Der Kampf der Christen mit sich selbst

Predigt über 1. Korinther 9, 24- 27: Das Beispiel des Apostels

3. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae, 24.1.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

1. Korinther 9, 24- 27

24 Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.
25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.
26 Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt,
27 sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Liebe Gemeinde.
Die älteste Sportart, die es schon in der Antike gab, ist der Stadionlauf, das waren damals ca. 200 m. Wettkämpfe dafür sind bereits für das Jahr 776 v.Chr. dokumentiert. Die Athleten mussten schnell und ausdauernd sein, und zum Training gehörten Übung und Entbehrung.
Etwa 100 Jahre später kamen auch Kampfdisziplinen zu den sportlichen Wettbewerben, die erste war der Faustkampf. Er erforderte eine große Härte von den Kämpfern, denn sie schlugen solange aufeinander ein, bis einer aufgab oder zusammenbrach.
Der Sieg wurde bei allen Sportarten als eine Gunst empfunden, die Zeus einem Menschen zu teil werden ließ. Deshalb wurden die Sieger mit einem Olivenkranz aus dem heiligen Hain Olympias geehrt.
Paulus kannte solche Wettkämpfe und ihre Rituale offensichtlich, denn er benutzt sie in seinen Briefen gern als Bild für das, was im Glaubensleben wichtig ist. So auch in unserer Epistel von heute. Da heißt es am Anfang: „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis?“
Darunter dürfen wir uns gern die Sportler vorstellen, die in einem Stadion um die Wette laufen. Der Sieger bekommt am Ende den Ehrenkranz.
Paulus will mit diesem Bild beschreiben, dass auch der Glaube wie ein Wettkampf ist, bei dem es um einen Sieg geht. Er ermahnt seine Leser dazu, das christliche Leben so zu verstehen und den Wettkampf aufzunehmen. „Lauft so, dass ihr den Sieg erlangt.“ schreibt er im Anschluss.
Dabei ist der Vergleichspunkt hauptsächlich die Entsagung, die dafür nötig ist: „Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge.“, darum geht es Paulus. Ohne Askese und Verzicht erreichen die Christen nicht das himmlische Ziel, das ihnen verheißen wird.
Doch es unterscheidet sich natürlich von dem Ziel des heidnischen Kämpfers: Das des Sportlers ist nur ein vergängliches, das der Christen dagegen ist ewig. „Jene enthalten sich, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.“, sind seine Worte.
Mit der nächsten Bemerkung sprengt er den Vergleich nun etwas, denn er fügt an, dass der Christ bei diesem Kampf auf jeden Fall siegen wird: „Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse.“, sagt er, d.h. er ist sich seines Sieges sicher. Das kann man von einem sportlichen Wettkampf ja nicht einfach so sagen. Der Vergleich hinkt an dieser Stelle also etwas, aber das ist wahrscheinlich beabsichtigt. Wir werden das nachher noch etwas genauer bedenken.
Zunächst sei noch das zweite Bild erwähnt, das Paulus anführt, es ist das vom Faustkampf. Auch das bringt er gleich mit der Bemerkung ein, dass der christliche Kämpfer dem heidnischen etwas voraus hat: „Ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt.“, er trifft also. Allerdings meint Paulus nun nicht den Gegner, den er bezwingt, sondern seinen eigenen Leib. Er geht also ein zweites Mal sehr frei mit dem Vergleich um und lenkt seine Gedanken erneut auf die Enthaltsamkeit: Man kann sich darin auch noch steigern. Paulus tut das, indem er jetzt sogar von einer Art Selbstkasteiung spricht: „Ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn.“ Er züchtigt und unterjocht seinen eigenen Leib also.
Und dafür gibt es noch einen weiteren Grund. Er möchte, dass seine Predigt wahrhaftig und wirksam bleibt. Es soll keinen Widerspruch geben zwischen dem, wozu er andere ermahnt, und dem, was er selber lebt. Paulus sagt das so: „Damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.“
Die Enthaltsamkeit, die hier das Thema ist, hat also zwei Gründe: Erstens möchte Paulus das himmlische Ziel erreichen, und zweitens soll seine Verkündigung überzeugend sein.
Paulus versteht sich dabei als Beispiel und als Vorbild: Auch die Korinther sollen sich so verhalten, und letzten Endes alle Christen: Wer es mit dem Glauben ernst meint, soll sich das zu Herzen nehmen und konsequent umsetzen. Wir werden hier zur Enthaltsamkeit aufgefordert, zum Kämpfen und zur Geduld, zur Ausdauer und zur Entschlossenheit.
Doch wie sollen wir das nun verstehen? Und wollen wir das überhaupt? Eine ganze Reihe von Fragen tut sich auf, wenn wir das hier hören.
Der erste spontane Gedanke ist sicher: Wie ungemütlich und anstrengend ist das denn! Die Vorstellung, dass der Glaube ein Kampf ist, entspricht nicht unserem Lebensgefühl, wir halten es für lebensfeindlich.
Die zweite Frage lautet: Ist die Wirklichkeit denn zweigeteilt, in eine göttliche und eine menschliche Sphäre, eine himmlische und eine irdische, die sich gegenseitig ausschließen? Steht die Gegenwart Gottes im Widerspruch zu unseren menschlichen, irdischen Gegebenheiten, sodass wir alle lustvollen Gefühle verdrängen sollen, alles Schöne aus dem Leben verbannen müssen?
Als drittes fragen wir uns, wo denn in diesem Entwurf die Gnade bleibt. Müssen wir uns das Heil plötzlich doch selber erkämpfen, es sozusagen verdienen?
Und schließlich dreht sich hier mal wieder alles nur um das Seelenheil, es fehlen der Weltbezug, der Mitmensch und die Nächstenliebe.
Wollen wir uns mit dem, was Paulus hier schreibt, also überhaupt beschäftigen? Lohnt sich das? Und kann Paulus uns überzeugen? Das müssen wir uns fragen.
Lassen Sie uns die Fragen also durchgehen und uns als erstes damit beschäftigen, wie wir zur Enthaltsamkeit stehen. Das klingt wie gesagt zunächst einmal unbequem. Doch so ungewöhnlich ist es gar nicht, sie auf sich zu nehmen. Das tun ebenso z.B. Bergsteiger, Schachspieler, Komponisten oder Chirurgen. Menschen aus diesen Berufsgruppen wurden in einer Studie einmal gefragt, warum sie sich anstrengen. Das Ziel war bei ihnen offensichtlich weder Geld noch Macht, weder Ansehen noch Vergnügen. Trotzdem stimmten sie alle darin überein, dass sie ihre jeweiligen Aktivitäten als lustvoll und „toll“ empfanden. Die Herausforderung an sich hat sie motiviert. Es hat sich herausgestellt, dass sie sich dem Aufgehen in einer Tätigkeit um dieses Zustandes selbst willen hingeben. Äußere Belohnungen suchten sie nicht, es war spannend genug, bis an die eigenen Grenzen zu gehen.
Anstrengung kann also mit Lust erlebt werden, sie ist nicht von vorne herein körperfeindlich oder lebensverneinend. Im Gegenteil, die Möglichkeit, sich in Askese und Enthaltsamkeit zu üben, liegt in der Natur des Menschen. Denn wer sich anstrengt, befriedigt seine Neugier, er kommt auf jeden Fall weiter, löst Probleme, gewinnt mehr Sicherheit, erweitert sein Wissen und seinen Horizont.
Das wird auch deutlich, wenn wir uns das Gegenteil einmal vorstellen, einen Menschen, der nur nach dem Lustprinzip lebt und am liebsten jede Anstrengung vermeidet. Er sitzt auf dem Sofa, isst und trinkt, sieht fern oder spielt mit seinem Smartphone. Das ist als Alternative jetzt natürlich überzeichnet und stellt ein Extrem dar. Selbstverständlich gibt es viele Abstufungen zwischen Faulheit und Ehrgeiz, aber die Übertreibung macht deutlich: Attraktiv ist eine Lebensweise ohne Herausforderungen nicht. Wenn man sie bis zu Ende denkt, ist sie dumpf und primitiv, ohne Sinn, kraft- und hoffnungslos. Es wird auch klar, dass es viel destruktiver ist, sich den Herausforderungen zu entziehen. Weder der Seele noch dem Körper tut das gut. Denn es entstehen Abhängigkeiten, Sucht und Krankheit sind die Gefahren, auch soziale Isolation. Und man ist nicht vorbereitet, wenn Unglück hereinbricht. Ein solches Leben gibt keine Antworten auf Schicksalsschläge, viele Fragen bleiben offen. Der Mensch wird ein Spielball der Mächte um ihn herum.
Es ist also gar nicht so schlecht, sich anzustrengen, Herausforderungen anzunehmen und sich im Kampf zu trainieren. Dafür müssen wir nicht erst die Bibel lesen. Menschen haben das seit jeher erkannt und umgesetzt. Wahrscheinlich wählt Paulus deshalb auch das Bild vom Sportler: Es ist durchaus ansprechend. Jeder versteht, warum ein Sportler sich in Enthaltsamkeit und Entsagung übt.
Und es ist sehr geschickt, dieses Bild für das Glaubensleben anzuwenden, denn der Glaubenskampf ist ebenfalls in sich selber sinnvoll. Lassen Sie uns also fragen, worin die Entsagung besteht, die Paulus meint, und was wir dabei gewinnen.
Dabei müssen wir einsehen, dass unsere Wirklichkeit in der Tat zweigeteilt ist, und damit sind wir bei der zweiten Frage. Es gibt eine göttliche und eine menschliche Sphäre, eine himmlische und eine irdische. Aber ist das eigentlich so schlimm? Es heißt ja nicht gleich, dass sie sich gegenseitig ausschließen, sondern zunächst nur, dass es noch mehr gibt, als das vergängliche Dasein. Und das ist eine ganz beruhigende Vorstellung, denn so toll ist das Leben in seinen irdischen Grenzen oft gar nicht. Im Gegenteil, es gibt viel Elend und Not. Sowohl persönliche als auch weltweite Probleme halten uns in Atem. Oft leiden wir, und unser Dasein wäre ganz schön armselig, wenn das, was uns auf der Erde widerfährt, alles wäre.
Es muss deshalb eine Möglichkeit der Überwindung geben, einen Himmel, die Ewigkeit, die Gegenwart Gottes. Und es ist auch gut, wenn die sich von dem Jammertal unterscheidet, in das wir hier oft geraten. Auf jeden Fall lohnt es sich, diese Dimension zu gewinnen, und dafür gilt es zu kämpfen. Paulus meint mit seinem „Kampf“ den Lebenseinsatz für das, was uns Hoffnung gibt, was uns Mut macht und uns durch alles Leid hindurch trägt. Und dafür ist ein Kampf auch nötig, denn es gibt Kräfte der Finsternis, die uns davon abhalten wollen, Geister der Lüge und des Irrtums. Traurigkeit und Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit können in unserem Leben die Oberhand gewinnen, und dann sind wir verloren. Es kommt nicht einfach so von alleine, dass wir sie besiegen. Wir müssen gelegentlich schon „mit Fäusten“ darauf einschlagen, d.h. die dunklen Triebe in unsrer Seele und unserem Geist bezwingen. Das Verdrängen von schönen und lustvollen Gefühlen ist hier also gar nicht gemeint. Es geht vielmehr darum, dass wir wachsam sind, dem Bösen widerstehen und uns selber loslassen. Diesen Kampf meint Paulus hier.
Und dabei ist er sich nun interessanter Weise des Sieges sicher, das hatten wir festgestellt. Darin lag ein gewisser Widerspruch. Paulus sprengt mit dieser Vorstellung das Bild vom Wettkämpfer, aber das tut er wahrscheinlich bewusst. Denn was wir bei dem Kampf des Glaubens gewinnen, fühlt sich ganz anders an, als ein selbstverdienter Sieg.
Die Antwort auf die dritte Frage, wo denn die Gnade bei diesem Kampf bleibt, lautet also: Genau sie gewinnen wir. Das Ergebnis unseres Kampfes ist in ein reines Geschenk. Wir dringen zu dem vor, was Gott für uns durch Jesus Christus bewirkt hat. Und dadurch entsteht ein ganz tiefes Gefühl von Freiheit und Überwindung, Ruhe und Freude. Wir gewinnen Liebe und Hoffnung, Sicherheit und Mut. Und das geschieht aus purer Barmherzigkeit. Wir erkennen: Es ist alles da, wonach wir uns sehnen. Es reicht ein Augenblick des Vertrauens, und der Himmel öffnet sich. Für diesen Augenblick gilt es zu kämpfen.
Das folgende Erleben ist dem vergleichbar, was die Menschen berichtet haben, die ich vorhin erwähnte. Der untersuchende Psychologe hat dafür das englische Wort „Fflow“ eingeführt, auf Deutsch „Ffließen“, und er nannte es das „Flow-Erleben“. D.h. es fließt plötzlich eine Energie, wir werden eins mit uns selber, empfinden tiefe Erfüllung und Zufriedenheit. (Felix von Cube, Dietger Alshuth, Fordern statt Verwöhnen, München, Zürich, 1989, S. 289ff)
Im Glaubenskampf ereignet sich genau das, allerdings in noch viel tieferen Schichten unserer Seele. Und der Widerspruch zu der Anstrengung, die wir vorher investiert haben, ist auch frappierender, aber genau darin liegt das Geheimnis dieses Kampfes. Er lässt sich nicht auflösen: Ohne unsere Anstrengung geht es nicht, wir müssen durchaus alles geben, Leib und Leben einsetzen, und trotzdem besteht der Sieg darin, dass wir in einem Augenblick alles geschenkt bekommen, wonach wir verlangen. Wir haben es nicht verdient, sondern es wird uns aus lauter Gnade zu teil. Paulus hat absichtlich das Bild vom Wettlauf gewählt und die widersprüchliche Bemerkung über die Gewissheit des Sieges hinzugefügt. Sie ist von Anfang an dabei, sie motiviert ihn und sie wird Realität.
Und nur so ist der Glaube überzeugend, das dürfen auch wir uns sagen. Damit ist auch die letzte Frage beantwortet, wo denn die Außenwelt bleibt, wenn wir um unser Heil kämpfen: Wir gewinnen damit nicht nur für uns selber die Überwindung, wir gewinnen auch andere Menschen für den Glauben an Jesus Christus. Unsere „Predigt“ wird echt und überzeugend.
Lassen Sie uns also laufen und nicht aufgeben, kämpfen und nicht müde werden, damit wir den „Siegespreis“ erlangen. Die Sportler in der Antike empfanden den Sieg als eine Gunst von Zeus. Wir dürfen gewiss sein, dass jeder, der kämpft, mit der Gegenwart und Liebe Christi beschenkt wird.
Amen.

Das Maß des Glaubens halten

Predigt über Römer 12, 1- 5: Das Leben als Gottesdienst

1. Sonntag nach Epiphanias, 10.1.2016, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Römer 12, 1- 5:

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist.
Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist,
nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch,
dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.
4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben,
aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
5 so sind wir viele ein Leib in Christus,
aber untereinander ist einer des andern Glied.

Liebe Gemeinde.
In regelmäßigen Abständen gibt es in den Kieler Nachrichten eine Gesundheitsseite. Da steht dann etwas über einen erholsamen Schlaf, gute Ernährung, genügend Bewegung usw. Das ist alles sehr lesenswert. Früher nannte sich die Rubrik „Gesundheit“, doch das hat sich geändert. Ist Ihnen das schon aufgefallen? Interessanter Weise steht als Titel in der Kopfzeile jetzt das Wort „Balance“, auf Deutsch „Gleichgewicht“, und damit verraten die Redakteure bereits ihre Sichtweise auf das Thema: Wer gesund leben möchte, muss in allem das richtige Gleichgewicht finden. Es geht um Ganzheit und Ausgewogenheit. Gesundheit hat nicht nur etwas mit Diagnosen und Therapien, Behandlung und Medizin zu tun, sie ist vielmehr ein Lebenskonzept. Dafür kann man sich entscheiden, man hat es selber in der Hand und kann es pflegen. Deshalb lohnt es sich auch, drüber zu schreiben.
Ich finde diesen Titel allerdings etwas irreführend, denn unter das Stichwort „Balance“ könnte noch viel mehr fallen. Sie spielt ja in allen Lebensbereichen eine Rolle, in der Erziehung und Wirtschaft, im Miteinander, im Denken und im Glauben usw.
Paulus hat das auch schon erkannt. Wir haben es vorhin in unsrer Epistel gehört. Da heißt es an einer Stelle. „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“ Paulus ermahnt damit zu genau dem, was ich eben erwähnte, zu der richtigen Balance – in diesem Fall im Glaubensleben. Die ist ihm offensichtlich wichtig.
Lassen Sie uns deshalb fragen, was er damit meint. Dabei ist es aufschlussreich, welche Wörter hier im Urtext stehen: Anstatt sich selber „über“ zu bewerten – auf Griechisch „hyperphronein“ – soll man lieber „mit“-denken – „symphronein“ – , d.h. versuchen, mit den anderen übereinzustimmen. Hochmut und Stolz werden als Gegensatz zum Verstehen und Erkennen benannt. Keiner soll eigenmächtige Denkwege beschreiten, sondern sich in Besonnenheit üben und Maß halten, und d.h., sich um Ausgewogenheit und Gleichgewicht bemühen.
Paulus eröffnet mit diesen Gedanken im Römerbrief die Ermahnungen an die Gemeinde. Er will das richtige christliche Verhalten beschreiben. Wie in jedem seiner Briefe stehen sie am Ende. In den vorhergehenden Kapiteln hatte Paulus seine Theologie entfaltet und die wichtigsten Glaubensfragen beantwortet. Er hatte dargelegt, wer Christus ist, was er bewirkt hat, was wir glauben und worauf wir hoffen dürfen. Nun sagt er, was das alles ganz konkret für das Leben heißt. Er beschreibt, wie ein Leben mit Christus aussieht, wie Christus es prägen kann, und was dabei das Entscheidende ist.
Dabei geht es auch ihm um Ganzheitlichkeit. Das wird gleich am ersten Satz deutlich: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“
Die ganze Person ist zur Hingabe aufgefordert. Die Antwort auf das Heilswerk Jesu ist Leib und Leben der Glaubenden. Der richtige Gottesdienst ereignet sich nicht in nur in Gaben, Gebeten, Liedern und Predigen, sondern im Lebensvollzug. Er bleibt nicht auf besondere Andachtszeiten oder Opfer beschränkt, sondern muss in den Alltag und das Verhalten hineinwirken.
Es unterscheidet sich von dem, was vorher war, von den Nicht-Christen und der übrigen Welt. Paulus sagt: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes.“ Es geht also um eine Umwandlung und Veränderung. Der Glaube an Christus führt zu einer neuen Wahrnehmung des Willens Gottes. Die Christen erkennen, was Gott wohlgefällt. Ihnen wird Weisheit geschenkt, die sie zu dem neuen Lebenswandel anleitet.
Und in diesem Zusammenhang spielt nun die Besonnenheit eine Rolle, das Gleichgewicht, die Balance. Auch im Glauben und im Gemeindeleben gilt es, darauf zu achten. Die einzelnen Gemeindeglieder sollen auf alles Trachten verzichten, das die Gemeinschaft der Glaubenden und die gemeinsame Basis sprengen könnte.
Paulus veranschaulicht das mit dem Beispiel von den vielen verschiedenen Gliedern am Leib. Er sagt: „Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.“ Wir sind alle aufeinander angewiesen, keiner kann und darf es sich leisten, auf Kosten der anderen seine eigene Denk- und Lebensweise zu verfolgen. Es gilt vielmehr, sich an Jesus Christus zu orientieren. Dann kann das Evangelium lebendig werden.
Das sind wichtige Ermahnungen, die auch wir beachten sollten. Sie verhelfen uns zu einem gesunden Glauben und Gemeindeleben. Lassen Sie uns also fragen, was wir dafür beachten müssen. Dabei hilft es, wenn wir uns klar machen, worin die Gefahren liegen, was wir eventuell falsch machen. Auch wir neigen dazu, das Gleichgewicht und das Maß zu verlieren, Inhalte und andere Menschen über- oder unter zu bewerten.
Es passiert ja z.B. leicht, dass einer seine Art des Glaubens für besser hält, als die des anderen. Er findet, dass er das Evangelium konsequenter lebt, es ernster mit dem Willen Gottes meint, frömmer und bibelfester ist. Er tut vielleicht auch mehr in der Kirche, lässt sich öfter blicken, geht regelmäßig in den Gottesdienst und hält sich deshalb für einen Vorzeigechristen. Doch selbst wenn es so ist, dass er wirklich viel tut, daraus können auch Stolz und Hochmut, entspringen, und die führen dann zu Vorbehalten und Argwohn, Spannungen und Abspaltungen. Der Geschwisterlichkeit dient das jedenfalls nicht. Die Selbstüberschätzung wäre also eine Gefahr, die uns aus dem Gleichgewicht bringt und die Balance stört.
Es kann aber auch genau das Gegenteil der Fall sein, dass ich mich nämlich unterbewerte. Dann finde ich, dass der andere besser ist. Ich stelle mein eigens Licht in den Schatten, traue mir nichts zu, habe Selbstzweifel, fühle mich schlecht und überfordert. Angst und Neid sind ständige Begleiter. Wer so denkt, leidet viel und wird eventuell sogar krank. Ein positives Miteinander wird ebenfalls blockiert, genauso wie bei der Überbewertung der eigenen Möglichkeiten. Diese falsche Bescheidenheit trägt nicht zur Ausgewogenheit bei und entspricht auch nicht der Weisheit, die Paulus meint. Sie ist vielmehr die zweite Gefahr.
Und eine dritte Grundüberzeugung, die ebenfalls nicht förderlich ist, besteht darin, dass man alle für schlecht hält. Um ja niemanden über zu bewerten, lehnt man am besten alle ab, stellt die Gemeinschaft und den Glauben grundsätzlich in Frage. „Ich bin schlecht, die anderen sind es aber auch.“, dieser Gedanke prägt dann das Lebensgefühl. Ein erfreuliches Miteinander ist dabei natürlich am wenigsten möglich. Wahrscheinlich ist es sogar der Anfang vom Ende eines gesunden Glaubenslebens. Sinnlosigkeitsgefühle gehen damit einher, es führt zur Passivität und Ziellosigkeit. Das wäre die dritte Fehlhaltung.
Alle drei Grundpositionen stören das Gleichgewicht, sie sind töricht und einseitig, destruktiv und ungesund. Die sogenannte Transaktionsanalyse hat das in den achtziger Jahren herausgearbeitet. Sie diente dazu, uns selber besser zu verstehen und unsre Einstellung verändern zu können. Ihre Schöpfer Thomas A. Harris und Eric Berne benutzten für die verschiedenen Grundüberzeugungen markante Sätze, mit denen wir uns gut merken können, worum es jeweils geht. Der Satz für die erste Fehlhaltung lautet: „Ich bin okay. Du bist nicht okay.“ Die zweite Variante heißt dementsprechend: „Ich bin nicht okay. Du bist okay.“ Und die dritte: „Du bist nicht okay. Ich bin nicht okay.“ (Manfred Gührs und Claus Nowak, Das konstruktive Gespräch, Kiel 1991, S. 44f)
Jetzt können Sie können sich sicher schon denken, worin die Lösung liegt. Am besten wäre es nämlich, zu sagen: „Ich bin okay. Du bist okay.“ Das wäre konstruktiv und ausgewogen. Die Autoren bezeichnen es als „integrierte Haltung“, bei der ich mich weder über- noch unterlegen fühle. Dieses Bewusstsein fördert gute Kommunikation und ein gedeihliches Zusammenleben. Der liebevolle Umgang miteinander wird möglich, bei dem das rechte Maß gehalten wird.
Am besten wäre es also – und dazu will Paulus uns auch ermuntern – zu sagen: Ich bin gut, und du bist auch gut. Selbst wenn wir unterschiedlich intensiv glauben, uns verschieden stark einbringen und andere Prioritäten setzen, wir gehören zusammen und wir können auch übereinstimmen. Verständnis füreinander wird möglich. Man erkennt sich selber und den anderen und sieht alles im rechten Licht. Man übt sich in Besonnenheit und Weisheit. So wird der Glaube ausgewogen, und es entsteht ein gesundes Gleichgewicht.
Doch das ist natürlich nicht ganz einfach, niemand kann das konsequent durchhalten. Es gibt sicher keinen Menschen, der sich ausschließlich in dieser Lebensposition befindet. Aber davon geht auch niemand aus. Wenn es so wäre, bräuchte Paulus ja seine Ermahnungen nicht zu schreiben, und die Transaktionsanalyse wäre nicht entwickelt worden. Wir müssen uns darum bemühen, es anstreben und immer wieder darauf achten.
Dabei ist es gerade im Glauben wichtig, dass wir einsehen: Aus eigener Kraft wird uns das nicht möglich sein. Paulus ermahnt die Gemeinde bewusst „durch die Barmherzigkeit Gottes“. Sie ist die Voraussetzung für alles, was wir tun. Darüber hatte er in den vorhergehenden Kapiteln ausführlich geschrieben. Gott weiß um unsre Fehlbarkeit und Unausgewogenheit und er hat Mitleid mit uns. Das steht hinter seiner Barmherzigkeit. Er bedauert uns und hat deshalb etwas getan: Er sandte seinen Sohn Jesus Christus.
Von ihm kann man sagen, dass er „das Maß des Glaubens“ in vollkommener Weise gelebt hat. In ihm sehen wir das Bild Gottes und das Bild des Menschen, wie Gott ihn sich wünscht. Es gilt deshalb, auf ihn zu schauen, auf Jesus Christus zu vertrauen und uns mit seinem Geist beschenken zu lassen. Er befreit uns von uns selber, er löst die verhärteten Denkmuster und führt uns auf neue Wege. In seiner Gegenwart und durch seine Kraft können wir uns verändern. Denn er kann sowohl unseren Ehrgeiz, als auch unsere Schwäche überwinden.
Falls wir dazu neigen, uns selber zu überschätzen, werden wir in seinem Licht in wohltuender Weise nüchtern und realistisch. Wir sind in der Lage, auch unsere Fehler zu erkennen und anzunehmen, denn es macht nichts, dass wir sie haben. Und automatisch erscheint der andere dadurch in einem viel positiveren Licht als vorher.
Christus kann die erste Fehlhaltung überwinden, und ebenso die zweite. Auch Minderwertigkeitsgefühle können durch den Glauben aufgehoben werden, denn wir wissen, Jesus liebt uns. Er kennt unseren Wert, und der ist nicht geringer, als der von anderen Menschen. Ganz gleich, was und wie viel wir einbringen, wir sind in seinen Augen gut.
Und die dritte Fehlhaltung, bei der wir alles negativ sehen, entsteht gar nicht erst, denn unser Leben wird in das helle Licht der Liebe Christi getaucht. Er gibt uns Sinn und Ziel. Von ihm her wird unser Denken und Fühlen ganz von selber positiv. Christus schenkt uns das Gleichgewicht, das rechte Maß, Besonnenheit und Weisheit. Wir erkennen, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und nur im Zusammenspiel eine lebendige Gemeinde werden. Wir sind der Leib Christi, an dem jedes Glied wichtig ist. Das Vergleichen und Bewerten hört auf, denn jeder ist gut und trägt zum Ganzen etwas bei.
Am besten ist es, mit diesem Wunsch ins Gebet zu gehen und Christus darum immer wieder zu bitten. Wir können das gut mit folgenden Worten aus der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen:
„Herr, gib mir himmlische Weisheit, dich vor allem andern zu suchen und in allem zu finden, dich über alles zu lieben und in allem zu genießen und die übrigen Dinge an jene Stelle zu setzen, die deine Weisheit ihnen zugewiesen hat. Lehre mich, den glatten Schmeicheleien des falschen Freundes klug auszuweichen und die harten Worte meines Gegners geduldig zu ertragen. Denn es ist eine große Weisheit, weder die scharfe Zugluft des Tadels noch das sanfte Gelispel des Lobes auf sein Herz wirken zu lassen. Und nur diese Weisheit führt sicher zwischen Abwegen links und rechts hindurch.“ (Thomas von Kempen, Das Buch von der Nachfolge Christi, übersetzt von Michael Sailer, Hrg. Immanuel Jungclausen OSB und Christian Feldmann, Herder 1999, S. 227f)
Amen.

Meine Zeit steht in deinen Händen

Predigt über Jakobus 4, 13- 15: Wider eigenmächtiges Planen und Tun

Neujahrstag, 1.1.2016, 18 Uhr
Lutherkirche Kiel

Jakobus 4, 13- 15

13 Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Han-del treiben und Gewinn machen –,
14 und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.
15 Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.
Liebe Gemeinde.
Wann haben Sie sich den ersten Kalender für das neue Jahr gekauft? Ich selber brauchte ihn spätestens nach den Sommerferien, denn da haben wir in der Gemeinde bereits sehr viele Dinge für das nächste Jahr verabredet. Ich habe dafür zwar immer schon so einen einseitigen Jahresüberblick, weil er in meinem Terminkalender enthalten ist, aber der reicht dann nicht mehr. Mit einem digitalen Planer wäre das natürlich kein Thema, aber den habe ich nicht. Damit könnte ich jedes beliebige Jahr aufrufen und endlos im Voraus planen.
Das will ich allerdings gar nicht, und das tun sicher auch die Wenigsten von uns. Es ist auch unterschiedlich, wie lange im Voraus wir Termine festlegen, das kommt auf den Beruf, den Zusammenhang, den Charakter und den Lebensstil an. Ich kenne Menschen, die mögen sich grundsätzlich nicht gerne festlegen, mit denen kann ich mich kaum verabreden. Sie entscheiden frühesten ein paar Tage vorher, ob wir uns wirklich treffen.
Und dann gibt es noch die Bibelfesten, die nach einer Verein-barung gerne anfügen: „Jakobus vier Vers fünfzehn!“. Das ist etwas scherzhaft gemeint, denn sie gehen davon aus, dass jeder weiß, was da steht. Es ist der inzwischen sprichwörtliche Satz: „So Gott will.“ Wir haben ihn in unsrer Epistel vorhin gehört. Und auch, wenn es übertrieben wäre, das jedes Mal zu sagen, wenn wir etwas planen, so ist der Abschnitt doch sehr klug und bedenkenswert.
Er richtet sich an Menschen, die Handel treiben. In der Gemeinde, an die der Jakobusbrief geschrieben ist, gab es wohl Kaufleute, die mit ihren Geschäften Reichtum anhäuften. Sie waren viel auf Reisen und glaubten, bis ins Detail hinein zu wissen, wann und wohin und wie lange und wozu sie unterwegs waren. Wahrscheinlich waren sie sehr kapitalträchtig und entsprechend selbstsicher. Und das sieht der Schreiber kritisch.
Er ist gegen das eigenmächtige Planen und Tun, denn dabei wird leicht vergessen, dass die menschliche Wirklichkeit durch Unsicherheit und Vergänglichkeit gekennzeichnet ist. Jakobus richtet sich gegen das Erfolgsdenken der Kaufleute, mit dem sie disponierten und kalkulierten, ohne dabei an den Herrn über alle Zeit zu denken. Er hielt es für Torheit, sich der Zukunft sicher zu sein, denn der Mensch weiß in Wirklichkeit noch nicht einmal, was der morgige Tag bringt.
Damit appelliert er an eine Lebenserfahrung, die eigentlich jeder einsichtige Mensch irgendwann macht. Auch um die Vergänglichkeit weiß jeder und jede. Sie wird hier mit dem Bild vom Rauch beschrieben, „der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“ Bei allem Überlegen und Planen sollen die Menschen Gott als denjenigen anerkennen, der das letzte Wort über Leben und Tod behält. „Wenn Gott will“ heißt hier also: Wenn es Gottes Walten im Geschick des Menschen entspricht. Das klingt vielleicht nach Schicksalsgläubigkeit, möglicherweise sogar Resignation oder Verzweiflung, aber so ist es nicht gemeint. Jakobus geht fest davon aus, dass Gottes Wille dem Heil des Menschen dient. Deshalb ruft er zum Gottvertrauen auf.
Dabei ist es hilfreich zu wissen, dass der Jakobusbrief nicht mehr an die erste Generation von Christen geschrieben wurde. Die Adressaten gehörten vielmehr in die sogenannte nachapostolische Zeit. Sie hatten sich bereits in dieser Welt eingerichtet. Die anfängliche Aufbruchsstimmung, die die Apostel noch erlebt und ausgelöst hatten, war dem Alltag gewichen mit seinen Belastungen und Verlockungen. Die Christen waren in der Versuchung, sich der Welt anzupassen, die Radikalität der christlichen Forderungen abzumildern. Man nahm es mit der Konsequenz eines Handelns und Lebens nach dem Evangelium nicht mehr so genau. Und dagegen wendet sich der Brief. Er will die Leser aufrütteln und korrigieren. In diesem Sinne sollen alle Christen sich immer wieder sagen: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“
Und das ist auch für uns ein wichtiger Satz. Denn wir erliegen genauso gerne dem Gedanken, dass sich alles planen und machen lässt. Dagegen ist an sich auch nichts einzuwenden. Natürlich müssen wir Termine verabreden. Ohne Planen würde unser Leben nicht funktionieren, deshalb findet es überall statt: In der Kultur, in der Wirtschaft, in Schulen und Betrieben, Gemeinden und Familien. Mein Terminkalender ist bis zum Juni schon mit ganz schön vielen Eintragungen versehen, und das finde ich auch gut. Dann kann ich mich darauf einstellen und mich entsprechend auf die einzelnen Veranstaltungen vorbereiten. Das sollen wir wie gesagt auch nicht lassen.
Es geht um etwas anderes, und zwar um unser Bewusstsein bei all dem. Mit welcher Grundhaltung gehen wir an das Leben heran? Wie selbstsicher sind wir? Wie viel Vertrauen haben wir in unsere Pläne und was machen wir mit der Tatsache, dass es überall Gefahren und Probleme gibt?
Wir werden von unserem Text eingeladen, die Zeit, die vor uns und auch hinter uns liegt, nicht einfach selbstherrlich als unser Eigentum zu betrachten. Sie wird uns vielmehr geschenkt und „steht in Gottes Hand“, wie es in Psalm 31 (V.16a) heißt.
Dazu gibt es ein Lied von dem westfälischen Theologen Peter Strauch. Der wurde 1943 geboren, und sein Lebensmotto ist genau dieser Satz: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Unter diesem Titel ist auch seine Biografie erschienen. Es gab darin – wie bei jedem Menschen – nicht nur schöne Erfahrungen, sondern auch schwierige Wegstrecken. In seinem Lied kommen sie vor, natürlich allgemein formuliert. Aber sie sind auch allgemein gültig, deshalb ist das Lied wahrscheinlich so bekannt geworden. In unserem Gesangbuch steht es noch nicht, weil es 1981 entstanden ist, aber in das neue Begleitheft wurde es aufgenommen. (Himmel, Erde, Luft und Meer, Begleitheft zum Evangelischen Gesangbuch der Nordkirche, 2014, Nr.135) Es hat drei Strophen, und in jeder Strophe beschreibt Peter Strauch ein Problem, das mit dem selbstherrlichen Planen einhergeht.
In der ersten Strophe thematisiert er die Angst, die uns befallen kann, die Sorgen und die Mutlosigkeit. Das kennen wir alle, denn oft lassen sich diese Gefühle auch durch noch so gründliches Planen nicht aufheben. Wenn Menschen in unserer Familie oder wir selber z.B. krank sind, wenn der Arbeitsplatz unsicher ist, die politische Lage nichts Gutes verheißt usw., dann können wir uns nicht einfach auf unser Planen und Können verlassen, dann müssen wir nach noch mehr fragen. Dann ist es gut, wenn wir auf Gott vertrauen, auf sein grenzenloses Walten in der Geschichte und unserem persönlichen Leben. Denn er meint es gut mit uns, seine Liebe ist da und er hält uns fest. In seinem Lied hat Peter Strauch das so formuliert:
„Sorgen quälen und werden mir zu groß. Mutlos frag ich: Was wird Morgen sein? Doch du liebst mich, du lässt mich nicht los.
Vater, du wirst bei mir sein.“ Wir können das getrost nachsprechen, denn es ist wahr: Gott ist immer bei uns, ganz gleich, was geschieht. Wir müssen uns nicht fürchten. Im Vertrauen auf Gott verlieren wir die Angst und die Sorgen um den nächsten Tag.
Das zweite Problem, das sich durch zu viel Selbstherrlichkeit ergibt, ist der Stress, den wir oft empfinden. Das betrifft natürlich am ehesten die Berufstätigen. Viele Terminkalender sind viel zu voll. Menschen hasten von einer Veranstaltung zur nächsten und wissen manchmal nicht, wie sie das alles schaffen sollen. Sie stehen dauernd unter Druck und leiden an Zeitnot. Es drohen das innere Ausbrennen und der seelische Untergang. Wer darin nicht versinken will, muss anhalten, eine Pause machen und am besten beten. Es gilt, vom Terminkalender weg einmal nach oben zu schauen und Gott um Hilfe zu bitten. Er kann uns befreien und uns führen. In dem Lied ist das so formuliert:
„Hast und Eile, Zeitnot und Betrieb nehmen mich gefangen, jagen mich. Herr ich rufe: Komm und mach mich frei! Führe du mich Schritt für Schritt.“ Im Glauben an Gott werden wir von dem selbstgemachten Druck erlöst, wir können aufatmen und neue Kraft schöpfen. Das ist der zweite Punkt.
Und als drittes Problem gibt es das Gefühl der Sinnlosigkeit. „Wofür mache ich das alles eigentlich?“ Dieser Gedanke kann uns befallen, wenn wir nur an uns selber glauben, völlig im Diesseits aufgehen und alles für planbar halten. Dann fühlt sich unser Leben trotz aller Geschäftigkeit irgendwann leer an. Die Zeit vergeht, Wochen und Monate ziehen vorbei, und wir wissen gar nicht richtig, wo sie bleiben. Peter Strauch formuliert das so:
„Es gibt Tage, die bleiben ohne Sinn. Hilflos seh ich wie die Zeit verrinnt. Stunden, Tage, Jahre gehen hin, und ich frag, wo sie geblieben sind.“ Das ist ein bedrängendes Gefühl, gegen das es nicht viele Mittel gibt. Auch mit einer Therapie kommen wir dagegen nicht unbedingt an, denn so ist die Wirklichkeit unseres Lebens: In unserem Bibeltext steht nicht umsonst das Bild vom Rauch: Es sagt aus, dass unser Leben vergeht und zutiefst sinnlos bleibt, wenn wir nicht danach fragen, wer es in der Hand hat, und wo es hinführt.
Wenn wir das allerdings tun und beachten, dass „unsere Zeit in Gottes Hand steht“, können wir ruhig und getrost werden. Wir finden Erfüllung und Frieden. Deshalb lautet der Refrain unsres Liedes, der am Anfang und nach jeder Strophe gesungen wird:
„Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.“ Dieses Gebet können wir alle sprechen, es wird erhört, denn Gott ist da.
Und das gilt auch dann noch, wenn alles zu Ende ist. Das wäre ein letztes Thema, an das wir denken können: Selbst angesichts des Todes kann der Glaube an Gott, der unsere Zeit und damit unser ganzes Leben in der Hand hält, uns tragen und ruhig machen.
Ein Mensch, der uns das in besonderer Weise gezeigt hat, ist Dietrich Bonhoeffer. Von ihm sind viele Worte und Gedanken überliefert, denn er hat sie aufgeschrieben. Das beste Dokument für seinen Glauben und sein Denken ist das Buch „Widerstand und Ergebung“. Es enthält Briefe, die Bonhoeffer in der Haft geschrieben hat. In die war er gekommen, weil er im Widerstand gegen Hitler mitgearbeitet hatte. Das Attentat vom 20. Juli 1944 hat er aus dem Gefängnis verfolgt, da war er be-reits nicht mehr frei. Natürlich hatte er sich davon eine Wende seines Geschickes erhofft, doch die trat nicht ein, denn der Plan war gescheitert. Das ist ein tragisches Beispiel für das Misslingen von menschlichen Vorhaben. Ob Gott es nicht wollte? Hitler glaubte das, aber das finden wir heutzutage natürlich zynisch. Wir wissen es nicht. Bonhoeffer hat das Scheitern auch anders verarbeitet, als sich diese Frage zu stellen. Seine Lage war nun natürlich noch unsicherer, noch bedrohter und aussichtsloser, aber er hat sein Gottvertrauen nicht aufgegeben. Im August 1944 schrieb er vielmehr folgende Zeilen:
„Gewiss ist, dass wir immer in der Nähe und unter der Gegenwart Gottes leben dürfen, und dass dieses Leben für uns ein ganz neues Leben ist. Gewiss ist, dass wir nichts zu beanspruchen haben und doch alles erbitten dürfen; gewiss ist, dass im Leiden unsre Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt. Zu all dem hat Gott in Jesus Ja und Amen gesagt. Dieses Ja und Amen ist der feste Boden auf dem wir stehen.“ (Dietrich Bonhoeffer,  Widerstand und Ergebung, Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft,  Gütersloh, 18. Aufl. 2005, S. 209f) Und so ist Bonhoeffer mit festem Glauben seinen Weg weitergegangen. Er wurde ein dreiviertel Jahr später, ein Monat vor Kriegsende umgebracht. Wie „ein Rauch“ verschwand er von der Erde. Doch das Zeugnis seines Glaubens ist bis heute lebendig geblieben, denn das ist unzerstörbar.
Auch wir können uns zu diesem Glauben entscheiden, zu der Gewissheit, dass Gott uns unsere Zeit geschenkt hat und in allem, was wir tun, das letzte Wort behält. Nüchternheit und Wachsamkeit gehören dazu. Der Geist muss sich immer wieder aufschwingen und sich geduldig dem Willen Gottes fügen. Das ist ein innerer Kampf, den wir täglich zu bestehen haben, aber wir können ihn gewinnen, denn einer begleitet uns durch die Zeit, die wir bekommen haben: Jesus Christus, der Sohn Gottes. In ihm ist Gott mit seiner Liebe und seinem Heil bei uns. Am besten können wir diesen Glauben leben, indem wir jeden Morgen mit der liturgischen Tradition unserer Kirche beten:
„Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen auf Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, herausgegeben von der Evangelischen Michaelsbruderschaft, Münsterschwarzach und Göttingen, 4., völlig neu bearbeitete Auflgae, 1998, S. 290)
Amen.