Die nahende Freude

Predigt über Lukas 1, 26-38: Die Ankündigung der Geburt Jesu

4. Sonntag im Advent, 18.12.2016, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Lukas 1,26-38

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause Da-vid; und die Jungfrau hieß Maria.
28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!

29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?
30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?
35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.
36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Liebe Gemeinde.
Am 25. März feiern die katholische und orthodoxe Kirche das „Fest der Verkündigung des Herrn“. Das ist genau neun Monate vor Weihnachten, denn die Gläubigen stellen sich vor, dass Maria in dem Augenblick schwanger wurde, als der Engel Gabriel zu ihr kam und ihr verkündete, dass sie den Sohn Gottes vom Heiligen Geist empfangen und gebären werde.
In der orthodoxen Kirche gibt es für diesen Tag einen Gesang, der lautet: „Heute ist der Anfang unseres Heils, und das Mysterium von Ewigkeit her wird offenbar. Gottes Sohn wird der Jungfrau Kind, und Gabriel überbringt die Frohbotschaft der Gnade. Mit ihm rufen auch wir der Gottesgebärerin zu: ‚Freue dich, Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir.‘“ Maria wird zur „Gottesmutter“, und ihre Verehrung ist für katholische und orthodoxe Christen selbstverständlich.
Martin Luther bezeichnete das Fest der Verkündigung übrigens auch noch als eins „der fürnehmsten Feste“. (s. wikipedia, „Verkündigung des Herrn“) Er hat die Verehrung Marias keineswegs abgelehnt.
Trotzdem ist sie uns evangelischen Christen mittlerweile fremd geworden. Wozu brauchen wir Maria? Was soll das, zu ihr zu beten? Kann uns die Geschichte von der Verkündigung noch etwas sagen?
Wir haben die Schilderung aus dem Lukasevangelium eben gehört. Sie steht dort in der sogenannten Vorgeschichte. Das sind die ersten beiden Kapitel, die u.a. noch einige schöne Lieder und die Erzählung von der Geburt Jesu im Stall beinhalten. Lukas wollte damit die Geschichte Jesu so genau wie möglich von Anfang an erzählen und gleichzeitig zum Glauben an ihn einladen.
Dabei erinnert unser Bericht an ähnliche Schilderungen aus dem Alten Testament, in denen Gott oder ein Engel erscheint. Sie wollen nicht nur informieren, sondern gleichzeitig Gott loben und seine Macht und Liebe besingen.
Das geschieht auch hier. Der Engel kommt unerwartet zu Maria und verkündet ihr etwas Wunderbares und Unfassbares, einen himmlischen Plan. Er grüßt sie mit den Worten: „Der Herr ist mit dir!“ und sagt ihr, was Gott mit ihr vorhat: Sie hat „Gnade bei Gott gefunden“ und wird schwanger werden. Das Kind, das sie gebären wird, soll „Sohn des Höchsten“ heißen. Und dann folgt die zentrale Botschaft der Geschichte, an der deutlich wird, dass es hier um ein Lob Gottes geht. Der Engel sagt weiter: Er, dein Sohn, wird „groß sein“ denn „Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“
Lukas eröffnet sein Evangelium also mit der klaren Ansage, dass Jesus der Sohn Gottes sein wird. Der Mann, von dem er im Folgenden erzählen wird, ist nicht irgendein Prophet, sondern der von Gott Verheißene und Gesandte. Deshalb ist seine Herkunft übernatürlich. Maria hatte mit noch keinem Mann geschlafen, als sie schwanger wurde, sie war Jungfrau. Josef war zwar ihr Verlobter, aber er hatte sie nicht berührt. Das Kind, das in ihr heranwuchs, war vom Heiligen Geist gezeugt. Die „Kraft des Höchsten hatte sie überschattet“, wie Lukas es formuliert.
Im ersten Moment erschrak Maria, als der Engel zu ihr kam, „und dachte: Welch ein Gruß ist das?“ Aber der Engel beruhigte sie mit den Worten „Fürchte dich nicht“. Und während er weiter sprach, legte sich der Schreck Marias und sie willigte in den göttlichen Plan ein. Am Ende sagte sie: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“
„Und der Engel schied von ihr.“ Das ist der letzte Satz.
Wir kennen diese Szene der Verkündigung an Maria gut, und zwar nicht nur aus der Bibel. In der Kunst wurde sie vielfältig dargestellt. Die Bilder zeigen üblicherweise Maria und den Engel im Innenraum eines Hauses. Zuweilen bringt der Engel Maria eine weiße Lilie, das Symbol der Jungfräulichkeit und Reinheit, während die Gesten des Mädchens Überraschung und Berührtsein ausdrücken. Manchmal wird Maria auch in einem Buch lesend dargestellt. Dadurch wird unterstrichen, dass es eine Verbindung mit der Ankündigung des Messias im Alten Testament gibt. Auf vielen Bildern erscheint außerdem der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. Oder die Empfängnis wird durch einen Maria treffenden Lichtstrahl dargestellt.
Offensichtlich regte diese Szene immer wieder die Phantasie der Menschen an, und das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass hier etwas Übernatürliches erzählt wird. Es ist kein alltägliches Geschehen, sondern geheimnisvoll und wunderbar. Es lädt geradezu dazu ein, es künstlerisch umzusetzen und den Gehalt durch Farben und Gesten, Symbole und Gegenstände bildlich darzustellen.
Denn mit dem Verstand erschließt sich die Botschaft dieser Geschichte nicht. Im Gegenteil: Sie steht ihm entgegen. Wer glaubt das heutzutage noch, dass eine Jungfrau schwanger wurde? Wir wissen, dass so etwas biologisch unmöglich ist. Die Geschichte ist eine Legende, so sehen wir das heute.
Doch auch wenn das wohl wirklich so ist, müssen wir sie nicht beiseiteschieben, denn jede Legende oder jedes Märchen enthält immer auch eine Wahrheit. Hier soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Jesus zwar Mensch geworden ist, gleichzeitig aber eine göttliche Herkunft hatte. Bei seiner Zeugung war Gott selber noch einmal schöpferisch am Werk. Die Vorstellung von der Jungfrauengeburt ist dafür auch ein relativ alter Mythos, den es ebenso im Judentum und bei den Griechen gab und der hier von Lukas aufgegriffen und umgestaltet wurde.
Er wollte damit gar keinen biologischen oder geschichtlichen Vorgang beschreiben. Es ist also völlig unangebracht, die Erzählung unter naturwissenschaftlichen Ge-sichtspunkten zu beurteilen. Wir müssen vielmehr nach ihrer Bedeutung für den Glauben fragen, nach ihrem Symbolgehalt und ihrer geistlichen Aussage. Was hier geschieht, kann ein Bild dafür sein, was Glaube konkret bedeutet, und wie Gott an uns Menschen handelt.
Wir können uns das am besten klarmachen, indem wir die drei Personen, die hier vorkommen, einmal näher betrachten: Das sind der Engel, Maria und das Kind, das geboren werden soll.
Von Engeln ist ja heutzutage viel die Rede, sie haben sozusagen Konjunktur. Wir haben zwar noch keine echten, lebendigen Engel gesehen, aber in der Phantasie und in der Bibel gibt es sie trotzdem. Es sind dort die Boten Gottes, d.h. sie kommen von ihm und verkündigen, was er will und denkt.
Zu Maria kam der Engel unerwartet, plötzlich und er kannte keine räumlichen Hindernisse. Er war mit einem Mal da und hat ihr eine frohe Botschaft verkündet. In unserem Leben kann so etwas auch vorkommen, durch einen andern Menschen z.B., der ein gutes Wort für uns hat. Zu Weihnachten verschicken und bekommen wir ja viele Grüße. Vielleicht steht in dem einen oder anderen etwas, das Sie gerade jetzt brauchen und das sie anrührt. Es verändert ihr Bewusstsein, stimmt Sie freudig und macht Sie hoffnungsvoll. Es ist wie ein Engelswort.
Und so etwas geschieht in noch vielen weiteren Situationen. Gott benutzt Menschen, um zu reden und zu handeln. Wir können einander zu Engeln werden. Auch in einem Gottesdienst oder einer Andacht kann das geschehen, bei einer Begegnung oder einer Lektüre. Wir müssen nur so aufmerksam und wachsam sein wie Maria.
Sie ist die zweite Person in der Geschichte und kann uns zeigen, was Glauben bedeutet. Sie ist die Hörende und Empfangende, sie lässt sich von Gott überraschen, öffnet sich und ist bereit. Geduld und Demut gehören zu ihrem Verhalten. Sie ist zugänglich für das wirkende Schöpferwort Gottes, und willigt in seinen Plan ein. Das Wunder der Gottesgeburt kam zu Stande, weil sie zum Schluss sagte: „Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (V.38) Dieser Satz bringt zum Ausdruck, welche Haltung Maria einnahm, wie sie reagierte und inwiefern sie ein Vorbild für uns ist.
So einfach und so schnell willigen wir ja kaum in etwas ein. Was das Wort Gottes betrifft, so tun wir es lieber, als dass wir es „schöpferisch an uns wirken lassen“. Wir reden und handeln als Christen am liebsten selber, sind aktiv und gestalten Kirche und Gemeinde.
Das ist auch alles schön und gut, aber in erster Linie will Gott etwas anderes. Zunächst sollen wir gar nichts machen, sondern an uns soll etwas geschehen. Gott will auch zu uns kommen, mit uns reden und uns froh machen. Und damit das passiert, müssen wir hören und lauschen. Es wäre also gut, wenn wir uns – anstatt ständig aktiv zu sein und zu reden – einmal hinsetzen, still werden und die Hände buchstäblich in den Schoß legen. Wir müssen nur auf ihn warten und geduldig sein. Dann kann Gott in unser Leben einbrechen, mit seiner Gnade und Kraft. Er ist in einem christlichen Leben das Subjekt, der Handelnde, wir müssen uns nur bereit halten. Dafür ist Maria ein schönes Vorbild.
Und dann wächst etwas in ihr, sie wird schwanger und neues Leben entsteht. Damit sind wir bei der dritten Person in der Geschichte, dem Kind. Es ist das große Geschenk, das Gott uns machen will. Wenn Sie selber Kinder haben, wissen Sie, wie schön es ist, wenn sie geboren werden. Sie sind eine Bereicherung, verändern das Leben und bringen ganz viel Freude mit sich.
Wieviel größer ist es da, dass Gott uns sich selber schenkt, dass der Allerhöchste zu uns kommt. Die ganze Liebe Gottes zu uns Menschen liegt in diesem Geschenk beschlossen. Denn dadurch sind wir nie mehr allein, Gott ist immer bei uns. Wenn wir das annehmen, werden wir innerlich frei und ruhig, Sorgen und Ängste verschwinden. Wir werden heiter und zuversichtlich, es entsteht eine tiefe Freude und Geborgenheit. Und dafür müssen wir keinerlei Vorbedingungen erfüllen, wir müssen uns das nicht verdienen, sondern es ist ein echtes Geschenk, das wir nur entgegennehmen müssen. Und das geschieht am besten, wenn wir uns selber so wenig groß machen wie möglich und stattdessen erkennen, wie groß Gott und seine unendliche Liebe zu uns ist. Unsere Liebe zu den anderen Menschen wächst dadurch ganz von allein, das Handeln folgt von selbst.
Das alles steckt in der Geschichte von der „Verkündigung des Herrn“. Sie ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir die Gegenwart Gottes erleben können und was er an uns tut.
Luther wusste sehr wohl, warum er das Fest der Verkündigung an Maria als eins der „fürnehmsten“ bezeichnete. Auch als evangelische Christen können wir uns an Maria ein Beispiel nehmen und an dem Tag, an dem sie die Botschaft des Engels empfing, singen: „Heute ist der Anfang unseres Heils, und das Mysterium von Ewigkeit her wird offenbar. Gottes Sohn wird der Jungfrau Kind, und Gabriel überbringt die Frohbotschaft der Gnade. Mit ihm rufen auch wir der Gottesgebärerin zu: ‚Freue dich, Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir.‘“
Amen.

 

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