Das Bad der Wiedergeburt

Predigt über Titus 3, 4- 11: Erneuerung im Heiligen Geist

1. Weihnachtsfeiertag, 25.12.2015, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Titus 3, 4- 7

4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
5 machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit –
durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist,
6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus,
unsern Heiland,
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden,
Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Liebe Gemeinde.
Baden Sie gerne? Hier in Kiel kann man das ja gut in der Förde tun, und einige Menschen betreiben das sogar im Winter. Es sind die sogenannten „Winterbader“. Sie treffen sich in der Seebadeanstalt in Düsternbrook oder Holtenau und bilden eine verschworene Gemeinschaft. Denn das Wasser ist natürlich ziemlich kalt. Aber es erfrischt angeblich, härtet ab, und man fühlt sich hinterher so richtig gut.
Ich selber beschränke mein Schwimmen im Freien auf die wärmeren Monate. Im Winter gehe ich lieber ins Hallenbad. Das bekommt mir auch.
Ins Wasser zu steigen und sich darin aufzuhalten, macht den meisten Menschen Spaß. Selbst das Bad in der Wanne hat eine positive Wirkung. Es entspannt und reinigt, belebt und erfrischt.
Deshalb wurde in unserer Epistel von heute das Bad als ein Bild verwendet. Sie ist gleichzeitig unser Predigttext. Vom „Bad der Wiedergeburt“ ist dort die Rede. Diesen Ausdruck finden wir in der Bibel an verschiedenen Stellen, und er bezieht sich auf die Taufe. Sie macht den Menschen zu einer neuen Kreatur, das war die Vorstellung. Er wird gereinigt, die Sünden werden abgewaschen, und der Mensch ist danach wie ein eben geborener Säugling. Damit soll gesagt werden, dass die Taufe zu einem höheren Dasein erneuert. Der Täufling wird in die neue Welt eingegliedert, die durch das Erscheinen Christi da ist.
Mit dieser Vorstellung beginnt der Textabschnitt, der ein alter Hymnus ist, ein Lied, das die christliche Gemeinde wahrscheinlich immer anlässlich einer Taufe gesungen hat. Darin wird am Anfang das Gotteswunder erwähnt, das mit der Ge-burt und dem Kreuzestod Jesu anbrach: „Es erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands“. Das sind feierliche Worte für das Kommen Christi. Es stellt eine Wende in der Geschichte der Menschheit dar. Denn in ihm erschien, wie ein Licht in der Finsternis, die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Sie hat uns aus dem Verderben gerissen, gerettet und „selig gemacht“, wie Luther übersetzt. Im Lateinischen steht dafür das Wort „Humanitas“, Humanität also. Gott hat die wahre Humanität gebracht, er hat sich den Menschen zugewandt und ihnen einen neuen Anfang ermöglicht.
Das Wasser, das Schmutz abwäscht und reinigt, erfrischt und belebt, ist für diesen Vorgang ein schönes Symbol. Es kommt in unserem Text auch noch ein zweites Mal vor. Wasser gibt es ja nicht nur als Element, in das man hineinsteigen kann, es regnet auch auf uns herab oder kann ausgegossen und verteilt werden. Und das geschieht ebenso bei der Taufe: Da werden wir erneuert „im Heiligen Geist, den Gott über uns reichlich ausgegossen hat.“ Gott gießt seine Kraft und Gegenwart über uns aus, und er geht damit verschwenderisch um. Vom Wasser, das über etwas ausgegossen wird, geht ja meistens etwas daneben, es ist reichlich vorhanden und kann viel bewirken. So ist es mit dem Heiligen Geist, der in der Taufe das Wunder der Neugeburt vollzieht.
Dabei ist es noch wichtig, dass wir das alles ohne unser Zutun bekommen, „nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit.“ Das ist ja ein Grundgedanke im Neuen Testament, dass wir „allein aus Gnade“ gerettet werden.
Und zum Schluss wird noch das Ziel genannt: Wir werden „Erben des ewigen Lebens nach unsrer Hoffnung.“ Die Taufgnade umfasst eine Verheißung: Wenn der Jüngste Tag anbricht, und Gott zum letzten Gericht erscheint, werden die Getauften freigesprochen und bekommen Anteil am ewigen Leben. Ihre Rettung geschieht für Zeit und Ewigkeit.
Das ist die Botschaft unserer Epistel, und die passt sehr schön zu Weihnachten. Wir feiern das Erscheinen Jesu Christi, und uns wird gesagt: Das war nicht nur ein geschichtliches Ereignis, es hat vielmehr erneuernde Kraft. Wir können hineingenommen werden in dieses Gotteswunder, und das ist wie ein Bad: Wir werden gereinigt und erfrischt, belebt und gestärkt.
Doch wie geht das nun vor sich? An unsere Taufe erinnern wir uns ja wahrscheinlich nicht mehr. Und es ist auch nicht so gemeint, dass dieses einmalige Bad für alle Zeiten ausreicht, damit wir neue Menschen sind. Wir müssen vielmehr – bildlich gesprochen – immer wieder in das Wasser der Taufe eintauchen, der Heilige Geist muss immer wieder über uns „ausgegossen“ werden. Das sagt Luther schon im Kleinen Katechismus im „Hauptstück“ über die Taufe. Es heißt dort „zum Vierten: Was bedeutet denn solch Wassertaufen? Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“
Die Erneuerung im Geist und in der Seele bleibt eine Aufgabe, eine Übung, die wir regelmäßig vollziehen müssen. Lassen Sie uns also fragen, was das heißt.
Wir können es uns gut klarmachen, wenn wir uns einmal bewusst machen, dass wir alle irgendwelche „alten Geschichten“ mit uns herumtragen. Je älter wir werden, umso mehr. Und einiges davon kann uns unser Leben lang belasten. Dabei gibt es natürlich Unterschiede, es gibt leichte und schwere Lasten, Dinge, die wir tragen können, und anderes, das uns fast erdrückt.
Ich habe gerade Post von einem Mann bekommen, der seit 30 Jahren ein Trauma mit sich herumträgt: Er hat damals auf ei-ner Wanderung seinen Sohn verloren, der in den Abgrund gestürzt ist. Er gibt sich selber die Schuld für diesen Unfall und kann die schrecklichen Bilder in seinem Geist nicht auslöschen. Sie haben sich in seiner Seele festgesetzt und quälen ihn Tag und Nacht.
Das ist ein schlimmes Beispiel, etwas Schlimmeres gibt es wahrscheinlich kaum, und so etwas erlebt zum Glück nicht jeder Mensch. Aber keine Lebensgeschichte verläuft geradlinig, ohne Brüche oder seelische Verletzungen. Sie können durch vieles hervorgerufen werden: durch Gewalt oder Unrecht, eigene Schuld, Fehlentscheidungen oder schwerwie-gendes Versagen. Die Seele wird dadurch erschüttert, es kommt zu einem inneren Leiden. Und das kann manchmal lange dauern. Das traumatisierende Ereignis hält uns fest, es hat uns im Griff und wir werden es nicht los. Wir sind darauf fixiert.
Natürlich gibt es dafür viele Therapiemöglichkeiten, und die müssen wir auch in Anspruch nehmen, wenn wir weiterleben wollen. Wir erlernen dadurch tiefere Ebenen der Verarbeitung, können die belastenden Erinnerungen abschwächen bzw. beherrschbar machen. Es gibt auch den Ansatz, das Erfahrene zu einer Geschichte zusammenzufügen, diese mit Sinn oder Bedeutung zu verbinden und in die persönliche Lebensgeschichte zu integrieren. Das Ziel ist immer, sich selber besser zu kontrollieren und nicht mehr von den alten Gefühlen überschwemmt zu werden.
Und dabei kann nun auch der Glaube einen wichtigen Dienst erweisen. Wenn wir das Bild von dem „Bad der Wiedergeburt“ anwenden, heißt es, dass er uns einen Neuanfang ermöglicht, eine Befreiung und Reinigung.
Dabei müssen wir uns als erstes klar machen, dass durch Jesus Christus wirklich etwas Neues angefangen hat. Sein Erscheinen ist nicht nur eine Lehre oder eine Idee, sondern durch ihn gibt es in dieser Welt eine unsichtbare, göttliche Wirklichkeit, in die wir hineingenommen werden können, in die wir „eintauchen“ können.
Das Wasser ist ein anderes Element als die Luft. Wenn wir hineinsteigen, verändert sich unser Körpergefühl, wir werden getragen und sind umgeben von einer Materie, die sich vom Gewohnten unterscheidet. So ist es auch mit der Gegenwart Christi: Sie kann uns umspülen und einhüllen, tragen und verändern.
Oft stellen wir uns Gott oder Jesus Christus als ein Gegenüber vor. Wir denken an ihn, reden über ihn, beten vielleicht zu ihm und erwarten, dass er etwas tut. So fängt der Glaube in der Kindheit auch an. Doch das ist noch lange nicht alles. In Zeiten, in denen wir schwer leiden, reicht das auch nicht. Denn da fehlen uns oft die Bilder und die Worte ebenso. Alles verdunkelt sich, wir können keine klaren Gedanken mehr fassen.
So ist es gut, dass uns verkündet wird: Jesus Christus ist noch viel mehr als ein Gegenüber oder ein Gedanke. Seine Liebe ist wie eine Hülle, die er uns umlegt. Wir müssen dabei gar nichts mehr sagen oder denken. Wir dürfen schweigen, still halten und so sein, wie wir sind. Alles, was uns beschäftigt, gehört zu uns, und nichts davon müssen wir abschneiden. Auch die Dinge, die wir bereuen, Fehlentscheidungen, Versagen und Schuld sind ein Teil von uns, den Jesus sieht und den er haben will.
Wir müssen all diese Geschichten deshalb selber annehmen. Das Schwere lässt sich nicht einfach so eliminieren oder aus-löschen. Es ist da. Oft verstärkt sich das Leid dadurch, dass wir es loswerden wollen. Wir würden einiges von dem, was sich in unserem Leben ereignet hat, am liebsten ungeschehen machen, aber das geht nicht. Wir müssen dazu „Ja“ sagen. Aus eigener Kraft ist das wahrscheinlich fast unmöglich. Aber wenn wir darauf vertrauen, dass Christus „Ja“ dazu sagt, kann es möglich werden. Und dadurch wird es abgeschwächt. Es verliert seine Macht, denn Christus vergibt uns alle Sünden, die uns belasten.
Die Erklärung Martin Luthers aus dem Kleinen Katechismus klingt beim ersten Hören ja etwas düster und brutal: „Der alte Adam in uns soll durch tägliche Reue und Buße ersäuft werden und mit allen Sünden und bösen Lüsten sterben.“ Das hört sich an wie ein Leben mit täglichen Schuldgefühlen, täglicher Selbstverurteilung und seelischer Kasteiung, und das lehnen wir ab. Doch so ist es nicht gemeint. Dahinter verbirgt sich vielmehr genau das Gegenteil. Der „alte Adam in uns“ ist genau die Stimme, die uns quält und verurteilt, die uns festhält und traumatisiert. Sie soll „ersäuft“ werden. „Sünde und böse Lust sollen sterben“, wie Luther sagt. Und damit meint er nicht nur Verstöße gegen die zehn Gebote, Ausschweifungen, Egoismus, Liederlichkeit usw., sondern genauso das Festhalten an unseren „alten Geschichten“. Es geht darum, uns nicht mehr auf unsre Schuld zu fixieren, täglich loszulassen und das Alte alt sein zu lassen.
Dabei weiß Luther sehr wohl, dass es nicht einfach ist, die Fixierung aufzubrechen und sie loszuwerden. Die negativen Stimmen in uns verstummen nicht ein für alle Mal, nur weil wir das wollen. Hinter seiner Aufforderung zur „täglichen Reue und Buße“ verbirgt sich vielmehr die Einsicht, dass wir uns immer wieder von ihnen abwenden müssen. Das Vertrauen auf die alles umfassende Gnade Christi muss eine tägliche Übung sein.
Doch wenn wir sie vollziehen, kann „wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe“, wie Luther weiter sagt. Und das ist eine wunderbare Verheißung. Hinter ihr verbirgt sich eine geistliche Erfahrung, die wir machen können, wenn wir uns im Vertrauen auf Christus üben: Wir merken, dass er da ist. Wir sind nicht mehr allein, wir spüren seine Liebe und seine Kraft, und die kann uns verwandeln. Seelische Fesseln lösen sich, die innere Qual schwächt sich ab, wir können aufatmen und fühlen uns frei.
Es ist wie nach einem Eintauchen ins Wasser: Wir sind erfrischt und neu belebt. Nicht umsonst gibt es dafür den Aus-druck „sich wie neu geboren fühlen“. Das sagen wir gerne nach einem Bad. Unsere Lebensgeister erwachen dadurch, uns durchströmt eine neue Energie, ungeahnte Kräfte werden mobilisiert und wir verspüren frischen Tatendrang.
Und das alles ist keine Einbildung. Uns wird vielmehr wirklich etwas geschenkt, wenn wir uns in dieser Weise Christus anvertrauen: Der Heilige Geist wird über uns „ausgegossen“ und wir „erben das ewige Leben“. Wir bekommen Anteil an Gottes Gegenwart, an seinem Geheimnis und seiner Liebe. Unsere Seele wird geweitet, sie öffnet sich ins Grenzenlose, und unser Geist erhebt sich über diese Zeit hinaus.
Der Glaube kann also noch viel mehr als eine Therapie. Er löscht ein Trauma vielleicht nicht aus, aber er zeigt uns einen Weg, den wir vorher nicht gekannt haben: Wir finden eine unendliche Weite, in der die Seele zur Ruhe kommen kann. Denn wir finden die „Güte und Menschenliebe Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist.“
Das ist die Weihnachtsbotschaft, und wir sind eingeladen, sie nicht nur an diesem Fest, sondern täglich neu zu hören und zu verinnerlichen.
Amen.

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