Das Geschenk Gottes

Predigt über Johannes 3, 16: Also hat Gott die Welt geliebt…

Heiligabend, 24.12.2016, 17 und 23 Uhr
Jakobi- und Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Weihnachten ist das Fest der Geschenke, und das gefällt auch den meisten. Kinder freuen sich besonders auf die Bescherung, aber Erwachsenen macht es auch noch viel Spaß. Entsprechend wird in der Vorweihnachtszeit kräftig eingekauft, gebastelt, gepackt und verschickt.
Dabei bemisst sich der Wert eines Geschenkes nicht nur danach, wieviel Geld es gekostet hat. Zum Schenken gehört es, dass wir uns Gedanken darüber machen, was dem anderen vielleicht gefällt und zu ihm passt. Ein Geschenk ist nur dann gut und sinnvoll, wenn es von Herzen kommt. Dann macht es allen Freude, auch dem Gebenden. Es ist ja schön, einem anderen ein kleines Glück zu bereiten. „Es freut mich, wenn du dich freust“, das sagen viele, die heute ihre Lieben beschenken.
Entsprechend enttäuschend und verletzend ist es, wenn ein Geschenk dann doch nicht passt, wenn es lieblos ausgewählt wurde und nicht zusagt. Dann ist die Stimmung im Eimer. Um das zu vermeiden, haben viele Familien das Schenken zu Weihnachten abgeschafft. „Wir schenken uns nichts mehr“, heißt es dann.
Dabei passt es zu Weihnachten, denn es ist das Fest eines ganz großen Geschenks Gottes an die Menschen. Es ist ebenfalls aus Liebe erfolgt und deckt sich wunderbar mit dem, was wir brauchen. Der Evangelist Johannes hat es so formuliert: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Das ist nur ein Satz, aber er enthält das ganze Evangelium. Nicht umsonst ist er zu einem der bekanntesten Sprüche aus dem Neuen Testament geworden. Wir finden hier drei Aussagen von großer Bedeutung.
Erstens wird uns etwas über Gott gesagt, und zwar wird uns verkündet, dass Gott die Menschen liebt. Wir sind ihm nicht gleichgültig, er hat eine enge Beziehung zu uns, er will nicht ohne die Menschen sein. Die ganze Welt liegt ihm am Herzen, denn sie ist sein Werk und er möchte sie erhalten. Er will hier wohnen und natürlich wartet er auf Gegenliebe. Er möchte erkannt und selber geliebt werden. So jedenfalls redet die Bibel über Gott, so glauben es die Juden und Christen.
Doch genau damit hapert es, denn die Menschen gehen ihre eigenen Wege. Sie fragen nicht nach Gott und wenden sich von ihm ab. Deshalb hat er seinen Sohn geschickt, d.h. er ist selber als Mensch erschienen. Er wurde uns gleich, damit wir ihm endlich nahe sein können. Er wollte unser Bruder sein, unser Helfer und Tröster. Das ist der erste Punkt, der in dem Satz zum Ausdruck kommt: Die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen.
Als zweites wird gesagt, worin unser Part liegt, was geschehen muss, damit wir die Liebe Gottes auch spüren und empfangen: Wir sind zum Glauben eingeladen. Von „allen, die an ihn glauben“, ist hier die Rede, und damit sind die gemeint, die das Geschenk Gotte annehmen, sich darüber freuen und es sich zu eigen machen. Es gilt, dass auch wir Kontakt zu Gott aufbauen, mit ihm rechnen, ihn unsererseits lieben und ehren. Jede Beziehung ist nur dann lebendig und schön, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht, wenn beide Beteiligten sie leben und beachten. Das ist der zweite Punkt.
Und drittens wird gesagt, welche Folgen es hat, an Gott zu glauben und sein Geschenk anzunehmen: Wir sind „nicht verloren, sondern haben das ewige Leben“. Dahinter steht die Vorstellung, dass es eine Gefahr gibt, eben das „Verlorengehen“. Damit meint die Bibel einen Zustand des Unglücks und der Gottesferne, des Gerichts und der Verdammnis. Und das heißt, das Leben kann misslingen. Es gibt zerstörerische Kräfte, die uns verschlingen wollen. Wir stehen immer an einem Abgrund, in den wir hineinstürzen können.
Wer an Jesus Christus glaubt, ist davor bewahrt, er wird gehalten und gerettet, er gewinnt „das ewige Leben“.
Das ist die Botschaft von Weihnachten, und es ist gut, wenn wir sie ernst nehmen.
Gerade was den letzten Punkt betrifft, so stimmen wir da sicherlich überein. Wir haben das Gefühl, in schlimmen Zeiten zu leben. Der Terror ist überall, auch in Deutschland ist er angekommen. Abscheuliche Taten werden begangen, Angst und Schrecken greifen um sich. Viele fürchten sich mehr als sonst und fühlen sich unsicher.
Andere sagen in dieser Situation bewusst: „Jetzt erst recht! Wir lassen uns unsere Freiheit und Offenheit nicht nehmen, wir leben, wie wir wollen und für richtig halten, die Angst soll nicht siegen.“ Und das ist gut, das dürfen wir auf keinen Fall aufgeben. Toleranz und Freiheit, Gleichberechtigung, Sicherheit und Gerechtigkeit sind die großen Errungenschaften einer modernen Gesellschaft. Wir dürfen uns davon nicht abbringen lassen.
Doch wie besiegen wir die Furcht und können fröhlich bleiben? Wie kann das Leben gelingen?
In Berlin sind zwölf Menschen gestorben, als der Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt fuhr. Das beschäftigt uns z.Zt. sehr, es berührt uns macht uns traurig. Wir fühlen und leiden mit den Angehörigen der Verstorbenen und den Verletzten. Und es ist notwendig, dass die Politiker überlegen, was sich in unserem Land ändern muss, damit so etwas nicht geschieht.
Lassen Sie uns jetzt aber einmal noch tiefer nachfragen und über einen grundsätzlichen Zusammenhang nachdenken. Wir sollten nicht vergessen, dass der Terror nicht die einzige Gefahr ist, die es gibt. Auf unseren Straßen im Verkehr ist es z.B. viel gefährlicher. Da sterben in Deutschland täglich ungefähr zwölf Menschen. Makaberer Weise haben wir uns daran irgendwie gewöhnt, es wird nicht viel darüber berichtet. Auch ist es keine Nachricht wert, wenn ein Mensch Selbstmord begeht. Dabei passiert auch das täglich, und dahinter steht jedes Mal eine ganz große Not und ein tiefes Leid, Verzweiflung und das Gefühl der Ausweglosigkeit. In unserer Gesellschaft gibt es das zu Hauf.
Das sind zwei Beispiele dafür, dass unser freizügiger Lebensstil, unser Wohlstand und unser Vergnügen uns lange nicht alle Antworten liefern, die wir brauchen. Die Welt ist unsicher und gefährdet, unzählige Bedürfnisse werden nicht befriedigt, Erwartungen nicht erfüllt. Es gibt Enttäuschungen und Krankheiten, Verletzungen und den Tod. Was gibt uns wirklich Sicherheit und Geborgenheit? Woher nehmen wir unsre Hoffnung? Wie können wir lieben? Was ist der Sinn des Lebens, und was geschieht nach dem Tod? Diese und ähnliche Fragen bleiben offen, wenn wir nur weltlich leben, und im Innersten lassen sie eine Unruhe zurück.
In Wirklichkeit ist die Welt viel zu klein für uns. Das sollten wir uns eingestehen. Es ist gut, wenn wir realistisch und nüchtern werden und auf den Boden der Tatsachen kommen. Stimmen, die das Kaufen und Schenken zu Weihnachten kritisieren, sollten wir ernst nehmen. Denn was wir an Schönem und Beglückendem in dieser Welt unternehmen, ist nur dann sinnvoll, wenn wir vorher von etwas Größerem erfüllt sind und unsere tiefste Sehnsucht bereits gestillt ist. Und das kann nicht in der Welt geschehen, durch kein Geschenk und auch keine menschliche Liebe. Denn Gott hat uns zu sich  „hin geschaffen“, wie es der Kirchenvater Augustin bereits im vierten Jahrhundert gesagt hat. „Und ruhelos ist unser Herz solange, bis es ausruhen kann in Dir.“, so geht sein berühmtes Gebet weiter. (Augustinus, die Bekenntnisse, Übertragung, Einleitung und Anmerkungen von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln, 1994,. S. 31)  Er eröffnet damit das Buch seiner „Bekenntnisse“, die Beschreibung seines inneren Weges, und es ist wie eine Überschrift oder Zusammenfassung: Das hatte er eines Tages erkannt. Es war wie das Erwachen aus einem Traum, und er stellte danach Gott an die erste Stelle seines Suchens und Strebens.
Ernesto Cardenal, ein lateinamerikanischer Priester und Dichter des letzten Jahrhunderts, hat denselben Gedanken in seinem „Buch von der Liebe“ so formuliert:
„Alle Menschen werden mit einem verwundeten Herzen und einem unstillbaren Durst geboren. […] Der Vorgang des Essens und Trinkens wurde vom Schöpfer als materielles Symbol dieses Hungers und Durstes nach Gott eingesetzt.
Dieser Durst nach Gott spiegelt sich als innere Unruhe auf den Gesichtern aller Menschen, welche die Straßen, die Läden, die Kinos und Bars bevölkern. Alle Welt trägt einen Wunsch mit sich, viele Wünsche, eine Unendlichkeit von Wünschen: noch ein Gläschen, noch ein Stück Kuchen, noch ein Blick, noch ein Wort, noch ein Kuss, noch ein Buch, noch eine Reise. Mehr und immer mehr. Alle Gesichter verwundet von Unruhe und Wünschen. […] Es ist, als ob wir uns mit einer Nahrung sattessen wollten, die nichts hergibt, oder uns mit einem Wein betrinken, der nicht trunken macht. Die Nahrung füllt uns zwar, aber unser innerster Hunger wird nicht gestillt, sondern eher angefacht. Wir können überdrüssig werden, aber niemals satt.
Und so, wie wir uns von der Tiefe eines Brunnens überzeugen, wenn wir einen Stein hineinwerfen und seinen Aufprall nicht mehr hören, so können wir uns von der Tiefe unserer Seele überzeugen, wenn die Dinge in sie hineinfallen und einfach verschwinden, ohne dass ein Echo nachklingt, ohne dass wir sie fallen hören. Weil Gott auf dem Grund jeder Seele wohnt, ist die Seele unendlich und kann mit nichts gefüllt werden als mit Gott. […] Unser Sein [aber] ist entworfen worden, um Gott zu lieben, um Ihn zu besitzen und Ihn zu genießen, wie die Makrele entworfen wurde zum Schwimmen und die Möwe zum Fliegen.“ (Ernesto Cardenal, Das Buch von der Liebe, Gütersloh, 1978, S. 35ff) Besser kann man es kaum formulieren.
Wir tun also gut daran, wenn wir das Geschenk Gottes annehmen und bei ihm unser Glück suchen. Es gibt eine Ruhe für die Seele und das geängstete Herz. Sie liegt in dem Geschenk Gottes, das er uns zu Weihnachten macht: bei seinem Sohn Jesus Christus, der uns annimmt und uns das ewige Leben gibt. Gott schenkt sich uns selber und es ist gut, wenn auch wir ihm unser Leben geben.
Zum Schenken gehört Gegenseitigkeit: jeder und jede Schenkende freut sich, wenn er oder sie auch etwas bekommt. Mit Gott ist es nicht anders. Deshalb fragt Paul Gerhardt in seinem Weihnachtslied, was er denn nun Gott schenken kann. Und er kommt nicht auf dies oder das, nicht auf irgendwelche Opfergaben oder fromme Leistungen, sondern er sagt: „Ich komme bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist meine Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut nimm alles hin und lass dir‘s wohlgefallen.“ (Evangelsiches Gesangbuch Nr. 37,1)
Das ist ein Gebet an der Krippe, das auch wir sprechen können. Lassen Sie uns das Lied deshalb jetzt singen und mit der Bitte zu Jesus gehen, dass er uns selber nehmen möge. Wir können unser Leben in seine Hand legen und uns ganz ihm anvertrauen. Dann werden wir glücklich und ruhig, alle Ängste verschwinden, wir fühlen uns sicher und in Ewigkeit geborgen.
Amen.

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