Christus muss in mir wachsen

Predigt über Apostelgeschichte 9, 1- 20: Die Bekehrung des Saulus
4.9.2022, 12. Sonntag nach Trinitatis
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Apostelgeschichte 9, 1- 20

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester
2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.
3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel;
4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst.
6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.
7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.
8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus;
9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.
10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr.
11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet
12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde.
13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat;
14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen.
15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.
16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen
17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest.
18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen
19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus.
20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.

Liebe Gemeinde.

Ihr kennt sicher alle die kleinen Internet-Gesichter, mit denen wir beim Nachrichtenschreiben gerne unsere Emotionen ausdrücken. Es gibt sehr viele, allein für das Gefühl der Wut oder des Zorns hab ich vier gefunden: eins mit hochrotem Kopf, eins mit zorniger Augenstellung, eins mit Symbolen für Kraftausdrücke vor dem Mund und eins, bei dem der Atem wie Auspuffgase aus den Nasenlöchern kommt. Denn genauso geht es uns, wenn wir wütend sind: Wir laufen rot an, bekommen Zornesfalten, fluchen und schnauben durch die Nase.

Es geschieht, wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind, uns ärgern, etwas ablehnen, uns ungerecht behandelt fühlen und meinen, im Recht zu sein. Und das geht uns immer mal wieder so, denn jeder und jede von uns hat bestimmte Überzeugungen, Ideale, Wertvorstellungen und Ziele, die nicht unbedingt mit denen unserer Mitmenschen übereinstimmen. Es kommt dann auf unser Temperament an, ob wir uns aufregen und das auch zeigen. Wir können unsere Gefühle natürlich kontrollieren, und meistens tun wir das wahrscheinlich auch, aber es kann auch Situationen geben, da zeigen wir sie ganz bewusst.

Bei Saulus war letzteres der Fall. Wir haben vorhin die Geschichte seiner Bekehrung gehört, und die beginnt mit seiner Wut gegen die Christen. Es heißt am Anfang: „Er schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn.“ Das Wort „Schnauben“ ist eine bildliche Bezeichnung des heftigen Zornes, den er verspürte. Man kann auch übersetzen: „Er wütete weiterhin mit Drohungen und Mord gegen die Jünger des Herrn.“ Denn für ihn war der neue Glaube eine ungeheure Gotteslästerung, ein Frevel und eine Frechheit gegenüber dem jüdischen Gesetz. Saulus verfolgte die Christen deshalb und lieferte sie aus. Er tat das mit großem Eifer, denn er war ein gesetzestreuer Pharisäer und griechisch gebildeter Jude mit römischem Bürgerrecht. Er unternahm den Versuch, den Anhängern Jesu die Möglichkeiten zu nehmen, sich zusammenzufinden. Er wollte die jungen christlichen Gemeinden zerstören.

Doch eines Tages wurde seinem feindseligen Handeln ein jähes Ende gesetzt. Es geschah, als er gerade nach Damaskus ging, um dort wieder christliche Familien aufzuspüren. Da „umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel“ und warf ihn zu Boden. Man muss sich das so vorstellen, dass der Himmel sich spaltete und das aus ihm hervordringende Licht Saulus von allen Seiten wie feurige Blitze umgab. Er verlor mit einem Schlag seine ganze Kraft und hörte die Stimme Jesu, die zu ihm sprach. Saulus hatte Jesus zu Lebzeiten nie gesehen. Auch nach seiner Auferstehung gehörte er nicht zu denen, die ihm begegnet waren. Doch das änderte sich nun. Jesus erschien ihm und erteilte ihm einen Auftrag: „Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.“ Das waren seine Worte. Jesus nahm sich also ausgerechnet diesen Mann und gab ihm einen Auftrag.

Allerdings nicht sofort. Es gab noch eine dreitägige Zwischenzeit, denn zunächst war Saulus so geblendet, dass er nichts mehr sah, und so erschüttert, dass er nichts mehr aß und trank. Er musste an die Hand genommen und in die Stadt geführt werden. Dort wohnte er dann „in dem Haus des Judas“, wie es heißt, betete und zu fastete. Er wartete darauf, dass Jesus sein Leben nun irgendwie in die Hand nehmen würde.

Und das geschah durch einen Mann namens Hananias, einem namhaften Vertreter der christlichen Gemeinde, der den Auftrag erhalten hatte, Saulus zu besuchen. Und bei der Begegnung klärte sich alles: „Hananias legte die Hände auf ihn“ „und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich.“

Saulus bekam einen neuen Glauben, einen neuen Auftrag und auch einen neuen Namen. Er hieß nun Paulus und wurde ein „auserwähltes Werkzeug“ Jesu. Denn von nun an trug er dessen „Namen vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.“

Das ist die berühmte Geschichte von der Bekehrung und Beauftragung des Paulus, und daran ist vieles für uns interessant, vor allem die Veränderung, die durch die Erscheinung Jesu Christi im Leben von Paulus vor sich ging. Er hat nämlich nicht einfach nur die Religion gewechselt und eine neue Lehre angenommen, sondern er war seitdem mit Christus erfüllt. Christus war „in ihm“, wie er es in vielen Stellen seiner Briefe ausdrückt. Sein Leben wurde dem Schicksal Jesu ähnlich. Er musste „viel leiden um seines Namens willen“, wie es am Ende unserer Erzählung heißt. Von nun an war er nicht mehr von seinem eigenen Wollen gesteuert, sondern der Wille Gottes führte ihn. Er wurde dadurch einem der größten Missionare der Christenheit. Als erster hat er das Evangelium in die Welt hinausgetragen, und bis heute lesen wir seine Briefe, denn sie enthalten die grundlegenden Inhalte unseres Glaubens. Und das sind nicht nur Dogmen und Ideen, sondern Paulus betont überall, dass es um den lebendigen Christus geht. Das entscheidende Ereignis war in seinem Leben kein Theologiestudium, sondern seine Bekehrung.

Und das ist auch für uns wichtig. Denn oft verwechseln wir da etwas. Wir meinen schnell, dass unser Glaube vor allem aus bestimmten Handlungsanweisungen besteht. Wir ermahnen einander, appellieren gegenseitig an unser Gewissen, stellen religiöse Richtlinien und Gesetze auf.

Natürlich gehört das alles auch dazu, aber es ist nicht das entscheidende und es hat problematische Folgen. Denn natürlich setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte. Wir interpretieren die Bibel nicht alle in der gleichen Weise, sondern verstehen sie so, wie es in unser Denken passt. Und dadurch entstehen unter uns oft Konflikte. Häufig führt es zu Rechthaberei, manchmal auch zum Streit und zur Wut aufeinander, zu Spaltungen und Trennungen. Und das ist dann nicht mehr schön. So sollte die Gemeinde Christi eigentlich nicht sein.

Allerdings ist es nicht ganz leicht, daran etwas zu ändern. Wir brauchen Hilfe, und in der Geschichte von der Bekehrung des Paulus finden wir ein paar wichtige Hinweise dazu. Wir können sie auch auf andere Situationen anwenden, in denen wir meinen Recht zu haben. Es passiert ja oft, dass wir mit etwas nicht einverstanden sind, was unsere Mitmenschen tun der sagen. In der Familie, im Kollegium, in der Öffentlichkeit, überall kann es dazu kommen, dass wir uns ärgern, etwas ablehnen und uns ungerecht behandelt fühlen. Unsere jeweiligen Überzeugungen, Ideale, Wertvorstellungen und Ziele führen zu vielen Konflikten, und es entsteht immer wieder Streit. Nicht umsonst gibt es die verschiedenen Gesichter im Internet für diese Emotionen. Doch die tun niemandem gut. Sie zerstören nicht nur unser Miteinander, auch unsere eigene Seele wird vergiftet.

Doch es gibt ein Gegenmittel: Es ist der Glaube an Jesus Christus. Er kann uns helfen, und unsere Geschichte zeigt uns, wie das vor sich geht. Wir können hier nämlich herauslesen, was Jesus Christus tut, wie ein christliches Leben aussieht, und wie sich das Evangelium auswirkt. Drei Grundzüge können wir erkennen:

Erstens bedeutet Glauben, dass Jesus selber uns immer wieder entgegen tritt, und wir seine Stimme hören. Er zeigt sich uns und erteilt auch uns einen Auftrag. Der Glaube ist also keine Ideologie, er besteht nicht aus unseren Ideen oder Gedanken, er erschöpft sich nicht in Ethik oder Moral, sondern er lebt von der Gegenwart des lebendigen Herrn. Jesus muss auch in unser Leben treten. Er will an uns handeln, unsere Gedanken prägen, unsere Entscheidungen vorbereiten und uns führen. Er will auch uns immer wieder erschüttern, befreien und erleuchten. Das ist der erste Punkt, der hier deutlich wird.

Der zweite Schritt besteht nun in unserer Reaktion darauf. Paulus brauchte nach der ersten Begegnung drei Tage, um sie zu verarbeiten, und in diesen Tagen tat er praktisch nichts. Er war still und wartete ab, betete und fastete. Er gab Christus die Möglichkeit, sein Leben wirklich in die Hand zu nehmen. Er antwortete auf das Erlebnis also mit Vertrauen und Hingabe, und das ist ein schöner Hinweis.  

Auch für uns gilt, dass wir uns immer wieder Zeit nehmen müssen, um der Gegenwart Christi in unserem Leben Raum zu geben. Es ist eine Zeit des Loslassens, in der wir nicht mehr auf unsre eigene Kraft oder unsere Ideen vertrauen, in der wir uns nicht durchsetzen, sondern ruhig werden, nicht viel denken und schon gar nicht handeln, sondern einfach nur bereit und offen sind.

Dieses Warten und Vertrauen, Beten und Hören kann auch durch eine Lebenskrise ausgelöst werden. Es kann ganz von alleine kommen, denn es gibt ja Erlebnisse, die fühlen sich an, als ob wir geblendet werden. Wir sehen danach nicht, wo es lang geht. Alles scheint verdunkelt und unklar. Das gilt es dann auszuhalten und abzuwarten. Denn auch wir können gerade dadurch etwas Neues empfangen.

Vielleicht geschieht es auch bei uns durch andere Menschen, die wir treffen, die mit uns reden, uns die Hand auflegen und uns helfen. Wir müssen sie nur gewähren lassen. Das ist der zweite Punkt.

Und als drittes folgt daraus natürlich ein neues Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen. Es entsteht durch die Kraft des Heiligen Geistes. Wir werden froh und frei und können auch andere Meinungen akzeptieren. Konflikte, Streit und Wut lösen sich auf, sie verschwinden von selber. Wenn wir auf die Gegenwart Christi vertrauen, der unter uns lebendig ist, müssen wir uns noch nicht einmal zusammenreißen. Unser Zorn legt sich ohne unser Zutun, oder er kommt gar nicht erst auf. Eine andere Wirklichkeit erfüllt und umgibt uns und wird unter uns lebendig.

Johannes der Täufer hat über Jesus gesagt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh. 3,30) Das könnte auch Paulus so geschrieben haben und unzählige andere, die im Namen Jesu aufgetreten sind. Es macht deutlich, dass das Leben mit Jesus ein Weg ist. Wenn wir uns dafür entscheiden, fängt etwas an, das dann weiter geht und wächst. Wir sind nicht ein für alle Mal bessere Menschen, wenn wir uns für Jesus entscheiden, sondern entwickeln uns immer weiter, näher zu ihm hin. Wir werden ihm im Laufe des Lebens ähnlicher, kommen langsam in sein Licht und sehen klarer. Unser Eigenwille, der uns von ihm trennt, verliert seine Macht, weil die Macht des Lichtes Gottes uns umfängt.

Amen.

Ich bin getauft

Predigt über Römer 6, 3- 8: Taufe und neues Leben

6. Sonntag nach Trinitatis, 24.7.2022, Luther- und Jakobikirche Kiel

Römer 6, 3- 8:
3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

Liebe Gemeinde.

Drei Kirchenkreise in Schleswig-Holstein feiern in diesem Sommer große Tauffeste am Strand: In Büsum, in Eckernförde und in Kiel finden sie statt, und alle sind ausgebucht. Die Feste werden aus einem guten Grund veranstaltet: Während der vergangenen Jahre sind im Norden wegen der Pandemie weniger Menschen in die Kirche aufgenommen worden. Viele Leute haben sich in der Corona-Zeit von der Kirche entfernt und finden nicht mehr zurück. Deshalb wird ihnen nun dieses Angebot gemacht, und es scheint gut anzukommen. Hier in Kiel soll es am 13. August am Skagerakufer in Friedrichsort geschehen. Etwa 85 Täuflinge werden es sein, d.h. bis zu 1000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind dabei. Die Familien können es sich auf Decken auf der Wiese hinter dem kleinen Strand gemütlich machen. Während des Gottesdienstes gehen sie nacheinander mit Ihrem Pastor oder ihrer Pastorin ans Wasser zur Taufe. Bis zu sieben Taufen sollen gleichzeitig stattfinden. Nach einem gemeinsamen Abschluss des Gottesdienstes können die Gäste dann auf der Wiese picknicken. Jeder und jede bringt das Essen und die Getränke für sich und seine Gäste selbst mit. Es werden also überall fröhliche Feste.

Doch wie passt das mit dem Abschnitt zusammen, den wir vorhin aus dem Römerbrief gehört haben? Paulus schreibt da etwas über die Bedeutung der Taufe. Aber er betont nicht die Freude und das Leben. Am häufigsten stehen da vielmehr die Worte „Tod“, „Sterben“ und „Begrabenwerden“. Er sagt gleich am Anfang: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod.“ Und das klingt eher düster. Es scheint mit unseren schönen Tauffeiern irgendwie nichts zu tun zu haben.

Aber das ist zu kurz gedacht. Wir müssen den Text genau lesen, dann entdecken wir, dass dort genauso oft Begriffe wie „neues Leben“ und „Auferweckung“ stehen. Und am wichtigsten ist ein kleines Wort, das hier insgesamt fünf Mal vorkommt, und das ist das Wort „mit“. Es bezieht sich auf Christus und uns und beschreibt unsere Gemeinschaft „mit“ ihm. Sie entsteht in der Taufe, denn da werden wir „mit ihm verbunden“, und das heißt, dass wir auch an seinem Schicksal Anteil gewinnen. Wir werden also auch „mit ihm gekreuzigt“, wir „sterben mit ihm“, werden „mit ihm begraben“, um dann aber auch „mit ihm auferweckt“ zu werden und „in einem neuen Leben zu wandeln“. Das ist das, was Paulus hier sagt.

Es geht ihm bei der Taufe also um mehr, als um ein Fest des natürlichen Lebens. Es entsteht eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Christus und uns. Und die markiert einen tiefen Einschnitt, der wie ein Sterben und wieder Auferstehen ist. Es gibt ein Einst und das Jetzt, und die sind klar voneinander abgegrenzt. Die Taufe hat für Paulus also eine tiefe Bedeutung, und es ist gut, wenn wir das ernst nehmen.

Dabei müssen wir natürlich berücksichtigen, dass er die Kindertaufe noch gar nicht kannte. Für ihn hing die Taufe vielmehr immer mit dem Bekenntnis zum christlichen Glauben zusammen. Wer die Predigt des Evangeliums gehört hatte und sich daraufhin zu Christus bekehrte, wurde getauft. Der Taufe ging also eine bewusste Entscheidung vorweg, und sie erfolgte im Erwachsenenalter. Sie markierte demnach immer eine einschneidende Veränderung im Leben eines Menschen.

Daran denkt Paulus hier, und viele Kirchengemeinschaften sehen das heutzutage noch genauso. Sie sagen: Vor der Taufe muss die Bekehrung zu Jesus Christus und der Glaube an ihn stehen. Erst wenn ein Mensch merkt, dass er das Heil braucht, wenn er gesündigt hat und darunter leidet, wenn er gerettet werden möchte und sich deshalb an Jesus Christus wendet, ist die Taufe sinnvoll. Sie ist dann ein Ausdruck dafür, dass ein Mensch sich für Jesus Christus entschieden hat. Sie ist ein öffentliches Bekenntnis und die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft. Wir nennen sie auch „Gläubigentaufe“, die erst im religionsmündigen Alter erfolgt, also nach dem 14. Lebensjahr.

Die Kirchen und Gemeinschaften, die sie praktizieren und das so verstehen, kritisieren die Kindertaufe, und lehnen sie sogar ab. Taufen, bei denen man nichts vorweisen muss, sind ihrer Meinung nach ungültig. Menschen, die eventuell als Babys getauft wurden, sich als Erwachsene dann aber bekehren, werden deshalb z.B. bei den Baptisten noch einmal getauft. Und Tauffeste, wie sie jetzt in unserer Kirche stattfinden, werden sicher hinterfragt, denn da dürfen bewusst alle mitmachen, die irgendwie meinen, dass die Taufe gut für sie ist. Sie werden nicht lange vorher unterrichtet oder auf ihr Gewissen geprüft. Bei der Kindertaufe ist das schließlich auch so, und die ist schon lange bei uns Praxis.

Trotzdem sollten wir uns ernsthaft fragen, was dabei eigentlich geschieht. Welche Bedeutung hat die Taufe denn nun? Und wie wirkt sie sich im Leben aus? Wenn wir die Bemerkungen von Paulus ernst nehmen, ist sie auf jeden Fall mehr als ein schönes Ritual und hat durchaus Folgen für das Leben. Eine Kindertaufe befreit uns nicht davon, uns auch zu Jesus Christus zu bekehren, mit ihm zu leben und sich von dem Heil, das er uns schenkt, prägen zu lassen. Sonst kann ihre Wirkung sich nicht entfalten.

Und was das heißt, können wir uns sehr schön mit dem Symbol des Wassers klar machen. Lasst uns dieses Element und unsere Beziehung zu ihm deshalb noch einmal bedenken. Es hat hauptsächlich zwei Funktionen. Für die Bedeutung der Taufe ist als erstes wichtig, dass man darin untergehen kann. Man kann ertrinken oder etwas „ersäufen“. Dieser Ausdruck kommt von Luther, und für ihn ging es dabei um den „alten Adam“. Er sagt im Kleinen Katechismus: „Das Taufen mit Wasser bedeutet, dass der alte Adam in uns […] soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten.“ Luther stellt sich also vor, dass unsere Sünden ertränkt werden. Das Böse geht unter. Das meint auch Paulus, wenn er vom Sterben und vom Tod spricht. Und das sollte durchaus in unserem Leben geschehen. Es ist wie ein geistiges oder seelisches Untertauchen, bei dem die Macht der Sünde stirbt. Mit Sünde sind dabei die zerstörerischen Kräfte gemeint, die überall am Werk sind. Wir kennen sie gut: Es sind z.B. Angst und Misstrauen, Hass und Feindschaft, Neid und Zorn. Davon sind übrigens auch Kinder nicht frei. Im Gegenteil, wenn wir sie nicht davon abhalten, leben sie die negativen Triebe manchmal viel erbitterter aus, als wir. Denn die Sünde schlummert von Anfang an in unserer Seele und unserem Denken.

Wenn wir ein schönes und helles Leben führen wollen, müssen wir diesen negativen Kräften etwas entgegensetzen, sonst können sie uns zerstören. Und dabei hilft es, wenn wir uns vorstellen, dass wir sie „ersäufen“. Wenn wir getauft sind, müssen wir das allerdings nun nicht alleine tun. Es ist keine moralische Leistung oder eine seelische Kraftanstrengung. Sowohl Luther als auch Paulus vertrauen vielmehr darauf, dass es „mit Christus“ geschieht, d.h. durch seine Gegenwart und dank seines Heilswerkes. Die haben wir empfangen und daran können und sollen wir immer wieder denken. Er ist für uns gestorben und auferstanden, und es ist gut, wenn wir uns ihm „täglich“ anvertrauen.

Dann geschieht das, wofür das Wasser außerdem ein Bild ist: Es steht genauso für Leben und Kraft. Wir können im Wasser nicht nur untergehen, sondern wir brauchen es zum Dasein: Wir trinken es und würden ohne Wasser verdursten. Der Regen befruchtet die Erde und verhilft allen Pflanzen und Tieren zu Wachstum und Gedeihen. Und das können wir ebenfalls auf den Glauben übertragen. Mit diesem zweiten Bild wird deutlich, dass Jesus Christus durch den Glauben und die Taufe in uns einzieht und uns neue Kraft schenkt. So verstanden das auch Luther und Paulus. Das „Untergehen der Sünde“ ist für sie kein Selbstzweck. Es dient vielmehr dazu, dass „täglich ein neuer Mensch herauskommen und auferstehen soll, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ So formuliert Luther es weiter. Und Paulus schreibt: „Denn wer [so] gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ Er wird unserer „Seele Trieb und Kraft“. (EG 406,1)

Wir sterben also im Vertrauen auf Gott. Wir denken an seine schöpferische Kraft, an die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus und lassen die an uns wirken. Gott ist voller Liebe und Erbarmen gegenüber uns. Er will uns befreien und neu schaffen, immer wieder. Wenn wir uns das vorstellen, erleben wir seine Kraft auch. Ob es nun vor oder nach der Taufe geschieht, entscheidend ist, dass wir „bei Jesus bleiben“ und ihm „treu“ sind. (EG 406,1.3)

Wir haben am Anfang des Gottesdienstes ein Lied gesungen, in dem das Wasser ebenfalls als Bild vorkommt (EG 615). Der Text ist von Gerhard Tersteegen, einem Mystiker aus dem 18. Jahrhundert, von dem wir viele Lieder haben. In diesem spricht er von dem „Meer der Liebe“, in das wir uns „versenken“ können. Für ihn war das ein wohltuender innerer Vorgang, zu dem er mit dem Lied einladen möchte. Wenn wir ihm folgen, geht es auch uns gut: Wir lassen uns selber los und tauchen in etwas Größeres ein. Wir denken nicht mehr an all das, was uns gefangen hält, sondern beten die „Macht der Liebe“ an. Wir verlieren alles Schwere, werden getragen und gehen ganz in der Liebe Gottes auf.

Etwas später kommt das Bild vom Wasser in diesem Lied noch einmal vor: Es ist nun das Element, das wir trinken, das uns „zuströmt“ (EG 406,1) und von dem wir leben. In Strophe vier heißt es: „Ehr sei dem hohen Jesusnamen, in dem der Liebe Quell entspringt, von dem hier alle Bächlein kamen, aus dem der Sel‘gen Schar dort trinkt.“ Auch Tersteegen benutzt die beiden Seiten des Wassers, um deutlich zu machen, wie der Glaube sich im Leben ereignen kann.

Die Taufe und das Symbol des Wassers sind also sehr schön geeignet, das Leben mit Jesus Christus zu veranschaulichen. Unser ganzes Dasein wird dadurch kraftvoll und leicht. Wir haben es gut, werden frei und unbeschwert. Denn wir sind nicht mehr von den dunklen Mächten bestimmt, sondern die Liebe und das Erbarmen Gottes umgeben und erfüllen uns. Wir leben „getrost“ (EG 406,2) und zuversichtlich.

Deshalb ist es durchaus sinnvoll, eine Taufe fröhlich zu feiern. Sie muss nicht ernst und düster sein, denn sie ist ein Fest des Lebens und der Liebe, das Freude bereitet. Das ist das Ziel der Tauffeste, und es ist gut und schön, dass die Teilnahme ohne Hürden möglich ist und so viele Menschen mitmachen wollen. Möge es dort so entspannt und heiter zugehen, wie alle sich das wünschen.

Amen.

Seid barmherzig!

Predigt über Johannes 8, 3-11: Jesus und die Ehebrecherin

4. Sonntag nach Trinitatis, 10.7.2022 9.30 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Steine liegen überall herum, in ganz verschiedenen Größen, Farben und Beschaffenheiten, und wir brauchen sie für viele Dinge: Zum Bauen und Dekorieren, als Werkzeug, aber auch als Waffe. Das ist heutzutage zwar nicht mehr regelmäßig der Fall, aber wenn man will, kann man jemand anders mit einem Stein sehr verletzen und sogar töten. In der Bibel gibt es darüber mehrere Geschichten, besonders über Steinigungen. Damit wurden Menschen gezielt hingerichtet, und das passierte nicht selten. Bei bestimmten Gesetzesverstößen wurden sie so lange mit Steinen beworfen, bis sie starben.

Es gibt allerdings eine Steinigungsgeschichte im Neuen Testament, die hat sozusagen ein Happy End. Es ist die von Jesus und der Ehebrecherin. Sie steht im Johannesevangelium Kapitel acht, Vers drei bis elf und ist heute unser Predigttext. Sie lautet folgendermaßen:

Johannes 8, 3-11
3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte
4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?
11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Der Herr segne an uns dieses sein Wort.

Die Geschichte, trägt in der Lutherbibel die Überschrift: „Jesus und der Ehebrecherin“. Aber eigentlich müsste man sie überschreiben: „Jesus und die Schriftgelehrten und die Ehebrecherin“, denn um diese Personen geht es hier. Es sind in Wirklichkeit drei Parteien, und der erste Teil der Erzählung beschäftigt sich auch hauptsächlich mit den Schriftgelehrten und Pharisäern. Jesus hat sich ja oft mit ihnen auseinander gesetzt. Sie mochten ihn nicht, denn er legte das Gesetz anders aus, als sie das taten. Sie hielten sich an das, was geschrieben stand, er dagegen sah vieles in ihren Augen zu großzügig. Im Gesetzbuch des Moses steht z.B.: „Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebre­cherin, weil er mit der Frau seines Nächsten die Ehe gebro­chen hat.“ (3. Mose 20,10) Auf Ehebruch stand also die Todesstrafe, die gewöhnlich durch Steinigung erfolgte. Und diesen klaren Fall legen die Gesetzeshüter Jesus hier vor. Sie wussten, dass er mit anerkannten Sündern Freundschaften pflegte, und sie ärgerten sich darüber. Jetzt sahen sie eine wunderbare Gelegenheit, ihm einmal eine Falle zu stellen:

Entweder gab er zu, dass das Gesetz galt, und diese Frau bestraft werden musste, dann hätten sie ihm endlich vorhalten können, dass seine Freundschaft mit Sündern ein schwerer Fehler war. Oder er verschonte die Frau und missachtete das Gesetz, dann hätte er aber nicht mehr im Namen Gottes auftreten dürfen. Dann wäre endlich klar, dass er sich gegen Gottes Gebote auflehnte. Freundschaft mit Sündern und Anerkennung des Gesetzes ließ sich ihrer Meinung nach jedenfalls nicht miteinander vereinbaren, und sie wollten mit dieser Frau ein Beispiel für die Gottlosigkeit Jesu anführen. So fragten sie ihn: „Was sagst du zu diesem Fall?“ und das war eine gefährliche Bosheit.

Aber Jesus geht auf ihre Fragen gar nicht ein. Er schweigt, weil er sich ihnen überlegen fühlt. Das Schreiben in den Sand soll das deutlich machen. Er zögert die Auseinandersetzung hinaus, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und hält das Ganze auch nicht für dringlich. Erst nach beharrlichem Weiterfragen gibt er eine Antwort, die allerdings keiner erwartet hat: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Das ist zwar eine Reaktion, aber eine Antwort auf ihre Frage ist es nicht. Denn was Jesus entgegnete, liegt auf einer völlig anderen Ebene, als die Anklagen und die Heimtücke der Pharisäer. Sie verändert deshalb die Situation. Zunächst einmal zerreißt Jesus damit den Fallstrick, den sie ihm gelegt hatten, und dreht den Spieß um. Er entlarvt die selbstgerechte Überheblichkeit seiner Gegner. Aus den Anklägern werden Angeklagte. Sie müssen sich beschämt davon stehlen. Einer nach dem anderen legt den Stein ab, und sie gehen weg.

Erst danach tritt die Frau in den Mittelpunkt. Jesus ist jetzt mit ihr allein, und nun geht es um sie. Er spricht sie an und fragt sie, wo ihre Ankläger geblieben sind. Wahrscheinlich ist sie selber ganz überrascht, dass sie gerettet wurde, und niemand sie verurteilt hat, auch Jesus nicht. Aber er sagt ihr: „Sündige hinfort nicht mehr.“ Und damit gibt er ihr die Möglichkeit, ihr Leben neu zu beginnen.

Das ist die Geschichte, und es geht darin um die Frage, wie schnell wir aufeinander losgehen, wie wir unsere Konflikte lösen und zu einem friedlichen Miteinander kommen.

Dazu könnt ihr euch einmal vorstellen, dass ihr einen Stein in der Hand habt, der ungefähr so groß ist wie ein Tennisball. Wie weit könntet ihr damit werfen? Und könntet ihr ein Ziel treffen? Würdet ihr ihn auf jemanden schmeißen, der euch verletzt oder zornig gemacht hat? Oder das doch lieber nicht?

Wahrscheinlich merkt ihr schon, dass es besser ist, den Stein aus der Hand zu legen, wir richten sonst nur Unheil an. Aber Situationen, in denen wir dazu tendieren, kennen wir sicher alle. Es kann z.B. sein, dass uns die Meinung eines anderen Menschen unglaublich wütend macht. Und dann fliegen manchmal wirklich Steine. Bei einigen Demonstrationen ist das z.B. so, da werden gelegentlich Pflastersteine aus dem Boden gerissen und geworfen. Um das zu verhindern, gibt es deshalb oft ein riesiges Aufgebot an Polizei. So waren bei den Demonstrationen gegen den G7-Gipfel genauso viele Ordnungshüterinnen wie Demonstranten. Dieses Mal ist zum Glück alles gut gegangen, aber wir wissen, dass das in den Vorjahren lange nicht immer so war.

Noch viel schlimmer sind die Kriege, von denen wir hören. Da fliegen nicht nur Steine, sondern Raketen und Bomben, wie wir gerade trauriger Weise aus der Ukraine hören. Wir lehnen das alle zutiefst ab, finden es entsetzlich und abscheulich. Gegen so viel Gewalt haben wir eine natürliche Sperre.

Trotzdem können wir von der Geschichte mit der Ehebrecherin etwas lernen. Es gibt ja auch verbale Steine, die wir uns gegenseitig an den Kopf werfen, wie Beschimpfungen, Beleidigungen, Verleumdungen und Lügen. Und das geschieht dauernd, denn wir sind nicht frei von Aggressionen und gehen durchaus aufeinander los. Wir können unsere Feinde oder die, die uns aufregen, sehr gut treffen und verletzen mit dem, was wir sagen. Auch Vorwürfe gehören dazu, das Vorhalten von Fehlern und das Aufzählen von Sünden. Wir tun den anderen damit bewusst weh, machen ihnen Angst und setzen sie unter Druck. Oft sind wir genauso hart und kalt gegen einander wie die Pharisäer gegenüber dieser Frau. Wir kommen also durchaus in der Geschichte vor.

Und auch wir werden von Jesus daran erinnert, dass keiner und keine von uns ohne Fehler ist. Wir selber machen genauso viel falsch. Dieses aggressive Verhalten z.B., das zeichnet uns nicht gerade als Engel aus. Und es wäre besser, wenn wir darüber zunächst nachdenken. Bevor wir aufeinander losgehen, sollten wir immer versuchen, zuerst uns selber zu erkennen und unsere Wut zu bremsen. Dann können wir unsere Steine nämlich ablegen. Das ist nicht ganz leicht. Dazu gehört Mut und Überwindung, denn es tut weh, die eigenen Sünden zuzugeben.

Aber auch in unseren Konflikten gibt es nicht nur zwei Parteien, sondern noch eine dritte Person, und das ist Jesus. An ihn können wir uns wenden, vor ihm müssen wir uns nicht fürchten, ganz gleich, wie es um uns steht. Denn Jesus vergibt uns, er nimmt uns an. Ich empfange bei ihm Liebe und Freundlichkeit, und die kann mich beruhigen und heilen. Er nimmt mir liebevoll meine Steine aus der Hand. Meine Wut klingt ab, und ich werde frei. Ich gewinne auch einen neuen Blick für die Wirklichkeit. Ich sehe mich und die anderen Menschen plötzlich in einem neuen Licht. Ich kann die anderen besser verstehen, auf sie zugehen und ihnen die Hand zur Versöhnung reichen.

Die Erfahrung der Liebe Christi verändert uns, das soll die Geschichte deutlich machen. Auch unser Miteinander gewinnt eine ganz andere, neue Qualität, wenn wir Jesus in unsere Mitte lassen. Denn durch seine Liebe und Vergebung können wir auch einander vergeben und Konflikte friedlich lösen.

Amen.

Tut Buße!

Predigt über Jona 3, 1- 10: Jonas Predigt und Ninive Buße

2. Sonntag nach Trinitatis, 26.6.2022, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Jona 3

1 Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona:
2 Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!
3 Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß.
4 Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.
5 Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und bließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.
6 Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche
7 und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe Nahrung zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen;
8 und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und zu Gott rufen mit Macht. Und ein jeder bekehre sich von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände!
9 Wer weiß? aVielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben.
10 Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie asich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.

Liebe Gemeinde.

Der christliche Ruf zur Buße begann mit Johannes dem Täufer. Jesus rief dann ebenfalls zur Umkehr, und das wurde im Urchristentum fortgesetzt. Der Grund war die nahende Gottesherrschaft, die auch Paulus betonte. Schon sehr früh entstand in diesem Zusammenhang das Amt des Bindens und Lösens.
In der Alten Kirche setzte sich die Vollmacht dieses kirchlichen Amtes durch und es entstand eine öffentliche Bußpraxis.
Im Mittelalter wurde die private Buße wichtiger und mit ihr die Zurechtweisung der Einzelnen. 1215 wurde sie zum Sakrament erklärt, das für jeden Christen und jede Christin heilsnotwendig ist.
Luther sah das etwas anders. Die Buße war für ihn kein Sakrament und nicht an das Priesteramt gebunden. Er betonte, dass die wahre Buße dem Glauben entspringen muss.
In der Neuzeit verlor die Buße allgemein an Bedeutung. Sie ist heutzutage nur noch ein einzelner Akt im christlichen Leben und im Bereich der Seelsorge und Spiritualität angesiedelt. ––

Das war jetzt ein kurzer Überblick über die Geschichte der Buße und Beichte im Christentum.

Aber es gibt sie aber natürlich auch außerhalb des Neuen Testamentes und der Kirche: Wir haben vorhin eine Geschichte aus dem Alten Testament gehört, die davon erzählt. Es ist die Bußpredigt des Propheten Jona an die Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt Ninive und ihre Folgen.

Ninive war die Hauptstadt des assyrischen Reiches, deren „Bosheit zu Gott herauf gedrungen war“, wie es am Anfang des Jonabuches heißt. (Jona 1, 2) Der Prophet erhält deshalb den Befehl, dorthin zu gehen und gegen ihre Sünde zu predigen. Das wollte er zuerst nicht, denn die Stadt lag außerhalb Israels, und er hatte Angst vor dem Auftrag, aber Gott setzte sich durch und Jona kam nach einem Umweg dort an.

In der großen Stadt, in die er sich einen Tagesmarsch weit hineinbegeben hat, verkündet er dann seine Gerichtsdrohung: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“ Danach verlässt er die Stadt und wartet an einem Ort östlich von ihr das Eintreffen seiner Drohung ab. (Jona 4,5) Aber es kommt anders, als er es sich denkt und wünscht. (Jona 4, 1-4) Seine Predigt bewirkt die Umkehr und Buße der Niniviten. Darüber wird sehr ausführlich berichtet: Sie glauben an Gott und tun Buße, indem sie von sich aus ein Fasten ausrufen und sich in das Bußgewand aus Sackleinwand kleiden. Und als der König von der Sache erfährt, vertauscht er nicht bloß für sich selbst seinen Thron mit dem Aschehaufen und seinen Königsmantel mit dem Bußkleid, sondern er ordnet durch ein amtliches Edikt eine allgemeine Bußfeier an, in die selbst das Vieh als zur Hausgemeinschaft gehörig mit eingeschlossen wird. Dabei lässt er es nicht nur bei den kultischen Bußriten bewenden, sondern die Buße soll wirkliche Besserung des Wandels, Abkehr von Frevel und Sünde im Gefolge haben. Das Motiv ist die Hoffnung auf die Gnade Gottes, die am Schluss des königlichen Erlasses zum Ausdruck kommt mit den Worten: „Wer weiß? Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben.“ Die Leute erkennen zwar, dass sie Gott nicht zwingen können, von dem angekündigten Gericht abzulassen, aber sie hoffen, dass die göttliche Vergebung als ein unverdientes Geschenk zu ihnen kommt. Und diese Hoffnung wird erfüllt: Gott lässt die reuigen Sünder nicht fallen und sieht von der Strafe ab: „Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.“

So endet die Geschichte und sie besagt: Es ist kein Volk und kein Mensch so schlecht, dass ihm die Möglichkeit, Gottes Wort zu hören und sich zu Gott zu bekehren, dauerhaft verschlossen bliebe. Gottes Gnade und Barmherzigkeit kennt keine Grenzen, sie ist nicht gebunden an das Volk Israel, sondern wird da wirksam, wo Menschen in aufrichtiger Reue und Buße nach ihr verlangen.

Die Geschichte ist deshalb ein sehr schönes Beispiel für die Gültigkeit des Heilandsrufes Jesu, der heute unser Wochenspruch ist: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Mt. 11,28) Jesus ist gekommen, um Sünder und Sünderinnen zu retten und selig zu machen. Wer zu ihm umkehrt, wird seine Gnade erfahren und das Geschenk der Vergebung bekommen, genauso wie damals die Niniviten.

Das klingt zunächst ganz schön, aber geht es uns damit wirklich gut? Das Thema hat ja eine sehr dunkle und schwere Seite. Wer will sich schon mit seinen Sünden beschäftigen? Der Ruf zur Umkehr appelliert an unser schlechtes Gewissen, an Schichten in unserer Seele, die wir lieber verbergen. Er ist ungemütlich und macht Angst. Wir stellen uns dabei einen Gott vor, der leicht zornig wird, uns ständig ermahnt und von dessen Gnade wir abhängig sind. Und dieses Gottesbild lehnen wir ab, davon wollen wir nichts wissen. Wenn er so ist, leben wir lieber ohne ihn.

Aber ist das wirklich gut? Und ist das Thema Buße und Umkehr tatsächlich so düster? Lasst uns darüber noch einmal etwas gründlicher nachdenken.

Wir geraten ja durchaus in Schuld, bewusst oder unbewusst, nach unserem Willen oder gegen ihn: Von vielen Verhaltensweisen, die wir uns bei unserer Art zu leben, angewöhnt haben, wissen wir ganz genau, dass sie nicht gut sind: Wir zerstören das Klima durch unseren hohen Energieverbrauch, befördern das Artensterben durch die Versiegelung der Landschaft, lassen Menschen in ärmeren Ländern für uns zu Hungerlöhnen arbeiten, usw. Die Liste der kollektiven Schuldzusammenhänge, in die wir verflochten sind, ist lang. Als Einzelne können wir uns da nicht heraushalten, und es entsteht ein Gefühl der Ohnmacht. Wenn wir ehrlich sind, lastet ständig ein Druck auf uns. Man kann natürlich versuchen, von der Schuld abzulenken, wegsehen, so tun, als hätte man sie vergessen, oder sich einreden, es sei alles nicht so schlimm. Das machen wir auch, indem wir uns die unausweichlichen Zusammenhänge erklären, uns dafür entschuldigen oder unser Verhalten rechtfertigen. Aber das geht immer nur für kurze Zeit, und plötzlich steht einem alles wieder vor Augen. Letzten Endes werden wir damit nicht fertig. Wie ein Schatten ist die Schuld uns immer wieder auf den Fersen, und das können wir irgendwann auch nicht mehr aushalten.

Es ist deshalb gut, dass es doch noch eine andere Möglichkeit gibt, daraus zu entkommen, und die wird uns in der Buße und Beichte vorgeschlagen. Gott bietet uns darin den Zuspruch der Vergebung an. Wir müssen uns nur zu ihm hinwenden und auf sein befreiendes Wort hören. Dann kann wieder Hoffnung aufkommen. „Die Beichte gibt Raum für alles, was ein Menschenleben ausmacht, auch das Dunkel, das Versteckte, das Bedrohliche; und sie gibt Raum dafür, dass es überwunden und abgelegt wird.“ (Lutherische Agende III.3, die Beichte, Hrg. Kirchenleitung der VELKD, Ausgabe 1993, S. 7f) Sie ist ein Teil des Evangeliums.

Und dafür gibt es in unserer Kirche sogar eine Form, eine Agende, in der Vorschläge für die Gestaltung von Beichtgottesdiensten und der Einzelbeichte zusammengestellt sind. Denn Luther hat das wie gesagt nicht abgelehnt. Er hielt viel von der persönlichen Beichte, auch wenn er sie nicht zum Sakrament erklärt hat. So sagte er einmal in einer Predigt: „Die heimliche Beichte will ich von niemandem nehmen lassen und wollte sie nicht um der ganzen Welt Schätze geben, denn ich weiß, was Stärke und Trost sie mir gegeben hat. Ich wäre längst vom Teufel überwunden und abgewürgt worden, wenn mich diese Beichte nicht erhalten hätte“. (Sermon. Gepredigt am Sonnabend vor Reminscere 1522. WA 10,III, 63,23ff) Luther hat erlebt: Das Aussprechen des Verborgenen im Vertrauen erleichtert. Und noch viel wichtiger ist dabei: Es erfolgt immer ein Freispruch durch eine andere Person. Für Luther musste das nicht der Priester sein. Er fand, dass alle Christen von ihrem Herrn den Auftrag haben, sich gegenseitig anzuhören und mit der Vergebung durch Christus einander zu trösten. Jede Christin kann einem anderen Christen die Vergebung zusprechen, und das wirkt befreiend. Wir werden herausgelöst aus der zermürbenden Spannung zwischen dem, was wir sein wollen und dem, was wirklich ist. Die Bedrängnis nimmt ab.

Und das liegt daran, dass Schuld nicht nur ein unangenehmes, negatives Gefühl oder eine moralische Verfehlung ist. Die Bibel sieht dahinter vielmehr die Sünde, und die ist noch mehr: Sie kommt erst in der Begegnung mit Gott ans Licht und stört die Beziehung zu ihm. Und sie hat Auswirkungen, denn sie beeinträchtigt ebenso unser Verhältnis zu uns selbst und unsere Beziehung zu anderen Menschen. Deshalb gibt es in der Bibel Geschichten wie die von Jona. Sie macht die Notwendigkeit deutlich, persönliche und gesellschaftliche Schuldzusammenhänge zu erkennen, sie einzugrenzen und nach Möglichkeit zu lösen. Gleichzeitig stellt sie klar, dass diese Schuldzusammenhänge letzten Endes erst dann bewältigt werden, wenn der Mensch zuvor mit Gott ins Reine gekommen ist.

Und genau das geschieht in der Beichte: „Der Mensch erkennt die Schuld, die er veranlasst hat oder in die die Verhältnisse ihn verstrickt haben, er bereut und bekennt sie. Sie wird ihm daraufhin im Auftrag des Herrn und in seinem Namen vergeben. Wo das geschieht, werden Selbstrechtfertigung und Entschuldigungen überflüssig. Sie werden von der Wahrheit Gottes überführt und von seiner Vergebung überholt. Der Mensch wird frei. Er kann sich den Aufgaben seines Lebens mit neuem Mut und neuer Zuversicht zuwenden.“ So steht es in den Erläuterungen der Beichtagende. (s.o., S.11) Und weiter heißt es dort: „Die Beichte ist demnach keine beklemmende Angelegenheit, sondern Ausdruck der ,Freiheit eines Christenmenschen‘. […] Entsprechend hat die Reformation geraten: Ein Mensch soll in der Beichte […] seine Sünden einfach Gott vor die Füße legen und ihn um sein Erbarmen bitten.“ (S.12) Dann wird sie ihm vergeben. „Gott wird das Übel, das er uns angekündigt hatte, bereuen, und es nicht tun.“ Vielmehr wird das Evangelium von der Gnade Gottes und dem Geschenk der Vergebung lebendig und wirksam.

Lasst uns deshalb freudig „zu Jesus Christus kommen, Buße tun und mit ihm leben ewiglich“ (EG 234,1.7)

Amen.

Das Leben im Geist

Predigt über Römer 8, 1.2.10.11: Der Geist macht frei und lebendig
Pfingstsonntag, 5.6. 2022, 9.30 Uhr Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wir blicken immer mal gern zurück und erinnern uns an besondere Ereignisse in unserem Leben, je älter wir werden, umso häufiger. Es ist bei allen von uns hoffentlich viel Schönes dabei, aber das ist sicher nicht das Einzige. Es gibt auch Trauriges und Schweres in unserer Vergangenheit, denn unser Leben verläuft nicht glatt: Wir werden von anderen Menschen enttäuscht, erleiden Misserfolge und machen Fehler. Und gerade das Letzte, unsere Mangelhaftigkeit und Schuld, kann uns am Ende des Lebens zu schaffen machen.

So habe ich Menschen getroffen, die im Sterben lagen und es damit schwer hatten, weil ihr Gewissen mit irgendetwas belastet war. Ebenfalls habe ich erlebt, dass Freunde nach vielen Jahren plötzlich das Bedürfnis hatten, sich bei mir für etwas zu entschuldigen, das tatsächlich nicht so nett gewesen war. Ich hatte es ihnen längst verziehen, aber es tat natürlich gut, die Sache endgültig aus der Welt zu schaffen.

Doch was sollen wir tun, wenn der Mensch, den wir verletzt haben, nicht mehr lebt? Dann ist es schwer, die Schuld loszuwerden, weil wir mit ihm nicht mehr darüber reden können. Wir verdammen uns möglicherweise für das, was wir getan haben, und unsere Sünde quält uns.

Dieses Erleben kannte auch Paulus. Er hatte ja keine reine Weste, denn vor seiner Bekehrung zu Jesus Christus hatte er Christen und Christinnen verfolgt und ausgeliefert. Auch bei vielen von ihnen konnte er sich nicht mehr entschuldigen, weil sie hingerichtet worden waren.

Auf diesem Hintergrund können wir gut verstehen, was für eine große Erleichterung es für ihn war, zu glauben, dass ihm alle seine Sünden durch Christus vergeben worden waren. Im Römerbrief beschreibt er diesen Vorgang ausführlich: Der Brief handelt von der Rechtfertigung allein aus Glauben, und der Höhepunkt ist das Kapitel acht. Es beginnt mit den Worten:

Römer 8, 1. 2. 10. 11:
„So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“
In Vers zehn und elf heißt es dann weiter:
„Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.
Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch ist, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“

Das ist heute unser Predigttext. Das Kapitel, in dem er steht trägt in der Lutherbibel die Überschrift: „Das Leben im Geist.“ Paulus kommt darin auf die Macht zu sprechen, die die Freiheit und den Frieden des Glaubens zur Wirkung bringt. Diese Freiheit hatte er wie gesagt in den vorhergehenden Kapiteln dargelegt. Er schreibt darin etwas über das neue Leben als Frieden mit Gott in Bedrängnis, als Rettung aus der Sünde durch die Taufe und als Freiheit von der Gefangenschaft im Gesetz. Im achten Kapitel setzt er diese Gedanken nun auf einer anderen Ebene fort: Er führt den Heiligen Geist ein. Wer „in ihm ist“ d.h. „in Jesus Christus“, hat „Leben und Friede“: Die Macht des Geistes Jesu Christi öffnet den Weg in die Freiheit zu einem Leben in Gerechtigkeit. Deshalb gibt es „keine Verdammnis für dich, der du in Jesus Christus lebst – er hat dich freigemacht!“ So lautet die Zusage von Paulus.

Dieser Ausdruck „keine Verdammnis“ zeigt, dass es um Letztes geht, um die Gültigkeit des Lebens, um das Urteil der Ewigkeit und ein großes Lebendigmachen. Paulus wechselt deshalb bewusst in die direkte Anrede, in das „du“, denn es kann nur geschehen, wenn die Angesprochenen ganz dabei sind und sich darauf einlassen.

Dabei ist der „Geist des Lebens“ in Jesus Christus die lebendige Macht, die aus der Sendung Jesu Christi durch Gott entstanden ist. Der Gottessohn kam in unsere Bedingungen und erfuhr am eigenen Leib alles, was zum Menschsein dazu gehört, auch die Sünde. Aber er ließ sich nicht auf ihren Sog ein, obwohl die Sünde gerade an ihm mit aller Macht zog. Sie brachte ihm schließlich Leid und sogar den Tod. Aber in der Auferstehung wurde dieser Tod zum Sieg. Die Herrschaft der Sünde ist durch den Opfergang Christi und seine Auferweckung zerbrochen worden. Gottes Wille kommt wieder zu seinem Recht und weist uns den Weg zum Leben. Und diese neue Möglichkeit wird uns „im Geist“ vermittelt.

Das sagt uns unser Text, und er ist damit ein Zuspruch und eine Ermahnung zugleich: Uns wird der Geist des Lebens zugesprochen, den wir durch Jesus Christus haben. Aber wir müssen auch darauf achten, dass wir wirklich „in ihm“ sind. Das ist die Ermahnung: Was uns geschenkt wurde, muss berührt und entfacht werden. Sonst bleibt es in uns ruhen, ohne dass es sich entfaltet. Der Glaube muss in uns wach werden, damit wir nicht in die weltliche Gesinnung zurückfallen, uns z.B. selber verdammen und nichts entschuldigen, denn das hätte tödliche Konsequenzen. Vor diesem Abgrund will uns der Heilige Geist bewahren. Er ist wie ein Funke, den der Wind zum Feuer entfacht, das dann zu einer Energiequelle in uns wird. Es setzt Kräfte frei, die das Leben stärken wollen. Sie bringen Freiheit gegenüber der Sünde, Hoffnung und Zuversicht.

Paulus will uns sagen: Ihr könnt der Gesetzmäßigkeit des Geistes folgen, auch wenn ihr noch in dieser Welt unter den Bedingungen der Sünde und des Todes lebt. Ihr habt die Freiheit, euch für das zu entscheiden, was durch den Glauben in euch liegt. Lebt, was ihr seid! Lernt eine eigene Gesinnung und übt euch darin. Unterscheidet euch von dem, was üblich ist, indem ihr die herabziehenden Trends der Sünde nicht mitmacht. Der Funke Christi sucht Herzen, in denen er brennen kann, damit das Leben siegt. Auch wenn die äußere Gestalt kümmerlich wird, ja selbst wenn sie stirbt, kann uns der Geist immer wieder neu entzünden.

Und das ist gerade im Alter gut zu wissen. Wenn wir zurückblicken, sollten wir daran glauben und uns dafür öffnen. Nicht die vielen einzelnen Ereignisse sind wichtig, seien sie nun schön oder schwer, sondern dass „Jesus unsere Freude ist.“ Dafür sollen wir uns entscheiden.

Und das heißt, dass wir unsere Gedanken in eine ganz bestimmte Richtung lenken. Natürlich können wir uns mit unseren Sünden beschäftigen und über alle unsere Fehler und Mängel traurig sein. Wir können uns an den Abgrund stellen und hineinstarren. Jeder und jede kennt diese Kräfte, die uns verschlingen wollen. Gerade wenn wir etwas bereuen und uns dafür nicht mehr entschuldigen können, zehren sie an uns und quälen uns.

Und auch andere negative Kräfte können uns bestimmen. Es gibt vieles, das uns herunterziehen kann: Traurigkeit und Angst, Einsamkeit und Kummer, Sorgen und Trübsal. Doch das müssen wir nicht zulassen, denn diese Kräfte sind nicht die einzige Realität, die unser Leben bestimmt. Das fühlt sich zwar so an, wenn wir darein versinken, aber es gibt auch noch eine andere Macht, für die wir uns öffnen können. Es ist die Macht des Heiligen Geistes. Sie kann die trüben Gedanken verscheuchen und uns von innen her aufrichten, wir müssen nur in sie eintreten, d.h. im Geist Jesu leben.

Es gibt eine fünfstimmige Motette von Johann Sebastian Bach, die diesen Zusammenhang sehr schön deutlich macht. Er hat sie zu dem Choral geschrieben „Jesu, meine Freude“. (BWV 227). Der Text dieses Kirchenliedes ist von dem Dichter Johann Franck und die Melodie von dem Komponisten Johann Crüger. 1653 ist es entstanden und es bildet das Grundgerüst der Motette von Bach. Das Besondere an diesem Werk ist nun, dass Bach zwischen die sechs Strophen des Chorals jeweils eine Stelle aus dem Römerbrief gesetzt hat, und zwar aus Kapitel acht, und es sind genau die Verse, die wir heute bedenken. Dadurch kommt der Zuspruchscharakter sowohl des Liedes als auch der Worte von Paulus sehr schön zur Geltung. Bach komponierte die Motette vermutlich für eine Begräbnis- oder Gedächtnisfeier, denn musikalisch ist sie im Ton einer Trauermusik gehalten. Der Text vermittelt die Abkehr von den weltlichen Dingen und lädt dazu ein, sich dem Geist Jesu zuzuwenden, der über alle Traurigkeit triumphiert.

In der ersten Strophe heißt es: „Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, […] außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.“ Auf sie folgt der Zuspruch von Paulus: „Es ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist.“ Damit wird sehr schön deutlich, dass wir nur dann ruhig werden, wenn wir uns mit unserer Sehnsucht nach Erlösung ganz auf Jesus verlassen, unser „Herz auf ihm weiden“ und ihn zu unserem „Liebsten“ machen. Denn nur „unter seinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.“ Er steht uns bei, selbst wenn noch so viele Stimmen uns bedrängen und verklagen wollen. „Jesus will mich decken.“ Auch das wird in der Motette wieder mit einem Satz aus dem Römerbrief begründet: „Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig machet in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“

So können wir „trotz des Todes Rachen, und der Furcht darzu“ dastehen und „in sicherer Ruh singen. Gottes Macht hält mich in acht.“ Gott ist auf jeden Fall auf unserer Seite, er beschützt und rettet uns.

Und das führt dazu, dass wir auch im Leid und angesichts des Todes froh und zuversichtlich bleiben. Ganz gleich, was um uns herum geschieht oder wie unser Leben verlaufen ist, wir werden mit Jesus auferweckt. In der Motette wird das durch den Vers bekräftigt, der auch heute den Abschluss bildet: „So nun der Geist des, der Jesum von den Toten auferwecket hat, in euch wohnet, so wird derselbige, […] auch eure sterblichen Leiber lebendig machen.“

Die Motette endet deshalb mit dem Triumph des Glaubens und der Freude. Das kommt in der sechsten Strophe des Liedes zum Ausdruck. Sie endet mit dem Satz: „Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu meine Freude.“

Amen.

Lied EG 396: Jesu, meine Freude

  1. Jesu, meine Freude,
    meines Herzens Weide,
    Jesu, meine Zier:
    Ach, wie lang, ach lange
    ist dem Herzen bange
    und verlangt nach dir!
    Gottes Lamm, mein Bräutigam,
    außer dir soll mir auf Erden
    nichts sonst liebers werden.
  2. Unter deinem Schirmen
    bin ich vor den Stürmen
    aller Feinde frei.
    Lass den Satan wettern,
    lass die Welt erzittern,
    mir steht Jesus bei.
    Ob es jetzt gleich kracht und blitzt,
    ob gleich Sünd und Hölle schrecken,
    Jesus will mich decken.
  3. Trotz dem alten Drachen,
    Trotz dem Todesrachen,
    Trotz der Furcht dazu!
    Tobe, Welt, und springe;
    ich steh hier und singe
    in gar sichrer Ruh.
    Gottes Macht hält mich in Acht,
    Erd und Abgrund muss verstummen,
    ob sie noch so brummen.
  4. Weg mit allen Schätzen;
    du bist mein Ergötzen,
    Jesu, meine Lust.
    Weg, ihr eitlen Ehren,
    ich mag euch nicht hören,
    bleibt mir unbewusst!
    Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod
    soll mich, ob ich viel muss leiden,
    nicht von Jesus scheiden.
  5. Gute Nacht, o Wesen,
    das die Welt erlesen,
    mir gefällst du nicht.
    Gute Nacht, ihr Sünden,
    bleibet weit dahinten,
    kommt nicht mehr ans Licht!
    Gute Nacht, du Stolz und Pracht;
    dir sei ganz, du Lasterleben,
    gute Nacht gegeben.
  6. Weicht, ihr Trauergeister,
    denn mein Freudenmeister,
    Jesus, tritt herein.
    Denen, die Gott lieben,
    muss auch ihr Betrüben
    lauter Freude sein.
    Duld ich schon hier Spott und Hohn,
    dennoch bleibst du auch im Leide,
    Jesu, meine Freude.


    Text: Johann Franck 1653
    Melodie: Johann Crüger 1653

In Christus sein und neu werden

Predigt über 1. Mose 1,1-4a.26-31a; 2,1-4a: Die Schöpfung
3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 11 Uhr, 8.5.2022, Jakobikirche Kiel

1. Mose 1,1-4a.26-31a; 2,1-4a: Die Schöpfung

1 1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
4 Und Gott sah, dass das Licht gut war.

26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

2 1So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.
2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.
3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.
4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Liebe Gemeinde.

Im Norden des Bundesstaates Kentucky in den USA wurde im Jahr 2007 das sogenannte „Creation Museum“ eröffnet. Es ist die Speerspitze einer Bewegung, die seit langem für die Schöpfungslehre und gegen die Evolutionstheorie kämpft. Es wird von fundamentalistischen Christen geführt, die zeigen wollen, dass die Schöpfungsgeschichte so, wie sie im Alten Testament steht, der Realität entspricht: Gott hat die Erde in sechs Tagen erschaffen. Wenn das nicht buchstäblich so gewesen sein soll, könnte der Rest der Bibel auch nicht wahr sein. Das ist ihre Befürchtung. Ihr ganzes Weltbild würde einstürzen. Daher muss die Schöpfungsgeschichte stimmen, und das versucht dieses Museum zu zeigen. Argumente der Naturwissenschaft werden dort entkräftet, um andere Erklärungen für die Entstehung der Welt zu finden.

Diese Bewegung ist nicht neu. Im Grunde hat es sie immer gegeben. Ihre Theorie wurde nur 1859 durch Charles Darwin in Frage gestellt, als dieser sein Werk „Die Entstehung der Arten“ veröffentlichte und darin die Grundlagen der modernen Evolutionstheorie legte.

In unserer Kirche folgen wir längst dieser Lehre und geben der Naturwissenschaft recht, die sagt: So, wie es in der Bibel steht, ist es nicht gewesen. Die Welt ist vielmehr in Millionen von Jahren entstanden, und ein Lebewesen hat sich aus dem anderen heraus entwickelt.

Doch wozu lesen wir die Schöpfungsgeschichte dann überhaupt? Was kann sie uns sagen? Das müssen wir uns fragen, und dabei kommen wir durchaus auf viele Antworten.

Zunächst müssen wir das Alter der Erzählung berücksichtigen: Vor ungefähr 3000 Jahren wurde sie aufgeschrieben und wahrscheinlich lange vorher bereits mündlich weitergegeben. Was in der Bibel steht, sind uralte Gedanken über Gott und die Welt und wie sie aufeinander bezogen sind. Glaube und Wissen gehörten für die Menschen damals zusammen. Denn wie die Welt entstanden war, lag außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Und so glaubten sie, dass Gott Himmel und Erde, d.h. schlechterdings alles ins Dasein gerufen hat. Dahinter stehen also sein Wille und seine schöpferische Kraft, und er ist der Herr der Welt. Die Menschen wollten mit diesem Bericht nicht nur etwas über ihre Entstehung sagen, sondern hauptsächlich über Gott, seine Macht und seine Möglichkeiten. Wir haben es demnach beim Schöpfungsbericht in erster Linie mit einem Glaubensbekenntnis zu tun.

Drei Abschnitte haben wir daraus eben gelesen, bzw. drei Schöpfungstage: Die Erschaffung des Lichtes, des Menschen und der Ruhe. Und die zeigen sehr schön, wer Gott ist und was er kann.

An der Erschaffung des Lichtes wird deutlich, dass Gott aus dem Chaos Ordnung herstellt. Vorher war „Tohuwabohu“, das ist das hebräische Wort für „wüst und leer“, das hier steht. Es bedeutet: Nichts hatte eine Gestalt, und Finsternis lag über allem. Doch dahinein hat Gott Licht geschickt, das alles durchflutete und Leben möglich machte. Damit kommt der Glaube zum Ausdruck, dass Gott durch seinen Willen und sein Wort das Chaos besiegt und die Welt vor dem Untergang bewahrt. Und das sind starke Aussagen über Gott und seine Kraft, die wir auch als moderne Menschen ruhig übernehmen können. Glaube und Wissen müssen sich nicht ausschließen und widersprechen. Auch ein Naturwissenschaftler kann an die Macht und den Willen Gottes glauben, der sich in allem zeigt. Beim Anerkennen des Schöpfungshandelns Gottes geht es um ein bestimmtes Bewusstsein, eine Lebenshaltung, die sich hauptsächlich durch Gottesfurcht und Demut auszeichnet: Wir gewinnen einen ehrfürchtigen Blick auf alles, und wir verstehen uns selber auch anders. Darauf zielt der Schöpfungsbericht jedenfalls ab.

Das wird an dem zweiten Teil deutlich, den wir vorhin gehört haben, dem sechsten Schöpfungstag. Da erschuf Gott den Menschen, und das war sein wichtigstes Werk. Denn er schuf ihn als „Gottes Ebenbild“. D.h. wir entsprechen ihm und sind ihm ähnlich. Er hat uns als ein Gegenüber geschaffen und zu seinen Artgenossen gemacht, mit denen er reden und Gemeinschaft haben wollte. Außerdem hat er uns eine Aufgabe gegeben: Wir sind auf die Erde gestellt, um seinen Herrschaftsanspruch zu wahren und durchzusetzen. Sie soll uns zwar nützen, d.h. wir leben von den Pflanzen und mit den Tieren, aber wir sollen sie gleichzeitig hegen und pflegen.

Und es ist nach wie vor gut und heilsam, wenn wir uns dieses Menschenbild zu eigen machen. Es stellt unsere Selbstherrlichkeit und Autonomie in Frage. Wenn wir uns so verstehen, kommt Harmonie sowohl in unser eigenes Lebensgefühl als auch in unseren Umgang mit der Natur. Denn dadurch weist uns unsere Herkunft, unser Wesen und unsere Bestimmung auf Gott hin. Wir sind auf ihn bezogen und verstehen uns von ihm her.

Und das gelingt am besten, wenn wir das Ende der Schöpfungsgeschichte beachten, den siebten Schöpfungstag, den wir vorhin ebenfalls vorgelesen haben. Da „ruhte“ Gott, und diese Ruhe bildet den Abschluss des Ganzen. Wir sollen sie wahrnehmen und werden dahinein eingeladen. Sie wird auch uns geschenkt, und sie ist der beste Ausdruck für die Nähe zu Gott. Wenn wir bei ihm und mit ihm sind, kehrt Ruhe ein, und umgekehrt: Nur wenn wir ruhig werden, können wir seine Gegenwart und Kraft auch spüren.

Das alles können wir dem Schöpfungsbericht entnehmen: Gott hat Macht über das Chaos, und wir sollen ihn ehren und loben. Als Menschen sind wir in der Verantwortung vor ihm und für die Schöpfung. Und in der Ruhe erleben wir seine Gegenwart und Nähe.

Und es ist gut, wenn wir das beachten, denn leider sind wir davon oft weit entfernt. Der Schöpfungsbericht ist wie eine Ermahnung und wird nicht umsonst mit der Geschichte vom Sündenfall fortgesetzt. Sie erzählt, wie der Mensch sich aus der Einheit mit Gott löste und sich gegen ihn stellte. Der Mensch entspricht Gott nicht mehr, seine Ebenbildlichkeit ist verzerrt und liegt tief verschüttet in seinem Unterbewusstsein. D.h. schon mit unserer Geburt kommen wir in eine sündige Welt hinein und können ihr kaum entfliehen. Wir geraten in Verstrickungen des Eigenwillens, sind zahllosen negativen Einflüssen ausgesetzt und machen im Leben viele Fehler. Das ist unser Schicksal, und wir können ihm aus eigener Kraft auch nicht entkommen. Wir schaffen es nicht, so zu leben, wie es am Anfang gedacht war. Das wird im Alten Testament durchaus erkannt und es ist fast überall Thema. Trotzdem finden wir dort keine befriedigenden Lösungen für dieses Problem, keine Antworten, die uns beruhigen können.

Die hat Gott erst später gegeben. Zum Glück geht seine Geschichte mit uns Menschen im Neuen Testament weiter: Gott hat unsere Unfähigkeit zum Guten erkannt und etwas zu unsrer Rettung getan. Er hat die Erschaffung des Menschen zu seinem Ebenbild noch einmal wiederholt: In Jesus Christus ist die vollkommene Gestalt des Menschen erneut sichtbar geworden: Er hat die Liebe Gottes ungetrübt in sich getragen, er war ganz von Gott erfüllt, hat seinen Frieden gelebt, sein Heil verkörpert und am Ende den Tod überwunden. Die Schöpfung ist in Jesus Christus neu geworden, das ist unser Glaube. Im Evangelium wird uns verkündet, dass wir durch ihn wieder Zugang zu unserem ursprünglichen Zustand gewinnen können. Mit seiner Hilfe finden wir den Weg zurück.

Er beginnt mit der Taufe, denn durch sie werden wir mit Christus verbunden. Er reicht uns seine Hand, wird unser Freund und begleitet uns unser Leben lang. Wir werden in die „neue Schöpfung“ hineingenommen, in die unsichtbare Wirklichkeit der Gegenwart und Liebe Gottes, und bekommen Anteil an der Ewigkeit. Wir werden ins Licht Gottes geholt, das uns immer wieder vor dem Chaos und dem Abgrund bewahren kann.

Wir müssen uns das nur so oft wie möglich bewusst machen, d.h. Jesus vor Augen haben, ihm nachfolgen und ihm vertrauen. Oft glauben wir ja an ganz andere Kräfte, an uns selber, unsere natürliche Lebensenergie, unser Denken und Wissen. Das geht zwar eine Zeit lang gut, aber irgendwann stehen wir an einer Grenze: Da tut sich das Unheil vor uns auf, Leid und Sinnlosigkeit drohen uns zu verschlingen. Dann ist es gut, auf jemanden zu vertrauen, der größer ist als diese Welt, der uns mit Gott verbindet und uns bewahren und retten kann, auf Jesus Christus. Er stellt die lebendige Beziehung zu Gott wieder her. Durch ihn werden wir wieder zu Ebenbildern Gottes, haben Gott als Gegenüber, und unser Denken, Fühlen und Handeln werden von ihm erfüllt. Wir müssen Jesus dafür nur in unser Herz hineinlassen, auf ihn hören und mit ihm gehen.

Und das gelingt am besten, wenn wir immer wieder die Ruhe suchen, das Gebet und den Gottesdienst, und uns bewusst im Glauben üben. Wir werden dann selber ruhig, verändern uns und gehen ganz anders mit uns, mit unseren Mitmenschen, mit den anderen Lebewesen um. Es eröffnen sich neue Wege, auf denen wir die Schöpfung nicht mehr ausnutzen, uns nicht gegenseitig bekriegen, sondern das Leben bewahren und Liebe in die Welt bringen.

Die Bibel und auch der Schöpfungsbericht enthalten also viele Wahrheiten, die die Naturwissenschaft nicht kennt. Durch sie gewinnen wir zwar viele Einblicke in die biologischen, chemischen und physikalischen Zusammenhänge und Abläufe der Welt und des Lebens, aber wie wir als Menschen am besten leben sollen, kann sie uns nicht sagen. Wie wir Schuld, Leid und Tod überwinden, wohin wir uns mit unserer Sehnsucht nach Frieden und Liebe wenden sollen, und worin der verborgene Sinn des Lebens liegt, diese Fragen bleiben unbeantwortet. Der Schöpfungsbericht bezieht all das mit ein und will darauf antworten.

Deshalb ist er kein Widerspruch, sondern eine gute Ergänzung zu unseren Forschungsergebnissen, und gerade für uns moderne Menschen unverzichtbar. Denn nur wenn wir die Macht Gottes und unsre Ebenbildlichkeit mit ihm erkennen, verlieren wir die Angst vor dem Chaos, finden Vergebung und Geborgenheit und werden ruhig und froh. Das uralte Wissen über Gott und die Welt eröffnet Möglichkeiten, mit der Welt und uns selber heilend und befreiend umzugehen. Jesus Christus hat uns das gezeigt und geschenkt.

Lasst uns deshalb mit ihm gehen. Er kann uns innerlich neu erschaffen und uns zu Menschen machen, die friedlich und liebevoll auf dieser Welt und miteinander leben.

Amen.

„Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin!“

Predigt über Kolosser 2, 12- 15
1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 24.4.2022, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Kolosser 2, 12- 15: Christus hat den Schuldbrief getilgt

12 Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
13 Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.
14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Gemeinde.

Lügen haben gerade Hochkonjunktur. Die russische Führung macht es uns vor: Die Verbrechen, die sie begehen, werden einfach geleugnet. Die Wirklichkeit wird so dargestellt, wie es ihnen passt, es wird gelogen, was das Zeug hält. Denn natürlich können sie die Gräueltaten, die sie begehen, nicht zugeben. Dann wäre alles aus.

Das kennen wir auch aus dem persönlichen Leben: Wenn wir etwas falsch gemacht haben, versuchen wir erst einmal, es zu vertuschen. Das beginnt schon in der Kindheit. Ohne dass es uns jemand beibringt, wissen wir, wie man lügt: Schule schwänzen, bei der Klassenarbeit abschreiben, Geld aus dem Portemonnaie der Eltern entwenden – das alles wird zunächst einmal geleugnet. Später ist es vielleicht ein Ehebruch oder andere ungute Heimlichkeiten, die wir durch Lügen verbergen wollen. Wir denken, damit sind wir aus dem Schneider. Aber stimmt das?

Schon Aristoteles hat gesagt: „Einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen.“ Es wird nur schlimmer durch die Lüge. Martin Luther hat das so ausgedrückt: „Die Lüge ist wie ein Schneeball: Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er.“

Trotzdem tun wir es, denn eine Schuld zuzugeben, hat unangenehme Konsequenzen. Je größer sie ist, umso schwerer wiegen die Folgen. Im politischen oder gesellschaftlichen Wesen gibt es auf jeden Fall einen Richterspruch und eine Strafe, und das wird normalerweise auch protokolliert. Wie das Urteil ausfällt, wird schriftlich festgehalten.  

Seit Menschen Gedenken ist das so, auch schon in biblischen Zeiten. Paulus benutzt diesen Vorgang jedenfalls als ein Bild, um einen theologischen und geistlichen Zusammenhang deutlich zu machen. Wir haben das vorhin in der Epistellesung gehört, die heute unser Predigttext ist. Paulus sagt dort an einer Stelle: „Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war.“ Dabei denkt er an eine handgeschriebene Urkunde, auf der vermerkt ist, welche Schulden ein Mensch hat, d.h. was er noch alles bezahlen muss. Und er benutzt das hier als ein Bild für das Gesetz Gottes mit seinen Forderungen, die der Mensch zu erfüllen hat, um gerecht zu sein. Christus hat diesen Schuldbrief öffentlich zerrissen und für ungültig erklärt, und zwar durch seinen Tod am Kreuz. Wer daran glaubt, wird nicht mehr durch das Gesetz belastet, er ist frei.

Das ist hier die Botschaft, und die ist wunderbar. Sie verheißt einen Neuanfang, der nun allerdings nicht durch Bezahlung oder Bestrafung möglich wird, sondern durch eine Schuldentilgung. Gott verzichtet auf seine Forderungen. Und wie großartig das ist, können wir uns gut vorstellen, wenn wir es mit einem Freispruch vergleichen, mit Vergebung und Versöhnung. Das Leben ändert sich von Grund auf, es kann ganz neu und schön werden. Die Lügen und das Vertuschen hören auf.

Die anderen Bilder, die Paulus in unserem Textabschnitt dafür benutzt, beschreiben deshalb genau das: Er redet von einem „neuen Leben“, das die Christen führen. „Christus hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden“, sagt er und damit meint er ein Leben, das von der Auferstehung geprägt ist. Christus ist darin gegenwärtig mit seiner Kraft und seiner Liebe. Sein Geist durchdringt das Denken und Fühlen, er schenkt Freiheit und Frieden. Denn er nimmt die Glaubenden immer wieder mit auf seinem Weg durch den Tod und die Hölle ins Leben und in die Freude.

Und das alles beginnt mit der Taufe, bei der Gott an den Täuflingen handelt. Der Schöpfer hat sie bei der Taufe neu geschaffen. „Mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.“, so die Worte von Paulus

Mit dem Glauben an Jesus Christus und der Taufe geht also etwas Altes zu Ende und etwas Neues beginnt. Unser Leben mit all seinen Lasten und Schulden, mit seiner Gottesferne und seinen Verfehlungen wird beerdigt. Die Vergangenheit kann nicht mehr auferstehen, wir müssen die Fehler, die wir begangen haben, nicht mit uns herumschleppen oder verdecken. Sie müssen uns nicht ängstigen oder entmutigen, denn wir werden daraus befreit. Uns wird versprochen, dass Gott nichts von uns fordert, auch wenn wir tief in seiner Schuld stehen. Er verzichtet darauf und schenkt uns immer wieder einen Neuanfang.

Die Frage ist allerdings, warum er das Böse dann überhaupt erst zulässt? Wenn er es sowieso vergeben will, könnte er doch dafür sorgen, dass es gar nicht erst geschieht. Gerade jetzt, während des Krieges in der Ukraine, fragen wir uns das sicher manchmal: Warum hat er nicht alle Menschen gut gemacht, so dass niemand erst Böses tut? Es heißt doch in der Schöpfungsgeschichte: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ (1. Mose 1,27) Das könnte ja heißen, er schuf ihn gut und schön, ehrlich und liebevoll.

Aber so einfach ist es leider nicht. Denn in der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott steckt auch seine Fähigkeit zur freien Entscheidung. Als Gott den Menschen schuf, wollte er ein lebendiges Gegenüber, ein Wesen, das genauso selbständig und souverän denken und handeln kann wie er. Er befähigte den Menschen, Verantwortung zu übernehmen. Das wird an dem Auftrag deutlich, den er ihnen gab. Der lautet: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (1. Mose 1,28) Der Mensch steht also höher und ist mächtiger als ein Tier oder eine Pflanze. Er handelt nicht bloß nach seinem Instinkt, sondern er kann herrschen und lieben, hassen und begehren, genauso wie verzichten oder sich hingeben. Alles ist möglich, das Böse und das Gute.

Dabei möchte Gott natürlich, dass wir das Gute tun, und er hat auch nicht verheimlicht, worin es besteht. Wir kennen seinen Willen, er steht in der Bibel. Schon Noah hat ihn erfahren, aber später auch Abraham und vor allem Mose. Ihm hat er offenbart, wie er sich das Zusammenleben der Menschen vorstellt, indem er ihm die Zehn Gebote gab. Zusammengefasst lauten sie: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lukas 10,27) Seitdem wir das wissen, erwartet Gott, dass die Menschen sich daran halten.

Das Problem liegt also nicht bei ihm, sondern bei uns. Mit der Frage, warum Gott das Böse zulässt, drücken wir uns gerne vor dieser Wahrheit, denn sie ist unbequem. Die Aufforderung an Gott, sich doch bitte zu rechtfertigen, entspringt dem Wunsch, irgendjemandem die Schuld für alles Schreckliche zu geben. Wir sind wütend, und richten diese Wut gegen Gott. Dabei ist uns gar nicht so ganz klar, wen oder was wir uns dabei überhaupt vorstellen. Wir entwerfen einfach im Geist eine ominöse, unsichtbare Instanz, der wir alles in die Schuhe können, und damit sind wir selber dann fein raus.

Das können wir natürlich tun – auch das gehört zu unserer Freiheit – aber es bringt ganz und gar nichts. Unsere Wut wird höchstens größer, der Groll setzt sich fest, denn eine Antwort bekommen wir nicht, und eine Lösung finden wir auf diesem Weg schon gar nicht.

Wenn wir die suchen, müssen wir anders fragen. Und da hilft uns nun unser Predigttext. Denn er sagt uns: Gott hat sehr wohl etwas getan. Er schaut nicht einfach nur zu, wie wir uns gegenseitig vernichten, sondern er hat einen Ausweg geschaffen. Es ist der Tod Jesu am Kreuz, mit dem er unsere Schuldurkunde zerrissen hat. Das ist hier das Bild oder auch das Gleichnis. So müssen wir die Aussage verstehen. Es bedeutet nicht, dass Christus unsere weltliche Rechtsprechung außer Kraft setzt, sondern macht wie gesagt einen theologischen Zusammenhang und einen geistlichen Vorgang deutlich: Es geht es in erster Linie um unser Verhältnis zu Gott: Wir sind seine Kinder, befreite Menschen, ganz gleich, wie schuldig wir geworden sind, wir werden vor dem Untergang bewahrt.

Und das heißt – was die Frage nach dem Bösen betrifft – Gott stoppt es zwar nicht rigoros und von oben herab, aber er kann und will das Böse im Leben jedes und jeder Einzelnen beenden, wir müssen es nur wollen. Es gibt einen Sieg, in den wir hineingenommen werden können. Was uns belastet, ist nicht die letzte Wirklichkeit, denn die wurde von Christus durchbrochen und überwunden. Wir müssen das nur glauben und darauf vertrauen.

Und das ist ein ganz individueller, innerlicher Weg, der uns persönlich zum Guten führt. Wir sind alle eingeladen, ihn zu gehen, „aufzuwachen und unseren Geist und Sinn zu ermuntern“. So hat der pietistische Liederdichter Lorenz Lorenzen aus Husum es 1700 in einem Osterlied ausgedrückt. Es liegt an uns selber, ob wir aus „dem Grab der Sünden aufstehen und ein neues Leben suchen.“ Der Glaube ist wie ein „Lauf“, bei dem unser „Herz sich gen Himmel hebt, wo Jesus ist.“ Wir müssen nur „suchen, was droben“ ist und „geistlich auferstehen.“ Dazu gehört es, dass wir eine Schuld eingestehen, wenn wir sie auf uns geladen haben, dass wir ehrlich mit uns selber und gegenüber anderen sind, reumütig und bußfertig. Das ist nicht immer ganz einfach, denn natürlich sind wir in allen möglichen Verhaltensmustern gefangen. Es kann wie ein „Streit“ in unserer Seele sein. Aber es lohnt sich, den „anzufangen“. Denn „weil Jesus überwunden“ hat, wird er auch in unserem Herzen die „Feinde überwinden“. Wir können „in ein neues Leben gehen und Gott im Glauben dienen.“ (EG 114,1.2.7.9)

Und damit beginnt bereits ein Stück des Reiches Gottes auf dieser Welt. Die Wut, die wir eventuell haben, verraucht, Fragen werden überwunden, Geist und Seele beruhigen sich. Denn wir stellen uns nicht einfach nur eine irrationale Macht vor, die alles regeln soll, wir wenden uns vielmehr der Realität des Auferstandenen zu. Im Leben eines Gläubigen oder einer Christin ist er gegenwärtig, und damit auch im Leben der Gemeinde und der Kirche. Sie ist die Gemeinschaft der Glaubenden und damit ein Ort, an dem die Gewalt und Macht des Todes und der Hölle gebannt ist.

Bill Clinton hat einmal gesagt: „Wir sollten niemals aus den Augen verlieren, dass der Weg zur Tyrannei mit der Zerstörung der Wahrheit beginnt.“ Der Krieg und das Böse fangen nicht erst an, wenn Waffen eingesetzt werden, er beginnt bereits mit der Geisteshaltung. So hat auch Gandhi das gesehen. Von ihm stammt der Satz: „Gutes kann niemals aus Lüge und Gewalt entstehen.“ Es kommt nur dann, wenn wir das Gegenteil beherzigen: Die Wahrheit und Friedfertigkeit. Und gerade an Gandhi wird deutlich, was für Kräfte von diesen Tugenden ausgehen. Sie können das Leben heil machen, Familien zusammenführen und Gesellschaften verändern. Lasst uns deshalb an den Sieg Christi glauben, der uns aus der „Macht und List Satans und aus des Todes Banden“ befreit hat.

Amen.

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!

Predigt über Markus 16, 1- 8: Die Botschaft von Jesu Auferstehung
Ostersonntag, 17.4.2022, 9.30 und 11.00 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Markus 16, 1- 6
1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.
2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.
3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.
6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.
7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Liebe Gemeinde.

Mit dem Öffnen der Büchse der Pandora brach nach der griechischen Mythologie alles Schlechte über die Welt herein.
Diese Büchse war eine Beigabe Zeus’ an eine auf Weisung von ihm erschaffene Frau, die Pandora hieß. Er befahl ihr, die Büchse den Menschen zu schenken und ihnen mitzuteilen, dass sie sie unter keinen Umständen öffnen dürften. Doch die Neugier der Menschen war stärker als der Gehorsam, und sie machten die Büchse wider besseres Wissen auf. Daraufhin entwichen aus ihr alle Laster und Untugenden. Zuvor hatten die Menschen keine Übel, Mühen oder Krankheiten gekannt, außerdem waren sie – wie die Götter – unsterblich. Doch seit dem Zeitpunkt, an dem die „Büchse der Pandora“ offen stand, eroberte das Schlechte die Welt. Als einzig Positives enthielt sie auch die Hoffnung. Bevor diese jedoch entweichen konnte, wurde die Büchse wieder geschlossen. So wurde die Welt ein trostloser Ort, bis Pandora eines Tages die Büchse erneut öffnete und damit die Hoffnung in die Welt entließ.

Von dieser Sage kommt der Spruch: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Wir gebrauchen ihn, wenn alles ausweglos erscheint, und als einzig Positives nur noch die Hoffnung bleibt.

Bei den drei Frauen „Maria von Magdala und Maria, der Mutter des Jakobus und Salome“ war nach dem Tod Jesu möglicherweise auch die Hoffnung gestorben. Wir wissen es nicht. Es wird nur erzählt, dass sie am zweiten Tag nach seiner Kreuzigung, dem „ersten Tag der Woche“ zu seinem Grab gingen „sehr früh, als die Sonne aufging.“ Sie hatten „wohlriechende Öle“ gekauft, um Jesus damit zu salben. Das war zwar nicht üblich, aber sie wollten ihm noch einmal ihre Liebe zeigen. Unterwegs sprachen sie darüber, wie sie in das Grab gelangen könnten. Sie wussten es nicht, denn es lag ein großer Stein davor. Vielleicht dachten sie, dass sich schon jemand finden wird, der ihnen dabei hilft. War das vielleicht doch noch ein Fünkchen Hoffnung, der in ihnen glühte?

Wenn ja, wurden sie nicht enttäuscht. Denn als sie ankamen, gab es eine positive Überraschung: „Sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war“. Was hatte das zu bedeuten? Sie gingen in das Grab hinein, um es zu erforschen, doch nun wurde es noch erstaunlicher. Denn sie sahen nicht den Leichnam Jesu, sondern „einen Jüngling mit einem langen weißen Gewand.“ Das erschütterte sie, aber der junge Mann konnte sie beruhigen. Er sagte: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.“ Die war leer, Jesus war nicht mehr im Grab, und die Frauen sollten das weitersagen: „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen.“ Das war der Auftrag des Boten. Doch dazu waren die Frauen nicht in der Lage. Sie waren zu fassungslos, bekamen Angst, liefen davon „und sie sagten niemandem etwas“.

So steht es im Markusevangelium, und wenn man dieses Ende liest, dann fragt man sich: Wie ist es dann überhaupt zum Glauben an die Auferstehung Jesu Christi gekommen? Wodurch ist die Hoffnung entstanden, dass das Leben siegt? Wenn schon die ersten Frauen das nicht fassen konnten, wie hat die Botschaft dann andere Menschen erreicht und überzeugt?

Das fragen wir uns regelmäßig, denn natürlich geht es uns genauso wie den Frauen: Wir begreifen nicht, was geschehen ist.

Dabei ist es eine sehr schöne Botschaft, die wir heute hören, denn uns wird damit gesagt: Die Hoffnung stirbt niemals! Es gibt in dieser Welt des Bösen und der Schlechtigkeit, der Laster und Mühen, der Krankheiten und des Todes eine Aussicht, die auch über den Tod hinausweist. Wenn alles zu Ende ist, müssen wir nicht warten, bis auch das letzte kleine Fünkchen Hoffnung erloschen ist, wir können vielmehr auf das Evangelium hören und an die Botschaft von Ostern glauben.

So war es damals, denn nach dem ersten Schrecken haben nicht nur die Frauen, sondern etliche Menschen Jesus als den Lebendigen getroffen. Er selbst hat den Glauben an seine Auferstehung bewirkt, indem er in den Tagen nach Ostern vielen Personen erschienen ist. Zuerst hat Petrus ihn gesehen, dann Jakobus und die anderen Apostel.

Und das ist wichtig, denn genauso geschieht es auch heutzutage. Christus lebt und er will und kann sich immer noch offenbaren. Uns will er sich genauso zeigen, damit wir niemals unsere Hoffnung verlieren. Die Auferstehung ist also kein Gedanke und auch keine Idee, die wir mit unserem Verstand begreifen können, sondern ein lebendiges Geschehen, das sich immer noch ereignet.

Die üblichen Methoden, es zu verstehen, helfen uns auch nicht. Normalerweise denken wir nach und erforschen die Dinge, die uns unbekannt sind. Die Naturwissenschaften sind dabei ganz wichtig. Sie liefern uns sogar Beweise für Vorgänge, die noch im Dunkeln liegen. Doch die gibt es für die Auferstehung Christi nicht. Auch das leere Grab ist kein Beweis. Schon sehr früh kam der berechtigte Verdacht auf, dass die Jünger dahinter steckten. Sie hatten das Grab heimlich geöffnet und den Leichnam Jesus gestohlen. Das war der Vorwurf, der den Christen schon früh gemacht wurde. Und auch andere Erklärungsversuche, wie Ausgrabungen, Quellenforschung oder Meinungsumfragen helfen nicht weiter. Denn die Auferstehung ist ein Wunder und lässt sich deshalb wissenschaftlich nicht begreiflich machen.

Wir müssen uns vielmehr auf die Botschaft einlassen und uns ganz bewusst für die Hoffnung entscheiden. Zu Ostern wird uns verkündigt: Es gibt eine Wirklichkeit, die ist gut und lebendig, unvergänglich und ewig. Sie weist weit über alles Schreckliche hinaus, das uns in der Welt begegnet. Wir müssen uns nur in diese Wirklichkeit hineinstellen. Nicht nur wir haben zu Ostern unsere Fragen, Christus fragt uns auch etwas. Und seine Frage an uns lautet: Woran willst du dich festhalten? Was ist dein Ziel? Wie soll dein Leben verlaufen?

Gleichzeitig bietet er uns eine Antwort an, denn er weiß, dass wir irgendwann alle mit etwas Schwerem und Unbegreiflichem konfrontiert sind. Die Vergänglichkeit meldet sich, und damit auch das Leid. Wir erleben Verluste und Enttäuschungen, Krankheit und Misserfolg. Zurzeit ist es der schreckliche Krieg in der Ukraine, der uns Angst macht und uns zeigt, wie schlecht die Welt sein kann. Wird das Böse am Ende doch siegen? Das fragen wir uns in diesen Tagen manchmal.

Und darauf gibt Christus uns eine Antwort. Sie besteht nicht aus Worten oder einer Meinung, sondern er antwortet auf unsere Nöte und Sorgen mit dem Wunder seiner Gegenwart. Seine Auferstehung ist keine geschichtliche Angelegenheit, sie ist auch keine Erfindung und keine Legende, sondern sie ereignet sich immer wieder neu im Leben jedes und jeder Einzelnen. Wir müssen uns nur für Christus öffnen, „den Lebendigen suchen“ und uns „an ihn hängen“. Dann „nimmt er uns mit“ auf seinem Weg durch „den Tod, die Welt, die Sünde und die Hölle“. (EG 112,6) Wir begegnen ihm, spüren und erfahren, dass er wirklich lebt. Wir bekommen neue Kraft, können hoffen und getrost bleiben, auch wenn das Leben aussichtlos erscheint. Denn wir haben eine Grundlage, die sich durch nichts erschüttern lässt.

Und wenn das geschieht, sehen wir die Welt mit anderen Augen. Wir orientieren uns nicht nur an dem Furchtbaren und am Bösen, sondern unser Blick fällt auch auf das Gute, das in der Menschheitsgeschichte ja oft gesiegt hat.

Ein Beispiel dafür sind die Juden, die heutzutage gerne nach Berlin ziehen. „ ,Es bedeutet mir sehr viel, dass ich in Berlin groß geworden bin‘, sagt z.B. eine junge Jüdin, die derzeit eine Doktorarbeit an der Humboldt-Universität in Berlin schreibt. Seit gut 20 Jahren lebt sie in der Metropole und sie sagt: ,Die Stadt hat, was das Judentum angeht, in Deutschland am meisten zu bieten.‘ Mit ihren Eltern kam sie damals aus dem ukrainischen Odessa in jene Stadt, in der einst ihre Urgroßmutter lebte, und in der Nazi-Deutschland die Vernichtung des europäischen Judentums plante! Vor 80 Jahren brannten in Deutschland Synagogen, auch in Berlin. Und nicht viel später begann der Massenmord an den Juden. Nun werden in Berlin wieder Rabbinerinnen und Rabbiner ausgebildet – liberale, konservative, orthodoxe. In der Stadt leben so viele Juden wie nie zuvor nach der Shoa. (https://www.dw.com/de/berlin-die-stadt-in-der-juden-leben-wollen/a-46179033)

Wer hätte das nach dem Ende des zweiten Weltkrieges jemals gedacht? Nach zwei Generationen scheint sich hier wirklich etwas verändert zu haben. Auch Nichtchristen können uns also zeigen, dass es sich lohnt, die Hoffnung niemals aufzugeben. Es gibt dafür noch viele weitere Beispiele in der Geschichte: Menschen können nicht nur Böses tun, sie sind auch zum Guten fähig, zum Frieden und zur Gerechtigkeit.

Es gibt dazu ein schönes Gedicht von Bertolt Brecht. Es lautet:  

„Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen: niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? An uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebet sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen.
Und aus Niemals wird: Heute noch!“

Das sind Worte eines politischen Kämpfers und Gesellschaftskritikers. Brecht war erklärter Kommunist, d.h., er glaubte daran, dass die Menschen sich selber helfen können. Als Christen sehen wir das nicht ganz so, wir erkennen die Grenzen des Machbaren und respektieren sie. Aber trotzdem können wir uns von solchen Worten inspirieren und uns zurufen lassen: „Wer noch lebt, sage nicht: niemals! Das Sichere ist nicht sicher. So, wie es ist, bleibt es nicht.“

Dafür ist die Botschaft von der Auferstehung Jesu ein lautes Signal und ein sichtbares Zeichen. Sie ist wie ein Alarm, der eine Hoffnung wecken will, die niemals stirbt. Lasst uns diese Hoffnung deshalb zum Hauptmerkmal unseres christlichen Lebens machen.

Amen.

Leidensfähig werden

Predigt über Johannes 17, 1- 8: Das Hohepriesterliche Gebet
6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 10.4.2022, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Für die Suche nach dem Glück gibt es kein Rezept, weil die Wege zu einem erfüllten Leben ganz vielfältig sind. Und doch: Wie individuell das Vorgehen auch immer sein mag, es gibt ein gemeinsames Merkmal. Denn bei unserer Suche werden wir von drei Fragen geleitet: „Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?“

Sie werden in diversen Büchern behandelt, und eins davon trägt genau diesen Titel. Der argentinische Autor, Psycho- und Gestalttherapeut Jorge Bucay hat es 2013 geschrieben. Angeregt durch Ideen aus Psychologie, Pädagogik und Philosophie erläutert er darin den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Für ihn sind die drei Fragen drei Aufgaben: „Die Antwort auf die erste Frage liegt in der aufrichtigen Begegnung mit mir selbst. Die auf die zweite darin, zu entscheiden, welchen Sinn und welche Erfüllung ich in meinem Leben finde. Und die dritte besteht darin, auszuwählen, was mir entspricht, sich dem Prozess der Liebe zu öffnen und meinen Wegbegleiter oder meine Wegbegleiterin zu finden.“ So wird das Buch beschrieben und der Inhalt zusammengefasst.

Einer, der diese drei Fragen mit Sicherheit für sich beantwortet und die Aufgaben erfüllt hat, die damit zusammenhängen, ist Jesus. Das können wir aus vielen seiner Reden und Worte schließen. Im Johannesevangelium wird das besonders deutlich. Ein wunderbares Beispiel ist das sogenannte Hohepriesterliche Gebet, das er – laut Johannes – nach den Abschiedsreden und vor seiner Gefangennahme gesprochen hat. Es steht im 17. Kapitel, und der Anfang daraus ist heute unser Predigttext. Er lautet folgendermaßen:

Johannes 17, 1- 8:

1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;
2 denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.
3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.
5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.
7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.
8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

Dieses Gebet ist im Johannesevangelium wie gesagt das letzte, das Jesus vor seiner Passion gesprochen hat. Es ist die Parallele zu dem Gebet im Garten Gethsemane, von dem in den anderen Evangelien erzählt wird. Jesus thematisiert darin seinen Weggang, der unmittelbar bevorstand.

Er wendet sich als der zurückkehrende Sohn nach oben, zum Vater und verlässt im Geist bereits das irdische Zusammensein mit seinen Jüngern. Das Gebet markiert den himmlischen Anfang des Weges Jesu. Und er sagt darin, dass er zu Gott geht, um das ewige Heil der Seinen zu bewirken.

Am Anfang – den ich vorgelesen habe – betet er für sich selbst, später für die Jünger. Was ihn betrifft, so bittet er um „Verherrlichung“, also darum, dass er wieder in den Himmel kommt. Er wurde gesandt mit dem Auftrag, Gott bekannt zu machen und ewiges Leben zu schenken. Dieses Werk ist nun erfolgreich „vollbracht“. Er hat den Willen Gottes erfüllt und den Menschen das Heil gegeben. Sie empfangen es, wenn sie im Glauben erkennen, dass er der Sohn Gottes ist. Er und der Vater sind eins, und in diese Einheit werden die Glaubenden einbezogen. Damit werden sie aus der Welt gerettet und gehen in das Reich Gottes ein.

Jesus weiß also, „wer er ist, wohin er geht und mit wem“. Das ist das Geheimnis seiner Kraft. Deshalb kann er auch so überlegen das Leiden ertragen. Besonders im Johannesevangelium ist er am Kreuz bereits der Erhöhte, der gelassen und ruhig den Tod auf sich nimmt und damit „verherrlicht“ wird.

Doch was bedeutet das nun für uns? Können wir ihm hierin nachfolgen, ihn zum Vorbild nehmen? Wir beantworten die drei Fragen normalerweise anders. „Wer ich bin“, ergibt sich für uns aus unserer Herkunft: Unsere Eltern und Vorfahren spielen eine Rolle, wie wir erzogen werden, in welchem Land und in welcher Kultur wir aufwachsen usw. „Wohin wir gehen“, wissen wir zwar oft nicht genau, wir setzen uns aber Ziele. Und die sind meistens innerweltlich: Wir wollen Wohlstand und Erfolg, Frieden und Gesundheit. Und dabei soll uns ein Partner oder eine Partnerin begleiten, Freunde und Freundinnen, Menschen, die uns lieben und unterstützen.

Das sind unsere Antworten auf die drei Fragen, und es ist auch wichtig, dass wir sie finden. Dann entwickelt sich unsere Persönlichkeit gut und das Leben kann tatsächlich gelingen.

Doch ganz so einfach ist es leider nicht, denn auch wenn wir das geklärt haben, kann viel dazwischen kommen. Krieg, Krankheit, Katastrophen verursachen Leid und Not. Das sehen wir gerade in der Ukraine, aber es geschieht auch andernorts: Der Tod raubt uns unsre Liebsten, wir erreichen unsre Ziele nicht, wir verlieren unseren Besitz. Und all das löst viel „Schmerz und Gram“ aus, „Betrübnis, Verzagtheit“ (EG 11,6) und Verzweiflung.

Es wäre deshalb gut, wenn wir uns wie Jesus noch tiefer verankern und unseren Ursprung, unsre Ziele und unsere Hilfe nicht nur in der Welt suchen. Viele Menschen haben das getan und sind durch ihren Glauben berühmt geworden. Sie wussten um ihre ewige Herkunft und waren auf den Himmel ausgerichtet. Martin Luther gehört dazu. Er war ein starker Kämpfer, hat vieles auf sich genommen und blieb dabei zuversichtlich. Und das hatte etwas damit zu tun, dass er sich nicht als ein Produkt des Zufalls verstand und nur deshalb lebte, weil seine Eltern ein Kind haben wollten. In seiner Erklärung zum ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses formuliert er vielmehr:  

„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit aller Notdurft und Nahrung des Leibes und Lebens mich reichlich und täglich versorget, wider alle Fährlichkeit beschirmet und vor allem Übel behütet und bewahret; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: des alles ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“

Luther hat fest darauf vertraut, dass er von Gott herkam und in dessen Wollen seinen Anfang hatte. Gott war bei ihm, er hat ihn erhalten und begleitet, und dadurch fühlte Luther sich sicher und geborgen. Auch von anderen Christen und Christinnen, die Schweres erlitten haben, wissen wir das. So z.B. von dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer oder der katholischen Nonne und Philosophin Edith Stein. Beide wurden von den Nazis verfolgt und hingerichtet. Der eine, weil er im Widerstand aktiv gewesen war, die andere, weil sie jüdische Wurzeln hatte. Von beiden wird erzählt, dass sie – als sie bereits gefangen waren, und ihr Schicksal feststand – eine große Ruhe ausgestrahlt haben, mit der sie andere trösten konnten. Sie haben ihr Leid souverän ertragen, weil sie wussten, woher sie kamen, wohin sie gingen und wer bei ihnen war: Es war die Nähe Jesu und die Gegenwart Gottes, durch die sie ihren Weg gehen konnten. Es ist nicht nur eine Redewendung, wenn wir vom „Heimgehen zum Vater“ sprechen. Wir dürfen wie viele andere vor uns und mit uns glauben, dass wir nach dem Tod in Ewigkeit bei Gott sein werden.

Und das hat eine große Bedeutung für unser gegenwärtiges Leiden, weil angesichts der Ewigkeit alles, was wir erdulden müssen, weniger schwer wiegt. Zu dieser Erfahrung können wir kommen. Durch die Freude über die kommende Verherrlichung können wir zu unserer gegenwärtigen Not Distanz gewinnen. Unsere Leidensbereitschaft wächst. Wir erwerben die Fähigkeit, uns mit Christus erniedrigen zu lassen. Krankheit, Scheitern, Einsamkeit – die vielen „Plagen und Lasten“ (EG 11,5) – sind kein Lebensverlust. Wir können vielmehr im Kreuz schon die Erhöhung sehen, Leben auch im Leiden. Denn Christus ist nicht nur unser Vorbild, er geht auch mit uns. Wir müssen nur eine Lebensgemeinschaft mit ihm eingehen, ein liebevolles intensives Zusammensein.

Von den vielen Zielen, die wir uns setzen können, sollte das an erster Stelle stehen. Unser Glück hängt nicht davon ab, ob wir eine gute Herkunft haben, gebildet, erfolgreich und beliebt sind, sondern dass wir Gott in Jesus Christus „erkennen“. Erst wenn wir in die „Einheit des Sohnes mit dem Vater“ aufgenommen werden, gewinnen wir das Heil, nach dem wir uns sehnen, Glück und Erfüllung. Das ist die Botschaft des Evangeliums: Das Werk Christi, seine Erlösungstat und seine Liebe machen uns froh und frei. Und das ist wunderbar!

Doch möglicherweise stellen wir uns die Frage, ob das ausreicht. Steckt darin nicht eine gewisse Leidensideologie? Ergeben wir uns einfach nur unsrem Schicksal, und alles bleibt, wie es ist? Müssen wir als Christen nicht auch gegen das Böse angehen, Ungerechtigkeit bekämpfen, dem Krieg wehren, Krankheiten heilen, Angst mildern usw? Natürlich gehört auch das zu unsrem Auftrag. Wir müssen all das Schlimme in der Welt durchaus benennen und so gut es geht, etwas dagegen tun. Aber zugleich gilt es zu erkennen, dass Glück und Heil nicht festzumachen sind an Frieden, Wohlstand und Gesundheit. Nur wer bei Gott ist im Leben und im Sterben, hat das Leben in seiner ganzen Fülle. Nur wenn wir gewiss sind, dass wir von Gott kommen, das ewige Leben empfangen und von Jesus Christus begleitet werden, finden wir, was wir zutiefst suchen. Dann atmet unser Leben etwas von der Gewissheit, mit der auch Jesus und die vielen anderen ausgerüstet waren, die glaubten, dass sie Gottes Eigentum und für seine Herrlichkeit bestimmt waren.

Lasst uns die Lebensgemeinschaft mit Jesus erneuern. Die Menschen, die ihn empfingen, als er in Jerusalem einzog, taten das mit Palmenzweigen. Wir können ihm unser Herz schenken, damit es „grünt in stetem Lob und Preis.“ So hat Paul Gerhard es in dem Lied formuliert „Wie soll ich dich empfangen.“ (EG 11,1.2) Er bekennt darin, dass Jesus nichts „unterlassen hat zu seinem Trost und Freud“ (EG 11,3) . Auch Paul Gerhard hat großes Leid erlebt, „das Reich war ihm genommen, da Fried und Freude lacht“, aber da ist „sein Heil gekommen und hat ihn froh gemacht.“ (EG 11,4)

Amen.

Der Predigt liegt eine Meditation von Wolfgang Günther zu Grunde, in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigtreihe V,1, Advent bis Kantate, Göttingen 1994, S.120ff

Wachet und Betet!

Predigt über Matthäus 26, 36- 46: Jesus in Gethsemane
2. Sonntag der Passionszeit, Reminiszere, 13.3.2022, Luther- und Jakobikirche Kiel

Matthäus 26, 36- 46

36 Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete.
37 Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen.
38 Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!
39 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!
40 Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
41 Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
42 Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!
43 Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf.
44 Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum dritten Mal und redete dieselben Worte.
45 Dann kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird.
46 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

Liebe Gemeinde.

Habt ihr gut geschlafen? Das wünsche ich euch. Schlecht zu schlafen ist ja leider ein weit verbreitetes Problem. Nicht jeder, der abends müde in sein Kissen fällt, wacht morgens erholt wieder auf. Etwa 20- 25% der Deutschen leiden unter Schlafstörungen. Dafür gibt es ganz unterschiedliche Ursachen: Ein häufiger Grund sind Stress im Beruf oder im Privatleben, Angst und Sorgen. Aber auch Lärm, schlechte Lebensgewohnheiten, Bewegungsmangel oder Schichtarbeit können dazu führen. Dem Körper gelingt es dann nicht mehr, sich ausreichend in einen Erholungszustand zu versetzen.

Es gibt dagegen viele Mittel zum Einnehmen. Man kann sich auch beraten lassen und ein Schlaftraining absolvieren. Wenn es ein dauerndes Problem ist, sollte man das vielleicht in Erwägung ziehen.

Doch was können wir tun, wenn es nur gelegentlich vorkommt und ein akuter Grund vorliegt? Das ist möglicherweise in diesen Tagen der Fall, in denen die Nachrichten über den Krieg in der Ukraine uns beunruhigen. Sie können uns durchaus den Schlaf rauben. Und dagegen brauchen wir etwas anderes als Tabletten oder eine Therapie: Jesus zeigt uns, was jetzt sinnvoll ist und uns helfen kann.

Wir wissen von ihm, dass er ebenfalls einmal eine schlaflose Nacht verbracht hat, und zwar im Garten Gethsemane. Die Erzählung darüber ist ein Teil der Passionsgeschichte: Nach dem letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gehalten hat, geht er in diesen Garten. Das war wohl ein Landstück oder Landgut auf dem Ölberg vor den Toren Jerusalems, an der östlichen Mauer. Dort wurde er nach seinem Gebetskampf dann auch festgenommen. Diese Szene hier ist also ein Zwischenstück, wo Jesus noch einmal allein ist und sich auf das, was kommt, innerlich vorbereitet.

Er nimmt zwar drei von seinen Jüngern mit, aber die sind ihm keine Hilfe, sie schlafen ein. Die Geschichte handelt also hauptsächlich von ihm. Dreimal wiederholt sich mehr oder weniger dasselbe, es wird bloß jedes Mal mit sparsameren Worten beschrieben: Dreimal betet Jesus und dreimal spricht er mit den Jüngern. Er hat Angst und ist traurig, weil er weiß, was auf ihn zukommt. Er ist also kein Held, sondern zeigt hier ganz menschliche Regungen. So würde es uns auch gehen, wenn wir erfahren, dass wir hingerichtet werden. Aber ein Entkommen gibt es hier für Jesus nicht mehr, das weiß er, er muss sich letzten Endes fügen, und darum geht es in dieser Episode.

Er wirft sich nieder und betet zu Gott. Er spricht ihn mit „Vater“ an, wie er es immer getan hat, und bittet ihn zunächst, „den Kelch vorübergehen zu lassen“. Dahinter steht die alttestamentliche Vorstellung vom Zornesbecher Gottes, den der Einzelne trinken muss, wenn er gesündigt hat. Er bringt Unheil, Unglück und göttliches Gericht. Jesus nimmt ihn hier zur Sühne für alle, das kommt mit dem Bild zum Ausdruck. Aber er tut es schweren Herzens, nur weil Gott es will. Er würde lieber davor verschont bleiben. Davon handelt der erste Gebetsgang.

Seine Jünger sollten eigentlich mit ihm wachen, aber sie sind eingeschlafen. Es war ja auch Nacht, die natürliche Müdigkeit hat sie also übermannt, und Jesus tadelt sie deshalb: Er ist enttäuscht über ihre Bereitschaftslosigkeit, denn sie gefährdet den Glauben. Sie sollten auch wachen und beten, dazu hatte er sie schon des Öfteren ermahnt, aber es gelingt ihnen nicht. Deshalb betet er ein zweites Mal allein, und in seinem zweiten Gebet ist ein Fortschritt zu erkennen: er hat sein Schicksal angenommen und stößt jetzt zu einem „Ja“ durch. Er nimmt den Becher und unterwirft sich ganz dem Willen des Vaters. Die Augen der Jünger waren indessen weiter voller Schlaf.

Das dritte Gebet wird wörtlich nicht mehr ausgeführt, es wiederholt sich, was vorher schon geschehen ist. Der Dreischritt ist eine volkstümliche Erzählweise, die hier die Intensität des Betens Jesu deutlich machen soll. Es hinterlässt dann auch eine Wirkung. Jesus geht anders aus dieser Nacht hervor, als er hineingegangen ist: Sein Gebet führt ihn zu einer völligen Gefasstheit. Er sieht den kommenden Ereignissen jetzt ruhig entgegen. „Die Stunde ist da“, sagt er zu seinen Jüngern, und damit meint er die nun einsetzende Passion.

Jesus hat hier also im Wachen und Beten Klarheit über seinen weiteren Weg gefunden und stimmt im Gehorsam zu. Er hat sich in den Willen Gottes hineingebetet, und deshalb wusste er sich von dieser Stunde an darin geborgen. Und das hat eine ganz wichtige Bedeutung: Jesus hat hier in Gethsemane den Kampf für sich entschieden. Wenn man das Evangelium als Ganzes betrachtet, dann ist das hier bereits der Wendepunkt und damit auch der Höhepunkt, denn im Geist nimmt Jesus in Gethsemane sein Sterben und Auferstehen vorweg. Durch seine Hingabe, sein Wachen und Beten hat sich etwas verändert: Er ist nicht nur seine Angst losgeworden, er war danach auch ruhig und klar. Er hat das Dunkel überwunden, denn der Wille Gottes, seine Kraft und seine Liebe haben gesiegt.

Und damit hat Jesus einen Weg gebahnt, den auch wir gehen können. Er wird ein Vorbild für uns. Wir sollen ihm nach Gethsemane folgen. Der Weg des Glaubens führt uns praktisch dorthin, denn nur dann kann sich das, was er für uns bewirkt hat, auch in unserem Leben ereignen. Die Mahnung zur Wachsamkeit gilt bereits der späteren Gemeinde. Sie ist nicht nur an die Jünger gerichtet, sondern an alle Gläubigen, die das Evangelium lesen. Wir sollten diese Aufforderung zum Wachen und Beten, zum Sieg über das Fleisch, deshalb ernst nehmen. Denn die natürlichen Bedürfnisse des Leibes und der Seele können uns von Gott und vom Glauben abhalten. Das ist hier die Botschaft.

Leider klingt die nun allerdings reichlich unbequem. Überhaupt ist die Gethsemanegeschichte eine eher ungemütliche Angelegenheit. Sie ist von Angst und Verzicht geprägt, und das wirkt dunkel und anstrengend. Aber wir sollten uns ihr trotzdem stellen. Furcht und Gehorsam ist ja nicht das Einzige, was hier vorkommt. Jesus hat sich vielmehr aus der leidvollen Situation hinauskatapultiert, weil er sich in einer anderen Wirklichkeit verwurzelt hat, in der Wirklichkeit des Willens Gottes, der ihn dann zum Sieg verholfen hat.

Und das ist etwas, was auch wir tun können. Wir sind in einer Situation, in der uns der innere Kampf nicht erspart bleibt, denn das Kriegsgeschehen in der Ukraine macht uns Angst. Wir können uns nicht gut davon ablenken. Es löst Wut und Entsetzen aus, Empörung und Schrecken. Es kann sein, dass es uns den Schlaf raubt. Wir haben Mitleid mit den Menschen, die jetzt betroffen sind. Und dass so etwas in in Europa stattfindet, haben die meisten von uns noch nicht erlebt. Nur die, die über achtzig sind, kennen es noch aus dem zweiten Weltkrieg.

Was uns dabei am meisten zu schaffen macht, ist die Hilflosigkeit, die wir verspüren. Wir würden gerne etwas tun, aber was ist jetzt das Sinnvollste? Was kann den Krieg stoppen? Antworten darauf werden zwar händeringend gesucht und es wird alles getan, was nicht zu einem noch größeren Blutvergießen führt, aber es scheint wenig zu nützen. Deshalb beschleicht uns ebenfalls eine gewisse Hoffnungslosigkeit: Kann das Gute wirklich über das Böse siegen, das Heil über die Zerstörung, der Frieden über den Krieg?

Das sind unsere Fragen, und auf die will uns die Gethsemanegeschichte eine Antwort geben. Sie ermahnt uns ja zu einem bestimmten Verhalten, das hauptsächlich darin besteht, wach und nüchtern zu bleiben. Wir sollen uns an Gott halten und die Hoffnung nicht aufgeben. Es geht darum, die vielen negativen und beunruhigenden Gedanken abzulegen und stattdessen mit Jesus zu beten. Nur dann gewinnen wir echte und haltbare Freiheit, das Gebet führt uns zur Überwindung, denn wir öffnen uns damit für eine andere Wirklichkeit.

Und das ist immer gut, wenn wir in einer Situation sind, die uns zu schaffen macht und die wir nicht ändern können. Dann sollten wir wie Jesus die beiden Sätze sprechen: „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Es ist das Gebet der Hingabe und des Loslassens, und das kann uns weiterführen.

Vielleicht klingt das jetzt so ein bisschen nach Schicksalsergebenheit, Feigheit und Passivität. Aber das ist damit überhaupt nicht gemeint. Im Gegenteil, es geht um eine geistige Anstrengung: Wir liefern uns nicht der Hilflosigkeit aus, lassen unsere Angst und Wut los, pflegen keine Gedanken der Rache und des Zorns. Wir verscheuchen sie und ersetzen sie durch Gebet. All das steckt in dem ersten Satz Jesu: „Nicht wie ich will“. Und dann folgt der zweite Satz: „sondern wie du willst.“ Es ist ein Gebet, das Geduld bewirkt. Wir gewinnen Kraft, die uns hoffnungsvoll und zuversichtlich macht. Wir lassen die Liebe Gottes zu, die auch uns zur Liebe und Hilfsbereitschaft führt.

Eine bewährte Praxis ist es, die Worte Jesu mit jedem Atemzug zu wiederholen: Beim Ausatmen beten wir „Mein Vater, nicht wie ich will“ und beim Einatmen „sondern wie du willst“. Auch mit anderen kurzen Gebetssätzen können wir uns in dieser Weise an Gott wenden, wie z.B. den Bitten „Herr, erbarme dich“, „O Herr, hilf“, „Stärke uns den Glauben“ oder „Dein Reich komme“.

Und im Unterschied zu den Jüngern sprechen wir solche Gebete mit Jesus, in dem Glauben an seine Auferstehung. Es hat auch nur dann Sinn, wenn wir davon ausgehen, dass er für uns den Sieg errungen hat. Daran können wir Anteil haben und neues Leben gewinnen. Das ist die Verheißung, die hinter der Ermahnung zum Wachen steht.

Schlaflose Nächte müssen also nicht nur ein Problem sein. Wir können sie dafür nutzen, dasselbe zu tun wie Jesus in Gethsemane, zu beten und zu vertrauen, Gott anzurufen und an seine Gegenwart zu glauben. Das hat auch der christliche Mystiker, Dichter, Seelsorger und Prediger Gerhard Tersteegen einmal empfohlen. Er lebte im 18. Jahrhundert in Mühlheim an der Ruhr, und viele Lieder von ihm stehen in unserem Gesangbuch. In einem Abendlied (EG 480) – oder besser gesagt, einem Nachtlied – thematisiert er die Stunden in der Nacht, in denen wir nicht schlafen können. Er schlägt vor, dass wir sie zur Anbetung Gottes nutzen. Wenn wir sowieso wach sind, können wir uns auch ihm zuwenden und „für ihn wachen“, uns ihm hingeben und ihn „machen lassen“. Dann werden wir ruhig und gelassen. Der Friede, nach dem wir uns sehnen, wird lebendig. Er ist wie ein Kraftfeld, das uns umgibt und stärker ist, als die Mächte der Finsternis.

Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass dieser „Friede, der höher ist als alle Vernunft“, immer wieder siegt und unsere „Herzen und Sinne bewahrt“.

Amen.

  1. Nun schläfet man;
    und wer nicht schlafen kann,
    der bete mit mir an
    den großen Namen,
    dem Tag und Nacht
    wird von der Himmelswacht
    Preis, Lob und Ehr gebracht:
    O Jesu, Amen.
  2. Weg, Phantasie!
    Mein Herr und Gott ist hie;
    du schläfst, mein Wächter, nie,
    dir will ich wachen.
    Ich liebe dich,
    ich geb zum Opfer mich
    und lasse ewiglich
    dich mit mir machen.
  3. Es leuchte dir
    der Himmelslichter Zier;
    ich sei dein Sternlein, hier
    und dort zu funkeln.
    Nun kehr ich ein,
    Herr, rede du allein
    beim tiefsten Stillesein
    zu mir im Dunkeln.