Meine Zeit steht in deinen Händen

Predigt über Jakobus 4, 13- 15: Wider eigenmächtiges Planen und Tun

Neujahrstag, 1.1.2016, 18 Uhr
Lutherkirche Kiel

Jakobus 4, 13- 15

13 Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Han-del treiben und Gewinn machen –,
14 und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.
15 Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.
Liebe Gemeinde.
Wann haben Sie sich den ersten Kalender für das neue Jahr gekauft? Ich selber brauchte ihn spätestens nach den Sommerferien, denn da haben wir in der Gemeinde bereits sehr viele Dinge für das nächste Jahr verabredet. Ich habe dafür zwar immer schon so einen einseitigen Jahresüberblick, weil er in meinem Terminkalender enthalten ist, aber der reicht dann nicht mehr. Mit einem digitalen Planer wäre das natürlich kein Thema, aber den habe ich nicht. Damit könnte ich jedes beliebige Jahr aufrufen und endlos im Voraus planen.
Das will ich allerdings gar nicht, und das tun sicher auch die Wenigsten von uns. Es ist auch unterschiedlich, wie lange im Voraus wir Termine festlegen, das kommt auf den Beruf, den Zusammenhang, den Charakter und den Lebensstil an. Ich kenne Menschen, die mögen sich grundsätzlich nicht gerne festlegen, mit denen kann ich mich kaum verabreden. Sie entscheiden frühesten ein paar Tage vorher, ob wir uns wirklich treffen.
Und dann gibt es noch die Bibelfesten, die nach einer Verein-barung gerne anfügen: „Jakobus vier Vers fünfzehn!“. Das ist etwas scherzhaft gemeint, denn sie gehen davon aus, dass jeder weiß, was da steht. Es ist der inzwischen sprichwörtliche Satz: „So Gott will.“ Wir haben ihn in unsrer Epistel vorhin gehört. Und auch, wenn es übertrieben wäre, das jedes Mal zu sagen, wenn wir etwas planen, so ist der Abschnitt doch sehr klug und bedenkenswert.
Er richtet sich an Menschen, die Handel treiben. In der Gemeinde, an die der Jakobusbrief geschrieben ist, gab es wohl Kaufleute, die mit ihren Geschäften Reichtum anhäuften. Sie waren viel auf Reisen und glaubten, bis ins Detail hinein zu wissen, wann und wohin und wie lange und wozu sie unterwegs waren. Wahrscheinlich waren sie sehr kapitalträchtig und entsprechend selbstsicher. Und das sieht der Schreiber kritisch.
Er ist gegen das eigenmächtige Planen und Tun, denn dabei wird leicht vergessen, dass die menschliche Wirklichkeit durch Unsicherheit und Vergänglichkeit gekennzeichnet ist. Jakobus richtet sich gegen das Erfolgsdenken der Kaufleute, mit dem sie disponierten und kalkulierten, ohne dabei an den Herrn über alle Zeit zu denken. Er hielt es für Torheit, sich der Zukunft sicher zu sein, denn der Mensch weiß in Wirklichkeit noch nicht einmal, was der morgige Tag bringt.
Damit appelliert er an eine Lebenserfahrung, die eigentlich jeder einsichtige Mensch irgendwann macht. Auch um die Vergänglichkeit weiß jeder und jede. Sie wird hier mit dem Bild vom Rauch beschrieben, „der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“ Bei allem Überlegen und Planen sollen die Menschen Gott als denjenigen anerkennen, der das letzte Wort über Leben und Tod behält. „Wenn Gott will“ heißt hier also: Wenn es Gottes Walten im Geschick des Menschen entspricht. Das klingt vielleicht nach Schicksalsgläubigkeit, möglicherweise sogar Resignation oder Verzweiflung, aber so ist es nicht gemeint. Jakobus geht fest davon aus, dass Gottes Wille dem Heil des Menschen dient. Deshalb ruft er zum Gottvertrauen auf.
Dabei ist es hilfreich zu wissen, dass der Jakobusbrief nicht mehr an die erste Generation von Christen geschrieben wurde. Die Adressaten gehörten vielmehr in die sogenannte nachapostolische Zeit. Sie hatten sich bereits in dieser Welt eingerichtet. Die anfängliche Aufbruchsstimmung, die die Apostel noch erlebt und ausgelöst hatten, war dem Alltag gewichen mit seinen Belastungen und Verlockungen. Die Christen waren in der Versuchung, sich der Welt anzupassen, die Radikalität der christlichen Forderungen abzumildern. Man nahm es mit der Konsequenz eines Handelns und Lebens nach dem Evangelium nicht mehr so genau. Und dagegen wendet sich der Brief. Er will die Leser aufrütteln und korrigieren. In diesem Sinne sollen alle Christen sich immer wieder sagen: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“
Und das ist auch für uns ein wichtiger Satz. Denn wir erliegen genauso gerne dem Gedanken, dass sich alles planen und machen lässt. Dagegen ist an sich auch nichts einzuwenden. Natürlich müssen wir Termine verabreden. Ohne Planen würde unser Leben nicht funktionieren, deshalb findet es überall statt: In der Kultur, in der Wirtschaft, in Schulen und Betrieben, Gemeinden und Familien. Mein Terminkalender ist bis zum Juni schon mit ganz schön vielen Eintragungen versehen, und das finde ich auch gut. Dann kann ich mich darauf einstellen und mich entsprechend auf die einzelnen Veranstaltungen vorbereiten. Das sollen wir wie gesagt auch nicht lassen.
Es geht um etwas anderes, und zwar um unser Bewusstsein bei all dem. Mit welcher Grundhaltung gehen wir an das Leben heran? Wie selbstsicher sind wir? Wie viel Vertrauen haben wir in unsere Pläne und was machen wir mit der Tatsache, dass es überall Gefahren und Probleme gibt?
Wir werden von unserem Text eingeladen, die Zeit, die vor uns und auch hinter uns liegt, nicht einfach selbstherrlich als unser Eigentum zu betrachten. Sie wird uns vielmehr geschenkt und „steht in Gottes Hand“, wie es in Psalm 31 (V.16a) heißt.
Dazu gibt es ein Lied von dem westfälischen Theologen Peter Strauch. Der wurde 1943 geboren, und sein Lebensmotto ist genau dieser Satz: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Unter diesem Titel ist auch seine Biografie erschienen. Es gab darin – wie bei jedem Menschen – nicht nur schöne Erfahrungen, sondern auch schwierige Wegstrecken. In seinem Lied kommen sie vor, natürlich allgemein formuliert. Aber sie sind auch allgemein gültig, deshalb ist das Lied wahrscheinlich so bekannt geworden. In unserem Gesangbuch steht es noch nicht, weil es 1981 entstanden ist, aber in das neue Begleitheft wurde es aufgenommen. (Himmel, Erde, Luft und Meer, Begleitheft zum Evangelischen Gesangbuch der Nordkirche, 2014, Nr.135) Es hat drei Strophen, und in jeder Strophe beschreibt Peter Strauch ein Problem, das mit dem selbstherrlichen Planen einhergeht.
In der ersten Strophe thematisiert er die Angst, die uns befallen kann, die Sorgen und die Mutlosigkeit. Das kennen wir alle, denn oft lassen sich diese Gefühle auch durch noch so gründliches Planen nicht aufheben. Wenn Menschen in unserer Familie oder wir selber z.B. krank sind, wenn der Arbeitsplatz unsicher ist, die politische Lage nichts Gutes verheißt usw., dann können wir uns nicht einfach auf unser Planen und Können verlassen, dann müssen wir nach noch mehr fragen. Dann ist es gut, wenn wir auf Gott vertrauen, auf sein grenzenloses Walten in der Geschichte und unserem persönlichen Leben. Denn er meint es gut mit uns, seine Liebe ist da und er hält uns fest. In seinem Lied hat Peter Strauch das so formuliert:
„Sorgen quälen und werden mir zu groß. Mutlos frag ich: Was wird Morgen sein? Doch du liebst mich, du lässt mich nicht los.
Vater, du wirst bei mir sein.“ Wir können das getrost nachsprechen, denn es ist wahr: Gott ist immer bei uns, ganz gleich, was geschieht. Wir müssen uns nicht fürchten. Im Vertrauen auf Gott verlieren wir die Angst und die Sorgen um den nächsten Tag.
Das zweite Problem, das sich durch zu viel Selbstherrlichkeit ergibt, ist der Stress, den wir oft empfinden. Das betrifft natürlich am ehesten die Berufstätigen. Viele Terminkalender sind viel zu voll. Menschen hasten von einer Veranstaltung zur nächsten und wissen manchmal nicht, wie sie das alles schaffen sollen. Sie stehen dauernd unter Druck und leiden an Zeitnot. Es drohen das innere Ausbrennen und der seelische Untergang. Wer darin nicht versinken will, muss anhalten, eine Pause machen und am besten beten. Es gilt, vom Terminkalender weg einmal nach oben zu schauen und Gott um Hilfe zu bitten. Er kann uns befreien und uns führen. In dem Lied ist das so formuliert:
„Hast und Eile, Zeitnot und Betrieb nehmen mich gefangen, jagen mich. Herr ich rufe: Komm und mach mich frei! Führe du mich Schritt für Schritt.“ Im Glauben an Gott werden wir von dem selbstgemachten Druck erlöst, wir können aufatmen und neue Kraft schöpfen. Das ist der zweite Punkt.
Und als drittes Problem gibt es das Gefühl der Sinnlosigkeit. „Wofür mache ich das alles eigentlich?“ Dieser Gedanke kann uns befallen, wenn wir nur an uns selber glauben, völlig im Diesseits aufgehen und alles für planbar halten. Dann fühlt sich unser Leben trotz aller Geschäftigkeit irgendwann leer an. Die Zeit vergeht, Wochen und Monate ziehen vorbei, und wir wissen gar nicht richtig, wo sie bleiben. Peter Strauch formuliert das so:
„Es gibt Tage, die bleiben ohne Sinn. Hilflos seh ich wie die Zeit verrinnt. Stunden, Tage, Jahre gehen hin, und ich frag, wo sie geblieben sind.“ Das ist ein bedrängendes Gefühl, gegen das es nicht viele Mittel gibt. Auch mit einer Therapie kommen wir dagegen nicht unbedingt an, denn so ist die Wirklichkeit unseres Lebens: In unserem Bibeltext steht nicht umsonst das Bild vom Rauch: Es sagt aus, dass unser Leben vergeht und zutiefst sinnlos bleibt, wenn wir nicht danach fragen, wer es in der Hand hat, und wo es hinführt.
Wenn wir das allerdings tun und beachten, dass „unsere Zeit in Gottes Hand steht“, können wir ruhig und getrost werden. Wir finden Erfüllung und Frieden. Deshalb lautet der Refrain unsres Liedes, der am Anfang und nach jeder Strophe gesungen wird:
„Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.“ Dieses Gebet können wir alle sprechen, es wird erhört, denn Gott ist da.
Und das gilt auch dann noch, wenn alles zu Ende ist. Das wäre ein letztes Thema, an das wir denken können: Selbst angesichts des Todes kann der Glaube an Gott, der unsere Zeit und damit unser ganzes Leben in der Hand hält, uns tragen und ruhig machen.
Ein Mensch, der uns das in besonderer Weise gezeigt hat, ist Dietrich Bonhoeffer. Von ihm sind viele Worte und Gedanken überliefert, denn er hat sie aufgeschrieben. Das beste Dokument für seinen Glauben und sein Denken ist das Buch „Widerstand und Ergebung“. Es enthält Briefe, die Bonhoeffer in der Haft geschrieben hat. In die war er gekommen, weil er im Widerstand gegen Hitler mitgearbeitet hatte. Das Attentat vom 20. Juli 1944 hat er aus dem Gefängnis verfolgt, da war er be-reits nicht mehr frei. Natürlich hatte er sich davon eine Wende seines Geschickes erhofft, doch die trat nicht ein, denn der Plan war gescheitert. Das ist ein tragisches Beispiel für das Misslingen von menschlichen Vorhaben. Ob Gott es nicht wollte? Hitler glaubte das, aber das finden wir heutzutage natürlich zynisch. Wir wissen es nicht. Bonhoeffer hat das Scheitern auch anders verarbeitet, als sich diese Frage zu stellen. Seine Lage war nun natürlich noch unsicherer, noch bedrohter und aussichtsloser, aber er hat sein Gottvertrauen nicht aufgegeben. Im August 1944 schrieb er vielmehr folgende Zeilen:
„Gewiss ist, dass wir immer in der Nähe und unter der Gegenwart Gottes leben dürfen, und dass dieses Leben für uns ein ganz neues Leben ist. Gewiss ist, dass wir nichts zu beanspruchen haben und doch alles erbitten dürfen; gewiss ist, dass im Leiden unsre Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt. Zu all dem hat Gott in Jesus Ja und Amen gesagt. Dieses Ja und Amen ist der feste Boden auf dem wir stehen.“ (Dietrich Bonhoeffer,  Widerstand und Ergebung, Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft,  Gütersloh, 18. Aufl. 2005, S. 209f) Und so ist Bonhoeffer mit festem Glauben seinen Weg weitergegangen. Er wurde ein dreiviertel Jahr später, ein Monat vor Kriegsende umgebracht. Wie „ein Rauch“ verschwand er von der Erde. Doch das Zeugnis seines Glaubens ist bis heute lebendig geblieben, denn das ist unzerstörbar.
Auch wir können uns zu diesem Glauben entscheiden, zu der Gewissheit, dass Gott uns unsere Zeit geschenkt hat und in allem, was wir tun, das letzte Wort behält. Nüchternheit und Wachsamkeit gehören dazu. Der Geist muss sich immer wieder aufschwingen und sich geduldig dem Willen Gottes fügen. Das ist ein innerer Kampf, den wir täglich zu bestehen haben, aber wir können ihn gewinnen, denn einer begleitet uns durch die Zeit, die wir bekommen haben: Jesus Christus, der Sohn Gottes. In ihm ist Gott mit seiner Liebe und seinem Heil bei uns. Am besten können wir diesen Glauben leben, indem wir jeden Morgen mit der liturgischen Tradition unserer Kirche beten:
„Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen auf Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, herausgegeben von der Evangelischen Michaelsbruderschaft, Münsterschwarzach und Göttingen, 4., völlig neu bearbeitete Auflgae, 1998, S. 290)
Amen.

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