Lasst euch versöhnen mit Gott

Predigt über 2. Korinther 5, 19- 21: Das Wort von der Versöhnung

Karfreitag, 25.3.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

2. Korinther 5, 19- 21

19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott er-mahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Liebe Gemeinde.
Seit Jahrtausenden werden Personen hingerichtet, deren Taten als besonders schwere Verbrechen gelten. In 56 von insgesamt 198 Staaten – so viele werden z.Zt. offiziell weltweit gezählt – gibt es die Todesstrafe noch. Ihre allgemeine Abschaffung wurde erstmals 1795 in Frankreich gefordert, aber erst 1945 begann dieser Trend, dem sich auch die Bundesrepublik Deutschland anschloss. Mittlerweile gibt es sie in 102 Staaten nicht mehr. In den restlichen existiert sie nur in Sonderstrafverfahren, wie z.B. dem Kriegsrecht, oder es wurde ein Hinrichtungsstopp verhängt.
Denn sie ist ethisch, strafrechtlich und praktisch umstritten und gilt vielfach als unvereinbar mit den Menschenrechten. So fordert z.B. die UNO seit 2007, die Hinrichtung weltweit auszusetzen. Sie sei ein staatlich legitimierter Mord und habe keinerlei abschreckenden Zweck – mit diesem Argument wird sie gerne befürwortet. Ihre Gegner sprechen außerdem davon, dass sie das Recht untergrabe und so das Gewaltpotential der Gesellschaft erhöhe. Außerdem gebe sie dem Täter keine Chance zu Einsicht und Besserung, und Justizirrtum und Missbrauch seien nie auszuschließen.
Für dieses letzte Argument gibt es viele Beispiele, das berühmteste ist sicher der Kreuzestod von Jesus von Nazareth. Seine Hinrichtung erfolgte gemäß dem Rechtswesen im anti-ken Rom. Danach besaßen Statthalter römischer Provinzen das Recht, Todesstrafen zu vollziehen. Handelte es sich um Staatsfeinde, Sklaven oder Nichtrömer war die Kreuzigung dafür die übliche Form. Zu den Vergehen, die mit dem Tod bestraft wurden, gehörte u.a. die Verhöhnung der Götter.
Darauf beriefen sich die Feinde Jesu, und sie waren erfolgreich. Mit seiner Kreuzigung hatten sie ihr lange geplantes Ziel erreicht, ihn zu beseitigen. Doch das war ein schwerer Missbrauch der Todesstrafe und für seine Anhänger eine Katastrophe, die sie in äußerstes Entsetzen stürzte. Denn sie waren von seiner Unschuld überzeugt. Jesus von Nazareth hat „von keiner Sünde gewusst“, das wurde später vielfach im Neuen Testament bezeugt.
So auch in unserer Epistel von heute, einem Abschnitt aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther, der gleichzeitig unser Predigttext ist. Es ist eine der vielen Stellen im Neuen Testament, die sich damit befasst, warum das Unerklärliche und Unfassbare geschehen konnte. Wozu musste Jesus sterben? Es musste dafür einen tieferen Grund geben, anders war dieses Ereignis für die Anhänger Jesu nicht zu verstehen gewesen.
Und so verbanden sie von Anfang an seinen Kreuzestod mit der Opfertheologie Israels: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ Das ist einer der Sätze, die sofort in das Gedankengut der Christenheit Eingang gefunden haben: Es war ein Sühnetod. Wie in Israel unschuldige Tiere geschlachtet wurden, um Gott zu versöhnen, so hat Gott seinen eigenen Sohn geopfert. Ein für alle Mal hat er die Sünden der ganzen Menschheit auf sich genommen, um die Welt „mit Gott zu versöhnen“. Und das hatte deshalb eine Wirkung, weil „Gott in Christus war.“ Gott selber ist am Kreuz gestorben und so „versöhnte er die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ So formuliert Paulus es in unserem Briefabschnitt.
Wir werden „ohne eigenes Verdienst gerecht“, wie er an anderen Stellen sagt, allein „aus der Gnade Gottes“. Jesus Christus hat für uns die Erlösung bewirkt, denn ihn „hat Gott hingestellt als Sühne in seinem Blut“. Durch ihn ist uns die Sünde vergeben. „Gerecht vor Gott ist, wer an Jesus Christus glaubt.“ (Röm. 3,24-26)
Das ist die Botschaft, die Paulus „an Christi statt“ in die Welt getragen hat. Unermüdlich hat er das gepredigt und geschrieben. Er hat zum Glauben an Jesus Christus ermahnt und eingeladen. Das verstand er als seinen Auftrag, den Gott ihm gegeben hatte. „Gott ermahnt durch uns.“ So lautete sein Selbstverständnis, und deshalb rief er eindringlich und unnachgiebig: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“
Bis heute geht dieser Ruf in die Welt. Unzählige Male wurde er seit den Zeiten von Paulus wiederholt, und Menschen aller Jahrhunderte haben sich darauf eingelassen. Auch an uns ergeht das „Wort von der Versöhnung“, besonders heute, am Karfreitag, wo wir an den Tod Jesu denken und ihn feierlich nachvollziehen.
Aber wollen wir das eigentlich hören? Und glauben wir das noch? Es gibt längst Stimmen in der Theologie, die die Kreuzigung Jesu als Sühne für unsre Sünden ablehnen. Sie halten diese Theorie für einen Irrtum. Und damit kommen sie vielen Gläubigen entgegen. Denn der Gedanke, dass Gott seinen eigenen Sohn geopfert hat, ist nur schwer auszuhalten. Es empört viele, dass unsere Erlösung auf einem Menschenopfer beruhen soll. So grausam kann Gott doch nicht sein! Außerdem kann sich kaum noch jemand vorstellen, dass durch einen Kreuzestod vor über 2000 Jahren die Sünde in der Welt für alle Zeiten besiegt sein soll.
Und was ist das überhaupt, Sünde? Viele haben dafür kein richtiges Bewusstsein mehr. Sie wollen sich auch nicht sündig fühlen. Das Menschenbild, das dahinter steht, passt nicht in ihr Lebensgefühl. Heutzutage zählen die Stärken und guten Eigenschaften der Menschen. Man muss sie betonen und hervorheben, wenn man frei und gesund sein will. Wer zu viel über Sünde nachdenkt, ist negativ und lebensverneinend.
Das sind die Argumente gegen das Sühneverständnis des Kreuzestodes Jesu. Ich kann das alles gut verstehen und will diese Einwände auch nicht vom Tisch wischen. Sie stehen im Raum und wir müssen uns damit beschäftigen.
Die Frage ist allerdings, wie wir das tun. Und da denke ich als erstes, dass es nicht mit dem bloßen Verstand gehen kann. Es hilft nicht, wenn wir nur Theologie betreiben, Artikel darüber lesen oder Juristen und Anthropologen befragen. Debatten und Diskussionen führen nicht weiter, im Gegenteil, sie halten uns von dem ab, was nötig ist, und das ist der Glaube. Wir müssen die Bücher einmal bei Seite legen, denn von Anfang an war klar, dass es sich bei dem Bekenntnis zum Sühnetod Jesu um ein „Geheimnis des Glaubens“ handelte, auf Latein „mysterium fidei“.
Das ist eine bedeutsame Wortfügung aus der Liturgie der römisch-katholischen Messfeier, die auch in unsere lutherische Gottesdienstordnung übernommen wurde. Es ist möglich, sie als Gestaltungselement in die Abendmahlsfeier einzureihen. Der Liturg oder die Liturgin sagt dann unmittelbar nach den Einsetzungsworten: „Groß ist das Geheimnis des Glaubens“, und die versammelte Gemeinde antwortet darauf mit der Zustimmung: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Das wurde in Anlehnung an den Satz aus dem ersten Korintherbrief formuliert, der lautet: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ (1.Kor.11,26).
Diese Einfügung in die Liturgie nimmt also älteste Glaubensformulierungen auf. Der Gedanke, der dahinter steht, kommt aus dem Griechischen: Ein „religiöses Geheimnis“ – „mysterion“ – war in der Antike nicht einfach nur eine zurückgehaltene Information, sondern galt als eine Vergegenwärtigung der Gottheit, die tiefer und höher reicht als Worte ausdrücken können. Eine geistige Wirklichkeit wurde damit angesprochen. Deshalb nahm die Alte Kirche den Begriff gerne auf und wandte ihn auf die Erlösung durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi an. Die Feiernden werden in das „Geheimnis des Glaubens“ hineingenommen, das war die Vorstellung.
Und das ist eine Möglichkeit, sich der Wirkung des Kreuzestodes Jesu zu nähern, indem wir betend diesem „Geheimnis des Glaubens“ zustimmen. Wir wollen das deshalb heute so handhaben, darum habe ich Ihnen den Text mitgebracht.
Auf der Karte sehen Sie außerdem ein Bild des Gekreuzigten, das viele von Ihnen sicher kennen.

Kreuz

Es gehört zum Isenheimer Altar, der um 1500 von Mathis Grünewald geschaffen wurde. Wir damit haben eine weitere Möglichkeit der Annäherung an die erlösende Wirkung des Todes Jesu. Ein Bild sagt ja oft mehr als tausend Worte oder Gedanken, und so war dieses Gemälde auch gedacht. Der Antoniterkonvent in Isenheim im Elsass hat es für seine Kirche in Auftrag gegeben. Die Antoniter waren ein Orden, der sich der Krankenpflege verpflichtet sah. Er betrieb in Isenheim ein Hospital, und der Altar diente als sein charismatischer Mittelpunkt. Die meiste Zeit des Jahres war die Kreuzigungsszene aufgeklappt, und die Kranken wurden davor gelegt. Sie sollten auf das größere Leiden Christi verwiesen werden und auf die Rettung zum ewigen Leben. Deshalb hat Grünewald bewusst den Opfertod des Gottessohnes dargestellt. Der Betrachter sieht nicht die historische Szene der Hinrichtung auf Golgatha, sondern ein heilsgeschichtliches, zeitlos gültiges Ereignis. Die provozierende Drastik des Bildes ist also beabsichtigt.
Sie beginnt schon mit seiner Größe, das Gemälde ist 2,69 Meter hoch. Übermächtig hängt der geschundene Körper an dem roh behauenen Kreuz. Er ist von Wunden über und über bedeckt. Das Haupt ist nach vorne geneigt, umgeben von einem Dornengestrüpp, das tief in die Stirn gedrückt ist. Der Mund ist weit zum Stöhnen geöffnet, die schmerzgespreizten Finger, die durchbohrten Hände, die entstellen Füße, alle Gebärden und Gesten sind bewusst übersteigert. Die ganze Qual des Sterbens hat einen monumentalen Ausdruck gefunden.
Dahinein soll der Betrachter sich versenken. Er kann dann gar nicht anders, als das Leiden mitzufühlen und es nachzuvollziehen. Das Ziel ist dabei, dass er das eigene Leid auf sich nimmt. (s. Max Seidel, Mathis Gothart Grünewald, Der Isenheimer Altar, Stuttgart 1980, S. 45ff) Und es wird berichtet, dass viele Kranke sich dadurch wirklich getröstet fühlten. Sie wussten, dass die körperliche Heilung mit dem seelischen Heil der Seele zusammengehört, und wurden beim Anblick dieses Gemäldes in eine große Ruhe und Zuversicht hinübergeführt.
Und das ist ein zweiter Schritt, der uns an die heilende Wirkung des Kreuzestodes Jesu heranführt: Wir müssen zum Kreuz gehen, uns davor stellen und es aushalten. Was wir sehen, ist unsere eigene Schuld und Krankheit, denn keiner und keine von uns ist ohne Sünde: Gott möchte, dass wir ihn lieben und ihm vertrauen, ihm dienen und für unsere Mitmenschen da sind. Doch davon sind wir oft weit entfernt. Unsere Gedanken, Worte und Werke drehen sich um unsere eigenen Belange und Wünsche, um unsere Ängste und Sorgen. Wir vertun die Zeit, die Gott uns anvertraut hat, und versagen immer wieder. Unsere Herzen sind träge, wir sind selbstsüchtig und eigenwillig. (vgl. Ev. Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Ev.-Luth. Kirche, 1994, Nr. 800)
Das sollten wir erkennen und zugeben, es bereuen und beichten. Das schadet niemandem, und es steht auch nicht im Gegensatz zur Selbstannahme, die natürlich nötig ist, um gesund zu sein. Denn wir bereuen unsere Sünden nicht, um uns künstlich klein zu machen, sondern um realistisch zu sein. Und wir tun es im Angesicht des Kreuzes, vor Jesus Christus, um in seinem unergründlichen Erbarmen Zuflucht zu suchen. Wir wollen deshalb nachher vor der Einsetzung des Abendmahls unsere Schuld bekennen und um Vergebung bitten.
Wenn wir so handeln, merken wir von selber, dass von dem Kreuz Jesu eine wunderbare Wirkung ausgeht: Er vergibt uns, er schenkt uns neues Leben und richtet uns auf. Wir müssen nicht von uns aus vor Gott bestehen, wir dürfen mit allem, was uns belastet, kommen. Er versöhnt uns mit Gott und macht uns gerecht.
Das ist die Botschaft des Karfreitags und es ist gut, wenn wir sie so stehen lassen, selbst wenn sie ein Ärgernis ist. Nicht zuletzt ist das „Wort von der Versöhnung“ ein Grund, die Todesstrafe wirklich abzuschaffen. Denn natürlich gilt es auch für jeden Schwerverbrecher. Kein Gesetz sollte ihm diesen Weg versperren. Die Chance zur Reue und zur Umkehr muss offen bleiben. Jeder und jede kann zur Einsicht kommen und Besserung erfahren. Das Kreuz ist ein Mahnmal gegen jede Form der Gewalt, gegen das Morden und Töten, und sei es aus juristischen Gründen.
Das Kreuz Christ war der bedeutendste Justizirrtum in der Geschichte der Menschheit. Ohne es zu wissen, wurde der schwerwiegendste Missbrauch, den es jemals bei der Anwendung der Todesstrafe gab, zum Heil für alle. Doch das entlastet die Entscheidungsträger nicht, es bleibt ein großes Geheimnis. Wir können da hineingenommen, wenn wir uns dem Kreuz Jesu immer wieder im Vertrauen nähern und uns dabei mit Gott versöhnen lassen. Amen.

Gehorsam lernen

Predigt über Hebräer 5, 7- 9: Das Bitten und Flehen Jesu in Gethsemane

5. Sonntag der Passionszeit, Judika, 13.3.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Hebräer 5, 7- 9

7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.
8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Liebe Gemeinde.
Menschen, die weinen, sehen wir z.Zt. oft im Fernsehen, z.B. wenn uns gezeigt wird, was sich gerade an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien ereignet: Da warten Flüchtlinge voller Verzweiflung auf den Durchlass. Sie kommen nicht weiter und wissen buchstäblich nicht mehr ein noch aus. Vielen stehen deshalb Tränen in den Augen.
Doch auch andere Situationen führen zum Weinen. Jeder und jede von uns kennt es. Die Gründe können Trauer um einen Menschen sein, ein Misserfolg im Job oder ein Streit mit dem Partner. Tränen fließen, wenn wir uns hilflos, überfordert oder ungerecht behandelt fühlen, wenn wir wütend sind, Schmerzen oder Mitleid haben.
Es gibt auch Freudentränen, die uns bei Rührung, Glück oder Begeisterung in die Augen steigen.
Welchem biologischen Zweck das Weinen dient, ist bis heute nicht vollständig geklärt und wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Forschern geben die Tränen, denen Emotionen zu Grunde liegen, ein Rätsel auf.
In der Psychologie wird uns allerdings geraten, sie zuzulassen, wir müssen uns dafür nicht schämen.
Jesus hat das auch nicht getan, das haben wir vorhin in der Epistel gehört. Sie ist ein Abschnitt aus dem Hebräerbrief, und da heißt es am Anfang: „Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte.“
Wir haben die Szene vor Augen, die damit angedeutet ist: Es ist das Gebet Jesu in Gethsemane in der Nacht seiner Gefangennahme, ein paar Stunden vor seinem Tod. (Mt.26,36-46) Er hatte Angst und war traurig, weil er wusste, was auf ihn zukam. Von dem, was ihm zugemutet wurde, fühlte er sich überfordert und ungerecht behandelt. Doch ein Entkommen gab es für ihn nicht mehr, er musste sich letzten Endes fügen, und darum geht es in dieser Geschichte.
Was geschah dort? Jesus weinte, aber die Tränen waren nicht seine einzige Regung. Er warf sich vielmehr nieder und betete dreimal zu Gott. Er sprach ihn mit „Vater“ an, wie er es wohl immer getan hat, und bat ihn, „den Kelch vorübergehen zu lassen“, d.h. er wollte vor dem Tod verschont bleiben. Doch im Laufe der Nacht kam es zu einer Veränderung im Geist Jesu, er hat etwas „gelernt“. Denn er hat nicht nur „geschrien“, geklagt und geweint, er konnte außerdem sagen: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt.26, 39) Er unterwarf sich ganz dem Willen des Vaters, und damit ist er am Ende zu einem „Ja“ durchgestoßen.
An diese Szene erinnert der Hebräerbrief, und dort heißt es als nächstes: „Und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.“ Der Gebetskampf Jesu hatte eine Wirkung. Jesus ging anders aus dieser Nacht hervor, als er hineingegangen war: Sein Gebet führte ihn zu einer völligen Gefasstheit. Er sah den kommenden Ereignissen jetzt ruhig entgegen. In dem Briefabschnitt wird das so ausgedrückt: „So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“
Jesus „lernte durch Leiden den Gehorsam“ und hat im Wachen und Beten Klarheit über seinen weiteren Weg gefunden. Er hat sich in den Willen Gottes hineingebetet, und deshalb wusste er sich von dieser Stunde an darin geborgen.
Und das hat eine ganz wichtige Bedeutung. Jesus hat in Gethsemane den Todesampf für sich entschieden. Wenn man das Evangelium als Ganzes betrachtet, ist das bereits die Wende und damit der Höhepunkt, denn im Geist nahm Jesus dort sein Sterben und Auferstehen vorweg. Der Wille Gottes ereignete sich in ihm, und nur deshalb konnte das Nachfolgende geschehen. Der Hebräerbrief sagt das so: „Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.“
Jesus hat einen Weg gebahnt, den auch wir gehen können. Er ist ein Vorbild für uns. Wir sollen ihm nach Gethsemane folgen. Der Weg des Glaubens führt uns praktisch dorthin, denn nur dann kann sich das Heil, das er für uns bewirkt hat, auch in unserem Leben ereignen.
Und das heißt, dass auch wir den „Gehorsam lernen“ müssen. Es gilt, genauso wie Jesus zum Willen Gottes „Ja“ zu sagen, selbst wenn er schwer ist, das Leiden und den Tod anzunehmen, uns zu fügen und hinzugeben.
Aber wollen wir das, und können wir diese Einstellung Menschen zumuten, die gerade leiden? Ist das nicht reichlich zynisch? Was kommt denn dabei heraus, wenn wir unser Schicksal hinnehmen, das Sterben zulassen und gehorsam sind? Dann ändert sich doch nichts! Diese Ergebenheit erscheint uns lebensverneinend und depressiv. Niemandem ist damit geholfen, es ist viel zu passiv, sich so zu verhalten. Das ist unser Einwand.
Wir müssen uns also noch etwas genauere Gedanken machen, und dabei hilft es, wenn wir einmal beachten, was in der Gethsemanegeschichte noch erwähnt wird. Jesus ist darin nämlich nicht allein. Er hatte drei seiner Jünger mitgenommen, Petrus, Jakobus und Johannes. (Mt.26,37) Sie sollten ihm beistehen, doch sie haben kläglich versagt. Sie sind eingeschlafen. Dreimal hat er sie geweckt, aber das nützte nichts. Sie konnten ihre Müdigkeit nicht überwinden und fielen immer wieder zurück. Aktiv war in dieser Situation also nur Jesus, er allein hat gewacht. Und das ist wichtig: Sein Gebet war kein Ausdruck von Lethargie oder Schicksalsergebenheit, es war vielmehr ein innerer Kampf. Äußerste Konzentration gehörte dazu. Jesus vollbrachte in Gethsemane eine ungeheure geistige Leistung.
Die Jünger haben das verschlafen, und genauso ist auch unser Verhalten oft. Der Schlaf der Jünger ist ein Bild für unsere Ignoranz gegenüber dem Willen Gottes. Denn der ist keine dunkle Macht, kein undurchdringliches Schicksal, sondern Kraft und Leben. An der Schöpfung können wir erkennen, was Gott will, an der Sendung seines Sohnes und an seinem Handeln an ihm: Gott will diese Welt und er will die Rettung der Menschen. Er will sie aus dem Tod befreien, ihnen Überwindung und Heil schenken.
Es geht darum, dass wir dafür wach werden und uns diesem seinem Willen auch hingeben. Wir müssen uns auf ihn einlassen, und dazu gehört es, dass wir uns selber loslassen und uns ergeben. Wir müssen im Leiden und im Sterben „Gehorsam lernen“. Diese Ermahnung ergeht an uns und sie ist auch wichtig, denn genau das tun wir normaler Weise nicht.
Wir geben uns lieber unseren natürlichen Antrieben hin, ohne uns viele Gedanken zu machen. Wir sind nicht wach und aufmerksam für Gott. Es liegt uns viel näher, uns aufzulehnen und an unserem Leben festzuhalten. Das müssen wir uns eingestehen. Lassen Sie uns ehrlich sein: Wir kennen das Leid alle aus eigener Erfahrung, und keiner von uns will es. Darin sind wir uns einig. Doch welche Methoden wenden wir an, um es los zu werden?
Eine Möglichkeit besteht z.B. darin, dass wir es verdrängen. Wir lenken uns ab, suchen die Abwechslung und zerstreuen uns. Wir denken eben nicht daran und leben so, als ob es das Schwere nicht gäbe. Sinnbildlich gesprochen schlafen wir einfach, so wie die Jünger es taten.
Eine andere Methode ist Aktionismus: Dann veranstalten wir alle Mögliche, damit es uns wieder besser geht. Wir reden mit anderen, gehen zum Arzt, verändern unsere Beziehungen, suchen eine neue Arbeit, ziehen um oder ähnliches.
Das ist ja alles auch ganz schön und gut, es ist normal. Doch leider hilft es oft nicht. Es gibt Situationen im Leben, die sind dunkel und nichts führt uns da heraus. Es gibt Leid, das wir weder verdrängen noch abschaffen können, es ist da und es ist hartnäckig. Es gibt keine einfache Lösung, keine Hilfe von außen. Ratschläge helfen nicht, eine Heilung oder eine Rettung ist nicht in Sicht. Die Tränen fließen, ohne dass wir sie stoppen können. Wir finden keinen Trost.
Und dann ist es wichtig, dass wir die Rettung nicht „verschlafen“ sondern endlich aufwachen. Wir müssen einen ganz anderen Weg beschreiten, als wir ihn normaler Weise wählen, und den zeigt Jesus uns. Er hat sich nicht selber aufgegeben und ist in keine Depression versunken. Er hat vielmehr gewacht und gebetet und sich aktiv in den Willen Gottes gefügt. Hingabe und Überwindung prägen sein Verhalten. Und dadurch hat sich für ihn etwas verändert. Er ist nicht nur seine Angst losgeworden, er war danach auch ruhig und gefasst und klar. Er hat sich aus der leidvollen Situation im Geist hinauskatapultiert, weil er sich in einer anderen Wirklichkeit verwurzelt hat, in der Wirklichkeit des Willens Gottes nämlich, der ihn zum Sieg verholfen hat. Er ist durch sein „Bitten und lautes Schreien“ zur Freiheit und zur Freude durchgestoßen.
Und das kann auch uns so gehen, wenn wir mit Jesus „wachen und beten“. Es ist ein Sieg über das Fleisch, d.h. über die natürlichen Kräfte, die uns von Gott und vom Glauben abhalten können.
Das klingt natürlich reichlich unbequem. Überhaupt ist die Gethsemanegeschichte eine eher ungemütliche Angelegenheit. Sie ist von Angst und Entsagung geprägt, und das wirkt dunkel und anstrengend. Aber wir sollten uns ihr trotzdem stellen, gerade in der Passionszeit. In einer Situation, die uns nicht gefällt, die uns zu schaffen macht und die wir nicht ändern können, sollten wir mit Jesus beten: „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Es ist das Gebet der Hingabe und des Loslassens, das uns weiterführen kann. Wir bejahen damit das Leid, und dadurch bejahen wir mit diesem Gebet das Leben, denn das Leid gehört zum Leben dazu. Im Gethsemanegebet wird es einbezogen und gerade dadurch überwunden.
Das ist kein einfacher Weg, er geht durchaus gegen unsere Natur. Es ist wie ein Sterben, denn wir nehmen im Geiste den Tod vorweg. Aber das ist eben nicht das Einzige, sondern wir nehmen auch das ewige Leben vorweg, die Überwindung der Vergänglichkeit, die Auferstehung. Wir werden mit übernatürlichen Kräften erfüllt und auf wunderbare Weise getragen.
Denn im Unterschied zu den Jüngern können wir dieses Gebet mit Jesus beten, in dem Glauben an seine Auferstehung. Es hat auch nur dann Sinn, wenn wir davon ausgehen, dass er für uns den Sieg errungen hat. An diesem Sieg können wir Anteil haben. Beim Gethsemanegebet spricht Jesus selbst in uns die Worte „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Er leidet mit uns und betet in uns. Wir werden eins mit ihm und tauchen in ein neues Leben ein. Das ist die Verheißung, die hinter der Ermahnung zum Wachen steht. Der Gehorsam gegenüber Gott setzt ungeahnte neue Kräfte frei. Wir finden Ruhe und Trost, wir werden gelassen und klar.
Und das führt noch weiter. Dieses neue Leben, die Gelassenheit und Ruhe kommen auch anderen zu Gute. Sie führen uns zu den Menschen, besonders zu denen, die weinen. Oft ist es ja so, dass auch wir ihnen nicht helfen können. Gerade den Flüchtlingen gegenüber, die nicht mehr zu uns kommen können, sind wir machtlos. Aber das muss uns nicht davon abhalten, zu denen zu gehen, die bereits hier sind, uns an ihre Seite zu stellen, ihnen die Hand zu reichen, ihnen zuzuhören, sie zu beachten und freundlich zu ihnen zu sein.
Auch in vielen anderen Situationen, in denen Menschen ein schweres Schicksal getroffen hat, ist das schon ganz viel, denn sie sind dann nicht mehr allein. Jemand hält ihre Hilflosigkeit mit ihnen zusammen aus.
Unsere Welt wird nie frei von Krieg und Terror sein, von Ungerechtigkeit, Schmerz und Leid. Menschen nutzen andere aus, unterdrücken und betrügen sie, schotten sich ab und sind unglaublich rücksichtslos. Viele denken nur an sich, wollen reich werden oder Macht haben und setzen sich brutal durch. Wir leben in einer Welt, in der die Liebe oft mit Füßen getreten wird. Und dem Tod sind wir alle geweiht, da gibt es kein Entrinnen und kein Erbarmen.
Doch das muss uns nicht entmutigen, denn als Christen können wir dazu ein Gegengewicht bilden. Wir empfangen durch unseren Glauben die Kraft der Liebe Gottes und die Kraft der Auferstehung, und die kann keine Macht der Welt auslöschen. Sie vergeht nie, und überall, wo wir sie leben, gibt es einen Hoffnungsschimmer. Denn wir bezeugen damit ein Heil, das nicht von dieser Welt ist und weit über alle Tränen, alles Leiden und Sterben hinausweist.
Amen.

Das Erkennungszeichen der Christen

Betrachtungsgottesdienst „Fisch“

3. Sonntag der Passionszeit, 28.2.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Der 3. Sonntag der Passionszeit handelt vom „Ernst der Nachfolge“. Der Wochenspruch  lautet: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk. 9, 62)
Jesus macht damit deutlich, dass Jüngerschaft und Nachfolge eine Lebensentscheidung fordern. In der Urchristenheit war das ein wichtiges Thema, denn da wurden Christen verfolgt.
In unserer Kirche erinnert eins der Buntglasfenster an diese Zeit, es ist das mit dem Fisch. Der galt von alters her als ein Erkennungszeichen für diejenigen, die es mit der Nachfolge ernst meinten. Wir haben es betrachtet, um uns für Christus zu öffnen.  Der Gottesdienst sollte uns neu zur Nachfolge anspornen.

Betrachtung des Buntglasfensters „Fisch“
von Binia Kempe

Heute wollen wir das letzte der fünf Buntglasfenster genauer betrachten. Die vier übrigen stellen ja Szenen bzw. Texte aus der Bibel dar:
Da ist das Fenster mit den 10 Gesetzestafeln,
dann das Fenster mit der Krippe und dem Stern,
das Fenster mit dem Kelch und dem Brot,
das Fenster mit den züngelnden Flammen
und schließlich das Fenster mit dem Kreuz und den Buchstaben Alpha und Omega.
Dazu haben wir, denke ich, alle eine Geschichte aus der Bibel vor Augen und könnten sie erzählen.
Mit dem Fisch ist das nicht ganz so einfach.
Wir kennen schon Geschichten aus der Bibel, die von einem Fisch handeln und die wichtig für unseren Glauben sind, aber mit diesen Geschichte ist es doch anders als mit den übrigen vier Darstellungen in unseren Fenstern.
Und ich traue mich, etwas zu gestehen, und das traue ich mich nur, weil ich von anderen weiß, dass es ihnen genauso ergangen ist:
Bevor ich mich intensiver mit den Fenstern beschäftigt hFischabe und mehr oder weniger nur die Farben habe auf mich wirken lassen, da sah ich eine Glocke und fand das gar nicht so unpassend in der Kirche. Den Schriftzug in dieser vermeintlichen Glocke nahm ich gar nicht wahr, denn ich kann ja nicht griechisch lesen…..

Aber gucken wir doch erst einmal genauer hin, was der Künstler, das war Gerhard Hurte aus Eutin im Jahre 1963, dargestellt hat.

Wir sehen einen kapitalen Fisch, auffallend hell und deshalb ins Auge stechend, senkrecht im Bild stehend, so als wäre er aus dem Wasser geschnellt, dem Himmel entgegen. Blaue Wellen umspielen ihn, aber er ist nicht in die Wellen eingetaucht. Durch sein offenes Maul, so scheint es mir, lässt er einen goldenen Lichtstrahl in seinen Körper hinein. Der Himmel, dem er entgegenstrebt, ist wie aus feurigem Licht und sendet seine Strahlen von links oben nach rechts unten.
Auf dem Körper des Fisches steht das griechische Wort ICHTYS, auf deutsch FISCH. Was es damit auf sich hat und wie das Wort und das Bild des Fisches zum Symbol der Christen geworden ist, das hören wir gleich.

 

Der Fisch als Erkennungzeichen der Christen
von Christa Lehmann

Alle haben Sie einen Aufkleber bekommen, auf dem ein stilisierter Fisch zu sehen ist. Sie kennen ihn fisch bunt– man sieht dieses Zeichen heute häufig auf den Straßen, denn es klebt am Heck so mancher Autos. Was signalisieren die Inhaber der Autos mit diesem Zeichen?
Sie wollen sich zu erkennen geben: ICH BIN EIN CHRIST, d.h. ich bekenne mich zu Jesus als dem Inhalt aller christlicher Hoffnungen.
Seit der Urchristenheit ist der Fisch das Erkennungszeichen der Christen. Vor allem unter der römischen Verfolgung, so nimmt man an, wurde er zu so etwas wie einem geheimen Erkennungszeichen für die verfolgten Christen. Denn ein offenes Bekenntnis zum christlichen Glauben war lebensgefährlich! Fischdarstellungen findet man z. B. in den römischen Katakomben des 2. und 3. Jhdts.
Heute bekennen sich Christen mit dem stilisierten Fisch freiwillig zu Jesus Christus, eben, indem sie entsprechende Aufkleber auf ihren fahrbaren Untersätzen anbringen.

Warum eignete sich gerade der Fisch als so ein Erkennungszeichen?
Der Grund liegt in den einzelnen Buchstaben des griechischen Wortes „ichthys“:
I  steht für Iēsoũs (Ιησούς) = Jesus
Χ (CH)  steht für Christòs (Χριστός) = Christus
Θ (T)  steht für Theoũ (Θεού) = Gottes
Υ  steht für Hyiòs (Υιός ) = Sohn
Σ (S)  steht für Sōtér (Σωτήρ) = Erlöser, Retter

In der Bibel wird der Fisch des öfteren erwähnt. Und wir wissen: die ersten Jünger und Nachfolger Jesu von Nazareth waren Fischer vom See Genezareth. Jesus holte sie weg aus ihrem Beruf und machte sie zu „Menschenfischern“. (Lk. 5,1- 11) Das haben wir eben am Schluss des Evangeliums gehört. So steht der Fisch für den Ruf in die Nachfolge Christi zur Ausbreitung des Evangeliums.
Der Fisch ist auch Zeichen der Abendmahlsgemeinschaft. Jesus speiste fünftausend Menschen mit Brot und Fisch. (Mt. 14,13-21) Und Johannes, der Evangelist, erzählt, wie der auferstandene Christus sich seinen Jüngern am See Genezareth zu erkennen gab, indem er ihnen den Fisch brach und austeilte. (Joh. 21,1-14)
Außerdem ist der Fisch auch Zeichen der Auferstehung Christi. Wir kennen die Geschichte von Jona im Alten Testament: drei Tage und drei Nächte musste der ungehorsame Prophet im „Bauch des Fisches“ bleiben, bis dieser ihn dort ausspuckte, wo Gott ihn als Boten haben wollte. (Jona 2,11.1) Jesus selber nimmt diese Geschichte als Hinweis auf seinen Tod und seine Auferstehung nach drei Tagen. (Mt. 12,40)

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass sich in unserer IMG_0222Lutherkirche noch ein Fisch „versteckt“ hat? Sehen Sie sich den Leuchter an, der die Oster- bzw. Taufkerze trägt: Er ist gestaltet wie ein stilisierter Fisch, steht also für das Bekenntnis der Getauften zum auferstandenen Jesus Christus.
Und so gibt also ebenso derjenige, der den Fisch an sein Auto klebt, für alle zu erkennen: Ich gehöre zu Christus!

 

Predigt über Epheser 5, 1- 8a
von Gesa Bartholomae

Epheser 5, 1- 8a

1 So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder
2 und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört.
4 Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung.
5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.

Liebe Gemeinde.
Unternehmen, Organisationen oder Privatpersonen geben sich gerne ein Logo, das ist eine kleine Grafik, ein Erkennungszeichen. Es wird aus einem Bild, einem Wort oder beidem gestaltet und hat immer etwas mit der Identität des Inhabers zu tun. Ein Gedanke, eine Idee, die Geschichte oder das Programm der jeweiligen Gruppe werden damit angedeutet. Es erscheint dann auf den Prospekten, der Homepage, den Visitenkarten, dem Briefpapier usw. Oft gibt es auch Aufkleber oder Anstecknadeln.
Manchmal ist es ein Geheimzeichen, das nur die Mitglieder kennen. Außenstehende geht ihre Organisation nichts an. Wenn sie es sehen, wissen sie, dass sie zusammengehören ohne es sagen zu müssen. Eine ähnliche Funktion können dann auch Gesten oder Passwörter haben.
Und so etwas war für die Christen schon seit alters her der Fisch. Wir haben die Geschichte und die Bedeutung dieses Zeichens eben gehört. Es besagt, dass das Merkmal der Christen Jesus Christus selber ist, der Sohn Gottes, der uns gerettet hat. Er verbindet uns, durch ihn zeichnen wir uns aus.
Aber was heißt das nun? Was bedeutet es für unser Leben, dass wir uns an der Gegenwart Jesu Christi gegenseitig erkennen können?
In der Epistel von heute wird diese Frage sehr klar beantwortet. Sie ist ein Abschnitt aus dem Epheserbrief. Der Apostel Paulus beschreibt hier das Leben der Christen, und gleich mit dem ersten Satz wird deutlich, was das Entscheidende ist. Er lautet: „So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“ Ein Erkennungszeichen der Christen ist also die gegenseitige Liebe.
Das klingt sehr einladend und scheint uns entgegen zu kommen, doch wichtig ist, dass damit nicht die erotische Liebe gemeint ist, durch die die Einzelnen ihre Lust und ihr Verlangen nach Aufmerksamkeit befriedigen, sondern die Liebe, die sich aufopfert und bereit zum Leiden ist. Denn das hat Christus auch getan, wie es weiter heißt: „Er hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.“ Es wird sogar ausdrücklich erwähnt, dass es nicht um „Unzucht“ geht. Vor „jeder Art Unreinheit oder Habsucht“ wird vielmehr ausdrücklich gewarnt. Es fällt stattdessen das Stichwort von der „Heiligung“: „Für die Heiligen gehört es sich nicht“, sich diesen Trieben hinzugeben. „Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an“, heißt es weiter, „sondern vielmehr Danksagung.“
Das ist ein weiteres Erkennungszeichen: Christen sind dankbar. Sie wissen, das Leben wurde ihnen geschenkt. Sie haben kein Recht darauf, sondern haben es aus Gnade empfangen. Wer es eigenmächtig an sich reißen will, „hat kein Erbteil im Reich Christi und Gottes.“ Denn er dient einem Götzen.
Das sind die Ermahnungen des Paulus für einen christlichen Lebenswandel, und er weiß dabei sehr wohl, dass es nicht leicht ist, sie zu befolgen. Wir lassen uns gerne „mit leeren Worten verführen“, d.h. wir folgen lieber unseren niederen Trieben. Doch davor warnt Paulus seine Leser, indem er sagt: „Um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.“ Es hat Folgen, wie wir leben, und Gott ist daran nicht unbeteiligt. Deshalb ist es besser, wenn wir gar nicht erst „Mitgenossen“ derer werden, die einen ungeordneten Lebenswandel führen und den Willen Gott dabei ignorieren.
Was die Christen auszeichnet, ist also ein gelingendes Leben, das von Dank und Freiheit geprägt ist. Wir sollen wie Kinder leben, die von ihrem Vater geliebt werden. Zum Schluss wird das noch mit einem sehr schönen Bild beschrieben. Paulus sagt am Ende: „Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“ Christen kann man also an ihrer inneren Kraft erkennen, an einem Licht, das von ihnen ausgeht.
Auf dem Fenster mit dem Fisch ist das sehr schön dargestellt. Nicht umsonst steht der Fisch aufrecht. Er ist nach oben ausgerichtet, gen Himmel. Die Wellen halten ihn nicht fest, und er empfängt einen Lichtstrahl. Oder geht dieses Licht von ihm aus? Beides ist möglich und gehört zu einem christlichen Leben.
Doch wie kann das nun gelingen, und wollen wir das überhaupt? Wie so viele Texte von Paulus klingt auch dieser sehr radikal und streng. Wir sind zwar nicht in unbedingt für „Unzucht, Unreinheit und Habsucht“, aber so ein bisschen lustvoll und weltlich wollen wir schon bleiben, auch als Christen. Die Nachfolge, zu der auch Jesus aufruft, ist uns viel zu kompromisslos. Das passt nicht zu unserem Lebensgefühl, so meinen wir. Seine Leidensbereitschaft und sein Opfer sind keine besonders attraktiven Vorbilder. Wir wollen das gar nicht als Erkennungszeichen, sondern fühlen uns davon unter Druck gesetzt. Wir sehen hier den erhobenen Zeigefinger, und der gefällt uns nicht.
Doch so ist das, was Paulus hier sagt, nicht gemeint. Es geht nicht um eine moralische Einengung, sondern um Befreiung. Und um das zu verstehen, ist es gut, wenn wir uns einmal ehrlich klar machen, wie ein Leben nach dem Lustprinzip in Wirklichkeit aussieht. So befreiend oder hell ist das nämlich gar nicht, im Gegenteil, wir handeln uns damit oft viel mehr Elend ein, als uns lieb ist.
Es geht dabei ja um unser Ich, das ist der entscheidende Punkt. Hinter „Unzucht und Habgier“ verbirgt sich eine egoistische Lebenseinstellung, und davon sind wir alle nicht weit entfernt. Denn wir stellen gern unsere eigenen Belange in den Mittelpunkt, möchten zufrieden gestellt werden und auf unsere Kosten kommen.
Das ist an unserem Miteinander zu erkennen. Jeder und jede von uns steht in vielen Beziehungen. Durch die Familie, den Beruf, die Nachbarschaft, die Gemeinde und die Gesellschaft sind wir in einem sozialen Netz. Das ist auch gut, denn wir brauchen einander. Keiner und keine kann alleine leben. Deshalb ist es auch ganz normal, dass wir von den anderen Menschen bestimmte Dinge erwarten. Sie sollen in irgendeiner Form für uns da sein, mitspielen und funktionieren.
Doch genau dadurch entstehen die Probleme, denn der oder die andere passt oft nicht in unser Konzept. Die Menschen, mit denen wir zusammen leben oder arbeiten, mit denen wir befreundet oder auf die wir angewiesen sind, handeln nicht immer, wie wir es wollen. Sie haben andere Werte und Ideen, machen andere Erfahrungen, haben andere Wünsche und Pläne. Und das stört uns oft. Es kommt zu Konflikten und Spannungen. Überall gibt es viel Unmut und Ärger, Zorn und Streit. Wenn es schlimm wird, gehen wir aufeinander los oder wir trennen uns. Unser Leben ist gar nicht so schön, wie wir oft meinen. Es gibt in unserem Miteinander viel Dunkelheit und Not, und die haben meistens etwas damit zu tun, dass wir zu sehr auf unsere Ziele und Wünsche, unser Ich und unser eigenes Wohlbefinden fixiert sind.
Die Anleitung für unser Handeln muss deshalb noch tiefer gehen, als dass wir nur unseren Wünschen und Erwartungen folgen. Wir brauchen einen Weg, der uns davon befreit. Es kann nur dann hell werden, wenn wir von unseren Vorstellungen Abstand nehmen. Denn nur dann können wir zueinander finden. Und das hat Jesus uns vorgelebt und gezeigt. Er hat diesen Weg für uns vorbereitet und eröffnet. Denn er suchte nicht seinen eigenen Vorteil, sondern war bereit zum Leiden. Er hat sich hingegeben und ist sogar für uns gestorben.
Darauf dürfen wir vertrauen, und das ist unser Vorbild. Wir werden hier nicht zu moralischen Höchstleistungen aufgefordert, sondern zu einem Leben im Licht und in der Liebe Christi. So wie der Fisch auf dem Fenster es von oben empfängt, so kann es auch in unser Leben hineinfallen. Wir müssen uns nur selber einmal loslassen und uns dem Licht Christi aussetzen, uns ihm überlassen und ihm danken. Wenn es uns gut gehen soll, kommt es gar nicht darauf an, dass alles, was wir wollen, auch eintritt, dass alle Wünsche erfüllt werden und die Menschen in unserer Nähe total zu uns passen. Viel entscheidender ist, dass wir die Gegenwart Christi erleben und uns davon prägen lassen.
Denn dann kann er mit seiner Liebe in uns und an uns wirken. Er erfüllt uns mit seiner Kraft und dadurch kommt ganz vieles in Ordnung. Probleme verschwinden, Spannungen und Konflikte lösen sich auf, denn wir wollen und erwarten nichts mehr von den anderen Menschen. Wir können sie vielmehr annehmen, wie sie sind, ihnen vergeben, sie lieben und ihnen helfen. Der Himmel sendet seine Strahlen und taucht uns in sein Licht.
Das alles geschieht, wenn wir Christus nachfolgen und ihn zu unserem Erkennungszeichen machen. Liebe, Dankbarkeit und Freude prägen dann unser Leben.
Mit dem Fisch, der für Christus steht, haben wir also noch viel mehr als ein Logo. Er verweist uns auf eine neue Lebensweise, er symbolisiert eine Kraft und eine Wirklichkeit, die uns aus den engen Grenzen unseres Ichs hinausführt und uns ein Leben in Freiheit und Liebe schenkt.
Amen.

Den Versuchungen widerstehen

Predigt über Hebräer 4, 14- 16: Christus der wahre Hohepriester

1. Sonntag der Passionszeit, 14.2.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Hebräer 4, 14- 16

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Liebe Gemeinde.
Der Tempel in Jerusalem hatte in den Tagen Jesu noch nichts von der Bedeutung verloren, die ihm in der Geschichte Israels von jeher zugekommen war. Er bot sich seinen Betrachtern eindrucksvoll dar. Wer nach Jerusalem hinaufzog, konnte schon von weitem den hochgelegenen Bau sehen.
Hatte man die Tore der Stadt durchschritten und kam zum Tempelbezirk, so gelangte man zunächst in den äußeren Vorhof. Schranken versperrten den freien Zutritt zum inneren Vorhof, in den kein Fremdstämmiger hinein durfte. Kam man in die Halle, sah man den goldenen Räucheraltar, den unablässig brennenden siebenarmigen Leuchter und den Schaubrottisch. Und dahinter lag noch ein besonderer Raum, das Allerheiligste, das durch dichte Vorhänge vom übrigen Tempel abgetrennt war. Früher befand sich da die Bundeslade mit den Gesetzestafeln, später stellte man sich vor, dass dort der Thron Gottes stand. Es durfte nur vom Hohenpriester betreten werden, wenn er am großen Versöhnungstag die Sühnehandlung für ganz Israel zu vollziehen hatte. Er empfing dort stellvertretend für das Volk die Vergebung Gottes.
Natürlich wussten die Menschen, dass ein kleiner Raum wie das Allerheiligste im Tempel Gott nicht fassen kann, aber es war ein Sinnbild. Es versicherte den Menschen: Unser Gott ist bei uns. Nur nähern durfte man sich ihm nicht. Nichts Unheiliges oder Unreines sollte Gott beleidigen. Gottes Herrlichkeit war zu furchtbar, zu groß, zu verzehrend, als dass ein normal Sterblicher sie aushalten würde. Das war der Glaube. Nur der Hohepriester vertrat die Menschen dort vor Gott.
Er war sozusagen der geistliche Spitzenmann und genoss großes Ansehen. In allen Fragen der Religion, der Priesterschaft und des Gottesdienstes hatte er die oberste Aufsicht und Weisung. Seit ca. 150 v. Chr. war er als Vorsitzender des Hohen Rates gleichzeitig der oberste politische Führer, denn der Hohe Rat war der höchste jüdische Gerichtshof und damit die wichtigste politische Institution. Selbst unter der Herrschaft der Römer verfügte er noch über erhebliche Autonomie. Für die Besatzungsmacht war der Hohepriester damit der zentrale Ansprechpartner.
Wie alle Priester musste er einen untadeligen Lebenswandel führen, ohne körperliche Fehler sein und alle Reinheitsvorschriften genau einhalten.
Er hatte sein Amt bis ans Lebensende inne.
(vgl. Edurard Lohse, Umwelt des Neuen Testamentes, Göttingen, 1980, S. 109ff)
Das alles wusste der Schreiber des Hebräerbriefes und er war damit offensichtlich vertraut. Denn er benutzt dieses Geschehen in seinem Brief an einigen Stellen als ein Bild. In dem Abschnitt, der heute unsere Epistellesung ist, stellt er sich vor, wie der Hohepriester durch die Vorhöfe und Hallen des Tempels in das Allerheiligste geht, und er sagt: So schreitet Jesus durch die Himmel und tritt für uns vor den Thron Gottes. Und auch wir dürfen in das Allerheiligste hineingehen.
Der Verfasser macht also die unglaubliche Feststellung, dass der Zutritt zu Gott nun frei für jedermann ist. Man kann Gott ohne Angst und Schrecken begegnen, uns wird nichts passieren. Er sagt deshalb: „Lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade.“ Wir dürfen damit rechnen, dass wir angenommen werden. Die Gemeinde darf sich des göttlichen Wohlwollens sicher sein und sich trösten, denn jedem wird geholfen.
Und das ist durch Jesus Christus möglich geworden, dem „neuen Hohenpriester“. Er hat ein für alle Mal Versöhnung zwischen Gott und Mensch bewirkt. Denn in ihm ist Gott selber Mensch geworden. Dabei wird hier sehr schön beschrieben, was das heißt: „Jesus leidet mit unserer Schwachheit mit und wurde versucht wie wir.“ D.h. er war ein Mensch aus Fleisch und Blut, er fühlte und kannte Angst und Not, wie sie jeder in dieser Welt schmerzlich erfahren muss. Persönliche innere Kämpfe sind ihm nicht erspart geblieben, er musste wie jeder Mensch den vielfältigen Versuchungen widerstehen.
Doch genau das ist ihm gelungen wie keinem anderen. Er blieb in all dem „ohne Sünde“ und ist Gott bis zum Tod am Kreuz gehorsam gewesen. Selbst in dieser radikalen Grenzsituation hat er dem Willen Gottes entsprochen.
Deshalb hat Gott ihn erhöht und ihn selber auf den „Thron der Gnade“ gesetzt. Wenn wir vor Jesus treten, stehen wir vor Gott und „empfangen Barmherzigkeit und finden Gnade.“ Die Einladung lautet: „Komm herein, die Tür steht offen. Du brauchst dich nicht mehr zu fürchten, Gott erwartet dich vielmehr und sieht dich freundlich an.“
Das ist eine frohe Botschaft, „darum lasst uns [wirklich] hinzutreten mit Zuversicht“. Lassen Sie uns der Einladung folgen, denn wir brauchen die Hilfe, die uns hier zugesagt wird. Wir sind ja nicht sündlos, sondern erliegen immer wieder allen möglichen Versuchungen. Diese Tatsache steht hinter der Sendung Jesu. Unsere „Schwachheit“ ist der Grund für sein Kommen und sein „Mitleiden“. Wir müssen uns das also eingestehen und bewusst machen, wenn wir seine Gnade empfangen wollen. Lassen Sie uns deshalb fragen, was unsere „Schwachheiten“ sind, welche inneren Kämpfe wir auszustehen haben, und wie Jesus uns da hindurch führen kann.
Dabei hilft es, wenn wir ins Evangelium schauen und nachlesen, womit der Teufel Jesus locken wollte. Die Situationen sind gute Beispiele für das, was uns alle in Gefahr bringt. Wir haben die Erzählung vorhin gehört. (Mt. 4, 1- 11) Der Versucher forderte Jesus zu drei Dingen auf: Er sollte aus Steinen Brot machen, von der Zinne des Tempels springen und sich von den Engeln auffangen lassen und schließlich den Teufel anbeten, um die Weltherrschaft zu erlangen.
In der ersten Versuchung steckt die Verlockung des Materialismus, und die betrifft uns alle. Wir essen und trinken gerne, nehmen, was wir bekommen können, wollen satt und reich sein.
Bei der zweiten Versuchung ging es um ein spektakuläres Eingreifen Gottes, um ein Wunder. Das wünschen wir uns auch manchmal, denn dann bräuchten wir keine Verantwortung mehr für das zu übernehmen, was in der Welt und in unserem Leben geschieht. Gott würde ja alles lenken. Wir reden uns gerne damit heraus, dass er das ja nicht tut, und drücken uns damit vor der Herausforderung des Lebens. Es ist die Versuchung zur Bequemlichkeit.
Und die dritte Situation beinhaltet die Versuchung zur Macht. Viele Menschen sind davon befallen. Sie wollen andere beherrschen und schrecken dabei vor nichts zurück.
Und das alles sehen und erleben wir überall. Ständig erliegen Menschen diesen Versuchungen. An persönlichen aber auch an gesellschaftlichen Entwicklungen ist das zu erkennen, im Kleinen wie im Großen. Möglicherweise hat sich der eine oder die andere von uns jetzt am Beginn der Fastenzeit vorgenommen, daran etwas zu ändern, den Versuchungen zu widerstehen. Wir wünschen uns oft ein besseres Leben und eine bessere Welt. Denn wir erleben immer wieder, wie zerstörerisch es ist, wenn wir den Versuchungen erliegen:
Das erste, der Materialismus führt uns in die Unzufriedenheit, weil er nicht für ein erfülltes Leben reicht. Wenn wir zu sehr auf die Dinge dieser Welt fixiert sind, brauchen wir immer mehr, und am Ende bleibt unsere Seele trotzdem leer. Das Leben fühlt sich sinnlos an, denn innere Werte bleiben dabei oft auf der Strecke. Wir vernachlässigen unsere Seele. Das zweite Beispiel, die Bequemlichkeit, macht uns träge und müde, unausgeglichen und vielleicht sogar krank. Auch die Sorge für die anderen verlieren wir aus dem Blick, und es entstehen Neid und Rücksichtslosigkeit. Und das letzte, die Machtausübung, läuft immer auf Hass und Zerstörung hinaus. Feindschaft und Krieg sind die Folgen, Ungerechtigkeit und Unterdrückung
Das alles spielt sich wie gesagt in jedem Leben und in jeder Gesellschaft ab. Vieles läuft da schief, und oft ist unsere Verstrickung in diese Gefahren wie ein Teufelskreis:
Wenn wir zu viel essen, trinken oder kaufen, schämen wir uns irgendwann und haben Schuldgefühle. Wir verurteilen uns selber, und das führt dazu, dass wir erst recht essen, trinken und einkaufen. Die Bequemlichkeit macht uns gleichgültig und müde und kann deshalb ebenso schwer aufgehoben werden. Wir leiden vielleicht unter unseren Mängeln, aber wir kommen nicht dagegen an. Und wer zu viel Macht ausübt, bringt die anderen gegen sich auf. Er wird einsam und bekommt Angst vor dem eventuellen Aufstand der Unterdrückten. Vielleicht würde er gerne einiges ungeschehen machen, aber das geht nicht, und so übt er weiter Macht aus. Die Situationen, in die wir durch unsere „Schwachheit“ geraten, sind oft verhängnisvoll. Aus eigener Kraft können wir ihnen kaum entkommen. Wir brauchen Hilfe von außen, eine Stelle, an die wir uns wenden können, einen Anstoß, der diese Teufelskreise durchbricht und uns da heraus führt.
Und genau das wird uns in unserem Abschnitt aus dem Hebräerbrief verheißen. Wir dürfen „hinzutreten dürfen mit Zuversicht zum Thron der Gnade“. Das ist die frohe Botschaft. Es gibt eine Rettung, und die liegt bei Gott selber. Er hat Jesus Christus gesandt und ihn all die inneren Kämpfe durchmachen lassen, die wir Menschen bestehen müssen. Doch im Unterschied zu uns blieb er darin „ohne Sünde“. Er hat den Willen Gottes ganz und gar erfüllt, er war ein vollkommener Mensch und er steht uns zur Seite. Wir dürfen auf ihn vertrauen, uns an ihn wenden und uns auf ihn verlassen, wenn wir gerettet werden wollen.
Dazu gehört als erstes, dass wir uns selber annehmen und unsere Scham ablegen. Wir müssen unsere Schuldgefühle nicht unterdrücken oder verstecken, wir dürfen unser Versagen zugeben und uns auch die Angst eingestehen. Gott verurteilt uns für all das nicht. Im Gegenteil, wir haben durch Jesus jemanden, der mit uns leidet, der uns kennt und sich um uns kümmert.
Er sitzt selber auf dem „Thron“ und schenkt uns seine Gnade. Wir empfangen durch ihn Barmherzigkeit und Hilfe. Wir müssen sie nur annehmen und uns dieses Geschenk gefallen lassen.
Dann werden wir frei, der Teufelskreis wird durchbrochen und wir werden erlöst: Wir können die Dinge der Welt plötzlich lassen, wir hören auf, zu viel davon zu erwarten. Wir sind in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, und auch von der Macht können wir uns verabschieden, denn die Angst vor einer Niederlage verschwindet. Wir können getrost zurücktreten und ein neues Leben beginnen. Wenn wir Christi „Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden“, haben wir nichts mehr zu verlieren, denn es ist alles da, was wir uns wünschen.
Und dafür ist die Fastenzeit da. Oft denken wir ja, diese Zeit dient der Selbstüberwindung und dem Verzicht. Wir müssen es endlich einmal hinbekommen, diese Welt und unser Leben besser zu machen. Doch das ist gar nicht der Schwerpunkt. Viel entscheidender ist, dass es eine Zeit der besonderen Nähe Jesu wird. Wenn wir etwas verstärkt suchen, dann sollte es die Gemeinschaft mit ihm sein. Gerade in dieser Zeit geht es um seine menschlichste Seite, um sein Versucht-werden, sein Leiden und Sterben. Es geschah bei ihm „ohne Sünde“, und damit hat er uns das Heil geschenkt. Das bedenken wir in der Passionszeit, und deshalb ist sie eine besondere Heilszeit, eine Zeit der Gnade und Barmherzigkeit, der Hilfe und der Freude. Sie dient der Erneuerung und Veränderung, dem Frieden und der Gerechtigkeit.
Denn uns wird verkündet: Unser Gott ist bei uns, und wir dürfen uns ihm nähern, auch wenn wir unheilig oder unrein sind. Wir können Gott damit nicht beleidigen. Wir müssen uns vor ihm nicht fürchten. Er ist nicht zu groß für uns, kein Sterblicher wird durch seine Nähe verzehrt. Denn wir haben den wahren Hohenpriester, der alle Menschen vor Gott vertritt, „Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat.“
Lassen Sie uns mit ihm zusammen sein.
Amen.

Das Maß des Glaubens halten

Predigt über Römer 12, 1- 5: Das Leben als Gottesdienst

1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2016, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Römer 12, 1- 5:

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist.
Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist,
nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch,
dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.
4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben,
aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
5 so sind wir viele ein Leib in Christus,
aber untereinander ist einer des andern Glied.

Liebe Gemeinde.
In regelmäßigen Abständen gibt es in den Kieler Nachrichten eine Gesundheitsseite. Da steht dann etwas über einen erholsamen Schlaf, gute Ernährung, genügend Bewegung usw. Das ist alles sehr lesenswert. Früher nannte sich die Rubrik „Gesundheit“, doch das hat sich geändert. Ist Ihnen das schon aufgefallen? Interessanter Weise steht als Titel in der Kopfzeile jetzt das Wort „Balance“, auf Deutsch „Gleichgewicht“, und damit verraten die Redakteure bereits ihre Sichtweise auf das Thema: Wer gesund leben möchte, muss in allem das richtige Gleichgewicht finden. Es geht um Ganzheit und Ausgewogenheit. Gesundheit hat nicht nur etwas mit Diagnosen und Therapien, Behandlung und Medizin zu tun, sie ist vielmehr ein Lebenskonzept. Dafür kann man sich entscheiden, man hat es selber in der Hand und kann es pflegen. Deshalb lohnt es sich auch, drüber zu schreiben.
Ich finde diesen Titel allerdings etwas irreführend, denn unter das Stichwort „Balance“ könnte noch viel mehr fallen. Sie spielt ja in allen Lebensbereichen eine Rolle, in der Erziehung und Wirtschaft, im Miteinander, im Denken und im Glauben usw.
Paulus hat das auch schon erkannt. Wir haben es vorhin in unsrer Epistel gehört. Da heißt es an einer Stelle. „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“ Paulus ermahnt damit zu genau dem, was ich eben erwähnte, zu der richtigen Balance – in diesem Fall im Glaubensleben. Die ist ihm offensichtlich wichtig.
Lassen Sie uns deshalb fragen, was er damit meint. Dabei ist es aufschlussreich, welche Wörter hier im Urtext stehen: Anstatt sich selber „über“ zu bewerten – auf Griechisch „hyperphronein“ – soll man lieber „mit“-denken – „symphronein“ – , d.h. versuchen, mit den anderen übereinzustimmen. Hochmut und Stolz werden als Gegensatz zum Verstehen und Erkennen benannt. Keiner soll eigenmächtige Denkwege beschreiten, sondern sich in Besonnenheit üben und Maß halten, und d.h., sich um Ausgewogenheit und Gleichgewicht bemühen.
Paulus eröffnet mit diesen Gedanken im Römerbrief die Ermahnungen an die Gemeinde. Er will das richtige christliche Verhalten beschreiben. Wie in jedem seiner Briefe stehen sie am Ende. In den vorhergehenden Kapiteln hatte Paulus seine Theologie entfaltet und die wichtigsten Glaubensfragen beantwortet. Er hatte dargelegt, wer Christus ist, was er bewirkt hat, was wir glauben und worauf wir hoffen dürfen. Nun sagt er, was das alles ganz konkret für das Leben heißt. Er beschreibt, wie ein Leben mit Christus aussieht, wie Christus es prägen kann, und was dabei das Entscheidende ist.
Dabei geht es auch ihm um Ganzheitlichkeit. Das wird gleich am ersten Satz deutlich: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“
Die ganze Person ist zur Hingabe aufgefordert. Die Antwort auf das Heilswerk Jesu ist Leib und Leben der Glaubenden. Der richtige Gottesdienst ereignet sich nicht in nur in Gaben, Gebeten, Liedern und Predigen, sondern im Lebensvollzug. Er bleibt nicht auf besondere Andachtszeiten oder Opfer beschränkt, sondern muss in den Alltag und das Verhalten hineinwirken.
Es unterscheidet sich von dem, was vorher war, von den Nicht-Christen und der übrigen Welt. Paulus sagt: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes.“ Es geht also um eine Umwandlung und Veränderung. Der Glaube an Christus führt zu einer neuen Wahrnehmung des Willens Gottes. Die Christen erkennen, was Gott wohlgefällt. Ihnen wird Weisheit geschenkt, die sie zu dem neuen Lebenswandel anleitet.
Und in diesem Zusammenhang spielt nun die Besonnenheit eine Rolle, das Gleichgewicht, die Balance. Auch im Glauben und im Gemeindeleben gilt es, darauf zu achten. Die einzelnen Gemeindeglieder sollen auf alles Trachten verzichten, das die Gemeinschaft der Glaubenden und die gemeinsame Basis sprengen könnte.
Paulus veranschaulicht das mit dem Beispiel von den vielen verschiedenen Gliedern am Leib. Er sagt: „Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.“ Wir sind alle aufeinander angewiesen, keiner kann und darf es sich leisten, auf Kosten der anderen seine eigene Denk- und Lebensweise zu verfolgen. Es gilt vielmehr, sich an Jesus Christus zu orientieren. Dann kann das Evangelium lebendig werden.
Das sind wichtige Ermahnungen, die auch wir beachten sollten. Sie verhelfen uns zu einem gesunden Glauben und Gemeindeleben. Lassen Sie uns also fragen, was wir dafür beachten müssen. Dabei hilft es, wenn wir uns klar machen, worin die Gefahren liegen, was wir eventuell falsch machen. Auch wir neigen dazu, das Gleichgewicht und das Maß zu verlieren, Inhalte und andere Menschen über- oder unter zu bewerten.
Es passiert ja z.B. leicht, dass einer seine Art des Glaubens für besser hält, als die des anderen. Er findet, dass er das Evangelium konsequenter lebt, es ernster mit dem Willen Gottes meint, frömmer und bibelfester ist. Er tut vielleicht auch mehr in der Kirche, lässt sich öfter blicken, geht regelmäßig in den Gottesdienst und hält sich deshalb für einen Vorzeigechristen. Doch selbst wenn es so ist, dass er wirklich viel tut, daraus können auch Stolz und Hochmut, entspringen, und die führen dann zu Vorbehalten und Argwohn, Spannungen und Abspaltungen. Der Geschwisterlichkeit dient das jedenfalls nicht. Die Selbstüberschätzung wäre also eine Gefahr, die uns aus dem Gleichgewicht bringt und die Balance stört.
Es kann aber auch genau das Gegenteil der Fall sein, dass ich mich nämlich unterbewerte. Dann finde ich, dass der andere besser ist. Ich stelle mein eigens Licht in den Schatten, traue mir nichts zu, habe Selbstzweifel, fühle mich schlecht und überfordert. Angst und Neid sind ständige Begleiter. Wer so denkt, leidet viel und wird eventuell sogar krank. Ein positives Miteinander wird ebenfalls blockiert, genauso wie bei der Überbewertung der eigenen Möglichkeiten. Diese falsche Bescheidenheit trägt nicht zur Ausgewogenheit bei und entspricht auch nicht der Weisheit, die Paulus meint. Sie ist vielmehr die zweite Gefahr.
Und eine dritte Grundüberzeugung, die ebenfalls nicht förderlich ist, besteht darin, dass man alle für schlecht hält. Um ja niemanden über zu bewerten, lehnt man am besten alle ab, stellt die Gemeinschaft und den Glauben grundsätzlich in Frage. „Ich bin schlecht, die anderen sind es aber auch.“, dieser Gedanke prägt dann das Lebensgefühl. Ein erfreuliches Miteinander ist dabei natürlich am wenigsten möglich. Wahrscheinlich ist es sogar der Anfang vom Ende eines gesunden Glaubenslebens. Sinnlosigkeitsgefühle gehen damit einher, es führt zur Passivität und Ziellosigkeit. Das wäre die dritte Fehlhaltung.
Alle drei Grundpositionen stören das Gleichgewicht, sie sind töricht und einseitig, destruktiv und ungesund. Die sogenannte Transaktionsanalyse hat das in den achtziger Jahren herausgearbeitet. Sie diente dazu, uns selber besser zu verstehen und unsre Einstellung verändern zu können. Ihre Schöpfer Thomas A. Harris und Eric Berne benutzten für die verschiedenen Grundüberzeugungen markante Sätze, mit denen wir uns gut merken können, worum es jeweils geht. Der Satz für die erste Fehlhaltung lautet: „Ich bin okay. Du bist nicht okay.“ Die zweite Variante heißt dementsprechend: „Ich bin nicht okay. Du bist okay.“ Und die dritte: „Du bist nicht okay. Ich bin nicht okay.“ (Manfred Gührs und Claus Nowak, Das konstruktive Gespräch, Kiel 1991, S. 44f)
Jetzt können Sie können sich sicher schon denken, worin die Lösung liegt. Am besten wäre es nämlich, zu sagen: „Ich bin okay. Du bist okay.“ Das wäre konstruktiv und ausgewogen. Die Autoren bezeichnen es als „integrierte Haltung“, bei der ich mich weder über- noch unterlegen fühle. Dieses Bewusstsein fördert gute Kommunikation und ein gedeihliches Zusammenleben. Der liebevolle Umgang miteinander wird möglich, bei dem das rechte Maß gehalten wird.
Am besten wäre es also – und dazu will Paulus uns auch ermuntern – zu sagen: Ich bin gut, und du bist auch gut. Selbst wenn wir unterschiedlich intensiv glauben, uns verschieden stark einbringen und andere Prioritäten setzen, wir gehören zusammen und wir können auch übereinstimmen. Verständnis füreinander wird möglich. Man erkennt sich selber und den anderen und sieht alles im rechten Licht. Man übt sich in Besonnenheit und Weisheit. So wird der Glaube ausgewogen, und es entsteht ein gesundes Gleichgewicht.
Doch das ist natürlich nicht ganz einfach, niemand kann das konsequent durchhalten. Es gibt sicher keinen Menschen, der sich ausschließlich in dieser Lebensposition befindet. Aber davon geht auch niemand aus. Wenn es so wäre, bräuchte Paulus ja seine Ermahnungen nicht zu schreiben, und die Transaktionsanalyse wäre nicht entwickelt worden. Wir müssen uns darum bemühen, es anstreben und immer wieder darauf achten.
Dabei ist es gerade im Glauben wichtig, dass wir einsehen: Aus eigener Kraft wird uns das nicht möglich sein. Paulus ermahnt die Gemeinde bewusst „durch die Barmherzigkeit Gottes“. Sie ist die Voraussetzung für alles, was wir tun. Darüber hatte er in den vorhergehenden Kapiteln ausführlich geschrieben. Gott weiß um unsre Fehlbarkeit und Unausgewogenheit und er hat Mitleid mit uns. Das steht hinter seiner Barmherzigkeit. Er bedauert uns und hat deshalb etwas getan: Er sandte seinen Sohn Jesus Christus.
Von ihm kann man sagen, dass er „das Maß des Glaubens“ in vollkommener Weise gelebt hat. In ihm sehen wir das Bild Gottes und das Bild des Menschen, wie Gott ihn sich wünscht. Es gilt deshalb, auf ihn zu schauen, auf Jesus Christus zu vertrauen und uns mit seinem Geist beschenken zu lassen. Er befreit uns von uns selber, er löst die verhärteten Denkmuster und führt uns auf neue Wege. In seiner Gegenwart und durch seine Kraft können wir uns verändern. Denn er kann sowohl unseren Ehrgeiz, als auch unsere Schwäche überwinden.
Falls wir dazu neigen, uns selber zu überschätzen, werden wir in seinem Licht in wohltuender Weise nüchtern und realistisch. Wir sind in der Lage, auch unsere Fehler zu erkennen und anzunehmen, denn es macht nichts, dass wir sie haben. Und automatisch erscheint der andere dadurch in einem viel positiveren Licht als vorher.
Christus kann die erste Fehlhaltung überwinden, und ebenso die zweite. Auch Minderwertigkeitsgefühle können durch den Glauben aufgehoben werden, denn wir wissen, Jesus liebt uns. Er kennt unseren Wert, und der ist nicht geringer, als der von anderen Menschen. Ganz gleich, was und wie viel wir einbringen, wir sind in seinen Augen gut.
Und die dritte Fehlhaltung, bei der wir alles negativ sehen, entsteht gar nicht erst, denn unser Leben wird in das helle Licht der Liebe Christi getaucht. Er gibt uns Sinn und Ziel. Von ihm her wird unser Denken und Fühlen ganz von selber positiv. Christus schenkt uns das Gleichgewicht, das rechte Maß, Besonnenheit und Weisheit. Wir erkennen, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und nur im Zusammenspiel eine lebendige Gemeinde werden. Wir sind der Leib Christi, an dem jedes Glied wichtig ist. Das Vergleichen und Bewerten hört auf, denn jeder ist gut und trägt zum Ganzen etwas bei.
Am besten ist es, mit diesem Wunsch ins Gebet zu gehen und Christus darum immer wieder zu bitten. Wir können das gut mit folgenden Worten aus der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen:
„Herr, gib mir himmlische Weisheit, dich vor allem andern zu suchen und in allem zu finden, dich über alles zu lieben und in allem zu genießen und die übrigen Dinge an jene Stelle zu setzen, die deine Weisheit ihnen zugewiesen hat. Lehre mich, den glatten Schmeicheleien des falschen Freundes klug auszuweichen und die harten Worte meines Gegners geduldig zu ertragen. Denn es ist eine große Weisheit, weder die scharfe Zugluft des Tadels noch das sanfte Gelispel des Lobes auf sein Herz wirken zu lassen. Und nur diese Weisheit führt sicher zwischen Abwegen links und rechts hindurch.“ (Thomas von Kempen, Das Buch von der Nachfolge Christi, übersetzt von Michael Sailer, Hrg. Immanuel Jungclausen OSB und Christian Feldmann, Herder 1999, S. 227f)
Amen.

Meine Zeit steht in deinen Händen

Predigt über Jakobus 4, 13- 15: Wider eigenmächtiges Planen und Tun

Neujahrstag, 1.1.2016, 18 Uhr
Lutherkirche Kiel

Jakobus 4, 13- 15

13 Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Han-del treiben und Gewinn machen –,
14 und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.
15 Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.
Liebe Gemeinde.
Wann haben Sie sich den ersten Kalender für das neue Jahr gekauft? Ich selber brauchte ihn spätestens nach den Sommerferien, denn da haben wir in der Gemeinde bereits sehr viele Dinge für das nächste Jahr verabredet. Ich habe dafür zwar immer schon so einen einseitigen Jahresüberblick, weil er in meinem Terminkalender enthalten ist, aber der reicht dann nicht mehr. Mit einem digitalen Planer wäre das natürlich kein Thema, aber den habe ich nicht. Damit könnte ich jedes beliebige Jahr aufrufen und endlos im Voraus planen.
Das will ich allerdings gar nicht, und das tun sicher auch die Wenigsten von uns. Es ist auch unterschiedlich, wie lange im Voraus wir Termine festlegen, das kommt auf den Beruf, den Zusammenhang, den Charakter und den Lebensstil an. Ich kenne Menschen, die mögen sich grundsätzlich nicht gerne festlegen, mit denen kann ich mich kaum verabreden. Sie entscheiden frühesten ein paar Tage vorher, ob wir uns wirklich treffen.
Und dann gibt es noch die Bibelfesten, die nach einer Verein-barung gerne anfügen: „Jakobus vier Vers fünfzehn!“. Das ist etwas scherzhaft gemeint, denn sie gehen davon aus, dass jeder weiß, was da steht. Es ist der inzwischen sprichwörtliche Satz: „So Gott will.“ Wir haben ihn in unsrer Epistel vorhin gehört. Und auch, wenn es übertrieben wäre, das jedes Mal zu sagen, wenn wir etwas planen, so ist der Abschnitt doch sehr klug und bedenkenswert.
Er richtet sich an Menschen, die Handel treiben. In der Gemeinde, an die der Jakobusbrief geschrieben ist, gab es wohl Kaufleute, die mit ihren Geschäften Reichtum anhäuften. Sie waren viel auf Reisen und glaubten, bis ins Detail hinein zu wissen, wann und wohin und wie lange und wozu sie unterwegs waren. Wahrscheinlich waren sie sehr kapitalträchtig und entsprechend selbstsicher. Und das sieht der Schreiber kritisch.
Er ist gegen das eigenmächtige Planen und Tun, denn dabei wird leicht vergessen, dass die menschliche Wirklichkeit durch Unsicherheit und Vergänglichkeit gekennzeichnet ist. Jakobus richtet sich gegen das Erfolgsdenken der Kaufleute, mit dem sie disponierten und kalkulierten, ohne dabei an den Herrn über alle Zeit zu denken. Er hielt es für Torheit, sich der Zukunft sicher zu sein, denn der Mensch weiß in Wirklichkeit noch nicht einmal, was der morgige Tag bringt.
Damit appelliert er an eine Lebenserfahrung, die eigentlich jeder einsichtige Mensch irgendwann macht. Auch um die Vergänglichkeit weiß jeder und jede. Sie wird hier mit dem Bild vom Rauch beschrieben, „der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“ Bei allem Überlegen und Planen sollen die Menschen Gott als denjenigen anerkennen, der das letzte Wort über Leben und Tod behält. „Wenn Gott will“ heißt hier also: Wenn es Gottes Walten im Geschick des Menschen entspricht. Das klingt vielleicht nach Schicksalsgläubigkeit, möglicherweise sogar Resignation oder Verzweiflung, aber so ist es nicht gemeint. Jakobus geht fest davon aus, dass Gottes Wille dem Heil des Menschen dient. Deshalb ruft er zum Gottvertrauen auf.
Dabei ist es hilfreich zu wissen, dass der Jakobusbrief nicht mehr an die erste Generation von Christen geschrieben wurde. Die Adressaten gehörten vielmehr in die sogenannte nachapostolische Zeit. Sie hatten sich bereits in dieser Welt eingerichtet. Die anfängliche Aufbruchsstimmung, die die Apostel noch erlebt und ausgelöst hatten, war dem Alltag gewichen mit seinen Belastungen und Verlockungen. Die Christen waren in der Versuchung, sich der Welt anzupassen, die Radikalität der christlichen Forderungen abzumildern. Man nahm es mit der Konsequenz eines Handelns und Lebens nach dem Evangelium nicht mehr so genau. Und dagegen wendet sich der Brief. Er will die Leser aufrütteln und korrigieren. In diesem Sinne sollen alle Christen sich immer wieder sagen: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“
Und das ist auch für uns ein wichtiger Satz. Denn wir erliegen genauso gerne dem Gedanken, dass sich alles planen und machen lässt. Dagegen ist an sich auch nichts einzuwenden. Natürlich müssen wir Termine verabreden. Ohne Planen würde unser Leben nicht funktionieren, deshalb findet es überall statt: In der Kultur, in der Wirtschaft, in Schulen und Betrieben, Gemeinden und Familien. Mein Terminkalender ist bis zum Juni schon mit ganz schön vielen Eintragungen versehen, und das finde ich auch gut. Dann kann ich mich darauf einstellen und mich entsprechend auf die einzelnen Veranstaltungen vorbereiten. Das sollen wir wie gesagt auch nicht lassen.
Es geht um etwas anderes, und zwar um unser Bewusstsein bei all dem. Mit welcher Grundhaltung gehen wir an das Leben heran? Wie selbstsicher sind wir? Wie viel Vertrauen haben wir in unsere Pläne und was machen wir mit der Tatsache, dass es überall Gefahren und Probleme gibt?
Wir werden von unserem Text eingeladen, die Zeit, die vor uns und auch hinter uns liegt, nicht einfach selbstherrlich als unser Eigentum zu betrachten. Sie wird uns vielmehr geschenkt und „steht in Gottes Hand“, wie es in Psalm 31 (V.16a) heißt.
Dazu gibt es ein Lied von dem westfälischen Theologen Peter Strauch. Der wurde 1943 geboren, und sein Lebensmotto ist genau dieser Satz: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Unter diesem Titel ist auch seine Biografie erschienen. Es gab darin – wie bei jedem Menschen – nicht nur schöne Erfahrungen, sondern auch schwierige Wegstrecken. In seinem Lied kommen sie vor, natürlich allgemein formuliert. Aber sie sind auch allgemein gültig, deshalb ist das Lied wahrscheinlich so bekannt geworden. In unserem Gesangbuch steht es noch nicht, weil es 1981 entstanden ist, aber in das neue Begleitheft wurde es aufgenommen. (Himmel, Erde, Luft und Meer, Begleitheft zum Evangelischen Gesangbuch der Nordkirche, 2014, Nr.135) Es hat drei Strophen, und in jeder Strophe beschreibt Peter Strauch ein Problem, das mit dem selbstherrlichen Planen einhergeht.
In der ersten Strophe thematisiert er die Angst, die uns befallen kann, die Sorgen und die Mutlosigkeit. Das kennen wir alle, denn oft lassen sich diese Gefühle auch durch noch so gründliches Planen nicht aufheben. Wenn Menschen in unserer Familie oder wir selber z.B. krank sind, wenn der Arbeitsplatz unsicher ist, die politische Lage nichts Gutes verheißt usw., dann können wir uns nicht einfach auf unser Planen und Können verlassen, dann müssen wir nach noch mehr fragen. Dann ist es gut, wenn wir auf Gott vertrauen, auf sein grenzenloses Walten in der Geschichte und unserem persönlichen Leben. Denn er meint es gut mit uns, seine Liebe ist da und er hält uns fest. In seinem Lied hat Peter Strauch das so formuliert:
„Sorgen quälen und werden mir zu groß. Mutlos frag ich: Was wird Morgen sein? Doch du liebst mich, du lässt mich nicht los.
Vater, du wirst bei mir sein.“ Wir können das getrost nachsprechen, denn es ist wahr: Gott ist immer bei uns, ganz gleich, was geschieht. Wir müssen uns nicht fürchten. Im Vertrauen auf Gott verlieren wir die Angst und die Sorgen um den nächsten Tag.
Das zweite Problem, das sich durch zu viel Selbstherrlichkeit ergibt, ist der Stress, den wir oft empfinden. Das betrifft natürlich am ehesten die Berufstätigen. Viele Terminkalender sind viel zu voll. Menschen hasten von einer Veranstaltung zur nächsten und wissen manchmal nicht, wie sie das alles schaffen sollen. Sie stehen dauernd unter Druck und leiden an Zeitnot. Es drohen das innere Ausbrennen und der seelische Untergang. Wer darin nicht versinken will, muss anhalten, eine Pause machen und am besten beten. Es gilt, vom Terminkalender weg einmal nach oben zu schauen und Gott um Hilfe zu bitten. Er kann uns befreien und uns führen. In dem Lied ist das so formuliert:
„Hast und Eile, Zeitnot und Betrieb nehmen mich gefangen, jagen mich. Herr ich rufe: Komm und mach mich frei! Führe du mich Schritt für Schritt.“ Im Glauben an Gott werden wir von dem selbstgemachten Druck erlöst, wir können aufatmen und neue Kraft schöpfen. Das ist der zweite Punkt.
Und als drittes Problem gibt es das Gefühl der Sinnlosigkeit. „Wofür mache ich das alles eigentlich?“ Dieser Gedanke kann uns befallen, wenn wir nur an uns selber glauben, völlig im Diesseits aufgehen und alles für planbar halten. Dann fühlt sich unser Leben trotz aller Geschäftigkeit irgendwann leer an. Die Zeit vergeht, Wochen und Monate ziehen vorbei, und wir wissen gar nicht richtig, wo sie bleiben. Peter Strauch formuliert das so:
„Es gibt Tage, die bleiben ohne Sinn. Hilflos seh ich wie die Zeit verrinnt. Stunden, Tage, Jahre gehen hin, und ich frag, wo sie geblieben sind.“ Das ist ein bedrängendes Gefühl, gegen das es nicht viele Mittel gibt. Auch mit einer Therapie kommen wir dagegen nicht unbedingt an, denn so ist die Wirklichkeit unseres Lebens: In unserem Bibeltext steht nicht umsonst das Bild vom Rauch: Es sagt aus, dass unser Leben vergeht und zutiefst sinnlos bleibt, wenn wir nicht danach fragen, wer es in der Hand hat, und wo es hinführt.
Wenn wir das allerdings tun und beachten, dass „unsere Zeit in Gottes Hand steht“, können wir ruhig und getrost werden. Wir finden Erfüllung und Frieden. Deshalb lautet der Refrain unsres Liedes, der am Anfang und nach jeder Strophe gesungen wird:
„Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.“ Dieses Gebet können wir alle sprechen, es wird erhört, denn Gott ist da.
Und das gilt auch dann noch, wenn alles zu Ende ist. Das wäre ein letztes Thema, an das wir denken können: Selbst angesichts des Todes kann der Glaube an Gott, der unsere Zeit und damit unser ganzes Leben in der Hand hält, uns tragen und ruhig machen.
Ein Mensch, der uns das in besonderer Weise gezeigt hat, ist Dietrich Bonhoeffer. Von ihm sind viele Worte und Gedanken überliefert, denn er hat sie aufgeschrieben. Das beste Dokument für seinen Glauben und sein Denken ist das Buch „Widerstand und Ergebung“. Es enthält Briefe, die Bonhoeffer in der Haft geschrieben hat. In die war er gekommen, weil er im Widerstand gegen Hitler mitgearbeitet hatte. Das Attentat vom 20. Juli 1944 hat er aus dem Gefängnis verfolgt, da war er be-reits nicht mehr frei. Natürlich hatte er sich davon eine Wende seines Geschickes erhofft, doch die trat nicht ein, denn der Plan war gescheitert. Das ist ein tragisches Beispiel für das Misslingen von menschlichen Vorhaben. Ob Gott es nicht wollte? Hitler glaubte das, aber das finden wir heutzutage natürlich zynisch. Wir wissen es nicht. Bonhoeffer hat das Scheitern auch anders verarbeitet, als sich diese Frage zu stellen. Seine Lage war nun natürlich noch unsicherer, noch bedrohter und aussichtsloser, aber er hat sein Gottvertrauen nicht aufgegeben. Im August 1944 schrieb er vielmehr folgende Zeilen:
„Gewiss ist, dass wir immer in der Nähe und unter der Gegenwart Gottes leben dürfen, und dass dieses Leben für uns ein ganz neues Leben ist. Gewiss ist, dass wir nichts zu beanspruchen haben und doch alles erbitten dürfen; gewiss ist, dass im Leiden unsre Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt. Zu all dem hat Gott in Jesus Ja und Amen gesagt. Dieses Ja und Amen ist der feste Boden auf dem wir stehen.“ (Dietrich Bonhoeffer,  Widerstand und Ergebung, Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft,  Gütersloh, 18. Aufl. 2005, S. 209f) Und so ist Bonhoeffer mit festem Glauben seinen Weg weitergegangen. Er wurde ein dreiviertel Jahr später, ein Monat vor Kriegsende umgebracht. Wie „ein Rauch“ verschwand er von der Erde. Doch das Zeugnis seines Glaubens ist bis heute lebendig geblieben, denn das ist unzerstörbar.
Auch wir können uns zu diesem Glauben entscheiden, zu der Gewissheit, dass Gott uns unsere Zeit geschenkt hat und in allem, was wir tun, das letzte Wort behält. Nüchternheit und Wachsamkeit gehören dazu. Der Geist muss sich immer wieder aufschwingen und sich geduldig dem Willen Gottes fügen. Das ist ein innerer Kampf, den wir täglich zu bestehen haben, aber wir können ihn gewinnen, denn einer begleitet uns durch die Zeit, die wir bekommen haben: Jesus Christus, der Sohn Gottes. In ihm ist Gott mit seiner Liebe und seinem Heil bei uns. Am besten können wir diesen Glauben leben, indem wir jeden Morgen mit der liturgischen Tradition unserer Kirche beten:
„Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen auf Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, herausgegeben von der Evangelischen Michaelsbruderschaft, Münsterschwarzach und Göttingen, 4., völlig neu bearbeitete Auflgae, 1998, S. 290)
Amen.

Das Bad der Wiedergeburt

Predigt über Titus 3, 4- 11: Erneuerung im Heiligen Geist

1. Weihnachtsfeiertag, 25.12.2015, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Titus 3, 4- 7

4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
5 machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit –
durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist,
6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus,
unsern Heiland,
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden,
Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Liebe Gemeinde.
Baden Sie gerne? Hier in Kiel kann man das ja gut in der Förde tun, und einige Menschen betreiben das sogar im Winter. Es sind die sogenannten „Winterbader“. Sie treffen sich in der Seebadeanstalt in Düsternbrook oder Holtenau und bilden eine verschworene Gemeinschaft. Denn das Wasser ist natürlich ziemlich kalt. Aber es erfrischt angeblich, härtet ab, und man fühlt sich hinterher so richtig gut.
Ich selber beschränke mein Schwimmen im Freien auf die wärmeren Monate. Im Winter gehe ich lieber ins Hallenbad. Das bekommt mir auch.
Ins Wasser zu steigen und sich darin aufzuhalten, macht den meisten Menschen Spaß. Selbst das Bad in der Wanne hat eine positive Wirkung. Es entspannt und reinigt, belebt und erfrischt.
Deshalb wurde in unserer Epistel von heute das Bad als ein Bild verwendet. Sie ist gleichzeitig unser Predigttext. Vom „Bad der Wiedergeburt“ ist dort die Rede. Diesen Ausdruck finden wir in der Bibel an verschiedenen Stellen, und er bezieht sich auf die Taufe. Sie macht den Menschen zu einer neuen Kreatur, das war die Vorstellung. Er wird gereinigt, die Sünden werden abgewaschen, und der Mensch ist danach wie ein eben geborener Säugling. Damit soll gesagt werden, dass die Taufe zu einem höheren Dasein erneuert. Der Täufling wird in die neue Welt eingegliedert, die durch das Erscheinen Christi da ist.
Mit dieser Vorstellung beginnt der Textabschnitt, der ein alter Hymnus ist, ein Lied, das die christliche Gemeinde wahrscheinlich immer anlässlich einer Taufe gesungen hat. Darin wird am Anfang das Gotteswunder erwähnt, das mit der Ge-burt und dem Kreuzestod Jesu anbrach: „Es erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands“. Das sind feierliche Worte für das Kommen Christi. Es stellt eine Wende in der Geschichte der Menschheit dar. Denn in ihm erschien, wie ein Licht in der Finsternis, die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Sie hat uns aus dem Verderben gerissen, gerettet und „selig gemacht“, wie Luther übersetzt. Im Lateinischen steht dafür das Wort „Humanitas“, Humanität also. Gott hat die wahre Humanität gebracht, er hat sich den Menschen zugewandt und ihnen einen neuen Anfang ermöglicht.
Das Wasser, das Schmutz abwäscht und reinigt, erfrischt und belebt, ist für diesen Vorgang ein schönes Symbol. Es kommt in unserem Text auch noch ein zweites Mal vor. Wasser gibt es ja nicht nur als Element, in das man hineinsteigen kann, es regnet auch auf uns herab oder kann ausgegossen und verteilt werden. Und das geschieht ebenso bei der Taufe: Da werden wir erneuert „im Heiligen Geist, den Gott über uns reichlich ausgegossen hat.“ Gott gießt seine Kraft und Gegenwart über uns aus, und er geht damit verschwenderisch um. Vom Wasser, das über etwas ausgegossen wird, geht ja meistens etwas daneben, es ist reichlich vorhanden und kann viel bewirken. So ist es mit dem Heiligen Geist, der in der Taufe das Wunder der Neugeburt vollzieht.
Dabei ist es noch wichtig, dass wir das alles ohne unser Zutun bekommen, „nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit.“ Das ist ja ein Grundgedanke im Neuen Testament, dass wir „allein aus Gnade“ gerettet werden.
Und zum Schluss wird noch das Ziel genannt: Wir werden „Erben des ewigen Lebens nach unsrer Hoffnung.“ Die Taufgnade umfasst eine Verheißung: Wenn der Jüngste Tag anbricht, und Gott zum letzten Gericht erscheint, werden die Getauften freigesprochen und bekommen Anteil am ewigen Leben. Ihre Rettung geschieht für Zeit und Ewigkeit.
Das ist die Botschaft unserer Epistel, und die passt sehr schön zu Weihnachten. Wir feiern das Erscheinen Jesu Christi, und uns wird gesagt: Das war nicht nur ein geschichtliches Ereignis, es hat vielmehr erneuernde Kraft. Wir können hineingenommen werden in dieses Gotteswunder, und das ist wie ein Bad: Wir werden gereinigt und erfrischt, belebt und gestärkt.
Doch wie geht das nun vor sich? An unsere Taufe erinnern wir uns ja wahrscheinlich nicht mehr. Und es ist auch nicht so gemeint, dass dieses einmalige Bad für alle Zeiten ausreicht, damit wir neue Menschen sind. Wir müssen vielmehr – bildlich gesprochen – immer wieder in das Wasser der Taufe eintauchen, der Heilige Geist muss immer wieder über uns „ausgegossen“ werden. Das sagt Luther schon im Kleinen Katechismus im „Hauptstück“ über die Taufe. Es heißt dort „zum Vierten: Was bedeutet denn solch Wassertaufen? Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“
Die Erneuerung im Geist und in der Seele bleibt eine Aufgabe, eine Übung, die wir regelmäßig vollziehen müssen. Lassen Sie uns also fragen, was das heißt.
Wir können es uns gut klarmachen, wenn wir uns einmal bewusst machen, dass wir alle irgendwelche „alten Geschichten“ mit uns herumtragen. Je älter wir werden, umso mehr. Und einiges davon kann uns unser Leben lang belasten. Dabei gibt es natürlich Unterschiede, es gibt leichte und schwere Lasten, Dinge, die wir tragen können, und anderes, das uns fast erdrückt.
Ich habe gerade Post von einem Mann bekommen, der seit 30 Jahren ein Trauma mit sich herumträgt: Er hat damals auf ei-ner Wanderung seinen Sohn verloren, der in den Abgrund gestürzt ist. Er gibt sich selber die Schuld für diesen Unfall und kann die schrecklichen Bilder in seinem Geist nicht auslöschen. Sie haben sich in seiner Seele festgesetzt und quälen ihn Tag und Nacht.
Das ist ein schlimmes Beispiel, etwas Schlimmeres gibt es wahrscheinlich kaum, und so etwas erlebt zum Glück nicht jeder Mensch. Aber keine Lebensgeschichte verläuft geradlinig, ohne Brüche oder seelische Verletzungen. Sie können durch vieles hervorgerufen werden: durch Gewalt oder Unrecht, eigene Schuld, Fehlentscheidungen oder schwerwie-gendes Versagen. Die Seele wird dadurch erschüttert, es kommt zu einem inneren Leiden. Und das kann manchmal lange dauern. Das traumatisierende Ereignis hält uns fest, es hat uns im Griff und wir werden es nicht los. Wir sind darauf fixiert.
Natürlich gibt es dafür viele Therapiemöglichkeiten, und die müssen wir auch in Anspruch nehmen, wenn wir weiterleben wollen. Wir erlernen dadurch tiefere Ebenen der Verarbeitung, können die belastenden Erinnerungen abschwächen bzw. beherrschbar machen. Es gibt auch den Ansatz, das Erfahrene zu einer Geschichte zusammenzufügen, diese mit Sinn oder Bedeutung zu verbinden und in die persönliche Lebensgeschichte zu integrieren. Das Ziel ist immer, sich selber besser zu kontrollieren und nicht mehr von den alten Gefühlen überschwemmt zu werden.
Und dabei kann nun auch der Glaube einen wichtigen Dienst erweisen. Wenn wir das Bild von dem „Bad der Wiedergeburt“ anwenden, heißt es, dass er uns einen Neuanfang ermöglicht, eine Befreiung und Reinigung.
Dabei müssen wir uns als erstes klar machen, dass durch Jesus Christus wirklich etwas Neues angefangen hat. Sein Erscheinen ist nicht nur eine Lehre oder eine Idee, sondern durch ihn gibt es in dieser Welt eine unsichtbare, göttliche Wirklichkeit, in die wir hineingenommen werden können, in die wir „eintauchen“ können.
Das Wasser ist ein anderes Element als die Luft. Wenn wir hineinsteigen, verändert sich unser Körpergefühl, wir werden getragen und sind umgeben von einer Materie, die sich vom Gewohnten unterscheidet. So ist es auch mit der Gegenwart Christi: Sie kann uns umspülen und einhüllen, tragen und verändern.
Oft stellen wir uns Gott oder Jesus Christus als ein Gegenüber vor. Wir denken an ihn, reden über ihn, beten vielleicht zu ihm und erwarten, dass er etwas tut. So fängt der Glaube in der Kindheit auch an. Doch das ist noch lange nicht alles. In Zeiten, in denen wir schwer leiden, reicht das auch nicht. Denn da fehlen uns oft die Bilder und die Worte ebenso. Alles verdunkelt sich, wir können keine klaren Gedanken mehr fassen.
So ist es gut, dass uns verkündet wird: Jesus Christus ist noch viel mehr als ein Gegenüber oder ein Gedanke. Seine Liebe ist wie eine Hülle, die er uns umlegt. Wir müssen dabei gar nichts mehr sagen oder denken. Wir dürfen schweigen, still halten und so sein, wie wir sind. Alles, was uns beschäftigt, gehört zu uns, und nichts davon müssen wir abschneiden. Auch die Dinge, die wir bereuen, Fehlentscheidungen, Versagen und Schuld sind ein Teil von uns, den Jesus sieht und den er haben will.
Wir müssen all diese Geschichten deshalb selber annehmen. Das Schwere lässt sich nicht einfach so eliminieren oder aus-löschen. Es ist da. Oft verstärkt sich das Leid dadurch, dass wir es loswerden wollen. Wir würden einiges von dem, was sich in unserem Leben ereignet hat, am liebsten ungeschehen machen, aber das geht nicht. Wir müssen dazu „Ja“ sagen. Aus eigener Kraft ist das wahrscheinlich fast unmöglich. Aber wenn wir darauf vertrauen, dass Christus „Ja“ dazu sagt, kann es möglich werden. Und dadurch wird es abgeschwächt. Es verliert seine Macht, denn Christus vergibt uns alle Sünden, die uns belasten.
Die Erklärung Martin Luthers aus dem Kleinen Katechismus klingt beim ersten Hören ja etwas düster und brutal: „Der alte Adam in uns soll durch tägliche Reue und Buße ersäuft werden und mit allen Sünden und bösen Lüsten sterben.“ Das hört sich an wie ein Leben mit täglichen Schuldgefühlen, täglicher Selbstverurteilung und seelischer Kasteiung, und das lehnen wir ab. Doch so ist es nicht gemeint. Dahinter verbirgt sich vielmehr genau das Gegenteil. Der „alte Adam in uns“ ist genau die Stimme, die uns quält und verurteilt, die uns festhält und traumatisiert. Sie soll „ersäuft“ werden. „Sünde und böse Lust sollen sterben“, wie Luther sagt. Und damit meint er nicht nur Verstöße gegen die zehn Gebote, Ausschweifungen, Egoismus, Liederlichkeit usw., sondern genauso das Festhalten an unseren „alten Geschichten“. Es geht darum, uns nicht mehr auf unsre Schuld zu fixieren, täglich loszulassen und das Alte alt sein zu lassen.
Dabei weiß Luther sehr wohl, dass es nicht einfach ist, die Fixierung aufzubrechen und sie loszuwerden. Die negativen Stimmen in uns verstummen nicht ein für alle Mal, nur weil wir das wollen. Hinter seiner Aufforderung zur „täglichen Reue und Buße“ verbirgt sich vielmehr die Einsicht, dass wir uns immer wieder von ihnen abwenden müssen. Das Vertrauen auf die alles umfassende Gnade Christi muss eine tägliche Übung sein.
Doch wenn wir sie vollziehen, kann „wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe“, wie Luther weiter sagt. Und das ist eine wunderbare Verheißung. Hinter ihr verbirgt sich eine geistliche Erfahrung, die wir machen können, wenn wir uns im Vertrauen auf Christus üben: Wir merken, dass er da ist. Wir sind nicht mehr allein, wir spüren seine Liebe und seine Kraft, und die kann uns verwandeln. Seelische Fesseln lösen sich, die innere Qual schwächt sich ab, wir können aufatmen und fühlen uns frei.
Es ist wie nach einem Eintauchen ins Wasser: Wir sind erfrischt und neu belebt. Nicht umsonst gibt es dafür den Aus-druck „sich wie neu geboren fühlen“. Das sagen wir gerne nach einem Bad. Unsere Lebensgeister erwachen dadurch, uns durchströmt eine neue Energie, ungeahnte Kräfte werden mobilisiert und wir verspüren frischen Tatendrang.
Und das alles ist keine Einbildung. Uns wird vielmehr wirklich etwas geschenkt, wenn wir uns in dieser Weise Christus anvertrauen: Der Heilige Geist wird über uns „ausgegossen“ und wir „erben das ewige Leben“. Wir bekommen Anteil an Gottes Gegenwart, an seinem Geheimnis und seiner Liebe. Unsere Seele wird geweitet, sie öffnet sich ins Grenzenlose, und unser Geist erhebt sich über diese Zeit hinaus.
Der Glaube kann also noch viel mehr als eine Therapie. Er löscht ein Trauma vielleicht nicht aus, aber er zeigt uns einen Weg, den wir vorher nicht gekannt haben: Wir finden eine unendliche Weite, in der die Seele zur Ruhe kommen kann. Denn wir finden die „Güte und Menschenliebe Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist.“
Das ist die Weihnachtsbotschaft, und wir sind eingeladen, sie nicht nur an diesem Fest, sondern täglich neu zu hören und zu verinnerlichen.
Amen.

Das Fest der Liebe

Predigt über Titus 2, 11- 14: Die heilsame Gnade

Heiligabend, 24.12. 2015, 17.00 Uhr
Lutherkirche Kiel

Titus 2, 11- 14

11 Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen
12 und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben
13 und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus,
14 der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre czu guten Werken.

Liebe Gemeinde.
Weihnachten ist das „Fest der Liebe“, und das erwarten wir auch alle in diesen Tagen: Liebe und Freundlichkeit, Friede und Harmonie. Wir wünschen es uns für unsere Familien und für die Welt, und so bereiten wir uns entsprechend darauf vor. Wir kaufen Geschenke, schmücken unsere Wohnungen, verschicken Grüße, singen Weihnachtslieder, backen Kekse und vieles mehr. Alle sollen es gut haben, besonders am Heiligabend.
Aber gelingt uns das eigentlich? Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich habe einige Menschen getroffen, für die war es z.B. richtig kompliziert, wer wo Weihachten hingeht. Sind die Kinder erst einmal groß und haben ihre eigenen Familien, stellt sich diese Frage: Feiern wir bei den Großeltern, und wenn ja, bei welchen? Oder kommen die zu uns? Keiner soll zu kurz kommen, keiner übersehen oder verletzt werden. Aber das ist manchmal gar nicht so einfach zu verwirklichen.
Und ist die Verwandtschaft erst da, stehen viele Fettnäpfchen herum, in die man leicht hineintreten kann. In jeder Familie gibt es empfindliche Themen, belastende Geschichten und unausgesprochene Konflikte.
Hinzu kommen die hohen Erwartungen an dieses wichtige Fest und der Anspruch, dass möglichst alles perfekt sein möge.
Im Schauspielhaus läuft in dieser Saison der Komödienklassiker „Schöne Bescherungen“. Das Stück nimmt Weihnachten und sein Spannungspotential unter die Lupe, und es geht natürlich schief: Ein Alkoholexzess jagt den nächsten, es droht der Ehebruch unterm Tannenbaum, und am Ende gibt es sogar einen versuchten Totschlag. Der britische Autor Alan Ayckbourn hat das Stück mit bissig-britischem Witz und Wahnsinn geschrieben. Das meiste ist natürlich übertrieben, aber den entscheidenden Satz der Hausfrau, in deren Heim das Familientreffen stattfindet, könnte jeder von uns sagen: „Keinen Streit bitte. Die Feiertage haben gerade erst angefangen. Ich kann gut darauf verzichten.“
Doch das ist wie gesagt nicht so einfach. Wo soll die Liebe denn herkommen, wenn sie seit Jahren schon nicht mehr richtig lebendig ist?
Der Abschnitt aus dem Titusbrief, den wir vorhin gehört haben, gibt uns darauf eine Antwort, denn dort wird das wahre Geheimnis von Weihnachten benannt, und zwar mit dem prägnanten Satz: „Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ (Tit 2,11).
Das griechische Wort für „Gnade“ lautet „charis“, und das können wir auch mit „Schönheit“ und „Freude“ übersetzen. Es bedeutet ebenso „Freundlichkeit“ und „Wohlwollen“. Danach sehnen wir uns, und es ist da: In Jesus Christus ist das alles Wirklichkeit geworden. Wir empfangen durch sein Kommen das, was wir uns alle wünschen. Er verkörpert das ursprüngliche Bild des Menschen, und das ist geprägt von Gnade und Liebe.
Denn auch Gott hat sich den Menschen so gedacht. Der Mensch, den Gott sich erhofft hat, spiegelt in seinem Gesicht Freude und Schönheit wider. Er strahlt Milde und Freundlichkeit aus. Er ist gut zu sich und zu den Menschen. Er glaubt an das Heil und lockt so den guten Kern in seinen Mitmenschen hervor. Er liebt nicht nur seinen Nächsten, seine Freunde und Bekannte, ja nicht nur seine Feinde. Er ist selbst Liebe. Sein Wesen ist: Liebe zu sein. Und das alles ist in Jesus Christus erschienen.
Das ist die Weihnachtsbotschaft, und die ist wunderbar. Wir haben sie auch bitter nötig. Der Apostel Paulus hat den Titusbrief geschrieben, und er sieht die Situation des Men-schen vor dem Erscheinen Christi als verfahren und heillos. Er spricht vom „ungöttlichen Wesen“, „weltlichen Begierden“ und „Ungerechtigkeit“. All das bestimmt die Menschheit. Doch aus diesem unheilvollen Zustand hat uns das Erscheinen der Gnade Gottes in Jesus Christus herausgerissen. Es ist das große Geschenk, das Gott uns zu Weihnachten macht. Wir müssen es nur annehmen, d.h. etwas müssen wir dazu beitragen, damit es Wirklichkeit wird. Es geschieht nicht ohne das Zutun des Menschen.
Deshalb erwähnt Paulus hier außerdem einige Tugenden: „Zucht und Selbstbeherrschung, Besonnenheit und Gerechtigkeit.“ All das müssen wir üben, wenn die heilsame Gnade Gottes wirken soll. Man kann diesen Prozess Heiligung nennen. Auf ihn müssen wir uns einlassen. Doch all das ist auch möglich. Wir hören zu Weihnachten die Botschaft von der großen Gnade und Freundlichkeit Gottes, die uns erfüllen und in Bewegung setzen kann.
Das klingt gut, aber ist es nicht doch etwas unrealistisch? Was hat sich in der Welt denn durch das Erscheinen Jesu Christi verändert? Wir scheitern nach wie vor an unseren Idealen, und da sind auch die Christen kein Stückchen besser. Was haben sie eigentlich zur Heiligung des Menschen und zur Rettung der Welt bis jetzt geleistet? Doch herzlich wenig. Das ist der Vorwurf, den wir oftmals hören, und damit müssen wir uns beschäftigen.
Rechtfertigen müssen wir uns allerdings nicht, das hilft uns auch nicht weiter. Wenn wir auf diese Fragen eine Antwort erhalten wollen, müssen wir vielmehr unsere Blickrichtung verändern. Wir dürfen nicht nur in die Welt schauen und auf das Versagen der Menschen, weder auf das der anderen noch auf unser eigenes. Der erste Schritt besteht vielmehr darin, unsre Augen für etwas ganz anderes zu öffnen. Wir werden mit der Weihnachtsbotschaft zu einer neuen Weltsicht eingeladen. Paulus geht davon aus, dass in diese Wirklichkeit etwas Neues gekommen ist. Der christliche Glaube ist für ihn nicht ein Programm oder ein Gedanke. Er lebt vielmehr eine neue Realität, die alles Bisherige in Frage stellt.
Und das müssen wir uns gefallen lassen. Wenn wir von der Gnade Gottes nichts spüren, liegt das nicht daran, dass sie kraftlos ist oder eventuell gar nicht existiert, sondern an uns, die wir sie nicht sehen oder haben wollen.
Ohne dass es uns bewusst ist, verschließen wir uns gerne ge-genüber der Liebe Gottes. Wir erwarten das Gute immer wo anders: Von den Familienangehörigen, von uns selber, von den Politikern, den Umständen oder wem auch immer. Irgendwie kriegen wir den Frieden und das Wohlergehen schon hin. Das denken wir und so handeln wir. Dafür ist das Weihnachtsfest ein gutes Beispiel: Wir erwarten ganz viel und vertrauen auf unsere menschlichen Möglichkeiten.
Doch dabei merken wir nicht, wie sehr wir uns und die anderen unter Druck setzen. Wir bauen Mauern auf und fesseln einander mit unserem Verlangen und unseren Wünschen. Wir sind in Wirklichkeit Gefangene und Zerrissene, wir gehen in die Irre und verlieren dabei das Gute aus den Augen. Es ist da, wir sehen es nur nicht.
Und aus dieser Blindheit will Christus uns erretten. Er will uns ganz machen und uns auf den rechten Weg bringen. Aus dem Zwang, dauernd etwas voneinander zu wollen und zu erwarten, möchte er uns erlösen. Christus kann etwas in uns verwandeln, denn er zeigt uns das wahre Bild des Menschen. Damit bringt er uns in Berührung. Er kann den Schmutz abwaschen, der unser Bild verstellt hat, und das Urbild in neuer Schönheit erstrahlen lassen. Er kann uns von den Fesseln befreien, die uns gefangen halten.
Wir müssen ihm nur vertrauen und in eine persönliche Beziehung zu ihm treten. Das Christentum ist keine Ideologie und auch kein Gesetz. Es lebt vielmehr von der Freundschaft zu dem, der die Liebe ist. Auf ihn müssen wir schauen, an ihn glauben und seine Kraft empfangen.
Und das heißt: Wir müssen nicht vollkommen sein und alles selber hinkriegen. Das Gute wird uns vielmehr geschenkt. „Denn unser Gott und Befreier ist mit offenen Armen zu uns und zu allen Menschen gekommen.“ So kann man den ersten Vers unseres Predigttextes auch übersetzen. (Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Frankfürt a.M., 2003, S. 763) Wir müssen uns deshalb nur umarmen lassen, uns selber einmal loslassen, innehalten und auf Christus blicken. Dann können wir die Gnade Gottes auch erleben.
Und dieses Erleben ist wohltuend. Es heilt uns und die Welt, die Liebe wird lebendig. Anstatt danach zu fragen, wie wir auf unsere Kosten kommen, geben wir einfach weiter, was wir in uns haben. Wir werden fähig, etwas Gutes zu tun. Und das kommt auch zurück. Wir gehen nicht leer aus, wenn wir Liebe üben. Es ist vielmehr erfüllend und schön.
Viele Menschen haben das in den letzten Wochen erlebt, wenn sie sich für Flüchtlinge engagiert haben. Es hat sie beglückt und reich gemacht. Und das hängt damit zusammen, dass unser Leben so gedacht ist: Wenn die Liebe und Freundlichkeit siegen, kommen wir dem Bild am nächsten, das Gott sich vom Menschen erträumt hat.
Es gibt viele Stimmen, die uns weis machen wollen, dass die freundlichen Gesten gegenüber Flüchtlingen die Krise nur verschärft haben. Ich halte das für Unsinn. Die Not ist sowieso da. Menschen fliehen nicht, weil es in Deutschland so viele Helfer gibt, sondern weil sie sinnlosen und schrecklichen Kriegen ausgeliefert sind. Und wie soll es denn besser werden in der Welt, wenn nicht durch Freundlichkeit und Wohlwollen? Jemandem die Hand hinzustrecken, der Hilfe braucht, das kann nicht verkehrt sein. Es entspricht der Schönheit und Liebe Gottes, und die bekommen wir heute geschenkt: Wir kriegen das Heil und die Gnade.
Das ist die Weihnachtsbotschaft. Lassen Sie uns deshalb in den nächsten Tagen hauptsächlich etwas von Gott erwarten und sein Geschenk entgegennehmen. Er ist die Mitte des Weihnachtsfestes. Nicht was wir veranstalten macht es zu einem gelingenden Ereignis, sondern seine Gegenwart. Die Liebe und der Friede müssen keine Sehnsucht bleiben, wir müssen sie nur von dort empfangen, wo sie in Wirklichkeit herkommen. Dann können sie uns ergreifen, und wir können sie in die Welt tragen.
Amen.

Ärgern lohnt sich nicht

Predigt über 1. Korinther 4, 1- 5: Kein Recht zum Richten

3. Sonntag im Advent, 13.12.2015, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

1. Korinther 4, 1- 5

1 Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
2 Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.
3 Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
4 Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.
5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.

Liebe Gemeinde.
„Du kannst dich den ganzen Tag ärgern, aber du bist nicht verpflichtet dazu.“ Diesen Spruch kennen Sie vielleicht. Ich habe ihn kürzlich von Karsten Sohrt gehört, der bei uns im Posaunenchor mitspielt und auch sonst in uneren Gemeinden ja sehr aktiv ist. Er hat ihn wiederum schon vor längerer Zeit auf einer Spruchkarte gelesen. Im Internet habe ich ein Geschirrhandtuch entdeckt, auf dem er steht. Es ist wohl für Leute gedacht, denen der Küchendienst schlechte Laune bereitet. Sie können sich davon aufmuntern lassen.
Und das ist gut, denn wir ärgern uns alle immer wieder, meistens über andere Menschen: unsere Mitbewohner, Vorgesetzten, Handwerker, Nachbarn usw. Sie haben mal wieder nicht aufgeräumt, uns unmögliche Anweisungen gegeben, ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht, ihre Hecke nicht geschnitten; und so kommt es zum Ärger. Wenn wir wollen, können wir ihn den ganzen Tag haben, aber wir sind – wie gesagt – „nicht dazu verpflichtet“. Es tut uns auch nicht gut. Ein anderer Spruch zu diesem Thema, den Karsten sich gemerkt hat, lautet: „Ärgern lohnt sich nicht, es nützt dir nicht und dem anderen auch nicht.“
Und es ist nicht im Sinne der Bibel. In unserer Epistel von heute spricht Paulus über dieses Thema. Er hat sich dazu sehr tiefgehende Gedanken gemacht.
Dabei muss man wissen, dass es in Korinth Menschen gab, die sich über ihn ärgerten und ihn verurteilten. Er war hart angegriffen worden. Genau kennen wir die Vorfälle nicht, aber es waren Menschen in die Gemeinde eingedrungen, die böse Verdächtigungen und Verleumdungen über Paulus unter die Leute streuten. Sie bezweifelten öffentlich, dass er ein echter Apostel war, und wollten seine Autorität zerstören. Das hat Paulus getroffen. Er warnt deshalb die Gemeinde vor voreiligem Richten.
In unserem Abschnitt streitet er seinen Gegnern jegliches Recht zu ihrer Kritik an ihm ab und erklärt, dass sie mit ihrem Urteil völlig danebenliegen. Er beansprucht nämlich gar keine besondere Autorität, sondern versteht sich nur als „Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.“ Er übt keine Herrschaft über die Gemeinde aus, denn sie gehört nicht ihm, sondern Gott. Sich selber versteht er nur als Verwalter. Deshalb ist von ihm nichts anderes als „Treue gegen das Eigentum“ gefordert, und die kann er ohne Abstriche bekennen. Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, deshalb ist es für ihn auch ein „Geringes, dass er von den Korinthern gerichtet wird.“ Er untersteht ihrem Gericht gar nicht und auch keinem anderen „menschlichen Gericht“. Er beurteilt sich noch nicht einmal selbst. Denn das alles wäre menschlich und von daher in diesem Zusammenhang bedeutungslos.
Außerdem ist er sich – wie gesagt – keinerlei Schuld bewusst. Und dieser Aussage fügt er noch etwas Interessantes hinzu: Er weiß sehr genau um zwei Seiten in seiner Seele. Einerseits muss er sich zwar keine Unaufrichtigkeit vorwerfen, „aber darin bin ich nicht gerechtfertigt“ sagt er weiter. Denn „der Herr ist’s, der mich richtet.“ Sein Gewissen, das zwar rein ist, ist nicht absolut, es ist nicht die letzte Instanz des Gerichtes und nicht die Stimme Gottes. Die geht weit über unsere menschliche Erkenntnis hinaus. Wir sehen immer nur einen Teil der Wirklichkeit, nie haben wir die volle Einsicht in uns selber oder die anderen. Die hat Gott allein.
„Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt.“ fährt Paulus fort. Dem Endurteil Gottes soll niemand vorgreifen, denn das hieße, sich in das Richteramt Christi einzumischen. Niemand kann vollständig in den anderen hineinschauen, geschweige denn, ihn durchschauen. Es ist noch nicht einmal möglich, das eigene Herz ganz auszuloten. Vieles von dem, was in der Seele vor sich geht, liegt „im Finsteren verborgen“, und nur Christus „wird es ans Licht bringen. Er wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteilwerden.“ So endet der Textabschnitt, der heute unsere Epistel ist.
Und damit sind auch wir gemeint. Auch wir sollen es lassen, andere Menschen zu be- oder verurteilen. Das tun wir wie gesagt gerne. Jedes Mal, wenn wir uns über einen anderen Menschen ärgern, fällen wir auch ein Urteil. Wir erheben uns über ihn, meinen, es besser zu wissen und halten uns auch für besser. Unsere Mitbewohner oder Familienangehörigen sind schlampig und unordentlich; der Vorgesetzte ist herrisch und überheblich; Handwerker sind nachlässig und hören nicht richtig zu; und unsere Nachbarn sind rücksichtslos und egoistisch. Diese Liste ließe sich noch unendlich fortsetzen.
Natürlich gibt es einen Grund, warum wir so denken: Es ist Ausdruck unseres Ärgers, und der muss raus. Wir erlauben ihn, weil wir meinen, das sei notwendig. Schließich wollen wir nichts verdrängen oder runterschlucken, denn das ist ungesund. Das wissen wir inzwischen. Wer seine Gefühle nicht zulässt und immer nur still ist, wird irgendwann krank. Er unterdrückt ja etwas, verspannt sich und blockiert seine emotionale Energie. Kopf- oder Magenschmerzen, Herz- Kreislaufprobleme oder etwas anderes Schlimmes sind die Folgen. So denken wir. Deshalb ist es gut, sich immer schön zu ärgeren und das auch allen Menschen zu zeigen. So will die Psychologie es uns jedenfalls weis machen.
Aber stimmt das eigentlich? Ist das eine brauchbare Strategie? Ich finde, wir sollten einmal noch tiefer blicken, dazu lädt Paulus uns hier jedenfalls ein.
Er hätte sich auch ärgern können, denn er wurde aufs Übel-ste verleumdet und gemobbt. Doch das tut er nicht, und bei ihm ist es keine Verdrängung. Er ist vielmehr von etwas erfüllt, das stärker ist: Er glaubt an die Gegenwart Jesu, und dadurch unterscheidet sich sein Seelenleben ganz erheblich von den üblichen psychologischen Vorgängen: Er kennt eine Instanz, die liegt außerhalb der menschlichen Beurteilung, die ist größer und umfassender. Darauf will er auch aufmerksam machen. Es geht ihm um die Gegenwart Christi, um seine Liebe und seine Gnade. Die Korinther sollen sich wie er Jesus Christus anvertrauen und sein Erbarmen walten lassen.
Und das tut gut, es ist etwas ganz anderes, als irgendetwas zu verdrängen. Es macht auch nicht krank, sondern ist heilsam und befreiend.
Wir können uns das klar machen, wenn wir uns noch einmal die Situationen vorstellen, in denen wir uns ärgern. Da steigt ja etwas in uns auf. Körperlich gesehen ist es das Adrenalin, emotional gesehen ist es eine negative Energie. Fühlt die sich eigentlich wirklich gut an? Es ist doch gar nicht so befreiend, sich dieser Dynamik hinzugeben. Im Gegenteil, das ist wie ein Gift, das uns langsam durchdringt. Unsere Seele verdüstert sich, unser Blick wird verzerrt. Durch zu viel Ärger blockieren wir alles. Wir bauen eine Mauer zwischen uns und die anderen, denn sie mögen das nicht. Sie wenden sich von uns ab, und wir erreichen sie nicht mehr. Alles trübt sich ein, und wir verlieren den Überblick. Wir nehmen die Wirklichkeit nur noch bruchstückhaft wahr. „Ärgern lohnt sich nicht, es nützt mir nicht und dem anderen auch nicht.“ Das sollten wir einsehen und zugeben.
Es ist deshalb gut, wenn wir den ersten Impuls eines Ärgers tatsächlich unterdrücken und uns davon nicht bestimmen lassen. Doch anstatt ihn dann herunterzuschlucken, können wir ihn abgeben. Paulus schlägt uns nichts vor, das uns krank macht, er will uns vielmehr befreien. Wir können unseren Ärger loswerden, indem wir uns und die anderen dem Gericht Christi überlassen. Ihm können wir alles anvertrauen, uns ihm hingeben und ihn urteilen lassen. Er weiß mehr als wir, er hat einen ganz anderen Blick, er allein kennt die Tiefen jedes menschlichen Herzens. Deshalb ist es gut, wenn wir ihn allein suchen.
Wir werden dann ganz neue Erfahrungen machen. Es ändert sich etwas in unserer Seele, wir werden ruhig und heiter, gelassen und froh. Denn anstatt des Ärgers und Urteilens zieht ein ganz tiefer Friede in unser Herz ein.
Das ist sehr schön an einer Stelle in dem Buch „die Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen formuliert. Dieses Buch stammt bereits aus dem 14. Jahrhundert und soll – nach der Bibel – das auflagenstärkste und am meisten übersetzte Buch der Weltliteratur sein. Es gilt als unübertroffenes Kompendium der geistlichen Erfahrung des Mittelalters und bietet uns immer noch Anweisungen für ein stressfreies Leben. Handfeste Grundregeln für den inneren Weg sind darin enthalten, die zu einer lebendigen Freundschaft mit Christus führen. Das Buch ist in sogenannte „Hauptstücke“ aufgeteilt, und eines davon trägt die Überschrift: „Worin der dauerhafte Friede des Herzens und der wahre Fortschritt in allem Guten besteht.“ Es ist in der Form eines Gespräches zwischen „dem Herrn“ und dem Jünger gehalten. Der Jünger fragt: „Was soll ich tun?“ Darauf antwortet der Herr: „Sei aufmerksam auf alles, was du redest und was du tust, und richte deine Absicht nur darauf, dass du mir allein gefällst und außer mir nichts verlangst, nichts suchst. Was aber andere tun oder reden, darüber erlaube dir nie ein vorschnelles Urteil, und mische dich in kein Geschäft, das dir nicht anvertraut ist. Und so mag es geschehen, das dein Herz selten in Unruhe gerät oder wenigstens die Unruhe kein Aufruhr wird.“ (Thomas von Kempen, Das Buch von der Nachfolge Christi, übersetzt von Michael Sailer, Hrg. Immanuel Jungclausen OSB und Christian Feldmann, Herder 1999, S. 222)
Das ist die praktische Anwendung dessen, was Paulus gelebt hat, und es ist wunderbar formuliert. Der Verzicht auf schnelles Urteilen wird hier als ein heilsames Mittel beschrieben, das uns von allem Negativen befreit und uns zur Liebe und zur Ruhe führt.
Dabei ist es wichtig, dass wir dieses Mittel nicht als ein neues Gesetz verstehen, das wir nun einhalten müssen und das uns dann doch einengt. Es gilt vielmehr, die Zurückhaltung im „Sich-Einmischen“ auch uns selber gegenüber anzuwenden. Wir dürfen und sollen auch uns selbst nicht verurteilen. Paulus hat zugegeben, dass er nicht haargenau weiß, wie es wirklich um ihn bestellt ist, aber er ist deshalb nicht ins Grübeln verfallen. Er hat darauf vertraut, dass Christus ihn annimmt und dass er am Ende zum Guten führen wird, was er in ihm begonnen hat. Paulus lebte von der Vergebung und aus der Gnade Christi. Diese positive Kraft hat ihn frei gemacht und sein Seelenleben bestimmt.
Und das ist auch der Anfang dieses Weges, das müssen wir beachten: Wir sollen darauf vertrauen, dass Jesus Christus uns so annimmt, wie wir sind. Wir dürfen daran glauben, dass er uns liebt. Das ist der Hauptinhalt seines Gerichtes und seines Urteils. Wenn wir das an uns selber erfahren und diese Gewissheit in uns tragen, dann fließt sie von innen nach außen.
Deshalb gehört zu dem, was unsere Epistel thematisiert, noch ein letzter Gedanke: „Das Gericht Christi“ betrifft nicht nur unsere Seele und unser persönliches Umfeld. Es wirkt sich auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben aus.
Es geht durch Europa zurzeit ja ein bedenklicher Rechtsruck. Viele Menschen haben Angst vor den Fremden, die zu uns kommen. Sie haben Vorurteile: Die Flüchtlingen akzeptieren unsere Werte nicht, wollen sich nicht integrieren und unterwandern unsere Gesellschaft mit dem Islam. Es sind auch Terroristen darunter. So denken sie. Deshalb ist es besser, sich abzuschotten, ihre Einreise zu verhindern und sich gegen sie zu wehren. Solche Töne hört man jetzt überall.
Aber woher wissen wir eigentlich, dass die Menschen, die zu uns kommen, uns schaden wollen? Das alles sind Urteile, die wir fällen, bevor wir sie kennen gelernt haben. Angst steckt dahinter, und die ist – genauso wie der Ärger – eine zerstörerische und negative Kraft. Sie tut niemandem gut, hilft uns nicht weiter und führt nicht zum Frieden. So ist es besser, wenn wir mit diesen Sorgen ebenfalls zu Jesus gehen und sie uns abnehmen lassen. In seiner Gegenwart wird unser Herz weit, Liebe zieht ein und hilft uns, fremde Menschen willkommen zu heißen.
Wir „bereiten Christus damit den Weg“ (Jes. 40, 3), er zieht in unser Herz und in unsre Gesellschaft ein. Die Kraft der Liebe und Barmherzigkeit setzt sich durch. Gerade in der Adventszeit ist das unser Auftrag, dazu sind wir als Christen durchaus „verpflichtet“. „Wir können uns zwar den ganzen Tag ärgern, aber wir müssen es nicht.“ Lassen Sie uns viel lieber dafür Sorge tragen, dass der Friede Christi, der höher ist als alle Vernunft, unsre Herzen und Sinne in Jesus Christus bewahrt.
Amen.

Die Waffen des Lichtes

Predigt über Römer 13, 8- 14: Die Liebe als Erfüllung des Gesetzes

1. Sonntag im Advent, 29.11.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
„Die Hauptstadt der Unzucht und Laster“, so bezeichnete eine „treue Gruppe der Armee des Kalifats“ – wie die Terroristen sich selber nennen – Paris. Sie nannten damit den Grund für ihre Anschläge am 13. November, mit denen sie die ganze Welt erschüttert haben. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat sich zu den abscheulichen Taten bekannt, und wir sind alle erschrocken und aufgewühlt.
Es beunruhigt uns schon lange, was diese Menschen im Na-hen Osten treiben. Nun rückt der Krieg, den sie führen, immer näher. Es sind religiöse Fanatiker, die in verheerender Weise meinen, das Gute zu tun. Am liebsten würden sie die Welt von aller Sünde und allen Lastern befreien, und deshalb muss jeder sterben, der nicht ihren Vorstellungen von einem gottwohlgefälligen Leben entspricht.
Unserem Denken ist das fremd. Wir haben uns längst an uns-ren freizügigen Lebenswandel gewöhnt und genießen ihn. Die Vorstellungen der Islamisten sind für uns vollkommen rückständig und brutal.
In der Bibel finden wir allerdings Stellen, die erinnern uns an das, was die Islamisten sagen, denn sie verurteilen ebenfalls die Laster und die Unzucht. Der Apostel Paulus tut das z.B. mehrfach, so auch in dem Abschnitt aus dem Römerbrief, der heute unsere Epistel und unser Predigttext ist. Es heißt dort am Ende:
„So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht. Sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.“ (V.12b.13.14b)
Paulus hat also auch etwas gegen die Sittenlosigkeit. Er warnt vor dem Lustprinzip, vor einer Vergnügungssucht, die kein Maß mehr kennt. Deshalb erinnert uns seine Einstellung an die radikalen Fundamentalisten.
Was bei Paulus allerdings ganz anders ist, sind die Gründe, die dahinter stehen, und auch die Konsequenzen, die er da-raus zieht. Seine Motivation liegt in dem Erscheinen Jesu Christi und dem, was er für das Heil der Welt getan hat. Und die Antwort auf die Sünden der Welt ist nicht ein rücksichtslo-ses Morden, sondern genau das Gegenteil: Paulus ruft zur gegenseitigen Liebe auf. Den Versen, die ich eben zitiert habe, gehen folgende Worte vorweg: „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ (V.8-10) Paulus erinnert uns also an das, was Jesus gelehrt und gelebt hat: an die göttliche Liebe.
Dabei spielt sowohl bei Jesus als auch bei Paulus die Vorstellung eine Rolle, dass diese Liebe in ihrer ganzen Fülle noch kommen wird. Beide erwarteten das Reich Gottes, das Ende dieser Welt und die Wiederkunft Christi. Es wird bald eine ganz neue Weltordnung geben, die von Liebe und Friede untereinander bestimmt ist. Daran glaubten sie, und von dieser Verheißung her sollten die Christen leben. Deshalb raten sie davon ab, sich in der jetzigen Welt oder an sie zu verlieren. Sie ist im Vergleich zu dem neuen das „alte Zeitalter“. Von dessen Gesetzmäßigkeiten sollen sich die Christen nicht bestimmen lassen.
Paulus drückt das so aus: „Und das tut, weil ihr die Zeit er-kennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.“  (V.11) Das ist ein schönes Bild, das Paulus mit dem nächsten Vers noch genauer beschreibt. Er sagt: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.“ (V.12a) Er vergleicht diese Zeit, in der wir uns befinden, mit dem Ende der Nacht und dem ganz frühen Morgen, wo die ersten Lichtstrahlen anbrechen, und man aufwacht, wo ein neuer Tag sich anmeldet und zu neuem Leben und neuen Taten ruft. So ist diese Zeit, in der wir leben, und das soll unser Bewusstsein bestimmen.
Und damit meint Paulus nicht einfach nur ein gewisses Verhalten, für das wir uns entscheiden können, sondern ein neues Sein. Das wird an einem weiteren Bild deutlich, das er für dieses neue Leben gebraucht. Er sagt am Ende: „Zieht an den Herrn Jesus Christus.“ (V. 14a) Wie die Kleidung, die wir tragen, soll Jesus für uns sein. Er ist die Hülle, die uns umgibt und an der wir zu erkennen sind. Wer die Christen erlebt, soll wahrnehmen, was sie ausmacht und erfüllt.
Und das ist etwas völlig anderes als religiöser Fanatismus. In drei Schritten können wir uns klar machen, was diese Worte für uns bedeuten.
Zunächst einmal ist für Paulus die neue Welt schon da. Jesus Christus hat mit seinem Tod und seiner Auferstehung das Reich Gottes geöffnet. Wir müssen es also nicht selber herstellen. Es hängt nicht an uns und unserer Aktivität, ob es kommt. Es muss niemand dafür bekämpft und schon gar nicht ermordet werden. Wir müssen uns innerlich vielmehr darauf einstellen. Es gibt in dieser alten Welt bereits eine neue Welt, die wir gewinnen und in der wir leben können.
Und das heißt als Zweites, dass wir nicht die anderen, sondern uns selber ändern müssen. Es geht um unser Bewusstsein und die Frage nach den Prioritäten in unserem Leben. Dabei predigt Paulus hier keine Moral und kein Gesetz. Das sagt er ja selber. Er zählt einzelne Gebote auf und betont, dass es um die nicht geht. Er will uns also nichts vorschreiben, sondern nur ermahnen. Und zwar sollen wir einmal nach dem fragen, was das Wichtigste und was gut für uns ist.
Es gibt zerstörerische Kräfte, nicht nur außerhalb von uns selbst, sondern auch in unserem Inneren. Ein zügelloses Le-ben tut niemandem gut. Es ist rücksichtslos und egoistisch und führt oft zu Ungerechtigkeit. Es kann auch krank machen, und glücklich werden wir dadurch ebenfalls nicht. Denn so ein Leben nach dem Lustprinzip ist von Erwartungen und Wünschen geprägt, und die gehen oft nicht in Erfüllung. Es bleibt immer irgendetwas zu wünschen übrig. Die Menschen z.B., mit denen wir zusammenleben, sind nicht so, wie wir sie gern hätten. Wir setzen uns gegenseitig nur unter Druck. Und so verdüstern sich unsre Seele und unser Miteinander eher, als dass das Leben schön wird. Nicht umsonst vergleicht Paulus dieses Verhalten mit der Nacht. Es ist demnach gut, wenn wir uns an etwas anderem orientieren, als an unseren Leidenschaften. Dazu lädt Paulus uns hier ein. Das ist der zweite Punkt.
Und drittens nennt er eine ganz konkrete Alternative: Es ist die Liebe, denn in ihr „wird das ganze Gesetz erfüllt“. Sie ist die neue Dimension, die uns die Richtung weist. Sie ist wie ein „neuer Tag“ mit neuem Licht. Wir sollen uns für sie öffnen und bereithalten. Dann wird unser Leben schöner und heller. Und das heißt, dass wir einmal nicht zuerst nach unseren eigenen Bedürfnissen fragen, sondern nach denen der anderen, dass wir ihre Nöte beachten, ihre Fehler akzeptieren, für sie da sind und ihnen helfen. Das ist nicht so einfach, denn dazu gehört es, dass wir von unseren Erwartungen Abstand nehmen. Wir müssen uns einmal ganz bewusst von unserem Wollen verabschieden und selbstlos werden.
Aber es lohnt sich, denn wir lassen uns stattdessen ja von der Liebe Jesu leiten, und dabei wendet er sich uns zu. In seiner Gegenwart bekommen wir alles, wonach wir uns sehnen. Un-sere eigenen Bedürfnisse müssen wir plötzlich gar nicht mehr so ernst nehmen. Wir können uns davon lösen, weil wir uns ganz tief geliebt und gesehen wissen. Und so werden wir dazu befreit, einander wirklich zu lieben. Konflikte und Spannungen lösen sich auf. Wir können uns an den anderen Menschen freuen und sind dankbar, dass es sie gibt. Die Liebe macht unser Herz weich und froh. Sie bringt Licht und Wärme in unser aller Leben.
Und das ist das beste Mittel gegen die Nacht der Sünde, ge-gen den Terrorismus und die Angst davor. Danach sehnt sich auch jeder. Nicht umsonst hatte nach den Terroranschlägen in Paris ein kleines Gespräch zwischen einem Kind und seinem Vater, das sie vor einem Reporter führten und das im Internet veröffentlicht wurde, bereits mehr als 400.000 Zuschauer:
Das Kind hatte Angst und dachte, dass sie nun umziehen müssten. Darauf sagte der Vater: „Wir müssen nicht umziehen. Frankreich ist unser Zuhause.“ Doch sein Sohn ließ sich nicht beirren: „Aber sie haben doch Waffen. Und sie können auf uns schießen, weil sie doch so böse sind.“ „Sie haben vielleicht Waffen, aber wir haben Blumen. Schau dir die Leute an, sie alle legen Blumen nieder. Damit kämpfen sie gegen Waffen.“ „Sie beschützen uns mit Blumen?“ „Genau.“ Und auf die Nachfrage des Reporters sagte der Junge: „Jetzt fühle ich mich besser!“
Die Liebe ist stärker als der Terror, diese Botschaft enthält das Gespräch. Und dazu können wir beitragen. Wir können nicht die ganze Welt verändern, aber wir können dafür sorgen, dass es hier und da heller wird. Dann kommt Christus in die Welt und ist gegenwärtig. Lassen Sie uns die Ermahnungen des Paulus also ernst nehmen und „aufstehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt nahe“. Lassen Sie uns „ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“.
Amen.