Das Reich Gottes ist mitten unter euch

Predigt über Lukas 17, 20- 24: Vom Kommen des Gottesreiches

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 8.11.2015, Lutherkirche Kiel

Lukas 17,20-24

20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann;
21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.
22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen.
23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!
24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

Liebe Gemeinde.
Die Sehnsucht nach einer besseren Welt ist so alt wie die Menschheit. Wer kennt sie nicht? Alle wünschen sich Frieden und Stabilität, Freiheit und Wohlstand, Gesundheit und Glück. Zigtausende von Menschen machen sich zurzeit auf den Weg, weil sie meinen, sie finden das alles hier bei uns in Deutschland. Sie fliehen vor Krieg und Unterdrückung, Zerstörung und Terrorismus. Und selbst wenn sie zunächst in Notunterkünften wohnen, lange warten und sich gedulden müssen, so kann man das gut verstehen. Es geht ihnen hier bestimmt trotzdem besser als in der Hölle, aus der die meisten kommen.
Das Paradies gibt es allerdings auch in Deutschland nicht. Mit der Flut der Flüchtlinge, die zu uns kommen, wächst auch die Welle der Radikalität, des Hasses und der Aggression. Und natürlich gibt es unzählige weitere, schwerwiegende Probleme in unserer Gesellschaft. So stand am Montag z.B. in der Zeitung, dass sich die Krankschreibungen wegen psychischer Probleme häufen. Angststörungen, Depressionen und andere seelische Leiden nehmen zu, und damit steigt auch der Alkohol- und Drogenkonsum und die Selbstmordrate.
So einfach ist es also nicht, selbst in einem Land wie unserem, wirklich glücklich zu werden. Das gute Leben stellt sich nicht von alleine ein. Für viele liegt es immer irgendwie noch vor ihnen, in der Zukunft, in der Ferne. Und oft bleibt es ein Wunschtraum. Das Lebensgefühl vieler Menschen ist deshalb von der Sehnsucht nach einer besseren Welt geprägt.
Zur Zeit Jesu war das besonders stark. Es lag eine Endzeit-stimmung in der Luft. Die Menschen litten unter der Gegenwart und erwarteten das Kommen der Gottesherrschaft. Darunter stellten sie sich die Auferstehung der Toten und den Anbruch des ewigen Heils vor.
In dem Abschnitt aus dem Evangelium von heute unterhält Jesus sich darüber mit einigen Pharisäern. Sie wussten, dass das für ihn ein wichtiges Thema war, denn er hatte schon mehrere Male davon gesprochen. Nun fragten sie ihn nach dem Termin: „Wann kommt das Reich Gottes?“ Das wollten sie von ihm wissen. Sie gingen also davon aus, dass es ein sichtbares, feststellbares Ereignis sein würde, das man berechnen und beobachten kann, und sie wollten von Jesus den Zeitpunkt seines Eintretens erfahren.
Darauf antwortet Jesus hier, allerdings nicht so, wie die Pharisäer sich das vorstellten. Er fand, dass ihre Frage falsch gestellt war. „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es!“ So lautet der erste Teil seiner Antwort. Gottes Herrschaft beginnt nicht wie ein geschichtliches Ereignis, das man dann aufzeichnet. Sie ist dem Zugriff und der Feststellung des Menschen entzogen. Man kann sie nicht berechnen.
Aber, und das ist nun die Belehrung und die Korrektur, die Jesus vornimmt: Man kann auf die Herrschaft Gottes hingewiesen werden. Und wer geistig sehen kann, der nimmt sie jetzt schon wahr. „Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ sagt er. Und dahinter steht die Überzeugung, dass das Gottesreich durch die Verkündigung und die Wunder Jesu jedem nahegebracht und angeboten wird. Es ist längst da, man muss nur hinschauen und es ergreifen. Doch das geschieht nicht mit den natürlichen Augen oder den leiblichen Händen, sondern mit dem Geist und in der Seele. Es ist ein innerer Vorgang. Auch die Pharisäer können es erkennen, sie müssen sich nur dafür öffnen und sich auf Jesus einlassen. Dazu hatte Jesus sie auch schon in vorhergehenden Gesprächen eingeladen.
Wie sie darauf reagierten, wird hier nicht erwähnt. Die Pharisäer verschwinden vielmehr von der Bildfläche. Sie konnten sich überlegen, ob sie die Antwort Jesu annehmen wollten oder nicht, ob sie ihm nachfolgen oder lieber bei ihrer Meinung bleiben wollten.
Die nächsten Worte ergehen an die Jünger, denen Jesus zusätzlich einiges sagen will. Und zwar spricht er vom „Tag des Menschensohnes“. Und damit meint er nun doch eine große Weltenwende. Was jetzt bereits in seiner Gegenwart erlebbar ist, sind die Vorboten. In ihm ragt die Wirklichkeit Gottes in die Zeit hinein, doch eines Tages wird sie ganz da sein. Dann wird Gott alles verändern. Jesus verheißt seinen Jüngern eine universale Rettung und Heil für alle Zeiten.
Doch schlimme Erfahrungen gehen diesem Ereignis noch vorweg, so dass ihr Blick wahrscheinlich für die echte Erlösung getrübt sein wird. Helfer und Ratgeber werden sich einfinden, die Abhilfe schaffen wollen, aber sie führen die Menschen nur in die Irre. Ihnen sollen sie deshalb nicht folgen. „Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.“ Das sind die abschließenden Worte Jesu, und damit macht er deutlich, dass der Tag des Menschensohnes unverwechselbar sein wird: Der gesamte Himmel wird erleuchtet und es gibt keinen Ort innerhalb der Schöpfung, wo der Menschensohn und mit ihm das ewige Reich Gottes nicht sein wird.
Jesus spricht hier also über die Dimension der Ewigkeit, die mit ihm in die Welt gekommen ist und eines Tages alles ver-ändern wird. Und diese Botschaft ist auch für uns noch aktuell. Es ist jedenfalls ratsam, wenn wir darauf hören. Wir lassen das Reich Gottes viel zu oft außer Acht.
Denn wir sind diesseitig geworden. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, wie man so sagt. Die gibt es in Europa seit Napoleon. Da wurden kirchliche Besitztümer in großem Stil verstaatlicht, Politik bekam Vorrang vor der Religion, zeitliche Werte zählten mehr als ewige.
Bei uns ist das bis heute so geblieben, und das ist gar nicht so schlecht. Es hat viele Vorteile. Denn in so einer Gesellschaft kann jeder nach seiner „eigenen Façon selig werden“, wie Friedrich II, König von Preußen schon 1740 schrieb.
Niemand schreibt uns vor, was wir denken sollen. Jeder kann selbst entscheiden, was für ihn im Leben wichtig ist, was an oberster Stelle steht, wonach er strebt oder was er sein lässt. So lange unsere „Freiheit, die Einigkeit und das Recht“ nicht zerstört werden, ist alles erlaubt.
Und so beschäftigen wir uns am liebsten mit dem Diesseits. Abwechslung und Vergnügen, menschliche Begegnungen und berufliche Erfolge stehen bei vielen ganz oben. Geld, Bildung und Kultur, Freizeit und Geselligkeit, das sind Werte, die den meisten von uns wichtig sind. Denn von daher winken das Glück und die Befriedigung all unserer Bedürfnisse.
Aber reicht das tatsächlich, damit das Leben wirklich gelingt? Eine umfassende Antwort auf alle Lebensfragen ist damit doch noch lange nicht gegeben. Denn wo kommt unsere Zuversicht her? Was gibt uns Hoffnung? Worin besteht der Sinn des Lebens? Was geschieht nach dem Tod? Diese und ähnliche Fragen bleiben in einer säkularen Gesellschaft offen. Wir haben zwar das Recht, sie nach unserem eigenen Geschmack zu beantworten, aber das müssen wir auch, sonst kommen wir nicht klar.
Denn ganz viele Wünsche bleiben im Diesseits unerfüllt. Wir müssen uns immer wieder von Erwartungen und Vorstellungen über unser Leben verabschieden. Der Erfolg bleibt z.B. aus, die Zufriedenheit stellt sich nicht ein, und dadurch sind wir viel öfter schwermütig oder mutlos, als wir wollen. Depressionen, Angststörungen und andere psychische Probleme sind nicht nur ein Zeichen von Stress, sie sind auch Folgen unseres säkularen Lebensstils und des Verlustes der Ewigkeit.
Wenn wir diese Dimension nicht mehr beachten, fehlt etwas. Und das spüren gerade jetzt wahrscheinlich viele Menschen. Sie suchen plötzlich nach einer Hoffnung und wünschen sich, dass eine neue Welt heran brechen möge. Die Schrecken der Kriege und des Terrors sollen ein Ende nehmen und die Menschheit soll gerettet werden. Die Sehnsucht nach einer universalen Wende regt sich jetzt sicher in vielen Gemütern.
Denn wir leben in unruhigen Zeiten. Ich glaube, seit dem zweiten Weltkrieg hat es in Deutschland noch nie ein Thema gegeben, das die Menschen in Europa so sehr beschäftigt hat, wie der Zustrom der Flüchtlinge und seine Ursachen. Für mich ist es jedenfalls neu, so etwas mit zu erleben, und ich höre von vielen anderen, dass es ihnen genauso geht. Die Hilfsbereitschaft ist zum Glück groß, aber das Chaos ist auch nicht weit entfernt. Angst und Unsicherheit machen sich ebenso breit.
Und in diese Situation hinein hat die Botschaft Jesu eine große Bedeutung. Er sagt uns: Es hat sich schon lange eine Zeitenwende vollzogen, das Reich Gottes ist da. Bloß eben nicht so, dass man es sehen oder beobachten kann, sondern ganz anders: In seinem Sohn Jesus Christus ist Gott mitten in dieser Welt. Wir müssen nur hinschauen und uns auf ihn einlassen.
Und das heißt, das Reich Gottes ist eine unsichtbare aber gegenwärtige Wirklichkeit. Wir erkennen sie mit der Seele und im Geist. Frieden und Freiheit, Glück und Heil fangen im Inneren des Menschen an. Luther übersetzte die Stelle aus dem Lukasevangelium nicht ganz verkehrt, wenn er formulierte: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Es ist deshalb wichtig, dass wir in uns gehen, wenn wir diese Wirklichkeit entdecken wollen.
Und dabei kommt es zwangsläufig zu einer Überprüfung der Werte, nach denen wir leben. Wir müssen zugeben, dass vieles davon nicht richtig taugt, um glücklich und zuversichtlich zu werden. Deshalb gilt es, dass wir es loslassen und neue Prioritäten setzen.
Dieser Vorgang beginnt damit, dass wir uns unsere Ohnmacht und unsere eigene Unzulänglichkeit eingestehen und sie aushalten. Anstatt uns nur nach Erfolgen auszustrecken, müssen wir auch Niederlagen zulassen. Es ist deshalb es gut, wenn wir dann und wann einfach still werden, Pausen einlegen und nicht nach ständiger Abwechslung haschen. Und die Einsamkeit lässt sich auch nie ganz vertreiben. Sie gehört zu uns, und es ist ratsam, wenn wir sie in unser Lebensgefühl integrieren. Sie lässt sich auf die Dauer nicht verdrängen, auch nicht durch noch so viel Geselligkeit und Kontakte.
Das ist alles nicht ganz einfach, denn wir folgen damit nicht unseren natürlichen Trieben. Wir gebieten dem unumschränkten Lustprinzip Einhalt und nehmen einen inneren Kampf auf. Es ist eine Herausforderung, so zu leben, und die ist unbequem. Aber es ist gut, wenn wir uns ihr stellen, die Grenzen einer rein diesseitigen Lebensweise erkennen und damit umgehen.
Denn wir fallen damit nicht ins Leere. Das Reich Gottes ist da, mitten in dieser Welt, und wir können uns gleichzeitig mit dem Loslassen nach ihm ausstrecken. Jesus Christus reicht uns seine Hand und lädt uns zum Vertrauen auf ihn ein. Und das lohnt sich mehr als alles andere. Denn wenn wir ihm folgen, gewinnen wir die Ewigkeit und damit eine ganz neue Zuversicht und Hoffnung. Der Frieden und die Freude, nach der wir uns zutiefst sehnen, werden in seiner Gegenwart lebendig. Und damit bricht das Reich Gottes in uns und auch um uns herum an. Das Licht der Ewigkeit dringt durch uns hindurch in das Chaos der Welt.
„In die Wirrnis dieser Zeit fahre Strahl der Ewigkeit, zeig den Kämpfern Platz und Pfad und das Ziel der Gottesstadt.“ (EKG, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 1984, Nr. 449,4) So dichtete Otto Riethmüller 1932. Er war Pfarrer und geistlicher Dichter und gehörte zur „Bekennenden Kirche“, die sich gegen das Nazi-Regime wehrte. Auch er lebte also in unruhigen Zeiten und hat für das Evangelium gekämpft. Einige seiner Lieder stehen heute noch in unserem Gesangbuch.
Die Strophe, die ich zitiert habe, gehört zu dem Lied: „Herr, wir stehen Hand in Hand.“ Otto Riethmüller bringt darin zum Ausdruck, dass er sich auf die Ewigkeit eingestellt hat. Sein Geist war offen, und er rechnete mit der Gegenwart Gottes mitten in unserer Welt. Er glaubte und bezeugte, dass Jesus Christus lebt, dass die „Wirrnis“ hier auf Erden nicht alles ist. Und dadurch bekam er ein „festes Herz“ und einen klaren Blick. Seine Tage waren trotz der „Wetter“, die um ihn „leuchteten“, voller „Trost und Dank“. Denn er verstand sich als „Wanderer zum Vaterland“.
Und das können und sollten auch wir tun. Denn wenn wir versuchen, so zu leben, ist das nicht nur gut für uns und unsere Seele, wir sind es den anderen Menschen und dieser Welt auch schuldig. Wir haben die Möglichkeit, in unserem Land zu glauben, was wir wollen, aber das sollten wir auch. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, und alle anderen Menschen brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Sie müssen Menschen treffen, die ihnen die Ewigkeit verheißen und Liebe schenken, die mit ihrem Leben einen Frieden bezeugen, „der höher ist als alle Vernunft“.
„Der bewahre unser Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.“ (Phil.4,7)
Amen.

Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden

Predigt über Markus 10, 2- 9: Von der Ehescheidung

20. Sonntag nach Trinitatis, 18.10.2015, Luther- und Jakobikirche Kiel

Markus 10, 2- 9 

2 Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit.
3 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten?
4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.
5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben;
6 aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau.
7 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen
und wird an seiner Frau hängen,
8 und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.
9 Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

Liebe Gemeinde.
Wenn ein Paar seine diamantene Hochzeit feiert, ist das ein Bericht in der Zeitung wert, denn die beiden sind dann 60 Jahre verheiratet. So oft geschieht das nicht. Noch seltener ist die eiserne Hochzeit, die das 65-jähringe Ehejubiläum markiert, und wenn es 70 Jahre sind, die ein Mann und eine Frau zusammen gelebt haben, ist das eine echte Gnade. Deshalb heißt dieses Jubiläum auch „Gnadenhochzeit“. Das wird es bald wahrscheinlich gar nicht mehr geben, denn die Menschen heiraten heutzutage kaum noch mit Anfang zwanzig, und das wäre ja nötig. Sie müssen dann trotzdem noch mindestens 90 Jahre alt werden, um so lange zusammen sein zu können.
Man freut sich jetzt z.B. bereits über fünf, sieben, oder zehn Jahre Ehe. Es gibt sogar Bezeichnungen für diese Gedenktage: Nach fünf Jahren ist es die hölzerne Hochzeit, bei der die Ehe bereits fest wie Holz geworden ist, nach sieben Jahren die kupferne Hochzeit, bei der sich schon eine schöne Patina gebildet hat, und nach 10 Jahren die Rosenhochzeit, zu der man sich noch einmal über die Liebe freut, wie am ersten Hochzeitstag.
Die Jubiläen dienen dem Dank dafür, dass man das gegenseitige Versprechen gehalten hat. Die feierlichen Worten: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ haben sich bewahrheitet, und das ist schön.
Wir haben diesen Satz vorhin in unserem Evangelium gehört. Es ist ein Wort Jesu, das in einem Streitgespräch mit den Pharisäern auftaucht. Die Pharisäer wollten wissen, was Jesus von der Möglichkeit der Ehescheidung hielt. Sie kannten seine Ablehnung diesbezüglich wahrscheinlich schon und wollten ihn bewusst in einen Widerspruch zum Gesetz des Mose verstricken. Dort war die Ehescheidung nämlich ausdrücklich erlaubt. Sie war zwar etwas einseitig geregelt, so dass nur der Mann seine Frau wieder entlassen durfte, aber immerhin, „wenn er etwas Schändliches an ihr gefunden hat“,  wie es dort heißt (5. Mose 24,1ff), dann durfte er sich von ihr trennen. Was das im Einzelnen sein konnte, wird nicht gesagt. Natürlich war Ehebruch ein Grund, aber ein Mann konnte auch Banaleres vorbringen. Das Gesetz war für Interpretationen offen, und das war ganz praktisch. Ein Mann konnte sich auf diese Weise problemlos aus einer unbequemen Situation befreien, und das fanden die Pharisäer sicher ganz gut.
Jesus hielt allerdings nichts davon. Er kritisiert dieses Gesetz, indem er sagt, dass es ihnen nur wegen ihres „Herzens Härte“ gegeben wurde. Man kann auch übersetzen: wegen ihrer „Halsstarrigkeit“, und die taucht oft im Alten Testament auf. Sie ist der Grund für das Scheidungsgebot. Es nimmt darauf Rücksicht, dass die Menschen eben immer mal wieder gegenüber den göttlichen Weisungen ungehorsam sind. Und niemand sollte diesbezüglich überfordert werden. Der Mensch ist nun mal moralisch unvermögend und versagt immer wieder. Deshalb gab es das Scheidungsrecht. Es war ein Regelungsverfahren für die menschliche Schwäche. Mit dem ursprünglichen Willen Gottes hatte es nichts zu tun. So beurteilt Jesus es.
Er erinnert daran, dass es von der Schöpfungsordnung her nicht so gedacht war. Gott hatte sich das ganz anders vorgestellt. Er hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen, so dass die beiden „ein Fleisch“ sein sollten, d.h. sie bilden eine unzertrennliche Lebensgemeinschaft. Dabei ist Gott der Verbindende, und deshalb soll der Mensch die Ehe nicht auflösen. Jesus leitet das Verbot der Ehescheidung also aus dem Willen Gottes ab.
Wie die Pharisäer das fanden, wird hier nicht gesagt. Er hat ihnen damit wahrscheinlich mal wieder das Maul gestopft. Sie mussten klein beigeben und zogen ab.
Und wie geht es uns mit dieser Radikalität Jesu? So richtig wohl fühlen wir uns damit sicherlich auch nicht. Es klingt sehr moralisch und fundamentalistisch. Wo bleibt die Freiheit des Einzelnen? Wir sehen die Sache vermutlich ganz ähnlich wie die Pharisäer und finden es richtig, dass wir uns im Notfall scheiden lassen können. Zum Glück ist diese Möglichkeit bei uns ja auch fairer und gleichberechtigter geregelt als im alten Israel. Natürlich wollen wir nicht leichtfertig davon Gebrauch machen, aber wenn die Situation unerträglich wird, ist es doch besser, man trennt sich. Ich vermute, da sind wir uns alle einig. Was sollen wir mit dem Gebot Jesu also anfangen? Das müssen wir uns fragen, und dafür ist es gut, wenn wir die Situation, die zu einer Scheidung führt, noch einmal etwas genauer beleuchten.
Wir sagen so schnell, dass das eben oft gut ist. Aber geht es uns eigentlich wirklich gut damit? Das will jedenfalls keiner, der heiratet. Im Gegenteil, wir gehen immer davon aus, dass diese Beziehung hält. Wir wünschen uns das ganz sehnlich, und meistens sind wir am Anfang auch richtig glücklich: Da ist endlich jemand, der zu mir passt, der mich versteht, der mich ernst nimmt, der mich gerne berührt und für mich da ist. Und umgekehrt ist es genauso: Am Anfang bin ich bereit, alles zu geben, den anderen glücklich zu machen und ihn wirklich zu lieben. Ganz tiefe Wünsche, die jeder von uns hat, gehen bei einer Eheschließung in Erfüllung.
Deshalb ist es auch immer schmerzlich, wenn das alles nachlässt und sich langsam in sein Gegenteil verkehrt. Und so ist es ja, wenn eine Ehe in die Brüche geht: Es ist ein Notfall. Da gehen Enttäuschungen und Verletzungen vorweg: Der Partner ist doch nicht so zuverlässig, wie ich am Anfang dachte. Er hat Eigenschaften, die ich nicht kannte, ganz andere Interessen. Es kommt zu Konflikten und Spannungen. Paare leben sich auseinander, jeder geht seinen eigenen Weg, und wenn es ganz schlimm wird, kommt es zum Ehebruch. Das tut dann richtig weh. Manchmal gelingt es den beiden Partnern, sich wieder zusammenzuraufen, sich auszusprechen und zu verzeihen. Sie erinnern sich daran, was sie einmal wollten, was sie schon alles zusammen erlebt haben, was es doch auch an Positivem in ihrem Zusammenleben gibt. Es kommt zur Versöhnung und zu einem Neuanfang. Das ist allerdings eher die Ausnahme. Wenn eine Ehe erst mal problematisch und konfliktgeladen geworden ist, kommt es meistens zur Trennung, denn die „Herzen haben sich verhärtet“.
Das gilt übrigens auch für andere Beziehungen. Es geschieht zwischen Kindern und Eltern, unter Geschwistern, in Freundschaften, in der Gemeinde oder im Arbeitsleben. Es kommt oft zu Konflikten, denn die anderen sind nicht so, wie wir das gerne wollen. Sie handeln nicht nach unseren Vorstellungen, und das verursacht Ärger und Spannungen. Tiefe Gräben können sich auftun, und es folgen Trennungen und Zerwürfnisse.
In den Augen Jesu liegt der Grund dafür in der „Halsstarrigkeit“ der Menschen, und darum geht es ihm hier auch: Er will hier gar keine unerfüllbaren Regeln aufstellen. Er fordert keinen moralischen Fundamentalismus. Er richtet seinen Blick vielmehr auf die Herzen der Menschen, auf ihr Inneres. Er formuliert nicht einfach nur ein Gebot, das uns letzten Endes überfordert, sondern denkt an eine andere Art der inneren Beschaffenheit: Das Herz muss nicht zwangsläufig hart werden, es kann auch weich und sanft bleiben. Davon geht Jesus offensichtlich aus, denn das wäre ja das Gegenteil von dem, was die Pharisäer meinen. Lassen Sie uns danach noch einmal etwas genauer fragen: Jesus spricht hier über ein inneres Geschehen, über Kräfte der Seele und des Geistes, die aktiv werden können. Wir müssen also in uns gehen und in uns hineinschauen, um zu verstehen, was Jesus meint.
Und dabei fällt unser Blick zunächst auf die Gründe für die „Herzens Härte“. Sie hat etwas mit unseren Erwartungen zu tun, mit Träumen und Wünschen, die wir in eine Partnerschaft hineintragen. Wir erleben uns selber als den Mittelpunkt, um den sich alles zu drehen hat. Unser Ich ist groß und fest, und alles, was ihm im Wege steht, stellt ein Problem dar. Und das ist unser Anteil an einem Konflikt. Wir denken zwar, der andere hat Schuld, aber die Spannungen haben genauso viel mit uns selber zu tun. Das müssen wir als erstes zugeben: Wir tragen genauso viel dazu bei. Das ist ein Stück Selbsterkenntnis, die zwar nicht ganz leicht ist, die aber nötig ist, damit sich etwas ändern kann.
Dabei hilft es, wenn wir uns gleichzeitig bewusst machen, dass unsere Erwartungen und unsere Ichhaftigkeit uns immer auch einengen und unfrei machen. Wir fühlen uns zwar ganz wohl in unserem Ich, in unseren Fantasien und Träumen, sie sind wie ein zu Hause, aber gleichzeitig sind wir darin uns auch gefangen. Wir halten uns an ihnen fest, aber damit halten sie uns ebenso fest. Sie haben uns im Griff und bestimmen unser Denken und Fühlen. Es ist deshalb gut und wohltuend, wenn wir ein Stück weit Abstand dazu nehmen und uns im Loslassen üben. Wir müssen unsere Vorstellungen und Erwartungen relativieren und sie nicht mehr als alleinigen Maßstab betrachten.
Das ist wie gesagt nicht ganz leicht, aber wir sind dabei auch nicht allein. Jesus hat genau so gelebt und gehandelt. Er hat sein Leben von vorneherein ganz in den Dienst Gottes gestellt und sich ihm hingegeben. Er war nicht von seinem Ich erfüllt, sondern von der Gegenwart und Liebe Gottes. Und deshalb kann er uns helfen. Denn wenn wir das glauben, ihm vertrauen und ihm nachfolgen, wird es auch uns möglich. Die Belange des Lebens bekommen in seiner Gegenwart eine andere Gewichtung. Was vorher groß war, wird plötzlich kleiner, weil etwas anderes viel wichtiger geworden ist: Es ist die Liebe Jesu, die das Herz weich und sanft und liebend macht. Jesus macht uns frei von uns selber, schenkt uns einen neuen Halt und ein Gefühl von tiefer Geborgenheit. Es ist unabhängig von allen äußeren Gegebenheiten. Die Liebe Gottes wird der tragende Grund, auf den wir uns immer verlassen können.
Und das kann in einer Ehe und in jeder anderen Beziehung gerade dann entstehen, wenn einmal nicht alles nach unseren Vorstellungen läuft, wenn es Konflikte und Spannungen gibt. Wir erleben sie zwar als eine Störung, aber in Wirklichkeit sind sie eine große Chance. Denn sie können uns zum Loslassen führen und dazu, uns dem Willen Gottes zu überlassen. Wenn wir merken, wir müssen uns von unseren Ideen trennen, dann können wir uns im gleichen Augenblick in die Arme Gottes werfen, uns fallen lassen und uns für seine Kraft öffnen.
Aus dem, was Jesus uns vorschlägt, ergibt sich also ein ganz anderes Ehe- und Gemeinschaftsverständnis. Der Partner, das Kind, die Eltern, Geschwister, Freunde und Kollegen sind nicht nur diejenigen, die meine Wünsche erfüllen und zu mir passen sollen, sie zeigen mir vielmehr ganz oft, wo ich meine Probleme habe, wo ich noch nicht heil bin. Sie decken meine Schwächen auf und helfen mir, mit mir selber und im Glauben weiter zu kommen. Die Ehe und jedes Miteinander kann ein Übungsfeld für den Glauben und das Leben sein, für Gott, für mich und für den anderen. Sie führen mich in die Nachfolge und machen mich frei und lebendig.
„Wände reden nicht mit mir“, hat mir einmal eine Frau gesagt, die allein lebte, und damit meinte sie genau diesen Aspekt jedes Zusammenlebens. Es fordert mich heraus, macht etwas mit mir, kann mich verändern und in Bewegung setzen.
Wenn wir es so verstehen und uns entsprechend aufeinander einlassen, wird unser Geist offener, und unsere Herzen werden weicher. Die Liebe und die Freundschaft, die Nähe und das gute Einverständnis, das uns miteinander verbindet, bleiben lebendig.
Und darum geht es Jesus hier. Wir sollen ein neues Herz bekommen, neues Leben und neue Liebe. Wir sollen der Gegenwart Gottes inne werden und unser Leben von daher führen. Wir sollen es aus seiner Kraft heraus gestalten und damit für ihn ein Zeugnis sein. Ganz von selber wird unser Miteinander dadurch gesegnet. Es kann gelingen, so dass Ehepartner auch nach Jahren noch Glück miteinander erleben, Eltern und Kinder füreinander da sind, Geschwister, Freunde und Kollegen zueinander halten.
Die beiden Ehejubiläen, die wir am meisten kennen, sind die silberne und die goldene Hochzeit. Wir feiern sie nach 25 bzw. 50 Jahren, und nicht umsonst sind sie nach Edelmetallen benannt: Die Ehe ist kostbar geworden, sie hat einen hohen Wert, und deshalb feiern wir diese Festtage gerne. Viele Paare laden dazu ein, und einige kommen sogar noch einmal in die Kirche. Sie stellen sich erneut unter den Segen Gottes, denn sie wollen zum Ausdruck bringen, dass nicht sie dafür gesorgt haben, dass sie glücklich und zufrieden sind. Gott hat ihnen geholfen, die Weisung Jesu in ihrem Leben zu befolgen.
Lassen Sie uns seine Aufforderung, uns nicht zu trennen, also ernst nehmen und es wirklich wagen, einander lebenslange Liebe und Treue zu versprechen.
Amen.

Sorget nicht!

Predigt über Matthäus 6, 25- 34: Vom Schätzesammeln und Sorgen

15. Sonntag nach Trinitatis, 13.9.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Matthäus 6, 25- 34

25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, bso wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Liebe Gemeinde.
„Einmal einfach loszusingen, loszuschreien, loszuspringen, in das volle Leben greifen, zu umarmen, was gefällt. Versinkt das Gestern, versinkt das Morgen, es bleibt der Sorgen noch genug auf dieser Welt.“
So beginnt ein Lied, das den Titel „Freude“ trägt. Alexej Stachowitsch dichtete es 1963. Das war ein österreichisch-russischer Autor, Pädagoge, Liedermacher, Techniker, Pfadfinder und Wandervogel. Vor zwei Jahren starb er 95-järig in Limburg an der Lahn. Axi, so lautet sein Fahrtenname, war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein „Wandervogel“ durch und durch.
1896 war diese Bewegung in Steglitz bei Berlin entstanden. Schüler und Studenten bürgerlicher Herkunft lösten sich darin von den engen Vorgaben des schulischen und gesellschaftlichen Umfelds. In den Städten schritt die Industrialisierung fort, und dagegen entwickelten sie in der freien Natur eine eigene Lebensart. Der „Wandervogel“ stellte den Beginn der sogenannten Jugendbewegung dar. In seinen Liedern hat Axi das Lebensgefühl der Wandervögel wunderbar zum Ausdruck gebracht.
Langsam, betont und fast hymnisch ist das Lied über die Freude, und es bringt die große Sehnsucht nach einem sorgenfreien, unverstellten und ursprünglichen Dasein zum Ausdruck: „Einmal einfach sich verschenken, in die Freude sich versenken, aufzuwachen, aufzulachen, aufzuatmen du und ich.“ So lautet die zweite Strophe.
Das Lied beschreibt, was auch Jesus seinen Jüngern wünschte: Ein Leben ohne Sorgen, frei wie das der „Vögel unter dem Himmel“ und der „Lilien auf dem Felde“. Wir haben diesen Teil aus der Bergpredigt vorhin gehört.
Jesus macht darin seine Jünger auf die Vögel und Blumen aufmerksam, sie sollen sie betrachten und durch sie etwas lernen. Denn sie sind anders als wir, führen eine andere Art von Dasein. Bestimmte Dinge tun sie im Unterschied zu uns nicht: Die Vögel „säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen“, und die Blumen „arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht“. Sie sorgen sich um nichts. Wenn die Vögel sich in ihrem Element, der Luft bewegen, sind sie frei, freuen sich am Dasein und sind voller Lebenslust. Denn immer und überall finden sie, was sie als Nahrung brauchen. Es liegt herum, wird ihnen gegeben, sie müssen es nur aufsammeln.
Und genauso ist es mit den Blumen. Sie sind schön, ohne dafür etwas tun zu müssen, ohne eitel zu sein, ohne sich mit anderen zu vergleichen. Ihre Pracht ist einfach da und wurde ihnen geschenkt. Wie die Vögel führen sie ein absichtsloses Dasein.
Darauf macht Jesus seine Jünger aufmerksam, denn das sollen sie von ihnen lernen. Sie sollen sich an den Vögeln und Blumen ein Bespiel nehmen und sich nicht zu viele Gedanken um Essen und Kleidung machen, und wo das alles herkommt. Besser ist es, darauf zu vertrauen, dass ihr himmlischer Vater für sie sorgen wird.
Dabei muss man wissen, dass das Sorgen für Jesus und seine Jünger nicht ganz unberechtigt war, denn sie führten ein ungesichertes Dasein. Sie hatten ihre Berufe zum großen Teil aufgegeben und hatten kein festes Einkommen. Oft wussten sie nicht, wo das Essen für den nächsten Tag herkommen würde. Aber gerade deshalb ermahnt Jesus sie zur Sorglosigkeit. Die Frage nach Essen und Kleidung soll nicht an erster Stelle stehen, sondern sie sollen zuerst auf Gott vertrauen, sein Reich suchen und seinen Willen tun: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch solches alles zufallen.“ So lautet der abschließende Satz.
Das alles sagt Jesus auch zu uns, und das ist gut, denn natürlich machen wir uns immer wieder Sorgen. Im Moment beschäftigt uns z.B. alle der Strom von Flüchtlingen, der nach Europa und nach Deutschland kommt. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist groß, aber es gibt auch Ängste und Sorgen: Wo führt das hin? Die Folgen dieser Zuwanderung sind im Moment unübersehbar. Wo sollen all die Menschen auf die Dauer wohnen? Wovon sollen sie leben? Welche Kultur bringen sie mit? Wird es in unserer Gesellschaft so friedlich bleiben? Was müssen wir abgeben? Worauf müssen wir eventuell verzichten? Menschen am unteren Rand der Gesellschaft machen sich Sorgen, dass sie vergessen werden und nun noch ärmer und einsamer werden.
Und auch auf politischer Ebene tauchen Probleme auf: Europa droht sich zu spalten, es gibt keine einheitlichen Wertvorstellungen mehr, Grenzen werden geschlossen, Menschenrechte werden übergangen. Trotz aller Hilfseuphorie gibt es viele ungeklärte Fragen und Ängste, und die müssen wir auch ernst nehmen. Es ist bei uns Menschen leider alles etwas komplizierter, als bei den Vögeln und Blumen. Der Aufruf Jesu „sorget nicht“ hilft im ersten Moment nicht.
Was sollen wir damit anfangen? Ist es ein guter Rat? Können wir danach leben? Es gibt ja auch noch andere Zusammenhänge, in die hinein Jesus das sagt: Wir machen uns genauso Sorgen in unserem privaten Leben, um unsre Kinder z.B., wenn sie heranwachsen. Was wird aus ihnen? Wir können keinen Einfluss mehr ausüben und müssen sie sich selbst überlassen. Wir wissen nicht, ob ihnen gelingt, was sie vorhaben.
Und diese Liste könnten wir unendlich fortsetzen: Wir sorgen uns um unsere Gesundheit, um unser Wohlergehen, um unser Geld oder unseren Arbeitsplatz. Auf Reisen machen wir uns Sorgen, ob wir ankommen, zu Hause machen wir uns Gedanken, ob alles stehen bleibt. Unser ganzes Leben ist davon durchzogen, und die Inhalte sind sehr unterschiedlich.
Doch eins haben sie alle gemeinsam: Wir halten unsere Sorgen für realistisch und meinen, dass wir sie brauchen. Wir nehmen damit die Herausforderungen des Lebens ernst, machen uns nichts vor und verschließen uns nicht vor allen möglichen Gefahren. Wir wägen ab und berechnen, und denken, dass das sein muss.
Der Aufruf Jesu, uns keine Sorgen zu machen, klingt deshalb beim ersten Hören reichlich unrealistisch. Sollen wir einfach die Augen verschließen, uns schönen Illusionen hingeben und Träumen nachgehen? So könnte man seine Einladung, die „Vögel unter dem Himmel“ und die „Lilien auf dem Felde“ zu betrachten, ja hören. Sie wirkt etwas weltfremd. So reden eigentlich nur Aussteiger, Menschen wie die Wandervögel. Im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation ist uns Deutschen das auch bereits zum Vorwurf gemacht worden. In England war vom „Hippie-Deutschland“ die Rede, das nur nach dem Herzen handelt und den Kopf ausgeschaltet hat.
Doch so ist der Aufruf Jesu nicht gemeint. Es gibt einen Vers in unserem Abschnitt, von dem her wir ihn am besten verstehen. Er lautet: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch solches alles zufallen.“ Das „Reich Gottes“ erwähnt Jesus hier, und das ist der Schlüssel für seine Rede. Davon war sein Lebensgefühl bestimmt, von einem Reich, das nicht von dieser Welt ist. Jesus Christus kam in seinem Auftrag, er hat es für uns geöffnet. Es ist wie ein unsichtbarer Raum, in dem wir in Kontakt mit unserem Schöpfer kommen. Durch Jesus können wir in das Reich Gottes eintreten, denn in ihm ist Gott gegenwärtig. Wir müssen uns nur ihm anvertrauen und uns ganz auf ihn verlassen.
Jesus war also mitnichten unrealistisch, er war vielmehr von einer anderen Realität erfüllt als die meisten Menschen. Für ihn gab es noch mehr als diese Welt, mehr als das, was vor Augen liegt, und er wollte seinen Jüngern dafür die Augen öffnen. Sie sollten die ganze Realität erkennen. Und zu der gehört die Macht und Gegenwart Gottes: Gott ist da und er steht hinter allem, was geschieht.
Das war seine Botschaft, und die gilt auch uns. Jesus fordert uns auf, unseren Blick für das Reich Gottes zu öffnen, unser Bewusstsein auf ihn zu lenken und seine Gegenwart zu suchen, „dann wird uns alles andere zufallen.“
Jesus ruft uns also in die Entscheidung. Er fragt uns: Wie willst du denken und leben? Was soll dich bestimmen? Was soll in deinem Bewusstsein Vorrang haben? Er wusste: Ängste entstehen nicht nur dadurch, dass etwas Bestimmtes geschieht. Sie kommen nicht nur von außen, sondern hauptsächlich von innen und haben etwas mit dem Menschen zu tun, der sie hat. Sie bringen zum Ausdruck, wie er mit der Ungewissheit des Lebens umgeht.
Die ist ja da. Unserem Erkennen sind Grenzen gesetzt. Wir können nicht in die Zukunft schauen. Wir wissen nicht, wie es Menschen geht, mit denen wir gerade keinen Kontakt haben, über die wir keinen Einfluss haben. Unsere Möglichkeiten sind erheblich eingeschränkt, in jeder Hinsicht. Gedanken, die wir uns trotzdem über all das machen, was wir nicht kontrollieren können, bleiben Spekulationen, Vermutungen, Phantasien. Sie sind irreal.
Es ist deshalb eigentlich sinnlos und überflüssig, wenn wir uns zu viel damit beschäftigen. Denn sie lösen unnötige Sorgen aus. Das müssen wir erkennen. Unsere Sorgen führen uns nicht an die Realität heran, im Gegenteil, sie leiten uns oft in die Irre und trüben den Blick. Und ob das geschehen soll, können wir entscheiden. Wollen wir uns die Zukunft dunkel oder hell ausmalen?
Das ist die Frage, die Jesus uns stellt, und natürlich ist sie als Einladung gemeint, uns nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, was alles geschehen könnte. Es ist besser, gegenwärtig zu leben, uns selber zu spüren, und Ängste als irreal zu entlarven. Denn dann werden wir offen für das, was jetzt gerade geschieht. Wir wachen auf und werden frei für die Liebe Gottes. Sie ist da, und wenn wir auf Jesus vertrauen, empfangen wir sie.
Und dadurch wird ein ganz anderer Umgang mit der Welt möglich. Die Probleme verschwinden zwar nicht, Gefahren und Unsicherheiten bleiben bestehen, aber die Sorgen lösen sich auf. Wir haben keine Angst mehr, denn wir lassen uns von etwas anderem leiten, als von trübenden Gedanken. Das Vertrauen auf Jesus verändert uns, und dazu lädt er uns hier ein.
Die Art und Weise, wie die Mehrheit der Deutschen jetzt mit den Flüchtlingen umgeht, ist dafür ein wunderbares Bespiel. Sie lassen sich nicht von Ängsten leiten, sondern von Mitmenschlichkeit und Mitgefühl. Und das kann gar nicht verkehrt sein. Es ist das oberste Gebot der Stunde. Gewalt oder Abschottung kann weder die Antwort an die Flüchtlinge noch die Reaktion auf unsere Ängste sein. Wenn es eine Lösung gibt, dann kann sie nur im Vertrauen, in der Hoffnung und in der Liebe liegen. Wahrscheinlich ist es auch die Sehnsucht danach, die hinter der Welle der Hilfsbereitschaft steht. Menschen wollen nicht nur etwas Gutes tun, sie sehnen sich nach einer humanen Gesellschaft, nach Frieden und Gerechtigkeit. Und im Moment tragen viele dazu bei, dass sie bei uns wahr wird.
Und das ist gut. Die sogenannte Willkommenskultur ist wie ein Kraftstrom, mit dem wir den Strom der Flüchtlinge begleiten können. Er sollte genauso unaufhaltsam sein. Wenn alle zusammenhalten, wenn die Politik, die Medien und Organisationen an einem Strang ziehen, dann kann daraus etwas Großartiges werden. Ich bin mir sicher, dass es in unserer Gesellschaft noch viel Spielraum nach oben gibt, dass wir noch lange nicht alles getan haben, was möglich ist.
In dem Lied, das ich am Anfang erwähnte, heißt es weiter: „Seht die Masken, wie sie schwinden, Augen, wie sie Augen finden; herrlich steigt und neugeboren aus den Fesseln eine Welt.“
Das ist die Vision, die wir vor Augen behalten sollten Es war die Ideologie der Wandervögel, und sie deckt sich mit dem Evangelium. Dort ist sie Wirklichkeit geworden. Das hat Jesus bewirkt, er hat diese „neue Welt“ heraufgeführt. Wenn wir ihm folgen, wird sie wahr, denn wir werden von allen Ängsten und Sorgen befreit. Im Glauben und Vertrauen auf Jesus brauchen wir sie nicht. Wir können uns verändern und neu werden. Denn was uns trägt und hält, ist die Gegenwart des Reiches Gottes, seine Liebe und Kraft. Wenn wir uns darauf ausrichten, geschieht etwas. Wunder werden wahr, und eine unbeschreiblich große Freude kommt auf.
„Freude, Freude, lasst sie wehen, über Tiefen über Höhen, bis die Fülle uns durchflutet, trinken wir des Lebens Quell.“
So lautet die letzte Strophe des Liedes von Axi. Und dann kommt noch einmal der Refrain: „Versinkt das Gestern, versinkt das Morgen, es bleibt der Sorgen noch genug auf dieser Welt.“
Lassen Sie uns danach leben und nicht den Sorgen, sondern der Freude Raum geben. Amen.

Macht zu Jüngern alle Völker

Predigt über Mt. 28, 16- 20: Der Missionsbefehl

11. Sonntag nach Trinitatis, 16.8.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

In dem Gottesdienst wurde ein Kleinkind getauft.

Matthäus 28, 16- 20

16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. 18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Liebe Gemeinde.
„Wie viel Erde braucht der Mensch?“ Diese bedeutungsschwere Frage ist zu einem geflügelten Wort geworden. Die Gier nach Eigentum wird damit hinterfragt. Das hat Leo Tolstoi mit der gleichnamigen Erzählung sehr schön veranschaulicht. Sie handelt von dem Bauern Pachom. Der hört von einem durchreisenden Kaufmann, man könne billig gutes Steppenland weiter im Osten kaufen. Pachom reist mit seinem Knecht dorthin. Er wird von den Steppenbewohnern in ihrem Zeltlager freundlich aufgenommen und darf so viel Land kaufen, wie er von Sonnenaufgang bis -untergang zu Fuß umrunden kann. So läuft er los und misst im Geist seinen zukünftigen Besitz ab. Doch dabei überschätzt er seine Kräfte. Nachdem er endlich ein sehr großes Stück Land umschritten hat, bricht er vor Erschöpfung tot zusammen, denn zuletzt, bei sinkender Sonne, war er verzweifelt gerannt. „Der Knecht aber nahm die Hacke auf, grub ein Grab für Pachom, gerade so lang, wie er von Kopf bis zu den Füßen maß – sechs Ellen –, und scharrte ihn ein.“ (Leo Tolstoi, Meistererzählungen, Diogenes-Verlag Zürich, 1989, S. 240)  Das ist der letzte Satz, und damit sagt Tolstoi: Mehr Erde braucht der Mensch letzten Endes nicht.
Sehr drastisch hat er damit die Sinnlosigkeit der Gier nach Reichtum aufgedeckt. Sie ist einseitig und vergebens. Der Bauer war durchaus mit anderen Werten in Berührung gekommen, wie Bescheidenheit, Genügsamkeit, Nächstenliebe oder das richtige Gespür für die eigenen Grenzen. Doch das interessierte ihn alles nicht, und damit wurde er zur tragischen Figur.
Die Erzählung ist eine eindringliche Ermahnung, auf das zu achten, was im Leben wirklich zählt. Dabei müssen wir ernst nehmen, dass Tolstoi ein überzeugter Christ und tief gläubig war. Seine Erkenntnisse decken sich mit dem, was Jesus verkündete. Auch Jesus warnte seine Jünger vor Gier und Machtstreben, vor Angst und Sorgen um weltliche Güter. Er hatte sie etwas anderes gelehrt, und am Ende gibt er ihnen den Auftrag, diese Inhalte weiterzugeben. Es ist der sogenannte Missions- und Taufbefehl, den wir ihn vorhin gehört haben. Tolstoi hat ihn mit seinen Erzählungen befolgt.
Der Befehl bildet den Schluss des Matthäusevangeliums, d.h. Jesus begegnet hier ein letztes Mal seinen Jüngern. Er offenbart sich ihnen erneut als der Auferstandene, und die Jünger fallen vor ihm nieder
Dann spricht er mit ihnen, und seine Rede besteht aus drei Teilen. Zunächst sagt er ein Vollmachtswort: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Er hat also eine universale Macht, die keine Grenzen mehr kennt. Jesus hat seine irdische Existenz beendet und bekommt nun Anteil an der unumschränkten Macht Gottes des Schöpfers. Und das ist eine dienende und helfende Macht. Jesus tritt eine heilbringende Herrschaft an, die nicht mehr von den Unheilmächten überwunden werden kann. Das ist der erste Teil seiner Rede.
Und aus diesem Vollmachtswort folgt nun sein Auftrag an die Jünger. Er umfasst vier Betätigungen: Gehen, Zum-Jünger-Machen, Taufen und Lehren. Die Jünger sollen also alle Nichtglaubenden in den Heilsbereich Jesu hineinrufen, ganz gleich, ob sie in der Ferne oder in der allernächsten Nachbarschaft wohnen, und sie taufen, d.h. sie in den Glauben einweihen und in die Gemeinde aufnehmen. Das bedeutet eine Veränderung des ganzen Lebens. Denn wer an Jesus glaubt und sich zu ihm bekennt, gehorcht seiner Lehre. Damit ist hauptsächlich die Bergpredigt gemeint, die von einem friedlichen Miteinander, Sorgenfreiheit und Einfachheit spricht, von einem veränderten Bewusstsein also, das vom Willen Gottes bestimmt ist. Das Leben wird durch den Glauben an Jesus und die Taufe von neuen Maßstäben geprägt. Darauf sollen die Jünger die Menschen aufmerksam machen.
Und als drittes schenkt Jesus ihnen eine Verheißung, er sagt: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Er wird also mit ihnen sein. Er lässt sie in Wirklichkeit gar nicht allein. Er wird ihnen helfen, sie trösten und aufrichten, wann immer sie in Auseinandersetzungen, Härten und Entbehrungen geraten. Sie werden dann seine Kraft spüren. Das ist die gute Nachricht, an die sie sich immer erinnern dürfen und sollen.
Und diese Worte Jesu ergehen auch an uns. Als Christen haben wir ebenfalls den Auftrag, die Menschen „zu Jüngern Jesu“ zu machen, d.h. ihnen zu zeigen, dass er lebt und uns das Heil gebracht hat. Wir sollen die Menschen taufen und seine Lehre weitergeben.
Doch wie gehen wir da am besten vor? Das müssen wir uns fragen, denn so gute Schriftsteller wie Tolstoi sind wir nicht, und von den hergebrachten Missionsmethoden sind wir inzwischen abgerückt. Wir wollen niemanden belästigen oder manipulieren. Wir sind tolerant geworden und akzeptieren Andersgläubige. Und das ist auch gut so. Wir müssen den Menschen nichts überstülpen. Entscheidend ist vielmehr, dass wir selber die Lehre Jesu beachten. Wir müssen bei uns anfangen und das umsetzen, was er verkündet hat.
Dazu gehört als erstes, dass wir überprüfen und aufdecken, was uns innerlich eigentlich steuert. Wovon sind wir getrieben, was leitet uns an? Der Bauer Pachom war von der Gier nach Reichtum durchdrungen, und möglicherweise liegt uns das gar nicht so fern. Wir lassen uns jedenfalls gern von Leidenschaften hinreißen, von niederen Trieben, selbst wenn wir das eigentlich nicht wollen. Sie haben eine starke Macht. Wir müssen uns nur bewusst machen, wie oft wir von Angst oder Misstrauen erfüllt sind, Wut oder Zorn uns leiten, Lüge oder Heuchelei die Oberhand gewinnen. All diese Laster gehören zu unserem Alltag, und meistens sind sie so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht richtig merken.
Doch sie sind gefährlich und können vieles zerstören. Der Bauer Pachom ist dafür ein eindringliches Beispiel. Und selbst wenn es nicht ganz so schlimm kommt, andere negative Folgen sind genauso zersetzend. Denn unser Verhalten führt oft zu Konflikten und Trennungen, Streit und Zwietracht. Auch Einsamkeit und Sinnlosigkeitsgefühle, Erschöpfung und Missmut gehören zu den Folgen. Und das dürfen wir nicht verharmlosen. Wir werden davon manchmal weggespült und gehen unter. Denn es sind dabei böse Kräfte im Spiel, die uns in die Irre führen und vernichten wollen.
Das gilt es zu erkennen und gegebenenfalls die Richtung zu ändern. Wir müssen nicht so leben, wie wir es oft tun. Wir können das Böse vielmehr überwinden, und zwar indem wir uns „guten Kräften“ aussetzen. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Rm.12,21) So lautet der Taufspruch für Paul, und damit ist die Mahnung gemeint, auf die Lehre Jesu zu achten. Sie kann im Glauben an ihn lebendig werden, denn er will uns aus all unseren inneren und äußeren Verstrickungen befreien. Er hat Macht, er ist immer da, und er lädt uns ein, ihm zu vertrauen. Wir können uns seinem Heil aussetzen und uns von seiner Liebe durchdringen lassen. Dann verändern sich unser Lebensgefühl und unser Handeln. Die Leidenschaften verlieren ihre Macht, wir fühlen uns frei und sehen klarer, was wirklich zählt. Die Oberflächlichkeit, der wir oft erliegen, verliert ihren Reiz. Wir werden gelassen und zuversichtlich. „Wir überwinden das Böse mit Gutem.“
Und damit bringen wir den Menschen genau das, was Jesus möchte und was sie auch brauchen. Wir erfüllen seinen Auftrag besser als auf irgendeinem anderen Weg. Denn wir reden nicht über seine Lehre, wir leben sie vielmehr und dadurch ereignet sie sich. Wir werden frei und gelassen, bescheiden und genügsam, verständnisvoll und aufrichtig. Unseren Mitmenschen gegenüber sind wir viel zugewandter und verweisen auf das Wesentliche. Sie können uns vertrauen und sich auf uns verlassen. Und in all dem schwingt mit, was ihnen wahrscheinlich am meisten fehlt: Möglicherweise wissen sie es gar nicht, aber tief in jeder menschlichen Seele liegt die Sehnsucht nach der Ewigkeit verborgen, nach einem Sinn, der größer ist, nach einer Liebe, die nie aufhört. Jesus hat uns das gebracht, und durch unseren Glauben an ihn bringen wir es zu den Menschen.
Auch für unsre Kinder ist das der entscheidende Wert im Leben. Es ist deshalb gut, wenn wir sie auf den Namen Jesu taufen. Wir legen damit eine Grundlage für „das Gute“, wir setzen einen Anfang und verbinden das Leben eines Menschen mit der Macht und Gegenwart Christi. Das geschieht mit Paul heute: Ihm wird die Liebe Jesu zugesagt, er wird in seine heilende Macht hineingenommen. Wenn er sich darauf verlässt, kann er immer wieder alles Böse überwinden.
Doch damit das geschieht, ist es wichtig, dass er die Liebe und Macht Christi auch kennen lernt, dass er davon erfährt und sie schon früh in sein Herz hineinkommt. Und das kann nur geschehen, wenn Sie, seine Eltern und Paten sie ihm geben, wenn Sie sich in Liebe ihm zuwenden und dabei selber auf Gott und sein Heil vertrauen. Paul braucht das genauso, wie alles andere, was Sie ihm geben, ja vielleicht braucht er es sogar am meisten. Wenn er lernen soll, das „das Böse mit Gutem zu überwinden“, muss er die Kraft des Guten erfahren und erleben.
Das ist der Sinn des Missionsbefehls und unser aller Auftrag. In einem Gedicht von der Schriftstellerin Maria Nels ist das sehr schön ausgedrückt. Ich habe es einmal in einem Kloster gefunden. Dort gab es einen Ständer mit Zetteln, auf denen verschiedene Zitate standen. Sie waren zum Mitnehmen gedacht. Ich habe das mit diesem Gedicht getan, denn es ist für mich wie ein Leitfaden, an den ich mich immer wieder erinnern möchte. Es lautet:

Glaub mir, sie brauchen dich,
die Menschen, die mit dir gehen!
Sie brauchen dein Gutsein und dein Verstehen,
deinen blanken geraden Sinn,
der sich freihält von raschem Gericht,
der Treue kennt
und Wahrheit verspricht.
Sie brauchen die Reinheit in deiner Gestalt
und deines Wortes klare Gewalt,
und das, was ihnen am meisten gebricht:
Dein Wissen um das ewige Licht.

Amen.

Anvertraute Gaben

Predigt über Matthäus 25, 14- 30: Von den anvertrauten Zentern

9. Sonntag nach Trinitatis, 2.8.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Matthäus 25, 14- 30

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;
15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.
16 Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.
17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.
18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.
20 Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.
21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.
23 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast;
25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.
26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?
27 Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.
29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Liebe Gemeinde.
„Kleider machen Leute“. So lautet der Titel einer bekannten Erzählung des Schweizer Dichters Gottfried Keller aus dem Jahr 1874. Die Geschichte handelt von dem Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der sich trotz Armut gut kleidet. Er gelangt in eine fremde Stadt und wird dort wegen seines Äußeren für einen polnischen Grafen gehalten. Nachdem er aus Schüchternheit versäumt, die Verwechslung aufzuklären, versucht er sich davonzumachen. Doch da betritt eine junge Dame, Tochter eines angesehenen Bürgers, den Schauplatz. Die beiden verlieben sich ineinander, worauf der Schneider die ihm aufgedrängte Grafenrolle weiterspielt.
Natürlich dauert es nicht lange, und er wird entlarvt. Fluchtartig verlässt er daraufhin die Stadt. Doch glücklicherweise ist die Liebe zwischen ihm und seiner Braut echt. Sie hält zu ihm, und so kommt es zum Schluss zum Happy End: Er gründet mit ihrem Vermögen ein Atelier und bringt es zu Wohlstand und Ansehen. Das Sprichwort „Kleider machen Leute“ hat sich in diesem Fall also bewährt.
Das tut es allerdings mitnichten immer, schön wär’s, denn wir führen unser Leben gern nach dieser Devise: Wir halten Schein und Sein oft nur schwer auseinander. Wir lassen uns leicht täuschen und spielen eher eine Rolle, als dass wir wir selber sind.
Und das ist schade, denn tief in uns tragen wir alle ein Bild, das der Schöpfer von uns hat, einen Kern, der uns von Gott mit unserer Geburt gegeben wurde. Aus ihm soll sich unser Leben entwickeln. Es ist etwas Wertvolles und Schönes in uns angelegt, das sich entfalten soll. Und wir sind dafür verantwortlich, dass es wächst und gedeiht.
Davon handelt das Gleichnis, das wir vorhin gehört haben. Vier Personen kommen darin vor: Ein Herr und drei Sklaven. Sie bekommen von ihm viel Geld anvertraut und sollen daraus etwas machen.
Folgendermaßen verläuft die Erzählung: Ein Großkaufmann verreist und überträgt Dreien seiner Knechte sein Vermögen. Er überlässt es ihnen, wie sie damit umgehen. Es sind beträchtliche Geldsummen, aber nicht jeder erhält gleichviel. Der Herr kennt seine Sklaven und kann ihre Tüchtigkeit einschätzen.
Und die ersten beiden werden auch gleich nach seiner Abreise tätig. Sie legen das Geld bei der Bank an, so dass es sich vermehrt. Das Bankwesen gab es damals schon so ähnlich wie heute. Nur der Dritte handelt anders, und der steht deshalb im Mittelpunkt: Er vergräbt die 6000 Denare in der Erde. Warum er so handelt, wird zunächst nicht gesagt.
Denn erstmal kehrt der Herr zurück und belohnt die beiden zuverlässigen Knechte für ihre Treue. Für den dritten sieht es dagegen schlecht aus. Jetzt erfährt man auch die Motivation für sein Handeln: Ihm fehlte der Mut zum Einsatz, er hatte Angst vor dem Herrn und dachte, genug getan zu haben, wenn er das Anvertraute einfach nur aufbewahrte.
Doch selbst mit dieser Sorge hätte es noch bessere Möglichkeiten gegeben, darüber belehrt ihn sein Herr, dem das Verhalten gar nicht gefällt. Der Knecht wird deshalb sozusagen entlassen. Er sinkt in die Bedeutungslosigkeit. Die anderen beiden dagegen „gehen ein zu ihres Herrn Freude“. Im übertragenen Sinn ist das das Freudenmahl Gottes, die Gemeinschaft mit ihm in seinem Reich. Dazu passt es, dass das Schicksal des dritten Knechtes der Hinauswurf in die „Finsternis“ ist, in der „Heulen und Zähneklappern“ sein wird. Damit ist die „Hölle“ gemeint.
Das ist das Gleichnis, und damit will Jesus uns daran erinnern, dass wir eines Tages – spätestens beim Jüngsten Gericht – vor Gott Rechenschaft über unser Leben ablegen müssen. Es geht um die Frage, wie es sich in der Zeit hier auf der Erde gestaltet. Jesus sagt uns mit dem Gleichnis, worauf es dabei ankommt.
Dabei ist uns das Ende sicher zu gruselig. So etwas hören wir nicht gern, dass der dritte Knecht als „unnütz“ bezeichnet und in Ewigkeit verdammt wird. Es passt nicht in unser Denken, wir haben die Vorstellung von der Hölle abgelegt.
Trotzdem ist es gut, wenn wir den Ernst der Botschaft erkennen und uns auf die Ermahnung zur Verantwortung einlassen. Denn oft leben wir ganz anders, als Gott es von uns möchte, und das hat durchaus verheerende Folgen. Das sollten wir uns als erstes bewusst machen.
Dafür ist es gut, wenn wir das Verstecken des Geldes, zu dem sich der dritte Knecht hier entschieden hat, einmal auf unser Leben übertragen. Es bedeutet ja, dass wir aus dem, was uns anvertraut wurde, nichts machen. Wir vergraben es und lassen es vermodern. Und das kann sich auf ganz unterschiedliche Weise ereignen.
Meistens beginnt dieser Fehler schon damit, dass wir gar nicht richtig erkennen, was Gott uns überhaupt gegeben hat und was er von uns will. Bei vielen Entscheidungen im Leben folgen wir nicht dem, was in uns liegt, sondern äußeren Einflüssen, Erwartungen anderer, Bildern aus der Werbung oder Rollen, die die Gesellschaft uns auferlegt. Und davon gibt es ganz viele.
Zu einem gelungenen Leben gehört es nach gängiger Meinung z.B., dass wir eine vernünftige Ausbildung und einen anständigen Beruf haben. Außerdem wird erwartet, dass wir irgendwann heiraten und eine eigene Familie gründen. Schönheit und Erfolg, Gesundheit und Klugheit, Kontaktfreudigkeit und Selbstsicherheit, das sind die Dinge, die wir alle irgendwie anstreben. Wenn sich diese Elemente in guter Weise mischen, entsprechen wir dem üblichen Bild.
Wer dagegen keine vernünftige Ausbildung und kein gutes Einkommen hat, wird sofort beargwöhnt. Genauso geht es sogenannten Muttersöhnchen, die nie bei ihren Eltern ausziehen. Auch Einzelgänger sind uns suspekt. Kleine, dicke oder hässliche Menschen werden oft nicht ganz ernst genommen, und kinderlose Paare tun uns leid.
Denn unausgesprochen haben wir uns auf bestimmte Werte geeinigt, und danach beurteilen wir andere und uns selbst. In der Novelle von Gottfried Keller ist das sehr schön dargestellt: Da reichen bereits die schönen Kleider eines Menschen, damit er ins Bild passt und von allen anerkannt wird. Was dahinter steckt, interessiert sie zunächst gar nicht, denn sie haben sich an den schönen Schein längst gewöhnt.
Doch so kann das Leben nicht gelingen. Das wird trotz des guten Ausgangs auch in der Novelle deutlich. Denn durch die Demaskierung tut sich hinter der vergoldeten Welt ein bodenloses Loch auf. Eisig und grauenhaft wird dieser Moment dargestellt, und er führt den Schneider in die persönliche Katastrophe. Es ist dem Höllengrund durchaus vergleichbar. Das macht der Dichter dadurch deutlich, dass die Entlarvung bei einem maskierten Toten- und Gespenstertanz erfolgt. Der Schneider wird fallen gelassen, und das ist wie eine Strafe und Folter. Der Dichter warnt uns mit der Geschichte also davor, uns so von Äußerlichkeiten steuern zu lassen.
Denn auch für uns hat das oft schlimme Folgen, die wir durchaus mit der Hölle vergleichen können, in die der dritte Knecht gestoßen wird. Wir müssen dafür gar nicht die Bibel bemühen. Das Leben selber bereitet uns die Qualen, denen er ausgesetzt wird.
Dazu gehört z.B. der permanente Leistungsdruck, unter den wir geraten. Wir müssen dauernd etwas tun, Ziele erreichen, Wünsche erfüllen, Aufgaben erledigen, usw. Das kann auf die Dauer ermüden. Irgendwann sind wir erschöpft und können nicht mehr. Und was geschieht dann? Auch vor uns tut sich ein Loch auf. Wir bekommen Angst und machen uns Sorgen, zweifeln an uns selber und wissen nicht weiter.
Und das kann auch schon viel früher einsetzen. Denn oft passen wir von vorne herein nicht in das Bild, das wir selber und andere uns auferlegen. Viele Menschen leiden an Minderwertigkeitskomplexen. Sie vergleichen sich mit anderen, sind neidisch und schließen sich selber aus. Sie leben am Rand der Gesellschaft und sind dort traurig und unglücklich. Die seelische Not und das Elend vieler Menschen sind oft größer, als wir ahnen. Die Strafe für ein Leben, das sich nur in diesen Bahnen bewegt, erfolgt also ganz von selber, und sie ist oft grausam und hart.
Es ist demnach ratsam, dass wir uns ein ganz anderes Verhalten und Denken angewöhnen, als nur den Erwartungen und Bildern zu folgen, die angeblich gelten. Das Gleichnis legt es uns nahe, und es lohnt sich wie gesagt, wenn wir es ernst nehmen.
Dabei ist es hilfreich, wenn wir in drei Schritten vorgehen. Zunächst einmal ist es wichtig, dass die drei Knechte nicht die gleiche Summe Geld anvertraut bekommen. Wenn wir das übertragen, heißt es, dass alle Menschen eine unterschiedliche Bedeutung und Aufgabe haben. Wir sind nicht alle gleich und müssen es von daher auch nicht sein. Die Unterschiede sind hier unbedeutend, sie werden einfach nur erwähnt und ganz selbstverständlich vorausgesetzt. Und das heißt, es gibt kein Raster, in das wir alle hineinpassen, keinen Maßstab, der für alle gilt. Entscheidend ist nicht, was wir darstellen, sondern dass wir überhaupt etwas geschenkt bekommen haben.
Und was das ist, müssen wir als erstes erkennen. In Wesen Gottes ist jeder und jede von uns klar und deutlich abgebildet. Gott hat von uns ein Bild, das bei allen ein anderes ist. Unsere erste Aufgabe ist es, das zu entdecken. Wir werden hier gefragt, womit wir eigentlich wuchern können. Und dazu sollen wir uns nicht mit anderen vergleichen, sondern in uns gehen, uns selber spüren und nachlesen, was Gott in unserem Innersten geschrieben hat. Das wäre der erste Schritt zu einem gelingenden Leben.
Die spanische Mystikerin Theresa von Avila hat dazu einmal ein sehr schönes Gedicht geschrieben. Sie hat sich vorgestellt und innerlich gehört, was Gott zu ihrer Seele sagt. An einer Stelle heißt es in diesem Gedicht: „Gott spricht: In meines Herzens Tiefe trage ich dein Porträt, so echt gemalt; sähst du, wie es vor Leben strahlt, verstummte jede bange Frage.“ * Das dürfen wir uns von Gott sagen lassen.
Und damit sind wir bei dem nächsten Schritt. Er kommt zwar nicht direkt in dem Gleichnis vor, aber wir können ihn durchaus dahinter entdecken. Es ist die Tatsache, dass der Herr seinen Knechten zugetan ist. Er kennt sie und vertraut ihnen. Die Beziehung zwischen ihm und ihnen ist von Nähe und Liebe gekennzeichnet. Sonst wäre die Freude über die ersten beiden Knechte und die Enttäuschung über den Dritten nicht so groß.
Und das heißt auf unser Leben übertragen: Gott kennt uns und er liebt uns so, wie wir sind. Er glaubt an uns, er nimmt uns an und hat sich uns zum Eigentum auserwählt. Wir dürfen uns bei ihm geborgen wissen, ganz gleich, wie und wer wir sind. Ob wir klein oder groß sind, gesellig oder zurückgezogen, verheiratet oder allein, wir dürfen genauso sein, denn so werden wir geliebt. Wir dürfen unsere Fehler und Schwächen annehmen, und unsere Stärken und Gaben gleichermaßen. Denn das tut Gott ebenso. Er ist uns immer ganz nah und will an uns wirken, das gilt es zu spüren. Wir dürfen in seiner Liebe zu Hause sein.
Denn dann geschieht das Dritte ganz von alleine: Unser Leben und unsere Seele können sich entfalten. Wir kommen innerlich in Bewegung und werden offen für das, was wir sein sollen. Wir treten nicht auf der Stelle und verfehlen auch nicht unsere Bestimmung. Neid und Minderwertigkeitsgefühle verschwinden, die Traurigkeit weicht, es kommt Freude auf, und wir werden glücklich. Und das geschieht nicht, weil wir etwas Großartiges leisten oder eine tolle Rolle in der Gesellschaft spielen, sondern durch die lebendige Kraft der Liebe Gottes. Sie kann uns zutiefst heil und froh machen, und genau das ist unsere eigentliche Bestimmung.
Die Novelle, die ich erwähnte, geht gut aus. Aller Schein und alle Lüge werden aufgedeckt, das Theater ist zum Schluss vorbei, und die Liebe siegt. Durch sie wird der Schneider Wenzel Strapinski gerettet. Er darf wieder er selber sein und tut am Ende das, was er am besten kann.
Und auch unser Leben gelingt am ehesten, wenn die Liebe darin wirkt. Das verkündet Jesus uns. Gleichzeitig bietet er uns seine Liebe an, und die ist noch viel mehr, als menschliche Zuneigung: Denn damit lädt er uns zu Gott ein und ruft uns in sein Reich. Wir müssen uns nur auf den Willen Gottes und seine liebende Kraft einlassen. Dann steht unser Leben unter seiner Verheißung und kann gelingen.
Amen.

* Teresa von Avila, „Ich bin ein Weib – und obendrein kein Gutes“; ein Porträt der Heiligen in ihren -Texten; ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Erika Lorenz; Freiburg 1989; S. 41

Wandelt als Kinder des Lichtes

Betrachtungsgottesdienst „Kinder des  Lichtes“,  26.7.2015, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

8. Sonntag nach Trinitatis
Predigt über Johannes 12, 35f: Werdet Kinder des Lichtes

Wir haben im Gottesdienst wieder zwei Kunstwerke betrachtet. Das war einmal das  Buntglasfenster unserer Kirche, auf denen Feuerflammen zu sehen sind, und ein Gemälde von der Künstlerin Cornelia Patschorke, das den Titel trägt: „Er kam als Licht in die Welt“.
Mit den Betrachtungen wurden wir an den Heiligen Geist und das Licht Christi erinnert. Wir sollen es empfangen. Der Wochenspruch dazu lautet: „Wandelt als Kinder des Lichtes. Die Frucht des Lichtes ist lauter Gütigkeit und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Epheser 5,9) Es ging also darum, dass unser Lebenswandel vom Licht und vom Geist Christi geprägt sein möge.

 

Betrachtung des Buntglasfensters „Flammen“
von Binia Kempe

Ausgangspunkt unseres Gottesdienstes heute ist einPfingstenes der Buntglasfenster. Sie haben alle am Eingang eine Karte mit der Abbildung des Fensters bekommen. Wenn Sie das Fenster im Original genauer betrachten möchten und dafür einen ungünstigen Platz haben, setzen Sie sich doch bitte gern jetzt auf einen anderen Platz.

Die Epistellesung für den heutigen Sonntag steht im Brief des Paulus an die Epheser im 5. Kapitel und ist überschrieben mit: Kinder des Lichtes.

Epheser 5, 8b- 13

8b Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.
9 Wandelt wie die Kinder des Lichtes – die Frucht des Lichtes ist lauter Gütigkeit und Gerechtigkeit und Wahrheit –
10 und prüfet, was da sei wohlgefällig dem Herrn.
11 Und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, strafet sie vielmehr.
12 Denn was heimlich von ihnen geschieht, das ist schändlich auch nur zu sagen.
13 Das alles aber wird offenbar, wenn´s vom
Licht gestraft wird; denn alles was offenbar wird, das ist Licht.
14 Darum heißt es: Wache auf, der du schläfst,

und stehe auf von den Toten,
so wird dich Christus erleuchten.

Was sehen wir nun in unserem Fensterbild?
Der Künstler, der die Fenster geschaffen hat – das war im Jahre 1963 Gerhard Hurte aus Eutin – hat wohl, das dürfen wir sicher annehmen, an das Pfingstfest gedacht. In der Apostelgeschichte wird das Pfingstgeschehen so erzählt:
„Und es erschienen ihnen Zungen, wie von Feuer, die sich verteilten und sich auf jeden von ihnen setzten, und sie wurden alle mit dem heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu predigen, wie der Geist es ihnen eingab.“ (Apg. 2, 3f)
Wir sehen Zungen, man spricht auch von Feuerzungen, gelb und heiß. Feuerzungen die in den blauen Himmel lodern und Licht geben.
Das Feuer war in der damaligen Welt des Alten und Neuen Testaments eines der vier Elemente, aus denen die Welt besteht: Wasser, Erde, Luft und Feuer.
Im Alten Testament ist das Feuer meist Bild und Symbol für den Zorn Gottes.
Im Neuen Testament ist es dann Symbol der Herrlichkeit und Heiligkeit Gottes, zum einen brennend und verzehrend und zum anderen leuchtend und Wärme spendend.
Es ist aber auch Symbol des Heiligen Geistes, zum einen wegen der Pfingstgeschichte und zum anderen wegen der Worte Johannes des Täufers:
„Ich taufe euch mit dem Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.“  (Mt. 3,11)
Das Feuer – zum einen beängstigend, verzehrend und heiß, zum anderen reinigend und Helligkeit, Wärme und Licht gebend: so viele verschiedene Möglichkeiten sind in dem Feuer.
Wie hatte Luther übersetzt im Epheserbrief:
„Wache auf, der du schläfst,
und stehe auf von den Toten,
so wird dich Christus erleuchten.“ (5,14)
Erleuchtung – ja, auch darin ist das Bild vom Feuer.
Der heilige Geist kann uns auf so viele verschiedene Arten erleuchten.

 

Betrachtung des Gemäldes „Er kam als Licht in die Welt“ von Cornelia Patschorke (2003)
von Christa LehmannLicht

Ein zweites Bild, ein zweiter Zugang zum Thema „Licht“ – Sie halten die Karte in der Hand. Geschaffen
wurde das Werk von Cornelia Patschorke, einer zeitgenössischen Künstlerin, im Jahr 2003. Sie hat dazu Acrylfarbe und Sand auf eine 90 x 90 cm große Leinwand  aufgebracht.
„Er kam als Licht in die Welt“ nennt sie diese Darstellung. Ein dunkles Blau in verschiedenen Abstufungen und leuchtendes Gelb bestimmen das Bild, wobei das Gelb wie eine Säule die blauen Flächen von einander trennt. Es wirkt wie ein Lichteinbruch in den quadratischen Raum, der – wie die Zahl vier – als Symbol für die Welt verstanden werden kann. Wir erinnern uns an die Schöpfungsgeschichte:
„… es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ (1. Mose 1, 2-5a)
Die Kraft des Lichts drängt die Dunkelheit zurück. Das ist die Aussage dieser Darstellung. So kommt uns als zweites Jesus in den Sinn, der von sich selbst sagte: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh 8,14) Aus dem Bild ist zu spüren, was Johannes am Anfang
seines Evangeliums schreibt: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (1,5) Und etwas weiter spricht er das an, was die Künstlerin auch mit dem quadratischen Format ausdrückte: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ (1,9)
In der Lesung aus dem Matthäusevangelium haben wir eben gehört: „Ihr seid das Licht der Welt“ (5, 14a) Oder, wie es bei Johannes heißt: „Wer mir nachfolgt,…wird das Licht des Lebens haben“ (8,14) Das bedeutet doch, dass wir als Christen am Licht Jesu Christi teilhaben, wenn wir uns auf ihn einlassen, ihn in unser Leben hineinlassen. Sein Feuer will in uns brennen. Durch jeden und jede von uns – trotz all unserer  Unvollkommenheit – will Jesus seinem Licht Raum schaffen in dieser so oft dunklen und kaltherzigen Welt: „damit sie eure guten Werke sehen und – darum geht es! –  euren
Vater im Himmel preisen.“ (Mt. 5,16)

 

Predigt über Johannes 12, 35f

Johannes 12, 35.36:

35 Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.
36 Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.

Liebe Gemeinde.
Wir haben zwei Bilder betrachtet, die das Licht zum Thema hatten, unser Pfingstfenster und ein modernes Gemälde. Es sind zwei geistliche Bilder, d.h. sie wollen die biblische Botschaft veranschaulichen, und das ist ihnen auch sehr gut gelungen.
Vom Licht ist ja an vielen Stellen in der Bibel die Rede, und es steht immer im Zusammenhang mit der göttlichen Kraft und Gegenwart. Sie ist wie Feuer und Wärme, sie verdrängt die Finsternis und bringt Licht und Klarheit. Das zeigen die Bilder sehr schön.
Dabei sollen wir das nicht nur hören und betrachten. Das Ziel der biblischen Aussagen und der Bilder ist vielmehr, dass wir das Licht empfangen und selber darin wandeln. Es kann die Dunkelheit aus unserem Fühlen und Denken vertreiben, und darauf sollen wir uns einlassen. Christus möchte, dass sein Feuer in uns brennt, wie wir gehört haben. Er lädt uns ein, „Kinder des Lichtes“ zu werden.
Dazu gibt es viele Stellen im Neuen Testament. Einige haben wir bereits gehört. Im Johannesevangelium finden wir diese Aussagen in einem Gespräch, das Jesus mit seinen Jüngern führt. Sie waren bereits in Jerusalem, um am Passafest teilzunehmen. Die Stadt war also voll von Menschen, und Jesus hatte bei seinem Einzug auch Aufsehen erregt. Deshalb war er mit seinen Jüngern jetzt nicht allein, sondern viel Volk stand um ihn herum und hörte zu. An diese Menschen sind seine Worte ebenso gerichtet, wie an die Jünger.
Er thematisiert darin seinen nahe bevorstehenden Tod und will erklären, warum der geschehen muss: Er wird nicht sinnlos sein, sondern Frucht tragen und neues Leben schaffen. Er wird den Menschen das Heil bringen. Das ist seine Botschaft, und er fordert die Zuhörer dringend auf, daran zu glauben. Besonders in seinen abschließenden Worten kommt dieser Ruf in die Nachfolge zum Ausdruck. Sie lauten:
35 Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.
36 Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.
Er wusste, dass sein Tod eine Verheißung hatte, dass er Heil bewirkt und ewiges Leben. Doch das geht nur dem auf, der an Jesus glaubt. Das betont er hier. Er bietet den Umstehenden eine letzte Chance an, diesen Glauben anzunehmen. Das Dunkel der Nacht wird kommen, davon war er überzeugt, und dann brauchen sie das Licht, das von ihm ausgeht. Wenn sie es jetzt annehmen, werden sie als „Kinder des Lichtes“ zu ihm gehören und durch seine Erhöhung am Kreuz zum ewigen Leben gerettet werden. Das ist hier die Botschaft, und die gilt auch uns.
Doch wie geht das nun, und wollen wir das überhaupt? Akzeptieren wir diesen krassen Gegensatz, der auch auf den Bildern dargestellt ist? Sehen wir es genauso, dass wir mit Jesus das Licht haben, ohne ihn aber in der Finsternis wandeln?
Die Aussagen sind uns wahrscheinlich etwas zu dringlich und zu radikal. So dunkel ist es doch in unserem Leben gar nicht, selbst wenn wir nicht an Jesus glauben. Und wenn wir es tun, dann müssen wir trotzdem nicht gleich so kompromisslos sein, denn in vielen Bereichen des Lebens brauchen wir Jesus nicht. Da zünden wir lieber selber Lichter an, und dann wird es auch ohne ihn hell und klar.
Denn wir haben vieles, worüber wir uns freuen, und können unseren Verstand gebrauchen, um zu erkennen, wo es lang geht. Unser Fühlen und Denken geben uns die Richtung an, wir handeln aus eigener Kraft, und das meiste gelingt uns auch ganz gut. Das ist unsere gängige Meinung.
Aber stimmt die eigentlich? Ist es wirklich so, dass wir immer klar kommen, auch ohne Glauben und ohne die Kraft Gottes? Lassen Sie uns diese Meinung einmal überprüfen. Unser Fühlen und Denken haben ja ihre Grenzen, das sollten wir uns klar machen. Wir sollten einmal ehrlich sein und zugeben, dass es mitnichten heilsam ist, wenn wir nur unserem eigenen Willen folgen. Im Gegenteil, viele Probleme entstehen genau dadurch, dass uns unsere Ideen und Einsichten oft so wichtig sind.
Das erste Problem ist, dass wir uns durch unser eigenes Den-ken oft unter Leistungsdruck setzen. Es verursacht Unruhe und Hektik, ist anstrengend und macht uns müde. Irgendwann sind wir erschöpft und haben keine Kraft mehr. Das ist die eine Grenze, an die wir früher oder später geraten.
Dazu kommt, dass sich in unser Denken immer auch trübende Elemente mischen. Das sind unsere z.B. unsere Wünsche und Phantasien, Erwartungen und Illusionen. Wir sind ja nie ganz frei davon, und dadurch werden wir unseren Mitmenschen gegenüber leicht einmal ungerecht. Wir überschätzen unsere Möglichkeiten, werden laut und machen uns und andere scheu. Wir verlieren viele unnötige Worte, verschwenden Energie und verletzen uns gegenseitig. Oft entstehen mehr Probleme, als dass welche gelöst werden, denn viele Beziehungen werden belastet und möglicher weise sogar zerstört. Oft spielt Gewalt in unser Handeln mit hinein, denn sie äußert sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Konflikte und Spaltungen sind die Folgen, und im schlimmsten Fall Mord und Totschlag.
Die schrecklichsten Beispiele dafür sind die Fanatiker, Terro-risten oder die Nationalsozialisten. An ihnen erkennen wir, wie schnell wir in die Irre geleitet werden können, und wo uns das hinführt. Da ist es dann wirklich finster, denn es herrschen Bosheit und Lüge. Die Dunkelheit bricht herein, Unfrieden, Krieg und Zerstörung breiten sich aus.
Das meint Jesus mit der „Finsternis“, und wir sollten seine Aussagen doch ernst nehmen. Denn die Finsternis ist für uns eine Gefahr. Selbst wenn wir nicht gänzlich darin gefangen sind, es ist schon schlimm, wenn wir uns überhaupt in diese Richtung bewegen. So weit sind wir von der Dunkelheit, die uns verschlingen kann, dann nicht mehr entfernt, und es ist gut, wenn wir auf die Worte Jesu hören.
Sie können uns retten und bewahren, denn er bringt uns ein Licht, das größer und heller ist, als all unsere Gedanken und Gefühle. Es hat eine ganz andere Qualität, denn es ist nicht von dieser Welt. Es kann deshalb alles durchdringen und leuchtet tiefer in unsere Wirklichkeit hinein, als unsere eigenen Lichter es jemals können. Sie verblassen dagegen geradezu. Jesus kann uns eine Klarheit schenken, die unser eigenes Fühlen und Nachdenken bedeutungslos macht.
Und zu diesem Licht und dieser Klarheit sind wir heute einge-laden. Wir sollen seinen Geist empfangen, sein Feuer soll in uns brennen und sein Licht in uns leuchten. Wenn wir es gewinnen wollen, ist es deshalb gut, wenn wir zunächst einmal inne halten und ruhig werden, unsere eigenen Gedanken loslassen, egal, wie gut wir sie finden. Anstatt etwas zu tun, müssen wir ins Licht Christi schauen, auf ihn, und uns von ihm erfüllen lassen. Er möchte uns sein Licht und seine Klarheit schenken, uns reinigen und erleuchten. Er verkündet uns, dass die Lösung unserer Probleme längst da ist. Wir müssen gar nicht so viel machen, nicht die Welt verbessern oder andere Menschen belehren, niemanden retten oder heilen. Das kann Jesus viel besser und er will es auch. Denn mit ihm ist Gott in diese Welt gekommen. Er ist für uns gestorben und auferstanden, und die Ewigkeit steht offen. Wir haben keine andere Aufgabe, als seinen Geist zu empfangen und in seinem Licht zu wandeln. Das reicht schon aus, wenn wir etwas Gutes tun wollen. Denn das hat Folgen.
Wir werden ruhig und fest, Freude und Gelassenheit ziehen in unseren Geist ein. In unserer Seele entsteht Frieden. Und wenn das so ist, bringen wir mehr in die Welt, als alle anderen, denn wir bringen „Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“, wie es im Epheserbrief heißt. Es herrschen also nicht mehr Rechthaberei und Gewalt, sondern Freundlichkeit und Erbarmen. Fairness und Redlichkeit bestimmt unser Handeln, wir erlangen Sicherheit und Gewissheit. Und das wichtigste, das wir den Menschen geben können, was ihnen am meisten fehlt, ist das ewige Licht. Es kann sich durch uns ausbreiten und vermehren und diese Welt heller und wärmer machen.
Lassen Sie uns deshalb dem Aufruf Jesu folgen und „Kinder des Lichtes“ werden.
Amen.
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Seid barmherzig!

Predigt über Lukas 6, 36- 42

4. Sonntag nach Trinitatis, 28.6.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

In dem Gottesdienst wurden zwei Babys getauft.

Lukas 6, 36- 42

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn aeben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.
39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?
40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.
41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?
42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Liebe Gemeinde.
„Zu ihrem Sohn hatte sie keinen Kontakt mehr.“ Diesen traurigen Satz höre ich manchmal bei Beerdigungsgesprächen: Eltern und Kinder haben sich aus irgendeinem Grund entzweit. Leider gibt es so etwas in vielen Familien. Ursachen sind Meinungsverschiedenheiten und Konflikte, Enttäuschungen oder Verletzungen. Auch im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde oder im Verein ereignet sich so etwas.
Denn so sind wir Menschen: Wir denken alle unterschiedlich, haben gegensätzliche Bedürfnisse und können die Meinung und das Handeln der anderen manchmal nicht ertragen. Dazu kommt das Bestreben, Recht zu behalten und sich durchzusetzen. Und so kommt es zu Spaltungen und Zerwürfnissen.
Die Zeitung besteht eigentlich nur aus solchen Nachrichten: Überall in der Welt gibt es Streit und Konflikte, einige sind harmlos, andere wiegen schwer. Politische, weltanschauliche oder religiöse Auseinandersetzungen führen zu Beschuldigungen, Verleumdungen und leider oft zu Kriegen.
Und das war schon immer so, seit es die Menschheit gibt. Auch Jesus kannte dieses Phänomen und er hat darunter gelitten. Er sah, wie destruktiv die Menschen oft miteinander umgehen, und er hat etwas dagegen gesetzt. Wir haben es in der Lesung vorhin gehört. Sie ist ein Teil aus der sogenannten „Predigt auf dem Felde“, die wir im Lukasevangelium finden, der Parallele zur Bergpredigt bei Matthäus. Von daher kennen wir die Aussagen auch. Sie handeln von der „Stellung zum Nächsten“ und werden mit dem Aufruf zur Barmherzigkeit eingeleitet. Es geht um Verständnis füreinander und um die Annahme von Mitchristen und Mitchristinnen als Geschwister innerhalb der Gemeinschaft. Der Grund zu dieser Aufforderung, liegt in der Barmherzigkeit Gottes.
Konkret bedeutet das: Nicht richten und nicht verurteilen. Oft führen die Maßstäbe, die jemand durch den Glauben gewonnen hat, zu rigorosen Verdammungen. Davor sollen die Christen sich hüten. Jesus weist dafür auf das Gericht Gottes am Ende der Zeiten hin: Da entscheidet sich alles, vorher sollen die eigenen, menschlichen Normen nicht die Barmherzigkeit verdrängen. Das wird durch zwei praktische Forderungen ergänzt: Einmal sollen wir Gnade walten lassen, einander vergeben und uns von unserer Schuld befreien. Und zum anderen sollen wir geben, d.h. einander beschenken, mit den irdischen Gütern also nicht geizen, sondern freizügig sein.
Und dann folgt das bekannte Bild vom „Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen Auge.“ Wenn wir uns das konkret vorstellen, ist klar, dass ein Balken im eigenen Auge blind macht. Das Fatale ist, dass wir genau das Gegenteil denken: Wir meinen, wir sehen klar und spielen uns als „Blindenführer“ auf. Dabei merken wir nicht, dass wir selber gar nichts sehen, und so „fallen beide in die Grube“. Wer seine Mitchristen unbedingt ändern und bessern will und nicht mehr merkt, was er selber alles falsch macht, führt sich und die anderen ins Verderben.
Mit diesem harten Bild warnt Jesus seine Jünger eindringlich vor dem gegenseiteigen Richten. Und diese Mahnung sollen sie auch nicht dadurch außer Kraft setzen, dass sie als Jesusjünger denken, vielleicht etwas Besseres oder sogar „über dem Meister“ zu sein. Sie sollen vielmehr ganz auf die Kritik innerhalb der Gemeinde verzichten. Jeder soll zuerst seine eigenen Fehler beseitigen, bevor er sich anderen als Helfer anbietet. Alles andere ist Heuchelei.
Das ist der Predigttext von heute, und der ist auf dem Hintergrund unsres üblichen Umgangs miteinander geradezu revolutionär. Bei einem Streit sehen wir normalerweise nur die Fehler der anderen, „die Splitter in ihren Augen“. Wir geben ihnen die Schuld, finden sie gemein und ungerecht, egoistisch und herrschsüchtig. Dagegen stellt Jesus seine Aussagen. Er entwirft hier ein völlig neues Bild vom menschlichen Zusammensein, er schlägt etwas vor, was alle herkömmlichen Muster umkrempelt. Und das ist gut, denn er öffnet damit ganz neue Möglichkeiten, aus vertrackten und verfahrenen Situationen herauszukommen.
Das wünschen wir uns ja eigentlich. Keiner will einen Konflikt wirklich. Im Grunde wollen wir Ruhe haben. Und wir denken, sie tritt ein, wenn der andere sich endlich fügt, endlich tut, was wir wollen, oder noch besser, verschwindet. Wir wollen „den Splitter entfernen“, d.h. die Störung beseitigen, sie loswerden, und schlagen dafür manchmal wild um uns. Zu einer Lösung führt das allerdings nicht, im Gegenteil, normalerweise wird der Streit dadurch nur noch schlimmer. Die Situation eskaliert und alles geht kaputt.
Ein Ausweg öffnet sich nur dann, wenn jeder und jede bei sich selber anfängt, vom anderen ablässt und sich selbst erforscht. Doch das scheint ganz schwierig zu sein. Warum tun wir das so selten? Es fällt uns unwahrscheinlich schwer. Und das liegt wahrscheinlich daran, dass wir Angst davor haben. Was bekommen wir denn zu sehen, wenn wir in uns blicken? Es können unangenehme Dinge sein, auf jeden Fall entdecken wir dabei nicht nur Schönes. Es sind „die Balken im eigenen Auge“, d.h. Fehler und Schwächen treten zu Tage, und die beunruhigen uns. Führt es nicht in die Niederlage, wenn wir sie zugeben? Wir fürchten uns vor den negativen Seiten in unsrer Seele und unserem Verhalten, weil wir uns dabei zu verlieren drohen. Es fühlt sich an, als würden wir untergehen. Es hat etwas Selbstzerstörerisches an sich, das ist jedenfalls unser spontanes Empfinden.
Doch so sind die Mahnungen Jesu nicht gemeint. Von einer krampfhaften Selbstzerknirschung ist hier nicht die Rede. Es geht in einem ersten Schritt vielmehr darum, dass wir uns selber überhaupt spüren. Anstatt in einem Konflikt nur auf den anderen zu starren und ihn ändern zu wollen, sollen wir uns fragen: Was ist eigentlich mit mir los? Was bewegt mich denn? Was erfüllt mich gerade? Dabei stellen wir zunächst fest, dass es wahrscheinlich Wut und Angst ist, Misstrauen und Sorge, und das sind lauter negative Kräfte. Die tun uns gar nicht gut. Trotzdem lassen wir sie ungehemmt zu und versinken darin manchmal. Das gilt es zunächst einmal zu erkennen. Wir müssen es nicht verurteilen oder abschalten, sondern anschauen und wahrnehmen, denn dadurch tauchen wir daraus bereits auf. Wir steigen aus der zerstörerischen Dynamik eines Konfliktes aus und machen uns von unseren Festlegungen frei. Und das ist in Wirklichkeit gar nicht so schwer, wir müssen nur darauf kommen und dazu bereit sein.
Dann verändert sich auch unser Verhalten. Das ist der nächste Schritt. Es gibt dazu in der Gesprächsführung sogar eine Methode. Erfahrene Gesprächsleiter oder Gesprächsleiterinnen laden die Kontrahenten z.B. gerne dazu ein, dem anderen keine Vorwürfe mehr zu machen, sondern von sich selber zu reden, sogenannte Ich-Botschaften zu senden. Der oder die andere wird eingeladen, dabei einmal nur zuzuhören. So wird eine positive Energie freigesetzt, die oft schon zu einer Lösung des Konfliktes führt. Wir können uns entspannen, sehen klarer und erkennen, was den anderen wirklich bewegt. Menschen, die sich streiten, finden wieder zueinander, wenn sie sich ernsthaft darum bemühen.
Und als Christen sollte uns das erst recht möglich sein, denn wir haben immer jemand Drittes in unserer Mitte: Es ist Jesus Christus, der uns mit der positiven Kraft versorgt, die wir brauchen. Wir müssen nur auf ihn blicken, ihm vertrauen und uns für seine Gegenwart öffnen. Dann empfangen wir Barmherzigkeit, und die setzt sich durch. Das ist das Dritte. Im Glauben an Jesus Christus kann uns gar nichts passieren, selbst wenn wir Fehler und Schwächen haben, denn er nimmt uns persönlich auf jeden Fall so an, wie wir sind. Er liebt uns alle und schenkt uns seine Kraft. Es ist die Kraft der Gnade, des Vertrauens und Wohlwollens. Damit erfüllt er uns, und das kann alles heilen. Unsere Seele kommt zur Ruhe. Ärger, Angst und Enttäuschung weichen. Das Negative löst sich ins Nichts auf. Wir legen Lasten ab, und es wird etwas neu. Die Dinge rücken sich zurecht. Das Kleine wird klein, und das Große wird groß. Wir werden fähig, zuzugeben, dass der oder die andere doch nicht so ganz verkehrt liegt, dass wir selber auch Fehler gemacht haben. Wir können über unsren eigenen Schatten springen und uns entschuldigen.
Und das wünsche ich der Welt und unserem Land, jeder Familie, jedem Freundeskreis und jeder Gemeinde, dass die Kraft der Liebe Christi uns Frieden ermöglicht.
Besonders wünsche ich es den Familien, deren Kinder heute getauft werden. Sie haben beide gerade damit angefangen, eine Familie zu sein: Christian Erichsen ist letztes Jahr im August geboren, Max Ehlers kam im Februar zur Welt, und sie sind beide der jeweils erste Sohn. Durch die Taufe werden sie mit Jesus Christus verbunden. Er nimmt sie an, er schenkt ihnen seine Liebe, und darauf dürfen auch ihre Eltern und Großeltern, Paten und Verwandten vertrauen. Dann haben Sie immer jemanden in der Mitte Ihrer Familie, von dem eine positive Kraft ausgeht. Wenn Sie an ihn glauben, dann wird es nie dazu kommen, dass der Kontakt zu Ihrem Sohn aus irgendeinem Grund einmal abbricht. Dann wird die Liebe und die Barmherzigkeit Sie immer wieder auffangen und erfüllen und Sie durch alle Höhen und Tiefen Ihres gemeinsamen Lebens begleiten.
Amen.

Die große Einladung

Predigt über Lukas 14, 15- 24: Das große Abendmahl

2. Sonntag nach Trinitatis, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 14, 15- 24:

15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!
16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.
17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!
18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.
21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.
22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.
24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Liebe Gemeinde.
„Komm her!“ Diesen Befehl hören und gebrauchen wir alle ganz oft. Ich selber sage ihn wahrscheinlich am meisten zu unserer Hündin, und wir haben gleich am Anfang gelernt: Wenn sie gehorchen soll, muss es sich für sie lohnen, zu uns zu kommen. Das muss schöner und spannender sein, als alles andere, was sie gerade tut. So einigermaßen hat sie das auch gespeichert, sie befolgt den Befehl ganz gut.
Bei Menschen ist es etwas einfacher, denn die verstehen ja, was die Worte bedeuten. Sie wissen, „kommen“ heißt, sich in Bewegung zu setzen und zu der Person hinzugehen, die ruft.
Die Gründe, warum wir als Menschen zu jemandem kommen, sind deshalb vielschichtiger. Wenn ein Lehrer z.B. „Komm her“ sagt, weil ein Schüler etwas ausgefressen hat, geschieht es aus Angst. Bei Erwachsenen kann Höflichkeit ein Grund sein, Pflichtbewusstsein oder ein hierarchisches Gefälle. Es muss sich nicht immer lohnen, sondern gehört sich eben.
Auf jeden Fall entscheiden wir, ob wir dem Befehl bzw. der Einladung folgen. Wir können sie auch ausschlagen und nicht kommen.
So etwas geschieht in dem Gleichnis, das wir vorhin gehört haben. Es handelt vom „Großen Abendmahl“, oder von der „großen Einladung“. Sie kennen es sicher alle, denn es ist eine der bekanntesten und schönsten Geschichten im Neuen Testament. Jesus erzählt es an einem Sabbat im Haus eines oberen Pharisäers. Er war dort zu Gast und saß mit anderen an einem Tisch. Er hatte mit ihnen bereits über Fragen der Frömmigkeit gesprochen. Ein Mann spricht nun ein weiteres Thema an, und zwar die Teilhabe am Reich Gottes nach der Auferstehung. Er stellt es sich wie ein Festmahl vor, und preist diejenigen „selig“, die daran teilnehmen. Damit ist das Gleichnis gut eingeleitet, denn nun will Jesus erklären, wer an diesem Tisch Gottes sitzt und sich „selig preisen“ darf.
Die Hauptperson ist ein Hausherr, „ein Mensch“, wie es wörtlich heißt. Näheres wird über ihn nicht gesagt. Und es gibt auch keinen offensichtlichen Anlass, warum er zu einem „Abendessen“ einlädt. Der Grund für das Fest ist einfach nur die Freude am Leben und am Zusammensein. Essen und Trinken sind dafür ja auch immer ein sehr gutes Mittel. Bei einem festlichen Mahl erfahren wir Gemeinschaft und Nähe, wir sind fröhlich und gut gestimmt. Und das wollte „der Mensch“ hier mit seinen Freunden einfach einmal erleben. Sie hatten deshalb auch alle rechtzeitig Bescheid gekriegt, sie waren lange vorher eingeladen worden.
Aber dann passiert das Ärgerliche: Einer nach dem anderen sagt ab. Die ersten beiden, weil sie gerade Neuanschaffungen getätigt haben: Der eine hat einen Acker erworben, der andere ein Gespann Ochsen. Und sie müssen sich das jetzt erst mal angucken. Der dritte sagt ab, weil er gerade geheiratet hat, er will wohl mit seiner Frau zusammen sein. Das kann man zwar verstehen, aber so ganz plausibel sind die Entschuldigungen nicht. Dabei ist klar, dass das nur Beispiele sind. Sie stehen für alle Geladenen, die auf das Kommen aus verschiedenen Gründen verzichten. Nichts von dem, was sie vorbringen, hätte sie von der Teilnahme an dem Fest abzuhalten brauchen. Sie reden sich heraus. Es liegt also eine offensichtliche Geringschätzung der Einladung vor, eine Missachtung und Beleidigung des Gastgebers.
Der wurde darüber auch zu Recht wütend. Was sollte er tun? Das Fest einfach ausfallen lassen oder verschieben? Das passiert hier nicht.
Er lädt vielmehr kurz entschlossen andere Gäste ein. Zweimal schickt er seine Knechte los, um die Menschen hereinzuholen, die sonst nie eingeladen werden, die von anderen verachtet werden, die man deshalb auch auf den „Straßen und Gassen der Stadt“ findet: „die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen“. Die galten in der damaligen Gesellschaft als Ausgestoßene, keiner beachtete sie, weil sie als minderwertig galten. Mit Sicherheit freuen sie sich jetzt, sind bestimmt überrascht und überwältigt und kommen sofort mit. Die zweite Gruppe ist dann nicht viel anders. Es sind die, die außerhalb der Stadt, „auf den Landstraßen und an den Zäunen“ stehen, also Fremde und Reisende. Auch sie kommen sicher gerne.
Und so kann das Fest stattfinden. Das Haus ist gefüllt und alle freuen sich. Nur die Zuerst Geladenen, die kommen jetzt nicht mehr hinein, der Hausherr will nichts mehr von ihnen wissen, es kommt zum Bruch mit ihnen.
Das ist das Gleichnis, das Jesus hier erzählt, und es soll – wie gesagt – ein Sinnbild für das Reich Gottes sein: Es ist wie ein Fest, zu dem Gott einlädt. Dabei ruft er nicht nur die Frommen aus dem Volk Israel. Die sind hier nämlich mit den zuerst Geladenen gemeint. Er sucht vielmehr alle, besonders aber die Notleidenden und Hilfesuchenden, die Fremden und Ausgestoßenen. Sie brauchen keinerlei Voraussetzung, sie müssen einfach nur kommen.
Damit beschreibt das Gleichnis den Kern der christlichen Verkündigung: Gott lädt alle zu sich ein. Das Gleichnis enthält die Botschaft, dass christlicher Glaube wie die Teilnahme an einem Fest ist, zu dem jeder kommen kann. Jesus hat das nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt. Wenn man die Evangelien liest, entdeckt man, dass er selber offensichtlich gerne gefeiert hat. Er liebte Feste, ließ sich von allen möglichen Leuten einladen und veranstaltete selbst offene Mahle. Dabei war er heiter und ließ die Menschen etwas von der Güte Gottes erfahren. Deshalb steht in der Mitte seiner Verkündigung immer wieder dieses Bild einer fröhlichen Mahlgemeinschaft. Die Türen dazu stehen jedem offen, und das Gleichnis will uns dazu ermahnen, auch hineinzugehen in diesen Festsaal.
Die Frage, ist bloß, ob wir das überhaupt möchten und können. Wollen wir zu so einer Festgemeinschaft dazugehören? Jesus sagt zu uns: „Kommt her!“, aber lohnt sich das auch für uns? Ich sagte ja, dass wir uns letzten Endes immer entscheiden, ob wir so einer Einladung folgen.
Wenn ich mir die Menschen vorstelle, die an dem Mahl in dem Gleichnis teilnehmen, dann muss ich z.B. an den Geruch denken, mit dem dieser Saal gefüllt wird, an den Dreck und die Lumpen, auch an das Elend, das diese Menschen ja mitbringen, das Leid und die Traurigkeit. Kann da überhaupt Feststimmung aufkommen? Außerdem hat es etwas Demütigendes an sich, zu dieser Gruppe der Eingeladenen zu gehören. Wir sehen uns selber doch ganz anders.
Es liegt uns nicht fern, genauso zu handeln, wie die Erstgeladenen. Sie hatten alle etwas Interessanteres zu tun. Sie wollten sich mit Dingen beschäftigen, die ihnen Spaß machten. Und das ist auch für uns meistens ein entscheidendes Kriterium, nach dem wir uns entscheiden. Wir tun, was uns Freude verspricht, und sind dabei auf alle möglichen weltlichen Dinge fixiert: Unseren Wohlstand, zu dem die Wohnung oder das Haus gehören, Kleidung, Essen und Trinken. Abwechslung, Spaß und Vergnügen locken uns am ehesten. Wenn jemand uns dazu einlädt, kommen wir gern. Auch die Familie ist uns wichtig, die Ehefrau oder der Ehemann, wie in unsrem Gleichnis, Kinder und Enkel, Verwandte und Bekannte.
Das ist zwar alles ganz natürlich, aber genau deshalb erzählt Jesus das Gleichnis. Er will uns ermahnen, all das nicht als Ausrede zu benutzen, seiner Einladung zu folgen. Und es ist gut, wenn wir darauf einmal hören, denn leider schlagen auch wir sie oft aus. Es ist irgendwie unattraktiv und langweilig, sich zu viel mit dem Glauben zu beschäftigen. Was heißt das auch schon? Sollen wir immer in die Kirche gehen, in der Bibel lesen und beten? Die anderen Dinge sind faszinierender. Sie scheinen mehr Glück und Freude zu versprechen.
Aber ist das eigentlich wirklich so? Lassen Sie uns einmal genau hinschauen, was passiert, wenn wir uns tatsächlich nur auf die Welt festlegen. Macht uns das glücklich? All die schönen Dinge können uns ja auch verloren gehen. Sie haben keinen Ewigkeitswert und nützen uns oft gar nichts. Es muss z.B. nur eine Krankheit kommen, die uns zu schaffen macht, schon ist die Ruhe dahin. Und die Familie ist auch nicht immer so, wie wir sie uns wünschen. Viele Ehen gehen auseinander, es gibt überall Konflikte und immer wieder Ärger.
Und das können wir auch nicht schönreden. Natürlich versuchen wir, unser Leben immer so glänzend wie möglich zu sehen. Wir bemühen uns, die Unvollkommenheit zu vertuschen und etwas anderes darzustellen. Wir schämen uns für unsere Fehler und Schwächen, allerdings nur heimlich, es soll am liebsten niemand merken. Und genau das ist anstrengend und funktioniert irgendwann nicht mehr. Da bricht doch alles zusammen.
Es ist deshalb gut, wenn wir uns eingestehen: So einfach ist es gar nicht, das Glück in der Welt zu finden, so leicht gelingt unser Leben nicht. Unsre Wünsche stimmen in weiten Strecken nicht mit der Wirklichkeit überein. Es gibt viel mehr Enttäuschung, Elend und Not, als uns lieb ist.
Und genau dahinein verkündet uns Jesus: Lasst das einfach zu, seid ehrlich zu euch selbst. Es macht nichts, wenn ihr zu den „Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen“ gehört. Um am Leben teilzuhaben, müsst ihr das nicht abschaffen, im Gegenteil: Ich heiße euch so willkommen, wie ihr seid. Wir müssen bei ihm keine Rolle spielen, keine Fassade aufbauen. Es ist keiner besser oder schlechter, sondern letzten Endes ist jeder bedürftig: Wir sind oft „arm“ an Liebe, „verkrüppelt“ in unserer Seele, „blind“ für die Wahrheit und „geistig“ gelähmt. Das ist das Eine, was wir hier erkennen sollen.
Das Zweite besteht darin, endlich zu Jesus zu gehen, bei ihm unsre Zuflucht zu suchen. Und das kann durchaus heißen, alles andere einmal zu lassen, Abstand zu nehmen von den Dingen, die uns normaler Weise faszinieren, und uns ganz auf ihn auszurichten. Dafür ist es gut, wenn wir unsre Lebensführung immer wieder überdenken und gegebenenfalls korrigieren. Wir müssen uns frei machen, auch einmal auf die Erfüllung unsrer Wünsche verzichten und unsre Gedanken an die Welt, uns selbst und andere Menschen ablegen. Es ist nicht sinnvoll, sie immer zur Anleitung für unser Handeln zu machen. Besser ist es, sie gelegentlich vorbeiziehen zu lassen, gegenwärtig zu sein, zur Ruhe zu kommen, und auf die Stimme Jesu zu achten, der sagt: „Kommt her!“ Auf sie gilt es zu hören und ihr zu folgen. Wir sollen an Jesus glauben, ihm vertrauen und uns von ihm lieben und beschenken lassen.
Ein schönes, konkretes Zeichen ist dafür das Abendmahl. Es ist eine Handlung, in der die Einladung Jesu an uns jedes Mal lebendig wird. Wenn wir ihr folgen, können wir die Erfahrung machen, dass er uns liebt und annimmt. Er selber ist im Abendmahl gegenwärtig, wir erfahren dabei seine Nähe, und es entsteht neue Gemeinschaft untereinander.
Und das ist das Dritte: Durch die Einladung Jesu und unsre Bereitschaft, ihr zu folgen, verändert sich etwas. Wenn wir uns noch einmal die Menschen in dem Gleichnis vorstellen, dann kann man sagen, dass der Schmutz von ihnen abfällt. Die Traurigkeit weicht, das Elend hat ein Ende. Sie werden hineingenommen in etwas Neues und Schönes. Die Atmosphäre ist nicht durch ihr Leid geprägt, sondern im Gegenteil: Durch das Fest verschwindet die Not. Es kommt Freude auf, weil sie dabei sein dürfen. Nicht der Raum, in den sie eintreten, verändert sich durch ihr Auftauchen, sondern dieser neue Raum verändert sie, weil sie eine ganz neue Erfahrung machen: Sie können kommen, wie sie sind, ohne irgendeine Voraussetzung.
Und das gilt auch für uns. Auch uns bietet Jesus einen Raum an, in dem wir so sein können, wie wir sind. Der Glaube fordert nur unsere Einwilligung, unsere Bereitschaft, seiner Einladung zu folgen.
Und wenn wir das tun, dann können auch wir merken, wie sich bei uns etwas verändert. Es tut in Wirklichkeit gut, einmal einfach nur da zu sein, ohne etwas vertuschen oder darstellen zu müssen. Alles, was wir eventuell verkehrt gemacht haben, wird uns vergeben, wir müssen uns für nichts schämen. Das Leben darf unvollkommen sein. Wenn wir das erkennen, wird es viel einfacher und erhält eine ganz neue Qualität. Wir empfangen Heilung an Leib und Seele, werden aufgerichtet und leicht, wir sehen klar und bekommen neue Kraft. Was unter uns zerrissen war, wird wieder hergestellt, wo Spaltungen waren, zieht neues Vertrauen ein. Wir werden lebendig und fühlen uns frei, es entstehen Glück und Dankbarkeit.
Es lohnt sich also, der Einladung Jesu zu folgen, auf seinen Ruf zu hören: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, 28)
Amen.

Himmlisch leben

Predigt über Lukas 24, 50- 53: Jesu Himmelfahrt

Himmelfahrt, 14.5.2015, 19 Uhr, Jakobikirche Kiel

Lukas 24, 50- 53

50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.
51 Und es geschah, als er sie segnete,
schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Himmelfahrt001

Liebe Gemeinde.

Es gibt viele Darstellungen der Himmelfahrt Christi. Alle Maler haben sich dabei an die biblische Erzählung gehalten. Trotzdem haben sie dieses Motiv ganz unterschiedlich umgesetzt. Auf den Bildern aus der Romantik sind z.B. Wolken zu sehen, in die Christus entschwebt, Engel, die ihn umgeben, dazu manchmal Mose und der Prophet Elia, der Himmel, der sich öffnet und ein Lichtstrahl, der von dortauf die Erde fällt. Unten sieht man die Jünger und andereMenschen, die nach oben blicken oder ratlos einander anschauen.
Ältere Darstellungen sind anders. Sie verzichten auf das ganze himmlische Spektakel und zeigen von Christus nur die Füße am oberen Bildrand in einer Wolke. So ist es auch auf dem Holzschnitt von Albrecht Dürer, den ich auf dem Zettel kopiert habe. Auf einem romanischen Türrelief aus dem 13. Jahrhundert und vielen anderen Bildern gibt es ebenfalls so eine Darstellung. Auch Cranach hat das noch übernommen.
Das finden wir inzwischen natürlich eher lustig, denn so naturalistisch und naiv stellen wir uns die Himmelfahrt nicht vor. Diese Ausführung sagt ja auch nicht viel aus. Sie zeigt eigentlich nur, dass Christus jetzt verschwindet, dass von ihm bald nichts mehr zu sehen sein wird, und dass die Jünger ohne ihn weiterleben müssen. Meistens schauen sie deshalb etwas ängstlich drein, sie wirken unsicher und verloren.
Und das ist in der Tat nicht alles, was es an der Himmelfahrtsgeschichte zu illustrieren gibt. Die späteren Maler haben recht, wenn sie das Ereignis großartiger ausgestalten, denn in der Bibel wird ebenfalls noch mehr erzählt.
Wir finden die Geschichte bei dem Evangelisten Lukas, und zwar zweimal. Er hat ja auch die Apostelgeschichte geschrieben, und die beginnt mit der Himmelfahrt Christi. Sein Evangelium endet damit. Sie ist also das Bindeglied zwischen der Zeit Jesu auf Erden und dem anschließenden Wirken der Jüngerl. Jesus verabschiedet sich von ihnen, aber das tut er nicht einfach nur so. Die zentrale Handlung ist dabei vielmehr die Segnung der Jünger.
Ein letztes Mal war er mit ihnen an einen Ort in der Nähe von Jerusalem gegangen, den sie bereits kannten, nach Betanien. „Dort hob er die Hände auf und segnete sie“, wie Priester das am Ende eines Gottesdienstes tun. Und dabei entschwindet er. Es gab so eine Entrückung in den Himmel schon einmal in der jüdischen Geschichte. Der Prophet Elia verließ auf dieselbe Weise die Erde. Hier fährt nun allerdings kein sterblicher Mensch in den Himmel, sondern der Auferstandene. Die Anwesenden fallen vor ihm nieder und „beteten ihn an“, wie es weiter heißt. Das hatten sie in dieser Form noch nie getan. Bis dahin hatten sie nur Gott angebetet. Nun gebührt auch seinem Sohn diese Ehre, denn mit seiner Aufnahme in den Himmel wird er vergöttlicht. Die Jünger werden zu Empfängern seines Segens, und darum sind sie auch nicht traurig. Im Gegenteil, große Freude beherrscht sie, und sie tragen den Segen mit sich. Sie wissen jetzt, was sie tun sollen, weil er es ihnen gesagt hat, und können seinem Willen entsprechen: Sie bleiben in Jerusalem und warten, bis sie mit dem Heiligen Geist ausgerüstet werden. Dieses Warten wird mit anhaltendem Lob Gottes im Tempel positiv gefüllt.
Es geschieht also wirklich weit mehr, als dass Jesus verschwindet. Das tut er in Wahrheit gar nicht. Seine Aufnahme in den Himmel bedeutet vielmehr, dass sein Machtbereich ausgedehnt wird. Er ist nicht weg, sondern nun ist er überall. Seine Gegenwart wird universal, sie umfasst Himmel und Erde.
Deshalb heißt es in dem Himmelfahrtslied von Bartholomäus Gesius, das wir vorhin gesungen haben, z.B.: „Gen Himmel aufgefahren ist der Ehrenkönig Jesus Christ. Er sitzt zu Gottes rechter Hand, herrscht über Himmel und alles Land.“ (EG 119,1) Und Philipp Hiller hat gedichtet: „Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen, Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.“ (EG 123,1) Himmelfahrt handelt von der Thronbesteigung Jesu, von seinem Antritt als Weltherrscher. Und diese Weltherrschaft hat er bis heute. Sie dauert bis in alle Ewigkeit, so ist unser Glaube. Wir bekennen ihn jedes Mal, wenn wir sprechen: „Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“
Aber sind wir davon auch überzeugt? Merken wir davon eigentlich etwas? Wie regiert er denn nun? Es scheint sich seitdem ja nichts in der Welt geändert zu haben. Wir erleben niemanden, der endlich einen weltweiten Frieden einführt, der allem Leid ein Ende setzt, der dem Morden Einhalt gebietet, den Hunger bekämpft oder Krankheiten abschafft. Schön wär’s, aber dem ist nicht so. Das denken wir und fragen uns: Wozu feiern wir dieses Fest eigentlich? Beinhaltet es nicht nur eine Phantasievorstellung, die im Grunde genommen völlig unrealistisch ist? Wir zweifeln oft an der Weltherrschaft Christi.
Und natürlich ist das berechtigt, wir müssen uns schon Gedanken darüber machen, was Christus denn nun tut und kann. Doch dabei sollten wir nicht nur die Glaubensaussagen unter die Lupe nehmen und die biblische Geschichte analysieren, sondern auch unsere Fragen, und uns klar machen, warum sie entstehen. Sie entspringen nämlich einem bestimmen Bewusstsein, einer geistigen Voraussetzung, die wir eingestehen müssen. Und zwar stellen wir sie dann, wenn wir nur in diese Welt schauen.
Unser Blick kann ja in ganz verschiedene Richtungen gehen, nach vorne oder nach hinten, nach links oder nach rechts, nach unten oder nach oben. Und um diese letzte Richtung geht es heute, um den Blick nach oben, den vergessen wir nämlich oft. Wir bleiben am liebsten horizontal ausgerichtet, schauen um uns herum, gucken uns die Welt an, und sehen, was vor Augen liegt. Von daher kommen wir dann zu unseren Schlussfolgerungen und Ergebnissen.
Der Glaube beinhaltet aber noch mehr, und daran werden wir am Himmelfahrtstag erinnert: Er erschöpft sich nicht in der Welt, sondern ist zuerst etwas Vertikales. Glauben heißt, nach oben zu schauen, zu Gott in Beziehung zu treten, sich von ihm anrühren und innerlich empor ziehen zu lassen. Dann sehen und erleben wir noch viel mehr, als nur diese Welt mit all ihren Nöten. Wir merken, es gibt eine Kraft, die vom Himmel kommt, die ordnet und Klarheit schafft, die Ruhe und Frieden schenkt. Wir werden heute dazu eingeladen, diesen Blick nach oben zu wagen, uns der Herrschaft Christi zu unterstellen und „himmlisch zu leben“.
Lassen Sie uns deshalb fragen, was das bedeutet und wie wir vorgehen müssen, damit das auch geschieht. In drei Schritten können wir es uns klar machen.
Der erste Schritt besteht darin, dass wir das irdische Leben relativieren, d.h. ihm seine absolute Bedeutung nehmen. Das tun wir normalerweise nämlich nicht. Wir sind vielmehr sehr stark auf das fixiert, was wir hier vorfinden, was wir sehen, hören und erleben. Es hält uns in Atem und beherrscht unser Denken und Fühlen. Wir sind erfüllt von unseren Sorgen und Nöten, von Vorgängen in der Familie oder im Freundeskreis, von der Politik und dem Weltgeschehen. Über irgendetwas machen wir uns immer Gedanken. Es kann etwas Schönes oder auch etwas Schweres sein. Die Geburt eines Kindes oder eine Krankheit, ein Geschenk oder ein Verlust, ein Erfolg oder eine Niederlage. Das ist bei jedem und jeder von uns anders. Ähnlich ist nur, dass uns diese Ereignisse besetzen, und wir sie für die ganze Wirklichkeit halten.
Und das gilt es, zu durchbrechen. Wir müssen unsere Erlebnisse wie gesagt relativieren, d.h. einmal loslassen. Ganz gleich, was uns gerade beschäftigt, es ist nicht die ganze Wirklichkeit. Wir können getrost einmal aufhören, darüber dauernd nachzudenken. Es gilt, eine Pause einzulegen, Abstand zu dem nehmen, was uns umtreibt, und ruhig zu werden.
Es gibt dazu ein schönes Lied von August Herman Franke, einem deutschen evangelischen Theologen und Kirchenliederdichter aus dem 19. Jahrhundert, das wir nachher noch singen werden. Es beginnt mit der Aufforderung: „Nun aufwärts froh den Blick gewandt.“ (EG 394) Und in der zweiten Strophe braucht der Dichter für das, was ich eben beschrieben habe, den schönen Ausdruck: „Vergesset, was dahinten liegt“, d.h., lasst es hinter euch, legt es ab, ignoriert es und beachtet es nicht mehr. Denn es „beschwert nur euren Weg“, wie der Dichter sagt. Es lohnt sich mehr, sich an ganz andere Dinge zu erinnern, nämlich an „das, was ewig euer Herz vergnügt“. Es bedeutet zwar ein „Opfer“ zu bringen, d.h. zu verzichten, aber dadurch werden wir frei. Denn die Welt „hält uns nur gefangen“, und es gilt, sie „abzuwerfen“, wie der Dichter weiter formuliert. Und das ist der erste Schritt zu einem „himmlischen Leben“.
Der zweite Schritt besteht darin, dass wir unseren inneren Blick nach oben lenken und den Segen Christi annehmen. Wir müssen den Himmel zulassen, uns auf ihn einlassen und von dort göttliche Kraft empfangen. Christus möchte unser Fühlen und Denken durchdringen, er möchte uns Freude schenken, und uns in seine Gegenwart hineinziehen. Wir sind eingeladen, „immerfort zum Himmel zu reisen“. Noch sind wir zwar „irdisch“, wir sollen aber hier bereits „himmlisch sein“, wie es in einem weiteren Lied heißt. Es beginnt mit der Zeile „Lasset uns mit Jesus ziehen.“ (EG 384). Dort steht an einer Stelle: „So wird er uns aus dem Grab in das Himmelsleben heben.“ August Herrmann Franke, dessen Lied wir eben schon bedacht haben, drückt denselben Gedanken so aus: „So steigt ihr frei mit ihm hinan zu lichten Himmelshöhn. Er uns vorauf, er bricht uns Bahn – wer will ihm widerstehn?“ Das ist der zweite Schritt.
Und als drittes ordnet sich das Leben dadurch neu. In uns und um uns verändert sich etwas. Verkrustungen in der Seele werden gelockert, Müdigkeit verschwindet, die Angst weicht, Trauer klingt ab und Unruhe legt sich. Denn nun ist jemand bei uns, dessen Gegenwart stärker ist, als all die anderen Gefühle. Er nimmt uns an die Hand und führt uns innerlich ins Weite. Dadurch werden wir heil und froh, und auch Konflikte können sich lösen, Stress, den wir mit anderen haben, Unzufriedenheit und Ärger. Denn wir sehen die Menschen um uns herum plötzlich in einem anderen Licht. Wir werden frei von Vorurteilen und ändern möglicher Weise unsere Meinung über sie. Wir bauen einseitige Standpunkte ab, Verblendungen lösen sich auf, und wir können neu vertrauen. Es kommt Bewegung in unser Leben und unsere Beziehungen und damit auch in die Welt.
Es ist also keineswegs so, dass die Herrschaft Christi folgenlos bleibt, geschweige denn gar nicht existiert. Sie wirkt vielmehr in jedem und jeder Einzelnen von uns, und sie geht von innen nach außen. Christus greift nicht ohne uns in diese Welt ein. Er braucht Menschen, die „himmlisch leben“, damit seine Macht und Gegenwart sich auswirken kann.
Vieles von dem, was er tut, geschieht demnach zunächst im Verborgenen, es bleibt unsichtbar und ist nicht besonders spektakulär. Auffallende Zeichen und Wunder dürfen wir nicht erwarten. Insofern sind die Bilder, auf denen nur noch seine Füße zu sehen sind, gar nicht nur verkehrt. Er ist nicht mehr so auf dieser Erde, wie er es zu Lebzeiten war. Seine leibliche Gegenwart ist vorbei. Wir können ihn nicht mehr anfassen.
Wenn wir allerdings den Segen empfangen, den er uns immer wieder gibt, dann geschieht trotzdem ganz viel: Wir merken, dass seine Herrschaft keine Grenzen kennt, dass der Himmel allen Menschen offen steht und dass Licht von oben in diese Welt herein fällt. Wir müssen nur bereit sein, „himmlisch zu leben“.
„Drum aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt. Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.“
Amen.

Gute Gründe, in der Kirche zu sein

Predigt über Johannes 15, 1- 8: Der wahre Weinstock

3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 26.4.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Johannes 15, 1- 8

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.
2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.
3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Liebe Gemeinde.
„Ich bete regelmäßig, tue dies aber nicht in der Kirche. Ich gehe dafür lieber in die Natur. Bei einem Spaziergang im Wald oder durch die Wiesen fühle ich mich Gott ganz nah. Ich brauch den Gottesdienst nicht, deshalb bin ich aus der Kirche ausgetreten.“
Solche Erklärungen haben Sie sicher schon gehört. Viele Menschen erzählen uns das. Sie sind religiös und glauben an Gott, mit der Kirche wollen sie aber nichts zu tun haben. Sie sehen darin keinen Nutzen, und so ist die Zahl der Kirchenaustritte tatsächlich beunruhigend.
Dafür gibt es ja viele Gründe. Den einen ist die Kirche zu links, den anderen zu rechts, einige finden sie zu einseitig, andere zu tolerant, sie tut zu viel, sie tut zu wenig, usw. Außerdem ist es teuer, in der Kirche zu sein, und niemand weiß genau, was mit dem Geld geschieht. Das ist meistens der Hauptgrund für einen Kirchenaustritt.
Auch wir, die wir dazu gehören, haben sicher einiges an der Kirche auszusetzen: Der wahre Glaube fehlt, es gibt zu viel Streit in den Gemeinden, die Verwaltung ist zu umfangreich usw. Das Leiden an der Kirche ist manchmal groß.
Möglicher Weise haben wir deshalb auch nicht sofort die passenden Argumente parat, wenn es einmal zu einem Gespräch über die Kirche kommt. Das Amt für Öffentlichkeitsarbeit der Nordkirche hat deshalb vor einiger Zeit einen Prospekt herausgegeben, in dem „zwölf gute Gründe“ aufgezählt werden, in der Kirche zu sein. Den können wir Menschen mit der oben zitierten Meinung geben. Dort steht, dass die Kirche eine Wahrheit bewahrt, die Menschen sich nicht selber sagen können. Sie stillt die Sehnsucht nach Segen, begleitet Menschen bis zum Tod, bietet Ruhe und Besinnung an, verkündet Hoffnung auf die Ewigkeit, hält Fürbitte, prägt das gesellschaftliche Leben mit Feiertagen und kulturellen Veranstaltungen, nimmt Menschen ernst, sorgt in sozialen Einrichtungen für ein menschenfreundliches Klima, übt Solidarität mit den Schwachen und bildet eine weltweite Gemeinschaft.
Das ist eine beachtliche Aufzählung, die überzeugend und einladend wirkt. Der Ursprung und der Kern des Ganzen liegen allerdings noch auf einer anderen Ebene. Er steht im Evangelium und wurde von Jesus Christus selber formuliert. In der heutigen Lesung benennt Jesus deutlich, warum es die Kirche gibt, und zwar mit dem Satz „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Das ist ein Bild, mit dem Jesus kurz und klar beschreibt, was die Kirche ist, und warum wir dazugehören: Sie lebt, weil er da ist, weil er die Grundlage ist, und wir alle von ihm unsere Kraft bekommen. Wir hängen an ihm wie die Reben am Weinstock, und ohne ihn sind wir nichts. Das sollten wir als erstes bedenken, wenn wir nach Gründen für eine Zugehörigkeit zur Kirche fragen.
Jesus sagt es zu seinen Jüngern innerhalb der sogenannten „Abschiedsreden“. Die stehen zwischen dem Ende seiner öffentlichen Wirksamkeit und dem Beginn seines Leidens. Und er will damit seine Jünger auf die Zeit vorbereiten, in der er nicht mehr da sein wird. Er erklärt ihnen, wie sie dann leben werden, was er ihnen hinterlässt. Er sagt ihnen, in welcher Gestalt er weiter bei ihnen ist, und wie sie mit ihm verbunden bleiben können.
Und dafür ist das Bild von dem Weinstock und den Reben sehr anschaulich. Jesus sagt: So wie das mit dem Weinstock ist, so ist es mit mir und mit euch, die ihr an mich glaubt: Ich bin der Weinstock, d.h. von mir und aus mir kommt die Kraft und das Leben. Und ihr seid die Reben. Nur wenn ihr an mir bleibt, werdet ihr leben und Kraft haben und „Frucht bringen“.
Und das sagt Jesus als Warnung und als Aufforderung: Seine Jünger sollen auch an ihm bleiben, sie sollen treu durchhalten, ihren Glauben an ihn nicht aufgeben. Wer sich einmal für ihn entschieden hat, soll darauf achten, dass die Verbindung zu Christus auch lebendig bleibt. Denn nur dann wird sein Leben „Frucht bringen“. Das klingt schön und vielversprechend, aber damit ist auch eine Drohung verbunden. Wer nämlich nicht an ihm bleibt, geht unter. Er wird wie eine verdorrte Rebe weggeworfen und verbrannt.
Das ist das Bild, mit dem Jesus unser Leben als Christen beschreibt, und darin steckt der zentrale Grund, in der Kirche zu bleiben: Christus ist ihre Mitte, und wer an ihn glaubt, gehört zu einem lebendigen Ganzen. Christsein erschöpft sich nicht in einem individuellen Glauben, nicht in schönen Gefühlen und privaten Gebeten. Wir gehören als Christen vielmehr zu etwas Größerem, als wir selbst. Durch die Auferstehung Jesu Christi gibt es eine neue Wirklichkeit. Seine Gegenwart hat eine weltweite Dimension. Es gibt mitten in dieser alten Welt des Sterbens und Vergehens eine neue Schöpfung. Als Christen gehören wir dazu, und das heißt, wir gehören zu einer großen Gemeinschaft. Alle Gläubigen bilden zusammen eine wesenhafte Einheit, ein lebendiges Gefüge.
So wird es uns mit dem Bild vom Weinstock hier vorgestellt, und das heißt, ohne den Kontakt zu anderen Christen sind wir verlorene Einzelwesen ohne große Bedeutung. Auf jeden Fall haben wir nicht Teil an der Wirklichkeit, die Christus geschaffen hat, und „bringen keine Frucht.“ Ein Mensch, der nur auf einsamen Spaziergängen seine Religiosität praktiziert, ist kein ganzer Christ im Sinne des Neuen Testamentes. Denn dazu gehört noch mehr.
Es gehört das Erleben dazu, dass wir ganz und gar von Christus abhängen und ohne ihn nichts sind. Wir müssen von Christus überzeugt sein, uns für ihn entscheiden und uns ganz ihm hingeben. Denn er ist die Mitte und der Ursprung. Und um das zu erfahren, brauchen wir die anderen. Ohne sie kann es zu diesem Bewusstsein nicht kommen. Denn ein wesentlicher Schritt im Glauben besteht darin, dass jeder und jede Einzelne ihr Ich zurücknimmt, sich unter Christus stellt und sich einfügt. Und das geht nur im Miteinander. Nur durch andere Menschen kann unser normales Lebensgefühl sich ändern.
Und das ist notwendig, denn natürlicher Weise erleben wir uns selber als Mittelpunkt: Die Welt und die Menschen drehen sich um uns und unsere Belange, alles kreist um unser Wollen und Trachten. Wir sind von Natur aus egozentrisch, d.h. unser Ich steht im Zentrum. Bei einer bloß individuellen Religiosität wird dieses Lebensgefühl nie durchbrochen, im Gegenteil, wir pflegen unsere Egozentrik damit sogar. Wir gehen Konflikten aus dem Weg, ziehen uns zurück und suchen unsre private Ruhe. Natürlich brauchen wir die auch immer mal wieder, aber das allein reicht nicht. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass wir irgendwann im eigenen Saft schmoren und nicht wirklich frei werden. Unser Glaube stagniert, unsere Seele verkümmert. Wir werden zu „verdorrten Reben“. Es kann auch zu Selbstüberschätzung kommen, zu einer völlig verzerrten Selbstwahrnehmung. Es entsteht religiöser Wildwuchs, Aberglaube und Esoterik sind nicht fern. Demnach gibt es genauso viele gute Gründe, eine nur private Frömmigkeit aufzugeben.
Natürlich ist die bequemer, wir werden dabei nicht gestört und müssen uns mit niemandem auseinandersetzen. In jeder Gemeinschaft gibt es ja Konflikte und Unstimmigkeiten. Andere Menschen bereiten uns Schwierigkeiten und behindern unser Handeln. Das vermeiden wir am liebsten, weil wir meinen, dadurch am ehesten frei zu bleiben.
Doch genau da liegt der Irrtum. Auch wenn es ungemütlich ist, sich mit anderen Menschen abgeben zu müssen, gerade darin liegt die große Chance. Denn für ein ausgewogenes Seelenleben und einen gesunden Glauben brauchen wir immer die Korrektur von Seiten anderer Menschen, Inspiration, Stärkung und Hilfe. Wir brauchen die Worte der anderen, das Gespräch und die Herausforderung. Christus soll groß werden in unserem Leben, er soll die Mitte sein, und dafür muss unser Ich kleiner werden. Das jedoch geschieht nicht ohne die Reibungen mit anderen. Wir brauchen sie, um lebendig zu bleiben und zu reifen. Auch die wahre Freiheit tritt erst dann ein, wenn wir fei von uns selber werden.
Und das können wir nur im Miteinander üben, denn da lernen wir, uns auch einmal zurückzunehmen, Vorstellungen loszulassen und uns zu öffnen. In der Auseinandersetzung mit anderen können wir demütig werden und uns einfügen. Das ist die Grundübung im Glauben an Jesus Christus, und die wird gerade durch das Leiden an der Kirche gefördert. Wenn wir die lebendige Kraft und Gegenwart Christi spüren wollen, müssen wir selber kleiner werden und uns ganz an ihn hängen, so wie die Rebe am Weinstock hängt. Und dazu brauchen wir die Gemeinschaft.
Das ist der Hauptgrund für die Mitgliedschaft in der Kirche, und darin liegt auch der Sinn der Taufe. Das Kind, Fiete Baumbach wird durch sie heute in die Kirche aufgenommen. Er wird zu einer Rebe am Weinstock, der Christus ist. Wir bringen ihn mit ihm zusammen und mit allen anderen Christen. Er wird eingegliedert, um an der neuen Schöpfung teilzuhaben.
Und das hat Folgen, er und wir „bringen dadurch Frucht“, wie es im Evangelium heißt. Mit den „zwölf guten Gründen, in der Kirche zu sein“, die in unserem Prospekt stehen, werden die Früchte auch ganz schön benannt. Denn wenn wir uns auf Christus gründen und die Gemeinschaft mit anderen suchen, empfangen wir Segen. Unsere Sehnsucht nach gelingendem Leben wird beantwortet. Wir werden auf unserem Lebensweg begleitet und auf geheimnisvolle Weise immer wieder gestärkt. Wir haben teil an der Hoffnung, die über den Tod hinausweist. Wir finden Ruhe und Besinnung. Andere beten für uns und wir beten für sie. Wir werden ernst genommen, und es kehrt mehr Menschlichkeit in unser Leben ein. Die Schwachen werden nicht ausgestoßen, sondern solidarisch behandelt. Und das gibt es überall, auf der ganzen Welt. Wo wir auch hinkommen, finden wir Christen, die so leben. Wenn wir in der Kirche sind, können wir uns dadurch geborgen fühlen. Sie bietet uns Heimat, wo immer wir sind.
Es ist deshalb gut, dass wir zu ihr gehören. Wir „bleiben dadurch in Christus und er in uns. Wir bringen Frucht und werden Jünger Jesu, damit der Vater verherrlicht, wird.“
Amen.