In Christus sein und neu werden

Predigt über 1. Mose 1,1-4a.26-31a; 2,1-4a: Die Schöpfung
3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 11 Uhr, 8.5.2022, Jakobikirche Kiel

1. Mose 1,1-4a.26-31a; 2,1-4a: Die Schöpfung

1 1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
4 Und Gott sah, dass das Licht gut war.

26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

2 1So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.
2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.
3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.
4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Liebe Gemeinde.

Im Norden des Bundesstaates Kentucky in den USA wurde im Jahr 2007 das sogenannte „Creation Museum“ eröffnet. Es ist die Speerspitze einer Bewegung, die seit langem für die Schöpfungslehre und gegen die Evolutionstheorie kämpft. Es wird von fundamentalistischen Christen geführt, die zeigen wollen, dass die Schöpfungsgeschichte so, wie sie im Alten Testament steht, der Realität entspricht: Gott hat die Erde in sechs Tagen erschaffen. Wenn das nicht buchstäblich so gewesen sein soll, könnte der Rest der Bibel auch nicht wahr sein. Das ist ihre Befürchtung. Ihr ganzes Weltbild würde einstürzen. Daher muss die Schöpfungsgeschichte stimmen, und das versucht dieses Museum zu zeigen. Argumente der Naturwissenschaft werden dort entkräftet, um andere Erklärungen für die Entstehung der Welt zu finden.

Diese Bewegung ist nicht neu. Im Grunde hat es sie immer gegeben. Ihre Theorie wurde nur 1859 durch Charles Darwin in Frage gestellt, als dieser sein Werk „Die Entstehung der Arten“ veröffentlichte und darin die Grundlagen der modernen Evolutionstheorie legte.

In unserer Kirche folgen wir längst dieser Lehre und geben der Naturwissenschaft recht, die sagt: So, wie es in der Bibel steht, ist es nicht gewesen. Die Welt ist vielmehr in Millionen von Jahren entstanden, und ein Lebewesen hat sich aus dem anderen heraus entwickelt.

Doch wozu lesen wir die Schöpfungsgeschichte dann überhaupt? Was kann sie uns sagen? Das müssen wir uns fragen, und dabei kommen wir durchaus auf viele Antworten.

Zunächst müssen wir das Alter der Erzählung berücksichtigen: Vor ungefähr 3000 Jahren wurde sie aufgeschrieben und wahrscheinlich lange vorher bereits mündlich weitergegeben. Was in der Bibel steht, sind uralte Gedanken über Gott und die Welt und wie sie aufeinander bezogen sind. Glaube und Wissen gehörten für die Menschen damals zusammen. Denn wie die Welt entstanden war, lag außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Und so glaubten sie, dass Gott Himmel und Erde, d.h. schlechterdings alles ins Dasein gerufen hat. Dahinter stehen also sein Wille und seine schöpferische Kraft, und er ist der Herr der Welt. Die Menschen wollten mit diesem Bericht nicht nur etwas über ihre Entstehung sagen, sondern hauptsächlich über Gott, seine Macht und seine Möglichkeiten. Wir haben es demnach beim Schöpfungsbericht in erster Linie mit einem Glaubensbekenntnis zu tun.

Drei Abschnitte haben wir daraus eben gelesen, bzw. drei Schöpfungstage: Die Erschaffung des Lichtes, des Menschen und der Ruhe. Und die zeigen sehr schön, wer Gott ist und was er kann.

An der Erschaffung des Lichtes wird deutlich, dass Gott aus dem Chaos Ordnung herstellt. Vorher war „Tohuwabohu“, das ist das hebräische Wort für „wüst und leer“, das hier steht. Es bedeutet: Nichts hatte eine Gestalt, und Finsternis lag über allem. Doch dahinein hat Gott Licht geschickt, das alles durchflutete und Leben möglich machte. Damit kommt der Glaube zum Ausdruck, dass Gott durch seinen Willen und sein Wort das Chaos besiegt und die Welt vor dem Untergang bewahrt. Und das sind starke Aussagen über Gott und seine Kraft, die wir auch als moderne Menschen ruhig übernehmen können. Glaube und Wissen müssen sich nicht ausschließen und widersprechen. Auch ein Naturwissenschaftler kann an die Macht und den Willen Gottes glauben, der sich in allem zeigt. Beim Anerkennen des Schöpfungshandelns Gottes geht es um ein bestimmtes Bewusstsein, eine Lebenshaltung, die sich hauptsächlich durch Gottesfurcht und Demut auszeichnet: Wir gewinnen einen ehrfürchtigen Blick auf alles, und wir verstehen uns selber auch anders. Darauf zielt der Schöpfungsbericht jedenfalls ab.

Das wird an dem zweiten Teil deutlich, den wir vorhin gehört haben, dem sechsten Schöpfungstag. Da erschuf Gott den Menschen, und das war sein wichtigstes Werk. Denn er schuf ihn als „Gottes Ebenbild“. D.h. wir entsprechen ihm und sind ihm ähnlich. Er hat uns als ein Gegenüber geschaffen und zu seinen Artgenossen gemacht, mit denen er reden und Gemeinschaft haben wollte. Außerdem hat er uns eine Aufgabe gegeben: Wir sind auf die Erde gestellt, um seinen Herrschaftsanspruch zu wahren und durchzusetzen. Sie soll uns zwar nützen, d.h. wir leben von den Pflanzen und mit den Tieren, aber wir sollen sie gleichzeitig hegen und pflegen.

Und es ist nach wie vor gut und heilsam, wenn wir uns dieses Menschenbild zu eigen machen. Es stellt unsere Selbstherrlichkeit und Autonomie in Frage. Wenn wir uns so verstehen, kommt Harmonie sowohl in unser eigenes Lebensgefühl als auch in unseren Umgang mit der Natur. Denn dadurch weist uns unsere Herkunft, unser Wesen und unsere Bestimmung auf Gott hin. Wir sind auf ihn bezogen und verstehen uns von ihm her.

Und das gelingt am besten, wenn wir das Ende der Schöpfungsgeschichte beachten, den siebten Schöpfungstag, den wir vorhin ebenfalls vorgelesen haben. Da „ruhte“ Gott, und diese Ruhe bildet den Abschluss des Ganzen. Wir sollen sie wahrnehmen und werden dahinein eingeladen. Sie wird auch uns geschenkt, und sie ist der beste Ausdruck für die Nähe zu Gott. Wenn wir bei ihm und mit ihm sind, kehrt Ruhe ein, und umgekehrt: Nur wenn wir ruhig werden, können wir seine Gegenwart und Kraft auch spüren.

Das alles können wir dem Schöpfungsbericht entnehmen: Gott hat Macht über das Chaos, und wir sollen ihn ehren und loben. Als Menschen sind wir in der Verantwortung vor ihm und für die Schöpfung. Und in der Ruhe erleben wir seine Gegenwart und Nähe.

Und es ist gut, wenn wir das beachten, denn leider sind wir davon oft weit entfernt. Der Schöpfungsbericht ist wie eine Ermahnung und wird nicht umsonst mit der Geschichte vom Sündenfall fortgesetzt. Sie erzählt, wie der Mensch sich aus der Einheit mit Gott löste und sich gegen ihn stellte. Der Mensch entspricht Gott nicht mehr, seine Ebenbildlichkeit ist verzerrt und liegt tief verschüttet in seinem Unterbewusstsein. D.h. schon mit unserer Geburt kommen wir in eine sündige Welt hinein und können ihr kaum entfliehen. Wir geraten in Verstrickungen des Eigenwillens, sind zahllosen negativen Einflüssen ausgesetzt und machen im Leben viele Fehler. Das ist unser Schicksal, und wir können ihm aus eigener Kraft auch nicht entkommen. Wir schaffen es nicht, so zu leben, wie es am Anfang gedacht war. Das wird im Alten Testament durchaus erkannt und es ist fast überall Thema. Trotzdem finden wir dort keine befriedigenden Lösungen für dieses Problem, keine Antworten, die uns beruhigen können.

Die hat Gott erst später gegeben. Zum Glück geht seine Geschichte mit uns Menschen im Neuen Testament weiter: Gott hat unsere Unfähigkeit zum Guten erkannt und etwas zu unsrer Rettung getan. Er hat die Erschaffung des Menschen zu seinem Ebenbild noch einmal wiederholt: In Jesus Christus ist die vollkommene Gestalt des Menschen erneut sichtbar geworden: Er hat die Liebe Gottes ungetrübt in sich getragen, er war ganz von Gott erfüllt, hat seinen Frieden gelebt, sein Heil verkörpert und am Ende den Tod überwunden. Die Schöpfung ist in Jesus Christus neu geworden, das ist unser Glaube. Im Evangelium wird uns verkündet, dass wir durch ihn wieder Zugang zu unserem ursprünglichen Zustand gewinnen können. Mit seiner Hilfe finden wir den Weg zurück.

Er beginnt mit der Taufe, denn durch sie werden wir mit Christus verbunden. Er reicht uns seine Hand, wird unser Freund und begleitet uns unser Leben lang. Wir werden in die „neue Schöpfung“ hineingenommen, in die unsichtbare Wirklichkeit der Gegenwart und Liebe Gottes, und bekommen Anteil an der Ewigkeit. Wir werden ins Licht Gottes geholt, das uns immer wieder vor dem Chaos und dem Abgrund bewahren kann.

Wir müssen uns das nur so oft wie möglich bewusst machen, d.h. Jesus vor Augen haben, ihm nachfolgen und ihm vertrauen. Oft glauben wir ja an ganz andere Kräfte, an uns selber, unsere natürliche Lebensenergie, unser Denken und Wissen. Das geht zwar eine Zeit lang gut, aber irgendwann stehen wir an einer Grenze: Da tut sich das Unheil vor uns auf, Leid und Sinnlosigkeit drohen uns zu verschlingen. Dann ist es gut, auf jemanden zu vertrauen, der größer ist als diese Welt, der uns mit Gott verbindet und uns bewahren und retten kann, auf Jesus Christus. Er stellt die lebendige Beziehung zu Gott wieder her. Durch ihn werden wir wieder zu Ebenbildern Gottes, haben Gott als Gegenüber, und unser Denken, Fühlen und Handeln werden von ihm erfüllt. Wir müssen Jesus dafür nur in unser Herz hineinlassen, auf ihn hören und mit ihm gehen.

Und das gelingt am besten, wenn wir immer wieder die Ruhe suchen, das Gebet und den Gottesdienst, und uns bewusst im Glauben üben. Wir werden dann selber ruhig, verändern uns und gehen ganz anders mit uns, mit unseren Mitmenschen, mit den anderen Lebewesen um. Es eröffnen sich neue Wege, auf denen wir die Schöpfung nicht mehr ausnutzen, uns nicht gegenseitig bekriegen, sondern das Leben bewahren und Liebe in die Welt bringen.

Die Bibel und auch der Schöpfungsbericht enthalten also viele Wahrheiten, die die Naturwissenschaft nicht kennt. Durch sie gewinnen wir zwar viele Einblicke in die biologischen, chemischen und physikalischen Zusammenhänge und Abläufe der Welt und des Lebens, aber wie wir als Menschen am besten leben sollen, kann sie uns nicht sagen. Wie wir Schuld, Leid und Tod überwinden, wohin wir uns mit unserer Sehnsucht nach Frieden und Liebe wenden sollen, und worin der verborgene Sinn des Lebens liegt, diese Fragen bleiben unbeantwortet. Der Schöpfungsbericht bezieht all das mit ein und will darauf antworten.

Deshalb ist er kein Widerspruch, sondern eine gute Ergänzung zu unseren Forschungsergebnissen, und gerade für uns moderne Menschen unverzichtbar. Denn nur wenn wir die Macht Gottes und unsre Ebenbildlichkeit mit ihm erkennen, verlieren wir die Angst vor dem Chaos, finden Vergebung und Geborgenheit und werden ruhig und froh. Das uralte Wissen über Gott und die Welt eröffnet Möglichkeiten, mit der Welt und uns selber heilend und befreiend umzugehen. Jesus Christus hat uns das gezeigt und geschenkt.

Lasst uns deshalb mit ihm gehen. Er kann uns innerlich neu erschaffen und uns zu Menschen machen, die friedlich und liebevoll auf dieser Welt und miteinander leben.

Amen.

„Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin!“

Predigt über Kolosser 2, 12- 15
1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 24.4.2022, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Kolosser 2, 12- 15: Christus hat den Schuldbrief getilgt

12 Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
13 Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.
14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Gemeinde.

Lügen haben gerade Hochkonjunktur. Die russische Führung macht es uns vor: Die Verbrechen, die sie begehen, werden einfach geleugnet. Die Wirklichkeit wird so dargestellt, wie es ihnen passt, es wird gelogen, was das Zeug hält. Denn natürlich können sie die Gräueltaten, die sie begehen, nicht zugeben. Dann wäre alles aus.

Das kennen wir auch aus dem persönlichen Leben: Wenn wir etwas falsch gemacht haben, versuchen wir erst einmal, es zu vertuschen. Das beginnt schon in der Kindheit. Ohne dass es uns jemand beibringt, wissen wir, wie man lügt: Schule schwänzen, bei der Klassenarbeit abschreiben, Geld aus dem Portemonnaie der Eltern entwenden – das alles wird zunächst einmal geleugnet. Später ist es vielleicht ein Ehebruch oder andere ungute Heimlichkeiten, die wir durch Lügen verbergen wollen. Wir denken, damit sind wir aus dem Schneider. Aber stimmt das?

Schon Aristoteles hat gesagt: „Einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen.“ Es wird nur schlimmer durch die Lüge. Martin Luther hat das so ausgedrückt: „Die Lüge ist wie ein Schneeball: Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er.“

Trotzdem tun wir es, denn eine Schuld zuzugeben, hat unangenehme Konsequenzen. Je größer sie ist, umso schwerer wiegen die Folgen. Im politischen oder gesellschaftlichen Wesen gibt es auf jeden Fall einen Richterspruch und eine Strafe, und das wird normalerweise auch protokolliert. Wie das Urteil ausfällt, wird schriftlich festgehalten.  

Seit Menschen Gedenken ist das so, auch schon in biblischen Zeiten. Paulus benutzt diesen Vorgang jedenfalls als ein Bild, um einen theologischen und geistlichen Zusammenhang deutlich zu machen. Wir haben das vorhin in der Epistellesung gehört, die heute unser Predigttext ist. Paulus sagt dort an einer Stelle: „Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war.“ Dabei denkt er an eine handgeschriebene Urkunde, auf der vermerkt ist, welche Schulden ein Mensch hat, d.h. was er noch alles bezahlen muss. Und er benutzt das hier als ein Bild für das Gesetz Gottes mit seinen Forderungen, die der Mensch zu erfüllen hat, um gerecht zu sein. Christus hat diesen Schuldbrief öffentlich zerrissen und für ungültig erklärt, und zwar durch seinen Tod am Kreuz. Wer daran glaubt, wird nicht mehr durch das Gesetz belastet, er ist frei.

Das ist hier die Botschaft, und die ist wunderbar. Sie verheißt einen Neuanfang, der nun allerdings nicht durch Bezahlung oder Bestrafung möglich wird, sondern durch eine Schuldentilgung. Gott verzichtet auf seine Forderungen. Und wie großartig das ist, können wir uns gut vorstellen, wenn wir es mit einem Freispruch vergleichen, mit Vergebung und Versöhnung. Das Leben ändert sich von Grund auf, es kann ganz neu und schön werden. Die Lügen und das Vertuschen hören auf.

Die anderen Bilder, die Paulus in unserem Textabschnitt dafür benutzt, beschreiben deshalb genau das: Er redet von einem „neuen Leben“, das die Christen führen. „Christus hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden“, sagt er und damit meint er ein Leben, das von der Auferstehung geprägt ist. Christus ist darin gegenwärtig mit seiner Kraft und seiner Liebe. Sein Geist durchdringt das Denken und Fühlen, er schenkt Freiheit und Frieden. Denn er nimmt die Glaubenden immer wieder mit auf seinem Weg durch den Tod und die Hölle ins Leben und in die Freude.

Und das alles beginnt mit der Taufe, bei der Gott an den Täuflingen handelt. Der Schöpfer hat sie bei der Taufe neu geschaffen. „Mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.“, so die Worte von Paulus

Mit dem Glauben an Jesus Christus und der Taufe geht also etwas Altes zu Ende und etwas Neues beginnt. Unser Leben mit all seinen Lasten und Schulden, mit seiner Gottesferne und seinen Verfehlungen wird beerdigt. Die Vergangenheit kann nicht mehr auferstehen, wir müssen die Fehler, die wir begangen haben, nicht mit uns herumschleppen oder verdecken. Sie müssen uns nicht ängstigen oder entmutigen, denn wir werden daraus befreit. Uns wird versprochen, dass Gott nichts von uns fordert, auch wenn wir tief in seiner Schuld stehen. Er verzichtet darauf und schenkt uns immer wieder einen Neuanfang.

Die Frage ist allerdings, warum er das Böse dann überhaupt erst zulässt? Wenn er es sowieso vergeben will, könnte er doch dafür sorgen, dass es gar nicht erst geschieht. Gerade jetzt, während des Krieges in der Ukraine, fragen wir uns das sicher manchmal: Warum hat er nicht alle Menschen gut gemacht, so dass niemand erst Böses tut? Es heißt doch in der Schöpfungsgeschichte: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ (1. Mose 1,27) Das könnte ja heißen, er schuf ihn gut und schön, ehrlich und liebevoll.

Aber so einfach ist es leider nicht. Denn in der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott steckt auch seine Fähigkeit zur freien Entscheidung. Als Gott den Menschen schuf, wollte er ein lebendiges Gegenüber, ein Wesen, das genauso selbständig und souverän denken und handeln kann wie er. Er befähigte den Menschen, Verantwortung zu übernehmen. Das wird an dem Auftrag deutlich, den er ihnen gab. Der lautet: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (1. Mose 1,28) Der Mensch steht also höher und ist mächtiger als ein Tier oder eine Pflanze. Er handelt nicht bloß nach seinem Instinkt, sondern er kann herrschen und lieben, hassen und begehren, genauso wie verzichten oder sich hingeben. Alles ist möglich, das Böse und das Gute.

Dabei möchte Gott natürlich, dass wir das Gute tun, und er hat auch nicht verheimlicht, worin es besteht. Wir kennen seinen Willen, er steht in der Bibel. Schon Noah hat ihn erfahren, aber später auch Abraham und vor allem Mose. Ihm hat er offenbart, wie er sich das Zusammenleben der Menschen vorstellt, indem er ihm die Zehn Gebote gab. Zusammengefasst lauten sie: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lukas 10,27) Seitdem wir das wissen, erwartet Gott, dass die Menschen sich daran halten.

Das Problem liegt also nicht bei ihm, sondern bei uns. Mit der Frage, warum Gott das Böse zulässt, drücken wir uns gerne vor dieser Wahrheit, denn sie ist unbequem. Die Aufforderung an Gott, sich doch bitte zu rechtfertigen, entspringt dem Wunsch, irgendjemandem die Schuld für alles Schreckliche zu geben. Wir sind wütend, und richten diese Wut gegen Gott. Dabei ist uns gar nicht so ganz klar, wen oder was wir uns dabei überhaupt vorstellen. Wir entwerfen einfach im Geist eine ominöse, unsichtbare Instanz, der wir alles in die Schuhe können, und damit sind wir selber dann fein raus.

Das können wir natürlich tun – auch das gehört zu unserer Freiheit – aber es bringt ganz und gar nichts. Unsere Wut wird höchstens größer, der Groll setzt sich fest, denn eine Antwort bekommen wir nicht, und eine Lösung finden wir auf diesem Weg schon gar nicht.

Wenn wir die suchen, müssen wir anders fragen. Und da hilft uns nun unser Predigttext. Denn er sagt uns: Gott hat sehr wohl etwas getan. Er schaut nicht einfach nur zu, wie wir uns gegenseitig vernichten, sondern er hat einen Ausweg geschaffen. Es ist der Tod Jesu am Kreuz, mit dem er unsere Schuldurkunde zerrissen hat. Das ist hier das Bild oder auch das Gleichnis. So müssen wir die Aussage verstehen. Es bedeutet nicht, dass Christus unsere weltliche Rechtsprechung außer Kraft setzt, sondern macht wie gesagt einen theologischen Zusammenhang und einen geistlichen Vorgang deutlich: Es geht es in erster Linie um unser Verhältnis zu Gott: Wir sind seine Kinder, befreite Menschen, ganz gleich, wie schuldig wir geworden sind, wir werden vor dem Untergang bewahrt.

Und das heißt – was die Frage nach dem Bösen betrifft – Gott stoppt es zwar nicht rigoros und von oben herab, aber er kann und will das Böse im Leben jedes und jeder Einzelnen beenden, wir müssen es nur wollen. Es gibt einen Sieg, in den wir hineingenommen werden können. Was uns belastet, ist nicht die letzte Wirklichkeit, denn die wurde von Christus durchbrochen und überwunden. Wir müssen das nur glauben und darauf vertrauen.

Und das ist ein ganz individueller, innerlicher Weg, der uns persönlich zum Guten führt. Wir sind alle eingeladen, ihn zu gehen, „aufzuwachen und unseren Geist und Sinn zu ermuntern“. So hat der pietistische Liederdichter Lorenz Lorenzen aus Husum es 1700 in einem Osterlied ausgedrückt. Es liegt an uns selber, ob wir aus „dem Grab der Sünden aufstehen und ein neues Leben suchen.“ Der Glaube ist wie ein „Lauf“, bei dem unser „Herz sich gen Himmel hebt, wo Jesus ist.“ Wir müssen nur „suchen, was droben“ ist und „geistlich auferstehen.“ Dazu gehört es, dass wir eine Schuld eingestehen, wenn wir sie auf uns geladen haben, dass wir ehrlich mit uns selber und gegenüber anderen sind, reumütig und bußfertig. Das ist nicht immer ganz einfach, denn natürlich sind wir in allen möglichen Verhaltensmustern gefangen. Es kann wie ein „Streit“ in unserer Seele sein. Aber es lohnt sich, den „anzufangen“. Denn „weil Jesus überwunden“ hat, wird er auch in unserem Herzen die „Feinde überwinden“. Wir können „in ein neues Leben gehen und Gott im Glauben dienen.“ (EG 114,1.2.7.9)

Und damit beginnt bereits ein Stück des Reiches Gottes auf dieser Welt. Die Wut, die wir eventuell haben, verraucht, Fragen werden überwunden, Geist und Seele beruhigen sich. Denn wir stellen uns nicht einfach nur eine irrationale Macht vor, die alles regeln soll, wir wenden uns vielmehr der Realität des Auferstandenen zu. Im Leben eines Gläubigen oder einer Christin ist er gegenwärtig, und damit auch im Leben der Gemeinde und der Kirche. Sie ist die Gemeinschaft der Glaubenden und damit ein Ort, an dem die Gewalt und Macht des Todes und der Hölle gebannt ist.

Bill Clinton hat einmal gesagt: „Wir sollten niemals aus den Augen verlieren, dass der Weg zur Tyrannei mit der Zerstörung der Wahrheit beginnt.“ Der Krieg und das Böse fangen nicht erst an, wenn Waffen eingesetzt werden, er beginnt bereits mit der Geisteshaltung. So hat auch Gandhi das gesehen. Von ihm stammt der Satz: „Gutes kann niemals aus Lüge und Gewalt entstehen.“ Es kommt nur dann, wenn wir das Gegenteil beherzigen: Die Wahrheit und Friedfertigkeit. Und gerade an Gandhi wird deutlich, was für Kräfte von diesen Tugenden ausgehen. Sie können das Leben heil machen, Familien zusammenführen und Gesellschaften verändern. Lasst uns deshalb an den Sieg Christi glauben, der uns aus der „Macht und List Satans und aus des Todes Banden“ befreit hat.

Amen.

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!

Predigt über Markus 16, 1- 8: Die Botschaft von Jesu Auferstehung
Ostersonntag, 17.4.2022, 9.30 und 11.00 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Markus 16, 1- 6
1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.
2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.
3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.
6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.
7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Liebe Gemeinde.

Mit dem Öffnen der Büchse der Pandora brach nach der griechischen Mythologie alles Schlechte über die Welt herein.
Diese Büchse war eine Beigabe Zeus’ an eine auf Weisung von ihm erschaffene Frau, die Pandora hieß. Er befahl ihr, die Büchse den Menschen zu schenken und ihnen mitzuteilen, dass sie sie unter keinen Umständen öffnen dürften. Doch die Neugier der Menschen war stärker als der Gehorsam, und sie machten die Büchse wider besseres Wissen auf. Daraufhin entwichen aus ihr alle Laster und Untugenden. Zuvor hatten die Menschen keine Übel, Mühen oder Krankheiten gekannt, außerdem waren sie – wie die Götter – unsterblich. Doch seit dem Zeitpunkt, an dem die „Büchse der Pandora“ offen stand, eroberte das Schlechte die Welt. Als einzig Positives enthielt sie auch die Hoffnung. Bevor diese jedoch entweichen konnte, wurde die Büchse wieder geschlossen. So wurde die Welt ein trostloser Ort, bis Pandora eines Tages die Büchse erneut öffnete und damit die Hoffnung in die Welt entließ.

Von dieser Sage kommt der Spruch: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Wir gebrauchen ihn, wenn alles ausweglos erscheint, und als einzig Positives nur noch die Hoffnung bleibt.

Bei den drei Frauen „Maria von Magdala und Maria, der Mutter des Jakobus und Salome“ war nach dem Tod Jesu möglicherweise auch die Hoffnung gestorben. Wir wissen es nicht. Es wird nur erzählt, dass sie am zweiten Tag nach seiner Kreuzigung, dem „ersten Tag der Woche“ zu seinem Grab gingen „sehr früh, als die Sonne aufging.“ Sie hatten „wohlriechende Öle“ gekauft, um Jesus damit zu salben. Das war zwar nicht üblich, aber sie wollten ihm noch einmal ihre Liebe zeigen. Unterwegs sprachen sie darüber, wie sie in das Grab gelangen könnten. Sie wussten es nicht, denn es lag ein großer Stein davor. Vielleicht dachten sie, dass sich schon jemand finden wird, der ihnen dabei hilft. War das vielleicht doch noch ein Fünkchen Hoffnung, der in ihnen glühte?

Wenn ja, wurden sie nicht enttäuscht. Denn als sie ankamen, gab es eine positive Überraschung: „Sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war“. Was hatte das zu bedeuten? Sie gingen in das Grab hinein, um es zu erforschen, doch nun wurde es noch erstaunlicher. Denn sie sahen nicht den Leichnam Jesu, sondern „einen Jüngling mit einem langen weißen Gewand.“ Das erschütterte sie, aber der junge Mann konnte sie beruhigen. Er sagte: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.“ Die war leer, Jesus war nicht mehr im Grab, und die Frauen sollten das weitersagen: „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen.“ Das war der Auftrag des Boten. Doch dazu waren die Frauen nicht in der Lage. Sie waren zu fassungslos, bekamen Angst, liefen davon „und sie sagten niemandem etwas“.

So steht es im Markusevangelium, und wenn man dieses Ende liest, dann fragt man sich: Wie ist es dann überhaupt zum Glauben an die Auferstehung Jesu Christi gekommen? Wodurch ist die Hoffnung entstanden, dass das Leben siegt? Wenn schon die ersten Frauen das nicht fassen konnten, wie hat die Botschaft dann andere Menschen erreicht und überzeugt?

Das fragen wir uns regelmäßig, denn natürlich geht es uns genauso wie den Frauen: Wir begreifen nicht, was geschehen ist.

Dabei ist es eine sehr schöne Botschaft, die wir heute hören, denn uns wird damit gesagt: Die Hoffnung stirbt niemals! Es gibt in dieser Welt des Bösen und der Schlechtigkeit, der Laster und Mühen, der Krankheiten und des Todes eine Aussicht, die auch über den Tod hinausweist. Wenn alles zu Ende ist, müssen wir nicht warten, bis auch das letzte kleine Fünkchen Hoffnung erloschen ist, wir können vielmehr auf das Evangelium hören und an die Botschaft von Ostern glauben.

So war es damals, denn nach dem ersten Schrecken haben nicht nur die Frauen, sondern etliche Menschen Jesus als den Lebendigen getroffen. Er selbst hat den Glauben an seine Auferstehung bewirkt, indem er in den Tagen nach Ostern vielen Personen erschienen ist. Zuerst hat Petrus ihn gesehen, dann Jakobus und die anderen Apostel.

Und das ist wichtig, denn genauso geschieht es auch heutzutage. Christus lebt und er will und kann sich immer noch offenbaren. Uns will er sich genauso zeigen, damit wir niemals unsere Hoffnung verlieren. Die Auferstehung ist also kein Gedanke und auch keine Idee, die wir mit unserem Verstand begreifen können, sondern ein lebendiges Geschehen, das sich immer noch ereignet.

Die üblichen Methoden, es zu verstehen, helfen uns auch nicht. Normalerweise denken wir nach und erforschen die Dinge, die uns unbekannt sind. Die Naturwissenschaften sind dabei ganz wichtig. Sie liefern uns sogar Beweise für Vorgänge, die noch im Dunkeln liegen. Doch die gibt es für die Auferstehung Christi nicht. Auch das leere Grab ist kein Beweis. Schon sehr früh kam der berechtigte Verdacht auf, dass die Jünger dahinter steckten. Sie hatten das Grab heimlich geöffnet und den Leichnam Jesus gestohlen. Das war der Vorwurf, der den Christen schon früh gemacht wurde. Und auch andere Erklärungsversuche, wie Ausgrabungen, Quellenforschung oder Meinungsumfragen helfen nicht weiter. Denn die Auferstehung ist ein Wunder und lässt sich deshalb wissenschaftlich nicht begreiflich machen.

Wir müssen uns vielmehr auf die Botschaft einlassen und uns ganz bewusst für die Hoffnung entscheiden. Zu Ostern wird uns verkündigt: Es gibt eine Wirklichkeit, die ist gut und lebendig, unvergänglich und ewig. Sie weist weit über alles Schreckliche hinaus, das uns in der Welt begegnet. Wir müssen uns nur in diese Wirklichkeit hineinstellen. Nicht nur wir haben zu Ostern unsere Fragen, Christus fragt uns auch etwas. Und seine Frage an uns lautet: Woran willst du dich festhalten? Was ist dein Ziel? Wie soll dein Leben verlaufen?

Gleichzeitig bietet er uns eine Antwort an, denn er weiß, dass wir irgendwann alle mit etwas Schwerem und Unbegreiflichem konfrontiert sind. Die Vergänglichkeit meldet sich, und damit auch das Leid. Wir erleben Verluste und Enttäuschungen, Krankheit und Misserfolg. Zurzeit ist es der schreckliche Krieg in der Ukraine, der uns Angst macht und uns zeigt, wie schlecht die Welt sein kann. Wird das Böse am Ende doch siegen? Das fragen wir uns in diesen Tagen manchmal.

Und darauf gibt Christus uns eine Antwort. Sie besteht nicht aus Worten oder einer Meinung, sondern er antwortet auf unsere Nöte und Sorgen mit dem Wunder seiner Gegenwart. Seine Auferstehung ist keine geschichtliche Angelegenheit, sie ist auch keine Erfindung und keine Legende, sondern sie ereignet sich immer wieder neu im Leben jedes und jeder Einzelnen. Wir müssen uns nur für Christus öffnen, „den Lebendigen suchen“ und uns „an ihn hängen“. Dann „nimmt er uns mit“ auf seinem Weg durch „den Tod, die Welt, die Sünde und die Hölle“. (EG 112,6) Wir begegnen ihm, spüren und erfahren, dass er wirklich lebt. Wir bekommen neue Kraft, können hoffen und getrost bleiben, auch wenn das Leben aussichtlos erscheint. Denn wir haben eine Grundlage, die sich durch nichts erschüttern lässt.

Und wenn das geschieht, sehen wir die Welt mit anderen Augen. Wir orientieren uns nicht nur an dem Furchtbaren und am Bösen, sondern unser Blick fällt auch auf das Gute, das in der Menschheitsgeschichte ja oft gesiegt hat.

Ein Beispiel dafür sind die Juden, die heutzutage gerne nach Berlin ziehen. „ ,Es bedeutet mir sehr viel, dass ich in Berlin groß geworden bin‘, sagt z.B. eine junge Jüdin, die derzeit eine Doktorarbeit an der Humboldt-Universität in Berlin schreibt. Seit gut 20 Jahren lebt sie in der Metropole und sie sagt: ,Die Stadt hat, was das Judentum angeht, in Deutschland am meisten zu bieten.‘ Mit ihren Eltern kam sie damals aus dem ukrainischen Odessa in jene Stadt, in der einst ihre Urgroßmutter lebte, und in der Nazi-Deutschland die Vernichtung des europäischen Judentums plante! Vor 80 Jahren brannten in Deutschland Synagogen, auch in Berlin. Und nicht viel später begann der Massenmord an den Juden. Nun werden in Berlin wieder Rabbinerinnen und Rabbiner ausgebildet – liberale, konservative, orthodoxe. In der Stadt leben so viele Juden wie nie zuvor nach der Shoa. (https://www.dw.com/de/berlin-die-stadt-in-der-juden-leben-wollen/a-46179033)

Wer hätte das nach dem Ende des zweiten Weltkrieges jemals gedacht? Nach zwei Generationen scheint sich hier wirklich etwas verändert zu haben. Auch Nichtchristen können uns also zeigen, dass es sich lohnt, die Hoffnung niemals aufzugeben. Es gibt dafür noch viele weitere Beispiele in der Geschichte: Menschen können nicht nur Böses tun, sie sind auch zum Guten fähig, zum Frieden und zur Gerechtigkeit.

Es gibt dazu ein schönes Gedicht von Bertolt Brecht. Es lautet:  

„Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen: niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? An uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebet sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen.
Und aus Niemals wird: Heute noch!“

Das sind Worte eines politischen Kämpfers und Gesellschaftskritikers. Brecht war erklärter Kommunist, d.h., er glaubte daran, dass die Menschen sich selber helfen können. Als Christen sehen wir das nicht ganz so, wir erkennen die Grenzen des Machbaren und respektieren sie. Aber trotzdem können wir uns von solchen Worten inspirieren und uns zurufen lassen: „Wer noch lebt, sage nicht: niemals! Das Sichere ist nicht sicher. So, wie es ist, bleibt es nicht.“

Dafür ist die Botschaft von der Auferstehung Jesu ein lautes Signal und ein sichtbares Zeichen. Sie ist wie ein Alarm, der eine Hoffnung wecken will, die niemals stirbt. Lasst uns diese Hoffnung deshalb zum Hauptmerkmal unseres christlichen Lebens machen.

Amen.

Leidensfähig werden

Predigt über Johannes 17, 1- 8: Das Hohepriesterliche Gebet
6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 10.4.2022, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Für die Suche nach dem Glück gibt es kein Rezept, weil die Wege zu einem erfüllten Leben ganz vielfältig sind. Und doch: Wie individuell das Vorgehen auch immer sein mag, es gibt ein gemeinsames Merkmal. Denn bei unserer Suche werden wir von drei Fragen geleitet: „Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?“

Sie werden in diversen Büchern behandelt, und eins davon trägt genau diesen Titel. Der argentinische Autor, Psycho- und Gestalttherapeut Jorge Bucay hat es 2013 geschrieben. Angeregt durch Ideen aus Psychologie, Pädagogik und Philosophie erläutert er darin den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Für ihn sind die drei Fragen drei Aufgaben: „Die Antwort auf die erste Frage liegt in der aufrichtigen Begegnung mit mir selbst. Die auf die zweite darin, zu entscheiden, welchen Sinn und welche Erfüllung ich in meinem Leben finde. Und die dritte besteht darin, auszuwählen, was mir entspricht, sich dem Prozess der Liebe zu öffnen und meinen Wegbegleiter oder meine Wegbegleiterin zu finden.“ So wird das Buch beschrieben und der Inhalt zusammengefasst.

Einer, der diese drei Fragen mit Sicherheit für sich beantwortet und die Aufgaben erfüllt hat, die damit zusammenhängen, ist Jesus. Das können wir aus vielen seiner Reden und Worte schließen. Im Johannesevangelium wird das besonders deutlich. Ein wunderbares Beispiel ist das sogenannte Hohepriesterliche Gebet, das er – laut Johannes – nach den Abschiedsreden und vor seiner Gefangennahme gesprochen hat. Es steht im 17. Kapitel, und der Anfang daraus ist heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

Johannes 17, 1- 8:

1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;
2 denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.
3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.
5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.
7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.
8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

Dieses Gebet ist im Johannesevangelium wie gesagt das letzte, das Jesus vor seiner Passion gesprochen hat. Es ist die Parallele zu dem Gebet im Garten Gethsemane, von dem in den anderen Evangelien erzählt wird. Jesus thematisiert darin seinen Weggang, der unmittelbar bevorstand.

Er wendet sich als der zurückkehrende Sohn nach oben, zum Vater und verlässt im Geist bereits das irdische Zusammensein mit seinen Jüngern. Das Gebet markiert den himmlischen Anfang des Weges Jesu. Und er sagt darin, dass er zu Gott geht, um das ewige Heil der Seinen zu bewirken.

Am Anfang – den ich vorgelesen habe – betet er für sich selbst, später für die Jünger. Was ihn betrifft, so bittet er um „Verherrlichung“, also darum, dass er wieder in den Himmel kommt. Er wurde gesandt mit dem Auftrag, Gott bekannt zu machen und ewiges Leben zu schenken. Dieses Werk ist nun erfolgreich „vollbracht“. Er hat den Willen Gottes erfüllt und den Menschen das Heil gegeben. Sie empfangen es, wenn sie im Glauben erkennen, dass er der Sohn Gottes ist. Er und der Vater sind eins, und in diese Einheit werden die Glaubenden einbezogen. Damit werden sie aus der Welt gerettet und gehen in das Reich Gottes ein.

Jesus weiß also, „wer er ist, wohin er geht und mit wem“. Das ist das Geheimnis seiner Kraft. Deshalb kann er auch so überlegen das Leiden ertragen. Besonders im Johannesevangelium ist er am Kreuz bereits der Erhöhte, der gelassen und ruhig den Tod auf sich nimmt und damit „verherrlicht“ wird.

Doch was bedeutet das nun für uns? Können wir ihm hierin nachfolgen, ihn zum Vorbild nehmen? Wir beantworten die drei Fragen normalerweise anders. „Wer ich bin“, ergibt sich für uns aus unserer Herkunft: Unsere Eltern und Vorfahren spielen eine Rolle, wie wir erzogen werden, in welchem Land und in welcher Kultur wir aufwachsen usw. „Wohin wir gehen“, wissen wir zwar oft nicht genau, wir setzen uns aber Ziele. Und die sind meistens innerweltlich: Wir wollen Wohlstand und Erfolg, Frieden und Gesundheit. Und dabei soll uns ein Partner oder eine Partnerin begleiten, Freunde und Freundinnen, Menschen, die uns lieben und unterstützen.

Das sind unsere Antworten auf die drei Fragen, und es ist auch wichtig, dass wir sie finden. Dann entwickelt sich unsere Persönlichkeit gut und das Leben kann tatsächlich gelingen.

Doch ganz so einfach ist es leider nicht, denn auch wenn wir das geklärt haben, kann viel dazwischen kommen. Krieg, Krankheit, Katastrophen verursachen Leid und Not. Das sehen wir gerade in der Ukraine, aber es geschieht auch andernorts: Der Tod raubt uns unsre Liebsten, wir erreichen unsre Ziele nicht, wir verlieren unseren Besitz. Und all das löst viel „Schmerz und Gram“ aus, „Betrübnis, Verzagtheit“ (EG 11,6) und Verzweiflung.

Es wäre deshalb gut, wenn wir uns wie Jesus noch tiefer verankern und unseren Ursprung, unsre Ziele und unsere Hilfe nicht nur in der Welt suchen. Viele Menschen haben das getan und sind durch ihren Glauben berühmt geworden. Sie wussten um ihre ewige Herkunft und waren auf den Himmel ausgerichtet. Martin Luther gehört dazu. Er war ein starker Kämpfer, hat vieles auf sich genommen und blieb dabei zuversichtlich. Und das hatte etwas damit zu tun, dass er sich nicht als ein Produkt des Zufalls verstand und nur deshalb lebte, weil seine Eltern ein Kind haben wollten. In seiner Erklärung zum ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses formuliert er vielmehr:  

„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit aller Notdurft und Nahrung des Leibes und Lebens mich reichlich und täglich versorget, wider alle Fährlichkeit beschirmet und vor allem Übel behütet und bewahret; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: des alles ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“

Luther hat fest darauf vertraut, dass er von Gott herkam und in dessen Wollen seinen Anfang hatte. Gott war bei ihm, er hat ihn erhalten und begleitet, und dadurch fühlte Luther sich sicher und geborgen. Auch von anderen Christen und Christinnen, die Schweres erlitten haben, wissen wir das. So z.B. von dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer oder der katholischen Nonne und Philosophin Edith Stein. Beide wurden von den Nazis verfolgt und hingerichtet. Der eine, weil er im Widerstand aktiv gewesen war, die andere, weil sie jüdische Wurzeln hatte. Von beiden wird erzählt, dass sie – als sie bereits gefangen waren, und ihr Schicksal feststand – eine große Ruhe ausgestrahlt haben, mit der sie andere trösten konnten. Sie haben ihr Leid souverän ertragen, weil sie wussten, woher sie kamen, wohin sie gingen und wer bei ihnen war: Es war die Nähe Jesu und die Gegenwart Gottes, durch die sie ihren Weg gehen konnten. Es ist nicht nur eine Redewendung, wenn wir vom „Heimgehen zum Vater“ sprechen. Wir dürfen wie viele andere vor uns und mit uns glauben, dass wir nach dem Tod in Ewigkeit bei Gott sein werden.

Und das hat eine große Bedeutung für unser gegenwärtiges Leiden, weil angesichts der Ewigkeit alles, was wir erdulden müssen, weniger schwer wiegt. Zu dieser Erfahrung können wir kommen. Durch die Freude über die kommende Verherrlichung können wir zu unserer gegenwärtigen Not Distanz gewinnen. Unsere Leidensbereitschaft wächst. Wir erwerben die Fähigkeit, uns mit Christus erniedrigen zu lassen. Krankheit, Scheitern, Einsamkeit – die vielen „Plagen und Lasten“ (EG 11,5) – sind kein Lebensverlust. Wir können vielmehr im Kreuz schon die Erhöhung sehen, Leben auch im Leiden. Denn Christus ist nicht nur unser Vorbild, er geht auch mit uns. Wir müssen nur eine Lebensgemeinschaft mit ihm eingehen, ein liebevolles intensives Zusammensein.

Von den vielen Zielen, die wir uns setzen können, sollte das an erster Stelle stehen. Unser Glück hängt nicht davon ab, ob wir eine gute Herkunft haben, gebildet, erfolgreich und beliebt sind, sondern dass wir Gott in Jesus Christus „erkennen“. Erst wenn wir in die „Einheit des Sohnes mit dem Vater“ aufgenommen werden, gewinnen wir das Heil, nach dem wir uns sehnen, Glück und Erfüllung. Das ist die Botschaft des Evangeliums: Das Werk Christi, seine Erlösungstat und seine Liebe machen uns froh und frei. Und das ist wunderbar!

Doch möglicherweise stellen wir uns die Frage, ob das ausreicht. Steckt darin nicht eine gewisse Leidensideologie? Ergeben wir uns einfach nur unsrem Schicksal, und alles bleibt, wie es ist? Müssen wir als Christen nicht auch gegen das Böse angehen, Ungerechtigkeit bekämpfen, dem Krieg wehren, Krankheiten heilen, Angst mildern usw? Natürlich gehört auch das zu unsrem Auftrag. Wir müssen all das Schlimme in der Welt durchaus benennen und so gut es geht, etwas dagegen tun. Aber zugleich gilt es zu erkennen, dass Glück und Heil nicht festzumachen sind an Frieden, Wohlstand und Gesundheit. Nur wer bei Gott ist im Leben und im Sterben, hat das Leben in seiner ganzen Fülle. Nur wenn wir gewiss sind, dass wir von Gott kommen, das ewige Leben empfangen und von Jesus Christus begleitet werden, finden wir, was wir zutiefst suchen. Dann atmet unser Leben etwas von der Gewissheit, mit der auch Jesus und die vielen anderen ausgerüstet waren, die glaubten, dass sie Gottes Eigentum und für seine Herrlichkeit bestimmt waren.

Lasst uns die Lebensgemeinschaft mit Jesus erneuern. Die Menschen, die ihn empfingen, als er in Jerusalem einzog, taten das mit Palmenzweigen. Wir können ihm unser Herz schenken, damit es „grünt in stetem Lob und Preis.“ So hat Paul Gerhard es in dem Lied formuliert „Wie soll ich dich empfangen.“ (EG 11,1.2) Er bekennt darin, dass Jesus nichts „unterlassen hat zu seinem Trost und Freud“ (EG 11,3) . Auch Paul Gerhard hat großes Leid erlebt, „das Reich war ihm genommen, da Fried und Freude lacht“, aber da ist „sein Heil gekommen und hat ihn froh gemacht.“ (EG 11,4)

Amen.

Der Predigt liegt eine Meditation von Wolfgang Günther zu Grunde, in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigtreihe V,1, Advent bis Kantate, Göttingen 1994, S.120ff

Wachet und Betet!

Predigt über Matthäus 26, 36- 46: Jesus in Gethsemane
2. Sonntag der Passionszeit, Reminiszere, 13.3.2022, Luther- und Jakobikirche Kiel

Matthäus 26, 36- 46

36 Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete.
37 Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen.
38 Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!
39 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!
40 Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
41 Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
42 Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!
43 Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf.
44 Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum dritten Mal und redete dieselben Worte.
45 Dann kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird.
46 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

Liebe Gemeinde.

Habt ihr gut geschlafen? Das wünsche ich euch. Schlecht zu schlafen ist ja leider ein weit verbreitetes Problem. Nicht jeder, der abends müde in sein Kissen fällt, wacht morgens erholt wieder auf. Etwa 20- 25% der Deutschen leiden unter Schlafstörungen. Dafür gibt es ganz unterschiedliche Ursachen: Ein häufiger Grund sind Stress im Beruf oder im Privatleben, Angst und Sorgen. Aber auch Lärm, schlechte Lebensgewohnheiten, Bewegungsmangel oder Schichtarbeit können dazu führen. Dem Körper gelingt es dann nicht mehr, sich ausreichend in einen Erholungszustand zu versetzen.

Es gibt dagegen viele Mittel zum Einnehmen. Man kann sich auch beraten lassen und ein Schlaftraining absolvieren. Wenn es ein dauerndes Problem ist, sollte man das vielleicht in Erwägung ziehen.

Doch was können wir tun, wenn es nur gelegentlich vorkommt und ein akuter Grund vorliegt? Das ist möglicherweise in diesen Tagen der Fall, in denen die Nachrichten über den Krieg in der Ukraine uns beunruhigen. Sie können uns durchaus den Schlaf rauben. Und dagegen brauchen wir etwas anderes als Tabletten oder eine Therapie: Jesus zeigt uns, was jetzt sinnvoll ist und uns helfen kann.

Wir wissen von ihm, dass er ebenfalls einmal eine schlaflose Nacht verbracht hat, und zwar im Garten Gethsemane. Die Erzählung darüber ist ein Teil der Passionsgeschichte: Nach dem letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gehalten hat, geht er in diesen Garten. Das war wohl ein Landstück oder Landgut auf dem Ölberg vor den Toren Jerusalems, an der östlichen Mauer. Dort wurde er nach seinem Gebetskampf dann auch festgenommen. Diese Szene hier ist also ein Zwischenstück, wo Jesus noch einmal allein ist und sich auf das, was kommt, innerlich vorbereitet.

Er nimmt zwar drei von seinen Jüngern mit, aber die sind ihm keine Hilfe, sie schlafen ein. Die Geschichte handelt also hauptsächlich von ihm. Dreimal wiederholt sich mehr oder weniger dasselbe, es wird bloß jedes Mal mit sparsameren Worten beschrieben: Dreimal betet Jesus und dreimal spricht er mit den Jüngern. Er hat Angst und ist traurig, weil er weiß, was auf ihn zukommt. Er ist also kein Held, sondern zeigt hier ganz menschliche Regungen. So würde es uns auch gehen, wenn wir erfahren, dass wir hingerichtet werden. Aber ein Entkommen gibt es hier für Jesus nicht mehr, das weiß er, er muss sich letzten Endes fügen, und darum geht es in dieser Episode.

Er wirft sich nieder und betet zu Gott. Er spricht ihn mit „Vater“ an, wie er es immer getan hat, und bittet ihn zunächst, „den Kelch vorübergehen zu lassen“. Dahinter steht die alttestamentliche Vorstellung vom Zornesbecher Gottes, den der Einzelne trinken muss, wenn er gesündigt hat. Er bringt Unheil, Unglück und göttliches Gericht. Jesus nimmt ihn hier zur Sühne für alle, das kommt mit dem Bild zum Ausdruck. Aber er tut es schweren Herzens, nur weil Gott es will. Er würde lieber davor verschont bleiben. Davon handelt der erste Gebetsgang.

Seine Jünger sollten eigentlich mit ihm wachen, aber sie sind eingeschlafen. Es war ja auch Nacht, die natürliche Müdigkeit hat sie also übermannt, und Jesus tadelt sie deshalb: Er ist enttäuscht über ihre Bereitschaftslosigkeit, denn sie gefährdet den Glauben. Sie sollten auch wachen und beten, dazu hatte er sie schon des Öfteren ermahnt, aber es gelingt ihnen nicht. Deshalb betet er ein zweites Mal allein, und in seinem zweiten Gebet ist ein Fortschritt zu erkennen: er hat sein Schicksal angenommen und stößt jetzt zu einem „Ja“ durch. Er nimmt den Becher und unterwirft sich ganz dem Willen des Vaters. Die Augen der Jünger waren indessen weiter voller Schlaf.

Das dritte Gebet wird wörtlich nicht mehr ausgeführt, es wiederholt sich, was vorher schon geschehen ist. Der Dreischritt ist eine volkstümliche Erzählweise, die hier die Intensität des Betens Jesu deutlich machen soll. Es hinterlässt dann auch eine Wirkung. Jesus geht anders aus dieser Nacht hervor, als er hineingegangen ist: Sein Gebet führt ihn zu einer völligen Gefasstheit. Er sieht den kommenden Ereignissen jetzt ruhig entgegen. „Die Stunde ist da“, sagt er zu seinen Jüngern, und damit meint er die nun einsetzende Passion.

Jesus hat hier also im Wachen und Beten Klarheit über seinen weiteren Weg gefunden und stimmt im Gehorsam zu. Er hat sich in den Willen Gottes hineingebetet, und deshalb wusste er sich von dieser Stunde an darin geborgen. Und das hat eine ganz wichtige Bedeutung: Jesus hat hier in Gethsemane den Kampf für sich entschieden. Wenn man das Evangelium als Ganzes betrachtet, dann ist das hier bereits der Wendepunkt und damit auch der Höhepunkt, denn im Geist nimmt Jesus in Gethsemane sein Sterben und Auferstehen vorweg. Durch seine Hingabe, sein Wachen und Beten hat sich etwas verändert: Er ist nicht nur seine Angst losgeworden, er war danach auch ruhig und klar. Er hat das Dunkel überwunden, denn der Wille Gottes, seine Kraft und seine Liebe haben gesiegt.

Und damit hat Jesus einen Weg gebahnt, den auch wir gehen können. Er wird ein Vorbild für uns. Wir sollen ihm nach Gethsemane folgen. Der Weg des Glaubens führt uns praktisch dorthin, denn nur dann kann sich das, was er für uns bewirkt hat, auch in unserem Leben ereignen. Die Mahnung zur Wachsamkeit gilt bereits der späteren Gemeinde. Sie ist nicht nur an die Jünger gerichtet, sondern an alle Gläubigen, die das Evangelium lesen. Wir sollten diese Aufforderung zum Wachen und Beten, zum Sieg über das Fleisch, deshalb ernst nehmen. Denn die natürlichen Bedürfnisse des Leibes und der Seele können uns von Gott und vom Glauben abhalten. Das ist hier die Botschaft.

Leider klingt die nun allerdings reichlich unbequem. Überhaupt ist die Gethsemanegeschichte eine eher ungemütliche Angelegenheit. Sie ist von Angst und Verzicht geprägt, und das wirkt dunkel und anstrengend. Aber wir sollten uns ihr trotzdem stellen. Furcht und Gehorsam ist ja nicht das Einzige, was hier vorkommt. Jesus hat sich vielmehr aus der leidvollen Situation hinauskatapultiert, weil er sich in einer anderen Wirklichkeit verwurzelt hat, in der Wirklichkeit des Willens Gottes, der ihn dann zum Sieg verholfen hat.

Und das ist etwas, was auch wir tun können. Wir sind in einer Situation, in der uns der innere Kampf nicht erspart bleibt, denn das Kriegsgeschehen in der Ukraine macht uns Angst. Wir können uns nicht gut davon ablenken. Es löst Wut und Entsetzen aus, Empörung und Schrecken. Es kann sein, dass es uns den Schlaf raubt. Wir haben Mitleid mit den Menschen, die jetzt betroffen sind. Und dass so etwas in in Europa stattfindet, haben die meisten von uns noch nicht erlebt. Nur die, die über achtzig sind, kennen es noch aus dem zweiten Weltkrieg.

Was uns dabei am meisten zu schaffen macht, ist die Hilflosigkeit, die wir verspüren. Wir würden gerne etwas tun, aber was ist jetzt das Sinnvollste? Was kann den Krieg stoppen? Antworten darauf werden zwar händeringend gesucht und es wird alles getan, was nicht zu einem noch größeren Blutvergießen führt, aber es scheint wenig zu nützen. Deshalb beschleicht uns ebenfalls eine gewisse Hoffnungslosigkeit: Kann das Gute wirklich über das Böse siegen, das Heil über die Zerstörung, der Frieden über den Krieg?

Das sind unsere Fragen, und auf die will uns die Gethsemanegeschichte eine Antwort geben. Sie ermahnt uns ja zu einem bestimmten Verhalten, das hauptsächlich darin besteht, wach und nüchtern zu bleiben. Wir sollen uns an Gott halten und die Hoffnung nicht aufgeben. Es geht darum, die vielen negativen und beunruhigenden Gedanken abzulegen und stattdessen mit Jesus zu beten. Nur dann gewinnen wir echte und haltbare Freiheit, das Gebet führt uns zur Überwindung, denn wir öffnen uns damit für eine andere Wirklichkeit.

Und das ist immer gut, wenn wir in einer Situation sind, die uns zu schaffen macht und die wir nicht ändern können. Dann sollten wir wie Jesus die beiden Sätze sprechen: „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Es ist das Gebet der Hingabe und des Loslassens, und das kann uns weiterführen.

Vielleicht klingt das jetzt so ein bisschen nach Schicksalsergebenheit, Feigheit und Passivität. Aber das ist damit überhaupt nicht gemeint. Im Gegenteil, es geht um eine geistige Anstrengung: Wir liefern uns nicht der Hilflosigkeit aus, lassen unsere Angst und Wut los, pflegen keine Gedanken der Rache und des Zorns. Wir verscheuchen sie und ersetzen sie durch Gebet. All das steckt in dem ersten Satz Jesu: „Nicht wie ich will“. Und dann folgt der zweite Satz: „sondern wie du willst.“ Es ist ein Gebet, das Geduld bewirkt. Wir gewinnen Kraft, die uns hoffnungsvoll und zuversichtlich macht. Wir lassen die Liebe Gottes zu, die auch uns zur Liebe und Hilfsbereitschaft führt.

Eine bewährte Praxis ist es, die Worte Jesu mit jedem Atemzug zu wiederholen: Beim Ausatmen beten wir „Mein Vater, nicht wie ich will“ und beim Einatmen „sondern wie du willst“. Auch mit anderen kurzen Gebetssätzen können wir uns in dieser Weise an Gott wenden, wie z.B. den Bitten „Herr, erbarme dich“, „O Herr, hilf“, „Stärke uns den Glauben“ oder „Dein Reich komme“.

Und im Unterschied zu den Jüngern sprechen wir solche Gebete mit Jesus, in dem Glauben an seine Auferstehung. Es hat auch nur dann Sinn, wenn wir davon ausgehen, dass er für uns den Sieg errungen hat. Daran können wir Anteil haben und neues Leben gewinnen. Das ist die Verheißung, die hinter der Ermahnung zum Wachen steht.

Schlaflose Nächte müssen also nicht nur ein Problem sein. Wir können sie dafür nutzen, dasselbe zu tun wie Jesus in Gethsemane, zu beten und zu vertrauen, Gott anzurufen und an seine Gegenwart zu glauben. Das hat auch der christliche Mystiker, Dichter, Seelsorger und Prediger Gerhard Tersteegen einmal empfohlen. Er lebte im 18. Jahrhundert in Mühlheim an der Ruhr, und viele Lieder von ihm stehen in unserem Gesangbuch. In einem Abendlied (EG 480) – oder besser gesagt, einem Nachtlied – thematisiert er die Stunden in der Nacht, in denen wir nicht schlafen können. Er schlägt vor, dass wir sie zur Anbetung Gottes nutzen. Wenn wir sowieso wach sind, können wir uns auch ihm zuwenden und „für ihn wachen“, uns ihm hingeben und ihn „machen lassen“. Dann werden wir ruhig und gelassen. Der Friede, nach dem wir uns sehnen, wird lebendig. Er ist wie ein Kraftfeld, das uns umgibt und stärker ist, als die Mächte der Finsternis.

Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass dieser „Friede, der höher ist als alle Vernunft“, immer wieder siegt und unsere „Herzen und Sinne bewahrt“.

Amen.

  1. Nun schläfet man;
    und wer nicht schlafen kann,
    der bete mit mir an
    den großen Namen,
    dem Tag und Nacht
    wird von der Himmelswacht
    Preis, Lob und Ehr gebracht:
    O Jesu, Amen.
  2. Weg, Phantasie!
    Mein Herr und Gott ist hie;
    du schläfst, mein Wächter, nie,
    dir will ich wachen.
    Ich liebe dich,
    ich geb zum Opfer mich
    und lasse ewiglich
    dich mit mir machen.
  3. Es leuchte dir
    der Himmelslichter Zier;
    ich sei dein Sternlein, hier
    und dort zu funkeln.
    Nun kehr ich ein,
    Herr, rede du allein
    beim tiefsten Stillesein
    zu mir im Dunkeln.

Der Kampf des Christen mit sich selbst

Predigt über 1. Korinther 9, 24- 27: Das Beispiel des Apostels

3. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae, 13.2.2022 11 Uhr Jakobikirche Kiel

1. Korinther 9, 24- 27

24 Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.
25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.
26 Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt,
27 sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Liebe Gemeinde.

In China kämpfen die Wintersportler und -sportlerinnen gerade um Medaillen. Sie nehmen viel auf sich, um zu gewinnen, denn Leistungssport bedeutet immer Enthaltsamkeit, Disziplin, Ausdauer und Anstrengung.

Dazu kommen dieses Mal noch die Corona-Regeln, die einen zusätzlichen Verzicht mit sich führen, denn es wurde eine sogenannte „Olympia-Blase“ eingerichtet. Wer nach China eingereist ist, ist darin eingeschlossen. Er oder sie darf diese Blase bis zur Abreise nicht verlassen. Die Athleten und Athletinnen bewegen sich also lediglich zwischen dem Hotel, dem Olympischen Dorf, den Trainings- und Wettkampfstätten. Diese erreichen sie in gesonderten Bussen oder Zügen. Dazu kommen tägliche PCR-Testungen. Jemand, der positiv getestet ist, muss umgehend in ein Quarantäne-Hotel, bzw. in ein Krankenhaus. Die Sorge, dass einen das treffen kann, schwingt also immer mit und führt sicher zu noch mehr Druck. Gemütlich ist das Ganze nicht. Aber die Sportler und Sportlerinnen nehmen es auf sich, denn der Wettkampf ist ihnen sehr wichtig.

Das gab es ja bereits in der Antike. Die älteste Sportart, die bereits für das Jahr 776 v.Chr. dokumentiert ist, ist der Stadionlauf, das waren damals ca. 200 m. Etwa 100 Jahre später kamen auch Kampfdisziplinen zu den sportlichen Wettbewerben dazu, die erste war der Faustkampf. Der Sieg wurde bei allen Sportarten als eine Gunst empfunden, die Zeus einem Menschen zu teil werden ließ.

Paulus kannte offensichtlich solche Turniere und ihre Rituale, denn er benutzt sie in seinen Briefen gern als Bild für das, was im Glaubensleben wichtig ist. So auch in unserer Epistel von heute.

Paulus will mit diesem Bild beschreiben, dass auch der Glaube wie ein Wettkampf ist, bei dem es um einen Sieg geht. Dabei ist der Vergleichspunkt hauptsächlich die Entsagung, die dafür nötig ist: Ohne Verzicht erreichen die Christen nicht das himmlische Ziel, das ihnen verheißen wird. Doch es unterscheidet sich natürlich von dem Ziel des heidnischen Sportlers: Sein Siegespreis ist vergänglich, der der Christen ist dagegen ewig. Und Paulus deutet an, dass der Christ bei diesem Kampf auf jeden Fall gewinnen wird.

Das Thema ist hier also die Enthaltsamkeit, die im Glauben wichtig ist. Paulus hat sie auch selber geübt. Er lebte ohne Luxus und war leidensfähig. Er verzichtete auf Bequemlichkeiten , denn er wusste, dass seine Verkündigung nur dann überzeugend ist, wenn er sich auch selber an seine Ermahnungen hielt. Er wollte nicht nur reden und Briefe schreiben, sondern auch ein Vorbild sein. Dann konnte er guten Gewissens sagen: Verhaltet euch so, wie ihr es an mir seht. 

Und diese Aufforderung gilt immer noch allen Christen und Christinnen: Wer es mit dem Glauben ernst meint, soll zum Kämpfen und zur Geduld bereit sein, zur Ausdauer und zur Entschlossenheit, Verzicht und Enthaltsamkeit.

Doch wie sollen wir das nun verstehen? Und wollen wir das überhaupt? Eine ganze Reihe von Fragen tut sich auf, wenn wir das hier hören.

Der erste spontane Gedanke ist sicher: Wie ungemütlich und anstrengend ist das denn!?

Zweitens fragen wir uns, ob die Erfahrung der Gegenwart Gottes denn im Widerspruch zu unseren menschlichen, irdischen Freuden steht, sodass wir alle lustvollen Gefühle verdrängen sollen, alles Schöne aus dem Leben verbannen müssen, um Gott zu gewinnen?

Und als drittes wundern wir uns darüber, dass in diesem Entwurf irgendwie die Gnade fehlt. Müssen wir uns das Heil plötzlich doch selber erkämpfen, es sozusagen verdienen?

Lasst uns diese Fragen einmal durchgehen und uns als erstes damit beschäftigen, dass es ja sehr unbequem ist, enthaltsam zu sein. Da regt sich erst mal Widerstand in uns, wenn wir das hören. Doch so ungewöhnlich ist es gar nicht, eine gewisse Anstrengung auf sich zu nehmen. Das tun die meisten Menschen aus ganz verschiedenen Gründen auch sonst im Leben. In vielen Berufen ist es nötig, besonders z.B. im Pflegebereich. Wer nicht bereit ist, einen großen Teil seiner Zeit und Kraft für andere zu opfern, sollte nicht Ärztin oder Krankenpfleger werden. Wochenenddienste, Rufbereitschaft, Überstunden, lange Arbeitstage – all das gehört dazu. Auch Eltern sind oft sehr gefordert, besonders, wenn die Kinder noch klein sind. Ihr Leben ist dann geprägt von schlaflosen Nächten, wenig Freizeitvergnügen, kein Ausgehen mehr, keine Partys usw. Genauso gibt es viele Hobbys, die Enthaltsamkeit fordern, wie das Bergsteigen, ein Musikinstrument oder eine Sprache lernen, Schach spielen usw. Aber all diese Menschen nehmen das gern auf sich, denn sie erreichen etwas, das ihnen wichtig ist. Anstrengung ist nicht von vorne herein körperfeindlich oder lebensverneinend. Im Gegenteil, Askese und Disziplin führen oft zu einem höheren Lebensgewinn. Denn wer auf etwas verzichtet, das ihn daran hindert, sein Ziel zu erreichen, kommt auf jeden Fall weiter. Wir lösen Probleme, machen neue Erfahrungen, sind fit und gesund, erweitern unser Wissen usw.

Das wird auch deutlich, wenn wir uns das Gegenteil einmal ausmalen, einen Menschen, der nur nach dem Lustprinzip lebt und am liebsten jede Anstrengung vermeidet. So attraktiv ist eine Lebensweise ohne Herausforderungen gar nicht. Im Gegenteil, das ist ohne Sinn, kraft- und hoffnungslos. Weder der Seele noch dem Körper tut das gut. Es ist inzwischen allgemein bekannt, wie wichtig Bewegung und eine ausgewogene Ernährung für die Gesundheit sind. Wer sie vermeidet und ignoriert, wird krank und ist nicht vorbereitet, wenn das Alter kommt.

Es ist also gar nicht so schlecht, sich anzustrengen, enthaltsam zu sein, Herausforderungen anzunehmen und sich im Lebenskampf zu trainieren. Dafür müssen wir nicht erst die Bibel lesen. Menschen haben das seit jeher erkannt und umgesetzt. Wahrscheinlich wählt Paulus deshalb auch das Bild vom Sportler: Es ist sehr ansprechend. Jeder versteht, warum ein Sportler oder eine Sportlerin sich in Enthaltsamkeit übt. Und es ist geschickt, dieses Bild für das Glaubensleben anzuwenden, denn der Verzicht aus Glaubensgründen ist ebenfalls sinnvoll. Lasst uns also fragen, worin die Entsagung besteht, die Paulus meint, und was wir dabei gewinnen.

Damit sind wir bei der zweiten Frage: Es gibt durchaus einen göttlichen und einen menschlichen Bereich. Die Wirklichkeit ist nicht nur irdisch, sondern der Himmel und die Gegenwart Gottes gehören genauso dazu. Doch das heißt nicht, dass sich das Beides gegenseitig ausschließt. Es bedeutet nur, dass das vergängliche Dasein nicht alles ist. Und das ist eine ganz beruhigende Vorstellung, denn so toll ist das Leben in seinen irdischen Grenzen oft gar nicht. Im Gegenteil, es gibt viel Elend und Not. Sowohl persönliche als auch weltweite Probleme halten uns in Atem. Oft leiden wir, und unser Dasein wäre ganz schön armselig, wenn das, was uns auf der Erde widerfährt, alles wäre.

Es muss deshalb eine Möglichkeit der Überwindung geben, einen Himmel, die Ewigkeit, die Gegenwart Gottes. Und es ist auch gut, wenn die sich von dem irdischen Leben unterscheidet. Und dazu sagt Paulus nun: Wir können sie gewinnen, wenn wir uns darum bemühen. Das meint er mit „Kampf“: Es ist der Lebenseinsatz für das, was uns Hoffnung gibt, was uns Mut macht und uns durch alles Leid hindurch trägt. Und dafür ist ein Kampf auch nötig, denn es gibt Kräfte der Finsternis, die uns davon abhalten wollen. Traurigkeit und Sinnlosigkeit können in unserem Leben die Oberhand gewinnen, und dann sind wir verloren. Wir müssen die dunklen Triebe in unsrer Seele und unserem Geist bezwingen. Diesen Kampf meint Paulus hier.

Und dabei ist er sich nun interessanter Weise des Sieges sicher. Das ist die Antwort auf die dritte Frage, wo denn die Gnade bei diesem Kampf bleibt. Sie lautet: Genau sie gewinnen wir, denn Gott ist immer schon da, wenn wir nach ihm fragen. Er wartet nur darauf, dass wir zu ihm kommen, er sieht uns ununterbrochen in Liebe an. Der Sieg, den wir davon tragen, besteht darin, dass wir Gott als den erkennen, der uns liebt und um uns Sorge trägt. Das Ergebnis unseres Kampfes ist also in ein reines Geschenk: Wir empfangen das, was Gott für uns durch Jesus Christus bewirkt hat, Barmherzigkeit, Vergebung und Gnade.

Und dadurch entsteht ein ganz tiefes Gefühl von Freiheit und Überwindung, Ruhe und Freude. Wir gewinnen Liebe und Hoffnung, Sicherheit und Mut. Wir erkennen: Es ist alles da, wonach wir uns sehnen. Es reicht ein Augenblick des Vertrauens, und der Himmel öffnet sich. Für diesen Augenblick gilt es zu kämpfen.

Darin liegt ein gewisser Widerspruch, das hat auch die Psychologie erkannt. Es gibt dafür das englische Wort „flow“, auf Deutsch „fließen“, und das „Flow-Erleben“. D.h. es fließt – durch die Anstrengung – plötzlich eine wohltuende Energie: Wir werden eins mit uns selber, empfinden tiefe Erfüllung und Zufriedenheit. Das erleben die Menschen, die ich vorhin nannte, und es ist der Grund dafür, warum sie so viel auf sich nehmen. 

Im Glaubenskampf ereignet sich genau dasselbe, allerdings in noch viel tieferen Schichten unserer Seele. Und der Widerspruch zu der Anstrengung, die wir vorher investiert haben, ist auch frappierender, aber genau darin liegt das Geheimnis dieses Kampfes: Wir müssen alles geben, Leib und Leben einsetzen, und trotzdem besteht der Sieg darin, dass wir in einem Augenblick alles geschenkt bekommen, wonach wir verlangen. Wir haben es nicht verdient, sondern es wird uns aus lauter Gnade zu teil. Paulus hat absichtlich das Bild vom Wettlauf gewählt und die widersprüchliche Bemerkung über die Gewissheit des Sieges hinzugefügt. Sie ist von Anfang an dabei, sie motiviert ihn und sie wird Realität.

Lasst uns also „laufen und nicht aufgeben, kämpfen und nicht müde werden“, damit wir den „Siegespreis“ erlangen. Die Sportler in der Antike empfanden ihn als eine Gunst von Zeus. Die olympischen Spieler und Spielerinnen in China wissen, dass auch viel Glück dazu gehört, wenn sie dabei bleiben und am Ende eine Medaille gewinnen. Und wir dürfen gewiss sein, dass jeder, der kämpft, mit der Gegenwart und Liebe Christi beschenkt wird.

Amen.

Fürchtet euch nicht!

Predigt über Mt. 14, 22- 33: Jesus und der sinkende Petrus auf dem Meer,
6.2.2022, 4. Sonntag vor der Passionszeit, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Matthäus 14, 22- 33

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe.
23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.
24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.
26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.
27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!
28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.
30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!
31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich.
33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Liebe Gemeinde.

„Ein Ehepaar will verreisen und denkt darüber nach, welches Verkehrsmittel das sicherste ist. Sie machen sich Sorgen, weil ein Flugzeug abstürzen, ein Schiff sinken und ein Zug entgleisen kann. Das Auto scheint am gefährlichsten zu sein, denn oft hören und lesen sie von vielen schlimmen Unfällen. Und so nehmen sie ihre Koffer und entscheiden sich am Ende dafür, zu Fuß über die Autobahn zu laufen.“

Vor vielen Jahren habe ich die Karikatur, auf der die beiden Personen bei dieser Aktion dargestellt waren, einmal gesehen und das Bild seitdem nie wieder vergessen. Es zeigte so schön, wie dumm es ist, vor allem Angst zu haben. Es kann zu völlig absurden und irrationalen Entscheidungen führen. Die Angst ist kein guter Ratgeber.

Das wird auch in dem Evangelium von heute deutlich, der Geschichte vom „sinkenden Petrus“, denn sie hat genau das zum Thema: Die Angst und ihre Folgen.

Sie beginnt zunächst ganz harmlos und alltäglich: Die Jünger Jesu stiegen in ein Boot, um über den See Genezareth zu fahren. Sie hatten gerade einen sehr schönen Tag mit Jesus hinter sich, voller Freude und Fülle. Er brauchte am Abend dann erst mal eine Zeit für sich allein und „stieg auf einen Berg um zu beten.“ Seine Jünger saßen also ohne ihn im Boot, weil er sie gebeten hatte, schon mal loszufahren. Soweit lief alles ganz normal.

Doch dann geschah etwas Unheimliches: Als das Boot schon weit vom Ufer entfernt war, kam es plötzlich „in Not durch die Wellen, denn der Wind war ihnen entgegen“. Es wurde also ungemütlich und auch wirklich gefährlich. Die Nacht war bereits da, und das Wasser wurde heftig vom Wind bewegt. Der See Genezareth war zwar bekannt für plötzlich aufkommende Fallwinde, aber das nahm der Situation nicht ihre Bedrohlichkeit. Die Jünger mussten sehr kämpfen, um über Wasser zu bleiben, und sie hatten Angst.

Und dann kam noch etwas viel Gruseligeres dazu: Am frühen Morgen, irgendwann zwischen drei und sechs Uhr, sahen sie, wie eine Gestalt sich ihnen auf dem Wasser näherte, und das versetzte sie erst recht in Panik. „Sie schrien vor Furcht“, weil sie dachten, es wäre ein Gespenst. Aber es war Jesus, das wird fast wie etwas Selbstverständliches erwähnt. Er kam zu ihnen auf dem Wasser, um ihnen zu helfen. Er gab sich auch sofort zu erkennen, als er ihre Furcht sah, und zwar indem er ihnen gut zuredete. „Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht“, sagte er. Sie sollten keine Angst mehr haben, und wahrscheinlich verflog die auch sofort.

Bei Petrus schlug sie sogar genau ins Gegenteil um, er wurde nicht nur mutig, sondern sogar übermütig. Aus lauter Freude über das Erscheinen Jesu, wollte er auch auf dem Wasser gehen und bat Jesus sozusagen um Erlaubnis. Und Jesus sagte nicht, „bleib mal schön im Boot“, sondern er ließ ihn wirklich zu sich kommen.

Allen Wellen und aller Vernunft zum Trotz „stieg Petrus also aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu“. Eine Zeitlang merkte er gar nicht, dass er da etwas Widernatürliches tat, aber plötzlich wurde es ihm bewusst. Er schaute nicht mehr auf Jesus, sondern auf den Wind und die Wellen und begann im selben Moment zu sinken. Zum Glück war Jesus da schon ganz in seiner Nähe. Er „streckte sogleich seine Hand aus und ergriff ihn“ und zog ihn aus dem Wasser. Und dann sagte er keineswegs, „warum warst du auch so dumm und wolltest zu mir kommen?“, sondern er schalt ihn wegen seines kleinen Glaubens. Der Schritt aus dem Boot heraus war völlig in Ordnung gewesen, der Fehler war der plötzliche Zweifel und der Kleinglaube, die Angst und die Panik.

Das ist wie gesagt das Thema der Geschichte. Sie will zum Glauben und Vertrauen aufrufen und zum Gebet in der Not. Jesus ist stärker als die Naturgewalten, das wird uns hier verkündet. Er hat eine übernatürliche Macht und ist der Herr Welt. Kein Sturm und kein Wind kann ihm etwas anhaben. Selbst die Erdanziehungskraft spielt für ihn keine Rolle. Daran sollen wir glauben, selbst wenn das eventuell unvernünftig zu sein scheint: Die Gegenwart Jesu ist ein Schutz vor Bedrohung und Finsternis. Wer sich im Vertrauen auf ihn übt, wird von ihm gehalten und gerettet. Die Geschichte enthält also trotz ihres phantastischen Charakters eine Botschaft, über die es sich lohnt, nachzudenken. Dabei ist der Kern der Erzählung der Moment, in dem Petrus versinkt.

So etwas kennen wir im übertragenen Sinne alle. Wir wissen, wie es ist, Angst zu haben und unterzugehen, denn es gibt im Leben unzählig viele Gefahren. So können wir Angst vor Verkehrsmitteln haben, allgemeine Zukunftsangst, Höhenangst, Angst vor der Dunkelheit, vor einem Terroranschlag, vor einer Krankheit, vor dem Tod usw. Zurzeit ist die Corona-Angst weit verbreitet. Und das ist kein schönes Gefühl, wir wollen es deshalb so schnell wie möglich wieder los werden.

Doch wie geht das am besten? Ist es ratsam, sich immer sämtliche Gefahren bewusst zu machen, so vorsichtig wie möglich zu sein und alles Erdenkliche zu vermeiden? Der Zeichner der Karikatur, die ich am Anfang beschrieb, hat sich über so eine Haltung lustig gemacht. Sie hilft nicht weiter und ist eigentlich nur gut für einen Witz. Das war sein Gedanke. Und er hat recht, denn die Gefahr verschwindet dadurch nicht, und die Angst werden wir damit auf keinen Fall los.

Sie ist ja auch nicht nur etwas, das von außen ausgelöst wird, sondern sie sitzt in uns, dort entsteht sie, in unseren Gedanken und Gefühlen, dort muss sie deshalb bekämpft werden. Und das können wir gut in drei Schritten tun, die in der Geschichte vom sinkenden Petrus vorkommen.

Als erstes ist hier der Moment entscheidend, in dem bei ihm die Angst einsetzt. Das war keineswegs bei dem Entschluss, selber über das Wasser zu gehen. Da schaute er auf Jesus, hörte auf seine Stimme und glaubte an dessen übernatürliche Kraft. Erst als Petrus damit aufhörte und stattdessen in die Wellen starrte, ergriff ihn die Panik.

Und das lädt uns ein, einmal ehrlich über uns selber nachzudenken und selbstkritisch wahrzunehmen, wie wir uns oft verhalten. Wir können uns fragen: Wo schaue ich eigentlich am liebsten hin? Auf welche Stimme höre ich? Und was prägt mein Bewusstsein? Wenn wir wollen, können wir uns ständig verrückt machen lassen, den ganzen Tag Schreckensnachrichten hören, Unfallstatistiken lesen, Wahrscheinlichkeitsrechnungen aufstellen usw. Wir können uns auf die Dinge, vor denen wir Angst haben, konzentrieren. Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad berechtigt, achtsam und aufmerksam zu sein, die Angst kann durchaus das Überleben sichern. Aber wir dürfen uns auf die Gefahren nicht fixieren. Denn dann bewirkt die Angst genau das Gegenteil: Sie wird selber zu einer Gefahr.

Es gibt viele Situationen, die durch unsere Angst schlimmer werden, und zwar immer dann, wenn wir uns ihr zu sehr überlassen und darin versinken. Das gibt es ja, dass wir davon nicht loskommen, ganz gleich, was geschieht. Wir geraten dann immer tiefer in das Gefühl hinein, dass nichts mehr geht. Es schnürt uns die Kehle zu und macht uns schwächer, wir werden hilflos und verzweifeln am Ende. Und dahinein fragt uns die Geschichte vom sinkenden Petrus: In welcher Realität willst du leben? Was soll dich bestimmen?

Diese Frage führt uns zu dem zweiten Schritt, der darin besteht, dass wir unsere Blickrichtung einmal ändern. Wir sollen aufhören, in das Unheil zu starren. Die Geschichte sagt uns: Schau nicht ständig auf das, was dich ängstigt. Die Wirklichkeit besteht aus noch viel mehr, als aus dem, was du jetzt gerade hörst oder siehst. Ändere deine Einstellung!

Wir können uns z.B. ruhig öfter mal bewusst machen, was jeden Tag alles gut läuft in unserem Land und in der Welt. Z.B. kommen fast alle Kinder jeden Morgen sicher zur Schule, die überwiegende Mehrzahl der Autos, Züge, Flugzeuge und Schiffe werden in keinen Unfall verwickelt, es gibt unzählig viele gesunde Menschen usw. Das scheint uns wahrscheinlich zu banal, es wird jedenfalls nicht in den Nachrichten erwähnt, doch wir sollten das ruhig mit bedenken, wenn wir die Sicherheitslage in unserem Leben betrachten. All das Gute gehört genauso zur Realität wie das Schreckliche.

Aber natürlich geht unsere Geschichte darüber noch hinaus. Sie erzählt von einer Wirklichkeit, die noch größer ist als die Natur, von der Macht Jesu, dem Sturm und Wellen nichts anhaben, und der der Erdanziehungskraft trotzt. An seine Herrschaft sollen wir glauben, sie soll uns prägen und bestimmen, von daher sollen wir leben. Es gilt also, dass wir uns immer wieder für Jesus entscheiden, auf ihn blicken, zu ihm rufen und seine Hand ergreifen. Das ist der zweite Schritt.

Und der Dritte besteht darin, dass sich das natürlich auswirkt. Der Glaube an Jesus hat Folgen, denn er macht uns innerlich fest und frei. Wenn wir uns seiner Stärke anvertrauen, gewinnt er die Oberhand. Seine Gegenwart umgibt und beschützt uns dann. Und das heißt, die Ängste fallen von uns ab, sie umklammern uns nicht mehr, und wir fühlen uns stattdessen gehalten und geborgen. Es ist wirklich so, als würden wir auf dem Wasser gehen. Eine unsichtbare Kraft erfüllt uns, die stärker ist als der Sog nach unten. Das ist das Dritte.

Und das verhilft uns schließlich noch zu einer wichtigen letzten Einsicht: Die Gefahren werden nie aufhören. Unser ganzes Leben ist vielmehr wie ein Gang über das Wasser, wir sind ständig bedroht, und eines Tages wird jeder und jede von uns untergehen. Dem Tod kann niemand entkommen. Die Vergänglichkeit und das Sterben gehören zu unserem Leben dazu. Wir verdrängen das am liebsten, aber das ist nicht nötig und auch nicht ratsam. Viel besser ist es, sich von Jesus an die Hand nehmen zu lassen. Dann können wir selbst angesichts des Todes noch zuversichtlich bleiben. Denn das, was uns erfüllt und wofür wir leben, wird nicht sterben: Es sind seine Gegenwart und seine Liebe, die Hand, die er uns reicht, und seine Hilfe.

Wenn wir das alles beherzigen, werden wir die Angst los. Sie verschwindet aus unseren Gedanken und Gefühlen, denn wir haben sie an der richtigen Stelle bekämpft. Unsere Entscheidungen treffen wir nun ruhig und besonnen. Wir gehen heiter und frohgemut unseren Weg, freuen uns an allem Schönen und sind am Ende bereit zum Sterben. Es ist also gut, wenn wir wie Petrus immer wieder rufen: „Herr, hilf mir!“ und uns nach Jesus ausstrecken, damit er unsere Hand ergreift und uns rettet.

Amen.

Sieh ins Licht

Predigt über Jesaja 42,1- 9: Der Knecht Gottes, das Licht der Welt

1. Sonntag nach Epiphanias, 9.1.2022, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Jesaja 42, 1- 9

1 Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.
2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.
3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung. So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Odem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen:
6 Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden,
7 dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.
8 Ich, der HERR, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen.
9 Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es aufgeht, lasse ich’s euch hören.

Liebe Gemeinde.

Langsam werden die Lichterketten, die in vielen Fenstern, an Bäumen und Häusern hängen, wieder abgebaut, und das finde ich ein bisschen traurig. Denn es passt gut in die dunkle Jahreszeit, dass überall kleine Glühbirnen leuchten. Sie machen die Stadt heller.

Einige Häuser haben es ja sogar in die Medien geschafft: Ihre Bewohner und Bewohnerinnen haben nicht nur ein paar Lampen aufgehängt, sondern großartige Lichtershows installiert. Die Nachbarn sind zusammengekommen, um das zu bewundern, und das Fernsehen war da. Es war ein Riesenspektakel, das sich jedes Jahr wiederholt. Ihre Schöpfer investieren immer viel Geld und Zeit, damit alles so wird, wie es sein soll. Möglicherweise sind sie auch ein bisschen süchtig nach dem Licht und der Faszination, die es verbreitet. Es vertreibt die Dunkelheit, macht Spaß und weckt Freude.

Und selbst wenn die meisten von uns mit weihnachtlichen Lichterketten eher Maß halten, möchten wir alle der Dunkelheit etwas entgegensetzen. Es soll hell sein, und so zünden wir Millionen künstlicher Lampen an.

Da steckt auch noch mehr hinter, als nur der Versuch, die äußere Finsternis zu verjagen. Es ist ein Ausdruck unserer Sehnsucht nach Licht im übertragenen Sinn: Am liebsten würden wir das Dunkel ganz aus unserem Leben verbannen, aus der Gesellschaft, aus der Welt.

Und das war schon immer so. Seit jeher sehnen sich die Menschen nach Licht und benutzen es als Bild für Frieden und Wohlergehen, Freude und Rettung. In vielen Verheißungen im Alten Testament taucht das auf, so auch in der, die wir vorhin gehört haben. Sie steht bei dem Propheten Jesaja und ist heute unser Predigttext.

Es ist ein Lied über einen Menschen, den Jesaja den „Knecht Gottes“ nennt. An einer Stelle sagt er über ihn: „Ich, der HERR, mache dich zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen und die, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker führen sollst.“ Es wird hell durch ihn! Das ist hier die Verheißung, und die dürfen wir ruhig auf uns beziehen. Lasst uns deshalb fragen, wie wir das erleben können.

Dafür ist es gut, wenn wir zunächst klären, mit was für einem Text wir es hier überhaupt zu tun haben. Er gehört nämlich mit drei weiteren Abschnitten aus dem Buch Jesaja zusammen, und zwar ist es das erste von insgesamt vier sogenannten „Gottesknechtsliedern“. Sie heißen so, weil Gott darin einen Menschen als seinen „Knecht“ bezeichnet. Er rüstet ihn aus und gibt ihm einen Auftrag.

Wer dieser Mann ist, und welche Bestimmung er genau hat, ist undeutlich, ebenso der Zusammenhang, in dem die Einsetzung erfolgt. Es wird bewusst verhüllend über ihn geredet, wie in einem Rätsel, so dass wir nicht abschließend klären können, wer hier gemeint ist. Wir erkennen lediglich, dass sich etwas zwischen diesem Knecht und Gott vollzieht, und dann auch zwischen ihm und denen, welchen sein Auftrag gilt. Und zwar wird Dreierlei über ihn gesagt:

Das Erste ist der Satz: „Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.“ Er ist also der Beauftragte seines Herrn, sein Werkzeug, das besonderen Schutz genießt und in enger Beziehung zu ihm steht. Er wird von Gott an der Hand gehalten und geliebt.

Zweitens wird als seine Ausrüstung der „Geist Gottes“ genannt, der ihm Kraft gibt, und zwar als dauernden Besitz. Denn Gott sagt über ihn: „Ich habe ihm meinen Geist gegeben“.

Und drittens wird der Zweck der Erwählung und Ausrüstung angeführt: „Er wird das Recht unter die Heiden bringen.“ D.h. der Knecht wird die Ordnung und das Gesetz Gottes verbreiten und wieder herstellen, seinen Willen verkünden, oder anders gesagt: das Glaubensbekenntnis und die religiöse Wahrheit. Und das wird er nicht nur für Israel tun, sondern für alle Völker, also für die ganze Welt.

Danach werden die Eigenschaften dieses Knechtes beschrieben, und die klingen sehr schön. Wenn man es hört, wird einem ganz warm ums Herz, denn genauso stellen wir uns den Heilsbringer vor, der die Welt hell macht: Er benutzt keine schimpfenden und drohenden Worte und versucht nicht, die Massen zu beeinflussen. Er verkündet keine Unheilsbotschaft, die die Menschen niederschmettert. Es ist vielmehr seine Eigenart, dass er „das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird.“ Was dem Tod verfallen ist, wird behutsam und fürsorglich behandelt. Der Gottesknecht nimmt Rücksicht, ist gnädig und gütig. Er strapaziert das Schwache nicht, sondern schützt und hegt es.

Ich sagte ja schon, dass wir nicht wissen, wen der Prophet damit gemeint hat. Klar ist nur, dass Jesaja in einer Zeit gelebt und gewirkt hat, in der die Menschen sich nach so einem „Gottesknecht“ sehnten, und die Verheißung geht auf diesen Wunsch ein.

Wir denken natürlich sofort an Jesus Christus, denn genauso war er. Wir können die Aussagen wunderbar auf ihn beziehen. Das haben die Christen deshalb auch von Anfang an getan, mit Recht, denn wir glauben, dass das alles bei Jesus so war: Er war von Gott beauftragt und trug seinen Geist in sich. Er hat den Willen Gottes getan und verkündet und Barmherzigkeit geübt. Den Schwachen hat er sich zugewandt, niemanden vernichtet, und allen seine Liebe geschenkt. Er war gewaltlos, sanftmütig und friedfertig. Und damit hat er in der Welt ein Licht angezündet, das heller ist als alle anderen. Das glauben wir als Christen.

Aber stimmt dieser Glaube eigentlich mit der Wirklichkeit überein? Ist es durch Jesus Christus wirklich heller in der Welt geworden? Wo werden denn die Schwachen geschont? Wo sind der Frieden und die Gerechtigkeit? Die Menschen bringen sich nach wie vor gegenseitig um, führen Kriege und unterdrücken einander. Das Unrecht schreit zum Himmel, und Gott tut nichts! Diesen Einwand gegen die Verheißungen in der Bibel und unseren Glauben hören wir oft. Lasst uns deshalb darüber nachdenken und dabei in drei Schritten vorgehen.

Zunächst ist es gut, wenn wir nicht mit der allgemeinen Dunkelheit in der Welt beginnen, sondern bei uns selbst. Oft sind wir selber wie ein „geknicktes Rohr“ oder ein „glimmender Docht“. Wir fühlen uns schwach, liegen am Boden, und unsere innere Flamme droht zu erlöschen. Das kann ganz verschiedene Gründe haben. Zurzeit ist es in vielen Fällen die Corona-Situation, die uns zu schaffen macht. Sie raubt uns aus unterschiedlichen Gründen die Kraft und den Frohsinn. Die einen haben Angst vor einer Infektion und ziehen sich zurück. Das macht sie dann einsam und depressiv. Die anderen werden wütend und „gehen spazieren“. Das sind die Pole, zwischen denen es dann viele Spielarten gibt. Die beiden Extreme scheinen gegensätzlich zu sein. Doch was diese Menschen gemeinsam haben, ist das Leid, das sie empfinden. Sie kommen nicht klar, es bedrückt sie, nimmt ihnen die Freude und verdüstert ihre Seele.

Und das kennen wir auch sonst im Leben: Probleme in der Familie, mit der Gesundheit oder im Beruf können genauso dazu führen, dass es uns schlecht geht. Manchmal ist es auch nur eine Gemütsverfassung, für die wir die Gründe nicht kennen. Wir haben einfach nur das Gefühl, dass wir am Ende sind, und nichts mehr geht.

Und das ist traurig. Da helfen dann auch die Lichterketten nicht. Wir zünden sie zwar an, um gegen die Dunkelheit anzukommen, aber wir schaffen es nicht, die Finsternis zu vertreiben. Meistens bleibt alles, was wir diesbezüglich tun, nur ein kläglicher Versuch, und der Kampf ist anstrengend. Das müssen wir als erstes zugeben.

Denn dann können wir zum zweiten Schritt übergehen, der darin besteht, dass wir die Dunkelheit einmal aushalten. Es ist gar nicht immer ratsam, wenn wir sie selber verdrängen wollen. Wir können sie auch relativieren und annehmen.

In der momentanen Situation heißt das, dass wir uns einmal fragen: Was ist eigentlich so furchtbar daran? Es gibt ein paar Vorschriften, die wir nicht gewohnt sind. Wir dürfen einiges nicht, was uns Spaß macht. Das ist lästig und nervig. Aber ist es wirklich schlimm? Wenn wir darunter leiden, ist das auch ein Zeichen dafür, dass wir ganz schön verwöhnt und sogar verweichlicht sind. In anderen Ländern und zu anderen Zeiten gibt und gab es viel schrecklichere Restriktionen. Großer Unsinn ist es z.B., unsere Staatsform als Diktatur zu bezeichnen. In echten Diktaturen geht es völlig anders zu. Da drohen allen Leuten, die sich öffentlich aufregen und äußern, Gefängnis und Folter. Es gibt keine Meinungsfreiheit und keine unabhängige Justiz. Die Menschen werden überwacht, und natürlich existiert auch die Todesstrafe und wird angewandt. Bei uns dagegen geht es lediglich um ein paar Einschränkungen bezüglich unserer Vergnügungen und Treffen mit anderen.

Und was ist mit dem Virus selbst? Es verursacht lange nicht bei allen, die sich damit infizieren, den unabwendbaren Tod. Wir können uns gut davor schützen, haben einen Impfstoff und Krankenhäuser. Es gab in der Menschheitsgeschichte viel fürchterlichere, wirklich todbringende Seuchen. Es ist deshalb gut, wenn wir die Situation weder über- noch unterbewerten, sondern sie relativieren und annehmen. Das ist das Zweite, das immer ratsam ist, wenn es uns mal schlecht geht.

Und als drittes können wir tun, was ein altes chinesisches Sprichwort uns empfiehlt: „Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.“ Diese „Sonne“ gibt es. Es ist Jesus Christus und seine Barmherzigkeit und Liebe. Die sind da, wir müssen nur hinsehen. Der Schauplatz seines Wirkens sind nicht die großen Bühnen der Welt, die Kriege oder Hungergebiete, so wie wir uns das vielleicht wünschen. Er handelt ganz anders. Der Ort des Wirkens Jesu ist das Herz jedes und jeder Einzelnen. Da gilt das, was hier über ihn gesagt wird: Er zerbricht es nicht und löscht das Glimmen darin nicht aus, ganz gleich wie geknickt oder schwach es ist. Und das können wir erfahren, wenn wir uns auf ihn einlassen. Das wäre der dritte Schritt, dass wir uns von Jesus lieben lassen und unser Leben in seine Hand legen. Er offenbart sich dann und beantwortet alle Fragen, nicht mit Gewalt und großen Gesten, auch nicht mit lauten Worten und einem starken Auftreten, sondern mit Liebe und Zuwendung. Wir empfangen Barmherzigkeit, und die wirkt heilend und wohltuend. Die Zweifel kommen zur Ruhe, weil wir erleben, dass er da ist. Wir werden aufgerichtet und froh.

Es wird hell, auch ohne Lichterketten, und dieses Licht bleibt da. Es wird nicht wieder abgebaut, sondern leuchtet das ganze Jahr über, unser Leben lang, bis ans Ende der Zeit und in alle Ewigkeit.

Amen.

Der Mensch denkt, Gott lenkt

PREDIGT über Sprüche 16, 9

Neujahrstag, 1.1.2022, 18 Uhr Lutherkirche Kiel                          

Liebe Gemeinde.

„Mal sehen, ob daraus was wird.“ Diesen Satz benutzen wir gerade sehr oft. Ob es um eine geplante Reise geht, eine Veranstaltung, die wir besuchen wollen, eine Familienfeier, eine Tagung – es kann sein, dass wir das alles zwar vorbereitet haben, dass es aber kurzfristig doch ausfällt oder abgesagt werden muss. Seit zwei Jahren ist das nun schon so, und das ist nervig und anstrengend. Denn es gehört eigentlich zu unserem Lebensstil und -gefühl, dass wir uns Dinge vornehmen und uns darauf dann auch freuen. Gerade am Jahresanfang blicken wir gern nach vorne und halten Ausschau. Das ist unsere Gewohnheit.

Doch in der Pandemie geht das nicht richtig. Alle Vorhaben sind mit vielen Unsicherheiten und Sorgen verbunden, Ängsten und Unwägbarkeiten. Was wird kommen? Wie geht unser gesellschaftliches und persönliches Leben weiter? Wir wissen es nicht.

Bei Lichte betrachtet, ist das allerdings gar nicht so ungewöhnlich. Im Gegenteil, wenn wir nüchtern und realistisch sind, müssen wir zugeben, dass unser Leben immer unsicher ist. Es gibt nicht erst seit der Pandemie Gefahren und Bedrohungen, die alles verändern können, das war von jeher der Fall und deshalb auch schon immer ein Thema für die Menschen.

So steht bereits in den Sprüchen Salomos ein Satz, der sich genau darauf bezieht. Er lautet: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ Das ist heute unser Predigttext, und es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Die Sprüche Salomos handeln davon, wie das Leben gelingen kann. Dabei heißt diese Sammlung nicht deshalb so, weil die Einzelsprüche alle von Salomo stammen, sondern weil sie in seiner Zeit und an seinem Hof entstanden sind. Da gab es sogenannte Weisheitsschulen, in denen junge Menschen in Lebenskunde unterrichtet wurden. Mit Beobachtungen und Ermahnungen gibt ein älterer Mensch seine Lebenserfahrung und seine Einsichten an einen Schüler weiter. Er ist davon überzeugt, dass im ganzen Dasein eine bestimmte Ordnung herrscht, die man beachten muss. Wenn man sie erkennt und danach handelt, wird man mit Glück und Wohlergehen belohnt. Eine große Rolle spielt dabei der Glaube an Gott, denn Gott gilt als der Lenker von allem. Es ist deshalb gut, wenn man seinen Willen erkennt und tut.

Das kommt auch in unserem Spruch und in den Versen, die davor stehen, zum Ausdruck, denn hier wird etwas über Gott und den Menschen und ihre Beziehung zueinander gesagt:

Gott ist derjenige, der hinter dem steht, was wir erleben und was in der Welt geschieht. Sein Walten durchzieht die ganze Schöpfung, und alles was passiert dient einem geheimen Zweck, den er bestimmt. Er hat einen Plan und Gedanken, nach denen er die Geschicke beeinflusst. Sein Wille bestimmt das All. Dabei ist er frei und unabhängig. Er existiert auch ohne uns und war vor allem da.

Über den Menschen wird nun gesagt, dass er sich selber zunächst einmal genauso versteht. Er fühlt sich ebenfalls frei und unabhängig. Er macht Pläne und nimmt sich etwas vor. Er will immer irgendetwas. Er hat Wünsche und Erwartungen und ist dabei ehrgeizig und zielstrebig. Er nimmt sein Leben in die eigene Hand und hält sich für den Lenker seines Schicksals.

Doch genau davor warnt der Weisheitslehrer hier. Er ermahnt seine Schüler, sich in Beziehung zu Gott zu setzen, und sein Leben nicht ohne ihn zu führen. Es ist besser, wenn er sich Gott anbefiehlt, ihn fürchtet und auf ihn vertraut. Er sollte nach seinem Willen fragen und ihm zum Wohlgefallen handeln. Es ist auch gut, wenn er versucht, den geheimen Sinn hinter allem zu erkennen. Es ist klüger, wenn er seine eigenen Pläne immer wieder relativiert und sich in den größeren Zusammenhang stellt, den Gott ihm vorgibt. Denn Gott ist bei denen, die ihn fürchten und auf ihn vertrauen, und lässt ihre Vorhaben gelingen. Dieser Gedanke steht hinter dem Spruch und seinem Kontext, und das ist auch für uns ein hilfreicher Hinweis.

Drei Dinge werden uns damit gesagt:

Zunächst sind wir eingeladen, nüchtern zu sein und zu erkennen, wie das Leben wirklich ist. Wenn wir uns sicher fühlen, machen wir uns im Grunde genommen etwas vor. Denn wir können unser Schicksal nicht vollkommen selber bestimmen. Es geschehen immer Dinge, die wir nicht geplant haben. Jetzt ist es gerade ein Virus und die damit verbundene Politik, die alles durcheinander bringen. Aber so ist das Leben oft. Es gibt unzählig viele Gefahren und Ereignisse, die imstande sind, unsere Vorhaben über den Haufen zu werfen: So können wir z.B. im Straßenverkehr verunglücken, Umweltzerstörungen zum Opfer fallen, in einem Krieg aufgerieben, verletzt, vertrieben oder umgebracht werden, durch eine Krankheit darniederliegen oder sogar sterben usw. Und das gilt es, anzunehmen und zu bejahen. Es ist zwecklos, sich dagegen aufzulehnen, in Panik zu verfallen oder alles zu leugnen. Besser ist es, wenn wir alle unsere Vorhaben von vorne herein relativieren. Das ist das erste, wozu der Weisheitslehrer uns einlädt.

Als zweites folgt daraus, dass es etwas anderes geben muss, das unser Bewusstsein prägen und an erste Stelle in unserem Denken stehen sollte. Und das ist das Vertrauen auf Gott. Es ist genau das Gegenteil von der eigenen Anstrengung, von Plänen und Vorhaben, Leistung und Erfolgen. Das alles soll der Mensch einmal abstreifen. Er soll sich selber loslassen und sein Leben ganz in die Fürsorge Gottes legen. Wir dürfen uns bei Gott ausruhen und ihn tun lassen, uns im Glauben und Vertrauen üben. Damit rüsten wir uns am besten für die unvorhergesehenen Eventualitäten.

Denn dadurch gewinnen wir einen Grund im Leben, der sich nicht so schnell erschüttern lässt. Wir bekommen einen Halt, werden begleitet und getragen. Auch unser Bewusstsein weitet sich, wir werden klug und sehen, dass es noch viel mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als nur das, was wir mit den Sinnen wahrnehmen, mit unserer Arbeit verwirklichen und gestalten oder mit unsren Worten bewegen. Wir erkennen die ganze Wirklichkeit, wachen auf und sind geschützt. Denn wir fallen nie tiefer als in Gottes Hand, wo wir eigentlich auch hingehören. Das ist das zweite.

Und das dritte ist ein neues Zeit- und Lebensgefühl. Meistens denken wir an das, was kommt, oder an das, was war. Auch Gott bauen wir da gerne ein, indem wir ihn entweder darum bitten, uns bei dem zu helfen, was werden soll, oder ihm für etwas danken, das geschehen ist. Doch Gott ist viel größer als Zukunft und Vergangenheit, er untersteht nicht dieser Zeit. Wir werden ihm nicht gerecht, wenn wir ihn nur in unseren Erfahrungen suchen oder für unsere Vorhaben um Hilfe bitten. Denn er hat nicht gestern gehandelt und wird es auch nicht erst morgen oder übermorgen tun, sondern er ist jetzt da, in diesem Augenblick.

Die Zukunft gibt es nur in unserer Vorstellungswelt. Unsere Gedanken daran sind nichts als Phantasie. Sie bleibt ein Gebäude von Bildern und Ideen. Und die Vergangenheit ist ebenfalls nicht mehr real, sie existiert in unserer Erinnerung und unserem Gedächtnis. Gott dagegen lebt und regiert jetzt. Wir müssen in der Gegenwart mit ihm rechnen, ohne an das Morgen oder an das Gestern zu denken, und zwar mit jedem Augenblick aufs Neue.

Und das ist am Anfang eines Neuen Jahres besser, als alles andere. Wir sollten unsere Phantasie nicht allzu sehr spazieren gehen lassen, weil doch niemand weiß, was kommen wird. Besser ist es, wenn wir uns jetzt Gott anvertrauen und unser Leben jetzt in seine Hand legen.

Als Christen haben wir dafür einen großen und starken Helfer, der das alles vorgelebt hat und uns diesen Weg ebnet. Es ist unser Herr und Heiland Jesus Christus. Lasst uns ihn deshalb darum bitten, dass das neue Jahre in dieser Weise gelingen möge. Wir können das sehr schön mit vier Strophen aus dem Lied tun: „Hilf, Herr Jesu, lass gelingen.“ (EG 61,1.2.4.5)

Amen.