Heilung an Leib und Seele

Predigt über Markus 1, 32- 39: Jesu Wirken in Kafarnaum und Galiläa

Sonntag nach Trinitatis, 22.10.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Markus 1, 32- 39

32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.
33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.
34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren,
und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.
35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

Liebe Gemeinde.
Überall wo Leben und Bewegung ist, gibt es ein Streben nach „Gleichgewicht“. Es ist nötig, damit etwas Bestand und eine Zukunft hat. Das können wir in der Natur beobachten, und genauso in Wirtschaft und Politik. Auch in der Psychologie und der Medizin spielt es eine Rolle.
So beschreibt das Gleichgewicht in der Biologie z.B. den stabilen Zustand eines Ökosystems, in der Wirtschaft einen ausgeglichenen Handel und in der Politik die Machtverhältnisse zwischen Staaten und Bündnissen. In der Psychologie und bei Lebewesen ist mit Gleichgewicht so etwas wie Gelassenheit und Gemütsruhe gemeint. Medizinisch gesehen führt es Gesundheit und Wohlergehen mit sich.
Und das ist, wie in allen Bereichen der Welt und der Natur, ein erstrebenswerter Zustand. Wir wären sicher alle gerne ausgeglichene und gesunde Menschen. Denn damit geht die Fähigkeit einher, vor allem in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben. Wer innerlich im Gleichgewicht ist, regt sich nicht auf und wird nicht nervös, er ist frei von Stress, gesund und stabil. Und das wünschen wir uns.
Doch wie kommen wir dahin? Auf diese Frage kann uns das Evangelium von heute paar Hinweise geben.
Es ist ein Abschnitt, der am Anfang des Markusevangeliums steht. Dabei handelt es sich um einen Sammelbericht über die Tätigkeit Jesu. Er zeigt, wie Jesu Handeln die Menschen erfasst. Besonders erwähnt werden die Kranken und Besessenen: Jesus kann ihnen helfen, er hat rettende Macht. Seine Kraft kommt von Gott, dessen Herrschaft sich durch sein Handeln erweist. Es bringt ganz konkrete Erlösung, körperlich und seelisch.
Dieses Bild von Jesus durchzieht das ganze Evangelium. Es wird immer wieder mit vielen Wundergeschichten ausgeschmückt und belegt. Vor unserem Abschnitt wird z.B. erzählt, wie Jesus einen Besessenen heilt und danach die Schwiegermutter des Petrus von ihrem Fieber befreit. Gott offenbart sich in ihm, das will der Evangelist zeigen.
Doch er stellt ihn nicht einfach nur als Wundermann dar, dem alle hinterherrannten. Es gibt an dem Tun Jesu etwas Besonderes, das soll ebenfalls deutlich werden. Deshalb folgt auf den Bericht über die Heilungen die Feststellung: „Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“
Noch in der Nacht verließ Jesus also das Haus, in dem er mit seinen Jüngern untergekommen war, um für sich allein zu sein und zu beten. Und dieser Weggang ist interessant. Was verbirgt sich dahinter? Wollte Jesus fliehen? Wurde es ihm alles zu viel? Das könnte man vermuten, doch das wäre ein Irrtum. Es ist auch nicht einfach nur die Sitte des Morgengebetes, die Jesus hier pflegte, denn alle anderen schliefen ja noch. Es geht vielmehr um ein Gleichgewicht, um einen Ausgleich der Kräfte. Das Handeln Jesu und seine Verkündigung waren nur dadurch wirksam, dass er sich immer wieder zurückzog und mit Gott redete. An vielen Stellen in den Evangelien wird das erwähnt. So schreibt Matthäus nach dem Bericht über die Speisung der Fünftausend z.B.: „Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.“ (Mt. 14,23) Und Lukas erwähnt nach der Geschichte über die Heilung eines Aussätzigen: „Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus, und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten. Er aber zog sich zurück in die Wüste und betete.“ (Lk.5,15f) Jesus nahm sich also immer wieder Zeit für den, in dessen Auftrag er handelte, für Gott, seinen Vater im Himmel. Er sprach mit ihm und ließ sich mit der Kraft ausrüsten, die er brauchte.
Die Jünger verstanden dieses Verhalten nicht. In dem heutigen Abschnitt aus dem Markusevangelium heißt es weiter: „Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.“ Das klingt fast vorwurfsvoll: Wie kannst du dich nur verstecken!? Das war ihre Kritik. Sie erwarteten, dass er weiter tätig war. Doch darauf ging Jesus nicht ein. Das Anliegen der Jünger war in seinen Augen selbstsüchtig und oberflächlich.
Außerdem ist sein Auftrag noch viel größer, als das, was sie jetzt gerade erleben. Jesus bringt mehr, als sie ahnen. Das wird an seiner Aufforderung zum Weitergehen deutlich, die er ihnen als Antwort gibt: „Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“ Er erfasst mit seiner Tätigkeit ganz Galiläa, und von da aus geht es weiter, wie in konzentrischen Kreisen. Das wird hier angedeutet. Jesu Auftreten ist letzten Endes für die ganze Welt von Bedeutung.
Nach seinem Wirken setzten die Jünger das ja auch um und haben missioniert. Das Evangelium hat sich in der ganzen Welt und durch alle Jahrhunderte verbreitet. Auch wir sind dadurch – Gott sei Dank – mit der Botschaft von Jesus Christus in Berührung gekommen. Wir sind hier, weil wir glauben, dass Jesus lebt und himmlische Macht hat. Er kann immer noch helfen und heilen.
Und unsere Geschichte will uns das auch verkündigen: Wir dürfen von Jesus erwarten, dass er uns rettet und erlöst. Er kann uns zur inneren Ruhe führen, zur Ausgeglichenheit und zur Gelassenheit. Auf zwei Ebenen gibt unser Text uns dazu Hinweise. Einmal stellt er uns Jesus als den vor Augen, der göttliche Kraft besitzt. Wir können uns ihm anvertrauen, zu ihm rufen und viel von ihm erhoffen. Das ist die eine Ebene.
Gleichzeitig ist Jesu Verhalten beispielhaft. Wir werden eingeladen, genauso wie er uns immer wieder zurückzuziehen und uns Zeit mit ihm zu nehmen. Er zeigt uns, wie auch wir konkret unseren Glauben leben können.
Lassen Sie uns über diese beiden Aspekte deshalb noch einmal etwas ausführlicher nachdenken.
Zunächst wird uns verkündet, dass Jesus da ist, und wir sind eingeladen, seine Macht zuzulassen. Das ist eine Zusage, aber zugleich eine Herausforderung. Ohne dass wir mitmachen und etwas investieren, kann das Heil nicht wirken, das Jesus uns gibt. Es kostet unsere Bereitschaft, uns darauf einzulassen. Und das heißt, wir müssen unser eigenes Machtstreben aufgeben, unseren Eigenwillen ablegen und unser Leistungsdenken beenden.
Davon sind wir leider alle durchdrungen. Es wird uns mit in die Wiege gelegt, dass wir am liebsten alles alleine hinbekommen und uns selbst erlösen wollen. In gewisser Hinsicht ist das auch nicht schlecht, denn dadurch geschieht etwas in unserem Leben und in der Gesellschaft, wir kommen weiter, erreichen unsere Ziele und verändern die Gegebenheiten. Aber ganz oft ist dieses Verhalten auch ungesund und zerstört das vorhandene Gleichgewicht. Gesellschaftlich und persönlich gerät durch unseren Eigenwillen immer wieder etwas aus den Fugen. Konflikte entstehen, Unfriede und Streit brechen aus, Stress und Krankheiten plagen uns. Wo der Mensch nicht eingreift, entsteht in der Natur fast immer von selber ein Gleichgewicht. Unser Handeln und unser Wille zerstört es dagegen immer wieder.
Es gibt ein Gedicht von Werner Bergengruen, in dem das sehr deutlich formuliert ist. Das war ein deutsch-baltischer aus Riga, der von 1892 bis 1964 lebte, zuletzt in Baden-Baden. Er hatte immer einen kritischen Blick auf seine Zeit und die Gesellschaft und war – als es akut wurde – ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Das Gedicht, das ich meine, beginnt folgendermaßen:
„Wir sind so sehr verraten, von jedem Trost entblößt, in all den wirren Taten ist nichts, das uns erlöst.“ Weiter klagt er das „Fingerzeigen“ und die „plumpen Worte“ an und sagt, dass er „sie satt hat“. Das sind drastische Formulierungen für die zerstörerischen Vorgänge, die wir oft heraufbeschwören, für Trostlosigkeit und Unerlöstsein.
Um sie zu stoppen, müssen wir uns selber und unseren Eigenwillen also relativieren, unser Machtstreben und unsere Gier aufgeben und uns einschränken. Und dafür ist es gut, wenn wir auf Jesus blicken. In ihm ist Gott gegenwärtig, vor ihm verliert unser eigenes Streben seine Alleingültigkeit, er besitzt die Kraft, uns zu bremsen. Das Wirrwarr lichtet sich, wir werden einfacher und klarer. Er trieb Dämonen aus, d.h. er konnte den zerstörerischen Kräften, die in einem Menschen wohnten, Einhalt gebieten. Er stellte das Gelichgewicht wieder her und heilte Krankheiten.
Und das können auch wir erleben, wir müssen uns nur Zeit für ihn nehmen. Damit sind wir bei dem zweiten Thema, das in unserem Evangelium vorkommt: Wir müssen uns immer mal wieder zurückziehen und beten. Werner Bergengruen formuliert: „Wir woll’n den Klang des Schweigens, das uns erschaffen hat.“ Das sind schöne und einladende Worte, die wir beherzigen sollten: Es ist gut, wenn wir regelmäßig schweigen und die Hände in den Schoß legen, ruhig werden und uns in Muße üben.
Zum einen setzen wir damit äußerlich dem Lärm und der Hektik etwas entgegen. Auf Zeiten der Aktivität folgt eine Phase der Passivität, das Handeln wird durch Nichtstun ausgeglichen, und das ist gut. Eine Dauerbeschallung macht uns letzten Endes krank, und permanente Aktivität auch. Irgendwann sind wir erschöpft und ausgelaugt, die Kräfte sind verbraucht, der Akku ist leer. Wir brauchen Ruhe.
Wahrscheinlich wissen wir das auch alle. Trotzdem vermeiden wir die Stille gern, denn es ist nicht ganz einfach, sie auszuhalten. Wenn es lautlos um uns ist, sind wir plötzlich allein mit uns selber. Es geschieht nichts mehr, wir werden durch nichts abgelenkt und müssen unseren Zustand ertragen. Und der kann unangenehm sein. Wenn wir innerlich unruhig sind und voller Gedanken, dann fühlt es sich zunächst nicht besonders gut an, still zu sein. Wir kommen in Berührung mit unserer Armseligkeit, unserer Schuld oder unserem Versagen. Schwäche, Not und Schmerzen werden viel spürbarer, weil wir sie nicht mehr verdrängen.
Aber genau darin liegt die Chance, die die Stille uns bietet. Sie ist nicht nur äußerlich wichtig, sondern vor allem innerlich. Wir kommen uns endlich einmal nahe und spüren uns selber. Wir werden aufmerksam für seelische Vorgänge.
Und dabei dürfen wir mit Jesus in Beziehung treten. Es geht nicht um Selbsterlösung durch Meditation, sondern als Christen sind wir eingeladen, in der Stille auf Jesus zu vertrauen und uns auf ihn zu verlassen. Wir dürfen viel von ihm erwarten, zu ihm beten, ihn um Hilfe anrufen. So wie er selber mit Gott geredet hat, wenn er sich zurückzog, so können wir mit ihm sprechen und um sein Erbarmen bitten. Wir lassen uns los, entspannen uns und lassen seine Liebe wirken.
Dann werden wir ruhiger, wir spüren nach einer Weile seine Gegenwart, seine Macht und Hilfe, seine heilenden Kräfte, sein Erbarmen und seine Liebe. Sie werden wirksam und führen uns zu einem inneren Gleichgewicht.
Erfahrungsgemäß geschieht das ungefähr nach einer dreiviertel Stunde Stillsitzen, Schweigen und Beten. Es wäre also gut, wenn wir so viel Zeit von vorne herein investieren. Aber natürlich gibt es auch andere Methoden. Auf einem Spaziergang z.B. kann dasselbe geschehen, wenn wir Jesus dabei innerlich mit uns gehen lassen. Oder wir richten immer wieder Ruhepausen im Alltag ein, „Oasen der Stille“, die uns den Aufblick ermöglichen. Auch Zeiten des Wartens können wir so nutzen, oder Nächte, in denen wir keinen Schlaf finden.
Auf jeden Fall braucht unser Glaube eine konkrete Praxis, nur dann wird er wirksam und kann uns verändern. Das hat Jesus uns vorgelebt.
Aber das lohnt sich auch. Kräfte des Gleichgewichts wirken und heilen und beruhigen uns. Neues Leben wird möglich, Stabilität und Friede, Wachstum und Gedeihen. „Gewalt und Gier und Wille der Lärmenden zerschellt.“ So formuliert Werner Bergengruen in seinem Gedicht die Auswirkung des Schweigens. Und er schließt mit der Bitte: „O komm, Gewalt der Stille, und wandle du die Welt.“
Amen.

Gewalt der Stille

Wir sind so sehr verraten,
von jedem Trost entblößt,
in all den wirren Taten
ist nichts, das uns erlöst.

Wir sind des Fingerzeigens,
der plumpen Worte satt,
wir woll’n den Klang des Schweigens,
das uns erschaffen hat.

Gewalt und Gier und Wille
der Lärmenden zerschellt.
O komm, Gewalt der Stille,
und wandle du die Welt.

Werner Bergengruen

 

Gott hilft gern

Predigt über Markus 9, 17- 27: Heilung eines besessenen Knaben

17. Sonntag n.Tr., 8.10.2017, 9.30 Uhr und 11.00 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Markus 9, 17- 27

17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.
18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht. 19 Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!
20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.
21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.
22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!
23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.
24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
25 Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!
26 Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, sodass die Menge sagte: Er ist tot.
27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

Liebe Gemeinde.

Um 600 v. Chr. schrieb der Dichter Äsop die Fabel: „Der Ochsentreiber und Herkules“. Sie lautet folgendermaßen: „Als ein Ochsentreiber im Morast stecken blieb, tat er nichts als allein die Götter um Hilfe anzuflehen. Schließlich erschien ihm Herkules mit den Worten: ,Lege die Hände an die Räder und treibe mit der Peitsche dein Gespann an, zu den Göttern flehe jedoch erst dann, wenn du selbst etwas getan hast; sonst wirst du sie vergeblich anrufen.‘“ Die Moral von der Geschichte lautet also: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.“ Und dieses Sprichwort ist bis heute im Volksmund lebendig geblieben. Es beinhaltet die Aufforderung, die Initiative in die eigene Hand zu nehmen, und warnt davor, sich bei der Bewältigung des Lebens zu sehr auf Götter oder höhere Mächte zu verlassen.
In der Bibel steht der Spruch nicht, obwohl viele Menschen das denken. Aber was hätte er da zu suchen? Er würde ja einen Keil zwischen Gott und die Menschen treiben. Wenn man ihn nach den Regeln der Logik verneint, wird das noch deutlicher, denn dann lautet er: „Gott hilft dir nicht, wenn du dir selber nicht hilfst.“ Wir wären in ausweglosen Situationen also verloren, und das ist bestimmt nicht die Botschaft der Bibel.
Im Gegenteil, da wird den Menschen gerade dadurch geholfen, dass sie sich auf Gott, bzw. auf Jesus Christus verlassen. An dem Evangelium von heute wird das sehr schön deutlich. Es handelt von einem Mann, dem durch Glauben etwas Wunderbares möglich wurde.
Lassen Sie uns diese Geschichte einmal betrachten. Viele Personen tauchen darin auf: Jesus, die Jünger und eine Menschenmenge, ein kranker Junge und sein Vater. Wenn wir nachvollziehen wollen, was sie miteinander zu tun haben, müssen wir beachten, was unmittelbar vor dem Ereignis, um das es geht, stattfand.
Da hatte sich Jesus mit drei Jüngern auf einen Berg zurückgezogen und dort war er ihnen in einem hellen Licht erschienen. Dazu vernahmen sie Gottes Stimme, die ihn als seinen Sohn ausrief. Es war seine sogenannte Verklärung, bei der offenbar wurde, dass in Jesus die Macht und Kraft Gottes wohnte. Und das ist der Schlüssel zu unserer Geschichte, denn als solcher handelt er hier.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein epileptischer Knaben, der nicht sprechen kann und oft von seinen Anfällen hin- und hergerissen wird. Der Vater war bereits ganz verzweifelt, weil der Junge dabei nicht nur litt, sondern natürlich auch jedes Mal in Gefahr geriet. Deshalb war sein Vater zu den Jüngern Jesu gegangen, die nicht mit auf dem Berg waren. Einige weitere Menschen waren zusammen gekommen, um das Wunder zu beobachten, das sie tun sollten. Aber die Jünger konnten nichts ausrichten, und es gab bereits so etwas wie einen Tumult. Die Menge war aufgebracht, sie stritten mit den Jüngern, weil sie versagt hatten, und schrien durcheinander.
In diese Situation kommt Jesus nun hinein und er handelt von Anfang an souverän und vollmächtig. Es ist fast so, als wäre er von dem besonderen Glanz, den das Licht auf dem Berg ihm verliehen hatte, noch umgeben.
Er spricht mit dem Vater und erkundigt sich zunächst nach der Krankheit. Es war wie gesagt das, was wir heute als Epilepsie bezeichnen. Aber damals verstand man darunter noch mehr als ein Nervenleiden. Sie wurde als Besessenheit aufgefasst, die durch Dämonen verursacht war. D.h. man sah in den Anfällen eine fremde Macht, die den Kranken zu Boden riss und ihn quälte. Deshalb brauchte sie auch einen Bezwinger, der stärker als die Dämonen war. Und genau den suchte der Vater. Deshalb war er zuerst zu den Jüngern gegangen und wandte sich nun an Jesus.
Und Jesus kann durchaus helfen, aber das tut er nicht sofort. Er führt zunächst ein Gespräch über den Glauben des Mannes und fordert ihn zu einem unbedingten Vertrauen auf, ohne Wenn und Aber. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“, sind seine Worte, und damit meint er den Glauben an die Allmacht Gottes. Durch ihn kann der Mensch an den unbegrenzten Möglichkeiten Gottes Anteil gewinnen. Wichtig ist dabei, dass so ein Glaube keine eigene Leistung ist, sondern bereits von Gott kommt. Das ahnt der Mann hier wohl deshalb bittet er Jesus um genau diesen Glauben: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ ruft er.
Und Jesus erhört die Bitte. Er offenbart seine göttliche Macht und Hoheit und bezwingt den Dämon. Der Knabe liegt danach zunächst völlig erschöpft auf dem Boden, es ist fast als wäre mit der Krankheit auch das Leben aus ihm gewichen. Aber das täuscht nur. Es ist endlich Ruhe und Frieden in die Seele des Jungen eingekehrt, er ist geheilt. Jesus schließt das Wunder ab, indem er ihn „bei der Hand ergriff und ihn aufrichtete, und er stand auf.“ So endet die Geschichte, und sie lädt uns ein, auf Gott zu vertrauen, wenn wir uns selber nicht mehr helfen können.
Die Frage ist allerdings, ob wir dazu in der Lage sind und es wollen. So einfach ist das ja nicht. Die Geschichte klingt eher wie ein Märchen. Ist es nicht viel realistischer, sich selber zu helfen? Krankheiten wie Epilepsie werden ja bestimmt nicht durch Glauben geheilt. Betroffene brauchen die Medizin und den richtigen Umgang mit ihrem Leiden. Und so ist es oft. Wer Erfolg haben will, gesund und fit sein möchte, beliebt und glücklich, muss etwas dafür tun. Ohne eigene Initiative geht vieles nicht. Insofern stimmt das besagte Sprichwort durchaus, „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Wie sollen wir also mit der Erzählung bzw. der Botschaft der Bibel und des Evangeliums umgehen? Ist es nicht doch besser, sich selber zu helfen?
Über diese Frage müssen wir nachdenken, und die Antwort steht durchaus in der Geschichte. Wenn wir sie genau lesen, wird nämlich deutlich, dass die Initiative des Menschen und die Hilfe Gottes gar keine Alternative sind. Das schließt sich nicht aus. Es ist kein Entweder-oder, sondern gehört zusammen.
Zunächst einmal ist klar zu erkennen, dass der Glaube des Mannes selbst eine starke Aktivität ist. Er hat nichts mit Faulheit oder mit Schicksalsergebenheit zu tun. Das denken ja viele Menschen, die nicht an Gott glauben. Sie halten es für ver-antwortungslos, sich auf eine höhere Macht zu verlassen.
Wenn es Gott nicht gäbe, dann hätten sie auch recht. Aber können sie das beweisen? Es ist eine Behauptung, die der Vernunft entspringt, dem sogenannten „gesunden Menschenverstand“. Danach gilt nichts als real, was wir nicht erklären oder mit den Sinnen erfahren können. Aber ist es wirklich „gesund“, sich allein darauf zu verlassen? Reicht dieser Erkenntnisweg, um die ganze Realität zu erfassen? Er ist finde ich sehr diesseitig, schmal und heidnisch. Die Vernunft kann uns auch täuschen und an der Wirklichkeit vorbei führen. Ich finde es sogar etwas dumm, die Gegenwart Gottes mit dem Verstand zu leugnen, denn unzählige wunderbare Glaubenszeugnissen belegen, dass die Realität größer ist, und sie sind sehr inspirierend. „Größer als der Helfer, ist die Not ja nicht.“ Das ist z.B. so ein Satz. Er ist ebenfalls volkstümlich geworden und bedeutet genau das Gegenteil.
Johann Friedrich Raeder hat ihn formuliert, ein Kaufmann aus dem 19. Jahrhundert und ein deutscher Kirchenliederdichter. Er war zunächst Angestellter in einem Handelshaus in Elberfeld und machte sich später selbständig. Er trieb Geschäfte mit dem natürlichen Farbstoff Indigo, der in den Tropen vorkommt. Raeder hatte davon eine große Menge bestellt und im Voraus bezahlt. Damit war er bewusst ein Risiko eingegangen. Als die Lieferung tatsächlich nicht eintraf, war er wirtschaftlich angeschlagen. Doch er war gleichzeitig ein frommer Mann und gab innerlich nicht auf. Er übte sich vielmehr im Gottvertrauen. Außerdem hatte er den örtlichen Handwerkergesangsverein gegründet, d.h. er sang gern, und so dichtete er auf eine Melodie, die er wahrscheinlich kannte, das Lied „Harre, meine Seele, harre des Herrn. Alles ihm befehle, hilft er doch so gern.“ Er fand damit die Kraft zum Durchhalten. Es war für ihn dann auch wie ein Wunder, als die Handelsgüter plötzlich doch eintrafen und ihm der Ruin erspart blieb. (s. wikipedia)
Sein Lied wird bis heute gesungen und steht immer noch in unserem Gesangbuch. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Kirche, Nr. 602) Denn es beschreibt eine Erfahrung, die jeder und jede machen kann: Es gibt immer etwas Größeres als die Not. Wir fallen nie tiefer, als in die Arme Gottes, und es lohnt sich, auf ihn zu vertrauen. Das ist klüger und lebensweiser, als sich nur auf die eigene Kraft, die Sinne oder die Vernunft zu verlassen.
Und davon handelt unsere Geschichte. Sie hält uns den vor Augen, der mit göttlicher Vollmacht ausgerüstet ist und uns immer helfen kann, Jesus Christus. Sich ihm anzuvertrauen, führt uns aus aller Not und macht in ganz neuer Weise Leben möglich. Um das zu erkennen, ist es gut, wenn wir die Ereignisse, die darin vorkommen, einmal symbolisch bzw. innerlich verstehen. Die Erzählung handelt zwar von einem epileptischen Jungen, aber die Symptome seiner Krankheit lassen sich auch auf das Seelenleben übertragen. In vielen Situationen ist es ja so, als würde eine fremde Macht von uns Besitz ergreifen: Wir sind aufgewühlt und unruhig, werden hin- und hergerissen und verlieren die Kontrolle. Unsere Gefühle sind Wut oder Angst, Hoffnungslosigkeit und Panik. Wir stürzen und verletzen uns, sind sprachlos und starr. Es scheint keine Hilfe zu geben.
Doch das ist ein Irrtum, denn wir können genauso wie der Vater des Jungen zu Jesus gehen und ihn um Hilfe bitten. Er hat göttliche Macht, von ihm geht Licht und Kraft aus, die sich sofort auf uns überträgt, wenn wir zu ihm rufen. Seine Gegenwart macht unsre Seele „unverzagt“. Es ist, als bräche ein „neuer Morgen“ an, wie Johann Räder es in seinem Lied ausdrückt.
Und dadurch ändert sich etwas in unserem Leben. Licht erhellt das Dunkel und wir bekommen neue Kraft. Es kann sein, dass uns ganz anders geholfen wird, als wir dachten, und manchmal dauert es auch länger, als wir es uns wünschen. Aber es geschieht etwas: In einer Krankheitssituation werden wir geduldiger und zuversichtlicher. Geldsorgen verlieren ihre Bedrohlichkeit, unser Glück hängt nicht mehr von Erfolg oder Äußerlichkeiten ab usw. Es ist interessant, dass in dem Lied von Johann Raeder die letzte Aussage nicht darin besteht, dass unser Leben durch den Glauben äußerlich saniert wird, sondern es ist die Bitte: „Rett auch unsere Seele, du treuer Gott.“ Es ging auch dem Dichter also in erster Linie um etwas Innerliches.
Und das dürfen wir nicht unterschätzen, denn gerade dadurch bekommen wir die Kraft, etwas zu tun und Initiative zu ergreifen. „Wenn Gott uns hilft, können wir uns auch selber helfen.“ So würde dann der Satz lauten, nach dem wir handeln und leben. Denn es gibt keine Verzweiflung mehr, keine Faulheit oder Niedergeschlagenheit. Wir werden verantwortungsbewusst und aktiv.
Deshalb gehört zu dem Weg des Gottvertrauens auch noch ein letzter Punkt. Beim christlichen Glauben geht es ja nie nur um das persönliche Seelenheil. Auch der Mitmensch rückt ins Blickfeld, der Nächste, der ebenfalls Hilfe braucht. Wir nehmen ihn plötzlich ganz anders wahr und kümmern uns um ihn. Denn wer sich von Gott helfen lässt, wird zu einer Hilfe für andere Menschen. Das eine geht nicht ohne das andere. „Nur wenn ich selber helfe, werde ich mir auch von Gott helfen lassen. Und nur wenn ich mir von Gott helfen lasse, werde ich zu einer Hilfe für andere.“ So hat in einer Umfrage einmal jemand den Satz kommentiert, den ich am Anfang erwähnte. Und ein anderer sagt: „Die Idee des Christentums ist es, einander zu helfen. Ob die Christen das tun oder nicht, das steht auf einem anderen Blatt, aber von Gott ist es so gedacht.“
Lassen Sie uns deshalb „des Herren harren“, damit „der treue Gott unsere Seele retten“ kann, und auch wir selber zu Helfern in der Not werden.
Amen.