schrift an den Barbier rät er, jedes Gebot in vier Schritten zu bedenken, ein „vierfaches gedrehtes Kränzlein“ daraus zu machen“ (Wie man beten soll, a.a.O., S.48): Erstens die Lehre zu bedenken, die es enthält, zweitens daraus eine Danksagung zu machen, drittens eine Beichte und viertens ein Gebet, d.h. Gott darum zu bitten, das jeweilige Gebot „täglich immer besser zu lernen und zu verstehen und mit herzlicher Zuversicht danach zu handeln.“ (S.49)

Auch das wird an dem Gebet deutlich, das wir heute betrachten wollen.

Gleichgewicht

Lieber Gott,
verleihe uns ein friedliches Herz
und Gleichmut im Kampf gegen das Böse,
dass wir nicht nur dulden und am Schluss siegen,
sondern auch mitten in Kampf und Unruhe Frieden finden,
Dich loben und Dir danken,
nicht ungeduldig werden gegen Deinen göttlichen Willen,
damit der Friede in unseren Herzen die Oberhand behält,
damit wir nichts gegen Dich, unseren Gott,
oder Menschen aus Ungeduld unternehmen,
sondern gegen beide, gegen Gott und gegen Menschen,
still und friedlich bleiben,
bis der endgültige und ewige Friede kommt.

(Beten mit Luther, a.a.O. S. 76)

 2. Auslegung

Das Gebet steht wie gesagt in einer Auslegung Luthers zum aaronitischen Segen. Es ist ursprünglich auch nicht als ein Gebet formuliert, sondern als Segenswunsch, d.h. es enthält gar keine direkte Anrede an Gott, sondern Gott kommt in der dritten Person vor, der das alles, was dann kommt, tun möge. Aber es ist durchaus legitim, daraus ein persönliches Gebet zu machen und es in die Gebete Luthers aufzunehmen.

Es beinhaltet in erster Linie das friedliche Herz. D.h. Luther versteht die Bitte um Frieden innerlich: Er fängt im Inneren des Menschen an.

Das Gegenteil von Frieden ist Krieg und Zerstörung, Bosheit und Hass. Der Mensch bekämpft das gerne mit denselben Mitteln. Er wird ungeduldig und zornig und will den Frieden mit Gewalt herbeiführen. Das kritisiert Luther hier indirekt, indem er mit dem Gebet einen anderen Weg beschreibt: Frieden entsteht nicht, wenn wir äußerlich gegen das Böse kämpfen, sondern nur, wenn wir gegen unsere eigene Ungeduld kämpfen und „gleichmütig“ werden.

Das Wort „Geduld“ bzw. „Ungeduld“ durchzieht das Gebet wie ein roter Faden. Geduld bedeutet, dass man etwas „duldet“, d.h. erleidet und aushält. Für Luther ist das ein viel größerer Sieg als alles andere, denn es ist der Sieg des Friedens Gottes im Herzen. Er behält dabei die „Oberhand“.

Für Luther waren Gottes Gegenwart und Kraft in sich selber sinnvoll. Wo Gott ist, ist Frieden, er macht uns mitten im Kampf ruhig. Gott hebt uns heraus aus allen Wirren und macht uns still und friedlich, dankbar und froh.

Luther beendet das Gebet nicht umsonst mit dem Ausblick auf den „ewigen Frieden“. Er glaubte daran, dass es noch etwas viel größeres gibt, als die Welt, dass es einen „endgültigen“ Frieden gibt, den Gott eines Tages heraufführen wird. Auf den dürfen und sollen wir warten, darauf können wir hoffen.

Es war Luther wichtig, dass wir nicht aus Versehen gegen den Willen Gottes agieren. Das passiert schnell, wenn wir uns aufregen, in Konflikten stehen und angegriffen werden. Wir werden dann selber ungerecht und unternehmen eventuell Dinge, die zerstörerisch sind. Luther bittet darum, davor bewahrt zu werden.

Vielleicht nehmen wir ihm das nicht ganz ab. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal etwas zu all den schwierigen Seiten sagen, die wir über Luther wissen: Er hasste ja nicht nur die „Papisten“, wie er die Vertreter und Würdenträger der Kirche nannte, sondern auch die Türken – d.h. die Moslems – und die Juden, er war gegen die Bauernaufstände und gehorchte der Obrigkeit. D.h. er war keineswegs immer friedlich und ruhig. Er hat sehr hitzige Dinge gesagt und geschrieben, und wir haben damit heute ein Problem. Wo bleibt die Toleranz? Warum tat er nichts für den Frieden oder eine gerechtere Gesellschaftsordnung?

Ich will darauf jetzt nicht in aller Ausführlichkeit eingehen, das muss an anderer Stelle geschehen, sondern nur drei Dinge anmerken:

Erstens dürfen wir Luther nicht aus seiner Zeit herausreißen. Die Aufklärung erfolgte später, d.h. Toleranz und pluralistisches Denken, wie es heute für uns selbstverständlich ist, gab es in der Form zu Luthers Zeit noch nicht. Es gab ein allgemein gültiges Verständnis der Welt, das alle teilten, auch Luther.

Und zweitens ist wichtig: Er hasste die Papisten, Juden und Moslems nicht an sich, sondern weil sie der für ihn wichtigen Erkenntnis „allein aus Christus, allein aus Gnade“ nicht folgten. Sie verbreiteten eine Lehre, die seiner alles entscheidenden – der sogenannten reformatorischen – Erkenntnis widersprach. Er konnte eigentlich gar nicht anders, als gegen sie zu argumentieren.

Und als drittes ist dazu zu sagen, dass Luther nie den Anspruch erhob, ein Heiliger zu sein. Natürlich gab es Widersprüche in seinem Leben und in seiner Person, blinde Flecken, Unausgewogenheiten. Er hat sich immer als Sünder gefühlt. Wir müssen ihm deshalb auch nicht in allem folgen. Es steht uns frei, die Dinge heutzutage anders zu beurteilen, unseren Glauben anders zu leben.

Trotzdem – um wieder auf das Gebet zurückzukommen – stellt sich irgendwann schon die Frage, wie tolerant wir denn gegenüber der Intoleranz sein sollten. Gibt es nicht auch zerstörerische Kräfte, denen wir etwas entgegensetzen müssen? Wo fängt das Böse an, und wie sollen wir dagegen kämpfen? Vielleicht muss jeder und jede diese Frage selber entscheiden. Es wird da immer Unterschiede geben. Auch die Andeutungen in dem Gebet, das wir betrachten, werden wir nicht alle gleichermaßen umsetzen wollen.

Lasst uns trotzdem über seine Anwendung nachdenken.

  1. Anwendung

Ich finde es ganz schön, dass das Gebet bei Frau Käßmann und auch schon in dem Luthergebetbuch aus den siebziger Jahren die Überschrift „Gleichgewicht“ trägt. Darum geht es nämlich, um Ausgewogenheit und das richtige Maß.

Zunächst einmal ist es durchaus sinnvoll, sich in Geduld zu üben. Es gibt immer wieder Situationen, in denen das die beste Verhaltensweise ist. Und wir können damit auch sehr weit gehen.

Es wird in einer Konfliktsituation aktuell: Menschen tun uns Unrecht, sie verletzen oder enttäuschen uns. Spontan reagieren wir mit „Ungeduld“, d.h. wir werden ärgerlich oder zornig, werfen ihnen vor, was sie uns antun, handeln gegen sie, kämpfen um unser Recht usw. Jeder und jede kann hier ja einmal überprüfen und durchleuchten, wie er oder sie sich in solchen Situationen verhält.

Luther rät zur Geduld, d.h. er schlägt vor, zunächst einmal nicht direkt zu reagieren, auf Abstand zu gehen und ruhig zu bleiben. Vieles von dem, was uns stört, lässt sich nämlich ertragen. Wir können es aushalten und müssen gar nicht dagegen kämpfen.

Es lohnt sich viel mehr, gegen den eigenen Ärger zu kämpfen, sich anstatt nach außen nach innen zu wenden und gegen die eigene Ungeduld vorzugehen. Wir tragen dann einen viel größeren Sieg davon, der uns sehr weit führt.

Dabei ist wichtig, dass wir das nicht allein schaffen. Es geht hier nicht um Heldentum. Luther bittet vielmehr darum und bringt diesen Sieg unmittelbar mit der Gegenwart Gottes in Verbindung. Nur er kann uns dazu verhelfen, nur mit Gott ist dieser Sieg wirklich ein Sieg und von Dauer. Denn wir gewinnen Anteil an der Ewigkeit, wir werden herausgehoben aus den Niederungen der Welt und der Auseinandersetzungen und in eine andere Wirklichkeit versetzt.

Und das ist wichtig. Denn natürlich hat die Übung der Geduld ihre Gefahren und ihre Grenzen. Die Gefahr besteht darin, dass wir uns gar nicht in Geduld üben, sondern uns nur ducken, aus Schwachheit und Angst heraus nichts tun, passiv bleiben und uns selber klein machen. Wer dazu neigt, muss natürlich erst einmal üben, stark zu werden, sein Ich aufzubauen und eine gesunde Abwehrkraft entwickeln. Erst wenn das erfolgt ist, können wir mit der Übung der Geduld beginnen.

Und die Grenze setzt da ein, wo das, was wir ertragen, uns eventuell doch zerstören will. Es gibt das Böse in der Welt, es gibt Grenzen dessen, was wir aushalten müssen. Wo diese Grenze allerdings liegt, muss jeder und jede für sich selber herausfinden. In der Nazizeit z.B. gab es Menschen, die sind in den offenen Widerstand gegangen und wurden zu Märtyrern. Das war für sie richtig und gut. Andere waren auch gegen das Regime und die Verbrechen, haben sich aber für den Untergrund entschieden. Das war genauso gut, denn sie sind am Leben geblieben und konnten hinterher noch viele Jahre segensreich wirken. Es gibt dafür keinen einheitlichen Maßstab.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es um ein inneres Gleichgewicht geht. Das gilt es zu finden. Wir sind „zum Frieden Christi berufen“ (Kol.3,15), wie es in der Stelle im Kolosserbrief heißt, die bei Frieder Schulz unter dem Gebet steht.  (Heute mit Luther beten, a.a.O., Nr. 38). Das will Gott. Er sollte also in unseren „Herzen regieren“. Wir wissen selber, wann er eingezogen ist, wir können es spüren. Es bedeutet, dass wir ausgeglichen und „gleichmütig“ sind, dass wir mit uns selber übereinstimmen. Wir haben unsre Mitte gefunden. Das gehört zu jedem Gleichgewicht ja dazu: dass eine Mitte vorhanden ist, von der aus es entstehen kann. Dann kommt es zu einer Harmonie zwischen den vielen verschiedenen Kräften, die in uns und um uns wirken. Die gilt es anzustreben, Gott darum zu bitten. Wir finden unsere Gemütsruhe und empfangen dabei seinen Frieden.

Gott kann ihn schenken, wir müssen ihn nur darum bitten.

 


Betrachtungen zu dem Lied: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“  von Georg Neumark (EG 369)

Ora-et-Labora-Freizeit vom 29.8.- 2.9.2016
im Gethsemanekloster Reichenberg

Auf der Ora-et-Labora-Freizeit wurde der Klostertag 2016 vorbereitet. Inhaltlich  orientierten sich die täglichen Einführungen in die Stille Zeit an dem Thema des Vortrages, der dort gehalten wurde.

 

1. Einführung: Auf Gott hoffen
Strophe 1 und 2

1. Hinführung
a. Thema des Klostertages: „Der Trost Gottes“
Das Thema des Klostertages lautet „Der Trost Gottes“. Es ist vom Jahresthema abgeleitet, und das wiederum ergibt sich aus der Jahreslosung. Sie wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen für jedes Jahr drei Jahre im Voraus ausgewählt, und es ist immer ein Vers aus der Bibel. Für viele Christen vor allem deutscher Sprache ist sie dann der Leitvers für das Jahr. Bruder Achim hat sich dieser Praxis angeschlossen und die Jahreslosung zum zweiten Mal auch für das Jahresthema des Klosters gewählt. Sie steht 2016 bei dem Propheten Jesaja und lautet: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes. 66, 13)
Das sagt Gott durch den Propheten zu dem Volk Israel. Es ist ein Trostwort, denn das sah der Prophet als seine Hauptaufgabe an: Trost zu spenden. Es ist der sogenannte „dritte“ Jesaja, der nach dem babylonischen Exil lebte und wirkte. Zur der Zeit war eigentlich alles wieder gut. Trotzdem wurden die Menschen ungeduldig, denn das Heil, nach dem sie sich sehnten, kam ihnen nicht schnell genug. Das Leben blieb schwierig und konfliktgeladen, der Wiederaufbau ging nur schleppend voran. Der dritte Jesaja will seine Landsleute deshalb trösten und ermutigen. Davon handeln sein Buch und auch unser Vers.
Dabei wird gerade an diesem Vers sehr schön deutlich, dass Trost etwas ist, das wir schon als kleine Kinder brauchen. Die Mutter gibt ihn uns, wenn sie eine gute Mutter ist.
Doch wer tut das später? Es können natürlich andere Menschen sein, und es ist auch gut, wenn wir sie haben. Aber oft reicht der menschliche Trost nicht. Deshalb spielt er im Glauben eine große Rolle, in der Religion. Schon in der Bibel ist Gott immer wieder derjenige, der sein Volk tröstet. Und in unserer geistlichen  Tradition gibt es dafür ebenfalls unzählige Zeugnisse: Menschen haben im Glauben Trost gefunden. Deshalb handeln z.B. viele Lieder in unserem Gesangbuch davon.
Ein Trostlied finde ich besonders schön, das möchte ich mit euch hier in dieser Woche Strophe für Strophe betrachten. Es trägt den Titel „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Text und Melodie stammen von Georg Neumark aus dem Jahr 1641.
Wer war das? Und wie kam es zu dem Lied?

b. Georg Neumark
Georg Neumark wurde am 16. März 1621 in Thüringen als Sohn eines Tuchmachers geboren und wuchs in Mühlhausen auf. Schon früh liebte er Musik und Poesie. 1640 wollte er an der Universität Königsberg Jura studieren und darüber hinaus den Poesieprofessor Simon Dach kennen lernen. Er fuhr mit Kaufleuten, die sich dafür zu einer Gruppe zusammengeschlossen hatten. Der Trupp wurde jedoch in der Altmark überfallen und ausgeplündert. Dabei verlor Neumark alle Studienmittel, der Plan vom Dichten und Musizieren in Königsberg war vorerst geplatzt. Das einzige, was er noch hatte, war sein Stammbuch, mit dem er sich ausweisen konnte. So war er völlig mittellos in fremder Umgebung.
Aber er verlor nicht den Mut. Er reiste weiter und fand in Magdeburg, Lüneburg und Hamburg immer mal wieder wohlgesonnene Menschen, die ihm Arbeit gaben, allerdings keine feste Anstellung. So konnte er sich auch keine neuen Studienmittel erwerben. Schließlich erhielt er eine Stelle eines Hauslehrers in der frommen Familie des Amtmanns Henning in Kiel. Und dort dichtete er im Januar 1641 das Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Es verbreitete sich sofort von Mund zu Mund. Doch erst viele Jahre später, nämlich 1657 wurde es in der Sammlung „musikalisch-poetischer Lustwald“ in Weimar gedruckt.
1644 konnte Neumark dann seinen Traum verwirklichen und reiste weiter über Lübeck und Danzig nach Königsberg. Dort begann er tatsächlich mit einem Jurastudium und traf Simon Dach. Er schloss sich dessen Dichter- und Musikerkreis an und erfuhr dadurch viel Anregung und Förderung in poetischer und musikalischer Hinsicht. Er konnte auch ausgezeichnet Cembalo und Gambe spielen und war dadurch sehr beliebt.
Es zog ihn aber wieder in seine Heimat. Auf seinem Weg nach Thüringen traf er in Wedel noch auf Johann Rist, einem Pfarrer, der ebenfalls viele Lieder gedichtet hat, die noch heute in unserem Gesangbuch stehen. Von Hamburg aus stand Neumark dann in regem Briefverkehr mit Thüringen. Dadurch erfuhr Herzog Wilhelm II. von Weimar von ihm, ebenfalls ein frommer und dichtender Christ. Er war der Leiter der sogenannten „Fruchtbringenden Gesellschaft“, der damals angesehensten Vereinigung für Literatur und Kunst. 1652  ernannte er Neumark  zu seinem Hofpoeten und stellte ihn als Bibliothekar und Kanzleiregistrator an. Dadurch kam Neumark auch mit vielen Künstlern und Dichtern in Kontakt.
Er heiratete in Weimar Catharina Werner und bekam zwei Söhne. Dreißig Jahre lang diente er dem Fürstenhaus und war zufrieden mit seinem Leben. 1681 starb er mit 60 Jahren an Altersgebrechen. (vgl. Wolfgang Herbst, Hrg., Wer ist wer im Gesangbuch? Göttingen, 2001, S.226f)

2. Betrachtung
a. Einleitung
Nun zu dem Lied. Neumark selber nannte es „Trostlied“, und es ist ja auch in so einer Situation entstanden. Sein Wahlspruch lautete: „Wie Gott es will, so halt ich still.“ Und davon handelt auch dieses Lied. Dabei enthält es allgemeine Lebensweisheit, biblische Motive kommen vor und die christliche Frömmigkeitstradition. Man kann erkennen, dass hinter dem Lied ein Schicksalsschlag steht, eine Not, eine leidvolle Erfahrung. Wo finden wir Trost? Worauf können wir vertrauen, wenn wir Angst haben und uns Sorgen machen? Worin besteht unsere Freude? Auf diese Fragen gibt er hier eine wunderbare Antwort, und es ist zu spüren, dass er dichterisch sehr begabt war. Ich finde das Lied ist künstlerisch und inhaltlich ausgesprochen gelungen. Die Melodie ist auch von ihm, und man merkt, es ist ein Guss.

b. Ausführung
Die erste Strophe lautet:

1. „Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf Ihn allezeit,
den wird er wunderlich erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.“

Das ist eine Feststellung, ein Bekenntnis. Es beginnt mit einem Relativsatz, mit dem Pronomen „wer“, d.h. uns wird ein bestimmter Mensch vorgestellt. Dabei geht es um dessen Verhalten. Es ist jemand, der Gott „walten“ lässt.“
Das Wort „walten“ benutzen wir kaum noch, es ist veraltet und bedeutet laut Duden „gebieten, zu bestimmen haben, das Regiment führen“. In dem Wort „Gewalt“ kommt es vor, und auch die Bezeichnungen „Verwalter“ und „Anwalt“ sind aus diesem Wort zusammengesetzt. Jemand, der waltet, hat also viele Möglichkeiten. Er ist meistens höher gestellt und tut etwas. „Schalten und walten“ ist ein Ausdruck, den wir gelegentlich noch benutzen. Wir sagen es von jemandem, der einen Plan hat, eine Idee, ein Ziel. „Walten“ ist mehr, als einfach nur zu herrschen und mächtig zu sein. Es kommt etwas dabei heraus, es ist positiv gefärbt, konstruktiv. Auf jemanden, der waltet, kann man deshalb „hoffen“. Das ist das nächste Wort, das Neumark hier erwähnt.
Und er sagt das alles vom „lieben Gott“, den er glehzeitig den „Allerhöchsten“ nennt. Und zu Gott passt das in der Tat gut. Das glauben wir, er ist höher als alle anderen.
Wer nun Gott „walten“ lässt, den wird er „erhalten“, und zwar „in aller Not und Traurigkeit“. Das ist die Situation, auf die das Lied sich bezieht. Neumark hatte sie gerade erlebt. Aber er hat auch erfahren, wie ihm geholfen wurde. Das Gottvertrauen ist deshalb eine feste Grundlage für das Leben, darauf kann man bauen. Neumark führt das biblische Gleichnis vom Hausbau auf dem Sand aus der Bergpredigt an. (Mt.7,24ff) Da sagt Jesus, dass der, der seine Lehre hält, wie ein Mann ist, der sein Haus auf den Felsen baute. Wer dagegen seine Worte nicht tut, ist wie einer, der auf Sand baut. Sein Haus stürzt ein.
An diese Möglichkeit denkt Neumark also ebenfalls, an das Gegenteil von „Gott walten lassen“. Man kann ja auch selber in seinem Leben walten, d.h. autonom bestimmen und entscheiden, man kann andere Menschen „walten“ lassen, eine Sache, einen Plan, die Welt. Das ist auch das Normale, das wir alle zunächst tun. Doch das ist nicht ratsam. „Wer den lieben Gott walten lässt“, ist besser dran.
Das kommt in der zweiten Strophe nun sehr schön zum Ausdruck. Sie lautet:

2. „Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.“

Diese Strophe beginnt mit einer Frage, mit der Neumark auf ein allgemein verbreitetes Verhalten eingeht: Es ist das Seufzen und Klagen. Wenn das Gottvertrauen fehlt, sind bald Sorgen, Weh und Ach unsre Begleiter. Es beginnt jeden Morgen neu und vermiest das Leben. Natürlich haben wir dafür Gründe, Neumark nennt sie „Ungemach“. Das ist ebenfalls ein veraltetes Wort und bedeutet Unannehmlichkeit, Widerwärtigkeit, Ärger und Übel. Das kennen wir alle, wir erleben es regelmäßig.
Meistens hat es für uns eine absolute, feste Größe, denn oft ist es so, dass wir es nicht ändern oder beeinflussen können. Trotzdem hat es für Neumark keine uneingeschränkte Macht. Auf unsere Wahrnehmung können wir nämlich durchaus Einfluss nehmen. Wie wir mit dem „Ungemach“ umgehen, ist durchaus veränderlich. Und damit ist es flexibel und wandelbar: Wenn wir es jeden Morgen beklagen, wird es größer, wenn wir damit aufhören und auf Gott hoffen, wird es kleiner.
Der Trost, den Neumark hier vorstellt, besteht also nicht darin, dass wir nie mehr Leid erfahren werden. Wir werden aber „in aller Not und Not und Traurigkeit erhalten“.

3. Anwendung
Wenn wir das nun auf unser Leben anwenden und in der stillen Zeit betrachten, können wir uns fragen: Welche Sorgen habe ich? Was macht mir zu schaffen? Was tue ich morgens als erstes? Welche Gedanken kommen mir?
Wir können uns das bewusst machen, aber es dann einmal nicht weiter durchdringen. Normalerweise gehen mit Sorgen viele Gedanken einher. Wir lassen uns heute einmal sagen: Die meisten davon sind überflüssig. Sie entstehen, weil wir selber in unserem Leben walten. Oder wer ist es sonst? Das können wir uns auch fragen: Wer oder was „waltet“ eigentlich in meinem Leben? Wer führt das Regiment?
Wenn wir entdecken, dass es nicht Gott ist, vertrauen wir bewusst auf ihn, auf den Allerhöchsten. Das ist ein Superlativ, höher geht es nicht, d.h. auch nicht besser. Es ist dumm, jemand oder etwas anderes „walten“ zu lassen. Der Allerhöchste ist gleichzeitig der „liebe Gott“. Auf ihn lassen wir uns ein.

 

2. Einführung: Still halten
Strophe 3 und 4

1. Hinführung
Das Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ steht in unserem evangelischen Gesangbuch unter der Rubrik „Angst und Vertrauen“. In einem anderen Gesangbuch, dem der Herrnhuter Brüdergemeine z.B., finden wir es bei dem Kapitel „Freude und Sorge“, das passt auch sehr schön. Der Dichter und Komponist Georg Neumark hat darin formuliert, was ihn selber getröstet hat. Er war ein gläubiger Mensch, und so ist es das Vertrauen auf Gott, durch das er ruhig und getrost wurde.
Dabei ist wichtig, dass er das Gottvertrauen an sich lobt. Er zählt nicht viele Einzelheiten auf, Geschenke, die Gott ihm macht, Güter, die er bekommt, Menschen, die ihm helfen. Das hat er zwar auch erlebt, aber es geht ihm hauptsächlich um Gottes Walten selber, darum Gott Gott sein zu lassen. Die Tatsache, dass er überhaupt da ist, und das Erleben seiner Gegenwart ist schon Antwort genug. Es ist in sich selber sinnvoll, denn wir sind „zu Gott hin geschaffen“, wie Augustinus gesagt hat, oder biblisch gesprochen: Wir sind „Kinder Gottes“ und sollen das leben. Das ist unsere Bestimmung.
Und die ist großartig, es ist eine wunderbare Sache, ein Privileg. Jeder, der es missachtet, ist eigentlich dumm und töricht. Es steckt auch eine gewisse Ironie in dem Lied, Neumark macht sich so ein bisschen lustig über jeden, der das nicht glaubt und lebt. „Was hilft uns unser Weh und Ach?“ ist keine neutrale Formulierung. Es liegt etwas Abwertendes und Entlarvendes darin.
Das ist auch in den nächsten Strophen so.

2. Betrachtung
Lasst uns die also betrachten. Heute soll es um die dritte und vierte gehen. Die dritte Strophe lautet folgendermaßen:

3. „Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsres Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.“

Diese Strophe beginnt mit einer Empfehlung, sie klingt fast wie ein Rezept. Das wird ja gerne eingeleitet mit den Worten „man nehme…“. Darin liegt die subtile Ironie: Es gibt einen ganz naheliegenden Trost, man muss ihn eben nur annehmen und dabei bestimmte Dinge beachten. Der Dichter verrät uns, was das ist.
Und zwar rät er uns, „ein wenig still zu halten“. „Still halten“, das müssen wir z.B. beim Arzt, wenn wir Schmerzen haben, oder auch in einer Gefahrensituation, wenn es stürmt oder regnet, wenn etwas Unangenehmes geschieht. Schön finde ich, dass er sagt: „ein wenig“, d.h. wir müssen das nicht lange tun, es geht vorüber, es ist eigentlich nicht schwer. Wir werden zu nichts Heldenhaftem aufgefordert, zu keinem Martyrium oder großartiger Konzentration. Wir sollen nur „ein wenig still“ halten. Es ist ein kleiner Einsatz, der aber eine große Wirkung hat.
Das ist das erste. Dazu kommt aber noch mehr: Wir sollen bei diesem „still halten“ „in uns selber vergnügt sein“, das ist die nächste Formulierung, die wieder sehr schön ist. Sie bedeutet, dass wir in uns gehen sollen, uns nach innen wenden und uns selber spüren. Das ist nicht selbstverständlich, denn wir lassen uns gerne von außen ablenken, zerstreuen uns, suchen die Lösung unsrer Probleme in unserer Umwelt, bei anderen Menschen, eben außerhalb von uns selbst. Davon wird uns hier abgeraten, und uns wird vorgeschlagen, einfach einmal mit uns selber „vergnügt“ zu sein, d.h. in uns selber Freude zu finden, zufrieden zu sein. In uns liegt auch eine ganze Welt, die wir nur entdecken müssen.
Denn in uns offenbart sich auch „Gottes Gnadenwille“, da erfahren wir ihn. So geht die Strophe weiter. Wir klagen vielleicht manchmal darüber, dass Gott nicht da ist, dass wir ihn nicht sehen, nichts von seiner Gegenwart merken, und geben ihm dafür die Schuld. Doch das liegt nicht an ihm, sondern an uns. Gott ist sehr wohl bei uns, bloß wir sind nicht bei ihm. Wir entziehen uns seiner Gegenwart mit unseren Lärm, unsren vielen Gedanken und Sorgen. Sein Gnadenwille ist in Wirklichkeit immer wirksam.
Neumark nennt dann ein Prädikat Gottes, das ihm schon seit alters her zugeschrieben wurde: die „Allwissenheit“. Sie steht im Zusammenhang mit seiner „Allgegenwart“ und „Allmacht“. Das sind Formulierungen aus der theologischen Tradition, die der Dichter sicher kannte. Es sind wieder Superlative, so wie „der Allerhöchste“. Sie besagen, dass Gott überall ist, alles kann und alles weiß. Warum sollten wir uns dem nicht anvertrauen?
Die beiden Worte, „Gnadenwille“ und „Allwissenheit“ besagen zusammen, dass wir vor Gott keine Angst haben müssen. Er ist voller Gnade, er meint es gut mit uns. Und er weiß am besten, was förderlich für uns ist, denn wir gehören ihm. „Er hat sich uns auserwählt“, wie der Dichter weiter sagt.
Das kommt in der nächsten Strophe zum Ausdruck. Sie lautet:

4. „Er kennt die rechten Freudenstunden,
er weiß wohl, wann es nützlich sei;
wenn er uns nur hat treu erfunden
und merket keine Heuchelei,
so kommt Gott, eh wir‘s uns versehn,
und lässet uns viel Guts geschehn.“

Gott „kennt die rechten Freudenstunden“, so beginnt diese Strophe, d.h. er weiß, was wirklich Freude macht, was wir zutiefst brauchen. Er beschert uns nicht nur ein vorübergehendes, billiges oder materielles Vergnügen, sondern dauerhafte und echte Freude. Denn er weiß am besten, was uns „nützlich“ ist, und wann es eintreten soll. Das kann ganz unerwartet geschehen. Plötzlich wendet sich unser Schicksal. Das Gute kommt aus einer Richtung, in die wir vorher gar nicht geblickt haben. Etwas Segensreiches passiert, womit wir nicht gerechnet haben.
Wichtig ist nur, dass wir ihm „treu“ bleiben und nicht „heucheln“. Das gibt es ja, eine Frömmigkeit, die gar keine ist, Menschen, die nur so tun, als würden sie glauben und als wären sie Gott treu. In Wirklichkeit sind sie eigenmächtig und handeln nach ganz anderen Kriterien, als nach dem Willen Gottes zu fragen. Sie lassen Gott nicht wirklich „walten“, vertrauen nicht wirklich auf ihn, sondern lieber auf sich selbst oder andere.
Wer dagegen dem lebendigen und „allwissenden“ Gott vertraut, der kann erleben, wie plötzlich etwas Gutes in seinem Leben geschieht. Vielleicht ist es ganz anders, als er erwartet hat, aber es ist „viel“ und segensreich.

3. Anwendung
Wenn wir das nun auf unser Leben anwenden, dann ist es zunächst die Einladung, stille Zeit zu machen. Dabei muss sie gar nicht großartig gestaltet werden, es ist bereits sinnvoll, einmal „still zu halten“, die Hände in den Schoß zu legen, sich nicht zu bewegen, nichts zu sagen, nichts zu wollen. Wir müssen nur in uns gehen, uns bescheiden, geduldig sein. Ausharren und Warten gehört dazu, Hoffen und Vertrauen.
Das Kloster ist dafür gut geeignet: Selbst wenn wir hier arbeiten, gibt es nicht viel Ablenkung, nicht viel Zerstreuung. Vieles, womit wir uns sonst umgeben, haben wir hier nicht. Menschen, mit denen wir sonst reden, sind nicht da. Und das ist gut, wir halten das einfach einmal aus und ziehen uns in uns selbst zurück.
Viele Probleme entstehen, weil wir das viel zu selten tun und uns selber dadurch aus den Augen verlieren, uns nicht mehr spüren, unser Inneres vernachlässigen. Wir haben hier die Möglichkeit, uns dem zuzuwenden, uns in Geduld zu üben, bescheiden und treu zu sein.
Dabei dürfen wir damit rechnen, dass Gott uns schon längst kennt. Er weiß um uns, er sieht uns. Wir setzen uns seinen Blicken aus, seiner „Allwissenheit“.
Oft sind wir ja zu stolz dafür. Wir lassen es nicht gerne zu, wenn jemand anders etwas besser weiß, besonders wenn es um unser Leben und unser Verhalten geht. Vielleicht schämen wir uns auch, es wirkt wie eine Niederlage. Bei Gott ist dieses Gefühl nicht nötig. Wir können ruhig zugeben, dass wir selber nicht alles wissen und oft ratlos sind. Wir legen unseren Stolz und unsere Autonomie ab und halten seinem „Gnadenwillen“ still. Wir warten einfach ab, was dann geschieht.

 

3. Einführung: Das scheinbare Glück der Gottlosen
Strophen 5 und 6

1. Hinführung
In dem Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ lädt der Dichter und Komponist Georg Neumark uns dazu ein, „Gott walten zu lassen“, „still zu halten“ und geduldig zu sein. Dann wird Gott, „eh wir’s uns versehen, viel Gutes geschehen lassen“. So endet die vierte Strophe. Dazu noch ein kleiner Nachtrag:.
In der Einladung, „still zu halten“ steckt u.a. der Gedanke, dass Gottes Gegenwart reicht, um getrost zu sein, sie ist bereits die Antwort, sie ist in sich selber sinnvoll. Und damit geht gleichzeitig die Einladung einher, uns auf den Augenblick zu besinnen. Wir sind mit unseren Gedanken oft im Gestern oder im Morgen. Da kommen unsere Sorgen und Ängste her: Entweder erinnern wir uns an etwas Gutes, das nicht mehr da ist, und können uns nicht vorstellen, dass es in Zukunft jemals wieder besser wird. Oder wir denken an etwas Schlimmes, und haben Angst, dass es wieder kommt. Wir sind traumatisiert, unsicher, ungetröstet. Ungute Gefühle wie Neid, Zorn und Bitterkeit haben darin ebenfalls ihre Wurzeln. Das Hadern kommt daher, die Unzufriedenheit, Ärger und Wut. Und die helfen nicht im Leben. Das Leben kann so nicht gelingen, es wird vergiftet und hässlich.
Doch gegen all das gibt es ein Gegenmittel, es ist der Glaube an Gott. Und der zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass wir uns immer wieder auf die Gegenwart besinnen, einfach nur da sind, in Gott und „in uns selber vergnügt“ sind, als seine Kinder leben. Jetzt geschieht ganz viel, und es ist beileibe nicht alles schlecht. Denn in uns finden wir immer ein Stück Freude, ein Vergnügen, weil Gott immer da ist und sein „Gnadenwille“ unaufhörlich wirkt.
Das kann man von sonst nichts sagen. Im Gegenteil, alles andere ist dem ständigen Wandel unterworfen. So ist unser Leben nun einmal: Nichts lässt sich festhalten, alles vergeht und verändert sich immerfort. Die Zeit fließt dahin und mit ihr Erlebnisse, Menschen, Aufgaben, Ideen usw. Deshalb finden wir weder Trost in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Wir finden ihn nur jetzt, nur wenn wir innehalten, „still halten“, wie der Dichter sagt.
In den nächsten beiden Strophen wird das deutlich. Sie zeigen, wo es hinführt, wenn wir etwas festhalten wollen, wenn wir mit unseren Gedanken zu sehr in der Zeit umherwandern, sie in alle möglichen Richtungen schweifen lassen. Die Strophen thematisieren das scheinbare Glück der Gottlosen, den Neid und die Ungeduld.

2. Betrachtung
Die fünfte Strophe lautet:

5. „Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
dass du von Gott verlassen seist
und dass ihm der im Schoße sitze,
der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
und setzet Jeglichem sein Ziel.“

Die Strophe beginnt mit einem uralten Problem, das schon im Psalter vorkommt, in Psalm 73 z.B. Da sagt eine Beter: „Es verdross mich, als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.“ (V.3) Georg Neumark benutzt das Wort „Drangsalshitze“. Ich weiß nicht, ob er es erfunden hat, im Duden steht es nicht, aber es ist sehr schön. Die Ironie, die sein Lied durchzieht, kommt wieder zu Vorschein. Er meint einen Menschen, der sich „erhitzt“, d.h. sich aufregt und dabei heiß und rot wird. Der Zorn reißt ihn mit, negative Wallungen bringen seine Seele in Aufruhr, er wird vorwurfsvoll und negativ.
Er stellt sich vor, dass andere bei Gott auf dem Schoß sitzen, er aber nicht. Das kennt man von Geschwistern: Einer sitzt auf dem Schoß bei der Mutter oder dem Vater und der andere will es sofort ebenfalls. Er ist neidisch und ärgerlich.
Und so geht es uns Menschen auch, wenn wir andere sehen, die offensichtlich glücklicher sind. Wir fühlen uns benachteiligt, vernachlässigt und geben gerne Gott dafür die Schuld. „Wie konnte Gott das zulassen?“ Diese Frage ist so alt wie die Menschheit und sie wird immer wieder gestellt. In unserem Lied kommt sie an dieser Stelle vor: Ich bin „von Gott verlassen“ ist hier die Formulierung.
Dabei wird wieder deutlich, dass der Dichter sich subtil über diejenigen lustig macht, die so denken. Sie sind kurzsichtig und kleinkariert, ihnen fehlen der Weitblick und die Gelassenheit. Der Mensch vergisst gern, wie schnell sich alles ändern kann, wie flüchtig das irdische Glück ist, wie wenig man sich darauf verlassen kann. Das Leben wandelt sich ständig. „Die Folgezeit verändert viel“, sagt der Dichter, und jeder und jede von uns hat ein Ziel, das wir gar nicht kennen. Gott allein weiß es, er hat unser Leben in der Hand. Und es ist gut, daran immer mal wieder zu denken:
Es gibt noch eine ganz andere Realität als das irdische Leben. Das Ergehen innerhalb der Zeit, die wir haben, ist deshalb kein Kriterium dafür, ob Gott da ist oder nicht. Seine Gegenwart lässt sich daran nicht ablesen, denn sie ist unabhängig von allem. Gott ist frei und souverän, er bindet sich nicht an diese Welt, er wirkt nur in ihr. Er greift ein, wie und wann er will. „Er ist der rechte Wundermann, der bald erhöhn, bald stürzen kann.“
Das kommt in der nächsten Strophe zum Ausdruck. Sie lautet:

6. „Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich:
Den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann.“

Gottes Macht übersteigt alle irdischen und menschlichen Möglichkeiten und bei ihm gelten ganz andere Werte als bei uns. Wir streben nach Reichtum, Macht, Gesundheit und Erfolg. Wir wollen nicht arm oder krank sein, unterdrückt werden oder scheitern. Wir leiden darunter, wenn es eintritt. Meistens ist es Selbstmitleid, und das wird hier in unserer Strophe entlarvt. Denn uns wird vor Augen geführt, wie flüchtig alles ist. Wir sind von vornherein verlassen und liegen verkehrt, wenn wir z.B. dem „Reichtum“ zu viel Gewicht geben. Es ist ungesund und führt zu nichts, sich daran zu hängen und traurig zu sein, wenn er vergeht. Es ist letzten Endes auch unrealistisch, denn für Gott ist ein Leichtes, das alles zu ändern: Er kann ganz schnell den Reichen arm und den Armen reich machen. Alles ist relativ, nur Gott allein ist absolut. Bei ihm zählen unsere Errungenschaften nicht viel.
Jesus hat das bereits zu seinen Jüngern gesagt. Als die Mutter von Jakobus und Johannes einmal zu ihm kam, um ihn zu bitten, ihre Söhne mit besonders viel Macht auszustatten, antwortete er: „Wer unter euch der Höchste sein will, der sei eurer Knecht.“ (Mt.20,27) Damit wirft er die gängigen Wertvorstellungen über den Haufen. Und das tut er an vielen Stellen im Neuen Testament. Vor der Szene mit Jakobus und Johannes hatte er im Gleichnis über die Arbeiter im Weinberg bereits gesagt: „Die Letzten werden die Ersten und die Ersten werden die Letzten sein.“ (Mt.20,16)
Daran erinnert der Dichter hier, und es ist schön, dass er Gott als „Wundermann“ bezeichnet. Gott kann mehr, als wir denken, wir werden uns mehrere Male wundern, wenn wir ihm vertrauen und unser Leben auf seine Gegenwart und Macht bauen.

3. Anwendung
Wenn wir das nun auf unser Leben anwenden, können wir einmal unsere „Drangsalshitze“ erforschen. Davon ist keiner und keine von uns frei: Wir ärgern uns oft, regen uns auf, sind neidisch und unzufrieden. Wenn wir in solchen Gefühlen drin stecken, können wir normaler Weise auch keinen klaren Gedanken fassen, denn wir sind auf irgendetwas fixiert, auf einen Menschen, der uns aufregt, ein Ereignis. Hier können wir uns das einmal anschauen und uns fragen: Warum löst das so viele negative Kräfte in mir aus? Und was machen die mit mir?
Wir lösen uns einmal bewusst aus unseren Beziehungen und den Strukturen, in die wir verflochten sind. Wir nehmen Distanz und schauen es uns einfach nur an. Viele Probleme, viel Ärger und Neid entsteht, weil wir uns ständig mit anderen vergleichen, von ihnen abhängig sind oder sie von uns. Wir sind deshalb auf sie fixiert, unser Fokus geht oft in ihre Richtung. Wir haben hier die Gelegenheit, das einmal zu ändern.
Anstatt auf andere Menschen zu starren, auf das, was sie können oder tun, was sie haben oder treiben, lenken wir unseren Blick auf Gott. Jeder und jede von uns ist sein Kind. Wir sind „auserwählt“ und geliebt. Im Kern sind wir alle eigenständig, von Gott gewollt und wertvoll. Ihm stellen wir uns deshalb anheim, legen unser Leben bewusst in seine Hand. Er ist der rechte „Wundermann“. Wir können also mit Wundern rechnen. Lasst uns das heute tun. Unsere „Drangsalshitze“ – wenn sie denn noch da ist – wird sich dadurch verflüchtigen. Wir werden getröstet und ruhig, und das ist wertvoller als alles andere. Der wahre Reichtum besteht darin, ganz bei sich selbst und ganz bei Gott zu sein.

 

4. Einführung: Gott loben und fröhlich sein
Strophe 7

1. Hinführung
a. biblische Inhalte
Dem Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“  liegen  Inhalte aus der Bibel, aus der Theologie und der allgemeinen Lebensweisheit zu Grunde. An einige biblische Inhalte möchte ich noch einmal erinnern:
In Psalm 62 heißt es z.B.: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ (Ps.62,2) Das könnte als Überschrift über dem ganzen Lied stehen.
Ebenso spielt Psalm 73 eine Rolle, in dem das scheinbare Glück der Gottlosen beschrieben wird und der Beter seinen Neid zugibt. Er beruhigt sich aber im Verlaufe des Psalms und endet mit dem Vers: „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf den Herrn. (Ps.73,28)
Und auch Worte Jesu spielen eine Rolle, wie das Gleichnis vom Hausbau auf dem Sand bzw. Felsen, oder die Ansage: „Die Letzten werden die Ersten und die Ersten werden die Letzten sein.“ (Mt.20,16).
Mir sind außerdem die Seligpreisungen eingefallen, mit denen Jesus beschreibt, was seine Jünger auszeichnet, wie das Leben gelingt, wer glücklich wird. (Matthäus 5,3-10)
Jesus sagt uns damit, was für ihn wichtig ist und wie er selber auf jeden Fall gelebt hat. Wir verwirklichen es wahrscheinlich nie ganz, er hat das aber getan, und es ist gut, wenn wir uns an ihm orientieren. Unser Lied enthält viele Hinweise darauf, was das heißt und wie das gelingen kann.

b. zur letzten Strophe
Wir wollen heute die letzte Strophe betrachten, sie ist wie eine Zusammenfassung all dessen, was voraus ging. Man kann sie gut auch für sich alleine nehmen, sie aus dem Zusammenhang lösen, singen oder sich irgendwo hinhängen. Am besten ist es, sie auswendig zu lernen. Denn wir können sie auch als das Fazit verstehen, als „die Moral von der Geschichte“. Sie lautet:

7. „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird Er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“

2. Betrachtung
Die Strophe beginnt mit einem dreifachen Imperativ: Wir sollen „singen, beten und auf Gottes Wegen gehen“. Uns wird also gesagt, was wir tun sollen, was der Dichter uns rät und wozu er uns einlädt: Gottesdienst und Frömmigkeit schlägt er uns vor, und er meint damit diejenigen, die nach Trost verlangen, die gerne ruhig und gelassen sein möchten, die sich nach dem wahren Glück und einer echten und tiefen Freude sehnen. Das tun fast alle, aber die meisten wählen dafür nicht die passenden Mittel. Sie arbeiten, um reich zu werden und erfüllt zu sein, sie üben vielleicht Macht aus, streben nach Schönheit, suchen die Abwechslung und den Spaß. Viele suchen Trost in der Welt, bei anderen Menschen, in den Dingen, in ihren Plänen und Ideen. Doch sie irren sich, das hat der Dichter am eigenen Leib erfahren und er entfaltet das in seinem Lied. Was im Leben wirklich zählt, liegt auf einer ganz anderen Ebene. Es ist viel sinnvoller, einfach nur „das seine getreu zu verrichten“.
Jeder und jede von uns ist an einen ganz bestimmten Platz im Leben gestellt, wir haben Aufgaben, Menschen, die uns brauchen, die wir lieben, und das reicht. Es ist gut, wenn wir uns darauf konzentrieren, das so treu und gut wie möglich leben, und uns ansonsten bescheiden. Wir müssen das Glück nicht in der Zukunft suchen und auch nicht außerhalb von uns selbst. Es liegt in uns, und zwar deshalb, weil Gott in uns wohnt. Wir sind längst mit ihm verbunden, er ist uns ganz nah, wir müssen nur auf ihn vertrauen.
„Trau des Himmels reichem Segen“, sagt der Dichter hier zusammenfassend. Der „Himmel“ liegt über uns, er scheint unendlich weit zu sein, und er ist deshalb schon in der Bibel ein Bild für den Raum, in dem Gott wohnt und waltet. Das „Himmelreich“ ist bei Jesus das „Reich Gottes“. Er hat es verkündet und den Menschen nahe gebracht.
Und das Schöne an dieser Vorstellung liegt darin, dass er Himmel über uns ist. Wenn wir uns Gott als im Himmel wohnend vorstellen, entsteht eine vertikale Richtung. Wir sind nicht nur Teil dieser Welt, sondern es gibt auch noch eine Verbindung nach oben. Wir können uns danach ausstrecken, uns nach oben ausrichten. Dann werden wir aufgerichtet und gehen nicht mehr gebeugt durch das Leben.
Außerdem kommt der „Segen“ Gottes auf uns herab. Er wird bei uns „neu“, wie der Dichter sagt, d.h. es verändert sich etwas. Es ist sehr schön, dass sich in unserer Sprache das Wort „Segen“ auf „Regen“ reimt. Man kann das gut als ein Bild nehmen: So wie der Regen von oben die Erde bewässert, so fließt auch der Segen von oben auf uns herab und macht uns lebendig. Er ist „reich“, d.h. Gott spart nicht, er ist nicht geizig, sondern großzügig und freigebig. Gott liebt uns und will uns Gutes tun. Um es zu empfangen, müssen wir unser Leben nur mit ihm führen und auf ihn vertrauen, ihn „walten lassen“.
Das Lied endet dann wieder mit einem Relativsatz, so wie es angefangen hat: „Welcher seine Zuversicht auf Gott setzt“, das entspricht von der Form und auch vom Inhalt her dem ersten Satz: „Wer nur den lieben Gott lässt walten.“ Es schließt sich also ein Kreis. Man merkt, jetzt kommt der letzte Satz. Er lautet: „Den verlässt er nicht.“ Mit diesem Bekenntnis, dieser Zusage endet das Lied. Und es ist ein schönes Schlusswort: Gott verlässt dich nicht. Daran dürfen wir glauben, das kann uns trösten.
Und wem das schwerfällt, der muss nur in das neue Testament schauen: Jesus ist dafür das beste Beispiel. Er hat ganz auf Gott vertraut, und sein Leben war reich gesegnet. Er hat vielen Menschen geholfen und ihnen das „Himmelreich“ geöffnet. Er war leidensfähig, geduldig und gehorsam. Und am Ende stehen die Auferstehung, die Überwindung des Todes, das ewige Leben und die Himmelsherrschaft. An ihn können wir uns also halten. An seiner Hand wird der Segen des Himmels auch in unserem Leben immer wieder neu, so wie er es in den Seligpreisungen beschrieben hat.
3. Anwendung
Die letzte Strophe bietet sich wie gesagt dafür an, sie einfach immer wieder zu singen. Wir können sie auswendig lernen und vor uns hersagen, wenn wir z.B. spazieren gehen, anderweitig unterwegs sind oder einfache Tätigkeiten verrichten. Sie kann andere Gedanken vertreiben und das Wesentliche in den Mittelpunkt rücken.
Außerdem fragt sie uns nach unserer Frömmigkeitspraxis. Was zählt in meinem Leben am meisten? Was prägt meinen Alltag, mein Denken und Tun?
Hier im Kloster ist es Gottes Gegenwart, so soll es jedenfalls sein. Deshalb kommen wir ja auch hierher. Wir dürfen daran einmal wieder Anteil haben, werden in ein Leben mit Gott hineingenommen.
Aber das gilt eigentlich nicht nur hier. Lieder, Gebete und Gottvertrauen müssen nicht enden, wenn wir wieder zu Hause sind. Wir können sie mitnehmen: Singen, Beten und Gott ehren können in unserem Leben sogar an erster Stelle stehen, sie können für uns das Wichtigste sein, das wir immer wieder praktizieren. Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Allein oder mit anderen, in der Kirche, in der Natur. Jeder und jede kann ja mal darüber nachdenken, wie er oder sie das am besten umsetzt, was der Dichter uns hier vorschlägt. Es ist auf jeden Fall ein guter Rat. Wenn wir ihn befolgen, kann das Leben viel besser gelingen.
„Sing, bet und geh auf Gottes Wegen“ – dieser Imperativ ist wie eine Lebensregel, mit der alles gesagt ist, was wichtig ist. „Gott loben und fröhlich sein“, so können wir sie noch kürzer zusammenfassen. Wenn wir sie befolgen, zieht Leichtigkeit in das Leben ein. Wir werfen schwere Gepäckstücke ab, üben uns in Genügsamkeit und gewinnen dadurch eine ganz große Freiheit. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche und gehen vergnügt unseren Weg, ganz gleich, was er mit sich führt.
Einen größeren und tieferen Trost gibt es nicht. Es wäre wirklich dumm, ihn nicht zu ergreifen.

 


 

Betrachtungen zu dem Lied „Befiehl du deine Wege“ von Paul Gerhardt

Stilles Wochenende im Gethsemanekloster Riechenberg
28.-31.1.2016

Beten mit Paul Gerhardt

 

1. Befiehl dem Herrn deine Wege (EG 361,1-5)

1. Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.

2. Dem Herren musst du trauen,
wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen,
wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen,
es muss erbeten sein.

3. Dein’ ewge Treu’ und Gnade,
o Vater, weiß und sieht,
was gut sei oder schade
dem sterblichen Geblüt;
und was du dann erlesen,
das treibst du, starker Held,
und bringst zum Stand und Wesen,
was deinem Rat gefällt.

4. Weg hast du allerwegen,
an Mitteln fehlt dir’s nicht;
dein Tun ist lauter Segen,
dein Gang ist lauter Licht;
dein Werk kann niemand hindern,
dein Arbeit darf nicht ruhn,
wenn du, was deinen Kindern
ersprießlich ist, willst tun.

5. Und ob gleich alle Teufel
hier wollten widerstehn,
so wird doch ohne Zweifel
Gott nicht zurücke gehn;
was er sich vorgenommen
und was er haben will,
das muss doch endlich kommen
zu seinem Zweck und Ziel.

In den folgenden Einführungen ist der Name „Paul Gerhardt“ jeweils mit „PGangeben.
„EG“ ist die Abkürzung für „Evangelisches Gesangbuch“ (1. Auflage 1994) 

1. Hinführung
a. Allgemeine Bemerkungen zu den Liedern von PG
In unserem Gesangbuch stehen von PG mehr Lieder als von jedem anderen Liederdichter, nämlich 27. Das kommt, weil es ihm wie keinem Zweiten gelungen ist, unseren Glauben so in Lied- bzw. Gedichtform zu bringen, dass es unmittelbar zu Herzen geht. Seine Aussagen sind zeitlos und wahr, sie behandeln die Tiefen der menschlichen Seele, drücken allgemeine religiöse Gefühle aus, beinhalten unsere Hoffnung und unsere Sehnsucht, die Suche nach Trost und Halt, und immer auch die Frage nach dem Tod und der Ewigkeit. Sie sind Lob Gottes und Bitte, Ermahnung und Bekenntnis. Deshalb gibt es auch fast in jeder Rubrik im Gesangbuch mindestens ein Paul-Gerhardt-Lied.

b. Zu EG 361
Welches das bekannteste ist, weiß ich nicht. 1976 war der 300. Todestag Paul Gerhardts, da gab die Deutsche Bundespost eine Briefmarke heraus mit dem Beginn von „Befiehl du deine Wege“. Das ist also zumindest sehr bekannt und scheint repräsentativ für ihn zu sein.
Ich habe es für dieses Wochenende gewählt, weil es auf jeden Fall mein Lieblingslied ist. Außerdem passt es zu dem Thema dieses Jahres: „Ich will euch trösten.“, denn es ist ein Trostlied. Im Gesangbuch steht es unter der Rubrik „Angst und Vertrauen“ und ist hier das sogenannte charakteristische Leitlied. Für jede Rubrik wurde eins ausgesucht, das jeweils den Anfang bildet. Die folgenden sind dann immer chronologisch geordnet.
Wann es entstanden ist, weiß man nicht, es lässt sich keiner bestimmten Situation im Leben Paul Gerhardts zuordnen. 1653 gehörte es zu den 64 neuen Liedern, die in der 5. Auflage von Crügers Gesangbuch im Vergleich zur zweiten Auflage von 1647 dazu gekommen waren. Es ist also entstanden, nachdem PG Crüger kennen gelernt hatte, und auf jeden Fall vor 1653, also bevor er im Pfarramt war. (wikipedia zu „Befiehl du deine Wege)
Aber die Entstehungszeit ist auch unbedeutend, aus den Gründen, die ich vorhin nannte: Es enthält eine zeitlose Wahrheit.
Zu Grunde liegt der Psalmvers: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.“ (Ps. 37,5) Die Anfangswörter der zwölf Strophen des Liedes bilden diesen Vers. Das ist eine bestimmte Dichtform, man nennt sie Akoristichon. Ich finde, das ist ein schöner Kunstgriff. Unter diesem Leitwort entfalten die Strophen das Thema Gottvertrauen mit immer neuen Bezügen und Vergleichen.
Dabei wechseln das Subjekt und die Aussageform häufig:
1+2: Anrede an den Hörer
3+4: Anrede an Gott
5: Aussage über Gott in der dritten Person
6-8: Anrede an den Hörer
9-10: Aussagen über Gott in der dritten Person
11: Anrede an den Hörer
12: Anrede an Gott.
Das Lied lässt sich übrigens auf verschiedene Melodien singen, wie z.B. „O Haupt.voll Blut und Wunden“, „Du meine Seele singe“ oder „Ich weiß, woran ich glaube“. Die in unserem Gesangbuch basiert auf einem alten Psalmlied von 1547 und wurde 1603 von Bartholomäus Gesius für ein deutsches Kirchenlied verwendet. 1730 hat Telemann sie so überarbeitet, wie wir sie heute kennen.
Wir gehen die Strophen jetzt einzeln durch, machen uns klar, was sie enthalten und wenden das auf unser eigenes Leben und unseren Glauben an.

2. Betrachtung
Str. 1: Das Lied beginnt mit einer Anrede an den Hörer oder Sänger: „Befiehl du deine Wege.“ Er soll also etwas tun, und zwar auf Gott vertrauen. Dabei wird Gott als derjenige vorgestellt, der „den Himmel lenkt und Wolken, Luft und Winden die Bahn gibt“. Das entspricht den Aussagen der Bibel und es veranschaulicht die Macht Gottes: Der Blick geht in den Himmel. Der ist bereits unendlich viel größer und weiter, als unser Dasein hier auf der Erde. Er kann uns beeindrucken. Aber es gibt jemanden, der ist noch größer: Er lenkt das alles, denn er ist der Schöpfer und Wächter der Welt und all ihrer Gewalten. Natürlich kann er deshalb auch für die Menschen Wege finden, auf denen sie gehen können. Vor seinem Angesicht relativiert sich alles, was in unserem persönlichen Leben geschieht, denn das ist viel kleiner. Es wäre lächerlich, „seiner Pflege“ nicht zu vertrauen.
Str. 2: Die Anrede und die Ermahnung gehen weiter, jetzt heißt es sogar ganz direkt. „Du musst“. Wenn wir wollen, dass es uns gut geht, gibt es nur diesen einen Weg, „dem Herrn zu trauen.“ Und das wollen wir natürlich alle, es ist unser tiefster Wunsch: dass es uns „wohl ergehen“ möge. Wenn das wahr werden soll, kommt alles darauf an, dass wir Gott vertrauen. Wenn „unser Werk bestehen soll“, müssen wir auf „sein Werk schauen“. Das ist seine Schöpfung, aber auch die Sendung seines Sohnes, die Ausgießung des Heiligen Geistes. „Darauf zu schauen“ heißt, darauf zu bauen, sich darauf zu verlassen. Sonst bleiben nämlich nur „Sorgen und Grämen und selbsteigne Pein“, und die nützen gar nichts, wenn das, was wir bewerkstelligen, Bestand haben soll. Gott lässt sich davon jedenfalls nicht beeindrucken, es führt ins Leere.
Str.3: Außerdem wissen wir gar nicht genau, was wirklich gut für uns ist, das weiß Gott viel besser. Damit beginnt die dritte Strophe. Da wird die „ewge Treu und Gnade Gottes“ dem „sterblichen Geblüt“ gegenüber gestellt, d.h. noch einmal macht PG auf das starke Gefälle aufmerksam, das zwischen Gott und der Menschheit besteht. Er spricht Gott nun an, d.h. er kleidet diese Aussagen in ein Gebet. Er nimmt also Kontakt zu Gott auf und bekennt ihm gegenüber, wie stark er ist. Er besingt seine „Treue und Gnade“ und erwähnt den göttlichen „Plan“ hinter allem. Es gibt einen großen Zusammenhang, in dem jeder und jede Einzelne steht. Gott handelt in der Geschichte, in der Welt und in jedem einzelnen Leben. Er hat einen Willen, und er hat die Möglichkeit, ihn umzusetzen. Dabei will er das, was gut ist, das Schädliche will er nicht.
Str.4: Davon handelt die nächste Strophe: „Gottes Tun ist lauter Segen, sein Gang ist lauter Licht.“ Und er hat „Wege und Mittel“, „sein Werk“ voran zu bringen. Seine „Arbeit“ dient den Menschen und sie „ruht“ nie. Gott macht keine Pausen, unermüdlich ist er am Wirken.
Str.5: Deshalb kann ihm letzten Endes auch keiner widerstehen, selbst wenn das vorübergehend so aussehen sollte. In der nächsten Strophe erwähnt PG „alle Teufel“, d.h. widergöttliche Mächte. Die gibt es natürlich. Das Gute will erkämpft sein, es muss sich immer wieder durchsetzen und zu seinem „Zweck und Ziel“ kommen.

3. Anwendung
Und damit sind wir nun bei dem letzten Schritt unserer Betrachtung, der Anwendung all dessen, was hier in den ersten fünf Strophen zum Ausdruck kommt. PG hat das natürlich gedichtet, weil er weiß: Selbstverständlich ist dieses Gottvertrauen nicht, wir müssen uns dafür entscheiden und es regelmäßig üben.
Dafür sind wir ja auch hier und haben viel Zeit. Als erstes sollten wir uns klar machen: Was beschäftigt mich gerade? Was sind meine Sorgen und Kümmernisse, was wünsche ich mir? Worunter leide ich? Was „kränkt mein Herz“? Oft läuft das Leben ja ganz anders, als wir es wollen: Verlust, Krankheit, Trauer – es gibt unzählige Nöte, die uns den Weg zum „Wohlergehen“ versperren.
Wir wissen dann nicht richtig weiter, kommen nicht voran, stecken in einer Krise. Wir dürfen uns gerne hier einmal ausführlich klar machen, was das bei uns gerade ist.
Als nächstes machen wir uns bewusst, welche Hilfsmittel wir dagegen ergreifen oder ergriffen haben. Irgendetwas tun wir ja, wenn es uns schlecht geht. Wir machen eine Therapie, ziehen um, trennen uns von bestimmten Menschen, bilden uns fort oder lenken uns einfach nur ab. Oft verbrauchen wir sehr viel Zeit und Energie mit all diesen Lösungsansätzen. Wir grübeln und führen Gespräche, und es ist auch viel „Sorgen und Grämen“ dabei.
PG kennt das, aber er wertet es hier ziemlich ab. Er nennt es „selbsteigne Pein“, d.h. wir vergrößern die Probleme oft noch, und zwar weil wir das Wesentliche dabei außer Acht lassen, und das sind die Möglichkeiten Gottes. PG lädt uns ein, unseren Blick darauf zu lenken.
Dafür ist es gut, wenn wir alle anderen Gedanken und Versuche der Selbsthilfe einmal beenden, dem keinen Raum mehr geben und stattdessen buchstäblich in den Himmel sehen. Wir können uns wirklich einmal die Wolken anschauen, die Luft und den Wind spüren und uns vorstellen: Das alles lenkt Gott, seine „Mittel und Wege“ sind unendlich viel größer als meine. Dann merken wir wahrscheinlich schon, wie sich alle unsere Probleme relativieren. Sie werden kleiner und verlieren ihre Macht.
Und wir merken: Es gibt noch eine Kraft in dieser Welt, die stärker ist als alle anderen. Ich muss nur einmal darauf vertrauen. Dann spüre ich sie auch, und ich werde sofort freier. Es gilt, sich Gott anzubefehlen, ihm alles zu übergeben, was uns bewegt, uns von ihm „pflegen“ zu lassen. Wir rühren also nicht mehr in unseren Problemen herum, hören auf zu grübeln und versuchen gar nicht erst, selber aus unseren Kümmernissen herauszukommen. Wir lassen stattdessen Gott walten, denn er weiß am besten Rat und Hilfe.
Möglicherweise spüren wir Widerstände in uns gegen dieses feste Vertrauen, „Teufel wollen widerstehen“, Zweifel mischen sich ein. Dann ist es umso wichtiger, dass wir dieses Lied singen und beten und meditieren. Es kann uns gewiss machen, uns die Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, die wir suchen. Wir verlassen uns auf das Glaubenszeugnis von jemand anderem, in diesem Fall PG, und dadurch bahnt Gott sich einen Weg zu uns.
Für die Meditation empfehle ich, das Lied auswendig zu lernen. Bei der Betrachtung und Anwendung geht es dann allerdings nicht um ein Pensum, das es zu erfüllen gilt. Ihr müsst da nicht „durchkommen“ und es muss euch auch nicht alles ansprechen. Wenn eine Strophe oder eine Zeile euch besonders bewegt, dann verweilt dabei, betet sie immer wieder, oder sucht möglicher Weise sogar eigene Worte für das, was sie euch bedeutet. Erst wenn ihr merkt, dass ihr abdriftet und eure Gedanken wer weiß wo spazieren gehen, nehmt das Lied wieder zur Hand und geht zum nächsten Satz, zur nächsten Strophe über.

 

2. Hoff, o du arme Seele ( EG 361,6-10)

6. Hoff, o du arme Seele,
hoff und sei unverzagt!
Gott wird dich aus der Höhle,
da dich der Kummer plagt,
mit großen Gnaden rücken;
erwarte nur die Zeit,
so wirst du schon erblicken
die Sonn der schönsten Freud.

7. Auf, auf, gib deinem Schmerze
und Sorgen gute Nacht,
lass fahren, was das Herze
betrübt und traurig macht;
bist du doch nicht Regente,
der alles führen soll,
Gott sitzt im Regimente
und führet alles wohl.

8. Ihn, ihn lass tun und walten,
er ist ein weiser Fürst
und wird sich so verhalten,
dass du dich wundern wirst,
wenn er, wie ihm gebühret,
mit wunderbarem Rat
das Werk hinausgeführet,
das dich bekümmert hat.

9. Er wird zwar eine Weile
mit seinem Trost verziehn
und tun an seinem Teile,
als hätt in seinem Sinn
er deiner sich begeben,
und sollt’st du für und für
in Angst und Nöten schweben,
als frag er nichts nach dir.

10. Wird’s aber sich befinden,
dass du ihm treu verbleibst,
so wird er dich entbinden,
da du’s am mindsten glaubst;
er wird dein Herze lösen
von der so schweren Last,
die du zu keinem Bösen
bisher getragen hast.

1. Hinführung
Wir wissen, dass PG sehr viele Schicksalsschläge erlitten hat. Es ist kaum vorstellbar, wie ein Mann das alles verkraften konnte. Er hatte wirklich ein Leben voller Leid und Entbehrung, Verlusten, Krankheit und Tod. Wie hat er das ausgehalten?
Wenn wir seine Lieder lesen und singen, merken wir: Sein Glaube hat ihn getragen. Das Lied „Befiehl du deine Wege“ ist dafür ein sehr schönes Beispiel. Es ist aus Angst und Vertrauen heraus geschrieben, es handelt vom Leid und vom Trost.
In diesem Lied wird auch deutlich: Der Glaube von PG bestand nicht darin, dass Gott ihn durch konkrete Güter geholfen hat, Gesundheit, Wohlstand, Erfolg, Frieden oder ein anderes irdisches Glück. Das ist alles nicht gekommen, zumindest nicht überreich. Es war wohl zwischendurch mal da, hat sich aber immer wieder verzogen. Doch das erwartete PG auch nicht, und darum geht es in seinem Lied nicht. Die Hilfe Gottes besteht hier nicht in diesem oder jenem, sie besteht vielmehr darin, dass er überhaupt da ist. Gottvertrauen ist in sich selber sinnvoll. Es ist bereits das Heilmittel und die Hilfe. Wer die Gegenwart und Macht Gottes erlebt, dem geht es gut, ganz gleich, wie es um ihn steht.
Das wird in den folgenden Strophen noch deutlicher, als bisher.

2. Betrachtung
Str.6: Die sechste Strophe wendet sich wieder an den Hörer oder den Sänger, an die „Seele“, genauer gesagt. Sie wird als „arme Seele“ angesprochen, d.h. die Situation der Verzweiflung und des Kummers kommen jetzt noch deutlicher zur Sprache. Eine „arme Seele“ ist einsam und verlassen. Angstvoll sitzt sie wie in einer „Höhle“, in der sie der „Kummer plagt“. Es dort kalt und dunkel. Das ist ein Bild, das sehr drastisch den düsteren Seelenzustand verdeutlicht, in den der Mensch geraten kann. Er ist mit sich selbst beschäftigt, eingeschlossen in seinen Kummer und sieht kaum noch nach vorne. Eine Zukunft ist nicht erkennbar, die Hoffnung schwindet.
Doch dagegen soll er angehen, er soll bewusst hoffen und warten, dafür kann und soll er sich entscheiden. Denn es ist nicht alles aus, es gibt eine Zukunft, und die liegt bei Gott. Er kann noch etwas tun, er kann die Seele aus dieser Höhle heraus holen, die Zeit wird kommen, dass das geschieht. Mit großer Gnade wird Gott dann wieder alles hell machen, die „Sonne der größten Freude“ wird erscheinen. Das hat er uns verheißen und versprochen.
Str.7: Es wird zwar ein Handeln Gottes sein, d.h. der Mensch wird sich nicht selber retten, aber trotzdem kann er etwas dazu beitragen, dass das geschieht. Er muss nicht völlig tatenlos bleiben. In der nächsten Strophe wird er dazu sogar sehr klar aufgefordert: „Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht.“ So beginnt sie. PG kommt damit zu dem Selbstmitleid, das uns oft gefangen hält. Wir sitzen da und leiden und wollen gar nicht richtig, dass es weiter geht. Oft gefallen wir uns in der Rolle des Leidenden auch ein bisschen. Das lehnt PG ab. Wenn das so ist, kann nichts besser werden. „Auf, auf“ ist ein klarer Befehl, man sagt es zu Kindern oder Soldaten oder anderen Untergebenen, und es ist das Signal zum Aufstehen und Aufbrechen. Sei bereit, setz dich in Bewegung und sag „gute Nacht“ zu deinem Schmerz. Lass ihn schlafen, deck ihn zu und entfern dich von ihm. „Lass es fahren“, d.h. lass es los, „was dein Herz betrübt und traurig macht.“ Kummer und Not müssen uns nicht gänzlich beherrschen, sie haben immer auch etwas damit zu tun, wie wir auf Schicksalsschläge reagieren, wie viel wir festhalten wollen.
Wir sind gern die „Regenten“, wie PG es ausdrückt, d.h. wir versuchen zu steuern und zu bestimmen, wo es lang gehen soll. Doch das ist töricht, denn letzten Endes „sitzt“ nur einer „im Regimente“, und das ist Gott. Und er „führet alles wohl“ D.h. er ist ein weiser und guter Herrscher, er weiß, was uns bekommt, besser als wir selber. Unter seiner Herrschaft lässt es sich gut leben, wir müssen sie nur akzeptieren.
Str.8: Das wird in der nächsten Strophe weiter entfaltet. Sie beginnt wieder mit der doppelten Erwähnung eines Wortes. Eben war es „auf, auf“, jetzt heißt es „ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst.“ PG macht jetzt wieder Aussagen über Gott, er beschreibt, wie er ist und was er kann in der dritten Person. Doch natürlich steckt auch darin eine Aufforderung an den Hörer oder „die Seele“. Sie soll das zulassen, dann wird sie sich wundern. Denn Gott weiß und tut Dinge, auf die sie selber nicht kommt, die sie in Erstaunen setzen. Die Lösung der Probleme wird ganz anders geschehen, als der Mensch sich das selber ausmalt. Sein Rat ist „wunderbar“, d.h. dem Menschen wäre das nie eingefallen.
Str.9: In Strophe neun wird PG nun ganz seelsorgerlich. Er geht darauf ein, dass das alles Erfahrungen sind, die sich nicht automatisch einstellen. „Er wird zwar eine Weile mit seinem Trost verziehn.“ PG schwebt also nicht in irgendwelchen himmlischen Sphären, er driftet nicht ins Irreale ab, sondern bleibt sehr nüchtern und menschlich: Es fühlt sich oft so an, als würde sich nie etwas ändern, als ob Gott sich nicht für uns interessiert. Seine Hilfe kommt nicht automatisch, nur weil wir das wollen. Sie kann sich durchaus verzögern. Gott ist nicht kalkulierbar, er „funktioniert“ nicht wie eine Maschine, sondern er bleibt Gott, und das heißt frei und souverän. Wir haben ihn nicht in der Hand, sondern er hat unser Leben und die ganze Welt in seiner Hand.
PG spricht damit über so etwas wie geistliche Trockenheit, die Erfahrung, dass trotz Glaube und Gebet sich nichts ändert und nichts bewegt. Es besteht dann die Gefahr, dass wir vom Glauben abfallen, das Ganze lassen. Doch davon rät er eindringlich ab.
Str.10: In der nächsten Strophe lobt er diejenigen, die trotzdem „treu“ bleiben. Er meint damit eine zweckfreie Treue, eine Treue um ihrer selbst willen, die sich auf nichts stützt, gerade dadurch aber eine große Verheißung hat. Wer sich nur noch blind auf Gott richtet, kann erleben, dass er plötzlich „entbunden“ und frei wird. Das Herz wird ohne eigenes Zutun „gelöst von der schweren Last.
PG fügt dem an. „die du zu keinem Bösen bisher getragen hast.“ Damit entkräftet er den Gedanken, dass das Leid eventuell eine Strafe für etwas Böses ist, das ein Mensch getan hat. Dieser Zusammenhang wird oft konstruiert, damit man sich das Leid vielleicht besser erklären kann, er ist aber in Wirklichkeit nicht da. PG tut das deshalb nicht, er weiß, es gibt unerklärliches Leid, für das wir keine nachvollziehbaren Gründe finden. Es ist einfach da und kann deshalb auch nur von Gott aufgehoben werden. Für sein Handeln gibt es ebenso wenig eine rationale Erklärung, es kommt und es ist wunderbar.

3. Anwendung
Wenn wir das nun auf unser Leben anwenden, dann heißt das zunächst: Wir müssen unsere Armseligkeit erkennen und auch annehmen. Für viele Nöte gibt es keine schnellen Lösungen. Wir müssen sie zunächst aushalten. Sie gehören zum Leben dazu. Wir fühlen uns oft hilflos und klein, sitzen in einer „Höhle, in der uns der Kummer plagt“. Es ist wichtig, dass wir uns das nicht selber verbieten, uns auch nicht verstellen, sondern zugeben: Ja, so geht es uns oft. Wir müssen ehrlich sein und dürfen uns nichts vormachen.
Darin sind wir oft nicht besonders gut. Entweder überspielen wir es, oder wir verfallen in Selbstmitleid. Beides sind Zeichen von Ungeduld und Selbstherrlichkeit. Und die werden hier entlarvt, besonders in der Strophe sieben. Da wird das „Festhalten“ thematisiert. Wir können uns ja mal fragen, was es denn ist, das wir gerne festhalten wollen. Es kann ein Mensch sein, ein Ort, eine Tätigkeit, bestimmte Wünsche…Und dann gilt es zu erkennen, dass dahinter oft das Bestreben steht, selber zu bestimmen, wo es lang gehen soll. Wir sind eben nicht geduldig und treu, sondern regieren lieber. Allerdings ist unsere Herrschaft oft eine „Zwangsherrschaft“. Wir unterdrücken uns, pressen uns in ein Bild, wollen etwas sein, das wir gar nicht sind. Wir überfremden uns gern, verzerren die Wirklichkeit, ohne dass wir das merken.
Das wird hier aufgedeckt und wir werden eingeladen, damit aufzuhören. Dabei weiß PG, dass das nicht ganz einfach ist. Es geht uns gegen den Strich. Deshalb hilft die Vorstellung, dass Gott ein „weiser Fürst“ ist. Wir stellen uns einfach vor seinen Thron und lassen ihn walten. Dafür können wir das Gebet sprechen „nicht wie ich will, sondern wie du willst“. So hat Jesus in Gethsemane gebetet (Mt. 26,39). Und er steht uns auch zur Seite, wenn wir auf diese Weise auf Gott „hoffen“.
Er ist der Grund für unsere Hoffnung. An seinem Weg dürfen wir denken, da ist es alles genauso geschehen, wie PG es in diesem Lied zum Ausdruck bringt. Deshalb enthält es auch das Evangelium, ohne dass das direkt gesagt wird. Jesus kommt hier nicht vor, aber er ist für all das eine lebendiges Beispiel und eine Garantie. Er hat gelitten und war geduldig, er hat mit seinem Schicksal gehadert und ist trotzdem Gott treu geblieben. Seine Treue hat sich bewährt, auf wunderbare Weise hat Gott „sein Werk hinausgeführt“. Jesus kann uns deshalb die Hoffnung vermitteln, von der hier die Rede ist. Durch ihn haben wir immer ein Ziel vor Augen, einen Ausblick. Deshalb kann es mit der Hilfe Jesu auch gelingen, Durststrecken im Glauben durchzustehen. Auf die müssen wir uns immer gefasst machen, wenn wir den Weg des Gottvertrauens gehen. Wir dürfen uns davon nicht irritieren lassen. Es gilt fest nach vorne zu schauen, dann werden wir erlöst, d.h. irgendwann löst sich die Dunkelheit und Trockenheit auf und wir erblicken die „Sonn der schönsten Freud.“

 

3. Ausblick auf die Ewigkeit (EG 361,11.1)

11. Wohl dir, du Kind der Treue,
du hast und trägst davon
mit Ruhm und Dankgeschreie
den Sieg und Ehrenkron;
Gott gibt dir selbst die Palmen
in deine rechte Hand,
und du singst Freudenpsalmen
dem, der dein Leid gewandt.

12. Mach End, o Herr, mach Ende
mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände
und lass bis in den Tod
uns allzeit deiner Pflege
und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege
gewiss zum Himmel ein.

1. Hinführung
Das Lied „Befiehl du deine Wege“ ist ein Trostlied. Es beschreibt den Trost des Glaubens, den Weg des Gottvertrauens, durch den die Seele ruhig werden kann. Dabei ist eine Sache interessant:
Oft wird der Glaube ja für irrational gehalten. Wir beschäftigen uns dabei mit Dingen, die man nicht beweisen kann, die man eben „glauben“ muss. Es gibt deshalb oft den Einwand, dass die Glaubenden sich etwas vormachen. Sie konstruieren sich eine Wirklichkeit, die es gar nicht gibt, sie postulieren einen Gott und halten sich damit an eine Scheinrealität. Sie werden für schwach und nicht ganz lebensfähig gehalten.
In dem Lied von PG kommt genau das Gegenteil zum Ausdruck. Er sagt: Wer nicht an Gott glaubt, irrt sich und macht sich lächerlich. Er verschließt sich gegenüber einer Realität, die alles umfängt, die längst vor uns da ist, und die über dieses Leben hinausweist. Es ist töricht, das auszuklammern, das Leben kann dann gar nichts anderes als sinnlos und leer werden. Es wird misslingen, denn der Ungläubige hat eine stark verkürzte Wirklichkeitswahrnehmung. Er leidet an einem selbstgemachten Mangel, an „selbsteigner Pein“. Er verschließt sich gegenüber der Wahrheit und missachtet das Wesentliche. PG stellt den Unglauben mit dem Lied bloß, er beschämt und entlarvt ihn und zeigt uns, dass nur derjenige realistisch ist, der sich auf Gott verlässt.
Und wie in allen seinen Liedern endet auch dieses mit dem Ausblick auf die Ewigkeit. Die gehört zur göttlichen Wirklichkeit dazu. PG hat den Tod zur Genüge erlebt. Vier seiner Kinder sind gestorben, im 30-jährigen Krieg wurde ein großer Teil der Bevölkerung ausgelöscht, es gab Krankheiten und Seuchen, die die Menschen dahin rafften. Es blieb ihnen deshalb kaum etwas anderes übrig, als an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Diese Vorstellung gehörte deshalb noch viel stärker zum allgemeinen Lebensgefühl als heutzutage.
Und auch da kann man natürlich sagen wir haben inzwischen dazu gelernt, wir wissen es besser, die Ewigkeit gibt es möglicher Weise gar nicht, und wie sollten sich die Menschen früher denn auch anders trösten. Dann singen wir diese Strophen nicht mehr, die davon handeln.
Aber es geht auch anders herum: wir können uns davon inspirieren lassen. Was die Menschen von damals uns zu sagen haben, ist uns verloren gegangen, es kann uns bereichern und es ist gut, dass sie ihren Glauben formuliert und überliefert haben. Sie können uns zurückführen zu einer Wahrheit, die nie überholt sein wird, die wir zwar verdrängen und ignorieren können, die sich aber niemals auslöschen lässt: Dass unser Leben vergänglich und endlich ist, dass wir alle irgendwann sterben werden und dass es gut ist, wenn wir an die Ewigkeit glauben.
Lasst uns die beiden letzten Strophen unsres Liedes deshalb betrachten und uns davon an die Hand nehmen lassen.

2. Auslegung
Str.11: Die Strophe 11 beginnt mit einer Seligpreisung: „Wohl dir, du Kind der Treue“. Von der Treue hatte PG schon in der vorigen Strophe gesungen, jetzt vertieft er dieses Thema noch einmal und stellt es in einen biblischen Zusammenhang. Er führt Bilder an, die dort im Zusammenhang mit Tod und Ewigkeit stehen, wie die „Sieg- und Ehrenkrone“ z.B. Dahinter steht der Gedanke, dass das irdische Leben wie der Lauf in einer Bahn ist, dem des Wettkämpfers vergleichbar, der am Ende den Sieg davon trägt und mit Ehren gekrönt wird. Übertragen auf den Glaubensweg ist das der Eintritt in den Himmel. In der Offenbarung wird das mehrfach so dargestellt. Dort wird die Vision vom Thorn Gottes entfaltet, vor dem die Erlösten mit Palmenzweigen in ihren Händen stehen. Die kommen in unsere Strophe ja auch vor: „Gott gibt dir selbst die Palmen in deine rechte Hand und du singst Freudenpsalmen dem, der dein Leid gewandt.“ Das ist an Offenbarung sieben angelehnt, wo der Thron Gottes beschrieben wird und wo es heißt: „Danach sah ich und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen, vor dem Stuhl stehend und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und Palmen in den Händen, schrien mit großer Stimme und sprachen: Heil sei dem, der auf dem Stuhl sitzt, unserm Gott und dem Lamme.“ (Offb.7,9.10)
PG sieht am Ende seines Liedes also auf das, was uns erwartet, wenn wir hier auf Erden „treu“ geblieben sind. Wir werden dann auch schon zu Lebzeiten immer wieder getröstet, werden ruhig und zuversichtlich, der endgültige Sieg über das Leid erfolgt aber erst nach dem Tod.
Str.12: PG bittet deshalb in der letzten Strophe, dieses Ende bald heraufzuführen. „Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unserer Not.“ So beginnt er. D.h.: Lass das Ende dieses Lebens bald kommen, lass uns nicht für immer in diesem Jammertal, sondern führe irgendwann einmal etwas Neues herauf.
Das klingt so ein bisschen lebensmüde, vielleicht sogar depressiv. Litt PG an einer Todessehnsucht? War er schwermütig? Das vermuten wir, wenn wir solche Sätze hören. Es ist uns etwas fremd, wir empfinden das als negativ.
Aber wir können auch etwas anderes da heraus hören. PG sehnte sich nicht nach dem Tod, er sehnte sich vielmehr nach der Ewigkeit, nach dem Himmel und einem ungetrübten Glück. Und diese Sehnsucht kennen wir alle, wir tragen sie alle in uns. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass auch bei noch so viel Zufriedenheit und Wohlstand, den wir hier auf der Erde erreichen können, immer eine Restsehnsucht zurückbleibt. Unser Leben bleibt ein Weg, wir durchwandern es, wir sind Pilger, die hier nie ganz zu Hause sind. Wir bleiben tief in unserer Seele Gäste und Fremdlinge.
Es ist deshalb wichtig, dass wir bei der Wanderung nicht müde werden, dass unser „Füße und Hände gestärkt“ werden, damit wir den Weg wirklich gehen können.
PG ging davon aus, dass das Schönste noch vor ihm lag, dass er dem eigentlichen Ziel immer näher kam. Seine Bitte ist also nicht lebensverneinend, sondern zutiefst lebensbejahend und durch und durch positiv. Das Ende dieses Lebens war für ihn nicht einfach nur ein Ende, es war vielmehr der Anfang von etwas Neuem und Schönem, der Eingang in den Himmel. Er glaubte an eine wunderbare Verheißung. Die Zukunft stand für ihn immer offen, und die Hoffnung darauf hat ihn getragen.

3. Anwendung
Wenn wir diese Strophen meditieren, fragen wir als erstes: Ist das nicht eine Flucht? Verschließen wir uns damit nicht gegenüber der Realität, die nun mal schrecklich und vergänglich ist? Was kann die Verheißung des Himmels für uns denn bedeuten?
Ich sagte schon, dass es für PG positiv gefüllt war und ihm Mut machte. Und so kann es auch uns gehen. Es ist immer noch sinnvoll, an die Verheißung der Ewigkeit zu glauben und von daher sogar zu leben. Denn damit öffnet sich ein Ausblick, der allem anderen erst Sinn verleiht. Es fällt sozusagen von vorne ein Lichtstrahl in unser Leben, es erwartet uns immer noch etwas. Wir können immer getrost nach vorne blicken.
„Kind der Treue“ heißt „Kind der Ewigkeit“, und es ist heilsam und befreiend, wenn wir uns so verstehen. Wir leben dann noch von etwas anderem her, als nur von dieser Welt, uns trägt eine verborgene Wirklichkeit. Das Lebensgefühl verändert sich dadurch, alles erhält eine andere Gewichtung. Wir erleben auch hier schon etwas von dem himmlischen Jubel. Es gibt immer wieder mal einen Grund, jetzt bereits Freudenpsalmen zu singen.
Letzten Endes ist das Gottvertrauen, das PG in dem Lied beschreibt, auch nur durch den Ausblick auf die Ewigkeit möglich. Er verleiht uns Ausdauer und Zuversicht und wirkliche Treue. Wir wissen immer, die Mühen lohnen sich, sie sind nicht umsonst und behalten nicht das letzte Wort über unser Leben. Das letzte Wort ist vielmehr die Verheißung des Himmels.
Wir verlieren dadurch auch die Angst vor dem Tod. Die haben wir alle, wir werden nicht gerne älter, das Schrumpfen der Lebenszeit hat etwas Bedrohliches. Wenn wir an die Ewigkeit glauben und uns daran orientieren, verschwindet diese Furcht. Dann ist das Älterwerden plötzlich kein Abstieg mehr, sondern ein Aufstieg. Die Perspektive dreht sich um. Wir verlieren nichts, wenn wir älter werden und sterben, wir gewinnen vielmehr etwas, denn wir kommen dem Ziel näher, unserer eigentlichen Bestimmung. Der Verlust der Jugend und der Lebenskraft ist schwer, weil wir meinen, dass wir uns dadurch vom Leben entfernen. Wenn wir uns auf die Ewigkeit ausrichten, verändert sich diese Sorge. Sie schlägt um in die Freude darüber, dass wir uns dem wahren Leben immer mehr annähern.
Die Bitte, mit der das Lied endet, enthält also das, was letzten Endes wahr und wesentlich ist. Wenn wir darum bitten, darauf bedacht sind, dann haben wir im Leben und im Tod etwas, das uns durchträgt, dann ist der Tod nicht das Ende von allem, sondern der Eingang in den Himmel. Wir verlieren nicht das, worum wir uns im Leben bemüht haben, sondern wir gewinnen es. Am Ende kommt es zum Tragen, dann zahlt es sich aus. Wir können ruhig und mit Anstand sterben.
Es lohnt sich also, das Lied ernst zu nehmen, es auswendig zu lernen und immer wieder zu singen und nachzubeten. Ganz gleich, wo wir sind, wir können damit alle unsere Wege Gott anbefehlen und uns zu jeder Zeit und überall mit seiner Gnade beschenken lassen.

 


 

Jedes Jahr Anfang September bereitet im Gethsemanekloster Riechenberg eine Gruppe von Freiwilligen den sogenannten Klostertag vor. Das ist ein Nachmittag,  zu dem alle Freunde und Interessierten eingeladen werden. Im Mittelpunkt steht ein Vortrag zu dem Jahresthema des Klosters. Im Anschluss gibt es Gesprächsgruppen in verteilten Räumen, die sich dann  wieder im Plenum treffen.
Die Veranstaltung findet in einer ehemaligen Sommerscheune und anderen kleineren Gebäuden und Räumen auf dem Gelände statt. Sie müssen dafür geputzt und hergerichtet werden. Außerdem fallen im Garten und auch in den übrigen Gebäuden und Räumen diverse Arbeiten an.
Doch nicht nur das gemeinsame Arbeiten bestimmt die Woche, sie ist ebenso durch die Stille und das Gebet geprägt und steht deshalb unter der Überschrift
Ora-et-Labora“. Zum Beten gehören dabei sowohl die Andachten als auch die persönliche Stille der Einzelnen. Dafür bekommen die Teilnehmenden jeden Morgen einen geistlichen Impuls, der sich an dem Thema des Klostertages orientiert.
Es lautete: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes“.
So ergaben sich die folgenden Betrachtungen:

Betrachtungen zu dem Lied:
„Jesu, meine Freude“ von Johann Franck
(EG 396)

Ora-et-Labora-Woche vom  31.August bis 4.September 2015

1. Glauben und Vertrauen
Strophe 1

1. Hinführung
a. Thema des Klostertages: Rm.8
Es lautet in diesem Jahr: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes.“ Das ist ein Vers aus Römer acht (39). Bruder Achim hat es gewählt, weil wir in diesem Jahr den 100. Geburtstag von Olav Hanssen feiern, und für ihn war dieses ein zentrales Bibelwort. Er hat es im Krieg immer wieder memoriert, an der Front, in Russland, in der Gefangenschaft, als er täglich den Tod vor Augen hatte. Das hat er mir auch einmal erzählt, und ich sehe ihn im Geist immer, wenn ich diese Stelle aus dem Römerbrief lese.
Seiner Meinung nach ist der Römerbrief das zentrale Buch des Neuen Testamentes, und in ihm bildet Kapitel acht den Höhepunkt. Dieses Kapitel wiederum mündet dann in das fulminante Glaubensbekenntnis: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ Wir stehen mit dieser Bibelstelle also auf dem Gipfel des Neuen Testamentes, der ultimativen Glaubensaussage.
Paulus bezeugt damit, was ihn selber im Innersten trägt und erfüllt. Er hat ja auch ziemlich viel durchgemacht. In Vers 35 nennt er „Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr und Schwert“. Das hat er selber erlebt, und zwar nicht zu wenig. Seitdem er Missionar war, hatte er ein sehr hartes und entbehrungsreiches Leben. Er wurde immer wieder festgenommen, er kannte Krankheit und Verleumdung, Misserfolg und Verzweiflung. Für ihn war es tatsächlich so, wie er hier sagt, dass sein Glaube ihn durch das alles hindurch getragen hat. Er hat sich darin sogar bewährt, denn Paulus hat gerade in der Bedrängnis erlebt, wie unerschütterlich Gottes Macht und Liebe war. Er hat sich von Gott nicht verlassen gefühlt. Auch in Todesgefahr behielt er seine Hoffnung und seine Zuversicht.
Denn er hatte Christus vor Augen und im Herzen, der selber gestorben und wieder auferstanden ist. Paulus verweist hier auf das Heilswerk und den Sieg Jesu Christi, und er erinnert daran, dass in Christus die Liebe Gottes ein für alle Mal zu uns gekommen ist. In Ihm haben wir das Leben, davon war Paulus überzeugt und durchdrungen. In den vorhergehenden Kapiteln des Römerbriefes hatte er über Rechtfertigung, Vergebung und Überwindung geschrieben. Diese letzten Verse sind wie gesagt der krönende Abschluss all seiner Ausführungen. Sie sind ein jubelnder Lobgesang auf Gottes Liebe in Jesus Christus. Sie klingen feierlich und bedeutungsschwer, sie wirken absolut und unwiderlegbar. Die Gewissheit, die Paulus erfüllt hat, schwingt in ihnen mit, man kann sie heraushören. Und man kann es in der Tat kaum besser formulieren: Keine Macht auf Erden oder im Himmel kann uns von der Liebe Gottes trennen.
Und dazu gibt es nun auch ein Kirchenlied: „Jesu, meine Freude“, im Gesangbuch Nr. 396. Bach hat dazu eine Kantate geschrieben, in die er Verse aus Römer acht eingefügt hat, und im bayrischen Gesangbuch ist diese Bibelstelle daneben abgedruckt. Es gibt also einen Zusammenhang. Ob der Dichter selber, Johann Franck, das ebenfalls so verstanden hat, weiß ich nicht, aber das spielt auch keine Rolle. Er hat mit seinem Lied diese Bibelstelle in der Tat sehr schön umgesetzt. Deshalb wollen wir es in diesen Tagen betrachten.

b. Johann Franck
Über Johann Franck steht bei Wikipedia folgendes:
„Johann Franck (* 1. Juni1618 in Guben; † 18. Juni 1677 . ebenda) war ein deutscher Jurist und Dichter bekannter Kirchenlieder, aber auch weltlicher Gedichte. Er war der Sohn eines Advokaten, der schon 1620 starb. Sein Onkel, der Stadtrichter Adam Tielckau, nahm sich seiner an. Nach dem Besuch der Lateinschule in Guben besuchte er die Schulen in Cottbus und Stettin sowie das Gymnasium in Thorn. Ab dem 28. Juni 1638 studierte er die Rechte in Königsberg. Dort wurde er von dem volkstümlichen Liederdichter Simon Dach beeinflusst. Auf Wunsch seiner Mutter kehrte er Ostern 1640 nach Guben zurück, das damals im Dreißigjährigen Krieg stark unter schwedischen Truppen zu leiden hatte. Nach der Rückkehr von einer Reise nach Prag im Mai 1645 war er als Advokat tätig. 1648 wurde er Ratsherr und 1661 Bürgermeister in Guben. Seit 1671 vertrat er als Landesältester seine Heimatstadt im Landtag der Niederlausitz.
Johann Franck schuf 110, vor allem geistliche Lieder, die in die meisten evangelischen deutschen Kirchengesangbücher aufgenommen wurden Die meisten seiner Werke haben an Bedeutung verloren; im Evangelischen Gesangbuch finden sich nur noch zwei seiner Lieder: „Schmücke dich, o liebe Seele“ und „Jesu, meine Freude“. Sie wurden von seinem Freund von Johann Crüger vertont. In seinem Werk zeigt er Verwandtschaft mit Paul Gerhardt. Seine weltlichen Gedichte sind zumeist Gelegenheitsdichtungen, aber auch Liebesgedichte und natur- und heimatbezogene Verse.“

2. Betrachtung
a. Einleitung:
Johann Franck wurde in dem Jahr geboren, in dem der 30-jährige Krieg begann. Er kannte also gar nichts anderes, als dass die Welt um ihn herum tobte. Was die Kirchenlieder betrifft, so bildet diese Zeit ein eigenes Zeitalter, denn es gibt ein verbindendes Thema: Es ist die starke persönliche Glaubensgewissheit, die sich in Anfechtung, Leid und Not bewährt. Die Lieder enthalten die persönlichen Anliegen des Einzelnen und sind meistens zunächst für die Hausandacht, also den privaten Gebrauch gedacht. Von da fanden sie Eingang in die Gesangbücher der Gemeinden.
Der bekannteste Liederdichter aus dieser Zeit ist Paul Gerhardt, ein anderer Johann Rist. Sie waren Vorläufer des Pietismus.
Im Gesangbuch steht unser Lied nun unter dem Abschnitt „Geborgen in Gottes Liebe“. Dabei ist das Gesangbuch so aufgebaut, dass jede Rubrik mit einem charakteristischen Leitlied beginnt, die folgenden Lieder sind dann nach dem Zeitpunkt der Entstehung ihres Textes geordnet. „Jesu meine Freude“ ist in diesem Fall das Leitlied. Und das ist eine gute Wahl, denn es macht in der Tat deutlich, was es heißt, „in Gottes Liebe geborgen“ zu sein.
Die erste Strophe lautet:

1. Jesu, meine Freude,
meines Herzens Weide,
Jesu, meine Zier:
ach wie lang, ach lange
ist dem Herzen bange
und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam,
außer dir soll mir auf Erden
nichts sonst Liebers werden.

b. Ausführung
Das Lied beginnt mit dem Namen Jesu. Das ist eine Anrede, und entsprechend sind die folgenden Sätze in der zweiten Person formuliert. Das Lied ist also ein Gebet. Der Dichter spricht mit Jesus, er hat zu ihm eine persönliche Beziehung, und er geht davon aus, dass er gehört und wahrgenommen wird. Dabei bekennt er sich zu ihm, er sagt, wer Jesus für ihn ist, was er mit ihm erlebt, was er ihm bedeutet.
In der ersten Strophe braucht er dafür zunächst drei Ausdrücke bzw. Bilder: „meine Freude, meines Herzens Weide, meine Zier.“ Er trägt Jesus also in sich, er wirkt in seinem Inneren, in seiner Seele und seinem Geist. Jesus ist für Johann Franck nicht nur ein Gedanke, keine historische Person, keine Idee, sondern er lebt mit ihm und empfängt von ihm Freude und Kraft. Er „schmückt seine Seele“.
Doch das ist gleichzeitig mit einem Seufzer verbunden: „Ach wie lang, ach lange“ heißt es weiter, und man könnte fortsetzen: „…dauert es noch, dass ich dich ganz habe?“ Das Gefühl und die Gewissheit der Nähe Jesu sind also noch nicht vollkommen. Johann Franck erwartet noch mehr, es bleibt noch etwas offen, er ist nach vorn ausgerichtet. Solange er noch auf der Erde und in dieser Zeit weilt, ist „dem Herzen immer wieder bange“. D.h. er ist nicht völlig frei von Angst und Unsicherheit, von Sehnsucht und Verlangen. Aber er lebt darauf hin, dass Jesus immer mehr das Liebste auf Erden für ihn wird.
Im zweiten Teil der Strophe tauchen dann noch zwei weitere Bilder für Jesus auf, die aus der Bibel, genauer gesagt aus der Offenbarung stammen: „Gottes Lamm“ und „mein Bräutigam“. Der Ausdruck „Lamm Gottes“ erinnert an das Leiden und Sterben Jesu. Die Bezeichnung „Bräutigam“ bedeutet, dass der Dichter sich mit Jesus verlobt fühlt. Die Hochzeit steht nahe bevor, durch die die endgültige Verbundenheit besiegelt wird.
Johann Sebastian Bach lässt nach dieser Strophe aus Römer acht die Verse singen:
„Es ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, (Rm.8,1) die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist.“ (Rm8,4b)
Wer in dieser Weise zu Jesus betet und „in ihm ist“, der ist gerettet. Es hat ein neues Leben, das sich von den Gesetzmäßigkeiten der Welt gelöst hat, das im Geist vollzogen wird und von dort Freiheit und Freude empfängt.

3. Anwendung
Wir wollen uns heute auf diese erste Strophe beschränken. Am besten ist es, wenn ihr sie auswendig lernt und im Geiste immer wieder singt. Das Ziel ist dabei, dass Jesus auch unsere „Freude und Herzens Weide“ wird.
Dazu gehört es allerdings, dass wir uns auch mit uns selber beschäftigen und uns klar machen: Welche Freuden erfüllen mich außerdem, woran „weidet sich mein Herz“ am liebsten? Was schmückt mich, was erfüllt mich, was trägt und beflügelt mich?
Das ist normaler Weise nicht nur Jesus, sondern auch noch alles Mögliche andere. Es ist gut, wenn wir uns das anschauen, es uns bewusst machen. Es sind bei jedem und jeder von uns andere Dinge: Menschen, Ideen, Ereignisse…
Wenn wir entdecken, was uns alles so erfreut, müssen wir es nicht verurteilen, geschweige denn auslöschen, sondern einfach nur wahrnehmen. Es geht darum, uns selber zu spüren. Dabei merken wir sicher, dass auch wir von einer starken Sehnsucht erfüllt sind, dass nie alles gut ist, dass dem Herzen immer wieder „bange“ ist, ihm etwas fehlt.
Mit dieser Sehnsucht können dann auch wir zu Jesus beten: „Werde du das Liebste, was ich habe, sei meine Freude.“ Wir können unser Herz auf die „Weide“ schicken, die Jesus ist, und uns mit seiner Gegenwart schmücken.
Es geht heute also um die einfache Übung des Glaubens und Vertrauens auf Jesus. Wir bekennen uns zu ihm und verbinden uns mit ihm, so wie wir sind, mit allem, was unser Leben und Denken und Fühlen ausmacht.

2. Versuchung und Anfechtung
Strophe 2 und 3

1. Hinführung
Das achte Kapitel im Römerbrief trägt in der Lutherbibel die Überschrift: „Das Leben im Geist“. Das beschreibt Paulus hier. Dabei sind mit „Geist“ nicht in erster Linie unsere Gedanken gemeint, nicht der Verstand oder die Vernunft, sondern etwas Umfassenderes. Für Paulus ist der „Geist“ das Gegenteil zu „Fleisch“. Dabei bezeichnen diese beiden Kräfte zwei verschiedene Ebenen des Bewusstseins im Menschen, zwei Daseinsmöglichkeiten, zwei Zugänge zur Wirklichkeit. Das „Fleisch“ bleibt der Welt verhaftet, es kennt nur diese Welt, während der Geist sich mit Höherem verbinden kann. Er kann sich zu Gott aufschwingen, mit ihm ihn Beziehung treten und schon hier die Gesetzmäßigkeiten der Welt durchbrechen. Im Geist können wir aussteigen aus allem, was uns gefangen hält, und frei werden. Im Geist ereignet sich die Überwindung, die Jesus uns schenkt, im Geist haben wir Anteil an seiner Auferstehung. Er ist eine Kraft, die uns zu Gott treibt und uns zu „seinen Kindern“ macht. Dabei ist im Neuen Testament – und somit auch hier bei Paulus – der Geist Christi gemeint. Er wird uns geschenkt, wenn wir an ihn glauben.
Das muss auch Johann Franck so empfunden und erlebt haben. In seinem Lied „Jesu, meine Freude“ beschreibt er den Glauben an Jesus nämlich genauso. Er malt aus, was es bedeutet, den Geist Christi zu haben und darin zu wandeln. Denn er bekennt sich mit diesem Lied zu Jesus und schildert sein Leben mit ihm.
Dabei erwähnt er bereits in der ersten Strophe, dass dem Herzen trotz aller Freude, die Jesus bringt, immer noch oft „bange“ ist. Wir sind noch in dieser Welt, und die bringt oft genau das Gegenteil mit sich: Angst und Schrecken, „Stürme“ und „Gewitter“. Das sind die Bilder, die Johann Franck in der zweiten Strophe gebraucht, um zu beschreiben, wie ungemütlich das Leben oft sein kann. Sie lautet folgendermaßen:

2. Unter deinem Schirmen
Bin ich vor den Stürmen
Aller Feinde frei.
Lass den Satan wittern,
Lass den Feind erbittern,
Mir steht Jesus bei.
Ob es jetzt gleich kracht und blitzt,
Ob gleich Sünd und Hölle schrecken:
Jesus will mich decken.

2. Betrachtung
Johann Franck setzt mit dem ersten Satz der zweiten Strophe sein Gebet fort. Er spricht weiter zu Jesus, redet ihn an, und er sagt jetzt noch konkreter, was Jesus für ihn bedeutet: Er beschirmt ihn und steht ihm bei. Dabei wird es jetzt ernst. Die Welt ist nicht nur etwas, das ihn nie ganz erfüllt, sie ist auch gefährlich: Es gibt in ihr Stürme, die zerstörerisch sein können. „Feinde“ stehen dahinter, Gegner, die ihn bedrängen und möglicherweise vernichten wollen. Er muss vor ihnen fliehen, er braucht Rettung und Beistand, und den findet er bei Jesus. Unter seiner Obhut ist er frei und sicher.
Wir können uns das Bild ausmalen: Da steht im Sturm ein fester und sicherer Schirm, es gibt ein Dach, einen Unterschlupf, der nicht wegweht, dem die Stürme nichts anhaben.
Johann Franck malt dieses Bild im nächsten Satz noch weiter aus. Da wechselt er allerdings die Aussageform, denn nun spricht er nicht mehr mit Jesus, sondern mit sich selbst. Er ermahnt sich selbst zum Vertrauen und zum Glauben: „Lass den Satan wettern…“ heißt es, und damit benennt Johann Franck, wen er mit „den Feinden“ meint. Es sind nicht nur widrige Umstände oder unfreundliche Menschen, sondern in dem allen erkennt er den Gegenspieler Gottes, eine metaphysische Kraft, die böse ist, die das Gute zerstören und vernichten will. In der Bibel wird sie „Satan“ genannt. Sie ist dort personifiziert. Das stammt schon aus dem Alten Testament, und im Neuen Testament taucht er ebenfalls auf. Jesus hat sich mit ihm auseinandergesetzt, und wir glauben als Christen bis heute daran, dass es ihn gibt, den Teufel. Er tobt in der Welt, sein Treiben ist wie ein Gewitter, das „kracht und blitzt“. Er will uns erschrecken, indem er die Sünde groß macht und uns die Hölle zeigt.
Für Johann Franck ging es also um sehr viel. Er verharmlost das Negative in der Welt und im Leben nicht, er erkennt die Gefahren und hat auch Angst davor. Das hängt sicher u.a. mit den Erlebnissen aus dem 30-jähringen Krieg zusammen.
Aber er kennt einen Zufluchtsort, und das ist Jesus Christus. Der will ihn „decken“, ihn beschützen und versorgen. Und dadurch ist er frei.
In der Motette von Bach singt der Chor nach dieser Strophe:
„Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig machet in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“ (Rm.8,2)
In der nächsten Strophe unseres Liedes wird das Selbstgespräch fortgesetzt und die Macht des Bösen, gegen die Jesus uns schützen will, noch drastischer ausgemalt:

3. Trotz dem alten Drachen,
Trotz des Todes Rachen,
Trotz der Furcht dazu!
Tobe, Welt, und springe –
Ich steh hier und singe
In gar sichrer Ruh.
Gottes Macht hält mich in acht;
Erd und Abgrund muss verstummen,
Ob sie noch so brummen.

Das Bild vom Drachen stammt auch aus der Bibel. Es taucht im Alten Testament auf und dann wieder in der Offenbarung. Der Drachen ist seit alters her ein Wesen aus der Mythologie, das den Tod bringt. Er sperrt seinen Rachen auf, speit Feuer und löst Furcht und Schrecken aus. Nur Helden mit übernatürlichen, göttlichen Kräften können ihn besiegen
Doch so sehr die Welt auch „tobt und springt“, der Mensch, der sich von Jesus decken lässt, kann ihm trotzen. Dreimal betont Franck das, drei Verse beginnen mit dem Befehl „trotz“, so dass es richtig trotzig klingt. Wer sich diesen Trotz im Namen Jesu aneignet, steht da und singt „in gar sichrer Ruh“. Denn „Gottes Macht hält ihn in acht“, und dagegen kommt keine Macht der Welt mehr an. Alle anderen Gewalten müssen „verstummen“, d.h. sie werden leise, geben irgendwann auf und verziehen sich.
Das Leben im Geist ermöglicht also eine ungeahnte Ruhe und Sicherheit. Wenn der Geist Gottes in uns wohnt, können wir diese Ruhe gewinnen, sie wird uns von Christus geschenkt.

3. Anwendung
Wenn wir das jetzt auf unser eigenes Leben anwenden, so gilt auch für uns, den Ernst der Lage zu erkennen. Ich sagte gestern, dass wir alle noch in dieser Welt leben und auch an weltlichen Dingen hängen. Das ist an sich nicht schlimm, aber es kann schlimm werden. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass das Leben sanft verläuft, dass diese Welt uns frei und glücklich machen kann. Es lauern überall Gefahren, und sie können uns auch zerstören.
Das kann alles Mögliche sein, es kommt von außen und von innen. Andere Menschen bedrängen uns vielleicht, verstehen uns nicht, enttäuschen uns, lassen uns allein oder verleumden uns. Auch schlimme Umstände wie Krieg oder Hunger, Ungerechtigkeit und Willkür können wie „Stürme“ sein, die alles durcheinander bringen. Jederzeit kann ein Gewitter losbrechen, Kräfte des Bösen können sich entladen und uns bedrängen.
Und sie lauern nicht nur außerhalb von uns, wir haben sie auch in uns: Traurigkeit, Wut, Zorn oder Neid, es gibt viele negative Seelenkräfte, die in uns toben können, die alles aufwühlen und zerstören wollen, was es an Gutem gibt.
Oft kämpfen wir aus eigener Kraft dagegen. Wir versuchen, uns zu wehren, nehmen den Feind ins Visier und treten gegen ihn an. Dafür gibt es unzählige Methoden. Doch häufig gelingt das nicht, es wird nicht ruhiger, nicht besser, der Sturm und das Gewitter legen sich nicht. Im Gegenteil: Meistens wird es sogar schlimmer durch unsere eigenen hilflosen Versuche, dagegen zu kämpfen. Wir wollen die Stürme gerne abstellen, ihnen Einhalt gebieten, sie sollen verschwinden und verstummen, aber dazu ist unsere eigene Macht viel zu klein. Wir stehen hilflos da und wissen nicht weiter. Der Abgrund bleibt offen und droht uns zu verschlingen.
Und das müssen wir zugeben und uns eingestehen. Wenn wir wirklich frei werden wollen, gilt es zu erkennen: Allein schaffen wir es nicht. Das, was uns entgegenweht oder in uns tobt ist stärker als wir, und es ist auch gefährlich. Anstatt dagegen an zu kämpfen, ist es besser, zu fliehen, und zwar unter den Schutzschirm Jesu. Das klingt vielleicht im ersten Moment feige, aber das ist es nicht, denn die Flucht zu Jesus ist ein echter Ausweg, weil er allein stärker ist als der Satan: Er hat ihn besiegt, darauf können wir uns verlassen, deshalb sind wir bei ihm ganz und gar sicher. Es gilt, innerlich auszusteigen aus dem Sturm und dem Gewitter, im Geist auf Jesus zuzugehen und uns von ihm zudecken zu lassen.
Dann kommt der Sieg ganz anders zu Stande, als wir denken. Wir haben das Böse nicht zerstört, aber es kann uns nicht mehr schaden. Es „brummt“ vielleicht weiter um uns herum, aber wir stehen auf einem sicheren Grund und können in aller Ruhe singen.
Das wollen wir deshalb jetzt tun:

 

3. Entscheidung und Kampf
Strophen 4 und 5

1. Hinführung
In dem Lied und in Römer acht geht es um die Freiheit, die der Christ im Glauben geschenkt bekommt, den Schutz und den Beistand Christi, der ihn frei und froh macht.
In Strophe vier und fünf beschreibt Johann Franck nun noch genauer, was wir im Geist vollziehen müssen, wenn wir zu Jesus fliehen, was innerlich nötig ist, was in unserer Seele geschehen muss. Obwohl der Glaube darauf hinausläuft, dass Jesus alles für uns tut, geht es nicht ohne unsere Beteiligung. Unsre Mitwirkung ist gefragt. In jeder Verheißung steckt auch eine Ermahnung, nämlich die, die Verheißung auch anzunehmen.
Das wird an dem Vers aus Römer acht deutlich, den Bach vor der vierten Strophe singen lässt. Er lautet:
„lhr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.“ (Rm. 8,9) Das ist eine Zusage, aber auch eine Warnung. Paulus sagt: Es ist entscheidend, dass ihr den Geist Christi empfangt. Nehmt ihn also an, kümmert euch darum, dass ihr ihn habt, seid nicht nachlässig, passt vielmehr auf, seid wachsam und beweglich, offen und empfangsbereit.
Und davon handeln die nächsten beiden Strophen des Liedes, von dem, was wir als Christen einbringen müssen, wenn wir frei im Geist werden wollen. Die vierte Strophe lautet.

4. Weg mit allen Schätzen!
Du bist mein Ergötzen,
Jesu, meine Lust!
Weg, ihr eitlen Ehren,
Ich mag euch nicht hören,
Bleibt mir unbewusst!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod
Soll mich, ob ich viel muss leiden,
Nicht von Jesus scheiden.

2. Betrachtung
Im Glauben empfangen wir nicht nur etwas, es muss auch etwas „weg“. Der Ausdruck „weg damit“ steckt hinter dieser Formulierung. Franck gebraucht ihn zweimal, denn er will etwas loswerden, etwas wegwerfen, was er nicht braucht und nicht mehr will. Es stört und belastet ihn, es ist wertlos und hinderlich. Es sind „alle Schätze“ und „eitlen Ehren“, d.h. Dinge in der Welt, an denen er wahrscheinlich hängt. Er sagt ihnen den Kampf an. Denn das Anhäufen von Reichtum und das Streben nach Ansehen bilden seinem Empfinden nach den eigenen Anteil an den Gewittern des Bösen, das, was er selber zu den „Stürmen“ beiträgt. Es ist nicht nur Schicksal, wenn er in der Welt gefangen und ihren Gefahren ausgeliefert ist, er will das oft gar nicht anders.
Doch es steht im Widerspruch zu der Freude, die Jesus ihm schenken will. Es verstellt ihm den Blick, macht ihn taub und blind für seine Nähe. Sein Bewusstsein ist gefüllt mit Nichtigem. Er muss es leeren, damit der Geist Jesu Platz findet, weghören, wenn die Stimmen der Welt auf ihn einreden, damit er seine Stimme hören kann.
Möglicherweise bedeutet das „Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod“ und „viel Leid“. Es ist kein einfacher Weg, sich von den Schätzen der Welt zu verabschieden, Askese zu üben, sich selbst zu beherrschen, aber es ist der Weg, den Jesus selber gegangen ist. Wer seinen Geist gewinnen will, muss diesen Weg auf sich nehmen und darauf achten, dass ihn die „Schätze der Welt“ nicht von ihm scheiden.
Denn darauf liegt die Verheißung, die in Vers zehn aus Römer acht zum Ausdruck kommt:
„So aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen; der Geist aber ist das Leben um der Gerechtigkeit willen.“ (Rm.8,10).
Diesen Vers singt der Chor in der Motette vor der fünften Strophe. Darin setzt Franck die Ermahnung zur Askese fort. Sie lautet:

5. Gute Nacht, O Wesen,
das die Welt erlesen,
Mir gefällst du nicht!
Gute Nacht, ihr Sünden,
Bleibet weit dahinten,
Kommt nicht mehr ans Licht!
Gute Nacht, du Stolz und Pracht!
Dir sei ganz, du Lasterleben,
Gute Nacht gegeben.

Der Adressat ist hier – wie auch schon in der vorigen Strophe – nicht mehr Jesus und auch nicht mehr er selbst, sondern das, was den Dichter stört. Viermal wünscht er ihm „gute Nacht“. Das ist wieder ein sehr schönes Bild. Wir sagen es zueinander, wenn wir uns schlafen legen, wenn wir aufhören, aktiv zu sein, wenn die Ruhe der Nacht kommt. Es wird auch im übertragenen Sinn gebraucht, so wie hier, wenn jemand oder etwas verstummen oder verschwinden soll. Franck sagt es zu dem „Wesen, das die Welt erlesen“ hat. Das ist ein Bewusstsein, das sich in dieser Welt verliert. Es „gefällt ihm nicht“. Denn mit ihm kommen die „Sünden“. Sie sollen „weit dahinten“ bleiben, ihn nicht mehr erreichen. Der Abstand zwischen ihm und ihnen soll so groß wie möglich sein. Er will sie nicht mehr sehen.
Von allen Sünden, die es geben kann, nennt er dann in der zweiten Hälfte der Strophe „Stolz und Pracht“. Das erinnert noch einmal an die „Schätze“ und „eitlen Ehren“ aus Strophe vier. Zusammengefasst werden sie mit dem Wort „Lasterleben“. Das ist ein Leben, das den niederen Trieben folgt, der Lust und Nachlässigkeit. Es soll sich „schlafen legen“.

3. Anwendung
Die Strophen haben wie gesagt einen etwas anderen Tenor als die vorhergehenden. Sie enthalten nicht nur Verheißung und Trost, sondern eine deutliche Ermahnung. Und die ist nicht gerade gemütlich. Möglicherweise gefällt sie uns nicht. Wir lassen uns zwar alle gerne aufrichten und trösten, aber dafür wollen wir eigentlich auf nichts verzichten. Wir halten es auch nicht für nötig.
Glaube und Leben-in-der-Welt bilden für uns keinen Gegensatz, wir können gut beides miteinander vereinbaren. Schließlich hat Gott uns ja auch die Schätze der Welt geschenkt, die Lust und den Spaß. Warum sollen wir darauf verzichten? Was soll diese Weltverneinung und Askese? Sie entspricht doch nicht dem, was Gott wollte, als er die Welt erschuf.
Das ist richtig, Natürlich ist das Schöne in der Welt nicht an sich schlecht. Wir dürfen und sollen uns durchaus daran erfreuen. Aber trotzdem müssen wir aufpassen, und zwar auf uns selber. Wir können nicht im Glauben leben und den Geist Christi empfangen, wenn wir uns dafür nicht öffnen und bereit halten. Und dazu gehört eine ehrliche Selbsterkenntnis. Es ist nicht alles gut, was wir denken und tun und genießen, wir sind nicht völlig rein, die Sünden sind da, sie leben in jedem und jeder von uns, und tragen zu vielen Nöten bei, in die wir hineingeraten. Denn wir leben nicht nur in dieser Welt, wir kleben auch oft an ihr, halten uns an vielem fest, was uns nicht bekommt, und können nur schwer etwas loslassen. Unser Ich und unsere Eigenliebe sind groß, wir sind nicht neutral und allem gegenüber gelassen, sondern versuchen für uns so viel wie möglich herauszuschlagen. Wir suchen unseren Vorteil und handeln dadurch oft gewaltsam.
Und das widerspricht dem, was Gott will. Wir sollen zwar in dieser Welt leben und sie auch genießen, aber wir sollen uns nicht von ihr gefangen nehmen lassen und einseitig werden. Doch das passiert eben ganz leicht, denn das Trachten nach Schätzen und Ehren beherrscht uns. Es hält uns gefangen. Wir meinen zwar, die Kontrolle über unser Leben zu haben, wenn wir der Lust folgen, aber in Wirklichkeit haben wir sie längst verloren. Ungeordnete Triebe kontrollieren und beherrschen uns, wir sind viel weniger frei, als wir denken.
Das gilt es, zu erkennen. Ich sagte schon zu Anfang, dass wir uns selber spüren müssen, wenn wir mit Jesus leben wollen. Und das ist nicht immer angenehm. Denn wir entdecken nicht nur Schönes, sondern auch viel Hässliches, etwas, das wir loslassen müssen. Das sind nicht unbedingt „Schätze“ oder „eitle Ehren“. Jeder und jede wird von etwas anderem beherrscht. Es können auch Erwartungen an andere sein, Ideen, Überzeugungen, Orte oder Erlebnisse. Wir hängen alle an irgendetwas, das uns nicht gut tut, das uns im Griff hat und uns den Blick verstellt.
Es ist gut, wenn wir das entdecken, es aufdecken und ihm dann „gute Nacht“ sagen. Dabei hat dieser Ausdruck etwas sehr hilfreiches. Er ist sanft und rücksichtsvoll, milde und freundlich. „Gute Nacht“ sagen wir in friedlicher Absicht. Und wir gehen auch nicht davon aus, dass derjenige, zu dem wir es sagen, sofort schläft. Es dauert eine Weile. So müssen wir auch mit unseren Lastern umgehen: Wir können sie nicht ausmerzen, es ist sinnlos, brutal vorzugehen, und das will Jesus auch nicht. Wir sollten einfach nur „gute Nacht“ sagen und warten, bis sie von alleine schlafen.

4. Freude und Freiheit
Strophe 6

1. Hinführung
Es fällt auf, dass die Aussageform in den einzelnen Strophen sich verändert. Am Anfang ist das Lied ein Gebet. Da spricht der Dichter mit Jesus, er redet ihn an: „Jesu, meine Freude“. Dann geht er zu einem Selbstgespräch über, oder auch zu Selbstermahnungen: „Lass den Satan wittern“ oder „trotz dem alten Drachen“, sagt er, und damit meint er sich selbst: Er nimmt sich vor, gegen die Sünden und das Böse im Namen Jesu anzutreten, zu ihm zu fliehen und die Welt zu lassen.
In den Strophen vier und fünf spricht er diesen Feind direkt an. Er entdeckt ihn auch in sich selber, und sagt ihm „gute Nacht“.
In der letzten Strophe setzt er diese Form der Aussage fort. Sie lautet:

6. Weicht, ihr Trauergeister,
Denn mein Freudenmeister,
Jesus, tritt herein.
Denen, die Gott lieben,
Muss auch ihr Betrüben
Lauter Freude sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn,
Dennoch bleibst du auch im Leide,
Jesu, meine Freude.

2. Betrachtung
Die Strophe beginnt wieder mit einem Befehl, der an das „weg“ aus Strophe vier erinnert: „Weicht“, sagt er, d.h. verschwindet, verzieht euch, macht euch aus dem Staub „ihr Trauergeister“. Mit diesem Ausdruck gibt er noch einmal zu, dass das Leid nicht nur von außen kommt, sondern auch von innen: Der Geist und die Seele können sich eintrüben, sie können ihre Kraft verlieren. Denn es gibt „Trauergeister“, die den Menschen gern befallen und ihn heimsuchen. Äußere Bedrängnis führt oft zum Klagen und Weinen, zu Gram und Bitterkeit, Verzweiflung und Kummer. Das sind die „Trauergeister“. Mit ihnen reagieren wir gerne auf das Elend, das uns getroffen hat.
Doch das ist nicht nötig und auch nicht gut. Es ist keine zwingende Folge. Die Trauergeister können auch weichen, wir können sie verscheuchen, und zwar mit der Hilfe Jesu. Denn er ist der „Freudenmeister“ und er „tritt herein“. Das heißt, jemand stärkeres taucht auf und betritt den Schauplatz. Man kann sich das gut vorstellen: Hier die „Trauergeister“, da der „Freudenmeister“. Wenn er kommt, können sie nicht bleiben, sie sind machtlos, werden klein und unbedeutend, müssen das Feld räumen oder den Raum verlassen. Denn Jesus ist der „Meister der Freude“, und die ist stärker als die Trauer. Sie ist sein Metier, sein Auftrag, das, was er bringt und wovon er erfüllt ist.
Dabei hat die Freude, die Jesus bringt, einen besonderen Charakter: Sie ist unabhängig von den äußeren Gegebenheiten, denn sie kommt nicht von dieser Welt. Mit Jesus kommt Gott in das Leben und dadurch verändert sich alles. Die Werte drehen sich um. „Auch das Betrüben kann zur Freude werden“, und zwar dadurch, dass es den Menschen in die Arme Gottes treibt. Er ist die einzige Rettung, die gerade dann geschieht, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Die Freude, die das bedeutet, ist dadurch umso größer.
Vielleicht bringt es dem Menschen, der sich darauf verlässt, von anderen „Spott und Hohn“. Wenn sie nicht erkennen, was den Gläubigen erfüllt, schütteln sie wahrscheinlich den Kopf, halten ihn für feige oder verrückt, aber das alles spielt keine Rolle: Auch „im Leid bleibt Jesus seine Freude“. Das Lied endet mit demselben Satz, mit dem es beginnt: „Jesu, meine Freude“, und es ist damit auch wieder ein Gebet. Es schließt sich also ein Kreis. Man könnte es jetzt wieder von vorne singen.
Der Vers aus Römer acht, der dieser letzten Strophe voranging, lautet:
„So nun der Geist des, der Jesum von den Toten auferwecket hat, in euch wohnet, so wird auch derselbige, der Christum von den Toten auferwecket hat, eure sterbliche Leiber lebendig machen, um des willen, dass sein Geist in euch wohnet.“ (Rm.8,11). Die Freude, die Jesus bringt, ist Auferstehungsfreude. Uns wird ein Leben geschenkt, das nicht mehr dem Tod verfallen ist. Selbst der schlimmste Feind ist besiegt. Christus zieht uns durch seinen Geist in das ewige Leben hinein, das er für uns erworben hat. Und die Freude darüber ist größer als alles, was es auf der Welt gibt.

3. Anwendung
Wenn wir das auf unser eigenes Leben anwenden, dann steckt darin zweierlei.
Zunächst einmal wird uns noch einmal gesagt, wie wir zur Freude vordringen können, selbst wenn das Leben hart und entbehrungsreich ist. Normalerweise lehnen wir solche Zeiten ja ab. Wir wollen nicht leiden. Die „Trauergeister“ kommen und nisten sich ein. Wir wehren uns nicht gegen sie, sondern begrüßen sie sogar. Denn sie sind im ersten Moment das einzige, das wir kennen. Wir fühlen uns ihnen ausgeliefert, können und wollen sie nicht verscheuchen. Sie scheinen die logische Folge jeder Bedrängnis zu sein.
Doch das ist ein Irrtum. Die Auflehnung gegen das Leid, der Gram und die Trauer, das Klagen und Weinen und das Selbstmitleid sind nur eine Möglichkeit, auf Ungemach zu reagieren, und es ist nicht die klügste und beste.
Wir können darauf auch ganz anders antworten, und zwar indem wir in jeder Krise eine Chance sehen, eine gute Gelegenheit, um weiter zu kommen und etwas ganz Neues und anderes zu entdecken: Wenn wir die „Trauergeister“ als solche entlarven und ihnen im Namen Jesu befehlen, zu weichen, dann tun sie das irgendwann auch, dann können sie sich nicht halten. Der Freudenmeister ist stärker und übernimmt die Führung. Und für dieses Erleben und Geschehen brauchen wir die Krisen sogar. Es ist deshalb gut, wenn wir sie annehmen, denn dann können wir eine Freude finden, die uns „auch im Leide“ noch erfüllt. Das ist der eine Gedanke, der in der Strophe steckt.
Außerdem wird uns gesagt: Der Glaube und das Vertrauen auf Jesus lohnen sich. Es geht in dieser letzten Strophe um die Folgen des Gottvertrauens, um die Auswirkung und die Früchte im Leben, die Jesus uns schenkt. Durch seine Nähe bleibt das Leben nicht, wie es ist, es ändert sich etwas, und zwar zum Guten.
Es kann ja sein, dass uns dieses und ähnliche Lieder zu innerlich sind, zu persönlich und damit eventuell zu egoistisch. Hier scheint sich ein Mensch nur um sein eigenes Seelenheil zu kümmern, er schaut nur nach innen, vergisst die Welt um sich herum, treibt Nabelschau und gibt sich zufrieden, wenn er getröstet wird. Das ist ein Einwand, den man oft hört, wenn es um Frömmigkeit geht. Sie kommt uns schwächlich und weltfremd vor. Wo bleiben die Aktivität und das Handeln? Wo bleiben unsere Mitmenschen, die Verantwortung des Christen für und in der Welt?
Die letzte Strophe unseres Liedes gibt darauf eine Antwort, indem sie sagt: Wenn du als Einzelner Gott vertraust, dann tritt der Freudenmeister auf den Plan, dann kommt er wirklich und ist da. Du wirst nicht schwach, wenn du nach innen gehst, sondern empfängst Kraft. Du wirst nicht weltfremd, sondern kommst der Realität viel näher. Denn zur Wirklichkeit gehört nicht nur diese Welt und das Leid, Gott ist da und nur wenn wir ihn lieben, kommen wir an die ganze Wirklichkeit heran. Das Ziel und der Sinn des Lebens sind er und seine Gegenwart, die nichts als Freude bedeutet. Für sie sind wir geschaffen. Wir sollen eine ewige und tiefe Freude empfangen und in die Welt tragen.
Wenn wir anderen Menschen etwas bringen sollen, dann ist sie es, denn das brauchen sie am allermeisten. Wir sind als Christen dafür verantwortlich, dass die Freude bleibt, und zwar eine tiefe und dauerhafte Freude, die sich nicht so schnell verzieht. Doch um diese Freude wirklich bringen zu können, müssen wir bei uns selber anfangen. Jede Aktivität der Christen muss innerlich abgedeckt sein, sonst ist sie bloß Geschäftigkeit. Unser Handeln muss von innen nach außen gehen. Wir können nur die Früchte weitergeben, die wir selber empfangen haben, wenn wir wirklich helfen wollen. Mit der Freude ist es so, dass sie andere ansteckt. Sie springt über und vertreibt auch bei ihnen die Trauergeister. Jesus wirkt durch uns hindurch, wir werden durchlässig für seine Freude.
Dafür ist dieses Lied ein wunderbares Beispiel. Der Dichter hat damit ja einen unvergesslichen Beitrag für die Freude geleistet. Sie ist in seinem Lied enthalten. Auch 360 später singen wir es noch, und es entfaltet seine Wirkung, kann uns trösten und aufrichten. Denn es beschreibt in wunderbarer Weise den Weg, der zur Freude führt. Es lädt uns ein, ihn zu gehen, uns ganz auf Jesus zu verlassen und die Erfahrung zu machen, dass „nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes“.

 


 

„Beten mit den Vätern und Müttern des Glaubens“ – unter dieser Überschrift stehen seit über zwanzig Jahren  Einkehrzeiten im Gethsemanekloster Riechenberg bei Goslar (www.gethsemanekloster.de) am Anfang des Jahres, zu denen Heidrun Baumgarten und ich einladen. Wir beschäftigen uns jedes Mal mit einem Beter oder einer Beterin aus der langen Tradition der kirchlichen Frömmigkeit. Viele von ihnen zählen zu den „Klassikern der Meditation“, wie Augustin, Teresa von Avila, Thomas Merton und viele andere. Auch das Gethsemanekloster lebt von der spirituellen Weisheit, die sie uns hinterlassen haben.
Die folgenden Einführungen habe ich auf diesen Einkehrzeiten gehalten.

Januar 2015

Auslegungen und Gedanken zu dem Gedicht „Nada te turbe“ von Teresa von Avila

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Einleitung

In diesem Jahr haben  wir uns mit dem Gedicht „Nada te turbe“ von Teresa von Avila beschäftigt. Anlass war das 500-jährige Jubiläum ihres Geburtstages am 28. März 1515.
Obwohl Teresa von Avila schon früh in den Karmel in Avila eintrat, hat sie sich erst spät zu einer radikalen Nachfolge durchgerungen. Eines Tages brach Gott in ihr Leben ein, und sie schloss eine tiefe Freundschaft mit ihm. Sie wurde die Triebfeder eines leidenschaftlichen Gebetslebens. Teresa hat mit ihrem Leben um eine Antwort auf die Liebe Gottes gerungen. Sie wurde „Doktorin der Mystik“. Ihre Äußerungen zum Gebetsleben wollen zu Gott hinführen, denn allein bei ihm kommt das menschliche Herz zur Ruhe. Das kommt besonders schön mit dem berühmten Gedicht zum Ausdruck:
„Nichts soll dich verwirren, nichts soll dich beirren alles vergeht. Gott wird sich stets gleichen, Geduld kann erreichen, was nicht verweht. Wer Gott kann erwählen, nichts wird solchem fehlen: Gott nur besteht.“
Wir haben es an dem Wochenende in drei Abschnitten betrachtet. Ergänzend haben wir dazu noch weitere Texte von Teresa gelesen, die zeigen, wie Teresa sich sonst ausgedrückt hat, welche Gedanken und welches Lebensgefühl den Hintergrund bilden.
Als „Gedicht“ kann man den Text „Nada te turbe“ dabei kaum bezeichnen, denn weder reimt er sich im Spanischen, noch ist ein klares Versmaß zu erkennen. Die Spanischwissenschaftlerin Erika Lorenz hat es trotzdem im Deutschen in Reimform gebracht, damit wir einen Eindruck davon bekommen, wie schön Teresa formulieren konnte. Ich habe ihre Übersetzung als Grundlage gewählt, auch weil es passend war, das Gedicht in drei Strophen einzuteilen. Um die ganze Bandbreite der Bedeutungen der Wörter darzustellen, habe ich außerdem das Lexikon und andere Übersetzungen zu Rate gezogen.

Erste Einführung: „Nichts soll dich verwirren“
(zur ersten Strophe von „Nada te turbe“)

Auslegung

Die ersten drei Zeilen lauten: „Nada te turbe, nada te espante, todo le pasa.“ Auf Deutsch: „Nichts soll dich verwirren, nichts soll dich beirren, alles vergeht.“ So übersetzt Erika Lorenz diese Zeilen. Walter Nigg, ein Schriftsteller sagt: „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken, alles vergeht.“ Und in einem dritten Buch heißt dieser Satz: „Nichts sei dir Trübung, nichts dir Erschrecken! Alles verflüchtigt.“

Das Gedicht beginnt also mit dem Wort „Nichts“, das taucht insgesamt dreimal auf, und dem steht ein zweimaliges „Alles“ gegenüber. Und so war Teresa auch strukturiert, sie wollte „alles oder nichts“, es gab für sie keine Kompromisse, kein Dazwischen. Das schreckt uns vielleicht ab, denn so fühlen die meisten von uns nicht, aber durch ihre Radikalität entsteht Klarheit, sie fordert uns heraus und setzt Geist und Seele in Bewegung.
Teresa denkt hier an alles, was uns Menschen zu schaffen macht, was uns stört und in Unruhe versetzt, aufregt, bestürzt und durcheinanderbringt. Dabei meint sie auch die Angst und den Schrecken, der uns oft überfällt. Ob der Mensch es will oder nicht, ganz oft steht er einer unheimlichen Situation gegenüber, der er nicht entfliehen kann.
Der Grund dafür liegt in allem, was vergänglich ist. Wenn wir es zu sehr beachten, uns daran festhalten und darauf fixiert sind, macht es uns unruhig, angstvoll und betrübt. Das kommt in einem weiteren Gedicht von Teresa sehr schön zum Ausdruck. Es ist sehr viel länger und besteht aus insgesamt sieben Strophen mit jeweils sieben Zeilen. Zwei der Strophen lauten:
„Gib mir den Tod – gib mir das Leben! Gesundheit oder Siechtum gib! Ehre und Schmach sind mir gleich lieb. Lass Krieg, lass Frieden mich umgeben; wolle mich werfen oder heben – zu allem sag ich ja vor dir. Befiehl! Was soll geschehn mit mir?
Bedrück mit Armut mich – mit Schätzen! Trübsal und Trost, sie sind mir gleich. Gib Traurigkeit, gib mir Ergötzen – gib Hölle oder Himmelreich! Du Leben, Sonne, niemals bleich – so ganz verlor ich mich in dir! Befiehl! Was soll geschehn mit mir?“
Hier zählt Teresa auf, was zum Leben alles dazu gehört, und zwar immer in Gegensatzpaaren: Tod und Leben, Gesundheit und Krankheit, Ehre und Schmach, Krieg und Frieden, Reichtum und Armut, Freude und Trauer, Dunkel und Licht, Himmel und Hölle.
Sie nennt also immer etwas Negatives und etwas Positives. Spontan wollen wir immer nur eins davon: Wir streben nach Reichtum und Gesundheit, Freude und Frieden usw. Und das relativiert Teresa. Denn alles ist für sie vorübergehend, es zieht vorbei, es vergeht wieder. Und deshalb lohnt es sich nicht, sich daran zu orientieren, dem vermeintlich Guten zu viel Bedeutung beizumessen.
Entscheidend ist vielmehr die Wirklichkeit, die alles durchdringt, die allein bleibt, und das ist Gott. Er allein zählt, wie sie am Ende sagt.
Deshalb sind ihre Worte auch nicht lebensverneinend. So klingen sie vielleicht für den einen oder die andere. Wer zu sehr die Vergänglichkeit alles Irdischen betont, der ist möglicherweise depressiv und weltverneinend. Der erkennt nicht die Schönheit des Lebens, für den hat nichts einen Wert. Das denken wir gern.
So dürfen wir die Worte Teresa aber nicht hören. Sie sagt ja nicht, alles sei wertlos oder schlecht, sondern „vergänglich“, und damit ist sie einfach nur realistisch. Es ist keine Bewertung, sondern eine Feststellung der Tatsachen, eine Erinnerung daran, wie es in Wirklichkeit ist. Wir vergessen das nämlich gerne oder verdrängen es. Es geht also nicht um die Dinge an sich, sondern um unsere Einstellung ihnen gegenüber. Wie gehen wir mit dem Leben um? Woran halten wir uns fest, wonach streben wir, was erfüllt uns, was gibt uns Halt? Diese Frage stellt Teresa uns hier, und über die sollten wir tatsächlich einmal nachdenken, denn das lohnt sich.

Anwendung

Die Dinge selber, Menschen und Erfahrungen, Erlebnisse und Situationen müssen uns nicht verwirren oder in Unruhe versetzen. Das können sie nur, wenn wir zu viel von ihnen erwarten, ihnen einen Wert geben, den sie in Wirklichkeit nicht haben. Das Problem ist also letzten Endes unser Wollen und Trachten, alles, was wir uns wünschen und erhoffen. Wir sind damit auf Menschen fixiert, auf die Welt, auf unsere Pläne und Ideen. Wir stecken immer in irgendetwas drin, sind verstrickt in Beziehungen und Abhängigkeiten. Dadurch entstehen dann Enttäuschungen und Verletzungen, Unzufriedenheit und Frustration, Verdrossenheit und Niedergeschlagenheit. Auch Angst und Sorgen gehen mit unserem Wollen und Wünschen einher, Unruhe und Trübsal. Denn wir wissen nie, ob das, wonach wir trachten, auch eintritt. Wir sind ständig von Erfolglosigkeit und Verlust bedroht. Außerdem ist so eine Lebenseinstellung anstrengend und kräftezehrend. Sie sorgt für Spannungen, sie macht uns gereizt und aggressiv und letzten Endes krank. Auf jeden Fall lohnt es sich nicht, wenn wir auf das, was die Welt und die Menschen uns bieten, fixiert sind. Es ist zu wechselhaft und unbeständig, eben letzten Endes vergänglich.
Deshalb ist es gut, eine ganz andere Frage zu stellen, als die nach Ehre und Erfolg, Liebe und Zuwendung. Wir sollten uns mit Teresa an Gott wenden und stattdessen fragen: „Was begehrst du, Herr von mir? Was soll mit mir geschehen?“
Mit diesen Fragen werden wir herausgelöst oder herausgehoben. Wir kommen der Wirklichkeit näher, wachen aus unseren Illusionen auf, die Trübung weicht, wir sehen klarer und werden ruhiger.
In der Stillen Zeit können wir also einmal das eigene Leben anschauen und uns fragen: Was macht mir im Moment am meisten zu schaffen? Was passt mir nicht? Was beunruhigt mich? Was macht mir Angst? Welcher Mensch, welcher Umstand ist es? Solche Fragen kommen in der Stille wahrscheinlich sowieso hoch, und wir müssen uns entscheiden, wie wir darauf reagieren wollen, was das alles mit uns machen soll. Wir können unsere Einstellung ändern und dem allen weniger Bedeutung geben. Wir lassen es vorbeiziehen, an uns vorübergehen. Es wird sowieso vergehen, ob es gut oder schlecht ist, alles hat irgendwann ein Ende. Und das ist eine heilsame, beruhigende Erkenntnis. Wenn wir sie zulassen, kommen wir der Wirklichkeit näher und können uns entspannen.

 

Zweite Einführung: „Geduld kann alles erlangen“
(zur 2. Strophe)

Auslegung

Erika Lorenz übersetzt die Strophe folgendermaßen: „Gott wird sich stets gleichen, Geduld kann erreichen, was nicht verweht.“ Walter Nigg übersetzt: „Gott bleibt derselbe. Geduld erreicht alles.“, und Irene Behn sagt: „nicht wandelt sich Gott. Es kann Geduld alles erlangen.“
Teresa erwähnt jetzt also Gott. Doch wie tut sie das? Was sagt sie hier über ihn? Es ist ja nicht leicht, über Gott zu reden, denn mit jedem Wort, das wir über ihn verlieren, bleiben wir auf jeden Fall hinter dem zurück, was er wirklich ist. Es ist deshalb ganz sinnvoll, dass sie zunächst sagt, was er nicht ist, bzw. was er nicht tut: Er wird sich nicht ändern, nicht wechseln, nicht mutieren oder umziehen. Und das kann man so über nichts auf dieser Welt sagen, denn alles unterliegt dem Wandel, selbst das, was für uns ewig zu sein scheint, wie Berge oder Felsen. Sie verändern sich auch, bloß eben so langsam, dass wir es kaum merken. Alles, was Raum und Zeit unterworfen ist, ist dem Wandel unterworfen. Wenn „Gott sich nicht wandelt“, ist er also außerhalb von Raum und Zeit, und deshalb wird er „sich stets gleichen“. Das kann man dann positiv über ihn sagen. „Er bleibt derselbe“. Es geht Teresa also nicht um die Verneinung alles Weltlichen, sondern um diese Gegenüberstellung, diesen Vergleich. Sie gewinnt ihre Einsicht, weil sie um die Ewigkeit Gottes weiß und umgekehrt.
Doch wie kann man Gott nun „erreichen“, wenn er so ganz anders ist als die Welt und außerhalb von Raum und Zeit steht? Wie können wir überhaupt sinnvoll leben, wenn doch alles vergeht? Macht uns das nicht völlig passiv? Diese Frage kennt Teresa auch, und sie gibt hier eine Antwort darauf, die lautet: mit Geduld, „la paciencia“ ist das spanische Wort. Es gibt also eine Aktivität, die wichtig ist, die sich aus der Erkenntnis der Vergänglichkeit der Welt und der Ewigkeit Gottes ergibt. Teresa reduziert alles, was wir tun sollen, auf diese eine Tugend, jedenfalls in diesem Gedicht. Die Geduld ist der Schlüssel zum Leben und zu Gott.
An anderen Stellen lässt sie sich natürlich weitschweifend darüber aus, wie wir beten und Gott erkennen können. In ihrem Buch „Weg der Vollkommenheit“, das von dem inneren Gebet handelt, gibt es dazu einen schönen Abschnitt. Teresa geht darin vom Vaterunser aus, das für sie der Keim für alles Beten ist, und unter den Ausführungen zur Bitte „dein Wille geschehe“ sagt sie:
„Alle Ratschläge, die ich euch in diesem Buch gegeben habe, zielen auf einen einzigen Punkt: dass wir uns von allem gelöst ganz dem Schöpfer schenken und unseren Willen in den seinen fügen. Dann wird der Weg kurz, auf dem wir zum Quell lebendigen Wassers gelangen. Aber nur der wird daraus trinken, der seinen Willen so ganz dem Herrn übergibt, dass dieser ihn gänzlich mit dem seinen in Übereinstimmung bringen kann. Das ist die vollkommene Kontemplation, meine Töchter, nach der ihr mich gefragt hattet.
Wir selbst können dabei gar nichts tun, da helfen weder Geschick noch Bemühen, und es ist auch nichts weiter nötig (weil alles andere nur hindert und stört), als dass wir sagen: ,Dein Wille geschehe.‘ Ja, Herr, mir geschehe dein Wille, alles, was du möchtest und wie du es wünschst. Sollen Leiden über mich kommen, gib mir Kraft, sie zu tragen. Sind es Verfolgungen, Krankheiten, Entbehrungen, Not – hier bin ich, Vater, ich wanke nicht und sehe keinen Grund zur Flucht. Denn dein Sohn hat für uns alle, also auch für mich, den Willen in deine Hände gelegt, wie sollte ich mich da verweigern?“
Das beschreibt schön, worum es bei der Geduld geht: um die Hingabe des eigenen Willens in den Willen Gottes, um Gehorsam, Schweigen, Demut und Leidensbereitschaft. Auch Standhaftigkeit, Ausharren und Warten gehören dazu.
Dabei benutzt Teresa ein Bild, das oft in ihren Texten vorkommt: das „lebendige Wasser“. Teresa vergleicht die Seele gern mit einem Garten, der bewässert werden oder einem Baum, der am Wasser stehen muss. Dieses Wasser ist Gott, ohne den die Seele nicht überleben kann. Sie kann es aber bekommen, sie kann zu der Quelle hingehen, indem sie sich in das fügt, was Gott ihr auferlegt. Das erklärt Teresa hier. Und es ist schön, dass sie am Ende die Geduld Jesu erwähnt. Er ist diesen Weg vorangegangen und hat uns das vorgelebt. Wenn wir ihm nachfolgen, sehen wir, was auch von uns erwartet wird, und wir werden gleichzeitig dazu befähigt.

Anwendung

Es geht also darum, dass wir geduldig werden. Und das ist ein guter Ratschlag. Wir kommen tatsächlich weit, wenn wir ihn befolgen. Allerdings müssen wir auch dazu ermahnt werden, denn selbstverständlich ist es nicht, dass wir uns in Geduld üben. Im Gegenteil, genau das fällt uns oft schwer. Einen Zustand, der uns nicht gefällt, würden wir am liebsten so schnell es geht beenden, und dafür veranstalten wir alles Mögliche: Wir hängen uns an andere Menschen wie Partner, Freunde, Ärzte oder Therapeuten. Wir gehen auf eine Reise, kaufen etwas Schönes, essen und trinken und vieles mehr. Wir versuchen auf jeden Fall, innerhalb der Welt dem Leid zu entkommen, und wollen es so schnell es geht wieder loswerden. Leider gelingt das nie so ganz.
Das Gegenstück zum Trinken ist ja der Durst. Und das ist ein ebenso gutes Bild. Es gibt nicht nur den körperlichen, sondern auch einen seelischen Durst: Er führt dazu, dass wir immer mehr haben wollen und doch nie ganz zufrieden sind. Er verstärkt sich sogar, wenn wir ihn mit Dingen versuchen zu stillen, die wir innerhalb der Welt finden. Der Aufstand gegen das Leid führt uns oft in noch mehr Leiden hinein, weil wir den Mangel, den alles Weltliche an sich hat, nur umso mehr erleben. Alles ist defizitär, nichts reicht wirklich aus und kann uns ganz befriedigen. Wir können uns nicht selber erlösen.
Frei werden wir erst, wenn wir damit aufhören, wenn wir uns nicht mehr selber glücklich machen oder retten wollen. Und dazu gehört es, dass wir das Leid zunächst einmal akzeptieren, dass wir unseren inneren Durst aushalten, ohne ihn gleich mit etwas Vergänglichem zu stillen. Es gehört zu unserem Leben, dass wir oft nicht richtig klar kommen, dass vieles zerbricht, dass wir leiden und sterben. Wir müssen die Brüchigkeit und Unvollkommenheit des Lebens ertragen, ja dazu sagen und auf uns nehmen, was Gott von uns will. Wir müssen uns in Geduld üben.
Nur dann sind wir offen für das, was Jesus uns gibt. Denn dann können wir innerlich zu ihm gehen, zu ihm rufen und um seine Hilfe bitten. Sie ist sofort da, wenn wir das tun. Wir müssen uns um sonst nichts mehr bemühen, nichts bezahlen und uns noch nicht einmal anstrengen. Es ist nichts weiter nötig, als dass wir ihn anrufen und uns von ihm lieben lassen.
Wenn Leiden über uns kommen, können wir sagen: „Gib mir Kraft, sie zu tragen.“ Sind es Krankheiten, Enttäuschungen oder Verletzungen, können wir beten: „Hier bin ich, Jesus, ich halte das jetzt aus und sehe keinen Grund zur Flucht. Denn du hast dich für uns alle, also auch für mich, Gott hingegeben.“ Wenn wir so beten, müssen wir nicht darauf warten, dass Jesus in uns einzieht. Es ist bereits wie ein Trinken des Wassers, das er uns gibt. In vollen Zügen fließt seine Kraft und Liebe in uns hinein. In demselben Moment, in dem wir uns ihm hingeben, wird „unser Durst ganz gelöscht“. Und wenn das geschieht, brauchen wir nicht mehr. Auch von anderen Menschen werden wir unabhängiger, von Erfolg oder Spaß. Denn Jesus erfüllt unser Inneres mit seiner Liebe, so dass sie in uns sprudelt.
Die tiefen Schichten in unserer Seele werden angerührt, wir bekommen Leben und Kraft. Wir können plötzlich lieben, wo wir vorher vielleicht wütend waren. Wir werden gelassen und mit Freude erfüllt. Wir sind ganz von selber zufrieden und glücklich, auch im Leid, auch dann, wenn wir das eine oder andere, was die Welt so bietet, vielleicht nicht haben, und sich nicht alle unser Wünsche erfüllen. Denn Jesus stillt unseren Durst ganz.
Wir können das in der Stille also einmal üben. Dabei machen wir uns klar, was uns gerade aufregt. Worauf will ich nicht mehr länger warten? Was will ich nicht mehr aushalten? Was macht mich rappelig? Wir schauen uns das in Ruhe an und fragen uns, was daran so schlimm ist. Was wollen wir stattdessen? Und ist das wirklich besser?
Das Beste wäre, wenn wir gar nichts mehr wollen, wenn wir leidensfähig werden, uns Gott hingeben und bei ihm unsere Ruhe suchen. Damit erreichen wir mehr als mit allem anderen, „wir erreichen letzten Endes alles“, wonach wir uns sehnen.

Dritte Einführung: „Gott allein genügt“
(zur 3. Strophe)

Auslegung

Die letzten drei Zeilen lauten bei Erika Lorenz: „Wer Gott kann erwählen, nichts wird solchem fehlen: Gott nur besteht.“ Walter Nigg sagt: „Wer Gott besitzt, dem kann nichts fehlen. Gott nur genügt.“ Und Irene Behn übersetzt: „Wer Gott nicht loslässt, kennt kein Entbehren, Gott nur genügt.“
Gott und die Seele werden hier also in Beziehung zueinander gesetzt. Der Mensch kann Gott „haben“ und sich „an ihm festhalten“. Das spanische Wort, das hier steht, „tiene“ kann auch „aufbewahren“ heißen. Und dazu ermahnt Teresa hier, das rät sie sich selber und anderen. Denn dann „fehlt uns nichts“ mehr, mit Gott haben wir alles, was wir brauchen. Er ist unser Ursprung und unser Ziel, „er allein genügt“, „solo dios basta“ auf Spanisch.
Bei diesem Satz müssen wir unwillkürlich schmunzeln, denn das Wort „basta“ ist in unseren Sprachgebrauch eingegangen. Wir sagen es, wenn wir keine Widerrede mehr haben wollen, wenn ein Gespräch beendet werden soll, wenn alles gesagt ist. Es bekräftigt auch unsere Aussage, wir unterstreichen sie sozusagen und geben ihr ein Gewicht, das andere anerkennen sollen. Und so können wir den letzten Satz von Teresas Gedicht durchaus hören: Wenn wir Gott haben, muss dem nichts mehr hinzugefügt werden, wir können uns zufrieden geben, schweigen und genießen.
Ich habe dazu noch fünf weitere Zeilen von Teresa gefunden, von denen ich leider nicht weiß, wo sie in ihren Schriften stehen. Ich habe sie irgendwann einmal abgeschrieben und seitdem behalten. Sie entfalten sehr schön, was „solo dios basta“ für den Lebenswandel bedeutet. Sie lauten: „Dein Verlangen sei, Gott zu schauen; deine Furcht, ihn zu verlieren; dein Schmerz, noch nicht bei ihm zu sein; deine Freude, dass er dich zu sich führen kann. Dann wirst du in großem Frieden leben.“
Teresa nennt hier vier seelische Vorgänge. Verlangen, Furcht, Schmerz und Freude. Das kennen wir alle, und zwar in vielfältigen Zusammenhängen. So verlangen wir z.B. immer nach allem Möglichen: nach Liebe und Zuwendung, Erfolg oder Macht, Dingen und Erlebnissen und vielem mehr. Unsere Motivation, etwas zu tun, ist ganz oft ein bestimmtes Verlangen, ein Wollen und Trachten.
Oder es ist Furcht, dann wollen wir nicht etwas erreichen, sondern eher etwas vermeiden. Furcht hindert uns oft dran, unserem Verlangen nachzugehen, sie versetzt uns in Spannung, verursacht Konflikte.
Mit dem Schmerz ist es ähnlich, sowohl dem körperlichen als dem seelischen. Er blockiert und lähmt uns, macht uns traurig und kann uns quälen. Furcht und Schmerz können uns sogar zur Verzweiflung führen, an den Abgrund treiben und uns das Gefühl geben, dass nichts mehr geht.
Denn eigentlich suchen wir die Freude, sie macht uns lebendig und schenkt uns Kraft und Hoffnung. Freude entsteht, wenn unser Verlangen gestillt ist, wenn Furcht und Schmerz aufhören und alles gut ist. Doch leider erleben wir sie immer nur vorübergehend, wir können sie nicht festhalten, und dadurch sind wir oft unruhig und ohne Frieden.
Und das liegt daran, dass bei diesen Vorgängen letzten Endes unser Ich im Mittelpunkt steht, das ist das Hauptproblem. Wir sind natürlicherweise egozentrisch veranlagt. Das wusste auch Teresa, und dem setzt sie die Theozentrik entgegen.
Das heißt nun allerdings nicht, dass das Ich geschwächt werden soll. Menschen, deren Ichstärke aus irgendwelchen Gründen nicht ausgeprägt ist, müssen zunächst lernen, ihr Ich aufzubauen. Wer darunter leidet, dass er immer zurücksteht, sich nicht durchsetzen kann, isoliert wird und am Rand steht, der muss sich darum natürlich kümmern und sein Ich entfalten. Dieses Problem hat Teresa nicht im Blick. Sie dachte an reife und psychisch stabile Menschen, denn so erlebte sie sich selber, und die sollen sich natürlich nicht selber zerstören. Sie schlägt nicht vor, dass wir unser natürliches Verlangen, den Schmerz, die Furcht und die Freude bekämpfen, um endlich Ruhe zu haben, es unterdrücken oder ignorieren. Es gilt vielmehr, diese Vorgänge in der Seele umzulenken, sie zu bündeln und auf Gott zu konzentrieren. Und das ist etwas ganz anderes.

Anwendung

Anstatt nach diesem und jenem zu verlangen, sollten wir danach trachten, „Gott zu schauen“, nach ihm Ausschau zu halten, ihn zu sehen, ihm zu begegnen. Denn „er genügt“, d.h. er ist die Mitte und das Ziel unseres Lebens, der Sinn und die Grundlage. Wenn wir ihn „schauen“ wollen, geben wir unserem Leben einen tiefen Sinn, wir suchen nach Wahrheit, nach dem, was wirklich zählt und hält. Und allein diese Richtung einzuschlagen, wirkt sich schon aus, denn alles andere, wonach wir verlangen könnten, verblasst dagegen. Selbst wenn das Ziel noch weit entfernt ist, es tut bereits gut, sich auf den Weg zu machen. Es ist heilsam und befreiend.
Genauso können wir unsere Furcht umlenken. Es gibt eigentlich nichts wirklich Schlimmes. Was können wir schon verlieren, wenn wir Gott haben? Nur wenn er uns verloren geht, sind wir wirklich arm dran. Jeden anderen Verlust können wir verkraften. Es ereignet sich darin zwar ein Stück Sterben, wir spüren den Tod, aber wenn wir Gott vor Augen haben, muss der uns nicht erschrecken.
Es muss uns deshalb auch nichts wirklich traurig machen. Der größte Schmerz, den wir ertragen müssen ist der, dass wir Gott noch nicht ganz haben, dass wir noch nicht ganz bei ihm sind, dass wir noch in dieser Welt ausharren müssen, ohne ganz erlöst zu sein.
Doch dieser Schmerz führt uns nicht in die Verzweiflung, denn uns kann geholfen werden: Gott kann und will uns zu sich führen. Er nimmt uns an die Hand, er hat selber ein Interesse an uns, er kennt und liebt uns und möchte gerne Gemeinschaft mit uns haben. Das wird uns im Evangelium verheißen, das ist durch das Kommen Jesu Christi deutlich geworden. Im Glauben an ihn werden wir zu Gott geführt, und darin kann unsere Freude liegen.
Wenn wir uns innerlich so ausrichten, Verlangen, Furcht, Schmerz und Freude immer wieder bündeln und zu Gott hinlenken, dann „werden wir in großem Frieden leben“. Alles andere relativiert sich und wird klein, es verliert an Bedeutung und damit an Macht. Konflikte und Spannungen lösen sich auf, es wird hell und ruhig in uns. Es gibt keine Verzweiflung mehr, denn wir haben immer ein großes Ziel vor Augen: Es ist die Gegenwart Gottes, seine Liebe und seine Ewigkeit, und die „allein genügt“.
Diese Erfahrung können wir alle machen, und die wirkt sich natürlich auch auf unsere Umwelt aus. Der Friede, der in uns entsteht, breitet sich aus, er verändert unsere Beziehungen und unser Handeln, er wirkt in die Gesellschaft und in die Kirche hinein. Die Theozentrik schließt alles andere mit ein, weil Gott alles umfängt. Und Gott will diese Welt, er hat sie geschaffen, also ist ihm auch etwas daran gelegen, dass sie weiter besteht und die Menschen in Frieden miteinander leben. Wir können dazu beitragen, wenn Gott die Mitte unseres Lebens wird. Auch Teresa hat das getan, sie hat die Welt mitgestaltet und bleibende Spuren hinterlassen. Nicht umsonst wurde sie zur Kirchenlehrerin ernannt, und zwar im 20. Jahrhundert. Sie kann auch heute noch Menschen zu Gott führen, so denn aus allem, was sie tat und sagte und aufschrieb, spricht eine tiefe und echte Liebe zu Gott und den Menschen. Und darum geht es letzten Endes, um ein Leben in Liebe und aus Liebe. Das ist es, was Gott ist und schenkt. Um dahin zu gelangen, gehen wir in die Stille und geben uns ihm hin.
Dabei können wir dieses Mal in zwei Schritten vorgehen: Zunächst machen wir uns bewusst, was wir verlangen bzw. fürchten, was unser Schmerz, was unsere Freude ist. Und wenn wir uns das angeschaut haben, fragen wir uns: Was hat das mit Gott zu tun? Wie kann ich Gott dienen? Was will er eigentlich von mir? Welchen Platz hat er in meinem Leben, und wo will er mich haben? Womit will er mich erfreuen? Und wie kann ich seinen Frieden und seine Liebe weitergeben?

Literatur:

Erika Lorenz, Teresa von Avila, „Ich bin ein Weib, und obendrein kein gutes“, ein Porträt der Heiligen in ihren Texten, Freiburg, 1982
Erika Lorenz, Das Vaterunser der Teresa von Avila, Freiburg, 1987
Teresa von Avila, Wege zum Gebet, eine Textauswahl, ausgewählt und übersetzt von Irene Behn, Zürich, 1982
Theresia von Avila, Bildband mit einem Essay von Walter Nigg, Freiburg, 1981
Teresa von Ávila, Gesammelte Werke, Band 1- 8, vollständige Neuübertragung, übersetzt und herausgegeben von Ulrich Dobhan und Elisabeth Peeters, Freiburg, 2007

 


 

Februar 2014

Gedanken zur Jahreslosung 2014 und zu einem Gebet von Dag Hammarskjöld

Einleitung

An dem Einkehrwochenende Anfang Februar war in diesem Jahr Dag Hammarskjöld (1905- 1961) unser „Vorbeter“. Er war schwedischer Friedensnobelpreisträger und ist als zweiter Generalsekretär der Vereinten Nationen in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingegangen. Am 18. September 1961 kam er auf einer Friedensmission in Afrika bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Nach seinem Tod fand man in seiner New Yorker Wohnung ein Manuskript mit tagebuchartigen Aufzeichnungen, die seine Erfahrungen, Erkenntnisse und Lebensweisheiten enthalten. Er selber nannte sie „Zeichen am Weg“. Sie gaben ihm also Orientierung und Sicherheit. Er wollte zwar nicht, dass das Buch noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde, aber er ging davon aus, dass ein Freund das nach seinem Tod wohl tun würde. Dem hat er auch die Entscheidung darüber überlassen.
Wichtig war ihm, hier sein wahres Ich zu zeigen. Er nannte die Notizen auch „Verhandlungen mit mir selbst und mit Gott“. Sie beschreiben seine persönliche Sinnsuche und seinen Reifeprozess, und er verstand sie als ein Korrektiv zu einer Reihe von öffentlichen Urteilen über ihn. Er tritt hier als religiöser Denker, Mystiker und Dichter hervor. Deshalb hat die Lektüre auch nach wie vor Aktualität und Anziehungskraft.
Wenn man das ganze Buch liest, ist man allerdings oft etwas ratlos, denn viele Gedanken sind verschlüsselt formuliert, bildhaft und phantastisch, und die Aussagen erschließen sich nicht auf Anhieb.
An unserem Stillen Wochenende haben wir deshalb hauptsächlich ein Gebet betrachtet.
Es lautet:

„Du, der über uns ist,
du, der einer von uns ist,
du, der ist –
auch in uns
dass alle dich sehen – auch in mir,
dass ich den Weg bereite für dich,
dass ich danke für alles, was mir widerfuhr.
Dass ich dabei nicht vergesse der anderen Not.
Behalte mich in deiner Liebe,
so wie du willst, dass andere bleiben in der meinen.
Möchte sich alles in diesem meinem Wesen
zu deiner Ehre wenden,
und möchte ich nie verzweifeln.
Denn ich bin unter deiner Hand,
und alle Kraft und Güte sind in dir.“

(Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs, Überarbeitete Neuausgabe herausgegeben von Manuel Fröhlich, Stuttgart, 2. Auflage 2012, S. 128)

Dieses Gebet habe ich in drei Teile gegliedert und in entsprechenden Einführungen ausgelegt und betrachtet. Der erste Teil besteht aus den ersten vier Zeilen, der Anrede, die hauptsächlich aus dem „Du“ besteht.
Der zweite und größte Teil umfasst die Sätze, in denen es um einen bestimmten Lebenswandel, eine Grundeinstellung geht. Sie zeigen, dass auch das Handeln vom Gebet beeinflusst wird.
Der dritte Teil besteht aus dem Schlusssatz des Gebetes, in dem Dag Hammarskjöld seine Zuversicht zum Ausdruck bringt, dass „alle Kraft und Güte“ in Gott sind.
Die Einführungen wurden im letzten Freundesbrief des Klosters (Sommer 2014) veröffentlicht. Dafür habe ich sie gekürzt und Ihrer Situation als Leser und Leserinnen angepasst. Diese Form habe ich auch hier übernommen. Sie sind so gestaltet, dass Sie sie für Ihre persönliche Stille Zeit verwenden können.

 

Erste Einführung : „Du bist in uns“

Auslegung
Das vorliegende Gebet ist aus dem Jahr 1954, als Dag Hammarskjöld gerade ein Jahr lang im Amt des Generalsekretärs war. Beim ersten Lesen fällt auf, dass er nicht um irgendetwas bittet oder für andere, für die Welt und seine vielen Anliegen, sondern er betet darum, näher zu Gott zu kommen, in seiner Liebe zu bleiben, mit ihm eins zu sein. Das Gebet war für ihn also ein Weg der Seele, ein Weg nach innen, der Tugenden und eine bestimmte Grundhaltung einschloss. Er war Mystiker, d.h. er versuchte, durch Hingabe und Versenkung zu einer persönlichen Vereinigung mit Gott zu kommen.
So sah er sich in all seinem Wirken persönlich in der Pflicht. Das hat er auch in einer Rundfunkansprache zum Jahresschluss 1953 deutlich gemacht. Da sagte er:

„Unsere Friedensarbeit muss im persönlichen Innern eines jeden von uns beginnen. Wenn wir eine Welt ohne Angst aufbauen wollen, dürfen wir keine Angst haben. Wenn wir an einer gerechten Welt mitwirken wollen, müssen wir gerecht sein. Wie können wir für Freiheit kämpfen, wenn wir innerlich nicht frei sind? Wie können wir Opfer von anderen verlangen, wenn wir selbst nicht dazu bereit sind?“

(Hermann J. Benning, Dag Hammarskjöld, Leben und Profil, München, 2. Auflage, 2012, S. 37)

Das durchzieht sein ganzes Denken. Er hat also immer mit sich selber gerungen. Und das wird auch an diesem Gebet deutlich.
Es beginnt mit „Du“, das ist auffällig. Daran wird zum einen deutlich, dass Gott für ihn ein Du war, und zum anderen, dass dieses Du an erster Stelle stand oder stehen sollte. Und dann beschreibt er sein Bild von Gott mit drei Aussagen. Er lehnt sich dabei an das Glaubensbekenntnis an, der Lehre vom dreieinigen Gott, und sicher beschreibt er damit auch seine eigenen Erfahrungen:
Erstens ist Gott „über uns“, d.h. er hat Macht und Größe, er ist der Schöpfer, der Ursprung und das Ziel. Er ist der Vater, der allmächtige und allgegenwärtige. Zweitens ist er „einer von uns“. Damit erinnert Dag Hammarskjöld an Jesus Christus, an den Gott, der Mensch und uns gleich geworden ist, der Fleisch und But angenommen hat und auf dieser Erde wandelte. Er ist also nicht nur „über uns“, sondern auch neben uns, d.h. er ist uns nah und vertraut. Er kennt das menschliche Leben, wir können es mit ihm teilen, und damit auch alles, was uns belastet und beschwert. Und drittens sagt Dag Hammarskjöld, dass Gott „ist – auch in uns“. D.h. Gott ist auch ohne uns da, er hat ein losgelöstes Sein, er ist absolut und muss sich auf nichts beziehen. Er lässt sich mit nichts vergleichen und auch mit nichts fassen oder benennen. Er hat keine Gestalt und keinen Leib. Wir können ihn deshalb auch nicht außerhalb von uns selber finden, wie einen Gegenstand oder eine Person, sondern nur „in uns“. Hinter dieser Aussage verbirgt sich das Reden über den heiligen Geist, denn der ist der „Gott in uns“, die Kraft, die wir spüren können und die uns glauben lässt.

Anwendung
Und das können wir sehr gut auf unser eigenes Leben anwenden, vor allen Dingen auf die Stille Zeit. Warum halten wir sie? Jeder und jede von uns hat andere Gründe, uns bewegen verschiedene Dinge. Wir suchen natürlich Ruhe und Entspannung, aber auch Klärung und Befreiung. Die Stille soll uns guttun, wir wollen Probleme lösen und unseren Glauben vertiefen. Doch wie erreichen wir das alles?
Wenn wir auf Dag Hammarskjöld hören und sein Gebet beten, bekommen wir eine Antwort. Er sagt uns: Such zu allererst Gott, stell das „Du“ an die erste Stelle, richte dich nach ihm aus. Dabei musst du nicht lange fragen, wo er denn ist, sondern geh nach innen. Dort findest du ihn.
Es geht bei der Stillen Zeit also um eine „Reise nach innen“. Das hat Dag Hammarskjöld selber einmal so formuliert (Zeichen am Weg, a.a.O., S. 97). Jeder und jede von uns tritt sie allein an, wir können sie nur in Einsamkeit machen, und sie führt uns auch dahin. Das gilt es also anzunehmen, das Alleinsein, die Absonderung von den anderen.
Und was all unsere Fragen und Probleme betrifft, so ist es gut, diese ebenfalls anzunehmen und so stehen zu lassen, wie sie sind. Wir müssen nicht an unseren Problemen herumdoktern, sondern stellen uns mit ihnen einfach nur vor Gott. Wir sind da, gegenwärtig und wach. Es reicht schon, dass wir uns nicht mehr zerstreuen, nichts tun und uns durch nichts ablenken lassen. Wir legen die Hände in den Schoß und halten uns selber aus. Und das ist heilsamer und befreiender als alles andere, es entspannt und macht uns ruhig und froh.

 

 Zweite Einführung: „Behalte mich in deiner Liebe“

Auslegung
Nach der Anrede an Gott, an der deutlich wird, dass es Dag Hammarskjöld hauptsächlich um Gott geht und dass der an erster Stelle steht, formuliert er nun doch konkrete Bitten und Wünsche, die er an Gott hat. Aber auch dabei fällt auf, dass er nicht um irgendwelche Einzelheiten bittet, Gesundheit, Wohlstand, Frieden oder Ähnliches, sondern er bleibt in dem Bewusstsein, dass Gott allein genügt, dass er um seiner selbst willen geliebt und angebetet werden will. Dag Hammarskjöld bittet deshalb darum, dass auch die anderen ihn „sehen“ mögen, d.h. er wünscht ihnen Gotteserkenntnis und Gottesnähe, Glaube und Hoffnung, Heil und Erlösung. Alles, was er selber von Gott bekommen hat und im Glauben erlebt, sollen die anderen Menschen auch erfahren und empfangen.
Und dafür möchte er selber ein Instrument Gottes sein. Er möchte für Gott transparent sein, ihn durchscheinen lassen. Was in ihm ist, soll für andere erlebbar werden. Und das ist auf dem Hintergrund seines politischen Auftrages und Amtes sehr aufschlussreich. Er sah sich nicht nur als Diplomat, sondern vor allen Dingen als Missionar und Wegbereiter für Gott. Deshalb bittet er um die richtige Haltung: um Dankbarkeit für alles, was ihm widerfuhr, d.h. um ein „Ja“ zu allem, was geschieht (Zeichen am Weg, a.a.O., S. 148). Das war nicht selbstverständlich. Auch für ihn gab es Situationen, zu denen hätte er wohl lieber „Nein“ gesagt. Aber das wollte er nicht. Er wollte seine Widerstände loslassen und in allem den Willen Gottes erkennen und bejahen.
Gleichzeitig möchte er die „Not der anderen“ nicht vergessen, also offen bleiben für seine Mitmenschen, Mitleid und Mitgefühl haben und „in der Liebe Gottes“ bleiben. Die ist bedingungslos und grenzenlos, sie gilt jedem Menschen, macht keine Unterschiede, bewertet und beurteilt nicht.
Dag Hammarskjöld ist also auch in seinem sozialen Verhalten theozentrisch, d.h. Gott soll die Mitte und das Ziel sein, das formuliert er am Ende dieses Mittelteils, in dem er sagt: „Möchte sich alles in meinem Wesen zu deiner Ehre wenden.“
Und er möchte „nie verzweifeln“, d.h. manchmal war ihm wohl danach zu Mute, er kam an seine Grenzen und sah keinen Ausweg mehr. Ohne Gott wäre er verzweifelt, hätte aufgegeben, denn er fühlte sich oft machtlos und schwach. Aber im Gebet hat er versucht, das zu überwinden, und hat immer wieder Zuversicht gewonnen.

Anwendung
Wenn wir das nun auf unser eigenes Leben beziehen, müssen wir uns zunächst bewusst machen, in welchen Beziehungen wir stehen: Welche Menschen gehören zu uns und sind uns wichtig? Für wen sind wir da, wer ist für uns da? Dazu gehören unsre Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarn, andere Menschen in der Gemeinde usw. Gehen Sie das einmal im Geiste durch und fragen Sie sich: Was will ich für sie und von ihnen?
Dabei wird Ihnen sicher bewusst, dass es immer eine Menge Wünsche und Erwartungen und damit auch Konflikte gibt. Viele Menschen sind wunderbar, andere sind aber nicht so, wie Sie sie gern hätten. Sie wollen etwas von ihnen und für sie, aber das geschieht nicht. Sie sind enttäuscht oder haben das Gefühl, erfolglos zu sein und zu versagen. Oft gehören Angst dazu und Unsicherheit. Vielleicht ärgern Sie sich auch über den einen oder anderen, wären ihn gerne los, wollen sich am liebsten trennen oder ihm zumindest einmal so richtig die Meinung sagen.
Dag Hammarskjöld macht uns darauf aufmerksam, dass all dieses keine guten Wege sind, sie dienen niemandem, führen nicht weiter und schon gar nicht zum Heil und zum Frieden. Der Weg dorthin sieht anders aus, denn er besteht nicht in der Auseinandersetzung und Verurteilung, in Trennung oder Rechthaberei, sondern in der Liebe. Wir können sie an Jesus Christus erkennen und von ihm empfangen, und es ist gut, wenn wir das tun: die Liebe Christi in uns aufnehmen und uns darin üben.
Wenn Sie sich klar gemacht habt, was Ihr soziales Umfeld ausmacht, und wo Ihre schmerzhaftesten und anstrengendsten Konflikte liegen, ist es also gut, dass Sie sich im Loslassen und „Ja“ sagen üben. Ihre Wünsche und Vorstellungen sind nicht entscheidend, sondern entscheidend ist, dass die Liebe Christi geschieht, dass Sie dafür durchlässig werden und sie zu den Menschen bringen. Das lohnt sich viel mehr, weil davon alle etwas haben. Sie selber werden ruhig und können in allem einen Sinn erkennen. Der Glanz Gottes breitet sich aus und spiegelt sich auf jedem Gesicht, das Ihnen begegnet. Auch das Unvollkommene und Schmerzhafte, das Enttäuschende und Leidvolle im Leben gehört dazu und hat seinen Platz.
Es geht also darum, gehorsam und bereit zum Leiden und zum Lieben zu sein, mit Jesus in Gethsemane zu beten: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“(Mt. 26, 39) Dann verändert sich unser Leben. Wir werden frei und sind erlöst, und damit können wir die anderen Menschen anstecken. Es geschieht etwas viel Größeres, als unser kleines Wollen, wir werden in einen göttlichen Vollzug hineingeholt, haben Teil an seinem großen Plan. Wir werden Missionare und Missionarinnen der Liebe Gottes.

 

Dritte Einführung: „Alle Kraft und Güte sind in dir“

Auslegung
Dag Hammarskjöld wusste sich unter der „Hand Gottes“ geborgen. Das ist eine biblische Vorstellung, in den Psalmen ist davon oft die Rede. Die „Hand Gottes“ ist stark und bringt Schutz und Sicherheit. Mit diesem Bild war Dag Hammarskjöld aufgewachsen und das hat er nie verloren.
Er war nie verheiratet, hatte keine Frau und keine Kinder, und das könnte uns dazu veranlassen, ihn nicht ganz ernst zu nehmen. Das passt nicht zu unserem Bild von einem gelungenen Leben, und wir fragen uns, wie das kam. Ein äußerer Grund war sicher seine umfangreiche Reisetätigkeit, sein Engagement und unermüdlicher Einsatz. Das hätte keine Frau gerne mitgemacht, denn er hätte sie und seine Kinder selten gesehent. Vielleicht war er menschlich auch „unterbelichtet“, verklemmt und schüchtern. Ich denke es ist müßig, darüber zu spekulieren, denn er hat diese Situation auf jeden Fall geistlich kompensiert und auch genutzt. Möglicherweise hat seine starke innere Sehnsucht auch dazu beigetragen, dass er allein blieb. Er spürte eine metaphysische Unzufriedenheit, von der er genau wusste, dass sie in einer Ehe nicht beantwortet würde. So ist das bei den Mönchen. Und innerlich war Dag Hammarskjöld durchaus so etwas wie ein Mönch. Er trug das Kloster in sich, d.h. er lebte mit Gott und hat sich ihm hingegeben. Deshalb fühlte er sich grundsätzlich auch nicht allein, sondern begleitet und beschützt, Das waren das bestimmende Lebensgefühl und seine Gewissheit.
Das heißt nun nicht, dass es nicht auch Stunden der Einsamkeit gab. Natürlich blieben sie nicht aus. Dag Hammarskjöld war nicht immerfort glücklich und froh und in gehobener Stimmung. Im Gegenteil, wenn man sein Tagebuch liest, dann spürt man, dass er oft traurig war, an sich selber gezweifelt und auch gelitten hat. Aber er konnte damit umgehen und wusste stets, wo er sein Glück und seine Freude finden konnte, wo die Quelle war. Und zu der ist er immer wieder gegangen. Es war die Gegenwart Gottes. Dort hat er empfangen, wonach er sich sehnte. Er selber spricht von „Kraft und Güte“, sie sind „in Gott“. Das ist der letzte Satz in dem Gebet, und der besagt ganz viel.
Wir müssen uns nur einmal bewusstmachen, was alles mit diesen beiden Wörtern zum Ausdruck kommt. Zunächst bedenken wir das Wort „Kraft“: Da steckt Leben drin. Wo Kraft ist, bewegt sich etwas. Sie sorgt für Fortschritt und Gedeihen. Kraft führt zum Erfolg. Sie lässt uns überwinden, was vor uns liegt oder auf uns lastet. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der Kraft hat, körperlich, seelisch und geistig. Er ist gesund und ausgeglichen, kommt mit dem Leben klar, kann mit Konflikten umgehen, anderen Rat geben. Dag Hammarskjöld sagt, dass Gott das alles hat und verschenkt. Wer mit ihm lebt, wird so ein Mensch.
Außerdem hat Gott „Güte“. Das kommt von dem Wort „gut“. Und dazu gehört wiederum ganz viel: Gottes Güte bedeutet Barmherzigkeit und Liebe, Heil und Wohltat. Er ist das Gegenteil vom Bösen, er schafft Frieden und Freude und Glück.
Bei Gott finden wir also alles, was wir uns zutiefst wünschen. Bei ihm kommt unser Herz zur Ruhe, wie Augustin es gesagt hat. Wenn wir Gott haben, wollen wir nichts mehr darüber hinaus, wir sind glücklich.

Anwendung
Das klingt sehr schön und verlockend. Lassen Sie uns also auch dieses auf unser Leben anwenden und fragen, was es konkret bedeutet. Und dabei kommen wir vor allen Dingen auf einen Hinweis: Wir müssen lernen, zweckfrei zu denken und zu leben.
Das tun wir normalerweise nicht, auch nicht, wenn wir in die Stille gehen und beten. Wir fragen uns: Was bringt das Gebet? Wir wollen Ergebnisse und Antworten, Lösungen und Geschenke. Wir sind in der Stille oft zielgerichtet und fragen, was sie bewirkt.
Doch so ist das Gebet im Geiste der „Mütter und Väter des Glaubens“ nicht gemeint, und so kann die Sache mit Gott nicht gelingen, denn wir können nicht über ihn verfügen oder ihn haben. Gott ist kein Gegenstand, er funktioniert nicht nach unseren Vorstellungen und tut auch nicht unbedingt das, was wir wollen. Wenn das so wäre, wäre er nicht mehr Gott, jedenfalls nicht der Gott, den Dag Hammarskjöld am Anfang mit „Du“ anredet. Denn er ist frei und unverfügbar, souverän und von nichts abhängig. Er gehört uns nicht, wir gehören vielmehr Gott. Er verfügt über uns, wir sind „unter seiner Hand“.
Erst wenn wir das erkennen und einsehen und uns danach richten, kehrt Ruhe ein. Wir fragen nicht mehr nach Antworten und Ergebnissen, weil wir gefunden haben, was wir suchen. Wir kommen zu uns selber und sind zufrieden. Wir sind ruhig und offen und bereit für die Menschen. Wir empfangen Gottes „Kraft und Güte“.
Wenn Sie also während der Stillen Zeit an Ergebnisse denken, an die Aufgaben und Menschen, die Ihnen begegnen, dann lassen Sie einfach alles auf sich zukommen. Lassen Sie sich überraschen, seien Sie neugierig. Planen Sie nichts, nehmen Sie sich nichts vor, erwarten Sie gar nichts. Das Leben wird nicht an Ihnen vorübergehen, es wird Sie vielmehr umarmen und mitreißen. Es wird heller, Konflikte lösen sich auf, und „Kraft und Güte“ kehren ein.
Genießen Sie in der Stillen Zeit also den Augenblick und lassen Sie sich davon beschenken. Gott ist nicht nachher bei Ihnen, sondern jetzt. Er lebt auch nicht in der Erinnerung, sondern immer und überall ist er gegenwärtig, wo Sie gehen und stehen. Er erwartet Sie schon, er ist immer schon da, bevor Sie an ihn denken. Sie können ihn also in jedem Augenblick spüren und erleben.
Das ist nicht ganz einfach, wir sind mit unseren Gedanken meistens nicht in der Gegenwart, denn sie entzieht sich unserem Zugriff. Es gelingt auch immer nur kurz, dass wir den Moment zu fassen kriegen, das wahrnehmen, was jetzt gerade ist. Aber solche Momente sind dichter und wertvoller als alles andere. Sie sind hell und einfach. Und sie wirken ganz von alleine, sie strahlen in Ihr Leben und durch Sie hindurch und verleihen ihm Glanz. Sie sind sehr nachhaltig, wie man so treffend sagt. Und es können mit der Zeit immer mehr werden, dafür wird Gott selber sorgen.

 

Literatur:

– Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs, Überarbeitete Neuausgabe herausgegeben von Manuel Fröhlich, Stuttgart, 2. Auflage 2012

– Hermann J. Benning, Dag Hammarskjöld, Leben und Profil, München, 2. Auflage, 2012

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Ein Gedanke zu “EINFÜHRUNGEN IN DIE STILLE ZEIT

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