Gehorsam lernen

Predigt über Hebräer 5, 7- 9: Das Bitten und Flehen Jesu in Gethsemane

5. Sonntag der Passionszeit, Judika, 13.3.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Hebräer 5, 7- 9

7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.
8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Liebe Gemeinde.
Menschen, die weinen, sehen wir z.Zt. oft im Fernsehen, z.B. wenn uns gezeigt wird, was sich gerade an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien ereignet: Da warten Flüchtlinge voller Verzweiflung auf den Durchlass. Sie kommen nicht weiter und wissen buchstäblich nicht mehr ein noch aus. Vielen stehen deshalb Tränen in den Augen.
Doch auch andere Situationen führen zum Weinen. Jeder und jede von uns kennt es. Die Gründe können Trauer um einen Menschen sein, ein Misserfolg im Job oder ein Streit mit dem Partner. Tränen fließen, wenn wir uns hilflos, überfordert oder ungerecht behandelt fühlen, wenn wir wütend sind, Schmerzen oder Mitleid haben.
Es gibt auch Freudentränen, die uns bei Rührung, Glück oder Begeisterung in die Augen steigen.
Welchem biologischen Zweck das Weinen dient, ist bis heute nicht vollständig geklärt und wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Forschern geben die Tränen, denen Emotionen zu Grunde liegen, ein Rätsel auf.
In der Psychologie wird uns allerdings geraten, sie zuzulassen, wir müssen uns dafür nicht schämen.
Jesus hat das auch nicht getan, das haben wir vorhin in der Epistel gehört. Sie ist ein Abschnitt aus dem Hebräerbrief, und da heißt es am Anfang: „Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte.“
Wir haben die Szene vor Augen, die damit angedeutet ist: Es ist das Gebet Jesu in Gethsemane in der Nacht seiner Gefangennahme, ein paar Stunden vor seinem Tod. (Mt.26,36-46) Er hatte Angst und war traurig, weil er wusste, was auf ihn zukam. Von dem, was ihm zugemutet wurde, fühlte er sich überfordert und ungerecht behandelt. Doch ein Entkommen gab es für ihn nicht mehr, er musste sich letzten Endes fügen, und darum geht es in dieser Geschichte.
Was geschah dort? Jesus weinte, aber die Tränen waren nicht seine einzige Regung. Er warf sich vielmehr nieder und betete dreimal zu Gott. Er sprach ihn mit „Vater“ an, wie er es wohl immer getan hat, und bat ihn, „den Kelch vorübergehen zu lassen“, d.h. er wollte vor dem Tod verschont bleiben. Doch im Laufe der Nacht kam es zu einer Veränderung im Geist Jesu, er hat etwas „gelernt“. Denn er hat nicht nur „geschrien“, geklagt und geweint, er konnte außerdem sagen: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt.26, 39) Er unterwarf sich ganz dem Willen des Vaters, und damit ist er am Ende zu einem „Ja“ durchgestoßen.
An diese Szene erinnert der Hebräerbrief, und dort heißt es als nächstes: „Und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.“ Der Gebetskampf Jesu hatte eine Wirkung. Jesus ging anders aus dieser Nacht hervor, als er hineingegangen war: Sein Gebet führte ihn zu einer völligen Gefasstheit. Er sah den kommenden Ereignissen jetzt ruhig entgegen. In dem Briefabschnitt wird das so ausgedrückt: „So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“
Jesus „lernte durch Leiden den Gehorsam“ und hat im Wachen und Beten Klarheit über seinen weiteren Weg gefunden. Er hat sich in den Willen Gottes hineingebetet, und deshalb wusste er sich von dieser Stunde an darin geborgen.
Und das hat eine ganz wichtige Bedeutung. Jesus hat in Gethsemane den Todesampf für sich entschieden. Wenn man das Evangelium als Ganzes betrachtet, ist das bereits die Wende und damit der Höhepunkt, denn im Geist nahm Jesus dort sein Sterben und Auferstehen vorweg. Der Wille Gottes ereignete sich in ihm, und nur deshalb konnte das Nachfolgende geschehen. Der Hebräerbrief sagt das so: „Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.“
Jesus hat einen Weg gebahnt, den auch wir gehen können. Er ist ein Vorbild für uns. Wir sollen ihm nach Gethsemane folgen. Der Weg des Glaubens führt uns praktisch dorthin, denn nur dann kann sich das Heil, das er für uns bewirkt hat, auch in unserem Leben ereignen.
Und das heißt, dass auch wir den „Gehorsam lernen“ müssen. Es gilt, genauso wie Jesus zum Willen Gottes „Ja“ zu sagen, selbst wenn er schwer ist, das Leiden und den Tod anzunehmen, uns zu fügen und hinzugeben.
Aber wollen wir das, und können wir diese Einstellung Menschen zumuten, die gerade leiden? Ist das nicht reichlich zynisch? Was kommt denn dabei heraus, wenn wir unser Schicksal hinnehmen, das Sterben zulassen und gehorsam sind? Dann ändert sich doch nichts! Diese Ergebenheit erscheint uns lebensverneinend und depressiv. Niemandem ist damit geholfen, es ist viel zu passiv, sich so zu verhalten. Das ist unser Einwand.
Wir müssen uns also noch etwas genauere Gedanken machen, und dabei hilft es, wenn wir einmal beachten, was in der Gethsemanegeschichte noch erwähnt wird. Jesus ist darin nämlich nicht allein. Er hatte drei seiner Jünger mitgenommen, Petrus, Jakobus und Johannes. (Mt.26,37) Sie sollten ihm beistehen, doch sie haben kläglich versagt. Sie sind eingeschlafen. Dreimal hat er sie geweckt, aber das nützte nichts. Sie konnten ihre Müdigkeit nicht überwinden und fielen immer wieder zurück. Aktiv war in dieser Situation also nur Jesus, er allein hat gewacht. Und das ist wichtig: Sein Gebet war kein Ausdruck von Lethargie oder Schicksalsergebenheit, es war vielmehr ein innerer Kampf. Äußerste Konzentration gehörte dazu. Jesus vollbrachte in Gethsemane eine ungeheure geistige Leistung.
Die Jünger haben das verschlafen, und genauso ist auch unser Verhalten oft. Der Schlaf der Jünger ist ein Bild für unsere Ignoranz gegenüber dem Willen Gottes. Denn der ist keine dunkle Macht, kein undurchdringliches Schicksal, sondern Kraft und Leben. An der Schöpfung können wir erkennen, was Gott will, an der Sendung seines Sohnes und an seinem Handeln an ihm: Gott will diese Welt und er will die Rettung der Menschen. Er will sie aus dem Tod befreien, ihnen Überwindung und Heil schenken.
Es geht darum, dass wir dafür wach werden und uns diesem seinem Willen auch hingeben. Wir müssen uns auf ihn einlassen, und dazu gehört es, dass wir uns selber loslassen und uns ergeben. Wir müssen im Leiden und im Sterben „Gehorsam lernen“. Diese Ermahnung ergeht an uns und sie ist auch wichtig, denn genau das tun wir normaler Weise nicht.
Wir geben uns lieber unseren natürlichen Antrieben hin, ohne uns viele Gedanken zu machen. Wir sind nicht wach und aufmerksam für Gott. Es liegt uns viel näher, uns aufzulehnen und an unserem Leben festzuhalten. Das müssen wir uns eingestehen. Lassen Sie uns ehrlich sein: Wir kennen das Leid alle aus eigener Erfahrung, und keiner von uns will es. Darin sind wir uns einig. Doch welche Methoden wenden wir an, um es los zu werden?
Eine Möglichkeit besteht z.B. darin, dass wir es verdrängen. Wir lenken uns ab, suchen die Abwechslung und zerstreuen uns. Wir denken eben nicht daran und leben so, als ob es das Schwere nicht gäbe. Sinnbildlich gesprochen schlafen wir einfach, so wie die Jünger es taten.
Eine andere Methode ist Aktionismus: Dann veranstalten wir alle Mögliche, damit es uns wieder besser geht. Wir reden mit anderen, gehen zum Arzt, verändern unsere Beziehungen, suchen eine neue Arbeit, ziehen um oder ähnliches.
Das ist ja alles auch ganz schön und gut, es ist normal. Doch leider hilft es oft nicht. Es gibt Situationen im Leben, die sind dunkel und nichts führt uns da heraus. Es gibt Leid, das wir weder verdrängen noch abschaffen können, es ist da und es ist hartnäckig. Es gibt keine einfache Lösung, keine Hilfe von außen. Ratschläge helfen nicht, eine Heilung oder eine Rettung ist nicht in Sicht. Die Tränen fließen, ohne dass wir sie stoppen können. Wir finden keinen Trost.
Und dann ist es wichtig, dass wir die Rettung nicht „verschlafen“ sondern endlich aufwachen. Wir müssen einen ganz anderen Weg beschreiten, als wir ihn normaler Weise wählen, und den zeigt Jesus uns. Er hat sich nicht selber aufgegeben und ist in keine Depression versunken. Er hat vielmehr gewacht und gebetet und sich aktiv in den Willen Gottes gefügt. Hingabe und Überwindung prägen sein Verhalten. Und dadurch hat sich für ihn etwas verändert. Er ist nicht nur seine Angst losgeworden, er war danach auch ruhig und gefasst und klar. Er hat sich aus der leidvollen Situation im Geist hinauskatapultiert, weil er sich in einer anderen Wirklichkeit verwurzelt hat, in der Wirklichkeit des Willens Gottes nämlich, der ihn zum Sieg verholfen hat. Er ist durch sein „Bitten und lautes Schreien“ zur Freiheit und zur Freude durchgestoßen.
Und das kann auch uns so gehen, wenn wir mit Jesus „wachen und beten“. Es ist ein Sieg über das Fleisch, d.h. über die natürlichen Kräfte, die uns von Gott und vom Glauben abhalten können.
Das klingt natürlich reichlich unbequem. Überhaupt ist die Gethsemanegeschichte eine eher ungemütliche Angelegenheit. Sie ist von Angst und Entsagung geprägt, und das wirkt dunkel und anstrengend. Aber wir sollten uns ihr trotzdem stellen, gerade in der Passionszeit. In einer Situation, die uns nicht gefällt, die uns zu schaffen macht und die wir nicht ändern können, sollten wir mit Jesus beten: „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Es ist das Gebet der Hingabe und des Loslassens, das uns weiterführen kann. Wir bejahen damit das Leid, und dadurch bejahen wir mit diesem Gebet das Leben, denn das Leid gehört zum Leben dazu. Im Gethsemanegebet wird es einbezogen und gerade dadurch überwunden.
Das ist kein einfacher Weg, er geht durchaus gegen unsere Natur. Es ist wie ein Sterben, denn wir nehmen im Geiste den Tod vorweg. Aber das ist eben nicht das Einzige, sondern wir nehmen auch das ewige Leben vorweg, die Überwindung der Vergänglichkeit, die Auferstehung. Wir werden mit übernatürlichen Kräften erfüllt und auf wunderbare Weise getragen.
Denn im Unterschied zu den Jüngern können wir dieses Gebet mit Jesus beten, in dem Glauben an seine Auferstehung. Es hat auch nur dann Sinn, wenn wir davon ausgehen, dass er für uns den Sieg errungen hat. An diesem Sieg können wir Anteil haben. Beim Gethsemanegebet spricht Jesus selbst in uns die Worte „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Er leidet mit uns und betet in uns. Wir werden eins mit ihm und tauchen in ein neues Leben ein. Das ist die Verheißung, die hinter der Ermahnung zum Wachen steht. Der Gehorsam gegenüber Gott setzt ungeahnte neue Kräfte frei. Wir finden Ruhe und Trost, wir werden gelassen und klar.
Und das führt noch weiter. Dieses neue Leben, die Gelassenheit und Ruhe kommen auch anderen zu Gute. Sie führen uns zu den Menschen, besonders zu denen, die weinen. Oft ist es ja so, dass auch wir ihnen nicht helfen können. Gerade den Flüchtlingen gegenüber, die nicht mehr zu uns kommen können, sind wir machtlos. Aber das muss uns nicht davon abhalten, zu denen zu gehen, die bereits hier sind, uns an ihre Seite zu stellen, ihnen die Hand zu reichen, ihnen zuzuhören, sie zu beachten und freundlich zu ihnen zu sein.
Auch in vielen anderen Situationen, in denen Menschen ein schweres Schicksal getroffen hat, ist das schon ganz viel, denn sie sind dann nicht mehr allein. Jemand hält ihre Hilflosigkeit mit ihnen zusammen aus.
Unsere Welt wird nie frei von Krieg und Terror sein, von Ungerechtigkeit, Schmerz und Leid. Menschen nutzen andere aus, unterdrücken und betrügen sie, schotten sich ab und sind unglaublich rücksichtslos. Viele denken nur an sich, wollen reich werden oder Macht haben und setzen sich brutal durch. Wir leben in einer Welt, in der die Liebe oft mit Füßen getreten wird. Und dem Tod sind wir alle geweiht, da gibt es kein Entrinnen und kein Erbarmen.
Doch das muss uns nicht entmutigen, denn als Christen können wir dazu ein Gegengewicht bilden. Wir empfangen durch unseren Glauben die Kraft der Liebe Gottes und die Kraft der Auferstehung, und die kann keine Macht der Welt auslöschen. Sie vergeht nie, und überall, wo wir sie leben, gibt es einen Hoffnungsschimmer. Denn wir bezeugen damit ein Heil, das nicht von dieser Welt ist und weit über alle Tränen, alles Leiden und Sterben hinausweist.
Amen.

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