Das Gebot der Bruderliebe

Predigt über Römer 14, 17- 19: Strebt nach dem Frieden

18. Sonntag nach Trinitatis, 25.9.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Römer 14, 17- 19

17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.
18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.
19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Liebe Gemeinde.
Terror und schreckliche Kriege erschüttern zurzeit die islamische Welt. Das ist gar nicht so weit weg, und Menschen aus den zerstörten und bedrohten Regionen fliehen zu uns. So können auch wir uns dem Geschehen nicht entziehen. Dabei macht es uns hier in Europa fassungslos, wie im Namen der Religion und Gottes so viel Blut fließen kann.
Dabei dürfen wir allerdings nicht vergessen, dass es das auch im Christentum immer wieder gegeben hat. Erst 1998 wurde der bewaffnete Konflikt in Nordirland beendet. Er dauerte ungefähr 30 Jahre, also ungefähr genauso lange wie der dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert. Durch ihn wurden ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Und in Teilen Süddeutschlands überlebte etwa nur ein Drittel der Bevölkerung. Einige Regionen brauchten mehr als ein Jahrhundert, um sich von den Folgen zu erholen. Das waren ebenfalls Religionskriege.
Sie sind zwar zum Glück vorüber, aber gespalten ist die Christenheit immer noch. Es gibt heute 350 verschiedene Kirchen oder Gruppen. Und auch wenn sie sich keine blutigen Auseinandersetzungen mehr liefern, von Einigkeit kann keine Rede sein.
Und das gab es bereits zu Lebzeiten von Paulus. Im Grunde genommen schrieb er sogar alle seine Briefe, um irgendwelche Streitigkeiten und Konflikte beizulegen. Es gab viele Irrlehren und entsprechende Auseinandersetzungen. Juden und Griechen vertraten z.B. verschiedene Auffassungen über den Glauben und brachten ihre Sicht der Dinge dann jeweils in die Gemeinden ein.
Hinter dem kurzen Abschnitt aus dem Römerbrief, den wir eben gehört haben, steht ebenfalls ein Streit. Und zwar ging es um das Essen bestimmter Speisen, hauptsächlich um den Verzehr von Fleisch. Es gab verschiedene antike Gemeinschaften, die kein Fleisch aßen und keinen Wein tranken. In Rom gehörte auch eine Gruppe jüdischer Priester dazu. Aus Respekt vor ihrem Ritualgesetz ernährten sie sich vegetarisch, denn sie wollten sich nicht verunreinigen. Ihre Ansichten hatten sich unter den Juden in Rom durchgesetzt und sie waren somit auch in den neuen christlichen Gemeinden gegenwärtig. Die setzten sich ja aus ehemaligen Juden und Heiden zusammen, und damit war der Konflikt vorprogrammiert: Den Heiden, also den Römern, war es fremd, sich bestimmter Speisen zu enthalten, die Juden verachteten dagegen diejenigen, die ohne Bedenken alles verzehrten, was sie gewohnt waren und mochten.
Auf diesen Konflikt geht Paulus mit dem ganzen vierzehnten Kapitel im Römerbrief ein, und er bittet um gegenseitige Toleranz. Diejenigen, die freizügig lebten, ermahnte er, sich nicht für besser oder stärker zu halten. Und diejenigen, die die alten Vorschriften einhalten wollten, sollten die anderen nicht richten. Das führt er in den vorhergehenden Versen aus, und dann schreibt er den entscheidenden Satz:
„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“
Paulus sagt damit, dass es im christlichen Glauben um viel mehr geht, als um „Essen und Trinken“, d.h. verschiedene Speisevorschriften oder Gewohnheiten. Meinungen und Ideen, Überzeugungen und Einstellungen sind zweitrangig. Viel entscheidender ist das „Reich Gottes“. Damit führt Paulus einen Begriff aus den Predigten Jesu an. Jesus verkündete die „Gottesherrschaft“, und damit meinte er eine neue Wirklichkeit. Durch sein Erscheinen und seine Erlösungstat sind die Glaubenden der Macht der Finsternis entrissen und unter die Herrschaft des gekreuzigten und auferstandenen Gottessohnes gestellt. Sie sehen einem völlig neuen Zeitalter entgegen, an dem sie Anteil haben werden. Und dafür gibt es Kennzeichen. Die sind allerdings nicht demonstrativ freimütiges Essen und Trinken, sondern die Herrschaft Christi äußert sich in „Gerechtigkeit, Friede und Freude“. Das sind die Früchte des Heiligen Geistes und gleichzeitig die Ziele eines christlichen Lebens, auf die jeder und jede sich besinnen sollte.
„Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.“, sagt Paulus weiter. D.h. wo diese Tugenden gelebt werden, ist der allmächtige Gott in der Gemeinde gegenwärtig. Es kommt dem Apostel sehr darauf an, dass die Christen ein Beispiel abgeben, das auf die Ungläubigen nicht abschreckend, sondern einladend und einleuchtend wirkt.
Entsprechend fährt er fort, dass die Christen dem „Frieden nachstreben“ sollen, d.h. sich nach Kräften darum bemühen. Gleichermaßen sollen sie sich gegenseitig „erbauen“. Dieses Wort benutzen wir kaum noch. Es steht im Urtext aber da und es ist auch sehr aussagekräftig. Wörtlich heißt es, „ein Haus bauen“, und damit ist überhaupt „errichten, aufbauen, befestigen“ oder „wiederherstellen“ gemeint. Und das ist ein schönes Bild. Die Gemeinde ist wie ein Haus, an dem alle gemeinsam bauen. Wenn sie sich streiten, kann es nicht gelingen, es bekommt keine Festigkeit und stürzt möglicher Weise ein. Nur wo jeder und jede seinen und ihren Platz einnimmt, ihre Aufgaben erfüllt und alle sich gegenseitig anerkennen, respektieren und wertschätzen, kann das Haus Bestand haben. „Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“ So lautet der letzte Satz aus unserer Epistel.
Und das sind sehr schöne Ermahnungen die auch uns guttun. Lassen Sie uns also fragen, wie wir sie umsetzen können. Dabei ist es gut, wenn wir zunächst zugeben, dass wir keineswegs frei davon sind, unsere eigene Meinung für die beste zu halten. Das durchzieht unser ganzes Denken und Handeln. Es ereignet sich nicht nur in der Weltpolitik und den großen Zusammenhängen, sondern in unseren Familien, Betrieben und Gemeinden, überall wo Menschen zusammen kommen und eigentlich gemeinsam etwas aufbauen wollen. Wie oft scheitert das an den verschiedenen Auffassungen, daran, dass einzelne sich zu wichtig nehmen, die anderen unter Druck setzen, sie abschrecken, ärgern und letzten Endes vertreiben. Sicher meint jeder Einzelne es gut, er oder sie möchte etwas verändern, etwas erreichen, und meint, dafür muss er den anderen zurechtweisen, ihn überzeugen und dazu bewegen, dasselbe zu tun. Was er für gut hält, gilt für alle und wird an sie herangetragen. So läuft es wie gesagt fast überall.
Doch so geht es nicht, sondern genau da liegt die Wurzel für alle Streitereien und Zerwürfnisse, für Kriege und blutige Auseinandersetzungen. Ob sie sich im Großen oder im Kleinen ereignen, in Familien oder Gemeinden, unter Religionen oder Völkern, alle haben sie ihren Ursprung darin, dass ein Mensch oder ein Gruppe die anderen verändern möchten. Wie kommen wir darüber also hinweg?
Das müssen wir uns fragen, und dazu habe ich in der Zeitung vom letzten Wochenende eine schöne Bemerkung gelesen. Sie stand in einem Artikel von Lamya Kaddor, einer Deutschen mit syrischer Herkunft. Sie ist muslimische Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin und sie zitierte ein islamisches Sprichwort, das lautet. „Willst du dein Land verändern, verändere deine Stadt. Willst du deine Stadt verändern, verändere deine Straße. Willst du deine Straße verändern, verändere dein Haus. Willst du dein Haus verändern, verändere dich selbst.“ Wir müssen also bei uns selbst anfangen, bei unserem eigenen Denken und Verhalten, in unserem Geist und unserer Seele.
Und dabei sind wir auch nicht auf uns allein gestellt. Das ist die frohe Botschaft, die Paulus für uns hat. Wir haben den Geist Christi empfangen. Christus ist auferstanden, er sitzt zur Rechten Gottes und das heißt, sein Reich ist da und es ist mitten unter uns. Er möchte, dass wir da eintreten, ihn erkennen und seine große Macht spüren, dass wir ihm „dienen“ und an seiner Herrschaft Anteil haben. Dann kann er mit seinem Geist unser Herz und unser Denken durchdringen. Das ist das große Geschenk, das wir bekommen haben, daraus folgt alles Weitere. Durch Christus werden wir von uns selber befreit und fähig, die anderen anzunehmen, sie so zu lassen, wie sie sind, sie gewähren zu lassen und zu respektieren. Es entstehen „Gerechtigkeit, Friede und Freude“.
Und wie das vor sich geht, wird deutlich, wenn wir diese drei Begriffe näher betrachten. Lassen Sie uns das deshalb zum Schluss tun:
Zur „Gerechtigkeit“ gehören Klarsicht und eine innere Freiheit. Wir halten uns fern von vorschnellem Richten, denn wir gehen davon aus, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Wenn sie etwas tun, das uns fremd ist, fragen wir zunächst einmal gründlich nach, versuchen, sie zu verstehen und versetzen uns in sie hinein. Wir wägen ab, anstatt zu bewerten. Wir fühlen uns mehr der Gemeinschaft verbunden und verpflichtet, als unseren eigenen Ideen. Das ist die erste Frucht, auf die wir immer aus sein sollten. Sie überwindet Gräben und Konflikte, schlichtet und führt zum „Frieden“.
Das ist das zweite Stichwort von Paulus. Es bedeutet, dass alle Zwietracht zum Erliegen kommt. Die unterschiedlichen Positionen und Denkmuster verblassen, wir finden ganz neu zueinander. Es entsteht so etwas wie ein neues Haus, denn nun bauen wir an einer Sache. Das Miteinander und die Gemeinschaft werden gestärkt. Und wenn wir uns lange genug darin üben, kommt es sogar zur Harmonie, zu einem „Wohlgefallen vor Gott und zur Achtung bei den Menschen“.
Und das führt „Freude“ mit sich, das ist das dritte Stichwort, das Paulus hier erwähnt. Darin schwingt eine heitere Gelassenheit mit, Dankbarkeit und Lebendigkeit. Schwere Auseinandersetzungen haben neben der Freude keinen Platz mehr. Sie werden verdrängt und weichen einer stärkeren Aussage. Wo Freude ist, ist Leben und Kraft. Wir lachen und singen, sind glücklich und jubeln.
Diese drei Lebensäußerungen sind das Entscheidende an unserem Glauben: Er führt uns zur „Gerechtigkeit“, zum „Frieden“ und zur „Freude“. Unsere Sehnsucht danach kann gestillt werden.
Und die haben wir alle. In seinem Innersten verabscheut denke ich jeder Mensch den Krieg und den Streit, denn er führt unsägliches Leiden und Sterben mit sich. Wir wollen viel lieber Eintracht und Frieden. Es gilt deshalb, uns auf den zu besinnen, der allein uns einen kann, auf Jesus Christus und seinen Heiligen Geist. Ihn können wir in uns hineinlassen und uns von ihm ergreifen lassen. Er kann uns von innen her verändern, so dass sich dadurch unser Haus, unsere Straße, unsere Stadt und letzten Endes auch die Welt verändert. Amen.

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