PREDIGT über Epheser 4, 20- 32: Der alte und der neue Mensch
zum 19. Sonntag nach Trinitatis, Sonnabend, 10.10.2026, Lutherkirche Kiel
Epheser 4, 21- 32
21 Ihr habt von Christus gehört und seid in ihm unterwiesen, wie es Wahrheit in Jesus ist.
22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.
26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen
27 und gebt nicht Raum dem Teufel.
28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.
29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.
30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.
31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.
32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Liebe Gemeinde.
In dem Briefabschnitt benutzt Paulus die Tatsache, dass wir uns morgens an- und abends wieder ausziehen als Gleichnis. Er sagt ja: „Legt von euch ab den alten Menschen und zieht den neuen Menschen an.“
Er geht also davon aus, dass wir nicht nur den Körper einhüllen können, sondern auch die Seele oder den Geist. Und das ist eine interessante Vorstellung. Neben der äußerlichen Kleidung gibt es auch eine innerliche, die wir anlegen können, die uns schmückt und wärmt. Es ist der christliche Lebenswandel, zu dem Paulus uns hier ermahnt. Er gibt uns dafür ganz klare und konkrete Anweisungen. So lehnt er z.B. alle „Lüge“ ab, genauso wie, „Diebstahl, faules Geschwätz, Bosheit, Bitterkeit, Zorn und Lästerung“. Davon sollen wir uns lossagen. Dagegen setzt er „Wahrheit, Rechtschaffenheit, gute Rede und den Dienst am Nächsten“. Und das sollen wir jeden Tag aufs Neue tun.
Dabei lässt er keinen Zweifel daran, dass all das wichtig und notwendig ist, denn er sieht eine Gefahr: Wenn wir das nicht beachten und in der Sünde verharren, „richten wir uns selber zu Grunde“, d.h. wir lassen böse Kräfte zu, die uns beherrschen und vernichten können.
Dabei ist es wesentlich, was Paulus am Anfang und am Ende erwähnt. Da bezieht er sich nämlich auf Christus. Mit ihm begründet er seine Ermahnungen, und Christus ist auch der, durch den das alles überhaupt möglich wird. Paulus erinnert daran, dass Jesus selber so gelebt hat, und vielleicht war er auch der Einzige, der das wirklich geschafft hat. Er ist das Vorbild für uns und gleichzeitig der, auf den wir uns verlassen und gründen können. Nur mit seiner Kraft ist es uns möglich, wirklich so zu leben, wie Paulus es beschreibt.
Denn so ganz einfach ist das ja nicht. Paulus formuliert hier einen sehr hohen Anspruch. Vielleicht gefällt uns das Ganze deshalb auch gar nicht so gut. Wir denken: Wer kann das denn hinkriegen? Den Zorn und die Wut kennen wir alle, aber sich noch vor dem Sonnenuntergang wieder zu beruhigen und zu versöhnen, das ist nicht einfach.
Es gibt Situationen, die das hervorrufen, in jedem Miteinander, in der Familie, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, unter Freunden usw. Manchmal werden wir missverstanden oder hintergangen, beleidigt oder betrogen, und das regt uns auf, es macht uns wütend. Genauso wie uns Vorgänge in Politik und Gesellschaft zornig machen können. Vielleicht wünschen wir uns, dass wir die Erregung schnell ablegen können, aber wir schaffen es nicht. Wir wissen auch, dass es ungesund ist, etwas in uns hineinzufressen, und versuchen es deshalb vielleicht gar nicht erst.
Was nützen uns also die Ermahnungen des Paulus, und wie kann es gelingen, dass wir ihnen folgen und sie verwirklichen? Das müssen wir uns fragen. Und dazu enthält unser Text auch Hinweise. Drei Antworten können wir hier zu der Frage entdecken.
Erstens benutzt Paulus nicht umsonst das Bild vom Anziehen. Er stellt sich also vor, dass unser ganzer Mensch ein neues Kleid anlegt. Wir sollen unser Leben umgestalten und dabei schöpferisch werden. Er beschreibt etwas Positives, was Freude macht. Die Seele in ein frisches Gewand zu hüllen, hat nicht nur etwas mit unserem Handeln oder Wollen zu tun, sondern mit unserem ganzen Sein. Es geht nicht um Moral und das richtige Verhalten, sondern wir lassen eine neue Wirklichkeit zu, die wir überstreifen, und die dann ein Teil von uns wird. Das ist das Erste, was wir beachten müssen:
Zweitens geht Paulus nicht davon aus, dass wir damit irgendwann fertig sind. Er sieht darin vielmehr etwas, was wir immer wieder neu in Angriff nehmen müssen. Das geht aus dem Satz hervor, dass wir „die Sonne nicht über unserem Zorn untergehen lassen sollen“. Es geht also um eine tägliche Übung, die sich wiederholt, und dabei spielen der Abend und der Morgen eine Rolle. Paulus weiß, dass sich jeden Tag etwas anhäufen kann, was Missmut hervorruft. Der Abend und der Morgen haben also eine wichtige Funktion in unserem Tagesablauf. Abends können wir den Tag noch einmal überdenken und uns von unguten Regungen lösen. Wir schauen uns alles an, was gewesen ist, und dadurch relativiert es sich, und wir können besser schlafen. Doch auch der Morgen ist eine wichtige Zeit. Es ist gut, wenn wir uns nach dem Aufstehen nicht nur Zeit für die Körperpflege nehmen, sondern ebenso für die Seelenpflege, d.h. in uns gehen und uns bewusst machen, was sich alles in uns abspielt. Wir können unsere Gefühlsregungen betrachten, unsere Wünsche überdenken, uns auf die Menschen einstellen, denen wir begegnen werden, usw. Das ist dann bereits wie das Anziehen eines neuen Menschen, denn natürlich beruhigt uns das. Das ist das Zweite, was wir hier herauslesen können: Genauso, wie wir uns abends ausziehen und morgens ankleiden, müssen wir uns jeden Abend loslassen und jeden Morgen neu unsere Seele pflegen und reinigen. Und das hört nie auf, es ist ein lebenslanger Übungsweg.
Und drittens ist für Paulus ganz klar, dass das alles nur mit und durch Christus möglich ist. Um ihn geht es auch, um seine Gegenwart und Kraft. Er hat einen heiligen Lebenswandel geführt und selber verkündet. Auf ihn müssen wir also schauen und uns seiner Kraft aussetzen, nur dann kann es gelingen, dass auch wir neu werden. Christus ist da, und von ihm gehen beruhigende Kräfte aus. Er ist gegenwärtig und mit ihm seine unendliche Liebe und Barmherzigkeit. Die erleben wir, wenn wir uns vor ihn stellen und ihn um Hilfe bitten. Sein Erbarmen zieht in uns ein und gleichzeitig umhüllt es uns. Es verwandelt uns und macht uns neu.
Wir werde aufgebaut und wieder hergestellt Es fällt gar nicht mehr schwer, zu vergeben und zu verzeihen, anderen Menschen einmal eine Freude zu machen oder ihnen einen Gefallen zu tun, ganz gleich, wie sie uns behandelt haben. Wir begegnen ihnen gerne mit Freundlichkeit, sind zuvorkommend und hilfsbereit. Denn wir merken, das tut nicht nur den anderen gut, sondern auch uns selber. Wir werden dadurch heil und ganz. Wir werden sanft und gütig und mild, und das ist befreiend und erlösend.
Und das Schönste daran ist: Christus wird lebendig in unserem Leben, er kommt wirklich vor, er prägt unseren Alltag und unsere Seele. Und dadurch wirkt er auch in die Welt und in unsere Umgebung hinein, dann sind wir der Leib Christi, eine Gemeinschaft, die ihm die Ehre gibt und seine Liebe lebt und verkündet.
Lasst uns Gott deshalb um ein „reines Herz“ bitten und „Jesus unsere Tür öffnen“, damit er uns an „Himmelsgut und Segen“ reich machen kann. (EG 389: Ein reines Herz, Herr, schaff in mir)
Amen.