Ein Licht geht auf in der Finsternis

Predigt über Matthäus 4, 12- 17: Der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa

1. Sonntag nach Epiphanias, 8.1.2017, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Es gibt Orte auf der Erde, die liegen so eingekeilt zwischen den Bergen, dass im Winter dort kein Sonnenstrahl hinkommt. Die Menschen wohnen dann mehrere Wochen lang in dem tiefen Schatten, den die Berge werfen. In Viganella in Italien ist das z.B. so, aber auch in Norwegen, Österreich, in der Schweiz und in Kanada gibt es solche schattigen Dörfer. Das schlägt alljährlich auf das Gemüt der Einwohner und erzeugt eine schwermütige und düstere Stimmung. Die Menschen in Viganella und sicher auch in den meisten anderen Dörfern dieser Art wussten sich allerdings zu helfen: Sie bauten auf dem Berg einen riesigen Spiegel, der das Sonnenlicht reflektiert und auf den Dorfplatz lenkt.
Denn im Schatten möchte keiner lange wohnen. Er ist nur in sehr heißen Gegenden und Zeiten begehrt und segensreich, ansonsten verbinden wir mit diesem Phänomen nicht gerade freudige Gefühle. Mit „Schattenseiten“ meinen wir in unserem Sprachgebrauch deshalb auch die Nachteile, die ein Mensch oder ein Vorhaben hat.

Für die alten Griechen hatte das Wort „Schatten“ außerdem eine übertragene Bedeutung und bezeichnete das Unwirkliche eines Gegenstandes, etwas Unbeständiges, Flüchtiges und Nichtiges.
In der Bibel finden wir es ebenfalls an einigen Stellen in dieser Bedeutung, so z.B. in unserem Predigttext, einem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium im vierten Kapitel. Er lautet folgendermaßen:

Matthäus 4, 12- 17

12 Als nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.
13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali,
14 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1):
15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa,
16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«
17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Dieser Abschnitt steht an einer wichtigen Stelle im Matthäusevangelium, und zwar am Anfang der Wirksamkeit Jesu. Vorweg geht die Geschichte, wie Jesus vom Teufel versucht wurde und widerstanden hatte. Damit war die Vorbereitung für seinen Dienst abgeschlossen. Nun kann sein eigentliches Wirken beginnen, und dafür wählt er die Gegend Galiläa mit der Stadt Kapernaum im Norden Palästinas, wie wir hier erfahren. Es sollte der Ausgangspunkt seiner Tätigkeit werden, und die wird im Folgenden zusammenfassend beschrieben. Dafür  zitiert der Evangelist eine Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja. Dort werden diejenigen erwähnt, die „in der Finsternis leben“. Dabei bezieht sich diese Aussage auf eine bestimmte geographische Gegend nämlich „das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa.“ Das klingt zunächst also sehr konkret: Jesus ist gekommen, um den Menschen in diesen Gebieten das Heil zu bringen. Sie zählten zu den sogenannten Heiden, also zu denen, die bis dahin nichts von Gott wussten. Doch die Ortsangaben ergeben bei näherer Betrachtung einige Ungereimtheiten. Wir müssen sie eher symbolisch verstehen, und das wird auch im weiteren Verlauf deutlich. Denn nun wird über „das Volk“, das in dieser Gegend wohnt, eine allgemeine Aussage gemacht: Sie „sitzen in der Finsternis und im Land und Schatten des Todes.“
So haben die Griechen diese Stelle aus dem Alten Testament übersetzt. Dabei haben sie das Wort „Schatten“ sicher ganz bewusst gewählt, im hebräischen Urtext steht es nämlich nicht. Denn im Alten Testament wird der Schatten immer eher positiv verstanden und als Schutz vor der Hitze gesehen. An unserer Stelle steht im Urtext deshalb das Wort „Finsternis“, und das hat einen eindeutig negativen Klang. Es kennzeichnet gegenüber dem Licht das Elend, die Todesgefahr, ja sogar die Todeswelt. Die Griechen haben das zu Recht mit ihrem Wort „Schatten“ übersetzt, oder genauer „Todesschatten“. Denn hier ist tatsächlich die Vergänglichkeit und Nichtigkeit gemeint, die Sphäre der Verdammnis und des Untergangs.
In sie hinein ist ein „großes Licht“ aufgestrahlt, das ist jetzt die eigentliche Aussage. Gottes Gegenwart ist erschienen und sie macht alles neu. Denn Gott schafft Heil und Leben. Und das gilt der ganzen Welt. Jesus ist dieses aufstrahlende Licht, das neue Gestirn. Durch ihn ist die Zeit des Verlorenseins beendet, denn das Licht trifft auf die „Schatten des Todes“ und führt die Menschen aus der „finsteren Gegend“ heraus. Jesus schenkt ihnen eine endzeitliche Rettung.
Das ist hier die Botschaft, und die ist wie eine Zusammenfassung des ganzen Evangeliums. Sie endet mit dem, was wir als Überschrift zur Predigt Jesu verstehen dürfen: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Das heißt: Tretet heraus aus den „Schatten des Todes“ und schaut in das Licht. Nehmt es an, folgt dem, der euch das Heil bringt und lasst euch retten!
Wir werden also noch einmal an die Weihnachtsbotschaft erinnert und aufgefordert, ihr zu glauben. In der Geburt Jesu ist das ewige Licht erschienen, und es gilt der ganzen Welt. Das Heil ist offenbar geworden und wir sollen es annehmen.
Die Frage ist allerdings, wo dieses Licht denn nun scheint. Ist es wirklich da? Ist die Welt nicht genauso finster wie eh und je? Und ist es nicht ziemlich weltfremd, davon zu reden, dass in Jesus ein neues Licht aufgestrahlt ist? So lautete am Heiligabend der Kommentar eines Gottesdienstbesuchers. Ich weiß nicht so genau, warum er überhaupt da war, denn es war ja zu erwarten, dass er so etwas zu hören bekommt. Natürlich predigen wir zu Weihnachten, dass es eine ewige Rettung gibt, dass Gott zu uns gekommen ist und uns Licht schenkt.
Zwischen Tür und Angel konnte ich auf die Frage, wie weltfremd das ist, natürlich nicht eingehen. An dieser Stelle möchte ich das allerdings einmal tun, und zwar mit einer Gegenfrage: Ist es nicht viel weltfremder, das nicht zu glauben? Bereits die Griechen gingen davon aus, dass unser Dasein, so wie wir es kennen, etwas Schattenhaftes an sich hat. Das Reich der Sinne ist von vorne herein nichtig und vergänglich. Wir halten es nur für beständig, in Wirklichkeit verwechseln wir da etwas. Was wir in dieser Welt sehen und hören, schmecken und anfassen, erleben und erfahren, ist dem Tod geweiht und nur ein Abbild. Das Urbild sehen wir nicht, es steht aber hinter allem und hat ewigen Charakter. In Jesus Christus ist es aufgestrahlt, das ist die Botschaft des Neuen Testamentes, und dieses Licht ist viel wirklicher als alles andere.
Um es zu erkennen, müssen wir also aufhören, uns täuschen zu lassen. Und das heißt, wir müssen mit der Welt und unseren Sinnen einmal anders umgehen, als wir es normalerweise tun. Normalerweise versuchen wir, den Tod und das Leid, d.h. die Finsternis zu vertreiben, indem wir uns ablenken und zerstreuen. Unsere Welt ist dunkel, das merken wir alle, und um das auszuhalten, veranstalten wir alle mögliche. Wir geben es nicht wirklich zu, weichen aus, machen einfach die Augen zu und fragen nicht weiter. Meistens sind wir unehrlich und machen uns etwas vor. Wir schalten künstliche Lichter an.
Und dabei merken wir nicht, wie sie uns blenden und uns den Blick für das wahre und ewige Licht verstellen. Wir lassen uns lieber täuschen und tun so, als sei alles in Ordnung. Wir führen ein schattenhaftes, nichtiges und vergängliches Dasein und machen uns keine Gedanken. Unser Lebensstil ist eine einzige riesige Verdrängungsstrategie.
Und dabei geben wir uns mit viel zu wenig zufrieden. Wir lassen uns mit vorläufigen Gütern sozusagen abspeisen. Wir könnten eine Nahrung empfangen, die uns zutiefst sättigt, uns reicht aber das Leichte und wenig Schmackhafte, das, was bald wieder Hunger erzeugt und uns nie zufriedenstellt.
Und genau damit müssten wir einmal aufhören. Das meint Jesus, wenn er sagt: „Tut Buße!“ Es heißt: Wacht auf, seid ehrlich und macht euch nichts vor. Erwartet mehr vom Leben, lasst euch wirklich trösten und empfangt das ewige Heil.
Ganz einfach ist das nicht, denn es heißt, dass wir die Dunkelheit der Welt zunächst ertragen müssen. Es gilt, alles Unvollkommene und Böse, alles Bedrückende und Bedrängende einmal auszuhalten, ohne gleich etwas dagegen zu tun.
Und das heißt, es geht auch nicht um Frömmigkeit oder irgendwelche Glaubenspraktiken. Als Christen müssen wir da aufpassen. In subtiler Weise können wir nämlich doch wieder alles selber machen. Unversehens wird unser Glaube eine selbstgemachte Strategie, ein künstliches Licht, das gar nicht richtig scheint. Das merken wir spätestens dann, wenn er uns in Leid und Anfechtung doch nicht trägt, wenn er in Bedrängnis versagt und durch eine notvolle Situation mit in den Abgrund gerissen wird. So ein Glaube ist nicht gemeint. Wir müssen vielmehr wirklich still halten, geduldig sein und auf uns nehmen, was uns quält. „Radikale Akzeptanz“ ist das Stichwort, das dafür in der Psychologie verwendet wird.
Denn das wahre Licht ist längst da, wir müssen es nicht selber anschalten, weder durch Frömmigkeit noch durch weltliche Veranstaltungen. Im Gegenteil, je weniger wir das versuchen, umso eher können wir es sehen. Es leuchtet hinter allem und kann in die „Schatten des Todes“ hineinfallen.
Wir müssen unsere Seele und unseren Geist nur dem Licht Christi aussetzen. Unser Inneres kann wie ein großer Spiegel sein, der das ewige Licht reflektiert. Es ist so wie in den schattigen Bergdörfern: Das Licht scheint dort im Winter nicht direkt, aber durch die Spiegel wird es in die Täler gelenkt und kann alles erhellen. Genauso kann das ewige Licht, das Christus gebracht hat, durch unsere Seele und unseren Geist in unser Leben hineinscheinen. Das können wir uns so vorstellen, es ist ein schönes Bild für das Licht, das „im Land der Finsternis“ aufgeht.
Das gilt es, zu beherzigen, dann wird es wirklich hell. Die Schatten machen uns keine Angst mehr, der Tod wiegt nicht mehr schwer und wir werden realistisch. Alles Nichtige verflüchtigt sich. Wir kommen mit dem ewigen Licht in Berührung und erkennen darin, wie die Welt wirklich ist.
Amen.

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