Ärgern lohnt sich nicht

Predigt über 1. Korinther 4, 1- 5: Kein Recht zum Richten

3. Sonntag im Advent, 13.12.2015, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

1. Korinther 4, 1- 5

1 Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
2 Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.
3 Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
4 Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.
5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.

Liebe Gemeinde.
„Du kannst dich den ganzen Tag ärgern, aber du bist nicht verpflichtet dazu.“ Diesen Spruch kennen Sie vielleicht. Ich habe ihn kürzlich von Karsten Sohrt gehört, der bei uns im Posaunenchor mitspielt und auch sonst in uneren Gemeinden ja sehr aktiv ist. Er hat ihn wiederum schon vor längerer Zeit auf einer Spruchkarte gelesen. Im Internet habe ich ein Geschirrhandtuch entdeckt, auf dem er steht. Es ist wohl für Leute gedacht, denen der Küchendienst schlechte Laune bereitet. Sie können sich davon aufmuntern lassen.
Und das ist gut, denn wir ärgern uns alle immer wieder, meistens über andere Menschen: unsere Mitbewohner, Vorgesetzten, Handwerker, Nachbarn usw. Sie haben mal wieder nicht aufgeräumt, uns unmögliche Anweisungen gegeben, ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht, ihre Hecke nicht geschnitten; und so kommt es zum Ärger. Wenn wir wollen, können wir ihn den ganzen Tag haben, aber wir sind – wie gesagt – „nicht dazu verpflichtet“. Es tut uns auch nicht gut. Ein anderer Spruch zu diesem Thema, den Karsten sich gemerkt hat, lautet: „Ärgern lohnt sich nicht, es nützt dir nicht und dem anderen auch nicht.“
Und es ist nicht im Sinne der Bibel. In unserer Epistel von heute spricht Paulus über dieses Thema. Er hat sich dazu sehr tiefgehende Gedanken gemacht.
Dabei muss man wissen, dass es in Korinth Menschen gab, die sich über ihn ärgerten und ihn verurteilten. Er war hart angegriffen worden. Genau kennen wir die Vorfälle nicht, aber es waren Menschen in die Gemeinde eingedrungen, die böse Verdächtigungen und Verleumdungen über Paulus unter die Leute streuten. Sie bezweifelten öffentlich, dass er ein echter Apostel war, und wollten seine Autorität zerstören. Das hat Paulus getroffen. Er warnt deshalb die Gemeinde vor voreiligem Richten.
In unserem Abschnitt streitet er seinen Gegnern jegliches Recht zu ihrer Kritik an ihm ab und erklärt, dass sie mit ihrem Urteil völlig danebenliegen. Er beansprucht nämlich gar keine besondere Autorität, sondern versteht sich nur als „Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.“ Er übt keine Herrschaft über die Gemeinde aus, denn sie gehört nicht ihm, sondern Gott. Sich selber versteht er nur als Verwalter. Deshalb ist von ihm nichts anderes als „Treue gegen das Eigentum“ gefordert, und die kann er ohne Abstriche bekennen. Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, deshalb ist es für ihn auch ein „Geringes, dass er von den Korinthern gerichtet wird.“ Er untersteht ihrem Gericht gar nicht und auch keinem anderen „menschlichen Gericht“. Er beurteilt sich noch nicht einmal selbst. Denn das alles wäre menschlich und von daher in diesem Zusammenhang bedeutungslos.
Außerdem ist er sich – wie gesagt – keinerlei Schuld bewusst. Und dieser Aussage fügt er noch etwas Interessantes hinzu: Er weiß sehr genau um zwei Seiten in seiner Seele. Einerseits muss er sich zwar keine Unaufrichtigkeit vorwerfen, „aber darin bin ich nicht gerechtfertigt“ sagt er weiter. Denn „der Herr ist’s, der mich richtet.“ Sein Gewissen, das zwar rein ist, ist nicht absolut, es ist nicht die letzte Instanz des Gerichtes und nicht die Stimme Gottes. Die geht weit über unsere menschliche Erkenntnis hinaus. Wir sehen immer nur einen Teil der Wirklichkeit, nie haben wir die volle Einsicht in uns selber oder die anderen. Die hat Gott allein.
„Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt.“ fährt Paulus fort. Dem Endurteil Gottes soll niemand vorgreifen, denn das hieße, sich in das Richteramt Christi einzumischen. Niemand kann vollständig in den anderen hineinschauen, geschweige denn, ihn durchschauen. Es ist noch nicht einmal möglich, das eigene Herz ganz auszuloten. Vieles von dem, was in der Seele vor sich geht, liegt „im Finsteren verborgen“, und nur Christus „wird es ans Licht bringen. Er wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteilwerden.“ So endet der Textabschnitt, der heute unsere Epistel ist.
Und damit sind auch wir gemeint. Auch wir sollen es lassen, andere Menschen zu be- oder verurteilen. Das tun wir wie gesagt gerne. Jedes Mal, wenn wir uns über einen anderen Menschen ärgern, fällen wir auch ein Urteil. Wir erheben uns über ihn, meinen, es besser zu wissen und halten uns auch für besser. Unsere Mitbewohner oder Familienangehörigen sind schlampig und unordentlich; der Vorgesetzte ist herrisch und überheblich; Handwerker sind nachlässig und hören nicht richtig zu; und unsere Nachbarn sind rücksichtslos und egoistisch. Diese Liste ließe sich noch unendlich fortsetzen.
Natürlich gibt es einen Grund, warum wir so denken: Es ist Ausdruck unseres Ärgers, und der muss raus. Wir erlauben ihn, weil wir meinen, das sei notwendig. Schließich wollen wir nichts verdrängen oder runterschlucken, denn das ist ungesund. Das wissen wir inzwischen. Wer seine Gefühle nicht zulässt und immer nur still ist, wird irgendwann krank. Er unterdrückt ja etwas, verspannt sich und blockiert seine emotionale Energie. Kopf- oder Magenschmerzen, Herz- Kreislaufprobleme oder etwas anderes Schlimmes sind die Folgen. So denken wir. Deshalb ist es gut, sich immer schön zu ärgeren und das auch allen Menschen zu zeigen. So will die Psychologie es uns jedenfalls weis machen.
Aber stimmt das eigentlich? Ist das eine brauchbare Strategie? Ich finde, wir sollten einmal noch tiefer blicken, dazu lädt Paulus uns hier jedenfalls ein.
Er hätte sich auch ärgern können, denn er wurde aufs Übel-ste verleumdet und gemobbt. Doch das tut er nicht, und bei ihm ist es keine Verdrängung. Er ist vielmehr von etwas erfüllt, das stärker ist: Er glaubt an die Gegenwart Jesu, und dadurch unterscheidet sich sein Seelenleben ganz erheblich von den üblichen psychologischen Vorgängen: Er kennt eine Instanz, die liegt außerhalb der menschlichen Beurteilung, die ist größer und umfassender. Darauf will er auch aufmerksam machen. Es geht ihm um die Gegenwart Christi, um seine Liebe und seine Gnade. Die Korinther sollen sich wie er Jesus Christus anvertrauen und sein Erbarmen walten lassen.
Und das tut gut, es ist etwas ganz anderes, als irgendetwas zu verdrängen. Es macht auch nicht krank, sondern ist heilsam und befreiend.
Wir können uns das klar machen, wenn wir uns noch einmal die Situationen vorstellen, in denen wir uns ärgern. Da steigt ja etwas in uns auf. Körperlich gesehen ist es das Adrenalin, emotional gesehen ist es eine negative Energie. Fühlt die sich eigentlich wirklich gut an? Es ist doch gar nicht so befreiend, sich dieser Dynamik hinzugeben. Im Gegenteil, das ist wie ein Gift, das uns langsam durchdringt. Unsere Seele verdüstert sich, unser Blick wird verzerrt. Durch zu viel Ärger blockieren wir alles. Wir bauen eine Mauer zwischen uns und die anderen, denn sie mögen das nicht. Sie wenden sich von uns ab, und wir erreichen sie nicht mehr. Alles trübt sich ein, und wir verlieren den Überblick. Wir nehmen die Wirklichkeit nur noch bruchstückhaft wahr. „Ärgern lohnt sich nicht, es nützt mir nicht und dem anderen auch nicht.“ Das sollten wir einsehen und zugeben.
Es ist deshalb gut, wenn wir den ersten Impuls eines Ärgers tatsächlich unterdrücken und uns davon nicht bestimmen lassen. Doch anstatt ihn dann herunterzuschlucken, können wir ihn abgeben. Paulus schlägt uns nichts vor, das uns krank macht, er will uns vielmehr befreien. Wir können unseren Ärger loswerden, indem wir uns und die anderen dem Gericht Christi überlassen. Ihm können wir alles anvertrauen, uns ihm hingeben und ihn urteilen lassen. Er weiß mehr als wir, er hat einen ganz anderen Blick, er allein kennt die Tiefen jedes menschlichen Herzens. Deshalb ist es gut, wenn wir ihn allein suchen.
Wir werden dann ganz neue Erfahrungen machen. Es ändert sich etwas in unserer Seele, wir werden ruhig und heiter, gelassen und froh. Denn anstatt des Ärgers und Urteilens zieht ein ganz tiefer Friede in unser Herz ein.
Das ist sehr schön an einer Stelle in dem Buch „die Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen formuliert. Dieses Buch stammt bereits aus dem 14. Jahrhundert und soll – nach der Bibel – das auflagenstärkste und am meisten übersetzte Buch der Weltliteratur sein. Es gilt als unübertroffenes Kompendium der geistlichen Erfahrung des Mittelalters und bietet uns immer noch Anweisungen für ein stressfreies Leben. Handfeste Grundregeln für den inneren Weg sind darin enthalten, die zu einer lebendigen Freundschaft mit Christus führen. Das Buch ist in sogenannte „Hauptstücke“ aufgeteilt, und eines davon trägt die Überschrift: „Worin der dauerhafte Friede des Herzens und der wahre Fortschritt in allem Guten besteht.“ Es ist in der Form eines Gespräches zwischen „dem Herrn“ und dem Jünger gehalten. Der Jünger fragt: „Was soll ich tun?“ Darauf antwortet der Herr: „Sei aufmerksam auf alles, was du redest und was du tust, und richte deine Absicht nur darauf, dass du mir allein gefällst und außer mir nichts verlangst, nichts suchst. Was aber andere tun oder reden, darüber erlaube dir nie ein vorschnelles Urteil, und mische dich in kein Geschäft, das dir nicht anvertraut ist. Und so mag es geschehen, das dein Herz selten in Unruhe gerät oder wenigstens die Unruhe kein Aufruhr wird.“ (Thomas von Kempen, Das Buch von der Nachfolge Christi, übersetzt von Michael Sailer, Hrg. Immanuel Jungclausen OSB und Christian Feldmann, Herder 1999, S. 222)
Das ist die praktische Anwendung dessen, was Paulus gelebt hat, und es ist wunderbar formuliert. Der Verzicht auf schnelles Urteilen wird hier als ein heilsames Mittel beschrieben, das uns von allem Negativen befreit und uns zur Liebe und zur Ruhe führt.
Dabei ist es wichtig, dass wir dieses Mittel nicht als ein neues Gesetz verstehen, das wir nun einhalten müssen und das uns dann doch einengt. Es gilt vielmehr, die Zurückhaltung im „Sich-Einmischen“ auch uns selber gegenüber anzuwenden. Wir dürfen und sollen auch uns selbst nicht verurteilen. Paulus hat zugegeben, dass er nicht haargenau weiß, wie es wirklich um ihn bestellt ist, aber er ist deshalb nicht ins Grübeln verfallen. Er hat darauf vertraut, dass Christus ihn annimmt und dass er am Ende zum Guten führen wird, was er in ihm begonnen hat. Paulus lebte von der Vergebung und aus der Gnade Christi. Diese positive Kraft hat ihn frei gemacht und sein Seelenleben bestimmt.
Und das ist auch der Anfang dieses Weges, das müssen wir beachten: Wir sollen darauf vertrauen, dass Jesus Christus uns so annimmt, wie wir sind. Wir dürfen daran glauben, dass er uns liebt. Das ist der Hauptinhalt seines Gerichtes und seines Urteils. Wenn wir das an uns selber erfahren und diese Gewissheit in uns tragen, dann fließt sie von innen nach außen.
Deshalb gehört zu dem, was unsere Epistel thematisiert, noch ein letzter Gedanke: „Das Gericht Christi“ betrifft nicht nur unsere Seele und unser persönliches Umfeld. Es wirkt sich auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben aus.
Es geht durch Europa zurzeit ja ein bedenklicher Rechtsruck. Viele Menschen haben Angst vor den Fremden, die zu uns kommen. Sie haben Vorurteile: Die Flüchtlingen akzeptieren unsere Werte nicht, wollen sich nicht integrieren und unterwandern unsere Gesellschaft mit dem Islam. Es sind auch Terroristen darunter. So denken sie. Deshalb ist es besser, sich abzuschotten, ihre Einreise zu verhindern und sich gegen sie zu wehren. Solche Töne hört man jetzt überall.
Aber woher wissen wir eigentlich, dass die Menschen, die zu uns kommen, uns schaden wollen? Das alles sind Urteile, die wir fällen, bevor wir sie kennen gelernt haben. Angst steckt dahinter, und die ist – genauso wie der Ärger – eine zerstörerische und negative Kraft. Sie tut niemandem gut, hilft uns nicht weiter und führt nicht zum Frieden. So ist es besser, wenn wir mit diesen Sorgen ebenfalls zu Jesus gehen und sie uns abnehmen lassen. In seiner Gegenwart wird unser Herz weit, Liebe zieht ein und hilft uns, fremde Menschen willkommen zu heißen.
Wir „bereiten Christus damit den Weg“ (Jes. 40, 3), er zieht in unser Herz und in unsre Gesellschaft ein. Die Kraft der Liebe und Barmherzigkeit setzt sich durch. Gerade in der Adventszeit ist das unser Auftrag, dazu sind wir als Christen durchaus „verpflichtet“. „Wir können uns zwar den ganzen Tag ärgern, aber wir müssen es nicht.“ Lassen Sie uns viel lieber dafür Sorge tragen, dass der Friede Christi, der höher ist als alle Vernunft, unsre Herzen und Sinne in Jesus Christus bewahrt.
Amen.

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