Christus schafft den neuen Menschen

Lesepredigt über 2. Korinther 5, 17: Die neue Schöpfung

3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 3.5.2020

Für einen Gottesdienst zu Hause ist hier ein Entwurf:

3. n. Ostern zu Hause

Liebe Gemeinde

Es gab schon immer Wahrsagerinnen, Orakel und Propheten. Sie können uns angeblich etwas über die Zukunft sagen, denn sie sind anders in die kommenden Geschehnisse eingeweiht als wir. Sie kennen Geheimnisse, die wir nicht kennen und berichten darüber. Viele Menschen folgen gerne ihren Ausführungen. Ob ihre Quellen seriös sind, spielt für sie keine große Rolle.

Anderen ist das wichtiger, wenn es um die Zukunft geht, und es gibt ja durchaus auch ernstzunehmende Vorhersagen. Sie resultieren aus Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, Aufzeichnungen, Messungen und Berechnungen. Der Wetterbericht entsteht z.B. so, und wir vertrauen ihm normaler Weise. Auch sogenannte Zukunftsforscher sind angesehene Wissenschaftler, auf deren Stimme gehört wird.

Auf jeden Fall ist es ein großes Bedürfnis der Menschen, die Zukunft vorherzusagen. Wir beschäftigen uns gerne und oft damit, entweder aus Angst, oder um das Leben zu planen, aus Sorge, oder weil wir Wünsche haben, die wir uns erfüllen möchten. Die Zukunft begleitet uns ständig in unsrem Denken und Fühlen, unserem Handeln und unseren Entscheidungen.

In der Bibel ist das auch so, da spielt sie sogar eine große Rolle. An vielen Stellen ist dort von den Verheißungen Gottes die Rede: Propheten haben Visionen, sie machen Zusagen, wollen Zuversicht vermitteln oder warnen. Auch das Thema einer völlig neuen Welt, die Gott heraufführen wird, durchzieht die ganze Bibel. Die Israeliten hofften darauf, und sowohl Jesus als auch die Apostel waren davon überzeugt, dass bald das ewige Reich Gottes anbrechen würde.

Hinter dem Spruch für den Sonntag Jubilate und die kommende Woche steht diese Vorstellung ebenso. Er steht im zweiten Brief des Paulus an die Korinther und lautet: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor. 5, 17)

Paulus sagt mit diesem Satz, was es heißt, Christ zu sein und zu Christus zu gehören: Es ist, als würde der Mensch mit Christus neu geschaffen. So wie Christus gestorben und auferstanden ist, so wird auch der Gläubige ganz neu mit ihm leben.

Hinter dieser Aussage steht der Endzeitglaube von Paulus. Er lebte in dem Bewusstsein, dass es zwei Weltzeiten, zwei Äonen gibt, einen alten und einen neuen. Die alte Zeit begann einst mit der Erschaffung Adams, die neue Zeit ist mit Christus angebrochen. Wer mit ihm Gemeinschaft hat, wird also neu erschaffen und hat Anteil an der ewigen Zukunft Gottes. Er wird ein himmlischer Mensch.

Dabei weiß Paulus sehr wohl, dass die Welterneuerung noch nicht vollendet ist. Es wird noch mehr kommen, die endgültige Auferstehung und die volle Gottesherrschaft stehen noch aus. Sünde und Tod sind noch da, die alte Welt ist noch nicht endgültig abgelöst. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, die vergehende Welt ist besiegt und zum Untergang verurteilt. Denn Christus hat ein neues Zeitalter herbeigeführt, das in die alte Welt eingebrochen ist. Das Neue triumphiert bereits. Die große Entscheidung über die Mächte dieser Welt ist in Christus gefallen.

Es ist also beides gleichzeitig da: Das „Noch nicht“ und das „Es ist geschehen“. Und so gibt es bereits jetzt ein „neues Sein in Christus“, auch wenn das alte „noch nicht“ vergangen ist. Christus erneuert den inneren Menschen, er versöhnt ihn mit Gott. Der Tag des Heils ist jetzt.

Das ist die Botschaft von Paulus, und es tut gut, darauf zu hören. Gerade jetzt in der Corona-Krise denken ja viele Menschen darüber nach, wie es wohl danach werden wird. Wir erleben etwas Ungewohntes und Neues. Es macht Angst und lädt zu Spekulationen ein. Viele sagen, dass die Welt danach eine andere sein wird. Doch wie wird sie aussehen?

Mit den Methoden und Werkzeugen der Trend- und Zukunftsforschung lassen sich die möglichen Folgen der Pandemie einschätzen. Ein Zukunftsinstitut hat vier Szenarien entwickelt, die beschreiben, wie unsere Zukunft nach der Pandemie mittelfristig aussehen könnte:

Szenario eins ist die totale Isolation. Der Shutdown wird zur Normalität, alle sind gegen alle, es herrscht Angst und Misstrauen unter den Menschen. Es wird z.B. normal sein, sich vor dem ersten Date gegenseitig die Gesundheitsdaten zu schicken. Bei jeder Ausreise brauchen wir eine Genehmigung. Es gibt selbst in der EU umständliche Visumsverfahren, und wir akzeptieren das alle.

Szenario zwei beschreibt den System-Crash: Das Virus hat die Welt ins Taumeln gebracht und sie kommt nicht mehr heraus. Das Vertrauen in die globale Zusammenarbeit ist massiv erschüttert. Jede Nation ist sich selbst die Nächste. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen. Die Welt wankt nervös in die Zukunft.

Diese beiden Abläufe sind pessimistisch.

Man kann aber auch optimistisch sein, und sich vorstellen, dass sich die globalisierte Gesellschaft nach der Corona-Krise wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt. Das ist das dritte Szenario: Es wird mehr Wert auf regionale Erzeugnisse gelegt. Die Rückbesinnung auf Familie und Haus und Hof hat Einzug gehalten. Kleine Gemeinschaften entstehen neu und verfestigen sich – immer in vorsichtiger Abgrenzung zu „den Anderen“. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur sind wichtige Werte, die jedoch nur lokal gedacht werden, nicht global.

Und das vierte Szenario sieht eine wunderbare neue Welt heraufkommen: Die Menschen haben gelernt und gehen gestärkt aus der Krise hervor. Wir passen uns besser den Gegebenheiten an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Die Weltwirtschaft wächst zwar weiter, aber deutlich langsamer. Unternehmen entwickeln neue Geschäftsmodelle und machen sich unabhängig vom Wachstum. Sie fragen nicht mehr nach dem Profit, sondern nach dem Sinn des Wirtschaftens. Sie legen Wert auf bessere, sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen. Das gemeinsame Überstehen der Krise führt zu einem neuen, achtsamen Umgang miteinander. Solidarität, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt bestimmen das Handeln aller. Dieses Szenario wäre natürlich das Beste.

Aber was von all dem eintreten wird, weiß niemand. Es gibt Zukunftsforscher, die mit ihren Prognosen schon gehörig danebengelegen haben, und möglicherweise wird sich gar nicht so viel ändern.

Denn am naheliegendsten wäre es ja, wenn die jetzige Prämisse „Die Gesundheit und das Überleben der Menschen hat absoluten Vorrang“ bald auch alle anderen Bereiche der Politik bestimmt. Dann würden wir sofort Tempo 130 auf allen Autobahnen haben, damit es weniger Verkehrstote gibt. Alkohol, Zigaretten und ungesunde Lebensmittel werden verboten, damit niemand an den Krankheiten stirbt, die dadurch entstehen. Wir stellen die Waffenproduktion ein, damit kein Mensch mehr einen anderen erschießen kann. Wir kümmern uns endlich entschieden um das Klima, damit alle Lebewesen auf diesem Planeten überleben können, usw.

Vielleicht wird das eine oder andere davon ja tatsächlich geschehen, aber sicher nicht sofort nach der Krise, weil dadurch alle so einsichtig werden oder weil die jetzigen Prioritäten in der Politik festgesetzt werden und überall gelten. Denn die Menschen bleiben egoistisch und träge. Macht und Gier und Wille haben uns dahin gebracht, wo wir sind, und die werden nicht einfach so verstummen. Der Mensch wird weiterhin von seinen Wünschen und Bedürfnissen gesteuert sein. Es ist auch nicht ganz nachvollziehbar, warum ein Virus plötzlich alles verändert sollte. Wenn es besiegt ist, wird es wahrscheinlich wieder in Vergessenheit geraten. Auch in früheren Zeiten hat die Menschheit Krisen überstanden und bald danach so weiter gemacht, wie vorher.

Denn zu einer echten Erneuerung gehört etwas ganz anderes, als eine Krankheit, vorübergehender Freiheitsentzug oder ein Wirtschaftseinbruch, selbst wenn es in allen Ländern der Welt geschieht. Es muss eine Zeitenwende eintreten, eine ganz neue Welt entstehen, ohne unser Zutun. Und genau das ist geschehen. So lautet die Botschaft des Neuen Testamentes:

Jesus Christus hat die neue Welt gebracht, in ihm hat sich etwas ereignet, das alle, die an ihn glauben, immer wieder neu erschafft. Das Alte hat seine Macht verloren, auch wenn sich das Neue noch nicht ganz durchgesetzt hat. Christus ist auferstanden und hat die Schöpfung erneuert. Wir müssen nur daran glauben und uns darauf einlassen. So lautet das Evangelium.

Doch was heißt das nun konkret? Was müssen wir beachten, wenn wir an der neuen Schöpfung Anteil haben wollen? Lasst uns darüber noch nachdenken und uns zunächst folgendes klar machen:

Wenn das Heil jetzt da ist, müssen wir uns auf die Gegenwart konzentrieren. Es ist nicht ratsam, zu viel über die Zukunft zu sinnieren und mit den Gedanken in einer Zeit zu sein, die noch nicht da ist. Jetzt geschieht das, was wichtig ist. Alles andere sind Phantasien, Wünsche und Spekulationen. Sie sind zwar in einem gewissen Grad realistisch, aber viel realer ist der Augenblick. In ihm gilt es, zu verweilen. Und das heißt, anstatt etwas zu wollen, müssen wir einfach nur da sein. Nicht auf das Machen und Planen kommt es an, sondern auf das Vertrauen und die Gelassenheit. Christus will uns jetzt ergreifen, und es gilt, seine Liebe und Gnade zu empfangen. Dann kann sein Geist uns erfüllen und wir werden „neu erschaffen“. Es entsteht ein neues Bewusstsein und damit auch eine neue Lebensweise und ein neues Handeln. Das ist der erste Punkt.

Als zweites dürfen wir wissen, dass das entscheidende Merkmal dieses neuen Lebens große Freude und Zuversicht ist. Die Angst vor dem Tod verschwindet, denn Christus hat die Welt überwunden und die Ewigkeit steht uns offen. Wir gewinnen eine Hoffnung, die weit über Raum und Zeit hinausweist. Wir werden geduldiger und leidensfähiger. Verlust, Krankheit, Schmerzen und Not verlieren ihr Gewicht. Wir bleiben ruhig und zufrieden, ganz gleich, was geschieht.

Beachten müssen wir dabei nur, dass dieser Zustand nicht ein für alle Mal da ist und von selber andauert. Er will immer wieder eingeübt sein. Es ist eine tägliche Aufgabe, uns so Christus anzuvertrauen, dass sein Geist uns erfüllt und wir zu „neuen Menschen“ werden. Es erfordert unser Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Wenn wir die allerdings aufbringen, wird das neue Sein langsam zu einer Gewohnheit, die uns immer mehr prägt.

Und wenn das so ist, kann sich auch die Welt verändern. Das ist der letzte Gedanke in diesem Zusammenhang. Und die Krise kann dafür auch eine gute Ausgangsbasis sein. Wir wissen zwar nicht, was danach sein wird, aber wir können uns etwas vornehmen und selber dazu beitragen, dass nicht alles wieder so sein wird wie vorher.

Wir merken jetzt alle, wie bedroht unser Leben ist, wie sehr wir einander brauchen, und was wirklich zählt. Und wir haben es selber in der Hand, ob von den guten Vorgängen und Abläufen in unserer Gesellschaft etwas überlebt. Anstatt zu spekulieren, sollten wir für uns selber etwas beschließen. Wichtig sind jetzt nicht die Stimmen von irgendwelchen Orakeln oder Zukunftsforschern, sondern die Entscheidungen jeder und jedes Einzelnen. Auf Glaube, Hoffnung und Liebe kommt es an. Und ob diese Tugenden unsere Gesellschaft prägen, liegt an uns. Die Möglichkeit dazu haben wir, weil Christus es uns geschenkt hat, so zu leben.

Lasst uns deshalb nicht allzu sehr in die Zukunft schauen und dabei ungeduldig die Tage zählen, bis all die Unbequemlichkeiten und Einschränkungen endlich vorüber sind. Jeder Tag zählt, ob in der Krise oder danach, ob in der Zeit oder in der Ewigkeit. Denn „das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“

Amen.

Des Lebens Blütensieg

Ostersonntag, 12.4.2020

Ostern verweist uns auf ein Geschehen, das heute lebendig ist.  Wir dürfen uns in diesen Coronazeiten zwar nicht zum Gottesdiesnt versammeln, aber das löscht die Gegenwart des Auferstandenen nicht aus. Feiert euren Ostergottesdiesnt deshalb zu Hause an einem Tisch mit Kerzen und Blumen und einem Osterbild. Dafür ist hier ein Gottesdienstentwurf mit Liedvorschlägen, Bibellesungen und Gebeten und eine Lesepredigt.

Ostersonntag zu Hause

Lesepredigt über Jeremia 1, 11f: Der erwachende Zweig

Liebe Gemeinde

Ich bin in diesen Tagen von mehreren Menschen an ein Lied erinnert worden, das der jüdische Dichter und Religions-Philosoph Schalom Ben-Chorin gedichtet hat. Der lebte von 1913 bis 1999, d.h. er hat beide Weltkriege miterlebt, und er nannte sein Gedicht „das Zeichen“. Er schrieb es 1942 in Jerusalem, als sich gerade die Schreckensmeldungen über den Krieg und die Vernichtung seines Volkes häuften. Es beginnt mit der Strophe: „Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.“ (EG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 606,1) Wenn Ben-Chorin verzagt und hoffnungslos war, tröstete ihn die leise Botschaft des Mandelbaums. Denn der blüht, wenn ringsum noch alles kahl ist und auf den hohen Hügeln rund um Jerusalem noch Schnee liegt.

Ähnlich werden auch wir es in den kommenden Tagen erleben können: Die Mandel- und Obstbaumblüte wird vielen Menschen Freude und Zuversicht geben, denn sie ist ein wunderbares Hoffnungszeichen, ein „Zeichen für den Sieg des Lebens“.

In der Bibel finden wir dafür ebenfalls Beispiele. Und vermutlich dachte auch Ben-Chorin an die Stelle aus dem Buch des Propheten Jeremia im ersten Kapitel, wo steht:

Jesaja 1,11

1 Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du?
2 Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.

Diese Vision steht am Anfang des Buches von Jeremia und es ist ein Teil seiner Berufungsgeschichte. Mit ihr beginnt sein Auftreten als Prophet. Er beschreibt darin eine persönliche Begegnung mit Gott, durch die er auf seinen Beruf vorbereitet wurde. Sie bildet den Ausgangspunkt und das Fundament seiner gesamten Prophetie. Entscheidend sind dabei nun allerdings nicht Ideen oder Programme, die er von Gott bekommt, sondern Gott weckt in ihm die Hoffnung und Gewissheit auf ein kommendes Heil für die ganze Welt.

In einer Vision stellt er ihm einen „erwachenden Zweig“ vor Augen, und damit ist ein Mandelzweig gemeint. Der Mandelbaum blüht im Frühjahr nämlich als erster der Fruchtbäume und daher lautet sein hebräischer Name „der Wächter“ oder „der Frühe“, und er klingt wie „wachsam sein“. In der Vision Jeremias gilt er als Zeichen dafür, dass Gott über seine Schöpfung „wacht“. Der Zweig besagt: Gott steht zu seinen Verheißungen. Er verkündet die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. Er bezeugt, dass das Leben aus Gott am Ende stärker sein wird, als alle Not. Der „erwachende Zweig“ steht als Zeichen gegen Leid, Zerstörung und Tod und sagt Gottes ewiges Friedensreich an.

Eine solche Symbolik durchzieht die ganze Bibel. Dem Übermaß an Unheil und Schuld auf der Welt begegnet Gott immer wieder mit lebendigen Zeichen der Schöpfung und der Natur. So lesen wir von einem „Reis aus der Wurzel Isais“ bei dem Propheten Jesaja. (Jes.11,1f).10  Die Christen haben das später als Ankündigung der Geburt Jesu gedeutet. (Röm.15, 12) Das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ (EG 30) greift dieses Bild auf.

Aber auch Jesus selbst bediente sich gerne dieser Vorgänge in der Natur. So erzählte er das Gleichnis vom Senfkorn (Matth.13,31; 17,20) und benutzte das Bild vom „Weizenkorn, das in der Erde erstirbt, um Frucht zu bringen“. (Joh.12,24). Damit deutete er seinen eigenen Weg an. Er ist selber gestorben, war tot und wurde beerdigt. Aber dabei ist es nicht geblieben. Zu Ostern feiern wir vielmehr seine Auferstehung.

Die Evangelien bezeugen, dass er nicht im Grab geblieben ist. Viele Menschen haben ihn danach gesehen. Zuerst erschien er den Frauen „Maria Magdalena und der anderen Maria“ (Mat.28,9f), dann zeigte er sich auch allen Jüngern (Joh.20,19ff) und wurde „von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal gesehen“, wie Paulus im Korintherbrief berichtet. (1. Kor.15,6) Mit diesen Darstellungen legt das Neue Testament viel Wert darauf, die Botschaft von der Auferstehung glaubhaft zu machen, und sie sind auch der Ausgangspunkt des Christentums. Mit Ostern begann der Weg des Glaubens an Jesus Christus als dem Sohn Gottes, der den Tod überwand.

Doch obwohl dieser Glaube sich im Laufe der Jahrhunderte erfolgreich in der ganzen Welt verbreitet hat, haben damit heutzutage viele von uns ihre Schwierigkeiten. Wir können und wollen uns das so nicht vorstellen, wir glauben nicht an ein Wunder. Denn unser Denken ist von der Naturwissenschaft und von der Vernunft bestimmt, und da passt der Glaube an die Auferstehung eines Toten nicht hinein.

Das muss er allerdings auch nicht, denn sowohl das Neue Testament als auch der Prophet Jeremia und andere biblische Zeugen wollen gar nicht unsere Vernunft ansprechen. Um die Osterbotschaft aufzunehmen, ist es sogar ungünstig, wenn wir unser normales Denken einschalten. Denn sie ist ein Mysterium, ein Geheimnis, dem wir uns ganz anders nähern müssen, als mit logischen Schlussfolgerungen. Überlegungen zu Ursache und Wirkung, das Nachdenken über Voraussetzungen und Ergebnisse helfen uns bei diesem Thema nicht weiter. Im Gegenteil, sie stehen uns im Weg. Wir müssen ganz andere Mechanismen in unserem Geist und unserem Bewusstsein einschalten, um die Botschaft von der Auferstehung zu begreifen.

Dafür ist es gut, wenn wir zunächst einmal ruhig werden und aufhören zu denken. Wir sollten uns dafür auch Zeit nehmen, denn es dauert eine Weile, bis unsere Gedanken zur Ruhe kommen. Es gehört dazu, dass wir unser Ich zurücknehmen, innerlich schauen, einfach nur da sind und abwarten, was geschieht. Die Auferstehung ist ein Ereignis, das nicht in die Geschichte und nicht in die Logik passt, aber es ist erfahrbar. Das Evangelium will etwas in uns wecken, und das ist der Glaube an den Sieg des Lebens.

Shalom Ben-Chorin wusste, dass es ein bisschen „meschugge“, d.h. ein „ein bisschen verrückt“ ist, in einem zarten Mandel-Blütenzweig einen Protest gegen den enormen Druck von Hoffnungslosigkeit zu erkennen. So hat er es später ausgedrückt. Aber zu dieser Verrücktheit sind wir eingeladen. Wir sind eingeladen, an den Sieg des Lebens zu glauben. Ostern ist das Fest, an dem wir uns darauf besinnen, dass aus Ohnmacht Leben wurde. Jesu Weg war nicht der Weg des Scheiterns, sondern in Wahrheit Ausdruck von Gottes Kraft und Liebe, die sich gegen alles Leid und auch gegen allen Augenschein durchgesetzt hat. Es gibt das ewige Friedensreich Gottes.

Die Hoffnung darauf verbindet Juden und Christen. Aber als Christen glauben wir noch mehr. Denn wir glauben, dass das Reich Gottes schon begonnen hat. Es ist bereits unsichtbar gegenwärtig und seine Spuren durchziehen diese Welt. Denn wir haben Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen vor Augen, wenn wir von unserer Hoffnung sprechen. Und das heißt: Durch sein Sterben und Auferstehen ist der Tod nicht das Ende. Es siegt das Leben. Wer Christus vertraut, wird in Ewigkeit gerettet. Das ist die Botschaft, die von Ostern ausgeht, und der erste Mandelzweig ist dafür ein wunderbares Zeichen. So können auch wir singen: „Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, dass das Leben siegt!“

Schalom Ben-Chorin dichtete dieses Lied in einer der „trübsten Zeiten“ für die Juden, um sie an eine unzerstörbare Hoffnung gegen allen Augenschein zu erinnern. Es entstand während der Nazi-Zeit, deren Unrecht er am eigenen Leib erlebt hatte. Ursprünglich lebte er in München, und er wurde dreimal verhaftet. 1935 gelang ihm dann aber zum Glück die Flucht nach Palästina und er ließ sich in Jerusalem nieder. Und obwohl er das unbeschreibliche Leiden und Sterben seiner jüdischen Glaubensgeschwister vor Augen hatte, gab er den Glauben an Gottes Gegenwart in der Geschichte seines Volkes nicht preis. Er dichtete in hoffnungslosen Zeiten das Lied vom blühenden Mandelzweig, das Lied von der unzerstörbaren Hoffnung, dass die Liebe trotz allem bleibt. „Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“ So lautet die dritte Strophe, und die ist immer noch aktuell, auch und besonders in dieser Zeit, in der wir gerade stehen.

Überall auf der Welt ist die Menschheit von dem Coronavirus bedroht, gegen das wir noch kein Mittel und keinen Impfstoff haben. Wir können uns nur schützen, indem wir zueinander Abstand halten, und dadurch erleben wir gerade etwas, das wir vorher so noch nicht kannten. Das soziale Leben wurde weitgehend eingestellt, damit wir uns nicht zu schnell gegenseitig anstecken. Trotzdem sterben Menschen, die wir lieben. Jede Hoffnung scheint umsonst. Wir erfahren was es heißt, dass „eine Welt vergeht.“

Schalom Ben-Chorin hat das ebenfalls erlebt, allerdings in noch viel schlimmerem Ausmaß. Es werden jetzt ja oft Vergleiche mit dem zweiten Weltkrieg herangezogen, aber davor sollten wir uns hüten. Was wir erleben, ist nicht annähernd so grausam, wie das, was damals geschah. Wir kennen es bloß nicht, dass wir unsre Freiheiten einschränken müssen, dass es plötzlich Verbote gibt von etwas, was wir für selbstverständlich halten, und dass mehr Menschen sterben als sonst. Es macht uns natürlich Angst. Aber wir wissen, dass Menschen in der Geschichte und in der Gegenwart noch viel größeres Leid erfahren haben. Und an denen können wir uns ein Beispiel nehmen, so wie an Ben-Chorin, der das Staunen über die weiße Blüte der Mandelbäume dem Schrecken entgegengehalten hat. Es ist ein Hoffnungs-Bild. Er dichtete deshalb: „Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“

Der Mandelbaum, der Mandelzweig oder die Mandelblüte sind auch heute noch in Israel ein Symbol für das neue Leben nach dem Winter, für den Verzweifelten das Zeichen der Hoffnung auf neues und erwachendes Leben, und für den Sterbenden die Verheißung des ewigen Lebens. Wir Menschen brauchen solche Zeichen in unserem Alltag. Gerade und besonders dann, wenn „eine Welt untergeht“, wenn wir zu versinken glauben und keinen festen Halt mehr unter unseren Füßen spüren. Dann winken uns Zeichen wie der Mandelzweig zu: Mensch, sieh hin! Ein unscheinbarer, blühender Mandelzweig ist das Zeichen, dass das Leben siegt. Vertraue Gott! Wenn du das tust, können sich Resignation und Verzweiflung auflösen, kann neue Hoffnung sich Bahn brechen. Gott schenkt uns solche Zeichen der Hoffnung, Zeichen, die weit über das vordergründig Gesehene hinausweisen. Wir müssen einfach nur genau hinsehen, um sie zu entdecken!

Auch die Auferstehung Jesu Christi lässt sich gut mit diesem Bild beschreiben. Und doch ist sie noch viel mehr als das. Denn wenn Christus auferstanden ist, dann ist er jetzt gegenwärtig, dann ist er wirksam und lebendig, dann kann er uns ergreifen und mit seinem Geist erfüllen. Der Osterglaube gibt uns nicht nur ein Symbol, sondern er verweist uns auf eine Realität, die größer und wirklicher ist als die Welt, in der wir leben. Wer sich diesem Glauben anschließt, hat nicht nur gute Gefühle und Gedanken, er bekommt vielmehr eine ganz tiefe Ruhe und wird wirklich getragen. Es entsteht eine Zuversicht, die weit über das Sterben hinausweist, und eine Hoffnung, die den Tod überwindet. Das Leben hat gesiegt, lasst uns darauf vertrauen und Gott dafür loben.

Amen.

Dieser Predigt liegt eine Predigt von Pfarrer Volker Sailer aus Stuttgart zu Grunde, die ich im Internet gefunden habe. Ich habe sie teilweise zitiert, das aber nicht an allen Stellen gekennzeichnet. Den ursprünglichen Text findet ihr hier:

https://www.jomjournal.de/fotos-privat-u-a/predigt-und-lied-mandelzweig/

 

Lasst uns unseren Tagen mehr Leben geben

Karfreitag, 10.4.2020

Es gibt Stimmen, die sagen, dass Ostern in diesem Jahr ausfällt. Doch das kann gar nicht geschehen! Das Einzige was ausfällt, sind gemeinsame Gottesdienste in unseren Kirchen, weil wir uns wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus nicht versammeln dürfen.

Aber Karfreitag und Ostern selber bedeuten ja viel mehr als unsre Gottesdienste. Sie verweisen uns auf ein Geschehen, das heute lebendig ist: Jesus ist für uns gestorben und auferstanden und keine Macht der Welt kann daran etwas ändern.

Feiert euren Gottesdienst deshalb im Wohnzimmer an einem Tisch mit einem Kreuz oder einem passenden Bild. Dafür ist hier ein Gottesdienstentwurf mit Liedvorschlägen, Bibellesungen und Gebeten und eine Lesepredigt.

Karfreitag zu Hause

Lesepredigt über Johannes 3, 16

Liebe Gemeinde.

„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Das waren der Kerngedanke und die Grundhaltung von Lady Cicely Saunders, einer englischen Krankenschwester, die von 1918 bis 2005 lebte. Sie hat die moderne Hospizbewegung gegründet und war Pionierin der Palliativmedizin. D.h. sie sorgte dafür, dass sterbenskranke Menschen, denen im Krankenhaus gesagt wurde „wir können nichts mehr für sie tun“ in Würde und Menschlichkeit ihre letzte Wegstrecke gehen konnten, in einem hellen Gebäude mit freundlichen Räumen und einer farbenfrohen Dekoration. Und dieses Konzept hat sich überall durchgesetzt, auch bei uns gibt es ein Hospiz. Es ist ein Ort, an dem die Angehörigen sich zusammen mit einem Team an der Versorgung des Kranken beteiligen können, und auch ihnen steht das Team zur Seite, wenn sie selbst Hilfe vor oder nach dem Tod des Patienten benötigen. Zentrale Leitideen sind dabei Lebensqualität und Selbstbestimmung bis zum Schluss.

Vor dem Tod selbst schreckt die Hospizbewegung nicht zurück, im Gegenteil, er wird als Teil des Lebens bejaht und als etwas ganz natürliches gesehen. Die Erkenntnis, dass unser Leben irgendwann zu Ende ist, hat in diesem Fall also viel Kreativität und Engagement freigesetzt.

Und das war nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit so. Im Gegenteil, viele philosophische Ansätze beruhen auf der Auseinandersetzung mit dem Tod und der Frage nach dem Leid, und auch in den Religionen ist das ein zentrales Thema, allen voran im Christentum. In unserem Glauben werden das Sterben und die Vergänglichkeit radikal einbezogen, es dreht sich praktisch alles um diese Realität. Die Antwort, die das Evangelium darauf gibt, ist allerdings keine theoretische Abhandlung, sondern ein Geschehen: Jesus Christus ist gestorben und auferstanden, er hat den Tod besiegt und uns ewiges Leben geschenkt. Das ist die Botschaft, und wir sind aufgefordert, daran zu glauben. Mit einem Satz aus dem Johannesevangelium werden dieses Ereignis und die Einladung, uns Jesus Christus anzuvertrauen, wunderbar zusammengefasst. Wir kennen ihn alle, denn er ist berühmt geworden und lautet: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh.3,16) Dieser Satz fasst das ganze Heilsgeschehen, das Gott durch Jesus Christus heraufgeführt hat, in einem Kerngedanken zusammen. Er beinhaltet die Geburt und das Kommen Jesu genauso wie sein Sterben und Auferstehen. Wir lesen ihn deshalb zu Weihnachten, und er ist ebenso das Leitwort für den Karfreitag, dem Tag an dem wir des Kreuzestodes Jesu gedenken.

Ursprünglich stammt er nicht aus der Passionsgeschichte, sondern aus einem Gespräch, das Jesus eines Nachts mit einem Pharisäer namens Nikodemus führte. Er wollte von Jesus wissen, wer er wirklich war, denn er hatte von den Zeichen und Wundern Jesu gehört und selber welche gesehen. Aber war er wirklich von Gott gesandt? Und wenn ja, wie konnte man zu diesem Glauben kommen? Das waren seine Fragen.

Und Jesus offenbart sich ihm in diesem Gespräch. Er spricht von der Wiedergeburt, die nötig ist, um in ihm den Sohn Gottes zu erkennen, und vom Empfang des Heiligen Geistes. Die alles entscheidende Tat aber, die den Menschen rettet, kommt von Gott selbst: Er hat der Welt seinen Sohn geschenkt und ihn für sie am Kreuz hingegeben. Jeder, der zu ihm aufblickt, wird ewiges Leben haben, er wird aus der Verlorenheit und der Vergänglichkeit gerettet und an der Auferstehung der Toten teilhaben. Das ist seine Botschaft, nicht nur für Nikodemus, sondern für alle, die das Evangelium lesen. Sie zeichnet den Weg Jesu vor, benennt seinen Ursprung, seinen Auftrag und sein Ziel.

Und damit gibt das Evangelium auf den Tod eine ultimative Antwort. Jesus hat nicht darüber philosophiert, er hat ihn besiegt. Sein Ziel war es nicht, „dem Leben mehr irdische Tage zu geben“, sondern den wenigen Tagen, die ihm auf dieser Erde zur Verfügung standen, so viel Leben wie möglich. Und etwas Weitreichenderes und Lebendigeres, als er bewirkt hat, kann es gar nicht geben. Denn er hat mit seinem Kreuz und seiner Auferstehung eine Zeitenwende heraufgeführt. Der Himmel steht offen, und das Leben hat ein für alle Mal gesiegt! Lasst uns deshalb zu denen gehören, „die an ihn glauben“.

Das ist gerade in diesen Tagen besonders nötig, denn der Tod und das Sterben sind überall. Das Coronavirus hat unser Leben verändert, hoffentlich nur vorübergehend, aber z.Zt. ist alles, was geschieht, ausgesprochen gruselig. Wir müssen nicht nur die Nachrichten über die Toten verkraften, die jetzt überall zu beklagen sind, auch das Leben der Gesunden droht zu verkümmern. Unsere Gesellschaft ist in der Gefahr, ihre Seele zu verlieren, denn vieles von dem, was es lebenswert und menschlich macht, ist verboten.

Eine der vielen traurigen Tatsachen ist jetzt die, dass viele Menschen umgeben von Maschinen und Gestalten in Schutzkleidung sterben. Sie sehen am Ende ihres Lebens kein Lächeln mehr, keine Farben und keine vertraute Person. Wegen der Ansteckungsgefahr werden sie zur Einsamkeit verurteilt. Weil alle wissen, wie unerträglich das ist, wird in Einzelfällen zum Glück dann doch die Palliativmedizin einbezogen. Die Kranken werden isoliert, und Angehörige dürfen unter strengen Sicherheitsvorschriften Abschied nehmen. Ihnen wird die Möglichketi gegeben, „Lebe wohl“ zu sagen, um so ein letztes Stück Würde und Menschlichkeit aufrecht zu erhalten.

Ansonsten wird alles dem Gemeinwohl, der Solidarität und der Rücksichtnahme untergeordnet. Denn der Medizin liegt die Devise zu Grunde: „Wir wollen dem Leben so viele Tage geben wie möglich“. Jeder Arzt ist verpflichtet, Leben zu retten, und es wurden dafür inzwischen großartige Möglichkeiten entwickelt: Es gibt Beatmungsgeräte, das künstliche Koma und die Intensivpflege. Meistens ist das alles segensreich und für viele Menschen wirklich lebensrettend. Doch in diesen Tagen zeigt sich, dass der medizinische Fortschritt, wie wir ihn gern nennen, auch ganz erhebliche Schattenseiten hat. Damit jeder, der es nötig hat, diese Therapie bekommen kann, müssen alle anderen unglaublich hohe Opfer bringen. Sozial, juristisch, wirtschaftlich und ethisch sind wir an eine Grenze gekommen, die uns den Weg zu einer für alle Menschen segensreichen Lösung versperrt. Das sollten wir zugeben. Es reicht nicht, wenn wir nur noch an die gesellschaftlichen Maßnahmen und die Medizin glauben und so tun, als hätten wir aus dieser Situation einen plausiblen Ausweg, als könnten wir das alles ohne Schaden bewältigen. Wir dürfen uns nichts vormachen und müssen das Dilemma anerkennen, in dem wir stecken. Wir sollten nicht daran glauben, dass wir als Menschen alles in den Griff bekommen können. Den Tod können wir schon gar nicht besiegen, es wird ihn immer geben. Es ist also ratsam, wenn wir innerlich immer mal wieder aus dem Denken aussteigen, das gerade die Welt beherrscht und uns täglich in den Medien präsentiert wird.

Und dabei kann uns der Glaube an Jesus Christus helfen. Er starb für uns am Kreuz, und das ist eine der grausamsten Todesarten, die es gibt. Es geschah ohne Selbstbestimmung, mit unsäglichen Schmerzen, allein und qualvoll, verachtet und verlassen. Jesus ist an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens gegangen.

Er war nicht der erste und einzige, der einen solchen Tod starb. Die Kreuzigung war damals bei den Römern die übliche Hinrichtungsmethode, und die Folter, die damit einherging, war ein Teil der Strafe. Aber Jesus war der erste und einzige Sohn Gottes. In ihm offenbarte Gott seine Liebe zu der Welt, und das heißt: Am Kreuz Jesu hat Gott selber den Tod auf sich genommen. Und damit hat er die Grenze geöffnet, vor der wir stehen, wenn wir sterben, die Grenze vor der wir uns als Gesellschaft auch jetzt in diesen Zeiten befinden.

Wir müssen nur an ihn glauben, und „bei ihm stehen, wenn ihm sein Herze bricht“. So hat Paul Gerhard diesen Schritt der Hingabe an Jesus beschrieben. (EG 84, 6). D.h., wir müssen ihn im Geist umarmen, „in unseren Arm und Schoß fassen“. Dann sieht er auch uns und steht uns zur Seite.

Das ist eine geistliche Übung, mit der wir das eigene Sterben in gewisser Weise vorwegnehmen. Wir lassen das Leben los und richten unseren Blick auf das Kreuz. Wir bejahen den Tod. In dieser Zeit haben wir dazu unzählige Möglichkeiten, denn die angeordneten Kontakteinschränkungen bedeuten ein Sterben auf vielen verschiedenen Ebenen: Existenzen sind bedroht, Träume platzen, Menschen werden arbeitslos, viele Möglichkeiten der liebevollen Zuwendung, der zärtlichen Berührung und des Trostes werden unmöglich gemacht, um von Geselligkeit, Feiern und Unterhaltung einmal ganz zu schweigen. Unser Leben ist gerade sehr arm. Aber anstatt das zu beklagen, können wir dieses Sterben auf uns nehmen. Dann gehen wir nicht bloß mit hilfreichen Gedanken oder einer bestimmten Strategie durch diese Krise, sondern wir kommen wirklich dem Tod näher. Und das ist gut, denn er ist sowieso ein Teil des Lebens. Vielleicht lernen wir jetzt, ihn in das Leben einzubeziehen und zu bejahen. Und damit „geben wir unseren Tagen mehr Leben“, als wenn wir ihn verdrängen oder abschaffen wollten. Wir leben bewusster und wesentlicher, wacher, gesünder und klarer. Es geschieht etwas mit uns: Eine Kraft zieht in unsere Seele ein, die uns ausgeglichener und ruhiger macht. Wir werden gelassen und angstfrei. Und wir gewinnen etwas, das viel größer ist, als dieses Leben: Wir gewinnen die Ewigkeit, denn Jesus zieht uns zu sich „an sein Herz“.

Auch in der Hospizbewegung sollte der Glaube an die Überwindung des Todes vorkommen, sonst ist selbst dieser Weg nur ein verkürztes Angebot. Für viele Menschen ist es sicher ausreichend, aber nicht für alle.

Meinem Vater war es z.B. nicht genug. Er ist vor zehn Jahren gestorben. Auch für ihn kam der Tag, wo der Arzt im Krankenhaus sagte: „Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Er schlug das Hospiz vor, und dort ist mein Vater dann eingezogen. Nach drei Tagen wurde er allerdings unruhig und hat rebelliert. Er vertrug die Freundlichkeit der Menschen um ihn herum nicht, das war ihm alles zu seicht, zu weltlich und zu menschlich. Er empfand es als Theater. Denn seit seinem 20. Lebensjahr lebte er im Glauben an die Ewigkeit. In der Gefangenschaft in Russland während des zweiten Weltkrieges, wo er von Schrecken umgeben war und täglich das Massensterben miterlebte, hatte er sich bekehrt, und war seitdem durchdrungen von dem Bewusstsein, dass es noch mehr gibt, als diese Welt, eine Überwindung, die größer ist als alles. Darauf wollte er sich in seinen letzten Tagen konzentrieren, und er hat alle, die ihm weniger als das anboten, höflich weggeschickt. Er kam wieder nach Hause zu meiner Mutter, und die Pflege konnte gut organisiert werden. Ein Freund, von dem er wusste, dass der genauso dachte und lebte wie er selber, hat ihm regelmäßig das Abendmahl gereicht mit einer Liturgie, die ihm vertraut war. Das fand er gut. Und damit hat er seinen letzten „Tagen mehr Leben gegeben“ als irgendeine andere Maßnahme es möglich machen konnte. Er hat sich mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn verbunden, ganz leiblich, ganz nah und ganz real.

Und das können wir alle tun, nicht nur für uns selber, sondern auch für die Angehörigen, die wir jetzt allein lassen müssen. Wir können für sie beten und sie im Geist vor das Kreuz Christi legen. Dann zieht auch in diesen dunklen und beklemmenden Zeiten die überwindende Kraft des Kreuzes in uns und in die Welt ein, und sie wird uns durch alles hindurch tragen, was wir jetzt erleben. Lasst uns auf diese Kraft vertrauen. Sie kommt von der Gegenwart Jesu Christi, der sich für uns „dahingegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“.

Amen.