Lebt als Kinder des Lichts

Predigt über Epheser 5, 8b- 14: Das Leben im Licht

8. Sonntag nach Trinitatis, 17.7.2016, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Epheser 5, 8b- 14

8b Lebt als Kinder des Lichts;
9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,
11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.
13 Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird;
14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

Liebe Gemeinde.
Wie wachen Sie auf? Viele Menschen haben ja eine sogenannte innere Uhr, nach der sie immer um die gleiche Zeit wach werden. Andere brauchen die Helligkeit, um den Schlaf zu beenden. Und wenn das alles nicht hilft, benutzt man eben einen Wecker. Das ist zwar brutal, aber für viele die sicherste Methode.
Dabei ist das Aufwachen nicht unbedingt mit dem Morgen und dem beginnenden Tag verbunden. Viele Menschen müssen oder wollen nachts arbeiten, sie schlafen dann tagsüber und stehen abends auf.
Das müssen wir freilich alle irgendwann. Aufgaben und Pflichten rufen uns, Freuden und Vergnügungen. Normalerweise tun wir es auch gern. Im Bett bleiben wir höchstens am Wochenende, an freien Tagen oder im Urlaub, wenn wir müde sind und uns einmal richtig erholen wollen. Auch eine Krankheit kann der Grund sein, liegen zu bleiben, fehlende Lebenslust oder Trägheit. Zu einem gesunden Lebenswandel gehört aber das Aufstehen.
Und es ist ein schönes Bild für das, was im Glauben geschieht und die christliche Daseinsweise prägt. Paulus gebraucht es in dem Abschnitt, der heute unsere Epistel ist. Sie endet mit dem Satz: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Das ist wahrscheinlich ein Stück aus einem alten Tauflied, das Paulus hier zitiert. Die Taufe bedeutete Erweckung und Erleuchtung. Für Paulus gehören das Licht und das Aufwachen also zusammen: Christus ist das Licht, aber um dieses erblicken zu können, muss man wach werden und hoch kommen.
Mit diesem Bild sagt Paulus, dass das Leben vor der Begegnung mit Christus wie ein Schlaf ist, eine Trunkenheit oder ein Totsein. Er beschreibt damit den nicht-erweckten oder „alten“ Menschen, der verloren ist und der Rettung bedarf. Die erfährt er im Augenblick des Erwachens. Er begreift auch erst dann, dass er bisher im Schlaf versunken war, und erkennt seine Sünde. Denn jetzt steht er in einem hellen Licht, durch das alles offenbar wird, was vorher verborgen war.
Paulus deshalb spricht von dem „Licht, das die unfruchtbaren Werke der Finsternis aufdeckt“. „Alles, was heimlich getan wird, wird offenbar“, wenn dieses Licht dahinein scheint. Paulus meint damit böse Gedanken und schlechte Taten. Am liebsten will er noch nicht einmal darüber reden, denn das ist bereits „schändlich“. Christen sollen an ihnen keinen Anteil haben, sondern von vorne herein als „Kinder des Lichts“ leben. Und das schließt alles böse Treiben aus.
Paulus sagt das am Ende des Epheserbriefes und er fordert uns mit diesem Bild zu einer ordentlichen Lebensführung auf. Solche und ähnliche Ermahnungen stehen immer am Ende seiner Briefe. Nach den theologischen Erörterungen folgen Anweisungen für das Handeln. Hier gebraucht er dafür die Vorstellung von dem Licht, das unser Leben durchfluten und prägen soll. Es ist ein Symbol für Christus und das neue Leben, das uns möglich wird, wenn wir an ihn glauben. Wir werden „Kinder des Lichts“.
Das klingt zunächst sehr allgemein, aber Paulus zählt auch noch auf, was das konkret beinhaltet. Er benennt die „Frucht des Lichtes“: Sie ist „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“, und das sind ja sehr konkrete Tugenden. Als erstes ist die „Güte“ erwähnt. Das Wort „gut“ kommt darin vor, d.h. hier ist das Gegenteil von böse und schlecht gemeint. Unser Handeln ist so, dass es uns und den anderen „gut tut“. Die zweite Tugend, die Paulus erwähnt, ist die „Gerechtigkeit“: Sie dient dem Frieden unter den Menschen und fördert das gegenseitige Verstehen und Achten. Und als drittes erwähnt Paulus die „Wahrheit“. Das ist keine Tugend in dem Sinn, sondern etwas, was wir finden und erkennen müssen. Dann wird unser Leben hell und klar. Paulus nennt also lauter positive Vorgänge, die einsetzen, wenn wir „Kinder des Lichts“ sind.
Aber motiviert er uns damit auch? Wollen wir das hören und uns zu Herzen nehmen? Es gibt dagegen mehrere Einwände. Zum einen klingt es nach reichlich viel Moral, nach religiöser Leistung und Selbsterlösung. Wir kennen das Stichwort von der Erleuchtung aus der Esoterik, d.h. von verschiedenen religiösen Aktivitäten und Methoden her. Gemeinsam ist ihnen immer das Ziel, innerlich weiter zu kommen, das Ich zu entfalten und zu höheren Sphären vorzudringen. Die Erleuchtung wäre dabei der Höhepunkt. Als lutherische Christen stehen wir solchen Vorgängen skeptisch gegenüber, denn wir haben gelernt, dass kein Mensch sich selber erlösen kann. Was sollen diese Ausführungen also bei Paulus? Das ist die eine Frage.
Ein weiterer Einwand ist der, dass es übertrieben wirkt, das Gegenteil gleich als ein Totsein zu bezeichnen. Das klingt viel zu bedrohlich und düster. So schlimm ist es doch gar nicht, wenn wir bildlich gesprochen einmal nicht aufstehen, sondern uns gehen lassen und das Licht nicht beachten.
Auf jeden Fall reagieren wir empfindlich auf solche Ermahnungen. Wir fühlen uns unter Druck gesetzt und gegängelt.
Doch so ist das, was Paulus hier sagt, auch gar nicht gemeint. Er will uns keine Moralvorschriften machen, es geht ihm vielmehr um eine neue Daseinsform. Alles beginnt damit, dass es das Licht gibt. Christus ist da, er ist auferstanden. Das ist für Paulus die frohe Botschaft, die allem zu Grunde liegt, und der unbedingte Ausgangspunkt für alles Folgende. Wer das glaubt, ist ein Kind des Lichtes. Sein Leben ist neu, es ist hell und positiv. Paulus ermahnt seine Leser und Leserinnen also nur dazu, das auch zu sein, was sie bereits sind. Wer etwas geschenkt bekommen hat, ist damit nicht jeglicher Verantwortung entbunden. Er oder sie ist vielmehr aufgefordert, diesem Geschenk gemäß zu leben, es wirken zu lassen und zur Entfaltung zu bringen.
Und darauf müssen wir tatsächlich achten, das geschieht nicht einfach so von allein. Es bedarf immer wieder einer bewussten Entscheidung. Lassen Sie uns also fragen, wie das am besten geht, und dafür sind das Symbol des Lichtes und das Bild des Aufwachens und Aufstehens sehr gut geeignet.
In der Natur hat das Licht eine wichtige Bedeutung. Ein großer Teil des Lebens auf der Erde ist davon abhängig. Ohne Sonnenstrahlen sähe es auf diesem Planeten ganz anders aus. Viele Lebewesen brauchen das Licht, so auch die Menschen, und die meisten lieben es sogar.
Nicht umsonst wird in unzähligen Liedern, Gedichten und Geschichten der Morgen und der Sonnenaufgang gelobt. Das Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ oder das Lied „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“ sind nur zwei Beispiele. Seit jeher faszinieren das Licht und der Morgen die Menschen. Ein weiteres Zeichen sind dafür die Mittsommerfeiern in den nordischen Ländern, wenn die Sonne im Laufe des Jahres ihren Höhepunkt erreicht hat und die Tage am längsten sind. Die Menschen fühlen sich befreit nach den vielen Monaten der Dunkelheit. Nicht umsonst fahren gerade jetzt viele Touristen dorthin, in der Zeit der sogenannten „weißen Nächte“.
Auch der Gesang der Vögel, wenn der Tag anbricht, ist wunderschön, ebenso die Färbung des Himmels, die Stille, die Frische usw. Die Liste mit dem, was am Morgen bezaubert und lockt, könnte man noch lange fortsetzen.
Gläubige Menschen erleben am Morgen und beim Aufgang der Sonne nun zudem die Größe Gottes. So beginnt ein altchristlicher Hymnus mit den Worten: „Du Licht des Himmels, großer Gott, der ausgespannt das Sternenzelt und der es hält mit starker Hand, du sendest Licht in unsre Welt.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Evangelische Michaelsbruderschaft,  Münsterschwarzach/Göttingen, 1998, S. 418)  Gott wird als derjenige besungen, der das Licht geschaffen hat und es jeden Tag von neuem zu uns schickt. So ist der Morgen nicht nur der Zeitpunkt des Aufstehens, sondern gleichzeitig des Gebetes und Lobpreises. In Klöstern und christlichen Gemeinschaften gibt es dafür die Morgenandacht. Sie beginnt mit den Worten: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen  in dem Kampf, der uns bestimmt ist und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (a.a.O., S. 290)
Und bei dem Morgenlob bleibt es dann auch nicht, es gibt noch weitere Tagzeitengebete. Sie dienen dazu, den Verlauf des Tages mit seinen Veränderungen und seinen Geschehnissen mit dem Glauben in Beziehung zu setzen, ihn mit Gebet zu durchziehen. Und das ist eine sehr gute Möglichkeit, den Ermahnungen des Paulus nachzukommen. Wir können das Licht Christi tanken, es in uns hineinlassen, indem wir uns morgens danach ausstrecken, es mittags wirken lassen und uns abends dafür bedanken. Auch Luther hat das mit seinem Morgen- und Abendsegen empfohlen und schöne Gebete dafür formuliert.
Wenn wir das tun, ist der Tag anders, heller und kraftvoller, von viel mehr „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“ durchzogen, denn all das wird uns geschenkt. Es sind keine moralischen Leistungen, sondern „Früchte des Lichts“, wie Paulus sagt.
Und wir sollten ehrlich sein: Ohne eine bewusste Ausrichtung auf Gott und seine schöpferische Kraft ist vieles in unserem Leben tatsächlich wie ein Schlaf oder ein Totsein. Wir müssen uns das nur klar machen. Und dafür ist es gut, wenn wir den Einwand einmal unter die Lupe nehmen, das sei hier alles nur Moral und die Alternative ist viel zu düster gemalt. Er entspringt ja einem bestimmten Denken, das u.a. beinhaltet, dass die Welt doch gar nicht so schlecht ist. Wir können sie ruhig genießen, müssen nicht dauernd aufpassen und dürfen uns auch mal gehen lassen. Warum sollen wir immer an Gott denken? Es gibt doch so viele schöne Aufgaben oder Hobbys, die uns erfüllen, Menschen, die uns Halt geben, Pläne, die uns ein Ziel setzen, Ideen, mit denen wir uns identifizieren.
Das sind die Argumente, und die sind natürlich nicht verkehrt. Das stimmt alles, aber trotzdem wird dadurch eine Frage nicht beantwortet, und das ist die des Leids, der Vergänglichkeit und des Todes. Natürlich kann uns die Welt mit allem, was sie bietet, erfüllen und halten, aber irgendwann vergeht es. Daraus gibt es kein Entrinnen. Auch schon vor dem wirklichen Tod ist das, was wir in der Welt finden, bedroht und brüchig. Wir verwirklichen nie alles, was wir uns wünschen, Aufgaben können uns überfordern, Menschen können uns enttäuschen, und Ideen erweisen sich als Trug. So gibt es vieles, was unser Leben überschattet. Probleme und Schwierigkeiten, Angst und Trauer lauern überall. Denn die Welt liegt letzten Endes im Finsteren, sie kann uns nicht erlösen. Das müssen wir erkennen und zugeben, dann verstehen wir, warum es sich lohnt, den Tag mit Gott zu beginnen und ihn auch im weiteren Verlauf immer wieder anzurufen. Nur er kann die Schatten des Todes vertreiben und uns eine Kraft und Freude schenken, die nicht vergeht.
Und um das zu erleben, ist der Morgen ein guter Zeitpunkt, und das Aufwachen und Aufstehen tatsächlich ein sehr schönes Sinnbild. In dem Hymnus, den ich schon zitiert habe, kommt das zum Ausdruck. Es heißt dort weiter: „Das Reich der Schatten weicht zurück, das Tageslicht nimmt seinen Lauf, und strahlend, gleich dem Morgenstern, weckt Christus uns vom Schlafe auf.“ Nicht nur die Sonne geht am Morgen auf, auch Christus ist da und will uns mit seinem Licht erfüllen.
Wir verpassen also etwas, wenn wir uns nicht nach ihm ausstrecken. Die Welt mit all ihren Möglichkeiten deckt nicht die ganze Wirklichkeit ab, es gibt noch viel mehr, und das gilt es, zu entdecken und zu erfassen. Ohne die Ausrichtung auf Gott ist unser Leben tatsächlich wie ein Schlaf: Wir verschlafen das Eigentliche. Ganz vieles geschieht um uns herum, von dem wir nichts merken. Wir leben in einer Welt der Träume. Und auch die Vorstellung der Trunkenheit ist nicht abwegig. Die Welt kann uns berauschen, sie vernebelt uns den Blick, wir torkeln durchs Leben und fallen irgendwann hin.
Es lohnt sich also, wenn wir das beenden und die Tage, die wir haben, aus Gottes Hand nehmen und uns von seiner Wahrheit erleuchten lassen. Er trägt uns mit seinem Erbarmen, bindet uns in seinen Willen und segnet uns mit der Verheißung eines gelingenden Lebens.
Amen.

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