„Trotzdem“ beten

Predigt über Matthäus 15, 21- 28: Jesus und die kanaanäische Frau
zum 17. Sonntag nach Trinitatis, 26.9.2026, 18 Uhr
, Lutherkirche Kiel

Matthäus 15, 21- 28

21 Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
23 Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.
24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Liebe Gemeinde.

Ein Sieg, sei es in einem Wettkampf, bei einer Wahl oder bei einem Streit ist etwas Schönes. Der Sieger oder die Siegerin freut sich und feiert das. Aber er hat auch eine Schattenseite, denn es gibt immer Verlierer oder Verliererinnen. Die sind traurig oder enttäuscht, im Krieg werden sie sogar umgebracht. Ein Sieg hat also immer auch etwas Zerstörerisches 

Ist es deshalb sinnvoll, im Zusammenhang mit dem Glauben von einem Sieg zu sprechen? Unser Thema heute, zum 17. Sonntag nach Trinitatis, lautet: „Sieghafter Glaube“, und das klingt kämpferisch und ungemütlich. Irgendetwas wird beim Glauben offensichtlich überwunden und vernichtet. Was ist das? Und wollen wir das überhaupt? Das müssen wir uns fragen, und dabei hilft uns das Evangelium von heute. Es handelt von Jesus und einer Frau. Sie haben eine Auseinandersetzung, es ist so eine Art Kampf, und aus dem geht die Frau eindeutig als Siegerin hervor. Was ist geschehen, und wie kam es dazu?

Jesus befand sich „in der Gegend von Tyrus und Sidon“, damit beginnt die Erzählung, und das ist nicht unwichtig, denn das waren zwei Küstenstädte auf heidnischem Gebiet. Sie zeichneten sich durch blühenden Handel und großen Reichtum, aber auch durch Gottlosigkeit und Feindschaft gegen Israel aus. Mehrfach haben die Propheten des Alten Testamentes ihnen das Gericht Gottes angedroht. Hier nun begegnet Jesus einer Frau, und es ist klar, dass er nicht besonders gut auf sie zu sprechen ist.

Schreiend kommt sie zu ihm, verzweifelt und aufdringlich. Sie ruft um Erbarmen und benutzt zwei Anreden für Jesus: „Herr“ und „Sohn Davids“. Das heißt, sie erkennt an, dass er der Messias ist. Sie glaubt an ihn und traut ihm Großes zu. Der Grund für ihre Not ist ihre Tochter, die „von einem bösen Geist übel geplagt“ wird. Heute würde man sagen, sie leidet an einer schweren psychischen Krankheit. Die Frau erwartet von Jesus ein Heilungswunder.

Doch das geschieht zunächst nicht, im Gegenteil, dreimal weist Jesus die Frau zurück. Zunächst „antwortet er ihr kein Wort“, er schweigt und ignoriert sie. Auch auf das Eingreifen der Jünger hin, er möge sie doch zufrieden stellen, tut er nichts, sondern sagt: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Er ist für die Frau nicht zuständig, seine Sendung bezieht sich nur auf Israel. Das beides war vielleicht gerade noch zu ertragen. Die dritte Zurückweisung ist dagegen wirklich erniedrigend. Nachdem die Frau trotzdem „kommt, vor ihm niederfällt“ und ihr Bitte wiederholt, „antwortet er: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ „Hund“ war ein schlimmes Schimpfwort, selbst wenn in diesem Bildwort wahrscheinlich Stubenhunde gemeint sind, die unter dem Tisch herumlungern. Mit ihnen vergleicht Jesus die Frau, und das ist eine schlimme Demütigung. Doch auch das beeindruckt sie nicht. Sie unterläuft die Zurückweisung vielmehr, indem sie das Bild aufgreift und fortsetzt: „Die Hunde fressen aber ja von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ So lautet ihre erneute Antwort. Und damit hat sie die Ablehnung Jesu endlich überwunden. Er staunt über ihre Beharrlichkeit und würdigt sie mit den Worten: „Frau, dein Glaube ist groß.“ Er erkennt ihre innere Stärke und auf Grund dessen gewährt er ihr Hilfe. „Ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“ Damit endet die Geschichte: Die Frau hat gesiegt und alles gewonnen, was sie sich gewünscht hat.

Und das kann auch uns so gehen. Dazu müssen wir die Geschichte in unser Leben übertragen. Wir gehen heutzutage mit dem Wunsch nach Heilung einer Krankheit zwar anders um und erwarten keine Wunder, trotzdem kann die Frau uns viel für unsere Glaubenspraxis zeigen. Um zu erkennen, was das ist, müssen wir uns auf das konzentrieren, was sich zwischen ihr und Jesus abspielt. Daraus können wir hier etwas lernen.

Seine dreifache Zurückweisung ist von Bedeutung. Darin spiegelt sich eine leidvolle Erfahrung, die wahrscheinlich jeder und jede irgendwann im Glauben einmal macht: Es ist das Schweigen Gottes, die vergebliche Fürbitte und das Gefühl, vor Gott unwürdig zu sein. Diese Anfechtungen hat bereits Luther in seiner Auslegung der Geschichte entfaltet, und die kennen wir. Der Glaube funktioniert nicht einfach so als Heilmittel für alles. Viele Gebete bleiben ungehört. Gott tut nichts, auch wenn wir ihn noch so sehr bitten. Er heilt keine Krankheit, führt uns nicht zu Erfolg und ändert unsere leidvolle Situation nicht. Er scheint sich von uns getrennt zu haben, hüllt sich in Schweigen und tut nichts Erkennbares. Das Gefühl der Verlassenheit entsteht, Angst, Glaubenszweifel und Mutlosigkeit sind die Folgen, oder Ärger und Wut, und davon sind viele Menschen befallen.

So ähnlich muss es der kanaanäischen Frau gegangen sein. Sie zeigt uns also, was wir tun können, wenn Gott stumm bleibt und uns zurückzuweisen scheint. Wir können dann trotzdem beten, ein „ja-aber“ sprechen und uns damit direkt an Jesus wenden. Er ist da, er hat sich gezeigt. Er ist nicht im Nebel geblieben und auch nicht weit weg, sondern er ist uns ganz nah gekommen. Und in ihm sehen wir, wer Gott wirklich ist, an ihn können wir unsere Bitte um Hilfe richten. Das ist das Erste, was die Frau tut, und wir können es ihr nachmachen: Wir können mit ihr zu Jesus laufen, zu ihm rufen und um Erbarmen flehen. Wir dürfen das ruhig laut tun und all unsere Not hinausschreien. Unseren Zorn oder unsere Traurigkeit müssen sich Luft machen, aber es ist ratsam, dafür gleich die Adresse zu wählen, die es wirklich gibt: Jesus Christus, der uns auf jeden Fall hört, und der das Leid und den Tod kennt. An ihn müssen wir glauben, ihm vertrauen und zu ihm beten. Das ist das erste, was die Frau uns zeigt.

Als zweites ist es wichtig, dass wir beharrlich bleiben. Ich sagte, Jesus Christus hört uns, aber es kann eine Weile dauern, bis wir das auch spüren. Wir brauchen Geduld und Hartnäckigkeit. Die fehlt uns leider oft. Denn keiner möchte gerne leiden, wir lehnen es ab, wollen es so schnell es geht los werden. Doch Ungeduld führt uns nicht aus dem Leid heraus. Es wird sogar noch schlimmer, weil die Auflehnung den Schmerz verstärkt. Wenn wir den Weg des Glaubens gehen, gehört dazu immer, dass wir Trübsal, Furcht und Einsamkeit zunächst aushalten, keine schnelle Lösung erwarten und auch das Schweigen Gottes ertragen. Jesus mutet uns das zu, und wir dürfen uns davon nicht beirren lassen. Er verlangt manchmal, dass wir warten und uns ihm ausliefern.

Der Glaube, den die Frau uns zeigt, ist so etwas wie reiner Glaube, gegen alle Vernunft, gegen den Augenschein. Sie war eine Heidin, d.h. sie kannte sich im Glauben Israels nicht aus. Sie wusste nicht viel über die Heiligen Schriften und Vorschriften, aber das war auch nicht entscheidend. Ihr Glaube wird am Ende trotzdem „groß“ genannt, weil er nicht aus Inhalten bestand, sondern aus einer starken Haltung. Er war in sich selber sinnvoll. Er stütze sich auf nichts, und hatte gerade dadurch tragende und überwindende Kraft. Das ist das Zweite.

Und als drittes hat die Frau sich demütigen lassen. Sie hat ihre eigene Niedrigkeit erkannt und sich sozusagen hinten angestellt. Falls sie vorher selbstherrlich gewesen ist, so hat sie das in der Begegnung mit Jesus abgelegt. Sie ist niedergefallen und hat sich ihre Abhängigkeit und Hilflosigkeit eingestanden. Und das müssen auch wir tun.

Das ist wahrscheinlich der schwerste Schritt, aber er führt zu einer Lösung. Oft sind wir stolz und wollen uns selber behaupten. Wir fühlen uns im Recht, haben Erwartungen und Vorstellungen, wie das Leben sein sollte, und stellen Ansprüche. Doch das führt uns nicht weiter. Viel heilsamer ist es, wenn wir uns selber loslassen und uns hingeben. Das klingt im ersten Moment vielleicht negativ, aber in Wirklichkeit liegt darin eine ganz große Befreiung.

Wir versprechen uns zwar immer sehr viel davon, wenn wir versuchen aus eigener Kraft zu siegen, aber viel gewinnen wir in Wirklichkeit nicht. Das müssen wir zugeben. Wenn wir ehrlich sind, ist es sogar sehr anstrengend. Am Ende sind wir meistens müde und erschöpft. Viel heilsamer und wohltuender ist es, aufzugeben und vor Jesus niederzufallen, denn damit fällt auch alle Anstrengung von uns ab. Das ist der dritte Schritt, und der führt schließlich zu einem Sieg ganz anderer Art. Es geschieht zwar kein Wunder, wie in der Geschichte, aber wir empfangen eine wunderbare Kraft, die uns frei macht. Wir bekommen Freude und neue Zuversicht. Das sind die Zeichen unseres Sieges.

Ihnen ging auch ein Kampf voraus, denn es ist nicht selbstverständlich, gegen die Leere anzutreten, geduldig zu warten und sich selber loszulassen. Aber wir können diesen Kampf gewinnen und dürfen am Ende unseren Sieg feiern. Es ist ein innerer Kampf, den wir führen müssen, und der Preis den wir bekommen, ist ebenfalls ein inneres Gut: Es ist die Gegenwart und Liebe Christi, die uns erfüllt und aufrichtet. Unser Glaube wird zur festen Grundlage für das ganze Leben. Wir werden mit großer Kraft und Zuversicht belohnt. Und was wir dabei überwinden, ist nichts weniger als diese Welt. Aus ihren Gesetzmäßigkeiten werden wir befreit. Wir gewinnen eine heilsame Unabhängigkeit von den irdischen Gegebenheiten. Leid und Tod sind die Verlierer, sie werden überwunden und vernichtet. Aber anders als bei militärischen oder sportlichen Wettkämpfen, muss ihre Niederlage uns nicht leidtun.

Amen.