Sei nicht übergerecht

Predigt über Prediger 7, 15- 18: Von der wahren Weisheit

2. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae
17.2.2019, 9.30 Uhr und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Es ist Karnevalszeit, und in anderen Teilen von Deutschland merkt man das auch. Im Rheinland könnt ihr auf der Straße jetzt bestimmt den einen oder anderen Menschen mit roter Nase oder bunter Perücke treffen. Da feiern die Leute das ja sehr intensiv. Ich hab dort in einem Restaurant auch einmal ein Plakat gesehen, da stand drauf: „Wir heitern den Rest der Nation auf.“ So verstehen sich die Menschen dort. Sie halten sich offensichtlich für besonders lustig und spaßig.

Dabei haben inzwischen mehrere Umfragen ergeben, dass die glücklichsten Deutschen hier in Schleswig-Holstein leben, obwohl man uns Mundfaulheit und Nüchternheit nachsagt. Aber die Menschen hier sind wohl besonders ausgeglichen und zufrieden.

Humor führt also nicht automatisch zum Glück, und hinter Spaß verbirgt sich nicht unbedingt echte Lebensfreude. Die Dinge liegen oft ganz anders als wir denken. So ist es auch mit Gut und Böse. Wir meinen, dem Bösen müsste es schlecht gehen und dem Guten gut. Aber das ist nicht unbedingt so. Es gibt in vielen Fällen kein einfaches Ursache-Wirkung-Prinzip, auch wenn wir das gerne hätten. Das Leben ist komplizierter.

Das hat auch schon der Prediger Salomo erkannt. Aus seinem Buch stammt heute unser Predigttext. Er steht dort im siebten Kapitel und lautet:

Prediger 7, 15- 18

15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.
16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.
17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.
18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Das ist ein kurzer Bericht über eine allgemeine Wahrnehmung im menschlichen Leben und eine anschließende Mahnung. Der Prediger hat erfahren, dass eine weit verbreitete Gewissheit so nicht stimmt. Sie lautet: „Der Gerechte besteht, und der Gottlose vergeht.“ Gerade in der Bibel finden wir unzählige Aussagen, die das behaupten, und bis heute verlassen sich viele Menschen auch sehr gerne darauf. Doch so einfach ist es eben nicht. Der Prediger stellt diesen Satz in Frage, weil er ganz andere Vorgänge beobachtet hat, und er zieht daraus seine Schlüsse.

Aber wer ist das eigentlich, der das hier sagt, und warum sagt er es? In was für einer Gedankenwelt lebte dieser Prediger, was erfüllte und bewegte ihn?

Das sollten wir uns fragen, wenn wir uns mit diesem Text beschäftigen, denn das ganze Buch des Predigers Salomo, aus dem der Abschnitt stammt, ist im Alten Testament einzigartig. Ob der Verfasser wirklich der König Salomo war, wissen wir nicht, aber das spielt auch keine Rolle. An seinem Hof hat es auf jeden Fall Weisheitsschulen gegeben, in denen junge Menschen lernten, wie sie mit dem Leben umgehen sollten. Dadurch entstand die sogenannte Weisheitsliteratur, zu der auch die Sprüche Salomos in der Bibel gehören. Sie durchmustern die menschlichen Beziehungen und Werte und handeln davon, wie man zu Reichtum, Kraft, Gesundheit und Ruhm gelangt. Es sind Regelungen für das Vorankommen und Zurückfallen, Mahnungen zu Fleiß, Geduld, Ehrlichkeit usw.

Diese Weisheitsliteratur ist auch für das Buch des Predigers Salomo der Mutterboden. Der Verfasser war wahrscheinlich ein Weisheitslehrer mit großem Ansehen, vielleicht hat er sogar eine eigene Schule gebildet. Denn es fällt auf, dass er die Welt- und Lebensweisheit einer gewissen Durchschnittshaltung ablehnt. Die war ihm zu optimistisch und zu oberflächlich. Er setzt sich damit kritisch auseinander und sagt: So wie ihr euch die Welt erklärt, so ist sie oft nicht! Er stellt viele Fragen, die sehr in die Tiefe gehen, und kann sie häufig selber nicht beantworten. Für ihn gibt es keine Sicherheit in der allgemeinen Erkenntnis, denn er entdeckt die bedrohliche Wirklichkeit, dass alles vergänglich und unsicher ist. Der Prediger stellt deshalb den Wert von Freude, Arbeit, Besitz und Macht in Frage, und bezweifelt ebenso den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen. Nur eins steht für ihn fest, und das ist Gott als die gültige Wirklichkeit und als der Herrn, der alles in Händen hält. Gott bleibt der Herr aller Zeit und allen Zufalls, er hat sogar alles gut gemacht.

Das ist die Weisheit des Predigers, und die kommt nun auch sehr schön in unserem Textabschnitt zum Ausdruck. Hier geht es wie gesagt um den Lehrsatz der „gerechten Vergeltung“, nach dem aus der bösen Tat auch ein böses Schicksal folgt. So gerade laufen die Dinge nicht, es kann sich alles verkrümmen und ganz anders zugehen, sagt der Prediger. Die Zusammenhänge und Ordnungen sind viel weniger fest, als wir meinen. Deshalb warnt er vor „Übergerechtigkeit“, d.h. vor einer Haltung, mit der man meint, das eigene Wohlergehen in der Hand zu haben. Wer auf seine Weisheit baut, kann erleben, dass er trotzdem zugrunde geht. Deshalb fordert der Prediger erschreckender Weise, dass man sowohl an der Weisheit als auch an der Torheit festhalten soll. „Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt.“ sagt er. Das klingt schlau und berechnend, als wollte er alle Möglichkeiten offen lassen. Doch so ist es nicht gemeint. An dem abschließenden Satz wird deutlich, welchen Weg er vorschlägt: Es ist die „Furcht Gottes“, an der es festzuhalten gilt, „denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ Und damit meint der Prediger einerseits die Absage an alles Heldentum, andererseits aber das Vertrauen auf Gott und seine Kraft. Man sollte zwar nicht versuchen, sich mit Gott zu behaupten, es ist aber sehr wohl sinnvoll, ihn zu erkennen und zu ehren. Auch an anderen Stellen in seinem Buch ermahnt der Prediger zur Gottesfurcht und erinnert daran, dass Gott uns beschenkt. Das dürfen wir entgegennehmen. Es ist gut, wenn der Mensch mit dem ihm zugemessenen Teil lebt, wann, wo und solange ihm dieser gehört, und dabei seines Schöpfers gedenkt.

Die Wahrheit über das Leben und das Glück liegt also viel tiefer, als wir oft meinen. Nicht unsere Frömmigkeit zählt, sondern das Wirken Gottes. Er ist hinter allem. Viele Fragen im Leben bleiben offen, aber Gott ist trotzdem da und beantwortet sie mit seiner Nähe und Liebe. Als Christen glauben wir, dass diese Liebe und Gegenwart Gottes in Jesus Christus besiegelt wurde. Auf ihn dürfen wir uns immer verlassen, im Leben und im Sterben.

Das ist hier die Botschaft, und es tut uns gut, wenn wir sie ernst nehmen. Wir sollten uns die Kritik des Predigers ruhig einmal zu Herzen nehmen, denn nicht selten verfallen auch wir einer Haltung, die viel zu oberflächlich ist. Vor allem denken wir genauso wie etliche andere Menschen, dass wir unser Leben selber lenken können. Auch halten wir es für schlüssig, dass der Glaube uns dabei hilft, im Leben voran zu kommen. Schließich steht Gott uns bei, wenn wir auf ihn vertrauen, er gibt uns Kraft und Erfolg und Glück, das ist die landläufige Meinung.

Doch so einfach ist es eben tatsächlich nicht, das erfahren wir immer wieder. Den gläubigen Menschen geht es in vielen Fällen keineswegs besser, als den Ungläubigen. Gott bewahrt uns nicht automatisch vor Unheil und Leid. Und das macht uns dann durchaus zu schaffen. Worin liegt eigentlich der Sinn, sich an Gott zu halten? Das fragen wir uns manchmal.

Und da hilft uns der Prediger, denn er lädt uns zu einer ganz anderen Denkweise ein. Er verweist uns auf tiefere Schichten der Wirklichkeit und des Bewusstseins und sagt: Gott ist nicht fern, wenn es dir schlecht geht. Stell nicht den Glauben an ihn in Frage, sondern überprüf deine Einstellung. Du bist zu willensgesteuert und zielgerichtet und verwechselst die Frömmigkeit mit einer Leistung.

Und das sollten wir uns sagen lassen. Es ist gut, wenn wir in uns hineinschauen und dabei ehrlich sind. Es kann durchaus sein, dass auch wir „übergerecht“ sind. Ohne dass wir es merken, schleicht sich dabei ein gewisser Stolz ein. Wir halten uns dann für besser als andere und rühmen uns innerlich damit, dass wir so gläubig sind. Wir werden selbstherrlich. Umso tiefer fallen wir, wenn etwas im Leben anders läuft, als wir es erwartet haben. Dann verdunkelt sich alles, wir verstehen die Welt nicht mehr, hadern mit Gott und der Glaube schwächt sich ab.

Und davor warnt uns der Prediger, dazu muss es nicht kommen. Wir müssen den Glauben nur von vorne herein ganz anders verstehen. Wenn wir uns an Gott halten, dann sollten wir es um seinetwillen tun und nicht um unseretwillen. Es geht um ein echtes tiefes Vertrauen, um Hingabe und Liebe. Wenn wir uns an Gott halten, dann müssen wir das ergebnisoffen tun. Vor Augen sollten uns nicht irgendwelche Ziele stehen, sondern Gott selber und seine Wirklichkeit. Er ist da, und wir dürfen auch einfach nur da sein. Wir müssen nichts erreichen.

Für die Lebensführung heißt das, dass wir das rechte Maß für alles finden müssen und in ein inneres und äußeres Gleichgewicht kommen. Es gehört beides zum Leben, das Leichte und das Schwere, das Schöne und das Hässliche, der Spaß und der Ernst. Das sagt uns der Prediger gleich am Anfang seines Buches. Die Worte sind berühmt geworden, mit denen er beschreibt, dass „alles seine Zeit hat“: „geboren werden und sterben, schweigen und reden, suchen und verlieren, lieben und hassen.“ (Prediger 3, 1-8) Das sollen wir erkennen, und das heißt, auch das Negative darf sein. Wir haben das Recht, uns „an das eine zu halten und auch jenes nicht aus der Hand zu lassen“. Das Unglück und sogar die Torheit sind erlaubt. Wir müssen nicht ständig erfolgreich und glücklich sein und dafür krampfhaft den Ernst und die Trauer aus dem Leben verbannen. Letzen Endes gewinnen wir dadurch nichts. Im Gegenteil, das Gute kommt erst, wenn wir das Schlechte annehmen und auch dazu ja sagen. Es verliert dann seine Macht. Die wahre Freude liegt auf einer ganz anderen Ebene, als in den wechselvollen Alltäglichkeiten. Sie liegt viel tiefer oder auch höher, als alles andere.

Wenn wir diese Botschaft ernst nehmen, stellt sich eine positive Grundhaltung dem Leben gegenüber ein. Wir können es annehmen, wie es ist, wir werden von dem Druck befreit, um jeden Preis immer gut drauf sein zu wollen. Und das tut gut.

Möglicher Weise geht es in Schleswig-Holstein besonders gut, diesen ausgewogenen Weg zu gehen. Er hat ja auch etwas mit Nüchternheit zu tun. Vielleicht ist es gerade förderlich, dass hier nicht so viel los ist. Die Oberflächlichkeit hat weniger Möglichkeiten, sich auszubreiten. Und natürlich hat auch die Natur ihren Einfluss auf das Gemüt. „Zwischen den Meeren“ wird der Geist weiter und die Seele atmet auf.

Trotzdem ist es natürlich auch hier nicht ganz leicht, die wahre Freude wirklich zu finden. Der Prediger fordert uns heraus und formuliert durchaus einen hohen Anspruch. Ob ihm diese Haltung gelungen ist, wissen wir nicht, aber es ist gut, dass er sie formuliert hat. Und als Christen haben wir auf jeden Fall eine wunderbare Hilfe, denn Jesus Christus ist genau diesen Weg gegangen und er nimmt uns an die Hand. Durch ihn finden wir das „Ja“ zu allem, was uns widerfährt, er schafft den Ausgleich und befreit uns von unseren Zwängen.

Amen.

Gottes Kraft, sein Ziel und seine Treue

Predigt über 1. Korinther 1, 4- 9: Dank für Gottes reiche Gaben in Korinth

5. Sonntag vor der Passionszeit, 3.2.2019, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Korinther 1, 4- 9

4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus,
5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und in aller Erkenntnis.
6 Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden,
7 so dass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe
und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.
8 Der wird euch auch fest erhalten bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.
9 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

Liebe Gemeinde.

„Ich habe geschrieben und gelehrt, nichts hat genützt!“ Das sagte Luther am Ende seines Lebens, als er ahnte, dass der Tod näher kam. In den letzten Jahren war seine Grundstimmung von der Bedrückung geprägt, dass all sein Predigen, Lehren und Kämpfen genauso vergeblich gewesen sein könnte, wie der Versuch, „Getreide auf Granit zu säen und zu ernten.“ Er war von „Altersresignation“ befallen, Gewissensnöte und Bitterkeit quälten ihn. Dazu kam der Kummer über den Tod seines dreizehnjährigen Töchterchens Magdalena und Enttäuschungen in der Wittenberger Gemeinde. Er sorgte sich um das öffentliche Wohl und das Schicksal des Reiches. Er verzweifelte an sich selbst, hatte häufig Wutausbrüche und verfasste eine letzte große Streitschrift, „wider das Papsttum“. Es war eine Generalabrechnung. (s. Hellmut Dewald, Luther, eine Biographie, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes GmbH&Co, 1982, S. 360ff)

Das alles klingt erschreckend und passt eigentlich nicht in das Bild, das wir uns gerne von Luther machen. Aber er war ein Mensch wie wir alle, und es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass er am Ende verzagte. Mit diesem Erleben ist er auch nicht allein, ich kenn das von anderen Menschen ebenso. Und von vielen wissen wir einfach nur nicht, wie es ihnen am Ende ihres Lebens ging. Was den Apostel Paulus betrifft, so ist darüber z.B. nichts überliefert.

Es kann allerdings sein, dass er vor solchen Selbstzweifeln geschützt war. In dem Briefabschnitt, den wir vorhin gehört haben, ist er nämlich voller Dankbarkeit über das, was – in diesem Fall in Korinth – durch sein Predigen geschehen war.

Der Text gehört zu seinem Eingangsgruß, und Paulus folgt darin einer antiken Briefsitte. Es war üblich, dass am Anfang eine Danksagung stand. Doch bei Paulus war das nicht einfach nur eine Höflichkeitsfloskel oder eine diplomatische Liebenswürdigkeit, es ist vielmehr bezeichnend für seine Glaubenshaltung, denn mit dem Dank will er Gott ehren. Er lenkt gleich am Anfang die Aufmerksamkeit auf die „Gnade Gottes“, die der Gemeinde in Christus gegeben wurde. Die Korinther sind dadurch „reich“ geworden, sie haben viele „Charismen“ empfangen, das ist das griechische Wort für  „Gnadengaben“. Besonders hebt Paulus die „Lehre und Erkenntnis“ hervor, man kann auch übersetzen „Wort“ und „Einsicht“. Sie haben also Gott erkannt und sind geistlich urteilsfähig. „Die Predigt von Christus ist in ihnen kräftig geworden.“ Und so sind alle Merkmale einer von Gottes Kraft und Geist geschaffenen Gemeinde da. Paulus blickt sowohl auf ihre Vergangenheit als auch auf ihre Gegenwart und ist für alles dankbar.

Schließlich mündet sein Dank in den Blick nach vorne, und zwar auf die zukünftige Vollendung und die Wiederkunft Christi. Das war für ihn sowieso ein wichtiges Thema. Er erwartete dieses Ereignis und ging davon aus, dass er es noch erleben würde, das Ende dieser Welt und die Aufrichtung der endgültigen Himmelsherrschaft Christi. Es war von den Propheten im Alten Testament angekündigt worden, und auch Jesus hatte davon gesprochen.

Dabei gingen jedoch alle davon aus, dass das nicht nur ein freudiges Ereignis werden würde. Auch in unserem Briefabschnitt klingt an, dass das Erscheinen Christi zwar die Welt erneuern wird, aber es wird gleichzeitig mit einem Endgericht einhergehen. Wer gerettet werden will, muss also „untadelig“ sein. Und das klingt düster und bedrohlich. Diese Ankündigung sollte allerdings keine Angst machen, sondern die Rede darüber geht im Neuen Testament immer mit der Botschaft einher, dass Christus den Menschen im Endgericht beisteht. Er hilft allen, die an ihn glauben, und darauf sind sie auch angewiesen, denn keiner und keine ist vollkommen. Dafür bedankt Paulus sich hier ebenso: Dass Christus die Korinther „fest erhalten wird bis ans Ende“. Gott selber wird dafür sorgen, dass keine Vorwürfe gegen sie erhoben werden, dass alle ihre Fehler getilgt und eventuelle Strafen erlassen werden. Dessen dürfen sie sich gewiss sein.

Und das hat seinen letzten Grund in der Treue Gottes. „Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid“, sagt Paulus am Ende seiner Danksagung. Gottes Wille ist unerschütterlich ein und derselbe. Er hat sein Werk an der Gemeinde begonnen, und er wird es auch vollenden. Er hat die Korinther berufen, und das Ziel ist die Gemeinschaft mit Christus. Von dieser Tat Gottes her lebt die Gemeinde. Sie wartet also auf das Kommen ihres Herrn als die Schar derer, die mit Jesus Christus bereits unlöslich verbunden sind. Sie haben teil am Leben des Auferstandenen und Erhöhten.

Das alles sagt Paulus in seiner Danksagung am Anfang seines Briefes, und das ist interessant. Er hatte – was die Korinther betrifft – nämlich genauso viele Gründe zur Sorge. Der Anlass für den Brief waren sogar schwerwiegende Streitigkeiten in der Gemeinde in Korinth. Es gab Parteiungen, Auseinandersetzungen mit der Weisheit der griechischen Philosophie, dem Heidentum und dem Judentum, die Leugnung der Auferstehung, Selbstüberschätzung etlicher Gemeindeglieder, sittliche Missstände und vieles mehr. All das wich erheblich von dem ab, was Paulus dort einmal gepredigt hatte. Er hätte also seinen Brief auch mit dem Ausdruck tiefster Sorge beginnen können und wie Luther sagen: „Ich habe geschrieben und gelehrt, nichts hat genützt!“ Doch das tut Paulus nicht. Am Anfang besinnt er sich vielmehr auf all das Gute, das er erkennt. Und das ist deshalb lesenswert, weil Paulus dabei auf Gott schaut. Er bedankt sich für sein Handeln, und dazu sind auch wir eingeladen, und es tut jedem und jeder gut. Lasst uns also den Inhalt dieses Briefabschnittes einmal genau betrachten.

Dabei können wir drei Leitworte herauslesen, die wichtig für den Glauben sind: Es sind „die Kraft Gottes“, „das Ziel Gottes“ und „die Treue Gottes“. Auch für uns ist es wichtig, diese drei Motive im Handeln Gottes immer wieder zu erkennen, denn wir sind oft genauso voller Sorge um das Christentum, die Kirche und die Gemeinde wie z.B. Martin Luther. Was ist denn noch da? Die Zahlen der Kirchenmitglieder gehen stetig zurück, Gottesdienstbesucher und -besucherinnen werden weniger, der Glaube nimmt ab und die Verweltlichung nimmt zu. Das macht auch uns oft verzagt.

Dazu kommen möglicherweise noch eigene Zweifel: Ist an dem Evangelium wirklich etwas dran? Wirkt Gott noch in unserer Zeit? Und ist der Tod tatsächlich besiegt? Wir erfahren im Laufe unsres Lebens sehr vieles, das dagegen spricht. Auch persönliche Schicksalsschläge oder Enttäuschungen gehören dazu, wie bei Martin Luther. Trägt unser Glaube uns dann immer? Befallen uns nicht auch oft Traurigkeit und Wut, Depression und Ängste? Manchmal scheint Gott doch fern zu sein, und wir fragen uns, ob er überhaupt da ist. Dazu sehen wir, dass es „den Gottlosen gut geht“ (Ps. 73,3), und so wissen wir manchmal nicht mehr, warum wir uns noch an den Glauben halten sollen. Zweifel und Verzagtheit bestimmen unser Lebensgefühl.

Doch das muss nicht sein. Paulus zeigt uns, wie wir aus dieser negativen Grundstimmung herausfinden können. Er lädt auch uns ein, unseren Blick auf Gott zu lenken und unsere Haltung zu ändern.

Dazu gehört es, dass wir zugeben, wie sehr wir immer auf unsere menschlichen Möglichkeiten schauen, auf unsere eigenen Fähigkeiten und Ziele, die oft sehr hoch gesteckt sind. Wir wollen viel und trauen uns viel zu. Zwischendurch und am Ende vergleichen wir dann das, was wir geschafft haben mit dem, was wir einmal wollten. Oder wir vergleichen uns mit anderen, von denen wir das Gefühl haben, dass sie besser sind. Das betrifft auch unsere Sicht auf die Kirche und die Gemeinde und unseren Umgang damit. Und dadurch entsteht das Leiden, denn wir fühlen unsre Unzulänglichkeit und unsere Schwäche. Es sind gar nicht die Umstände, die uns verzagen lassen, sondern unser Wollen und die Art und Weise, wie wir die Dinge sehen und beurteilen. Diese Haltung ist es, die zu unserer schlechten Stimmung führt.

Es gilt also, das zu ändern, oder zumindest immer wieder zu unterbrechen. Wir müssen uns eingestehen, dass wir viel weniger können, als wir meinen. Gott dagegen kann unendlich viel. Vor allem die Kirche und die Gemeinde sind sein Werk. Niemand könnte an ihn glauben, wenn nicht Gott ihn dahin führen würde. Und so ist es auch im Leben: Gott ist da, sein Wirken ist bloß oft ganz anders, als wir es uns vorstellen. Er lenkt unseren Weg, und wir verdanken ihm unser Leben. Das dürfen wir uns immer wieder bewusst machen und ihm dafür danken. Dann sehen wir unser Leben anders. Es gibt dafür ein einfaches mathematisches Bild: Die Gegenwart Gottes ist wie das positive Vorzeichen vor einer Klammer. Mag innerhalb der Klammer noch so viel Negatives stehen, so kann das nie das Vorzeichen ändern. Und das besteht darin, dass Gott bei uns ist. Er wird uns fest erhalten, was auch kommen mag. Wenn wir das glauben und darauf schauen, werden wir innerlich sicher und gewiss. Das ist der erste Gedanke, der sich aus dem Briefabschnitt ergibt.

Das zweite Motiv, das hier auftaucht, ist das „Ziel Gottes“, und das ist groß und wunderbar. Gott hat eine Zukunft für uns eröffnet, die weit über diese Welt hinausweist. Er will, dass wir ihn eines Tages ganz sehen, dass wir Christus begegnen, wenn er sich endgültig offenbart. Und er wird selber dafür sorgen, dass wir „untadelig“ sind. Wir haben also immer eine Zukunft, der gegenüber unsere Zukunftssorgen fast kleinlich wirken. Oft denken wir nämlich lange nicht weit genug. Unsere Ziele sind viel zu irdisch, selbst wenn es uns um die Kirche geht. Wir wollen hier und jetzt vollere Kirchen, lebendigere Gemeinden und fröhlichere Christen und Christinnen. Doch darum geht es letzten Endes gar nicht. Die Kirche ist nicht eine menschliche Gemeinschaft, sondern ein Abbild für die ewige Gemeinschaft der Menschen mit Gott. Seine Zukunftsvision ist viel weitreichender: Er sieht eine erlöste Menschheit, in der der Tod nicht mehr regiert. Und da will er uns hinführen. Auch wir sollten dieses große Ziel nie aus den Augen verlieren und daran glauben. Dann weitet sich unser Geist, die Seele atmet auf und der Leib kann sich entspannen. Uns durchströmen bereits jetzt die Kräfte der Ewigkeit, wir sind erlöst und frei. Das ist das zweite Thema, das hier aufleuchtet.

Und als drittes nennt Paulus die „Treue Gottes“. Treue spielt ja in einer Beziehung eine Rolle. Wir versprechen sie z.B., wenn wir heiraten, denn sie sorgt dafür, dass wir unabhängig werden von dem Auf und Ab, das jede Ehe mit sich bringt. Sie gewährt Dauer und Beständigkeit. Und genauso ist es mit Gott. Er hat sich uns verbürgt und er ist zuverlässig. Im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi hat er seine Treue besiegelt. Er will die Gemeinschaft mit uns, er will uns teilhaben lassen an der Auferstehung. Das ist der Grund für unsere Gewissheit.

Und all das, der Glaube an die Kraft Gottes, an sein Ziel mit uns und an seine Treue, kann uns fröhlich und zuversichtlich machen. Ganz am Ende ging es auch Luther so. In den allerletzten Wochen und Tagen seines Lebens distanzierte er sich von der Welt. Die Klagen über die Erfolglosigkeit so vielen Tuns wurden weniger laut. Er wurde verhaltener, und plötzlich beobachteten seine Mitmenschen eine ungewöhnliche Gelassenheit an ihm. Sein Glaube äußerte sich nun als Überlegenheit, die nicht mehr von irdischer Verbundenheit bestimmt war. Er war vielmehr von der Erwartung der jenseitigen Welt getragen. Es gibt ein paar sehr späte, persönliche Briefe von ihm, die vergnügt und fast munter klingen. Und eine seiner letzten Aussagen ist berühmt geworden. Sie bezieht sich auf die Heilige Schrift, über die Luther sagte. „Neige dich vor ihren Spuren! Wir sind Bettler. Das ist wahr.“  Und bevor er seinen letzten Atemzug tat, betete er wie Jesus Christus laut: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Ein Augenzeuge berichtet: „Er tat einen tiefen, doch sanften Atemzug, mit dem er seinen Geist aufgab, mit Stille und großer Geduld.“ (s.o., S. 370f)

Und das ist schön, so kann es auch uns gehen, wenn wir fest auf Jesus Christus blicken und ihm für alles danken, was er uns geschenkt hat.

Amen.