Bewahrt, was Gott euch anvertraut hat

Predigt über 1. Mose 8, 18- 22: Die Zusage Gottes an Noah

20. Sonntag nach Trinitatis, 3.11.2019, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Mose 8, 18- 22

18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne,
19 dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.
22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Liebe Gemeinde.

Spätestens seit der Bewegung „Fridays for future“ ist das Wissen über die Klimaproblematik in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Fast alle reden darüber, dass die Erderwärmung unseren Planeten und unser Leben bedroht, und dass sich etwas ändern muss. Die Meeresspiegel steigen, und ganze Landstriche sind von Trockenheit oder Überschwemmung bedroht. Die Warnungen der Wissenschaftler, die das alles voraussagen, kann niemand mehr überhören. Und es ist auch klar, dass das kommende Unheil von uns Menschen gemacht ist. Es ist keine Naturgewalt, sondern ist die Folge unserer Lebensweise. Wir tragen die Verantwortung dafür, ob die Umwelt zerstört wird oder erhalten bleibt.

Diese Einsicht ist allerdings nicht neu, wir finden sie bereits in der Bibel. Die Geschichte von der Arche Noah ist dafür ein sehr eindrückliches Beispiel. Sie handelt davon, wie vor Urzeiten einmal eine Sintflut über die Erde kam und fast alles Leben zerstörte. Wissenschaftler sind sich heutzutage sicher, dass es diese Flut wirklich gab. Das Schwarze Meer nahm dadurch seine jetzige Form an. Die Ursache war ein gewaltiger Wassereinstrom aus dem Mittelmeer, der sich ungefähr 6300 Jahre vor Christus ereignete. Funde von Muscheln und Schnecken haben zu dieser Erkenntnis beigetragen. Die große Flut vertrieb einige Zehntausend Menschen, es war eine fruchtbare Katastrophe. So ist es naheliegend, dass die Menschen damals darin ein Strafgericht Gottes sahen. Das konnte nur von ihm kommen, so erzählt es nicht nur die Bibel, auch aus Babylonien gibt es eine ähnliche Überlieferung.

Die biblische Sintflutgeschichte beginnt damit, dass Gott die Bosheit der Menschen satt hatte und mit der Schöpfung noch einmal von vorne anfangen wollte. Er brauchte dafür nur eine kleine Gruppe von Menschen und Tieren, und er wählte Noah und seine Familie. Wen er in seine Arche aufnahm, wurde gerettet, und aus diesem Rest entstand die neue Weltzeit, in der wir heute leben. Am Ende bekundet Gott seinen Willen, ihren Erhalt zu garantieren. Er wird in Zukunft Gnade und Nachsicht walten lassen. Sein Zorn ist verraucht, er offenbart seinen Heilswillen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Das ist seine Zusage.

Und damit wird deutlich, dass es nicht an Gott liegt, wenn die Erde noch einmal untergeht, auf ihn Verlass. Der Mensch ist dafür verantwortlich, dass das Chaos nicht wieder alles verschlingt. Es gilt der ursprüngliche Auftrag aus der Schöpfungsgeschichte: „Macht euch die Erde untertan“, (1. Mose 1,28) d.h. nutzt sie, aber übernehmt Verantwortung. Bewahrt, was ich euch anvertraue, und sorgt dafür, dass es erhalten bleibt. Noah gehorchte diesem Auftrag. Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, baute er einen Altar und dankte Gott. Er fürchtete ihn und lebte so, wie Gott es von ihm erwartete.

Und dazu sind auch wir aufgefordert. Die Geschichte will uns an unsere Verantwortung für die Schöpfung erinnern, daran, das Leben zu schützen, friedlich, demütig und gottesfürchtig zu sein.

Doch genau das scheint uns nicht zu gelingen. Der Mensch ist damit offensichtlich überfordert. Es sieht so aus, als ob es zu schwer ist, die Umwelt zu bewahren und sich angemessen zu verhalten. Woran liegt das? Das müssen wir uns fragen. Denn wenn wir nicht umdenken und umkehren, bekommen wir die Probleme nicht mehr in den Griff. Lasst uns als darüber nachdenken, welche Schritte helfen können, damit wir die gute Ordnung Gottes nicht länger durcheinander bringen.

Und dazu gehört es als erstes, dass wir uns auf ihn verlassen, uns ihm anvertrauen und an seine Zusage glauben. Oft denken wir nicht an Gott. Unsere Lebensweise ist säkular und weltlich, wir sind selbstherrlich und hochmütig geworden. Uns treibt ein unstillbarer Hunger nach immer mehr, die Gier, möglichst alles zu bekommen, was wir uns wünschen. Und das macht uns dumm und kurzsichtig. Wir kümmern uns nicht mehr um die Folgen unseres Handelns.

Wenn wir uns dagegen Gott anvertrauen und seine Macht anerkennen, ändert sich das. Wir sind dann eingebettet in seine Ordnung, werden demütig und bescheiden. Wir brauchen nicht mehr alles, sondern können getrost den einen oder anderen Wunsch loslassen. Und dadurch wird auch unser Blick klarer. Wir gewinnen Einsicht und werden klug. Das ist der erste Schritt.

Als zweites entsteht aus dieser Veränderung unseres Bewusstseins ein neues Handeln. Es ist gar nicht mehr so schwer, Verantwortung zu übernehmen und an dem mitzuwirken, was dem Erhalt der Schöpfung dient. Dazu hat jeder und jede die Möglichkeit. Es kann in unserem Alltag beginnen, in unserer nächsten Umwelt. Was und wieviel wir verbrauchen, können wir selber entscheiden. Und je mehr Menschen so bewusst handeln, umso effektiver wird es. Natürlich können wir als Einzelne nur wenig verändern, aber viele einzelne Menschen ergeben eine große Menge mit einer starken Wirkung. Es gilt der schöne Spruch von Stephan Zweig: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Das ist der zweit Punkt, den wir beherzigen sollten.

Und als drittes ist noch wichtig, dass Gott uns nicht allein gelassen hat. Er hat uns zwar in die Verantwortung entlassen, aber er weiß um unsere Schwäche und Fehlbarkeit. Deshalb hat er uns einen Beistand geschickt, seinen Sohn Jesus Christus. Und der hat bereits etwas von der neuen Welt Gottes, die eines Tages kommt, heraufgeführt. Die ist nach wie vor das Ziel des Handelns Gottes. An vielen Stellen in der Bibel ist davon die Rede, sowohl im Alten wie im Neuen Testament: Gott wird in einer unbestimmten Zukunft diese Welt zu Ende gehen und sein Reich anbrechen lassen. Den Kosmos, wie wir ihn kennen, ist nicht alles, was es gibt. Wir dürfen vielmehr davon ausgehen, dass es noch eine unsichtbare Welt gibt, eine Wirklichkeit jenseits von Raum und Zeit. Jesus Christus ist ihr Bote, er hat sie uns eröffnet, denn er hat die engen Grenzen unseres Daseins gesprengt, er ist von den Toten auferstanden. Das ist die Botschaft des Evangeliums. Bei ihm finden wir ein Leben, das niemals aufhört, in dem der Tod nicht mehr herrscht. Wir müssen nur daran glauben und auf ihn vertrauen.

Und das brauchen wir genauso wie Demut und sittliche Kraft: Wir brauchen die Zuversicht, dass uns letzten Endes nichts zerstören kann, dass die Mächte der Finsternis besiegt sind und wir an der Ewigkeit Anteil haben.

Lasst uns deshalb auf die Zusage Gottes vertrauen, unsere Verantwortung für die Welt wahrnehmen und auf Jesus Christus blicken, der uns zu all dem befähigt.

Amen.

Steh auf und geh!

Kurzpredigt über Johannes 5, 1-9: Die Heilung am Teich Betesda

19. Sonntag nach Trinitatis, 27.10.2019Gethsemanekloster Riechenberg

Johannes 5, 1- 9:

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;
3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
 Sie warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte.
4 Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.
5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.
6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Zwei Personen stehen in der Geschichte im Mittelpunkt: ein kranker Mann und Jesus.

Der Mann war schon seit 38 Jahren gelähmt, und zwar am ganzen Körper. Er konnte nur liegen und sich so gut wie gar nicht bewegen. Er hatte wahrscheinlich starkes Rheuma oder Gicht, und die Aussicht auf Heilung war gering.

Aber er hatte eine Hoffnung, und die lag in einer Heilquelle, dem „Teich Betesda“ in Jerusalem. Von Zeit zu Zeit bewegte sich das Wasser dieses Teiches auf geheimnisvolle Weise, und dann musste man hineinsteigen, um gesund zu werden. Das ging allerdings nur einzeln. Wer jeweils als erster in das bewegte Wasser gelangte, hatte die beste Heilungschance. Die Kranken mussten sich also gedulden und in der Regel lange warten. Deshalb waren fünf Hallen um diesen Teich herum gebaut worden, in denen lagen die Patienten und hofften auf den heilenden Strudel. Auch der Mann, der hier im Mittelpunkt steht, tat das.

Aber für ihn war es so gut wie aussichtslos, denn er kam gar nicht ohne fremde Hilfe in dieses Wasser hinein. Wenn er sich mühsam dorthin gequält hatte, war bereits ein anderer vor ihm dort, und seine Chance war wieder vorbei. Er war immer zu spät. Und so bewegte sich in seinem Leben nichts mehr, alles war zum Stillstand gekommen.

Doch das findet in der Erzählung ein Ende, und zwar nicht durch diesen Teich, sondern weil Jesus zu ihm kommt. Er sieht diesen Menschen, geht zu ihm hin und spricht ihn an. Er weiß also um ihn, und dann genügt ein einfaches Wort aus seinem Mund, und der Kranke wird gesund. Jesus sagt zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett und geh umher“. Und der Mann gehorcht. Ohne Widerspruch, ohne Zögern oder Zweifeln befolgt er die Aufforderung Jesu und wird gesund, endlich, nach 38 Jahren! Er rollt seine Schlafmatte zusammen und verlässt die Hallen seines Elends, seiner vergeblichen Hoffnung und seiner Sehnsucht.

Und das ist der Punkt, an dem diese Geschichte eine Bedeutung hat. Die Heilungswunder Jesu sind für uns ja immer etwas problematisch, weil wir diese Erfahrungen so nicht machen: Kaum jemand wird durch ein Wunder oder durch den Glauben von einer chronischen Krankheit geheilt. Trotzdem ist die Geschichte sehr schön, denn an Geist und Seele können wir etwas Ähnliches erleben.

Es gibt ja Situationen, in denen sind wir ebenfalls wie gelähmt: Nichts bewegt sich mehr in unserem Leben. Das kann durch dauernde Konflikte geschehen, die alles überschatten, unerfüllte Wünsche und Erwartungen, Ängste, Sorgen, Wut oder Ärger, oder auch durch Überforderung, Stress, zu viel Druck, zu viel Arbeit, und vieles mehr.

Die Probleme scheinen zwar unlösbar, aber meistens haben wir trotzdem eine bestimmte Idee, wodurch sich das ändern könnte. Wir meinen zu wissen, von woher die Heilung kommen müsste, was die Lösung wäre. Sie liegt bloß in weiter Ferne und tritt nicht ein, weil andere uns daran hindern, weil die Umstände es nicht zulassen, weil die Zeit noch nicht gekommen ist oder ähnliches. Das sind unsere Gedanken, und darin schwingt meistens auch etwas Selbstmitleid oder ein Vorwurf mit. Bildlich gesprochen liegen wir an einem magischen Teich und warten darauf, dass das Wasser sich bewegt und wir hineinsteigen können. Wir sind auf diese eine Möglichkeit fixiert, wie der Kranke in unserer Geschichte. Und dabei merken wir nicht, dass wir in Wirklichkeit genauso verloren sind wie er. Wir richten uns vielmehr in unseren Gedanken ein, sie sind uns irgendwann vertraut, selbst wenn sie nicht weiterführen. Wir gewöhnen uns an dieses Lebensgefühl, das damit einhergeht. Und so warten und hoffen wir vergeblich und verlieren den Zugang zum Leben. Alles steht still.

Doch für uns kann sich genauso etwas ändern, wie für den Kranken, denn Jesus kommt auch zu uns. Er spricht uns an und fordert uns auf, einfach aufzustehen. Damit das geschehen kann, müssen wir nur auf ihn blicken, auf sein Wort hören, und die Ideen, auf die wir fixiert sind, einmal loslassen. Die Hilfe kommt aus einer ganz anderen Richtung, als wir denken. Es sind gar nicht die widrigen Umstände oder die schwierigen Menschen, die uns unbeweglich machen, sondern unsere festgefügten Vorstellungen davon, was geschehen müsste. Es gilt, dass wir die aufgeben und uns stattdessen an Jesus wenden und ihm gehorchen, ohne Widerspruch, ohne Zögern oder Zweifeln. Jesus sagt auch zu uns: „Steh auf! Verlass deine Ideen und deine Vorstellungen, sie helfen dir nicht.“ Und er gibt uns die Kraft dazu. In seiner Gegenwart werden wir neu belebt. Verkrustungen der Seele und des Geistes werden gelöst, es bewegt sich etwas, der Stillstand hat ein Ende. Denn Jesus durchbricht unsere Einsamkeit und löst das Selbstmitleid auf.

Auf den Mann in unserer Geschichte kam ja etwas völlig neues und unbekanntes zu. Er kannte das Leben, das auf ihn wartete gar nicht. Aber er hat sich trotzdem getraut, aufzustehen und in dieses Leben hineinzugehen. Und genauso befähigt Jesus auch uns, das Vertraute zu verlassen und in unbekannte Gefilde aufzubrechen. Wir hören auf, uns zu bedauern und sind nicht mehr allein. Wir bekommen den Mut, Neues zu wagen und kennenzulernen. Jesus kann unsere Seele heilen. Er hilft uns, die Hallen unseres Elends, unsere vergeblichen Hoffnungen und heimlichen Vorwürfe zu verlassen. Durch ihn erfüllt sich unsere Sehnsucht nach Veränderung, nach Bewegung und Aufbruch auf wunderbare Weise. Wir brauchen kein magisches Wasser, wir brauchen nur seine Gegenwart, sein vollmächtiges Wort und seine Kraft. Und die sind da, an jedem Tag, zu jeder Stunde, in jedem Augenblick.

Amen.