Das Pfingstwunder

Predigt über Apostelgeschichte 2, 1- 21: Das Pfingstereignis
Woche vor Pfingsten, Donnerstag, 20.5.2026, 10 Uhr
Altenzentrum St. Nicolai, Kiel

Apostelgeschichte 2, 1- 18

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?
8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,
11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!
15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;
16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):
17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;
18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.
19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf;
20 die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe der große Tag der Offenbarung des Herrn kommt.
21 Und es soll geschehen: wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

Liebe Gemeinde.

Einmal im Jahr besinnen – mindestens – uns darauf, wie der christliche Glaube in die Welt kam, wie die ersten Menschen überzeugt wurden, dass Jesus Christus lebt, und wie dann die Urgemeinde und die Kirche entstanden. Wir tun das am Pfingstfest.

Die Erzählung darüber steht am Anfang der Apostelgeschichte im zweiten Kapitel. Sie beginnt mit der Feststellung, dass die Jünger seit genau 50 Tagen alle in Jerusalem in einem Haus zusammen waren. Sie hielten sich versteckt, denn sie hatten Angst. Sie glaubten zwar an die Auferstehung Jesu und hatten sich auch nicht getrennt, aber sie waren unsicher und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Auf jeden Fall trauten sie sich mit ihrem Glauben nicht an die Öffentlichkeit. Sie fürchteten sich vor den Juden und den Römern. Ihre Sorge war, dass sie wie Jesus hingerichtet würden, wenn sie sich öffentlich zu ihm bekennen würden. Deshalb zogen sie sich lieber zurück. Sie behielten das, was sie glaubten, für sich.

Doch dann, am Pfingstfest der Juden, geschah ein Wunder: Der Heilige Geist kam auf sie herab. „Plötzlich geschah ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“ Und weiter heißt es: „Es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen.“

Wind und Feuer waren mit einem Mal da, und beides sind ja Energien: Der Wind bewegt alles, was ihm begegnet. Wo vorher Stillstand war, ist plötzlich was los. Er kann auch so stark werden, dass er zerstört: Er hat also außerdem Macht und Gewalt. Und so ähnlich ist es mit dem Feuer: Das ist ebenfalls eine Kraft, die nützen und zerstören kann. Es wärmt und erhellt, und kann gleichzeitig sehr gefährlich werden und alles verwüsten. Trotzdem sind beides, der Wind und das Feuer sehr gute Bilder für den Heiligen Geist: Auch er ist Energie und Kraft, er setzt in Bewegung, er erwärmt und erleuchtet.

Und mit dieser Energie ist die Kirche entstanden, sie ist ihr Ursprung. Das erkennt man in der Geschichte an den Folgen dieses Wunders. Im Anschluss an die Ausgießung des Heiligen Geistes verließen die Jünger nämlich ihr Versteck, sie gingen auf die Straße und fingen an, von Jesus Christus zu reden. Sie waren plötzlich so begeistert, dass sie sich nicht mehr zurückhalten wollten. Und jeder verstand sie, „denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“

Dieses Ereignis wird als das „Sprachenwunder“ bezeichnet. Gott löste damit alle Hindernisse zwischen den Menschen auf. Er öffnete die Lippen der Apostel und die Ohren der Hörenden. Eine wunderbare Verständigung trat ein, der Geist steckte alle an, und viele wollten sich später taufen lassen.

Der Heilige Geit kann also Menschen bewegen und ihr Denken erhellen. Er bewirkt neue Einsichten, Mut und Zuversicht. Ängste verschwinden. Wen er ergreift, der kann reden und andere verstehen. Barrieren fallen, es entsteht Gemeinschaft und Liebe. So ist durch den Heiligen Geist die Kirche entstanden.

Und das muss auch heute geschehen, wenn sie lebendig bleiben soll. Das wünschen wir uns alle. Oft machen wir uns Sorgen, dass sie eingeht und an Bedeutung verliert. Die Mitgliederzahlen nehmen ab, Gottesdienst sind schlecht besucht, es fehlt die rechte Kraft und Begeisterung. Auch wir brauchen den heiligen Geist, der neues Leben schafft. Lassen Sie uns deshalb fragen, wie er zu uns kommen kann. Die Jünger sind dafür ein schönes Beispiel. Drei Dinge haben sie praktiziert, bevor das Pfingstwunder geschah, die ausschlaggebend waren:

Das erste war ihr Gehorsam und ihr Vertrauen in Jesus. Sie handelten so, wie er es ihnen aufgetragen hatte. Es steht am Ende des Lukasevangeliums: „Ihr sollt in der Stadt bleiben, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe.“ (Lukas 24,49) Und das taten sie gegen die Vernunft und besseres Wissen. Ihnen war nicht wirklich klar, wozu das gut sein sollte, aber sie gehorchten, auch gegen die Angst und die Unsicherheit.

Als zweites warteten und beteten sie, d.h. sie blieben mit Gott in Verbindung, hielten ihre Überzeugung lebendig und fanden im Gebet Trost und Zuversicht. Es gab ihnen sicher auch die Geduld, die nötig war, Hoffnung und Freude.

Und drittens ist wichtig, dass sie zusammenblieben. Sie bildeten eine verschworene Gemeinschaft und hielten sich aneinander fest. Das waren die Voraussetzungen dafür, dass die Kraft des Heiligen Geistes sie ergreifen konnte.

Und das ist auch für uns wichtig, wenn wir ihn auch wir empfangen wollen. Wenn wir das beachten und genauso handeln, wie die Jünger, kann er uns ergreifen und erfüllen: Wir müssen  an Jesus Christus glauben und ihm vertrauen, geduldig auf sein Kommen warten, beten und zusammenhalten. Dann werden wir bewegt, Christus kann in uns einziehen und Gemeinschaft stiften. Wir werden lebendig und zuversichtlich.

Dafür müssen auch wir die Vernunft tatsächlich einmal pausieren lassen, unsre Gedanken loslassen und unser Fragen einstellen. Die haben wir alle, wir sind auch oft unsicher und haben Angst, wie die Jünger. Wir wissen nicht, wie es weitergeht, machen uns Sorgen und sind ratlos. Es ist kein schöner Zustand, doch es, gilt dass wir ihn einfach einmal aushalten und etwas von Gott zu erwarten. Wir sind eingeladen, uns für Gehorchen und Vertrauen, Beten und zusammen halten zu entscheiden. Wir können es, weil uns etwas Großartiges geschenkt wurde: Jesus selber ist bei uns durch seinen Heiligen Geist. Er will in uns einziehen und er kann etwas bewirken. Wir müssen ihn nur gewähren lassen.

Möglicherweise ist sein Handeln nicht besonders aufsehenerregend, und es geht auch nicht laut zu. Nach außen geschieht nichts Spektakuläres. Die Kirche wird nicht plötzlich wieder boomen, es strömen uns nicht die Menschenmassen zu. Trotzdem ist es ganz viel, wenn Christus uns seinen Geist schenkt und uns Mut macht. Er erfüllt und befreit uns. Wir werden innerlich warm und ruhig. Außerdem entsteht Gemeinschaft, denn wir werden geduldiger miteinander, können zuhören und mitfühlen, uns gegenseitig annehmen und füreinander da sein. Und all das sind die Merkmale einer lebendigen Kirche. Wo das geschieht, ist es gut um sie bestellt. Es kommt nicht auf viele Menschen an, sondern darauf, dass die Wenigen wirklich erfüllt sind vom Heiligen Geist und Gott die Ehre geben. Lassen Sie uns deshalb dafür offen sein.

Amen.