Lasst eure „Liebesflammen lodern“

Predigt über 2. Mose 3, 1- 10: Moses Berufung

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 5.2.2017, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

2. Mose 3, 1- 10

1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
2 Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
3 Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
4 Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.
5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr aGeschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.
8 Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.
9 Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen,
10 so geh nun hin, aich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

Liebe Gemeinde.

Wer in Japan in einem traditionellen Hotel übernachtet, einem sogenannten Ryokan, der muss seine Schuhe am Eingang ausziehen und in die bereit stehenden Hausschuhe schlüpfen, sonst würden sich die Gastgeber brüskiert fühlen.
Doch nicht nur dort ist das Ausziehen der Schuhe vor dem Betreten eines Raumes oder Gebäudes üblich. Auch wer in eine Moschee geht, legt die Schuhe am Eingang ab, und zu Hause tun das ebenso viele Menschen.
Es gibt für dieses Ritual verschiedene Begründungen. Hauptsächlich hat es natürlich etwas mit dem Schmutz zu tun, der oft an den Schuhen haftet. Der soll nicht in die Wohnung oder den Raum getragen werden.
In der Religion wird das Ausziehen der Schuhe dagegen noch weitergehend begründet, und zwar ist es immer dann gefordert, wenn der Ort, den ein Mensch betritt, als heilig gilt, d.h. wenn Gott dort gegenwärtig ist. Der Mensch darf sich ihm dann nur in „heiliger Scheu“ nähern. Die Schuhe auszuziehen ist ein Zeichen von Ehrfurcht: Man erscheint so vor Gott, wie man geboren wurde, nämlich barfuß. Auch im Tempel von Jerusalem gingen die Priester deshalb barfuß, und der Tempelberg durfte nicht mit Schuhen betreten werden.

In der Bibel kommt dieses Ritual mehrfach vor, so auch in der Geschichte von Moses Berufung. Wir haben sie vorhin gehört. Sie markiert den Anfang von Moses besonderem Weg, seine Ernennung zum Mann Gottes und Anführer seines Volkes. Vorher war er ein einfacher Hirte und als solcher „hütete er die Schafe seines Schwiegervaters.“ Bei seinen Wanderungen „über die Steppe“ kam er nun eines Tages „an den Berg Gottes, den Horeb“, und dort sah er etwas Sonderbares: Er erblickte einen brennenden Dornbusch, der auf geheimnisvolle Weise von den Flammen nicht verzehrt wurde. Das machte Mose neugierig und er dachte bei sich selbst: „Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.“ Und er näherte sich.
Doch Mose sah nicht nur etwas, gleichzeitig wurde er gesehen, und zwar von Gott. Und der sprach nun zu Mose. Er „rief ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose!“ Er kannte ihn also und hatte offensichtlich etwas mit ihm vor. Zunächst warnte er ihn allerdings, sich der Erscheinung zu nähern. „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!“ Das hörte Mose als erstes und er gehorchte. Daraufhin offenbarte ihm Gott, dass er es war, der zu ihm sprach, der Gott seiner Väter. Mose verhüllte deshalb sein Angesicht, wie er es gelernt hatte, und dann empfing er den Auftrag Gottes: „Geh hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ Gott hatte „das Elend seines Volks in Ägypten gesehen, ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört“ und „ihre Leiden erkannt.“ Mose sollte sie befreien und in ein „gutes und weites Land“ führen, „ein Land, darin Milch und Honig fließt.“

Das ist die Erzählung, und die kennen sicher die meisten von Ihnen. Sie markiert in der Bibel und in der Geschichte Israels ein wichtiges Ereignis, einen Einschnitt, denn hiermit beginnt bereits die Errettung Israels aus der Knechtschaft in Ägypten. Sie wurde mit dem Auszug wahr, führte zum Bundesschluss am Sinai und kam mit der Einnahme des verheißenen Landes zur Vollendung. Die Berufung Moses, die für das alles den Anfang bildete, hatte also eine ausschlaggebende Bedeutung und viele Folgen.
Dabei enthält der Bericht einige typische Elemente einer Gottesbegegnung. So ist es im Alten Testament immer, wenn Gott sich offenbart und einzelne Personen beauftragt: Es geschieht irgendetwas etwas Außergewöhnliches, etwas nicht Alltägliches: Licht spielt eine Rolle, meistens in Form von Feuer oder Flammen, oft kommt auch ein Sturm auf, oder Wind und Wolken, die in übernatürlicher Weise das Erscheinen Gottes begleiten. Und von den Menschen wird immer Ehrfurcht erwartet. Das Ausziehen der Schuhe ist dafür nur ein Zeichen. Dass Mose sein Angesicht verhüllte, war ebenso üblich, auch gingen die Menschen dabei meistens auf die Knie oder fielen zu Boden. Sie hörten eine Stimme und gehorchten. Denn Gott nahm sie in Anspruch.
Das erlebten allerdings nur Personen, die besonders ausgewählt waren, Propheten, Priester oder Könige. Dem allgemeinen Volk blieb die Gegenwart Gottes normaler Weise verborgen. Er begegnete ihnen dann durch diese Menschen, die er dafür beauftragt hatte.
Als Erzählungen sind die sogenannten Theophanien, d.h. Berichte über die Erscheinung Gottes interessant und spannend. In der Theologie des Alten Testamentes sind sie auch ein wesentliches Element. Doch bedeuten sie noch etwas für uns? Haben sie inzwischen nicht eher den Charakter von Legenden oder Märchen? Was sollen wir damit anfangen? Das müssen wir uns fragen.

Dabei hilft es uns, dass diese Geschichte heute, am letzten Sonntag nach Epiphanias, die alttestamentliche Lesung ist. Das ist natürlich kein Zufall. Das Thema ist an diesem Sonntag die „Verklärung Christi“. Auch die Geschichte haben wir vorhin gehört. (Matthäus 17,1-9)  Sie erzählt eine Begebenheit im Leben Jesu, bei der auch er dreien seiner Jünger einmal in einem besonderen Licht erschien. Sie wurden in dieses göttliche Licht hineingenommen, fielen zu Boden und hörten aus einer Wolke die Stimme Gottes. Sie offenbarte ihnen, dass Jesus der Sohn Gottes war. Wenn er von den Toten auferstanden ist, sollten sie das der Welt verkünden.
Es gibt zwischen den beiden Erzählungen von heute also einige Parallelen, und das ist wichtig. Bei der Verklärung Jesu hat Gott sich ein letztes Mal in der Weise offenbart, wie es uns im Alten Testament oft berichtet wird. Seit Jesu Tod und Auferstehung ist das nicht mehr geschehen, denn nun ist es nicht mehr nötig. Jetzt ist er immer da, und jeder und jede kann ihn sehen und zu ihm kommen. Das ist das Evangelium, die gute Botschaft, an die wir als Christen glauben.
Die Frage ist allerdings, wie das vor sich geht und was das für unser Leben bedeutet. Und dabei kann uns die Geschichte von Mose und dem brennenden Dornbusch helfen. Wir können sie auf unseren Glauben übertragen und die einzelnen Ereignisse symbolisch verstehen. Dann gibt sie uns viele schöne Hinweise.
Zunächst einmal ist das Feuer, das den Busch nicht verzehrt, ein gutes Gleichnis für die Gegenwart Christi: Sie ist hell und warm und kraftvoll, aber sie zerstört nichts. Die Flammen sind anders als die eines natürlichen Feuers, denn es sind „Liebesflammen“ (Evangelisches Gesangbuch 251,1), die gut tun und uns erfüllen können. Und im Unterschied zum brennenden Dornbusch lodern sie immer und überall. Wir müssen nur hinzutreten und uns Christus nähern.
Es ist allerdings gut, wenn wir uns dafür auch Zeit nehmen und bildlich gesprochen „unsere Schuhe ausziehen“. Das ist ein schönes Symbol dafür, dass wir Ehrfurcht vor Christus haben und etwas Besonderes von ihm erwarten. Wo er gegenwärtig ist, wandelt sich der Ort, an dem wir sind, in „heiliges Land“.
Und dann dürfen wir damit rechnen, dass auch wir gesehen und gerufen werden. Christus kennt uns bei unserem Namen und er will uns in Anspruch nehmen. Es ist also wichtig, dass wir hören und gehorchen und ihm unser Leben zur Verfügung stellen, unsere Zeit und unsere Kraft, unser Fähigkeiten und unsere Liebe.

Die Frage ist allerdings, ob wir das überhaupt wollen. Möchten wir Christus gehören und so wie Mose einen besonderen Auftrag empfangen? Das klingt einerseits ja ganz schön und einladend, aber andererseits auch herausfordernd. Unser Leben läuft doch auch ohne Glauben und Religion, ohne Christus oder die Bibel ganz gut.
Diesen Einwand hören wir öfter und haben ihn manchmal wohl auch selber. Wir zweifeln gelegentlich daran, ob der Glaube sich lohnt. Lassen Sie uns darüber also noch einmal nachdenken. Dafür können wir den Spieß umdrehen und fragen: Stimmt das überhaupt, dass es uns ohne Christus gut geht? Ein Leben ohne Glauben kann doch genauso zweifelhaft sein. Wie sieht es denn aus? Dafür können wir die Geschichte von Mose ruhig als Beispiel nehmen. Er war vor der Begegnung mit Gott ein einfacher Hirte, hatte eine Frau und einen Schwiegervater und war mit dessen Schafen unterwegs. Er war also nichts besonderes, und das können wir auf uns übertragen: Unser Leben ist normal und alltäglich. Wir bewegen uns in den üblichen Mustern, haben Aufgaben und Kontakte und versuchen irgendwie klar zu kommen. Manchmal gelingt das, manchmal allerdings auch nicht. Es gibt viele Hindernisse für ein ruhiges und zufriedenes Leben.
Ein großes Problemfeld ist z.B. unser Miteinander. Die sozialen Strukturen sind nicht für alle förderlich und heilsam. Im Gegenteil: Wir können auf der Strecke bleiben, denn zum Überleben gehört immer ein Kampf, und oft führt jeder oder jede den für sich allein. Es gibt viel Konkurrenz und Neid, sowohl in Familien, als auch in Betrieben oder Gruppen. Wir arbeiten nicht immer mit den anderen Hand in Hand, sondern sind häufig auf uns gestellt. Denn die Hauptantriebskraft für unser Verhalten ist normaler Weise der Egoismus: Irgendwie will jeder auf seine Kosten kommen. Und daraus entstehen leicht Ungerechtigkeiten. Wir vernachlässigen einander, sind rücksichtslos und unachtsam, enttäuschen oder verletzen uns gegenseitig. Das alltägliche, „normale“ Leben ist gar nicht nur schön und einfach, das sollten wir zugeben. Und Lösungen für die vielen Probleme, die wir so miteinander haben, gibt es auch nicht immer.
Auf diesem Hintergrund ist es durchaus spannend, neugierig auf etwas zu sein, das unseren Alltag sprengt, eine übernatürliche Kraft- und Liebesquelle zu suchen. Und genau die wurde uns durch das Erscheinen Christi geschenkt. Wir müssen also gar nicht weit gehen oder lange forschen. So wie Mose zu dem brennenden Dornbusch geführt wurde und ganz nah da heran kam, können wir einfach auf Christus vertrauen und zu ihm rufen. Er will uns mit seinen Flammen entzünden und uns erfüllen. Er kennt und liebt uns und enttäuscht uns nie. Von ihm werden wir ganz angenommen. Deshalb schmilzt unser Egoismus in seiner Gegenwart, wir werden befreit und erlöst. Wir müssen nur hinzutreten, „unsere Schuhe ausziehen“, hören, gehrochen und uns von ihm in Anspruch nehmen lassen. Dann finden wir Ruhe und unser Leben verändert sich. Ein Feuer wird in unserem Geist entfacht, das uns stärkt und lebendig macht. Es ist das Feuer der Liebe Christi. Mit ihm wird unser Leben viel schöner und heller, als es vorher war. „Liebesflammen“ werden entzündet.
Dieser Ausdruck stammt von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1725) aus dem Lied „Herz und Herz vereint zusammen“ (EG 251). Er hat darin wunderbar beschrieben, wie eine christliche „Liebeskette“ entstehen kann. Sie ist die letzte Folge eines Hinzutretens zum Licht Christi, und auch sie hat eine Parallele in der Geschichte von Moses Berufung: So wie Mose sein Volk aus der Knechtschaft führen durfte, so können auch wir andere anstecken, mitnehmen und befreien. Denn wir sehen sie durch die Nähe Christi mit neuen Augen. Der Mitmensch ist nicht mehr ein Konkurrent oder Gegner, sondern ebenfalls ein Geschöpf, das von Gott geliebt wird. Das erkennen wir, und so entsteht ein ganz neues Miteinander.
Wir können das in jeder Gemeinschaft erleben und praktizieren, in der Familie, im Kollegenkreis und natürlich in der Gemeinde. Sie ist sogar der bevorzugte Ort, um diese neue Verbundenheit einzuüben. Wir können unsre „Herzen vereinen“ und gemeinsam die „Liebesflammen“ brennen lassen. Dann werden alle, die an Christus glauben, zum neuen „Volk Gottes“: Sie sind befreit und gesegnet und werden reich beschenkt.

Amen.

Ein Licht geht auf in der Finsternis

Predigt über Matthäus 4, 12- 17: Der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa

1. Sonntag nach Epiphanias, 8.1.2017, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Es gibt Orte auf der Erde, die liegen so eingekeilt zwischen den Bergen, dass im Winter dort kein Sonnenstrahl hinkommt. Die Menschen wohnen dann mehrere Wochen lang in dem tiefen Schatten, den die Berge werfen. In Viganella in Italien ist das z.B. so, aber auch in Norwegen, Österreich, in der Schweiz und in Kanada gibt es solche schattigen Dörfer. Das schlägt alljährlich auf das Gemüt der Einwohner und erzeugt eine schwermütige und düstere Stimmung. Die Menschen in Viganella und sicher auch in den meisten anderen Dörfern dieser Art wussten sich allerdings zu helfen: Sie bauten auf dem Berg einen riesigen Spiegel, der das Sonnenlicht reflektiert und auf den Dorfplatz lenkt.
Denn im Schatten möchte keiner lange wohnen. Er ist nur in sehr heißen Gegenden und Zeiten begehrt und segensreich, ansonsten verbinden wir mit diesem Phänomen nicht gerade freudige Gefühle. Mit „Schattenseiten“ meinen wir in unserem Sprachgebrauch deshalb auch die Nachteile, die ein Mensch oder ein Vorhaben hat.

Für die alten Griechen hatte das Wort „Schatten“ außerdem eine übertragene Bedeutung und bezeichnete das Unwirkliche eines Gegenstandes, etwas Unbeständiges, Flüchtiges und Nichtiges.
In der Bibel finden wir es ebenfalls an einigen Stellen in dieser Bedeutung, so z.B. in unserem Predigttext, einem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium im vierten Kapitel. Er lautet folgendermaßen:

Matthäus 4, 12- 17

12 Als nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.
13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali,
14 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1):
15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa,
16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«
17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Dieser Abschnitt steht an einer wichtigen Stelle im Matthäusevangelium, und zwar am Anfang der Wirksamkeit Jesu. Vorweg geht die Geschichte, wie Jesus vom Teufel versucht wurde und widerstanden hatte. Damit war die Vorbereitung für seinen Dienst abgeschlossen. Nun kann sein eigentliches Wirken beginnen, und dafür wählt er die Gegend Galiläa mit der Stadt Kapernaum im Norden Palästinas, wie wir hier erfahren. Es sollte der Ausgangspunkt seiner Tätigkeit werden, und die wird im Folgenden zusammenfassend beschrieben. Dafür  zitiert der Evangelist eine Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja. Dort werden diejenigen erwähnt, die „in der Finsternis leben“. Dabei bezieht sich diese Aussage auf eine bestimmte geographische Gegend nämlich „das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa.“ Das klingt zunächst also sehr konkret: Jesus ist gekommen, um den Menschen in diesen Gebieten das Heil zu bringen. Sie zählten zu den sogenannten Heiden, also zu denen, die bis dahin nichts von Gott wussten. Doch die Ortsangaben ergeben bei näherer Betrachtung einige Ungereimtheiten. Wir müssen sie eher symbolisch verstehen, und das wird auch im weiteren Verlauf deutlich. Denn nun wird über „das Volk“, das in dieser Gegend wohnt, eine allgemeine Aussage gemacht: Sie „sitzen in der Finsternis und im Land und Schatten des Todes.“
So haben die Griechen diese Stelle aus dem Alten Testament übersetzt. Dabei haben sie das Wort „Schatten“ sicher ganz bewusst gewählt, im hebräischen Urtext steht es nämlich nicht. Denn im Alten Testament wird der Schatten immer eher positiv verstanden und als Schutz vor der Hitze gesehen. An unserer Stelle steht im Urtext deshalb das Wort „Finsternis“, und das hat einen eindeutig negativen Klang. Es kennzeichnet gegenüber dem Licht das Elend, die Todesgefahr, ja sogar die Todeswelt. Die Griechen haben das zu Recht mit ihrem Wort „Schatten“ übersetzt, oder genauer „Todesschatten“. Denn hier ist tatsächlich die Vergänglichkeit und Nichtigkeit gemeint, die Sphäre der Verdammnis und des Untergangs.
In sie hinein ist ein „großes Licht“ aufgestrahlt, das ist jetzt die eigentliche Aussage. Gottes Gegenwart ist erschienen und sie macht alles neu. Denn Gott schafft Heil und Leben. Und das gilt der ganzen Welt. Jesus ist dieses aufstrahlende Licht, das neue Gestirn. Durch ihn ist die Zeit des Verlorenseins beendet, denn das Licht trifft auf die „Schatten des Todes“ und führt die Menschen aus der „finsteren Gegend“ heraus. Jesus schenkt ihnen eine endzeitliche Rettung.
Das ist hier die Botschaft, und die ist wie eine Zusammenfassung des ganzen Evangeliums. Sie endet mit dem, was wir als Überschrift zur Predigt Jesu verstehen dürfen: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Das heißt: Tretet heraus aus den „Schatten des Todes“ und schaut in das Licht. Nehmt es an, folgt dem, der euch das Heil bringt und lasst euch retten!
Wir werden also noch einmal an die Weihnachtsbotschaft erinnert und aufgefordert, ihr zu glauben. In der Geburt Jesu ist das ewige Licht erschienen, und es gilt der ganzen Welt. Das Heil ist offenbar geworden und wir sollen es annehmen.
Die Frage ist allerdings, wo dieses Licht denn nun scheint. Ist es wirklich da? Ist die Welt nicht genauso finster wie eh und je? Und ist es nicht ziemlich weltfremd, davon zu reden, dass in Jesus ein neues Licht aufgestrahlt ist? So lautete am Heiligabend der Kommentar eines Gottesdienstbesuchers. Ich weiß nicht so genau, warum er überhaupt da war, denn es war ja zu erwarten, dass er so etwas zu hören bekommt. Natürlich predigen wir zu Weihnachten, dass es eine ewige Rettung gibt, dass Gott zu uns gekommen ist und uns Licht schenkt.
Zwischen Tür und Angel konnte ich auf die Frage, wie weltfremd das ist, natürlich nicht eingehen. An dieser Stelle möchte ich das allerdings einmal tun, und zwar mit einer Gegenfrage: Ist es nicht viel weltfremder, das nicht zu glauben? Bereits die Griechen gingen davon aus, dass unser Dasein, so wie wir es kennen, etwas Schattenhaftes an sich hat. Das Reich der Sinne ist von vorne herein nichtig und vergänglich. Wir halten es nur für beständig, in Wirklichkeit verwechseln wir da etwas. Was wir in dieser Welt sehen und hören, schmecken und anfassen, erleben und erfahren, ist dem Tod geweiht und nur ein Abbild. Das Urbild sehen wir nicht, es steht aber hinter allem und hat ewigen Charakter. In Jesus Christus ist es aufgestrahlt, das ist die Botschaft des Neuen Testamentes, und dieses Licht ist viel wirklicher als alles andere.
Um es zu erkennen, müssen wir also aufhören, uns täuschen zu lassen. Und das heißt, wir müssen mit der Welt und unseren Sinnen einmal anders umgehen, als wir es normalerweise tun. Normalerweise versuchen wir, den Tod und das Leid, d.h. die Finsternis zu vertreiben, indem wir uns ablenken und zerstreuen. Unsere Welt ist dunkel, das merken wir alle, und um das auszuhalten, veranstalten wir alle mögliche. Wir geben es nicht wirklich zu, weichen aus, machen einfach die Augen zu und fragen nicht weiter. Meistens sind wir unehrlich und machen uns etwas vor. Wir schalten künstliche Lichter an.
Und dabei merken wir nicht, wie sie uns blenden und uns den Blick für das wahre und ewige Licht verstellen. Wir lassen uns lieber täuschen und tun so, als sei alles in Ordnung. Wir führen ein schattenhaftes, nichtiges und vergängliches Dasein und machen uns keine Gedanken. Unser Lebensstil ist eine einzige riesige Verdrängungsstrategie.
Und dabei geben wir uns mit viel zu wenig zufrieden. Wir lassen uns mit vorläufigen Gütern sozusagen abspeisen. Wir könnten eine Nahrung empfangen, die uns zutiefst sättigt, uns reicht aber das Leichte und wenig Schmackhafte, das, was bald wieder Hunger erzeugt und uns nie zufriedenstellt.
Und genau damit müssten wir einmal aufhören. Das meint Jesus, wenn er sagt: „Tut Buße!“ Es heißt: Wacht auf, seid ehrlich und macht euch nichts vor. Erwartet mehr vom Leben, lasst euch wirklich trösten und empfangt das ewige Heil.
Ganz einfach ist das nicht, denn es heißt, dass wir die Dunkelheit der Welt zunächst ertragen müssen. Es gilt, alles Unvollkommene und Böse, alles Bedrückende und Bedrängende einmal auszuhalten, ohne gleich etwas dagegen zu tun.
Und das heißt, es geht auch nicht um Frömmigkeit oder irgendwelche Glaubenspraktiken. Als Christen müssen wir da aufpassen. In subtiler Weise können wir nämlich doch wieder alles selber machen. Unversehens wird unser Glaube eine selbstgemachte Strategie, ein künstliches Licht, das gar nicht richtig scheint. Das merken wir spätestens dann, wenn er uns in Leid und Anfechtung doch nicht trägt, wenn er in Bedrängnis versagt und durch eine notvolle Situation mit in den Abgrund gerissen wird. So ein Glaube ist nicht gemeint. Wir müssen vielmehr wirklich still halten, geduldig sein und auf uns nehmen, was uns quält. „Radikale Akzeptanz“ ist das Stichwort, das dafür in der Psychologie verwendet wird.
Denn das wahre Licht ist längst da, wir müssen es nicht selber anschalten, weder durch Frömmigkeit noch durch weltliche Veranstaltungen. Im Gegenteil, je weniger wir das versuchen, umso eher können wir es sehen. Es leuchtet hinter allem und kann in die „Schatten des Todes“ hineinfallen.
Wir müssen unsere Seele und unseren Geist nur dem Licht Christi aussetzen. Unser Inneres kann wie ein großer Spiegel sein, der das ewige Licht reflektiert. Es ist so wie in den schattigen Bergdörfern: Das Licht scheint dort im Winter nicht direkt, aber durch die Spiegel wird es in die Täler gelenkt und kann alles erhellen. Genauso kann das ewige Licht, das Christus gebracht hat, durch unsere Seele und unseren Geist in unser Leben hineinscheinen. Das können wir uns so vorstellen, es ist ein schönes Bild für das Licht, das „im Land der Finsternis“ aufgeht.
Das gilt es, zu beherzigen, dann wird es wirklich hell. Die Schatten machen uns keine Angst mehr, der Tod wiegt nicht mehr schwer und wir werden realistisch. Alles Nichtige verflüchtigt sich. Wir kommen mit dem ewigen Licht in Berührung und erkennen darin, wie die Welt wirklich ist.
Amen.

Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben

Predigt über Johannes 14, 1- 6: Jesus, der Weg zum Vater

Neujahr, 1.1.2017, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Haben Sie schon einmal eine längere Wanderung gemacht? Dann kennen Sie sicher auch die Erfahrung, sich dabei zu verirren. Solche Geschichten kann fast jeder erzählen, der sich darauf einlässt. Obwohl man die richtigen Karten hat, stimmen die plötzlich nicht mehr mit der Realität überein. irgendwo ist man falsch abgebogen, hat etwas übersehen, und dann fängt das Rätselraten an: Wo bin ich? Wo geht es lang? Eine leichte Panik kommt auf, aber irgendwie und irgendwann klärt sich die Situation wieder, manchmal durch Glück, manchmal dadurch, dass man wieder zurückgeht oder einfach etwas ausprobiert. Der Weg ist wieder klar und die Richtung stimmt.
Jesus kannte die Situation des Wanderns gut, er war ja praktisch immer unterwegs. Und so benutzte er diesen Vorgang gerne als ein Bild. In unserem Predigttext beschreibt er damit, worin das Leben besteht, was darin wichtig ist und wo es hinführt. Er steht im 14. Kapitel des Johannesevangeliums und lautet:

Johannes 14, 1- 6

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.
4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.
5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?
6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Jesus sagt das hier zu seinen Jüngern, kurz bevor er sie für immer verlässt, es ist also ein Teil seiner sogenannten Abschiedsreden. Sie enthalten Mahnungen und Verfügungen, theologische Rückblicke und Segensworte. Hier geht es um die Sendung Jesu, um den Glauben und das Ziel des Lebens. Dabei will Jesus seine Jünger hauptsächlich trösten und beruhigen, denn natürlich waren sie erschüttert, dass die Trennung von ihm bevorstand. Das hatte er ihnen gerade angekündigt. Sie hatten Angst, ihn zu verlieren und mit ihm das Leben. Denn das hatte er ihnen in ganz neuer Weise ermöglicht: Sie hatten seine Wunder gesehen und Worte des ewigen Lebens gehört. Sie waren durch ihn Gott nahe gekommen. Sollte das alles nun vorbei sein? Das fragten sie sich, und Jesus wusste das. Deshalb sagt er als erstes: „Euer Herz erschrecke nicht!“ Er richtet sie also auf und ermutigt sie zum Glauben, und zwar zum Glauben an Gott und an ihn: „Glaubt an Gott und glaubt an mich“, sagt er. Der Sohn und der Vater gehören zusammen, es kann den Glauben an den einen nicht ohne den anderen geben, das kommt hier zum Ausdruck.
Und dann folgt das Bild von dem „Haus Gottes mit den verschiedenen Wohnungen“. Das stammt aus der Literatur des späten Judentums. Da haben Propheten ihre Visionen von der himmlischen Welt aufgeschrieben. Sie stellten sie sich wie eine himmlische Wohnstatt Gottes vor, der von seinem Hofstaat umgeben ist. Dort finden auch die Gerechten ihre Heimat. Jesus nennt diesen göttlichen Ort hier das „Haus meines Vaters“, und er verheißt seinen Jüngern, dass sie dort ihre Bleibestätten finden werden. Es ist das Ziel ihres Lebensweges.
Doch wie erreichen sie das? Das fragt Thomas nun.
Und darauf gibt Jesus ihm die berühmte Antwort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Das ist ein starker Spruch, der bis heute nichts von seiner Strahlkraft verkoren hat. Die beiden Worte „ich bin“ verleihen der Aussage etwas Hoheitliches: Jesus offenbart hier, wer er ist. Wir finden diese Formel an verschiedenen Stellen im Johannesevangelium. Sie ist immer feierlich und würdevoll.
Hier wird dieser Charakter noch dadurch verstärkt, dass Jesus gleich drei Titel nennt, mit denen er beschreibt, wer er ist: „Weg, Wahrheit und Leben“. Aus dem Zusammenhang kann man schließen, dass der Nachdruck auf dem „Weg“ liegt: Jesus ist der Weg zum Vater. Doch das ist schwer zu verstehen, denn für eine Person ist das ein eher ungewöhnliches Bildwort. Deshalb erläutert Jesus es durch die beiden anderen Begriffe: Er ist der Weg zum Vater, weil in ihm die Wahrheit und das Leben liegen. Er hat die „Wahrheit“ Gottes ja offenbart, er hat den Menschen das Heil gezeigt und angeboten, und dadurch hat er ihnen „Leben“ vermittelt. Damit meint Jesus die ganze Fülle des Lebens, das auch nach dem Tod noch weiter geht, d.h. die Befreiung aus dem Todesbereich und die Überwindung der Todesgrenze. Er führt jeden, der an ihn glaubt, in die göttliche Wirklichkeit, er lässt ihn am Leben Gottes teilhaben, des lebendigen Vaters und Ursprungs. Deshalb ist Jesus der „Weg“ zum Vater. Er führt die Gläubigen in die Gemeinschaft mit ihm und damit zum Ziel ihres Lebens.
Das ist hier die Botschaft, und damit kann Jesus die Jünger kurz vor der Trennung tatsächlich gut aufrichten und ermutigen, denn sie ist sehr tröstlich.
Für uns sind das ebenso beruhigende Worte, die uns zeigen, wo es lang geht. Wir müssen sie nur in unser Leben übertragen, und dafür ist das Bild von dem Weg und dem Ziel sehr gut geeignet. Auch unabhängig davon, wie Jesus es hier einsetzt, können wir unser Leben damit beschreiben: Es ist wie eine Wanderung, bei der wir eine Vorstellung davon haben, wo wir hin wollen. Denn unser Leben geht Tag für Tag weiter, und wir haben immer etwas vor Augen, das wir erreichen möchten. Wir haben Wünsche und Träume, Pläne und Vorhaben. Dabei muss es sich gar nicht um irgendetwas Besonderes oder Individuelles handeln. Es gehört zu unserer menschlichen Natur, dass wir uns vorstellen, wie unser Leben am besten sein soll. Das fängt schon damit an, dass wir alle gerne gesund sein wollen. Krankheiten mögen wir nicht, und wir tun viel, um sie zu verhindern und auszukurieren. Aber das ist nicht alles. Auch Erfolg ist ein ganz natürlicher Wunsch, ob im Beruf oder im privaten Bereich: Wir möchten mit dem, was wir können, weiterkommen und Anerkennung finden. Und natürlich will niemand allein sein. Das Streben nach Gemeinschaft ist ein weiteres allgemeines Ziel, das wir alle teilen. Wir wünschen uns Zuwendung und Liebe. Frieden und Wohlstand gehören ebenfalls zu den Dingen, nach denen sich eigentlich alle Menschen sehnen. Krieg und Terror sollen fern bleiben und dort, wo sie toben, doch bitte aufhören.
Solche Gedanken haben wir immer wieder, Gedanken darüber, wie wir uns das Leben vorstellen. Am Anfang eines neuen Jahres bewegen sie uns besonders. Da schauen wir nach vorne und malen uns aus, was wohl alles kommen wird. Einiges haben wir geplant, anderes ist noch offen. Auf jeden Fall soll es uns aber gut gehen, sowohl privat als auch gesellschaftlich.
Doch erreichen wir das auch? Wer zeigt uns den Weg? Wer sorgt dafür, dass wir uns nicht verirren? Der Gedanke an die Zukunft ist immer mit Unsicherheit verbunden, eventuell sogar mit Angst und Sorge. Es ist wie bei einer Wanderung: Wir haben zwar die richtigen Karten, d.h. im Großen und Ganzen wissen wir, was wir tun müssen, aber wir sind nie davor geschützt, den richtigen Weg zu verlieren. Es gibt zu viele Unwägbarkeiten. Das Leben gelingt nicht einfach so, der Druck ist manchmal groß.
Und dahinein ist das Wort Jesu eine wunderbare Botschaft. Um die zu verstehen, ist es gut, wenn wir es von hinten lesen und zunächst auf das Ziel achten, dass Jesus vor Augen hatte: „zum Vater kommen“, darum geht es ihm, das wollte er und das bietet er seinen Jüngern an.
Und das ist ein provozierender Gedanke. Jesus definiert damit nämlich ein ganz anderes Ziel, als wir es tun. Ihm geht es nicht um Gesundheit oder Erfolg, Gemeinschaft und Frieden, also um etwas Innerweltliches, sondern um die ewige Heimat bei Gott, um das Erreichen des Hauses Gottes. Und damit stellt er uns etwas vor, das uns zu denken geben kann, etwas Großes und Wunderbares. Alles andere ist von vorne herein kleiner, denn dieses Ziel weist über die Welt hinaus. Es relativiert unsere irdischen Wünsche, und stellt sie auch in Frage. Das sollten wir jedenfalls einmal zulassen und alles, wonach wir uns sehnen, auf diesem Hintergrund überprüfen. Wir können uns fragen: Ist es wirklich so wichtig, dass wir gesund und erfolgreich sind? Ist es nicht viel entscheidender, dass wir den Himmel nicht versäumen, „dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine“? So ist es in einem Ewigkeitslied aus dem 19. Jahrhundert formuliert. (Evangelisches Kirchengesangbuch, Ausgsbe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 45. Auflage 1984, Nr. 485,4). Wenn wir uns darauf einlassen, fällt ein ganz großer Teil des Drucks, den wir uns normaler Weise machen, von uns ab. Ängste verschwinden, innere Fesseln lösen sich. Wir können uns entspannen und loslassen, weil wir uns auf etwas besinnen, das unseren Geist weitet und unsere Seele befreit.
Und Jesus malt uns nicht nur dieses schöne Ziel vor Augen, er spricht gleichzeitig von dem Weg, der dorthin führt, und das ist gut, denn wie sollen wir den kennen? Jesus weiß, dass das nicht möglich ist. Ein Ziel, das über die Welt hinausweist und uns in eine ganz andere Dimension führt, können wir von uns aus nicht erreichen. Das wäre viel zu viel verlangt. Das ist Jesus klar. Und er sagt auch nicht nur: Ich helfe euch, steh euch bei und zeig euch den Weg, sondern: „Ich bin der Weg.“ und das heißt, wir müssen nur auf ihn vertrauen.
Es geht im Glauben nicht darum, dass wir aus eigener Kraft zum Vater kommen. Wir müssen uns vielmehr auf Jesus einlassen, an seine Offenbarung glauben uns ihm hingeben. Dann werden wir aus dem Bereich des Todes befreit und in die göttliche Wirklichkeit geführt. Jesus bringt die Gläubigen in die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, und damit zum Ziel ihres Lebens.
Und dabei gibt es auch kein Verirren, das ist praktisch ausgeschlossen. Wer auf Jesus vertraut, ist auf der sicheren Seite, ganz gleich, was sonst alles im Leben geschieht. Selbst wenn wir andere Ziele nicht erreichen, sind wir weiter geborgen. Die Gemeinschaft mit Gott lässt sich durch nichts zerstören, im Gegenteil: Sie gibt uns Halt und Trost, wenn einmal etwas schief geht. Wenn wir krank werden, Niederlagen erleiden und einsam sind, dann bleibt Gott trotzdem bei uns, dann sind wir weiter in seiner Nähe. Im Leben und im Sterben kann uns nichts von ihm trennen.
Das ist der große Trost, den Jesus uns hier gibt. Wenn wir ihn annehmen, sind wir in Ewigkeit geschützt und bewahrt.
Und auf wunderbare Weise gehen auch innerweltliche Wünsche dabei manchmal in Erfüllung. Denn es ist zutiefst heilsam, so zu glauben und zu vertrauen, sich so auf Jesus auszurichten. Es gibt uns Kraft und Zuversicht, wir werden gelassen und hoffnungsvoll, das Leben wird schöner und bunter.
Das wichtigste, was wir am Anfang dieses neuen Jahres bedenken und beherzigen sollten, ist deshalb Jesus, denn er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Wer das Glück sucht, indem er andere Ziele verfolgt, soll das gerne tun, „mein Herz allein bedacht soll sein, auf Jesus sich zu gründen“, (Evangelisches Gesangbuch Nr. 346,1) denn das ist heilsamer und befreiender als alles andere.
Amen.

Das Geschenk Gottes

Predigt über Johannes 3, 16: Also hat Gott die Welt geliebt…

Heiligabend, 24.12.2016, 17 und 23 Uhr
Jakobi- und Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Weihnachten ist das Fest der Geschenke, und das gefällt auch den meisten. Kinder freuen sich besonders auf die Bescherung, aber Erwachsenen macht es auch noch viel Spaß. Entsprechend wird in der Vorweihnachtszeit kräftig eingekauft, gebastelt, gepackt und verschickt.
Dabei bemisst sich der Wert eines Geschenkes nicht nur danach, wieviel Geld es gekostet hat. Zum Schenken gehört es, dass wir uns Gedanken darüber machen, was dem anderen vielleicht gefällt und zu ihm passt. Ein Geschenk ist nur dann gut und sinnvoll, wenn es von Herzen kommt. Dann macht es allen Freude, auch dem Gebenden. Es ist ja schön, einem anderen ein kleines Glück zu bereiten. „Es freut mich, wenn du dich freust“, das sagen viele, die heute ihre Lieben beschenken.
Entsprechend enttäuschend und verletzend ist es, wenn ein Geschenk dann doch nicht passt, wenn es lieblos ausgewählt wurde und nicht zusagt. Dann ist die Stimmung im Eimer. Um das zu vermeiden, haben viele Familien das Schenken zu Weihnachten abgeschafft. „Wir schenken uns nichts mehr“, heißt es dann.
Dabei passt es zu Weihnachten, denn es ist das Fest eines ganz großen Geschenks Gottes an die Menschen. Es ist ebenfalls aus Liebe erfolgt und deckt sich wunderbar mit dem, was wir brauchen. Der Evangelist Johannes hat es so formuliert: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Das ist nur ein Satz, aber er enthält das ganze Evangelium. Nicht umsonst ist er zu einem der bekanntesten Sprüche aus dem Neuen Testament geworden. Wir finden hier drei Aussagen von großer Bedeutung.
Erstens wird uns etwas über Gott gesagt, und zwar wird uns verkündet, dass Gott die Menschen liebt. Wir sind ihm nicht gleichgültig, er hat eine enge Beziehung zu uns, er will nicht ohne die Menschen sein. Die ganze Welt liegt ihm am Herzen, denn sie ist sein Werk und er möchte sie erhalten. Er will hier wohnen und natürlich wartet er auf Gegenliebe. Er möchte erkannt und selber geliebt werden. So jedenfalls redet die Bibel über Gott, so glauben es die Juden und Christen.
Doch genau damit hapert es, denn die Menschen gehen ihre eigenen Wege. Sie fragen nicht nach Gott und wenden sich von ihm ab. Deshalb hat er seinen Sohn geschickt, d.h. er ist selber als Mensch erschienen. Er wurde uns gleich, damit wir ihm endlich nahe sein können. Er wollte unser Bruder sein, unser Helfer und Tröster. Das ist der erste Punkt, der in dem Satz zum Ausdruck kommt: Die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen.
Als zweites wird gesagt, worin unser Part liegt, was geschehen muss, damit wir die Liebe Gottes auch spüren und empfangen: Wir sind zum Glauben eingeladen. Von „allen, die an ihn glauben“, ist hier die Rede, und damit sind die gemeint, die das Geschenk Gotte annehmen, sich darüber freuen und es sich zu eigen machen. Es gilt, dass auch wir Kontakt zu Gott aufbauen, mit ihm rechnen, ihn unsererseits lieben und ehren. Jede Beziehung ist nur dann lebendig und schön, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht, wenn beide Beteiligten sie leben und beachten. Das ist der zweite Punkt.
Und drittens wird gesagt, welche Folgen es hat, an Gott zu glauben und sein Geschenk anzunehmen: Wir sind „nicht verloren, sondern haben das ewige Leben“. Dahinter steht die Vorstellung, dass es eine Gefahr gibt, eben das „Verlorengehen“. Damit meint die Bibel einen Zustand des Unglücks und der Gottesferne, des Gerichts und der Verdammnis. Und das heißt, das Leben kann misslingen. Es gibt zerstörerische Kräfte, die uns verschlingen wollen. Wir stehen immer an einem Abgrund, in den wir hineinstürzen können.
Wer an Jesus Christus glaubt, ist davor bewahrt, er wird gehalten und gerettet, er gewinnt „das ewige Leben“.
Das ist die Botschaft von Weihnachten, und es ist gut, wenn wir sie ernst nehmen.
Gerade was den letzten Punkt betrifft, so stimmen wir da sicherlich überein. Wir haben das Gefühl, in schlimmen Zeiten zu leben. Der Terror ist überall, auch in Deutschland ist er angekommen. Abscheuliche Taten werden begangen, Angst und Schrecken greifen um sich. Viele fürchten sich mehr als sonst und fühlen sich unsicher.
Andere sagen in dieser Situation bewusst: „Jetzt erst recht! Wir lassen uns unsere Freiheit und Offenheit nicht nehmen, wir leben, wie wir wollen und für richtig halten, die Angst soll nicht siegen.“ Und das ist gut, das dürfen wir auf keinen Fall aufgeben. Toleranz und Freiheit, Gleichberechtigung, Sicherheit und Gerechtigkeit sind die großen Errungenschaften einer modernen Gesellschaft. Wir dürfen uns davon nicht abbringen lassen.
Doch wie besiegen wir die Furcht und können fröhlich bleiben? Wie kann das Leben gelingen?
In Berlin sind zwölf Menschen gestorben, als der Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt fuhr. Das beschäftigt uns z.Zt. sehr, es berührt uns macht uns traurig. Wir fühlen und leiden mit den Angehörigen der Verstorbenen und den Verletzten. Und es ist notwendig, dass die Politiker überlegen, was sich in unserem Land ändern muss, damit so etwas nicht geschieht.
Lassen Sie uns jetzt aber einmal noch tiefer nachfragen und über einen grundsätzlichen Zusammenhang nachdenken. Wir sollten nicht vergessen, dass der Terror nicht die einzige Gefahr ist, die es gibt. Auf unseren Straßen im Verkehr ist es z.B. viel gefährlicher. Da sterben in Deutschland täglich ungefähr zwölf Menschen. Makaberer Weise haben wir uns daran irgendwie gewöhnt, es wird nicht viel darüber berichtet. Auch ist es keine Nachricht wert, wenn ein Mensch Selbstmord begeht. Dabei passiert auch das täglich, und dahinter steht jedes Mal eine ganz große Not und ein tiefes Leid, Verzweiflung und das Gefühl der Ausweglosigkeit. In unserer Gesellschaft gibt es das zu Hauf.
Das sind zwei Beispiele dafür, dass unser freizügiger Lebensstil, unser Wohlstand und unser Vergnügen uns lange nicht alle Antworten liefern, die wir brauchen. Die Welt ist unsicher und gefährdet, unzählige Bedürfnisse werden nicht befriedigt, Erwartungen nicht erfüllt. Es gibt Enttäuschungen und Krankheiten, Verletzungen und den Tod. Was gibt uns wirklich Sicherheit und Geborgenheit? Woher nehmen wir unsre Hoffnung? Wie können wir lieben? Was ist der Sinn des Lebens, und was geschieht nach dem Tod? Diese und ähnliche Fragen bleiben offen, wenn wir nur weltlich leben, und im Innersten lassen sie eine Unruhe zurück.
In Wirklichkeit ist die Welt viel zu klein für uns. Das sollten wir uns eingestehen. Es ist gut, wenn wir realistisch und nüchtern werden und auf den Boden der Tatsachen kommen. Stimmen, die das Kaufen und Schenken zu Weihnachten kritisieren, sollten wir ernst nehmen. Denn was wir an Schönem und Beglückendem in dieser Welt unternehmen, ist nur dann sinnvoll, wenn wir vorher von etwas Größerem erfüllt sind und unsere tiefste Sehnsucht bereits gestillt ist. Und das kann nicht in der Welt geschehen, durch kein Geschenk und auch keine menschliche Liebe. Denn Gott hat uns zu sich  „hin geschaffen“, wie es der Kirchenvater Augustin bereits im vierten Jahrhundert gesagt hat. „Und ruhelos ist unser Herz solange, bis es ausruhen kann in Dir.“, so geht sein berühmtes Gebet weiter. (Augustinus, die Bekenntnisse, Übertragung, Einleitung und Anmerkungen von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln, 1994,. S. 31)  Er eröffnet damit das Buch seiner „Bekenntnisse“, die Beschreibung seines inneren Weges, und es ist wie eine Überschrift oder Zusammenfassung: Das hatte er eines Tages erkannt. Es war wie das Erwachen aus einem Traum, und er stellte danach Gott an die erste Stelle seines Suchens und Strebens.
Ernesto Cardenal, ein lateinamerikanischer Priester und Dichter des letzten Jahrhunderts, hat denselben Gedanken in seinem „Buch von der Liebe“ so formuliert:
„Alle Menschen werden mit einem verwundeten Herzen und einem unstillbaren Durst geboren. […] Der Vorgang des Essens und Trinkens wurde vom Schöpfer als materielles Symbol dieses Hungers und Durstes nach Gott eingesetzt.
Dieser Durst nach Gott spiegelt sich als innere Unruhe auf den Gesichtern aller Menschen, welche die Straßen, die Läden, die Kinos und Bars bevölkern. Alle Welt trägt einen Wunsch mit sich, viele Wünsche, eine Unendlichkeit von Wünschen: noch ein Gläschen, noch ein Stück Kuchen, noch ein Blick, noch ein Wort, noch ein Kuss, noch ein Buch, noch eine Reise. Mehr und immer mehr. Alle Gesichter verwundet von Unruhe und Wünschen. […] Es ist, als ob wir uns mit einer Nahrung sattessen wollten, die nichts hergibt, oder uns mit einem Wein betrinken, der nicht trunken macht. Die Nahrung füllt uns zwar, aber unser innerster Hunger wird nicht gestillt, sondern eher angefacht. Wir können überdrüssig werden, aber niemals satt.
Und so, wie wir uns von der Tiefe eines Brunnens überzeugen, wenn wir einen Stein hineinwerfen und seinen Aufprall nicht mehr hören, so können wir uns von der Tiefe unserer Seele überzeugen, wenn die Dinge in sie hineinfallen und einfach verschwinden, ohne dass ein Echo nachklingt, ohne dass wir sie fallen hören. Weil Gott auf dem Grund jeder Seele wohnt, ist die Seele unendlich und kann mit nichts gefüllt werden als mit Gott. […] Unser Sein [aber] ist entworfen worden, um Gott zu lieben, um Ihn zu besitzen und Ihn zu genießen, wie die Makrele entworfen wurde zum Schwimmen und die Möwe zum Fliegen.“ (Ernesto Cardenal, Das Buch von der Liebe, Gütersloh, 1978, S. 35ff) Besser kann man es kaum formulieren.
Wir tun also gut daran, wenn wir das Geschenk Gottes annehmen und bei ihm unser Glück suchen. Es gibt eine Ruhe für die Seele und das geängstete Herz. Sie liegt in dem Geschenk Gottes, das er uns zu Weihnachten macht: bei seinem Sohn Jesus Christus, der uns annimmt und uns das ewige Leben gibt. Gott schenkt sich uns selber und es ist gut, wenn auch wir ihm unser Leben geben.
Zum Schenken gehört Gegenseitigkeit: jeder und jede Schenkende freut sich, wenn er oder sie auch etwas bekommt. Mit Gott ist es nicht anders. Deshalb fragt Paul Gerhardt in seinem Weihnachtslied, was er denn nun Gott schenken kann. Und er kommt nicht auf dies oder das, nicht auf irgendwelche Opfergaben oder fromme Leistungen, sondern er sagt: „Ich komme bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist meine Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut nimm alles hin und lass dir‘s wohlgefallen.“ (Evangelsiches Gesangbuch Nr. 37,1)
Das ist ein Gebet an der Krippe, das auch wir sprechen können. Lassen Sie uns das Lied deshalb jetzt singen und mit der Bitte zu Jesus gehen, dass er uns selber nehmen möge. Wir können unser Leben in seine Hand legen und uns ganz ihm anvertrauen. Dann werden wir glücklich und ruhig, alle Ängste verschwinden, wir fühlen uns sicher und in Ewigkeit geborgen.
Amen.

Die nahende Freude

Predigt über Lukas 1, 26-38: Die Ankündigung der Geburt Jesu

4. Sonntag im Advent, 18.12.2016, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Lukas 1,26-38

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause Da-vid; und die Jungfrau hieß Maria.
28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!

29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?
30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?
35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.
36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Liebe Gemeinde.
Am 25. März feiern die katholische und orthodoxe Kirche das „Fest der Verkündigung des Herrn“. Das ist genau neun Monate vor Weihnachten, denn die Gläubigen stellen sich vor, dass Maria in dem Augenblick schwanger wurde, als der Engel Gabriel zu ihr kam und ihr verkündete, dass sie den Sohn Gottes vom Heiligen Geist empfangen und gebären werde.
In der orthodoxen Kirche gibt es für diesen Tag einen Gesang, der lautet: „Heute ist der Anfang unseres Heils, und das Mysterium von Ewigkeit her wird offenbar. Gottes Sohn wird der Jungfrau Kind, und Gabriel überbringt die Frohbotschaft der Gnade. Mit ihm rufen auch wir der Gottesgebärerin zu: ‚Freue dich, Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir.‘“ Maria wird zur „Gottesmutter“, und ihre Verehrung ist für katholische und orthodoxe Christen selbstverständlich.
Martin Luther bezeichnete das Fest der Verkündigung übrigens auch noch als eins „der fürnehmsten Feste“. (s. wikipedia, „Verkündigung des Herrn“) Er hat die Verehrung Marias keineswegs abgelehnt.
Trotzdem ist sie uns evangelischen Christen mittlerweile fremd geworden. Wozu brauchen wir Maria? Was soll das, zu ihr zu beten? Kann uns die Geschichte von der Verkündigung noch etwas sagen?
Wir haben die Schilderung aus dem Lukasevangelium eben gehört. Sie steht dort in der sogenannten Vorgeschichte. Das sind die ersten beiden Kapitel, die u.a. noch einige schöne Lieder und die Erzählung von der Geburt Jesu im Stall beinhalten. Lukas wollte damit die Geschichte Jesu so genau wie möglich von Anfang an erzählen und gleichzeitig zum Glauben an ihn einladen.
Dabei erinnert unser Bericht an ähnliche Schilderungen aus dem Alten Testament, in denen Gott oder ein Engel erscheint. Sie wollen nicht nur informieren, sondern gleichzeitig Gott loben und seine Macht und Liebe besingen.
Das geschieht auch hier. Der Engel kommt unerwartet zu Maria und verkündet ihr etwas Wunderbares und Unfassbares, einen himmlischen Plan. Er grüßt sie mit den Worten: „Der Herr ist mit dir!“ und sagt ihr, was Gott mit ihr vorhat: Sie hat „Gnade bei Gott gefunden“ und wird schwanger werden. Das Kind, das sie gebären wird, soll „Sohn des Höchsten“ heißen. Und dann folgt die zentrale Botschaft der Geschichte, an der deutlich wird, dass es hier um ein Lob Gottes geht. Der Engel sagt weiter: Er, dein Sohn, wird „groß sein“ denn „Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“
Lukas eröffnet sein Evangelium also mit der klaren Ansage, dass Jesus der Sohn Gottes sein wird. Der Mann, von dem er im Folgenden erzählen wird, ist nicht irgendein Prophet, sondern der von Gott Verheißene und Gesandte. Deshalb ist seine Herkunft übernatürlich. Maria hatte mit noch keinem Mann geschlafen, als sie schwanger wurde, sie war Jungfrau. Josef war zwar ihr Verlobter, aber er hatte sie nicht berührt. Das Kind, das in ihr heranwuchs, war vom Heiligen Geist gezeugt. Die „Kraft des Höchsten hatte sie überschattet“, wie Lukas es formuliert.
Im ersten Moment erschrak Maria, als der Engel zu ihr kam, „und dachte: Welch ein Gruß ist das?“ Aber der Engel beruhigte sie mit den Worten „Fürchte dich nicht“. Und während er weiter sprach, legte sich der Schreck Marias und sie willigte in den göttlichen Plan ein. Am Ende sagte sie: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“
„Und der Engel schied von ihr.“ Das ist der letzte Satz.
Wir kennen diese Szene der Verkündigung an Maria gut, und zwar nicht nur aus der Bibel. In der Kunst wurde sie vielfältig dargestellt. Die Bilder zeigen üblicherweise Maria und den Engel im Innenraum eines Hauses. Zuweilen bringt der Engel Maria eine weiße Lilie, das Symbol der Jungfräulichkeit und Reinheit, während die Gesten des Mädchens Überraschung und Berührtsein ausdrücken. Manchmal wird Maria auch in einem Buch lesend dargestellt. Dadurch wird unterstrichen, dass es eine Verbindung mit der Ankündigung des Messias im Alten Testament gibt. Auf vielen Bildern erscheint außerdem der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. Oder die Empfängnis wird durch einen Maria treffenden Lichtstrahl dargestellt.
Offensichtlich regte diese Szene immer wieder die Phantasie der Menschen an, und das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass hier etwas Übernatürliches erzählt wird. Es ist kein alltägliches Geschehen, sondern geheimnisvoll und wunderbar. Es lädt geradezu dazu ein, es künstlerisch umzusetzen und den Gehalt durch Farben und Gesten, Symbole und Gegenstände bildlich darzustellen.
Denn mit dem Verstand erschließt sich die Botschaft dieser Geschichte nicht. Im Gegenteil: Sie steht ihm entgegen. Wer glaubt das heutzutage noch, dass eine Jungfrau schwanger wurde? Wir wissen, dass so etwas biologisch unmöglich ist. Die Geschichte ist eine Legende, so sehen wir das heute.
Doch auch wenn das wohl wirklich so ist, müssen wir sie nicht beiseiteschieben, denn jede Legende oder jedes Märchen enthält immer auch eine Wahrheit. Hier soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Jesus zwar Mensch geworden ist, gleichzeitig aber eine göttliche Herkunft hatte. Bei seiner Zeugung war Gott selber noch einmal schöpferisch am Werk. Die Vorstellung von der Jungfrauengeburt ist dafür auch ein relativ alter Mythos, den es ebenso im Judentum und bei den Griechen gab und der hier von Lukas aufgegriffen und umgestaltet wurde.
Er wollte damit gar keinen biologischen oder geschichtlichen Vorgang beschreiben. Es ist also völlig unangebracht, die Erzählung unter naturwissenschaftlichen Ge-sichtspunkten zu beurteilen. Wir müssen vielmehr nach ihrer Bedeutung für den Glauben fragen, nach ihrem Symbolgehalt und ihrer geistlichen Aussage. Was hier geschieht, kann ein Bild dafür sein, was Glaube konkret bedeutet, und wie Gott an uns Menschen handelt.
Wir können uns das am besten klarmachen, indem wir die drei Personen, die hier vorkommen, einmal näher betrachten: Das sind der Engel, Maria und das Kind, das geboren werden soll.
Von Engeln ist ja heutzutage viel die Rede, sie haben sozusagen Konjunktur. Wir haben zwar noch keine echten, lebendigen Engel gesehen, aber in der Phantasie und in der Bibel gibt es sie trotzdem. Es sind dort die Boten Gottes, d.h. sie kommen von ihm und verkündigen, was er will und denkt.
Zu Maria kam der Engel unerwartet, plötzlich und er kannte keine räumlichen Hindernisse. Er war mit einem Mal da und hat ihr eine frohe Botschaft verkündet. In unserem Leben kann so etwas auch vorkommen, durch einen andern Menschen z.B., der ein gutes Wort für uns hat. Zu Weihnachten verschicken und bekommen wir ja viele Grüße. Vielleicht steht in dem einen oder anderen etwas, das Sie gerade jetzt brauchen und das sie anrührt. Es verändert ihr Bewusstsein, stimmt Sie freudig und macht Sie hoffnungsvoll. Es ist wie ein Engelswort.
Und so etwas geschieht in noch vielen weiteren Situationen. Gott benutzt Menschen, um zu reden und zu handeln. Wir können einander zu Engeln werden. Auch in einem Gottesdienst oder einer Andacht kann das geschehen, bei einer Begegnung oder einer Lektüre. Wir müssen nur so aufmerksam und wachsam sein wie Maria.
Sie ist die zweite Person in der Geschichte und kann uns zeigen, was Glauben bedeutet. Sie ist die Hörende und Empfangende, sie lässt sich von Gott überraschen, öffnet sich und ist bereit. Geduld und Demut gehören zu ihrem Verhalten. Sie ist zugänglich für das wirkende Schöpferwort Gottes, und willigt in seinen Plan ein. Das Wunder der Gottesgeburt kam zu Stande, weil sie zum Schluss sagte: „Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (V.38) Dieser Satz bringt zum Ausdruck, welche Haltung Maria einnahm, wie sie reagierte und inwiefern sie ein Vorbild für uns ist.
So einfach und so schnell willigen wir ja kaum in etwas ein. Was das Wort Gottes betrifft, so tun wir es lieber, als dass wir es „schöpferisch an uns wirken lassen“. Wir reden und handeln als Christen am liebsten selber, sind aktiv und gestalten Kirche und Gemeinde.
Das ist auch alles schön und gut, aber in erster Linie will Gott etwas anderes. Zunächst sollen wir gar nichts machen, sondern an uns soll etwas geschehen. Gott will auch zu uns kommen, mit uns reden und uns froh machen. Und damit das passiert, müssen wir hören und lauschen. Es wäre also gut, wenn wir uns – anstatt ständig aktiv zu sein und zu reden – einmal hinsetzen, still werden und die Hände buchstäblich in den Schoß legen. Wir müssen nur auf ihn warten und geduldig sein. Dann kann Gott in unser Leben einbrechen, mit seiner Gnade und Kraft. Er ist in einem christlichen Leben das Subjekt, der Handelnde, wir müssen uns nur bereit halten. Dafür ist Maria ein schönes Vorbild.
Und dann wächst etwas in ihr, sie wird schwanger und neues Leben entsteht. Damit sind wir bei der dritten Person in der Geschichte, dem Kind. Es ist das große Geschenk, das Gott uns machen will. Wenn Sie selber Kinder haben, wissen Sie, wie schön es ist, wenn sie geboren werden. Sie sind eine Bereicherung, verändern das Leben und bringen ganz viel Freude mit sich.
Wieviel größer ist es da, dass Gott uns sich selber schenkt, dass der Allerhöchste zu uns kommt. Die ganze Liebe Gottes zu uns Menschen liegt in diesem Geschenk beschlossen. Denn dadurch sind wir nie mehr allein, Gott ist immer bei uns. Wenn wir das annehmen, werden wir innerlich frei und ruhig, Sorgen und Ängste verschwinden. Wir werden heiter und zuversichtlich, es entsteht eine tiefe Freude und Geborgenheit. Und dafür müssen wir keinerlei Vorbedingungen erfüllen, wir müssen uns das nicht verdienen, sondern es ist ein echtes Geschenk, das wir nur entgegennehmen müssen. Und das geschieht am besten, wenn wir uns selber so wenig groß machen wie möglich und stattdessen erkennen, wie groß Gott und seine unendliche Liebe zu uns ist. Unsere Liebe zu den anderen Menschen wächst dadurch ganz von allein, das Handeln folgt von selbst.
Das alles steckt in der Geschichte von der „Verkündigung des Herrn“. Sie ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir die Gegenwart Gottes erleben können und was er an uns tut.
Luther wusste sehr wohl, warum er das Fest der Verkündigung an Maria als eins der „fürnehmsten“ bezeichnete. Auch als evangelische Christen können wir uns an Maria ein Beispiel nehmen und an dem Tag, an dem sie die Botschaft des Engels empfing, singen: „Heute ist der Anfang unseres Heils, und das Mysterium von Ewigkeit her wird offenbar. Gottes Sohn wird der Jungfrau Kind, und Gabriel überbringt die Frohbotschaft der Gnade. Mit ihm rufen auch wir der Gottesgebärerin zu: ‚Freue dich, Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir.‘“
Amen.

 

Es kommt „der Herr, unsere Gerechtigkeit“

Predigt über Jeremia 23, 5- 8: Verheißung eines gerechten Königs

1. Sonntag im Advent, 27.12.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Jeremia 23, 5- 8

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll bein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Liebe Gemeinde.
„Die Populisten sind auf dem Vormarsch!“ das hört man zurzeit immer und überall. Medien und Politiker sind sich darin einig, und sie betrachten dieses Phänomen mit Sorge.
Worum handelt es sich? Der Duden erklärt, dass Populismus eine Politik ist, die sich an die gegebene Lage anpasst, sie dann aber dramatisiert, um die Gunst der Massen zu gewinnen. Sie gibt einfache Antworten auf schwierige Fragen, verhält sich volksnah und leider oft demagogisch. D.h. der Populismus verführt die Menschen mit Hilfe von Versprechungen oder politischer Hetze. Das Volk wird aufgewiegelt, und meist geschieht das im Hinblick auf Wahlen, wie wir es gerade in Amerika verfolgen konnten. Dabei können die Populisten natürlich lange nicht alle ihre Verheißungen hinterher auch erfüllen. Wie der neu gewählte Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump das machen will, darauf sind wir alle gespannt. Es wird nicht leicht für ihn sein, seine Lügen aus dem Wahlkampf nun in seriöse Politik umzusetzen.
In diesem Zusammenhang wird neuerdings gerne auch vom „postfaktischen Zeitalter“ geredet: Die Menschen wählen nicht auf Grund von Fakten, sondern von Gefühlen und Emotionen.
So gesehen, ist auch der Prophet Jeremia ein guter Populist, und er würde die nächsten Wahlen möglicherweise gewinnen.
Wir haben gehört, was er seinem Volk versprochen hat: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“
Das hörten die Juden sicher gerne, denn als Jeremia das sagte, regierte gerade der König Jojakim, und der war alles andere als „gerecht“. „Er tat, was dem Herrn missfiel“, wie es im Buch der Könige über ihn heißt (2. Könige 23,32). Bei Jeremia lesen wir, dass er prunksüchtig war, unschuldiges Blut vergoss, das Volk unterdrückte und Gott verhöhnte. Die Menschen litten unter ihm. (Jer. 22,13-19)
Und es gab noch etwas, das der Bevölkerung Angst machte: Der Feind von Norden, der babylonische König Nebukadnezar war im Anmarsch, um Juda einzunehmen. Es war also eine schlimme Zeit, und die Menschen sehnten sich nach besseren Zuständen, nach Befreiung und Rettung.
Jeremia verspricht sie ihnen. „Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.“ Das sind seine Worte. D.h. die Hilfe ist nahe, bald wird wieder Ordnung und Sicherheit einkehren.
Jeremia nennt auch einen Namen für den, der das bewerkstelligen wird: „Der HERR unsere Gerechtigkeit“, so wird der neue König heißen, und dieser Name ist wie ein Programm: Der Retter wird klug und einsichtig regieren, so dass die Menschen in Frieden leben können. Es wird den Bewohnern des Landes gut gehen, denn dieser König ist treu und ohne dunkle Vorgeschichte. Mit einem Wort: Jeremia verspricht dem Volk ein umfassendes Heil. Er gibt eine einfache Antwort auf schwierige Fragen, und das klingt nach Verführung.
Wenn wir dann noch den Kontext beachten, in dem diese Worte stehen, liegt der Verdacht des Populismus erst recht nahe. Denn vorher und hinterher klagt Jeremia in demselben Kapitel die „falschen Hirten“ an. (Jer.23,1-2.9-40) Damit meint er andere Propheten, die gegen ihn agierten. Er hetzt also auch noch gegen seine Widersacher.
Was sollen wir daher von seinen Versprechungen halten? Sind sie nicht hohl und leer, zumal wir beachten müssen, dass zu seiner Zeit nichts davon wahr geworden ist? Nicht lange nach seinem Auftreten wurde Jerusalem zerstört und Juda erobert. Bis heute warten die Juden auf die Erfüllung. Auf Fakten gründen sie sich dabei nicht. Sie folgen einfach ihrer Sehnsucht und ihren Wünschen. Wenn man so will, akzeptieren sie also den Populismus der Bibel. Warum auch nicht? Sie behalten dadurch ihre Zuversicht und ihre Hoffnung.
Die Christen sind mit diesem und ähnlichen Prophetenworten anders umgegangen. Wir glauben, dass Jesus Christus dieser „gerechte König“ ist. Er ist der Messias, den die Propheten des Alten Testamentes angekündigt haben, in ihm erfüllt sich die Schrift. Das wird an vielen Stellen im Neuen Testament so gesagt. Es ist durchzogen mit sogenannten „Schriftbeweisen“. Das sind Zitate aus der Bibel, die zeigen, dass Jesus genau der Heilsbringer ist, auf den die Menschen warteten.
In der Adventszeit steht dieses Thema im Vordergrund. Da bereiten wir uns auf Weihnachten vor, den Tag der Geburt Jesu, das Fest seines Erscheinens. Die vier vorangehenden Wochen sind also eine Zeit der Vorfreude und der Zuversicht. Denn wir gehen von vorne herein davon aus, dass unsere Hoffnungen erfüllt werden, dass Jesus unser Retter ist.
Doch wie kommen wir eigentlich dazu, das zu glauben? Hat sich durch Jesus denn irgendetwas in der Welt verändert? Wie können wir als Christen diese Auffassung vertreten? Und sehen wir das wirklich alle so? Zweifel sind angebracht, denn durchgegriffen hat Jesus bis heute nicht. Wenn wir wollen, können wir die Verheißungen der Propheten nach wie vor für leere Versprechungen halten.
Wir müssen uns also Gedanken machen und fragen, wie denn das Heil zu verstehen ist, das Jesus angeblich gebracht hat. Das können wir gut in drei Schritten tun.
Zunächst einmal müssen wir beachten, dass das Reich Jesu „nicht von dieser Welt ist“ (Johannes 18,36a). Das hat Jesus selber mehrfach so zum Ausdruck gebracht. Er war schon mit denselben Fragen konfrontiert. Als Pilatus ihn verhörte, wollte der z.B. wissen, ob Jesus denn nun „der König der Juden“ sei. (Johannes 18,33) Und darauf gab Jesus ihm diese Antwort. „Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich nicht den Juden überantwortet würde.“ (Johannes 18,36b) Das ist seine Erklärung, und damit betont er, dass er etwas ganz anderes vertritt, als einen irdischen Frieden oder ein weltliches Heil. Gott hat durch ihn nicht die Welt verändert, sondern er ist in die Welt gekommen. Er hat den Menschen nicht neu erschaffen, seine Freiheit hat er ihm gelassen, wie von Beginn an. Die Menschen sind also weiter verantwortlich für ihr Handeln. Ihre Selbstbestimmung hat Gott ihnen nicht genommen. Es liegt immer noch in ihrer Hand, wie sie leben wollen. Durch Jesus gibt es nur einen neuen Weg, eine andere Möglichkeit zu leben. Wir können durch ihn die Kräfte besiegen, die uns gefangen halten. Das Erscheinen Jesu ist ein neues Angebot Gottes. Er hat mit der Sendung seines Sohnes seine Hand ausgestreckt, um uns bei der Überwindung der Welt zu helfen. Er will aber weiterhin, dass wir mit ihm zusammen wirken. Wir sollen frei bleiben und ihm ähnlich, wie schon von Anfang der Schöpfung an. Wir sind nach wie vor seine „Ebenbilder“. (1. Mose 1,27) Das wirkliche Ende dieser Welt, wie wir sie kennen, und eine vollständige Neuschaffung stehen noch aus.
Das müssen wir als erstes beachten. Wenn sich die politischen und sozialen Verhältnisse durch Jesus also nicht geändert haben, heißt das noch lange nicht, dass er keine Macht hat, sondern diese Macht wollte er gar nicht.
Er wollte stattdessen Glauben wecken, das ist der zweite Punkt. Wer das Heil empfangen möchte, das Jesus gebracht hat, muss sich für ihn entscheiden. Ein Angebot wird nur dann wirksam, wenn wir es auch annehmen, und dazu lädt er uns ein. Wir müssen uns also auf ihn einlassen, und das heißt, dass wir unsere alten Wege verlassen.
Das meiste Unheil in dieser Welt kommt ja von uns Menschen selbst. Machstreben, Prunksucht und Gier führen zu der Ungerechtigkeit, unter der so viel Menschen leiden. Kriege und Zerstörung sind von Menschen gemacht und haben ihre Wurzel in der menschlichen Natur. Die ist leider zum großen Teil verdorben, und davon ist niemand ganz frei. Was sich im Großen abspielt, ereignet sich immer auch im Kleinen, in Familien und Betrieben. Auch wir suchen oft unseren Vorteil, sind neidisch oder eifersüchtig, wollen etwas gelten und auf unsere Kosten kommen. Wir sind auf die weltliche Befriedigung unsrer Bedürfnisse aus, und können nur selten davon Abstand nehmen.
Genau das aber wäre nötig, wenn sich etwas ändern soll, und dazu lädt Jesus uns ein. Er hilft uns auch dabei, denn durch ihn haben wir eine ganz neue Perspektive. Er vertritt ein „Reich, das nicht von dieser Welt ist“, so dass wir in seiner Gegenwart von dieser Welt lassen können. Wenn wir uns auf ihn einlassen, haben wir vieles nicht mehr nötig. Was wir meinten, unbedingt zu brauchen, entpuppt sich als oberflächlich und überflüssig. Wir können mit wenig zufrieden sein, denn seine Gegenwart wirkt in der Tiefe unserer Seele. Dort verändert sich auch etwas durch den Glauben an ihn.
Und diesen Vorgang sollten wir nicht unterschätzen. Es ist ein Prozess, bei dem sich ein echter Machtkampf abspielt. „Der Teufel brächt uns gern zu Fall und wollt uns gern verschlingen all; er tracht‘ nach Leib, Seel Gut und Ehr.“ So drückt der Schüler Luthers, Erasmus Alber es in seinem Adventslied aus. (EG 6,4) Er formuliert deshalb die Bitte: „Herr Christ, dem alten Drachen wehr.“ Er geht davon aus, dass Christus stärker ist, als die Seelenkräfte, die an uns zerren und uns zerstören wollen. Er hat Macht, die Sünde zu besiegen, wir müssen ihn nur walten lassen. Er heilt uns von innen her: Wir werden freier und gelassener, fester und sicherer.
Und damit sind wir bei dem dritten Aspekt, den das Heil Jesu beinhaltet: Es verändert unsere Seele und unser Bewusstsein und damit auch unseren Blick auf diese Welt. Wir gehen anders mit ihr und den Menschen um, die uns begegnen. Wir werden leidens- und widerstandsfähiger, kritischer und klarer. Wir bleiben auch angesichts von Schwierigkeiten zuversichtlich. Wir erwarten unser Glück nicht mehr von dieser Welt, weil wir innerlich alles haben, was wir zum Leben brauchen. Und damit sind wir gut gerüstet. Auf irgendwelche Populisten fallen wir bestimmt nicht mehr herein, weil wir gar nicht darauf angewiesen sind, ihren Versprechungen zu glauben. Sie können uns nicht verführen, weil wir geschützt sind. Wir handeln verantwortlich und brauchen keine Lügen. Und das ist ein ganz großer Beitrag zum Frieden in der Welt. In unsern Herzen beginnt das „Reich der Gerechtigkeit Gottes“ Gestalt anzunehmen, und es kann sich von da ausbreiten.
Und dazu ist die Adventszeit da, dass wir der Macht Jesu den Weg bahnen, in uns und um uns. Konkret heißt das, dass wir uns bewusst vornehmen, gerade in dieser Zeit uns innerlich für die Gegenwart Jesu zu öffnen. Das scheint mit all dem, was wir normalerweise in diesen Wochen so veranstalten, nicht ganz zusammen zu passen, mit unseren Adventsfeiern, Weihnachtsmärkten, Einkäufen usw. Verhindern diese Aktivitäten es nicht, dass wir zu uns kommen, in die Tiefe gehen und uns innerlich neu ausrichten? Auf den ersten Blick sieht das so aus, aber ich glaube, wir müssen uns da keine Sorgen machen. Denn kein Becher Glühwein, kein Lebkuchen und keine Lichterkette kann uns das Heil schenken, nach dem wir uns letzten Endes alle sehnen. Das merken wir auch immer und überall, wir müssen es nur zugeben: dadurch verändert sich in der Tat nichts. Wir brauchen viel mehr, um froh und glücklich zu sein, und mit dieser Sehnsucht können wir jederzeit zu Jesus gehen, und aus jeder Situation heraus uns für ihn entscheiden.
Lassen Sie uns das also tun und es nicht versäumen, dem „Herrn, der unsere Gerechtigkeit ist“, die Türen unseres Herzens zu öffnen.
Amen.

Jetzt ist die Zeit der Gnade

Predigt über Römer 14, 7- 9: Keiner lebt sich selber

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 6.11.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Römer 14, 7- 9

7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Liebe Gemeinde.
„Kehrt um und tut Buße, wenn ihr gerettet werden wollt. Bald geht die Welt unter!“ Solche und ähnliche Sätze hören wir gelegentlich aus dem Mund von selbsternannten Missionaren oder Predigern. Sie stehen an belebten Plätzen und halten leidenschaftliche Reden. Denn sie sind erfüllt von einer Idee oder einer Vision, die sie für absolut wahr halten, und fühlen sich beauftragt, das der Menschheit zu verkünden.
Meistens sind sie davon überzeugt, dass die Endzeit bald heranbricht. Sie wollen die Vorübergehenden wach rütteln und drohen mit schlimmen Strafen, wenn die sich nicht auf die kommenden Ereignisse einstellen. Sie versuchen, Angst und Schrecken zu verbreiten, wollen den Leuten ein schlechtes Gewissen machen und sie einschüchtern. Oft zitieren sie dabei Stellen aus der Bibel und sind angeblich von Jesus Christus ergriffen
Doch meistens hört kaum jemand auf sie. Die Passanten nehmen sie nicht ernst, sondern halten sie eher für leicht verrückt. Wenn sie sich zu ungebührlich verhalten, werden sie sogar von der Polizei abgeführt.
Und mit dem Evangelium haben solche Droh- und Mahnpredigten auch in der Tat nichts zu tun.
Die Menschen, die zur Zeit Jesu und in den ersten Jahrzehnten nach ihm lebten, glaubten zwar ebenfalls an das nahe Ende der Welt, aber sie brachten ihre Botschaft ganz anders zur Sprache. Der Apostel Paulus war einer von ihnen, und in unserem Briefabschnitt für heute kommt sehr schön zum Ausdruck, wie er mit dem Thema umging.
Der Text steht im Römerbrief, und die Sätze sind eingebettet in seine Antwort auf einen Streit zwischen „Starken und Schwachen“ im Glauben (Kap. 14). Die gab es in Rom, und sie verurteilten sich gegenseitig. Paulus ermahnt sie dazu, damit aufzuhören und einander nicht zu richten. Mit den Sätzen, die wir gehört haben, gibt er ihnen dafür einen Grund: Was sie tun, tun sie alles „im Blick auf den Herrn“ (V.6). Ihr ganzes Leben steht unter und in der Gegenwart Christi, dessen Reich bald ganz anbrechen wird. Streitereien um Vorläufiges sind deshalb völlig sinnlos und nichtig. Das ist seine Botschaft, und die weitet er sogar noch auf das Sterben aus. Paulus sagt: „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ Christen leben und sterben nicht im Blick auf sich selbst, sie sind nicht losgelöst und autonom, sondern gehören Jesus Christus. „Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“, sagt Paulus. Mit einem Zusatz erläutert er seine Aussage noch. Er wiederholt den Grund dafür, dass Jesus Christus unsre Bestimmung ist. In seinem ganzen Brief hatte er die Nachricht entfaltet: Christus ist der Herr über Lebende und Tote, er ist die Mitte der Welt und der Sinn des Lebens. Die alte Welt ist im Vergehen, denn mit Jesus Christus hat bereits eine neue Zeit angefangen, und dadurch relativieren sich alle irdischen Vorgänge. Sein Sterben und Auferstehen haben ihr Ziel und ihren Zweck darin, die Menschen zu Gott zurückzuführen. Paulus sagt das so: „Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“
Damit endet unser Textabschnitt und Paulus bringt damit zur Sprache, was ihn bei dem Gedanken an das Ende der Welt erfüllt: Es ist der Blick auf Jesus Christus, der rettet und befreit. Paulus ging also positiv und konstruktiv mit dem Thema um. Er hält auch keine lange Rede, sondern kommt mit wenigen Worten auf das Wesentliche. Und das ist von großer Bedeutung.
Zunächst einmal lädt er alle, die das lesen, dazu ein, an Jesus Christus zu glauben. Sie sollen ihm vertrauen, seine Macht anerkennen, und sich ihm zu eigen geben. Wenn seine große Heilstat, sein Sterben und Auferstehen wirksam werden soll, müssen Menschen sich darauf einlassen und daran glauben. Auch wir werden dazu aufgefordert. Die Sätze enthalten also durchaus eine Mahnung. Doch die ist nicht angstmachend oder bedrohlich, sondern zutiefst befreiend.
Lassen Sie uns deshalb genau nachfragen: Was geschieht, wenn wir diese Botschaft anerkennen und annehmen? Mir sind dazu drei Punkte eingefallen.
Zunächst einmal stiftet dieser Glaube einen tiefen Lebenssinn, und den brauchen wir alle, um im Leben klar zu kommen. Wer keinen Sinn in seinem Leben findet, wird depressiv. Er leidet unter innerer Leere, wird schwermütig und antriebsschwach und ist irgendwann möglicherweise sogar selbstmordgefährdet. Es gibt deshalb auch eine Therapieform, die nach dem Sinn des Lebens fragt, die sogenannte „Logotherapie“. Der österreichische Neurologe, Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor E. Frankl hat sie in den späten 1920er Jahren gegründet. Das Streben nach Sinn ist für ihn die Kraft, die heilen und motivieren kann, die uns zu unsren Handlungen führt und uns ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht. Wenn der Sinn verloren geht, geht der Mensch ein.
Leider geschieht das heutzutage oft. Selbst Menschen, die Arbeit, Familie und Geld haben, können von Sinnlosigkeitsgefühlen befallen werden. Ihnen wird bewusst, dass irgendwann alles vergeht. Sie wissen nicht, wozu sie letzten Endes tun, was sie tun. Und so ganz unrealistisch ist das gar nicht. Denn natürlich können diese Fragen aufbrechen. Unserem Leben fehlt oft die Tiefe, wir sind autonom und damit losgelöst von einem übergreifenden Zusammenhang. Der Boden kann uns entrissen werden und alles gerät ins Wanken.
Und genau da setzt das Evangelium an: Es verkündet uns einen Sinn und eine Grundlage, die weit über unser persönliches Dasein hinausgehen. Es gibt noch etwas viel größeres, als unsere eigenen Ideen. Wir müssen uns gar nicht selber den Sinn unsres Lebens ausdenken, er wird uns vielmehr geschenkt, oder noch anders: Er ist bereits vor uns da und weist deshalb auch über das Sterben hinaus. Wenn wir auf Jesus Christus schauen, bleibt der Sinn unseres Lebens selbst angesichts des Todes erhalten. „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.“
Im Konzentrationslager, am tiefsten Punkt seines Lebens, hat Viktor Frankl diese tiefe Erfahrung gemacht, und in ihr liegt die Wurzel seiner Anthropologie. Er bezieht die geistige Dimension in seine Heilmethode ein, die dadurch die tiefsten und letzten Fragen der menschlichen Existenz berührt.
Das ist der erste Punkt, der sich aus dem Glauben an Jesus Christus ergibt.
Und das bedeutet als Zweites tatsächlich Heilung und Befreiung. Wer das glaubt, dass sein Leben Jesus Christus gehört, der kann immer gelassen und ruhig bleiben. Alles, was sonst zu unsrem Leben gehört, relativiert sich, und dadurch schwinden auch Ängste und Sorgen.
Davon werden wir ja oft heimgesucht. Wir fürchten uns davor, etwas Schönes und Vertrautes zu verlieren, unser Glück oder unsre Heimat. Wir haben Angst, dass wir nicht zum Zuge kommen, krank werden oder erfolglos bleiben, und wir fühlen uns unter Druck. Auch um die Liebe bangen wir oft, dass wir allein bleiben und keiner sich um uns kümmert. Das Gefühl der Einsamkeit nagt an unsrer Seele. Und all das hat eine zerstörerische Macht, es bringt uns an einen Abgrund, in den wir hineinstürzen können. Doch genau davor kann Jesus Christus uns bewahren. Im „Blick auf ihn“ verlieren all diese Bedrängnisse ihren Einfluss. Sie verblassen und verziehen sich, „denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden“. Er ist über alle und alles der Herr. In seiner Gegenwart können wir loslassen, was uns ängstet, und müssen selbst den Tod nicht mehr fürchten. Denn er fängt uns auch im Sterben noch auf. Das ist der zweite Punkt.
Und als drittes überwindet der Glaube an ihn alles Trennende. Wir leiden ja oft unter der Andersartigkeit unserer Mitmenschen, auch die unserer nächsten Familienangehörigen und Verwandten. Sie denken anders als wir, ärgern uns und beengen unseren Spielraum. Es kommt oft zu Konflikten und zum Streit, zu Verwerfungen und Trennungen. Für Paulus war genau das der Hintergrund seiner Aussagen und er wollte die Römer wieder zusammenführen. Er ermahnte sie dazu, nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu beachten. Es spielte keine Rolle, ob jemand schwach oder stark war, alt oder jung, begabt oder unbegabt. Alle „leben dem Herrn“. Wenn sie das beachten und beherzigen, werden die Unterschiede bedeutungslos. Anstatt richtender oder verurteilender Gedanken, regieren im Geist und in der Seele Sanftmut und Geduld.
Das ist die dritte Folge aus dem, was Paulus uns hier mit seinen Sätzen sagt. Seine Botschaft rettet und heilt und verbindet. Er will uns mit dem Glauben an das Ende der Welt keine Angst machen, sondern uns von unsrer inneren Leere, von unseren Ängsten und Konflikten befreien.
Nicht umsonst ist der Textabschnitt in unserer „lutherischen Agende für die Bestattung“ als biblisches Votum am Ende einer Trauerfeier vorgeschlagen, und ich sage das dort am Sarg eines Menschen auch sehr gerne. Selbst wenn bei einem Abschied die Verstorbenen im Großen und Ganzen positiv dargestellt werden, so überschatten immer auch belastende Erinnerungen eine Trauerfeier. Kein Mensch ist vollkommen, und jeder und jede Verstorbene hat in ihrem Leben Fehler gemacht. Auch die Angehörigen sind oft nicht frei von Versagen und Schuld im Miteinander. Dadurch sind in der Stunde des Abschieds ganz verschiedene Gefühle vorhanden. Es gibt kein eindeutiges Empfinden. Das Gedenken ist vielschichtig und manchmal kompliziert.
Und dann ist es gut, am Ende darauf zu vertrauen, dass „unser keiner sich selber lebt und keiner sich selber stirbt.“ Wir erinnern uns nicht nur an den Verstorbenen und an unsere Geschichte mit ihm, sondern besinnen uns auf den, der uns unsere Sünden vergibt, der uns einen festen Grund gibt und unsere Wunden heilt. Alles relativiert sich in seiner Gegenwart. Das hat etwas Tröstendes und Versöhnendes. Dank und Liebe können die Seele erfüllen, Vergebung und Frieden.
Dazu sind wir heute eingeladen, zu einem Leben, das auch angesichts des Endes geborgen bleibt. Wir müssen uns vor nichts fürchten, und niemand muss öffentliche Drohpredigten halten. Denn das Reich Gottes ist nicht etwas Zukünftiges, sondern es ist bereits da. Es ist gegenwärtig und kann uns jetzt erfüllen. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“, wie Jesus in seiner Endzeitrede im Lukasevangelium sagt (Lukas 17,21b). Und auch der Wochenspruch aus dem zweiten Korintherbrief betont das: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.“ (2.Korinther 6,2b) Es gilt also, jetzt für Christus zu leben. Das ist wichtiger als jede Predigt, denn dann wohnt er in uns und verkündet selber: Ich bin da und ich bin über „Tote und Lebende Herr“.
Amen.

Ent-Schuldigung

Predigt über Philipper 1, 3-11: Dank und Fürbitte für die Gemeinde

22. Sonntag nach Trinitatis, 23.10.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Philipper 1, 3- 11

3 Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke –
4 was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden –,
5 für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute;
6 und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.
7 Wie es denn recht und billig ist, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige.
8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund in Christus Jesus.
9 Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung,
10 sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi,
11 erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.

Liebe Gemeinde.
Wann haben Sie das letzte Mal „Entschuldigung“ gesagt? Wir benutzen das Wort ja in ganz verschiedenen Situationen. Oft gehört es zur Höflichkeit. Wenn wir z.B. jemanden nach dem Weg fragen und ihn unerwartet ansprechen, leiten wir das meistens mit „entschuldigen Sie bitte“ ein.
Der eigentlichen Bedeutung des Wortes entspricht das aber gar nicht. Denn die Vorsilbe „ent“ bezeichnet im Deutschen fast immer, dass etwas weggenommen wird, und zwar endgültig. Wenn wir z.B. jemanden „entwaffnen“, nehmen wir ihm alle Waffen ab, wenn wir uns entspannen, löst sich die Spannung, beim „Entlüften“ strömt die Luft aus usw. „Entschuldigen“ bedeutet also, dass eine Schuld von uns genommen wird. Sie war da und wird ausgelöscht. Und darum bitten wir unser Gegenüber, wenn wir „Entschuldigung“ sagen. Wir wollen von unsrer Schuld befreit werden.
Und das hat nicht nur etwas mit Höflichkeit zu tun, sondern dafür kann es sehr gravierende Gründe geben. Oft laden wir ja wirklich Schuld auf uns, wir machen Fehler, enttäuschen und verletzen andere. Ob es absichtlich oder unabsichtlich geschieht, spielt für die Beziehung keine so große Rolle, sie wird auf jeden Fall belastet und gestört. Wir sind auf im Unrecht.
Und das passiert jedem und jeder von uns immer wieder, wenn wir z.B. ein Versprechen nicht einhalten, aus eigenem Interesse den anderen übergehen, unkontrolliert schimpfen, falsche Entscheidungen treffen usw. Das Fehlverhalten steht dann zwischen uns und dem anderen und alle leiden darunter. Es bedarf einer echten Entschuldigung, damit die Dinge wieder ins Reine kommen und wir neu zueinander finden. Die Schuld muss wirklich verschwinden und getilgt werden.
Und genau davon handelt das Evangelium. Sein Hauptinhalt ist die große „Entschuldigung“, die Jesus Christus für uns bewirkt hat. Es enthält die Botschaft von der Gnade Gottes, der uns alle unsre Schuld vergibt und sie von uns nimmt.
Die Menschen in der Gemeinde in Philippi, an die Paulus den Philipperbrief schrieb, haben das verstanden. Die gute Nachricht von der Vergebung Gottes war bei ihnen angekommen, sie hatten „Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute“, wie Paulus sagt. Und dafür bedankt er sich am Anfang seines Briefes. „Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke.“, schreibt er. Das war als Briefanfang damals üblich, aber es ist für Paulus nicht nur eine Floskel. Er freut sich wirklich über die Gemeinde in Philippi. Es war sozusagen seine Lieblingsgemeinde, denn die Menschen dort hatten seiner Verkündigung geglaubt und lebten seitdem in der Liebe, die Jesus Christus ihnen geschenkt hat. Sie waren „erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus.“ Paulus „hatte sie deshalb in seinem Herzen“ und „betete mit Freuden für sie“. Er war „darin guter Zuversicht, dass der in ihnen angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“
Für Paulus war das, was in der Gemeinde in Philippi geschah, also Gottes Werk. Er sah darin seine rettende Macht und seine Treue. Wenn er an die Philipper dachte, setzte er deshalb sein Vertrauen ganz auf Gott, der den Anfang und das Ende „des guten Werkes“ in seinen Händen hat.
Damit deutet Paulus an, dass mit dem Empfang des Evangeliums nicht endgültig alles gut und abgeschlossen ist. Es beginnt vielmehr ein Weg, den die einzelnen nun gehen. Und Paulus war zuversichtlich, dass die Philipper sich auf diesem guten Weg befanden, dass sie im Glauben und in der Liebe wachsen würden. Auch dafür betete er, dass „ihre Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.“ Sie sollten lernen, „was das Beste sei, damit sie lauter und unanstößig sind für den Tag Christi, zur Ehre und zum Lobe Gottes.“
Paulus selber befand sich in Gefangenschaft, als er das schrieb. Sein Leben war bedroht und der Ausgang war ungewiss. Ungerechtigkeit war ihm widerfahren, er litt um des Evangeliums willen. Er hatte es also nicht leicht, aber es tröstete ihn, dass in Philippi Menschen waren, die „an der Gnade teilhatten.“ Er wusste sich mit ihnen verbunden, sie standen zu ihm und beteten ihrerseits auch für ihn. Er hatte also viele ehrliche Gründe Gott zu danken und ihn zu loben. Seine Freude hatte ein tiefes und wesentliches Motiv.
Und damit ist sie eine Einladung an alle, die das lesen, „am Evangelium teilzuhaben“, es ernst zu nehmen und danach zu leben. Christus ist gekommen, um uns zu entschuldigen. Seine Vergebung kann uns heilen und befreien. Gott will uns seine Gnade schenken. Das ist auch für uns eine gute Nachricht.
Doch wie geschieht das nun und wollen wir das überhaupt? Mit der Gnade, der Vergebung und der Entschuldigung ist das ja so eine Sache, denn das kann alles sehr leicht missbraucht werden, und zwar von beiden Seiten, sowohl von demjenigen, der entschuldigt, als auch von denen, die darum bitten.
Viele Menschen wollen gar keinen gnädigen Gott, denn das heißt für sie, dass sie von seiner Gunst abhängig sind. Wer sagt denn, dass Gott nicht willkürlich vorgeht? Wer Gnade walten lässt, hat auf jeden Fall Macht. Er entscheidet, was er tun will. Der Mensch wird klein gemacht durch die Gnade Gottes, er muss sich unterwerfen und wird gedemütigt. Das ist ein Einwand, den wir häufig hören, wenn wir von der Vergebung und der Gnade Gottes reden.
Und umgekehrt kann die Sache mit der Entschuldigung genauso missbraucht werden. Sie ist dann dünn und fadenscheinig. Denn der Mensch, der sich entschuldigt, kann es sich damit auch leicht machen. Wer einen Fehler begangen hat, bittet einfach darum, dass er ihm vergeben wird, dann muss er nicht mehr darüber nachdenken. Er ist höflich und gibt die Verantwortung für seine Taten ab. Er kümmert sich nicht mehr um die Folgen, sondern lässt sich einfach alles verzeihen.
Aber ist das wirklich eine Lösung? Das Wort „Entschuldigung“ ist dann doch nur eine Floskel und wird missbraucht. Wir sagen es aus Bequemlichkeit. Eine tiefere Bedeutung hat es nicht, geschweige denn eine verändernde und heilende Wirkung.
Aber damit werden wir dem Wort wie gesagt nicht gerecht, und so ist das mit der Gnade und der Vergebung im Evangelium auch nicht gemeint. Es geht dort um eine echte Wegnahme der Schuld, und dazu gehört eine ehrliche Bitte.
Das hat Franz von Sales z.B. sehr schön deutlich gemacht, von dem ich gerade ein Buch lese. Er lebte im 16. Jahrhundert und war Bischof von Gent. Seine große Gabe war es, den Glauben so zu vermitteln, dass er im Lebensalltag verwirklicht werden konnte. Dazu gab er viele Anleitungen. Sie sind in seinem Buch „Philothea“ zusammengestellt. Es enthält Briefe an eine verwandte Dame, die ihn fragte, wie sie ein religiöses Leben führen könnte. Seine Antworten gehören neben der Bibel zu den meistgelesenen Büchern des Christentums, denn sie sind an alle gerichtet. Er predigt darin Buße, Demut, Gottvertrauen und Liebe, und er kannte sich seelsorgerlich sehr gut aus. Er wusste, was die Seele alles anstellt, um nicht wirklich in die Tiefe gehen zu müssen. So sagt er an einer Stelle:
„Ich meine deshalb, Philothea, wir sollen entweder überhaupt keine demütigen Worte von uns in den Mund nehmen, oder wenn wir es tun, so tun wir es aus echter innerer Empfindung, so dass aus unsrem Herzen kommt, was wir sagen. Schlage nur nicht die Augen nieder, wenn nicht auch dein Herz sich erniedrigt! Such dir nie den Anschein zu geben, als möchtest du die letzte sein, wenn es nicht so gemeint ist, wenn du dich nicht als die letzte fühlst! Unsere Worte sollen in allem, soweit nur möglich, der Ausdruck unsres Empfindens sein, damit wir lautere, wahrhafte Menschen seien.“ (Franz vonSales, Philothea, Anleitung um religiösen Leben, übersetzt und herausgegeben von Otto Karrer, Verlagsgemeinschaft topos plus, 3. Aufl. 2011, S. 101)
Damit hat Franz von Sales sehr schön und deutlich formuliert: Eine Entschuldigung, die nicht von Herzen kommt, ist nichts wert. Wir müssen also zu allererst wirklich in uns gehen, wenn wir uns entschuldigen. Selbsterkenntnis und Selbstkritik gehören dazu und echte Reue. Wenn wir es nicht fühlen, dass wir etwas falsch gemacht haben, ist es sinnlos, dass wir es thematisieren. Wir müssen zunächst ganz nah bei uns selber sein, uns selber spüren und Schmerz über unser Verhalten empfinden. Erst dann lohnt es sich, etwas zu sagen.
Und genau das ist der Knackpunkt, das fällt uns unendlich schwer. Kaum jemand kann das, und es geht auch nicht einfach so von alleine. Wir brauchen eine Vorgabe, eine positive Motivation, und die wird uns im Evangelium angeboten.
Bevor wir uns nämlich an die Menschen wenden, gegenüber denen wir etwas falsch gemacht haben, können wir zu Gott gehen und uns bei ihm entschuldigen. Denn alles, was wir unseren Mitmenschen antun, tun wir auch ihm an. Mit jeder Schuld werden auch vor ihm schuldig. Doch er wird uns deshalb nicht verurteilen und uns auch nicht klein machen. Im Evangelium wird uns vielmehr ein Gott verkündet, der uns unendlich liebt. Wir sind ihm wichtig, er möchte Frieden mit uns haben und mit uns einig sein. Er hat uns geschaffen, weil er nicht allein sein wollte, und so will er uns auch erhalten. Das hat Johann Jakob Schütz sehr schön in seinem Lied „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ zum Ausdruck gebracht. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 326) Er lobt Gott darin als den „Vater aller Güte“. Gott will mit den Menschen gehen, sie in seine Gegenwart hineinziehen und ihnen das Heil schenken. Deshalb vergibt er uns alle unsere Schuld, deshalb ist er gnädig. Seine Güte ist keine Machtausübung, sondern eine Liebeserklärung und ein Gemeinschaftsangebot.
Denn Gott weiß um unsere Unvollkommenheit. Er weiß, dass wir ihm von uns aus nicht gerecht werden können, deshalb fordert er das nicht. In Jesus Christus hat er uns den Zugang zu seiner Wirklichkeit eröffnet, ohne dass wir irgendwelche Bedingungen erfüllen sollen. Wir dürfen hinzutreten und müssen nur an ihn glauben, ihm vertrauen und uns auf sein Gnadenangebot einlassen. Dann entsteht eine lebendige Beziehung zwischen Gott und uns, die unabhängig von unserem Verhalten ist. Wir werden nicht bewertet und nicht verurteilt. Gott können wir alles sagen, was uns belastet, ihm alles bringen, was in unserem Leben nicht stimmt. Er nimmt es von uns und macht uns heil.
Das ist die Botschaft des Evangeliums, und die kann uns motivieren, uns wirklich mit allem zu beschäftigen, was uns an uns selber nicht gefällt, was zwischen uns und einem anderen Menschen steht. Im Glauben an Jesus Christus werden wir fähig, uns selber zu erkennen, unsere Fehler und Schwächen zuzugeben, und das tut in Wirklichkeit unendlich gut. Es tröstet die Seele, „stillt allen Jammer“, wie es in dem Lied von Johann Jakob Schütz heißt. Die Schuld wird wirklich von uns genommen, sie wird ausgelöscht und wir können neu anfangen. Wir werden befreit und selber zur Liebe befähigt. Die Beziehung zu Gott wird wieder hergestellt und so können auch Beziehungen untereinander heilen. Neues Leben wird möglich.
So war es bei den Philippern und nicht umsonst bedankt Paulus sich dafür bei Gott. Es ist ein Grund zum Loben und Preisen, wenn seine Schöpfermacht auf diese Weise unter den Menschen wirkt.
Auch wir können in dieses Lob einstimmen, uns bei Gott bedanken und ihn unser „Leben lang ehren“. So wünscht es sich der Dichter Johann Jakob Schütz. Lassen Sie uns sein Lied deshalb jetzt singen und den Lobgesang an „allen Orten“  hörbar machen.
Amen.

Das Gebot der Bruderliebe

Predigt über Römer 14, 17- 19: Strebt nach dem Frieden

18. Sonntag nach Trinitatis, 25.9.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Römer 14, 17- 19

17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.
18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.
19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Liebe Gemeinde.
Terror und schreckliche Kriege erschüttern zurzeit die islamische Welt. Das ist gar nicht so weit weg, und Menschen aus den zerstörten und bedrohten Regionen fliehen zu uns. So können auch wir uns dem Geschehen nicht entziehen. Dabei macht es uns hier in Europa fassungslos, wie im Namen der Religion und Gottes so viel Blut fließen kann.
Dabei dürfen wir allerdings nicht vergessen, dass es das auch im Christentum immer wieder gegeben hat. Erst 1998 wurde der bewaffnete Konflikt in Nordirland beendet. Er dauerte ungefähr 30 Jahre, also ungefähr genauso lange wie der dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert. Durch ihn wurden ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Und in Teilen Süddeutschlands überlebte etwa nur ein Drittel der Bevölkerung. Einige Regionen brauchten mehr als ein Jahrhundert, um sich von den Folgen zu erholen. Das waren ebenfalls Religionskriege.
Sie sind zwar zum Glück vorüber, aber gespalten ist die Christenheit immer noch. Es gibt heute 350 verschiedene Kirchen oder Gruppen. Und auch wenn sie sich keine blutigen Auseinandersetzungen mehr liefern, von Einigkeit kann keine Rede sein.
Und das gab es bereits zu Lebzeiten von Paulus. Im Grunde genommen schrieb er sogar alle seine Briefe, um irgendwelche Streitigkeiten und Konflikte beizulegen. Es gab viele Irrlehren und entsprechende Auseinandersetzungen. Juden und Griechen vertraten z.B. verschiedene Auffassungen über den Glauben und brachten ihre Sicht der Dinge dann jeweils in die Gemeinden ein.
Hinter dem kurzen Abschnitt aus dem Römerbrief, den wir eben gehört haben, steht ebenfalls ein Streit. Und zwar ging es um das Essen bestimmter Speisen, hauptsächlich um den Verzehr von Fleisch. Es gab verschiedene antike Gemeinschaften, die kein Fleisch aßen und keinen Wein tranken. In Rom gehörte auch eine Gruppe jüdischer Priester dazu. Aus Respekt vor ihrem Ritualgesetz ernährten sie sich vegetarisch, denn sie wollten sich nicht verunreinigen. Ihre Ansichten hatten sich unter den Juden in Rom durchgesetzt und sie waren somit auch in den neuen christlichen Gemeinden gegenwärtig. Die setzten sich ja aus ehemaligen Juden und Heiden zusammen, und damit war der Konflikt vorprogrammiert: Den Heiden, also den Römern, war es fremd, sich bestimmter Speisen zu enthalten, die Juden verachteten dagegen diejenigen, die ohne Bedenken alles verzehrten, was sie gewohnt waren und mochten.
Auf diesen Konflikt geht Paulus mit dem ganzen vierzehnten Kapitel im Römerbrief ein, und er bittet um gegenseitige Toleranz. Diejenigen, die freizügig lebten, ermahnte er, sich nicht für besser oder stärker zu halten. Und diejenigen, die die alten Vorschriften einhalten wollten, sollten die anderen nicht richten. Das führt er in den vorhergehenden Versen aus, und dann schreibt er den entscheidenden Satz:
„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“
Paulus sagt damit, dass es im christlichen Glauben um viel mehr geht, als um „Essen und Trinken“, d.h. verschiedene Speisevorschriften oder Gewohnheiten. Meinungen und Ideen, Überzeugungen und Einstellungen sind zweitrangig. Viel entscheidender ist das „Reich Gottes“. Damit führt Paulus einen Begriff aus den Predigten Jesu an. Jesus verkündete die „Gottesherrschaft“, und damit meinte er eine neue Wirklichkeit. Durch sein Erscheinen und seine Erlösungstat sind die Glaubenden der Macht der Finsternis entrissen und unter die Herrschaft des gekreuzigten und auferstandenen Gottessohnes gestellt. Sie sehen einem völlig neuen Zeitalter entgegen, an dem sie Anteil haben werden. Und dafür gibt es Kennzeichen. Die sind allerdings nicht demonstrativ freimütiges Essen und Trinken, sondern die Herrschaft Christi äußert sich in „Gerechtigkeit, Friede und Freude“. Das sind die Früchte des Heiligen Geistes und gleichzeitig die Ziele eines christlichen Lebens, auf die jeder und jede sich besinnen sollte.
„Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.“, sagt Paulus weiter. D.h. wo diese Tugenden gelebt werden, ist der allmächtige Gott in der Gemeinde gegenwärtig. Es kommt dem Apostel sehr darauf an, dass die Christen ein Beispiel abgeben, das auf die Ungläubigen nicht abschreckend, sondern einladend und einleuchtend wirkt.
Entsprechend fährt er fort, dass die Christen dem „Frieden nachstreben“ sollen, d.h. sich nach Kräften darum bemühen. Gleichermaßen sollen sie sich gegenseitig „erbauen“. Dieses Wort benutzen wir kaum noch. Es steht im Urtext aber da und es ist auch sehr aussagekräftig. Wörtlich heißt es, „ein Haus bauen“, und damit ist überhaupt „errichten, aufbauen, befestigen“ oder „wiederherstellen“ gemeint. Und das ist ein schönes Bild. Die Gemeinde ist wie ein Haus, an dem alle gemeinsam bauen. Wenn sie sich streiten, kann es nicht gelingen, es bekommt keine Festigkeit und stürzt möglicher Weise ein. Nur wo jeder und jede seinen und ihren Platz einnimmt, ihre Aufgaben erfüllt und alle sich gegenseitig anerkennen, respektieren und wertschätzen, kann das Haus Bestand haben. „Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“ So lautet der letzte Satz aus unserer Epistel.
Und das sind sehr schöne Ermahnungen die auch uns guttun. Lassen Sie uns also fragen, wie wir sie umsetzen können. Dabei ist es gut, wenn wir zunächst zugeben, dass wir keineswegs frei davon sind, unsere eigene Meinung für die beste zu halten. Das durchzieht unser ganzes Denken und Handeln. Es ereignet sich nicht nur in der Weltpolitik und den großen Zusammenhängen, sondern in unseren Familien, Betrieben und Gemeinden, überall wo Menschen zusammen kommen und eigentlich gemeinsam etwas aufbauen wollen. Wie oft scheitert das an den verschiedenen Auffassungen, daran, dass einzelne sich zu wichtig nehmen, die anderen unter Druck setzen, sie abschrecken, ärgern und letzten Endes vertreiben. Sicher meint jeder Einzelne es gut, er oder sie möchte etwas verändern, etwas erreichen, und meint, dafür muss er den anderen zurechtweisen, ihn überzeugen und dazu bewegen, dasselbe zu tun. Was er für gut hält, gilt für alle und wird an sie herangetragen. So läuft es wie gesagt fast überall.
Doch so geht es nicht, sondern genau da liegt die Wurzel für alle Streitereien und Zerwürfnisse, für Kriege und blutige Auseinandersetzungen. Ob sie sich im Großen oder im Kleinen ereignen, in Familien oder Gemeinden, unter Religionen oder Völkern, alle haben sie ihren Ursprung darin, dass ein Mensch oder ein Gruppe die anderen verändern möchten. Wie kommen wir darüber also hinweg?
Das müssen wir uns fragen, und dazu habe ich in der Zeitung vom letzten Wochenende eine schöne Bemerkung gelesen. Sie stand in einem Artikel von Lamya Kaddor, einer Deutschen mit syrischer Herkunft. Sie ist muslimische Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin und sie zitierte ein islamisches Sprichwort, das lautet. „Willst du dein Land verändern, verändere deine Stadt. Willst du deine Stadt verändern, verändere deine Straße. Willst du deine Straße verändern, verändere dein Haus. Willst du dein Haus verändern, verändere dich selbst.“ Wir müssen also bei uns selbst anfangen, bei unserem eigenen Denken und Verhalten, in unserem Geist und unserer Seele.
Und dabei sind wir auch nicht auf uns allein gestellt. Das ist die frohe Botschaft, die Paulus für uns hat. Wir haben den Geist Christi empfangen. Christus ist auferstanden, er sitzt zur Rechten Gottes und das heißt, sein Reich ist da und es ist mitten unter uns. Er möchte, dass wir da eintreten, ihn erkennen und seine große Macht spüren, dass wir ihm „dienen“ und an seiner Herrschaft Anteil haben. Dann kann er mit seinem Geist unser Herz und unser Denken durchdringen. Das ist das große Geschenk, das wir bekommen haben, daraus folgt alles Weitere. Durch Christus werden wir von uns selber befreit und fähig, die anderen anzunehmen, sie so zu lassen, wie sie sind, sie gewähren zu lassen und zu respektieren. Es entstehen „Gerechtigkeit, Friede und Freude“.
Und wie das vor sich geht, wird deutlich, wenn wir diese drei Begriffe näher betrachten. Lassen Sie uns das deshalb zum Schluss tun:
Zur „Gerechtigkeit“ gehören Klarsicht und eine innere Freiheit. Wir halten uns fern von vorschnellem Richten, denn wir gehen davon aus, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Wenn sie etwas tun, das uns fremd ist, fragen wir zunächst einmal gründlich nach, versuchen, sie zu verstehen und versetzen uns in sie hinein. Wir wägen ab, anstatt zu bewerten. Wir fühlen uns mehr der Gemeinschaft verbunden und verpflichtet, als unseren eigenen Ideen. Das ist die erste Frucht, auf die wir immer aus sein sollten. Sie überwindet Gräben und Konflikte, schlichtet und führt zum „Frieden“.
Das ist das zweite Stichwort von Paulus. Es bedeutet, dass alle Zwietracht zum Erliegen kommt. Die unterschiedlichen Positionen und Denkmuster verblassen, wir finden ganz neu zueinander. Es entsteht so etwas wie ein neues Haus, denn nun bauen wir an einer Sache. Das Miteinander und die Gemeinschaft werden gestärkt. Und wenn wir uns lange genug darin üben, kommt es sogar zur Harmonie, zu einem „Wohlgefallen vor Gott und zur Achtung bei den Menschen“.
Und das führt „Freude“ mit sich, das ist das dritte Stichwort, das Paulus hier erwähnt. Darin schwingt eine heitere Gelassenheit mit, Dankbarkeit und Lebendigkeit. Schwere Auseinandersetzungen haben neben der Freude keinen Platz mehr. Sie werden verdrängt und weichen einer stärkeren Aussage. Wo Freude ist, ist Leben und Kraft. Wir lachen und singen, sind glücklich und jubeln.
Diese drei Lebensäußerungen sind das Entscheidende an unserem Glauben: Er führt uns zur „Gerechtigkeit“, zum „Frieden“ und zur „Freude“. Unsere Sehnsucht danach kann gestillt werden.
Und die haben wir alle. In seinem Innersten verabscheut denke ich jeder Mensch den Krieg und den Streit, denn er führt unsägliches Leiden und Sterben mit sich. Wir wollen viel lieber Eintracht und Frieden. Es gilt deshalb, uns auf den zu besinnen, der allein uns einen kann, auf Jesus Christus und seinen Heiligen Geist. Ihn können wir in uns hineinlassen und uns von ihm ergreifen lassen. Er kann uns von innen her verändern, so dass sich dadurch unser Haus, unsere Straße, unsere Stadt und letzten Endes auch die Welt verändert. Amen.

Sieghafter Glaube

Predigt über Römer 10, 9- 17: Gerechtigkeit kommt allein durch den Glauben

17. Sonntag nach Trinitatis, 18.9.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Im Gottesdienst wurde ein Kind getauft. Der Vater, den ich persönlich kenne, hatte im Vorgespräch die philosophisch-theologischen Fragen gestellt, auf die ich mit der Predigt versucht habe, zu antworten.

Römer 10, 9- 17

9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.
10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.
11 Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.«
12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.
13 Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!«
16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?«
17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Liebe Gemeinde.
„War die Henne zuerst? oder war das Ei vor der Henne?“ So sinnierte Goethe über das sogenannte „Henne-Ei-Problem“. Bereits in philosophischen Erörterungen in der Antike spielte es eine Rolle und wurde im Laufe der Zeit eine Redefigur. Sie steht für die Frage nach der Ursache einer Wirkung. Oft hängen die ja voneinander ab, sie sind wechselseitig, und dann lässt sich der ursprüngliche Auslöser vermeintlich nicht ermitteln. Philosophen und Theologen denken trotzdem immer wieder über dieses Problem nach. Es ist die Frage nach einem „letzten Grund“ für alles.
Man kann sie auch auf den Glauben an Gott anwenden, dann lautet sie: Was war zuerst da, der Glaube oder Gott? Wo liegt die Ursache für unseren Glauben, in uns selber oder bei ihm? Könnten wir überhaupt an ihn glauben, wenn es ihn nicht zuerst gäbe? Oder gibt es Gott nicht mehr, wenn keiner mehr an ihn glaubt?
Man kann darüber ins Grübeln und Zweifeln geraten, denn eine befriedigende Antwort findet man wahrscheinlich nicht, und es wird wohl auch immer beide Positionen geben: Die einen sagen, es gibt im Menschen einen göttlichen Funken, der sich zu ihm hinwendet, und der ist der Ursprung des Glaubens. Die andern sagen, es hängt allein von Gott ab, wenn der Mensch an ihn glaubt, er offenbart sich ohne menschliches Zutun und bleibt deshalb auch ohne die Menschen weiter anwesend.
In unserer Epistel von heute geht Paulus mit dieser Frage um und er zeichnet eine eindeutige Kausalkette. Für ihn war die Sache klar: Der letzte Grund für alles ist Gott.
Der Abschnitt gehört zum zehnten Kapitel im Römerbrief. Paulus setzt sich darin mit seinen jüdischen Glaubensbrüdern auseinander, und zwar geht es um die „Gerechtigkeit vor Gott“. Das ist ein wichtiger Begriff im Alten Testament und bedeutet, dass ein Mensch von Gott als gerecht angesehen wird. Und das war die Voraussetzung für seine Rettung. Die Gerechtigkeit war notwendig, um das Heil zu empfangen, das von Gott kommt, um von ihm geliebt und gesegnet zu werden. Nur der Gerechte wird leben, das war die jüdische Überzeugung. Und die Gerechtigkeit kam aus dem Gesetz. Wer das einhält, wird von Gott gerecht gesprochen.
Das Tun des Menschen ist also die Ursache, Gottes Handeln die Wirkung. So sahen es seiner Meinung nach die Juden. Sie fühlten sich auch bevorzugt, denn nur ihnen war das Gesetz gegeben worden. Alle die es nicht kannten, waren ausgeschlossen. Paulus erwähnt in unserem Abschnitt ja die Griechen. Sie galten aus der Sicht des Alten Testamentes als Heiden, die das Heil nicht empfangen.
Und dagegen setzt er seine Überzeugung: Er nennt als Wirkung ebenfalls die „Gerechtigkeit vor Gott“, aber die Ursachen verfolgt er rückwärts bis zu einem Grund, der eindeutig nicht menschlich, sondern göttlich ist: Es ist „das Wort Christi“. Christus spricht und so gibt es diejenigen, die an ihn glauben. Sie predigen sein Wort, tragen es in die Welt und andere können es hören. Aus dem Hören entsteht dann neuer Glaube, der Glauben bewirkt das Bekenntnis und die Anrufung Gottes, und dadurch wird der Mensch gerecht und gerettet. Vor allem menschlichen Tun stehen also der Ruf Christi und seine Gegenwart. Durch die Auferstehung lebt und regiert er in Ewigkeit, und das ist der letzte Grund, aus dem alles andere hervorgeht. Der Unterschied zwischen Griechen und Juden wird damit hinfällig, genauso wie alle anderen menschlichen Voraussetzungen. Denn „es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.“ Christus ist für alle da und das wird immer so bleiben, ob mit oder ohne die Menschen.
In unserer liturgischen Tradition bekennen wir das mit dem Satz, „wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit.“ Er taucht am Ende vieler Gebete auf. Und damit verwandt ist die Formulierung: „Jesus Christus ist der Anfänger und Vollender des Glaubens.“ Das ist das Evangelium, die „frohe Botschaft“: Es gibt einen unverfügbaren Grund für unseren Glauben, auf den wir keinen Zugriff haben. Er ist völlig unabhängig von unserem Denken und Tun, frei und souverän. Und das ist eine „gute Nachricht“, denn sie bedeutet, dass es etwas gibt, das diese Welt und unser Dasein überwindet, einen Sieg über alles Vorläufige und Vergängliche. Durch den Glauben kommen wir damit in Berührung und gewinnen an diesem Sieg Anteil. Er hebt uns heraus aus der Welt und gibt uns einen tragfähigen Grund.
Das ist die Antwort des Paulus auf die Frage, ob wohl zuerst Gott oder unser Glaube da war. Für ihn ist es ganz eindeutig Gott. Und es lohnt sich, wenn wir uns seiner Sicht der Dinge anschließen und tun, was er sagt: „Mit unserem Munde bekennen, dass Jesus der Herr ist, und in unserem Herzen glauben, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat. Dann werden wir gerettet.“
Lassen Sie uns also fragen, was das für unsere Lebensführung bedeutet. Wie kommen wir dazu und wie wirkt es sich aus?
Bei Paulus steht als erste Regung des menschlichen Geistes das „Hören“ auf das Wort: Christus spricht und wir müssen hinhören. Doch wo tut er das und wie vernehmen wir sein Wort? Paulus erwähnt die Predigt, also andere Menschen, die bereits glauben und darüber reden. Doch das allein reicht nicht. Ihre Worte können verhallen, diese Möglichkeit erwähnt Paulus auch. Zum Hören gehört immer das Aufmerken, eine Wachsamkeit und ein Sich-öffnen. Wir müssen damit rechnen, dass Christus spricht, und uns darauf einstellen. Sein Wort kommt auf noch vielen anderen Wegen an unser Ohr und unseren Geist, überall und immer wieder kann es erklingen: beim Lesen in der Bibel, bei der Meditation und beim Gebet, beim Spazierengehen oder einem schönen Erlebnis. Möglicherweise hören wir seine Stimme eher selten, das ist wahrscheinlich unsere Erfahrung. Doch das liegt nicht daran, dass er nicht spricht, sondern daran, dass andere Stimmen lauter sind. Wir müssen den Lärm einmal abstellen, auch den Lärm in unseren Gedanken, uns Zeit nehmen und geduldig sein. Zum Hören gehören Ruhe und die Fähigkeit, abzuwarten.
Doch wenn wir die aufbringen, können wir das Wort Christi vernehmen und es lädt uns zum Glauben ein. Das ist der zweite Schritt, den Paulus erwähnt. „Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.“ Diesen Satz zitiert er dafür aus dem Buch des Propheten Jesaja.
Und das heißt, wir müssen uns auf Christus einlassen, eine Beziehung zu ihm herstellen, die hauptsächlich aus Vertrauen und Hingabe besteht. Dazu gehört Loslassen und sich selber zurücknehmen.
Der Gedanke, dass Gott möglicherweise nicht mehr existiert, wenn keiner mehr an ihn glaubt, kommt aus unserem autonomen Denken. Wenn es so wäre, hieße das, dass wir über Gott verfügen, dass wir die Kontrolle behalten und alles bestimmen. Das tun wir gerne, so ist unser Leben heutzutage angelegt, es ist Ausdruck des modernen Zeitgeistes. Doch anstatt da heraus an Gott zu zweifeln, können wir auch unser Denken und Grübeln einmal anzweifeln. Lohnt es sich überhaupt? Ist es wirklich sinnvoll? Beim Glauben geben wir es ansatzweise auf, lassen es los und wagen etwas. Der Glaube ist wie ein Sprung ins Ungewisse, bei dem wir uns darauf verlassen, dass wir getragen werden, ohne es vorher zu wissen. Nicht der Kopf entscheidet sich dafür, sondern das Herz oder die Seele. Und er ist auch kein Gedanke und keine Ideologie, sondern ein Lebensvollzug.
Konkret äußert er sich in der Anrufung Christi: „Wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden“, sagt Paulus. Glaube und Gebet gehören zusammen, denn das Gebet ist ein Ausdruck dafür, dass wir uns auf Gott verlassen und mit ihm rechnen.
Und das ist wohltuend und heilsam. Es entspannt und befreit, wenn wir uns das trauen. Die Hingabe und das Loslassen sind nicht nur ein Verzicht, sondern auch eine Erleichterung. Und obwohl sie nicht in erster Linie eine Verstandesleistung sind, so wird unser Verstand doch davon angerührt: Klarheit und Licht ziehen ein. Wir merken, wie überflüssig viele Grübeleien sind. Wir werden einfach und froh. Darin besteht das Heil das Paulus meint. Das ist .„der Sieg, der die Welt überwindet“ (1. Johannes 5, 4c)
Wer ihn erlebt, kann gar nicht anders, als selber zu „predigen“. Das ist der dritte Schritt. Ein solcher Glaube führt zum Bekennen, zur Einladung an andere, denselben Weg zu gehen. Paulus sagt: „Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“ Es gehört zu unserem Glauben, dass wir ihn weitersagen und allen Menschen die Freude gönnen, die wir gefunden haben. Wir werden sogar zu ihnen gesandt, und das ist schön. Paulus erinnert daran mit den Worten: „Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!“
Und damit sind wir nun auch bei der Taufe von Jan. Ihr beide, Janusz und Kerrin, seine Eltern, habt euch dafür entschieden, und damit tut ihr genau das, was Paulus meint: Ihr legt einen unverfügbaren Grund in sein Leben, der ihn retten kann. Jan ist ja noch ganz klein, d.h. er selber trägt jetzt nichts dazu bei, dass Christus in sein Leben kommt und sich mit ihm verbindet. Die Taufe geht seinem Glauben vorweg und ist somit ein Ausdruck für die gute Nachricht, dass Christus der Anfänger seines Glaubens ist.
Und mit dem Taufspruch von Jan sagt ihr ihm, was dann folgt. Er ist ebenfalls ein Wort aus einem Paulusbrief, nämlich aus Epheser fünf. Es heißt dort: „Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Epheser 5,8b.9) Jan bekommt heute die Zusage, dass er in das Licht Christi hineingestellt wird. Ob er danach leben will, muss er selber irgendwann entscheiden. Ihr könnt ihn aber durch euer „Bekennen“ und „Predigen“ dahin führen. Dann wird er selber eines Tages daran glauben und die Früchte ernten: „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“. D.h. er wird gerettet und empfängt das Heil Gottes.
Die Frage, ob es Gott noch gibt, wenn keiner mehr an ihn glaubt, wird im Neuen Testament nicht gestellt. In der ganzen Bibel gilt vielmehr das Gegenteil: Wenn Gott nicht wäre, gäbe es auch kein Leben auf der Erde, keine Menschen und keinen Glauben. Nicht wir müssen ihn ergreifen und am Leben erhalten, sondern er ergreift uns und schenkt uns alles, was unser Dasein ausmacht. Er ist der Grund, aus dem alles andere hervorgeht, und es ist der Glaube daran, der uns rettet.
Amen.