Tragt Gottes Liebe in die Welt

Predigt über Apostelgeschichte 6, 1- 7: Die Wahl der sieben Diakone

13. Sonntag nach Trinitatis, 6.9. 2020, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Nun leben wir bereits ein halbes Jahr mit der Corona-Pandemie, und das Ende der Krise ist nicht in Sicht. Das macht viele Menschen mürbe und ungeduldig, traurig und seelisch krank.

Doch das ist nur die eine Seite. Wie jede Notlage, so birgt auch diese Krise Chancen. Das hat sich bereits vielfach gezeigt: Im Kulturbereich, in Geschäften und auch in der Kirche ist ganz viel Kreativität und Flexibilität freigesetzt worden. So hat das Schleswig-Holstein-Musik-Festival phantasievolle Wege ausprobiert, und es war wunderbar, was dabei herausgekommen ist. In der Gastronomie wurden neue Modelle der Bewirtung von Menschen mit leckeren Speisen erfunden. Und auch bei den Gottesdiensten in unseren Gemeinden ist viel in Bewegung gekommen, das Geist und Seele anregt und unseren Glauben erfrischt. Wir alle reagieren damit auf die Notlage und nutzen die Krise als Chance.

Und das mussten Menschen schon immer. Bereits den Aposteln in der Urgemeinde erging das so. Wir können das in der Apostelgeschichte lesen. Dort steht in Kapitel sechs:

Apostelgeschichte 6, 1- 7

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.
3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Das ist unser Predigttext von heute, und in dem ist gleich am Anfang von einer Krise die Rede. Sie war zwar vergleichsweise klein, aber es gab einen Konflikt: Und zwar war nicht lange nach der Entstehung in der Jerusalemer Gemeinde ein Missstand eingetreten. Es ging um die „tägliche Versorgung“. Davon ist hier die Rede. Wir können daraus schließen, dass jeden Tag in der Gemeinde Nahrungsmittel an alle verteilt wurden. Es heißt ja auch in Kapitel zwei: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.“ (Apg.2,44-46) Es wurde also jeden Tag gleichmäßig verteilt, was die Menschen für ihren Lebensunterhalt brauchten. Keiner sollte hungern oder Mangel leiden. Die Armen wurden von den anderen mit bedacht, und alle hatten genug.

Doch nun gab es eine besonders bedürftige Gruppe von Menschen, die nicht in diese Versorgung einbezogen war. Das waren die Witwen der griechischen Juden, also Frauen, die ihre Männer verloren hatten und in Jerusalem fremd waren. Sie hatten keine Verwandten vor Ort und damit keine Großfamilie um sich, und sie wurden übersehen. Das war hier der Missstand, und darüber beschwerten sich ihre Landsleute bei den Aposteln, den Leitern der Gemeinde.

Und die reagierten daraufhin ganz kreativ und praktisch. Zunächst riefen sie eine Gemeindeversammlung ein und trugen das Problem vor. Es war offensichtlich organisatorischer Art. Denn die Apostel selbst hatten keine Zeit, auch noch diese Aufgabe zu übernehmen. Sie versahen bereits den „Dienst am Wort“, und der sollte auch nicht zu kurz kommen. Die Gemeinde war ja noch jung, und es war ihnen wichtig, dass das Wort Gottes weiter gepredigt wurde. Der Glaube musste gefestigt werden. Außerdem kamen immer noch mehr Menschen hinzu. Die Gemeinde wuchs und wurde größer, und das sollte auch so bleiben.

Doch der „Tischdienst“, wie es wörtlich heißt, war ihnen ebenfalls wichtig. Sie hielten das Anliegen, dass alle Armen versorgt wurden, für vollkommen berechtigt, und deshalb brauchten sie Helfer, Männer, die bereit waren, sich um die diakonischen Aufgaben zu kümmern. Die sollten auf dieser Versammlung nun gewählt werden. So wurden sieben kluge Männer mit einem guten Ruf bestimmt, die vom Geist Christi erfüllt waren. Unter Handauflegung und Gebet wurden sie für ihren Dienst eingesetzt.

Das ist die Geschichte, die wir heute bedenken, und sie macht einiges deutlich, was für unseren Glauben, in der Gemeinde und in der Kirche wichtig ist.

Zunächst einmal sehen wir, dass das Evangelium keine bloße Ideologie ist. Es war den Aposteln zwar wichtig, dass das die Lehre Jesu gepredigt wurde, aber es blieb nicht einfach nur beim Wort. Das Reden und Zuhören war lange nicht alles, was das Gemeindeleben ausmachte.

Und das müssen auch wir uns zu Herzen nehmen, denn leider tendiert unser Glaube oft dahin, eine bloße Kopfsache zu sein. Er besteht aus guten Gedanken, die wir aufschreiben und über die wir uns unterhalten. Es gibt Lehrsätze, Geschichten und Bekenntnisse. Das ist zwar alles schön und gut und bildet auch die Grundlage, aber unsere Dogmen können uns auch starr und unbeweglich machen. Sie lassen uns rückwärtsgewandt sein oder verleiten uns zu Zukunftsvisionen. Und all das ist gefährlich, denn entscheidend ist das, was jetzt in unserem Leben und in der Gesellschaft geschieht. Der Glaube ist etwas Lebendiges und Gegenwärtiges, er reagiert auf die jeweilige Situation. Er macht offen und handlungsfähig, beweglich und kreativ. Im Glauben nehmen wir jeden Tag aus Gottes Hand und sehen, was er uns schenkt.

Es gibt um uns herum und auch in unserem eigenen Leben viele Nöte: Armut und Einsamkeit, Traurigkeit und Verlassenheit, Hunger und Krankheit. Wer an Jesus Christus glaubt, sieht das alles, lindert es und schafft Abhilfe. Das ist der erste Punkt, der an unserer Geschichte deutlich wird.

Als zweites sehen wir, dass christlicher Glaube immer etwas mit Gemeinschaft zu tun hat. Keiner und keine kann ganz für sich alleine das Evangelium leben. Es führt uns zusammen und lässt uns füreinander da sein. Christen unterstützen sich gegenseitig, sie teilen und helfen, nehmen Rücksicht und dienen einander. Dabei wird hier sehr schön deutlich, dass nicht alle alles machen müssen. Es gibt verschiedene Begabungen und Veranlagungen. Die einen sind mehr zum Predigen geeignet, die anderen mehr für die Armenpflege. Außerdem ist klar, dass es keine Unterschiede gibt. Das Evangelium und die Nächstenliebe gelten allen gleichermaßen. Es werden keine Grenzen gezogen, niemand wird ausgeschlossen. Alle sind füreinander da. Das ist der zweite Punkt.

Und damit könnte alles gesagt sein, doch es gibt noch etwas Drittes, das wichtig ist, und das ist der Grund für unser Handeln. Es geht hier nämlich nicht nur um Mitgefühl und Kontaktfreudigkeit. Tatkraft und Hilfsbereitschaft haben ja auch viele Menschen, die gar nicht an Jesus Christus glauben. Das macht die christliche Gemeinde also noch nicht aus. Sie ist nicht bloß eine Einrichtung, die sich um soziale Belange und die Hilfsbedürftigen kümmert.

Wir leben vielmehr in der Nachfolge Jesu Christi und bezeugen, dass er durch seine Liebe unser Leben erneuert hat. Die Gegenwart Jesu Christi motiviert uns, mit unserem ganzen Leben seinem Vorbild zu folgen. Die Grundlage bleibt das Evangelium. Deshalb war es den Aposteln auch so wichtig, dass sie weiterhin genug Zeit hatten, es zu verkündigen. Sie wollten, dass das Wort Gottes den Lebensstil prägt und das Miteinander immer wieder korrigiert. Der Blick sollte frei bleiben für das, was Jesus Christus schenkt.

Und das ist deshalb wichtig, weil die Hilfe, die wir anbieten, dadurch eine Qualität erhält, die es woanders so nicht gibt. Denn wir bringen den Menschen die Liebe Christi, sie kommen durch uns in Berührung mit Gott. Und das ist deshalb gut, weil ihnen das letzten Endes am meisten fehlt, auch wenn sie es gar nicht wissen. Jeder und jede sehnt sich nach einer Liebe, die über Zeit und Raum hinaus weist, die noch mehr beinhaltet, als bloße Mitmenschlichkeit, die eine andere Tiefe und Weite hat. Sie suchen eine ewige Hoffnung und eine Zuversicht, die in jeder Notlage, ja selbst im Sterben noch trägt. Und die gewinnen sie nur durch Jesus Christus.

Es ist also gut, wenn wir uns immer wieder fragen: Ist das Evangelium wirklich die Grundlage meines Lebens? Hat Jesus Christus meinen Geis erneuert? Frage ich täglich nach seinem Willen und stehe ich ihm zur Verfügung? Wenn wir uns so prüfen, kommt alles vor, was Jesus Christus gewollt hat. Dann bleiben wir wach und offen, sehend, kreativ und praktisch. Wir werden fähig zur helfenden Tat, die von echter Liebe erfüllt ist und sich aus Gottes Liebe speist. Sie bringt den Menschen die Ewigkeit. Und das ist das, was wir in der jetzigen Krise als Kirche einbringen können. Wir haben die Chance, mit unserem ganzen Leben zu bezeugen, dass Jesus Christus lebt und alle Menschen liebt.

Es gibt eine Heilige, die auch evangelische Christen als Sinnbild für die tätige Nächstenliebe verehren. Das ist Elisabeth von Thüringen. Sie lebte im 13. Jahrhundert, und von ihr gibt es folgende Legende:
„Als Elisabeth eines Tages in die Stadt geht, um den Armen Brot zu geben, obwohl gerade dies ihr unter Strafe verboten ist, trifft sie die Mutter ihres Mannes, die ihre Barmherzigkeit nicht gutheißt und ihr eine Falle stellen will. Auf die Frage, was sie in dem Korb habe, den sie bei sich trägt, antwortet Elisabeth, es seien Rosen im Korb. Ihre Schwiegermutter bittet sie, das Tuch zu heben, um die wunderbaren Rosen sehen zu können. Widerwillig hebt Elisabeth das Tuch, und im Korb liegen Rosen statt des Brotes für die Armen.“

An diese Geschichte erinnert der katholische Theologe Claus-Peter März mit dem folgenden Lied:

1. Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht,
und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe die alles umfängt,
in der Liebe die alles umfängt.

2. Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt,
und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
dann Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

3. Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält
und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

4. Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt
und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

5. Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist,
und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…

 (1985)

Amen.

 

Jesus reinigt unsre Seele

Im Gottesdienst wurde ein vierjähriger Junge getauft.

Predigt über Johannes 13, 1- 15: Die Fußwaschung

Sommerpredigt Wasser IV: Wasser reinigt
16.8.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche

Johannes 13, 1- 15

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.
2 Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten,
3 Jesus aber wusste, dass ihm ader Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging,
4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich.
5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.
6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.
9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!
10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe?
13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.
14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.
15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

Liebe Gemeinde.

Zu Weihnachten und am Geburtstag bekommen wir Geschenke, manchmal auch noch zu Ostern. Du, Leander, hast auch noch ganz schön viel von deinem alten Kindergarten geschenkt bekommen, als du da verabschiedest wurdest. Mit dem Jahrestag der Taufe ist das anders, da schenken wir uns normalerweise nichts. Wir feiern ihn ja auch nicht, und viele von euch wissen wahrscheinlich noch nicht einmal, wann ihrer überhaupt ist.

Dabei ist er eigentlich auch ein Feier- und Geschenketag, denn bei der Taufe geschieht etwas sehr schönes und großes, das für unser ganzes Leben wichtig ist: Jesus schenkt uns bei der Taufe nämlich seine Liebe und Hilfe, den Glauben und das Vertrauen, Vergebung und Kraft. Er tut für uns das, was er auch für seine Jünger getan hat, als er sich von ihnen verabschiedete. Wir haben die Geschichte eben gehört. Sie erzählt uns, wie er ihnen die Füße wusch.

Er tat das, bevor er das letzte Mal mit ihnen zusammen Abendbrot aß. Er wusste da bereits, dass er in der kommenden Nacht gefangen genommen und hingerichtet werden würde. „Er war zu der Gewissheit gelangt, dass seine Stunde gekommen war und er die Welt verlassen und zum Vater gehen sollte“, wie es heißt. (Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christine Nord, Frankfur a.M., 2003, S. 343f)  Und er hat die Fußwaschung ganz bewusst zu diesem Zeitpunkt gemacht. Er wollte seinen Jüngern noch einmal zeigen, dass er sie liebte, und er wollte ihnen damit auch ein Vorbild für ihren Dienst aneinander geben. Das erklärte er ihnen am Ende.

Aber vorher „erhob er sich vom Mahl, zog sein Gewand aus und legte sich ein Tuch um die Lenden wie ein Sklave. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Lendentuch abzutrocknen.“ (s.o.) So wird es hier beschrieben. Die Fußwaschung selbst war dabei nichts besonderes, das geschah damals immer, wenn man ein Haus betrat und sich zum Essen versammelte. Die Füße waren ja meistens staubig von der Reise, man ging normalerweise zu Fuß und trug nur Sandalen. Ein Sklave wusch den Gästen deshalb den Staub von den Füßen. Das war wie gesagt normal. Aber dass Jesus das jetzt tat, das war ungeheuerlich. Gerade im Johannesevangelium wird überall betont, dass er der Gottessohn ist, dem alles zu Füßen liegt. Und der verrichtete hier einen Sklavendienst!

Deshalb protestierte Petrus auch. Er konnte das nicht ertragen. Zweimal wehrte er sich dagegen, und zweimal musste Jesus ihm erklären, warum er das machte. Seine zweite Antwort war sogar eher eine Warnung: „Wenn ich dir nicht die Füße wasche, dann bekommst du nichts ab von dem, was ich bin“, sagte er. (s.o.) Er machte also deutlich, dass es nicht nur irgendein Liebesdienst war, den er hier ausübte, sondern die Fußwaschung war ein Gleichnis für das, was er den Menschen sowieso schenken wollte. Und das war in Wirklichkeit noch viel mehr. Denn es waren die Ewigkeit und die Liebe Gottes, und damit die Hoffnung und die Zuversicht. Wenn Petrus sich das also nicht gefallen gelassen hätte, wäre er nicht zu Gott und in den Himmel gekommen. Das hatte Jesus ihnen immer beigebracht, das war die ganze Zeit sein Thema gewesen, und die Jünger waren ihm deshalb auch nachgefolgt. Sie wollten dieses Geschenk von ihm haben. Mit der Fußwaschung zeigte Jesus ihnen nun, dass er ihnen das wirklich gab. Er hat nicht nur darüber gepredigt, sondern er machte es auch wahr. Am Ende verstand Petrus das dann schließlich und ließ es deshalb zu, dass Jesus ihm die Füße wusch.

Aber die Geschichte ist damit nicht zu Ende, es folgt noch eine zweite Erklärung von Jesus. Er sagte: „Als Herr und Lehrer habe ich euch die Füße gewaschen, und nun müsst ihr euch auch gegenseitig die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr genauso handelt wie ich.“ (s.o.) Er verpflichtete seine Jünger also zu Hilfsbereitschaft und zu selbstloser Liebe.

Und damit sind auch wir angesprochen. Wir sollten uns die beiden Erklärungen ebenfalls zu Herzen nehmen. Dabei finde ich es allerdings wichtig, dass wir sie hintereinander beachten. Möglicherweise liegt uns die zweite Deutung nämlich näher: Dass wir als Christen hilfsbereit und liebevoll sein sollen, das wissen wir und das finden wir auch wichtig. Es ist ja auch relativ einfach, weil es eine klare Handlungsanweisung ist. Wir werden zu einem bestimmten Verhalten aufgefordert. Uns wird gesagt, was wir tun sollen. Und über so etwas sind wir meistens froh. Es ist praktisch und verständlich. Außerdem ist es schön, anderen zu helfen, denn wir werden dadurch zu guten Menschen und finden viel Anerkennung. Wir sind mit uns selber zufrieden und haben ein gutes Gewissen. Wir können mit dem Beispiel Jesu also etwas anfangen.

Aber ganz so einfach ist das alles leider nicht, denn wir bekommen es gar nicht immer hin, wirklich gut und liebevoll zu sein. Wir schaffen es überhaupt nicht, immer alles richtig zu machen. Und das ist auch nicht der Sinn unseres Glaubens. Das zeigt uns diese Geschichte sehr schön. Jesus sagt uns hier, dass das erste, was im Glauben zählt, nicht unsre Taten sind. Es beginnt vielmehr damit, dass er etwas für uns tut. Unserem Dienst an den anderen geht der Dienst Jesu an uns vorweg. Den müssen wir uns erst einmal gefallen lassen und den dürfen wir auch nicht überspringen. Sonst wird unsere Nächstenliebe zur Werkgerechtigkeit, und die hat Jesus ganz bestimmt nicht gemeint. Wir sollen nicht einfach nur gute Werke tun, sondern erst einmal ein Geschenk von ihm empfangen, und zwar das Geschenk seiner Liebe und Barmherzigkeit.

Und das ist deshalb nicht ganz einfach, weil es Demut und Selbstüberwindung erfordert. Wir müssen dafür nämlich zugeben, dass wir im Leben Fehler machen, dass wir nicht immer optimal miteinander umgehen, nicht perfekt sind und manchmal versagen. Darin besteht hier die Schwierigkeit, denn das geht uns gegen den Strich. Unser Stolz will diesen nüchternen Blick auf unser Leben am liebsten verhindern. Wir müssen sozusagen auf den Boden kommen. Und das tut manchmal weh. Wir täuschen uns und die anderen ganz gerne über unsere Fehler und Schwächen hinweg. Wir überspringen diesen Punkt lieber. Denn so angenehm ist das nicht. Wir akzeptieren unsere schlechten Seiten eben nicht richtig.

Aber genau damit hat Jesus ein Ende gemacht. Er will nicht, dass wir erst einmal zu guten Menschen werden, sondern er liebt uns so, wie wir sind. Wir müssen uns vor ihm nicht schämen oder verstecken. Denn er nimmt uns auch mit unseren Fehlern an und wäscht den Dreck ab, den wir in unserer Seele haben. Das müssen wir uns einfach nur klar machen und uns gefallen lassen. Dann passiert das, was hier in der Geschichte vorkommt: Wir werden innerlich gereinigt, an Seele und Geist. Es beginnt damit, dass wir uns entspannen können. Die Anstrengung fällt von uns ab. Der Leistungsdruck verschwindet, und das tut gut. Wir werden ruhig und nüchtern. Wir werden plötzlich mit einer ganz anderen Kraft erfüllt, als unserer eigenen.

Die Taufe ist dafür ein sehr schönes Ritual. Es ist das Ereignis, bei dem Jesus uns seine Liebe schenkt, für unser ganzes Leben. Wir müssen sie nur empfangen. Anstatt selber aktiv zu werden, dürfen wir bei der Taufe passiv sein und uns etwas gefallen lassen. So wie die Jünger es auch waren, als Jesus ihnen die Füße wusch. Das Wasser der Taufe erinnert uns daran. Es ist ein Symbol für die Reinigung. Jesus „wäscht damit unsere Seele“, er vergibt uns alle Schuld und nimmt uns die Sünden ab.

Und daraus folgt dann das Zweite, nämlich dass wir so auch miteinander umgehen sollen. Die Nächstenliebe ist eine Wirkung der Liebe Jesu. Die Kraft und die Liebe, die wir durch Jesus empfangen, die können und sollen wir natürlich weitergeben. Sie prägt unser Miteinander. Es wäre ja auch widersinnig, wenn das nicht geschehen würde. Aber wir sollten die richtige Reihenfolge beachten, denn nur dann wird unsere Nächstenliebe so, wie Jesus es gemeint hat. Sie ist dann nicht das angestrengte Werk, das mich gerecht macht, sondern ein Ausdruck des Geschenkes, das ich bekommen habe. Sie kommt nicht aus dem Kopf oder dem Willen, sondern vom Herzen. Sie entspringt in unserem Inneren und fließt aus uns heraus.

Dieser Zusammenhang kommt auch sehr schön in dem Taufspruch von Leander zum Ausdruck. Er lautet: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Mk. 9,23) Das hat Jesus einmal zu einem Mann gesagt, dessen Sohn krank war. Er wollte, dass er wieder gesund wurde, und er glaubte, dass Jesus das tun konnte. Und so geschah es dann auch, der Junge wurde geheilt.

Und das heißt für uns: Wer sich an Jesus wendet, bekommt immer eine Antwort. Er muss nie aufgeben und kann jederzeit neu anfangen. Er bekommt Kraft für alle seine Vorhaben, er wird gesund und stark, zuversichtlich und ruhig. Und er wird mit Liebe für seine Mitmenschen erfüllt, das Leben kann gelingen.

Das alles wird dir, Leander, heute geschenkt. Und das ist etwas ganz Großes. Wir alle haben bei unsrer Taufe dieses Geschenk bekommen. Es lohnt sich also, dass wir uns taufen lassen, und dann jedes Jahr an diesen Tag denken und ihn feiern.

Amen.

 

Jesus gibt uns „mehr als alles“

Im heutigen Gottesdienst wurde eine Jugendliche getauft, nächsten Sonntag feiern wir die Taufe eines kleinen Jungen. Das hat mich auf eine Predigtreihe über Wassergeschichten aus der Bibel gebracht, denn Wasser spielt bei der Taufe ja eine Rolle. Es erinnert an vieles, auch daran, dass Jesus einmal gesagt hat: „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ Das sagt er in einem Gespräch mit einer Samariterin, die er einmal an einem Brunen traf. Die Geschichte steht im Johannesevangelium, und der Anfang daraus war heute der Predigttext.

Predigt über Johannes 4, 1- 14: Jesus und die Samariterin

Sommerpredigt Wasser III: Jesu ist das lebendige Wasser
9.8.2020, 9.30 Uhr Lutherkirche

Johannes 4, 1- 14

1 Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes
2 – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –,
3 verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.
4 Er musste aber durch Samarien reisen.
5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab.
6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde.
7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!
8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen.
9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. –
10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser.
11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser?
12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.
13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten;
14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Liebe Gemeinde.

„Es muss im Leben mehr als alles geben“. So lautet der Titel eins Kinderbuches von dem amerikanischen Autor Maurice Sendak. 1962 hat er es geschrieben, und es enthält eine wunderbare Geschichte, in der wir uns alle wiederfinden können. Sie handelt von dem Hund namens Jennie, der buchstäblich „die Schnauze voll hat“. Eigentlich hatte Jennie alles, was ein Hund sich wünschen kann. Sie schlief auf einem runden Kissen im oberen und auf einem viereckigen im unteren Stockwerk. Sie hatte zwei Fenster, um nach draußen zu schauen, zwei Schüsseln für ihr Futter und vieles mehr. Auch hatte sie einen Herrn, der sie liebte. Doch das kümmerte Jennie wenig. Eines Nachts packte sie alles, was sie besaß, und blickte zum letzten Mal zum Fenster hinaus. Selbst die Topfpflanze konnte sie nicht daran hindern, fortzulaufen. „Du hast doch alles, was ein Hund sich wünscht. Warum läufst du dann fort?“ fragt sie. „Weil ich unzufrieden bin. Ich wünsche mir etwas, was ich nicht habe. Es muss im Leben noch mehr als alles geben.“ Antwortete Jennie und lief davon. (https://kulturbeschau.blogger.de/stories/1431724/)

Die Geschichte handelt also von der Unruhe des Herzens, und das ist eine Erfahrung, die wahrscheinlich jeder und jede irgendwann einmal macht: Wir könnten zufrieden sein mit dem, was wir haben, was wir uns leisten können, besonders wenn wir uns mit den Menschen dieser Erde vergleichen, die am Rande des Existenzminimums leben. Aber wir sind es nicht. Wir haben einen unstillbaren Durst nach etwas, das „mehr als alles“ ist.

Und das wusste auch Jesus. Ihm war klar, dass wir noch viel mehr zum Leben brauchen, als wir oft meinen. Das normale Wasser reicht nicht, um unseren Durst zu löschen. Mit diesem Bild erklärte er das einmal einer Frau, die er an einem Brunnen traf. Er unterhielt sich mit ihr über das „wahre Wasser des Lebens.“ Das Gespräch steht im Johannesevangelium, und wir haben den Anfang davon eben gehört.

Jesus kam in der Mittagshitze erschöpft bei diesem Brunnen an und setzte sich zum Ausruhen auf den Rand. Dann kam die Frau, um dort wie gewohnt Wasser zu schöpfen, und Jesus sprach sie an. Das war ungewöhnlich, und brachte die Frau in Verlegenheit. Denn die beiden waren allein dort, und diese Situation war aus zwei Gründen für beide schwierig: Erstens sprach – nach damaliger Sitte – ein jüdischer Mann nicht eine Frau an, und zweitens herrschte zwischen Juden und Samaritern Feindseligkeit. Jeglicher Kontakt war verboten.

Darauf wies die Frau Jesus zunächst hin, doch er ignorierte das. Er wollte mit ihr sprechen und eröffnete den Dialog mit der Bitte um Wasser. Dabei ging es ihm von Anfang an um das, was er ihr – und damit allen Menschen – geben kann. Er nannte es geheimnisvoll „lebendiges Wasser“. Die Bitte war also nur ein Vorwand, um dieses Symbol einzuführen.

Das merkte die Frau allerdings nicht, sie wunderte sich nur über diesen Fremden und missverstand ihn. Natürlich dachte sie daran, dass er das frische Quellwasser meinte. Warum war er dann aber ohne Schöpfgerät gekommen? Sie redeten aneinander vorbei, denn Jesus verstand unter „lebendigem Wasser“ etwas anderes, das einen tieferen Sinn hat. Er sagte: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“

Um diese Botschaft ging es ihm, und sie bedeutet: „Ich kann dir etwas schenken, das ewig bleibt. Du wirst keinen Durst mehr haben, wenn du das empfängst.“ Jesus sprach von einem Wasser, das im Inneren des Menschen zu einer Quelle wird, die zum ewigen Leben sprudelt.

Und das dürfen wir auch auf uns beziehen: Wenn wir an ihn glauben, wird unser Lebensdurst und unsere Sehnsucht nach der Ewigkeit gestillt. Wir müssen nicht auf noch mehr oder etwas Besseres warten. Es gilt vielmehr, in vollen Zügen das aufzunehmen, was Jesus uns gibt. Er kann uns ganz erfüllen, und dadurch können wir selber zu einer Quelle lebendigen Wassers werden.

Doch was bedeutet das nun? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zunächst bewusst machen, wie wir meistens leben, und wovon unser Verhalten geprägt ist. Es ist oft so ähnlich wie bei dem kleinen Hund Jennie, der zwar alles hatte, aber noch mehr wollte. So geht es uns auch. Obwohl wir viel haben, begehren wir fast immer noch mehr. Wir haben Bedürfnisse, die wir befriedigen möchten, und das versuchen wir dann. Wir meinen, dass wir etwas unbedingt haben müssen, wenn wir glücklich sein wollen. Deshalb konsumieren und reisen wir, verdienen Geld, treffen Menschen, feiern Partys, lesen Bücher usw. Wir denken, „unser Durst wird gelöscht“, wenn wir das alles machen.

Das ist der Punkt, an den Jesus mit seinem Vergleich anknüpft. Er sagt, dass wir von dem natürlichen Wasser immer wieder trinken müssen, und damit stellt er das normale Begehren in Frage. Er macht auf die Nachteile aufmerksam, die alles Materielle und Menschliche, alles Weltliche und Irdische hat. Und darüber lohnt es sich einmal nachzudenken. Es stimmt nämlich, dass wir nie ganz zufrieden sind, wenn wir nur das suchen und haben wollen. Wir brauchen davon immer mehr, das Begehren hört nie auf.

Ein zweites Problem besteht darin, dass alles Irdische irgendwann vergeht. Was wir in unserem Leben erreichen oder aufbauen, kann wieder zerbrechen, nichts hält ewig. Und dazu gehören nicht nur Dinge, sondern auch Beziehungen, Freundschaften und Ehen. Ebenso Fähigkeiten, Ideen und Pläne, Gedanken und Vorstellungen. Alles, was wir aus uns selber heraus schaffen, kann kaputt gehen. Das ist das zweite Problem.

Und die dritte Schwierigkeit besteht darin, dass das Trachten nach den Dingen anstrengend ist, es kostet Kraft und Geld und laugt uns aus. Irgendwann sind wir davon erschöpft und müde.

Es lohnt sich also, das Wasser zu trinken, das Jesus uns gibt, denn es stillt unseren Durst wirklich, es vergeht nicht und schenkt uns Kraft. Doch wie geht das nun? Welche Folgen hat das für unsere Lebensführung und für unser Handeln? Das müssen wir uns als letztes fragen.

Und dazu ist es gar nicht schlecht, wenn wir uns noch einmal den kleinen Hund in Erinnerung rufen. Er hat sich auf den Weg gemacht und alles hinter sich gelassen, was ihn bis dahin gebunden hat. Er hat Abschied genommen und sein bequemes zu Hause verlassen. Und das können wir bildlich verstehen: Auch wir müssen uns aufmachen.

Wenn wir Jesus wirklich in uns aufnehmen wollen, ist es wichtig, dass wir all die anderen Quellen einmal verlassen. Wir wollen ja etwas Größeres und Bleibendes gewinnen, und dazu müssen wir das Kleinere und Vergängliche gelegentlich bei Seite lassen, es ignorieren und daran sozusagen vorbeigehen.

Es gibt eine große Heilige aus dem 16. Jahrhundert, Teresa von Avila, die in vielen Schriften sehr schön dargestellt hat, wie wir Jesus in uns aufnehmen können. Sie hat dafür auch oft das Bild vom Wasser benutzt. An einer Stelle sagt sie: „Alle Ratschläge, die ich euch in diesem Buch gegeben habe, zielen auf einen einzigen Punkt: dass wir uns von allem gelöst ganz dem Schöpfer schenken und unseren Willen in den seinen fügen. Dann wird der Weg kurz, auf dem wir zum Quell lebendigen Wassers gelangen. Aber nur der wird daraus trinken, der seinen Willen so ganz dem Herrn übergibt, dass dieser ihn gänzlich mit dem seinen in Übereinstimmung bringen kann.“ (Teresa von Avila, „Ich bin ein Weib – und obendrein kein Gutes“, ein Portrait der Heiligen in ihren Texten, ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Erika Lorenz, Freiburg i. Br. 1989, S. 79)

Es geht also darum, dass wir uns Gott hingeben. Wir müssen aufhören, uns selber glücklich machen zu wollen. Und dazu gehört es, dass wir all das, was uns fehlt, zunächst einmal akzeptieren, unseren inneren Durst aushalten, ohne ihn gleich mit etwas Vergänglichem zu stillen. Es gehört zu unserem Leben, dass wir nie genug haben, dass wir oft nicht richtig klar kommen, dass vieles zerbricht, und dass wir leiden. Wir wollen das immer so schnell wie möglich beenden, aber das ist nicht der richtige Weg. Wir müssen die Brüchigkeit des Lebens aushalten, ja dazu sagen und auf uns nehmen, was das Leben uns schickt.

Nur dann sind wir offen für das, was Jesus uns gibt. Denn dann können wir innerlich zu ihm gehen, zu ihm rufen und um seine Hilfe bitten. Sie ist sofort da, wir müssen uns um nichts mehr bemühen. Es ist nichts weiter nötig, als dass wir ihn anrufen und uns von ihm lieben lassen.

Wenn Leiden über uns kommen, können wir sagen: „Gib mir Kraft, sie zu tragen.“ Sind es Krankheiten, Enttäuschungen oder Verletzungen, können wir beten: „Hier bin ich, Jesus, ich halte das jetzt aus und versuche nicht, es abzustellen. Denn du hast dich für uns alle, also auch für mich, Gott hingegeben.“ Wir müssen dann nicht darauf warten, dass er uns erfüllt. In demselben Moment, in dem wir uns ihm anvertrauen, wird „unser Durst ganz gelöscht“. Dann brauchen wir wirklich nicht mehr, kein anderes Ding, keinen Menschen und keine Idee. Jesus erfüllt unser Inneres mit seiner Liebe, so dass sie in uns sprudelt.

Die tiefen Schichten in unserer Seele werden angerührt, wir bekommen Leben und Kraft. Wir werden gelassen und mit Geduld und Freude erfüllt. Wir sind ganz von selber zufrieden und glücklich, auch im Leid, auch dann, wenn wir das eine oder andere, was die Welt so bietet, vielleicht nicht haben, und sich nicht alle unser Wünsche erfüllen. Denn Jesus stillt unseren Durst ganz.

Das Wichtigste und Größte, das „mehr als alles“ ist, können wir uns nicht verdienen und auch nicht selber herstellen. Wir können es uns nur von Jesus schenken lassen und dankbar annehmen.

Amen.

 

Der Herr wird für euch streiten

Predigt über 2. Mose 14: Das Wunder am Schilfmeer

Sommerpredigt Wasser II, 2.8.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

In vier Gottesdiensten in diesem Sommer geht es um Geschichten aus der Bibel, in denen Wasser vorkommt. Das letzte Mal haben wir eine gelesen, in der es positiv besetzt war: Es rettet Leben und gibt uns Kraft.  (2. Mose 14, 1- 7) Viele andere Erzählungen in der Bibel handeln aber von genau dem Gegenteil. Sie beschreiben, dass man im Wasser auch untergehen kann. Eine der Bekanntesten ist in diesem Zusammenhang wohl die vom Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer. Sie waren aus Ägypten aufgebrochen, und eigentlich hatte der Pharao sie auch ziehen lassen. Aber dann überlegte er es sich anders und verfolgte sie mit seinen Soldaten. Am Schilfmeer holte er sie ein, und da geschah dann das Wunder und die Katastrophe: Gott spaltete das Meer in zwei Hälften, sodass die Israeliten hindurch ziehen konnten, aber über den Ägyptern schloss sich das Meer wieder, und das ganze Heer ertrank. Für uns klingt das zwar furchtbar, aber in der Geschichte Israels und in seinem Glauben war das das zentrale Ereignis der Rettung durch Gott.

2. Mose 14 in Auszügen

13,20 Die Israeliten zogen aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.
21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.
22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
14,5b Als das dem König von Ägypten angesagt wurde, sprach er: Warum haben wir die Israeliten ziehen lassen, sodass sie uns nicht mehr dienen?
7 Und er nahm sechshundert auserlesene Wagen mit Kämpfern auf jedem Wagen.
9a Und die Ägypter jagten ihnen nach mit Rossen, Wagen und ihren Männern.
10 Und die Israeliten fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN.
13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen.
14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.
19b Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie
20 und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.
21a Und der Herr ließ das Meer zurückweichen.
22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.
24 Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer.
25b Da sprachen die Ägypter: Lasst uns fliehen vor Israel; der HERR streitet für sie wider Ägypten.
27 und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der HERR sie mitten ins Meer.
30 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen.
31 So sah Israel die mächtige Hand, mit der der HERR an den Ägyptern gehandelt hatte. Und das Volk fürchtete den HERRN und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.

Liebe Gemeinde.

Ihr kennt sicher alle das Wort „Gospel“. Es „ist Englisch und heißt auf Deutsch: ,Die gute Nachricht‘. Es setzt sich zusammen aus dem altenglischen Wort gōd, das heißt gut, und spel, auf Deutsch: Erzählung.“ (wikipedia) Dabei steht dieses Wort nicht nur für das geschriebene Evangelium, sondern auch für eine ganz bestimmte Musik. Sie ist in den afroamerikanischen Gemeinden während der Sklavenzeit entstanden und enthält Jazz- und Blueseinflüsse. Die Texte in den Liedern, die wir auch „Spirituals“ nennen, handeln vom Loben, Danken und von der Hoffnung, die aus dem Glauben an Gott entspringt. Der allgemeine Klang der Gospelmusik ist also positiv, optimistisch und fröhlich. Doch diese Fröhlichkeit ist nicht oberflächlich, sondern sie entstammt den tiefen Leiderfahrungen aus der Sklavenzeit.

Und genau das macht diese Musik so inspirierend und attraktiv. Die Gospels haben sich seit ihrer Entstehung weit verbreitet und werden bis heute gesungen. Es gibt überall Gospelchöre, und auch in unserem Gesangbuch finden wir das eine oder andere Lied aus dieser Richtung. Teilweise wurden sie sogar ins Deutsche übersetzt, wie z.B. „Komm, sag es allen weiter.“ (EG 225)

Und sicher kennen viele von euch auch das Lied: „When Israel was in Egypt’s land“. Es beschreibt die Sehnsucht der Israeliten nach Freiheit und die zähe Auseinandersetzung zwischen Mose und dem Pharao, die dem Auszug voranging. Die Sklaven haben sich darin wiedegefunden, weil sie in derselben Situation waren, wie die Israeliten in Ägypten, und weil sie sich ebenfalls leidenschaftlich die Befreiung wünschten. Außerdem glaubten auch sie an einen starken Gott. Die gefangenen Afrikaner klagten ihm ihr Leid und trauten ihm dasselbe Handeln zu wie damals. Das war ihre Hoffnung, und die haben sie besungen und bezeugt.

Wir haben die Geschichte von dem Auszug der Israeliten aus Ägypten eben gehört. Es war allerdings nicht der ganze Text aus der Bibel, der davon berichtet, der ist in Wirklichkeit doppelt so lang. Aber es gibt darin so viele Wiederholungen und auch einige Ungereimtheiten, dass es ein bisschen ermüdend ist, wenn man es alles hört. Man kann auch davon ausgehen, dass hier verschiedene Erzählungen zu einer zusammengefügt wurden. So ist das ganz oft im Alten Testament. In einer Geschichte melden sich oft mehrere Stimmen zu Wort. Wir haben jetzt z.B. nicht gelesen, dass Gott „das Herz des Pharao verhärtete“. (Vers 4) Seine Motivation, die Israeliten zu verfolgen, war einfach nur der Ärger darüber, dass er sie hatte ziehen lassen, und dass sie ihm nicht mehr dienten. Er dachte, die hole ich leicht ein.

Und das Wunder selbst wird auch auf verschiedene Weise beschrieben. In der oben stehenden Version, wird nur gesagt, dass „der Herr das Meer zurückweichen ließ“. Andere Erzähler berichten, dass Mose seinen Stab hob und das Meer teilte. (Vers 16) Es ist aber auch noch von einem Ostwind die Rede (Vers 21), der das Meer zur Seite schob. Das sind wahrscheinlich andere Überlieferungen. Und genauso wird das Untergehen der Ägypter verschieden begründet. Wir haben gehört, dass sie erschrocken und verwirrt waren und ins Meer hineinliefen. An anderer Stelle wird gesagt, dass ihre Räder ins Stocken gerieten, und sie so den Wasserfluten nicht mehr entkommen konnten. (Vers 25)

Es ist also ziemlich eindeutig, dass mehrere Überlieferungen zu Grunde liegen, und man sieht daran, dass die Geschichte immer wieder erzählt wurde. Ich sagte ja auch schon, dass die Rettung am Schilfmeer ein ganz entscheidendes Ereignis für die Israeliten war. Ihr Urbekenntnis, das überall im Alten Testament auftaucht, lautet: „Jahwe hat Israel aus Ägypten herausgeführt.“ Das ist wie eine Formel, die bei ganz vielen Gelegenheiten wiederholt wurde. Wir finden sie in den Psalmen, bei den Propheten und in der Geschichtsschreibung. Und der Kern dieses Themas ist das Wunder am Schilfmeer. Wahrscheinlich sind die Erzählungen darüber sogar jünger, als die Urformel. Sie sind erst im Nachhinein entstanden. Man wollte damit das kurze Bekenntnis theologisch entfalten und deutlich machen, was wirklich geschehen ist. Man erinnerte sich an eine entscheidende Kriegstat Jahwes, und das galt als so eine Art Garantie: Es war eine unverbrüchliche Bürgschaft dafür, dass Gott sein Heil für Israel durchsetzen würde. Das war sein Wille, und das war der Glaube Israels.

Es fällt nämlich auf, dass in allen Erzähltraditionen Gott der allein Handelnde ist. Israel steht tatenlos daneben und lässt seine Macht zu. Und die setzt sich ohne Lärm oder Getöse durch. Gott handelt wortlos und Israel lässt es schweigend und vertrauensvoll geschehen. Der Satz, mit dem das zum Ausdruck kommt, lautet: „Der Herr wird für euch streiten und ihr werdet stille sein.“ Gott verherrlicht sich hier also selbst ohne Mitwirken des Menschen. Nur der Glaube Israels wird betont, denn um den ging es. Der sollte begründet werden. Deshalb endet die Erzählung mit dem Satz: „Und das Volk fürchtete den Herrn und sie glaubten ihm und seinem Knecht.“

Aber wie geht es uns damit? Wir kennen die Geschichte sicher alle, aber führt sie auch uns zum Glauben an Gottes Macht und an sein Heil? Wir sind ja schließlich keine Israeliten und haben die Ägypter genauso im Blick. Die sind nicht gerettet worden, sondern grausam ertrunken. Dieser Gott, von dem hier die Rede ist, ist gar nicht nur gut, sondern er hat auch ei­ne sehr brutale Seite. Und deshalb entstehen für uns erst ein­mal Fragen, wenn wir die Geschichte hören: Was ist das für ein Gott? Wie kann er so etwas tun? Und wollen wir daran überhaupt glauben? Das ist das, was uns beschäftigt.

Und so geht es uns mit dem gesamten Alten Testament. Überall und immer sollen die Feinde sterben und tun es auch. Das wird erzählt, das wünschen sich die Psalmbeter und das verheißen die Propheten. Gott wirkt in der Geschichte, er rettet die Einen und vernichtet die Anderen.

Und das machen wir so nicht mehr mit. Wir haben ein ganz anderes Weltbild. Toleranz steht für uns ganz oben. Wir wün­schen unseren Feinden nicht den Untergang, sondern wollen Frieden für alle. Daran glauben wir, das soll Gott bewirken. Und das ist auch gut so. Zum Glück haben sich unsere Vorstellungen von einem gerechten Gott verändert.

Bloß eine Sache übersehen wir dabei leicht: Es ist noch nicht so weit, dass Gottes gute Macht sich ganz durchgesetzt hat. Den Kampf gegen das Böse gibt es nach wie vor. Unsere Welt ist nicht friedlich. Es gibt die Ungerechtigkeit, den Terror und den Krieg, Rassismus und Diskriminierung. Das Heil Gottes hat noch nicht die ganze Welt erfasst. Diese Tatsache dürfen wir nicht übersehen. Wir stehen nach wie vor in einem Kampf. Das müssen wir erkennen. Wir verharmlosen mit unserer Toleranz auch manchmal die Schärfe der Auseinandersetzungen. Wollen wir gegen Rechtsextreme tolerant sein? Gegen fanatische Fundamentalisten? Gegen grausame Diktatoren und totalitäre Regierungen? Es gibt sie ja leider in vielen Ländern, und das das ist beunruhigend. Wir dürfen das nicht verharmlosen.

Wir müssen vielmehr sehen: Es gibt auch heute noch das Gegeneinander von Gut und Böse, und wir müssen uns entscheiden, wo wir stehen wollen. Die Bibel lädt uns ein, uns klar auf die Seite des Guten zu stellen und daran zu glauben. Und sie will uns dazu nicht nur auffordern, sondern verkündet uns gleichzeitig, woher wir dafür unsere Zuversicht nehmen können, was wir dem Bösen entgegensetzen können. Auch unsere Geschichte enthält diese Botschaft. Sie erzählt uns, woher wir die Hoffnung nehmen können, dass das Böse einmal besiegt werden wird. Sie enthält ein starkes Bekenntnis, denn es kommt ein mächtiger Gott darin vor. Die Schilderung von dem Wunder am Schilfmeer bezeugt: Gott ist letzten Endes stärker als das Böse und er wird eines Tages siegen.

Als Christen dürfen wir das erst recht glauben. Denn in Chris­tus hat Gott seine Macht ein für alle Mal erwiesen. Er hat ihn von den Toten auferweckt, und das ist ein stärkeres Ereignis als alles, was vorher dagewesen ist. Die früheren Taten Gottes weisen aber darauf hin und können verdeutlichen, wie Gott handelt. So kann auch das Wunder am Schilfmeer dafür ein Symbol sein. Das Meer steht dann für den Tod, aus dem die Israeliten auf wunderbare Weise gerettet wurden. Und das kann Gott wirklich tun. Seine Macht ist stärker als der Tod, und es ist gut, daran zu glauben. Denn nur dieser Glaube kann unsere Hoffnung unerschütterlich machen. Nur wenn wir uns daran festhalten, können wir in den Schrecken, die uns umgeben, zuversichtlich bleiben. Das schützt und trägt uns. Und dazu will uns die Geschichte einladen.

Oft halten wir uns ja lieber an anderen Dingen fest. An einer Idee vielleicht, an der Phantasie von einer besseren Welt. Und oft glauben wir auch lieber an unsere eigenen Möglichkeiten. Wir kämpfen für das Gute. Aber dieser Kampf ist oft vergeb­lich, wenn er nicht noch viel tiefer gegründet ist. Unsere Ideen zerbrechen nicht selten an der Wirklichkeit, sie halten nicht. Und dann zerplatzen unsere Träume. Wir werden nüchtern und geben auf.

Vielleicht müssen wir auch erst an diesen Punkt kommen, um uns wirklich an Gott zu halten. Erst wenn wir merken, dass wir nichts mehr tun können, erwacht in uns der Glaube an Gottes Möglichkeiten. Es ist das „Stille werden“, von dem in der Geschichte die Rede ist. Damit fängt der Glaube an. Und dass daraus wirklich eine feste Zuversicht entstehen kann, dafür gibt es viele Beispiele.

Die Schwarzen in Amerika konnten nicht umsonst viel mehr mit dem Alten Testament anfangen, als wir. Sie haben sich in den Geschichten über Israel wiedergefunden und daraus Lieder gemacht. Für die Sklaven war der Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer eine mutmachende Geschichte. Genauso würde Gott auch sie einst befreien. Sie lebten in Gefangenschaft, aber sie glaubten an einen Gott, der sie da herausführen würde. Und so ist es dann ja auch geschehen. Zu Ende ist dieser Kampf um Freiheit noch nicht, das haben wir gerade in den letzten Wochen wieder erlebt. Der Rassismus ist leider überall präsent. Aber es ist gut, dass es eine starke Gegenbewegung gibt, und der Slogan: „Black lives matter“ in vielen Ländern laut bezeugt und gelebt wird.

Denn die Hoffnung auf eine bessere Welt hat einen berechtigten Grund. Wir dürfen daran glauben, dass Gott so, wie er Israel aus Ägypten herausgeführt hat, eines Tages das Heil in der Welt durchsetzen wird. Das ist sein Wille, und der ist stark und mächtig und wird zuletzt auch geschehen.

Das Lied „When Israel was in Egypt‘s land“ bezeugt das. Es steht übrigens auch im Evangelischen Gesangbuch, und zwar im Anhang der Ausgabe für die Landeskirche in Württemberg. (Nr. 603) Da findet sich zusätzlich eine deutsche Übersetzung. Der Schriftsteller und Afrika-Forscher Janheinz Jahn hat sie 1962 geschrieben, und sie lautet folgendermaßen:

1. Als Israel in Ägypten war, –
– lass mein Volk doch ziehn!
das Joch nicht zu ertragen war –
– lass mein Volk doch ziehn!
Kehrvers
Geh hin, Moses, geh ins Ägypterland,

sag König Pharao:
Lass mein Volk doch ziehn!
2. »Gott will’s«, sprach Moses vor dem Thron,
– lass mein Volk doch ziehn!
»sonst töt ich deinen ersten Sohn«
– lass mein Volk doch ziehn!
3. »Genug der Knechtschaft, Last und Fron«,
– lass mein Volk doch ziehn!
»lass ziehn es mit Ägyptens Lohn«
– lass mein Volk doch ziehn!
4. Und Gott wies Mose Weg und Zeit,
– lass mein Volk doch ziehn!
dass er sein Volk zur Freiheit leit’
– lass mein Volk doch ziehn.

Amen.

Trau Gott etwas zu!

Predigt über 2. Mose 17, 1- 7: Israel in Massa und Meriba

Sommerpredigt „Wasser“ I: Wasser bedeutet Leben
26.7.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

2. Mose 17, 1- 7

1 Und die ganze Gemeinde der Israeliten zog aus der Wüste Sin weiter ihre Tagereisen, wie ihnen der HERR befahl, und sie lagerten sich in Refidim. Da hatte das Volk kein Wasser zu trinken.
2 Und sie haderten mit Mose und sprachen: Gib uns Wasser, dass wir trinken. Mose sprach zu ihnen: Was hadert ihr mit mir? Warum versucht ihr den HERRN?
3 Als aber dort das Volk nach Wasser dürstete, murrten sie wider Mose und sprachen: Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass du uns, unsere Kinder und unser Vieh vor Durst sterben lässt?
4 Mose schrie zum HERRN und sprach: Was soll ich mit dem Volk tun? Es fehlt nicht viel, so werden sie mich noch steinigen.
5 Der HERR sprach zu ihm: Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin.
6 Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel.
7 Da nannte er den Ort aMassa und Meriba, weil die Israeliten dort gehadert und den HERRN versucht und gesagt hatten: bIst der HERR unter uns oder nicht?

Liebe Gemeinde.

Am 31. Mai 1934 erklärten die Theologen der sogenannten bekennenden Kirche in Barmen: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ (Die theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen, Artikel 1) Das steht ganz am Anfang ihres Dokumentes, das seitdem zu den grundlegenden Bekenntnissen unserer Kirche gehört, es ist die „Barmer Erklärung“. Sehr deutlich wird darin betont, dass wir als Christen nur einen Herrn und Gott haben, wir brauchen keine weiteren Ideologien. Im dritten Reich war diese Aussage sehr bedeutungsvoll, denn sie richtete sich gegen den Versuch der Nazis, die Kirche ihren Zwecken unterzuordnen. Viele Christen haben das verheerender Weise zugelassen und grenzten sich nicht deutlich ab.

Und in dieser Gefahr, sich verschiedenen teilweise verlockenden und gefährlichen Einflüssen auszusetzen, stehen wir als Christen und Christinnen auch heutzutage noch. Denn so war es schon immer:

Bereits in der Bibel gibt es viele Geschichten, die erzählen, wie das Volk Israel an der Macht Gottes zweifelte und mit ihm haderte. Immer wieder trauten sie ihm nichts mehr zu und ließen sich mit anderen Mächten und Göttern ein.

Das begann bereits in der Zeit der Wüstenwanderung. 40 Jahre lang war das Volk Israel unterwegs von Ägypten Richtung Palästina. Sie lebten wie Nomaden, und das führte natürlich viele Entbehrungen mit sich: Es gab wenig zu essen und zu trinken, sie hatten keine feste Bleibe, mussten immer wieder weiter und wussten gar nicht so genau, wohin die Reise überhaupt ging. Das Ziel war unklar und ein Ende war nicht absehbar. Sie wurden auch regelmäßig von anderen Nomadenstämmen angegriffen. Es war also ein äußerst hartes Dasein. Sicherheiten gab es nicht, weder äußerlich noch innerlich, und oft murrten die Menschen deshalb. Sie waren unzufrieden mit diesem Leben.

Deshalb brauchten sie auch einen Führer, der sie immer wieder beruhigte, ihnen Mut zusprach und den Sinn ihrer Wanderschaft nicht aus dem Gedächtnis verlor. Das war Mose. Er war von Gott für diese Aufgabe auserwählt worden. Er stand also mit Gott in engem Kontakt, und er vergaß deshalb nie, warum sie unterwegs waren. Das war ja nicht nur einfach so geschehen, sondern auf die Weisung Gottes hin. Er hatte sie losgeschickt, um sie in ein Land zu führen, in dem es ihnen gut gehen sollte. Aber der Weg war wie gesagt nicht einfach. Dabei war das größte Problem gar nicht mal die äußere Situation, sondern die schlechte Stimmung, die immer wieder aufkam. Das Volk „murrte“ regelmäßig, und Mose bekam das dann ab.

In der Geschichte, die wir eben gehört haben, kommt es gleich zu Anfang vor, das Murren und Klagen. An einem bestimmten Ort, dessen Name sogar genannt wird, haderte das Volk mit Mose und mit Gott. Es ging mal wieder um Wasserknappheit. Und wie so oft, sehnten sie sich nach Ägypten zurück, wo sie hergekommen waren. Sie hatten dort zwar als Sklaven gelebt, aber wenigstens hatten sie immer zu essen und zu trinken. In ihrer Erinnerung verzerrte sich das Bild der Vergangenheit, und ihr Glaube vermischte sich mit der Vorstellung, dass es früher in Ägypten doch viel besser war. Und das warfen sie Mose hier vor.

Mose zog sich daraufhin erst einmal zurück und betete zu Gott. Er schrie sogar zu Gott, denn offensichtlich hielt er das auch nicht mehr aus. Er wusste nicht mehr, was er tun sollte. Aber Gott hatte eine Antwort. Er sah, dass das Problem nicht nur das fehlende Wasser war, sondern auch der fehlende Glaube an seine Macht und Möglichkeiten. Deshalb wollte er die aufs Neue demonstrieren.

Mose sollte das Volk feierlich versammeln, und zwar vor einem Felsen, den es in der Nähe gab. Mit ein paar Ältesten sollte er sich dem Volk gegenüber an diesen Felsen stellen und dann mit seinem Stab daran schlagen. Gott wollte vor ihm stehen und dafür sorgen, dass daraufhin Wasser aus dem Felsen hervorquoll. Und so geschah es dann auch. Plötzlich war dort ein Wasserfall und das Volk hatte zu trinken.

Es wird nicht mehr berichtet, dass sie daraufhin aufhörten zu murren, denn das hielt der Erzähler wohl für selbstverständlich. Das Ereignis blieb ihnen aber im Gedächtnis, und der Ort bekam daraufhin auch einen neuen Namen. Er hieß jetzt „Massa und Meriba“, das heißt „Versuchung und Anklage“, weil das Volk Gott dort versucht und gesagt hatte: „Ist der Herr unter uns oder nicht?“

Und das ist auch das Thema dieses Ereignisses: Die Menschen zweifeln an der Macht und den Möglichkeiten Gottes, weil sie seine Nähe nicht spüren, und er antwortet darauf in wunderbarer Weise. Die Geschichte will uns also sagen: „Trau Gott etwas zu und verlass dich ganz auf ihn.“

Das ist an Hand dieser Erzählung allerdings nicht ganz einfach, denn das Wunder kommt uns märchenhaft vor. Möglicherweise ist es auch nicht wirklich geschehen, sondern es gab an der Stelle bereits einen Wasserfall, und es entstand diese Legende, um sein Vorhandensein zu erklären.

Aber das muss uns nicht daran hindern, die Geschichte ernst zu nehmen. Sie hat trotzdem eine Botschaft, die wahr und aktuell ist. Die Erzählung ist nämlich wie ein Bild, das unser Leben beschreibt. Lasst uns die Einzelheiten deshalb einmal übertragen.

Dann ist da als erstes die Wanderung, auf der es immer wieder Durststrecken gibt. Das kennen wir auch. Uns fehlt es zwar nicht an Wasser, aber trotzdem oft an Kraft und Ausdauer. Die Anforderungen des Lebens sind häufig sehr hart, wir werden müde und murren, manchmal innerlich und leise, manchmal aber auch laut und hörbar.

In der jetzigen Krise ist das z.B. so. Unser Leben ist nun schon seit gut vier Monaten nicht mehr so, wie wir uns das wünschen. Und keiner weiß, wie lange es noch so weitergehen wird, dass wir Abstände einhalten müssen, Mund- und Nasenschutz tragen und vor allem: nicht in geschlossenen Räumen singen dürfen. Das betrifft uns als Gemeinde schon. Ebenso leiden darunter alle Kulturschaffenden, Reiseanbieter und andere Geschäfte. Und da kann man zwischendurch schon mal ungeduldig werden und anfangen zu murren. Es macht uns ärgerlich, traurig und sorgenvoll.

Und solche Gefühle entstehen auch in anderen Situationen, in schwierigen Beziehungen z.B., bei Krankheiten und vielem mehr. Für unsere Wanderung durch das Leben brauchen wir auf jeden Fall immer wieder viel Mut und Vertrauen, das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, Ausdauer und Kraft. Und das kann alles manchmal verschwinden. Das ist das eine, was diese Geschichte thematisiert. Sie beschreibt eine Situation, die wir kennen, in der wir an Gott zweifeln und der Versuchung ausgesetzt sind, uns allen möglichen Ideologien oder Mächten anzuvertrauen.

Das Zweite ist dann aber das Wunder, das geschieht. Das können auch wir erleben. Wir müssen es Gott bloß zutrauen, dass er etwas tun kann. Die Israeliten dachten ja, dass Gott sie vergessen hatte, dass sie ihm gleichgültig geworden waren. Aber in Wirklichkeit war es umgekehrt: Sie hatten ihn vergessen. Sie haben sich selber blockiert mit ihrem Ärger und ihrem Hadern, ihren verzerrten Träumen und Vorstellungen. Gott musste ihnen erst mal die Augen öffnen, und genau so ist es auch bei uns.

Wir sind oft so verstrickt in all unsere Gedanken, dass wir gar nicht mehr mit Gott rechnen. Alles dreht sich um die Probleme unseres Lebens und die Sorgen, die wir haben. Wir starren auf das, was vor uns liegt und uns zu schaffen macht, und dadurch entsteht das Gefühl der Überforderung. Wir kriegen Angst und fühlen uns auch von Gott verlassen.

Und genau das ist das größte Problem, denn das ist ein ganz großer Irrtum. Gott verlässt uns niemals. Wenn wir uns allein fühlen, dann haben wir ihn verlassen. Wir müssen also nur zurückkehren, und das heißt, mit ihm auch wirklich rechnen. Wir müssen unseren Kopf immer wieder für ihn frei machen und den Gedanken, dass er bei uns ist, auf uns wirken lassen. Dann können wir erleben, dass da etwas dran ist. Wir spüren dann, es gibt ja noch viel mehr, als nur all diese Dinge, die uns beschäftigen oder belasten. Es gibt auch noch die entlastende Liebe und Gegenwart Gottes. Er ist immer da, er weiß um uns und will uns auch versorgen.

Als Christen und Christinnen dürfen wir uns dessen umso gewisser sein, denn durch Jesus Christus ist das so. Er ist der Sohn Gottes und mit ihm ist Gott uns ganz nahe gekommen. An ihn sollen und dürfen wir glauben, und zwar von ganzem Herzen. Nicht unsere vielen Gedanken oder Gefühle sollten der Mittelpunkt unseres Lebens sein, und schon gar keine andere „Macht oder Gestalt“, sondern Jesus Christus ist in Wirklichkeit die Mitte, und von ihm her ordnet sich alles andere.

Das war auch das Anliegen der Barmer Erklärung. Sie beginnt nicht umsonst mit dem Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh.14,6) Wenn wir diesen Weg wählen, werden wir ruhig und zuversichtlich, geduldig und stark. Es ist wir das Trinken von Wasser, das plötzlich und unerwartet aus einem Felsen sprudelt. Wir können das als Bild verstehen, das die Kraft Gottes beschreibt. Sie fließt sogar da, wo vorher harter Stein war, und sie fließt eben auch. Durch die Gegenwart Jesu Christi strömt sie in mir und durch mich hindurch. Das ist das Zweite.

Und das Dritte ist die Gemeinschaft, in der die Israeliten das erlebt haben. Gott hat sich ihnen gezeigt, als sie versammelt waren. Und so kann es auch uns ergehen. Die Gemeinde kann ein Ort sein, wo die Quelle der Kraft Gottes immer wieder zum Sprudeln kommt. Denn wir können uns gegenseitig zum Glauben ermuntern, uns an Jesus Christus erinnern, zu ihm rufen und uns gegenseitig auch helfen. Das ist besonders dann gut, wenn es gesellschaftliche Krisen gibt.

So ging es auch der bekennenden Kirche. Im Gegensatz zu den jetzigen Problemen, waren die Vorgänge in der Zeitwirklich schlimm, grausam und zerstörerisch. Deshalb war es gut, dass doch viele Menschen wach und klar geblieben sind, sich zusammengefunden und bekannt haben: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

Der Pfarrer und geistliche Dichter Otto Riethmüller war einer von denen, die diese Erklärung als erster unterschrieb. Von ihm gibt es ein schönes Lied, in dem die Gegenwart Gottes als „Quelle mit einem frischen Trank“ beschrieben wird. Es enthält die Bitte um das wahre Wasser des Glaubens, das der in der Kirche als „Stadt Gottes“ fließen möge. Der Text lautet folgendermaßen:

  1. „Nun gib uns Pilgern aus der Quelle der Gottesstadt den frischen Trank; lass über der Gemeinde helle aufgehn dein Wort zu Lob und Dank.
  2. Gib deiner Liebe Lichtgedanken mit Vollmacht uns in Herz und Mund; mach, woran Leib und Seele kranken, durch deine Wunderhand gesund.
  3. Schließ auf, Herr, über Kampf und Sorgen das Friedenstor der Ewigkeit. In deiner Burg sind wir geborgen, durch dich gestärkt, zum Dienst bereit.
  4. Zeig uns dein königliches Walten, bring Angst und Zweifel selbst zur Ruh. Du wirst allein ganz recht behalten; Herr, mach uns still und rede du.“
    (Otto Riethmüller, 1889 – 1938)

Amen.

Nur mit Jesus will ich Pilger wandern

Predigt über Lukas 5, 1- 11: Die Berufung der ersten Jünger

5. Sonntag nach Trinitatis, 12.7.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 5, 1- 11

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth
2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Liebe Gemeinde.

Kermit, der Frosch aus der Muppetshow, stand einmal an einem regnerischen Tag sinnierend am Fenster und sagte: „Manchmal frage ich mich, was aus den Menschen geworden ist, die mich nach dem Weg gefragt haben.“ Offensichtlich hatte er Antworten gegeben, die gar nicht so genau stimmten. Vielleicht hatte er nicht zugeben wollen, dass er den Weg nicht kannte, vielleicht ist ihm auch erst hinterher eingefallen, dass seine Angaben verkehrt waren.

Das kennt ihr sicher auch alle aus eigener Erfahrung. Auf die Frage nach dem Weg sind wir ja nie vorbereitet, und dadurch vertun wir uns leicht mir der Auskunft, verwechseln die Seiten oder die Straßennamen, und wissen eigentlich nur so ungefähr, wo es lang geht. Trotzdem wollen wir natürlich helfen und uns als ortskundig erweisen, und so geben wir Antworten, die möglicherweise in die Irre führen.

Oft wäre die Aussage ehrlicher, die ich einmal auf der Rückseite eines T-Shirts gelesen habe. Da stand: „Folgt mir nicht nach, ich weiß auch nicht wo’s lang geht.“ Ich fand das sehr lustig, denn die Aussage bezieht sich natürlich auf das Leben im Allgemeinen. Und da ist es gar nicht so schlecht, wenn einer zugibt, dass er sich nicht auskennt. Er ist damit bestimmt nicht allein. Bei den meisten Menschen ist es besser, wenn ihnen niemand folgt.

Zu denen gehörte Jesus allerdings nicht. Er war sich über seinen Weg und seinen Auftrag ganz sicher, und er riet nicht davon ab, ihn zu fragen oder ihm nachzufolgen. Im Gegenteil, er rief dazu sogar auf und begann damit gleich am Anfang seines öffentlichen Auftretens.

Wir haben die Geschichte eben gehört. Sie handelt von ihm und den Fischern Simon, Jakobus und Johannes. Sie trafen sich am See Genezareth. Dort hatte Jesus gepredigt, mit Vollmacht und einer großen Ausstrahlungskraft. Er war zutiefst überzeugt von seiner Rede und fand mit seiner Botschaft viele interessierte Zuhörer. Sie drängten sich um ihn, so dass es sogar zu eng für ihn wurde. Aber er wusste sich zu helfen: Hinter ihm auf dem See lagen zwei leere Boote. Die Fischer waren ausgestiegen, um die Netze zu waschen. In eines der beiden ging Jesus nun, um die Menge von dort aus weiter zu belehren. Er bat darum, das Boot einige Meter auf den See hinauszufahren, weil er so die beste Akustik hatte. Die Menge nahm am Ufer im Halbkreis Platz.

„Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ So geht die Geschichte weiter. Die Menschenmenge verschwindet aus dem Blickfeld, und wir erfahren, was im Boot geschieht: Es ergeht ein Befehl an den Besitzer, der Simon heißt, und der gehorcht aufs Wort. Und das ist erstaunlich, denn eigentlich ist die Aufforderung unsinnig. Die Fischer sind die ganze Nacht unterwegs gewesen um etwas zu fangen, weil das dafür die günstigste Zeit ist. Nun ist bereits morgen, und sie waren erfolglos geblieben. Aber „auf sein Wort“ wirft Simon die Netze noch einmal aus. Es ist stärker als seine berufliche Erfahrung. Und dann fangen sie so viele Fische, dass die Netze zu reißen beginnen. Kollegen von einem anderen Boot müssen helfen, um sie an Bord zu ziehen. „Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.“

Ein Wunder geschieht, und das überwältigt Simon. Er begreift, dass Jesus kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern göttliche Eigenschaften hat. Er ist offensichtlich Herr über die Naturereignisse. Simon kniet deshalb vor ihm nieder und spricht: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Im Griechischen heißt die Anrede „Kyrios“, und das ist eine Ehrenbezeichnung. Gleichzeitig empfindet er sich selber als „sündigen Menschen“. Doch Jesus beruhigt sein erschrecktes Gewissen und sagt zu Simon und seinen Gefährten, Johannes und Jakobus: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Sie sollen Missionare werden und Menschen für Jesus und das Reich Gottes gewinnen.

Zum Schluss wird dann kurz festgestellt: „Sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“ Sie wurden zu seinen engsten Vertrauten und taten von nun an, was Jesus von ihnen wollte. Sie lernten von ihm und wurden später zu Aposteln.

Wir kennen die Geschichte alle, haben sie schon oft gelesen und gehört. Trotzdem ist sie immer wieder faszinierend, denn was hier geschieht, ist ungewöhnlich. Wie kommt es, dass Jesus sich so sicher war? Er kannte den Weg und wollte, dass die Menschen ihm folgten. Und das ist ihm auch gelungen. Die Fischer gingen tatsächlich mit ihm, ohne Bedenken und ohne Zögern. Und das geschieht bis heute: Viele hören auf sein Wort und bekehren sich zu ihm.

Und das ist auch erklärlich, denn von den unzähligen Wegen, die wir gehen können, führt der Weg Jesu uns tatsächlich zum Leben. Was ihn erfüllt und was er verkündigt, ist von ganz anderer Natur, als unsere menschlichen Ziele. Er kommt von Gott und verkündigt sein Reich. Sein Weg weist weit über diese Welt hinaus und führt in die Ewigkeit. Und es ist gut, wenn auch wir das beherzigen.

Wir nennen uns zwar Christen, aber oft interessiert uns dieses Thema gar nicht so sehr. Wir setzen uns lieber innerweltliche Ziele, und davon gibt es etliche, die auch alle ganz unterschiedlich sind. Die Möglichkeiten, seinem Leben einen Inhalt zu geben, sich selber zu verwirklichen und etwas zu erreichen, sind vielfältig. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten und Überschneidungen. So gehören zu den Dingen, die den meisten Menschen wichtig sind, die Ausbildung und der Beruf, Wohlstand und materielle Güter, Menschen und Erlebnisse, Ideen und Erfahrungen. Doch die Fülle dieser Inhalte ist manchmal unüberschaubar. Man kann sich leicht verirren. Einige Menschen wissen vielleicht ihr Leben lang genau, was sie wollen, aber viele geraten zwischendurch auf Irrwege und wissen dann nicht mehr richtig, wo es lang geht.

Das geschieht z.B., wenn jemand seinen Job oder auch den Partner bzw. die Partnerin verliert. Bei anderen ist es eine Krankheit, die alles durcheinander bringt, oder sogar der Tod eines nahen Angehörigen. Auch in einer Krise, wie wir sie z.Zt. erleben, gerät vieles ins Wanken, was für uns eigentlich selbstverständlich ist: Unsere Grundrechte und unsere Bewegungsfreiheit, kulturelle Erlebnisse, Begegnungen und soziale Nähe. Gewohnte Wünsche und Ziele stehen plötzlich in Frage, und das führt bei vielen große Probleme mit sich. Wie in allen leidvollen Situationen sind wir unsicher und orientierungslos. Wir müssen uns deshalb fragen, wie wir das alles bewältigen können, und nach einem Weg suchen, der uns da heraus führt. Und genau den will Jesus uns zeigen. In drei Schritten können wir ihm folgen.

Der erste Schritt ist die Erkenntnis, dass alle unsere selbstgewählten Ziele letzten Endes beliebig sind. Sie haben keine allgemeine Gültigkeit, sondern sind von vorne herein vergänglich und dem Wechsel unterworfen. Zudem sind sie meistens sehr individuell, betreffen nur uns selber, und das heißt automatisch, dass andere uns nicht unbedingt weiterhelfen können.

Diese Erkenntnis kommt auch in unserer Geschichte vor. Sie steckt hinter dem Ausruf von Simon: „Ich bin ein sündiger Mensch“. Das klingt uns vielleicht etwas zu negativ, aber es heißt, dass er seinen Blick nach innen richtet. Und das können auch wir tun. Uns wird dann bewusst, dass wir an Zielen und Ideen festhalten, die uns nicht weiterbringen. Wir haben uns „bezaubern und betören“ lassen, wie es in einem Lied von Gerhard Tersteegen heißt (EG, 392,1) . Deshalb geraten wir in ein Dickicht, bleiben gefangen und finden nicht den richtigen Weg.

Doch genau in diese Situation hinein erfolgt der zweite Schritt. Er besteht darin, dass wir auf Jesus hören und uns von seinem Ziel anstecken lassen. Er ist mitten unter uns und steigt zu uns ins Boot. Das kann ein Bild für unser Leben sein. Jesus betritt es, denn er kennt uns und will uns begegnen. Und seine Botschaft lautet: Die Welt und das Leben erschöpfen sich nicht im Diesseits. Es gibt nicht nur unsre Aufgaben und Wünsche, sondern das Reich Gottes ist da. Mit Jesus kommt Gott zu uns. Und der wirkt in unserem Leben, er schenkt uns das, was wir am meisten brauchen, denn er schenkt uns sich selber in Hülle und Fülle.

Auch wir sollten deshalb vor Jesus niederfallen, uns für ihn öffnen und auf seine Stimme hören. Wir müssen sie nur einmal beachten. Dann relativiert sich alles andre ganz von selber und erscheint in einem neuen Licht. Wir erkennen, was wirklich zählt. Die Probleme werden kleiner und verlieren ihre Macht. Das Leid wird gemildert, und selbst der Tod macht uns keine Angst mehr. Wir müssen nur die Gegenwart Jesu annehmen, vor ihm niederfallen und uns dann für ihn entscheiden.

Das ist der dritte Schritt, dass auch wir für ihn leben, ihn in die Mitte treten lassen und ihm nachfolgen. Und das geht genauso wie bei Simon nur ganz oder gar nicht. Jesus fordert ein klares Bekenntnis von uns. Die Liebe und die Kraft Jesu können nur dann in unserem Leben wirken, wenn wir anderen Kräften Einhalt gebieten, wenn wir nicht mehr unserem eigenen Willen folgen, sondern auf Jesus vertrauen und uns ihm hingeben. Es gilt, loszulassen, was uns bindet, und leidensbereit zu werden.

An der Hand Jesu fällt uns das nicht schwer, denn er hält uns das ewige Ziel vor Augen. Sein Ruf ist ein rettender Ruf, und es ist ein erlösender Schritt, darauf zu hören. Jesus führt uns aus dem Leid in eine ganz große Freiheit. Das Leben verändert sich, denn es gelten plötzlich neue Regeln, eine neue Lehre. Nicht mehr die vielen Ziele, die uns verführen wollen, geben den Ton an, sondern die eine ewige Heimat. Die Stimme Jesu weist uns darauf hin und heilt uns von innen her. Sie öffnet ganz neue Möglichkeiten des Denkens und Handelns. Unser Lebensgefühl verändert sich. Wir werden ruhiger und gelassener, die Unsicherheit verschwindet und wir gewinnen einen festen Halt. Und diesen Weg können wir dann auch anderen zeigen. Sie dürfen uns gerne folgen, denn wir wissen, was aus ihnen wird: Die Unruhe weicht und sie werden ebenfalls mit Freude erfüllt. Sie werden genauso wie wir zuversichtlich, sicher und frei.

Lasst uns deshalb mit Jesus unseren Weg gehen, so wie das in einem Pilgerlied aus dem 19. Jahrhundert zum Ausdruck kommt. Der evangelische Pfarrer Johann Peter Schück aus Hoffenheim hat es gedichtet, und es lautet:

  1. Nur mit Jesu will ich Pilger wandern, nur mit Ihm geh froh ich ein und aus; Weg und Ziel find ich bei keinem andern, Er allein bringt Heil in Herz und Haus.
  2. Berg und Tal und Feld und Wald und Meere, froh durchwall ich sie an Seiner Hand. Wenn der Herr nicht mein Begleiter wäre, fänd ich nie das wahre Vaterland.
  3. Er ist Schutz, wenn ich mich niederlege, Er mein Hort, wenn früh ich stehe auf, Er mein Rater auf dem Scheidewege und mein Trost bei rauem Pilgerlauf.
  4. Bei dem Herrn will ich stets Einkehr halten, Er sei Speis und Trank und Freude mir; Seine Gnade will ich lassen walten, Ihm befehl ich Leib und Seele hier.
  5. Bis es Abend wird für mich hienieden, und Er ruft zur ew’gen Heimat hin, bis mit Ihm ich gehe ein zum Frieden, wo Sein sel’ger Himmelsgast ich bin.
    (Text und Melodie: Johann Peter Schück, 1811- 1892)

Amen.

Geht Gottes Weg!

Predigt über Apostelgeschichte 4, 32- 37: Die Gütergemeinschaft der ersten Christen

1. Sonntag nach Trinitatis, 14.6.2020
Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Kleine Kinder werden von ihren Eltern gerne angehalten, die Schokolade miteinander zu teilen oder den anderen auch mal ihr Spielzeug zu überlassen. Häufig haben diese Aufforderungen allerdings keinen Erfolg, denn die Kinder finden es besser, das Spielzeug nur für sich zu behalten. „Das gehört mir. Das ist meins.“ Diese Sätze lernen sie früh. Und auch die Schokolade würden sie am liebsten allein aufessen.

Der Drang nach eigenem Besitz ist also offensichtlich angeboren, und er bleibt auch in uns. Als Erwachsene erleben wir das ja ganz ähnlich: Wir wollen das, was uns gehört, für uns allein haben. Wir tun uns z.B. schwer, unser Auto oder unseren Computer einem anderen zu leihen, der es gerade braucht. Wir befürchten, er könne unsere Dinge nicht gut behandeln, mit unserem Auto in einen Unfall verwickelt werden, den Computer durcheinander bringen usw. Das Risiko ist uns zu groß, und Scherereien mit der Versicherung zu unangenehm. Wir haben viele Gründe, das, was uns lieb ist, nicht mit anderen zu teilen, sondern es für uns zu behalten.

In der Urgemeinde war das anders. Das ist die erste Gemeinde, die nach der Pfingstpredigt des Petrus in Jerusalem entstanden war. Sie wird in der Apostelgeschichte im vierten Kapitel beschrieben. Dort wird uns folgendes erzählt:

Apostelgeschichte 4, 32- 37

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Der Evangelist Lukas hat das geschrieben und er zeichnet hier das Bild der christlichen Frühzeit, das für immer ein Leitbild dessen geblieben ist, was Kirche sein soll: Es ist das Ideal der Gütergemeinschaft. Die Einigkeit unter den zum Glauben Bekehrten war so stark, dass das private Eigentum keine Grenzen mehr zwischen den Menschen zog. Niemand beanspruchte sein Hab und Gut nur für sich selber, sondern stellte es, wo es nötig war, für die Geschwister zur Verfügung. Es sollte keine Armen und keine Reichen in der Gemeinde geben.

Diese Vorstellung war nicht neu. Im Alten Testament wird so die Wirkung des Segens Gottes beschrieben. Durch ihn erfüllt sich die Verheißung einer endzeitlichen Heilsgemeinde. Und auch in der griechischen Philosophie gab es dieses Bild bereits. Da kursierte die Utopie einer verlorenen, heilen Urzeit, die wieder hergestellt werden müsse. Der Gedanke an eine Welt ohne die Schranken des Privateigentums, in der allen alles gemeinsam ist, strahlte schon immer eine große Faszination aus. Der Evangelist Lukas kannte diese Idee sicher auch und hat sie hier übernommen.

Allerdings dachte er dabei nicht an eine organisierte oder gesetzlich fixierte Eigentumsgemeinschaft, in der alle Güter vergesellschaftet wurden. Er erzählt uns vielmehr, dass die Begüterten ihren Besitz verkauften und so zum Unterhalt der Bedürftigen beitrugen. Was dem Einzelnen gehörte, stellte er in selbstverständlicher Freiheit der Gemeinschaft zur Verfügung, so wie es gerade gebraucht wurde. Mit einem biografischen Beispiel belegt der Evangelist das Bild der Gütergemeinschaft in der Urgemeinde noch: Er erwähnt einen Barnabas, der mit gutem Beispiel voranging, seinen Acker verkaufte und das Geld den Aposteln gab, damit sie es in der Gemeinde verwenden konnten.

Sicher steht dahinter auch eine geschichtliche Wirklichkeit. Das ist nicht nur eine Phantasie oder ein frommer Wunsch, sondern so war es am Anfang wohl wirklich: Die Gemeindeglieder waren „ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Allerdings ist das Experiment schon bald gescheitert. Bereits in der Apostelgeschichte wird erzählt, wie erste Schatten auf das Bild der Urzeit gefallen sind. Es ergaben sich vielfältige Schwierigkeiten.

Und das können wir uns gut vorstellen, denn auch wir hätten unsere Bedenken, wenn wir so leben sollten. Es schwebt uns zwar immer noch als das vollkommene Bild einer Gemeinde vor, aber verwirklicht wird es kaum. In unserer Kirche wird das Privateigentum nicht in Frage gestellt. Wir bezahlen zwar unsere Kirchensteuer, damit alles getan werden kann, was wichtig ist, und sicher spenden wir gelegentlich auch Geld für Notleidende, aber niemand würde alles hergeben, was er besitzt, und es mit allen anderen teilen.

Was sollen wir mit dieser Geschichte also anfangen? Ist das Ganze nicht sehr unrealistisch und für eine heutige Umsetzung kaum tauglich? Das fragen wir uns und wir müssen uns Gedanken machen.

Lasst uns das tun und zunächst folgendes feststellen: Lukas vertritt hier nicht einfach nur irgendeine Philosophie. Er erinnert mit der Beschreibung der Gütergemeinschaft in der Urgemeinde vielmehr an die Kritik des Reichtums, die er bereits in seinem Evangelium betont, und die er von Jesus gelernt hatte. Der verzichtete auf Besitz und warnte vor dem Sorgen um materielle Güter. Sie waren für ihn eine Gefahr, weil sie dem radikalen Anspruch Gottes im Weg standen. Sie verengen den Blick auf das eigene Ich, das war seine Warnung, und die hat die Urgemeinde ernst genommen. Sie hat versucht, die Gefahr des Besitzes zu bannen. Mit der Gütergemeinschaft realisierten sie eine Lebensform, in der die materiellen Dinge als gute Gaben Gottes verstanden wurden. Sie trennten die Menschen nicht voneinander, sondern führten sie zusammen. So blieben die Einzelnen offen für Gott und den Nächsten. Der Geist Jesu war unter ihnen lebendig, er stärkte und ermutigte sie. Jesus stellte sich sozusagen zu ihnen. Seine Gedanken wurden ihre Gedanken, und sie wuchsen in sein Reich hinein. Und das hat ihnen sicher Freude bereitet. Sie erlebten, wie reich es innerlich macht, dem anderen zu helfen. Es freut nicht nur den Empfänger oder die Empfängerin, sondern auch den Geber oder die Geberin.

Und das können auch wir erfahren, wenn wir die Dinge, die uns gehören, mit anderen teilen, jemandem z.B. unser Auto oder unseren Computer leihen. Die Freude, die wir ihm damit bereiten, fällt auf uns selber zurück. Wir kennen es ja auch aus eigener Erfahrung, wie schön es ist, wenn wir beschenkt werden, wenn ein anderer etwas mit uns teilt, das er besitzt, und wir es auch haben dürfen. Es zählt plötzlich ein ganz anderer Maßstab, als das Festhalten am Eigentum. Wir teilen und lieben, kommen uns näher und werden eins. Freude entsteht, und das Evangelium wird Wirklichkeit.

Und das muss sich auch nicht nur auf äußere materielle Dinge beziehen. Genauso wichtig ist es, dass wir Erfahrungen, Ideen und Gedanken, Zuversicht und Vertrauen miteinander teilen. Wenn jemand uns erzählt, was er in einen anderen Land, bei einer schönen Begegnung oder einer interessanten Lektüre erfahren hat, dann schenkt uns das mehr Sicherheit und zeigt uns Wege auf, wie wir in unserer Situation handeln können. Wir sind dankbar, wenn wir Anteil gewinnen an den Erlebnissen der anderen.

Es gibt dazu ein schönes Sprichwort, das lautet: „Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Es sagt uns, wie gut es uns tut, wenn jemand mit uns fühlt, sich auf unser Leid einlässt und es mit uns teilt, mit uns trägt. Dann wird es leichter. Wir fühlen uns nicht allein, denn da geht jemand mit uns hinein in die leidvollen Gefühle, die uns bedrücken.

In den letzten Wochen und Monaten haben wir alle sicher Dinge erlebt, die uns belastet oder traurig gemacht haben. Wir hatten Angst und waren unsicher, wütend oder nervös. So tat es gut, wenn jemand das alles mit uns ausgehalten hat und wir unsere Sorgen und Ängste teilen konnten. Sie werden leichter, wenn wir damit nicht allein sind. Wir fühlen uns dazu gehörig und sind nicht ausgeschlossen.

Und umgekehrt ist es mit der Freude. Wir haben in uns den Drang, unsere Freude auch vor anderen auszudrücken. Und wenn der andere sich ehrlich mit uns freut, dann vertieft das unsere Freude. Sie wird gleichsam verdoppelt. Wir freuen uns dann miteinander an schönen Erlebnissen und Gedanken, an den Zusammenhalt in der Familie, an der Gesundheit und der Zuversicht. Das Teilen tut uns allen gut, ob es nun um unseren Besitz oder unsere Güter geht, unser Leid oder unsere Freude, unsere Erfahrungen oder Gedanken.

Denn wir dürfen dabei daran glauben, dass Jesus Christus bei uns ist. Er ermutigt uns zum Geben und zum Nehmen, wie es gerade nötig ist, und er schenkt uns die Freude und die Dankbarkeit, wenn das Teilen gelingt. Auf diese Weise verwirklicht sich sein Friede, und sein Reich wächst. Es muss gar nicht das Ideal der vollkommenen Gütergemeinschaft sein, es reicht schon, wenn die Liebe Christi hier und da in der Welt vorkommt und Menschen tröstet und ermutigt. Unser Alltag wird damit aufgehellt.

Der englische Geistliche John Raphael Peacy hat ein schönes Lied gedichtet, das all diese Gedanken wiedergibt. Er lebte von 1896 bis 1971 in Brighton und schrieb viele geistliche Lieder, die bis heute gesungen werden. Der evangelisch- methodistische Pastor Stefan Weiler hat das besagte Lied im Jahr 2000 ins Deutsche übersetzt. Ich habe es im Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine gefunden, dort lautet es folgendermaßen:

1. Geht Gottes Weg, bringt Frieden in die Welt! Habt guten Mut, weil Gott sich zu euch stellt. Seine Gedanken werden eure sein. Ihr werdet wachsen in sein Reich hinein. Geht Gottes Weg, bringt Frieden in die Welt!

2. Geht Gottes Weg, bringt Liebe in die Welt, Liebe, die tröstet, wo Verzweiflung quält, die Menschen nachgeht, die verloren sind, und noch im Fernsten sieht das Gotteskind. Geht Gottes Weg, bringt Liebe in die Welt!

3. Geht Gottes Weg, bringt Stärke in die Welt, Stärke, bei der ein neuer Maßstab zählt: die überzeugt, nicht unterdrücken will und sich doch durchsetzt – nachhaltig und still. Geht Gottes Weg, bringt Stärke in die Welt!

4. Geht Gottes Weg, bringt Freude in die Welt, Freude, die auch das Alltagsgrau erhellt, die über jede Gabe staunen kann und dankt für das, was Gott an uns getan. Geht Gottes Weg, bringt Freude in die Welt!

T: vor 1971 John Raphael Peacy „Go forth for God, go to the world in peace“ ;  deutsch: 2000 Stefan Weller;
M: 1551 Loys Bourgeois / 1562 London;
Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine Nr. 547)

Amen.

Der Predigt liegt ein Text von Anselm Grün zu Grunde, den ich z.T. zitiert habe, ohne es jeweils anzugeben. Ihr findet ihn in folgendem Buch:
Anselm Grün, Der Engel der Einfachheit und andere himmlische Boten, die das Leben leichter machen; Freiburg, Basel, Wien 2014; S. 88 : „Der Engel des Teilens“

Du öffnest, Herr, die Türen

Predigt über Apostelgeschichte 2,1-14.22-24: Das Pfingstwunder

Pfingstsonntag, 24.5.2020, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Abends, spätestens vor dem Schlafen gehen, verschließen wir in der Regel unsere Türen. Wir wollen nicht, dass ungebetene Gäste in unser Haus bzw. unsere Wohnung kommen und uns unangenehm überraschen. Das Verriegeln gibt uns Sicherheit. Wir schließen ja auch Menschen ein, die gefährlich sind, oder Tiere oder Geld oder wertvolle Gegenstände. Dahinter steht immer eine Angst oder eine Sorge.

So war es auch bei den Jüngern nach dem Tod Jesu. Im Johannesevangelium heißt es: „Die Jünger waren versammelt und die Türen waren verschlossen aus Furcht vor den Juden.“ (Joh.20,19) Und so blieben sie in einem Haus in Jerusalem und versteckten sich im „Obergemach“. Dort „pflegten sie sich aufzuhalten“. (Apg. 1,13)

Sie glaubten zwar an die Auferstehung Jesu und hatten sich auch nicht getrennt, aber sie waren unsicher und wussten nicht, wie es nun weitergehen sollte. Auf jeden Fall trauten sie sich mit ihrem Glauben nicht an die Öffentlichkeit. Sie fürchteten sich vor den Juden und den Römern, die ja schließlich dafür gesorgt hatten, dass Jesus hingerichtet worden war. Wenn sie sich öffentlich zu ihm bekennen würden, dann würde es ihnen nicht viel anders ergehen als ihm, das war ihre Sorge, und deshalb zogen sie sich lieber zurück.

Doch nach 50 Tagen geschah etwas, das ihre Situation grundlegend veränderte. Das Ereignis steht am Anfang der Apostelgeschichte, es war das Pfingstwunder, und das wird folgendermaßen erzählt:

Apostelgeschichte 2, 1- 14. 22b- 24

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?
8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,
11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!
22b Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst –
23 diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht.
24 Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte.

Am Pfingstfest der Juden geschah also ein Wunder: Der Heilige Geist kam auf die Jünger herab, und zwar mit Wind und mit Feuer. Die waren mit einem Mal da, und es sind Energien: Der Wind bewegt alles, was ihm begegnet. Wo vorher Stillstand war, ist plötzlich was los. Und so ähnlich ist es mit dem Feuer, das ist ebenfalls eine Kraft, die vieles verändern und bewirken kann. Deshalb sind der Wind und das Feuer sehr gute Bilder für den Heiligen Geist: Auch er ist Energie und Kraft, er setzt in Bewegung, verändert und wirkt.

Und mit dieser Energie waren die Jünger plötzlich erfüllt. Die Angst war wie weggeblasen, alle Furcht war von ihnen abgefallen, und sie verließen ihr Versteck. Sie öffneten ihre Türen, gingen auf die Straße und fingen an, von Jesus Christus zu reden. Sie verkündeten seine Auferstehung und waren davon plötzlich so begeistert, dass sie sich nicht mehr zurückhalten wollten.

Und dann geschah das nächste Wunder: Jeder verstand sie, „denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“ Gott löste alle Hindernisse zwischen den Menschen auf. Er öffnete die Lippen der Apostel und die Ohren der Hörenden. Eine wunderbare Verständigung trat ein, der Geist steckte alle an. Viele kamen zum Glauben an Jesus Christus und wollten sich taufen lassen. Das wird etwas weiter unten erzählt. Der Heilige Geist hatte die Menschen bewegt, ihr Denken erhellt und alles verändert.

Und das war nicht nur ein historisches Ereignis, sondern es kann sich jederzeit wiederholen. Denn der Heilige Geist ist auch heute noch lebendig und weht überall. Er schenkt neue Einsichten, Mut und Zuversicht. Furcht und Todesangst verschwinden. Wen er ergreift, fühlt sich frei und unbeschwert. Türen öffnen sich, es entsteht Gemeinschaft und Liebe. Und das sind wunderbare Eigenschaften und Wirkungen. Lasst uns deshalb fragen, wie der Heilige Geist auch in der heutigen Zeit wehen und arbeiten kann.

Die Situation der Jünger können wir uns gut vorstellen, denn bei uns waren genauso wie bei ihnen ungefähr zwei Monate lang die meisten Türen zu. Wir sollten am besten zu Hause bleiben und uns nicht mit anderen treffen. Bis auf die Läden waren alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen und viele sind es immer noch. Dahinter steht ebenfalls eine Angst: Es ist die Furcht vor dem Corona-Virus, und die ist auch noch nicht weg. Vieles wird langsam zwar wieder geöffnet, so auch unsere Kirchen, aber Vorsicht ist nach wie vor geboten. Das Stichwort, das jetzt gilt, ist „die neue Normalität“. Dazu gehören Abstands- und Hygieneregeln, Mund- und Nasenschutz, Dokumentationspflicht bei Veranstaltungen usw.

So richtig frei fühlen wir uns also weiterhin nicht. Dabei verwirren uns mittlerweile die vielen verschiedenen Meinungen zu diesem Thema. Die Gegenstimmen werden lauter, Wissenschaftler*innen legen voneinander abweichende Theorien vor, die Studien und Statistiken sind nicht alle gleich, Politiker*innen vertreten unterschiedliche Strategien usw. Wer hat denn nun Recht? Das fragen sich inzwischen viele. Die Unsicherheit bleibt also, selbst bei geöffneten Türen, und die sogenannte „neue Normalität“ fühlt sich irgendwie gar nicht normal an. Wir sind geschwächt und angreifbar.

Das ist unsere gegenwärtige Situation und Stimmungslage, und dahinein schenkt uns das Pfingstfest nun eine wunderbare Botschaft. Denn uns wird verkündet: Es gibt einen besseren Weg zu einem angst- und sorgenfreien Lebensgefühl, als es uns z.Zt. angeboten wird, denn es gibt noch eine ganz andere Realität, als die der Wissenschaft, der Politik oder des eigenen Denkens. Es ist der Heilige Geist, der uns alle ergreifen kann, wir müssen nur damit rechnen. Dann verschwinden Unsicherheit und Furcht ganz von selber, wir fühlen uns frei und werden gestärkt. Denn er verbindet uns mit Jesus Christus, der den Tod überwunden hat. Wir müssen uns davor also nicht mehr fürchten.

Letzten Endes steht hinter dem Verschließen von Türen ja immer eine Todesangst. Sei es die Quarantäne wegen einer Infektion, ein Besuchsverbot in Altersheimen oder auch nur das Verschließen der Türen am Abend: Wir tun es, um unser Leben zu sichern, um nicht zu sterben.

Auch die Jünger fürchteten den Tod und schlossen sich deshalb ein. Wie sie da wieder herauskommen würden, wussten sie nicht. Am einfachsten wäre es eigentlich gewesen, ihren Glauben an Jesus Christus abzulegen, aber das taten sie nicht. Sie blieben zusammen und bildeten eine verschworene Gemeinschaft, denn sie waren davon überzeugt, dass Jesus lebte. Deshalb warteten und beteten sie einfach, d.h. sie blieben mit Gott in Verbindung, hielten an ihrer Überzeugung fest und hatten Geduld. Und weil sie das alles taten, konnte die Kraft des Heiligen Geistes sie ergreifen und erfüllen. Sie fanden Trost und Hoffnung, Zuversicht und Freude.

Und das kann auch bei uns geschehen, wir müssen uns nur genauso verhalten wie die Jünger, und das heißt: Anstatt unser Lebensgefühl von dem bestimmen zu lassen, was von außen an uns herangetragen wird, wenden wir uns nach innen, beten und halten zusammen, glauben und vertrauen auf Jesus Christus. Unsere „Herzenstür“ kann immer offenstehen, das kann kein Gesetz der Welt verbieten, und Jesus kann dort jederzeit mit seinem Geist einziehen.

Wir sind es ja nicht gewohnt, dass der Staat so viel Macht über unser Leben hat wie in der letzten Zeit, und sogar in unsere privatesten Beziehungen hineinregiert. Das fühlt sich nicht gut an, es regt sich Widerstand. Doch anstatt uns dagegen aufzulehnen, ist es besser, wenn wir eine noch viel stärkere Macht über unser Leben zulassen: die Macht des Heiligen Geistes. Er verbindet uns mit Jesus Christus, der den Tod überwunden hat. Er schafft eine neue Realität, in der Krankheit, Leid und Sterben ihre Bedeutung verlieren. Der Heilige Geist hebt uns weit über all das hinaus. Er lässt uns aufatmen, befreit uns und macht uns stark.

Und dieses Lebensgefühl sollte unsere „neue Normalität“ sein. Anstatt die Antworten auf unsere Fragen von anderen Menschen oder von uns selbst zu erwarten, rechnen wir mit Gott: Wir beten und halten zusammen und glauben an etwas Großes, nämlich daran, dass Jesus bei uns ist und den Tod überwunden hat.

Dann öffnen sich auch die Türen unserer Häuser und Kirchen ganz von selbst, und das ist gut, ob nun mit Hygieneregeln oder ohne. Wichtiger als die Form unserer Zusammenkunft ist die Tatsache an sich, dass wir hier Gottesdienst feiern und uns zu der Quelle führen lassen, die uns allen Leben schenkt.

Der evangelische Theologe und Kirchenmusiker Friedrich Hofmann hat dazu 1986 ein schönes Lied gedichtet (EG, Ausgabe für die Nordelbische Kirche, Nr. 567) . Es lautet:

1. Du öffnest, Herr, die Türen, lädst uns zur Kirche ein, willst uns zur Quelle führen, zum Wasser frisch und rein.
2. Du machst uns dir zu eigen, gibst uns zum Guten Kraft, hilfst Liebe uns erzeigen; du bist’s, der Neues schafft.
3. Aus deinen Quellen leben lehr uns, du Guter Hirt. Du hast dein Wort gegeben, dass uns nichts mangeln wird.
4. Die Taufe ist das Zeichen, dass du stets bei uns bist. Lass uns von dir nicht weichen und mach uns treu, Herr Christ!
5. Gelobt sei deine Treue und deiner Liebe Licht! Stell täglich uns aufs neue, Herr, vor dein Angesicht.
6. Du öffnest uns die Türen, lädst uns zum Leben ein; willst uns zur Freude führen, auf ewig dein zu sein.

Amen.

Christus schafft den neuen Menschen

Lesepredigt über 2. Korinther 5, 17: Die neue Schöpfung

3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 3.5.2020

Für einen Gottesdienst zu Hause ist hier ein Entwurf:

3. n. Ostern zu Hause

Liebe Gemeinde

Es gab schon immer Wahrsagerinnen, Orakel und Propheten. Sie können uns angeblich etwas über die Zukunft sagen, denn sie sind anders in die kommenden Geschehnisse eingeweiht als wir. Sie kennen Geheimnisse, die wir nicht kennen und berichten darüber. Viele Menschen folgen gerne ihren Ausführungen. Ob ihre Quellen seriös sind, spielt für sie keine große Rolle.

Anderen ist das wichtiger, wenn es um die Zukunft geht, und es gibt ja durchaus auch ernstzunehmende Vorhersagen. Sie resultieren aus Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, Aufzeichnungen, Messungen und Berechnungen. Der Wetterbericht entsteht z.B. so, und wir vertrauen ihm normaler Weise. Auch sogenannte Zukunftsforscher sind angesehene Wissenschaftler, auf deren Stimme gehört wird.

Auf jeden Fall ist es ein großes Bedürfnis der Menschen, die Zukunft vorherzusagen. Wir beschäftigen uns gerne und oft damit, entweder aus Angst, oder um das Leben zu planen, aus Sorge, oder weil wir Wünsche haben, die wir uns erfüllen möchten. Die Zukunft begleitet uns ständig in unsrem Denken und Fühlen, unserem Handeln und unseren Entscheidungen.

In der Bibel ist das auch so, da spielt sie sogar eine große Rolle. An vielen Stellen ist dort von den Verheißungen Gottes die Rede: Propheten haben Visionen, sie machen Zusagen, wollen Zuversicht vermitteln oder warnen. Auch das Thema einer völlig neuen Welt, die Gott heraufführen wird, durchzieht die ganze Bibel. Die Israeliten hofften darauf, und sowohl Jesus als auch die Apostel waren davon überzeugt, dass bald das ewige Reich Gottes anbrechen würde.

Hinter dem Spruch für den Sonntag Jubilate und die kommende Woche steht diese Vorstellung ebenso. Er steht im zweiten Brief des Paulus an die Korinther und lautet: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor. 5, 17)

Paulus sagt mit diesem Satz, was es heißt, Christ zu sein und zu Christus zu gehören: Es ist, als würde der Mensch mit Christus neu geschaffen. So wie Christus gestorben und auferstanden ist, so wird auch der Gläubige ganz neu mit ihm leben.

Hinter dieser Aussage steht der Endzeitglaube von Paulus. Er lebte in dem Bewusstsein, dass es zwei Weltzeiten, zwei Äonen gibt, einen alten und einen neuen. Die alte Zeit begann einst mit der Erschaffung Adams, die neue Zeit ist mit Christus angebrochen. Wer mit ihm Gemeinschaft hat, wird also neu erschaffen und hat Anteil an der ewigen Zukunft Gottes. Er wird ein himmlischer Mensch.

Dabei weiß Paulus sehr wohl, dass die Welterneuerung noch nicht vollendet ist. Es wird noch mehr kommen, die endgültige Auferstehung und die volle Gottesherrschaft stehen noch aus. Sünde und Tod sind noch da, die alte Welt ist noch nicht endgültig abgelöst. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, die vergehende Welt ist besiegt und zum Untergang verurteilt. Denn Christus hat ein neues Zeitalter herbeigeführt, das in die alte Welt eingebrochen ist. Das Neue triumphiert bereits. Die große Entscheidung über die Mächte dieser Welt ist in Christus gefallen.

Es ist also beides gleichzeitig da: Das „Noch nicht“ und das „Es ist geschehen“. Und so gibt es bereits jetzt ein „neues Sein in Christus“, auch wenn das alte „noch nicht“ vergangen ist. Christus erneuert den inneren Menschen, er versöhnt ihn mit Gott. Der Tag des Heils ist jetzt.

Das ist die Botschaft von Paulus, und es tut gut, darauf zu hören. Gerade jetzt in der Corona-Krise denken ja viele Menschen darüber nach, wie es wohl danach werden wird. Wir erleben etwas Ungewohntes und Neues. Es macht Angst und lädt zu Spekulationen ein. Viele sagen, dass die Welt danach eine andere sein wird. Doch wie wird sie aussehen?

Mit den Methoden und Werkzeugen der Trend- und Zukunftsforschung lassen sich die möglichen Folgen der Pandemie einschätzen. Ein Zukunftsinstitut hat vier Szenarien entwickelt, die beschreiben, wie unsere Zukunft nach der Pandemie mittelfristig aussehen könnte:

Szenario eins ist die totale Isolation. Der Shutdown wird zur Normalität, alle sind gegen alle, es herrscht Angst und Misstrauen unter den Menschen. Es wird z.B. normal sein, sich vor dem ersten Date gegenseitig die Gesundheitsdaten zu schicken. Bei jeder Ausreise brauchen wir eine Genehmigung. Es gibt selbst in der EU umständliche Visumsverfahren, und wir akzeptieren das alle.

Szenario zwei beschreibt den System-Crash: Das Virus hat die Welt ins Taumeln gebracht und sie kommt nicht mehr heraus. Das Vertrauen in die globale Zusammenarbeit ist massiv erschüttert. Jede Nation ist sich selbst die Nächste. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen. Die Welt wankt nervös in die Zukunft.

Diese beiden Abläufe sind pessimistisch.

Man kann aber auch optimistisch sein, und sich vorstellen, dass sich die globalisierte Gesellschaft nach der Corona-Krise wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt. Das ist das dritte Szenario: Es wird mehr Wert auf regionale Erzeugnisse gelegt. Die Rückbesinnung auf Familie und Haus und Hof hat Einzug gehalten. Kleine Gemeinschaften entstehen neu und verfestigen sich – immer in vorsichtiger Abgrenzung zu „den Anderen“. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur sind wichtige Werte, die jedoch nur lokal gedacht werden, nicht global.

Und das vierte Szenario sieht eine wunderbare neue Welt heraufkommen: Die Menschen haben gelernt und gehen gestärkt aus der Krise hervor. Wir passen uns besser den Gegebenheiten an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Die Weltwirtschaft wächst zwar weiter, aber deutlich langsamer. Unternehmen entwickeln neue Geschäftsmodelle und machen sich unabhängig vom Wachstum. Sie fragen nicht mehr nach dem Profit, sondern nach dem Sinn des Wirtschaftens. Sie legen Wert auf bessere, sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen. Das gemeinsame Überstehen der Krise führt zu einem neuen, achtsamen Umgang miteinander. Solidarität, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt bestimmen das Handeln aller. Dieses Szenario wäre natürlich das Beste.

Aber was von all dem eintreten wird, weiß niemand. Es gibt Zukunftsforscher, die mit ihren Prognosen schon gehörig danebengelegen haben, und möglicherweise wird sich gar nicht so viel ändern.

Denn am naheliegendsten wäre es ja, wenn die jetzige Prämisse „Die Gesundheit und das Überleben der Menschen hat absoluten Vorrang“ bald auch alle anderen Bereiche der Politik bestimmt. Dann würden wir sofort Tempo 130 auf allen Autobahnen haben, damit es weniger Verkehrstote gibt. Alkohol, Zigaretten und ungesunde Lebensmittel werden verboten, damit niemand an den Krankheiten stirbt, die dadurch entstehen. Wir stellen die Waffenproduktion ein, damit kein Mensch mehr einen anderen erschießen kann. Wir kümmern uns endlich entschieden um das Klima, damit alle Lebewesen auf diesem Planeten überleben können, usw.

Vielleicht wird das eine oder andere davon ja tatsächlich geschehen, aber sicher nicht sofort nach der Krise, weil dadurch alle so einsichtig werden oder weil die jetzigen Prioritäten in der Politik festgesetzt werden und überall gelten. Denn die Menschen bleiben egoistisch und träge. Macht und Gier und Wille haben uns dahin gebracht, wo wir sind, und die werden nicht einfach so verstummen. Der Mensch wird weiterhin von seinen Wünschen und Bedürfnissen gesteuert sein. Es ist auch nicht ganz nachvollziehbar, warum ein Virus plötzlich alles verändert sollte. Wenn es besiegt ist, wird es wahrscheinlich wieder in Vergessenheit geraten. Auch in früheren Zeiten hat die Menschheit Krisen überstanden und bald danach so weiter gemacht, wie vorher.

Denn zu einer echten Erneuerung gehört etwas ganz anderes, als eine Krankheit, vorübergehender Freiheitsentzug oder ein Wirtschaftseinbruch, selbst wenn es in allen Ländern der Welt geschieht. Es muss eine Zeitenwende eintreten, eine ganz neue Welt entstehen, ohne unser Zutun. Und genau das ist geschehen. So lautet die Botschaft des Neuen Testamentes:

Jesus Christus hat die neue Welt gebracht, in ihm hat sich etwas ereignet, das alle, die an ihn glauben, immer wieder neu erschafft. Das Alte hat seine Macht verloren, auch wenn sich das Neue noch nicht ganz durchgesetzt hat. Christus ist auferstanden und hat die Schöpfung erneuert. Wir müssen nur daran glauben und uns darauf einlassen. So lautet das Evangelium.

Doch was heißt das nun konkret? Was müssen wir beachten, wenn wir an der neuen Schöpfung Anteil haben wollen? Lasst uns darüber noch nachdenken und uns zunächst folgendes klar machen:

Wenn das Heil jetzt da ist, müssen wir uns auf die Gegenwart konzentrieren. Es ist nicht ratsam, zu viel über die Zukunft zu sinnieren und mit den Gedanken in einer Zeit zu sein, die noch nicht da ist. Jetzt geschieht das, was wichtig ist. Alles andere sind Phantasien, Wünsche und Spekulationen. Sie sind zwar in einem gewissen Grad realistisch, aber viel realer ist der Augenblick. In ihm gilt es, zu verweilen. Und das heißt, anstatt etwas zu wollen, müssen wir einfach nur da sein. Nicht auf das Machen und Planen kommt es an, sondern auf das Vertrauen und die Gelassenheit. Christus will uns jetzt ergreifen, und es gilt, seine Liebe und Gnade zu empfangen. Dann kann sein Geist uns erfüllen und wir werden „neu erschaffen“. Es entsteht ein neues Bewusstsein und damit auch eine neue Lebensweise und ein neues Handeln. Das ist der erste Punkt.

Als zweites dürfen wir wissen, dass das entscheidende Merkmal dieses neuen Lebens große Freude und Zuversicht ist. Die Angst vor dem Tod verschwindet, denn Christus hat die Welt überwunden und die Ewigkeit steht uns offen. Wir gewinnen eine Hoffnung, die weit über Raum und Zeit hinausweist. Wir werden geduldiger und leidensfähiger. Verlust, Krankheit, Schmerzen und Not verlieren ihr Gewicht. Wir bleiben ruhig und zufrieden, ganz gleich, was geschieht.

Beachten müssen wir dabei nur, dass dieser Zustand nicht ein für alle Mal da ist und von selber andauert. Er will immer wieder eingeübt sein. Es ist eine tägliche Aufgabe, uns so Christus anzuvertrauen, dass sein Geist uns erfüllt und wir zu „neuen Menschen“ werden. Es erfordert unser Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Wenn wir die allerdings aufbringen, wird das neue Sein langsam zu einer Gewohnheit, die uns immer mehr prägt.

Und wenn das so ist, kann sich auch die Welt verändern. Das ist der letzte Gedanke in diesem Zusammenhang. Und die Krise kann dafür auch eine gute Ausgangsbasis sein. Wir wissen zwar nicht, was danach sein wird, aber wir können uns etwas vornehmen und selber dazu beitragen, dass nicht alles wieder so sein wird wie vorher.

Wir merken jetzt alle, wie bedroht unser Leben ist, wie sehr wir einander brauchen, und was wirklich zählt. Und wir haben es selber in der Hand, ob von den guten Vorgängen und Abläufen in unserer Gesellschaft etwas überlebt. Anstatt zu spekulieren, sollten wir für uns selber etwas beschließen. Wichtig sind jetzt nicht die Stimmen von irgendwelchen Orakeln oder Zukunftsforschern, sondern die Entscheidungen jeder und jedes Einzelnen. Auf Glaube, Hoffnung und Liebe kommt es an. Und ob diese Tugenden unsere Gesellschaft prägen, liegt an uns. Die Möglichkeit dazu haben wir, weil Christus es uns geschenkt hat, so zu leben.

Lasst uns deshalb nicht allzu sehr in die Zukunft schauen und dabei ungeduldig die Tage zählen, bis all die Unbequemlichkeiten und Einschränkungen endlich vorüber sind. Jeder Tag zählt, ob in der Krise oder danach, ob in der Zeit oder in der Ewigkeit. Denn „das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“

Amen.

Christus ist der Hüter unserer Seelen

2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 26.4.2020

Auch an diesem Sonntag dürfen wir uns noch nicht wieder in unseren Kirchen versammeln. Vielleicht freut der Teufel sich darüber, dass die Kirchen endlich leer sind. Doch da hat er sich zu früh gefreut: Es gibt  plötzlich viel mehr Kirchen, denn die Gottesdienste finden nun in den Wohnungen der Christen statt. Damit das auch an diesem Sonntag wieder geschehen kann, ist hier ein Entwurf für den Ablauf:

2. n. Ostern zu Hause

Lesepredigt über 1. Petrus 2, 21b- 25: Ermahnung zur Christusnachfolge

Liebe Gemeinde.

Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Dieses Bild existiert seit langem und lebt bis heute im Denken und im Sprachgebrauch vieler Menschen fort. Der Vater dieser Theorie ist der französische Philosoph René Descartes, der von 1596 bis 1650 lebte. Er betrachtete Leib und Seele als getrennte Einheiten und prägte unsere Vorstellung über Geist und Körper. Dabei glaubte er bereits an eine Interaktion zwischen Leib und Seele.

In der Medizin wurde diese Ansicht übernommen, etwa wenn Ärzte nach psychischen und physischen Beschwerden untergliedern und den wechselseitigen Einfluss als „psychosomatisch“ bezeichnen. Aber auch geläufigen Redewendungen wohnt dieses Verständnis inne: Wir „reden uns etwas von der Seele“ oder „es lastet uns etwas auf der Seele“, ohne dass es dafür eine körperliche Entsprechung gäbe.

In der Hirnforschung gilt die Zweiteilung von Leib und Seele als überholt, denn ein Interaktionszentrum im Gehirn konnte nie entdeckt werden. Die Theorie ist seit langem durch das Verständnis von der Nervenreizleitung über elektrische Erregung abgelöst.

Trotzdem hat sie etwas für sich. Sie ist anschaulich und leicht verständlich und liegt auch dem biblischen Menschenbild zu Grunde: Der Mensch ist ein Geist, er hat eine Seele und lebt in einem irdischen Leib. Für diese Vorstellung gibt es viele Belege.

Was dabei unsere Seele betrifft, so wird sie meistens kritisch gesehen, weil sie am liebsten den eigenen menschlichen Weg gehen will. Doch das ist gefährlich, denn wenn wir uns von der Seele leiten lassen, sind wir Schwankungen unterworfen. Unsere Gefühle sind mal hoch und mal tief, und mit unserem Eigenwillen widerstehen wir oft den Plänen Gottes. Deshalb braucht unsere Seele einen göttlichen „Wächter“ und „Leiter“. Sie muss lernen, sich an dem Wort Gottes und seinen Verheißungen zu orientieren. Das kommt an vielen Stellen in der Bibel zum Ausdruck, wie auch in dem Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der heute unser Predigttext ist. Er lautet folgendermaßen:

1. Petrus 2, 21b- 25

21b Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“

Hier ist von einem „Umherirren“ die Rede, und zwar von „irrenden Schafen“. Das ist ein Bild, bei dem es dem Schreiber hauptsächlich um den Hirten geht, der den Schafen hilft, ihren Weg zu finden: Genauso, wie sie sich ohne den Hirten hoffnungslos verlaufen würden, genauso ginge es uns ohne Christus. Das ist seine Aussage. „Er ist der Hirte und Bischof unserer Seelen“, d.h. der „Beobachter, Beschützer und Bewahrer“. Auf diese Botschaft läuft der Textabschnitt hinaus.

Das Ganze ist so eine Art Christushymnus, mit dem der Verfasser die Zuhörer oder Leser ermahnen und auch ermutigen möchte. Er stellt Christus als Vorbild hin und gleichzeitig als den Erlöser und Retter. Er hat das in dieser Form wahrscheinlich aus der Tradition übernommen, als festes, zusammenhängendes Lehrstück.

Hier ist es ein Teil seiner Ermahnungen an Sklaven, von denen es in der neutestamentlichen Zeit und auch in den christlichen Gemeinden sehr viele gab. Er fordert sie zur Geduld auf. Sie sollen das Übel ertragen und das Unrecht erleiden, das ihnen zugefügt wird, und zwar genauso wie Christus es getan hat. Und damit spricht er natürlich alle an, die Christus nachfolgen. Sie sollen in seinen Spuren wandeln. Er hat als Unschuldiger gelitten und das schweigend auf sich genommen, ohne Gleiches mit Gleichem zurückzugeben. Er hat seine Sache Gott anheimgestellt. Und so sollen auch die Christen das Gericht Gottes nicht in eigener Regie vorwegnehmen, sondern ihre manchmal leidvolle Situation annehmen. Das ist der erste Teil dieses Lehrstücks.

Danach gibt der Verfasser aber noch mehr zu bedenken. Es bleibt nicht einfach nur bei der Ermahnung, sondern es folgt noch eine Motivierung und Begründung für die christliche Leidensnachfolge. Letzten Endes bedeutet sie nämlich Freiheit und Heilung, die Christus uns nicht nur vorgelebt, sondern auch bewirkt hat. „Er hat unsere Sünde selber an das Kreuz hinaufgetragen“, heißt es, und er hat uns damit von der Knechtschaft der Sünde frei und los gemacht. Er hat den üblichen Automatismus von Schmähung und Widerschmähung zerbrochen, und damit hat er das Heil bewirkt. Alle, die an ihn glauben, können deshalb in derselben Freiheit leben wie er. Das ist ihre neue Ausrichtung, ihr Ziel, das das Leben gestalten und prägen soll. Sie können ihre alten Gewohnheiten hinter sich lassen, umdenken und eine ganz andere Geisteshaltung einnehmen. Denn mit Christus hat etwas Neues angefangen, was dann am Ende mit dem Bild von dem „Hirten und Hüter der Seelen“ zusammengefasst wird:

D.h. Christus zeigt den Weg, er gibt Orientierung, nach ihm kann man sich ausrichten, und zwar in jeder Hinsicht. Er ist das Vorbild und gleichzeitig derjenige, der den Weg auskundschaftet, begleitet und überwacht. Von ihm kommt das Heil, das zur Überwindung führt. Denn er hat den Tod auf sich genommen und überwunden. Er hat ihn zwar nicht abgeschafft, aber er hat ihn durchschritten. Er hat die Vergänglichkeit angenommen, war geduldig und gehorsam und hat dabei auf Gott vertraut. Und dadurch hat er etwas erreicht, das viel größer ist als Raum und Zeit, das weit über die Vergänglichkeit hinausweist: Es ist ewiges Leben, das Christus allen schenkt, die ihm folgen. Und damit ist er für die Seele ein fester und zuverlässiger Halt. Er gibt innere Orientierung und Schutz, Heil und Befreiung. Wir müssen nur auf ihn schauen und uns fest mit ihm verbinden.

Und das ist gerade in diesen Zeiten besonders wichtig, denn wir erleben in der Coronakrise etwas, das wir vorher so in unserem Land nicht kannten: Uns werden unzählige Dinge plötzlich vorgeschrieben, die weit in unser persönliches Leben hineinreichen. Es gibt Verbote von Dingen, die wir für selbstverständlich halten: Familienbesuche, Gottesdienste, sportliche und kulturelle Veranstaltungen, Vereinstreffen und vieles mehr ist nicht mehr erlaubt. Ganz neue Regeln, Pflichten, Vorschriften und Gesetze sind entstanden, die uns alle einschränken. Krankenhäuser ähneln Hochsicherheitsgefängnissen, und selbst Sterbende dürfen nur in Ausnahmefällen besucht werden.

Das ist alles nur schwer zu ertragen, trotzdem machen die Menschen mit, denn die Denkrichtung dahinter teilen die meisten. Sie besteht darin, dass die körperliche Gesundheit und das Vermeiden des Sterbens als das höchste Gut angesehen wird, das es zu bewahren gilt.

Aber ist das eigentlich wirklich eine heilsame Denkweise? Wird sie unserem Leben gerecht, mit allem, was dazu gehört? Je länger dieser Zustand andauert, umso mehr bekomme ich das Gefühl, dass die Anordnungen wie ein „Umherirren“ sind. Unser Wohlbefinden wird auf den Leib reduziert, und dabei wird vergessen, dass wir aus noch viel mehr bestehen. Wir haben auch eine Seele und einen Geist, und die leiden z.Zt. bei den meisten Menschen viel mehr. Therapeuten rechnen jetzt schon damit, dass sie nach der Krise, wenn die Abstandregeln gelockert werden, einen enormen Zulauf haben werden. Denn es entsteht Verunsicherung und Angst. Die Aggressivität nimmt in vielen Familien zu, andere vereinsamen. Auch Traurigkeit, Stress und innere Verarmung sind die Folgen. Es stirbt zwar nicht der Leib, es sterben aber seelische Regungen, wir werden mental und psychisch stark geschwächt.

Und das ist meiner Meinung nach genauso gefährlich wie das Virus, denn natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Leib und Seele, auch wenn im Gehirn dafür kein Interaktionszentrum gefunden wurde. Selbst führende Lungenärzte sagen uns, dass das Immunsystem gestärkt wird, wenn es uns seelisch gut geht. Es ist also dringend notwendig, dass wir darauf achten. Sonst wird diese Krise noch viel katastrophalere Folgen haben, als wir ahnen. Und dabei kann uns der Glaube an Jesus, den „Hirten unsere Seelen“, helfen, und zwar in drei Schritten.

Zunächst ist es wichtig, dass wir das Denken, das uns in den Medien und durch die Politik vorgesetzt wird, nicht einfach so übernehmen. Wir sind ja zum Glück noch frei in unseren Überlegungen. Träumen ist nicht verboten, sich etwas vorzustellen auch nicht, und erst recht nicht glauben, hoffen und lieben. Es gibt zwar Stimmen, die behaupten, dass die Religionsfreiheit gerade eingeschränkt wird, aber das stimmt nicht. Wir dürfen uns bloß nicht in größeren Mengen versammeln und dabei eng aneinander stehen, um unseren Glauben zu praktizieren. Alles andere ist erlaubt. Lasst uns das deshalb nutzen und die einseitige Sicht auf die Dinge, die uns gerade überall vorgesetzt wird, ablegen.

Das gelingt am besten, indem wir zweitens ganz nah bei uns selber bleiben, uns selber gut im Blick behalten und unseren eigenen Weg des Denkens und Fühlens finden. Und dabei dürfen wir barmherzig mit uns selber sein. Oft erlauben wir uns das nicht. Wir verurteilen uns schnell, wenn wir merken, dass uns die eigene Hülle zu eng wird, dass wir wütend oder ungeduldig werden, traurig oder niedergeschlagen. Wir denken, wir machen etwas falsch. Aber das hilft nicht weiter, es ist vielmehr ratsam, dass wir uns selber lieben, so wie wir sind, einfühlsam und anteilnehmend bleiben. Dabei hilft die Frage: Wer bin ich wirklich? Was sind eigentlich meine Prioritäten? Was ist für mich das Wichtigste? Wir müssen unser ureigenstes Lebensgefühl nicht verändern. Die Situation, in der wir uns befinden, ist nur äußerlich einschränkend. Wir müssen das zwar annehmen und die Regeln beachten, aber bestimmen müssen sie unser Bewusstsein nicht. Wir dürfen und müssen wir selber bleiben.

Dann gelingt uns auch der dritte Schritt, der darin besteht, dass wir uns Jesus Christus anvertrauen. Er ist unser guter Hirte, und er hat einen viel besseren Rat, als irgendein Mensch ihn uns je geben könnte. Denn er kennt unsere Seele, er führt uns den Weg zum Leben, zu dem Seele und Geist genauso gehören wie der Leib. Er wacht darüber, und er beschützt uns auch. Er ist ein sicherer Hort, eine Zuflucht, zu der wir immer fliehen können.

Es ist deshalb gut, wenn wir auf Christus schauen wie auf einen Wegweiser und abwarten, bis sein Bild eine Wirkung entfaltet. Wir begeben uns dadurch in sein Kraftfeld. Es geht Heil von ihm aus, die Schwankungen unserer Seele kommen zur Ruhe, Ängste und Unsicherheiten verschwinden, Stress und Aggressivität nehmen ab, Traurigkeit und Einsamkeit lösen sich auf. Wir werden fest und zuversichtlich.

Denn Jesus Christus ist nicht nur eine Phantasie, er lebt und regiert wirklich, und diese Realität ist größer als das irdische Leben, sie öffnet eine ganz neue Dimension. Es ist die lebendige Gegenwart Gottes, auf die sowieso alles hinausläuft. Wir müssen nur daran glauben und uns danach ausrichten. Dann wird unser verkürztes Denken gesprengt, die Seele kann frei atmen und der Leib wird gesund.

Und selbst wenn wir sterben, ist das kein Drama, das es zu vermeiden gilt. Es ist vielmehr gut, denn der Tod trägt uns endgültig und ganz hinüber in die Gegenwart unseres „guten Hirten“. Wir sind dann für immer in den Armen des „Hüters unserer Seelen“ geborgen. Die Verheißungen Gottes werden wahr und können durch nichts mehr ausgelöscht werden.

Amen.