Sorget nicht!

Predigt über Matthäus 6, 25- 34: Vom Schätzesammeln und Sorgen

15. Sonntag nach Trinitatis, 13.9.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Matthäus 6, 25- 34

25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, bso wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Liebe Gemeinde.
„Einmal einfach loszusingen, loszuschreien, loszuspringen, in das volle Leben greifen, zu umarmen, was gefällt. Versinkt das Gestern, versinkt das Morgen, es bleibt der Sorgen noch genug auf dieser Welt.“
So beginnt ein Lied, das den Titel „Freude“ trägt. Alexej Stachowitsch dichtete es 1963. Das war ein österreichisch-russischer Autor, Pädagoge, Liedermacher, Techniker, Pfadfinder und Wandervogel. Vor zwei Jahren starb er 95-järig in Limburg an der Lahn. Axi, so lautet sein Fahrtenname, war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein „Wandervogel“ durch und durch.
1896 war diese Bewegung in Steglitz bei Berlin entstanden. Schüler und Studenten bürgerlicher Herkunft lösten sich darin von den engen Vorgaben des schulischen und gesellschaftlichen Umfelds. In den Städten schritt die Industrialisierung fort, und dagegen entwickelten sie in der freien Natur eine eigene Lebensart. Der „Wandervogel“ stellte den Beginn der sogenannten Jugendbewegung dar. In seinen Liedern hat Axi das Lebensgefühl der Wandervögel wunderbar zum Ausdruck gebracht.
Langsam, betont und fast hymnisch ist das Lied über die Freude, und es bringt die große Sehnsucht nach einem sorgenfreien, unverstellten und ursprünglichen Dasein zum Ausdruck: „Einmal einfach sich verschenken, in die Freude sich versenken, aufzuwachen, aufzulachen, aufzuatmen du und ich.“ So lautet die zweite Strophe.
Das Lied beschreibt, was auch Jesus seinen Jüngern wünschte: Ein Leben ohne Sorgen, frei wie das der „Vögel unter dem Himmel“ und der „Lilien auf dem Felde“. Wir haben diesen Teil aus der Bergpredigt vorhin gehört.
Jesus macht darin seine Jünger auf die Vögel und Blumen aufmerksam, sie sollen sie betrachten und durch sie etwas lernen. Denn sie sind anders als wir, führen eine andere Art von Dasein. Bestimmte Dinge tun sie im Unterschied zu uns nicht: Die Vögel „säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen“, und die Blumen „arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht“. Sie sorgen sich um nichts. Wenn die Vögel sich in ihrem Element, der Luft bewegen, sind sie frei, freuen sich am Dasein und sind voller Lebenslust. Denn immer und überall finden sie, was sie als Nahrung brauchen. Es liegt herum, wird ihnen gegeben, sie müssen es nur aufsammeln.
Und genauso ist es mit den Blumen. Sie sind schön, ohne dafür etwas tun zu müssen, ohne eitel zu sein, ohne sich mit anderen zu vergleichen. Ihre Pracht ist einfach da und wurde ihnen geschenkt. Wie die Vögel führen sie ein absichtsloses Dasein.
Darauf macht Jesus seine Jünger aufmerksam, denn das sollen sie von ihnen lernen. Sie sollen sich an den Vögeln und Blumen ein Bespiel nehmen und sich nicht zu viele Gedanken um Essen und Kleidung machen, und wo das alles herkommt. Besser ist es, darauf zu vertrauen, dass ihr himmlischer Vater für sie sorgen wird.
Dabei muss man wissen, dass das Sorgen für Jesus und seine Jünger nicht ganz unberechtigt war, denn sie führten ein ungesichertes Dasein. Sie hatten ihre Berufe zum großen Teil aufgegeben und hatten kein festes Einkommen. Oft wussten sie nicht, wo das Essen für den nächsten Tag herkommen würde. Aber gerade deshalb ermahnt Jesus sie zur Sorglosigkeit. Die Frage nach Essen und Kleidung soll nicht an erster Stelle stehen, sondern sie sollen zuerst auf Gott vertrauen, sein Reich suchen und seinen Willen tun: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch solches alles zufallen.“ So lautet der abschließende Satz.
Das alles sagt Jesus auch zu uns, und das ist gut, denn natürlich machen wir uns immer wieder Sorgen. Im Moment beschäftigt uns z.B. alle der Strom von Flüchtlingen, der nach Europa und nach Deutschland kommt. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist groß, aber es gibt auch Ängste und Sorgen: Wo führt das hin? Die Folgen dieser Zuwanderung sind im Moment unübersehbar. Wo sollen all die Menschen auf die Dauer wohnen? Wovon sollen sie leben? Welche Kultur bringen sie mit? Wird es in unserer Gesellschaft so friedlich bleiben? Was müssen wir abgeben? Worauf müssen wir eventuell verzichten? Menschen am unteren Rand der Gesellschaft machen sich Sorgen, dass sie vergessen werden und nun noch ärmer und einsamer werden.
Und auch auf politischer Ebene tauchen Probleme auf: Europa droht sich zu spalten, es gibt keine einheitlichen Wertvorstellungen mehr, Grenzen werden geschlossen, Menschenrechte werden übergangen. Trotz aller Hilfseuphorie gibt es viele ungeklärte Fragen und Ängste, und die müssen wir auch ernst nehmen. Es ist bei uns Menschen leider alles etwas komplizierter, als bei den Vögeln und Blumen. Der Aufruf Jesu „sorget nicht“ hilft im ersten Moment nicht.
Was sollen wir damit anfangen? Ist es ein guter Rat? Können wir danach leben? Es gibt ja auch noch andere Zusammenhänge, in die hinein Jesus das sagt: Wir machen uns genauso Sorgen in unserem privaten Leben, um unsre Kinder z.B., wenn sie heranwachsen. Was wird aus ihnen? Wir können keinen Einfluss mehr ausüben und müssen sie sich selbst überlassen. Wir wissen nicht, ob ihnen gelingt, was sie vorhaben.
Und diese Liste könnten wir unendlich fortsetzen: Wir sorgen uns um unsere Gesundheit, um unser Wohlergehen, um unser Geld oder unseren Arbeitsplatz. Auf Reisen machen wir uns Sorgen, ob wir ankommen, zu Hause machen wir uns Gedanken, ob alles stehen bleibt. Unser ganzes Leben ist davon durchzogen, und die Inhalte sind sehr unterschiedlich.
Doch eins haben sie alle gemeinsam: Wir halten unsere Sorgen für realistisch und meinen, dass wir sie brauchen. Wir nehmen damit die Herausforderungen des Lebens ernst, machen uns nichts vor und verschließen uns nicht vor allen möglichen Gefahren. Wir wägen ab und berechnen, und denken, dass das sein muss.
Der Aufruf Jesu, uns keine Sorgen zu machen, klingt deshalb beim ersten Hören reichlich unrealistisch. Sollen wir einfach die Augen verschließen, uns schönen Illusionen hingeben und Träumen nachgehen? So könnte man seine Einladung, die „Vögel unter dem Himmel“ und die „Lilien auf dem Felde“ zu betrachten, ja hören. Sie wirkt etwas weltfremd. So reden eigentlich nur Aussteiger, Menschen wie die Wandervögel. Im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation ist uns Deutschen das auch bereits zum Vorwurf gemacht worden. In England war vom „Hippie-Deutschland“ die Rede, das nur nach dem Herzen handelt und den Kopf ausgeschaltet hat.
Doch so ist der Aufruf Jesu nicht gemeint. Es gibt einen Vers in unserem Abschnitt, von dem her wir ihn am besten verstehen. Er lautet: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch solches alles zufallen.“ Das „Reich Gottes“ erwähnt Jesus hier, und das ist der Schlüssel für seine Rede. Davon war sein Lebensgefühl bestimmt, von einem Reich, das nicht von dieser Welt ist. Jesus Christus kam in seinem Auftrag, er hat es für uns geöffnet. Es ist wie ein unsichtbarer Raum, in dem wir in Kontakt mit unserem Schöpfer kommen. Durch Jesus können wir in das Reich Gottes eintreten, denn in ihm ist Gott gegenwärtig. Wir müssen uns nur ihm anvertrauen und uns ganz auf ihn verlassen.
Jesus war also mitnichten unrealistisch, er war vielmehr von einer anderen Realität erfüllt als die meisten Menschen. Für ihn gab es noch mehr als diese Welt, mehr als das, was vor Augen liegt, und er wollte seinen Jüngern dafür die Augen öffnen. Sie sollten die ganze Realität erkennen. Und zu der gehört die Macht und Gegenwart Gottes: Gott ist da und er steht hinter allem, was geschieht.
Das war seine Botschaft, und die gilt auch uns. Jesus fordert uns auf, unseren Blick für das Reich Gottes zu öffnen, unser Bewusstsein auf ihn zu lenken und seine Gegenwart zu suchen, „dann wird uns alles andere zufallen.“
Jesus ruft uns also in die Entscheidung. Er fragt uns: Wie willst du denken und leben? Was soll dich bestimmen? Was soll in deinem Bewusstsein Vorrang haben? Er wusste: Ängste entstehen nicht nur dadurch, dass etwas Bestimmtes geschieht. Sie kommen nicht nur von außen, sondern hauptsächlich von innen und haben etwas mit dem Menschen zu tun, der sie hat. Sie bringen zum Ausdruck, wie er mit der Ungewissheit des Lebens umgeht.
Die ist ja da. Unserem Erkennen sind Grenzen gesetzt. Wir können nicht in die Zukunft schauen. Wir wissen nicht, wie es Menschen geht, mit denen wir gerade keinen Kontakt haben, über die wir keinen Einfluss haben. Unsere Möglichkeiten sind erheblich eingeschränkt, in jeder Hinsicht. Gedanken, die wir uns trotzdem über all das machen, was wir nicht kontrollieren können, bleiben Spekulationen, Vermutungen, Phantasien. Sie sind irreal.
Es ist deshalb eigentlich sinnlos und überflüssig, wenn wir uns zu viel damit beschäftigen. Denn sie lösen unnötige Sorgen aus. Das müssen wir erkennen. Unsere Sorgen führen uns nicht an die Realität heran, im Gegenteil, sie leiten uns oft in die Irre und trüben den Blick. Und ob das geschehen soll, können wir entscheiden. Wollen wir uns die Zukunft dunkel oder hell ausmalen?
Das ist die Frage, die Jesus uns stellt, und natürlich ist sie als Einladung gemeint, uns nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, was alles geschehen könnte. Es ist besser, gegenwärtig zu leben, uns selber zu spüren, und Ängste als irreal zu entlarven. Denn dann werden wir offen für das, was jetzt gerade geschieht. Wir wachen auf und werden frei für die Liebe Gottes. Sie ist da, und wenn wir auf Jesus vertrauen, empfangen wir sie.
Und dadurch wird ein ganz anderer Umgang mit der Welt möglich. Die Probleme verschwinden zwar nicht, Gefahren und Unsicherheiten bleiben bestehen, aber die Sorgen lösen sich auf. Wir haben keine Angst mehr, denn wir lassen uns von etwas anderem leiten, als von trübenden Gedanken. Das Vertrauen auf Jesus verändert uns, und dazu lädt er uns hier ein.
Die Art und Weise, wie die Mehrheit der Deutschen jetzt mit den Flüchtlingen umgeht, ist dafür ein wunderbares Bespiel. Sie lassen sich nicht von Ängsten leiten, sondern von Mitmenschlichkeit und Mitgefühl. Und das kann gar nicht verkehrt sein. Es ist das oberste Gebot der Stunde. Gewalt oder Abschottung kann weder die Antwort an die Flüchtlinge noch die Reaktion auf unsere Ängste sein. Wenn es eine Lösung gibt, dann kann sie nur im Vertrauen, in der Hoffnung und in der Liebe liegen. Wahrscheinlich ist es auch die Sehnsucht danach, die hinter der Welle der Hilfsbereitschaft steht. Menschen wollen nicht nur etwas Gutes tun, sie sehnen sich nach einer humanen Gesellschaft, nach Frieden und Gerechtigkeit. Und im Moment tragen viele dazu bei, dass sie bei uns wahr wird.
Und das ist gut. Die sogenannte Willkommenskultur ist wie ein Kraftstrom, mit dem wir den Strom der Flüchtlinge begleiten können. Er sollte genauso unaufhaltsam sein. Wenn alle zusammenhalten, wenn die Politik, die Medien und Organisationen an einem Strang ziehen, dann kann daraus etwas Großartiges werden. Ich bin mir sicher, dass es in unserer Gesellschaft noch viel Spielraum nach oben gibt, dass wir noch lange nicht alles getan haben, was möglich ist.
In dem Lied, das ich am Anfang erwähnte, heißt es weiter: „Seht die Masken, wie sie schwinden, Augen, wie sie Augen finden; herrlich steigt und neugeboren aus den Fesseln eine Welt.“
Das ist die Vision, die wir vor Augen behalten sollten Es war die Ideologie der Wandervögel, und sie deckt sich mit dem Evangelium. Dort ist sie Wirklichkeit geworden. Das hat Jesus bewirkt, er hat diese „neue Welt“ heraufgeführt. Wenn wir ihm folgen, wird sie wahr, denn wir werden von allen Ängsten und Sorgen befreit. Im Glauben und Vertrauen auf Jesus brauchen wir sie nicht. Wir können uns verändern und neu werden. Denn was uns trägt und hält, ist die Gegenwart des Reiches Gottes, seine Liebe und Kraft. Wenn wir uns darauf ausrichten, geschieht etwas. Wunder werden wahr, und eine unbeschreiblich große Freude kommt auf.
„Freude, Freude, lasst sie wehen, über Tiefen über Höhen, bis die Fülle uns durchflutet, trinken wir des Lebens Quell.“
So lautet die letzte Strophe des Liedes von Axi. Und dann kommt noch einmal der Refrain: „Versinkt das Gestern, versinkt das Morgen, es bleibt der Sorgen noch genug auf dieser Welt.“
Lassen Sie uns danach leben und nicht den Sorgen, sondern der Freude Raum geben. Amen.

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