Jesus lebt, mit ihm auch ich!

Predigt über 1. Petrus 1, 3- 9: Lebendige Hoffnung

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti
3.4.2016, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Peterus 1, 3- 9

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe,
das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,
7 damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

Liebe Gemeinde.
In vielen Kirchen weltweit – wie auch in der Jakobikirche hier bei uns – werden in der Osternacht Menschen getauft, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben. Diese Tradition. stammt schon aus der frühen Christenheit. Da fanden außerdem in der Osterwoche täglich Gottesdienste statt. Die Neu-Getauften nahmen daran in ihren weißen Taufkleidern teil und wurden in ein tieferes Verständnis der Sakramente eingeführt. Am Sonntag nach Ostern – den wir heute feiern – legten sie die weißen Gewänder dann feierlich ab. Deshalb heißt dieser Sonntag von alters her auch „Weißer Sonntag“.
Und das ist sehr passend, denn in unserem Kulturkreis wird die Farbe Weiß gerne mit Freude in Zusammenhang gebracht. Sie steht außerdem für Unschuld und Reinheit, ebenso für Unsterblichkeit und Unendlichkeit. Und das alles entspricht der Bedeutung der Taufe durchaus, denn sie ist ein freudiges Ereignis und wie eine neue Geburt, nach der der Mensch noch unschuldig und rein ist. Auch das ewige Leben wird ihm in der Taufe geschenkt.
In unserer Epistel von heute kommt das alles zum Ausdruck. Sie ist ein Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der mit den Worten beginnt: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch.“
Das ist ein hymnischer Dank, in dem Gott für seine „große Barmherzigkeit“ gelobt wird. Durch Jesus Christus hat er eine neue Lebenswirklichkeit geschaffen. Der Eintritt dahinein ist wie eine neue Geburt, die eine lebendige Hoffnung begründet. Und das alles ist durch die Auferstehung Jesu Christi verbürgt.
Es war in neutestamentlicher Zeit üblich, Briefe mit so einem Dank zu beginnen. Der Schreiber, der sich Petrus nennt, wahrte also die Form. Doch das war nicht der einzige Grund für diesen Briefanfang. Seine Worte haben noch einen tieferen Sinn, der im weiteren Verlauf des Textes auch deutlich wird.
Klar ist, dass er an Christen der sogenannten zweiten Generation schrieb. Sie waren Jesus Christus nicht persönlich begegnet, sondern durch die Predigt der Apostel zum Glauben an ihn gekommen. Sie hatten „ihn lieb und glaubten an ihn, obwohl sie ihn nicht gesehen haben“, wie es in unserem Textabschnitt heißt. Sie hatten sich also für Christus entschieden, und das war am Anfang mit viel Freude verbunden.
Wir wissen aber, dass das Glücksgefühl dieser Menschen nicht lange dauerte, denn sie gerieten bald in Bedrängnis. Von vielen Außenstehenden wurden sie verdächtigt, geschmäht, angeklagt und sogar vor Gericht gestellt, und so waren sie „traurig in mancherlei Anfechtungen“.
Das hat der Schreiber des Petrusbriefes vor Augen, und er will den Christen Mut machen. Sie sollen sich von ihrem neuen Bekenntnis nicht abbringen lassen, auch wenn sie deswegen verfolgt werden. Dazu erinnert er sie an Gottes Heilshandeln in Jesus Christus. Es war gut, dass sie sich darauf eingelassen hatten, denn sie haben dadurch einen neuen Daseinsgrund. Das Wesensmerkmal ihrer Existenz ist nicht mehr die Angst vor dem Tod, sondern „das Ziel ihres Glaubens“, und das ist „der Seelen Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.“
Der Verfasser stellt ihnen also die Ewigkeit vor. Er lässt die himmlische Zukunft vor ihrem inneren Auge lebendig werden, und damit will er sie zum Durchhalten motivieren. Die Anfechtungen sind eine Prüfung, durch die ihr „Glaube als echt und viel kostbarer befunden wird als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird“. Das Leid ist kein Grund, vom Glauben wieder abzufallen. Es ist vielmehr eine Bewährungsprobe, mit der seine Echtheit festgestellt wird. Es dauert auch nur „eine kleine Zeit“ im Vergleich zur Ewigkeit, die auf sie wartet. Gott wird sie durch seine „Macht bewahren“ und „dann werden sie sich freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude“. Sie werden dabei sein, wenn „Jesus Christus offenbart wird“.
Der Briefschreiber will mit diesem Textabschnitt also Hoffnung und Freude wecken, auch wenn Verfolgung und Unterdrückung das Leben prägen. Er stellt in kunstvollem Stil die Gewissheit des Heils dar und spielt das Bedrückende der Situation herunter. Seine Botschaft lautet: Durch die Auferstehung Jesu Christi haben alle, die auf seinen Namen getauft sind, eine ewige Hoffnung. Das neue Dasein, das durch den Glauben geschenkt wird, hört im Tod nicht auf, es geht weiter. Die Freude des Heils ist zeitlos und weist über alles Irdische hinaus.
Das ist eine schöne Verheißung, die allen Gläubigen bis heute gilt, sie ist also auch an uns gerichtet. Wir werden mit Christus auferstehen, weil wir – wie alle Getauften – durch die Barmherzigkeit Gottes zu einem neuen Leben wiedergeboren wurden, und darüber können wir uns freuen. In vielen Osterliedern kommt das sehr schön zum Ausdruck. „Jesus lebt!“ Mit diesem Ruf beginnt z.B. jede Strophe eines Liedes von Christian Fürchtegott Gellert von 1757. (EG 115) Fortsetzungen sind dann „mit ihm auch ich!“, „Sein Heil ist mein.“ oder „Ich bin gewiss.“  Darin klingt sehr schön die Hochstimmung an, in die ihn der Glaube an die Auferstehung versetzt,
Die Frage ist allerdings, ob uns das genauso geht. Zweifel melden sich, wenn wir das hören oder lesen. Wir fragen uns: Stimmt das auch? Sind das nicht nur schöne Worte? Welche Wirkung haben sie denn angesichts des Todes? Und wie sollen wir das leben? Es geht doch gar nicht, dass wir in allen Situationen, selbst im Sterben noch unsere Hoffnung behalten, dafür ist es zu schlimm und zu bedrückend. Vieles, was wir an Not und Leid erfahren, lässt sich durch den Glauben nicht herunterspielen. Es behält seine Macht und stellt solche Verheißungen, wie wir sie hier hören, in den Schatten.
Mit diesem Problem müssen wir uns beschäftigen, und dafür ist es gut, wenn wir zunächst einmal bei unserem eigenen Denken und Fühlen anfangen und uns fragen: Von woher definieren wir uns eigentlich. Was ist unser Selbstverständnis? Was macht unsere Identität aus? Normaler Weise ist das alles Mögliche: Unsere Gaben und Fähigkeiten sind z.B. wichtig. Auch der Besitz spielt eine Rolle, ebenso Beziehungen, Familie und Freunde. Wir sind in großen Teilen unseres Lebens damit beschäftigt, etwas zu lernen und zu leisten, Geld zu verdienen, Erfolg und Anerkennung zu bekommen, zu lieben und geliebt zu werden. Das macht unser Leben aus, darüber definieren wir uns.
Dabei merken wir oft nicht, dass wir genau dadurch immer wieder in Leid geraten. Denn all das, was wir erreichen und aufbauen, kann aufhören, es ist vergänglich und brüchig. Unsere Leistungsfähigkeit lässt im Laufe des Lebens nach. Wir werden oft enttäuscht, verlassen, betrogen oder hintergangen. Andere Menschen tun uns Leid an, und so sind wir über weite Strecken des Lebens gar nicht freudig oder glücklich, sondern traurig, ärgerlich oder wütend. Auch Angst und Sorge sind ständige Begleiter. Und am Ende macht uns das Sterben zu schaffen. So lange es geht, verdrängen wir es, aber es kommt, und es ist unausweichlich. Da liegen wir dann und müssen erleben, wie unsere Kräfte schwinden und der Körper zerfällt. Und das ist eine große Not, auf die es keine Antwort gibt.
Auch für viele andere Probleme gibt es oft keine rechte Lösung. Natürlich suchen wir immer wieder danach. Die Psychologie und die Medizin unterstützen uns dabei, auch die Politik oder die Wirschaft. Aber viel Leid bleibt trotzdem bestehen, es gibt daraus kein Entrinnen.
Unser Elend hat also etwas damit zu tun, dass wir uns oft nur vom Diesseits her definieren, dass unsere Lebensinhalte weltlich und irdisch sind und damit ein Verfallsdatum haben. Ihre minderwertige Qualität ist die Ursache für unsere Trauer und unsere Angst, für Wut und Sorge.
Es ist deshalb gut, dass es noch eine ganz andere Ebene des Daseins gibt, und das ist die Ebene des Glaubens. In unserem Briefabschnitt werden wir auf unsere Beziehung zu Gott verwiesen. Uns wird eine religiöse Lösung angeboten. Durch die Barmherzigkeit Gottes gibt es einen neuen Daseinsgrund, den wir durch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi gewinnen können. Er hat ewigen Bestand, denn er ist nicht von dieser Welt. Nichts Irdisches haftet an ihm. Der Vergänglichkeit ist er nicht unterworfen.
Wenn wir uns damit identifizieren, drehen sich die Verhältnisse um: Nicht mehr die irdischen Nöte stellen die Verheißung in den Schatten, sondern diese großartige Perspektive relativiert alles andere. Unsere Zweifel verschwinden, und alle Fragen verstummen
Und das Wunderbare ist: Wir müssen gar nicht viel tun, um an diesem neuen Daseinsgrund teilzuhaben. Durch die Taufe sind wir bereits mit ihm verbunden. Unser Leben besteht dadurch aus noch viel mehr als aus unseren Gaben und Erfolgen. Auch unsere Beziehungen oder unser Besitz müssen uns letzten Endes nicht bestimmen, denn wir wurden von Gott her neu geboren. Durch die Taufe wurden wir in eine neue Wirklichkeit aufgenommen, und es gilt, dass wir uns von daher definieren. Wir sind eingeladen, uns die himmlische Zukunft vor unserem inneren Auge vorzustellen und uns davon prägen zu lassen. Das Leid und selbst das Sterben verlieren dann ihre Macht.
In unserem Briefabschnitt wird das Leid als „Prüfung für die Echtheit des Glaubens“ bezeichnet. Und das heißt, es ist keine absolute Gegebenheit, sondern es ist einem Zweck untergeordnet. Und zwar kann es uns auf das Heil hinweisen, das bei unserer Taufe in unser Inneres eingesenkt wurde. Es lässt mich fragen: Lebe ich wirklich aus dem Glauben oder lebe ich aus den äußeren Verhältnissen? Und die Antwort sollte sein: Mein Leben ist in Jesus Christus begründet, in seiner Auferstehung und in der Ewigkeit. Das Leid kann uns immer wieder dahinführen, uns von Gott her zu definieren, und nicht vom Gelingen des irdischen Lebens.
Wer das beizeiten beherzigt und sich darin übt, hat auch im Sterben noch eine Hoffnung. Die Verheißung des Evangeliums ist nicht bloß ein Wort, sie erweist sich vielmehr gerade dann als echt und tragfähig. Sie schafft Zuversicht und Trost. Eine gute Praxis ist dafür das regelmäßige Wiederholen des christlichen Bekenntnisses. Es ist gut, wenn auch wir immer wieder Gott loben und ihm für „seine große Barmherzigkeit“ danken. Dann wird die Hoffnung lebendig, und die „Auferstehung Jesu Christi“ bleibt aktuell.
Möglicherweise ist das nicht jedem Christen oder jeder Christin in ihrer Sterbestunde gegenwärtig, denn am Ende versagt oft auch der Geist. Aber dann können andere für sie einspringen. Wenn wir Sterbende begleiten, können wir für sie an das „unvergängliche und unbefleckte und unverwelkliche Erbe“ glauben, es ihnen wünschen und an der Überzeugung festhalten, dass es „im Himmel für sie aufbewahrt wird.“ Denn wir können uns darauf verlassen, dass es ihnen bereits bei ihrer Taufe versprochen wurde.
Es ist eine alte und sehr sinnvolle Tradition, dass der Taufsegen die Zusage des ewigen Lebens enthält. Die klassische Formulierung lautet: „Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der dich von neuem geboren hat durch das Wasser und den heiligen Geist und dir alle deine Sünde vergibt, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben.“ Auch Säuglingen wird dieser Segen gegeben, d.h. sie werden bereits bei der Taufe in die Wirklichkeit hineingenommen, die auch nach dem Tod noch da ist. Durch ihre Taufe legen wir den neuen, ewigen Daseinsgrund, und der trägt bis zum Ende. Deshalb gilt auch das Umgekehrte: Bei der Grablegung erinnern wir an die Taufe mit folgenden Worten: „Gott vollende an dir, was er dir in der Taufe geschenkt hat und gebe dir Anteil an seiner Herrlichkeit“.
Nicht umsonst ist auch das Totenhemd in der Regel weiß. Es bekleidet den Leichnam nach Eintritt des Todes bis zu seiner Bestattung. Und wenn die Angehörigen es nicht anders wünschen, wird damit bewusst eine symbolische Verbindung zum Taufkleid hergestellt. So kommt zum Ausdruck, dass das ganze Leben von der Taufe bis zum Tod wie ein großer Bogen ist, der sich unter der Barmherzigkeit Gottes auspannt. Alle Christen können mit Freude in die Osterlieder einstimmen und überschwänglich mitsingen:
„Jesus lebt! Nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben. Welchen Trost in Todesnot wird er meiner Seele geben, wenn sie gläubig zu ihm spricht: ,Herr, Herr, meine Zuversicht!‘“
Amen.

Der Predigt liegt eine Meditation von Anselm Grün zu Grunde
in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttext-Reihe II,1, Advent bis Kantate, Göttingen, 1982, S. 153ff

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