Ent-Schuldigung

Predigt über Philipper 1, 3-11: Dank und Fürbitte für die Gemeinde

22. Sonntag nach Trinitatis, 23.10.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Philipper 1, 3- 11

3 Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke –
4 was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden –,
5 für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute;
6 und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.
7 Wie es denn recht und billig ist, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige.
8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund in Christus Jesus.
9 Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung,
10 sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi,
11 erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.

Liebe Gemeinde.
Wann haben Sie das letzte Mal „Entschuldigung“ gesagt? Wir benutzen das Wort ja in ganz verschiedenen Situationen. Oft gehört es zur Höflichkeit. Wenn wir z.B. jemanden nach dem Weg fragen und ihn unerwartet ansprechen, leiten wir das meistens mit „entschuldigen Sie bitte“ ein.
Der eigentlichen Bedeutung des Wortes entspricht das aber gar nicht. Denn die Vorsilbe „ent“ bezeichnet im Deutschen fast immer, dass etwas weggenommen wird, und zwar endgültig. Wenn wir z.B. jemanden „entwaffnen“, nehmen wir ihm alle Waffen ab, wenn wir uns entspannen, löst sich die Spannung, beim „Entlüften“ strömt die Luft aus usw. „Entschuldigen“ bedeutet also, dass eine Schuld von uns genommen wird. Sie war da und wird ausgelöscht. Und darum bitten wir unser Gegenüber, wenn wir „Entschuldigung“ sagen. Wir wollen von unsrer Schuld befreit werden.
Und das hat nicht nur etwas mit Höflichkeit zu tun, sondern dafür kann es sehr gravierende Gründe geben. Oft laden wir ja wirklich Schuld auf uns, wir machen Fehler, enttäuschen und verletzen andere. Ob es absichtlich oder unabsichtlich geschieht, spielt für die Beziehung keine so große Rolle, sie wird auf jeden Fall belastet und gestört. Wir sind auf im Unrecht.
Und das passiert jedem und jeder von uns immer wieder, wenn wir z.B. ein Versprechen nicht einhalten, aus eigenem Interesse den anderen übergehen, unkontrolliert schimpfen, falsche Entscheidungen treffen usw. Das Fehlverhalten steht dann zwischen uns und dem anderen und alle leiden darunter. Es bedarf einer echten Entschuldigung, damit die Dinge wieder ins Reine kommen und wir neu zueinander finden. Die Schuld muss wirklich verschwinden und getilgt werden.
Und genau davon handelt das Evangelium. Sein Hauptinhalt ist die große „Entschuldigung“, die Jesus Christus für uns bewirkt hat. Es enthält die Botschaft von der Gnade Gottes, der uns alle unsre Schuld vergibt und sie von uns nimmt.
Die Menschen in der Gemeinde in Philippi, an die Paulus den Philipperbrief schrieb, haben das verstanden. Die gute Nachricht von der Vergebung Gottes war bei ihnen angekommen, sie hatten „Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute“, wie Paulus sagt. Und dafür bedankt er sich am Anfang seines Briefes. „Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke.“, schreibt er. Das war als Briefanfang damals üblich, aber es ist für Paulus nicht nur eine Floskel. Er freut sich wirklich über die Gemeinde in Philippi. Es war sozusagen seine Lieblingsgemeinde, denn die Menschen dort hatten seiner Verkündigung geglaubt und lebten seitdem in der Liebe, die Jesus Christus ihnen geschenkt hat. Sie waren „erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus.“ Paulus „hatte sie deshalb in seinem Herzen“ und „betete mit Freuden für sie“. Er war „darin guter Zuversicht, dass der in ihnen angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“
Für Paulus war das, was in der Gemeinde in Philippi geschah, also Gottes Werk. Er sah darin seine rettende Macht und seine Treue. Wenn er an die Philipper dachte, setzte er deshalb sein Vertrauen ganz auf Gott, der den Anfang und das Ende „des guten Werkes“ in seinen Händen hat.
Damit deutet Paulus an, dass mit dem Empfang des Evangeliums nicht endgültig alles gut und abgeschlossen ist. Es beginnt vielmehr ein Weg, den die einzelnen nun gehen. Und Paulus war zuversichtlich, dass die Philipper sich auf diesem guten Weg befanden, dass sie im Glauben und in der Liebe wachsen würden. Auch dafür betete er, dass „ihre Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.“ Sie sollten lernen, „was das Beste sei, damit sie lauter und unanstößig sind für den Tag Christi, zur Ehre und zum Lobe Gottes.“
Paulus selber befand sich in Gefangenschaft, als er das schrieb. Sein Leben war bedroht und der Ausgang war ungewiss. Ungerechtigkeit war ihm widerfahren, er litt um des Evangeliums willen. Er hatte es also nicht leicht, aber es tröstete ihn, dass in Philippi Menschen waren, die „an der Gnade teilhatten.“ Er wusste sich mit ihnen verbunden, sie standen zu ihm und beteten ihrerseits auch für ihn. Er hatte also viele ehrliche Gründe Gott zu danken und ihn zu loben. Seine Freude hatte ein tiefes und wesentliches Motiv.
Und damit ist sie eine Einladung an alle, die das lesen, „am Evangelium teilzuhaben“, es ernst zu nehmen und danach zu leben. Christus ist gekommen, um uns zu entschuldigen. Seine Vergebung kann uns heilen und befreien. Gott will uns seine Gnade schenken. Das ist auch für uns eine gute Nachricht.
Doch wie geschieht das nun und wollen wir das überhaupt? Mit der Gnade, der Vergebung und der Entschuldigung ist das ja so eine Sache, denn das kann alles sehr leicht missbraucht werden, und zwar von beiden Seiten, sowohl von demjenigen, der entschuldigt, als auch von denen, die darum bitten.
Viele Menschen wollen gar keinen gnädigen Gott, denn das heißt für sie, dass sie von seiner Gunst abhängig sind. Wer sagt denn, dass Gott nicht willkürlich vorgeht? Wer Gnade walten lässt, hat auf jeden Fall Macht. Er entscheidet, was er tun will. Der Mensch wird klein gemacht durch die Gnade Gottes, er muss sich unterwerfen und wird gedemütigt. Das ist ein Einwand, den wir häufig hören, wenn wir von der Vergebung und der Gnade Gottes reden.
Und umgekehrt kann die Sache mit der Entschuldigung genauso missbraucht werden. Sie ist dann dünn und fadenscheinig. Denn der Mensch, der sich entschuldigt, kann es sich damit auch leicht machen. Wer einen Fehler begangen hat, bittet einfach darum, dass er ihm vergeben wird, dann muss er nicht mehr darüber nachdenken. Er ist höflich und gibt die Verantwortung für seine Taten ab. Er kümmert sich nicht mehr um die Folgen, sondern lässt sich einfach alles verzeihen.
Aber ist das wirklich eine Lösung? Das Wort „Entschuldigung“ ist dann doch nur eine Floskel und wird missbraucht. Wir sagen es aus Bequemlichkeit. Eine tiefere Bedeutung hat es nicht, geschweige denn eine verändernde und heilende Wirkung.
Aber damit werden wir dem Wort wie gesagt nicht gerecht, und so ist das mit der Gnade und der Vergebung im Evangelium auch nicht gemeint. Es geht dort um eine echte Wegnahme der Schuld, und dazu gehört eine ehrliche Bitte.
Das hat Franz von Sales z.B. sehr schön deutlich gemacht, von dem ich gerade ein Buch lese. Er lebte im 16. Jahrhundert und war Bischof von Gent. Seine große Gabe war es, den Glauben so zu vermitteln, dass er im Lebensalltag verwirklicht werden konnte. Dazu gab er viele Anleitungen. Sie sind in seinem Buch „Philothea“ zusammengestellt. Es enthält Briefe an eine verwandte Dame, die ihn fragte, wie sie ein religiöses Leben führen könnte. Seine Antworten gehören neben der Bibel zu den meistgelesenen Büchern des Christentums, denn sie sind an alle gerichtet. Er predigt darin Buße, Demut, Gottvertrauen und Liebe, und er kannte sich seelsorgerlich sehr gut aus. Er wusste, was die Seele alles anstellt, um nicht wirklich in die Tiefe gehen zu müssen. So sagt er an einer Stelle:
„Ich meine deshalb, Philothea, wir sollen entweder überhaupt keine demütigen Worte von uns in den Mund nehmen, oder wenn wir es tun, so tun wir es aus echter innerer Empfindung, so dass aus unsrem Herzen kommt, was wir sagen. Schlage nur nicht die Augen nieder, wenn nicht auch dein Herz sich erniedrigt! Such dir nie den Anschein zu geben, als möchtest du die letzte sein, wenn es nicht so gemeint ist, wenn du dich nicht als die letzte fühlst! Unsere Worte sollen in allem, soweit nur möglich, der Ausdruck unsres Empfindens sein, damit wir lautere, wahrhafte Menschen seien.“ (Franz vonSales, Philothea, Anleitung um religiösen Leben, übersetzt und herausgegeben von Otto Karrer, Verlagsgemeinschaft topos plus, 3. Aufl. 2011, S. 101)
Damit hat Franz von Sales sehr schön und deutlich formuliert: Eine Entschuldigung, die nicht von Herzen kommt, ist nichts wert. Wir müssen also zu allererst wirklich in uns gehen, wenn wir uns entschuldigen. Selbsterkenntnis und Selbstkritik gehören dazu und echte Reue. Wenn wir es nicht fühlen, dass wir etwas falsch gemacht haben, ist es sinnlos, dass wir es thematisieren. Wir müssen zunächst ganz nah bei uns selber sein, uns selber spüren und Schmerz über unser Verhalten empfinden. Erst dann lohnt es sich, etwas zu sagen.
Und genau das ist der Knackpunkt, das fällt uns unendlich schwer. Kaum jemand kann das, und es geht auch nicht einfach so von alleine. Wir brauchen eine Vorgabe, eine positive Motivation, und die wird uns im Evangelium angeboten.
Bevor wir uns nämlich an die Menschen wenden, gegenüber denen wir etwas falsch gemacht haben, können wir zu Gott gehen und uns bei ihm entschuldigen. Denn alles, was wir unseren Mitmenschen antun, tun wir auch ihm an. Mit jeder Schuld werden auch vor ihm schuldig. Doch er wird uns deshalb nicht verurteilen und uns auch nicht klein machen. Im Evangelium wird uns vielmehr ein Gott verkündet, der uns unendlich liebt. Wir sind ihm wichtig, er möchte Frieden mit uns haben und mit uns einig sein. Er hat uns geschaffen, weil er nicht allein sein wollte, und so will er uns auch erhalten. Das hat Johann Jakob Schütz sehr schön in seinem Lied „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ zum Ausdruck gebracht. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 326) Er lobt Gott darin als den „Vater aller Güte“. Gott will mit den Menschen gehen, sie in seine Gegenwart hineinziehen und ihnen das Heil schenken. Deshalb vergibt er uns alle unsere Schuld, deshalb ist er gnädig. Seine Güte ist keine Machtausübung, sondern eine Liebeserklärung und ein Gemeinschaftsangebot.
Denn Gott weiß um unsere Unvollkommenheit. Er weiß, dass wir ihm von uns aus nicht gerecht werden können, deshalb fordert er das nicht. In Jesus Christus hat er uns den Zugang zu seiner Wirklichkeit eröffnet, ohne dass wir irgendwelche Bedingungen erfüllen sollen. Wir dürfen hinzutreten und müssen nur an ihn glauben, ihm vertrauen und uns auf sein Gnadenangebot einlassen. Dann entsteht eine lebendige Beziehung zwischen Gott und uns, die unabhängig von unserem Verhalten ist. Wir werden nicht bewertet und nicht verurteilt. Gott können wir alles sagen, was uns belastet, ihm alles bringen, was in unserem Leben nicht stimmt. Er nimmt es von uns und macht uns heil.
Das ist die Botschaft des Evangeliums, und die kann uns motivieren, uns wirklich mit allem zu beschäftigen, was uns an uns selber nicht gefällt, was zwischen uns und einem anderen Menschen steht. Im Glauben an Jesus Christus werden wir fähig, uns selber zu erkennen, unsere Fehler und Schwächen zuzugeben, und das tut in Wirklichkeit unendlich gut. Es tröstet die Seele, „stillt allen Jammer“, wie es in dem Lied von Johann Jakob Schütz heißt. Die Schuld wird wirklich von uns genommen, sie wird ausgelöscht und wir können neu anfangen. Wir werden befreit und selber zur Liebe befähigt. Die Beziehung zu Gott wird wieder hergestellt und so können auch Beziehungen untereinander heilen. Neues Leben wird möglich.
So war es bei den Philippern und nicht umsonst bedankt Paulus sich dafür bei Gott. Es ist ein Grund zum Loben und Preisen, wenn seine Schöpfermacht auf diese Weise unter den Menschen wirkt.
Auch wir können in dieses Lob einstimmen, uns bei Gott bedanken und ihn unser „Leben lang ehren“. So wünscht es sich der Dichter Johann Jakob Schütz. Lassen Sie uns sein Lied deshalb jetzt singen und den Lobgesang an „allen Orten“  hörbar machen.
Amen.

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