Das Geschenk Gottes

Predigt über Johannes 3, 16: Also hat Gott die Welt geliebt…

Heiligabend, 24.12.2016, 17 und 23 Uhr
Jakobi- und Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Weihnachten ist das Fest der Geschenke, und das gefällt auch den meisten. Kinder freuen sich besonders auf die Bescherung, aber Erwachsenen macht es auch noch viel Spaß. Entsprechend wird in der Vorweihnachtszeit kräftig eingekauft, gebastelt, gepackt und verschickt.
Dabei bemisst sich der Wert eines Geschenkes nicht nur danach, wieviel Geld es gekostet hat. Zum Schenken gehört es, dass wir uns Gedanken darüber machen, was dem anderen vielleicht gefällt und zu ihm passt. Ein Geschenk ist nur dann gut und sinnvoll, wenn es von Herzen kommt. Dann macht es allen Freude, auch dem Gebenden. Es ist ja schön, einem anderen ein kleines Glück zu bereiten. „Es freut mich, wenn du dich freust“, das sagen viele, die heute ihre Lieben beschenken.
Entsprechend enttäuschend und verletzend ist es, wenn ein Geschenk dann doch nicht passt, wenn es lieblos ausgewählt wurde und nicht zusagt. Dann ist die Stimmung im Eimer. Um das zu vermeiden, haben viele Familien das Schenken zu Weihnachten abgeschafft. „Wir schenken uns nichts mehr“, heißt es dann.
Dabei passt es zu Weihnachten, denn es ist das Fest eines ganz großen Geschenks Gottes an die Menschen. Es ist ebenfalls aus Liebe erfolgt und deckt sich wunderbar mit dem, was wir brauchen. Der Evangelist Johannes hat es so formuliert: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Das ist nur ein Satz, aber er enthält das ganze Evangelium. Nicht umsonst ist er zu einem der bekanntesten Sprüche aus dem Neuen Testament geworden. Wir finden hier drei Aussagen von großer Bedeutung.
Erstens wird uns etwas über Gott gesagt, und zwar wird uns verkündet, dass Gott die Menschen liebt. Wir sind ihm nicht gleichgültig, er hat eine enge Beziehung zu uns, er will nicht ohne die Menschen sein. Die ganze Welt liegt ihm am Herzen, denn sie ist sein Werk und er möchte sie erhalten. Er will hier wohnen und natürlich wartet er auf Gegenliebe. Er möchte erkannt und selber geliebt werden. So jedenfalls redet die Bibel über Gott, so glauben es die Juden und Christen.
Doch genau damit hapert es, denn die Menschen gehen ihre eigenen Wege. Sie fragen nicht nach Gott und wenden sich von ihm ab. Deshalb hat er seinen Sohn geschickt, d.h. er ist selber als Mensch erschienen. Er wurde uns gleich, damit wir ihm endlich nahe sein können. Er wollte unser Bruder sein, unser Helfer und Tröster. Das ist der erste Punkt, der in dem Satz zum Ausdruck kommt: Die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen.
Als zweites wird gesagt, worin unser Part liegt, was geschehen muss, damit wir die Liebe Gottes auch spüren und empfangen: Wir sind zum Glauben eingeladen. Von „allen, die an ihn glauben“, ist hier die Rede, und damit sind die gemeint, die das Geschenk Gotte annehmen, sich darüber freuen und es sich zu eigen machen. Es gilt, dass auch wir Kontakt zu Gott aufbauen, mit ihm rechnen, ihn unsererseits lieben und ehren. Jede Beziehung ist nur dann lebendig und schön, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht, wenn beide Beteiligten sie leben und beachten. Das ist der zweite Punkt.
Und drittens wird gesagt, welche Folgen es hat, an Gott zu glauben und sein Geschenk anzunehmen: Wir sind „nicht verloren, sondern haben das ewige Leben“. Dahinter steht die Vorstellung, dass es eine Gefahr gibt, eben das „Verlorengehen“. Damit meint die Bibel einen Zustand des Unglücks und der Gottesferne, des Gerichts und der Verdammnis. Und das heißt, das Leben kann misslingen. Es gibt zerstörerische Kräfte, die uns verschlingen wollen. Wir stehen immer an einem Abgrund, in den wir hineinstürzen können.
Wer an Jesus Christus glaubt, ist davor bewahrt, er wird gehalten und gerettet, er gewinnt „das ewige Leben“.
Das ist die Botschaft von Weihnachten, und es ist gut, wenn wir sie ernst nehmen.
Gerade was den letzten Punkt betrifft, so stimmen wir da sicherlich überein. Wir haben das Gefühl, in schlimmen Zeiten zu leben. Der Terror ist überall, auch in Deutschland ist er angekommen. Abscheuliche Taten werden begangen, Angst und Schrecken greifen um sich. Viele fürchten sich mehr als sonst und fühlen sich unsicher.
Andere sagen in dieser Situation bewusst: „Jetzt erst recht! Wir lassen uns unsere Freiheit und Offenheit nicht nehmen, wir leben, wie wir wollen und für richtig halten, die Angst soll nicht siegen.“ Und das ist gut, das dürfen wir auf keinen Fall aufgeben. Toleranz und Freiheit, Gleichberechtigung, Sicherheit und Gerechtigkeit sind die großen Errungenschaften einer modernen Gesellschaft. Wir dürfen uns davon nicht abbringen lassen.
Doch wie besiegen wir die Furcht und können fröhlich bleiben? Wie kann das Leben gelingen?
In Berlin sind zwölf Menschen gestorben, als der Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt fuhr. Das beschäftigt uns z.Zt. sehr, es berührt uns macht uns traurig. Wir fühlen und leiden mit den Angehörigen der Verstorbenen und den Verletzten. Und es ist notwendig, dass die Politiker überlegen, was sich in unserem Land ändern muss, damit so etwas nicht geschieht.
Lassen Sie uns jetzt aber einmal noch tiefer nachfragen und über einen grundsätzlichen Zusammenhang nachdenken. Wir sollten nicht vergessen, dass der Terror nicht die einzige Gefahr ist, die es gibt. Auf unseren Straßen im Verkehr ist es z.B. viel gefährlicher. Da sterben in Deutschland täglich ungefähr zwölf Menschen. Makaberer Weise haben wir uns daran irgendwie gewöhnt, es wird nicht viel darüber berichtet. Auch ist es keine Nachricht wert, wenn ein Mensch Selbstmord begeht. Dabei passiert auch das täglich, und dahinter steht jedes Mal eine ganz große Not und ein tiefes Leid, Verzweiflung und das Gefühl der Ausweglosigkeit. In unserer Gesellschaft gibt es das zu Hauf.
Das sind zwei Beispiele dafür, dass unser freizügiger Lebensstil, unser Wohlstand und unser Vergnügen uns lange nicht alle Antworten liefern, die wir brauchen. Die Welt ist unsicher und gefährdet, unzählige Bedürfnisse werden nicht befriedigt, Erwartungen nicht erfüllt. Es gibt Enttäuschungen und Krankheiten, Verletzungen und den Tod. Was gibt uns wirklich Sicherheit und Geborgenheit? Woher nehmen wir unsre Hoffnung? Wie können wir lieben? Was ist der Sinn des Lebens, und was geschieht nach dem Tod? Diese und ähnliche Fragen bleiben offen, wenn wir nur weltlich leben, und im Innersten lassen sie eine Unruhe zurück.
In Wirklichkeit ist die Welt viel zu klein für uns. Das sollten wir uns eingestehen. Es ist gut, wenn wir realistisch und nüchtern werden und auf den Boden der Tatsachen kommen. Stimmen, die das Kaufen und Schenken zu Weihnachten kritisieren, sollten wir ernst nehmen. Denn was wir an Schönem und Beglückendem in dieser Welt unternehmen, ist nur dann sinnvoll, wenn wir vorher von etwas Größerem erfüllt sind und unsere tiefste Sehnsucht bereits gestillt ist. Und das kann nicht in der Welt geschehen, durch kein Geschenk und auch keine menschliche Liebe. Denn Gott hat uns zu sich  „hin geschaffen“, wie es der Kirchenvater Augustin bereits im vierten Jahrhundert gesagt hat. „Und ruhelos ist unser Herz solange, bis es ausruhen kann in Dir.“, so geht sein berühmtes Gebet weiter. (Augustinus, die Bekenntnisse, Übertragung, Einleitung und Anmerkungen von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln, 1994,. S. 31)  Er eröffnet damit das Buch seiner „Bekenntnisse“, die Beschreibung seines inneren Weges, und es ist wie eine Überschrift oder Zusammenfassung: Das hatte er eines Tages erkannt. Es war wie das Erwachen aus einem Traum, und er stellte danach Gott an die erste Stelle seines Suchens und Strebens.
Ernesto Cardenal, ein lateinamerikanischer Priester und Dichter des letzten Jahrhunderts, hat denselben Gedanken in seinem „Buch von der Liebe“ so formuliert:
„Alle Menschen werden mit einem verwundeten Herzen und einem unstillbaren Durst geboren. […] Der Vorgang des Essens und Trinkens wurde vom Schöpfer als materielles Symbol dieses Hungers und Durstes nach Gott eingesetzt.
Dieser Durst nach Gott spiegelt sich als innere Unruhe auf den Gesichtern aller Menschen, welche die Straßen, die Läden, die Kinos und Bars bevölkern. Alle Welt trägt einen Wunsch mit sich, viele Wünsche, eine Unendlichkeit von Wünschen: noch ein Gläschen, noch ein Stück Kuchen, noch ein Blick, noch ein Wort, noch ein Kuss, noch ein Buch, noch eine Reise. Mehr und immer mehr. Alle Gesichter verwundet von Unruhe und Wünschen. […] Es ist, als ob wir uns mit einer Nahrung sattessen wollten, die nichts hergibt, oder uns mit einem Wein betrinken, der nicht trunken macht. Die Nahrung füllt uns zwar, aber unser innerster Hunger wird nicht gestillt, sondern eher angefacht. Wir können überdrüssig werden, aber niemals satt.
Und so, wie wir uns von der Tiefe eines Brunnens überzeugen, wenn wir einen Stein hineinwerfen und seinen Aufprall nicht mehr hören, so können wir uns von der Tiefe unserer Seele überzeugen, wenn die Dinge in sie hineinfallen und einfach verschwinden, ohne dass ein Echo nachklingt, ohne dass wir sie fallen hören. Weil Gott auf dem Grund jeder Seele wohnt, ist die Seele unendlich und kann mit nichts gefüllt werden als mit Gott. […] Unser Sein [aber] ist entworfen worden, um Gott zu lieben, um Ihn zu besitzen und Ihn zu genießen, wie die Makrele entworfen wurde zum Schwimmen und die Möwe zum Fliegen.“ (Ernesto Cardenal, Das Buch von der Liebe, Gütersloh, 1978, S. 35ff) Besser kann man es kaum formulieren.
Wir tun also gut daran, wenn wir das Geschenk Gottes annehmen und bei ihm unser Glück suchen. Es gibt eine Ruhe für die Seele und das geängstete Herz. Sie liegt in dem Geschenk Gottes, das er uns zu Weihnachten macht: bei seinem Sohn Jesus Christus, der uns annimmt und uns das ewige Leben gibt. Gott schenkt sich uns selber und es ist gut, wenn auch wir ihm unser Leben geben.
Zum Schenken gehört Gegenseitigkeit: jeder und jede Schenkende freut sich, wenn er oder sie auch etwas bekommt. Mit Gott ist es nicht anders. Deshalb fragt Paul Gerhardt in seinem Weihnachtslied, was er denn nun Gott schenken kann. Und er kommt nicht auf dies oder das, nicht auf irgendwelche Opfergaben oder fromme Leistungen, sondern er sagt: „Ich komme bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist meine Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut nimm alles hin und lass dir‘s wohlgefallen.“ (Evangelsiches Gesangbuch Nr. 37,1)
Das ist ein Gebet an der Krippe, das auch wir sprechen können. Lassen Sie uns das Lied deshalb jetzt singen und mit der Bitte zu Jesus gehen, dass er uns selber nehmen möge. Wir können unser Leben in seine Hand legen und uns ganz ihm anvertrauen. Dann werden wir glücklich und ruhig, alle Ängste verschwinden, wir fühlen uns sicher und in Ewigkeit geborgen.
Amen.

Die nahende Freude

Predigt über Lukas 1, 26-38: Die Ankündigung der Geburt Jesu

4. Sonntag im Advent, 18.12.2016, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Lukas 1,26-38

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause Da-vid; und die Jungfrau hieß Maria.
28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!

29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?
30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?
35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.
36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Liebe Gemeinde.
Am 25. März feiern die katholische und orthodoxe Kirche das „Fest der Verkündigung des Herrn“. Das ist genau neun Monate vor Weihnachten, denn die Gläubigen stellen sich vor, dass Maria in dem Augenblick schwanger wurde, als der Engel Gabriel zu ihr kam und ihr verkündete, dass sie den Sohn Gottes vom Heiligen Geist empfangen und gebären werde.
In der orthodoxen Kirche gibt es für diesen Tag einen Gesang, der lautet: „Heute ist der Anfang unseres Heils, und das Mysterium von Ewigkeit her wird offenbar. Gottes Sohn wird der Jungfrau Kind, und Gabriel überbringt die Frohbotschaft der Gnade. Mit ihm rufen auch wir der Gottesgebärerin zu: ‚Freue dich, Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir.‘“ Maria wird zur „Gottesmutter“, und ihre Verehrung ist für katholische und orthodoxe Christen selbstverständlich.
Martin Luther bezeichnete das Fest der Verkündigung übrigens auch noch als eins „der fürnehmsten Feste“. (s. wikipedia, „Verkündigung des Herrn“) Er hat die Verehrung Marias keineswegs abgelehnt.
Trotzdem ist sie uns evangelischen Christen mittlerweile fremd geworden. Wozu brauchen wir Maria? Was soll das, zu ihr zu beten? Kann uns die Geschichte von der Verkündigung noch etwas sagen?
Wir haben die Schilderung aus dem Lukasevangelium eben gehört. Sie steht dort in der sogenannten Vorgeschichte. Das sind die ersten beiden Kapitel, die u.a. noch einige schöne Lieder und die Erzählung von der Geburt Jesu im Stall beinhalten. Lukas wollte damit die Geschichte Jesu so genau wie möglich von Anfang an erzählen und gleichzeitig zum Glauben an ihn einladen.
Dabei erinnert unser Bericht an ähnliche Schilderungen aus dem Alten Testament, in denen Gott oder ein Engel erscheint. Sie wollen nicht nur informieren, sondern gleichzeitig Gott loben und seine Macht und Liebe besingen.
Das geschieht auch hier. Der Engel kommt unerwartet zu Maria und verkündet ihr etwas Wunderbares und Unfassbares, einen himmlischen Plan. Er grüßt sie mit den Worten: „Der Herr ist mit dir!“ und sagt ihr, was Gott mit ihr vorhat: Sie hat „Gnade bei Gott gefunden“ und wird schwanger werden. Das Kind, das sie gebären wird, soll „Sohn des Höchsten“ heißen. Und dann folgt die zentrale Botschaft der Geschichte, an der deutlich wird, dass es hier um ein Lob Gottes geht. Der Engel sagt weiter: Er, dein Sohn, wird „groß sein“ denn „Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“
Lukas eröffnet sein Evangelium also mit der klaren Ansage, dass Jesus der Sohn Gottes sein wird. Der Mann, von dem er im Folgenden erzählen wird, ist nicht irgendein Prophet, sondern der von Gott Verheißene und Gesandte. Deshalb ist seine Herkunft übernatürlich. Maria hatte mit noch keinem Mann geschlafen, als sie schwanger wurde, sie war Jungfrau. Josef war zwar ihr Verlobter, aber er hatte sie nicht berührt. Das Kind, das in ihr heranwuchs, war vom Heiligen Geist gezeugt. Die „Kraft des Höchsten hatte sie überschattet“, wie Lukas es formuliert.
Im ersten Moment erschrak Maria, als der Engel zu ihr kam, „und dachte: Welch ein Gruß ist das?“ Aber der Engel beruhigte sie mit den Worten „Fürchte dich nicht“. Und während er weiter sprach, legte sich der Schreck Marias und sie willigte in den göttlichen Plan ein. Am Ende sagte sie: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“
„Und der Engel schied von ihr.“ Das ist der letzte Satz.
Wir kennen diese Szene der Verkündigung an Maria gut, und zwar nicht nur aus der Bibel. In der Kunst wurde sie vielfältig dargestellt. Die Bilder zeigen üblicherweise Maria und den Engel im Innenraum eines Hauses. Zuweilen bringt der Engel Maria eine weiße Lilie, das Symbol der Jungfräulichkeit und Reinheit, während die Gesten des Mädchens Überraschung und Berührtsein ausdrücken. Manchmal wird Maria auch in einem Buch lesend dargestellt. Dadurch wird unterstrichen, dass es eine Verbindung mit der Ankündigung des Messias im Alten Testament gibt. Auf vielen Bildern erscheint außerdem der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. Oder die Empfängnis wird durch einen Maria treffenden Lichtstrahl dargestellt.
Offensichtlich regte diese Szene immer wieder die Phantasie der Menschen an, und das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass hier etwas Übernatürliches erzählt wird. Es ist kein alltägliches Geschehen, sondern geheimnisvoll und wunderbar. Es lädt geradezu dazu ein, es künstlerisch umzusetzen und den Gehalt durch Farben und Gesten, Symbole und Gegenstände bildlich darzustellen.
Denn mit dem Verstand erschließt sich die Botschaft dieser Geschichte nicht. Im Gegenteil: Sie steht ihm entgegen. Wer glaubt das heutzutage noch, dass eine Jungfrau schwanger wurde? Wir wissen, dass so etwas biologisch unmöglich ist. Die Geschichte ist eine Legende, so sehen wir das heute.
Doch auch wenn das wohl wirklich so ist, müssen wir sie nicht beiseiteschieben, denn jede Legende oder jedes Märchen enthält immer auch eine Wahrheit. Hier soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Jesus zwar Mensch geworden ist, gleichzeitig aber eine göttliche Herkunft hatte. Bei seiner Zeugung war Gott selber noch einmal schöpferisch am Werk. Die Vorstellung von der Jungfrauengeburt ist dafür auch ein relativ alter Mythos, den es ebenso im Judentum und bei den Griechen gab und der hier von Lukas aufgegriffen und umgestaltet wurde.
Er wollte damit gar keinen biologischen oder geschichtlichen Vorgang beschreiben. Es ist also völlig unangebracht, die Erzählung unter naturwissenschaftlichen Ge-sichtspunkten zu beurteilen. Wir müssen vielmehr nach ihrer Bedeutung für den Glauben fragen, nach ihrem Symbolgehalt und ihrer geistlichen Aussage. Was hier geschieht, kann ein Bild dafür sein, was Glaube konkret bedeutet, und wie Gott an uns Menschen handelt.
Wir können uns das am besten klarmachen, indem wir die drei Personen, die hier vorkommen, einmal näher betrachten: Das sind der Engel, Maria und das Kind, das geboren werden soll.
Von Engeln ist ja heutzutage viel die Rede, sie haben sozusagen Konjunktur. Wir haben zwar noch keine echten, lebendigen Engel gesehen, aber in der Phantasie und in der Bibel gibt es sie trotzdem. Es sind dort die Boten Gottes, d.h. sie kommen von ihm und verkündigen, was er will und denkt.
Zu Maria kam der Engel unerwartet, plötzlich und er kannte keine räumlichen Hindernisse. Er war mit einem Mal da und hat ihr eine frohe Botschaft verkündet. In unserem Leben kann so etwas auch vorkommen, durch einen andern Menschen z.B., der ein gutes Wort für uns hat. Zu Weihnachten verschicken und bekommen wir ja viele Grüße. Vielleicht steht in dem einen oder anderen etwas, das Sie gerade jetzt brauchen und das sie anrührt. Es verändert ihr Bewusstsein, stimmt Sie freudig und macht Sie hoffnungsvoll. Es ist wie ein Engelswort.
Und so etwas geschieht in noch vielen weiteren Situationen. Gott benutzt Menschen, um zu reden und zu handeln. Wir können einander zu Engeln werden. Auch in einem Gottesdienst oder einer Andacht kann das geschehen, bei einer Begegnung oder einer Lektüre. Wir müssen nur so aufmerksam und wachsam sein wie Maria.
Sie ist die zweite Person in der Geschichte und kann uns zeigen, was Glauben bedeutet. Sie ist die Hörende und Empfangende, sie lässt sich von Gott überraschen, öffnet sich und ist bereit. Geduld und Demut gehören zu ihrem Verhalten. Sie ist zugänglich für das wirkende Schöpferwort Gottes, und willigt in seinen Plan ein. Das Wunder der Gottesgeburt kam zu Stande, weil sie zum Schluss sagte: „Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (V.38) Dieser Satz bringt zum Ausdruck, welche Haltung Maria einnahm, wie sie reagierte und inwiefern sie ein Vorbild für uns ist.
So einfach und so schnell willigen wir ja kaum in etwas ein. Was das Wort Gottes betrifft, so tun wir es lieber, als dass wir es „schöpferisch an uns wirken lassen“. Wir reden und handeln als Christen am liebsten selber, sind aktiv und gestalten Kirche und Gemeinde.
Das ist auch alles schön und gut, aber in erster Linie will Gott etwas anderes. Zunächst sollen wir gar nichts machen, sondern an uns soll etwas geschehen. Gott will auch zu uns kommen, mit uns reden und uns froh machen. Und damit das passiert, müssen wir hören und lauschen. Es wäre also gut, wenn wir uns – anstatt ständig aktiv zu sein und zu reden – einmal hinsetzen, still werden und die Hände buchstäblich in den Schoß legen. Wir müssen nur auf ihn warten und geduldig sein. Dann kann Gott in unser Leben einbrechen, mit seiner Gnade und Kraft. Er ist in einem christlichen Leben das Subjekt, der Handelnde, wir müssen uns nur bereit halten. Dafür ist Maria ein schönes Vorbild.
Und dann wächst etwas in ihr, sie wird schwanger und neues Leben entsteht. Damit sind wir bei der dritten Person in der Geschichte, dem Kind. Es ist das große Geschenk, das Gott uns machen will. Wenn Sie selber Kinder haben, wissen Sie, wie schön es ist, wenn sie geboren werden. Sie sind eine Bereicherung, verändern das Leben und bringen ganz viel Freude mit sich.
Wieviel größer ist es da, dass Gott uns sich selber schenkt, dass der Allerhöchste zu uns kommt. Die ganze Liebe Gottes zu uns Menschen liegt in diesem Geschenk beschlossen. Denn dadurch sind wir nie mehr allein, Gott ist immer bei uns. Wenn wir das annehmen, werden wir innerlich frei und ruhig, Sorgen und Ängste verschwinden. Wir werden heiter und zuversichtlich, es entsteht eine tiefe Freude und Geborgenheit. Und dafür müssen wir keinerlei Vorbedingungen erfüllen, wir müssen uns das nicht verdienen, sondern es ist ein echtes Geschenk, das wir nur entgegennehmen müssen. Und das geschieht am besten, wenn wir uns selber so wenig groß machen wie möglich und stattdessen erkennen, wie groß Gott und seine unendliche Liebe zu uns ist. Unsere Liebe zu den anderen Menschen wächst dadurch ganz von allein, das Handeln folgt von selbst.
Das alles steckt in der Geschichte von der „Verkündigung des Herrn“. Sie ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir die Gegenwart Gottes erleben können und was er an uns tut.
Luther wusste sehr wohl, warum er das Fest der Verkündigung an Maria als eins der „fürnehmsten“ bezeichnete. Auch als evangelische Christen können wir uns an Maria ein Beispiel nehmen und an dem Tag, an dem sie die Botschaft des Engels empfing, singen: „Heute ist der Anfang unseres Heils, und das Mysterium von Ewigkeit her wird offenbar. Gottes Sohn wird der Jungfrau Kind, und Gabriel überbringt die Frohbotschaft der Gnade. Mit ihm rufen auch wir der Gottesgebärerin zu: ‚Freue dich, Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir.‘“
Amen.