Macht zu Jüngern alle Völker

Predigt über Mt. 28, 16- 20: Der Missionsbefehl

11. Sonntag nach Trinitatis, 16.8.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

In dem Gottesdienst wurde ein Kleinkind getauft.

Matthäus 28, 16- 20

16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. 18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Liebe Gemeinde.
„Wie viel Erde braucht der Mensch?“ Diese bedeutungsschwere Frage ist zu einem geflügelten Wort geworden. Die Gier nach Eigentum wird damit hinterfragt. Das hat Leo Tolstoi mit der gleichnamigen Erzählung sehr schön veranschaulicht. Sie handelt von dem Bauern Pachom. Der hört von einem durchreisenden Kaufmann, man könne billig gutes Steppenland weiter im Osten kaufen. Pachom reist mit seinem Knecht dorthin. Er wird von den Steppenbewohnern in ihrem Zeltlager freundlich aufgenommen und darf so viel Land kaufen, wie er von Sonnenaufgang bis -untergang zu Fuß umrunden kann. So läuft er los und misst im Geist seinen zukünftigen Besitz ab. Doch dabei überschätzt er seine Kräfte. Nachdem er endlich ein sehr großes Stück Land umschritten hat, bricht er vor Erschöpfung tot zusammen, denn zuletzt, bei sinkender Sonne, war er verzweifelt gerannt. „Der Knecht aber nahm die Hacke auf, grub ein Grab für Pachom, gerade so lang, wie er von Kopf bis zu den Füßen maß – sechs Ellen –, und scharrte ihn ein.“ (Leo Tolstoi, Meistererzählungen, Diogenes-Verlag Zürich, 1989, S. 240)  Das ist der letzte Satz, und damit sagt Tolstoi: Mehr Erde braucht der Mensch letzten Endes nicht.
Sehr drastisch hat er damit die Sinnlosigkeit der Gier nach Reichtum aufgedeckt. Sie ist einseitig und vergebens. Der Bauer war durchaus mit anderen Werten in Berührung gekommen, wie Bescheidenheit, Genügsamkeit, Nächstenliebe oder das richtige Gespür für die eigenen Grenzen. Doch das interessierte ihn alles nicht, und damit wurde er zur tragischen Figur.
Die Erzählung ist eine eindringliche Ermahnung, auf das zu achten, was im Leben wirklich zählt. Dabei müssen wir ernst nehmen, dass Tolstoi ein überzeugter Christ und tief gläubig war. Seine Erkenntnisse decken sich mit dem, was Jesus verkündete. Auch Jesus warnte seine Jünger vor Gier und Machtstreben, vor Angst und Sorgen um weltliche Güter. Er hatte sie etwas anderes gelehrt, und am Ende gibt er ihnen den Auftrag, diese Inhalte weiterzugeben. Es ist der sogenannte Missions- und Taufbefehl, den wir ihn vorhin gehört haben. Tolstoi hat ihn mit seinen Erzählungen befolgt.
Der Befehl bildet den Schluss des Matthäusevangeliums, d.h. Jesus begegnet hier ein letztes Mal seinen Jüngern. Er offenbart sich ihnen erneut als der Auferstandene, und die Jünger fallen vor ihm nieder
Dann spricht er mit ihnen, und seine Rede besteht aus drei Teilen. Zunächst sagt er ein Vollmachtswort: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Er hat also eine universale Macht, die keine Grenzen mehr kennt. Jesus hat seine irdische Existenz beendet und bekommt nun Anteil an der unumschränkten Macht Gottes des Schöpfers. Und das ist eine dienende und helfende Macht. Jesus tritt eine heilbringende Herrschaft an, die nicht mehr von den Unheilmächten überwunden werden kann. Das ist der erste Teil seiner Rede.
Und aus diesem Vollmachtswort folgt nun sein Auftrag an die Jünger. Er umfasst vier Betätigungen: Gehen, Zum-Jünger-Machen, Taufen und Lehren. Die Jünger sollen also alle Nichtglaubenden in den Heilsbereich Jesu hineinrufen, ganz gleich, ob sie in der Ferne oder in der allernächsten Nachbarschaft wohnen, und sie taufen, d.h. sie in den Glauben einweihen und in die Gemeinde aufnehmen. Das bedeutet eine Veränderung des ganzen Lebens. Denn wer an Jesus glaubt und sich zu ihm bekennt, gehorcht seiner Lehre. Damit ist hauptsächlich die Bergpredigt gemeint, die von einem friedlichen Miteinander, Sorgenfreiheit und Einfachheit spricht, von einem veränderten Bewusstsein also, das vom Willen Gottes bestimmt ist. Das Leben wird durch den Glauben an Jesus und die Taufe von neuen Maßstäben geprägt. Darauf sollen die Jünger die Menschen aufmerksam machen.
Und als drittes schenkt Jesus ihnen eine Verheißung, er sagt: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Er wird also mit ihnen sein. Er lässt sie in Wirklichkeit gar nicht allein. Er wird ihnen helfen, sie trösten und aufrichten, wann immer sie in Auseinandersetzungen, Härten und Entbehrungen geraten. Sie werden dann seine Kraft spüren. Das ist die gute Nachricht, an die sie sich immer erinnern dürfen und sollen.
Und diese Worte Jesu ergehen auch an uns. Als Christen haben wir ebenfalls den Auftrag, die Menschen „zu Jüngern Jesu“ zu machen, d.h. ihnen zu zeigen, dass er lebt und uns das Heil gebracht hat. Wir sollen die Menschen taufen und seine Lehre weitergeben.
Doch wie gehen wir da am besten vor? Das müssen wir uns fragen, denn so gute Schriftsteller wie Tolstoi sind wir nicht, und von den hergebrachten Missionsmethoden sind wir inzwischen abgerückt. Wir wollen niemanden belästigen oder manipulieren. Wir sind tolerant geworden und akzeptieren Andersgläubige. Und das ist auch gut so. Wir müssen den Menschen nichts überstülpen. Entscheidend ist vielmehr, dass wir selber die Lehre Jesu beachten. Wir müssen bei uns anfangen und das umsetzen, was er verkündet hat.
Dazu gehört als erstes, dass wir überprüfen und aufdecken, was uns innerlich eigentlich steuert. Wovon sind wir getrieben, was leitet uns an? Der Bauer Pachom war von der Gier nach Reichtum durchdrungen, und möglicherweise liegt uns das gar nicht so fern. Wir lassen uns jedenfalls gern von Leidenschaften hinreißen, von niederen Trieben, selbst wenn wir das eigentlich nicht wollen. Sie haben eine starke Macht. Wir müssen uns nur bewusst machen, wie oft wir von Angst oder Misstrauen erfüllt sind, Wut oder Zorn uns leiten, Lüge oder Heuchelei die Oberhand gewinnen. All diese Laster gehören zu unserem Alltag, und meistens sind sie so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht richtig merken.
Doch sie sind gefährlich und können vieles zerstören. Der Bauer Pachom ist dafür ein eindringliches Beispiel. Und selbst wenn es nicht ganz so schlimm kommt, andere negative Folgen sind genauso zersetzend. Denn unser Verhalten führt oft zu Konflikten und Trennungen, Streit und Zwietracht. Auch Einsamkeit und Sinnlosigkeitsgefühle, Erschöpfung und Missmut gehören zu den Folgen. Und das dürfen wir nicht verharmlosen. Wir werden davon manchmal weggespült und gehen unter. Denn es sind dabei böse Kräfte im Spiel, die uns in die Irre führen und vernichten wollen.
Das gilt es zu erkennen und gegebenenfalls die Richtung zu ändern. Wir müssen nicht so leben, wie wir es oft tun. Wir können das Böse vielmehr überwinden, und zwar indem wir uns „guten Kräften“ aussetzen. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Rm.12,21) So lautet der Taufspruch für Paul, und damit ist die Mahnung gemeint, auf die Lehre Jesu zu achten. Sie kann im Glauben an ihn lebendig werden, denn er will uns aus all unseren inneren und äußeren Verstrickungen befreien. Er hat Macht, er ist immer da, und er lädt uns ein, ihm zu vertrauen. Wir können uns seinem Heil aussetzen und uns von seiner Liebe durchdringen lassen. Dann verändern sich unser Lebensgefühl und unser Handeln. Die Leidenschaften verlieren ihre Macht, wir fühlen uns frei und sehen klarer, was wirklich zählt. Die Oberflächlichkeit, der wir oft erliegen, verliert ihren Reiz. Wir werden gelassen und zuversichtlich. „Wir überwinden das Böse mit Gutem.“
Und damit bringen wir den Menschen genau das, was Jesus möchte und was sie auch brauchen. Wir erfüllen seinen Auftrag besser als auf irgendeinem anderen Weg. Denn wir reden nicht über seine Lehre, wir leben sie vielmehr und dadurch ereignet sie sich. Wir werden frei und gelassen, bescheiden und genügsam, verständnisvoll und aufrichtig. Unseren Mitmenschen gegenüber sind wir viel zugewandter und verweisen auf das Wesentliche. Sie können uns vertrauen und sich auf uns verlassen. Und in all dem schwingt mit, was ihnen wahrscheinlich am meisten fehlt: Möglicherweise wissen sie es gar nicht, aber tief in jeder menschlichen Seele liegt die Sehnsucht nach der Ewigkeit verborgen, nach einem Sinn, der größer ist, nach einer Liebe, die nie aufhört. Jesus hat uns das gebracht, und durch unseren Glauben an ihn bringen wir es zu den Menschen.
Auch für unsre Kinder ist das der entscheidende Wert im Leben. Es ist deshalb gut, wenn wir sie auf den Namen Jesu taufen. Wir legen damit eine Grundlage für „das Gute“, wir setzen einen Anfang und verbinden das Leben eines Menschen mit der Macht und Gegenwart Christi. Das geschieht mit Paul heute: Ihm wird die Liebe Jesu zugesagt, er wird in seine heilende Macht hineingenommen. Wenn er sich darauf verlässt, kann er immer wieder alles Böse überwinden.
Doch damit das geschieht, ist es wichtig, dass er die Liebe und Macht Christi auch kennen lernt, dass er davon erfährt und sie schon früh in sein Herz hineinkommt. Und das kann nur geschehen, wenn Sie, seine Eltern und Paten sie ihm geben, wenn Sie sich in Liebe ihm zuwenden und dabei selber auf Gott und sein Heil vertrauen. Paul braucht das genauso, wie alles andere, was Sie ihm geben, ja vielleicht braucht er es sogar am meisten. Wenn er lernen soll, das „das Böse mit Gutem zu überwinden“, muss er die Kraft des Guten erfahren und erleben.
Das ist der Sinn des Missionsbefehls und unser aller Auftrag. In einem Gedicht von der Schriftstellerin Maria Nels ist das sehr schön ausgedrückt. Ich habe es einmal in einem Kloster gefunden. Dort gab es einen Ständer mit Zetteln, auf denen verschiedene Zitate standen. Sie waren zum Mitnehmen gedacht. Ich habe das mit diesem Gedicht getan, denn es ist für mich wie ein Leitfaden, an den ich mich immer wieder erinnern möchte. Es lautet:

Glaub mir, sie brauchen dich,
die Menschen, die mit dir gehen!
Sie brauchen dein Gutsein und dein Verstehen,
deinen blanken geraden Sinn,
der sich freihält von raschem Gericht,
der Treue kennt
und Wahrheit verspricht.
Sie brauchen die Reinheit in deiner Gestalt
und deines Wortes klare Gewalt,
und das, was ihnen am meisten gebricht:
Dein Wissen um das ewige Licht.

Amen.

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