Jetzt ist die Zeit der Gnade

Predigt über Römer 14, 7- 9: Keiner lebt sich selber

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 6.11.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Römer 14, 7- 9

7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Liebe Gemeinde.
„Kehrt um und tut Buße, wenn ihr gerettet werden wollt. Bald geht die Welt unter!“ Solche und ähnliche Sätze hören wir gelegentlich aus dem Mund von selbsternannten Missionaren oder Predigern. Sie stehen an belebten Plätzen und halten leidenschaftliche Reden. Denn sie sind erfüllt von einer Idee oder einer Vision, die sie für absolut wahr halten, und fühlen sich beauftragt, das der Menschheit zu verkünden.
Meistens sind sie davon überzeugt, dass die Endzeit bald heranbricht. Sie wollen die Vorübergehenden wach rütteln und drohen mit schlimmen Strafen, wenn die sich nicht auf die kommenden Ereignisse einstellen. Sie versuchen, Angst und Schrecken zu verbreiten, wollen den Leuten ein schlechtes Gewissen machen und sie einschüchtern. Oft zitieren sie dabei Stellen aus der Bibel und sind angeblich von Jesus Christus ergriffen
Doch meistens hört kaum jemand auf sie. Die Passanten nehmen sie nicht ernst, sondern halten sie eher für leicht verrückt. Wenn sie sich zu ungebührlich verhalten, werden sie sogar von der Polizei abgeführt.
Und mit dem Evangelium haben solche Droh- und Mahnpredigten auch in der Tat nichts zu tun.
Die Menschen, die zur Zeit Jesu und in den ersten Jahrzehnten nach ihm lebten, glaubten zwar ebenfalls an das nahe Ende der Welt, aber sie brachten ihre Botschaft ganz anders zur Sprache. Der Apostel Paulus war einer von ihnen, und in unserem Briefabschnitt für heute kommt sehr schön zum Ausdruck, wie er mit dem Thema umging.
Der Text steht im Römerbrief, und die Sätze sind eingebettet in seine Antwort auf einen Streit zwischen „Starken und Schwachen“ im Glauben (Kap. 14). Die gab es in Rom, und sie verurteilten sich gegenseitig. Paulus ermahnt sie dazu, damit aufzuhören und einander nicht zu richten. Mit den Sätzen, die wir gehört haben, gibt er ihnen dafür einen Grund: Was sie tun, tun sie alles „im Blick auf den Herrn“ (V.6). Ihr ganzes Leben steht unter und in der Gegenwart Christi, dessen Reich bald ganz anbrechen wird. Streitereien um Vorläufiges sind deshalb völlig sinnlos und nichtig. Das ist seine Botschaft, und die weitet er sogar noch auf das Sterben aus. Paulus sagt: „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ Christen leben und sterben nicht im Blick auf sich selbst, sie sind nicht losgelöst und autonom, sondern gehören Jesus Christus. „Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“, sagt Paulus. Mit einem Zusatz erläutert er seine Aussage noch. Er wiederholt den Grund dafür, dass Jesus Christus unsre Bestimmung ist. In seinem ganzen Brief hatte er die Nachricht entfaltet: Christus ist der Herr über Lebende und Tote, er ist die Mitte der Welt und der Sinn des Lebens. Die alte Welt ist im Vergehen, denn mit Jesus Christus hat bereits eine neue Zeit angefangen, und dadurch relativieren sich alle irdischen Vorgänge. Sein Sterben und Auferstehen haben ihr Ziel und ihren Zweck darin, die Menschen zu Gott zurückzuführen. Paulus sagt das so: „Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“
Damit endet unser Textabschnitt und Paulus bringt damit zur Sprache, was ihn bei dem Gedanken an das Ende der Welt erfüllt: Es ist der Blick auf Jesus Christus, der rettet und befreit. Paulus ging also positiv und konstruktiv mit dem Thema um. Er hält auch keine lange Rede, sondern kommt mit wenigen Worten auf das Wesentliche. Und das ist von großer Bedeutung.
Zunächst einmal lädt er alle, die das lesen, dazu ein, an Jesus Christus zu glauben. Sie sollen ihm vertrauen, seine Macht anerkennen, und sich ihm zu eigen geben. Wenn seine große Heilstat, sein Sterben und Auferstehen wirksam werden soll, müssen Menschen sich darauf einlassen und daran glauben. Auch wir werden dazu aufgefordert. Die Sätze enthalten also durchaus eine Mahnung. Doch die ist nicht angstmachend oder bedrohlich, sondern zutiefst befreiend.
Lassen Sie uns deshalb genau nachfragen: Was geschieht, wenn wir diese Botschaft anerkennen und annehmen? Mir sind dazu drei Punkte eingefallen.
Zunächst einmal stiftet dieser Glaube einen tiefen Lebenssinn, und den brauchen wir alle, um im Leben klar zu kommen. Wer keinen Sinn in seinem Leben findet, wird depressiv. Er leidet unter innerer Leere, wird schwermütig und antriebsschwach und ist irgendwann möglicherweise sogar selbstmordgefährdet. Es gibt deshalb auch eine Therapieform, die nach dem Sinn des Lebens fragt, die sogenannte „Logotherapie“. Der österreichische Neurologe, Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor E. Frankl hat sie in den späten 1920er Jahren gegründet. Das Streben nach Sinn ist für ihn die Kraft, die heilen und motivieren kann, die uns zu unsren Handlungen führt und uns ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht. Wenn der Sinn verloren geht, geht der Mensch ein.
Leider geschieht das heutzutage oft. Selbst Menschen, die Arbeit, Familie und Geld haben, können von Sinnlosigkeitsgefühlen befallen werden. Ihnen wird bewusst, dass irgendwann alles vergeht. Sie wissen nicht, wozu sie letzten Endes tun, was sie tun. Und so ganz unrealistisch ist das gar nicht. Denn natürlich können diese Fragen aufbrechen. Unserem Leben fehlt oft die Tiefe, wir sind autonom und damit losgelöst von einem übergreifenden Zusammenhang. Der Boden kann uns entrissen werden und alles gerät ins Wanken.
Und genau da setzt das Evangelium an: Es verkündet uns einen Sinn und eine Grundlage, die weit über unser persönliches Dasein hinausgehen. Es gibt noch etwas viel größeres, als unsere eigenen Ideen. Wir müssen uns gar nicht selber den Sinn unsres Lebens ausdenken, er wird uns vielmehr geschenkt, oder noch anders: Er ist bereits vor uns da und weist deshalb auch über das Sterben hinaus. Wenn wir auf Jesus Christus schauen, bleibt der Sinn unseres Lebens selbst angesichts des Todes erhalten. „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.“
Im Konzentrationslager, am tiefsten Punkt seines Lebens, hat Viktor Frankl diese tiefe Erfahrung gemacht, und in ihr liegt die Wurzel seiner Anthropologie. Er bezieht die geistige Dimension in seine Heilmethode ein, die dadurch die tiefsten und letzten Fragen der menschlichen Existenz berührt.
Das ist der erste Punkt, der sich aus dem Glauben an Jesus Christus ergibt.
Und das bedeutet als Zweites tatsächlich Heilung und Befreiung. Wer das glaubt, dass sein Leben Jesus Christus gehört, der kann immer gelassen und ruhig bleiben. Alles, was sonst zu unsrem Leben gehört, relativiert sich, und dadurch schwinden auch Ängste und Sorgen.
Davon werden wir ja oft heimgesucht. Wir fürchten uns davor, etwas Schönes und Vertrautes zu verlieren, unser Glück oder unsre Heimat. Wir haben Angst, dass wir nicht zum Zuge kommen, krank werden oder erfolglos bleiben, und wir fühlen uns unter Druck. Auch um die Liebe bangen wir oft, dass wir allein bleiben und keiner sich um uns kümmert. Das Gefühl der Einsamkeit nagt an unsrer Seele. Und all das hat eine zerstörerische Macht, es bringt uns an einen Abgrund, in den wir hineinstürzen können. Doch genau davor kann Jesus Christus uns bewahren. Im „Blick auf ihn“ verlieren all diese Bedrängnisse ihren Einfluss. Sie verblassen und verziehen sich, „denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden“. Er ist über alle und alles der Herr. In seiner Gegenwart können wir loslassen, was uns ängstet, und müssen selbst den Tod nicht mehr fürchten. Denn er fängt uns auch im Sterben noch auf. Das ist der zweite Punkt.
Und als drittes überwindet der Glaube an ihn alles Trennende. Wir leiden ja oft unter der Andersartigkeit unserer Mitmenschen, auch die unserer nächsten Familienangehörigen und Verwandten. Sie denken anders als wir, ärgern uns und beengen unseren Spielraum. Es kommt oft zu Konflikten und zum Streit, zu Verwerfungen und Trennungen. Für Paulus war genau das der Hintergrund seiner Aussagen und er wollte die Römer wieder zusammenführen. Er ermahnte sie dazu, nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu beachten. Es spielte keine Rolle, ob jemand schwach oder stark war, alt oder jung, begabt oder unbegabt. Alle „leben dem Herrn“. Wenn sie das beachten und beherzigen, werden die Unterschiede bedeutungslos. Anstatt richtender oder verurteilender Gedanken, regieren im Geist und in der Seele Sanftmut und Geduld.
Das ist die dritte Folge aus dem, was Paulus uns hier mit seinen Sätzen sagt. Seine Botschaft rettet und heilt und verbindet. Er will uns mit dem Glauben an das Ende der Welt keine Angst machen, sondern uns von unsrer inneren Leere, von unseren Ängsten und Konflikten befreien.
Nicht umsonst ist der Textabschnitt in unserer „lutherischen Agende für die Bestattung“ als biblisches Votum am Ende einer Trauerfeier vorgeschlagen, und ich sage das dort am Sarg eines Menschen auch sehr gerne. Selbst wenn bei einem Abschied die Verstorbenen im Großen und Ganzen positiv dargestellt werden, so überschatten immer auch belastende Erinnerungen eine Trauerfeier. Kein Mensch ist vollkommen, und jeder und jede Verstorbene hat in ihrem Leben Fehler gemacht. Auch die Angehörigen sind oft nicht frei von Versagen und Schuld im Miteinander. Dadurch sind in der Stunde des Abschieds ganz verschiedene Gefühle vorhanden. Es gibt kein eindeutiges Empfinden. Das Gedenken ist vielschichtig und manchmal kompliziert.
Und dann ist es gut, am Ende darauf zu vertrauen, dass „unser keiner sich selber lebt und keiner sich selber stirbt.“ Wir erinnern uns nicht nur an den Verstorbenen und an unsere Geschichte mit ihm, sondern besinnen uns auf den, der uns unsere Sünden vergibt, der uns einen festen Grund gibt und unsere Wunden heilt. Alles relativiert sich in seiner Gegenwart. Das hat etwas Tröstendes und Versöhnendes. Dank und Liebe können die Seele erfüllen, Vergebung und Frieden.
Dazu sind wir heute eingeladen, zu einem Leben, das auch angesichts des Endes geborgen bleibt. Wir müssen uns vor nichts fürchten, und niemand muss öffentliche Drohpredigten halten. Denn das Reich Gottes ist nicht etwas Zukünftiges, sondern es ist bereits da. Es ist gegenwärtig und kann uns jetzt erfüllen. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“, wie Jesus in seiner Endzeitrede im Lukasevangelium sagt (Lukas 17,21b). Und auch der Wochenspruch aus dem zweiten Korintherbrief betont das: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.“ (2.Korinther 6,2b) Es gilt also, jetzt für Christus zu leben. Das ist wichtiger als jede Predigt, denn dann wohnt er in uns und verkündet selber: Ich bin da und ich bin über „Tote und Lebende Herr“.
Amen.

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