Die Zehn Gebote

Betrachtungsgottesdienst „Die zehn Gebote“ 19.10.2014, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

18.Sonntag nach Trinitatis,
Predigt über Markus 12, 28- 34: Die Frage nach dem höchsten Gebot

Der 18. Sonntag nach Trinitatis hat als Thema die Zehn Gebote. Wir haben das zum Anlass genommen, zwei Kunstwerke in unserer Kirche zu betrachten, auf denen sie dargestellt sind. Das ist einmal das Relief  im Altarraum mit Mose auf dem Sinai, und zum anderen das erste Buntglasfenster vom Eingang aus gesehen.
Mit den Betrachtungen werden wir an die Geschichte und den Sinn der Zehn Gebote herangeführt. Zusammengefasst werden sie mit dem Wochenspruch, der lautet: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ (1. Johannes 4, 21) Es geht also letzten Endes um die Liebe zu Gott und den Menschen, wie auch Jesus es deutlich gemacht hat. Der Gottesdienst sollte helfen, uns dafür zu öffnen, sie zu empfangen und uns neu dazu anspornen zu lassen.

 

Erste Bildbetrachtung: Mose auf dem Sinai
von Binia Kempe

2. Mose 20, 1- 17

1 Und Gott redete alle diese Worte:
2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
4 Du sollst dir akein Bildnis noch irgendein Gleichnis  machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:
5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,
6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.
7 Du sollst aden Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
8 Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest.
9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.
10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.
11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.
12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.
13 Du sollst nicht töten.
14 Du sollst nicht ehebrechen.
15 Du sollst nicht stehlen.
16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

Bei der Betrachtung des Reliefs fällt mir als erstes die eckige Form auf. Es gibt sehr viele Dreiecke.
Dreieckig die 10 Tafeln über Moses Kopf,
dreieckig die Zelte im unteren Teil des Reliefs,
auch das Gewand Moses spitzt sich dreieckig nach unten zu.
Dreieck – Dreiheit – drei – Trinität – Gott Vater, Sohn10 Gebote und Heiliger Geist: das hat der Künstler wohl im Kopf gehabt, als er die Skulptur entwarf.
Aber welche Situation im biblischen Geschehen hat der Künstler hier nun dargestellt?
In dem Text, den ich eben gelesen habe, spricht Gott selbst die zehn Gebote aus, die er dem Volk Israel auf den Weg ins gelobte Land mitgibt.
Erst viel später geht Mose noch einmal auf den Berg Sinai, bleibt dort vierzig Tage und kommt dann, als die Israeliten schon gar nicht mehr mit ihm rechnen, mit zwei Tafeln, auf denen die zehn Gebote geschrieben stehen, zurück zu ihnen.
Hier auf unserem Relief wird die biblische Erzählung komprimiert und ist dadurch, wie ich finde, besonders stark im Ausdruck.
Allein schon das Gesicht des Mose!
Er schreit, mit weit offenem Mund schreit er.
Er hatte vor mehr als vierzig Tagen Gottes Stimme gehört, die ihm geboten hatte, vom Berg Sinai hinabzusteigen zum Volk, und dann hatte Gott selbst in Feuer und Rauch und gewaltigem, Angst machenden Getöse mit Blitz und Donner und Posaunenklängen zu Mose und dem Volk gesprochen. Und das Volk hatte große Angst gehabt und Mose versprochen, künftig nur diesen Gott anzubeten. Wir müssen bedenken, dass die Israeliten ganz am Anfang standen, ihre Religion zu entwickeln, die heute Grundlage des Christentums ist. Sie brachten Brandopfer dar, und sie beteten Götzenbilder an. Und nun hatten sie Mose vor mehr als vierzig Tagen versprochen, keine Götzenbilder mehr anzubeten und die Gesetze zu halten, die sie von Gott selbst gehört hatten. Und da kommt Mose nach vierzig Tagen, die er allein auf dem Berg Sinai verbracht hatte, zurück zu seinem Volk und muss sehen, dass sie ein goldenes Kalb aus ihrem Goldschmuck gegossen hatten und dieses Kalb anbeten.
Soll er da nicht schreien und eine steile Falte auf der Stirn haben und die Augen zu Schlitzen zusammenziehen und die Arme hochreißen?
Wie einen mahnenden Fächer hält er ihnen die zehn Gebote vor!
Er hat im Auftrag Gottes das Volk befreit aus der ägyptischen Knechtschaft, das Meer hatte sich vorm Volk geteilt, er, Mose, hatte es durch die Wüste geführt, und nun dies!
Da soll er doch wohl böse sein!
Auch wir werden angesprochen und aufgerüttelt von diesem Mose, die zehn Gebote nicht zu vergessen!
Und noch etwas: Strahlen gehen von seinem Haupt aus, die von halbkreisförmigen Linien geschnitten werden, so als sollte ein Heiligenschein angedeutet werden. Diese Strahlen, die das Gesicht des Mose umleuchteten, als er vom Berg Sinai herabkam, wie es in der Bibel erzählt wird, diese Strahlen sind durch einen Fehler in der Übersetzung der hebräischen Bibel ins Lateinische zu Hörnern geworden, wie wir sie von Skulpturen kennen, z.B. von Michelangelo oder auch von der Skulptur in der Nikolaikirche.
Die Wichtigkeit der Gestalt Mose für die Geschichte des biblischen Volkes und die Bedeutung des Mose für die Entwicklung der Religion wird, wie ich finde, durch diese Strahlen unterstrichen.

 

Zweite Bildbetrachtung: Buntglasfenster „Die Zehn Gebote“
von Christa Lehmann

Epheser 5, 1- 8

1 So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder
2 und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört.
4 Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung.
5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts.

Wir betrachten heute das von rechts gesehen erste Fenster des Künstlers Gerhard Hurte – es hat zum Thema ebenfall10 Gebote (2)s die Zehn Gebote. Da sind zunächst als erster Eindruck die leuchtenden Farben: Blau und Gelb. Blau, die Farbe des Himmels, im Judentum die Farbe Gottes. Die Bundeslade, in der die zwei Gesetzestafeln während der Wüstenwanderung Israels aufbewahrt wurden, war in eine blaue Decke gehüllt.
Der Davidstern auf der israelischen Flagge ist auch nicht zufällig blau.
Die Farbe Gelb (das ist die Komplementärfarbe zu Blau) – oder besser : Goldgelb – steht ebenfalls für die Heiligkeit Gottes und für die Ewigkeit.
Im Mittelalter wandelte sich allerdings die Bedeutung von „Gelb“ auch zur Farbe der Geächteten: Schon im 12. Jahrhundert mussten Juden aus dem Grund einen gelben Hut tragen und unter den Nationalsozialisten gab es dann den gelben Judenstern. —
Auf dem blauem Hintergrund erkennen wir dann – in goldgelb gehalten – zwei stilisierte Tafeln mit den römischen Ziffern von eins bis zehn. Die Tafeln sind an Stangen befestigt. Dabei erinnert mich die Art der Darstellung an eine geöffnete Tora-Rolle, das ist eine Rolle aus Pergament, auf der die fünf Bücher Mose aufgeschrieben sind und die bis heute so im jüdischen Gottesdienst verwendet wird.
„Lebt als Kinder des Lichts“ – heißt es am Schluss unserer Epistel.
„Fenster“ heißt altgriechisch „phos“, was zugleich auch „Licht“ bedeutet, daher hat das Licht, das von außen durch die Fenster einer Kirche strahlt, eine religiöse Bedeutung: als Sinnbild für das göttliche Licht, das aus der himmlischen Welt in den Kirchenraum – d.h. auch: in die Gemeinde hinein  strahlt Licht, erhellt die Dunkelheit, lässt uns den Weg erkennen – und ich denke, auch die zehn Gebote kann und soll man in diesem Sinn verstehen: „Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“

 

Predigt über Markus 12, 28- 34

Liebe Gemeinde.
Jesus hat die zehn Gebote einmal in zwei Sätzen zusammengefasst, und das ist sehr hilfreich. Wenn wir sie alle hören, wirken sie ja etwas gesetzlich, d.h. wie Vorschriften, die wir einhalten sollen, wenn wir gottesfürchtig leben wollen. Und das ist lästig. Wenn wir so eine Liste von Geboten hören, gefallen sie uns möglicherweise nicht alle und wir fragen uns automatisch, welches davon wohl das wichtigste ist. Damit kann man dann ja mal anfangen, über die anderen denken wir lieber erst einmal nach.
Und genau diese Frage nach dem „höchsten Gebot“ wurde auch Jesus einmal von einem Schriftgelehrten, d.h. von einem frommen Menschen gestellt. Davon handelt das Evangelium von heute, das zugleich unser Predigttext ist. Es steht bei Markus, im 12. Kapitel und lautet folgendermaßen:

Markus 12, 28- 34

28 Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?
29 Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5.Mose 6,4-5).
31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm;
33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
34 Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Ein solches Gespräch war im Judentum nichts Neues. Die Frage nach dem „höchsten Gebot“ wurde oft gestellt, aber selten wurde sie so klar beantwortet, wie Jesus es hier tut. Denn es bestand ja die Gefahr, dass man einzelne Gebote nicht mehr einhielt, wenn man das wichtigste kannte, und das durfte natürlich nicht sein.
Jesus hatte da einen anderen Standpunkt, und er gibt hier eine sehr gute und verständliche Zusammenfassung des Willens Gottes. Er nennt zwei Fundamentalgebote, die wie eine Erläuterung der beiden Tafeln erscheinen, die Mose vom Berg Sinai mitgebracht hat. Im Christentum wurde diese Zusammenfassung weiter überliefert und angewandt. In den ältesten theologischen Schriften finden wir bereits folgende Erklärung dazu: „Es gibt sozusagen zwei Grundlehren, denen die zahllosen Einzellehren und -sätze untergeordnet sind: in Bezug auf Gott das Gebot der Gottesverehrung und Frömmigkeit, in Bezug auf die Menschen das der Nächstenliebe und Gerechtigkeit.“ Das stammt von dem griechischen Kirchenvater Philo.
Und das ist wie gesagt sehr hilfreich, denn daran wird deutlich, dass es im religiösen Leben nicht um das Einhalten von vielen Vorschriften geht. Alles beginnt vielmehr mit der Gottesverehrung bzw. Gottesliebe. Und die entzündet sich nur dadurch, dass Gott uns zuerst liebt. Wir werden aufgefordert, uns Gott ganz hinzugeben. Doch das kann nur der Mensch, dem bereits von Gott widerfahren ist, was dieser von ihm fordert. Es geht also darum, dass wir zunächst einmal etwas empfangen, uns lieben und beschenken lassen. Wir müssen erkennen, dass wir ganz und gar von Gott abhängen und auf ihn angewiesen sind. Das ist zwar eine Forderung, aber sie zu erfüllen, ist keine Tat, sondern eher ein Bewusstsein. Es kommt einer Bekehrung gleich, die unser natürliches Lebensgefühl umstellt.
Das ist nämlich davon geprägt, dass wir ganz gut alleine klar kommen. Wir fühlen uns stark und bestimmen unser Leben selbst. Wir wollen nicht abhängig sein und auch nicht unbedingt von jemand anderem erlöst und gerettet werden. Denn um das zuzulassen, müssen wir zu unserer eigenen Unvollkommenheit stehen, unsere Schwächen erkennen und auch die Sünden zugeben, die wir immer wieder tun. Wir sind begrenzt und können nicht alles, es ist jedoch nicht so leicht, sich das einzugestehen. Es geht uns gegen den Strich, diese Erkenntnis ist schmerzhaft.
Aber sie kann uns dahin führen, dass wir auf Gott blicken und uns für ihn und seine Liebe öffnen. Und das ist das erste und höchste Gebot: Gott möchte, dass wir uns selber spüren und ehrlich sind und uns dann ihm hingeben und zwar „von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen unseren Kräften.“ Mit diesem Zusatz wird deutlich, dass die Gottesliebe in unserem Innersten beginnt und keine Kopfsache ist. Sie ist auch kein Verhalten, sondern eine Kraft, die unsere Seele ergreift und verändert. Unser Denken wandelt sich, unser ganzes Sein wird erfasst.
Und das ist zutiefst wohltuend und heilsam. Wir werden befreit und erlöst, weil wir uns nicht mehr behaupten müssen. Wir dürfen sein, wer wir sind, und uns am Leben freuen. Ein neues Lebensgefühl stellt sich ein, denn wir wissen uns als Kinder Gottes und dürfen leben, wie die Kinder. Das ist das Gebot, mit dem Jesus die ersten drei zusammenfasst.
Dazu führt er noch ein anderes an, das diesem „gleich ist“ , wie er sagt (Mt. 22,39). Es ergibt sich aus dem ersten ganz von allein, denn es geht darin um die Mitmenschen. Denen gegenüber ändert sich natürlich ebenfalls ganz viel, wenn wir in der Liebe Gottes leben.
Davon handeln auch die Gebote vier bis zehn. Sie beziehen sich auf die zwischenmenschlichen Konflikte und Probleme, die es geben kann und die immer wieder vorkommen: Respektlosigkeit, Hass, Untreue, Betrug, Lügen und Neid sind hier die Themen. Sie führen zu Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit, Streit und Krieg. Auch Enttäuschungen und Verletzungen, Angst und Misstrauen sind die Folgen, wenn wir diese Gebote nicht beachten. Und all das hat seine Wurzeln in unserer Eigenliebe und Selbstbehauptung, d.h. in fehlender Gottesfurcht. Sie sorgt dafür, dass es lieblos unter uns Menschen zugeht, dass soziale Kälte entsteht, Unterdrückung und Vereinsamung. Die Gemeinschaft wird zerstört.
Und das müssen wir im Auge behalten. Jesus führt es an, weil die Gottesliebe natürlich auch falsch verstanden werden kann, sie kann auf Irrwege geraten. Wer nur an Gott denkt, steht in der Gefahr, die Menschen zu vergessen oder sogar zu missachten. Doch wenn das geschieht, ist sie nicht mehr echt, dann ist etwas schief gelaufen. Die Liebe zu Gott muss sich auch in unserem zwischenmenschlichen Verhalten ereignen.
Das ist der Maßstab, an dem wir erkennen, wie es um uns bestellt ist, und ob wir wirklich von Gottes Liebe erfüllt sind. Wenn wir ihm ganz hingegeben sind und uns dabei selber nicht mehr für großartig halten, kommen wir selbstverständlich auch unseren Mitmenschen näher. Denn wir fühlen uns nicht besser als die anderen. Wir wissen, wir sind alle unvollkommen, aber von Gott geliebt, und das macht uns eins. Unsere Eigenheiten werden relativiert, denn es geht nicht um uns. Wir merken, dass es sich gar nicht lohnt, wenn wir einander betrügen oder beneiden, anlügen, hassen oder sogar umbringen.
Die Zusammenfassung Jesu nennen wir gerne das „Doppelgebot der Liebe“, und damit ist wirklich alles Wesentliche gesagt, was eine gottesfürchtige Lebensführung ausmacht. Trotzdem sind die zehn Gebote natürlich nicht überholt. Sie beschreiben sehr schön, was die Liebe in den vielen alltäglichen Situationen ganz konkret bedeutet. Sie nehmen uns an die Hand, weisen uns auf unsere Schwachpunkte hin und helfen uns, den richtigen Weg zu finden.
Doch höher als all das ist und bleibt die Liebe. Jesus war ganz von ihr erfüllt und durch ihn können auch wir sie leben. Dazu lädt er uns heute ein.
Amen.

Der Sieg über das Böse

Tag des Erzengels Michael und aller Engel

Predigt über Hebräer 1, 7. 13- 14: Der Sohn ist höher als die Engel
28.9.2014, 9.30, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Ludwig der Fromme legte auf dem Konzil von Mainz im Jahr 813 den Michaelistag auf Ende September fest. Es ist der Gedenktag für den Erzengel Michael, der die heidnische Festwoche zur Verehrung des Gottes Wotan ablöste. Auf ihrem Weg in die dunkle Jahreszeit und bei den kommenden Herbststürmen erinnert er die Menschen daran, dass sie von Gott und seinen Engeln begleitet und geschützt werden.
Michael ist laut Überlieferung der Fürst der Engel. Er hat gegen das Böse gekämpft und gesiegt. Mit seinem Gedenken wird auch auf den Sieg Christi durch die Auferstehung hingewiesen. Es geht an diesem Tag also um die Herrschaft Gottes über den Satan und den Tod, um Christi Macht und Ehre. Die Engel sind das Heer an seiner Seite, mit dem er immer wieder in den Kampf zieht, um den Menschen das Heil zu bereiten. Wir bitten ihn, Feindschaft und Krieg zu bannen, und die Kirche und die Erlösten vor allem Bösen zu schützen.
Die Engel werden dabei schon im Alten Testament erwähnt, auch im Koran kommen sie vor. Sie sind mythische Wesen, die Gott dienen und seine Sache vorantreiben. In unserer Zeit sind sie sehr populär geworden. Über Engel werden neuerdings unzählige Bücher geschrieben. Es gibt auch Figuren in allen Größen, Anhänger und Bilder, die den persönlichen Schutzengel verkörpern. Man kann ihn dann immer bei sich tragen.
Vielleicht ist das für die Menschen einfacher, als sich Gott selber vorzustellen. Die Engel sind uns irgendwie näher, sie entstammen den Bildern unserer Seele und haben deshalb leichteren Eingang dahinein. Allerdings sind sie dadurch auch nicht weit vom Heidentum entfernt, von einem Glauben ohne den Gott der Bibel. Vielen Menschen reichen die Engel für ihre eigene Religiosität. Sie verehren sie, beten zu ihnen und vertrauen sich ihnen an.
Und das gab es auch schon zu biblischen Zeiten. Wahrscheinlich war es dieses Phänomen, über das der Schreiber des Hebräerbriefes nachdachte. Er glaubte auch an die Engel, aber er hielt es für nötig, gleich am Anfang seines Briefes folgendes klarzustellen:

Hebräer 1, 7.13-14
7 Von den Engeln spricht Gott zwar (Psalm 104,4): »Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen«.
13 Zu welchem Engel aber hat er jemals gesagt (Psalm 110,1): »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache«?
14 Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen?

Das ist heute unser Predigttext aus dem ersten Kapitel des Hebräerbriefes, in dem uns etwas Wichtiges über die Engel gesagt wird. Sie gelten durchaus als erhabene Wesen, die eindrucksvoll und wirkungsvoll ihre Geschäfte und Aufgaben durchführen. Sie sind wie „Wind und Feuer“, d.h. sie sind stark und lebendig, voller Dynamik und Kraft. Das kommt mit diesem Vergleich sehr schön zum Ausdruck. Das Bild besagt allerdings auch, dass ihre Energie von einer Quelle abhängig ist. Sie handeln nicht aus sich selber heraus, sondern weil Gott es will. Er ist der Ursprung ihres Seins, er sendet sie aus und entfacht sie. Sie sind untergeordnete himmlische Wesen. Der höchste und erhabenste Platz gehört allein Jesus Christus. Nur er ist der Sohn, der Gott gleich geworden ist. Sein Thron besteht in alle Ewigkeit. Er hat eine einmalige Würdeposition, die Engel werden dagegen als Diener eingestuft.
Als solche haben sie freilich eine wichtige Aufgabe. Auch wenn der Verfasser des Briefes mit seinem Bild betonen will, dass die Engel niedriger sind als Christus, er macht trotzdem eine schöne Aussage über sie: Sie sollen den Menschen das Heil verkündigen und ihnen helfen. Dabei ist hauptsächlich an die Gemeinde Christi gedacht, an seine „Erben“, also die Kirche. Sie darf sich des Beistands und des Schutzes der Engel gewiss sein.
Und so sind sie in unserer Tradition lebendig geblieben, und sie haben auch Namen: Die drei Erzengel sind Michael, Gabriel und Raphael: Michael kämpft und bannt Krieg und Unheil, Gabriel verkündet Gottes Plan und Ratschluss, und Raphael lindert die Schmerzen und spendet Trost. Wir freuen uns über die Engel, loben Gott mit ihnen und feiern unsere Erlösung, wenn wir an sie denken. Ein altkirchlicher Hymnus zum Michaelistag lautet deshalb:
„Christus, dir, dem Glanz des Vaters, der uns Kraft und Leben gibt, singen wir mit Herz und Munde vor der Engel Angesicht, ihrem Lobpreis, ihren Liedern schließen wir uns jubelnd an.
Wenn wir in Verehrung preisen deines Himmels hohe Schar, dann zuerst den Fürst der Engel, der die Streiter führt zum Kampf: Michael, der einst den Satan mit dem Schwerte niederzwang.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Nr. 752,1.2)
Das klingt schön und siegreich.

Aber können wir das wirklich aus vollem Herzen so singen? Haben wir dazu einen Grund? Gerade der Kampf gegen das Böse, den Michael angeblich gewonnen hat, scheint doch mitnichten zu Ende zu sein. Im Gegenteil, wir erleben zurzeit, wie der Satan im Norden Syriens und des Iraks einen grausamen Sieg davon trägt: Das Böse breitet sich in Gestalt der IS-Kämpfer rasant aus. Sie begehen unvorstellbare Gräueltaten. Und auch in unserer eigenen Geschichte ist so etwas noch nicht lange her. Die Macht des Bösen bricht also immer wieder durch. Wenn Michael durch die Kraft der Auferstehung Jesu den Satan wirklich besiegt hat, dürfte das doch nicht geschehen! Angesichts der Menschheitsgeschichte bekommen wir Zweifel an der Macht Christi und seiner Engel, denn die zeigt uns etwas ganz anderes. Was soll also dieses Fest? Wozu feiern wir es? Geht es dabei nicht nur um Phantasie und schöne Träume? Sind die Engel und ihnen voran Michael nicht nur eine Utopie? Das sind unsere Fragen, die durchaus berechtigt sind.
Doch gerade weil wir sie haben, ist es gut, diesen Tag zu feiern. Denn es geht heute um noch mehr als um eine friedvolle Welt ohne Krieg und Waffen. Der Kampf, den Michael gewonnen hat, ist vor allen Dingen ein Kampf der Geister. Die Engel kümmern sich nicht in erster Linie um unsre irdischen Belange, sie sind vielmehr ein Teil der unsichtbaren Welt. Und die gibt es, das gilt es als erstes anzuerkennen: Zwischen Himmel und Erde spielt sich viel mehr ab, als wir ahnen. Es gibt ein Kräftemessen zwischen Gut und Böse, das weit über unsere Sinne hinausgeht. Wir sehen und hören es nicht, aber es ist da und es ist real. Michael richtet unsren Blick nicht in die Geschichte, sondern zunächst in den Himmel und in die Zukunft: Die biblische Überlieferung lebt mit der Vorstellung, dass Gott diese Welt, wie wir sie kennen, eines Tages beenden und vollenden wird. Er will eine neue Welt heraufführen, und dabei helfen ihm die Engel. Sie sind Vollstrecker des Endgerichtes, und sie haben ihr Werk bereits begonnen.
Wenn wir an sie denken und sie anrufen, müssen wir demnach tiefere Schichten des Bewusstseins öffnen. Wir dürfen nicht nur unsere Sinne und unser Denken betätigen. Denn die versperren uns den Zugang zu den Engeln und der Macht Christi, genauso wie der nüchterne Blick in die Geschichte und das Zeitgeschehen. Es gilt, eine andere Wahrnehmung einzuschalten, unsere Seele für Christus aufzumachen und den Geist des Glaubens in uns zu wecken.
Und dafür gibt es viele Wege und Möglichkeiten. Auf dem Rittergut Berneuchen in der Neumark trafen sich z.B. in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts Christen aus verschiedenen Konfessionen. Es verband sie die Frage, wie es um die Zukunft bestellt sei. Die radikalen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Kirche und die Gesellschaft tief erschüttert. Als Antwort entstand die Berneuchener Bewegung, mit der Theologen zu einer Veränderung der Lebensführung einluden.
Als Teil dieser Bewegung wurde 1931 die Evangelische Michaelsbruderschaft gegründet. Sie ist eine verbindliche christliche Gemeinschaft. Zu ihren Zielen gehört die Vertiefung des geistlichen Lebens und der Einsatz für die Erneuerung und die Einheit der Kirche. Dabei ist nicht ein Programm entscheidend, sondern die Einladung zu einem Leben nach dem Gebet. Dafür hat die Michaelsbruderschaft die Tradition der Tagzeitengebete für die evangelische Kirche neu belebt. Sie hat eine Ordnung entworfen, an die jeder Christ und jede Christin sich halten kann. Im sogenannten Evangelischen Tagzeitenbuch ist sie festgehalten. Und wer sich daran orientiert, gibt seinem Leben eine ganz bestimmte Ausrichtung: Der Glaube bestimmt das Denken, und das Gebet durchzieht den Alltag. So beginnt das Morgenlob mit folgender Ermahnung: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Nr.217, Vorspruch an Werktagen)
Wer so betet, lebt in dem Bewusstsein, dass er jeden Morgen nicht nur leiblich, sondern auch geistlich aufwachen muss, um sich der Realität zu stellen. Und die besteht aus viel mehr als dem, was vor Augen liegt. Alles, was uns hier begegnet, ist in Wirklichkeit nur Blendwerk. Die unsichtbare Welt Gottes ist in Wahrheit die entscheidende. Für sie gilt es, nüchtern zu sein und alle Trägheit abzulegen. Im Aufblick zu Jesus können wir sie erkennen, wir sehen in ihm die Richtung und das Ziel.
Das ist das geistliche Leben, zu dem die Michaelsbruderschaft einlädt. In ihm liegt die erneuernde Kraft, die den Einzelnen formt. Sie kommt von innen heraus und wirkt dann auch in die Gesellschaft. Deshalb hat diese Gemeinschaft sich nach dem Erzengel Michael benannt: Er ist ihr Schutz und Mitstreiter und kämpft an ihrer Seite gegen die Kräfte der Finsternis. Er sorgt dafür, dass wir Hoffnung behalten, und zwar unabhängig davon, wie es in unserer Welt zugeht.
Und so ähnliche Wege gibt es viele. Ein weiteres Beispiel ist die sogenannte Friedensdekade. Vor ungefähr dreißig Jahren wurde die Idee dazu in den Niederlanden geboren. Sie sollte das Engagement der Kirchenmitglieder für Friedensfragen stärken. Drei Dinge machen sie aus: Erstens ist sie ein gemeinsamer Aktionszeitraum vom drittletzten Sonntag des Kirchenjahres bis zum Buß- und Bettag. Es gibt – zweitens – jedes Jahr ein gemeinsames Motto mit Arbeitsmaterial, Texten und Gebeten. Daraus kann – drittens – jede Gemeinde oder Gruppe ein örtliches Programm erstellen.
So laden wir, die Luther- und Jakobigemeinde in Kiel in diesem Jahr vom 9. bis 19. November jeden Abend zu einem Friedensgebet in die Jakobikirche ein. Die Andachten stehen unter dem diesjährigen Motto der Friedensdekade: „Befreit zum Widerstehen“.  (siehe: www.friedensdekade.de) Wir hoffen, dass viele Menschen diese wunderbare Mitmach-Gelegenheit nutzen und sich gegen den Krieg versammeln. Wir können damit ein Zeichen des Widerstandes setzen und den Frieden in unserer Gesellschaft und in der Welt stärken. Dabei ist es gut zu wissen, dass wir bundesweit mit vielen anderen Christen vereint sein werden. Alle tun das Gleiche, und das ist bereits ein Teilsieg über das Böse.
Und dazu lädt der Michaelistag uns ein. Deshalb passt heute auch das Lied „Herr, wir stehen Hand in Hand“, das Otto Rietmüller 1932 dichtete. Wir werden es beim Einsammeln der Kollekte singen. Die Sprache ist uns normalerweise vielleicht zu kämpferisch, aber das war der Erzengels Michael ja auch. Und er will uns dazu ermutigen, den Kampf der Geister aufzunehmen. Wir sollen uns dem großen Friedensheer Christi anschließen, denn dazu hat Christus uns gerufen und miteinander verbunden. Wir wollen ihn deshalb bitten:
„In die Wirrnis dieser Zeit fahre, Strahl der Ewigkeit. Zeig den Kämpfern Platz und Pfad und das Ziel der Gottesstadt.
Mach in unsrer kleinen Schar Herzen rein und Augen klar, Wort zur Tat und Waffen blank, Tag und Weg voll Trost und Dank.“ (Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine, Nr. 556, 4.5)
Amen.

Der Glaube macht leidensfähig

Tag des Apostels Bartholomäus

Predigt über 2. Korinther 4, 7- 10: Leidensgemeinschaft mit Christus
24.8.2014, 11.00 Uhr, Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Bei seinem Nahen stürzten Götzenbilder, er heilte Kranke und Besessene und drang durch verschlossene Türen. So bekehrte sich auch der König Polimius von Armenien mit seiner ganzen Familie und seinem Volk, nachdem Batholomäus dessen besessene Tochter geheilt hatte. Der König ließ ein Götzenbild niederbrechen, aus dem ein böser Geist sprach. Bartholomäus beschwor den Teufel, der daraufhin ausfuhr und allen sichtbar gemacht wurde: Er war „schwärzer als Ruß, mit scharfem Angesicht, langem schwarzem Bart und schwarzen Haaren, die bis auf seine Füße gingen, die Hände aber mit feurigen Ketten auf dem Rücken gebunden.“ So lautet die Überlieferung.
Doch nicht alle freuten sich über dieses Wunder und die Unterwerfung des Teufels: Die überwundenen Priester des Tempels zogen zu Astyages, dem feindlichen Bruder des Polimius. Der schickte 1000 Gewappnete aus, die Bartholomäus fingen und vor ihn brachten. Er erfuhr, dass durch den Apostel auch sein Gott Baldach zerstört worden war und ließ ihn daraufhin mit Knütteln schlagen und ihm dann die Haut abziehen. Das ist die Legende über den Apostel Bartholomäus. (Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten, 1991, S.74ff)
In der Bibel erfahren wir so gut wie gar nichts über ihn. Er gehörte zu dem Kreis der zwölf Jünger, das ist alles. (Mt.10,3 par) Er soll dann später in Kleinasien, Armenien, Mesopotamien und Indien gewirkt haben.
Er war also einer der frühchristlichen Missionare und Märtyrer und erlitt das Schicksal, das Jesus seinen Jüngern vorausgesagt hatte.(Mt.10,16ff)
Vom Beginn des 13. Jahrhunderts an trägt Bartholomäus deshalb in den zahlreichen Darstellungen der Buch-, Wand- und Tafelmalerei sowie der Plastik das Messer und die abgezogene Haut als feststehende Attribute. In Michelangelos Jüngstem Gericht, dem berühmten Gemälde in der Sixtinischen Kapelle in Rom, gilt das Antlitz auf der von Bartholomäus getragenen Haut als Selbstbildnis Michelangelos.
Es gibt dann auch noch weitere Geschichten, die von Erscheinungen und Wundern des Apostels nach seinem Tod handeln. Man kann sie in den Heiligenlexika nachlesen.
Für unsere Ohren klingt das alles sehr fremd. Wir glauben das so natürlich nicht. Und selbst mit dem, was an den Legenden eventuell wahr ist, wollen wir uns nicht so gerne befassen: Mit dem gewaltsamen Tod eines Unschuldigen, dem Märtyrertum und der Brutalität, die damit einhergeht. Das alles gehört nicht in unsere Welt und Denkweise.
Wozu beschäftigen wir uns damit also noch? Das müssen wir uns fragen, und dabei hilft uns ein Abschnitt aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Es ist heute unser Predigttext, und er lautet folgendermaßen:

2. Korinther 4, 7- 10
7 Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.
8 Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.
9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
10 Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.

Hier wird zwar auch die düstere Seite des Lebens erwähnt, Leid und Tod, trotzdem klingen die Aussagen erträglich. Sie gehören zu der großen Rechtfertigung und Verteidigung des apostolischen Amtes, die Paulus in diesem Brief aufgeschrieben hat. Er war wahrscheinlich angegriffen worden, von wem, wissen wir nicht. Und auch die Vorwürfe können wir im Einzelnen nicht mehr rekonstruieren. Klar ist nur, dass es in Korinth Gegner des Apostels gegeben haben muss, die ihm mit bösen Verdächtigungen zu Leibe gingen. So wurde sein Antwortbrief zu einem gewaltigen Selbstzeugnis.
Das merken wir auch in unserem Abschnitt, in dem Paulus die Leidensgemeinschaft des Apostels mit Christus beschreibt.
Er hatte kurz vorher geschildert, wie hell das Licht des Evangeliums in seinem Herzen scheint. Auch andere können die Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus durch seinen Dienst erkennen.
Nun erwähnt er, was dazu in schärfstem Widerspruch zu stehen scheint, nämlich die Wirklichkeit des Apostellebens: Drangsal, Verfolgung, Leiden und Erniedrigung kennzeichnen es. Das sahen wahrscheinlich auch seine Gegner und sie kamen deshalb zu dem Schluss, dass die Botschaft von der Herrlichkeit Gottes nichts als eine Lüge war. Sie erwarteten etwas anderes von dem Verkünder und Diener Gottes, nämlich die direkte Offenbarung der göttlichen Kraft in Zeichen, Wundern und überzeugender Rede.
Darauf antwortet Paulus hier und er macht eine interessante Aussage: Für ihn waren die Wirklichkeit seines Leidens und die Herrlichkeit Christi kein Widerspruch, sondern etwas, was untrennbar zusammen gehört. Es gibt keine direkte Verklärung, sondern Christus offenbart sich gerade in seiner Passion, in seinem Sterben. Gott nimmt seinen Weg zu den Menschen über das Kreuz Jesu. Das glaubt Paulus.
Der Schatz, von dem er hier spricht, ist das Evangelium oder die Erkenntnis Christi, die Gefäße sind die Apostel. Und sie sind in der Tat schwache Menschen. Aber Gott macht gerade sie zu Trägern seiner Gnade, denn dann ist für alle klar: Hier wirkt Gottes Kraft, die nicht mit menschlicher Kraft verwechselt werden darf. Der Gegensatz entspricht dem göttlichen Plan.
Paulus beschreibt ihn mit vier knappen und wuchtigen Beispielen: Bedrängnis, Angst, Verfolgung und Unterdrückung stehen auf der einen Seite, Freiheit, Unverzagtheit, Beistand und Leben auf der anderen. Das eine ist nur die äußere Wirklichkeit, das andere sein innerer Zustand. So ist in der Schwachheit und Not des Apostels immer Gottes Kraft mächtig. Paulus verzweifelt nicht und er wird auch nicht zerstört, selbst wenn er an den äußersten Rand der menschlichen Existenz gedrängt wird, denn er wird immer wunderbar gehalten. Seine Schwachheit und sein Leiden dienen sogar dazu, dass Gott verherrlicht wird. Sie zeigen und bezeugen, dass Amt und Predigt des Apostels göttlicher Kraft entspringen und nicht Menschenwerk sind.
Zum Schluss steigert Paulus seine Darstellung noch einmal mit der Aussage, dass seine Todesnot eine Fortsetzung des Todesleidens Jesu ist. Er steht in einer Leidensgemeinschaft mit Christus. Das Schicksal Jesu wird im Leben und Beruf des Apostels noch einmal nachgebildet. Das Leiden ist also kein Selbstzweck, sondern es steht unter einem Ziel, das Überwindung und Sieg verheißt: Auch die Auferstehung und das göttliche Leben Jesu werden im Dasein des Apostels offenbar.
Das macht Paulus hier deutlich, und es ist wie gesagt nicht nur düster. Der Apostel spricht zwar vom Leiden und Sterben, aber er thematisiert noch viel stärker seine Hoffnung und seine Überwindung, die Kraft Gottes und den Sieg über alle Angst und Not.
Und das ist auch für uns eine befreiende Botschaft. Wir denken nämlich ganz oft so ähnlich wie die Gegner des Paulus: Wenn Gott da ist, dann muss es uns gut gehen, dann verschwindet das Leid, wir werden gesegnet und reich, gesund und fröhlich. Das wünschen wir uns auch und danach streben wir alle. Das Leid wollen wir am liebsten vermeiden. Es soll verschwinden, und dafür haben auch noch andere Strategien, als den Glauben entwickelt.
Wir suchen uns z.B. einen Beruf, mit dem wir genug Geld verdienen, zu dem wir Lust haben und der uns liegt. Wir treffen uns mit netten Menschen, unterhalten uns gut, vergnügen uns und feiern Feste. Hobbys dienen auch dazu, das Leben angenehm zu gestalten, uns Erfüllung und Spaß zu bescheren. Es kann der Garten sein, Sport oder eine Kunstfertigkeit, die wir pflegen. Dazu kommen der Urlaub, den wir machen, Reisen und Ausflüge.
Und wenn es uns dann doch mal schlecht geht, hilft uns die Medizin oder die Psychologie, um wieder auf die Beine und zu uns selber zu kommen. Sie dienen dem einen großen Ziel, über das wir uns alle einig sind: Das Leid soll so gering wie möglich sein. Am besten wäre es, wenn es ganz verschwindet. So ist unser Leben angelegt, so ist unsere Gesellschaft geprägt.
Der Tod hat deshalb auch keinen Platz. Dagegen gibt es zwar kein Mittel mehr, aber er lässt sich ganz gut verdrängen. Man muss ja nicht ständig daran denken. Er gehört zum Glück nicht zu unserem Alltag, und das Leben bietet genügend Möglichkeiten, sich davon abzulenken. Das sind so unsere Strategien, ein möglichst leidfreies Leben zu führen.
Aber gelingt uns das auch? Bescheren uns diese Methoden wirklich die Freiheit und das Glück, das wir suchen? Lässt sich das Leid einfach so verbannen?
Es gibt doch ganz viele Probleme und Nöte, die wir so nicht lösen können. Es bleibt eine Angst da, dass wir scheitern könnten, vielleicht auch das Gefühl der Sinnlosigkeit. Wir erleben immer wieder Alleinsein und Trauer, Enttäuschung und Niederlagen. Genauso wenig lassen sich Zorn und Streit immer vermeiden. Und ebenso viele Krankheiten können nicht geheilt werden. Auch der Tod trifft am Ende jeden und jede von uns.
Deshalb haben Paulus und die anderen Apostel gar nicht erst versucht, vor all dem zu fliehen. Sie wussten: So ist die irdische Existenz. Und zu dieser Nüchternheit waren sie in der Lage, weil sie darauf vertrauten, dass es noch eine ganz andere Wirklichkeit gibt. Sie waren durchdrungen von der Gegenwart und der Kraft Christi, die von Gott kam.
In ihrer Lebensführung machten sie deshalb einen Unterschied zwischen innen und außen, und sie gaben der inneren Welt eine größere Bedeutung als der äußeren. Denn in ihnen ereignete sich das, woran sie glaubten, da wohnte Christus mit seiner Herrlichkeit und machte sie frei und mutig.
Sie vermieden deshalb nicht das Leid, sondern nahmen es an. Sie schauten ihm ins Auge und ließen sich davon nicht irritieren. Es konnte sie nicht mehr beeindrucken, weil sie erfüllt waren von etwas Größerem. Sie waren zwar nicht leidfrei, aber dafür umso leidensfähiger.
Und dieser Weg führt in der Tat weiter, als wenn wir nur versuchen, das Leid abzustellen oder zu vermeiden. Wir dringen in tiefere Schichten der Wirklichkeit und des Bewusstseins vor. Wir machen Erfahrungen, die eine ganz andere Qualität haben: Wir werden ruhig und getrost, „mutig und stark“ (1.Kor.16,13), ganz gleich, was kommt.
So war es auch bei Bartholomäus. Aus dem Wust der bizarren Geschichten, die über ihn erzählt werden, lassen sich drei Dinge herausfiltern, die auch unser Bewusstsein verändern und die wir mitnehmen können.
Die erste Botschaft lautet: Das Böse wich vor ihm zurück. Er hatte eine starke Ausstrahlung. In seiner Nähe konnten sich die finsteren Mächte nicht halten, etwas anderes setzte sich durch: Es war eine Kraft, die stärker war als die Natur. Sie hatte eine geistliche Qualität. Damals machten die Menschen den Teufel für die zerstörerischen Mächte verantwortlich. Das sehen wir heutzutage zwar nicht mehr so, weil wir nicht an den Teufel glauben, aber seine Werke kennen wir sehr wohl: Es ist das, was ich vorhin schon genannt habe: Angst und Leere, Depression und Einsamkeit. Auch Krieg und Hass gehören dazu. All das kann uns ergreifen, und oft kommen wir dagegen mit rein menschlichen Mitteln nicht an. Eine Kraft, die stärker ist als die Natur, muss die finsteren Mächte besiegen. Und die wohnte in Bartholomäus. Im Glauben an Jesus Christus können wir sie ebenfalls empfangen. Wo er gegenwärtig und lebendig ist, verblasst das Böse, die teuflischen Mächte ergreifen die Flucht. Das ist das erste, was der Apostel uns zeigen kann.
Der zweite Punkt ist sein Mut, den Glauben auch zu bekennen und andere damit anzustecken. Er führte Menschen zu Christus. Sie wurden überzeugt und änderten ihr Leben. Der Geist des Apostels ging auf andere über, und das Reich Christi wuchs. Und so ist es immer noch: Wo wir mutig bekennen, was wir glauben und was uns erfüllt, brennt unser Licht vor den Menschen. Der Glanz Christi erhellt die Finsternis, und andere werden neu belebt. Das Böse weicht nicht nur, es öffnet sich auch ein neuer Weg, den die Menschen mitgehen können. Sie können ebenfalls eintreten in das Kraftfeld der Liebe Christi und dadurch frei und froh werden. Das ist das Zweite.
Und der dritte Punkt, der durchaus etwas Wahres enthält, ist das Wirken des Apostels nach seinem Tod. Die Legende erzählt, dass seine Leiche von den Heiden in einem Bleisarg im Meer versenkt wurde. Sie wollten Bartholomäus also für immer vernichten und alle Spuren auslöschen. Doch das ist ihnen nicht gelungen. Auf wunderbare Weise wurde der Sarg an einer Insel an Land gespült, sodass die Gebeine des Apostels später christlich beigesetzt werden konnten. Das müssen wir so natürlich nicht glauben, aber eins ist auf jeden Fall sicher: Bartholomäus wurde nicht vergessen. Sein Leben blieb wie das vieler anderer ein lebendiges Beispiel. Er ging uns auf dem Glaubensweg voran und er kann uns nach wie vor inspirieren. Sein sieghafter Glaube kann immer noch wirken und auch uns Mut machen, uns ganz Jesus Christus hinzugeben und ihm im Leben und im Sterben zu vertrauen.
Amen.

Dient einander

Predigt über 1. Petrus 4, 7- 11:
Vom Leben des Christen

9. Sonntag nach Trinitatis, 17.8.2014, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Zählen Sie nach, wie viele Menschen Ihnen zum Geburtstag gratulieren? Ich glaube, die meisten tun das und freuen sich, wenn am Ende die Zahl schön hoch ist. Sie setzt sich aus Anrufen, Emails, schriftlichen Grüßen und Besuchen zusammen. Mir ist das jedenfalls nicht egal, wie viele Personen an mich denken. Wir brauchen Freunde und Bekannte, Menschen, die uns Aufmerksamkeit schenken, uns mögen und wertschätzen.
Dieses Bedürfnis machen sich auch die sozialen Plattformen im Internet zu nutze. Da kann man sich anmelden, etwas über sich selber erzählen oder Bilder veröffentlichen. Man sorgt dann dafür oder wartet darauf, dass andere einen entdecken, und möglichst viele Menschen sich als „Freunde“ einfinden, d.h. lesen und beachten, was man da von sich gibt. Es fühlt sich gut an, wenn es etliche sind. Die Betreiber suggerieren einem auch, dass man beliebt und erfolgreich ist, wenn die Anzahl der Leser und Leserinnen steigt. Man bekommt das Empfinden, berühmt zu sein, und es gibt nicht wenige, die sich das wünschen. Sie wollen gesehen, gehört und möglichst bewundert werden. Das sind allgemein anerkannte Ziele, die im Trend liegen.
Im Vergleich dazu scheint die Bibel irgendwie veraltet zu sein, denn wir finden dort ganz andere Wertvorstellungen. Da wird einem nirgends ans Herz gelegt, sich beliebt zu machen und Anerkennung zu suchen. Im Gegenteil, wir finden viele Stellen, in denen die selbstlose Liebe beworben wird, der Dienst am Nächsten und die Vergebungsbereitschaft.
So steht es z.B. im ersten Brief des Petrus, im vierten Kapitel. Die Verse vier bis elf sind heute unser Predigttext. Sie lauten folgendermaßen:

1. Petrus 4, 7- 11
7 Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.
8 Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe; denn »die Liebe deckt auch der Sünden Menge« (Sprüche 10,12).
9 Seid gastfrei untereinander ohne Murren.
10 Und dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes:
11 Wenn jemand predigt, dass er’s rede als Gottes Wort; wenn jemand dient, dass er’s tue aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Sein ist die Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Wenn wir das hören, merken wir schon, hier geht es um ganz andere Werte, als wir sie aus unserer heutigen Zeit kennen. Es steht auch ein anderes Lebensgefühl dahinter, das sich gehörig von unserem unterscheidet. Mit den ersten Worten, die ich eben vorgelesen habe, kommt es zum Ausdruck. Sie lauten: „Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge.“ Damit bezeugt Petrus die sogenannte „Naherwartung“, die alle Christen in der Urzeit teilten. Sie glaubten daran, dass das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi ganz „nah“ waren, so dass sie sie noch erleben würden. Und daraus ergaben sich natürlich viele Konsequenzen. Das hatte Folgen für das Denken und Fühlen, genauso wie für das Handeln und die Lebensführung. In unserem Abschnitt geht Petrus auf das Letztere ein, auf die ethischen Auswirkungen. Ihn motiviert die „Naherwartung“ zu einem bestimmten Verhalten, und dazu will er einladen.
Als erstes leitet er aus dem Wissen um die endzeitliche Stunde die Mahnung zur Nüchternheit ab. Alles Innerweltliche ist vorläufig und bald zu Ende, deshalb soll der Christ besonnen und verständig sein und Vorletztes nicht für Letztes halten. Er soll sich nichts vormachen und im Gebet, bei Gott seine Sicherheit und seinen Halt suchen.
Außerdem soll er die verbleibende Zeit dazu nutzen, den anderen zu dienen. Es lohnt sich nicht, auf seinen eigenen Vorteil aus zu sein. Der Wirklichkeit ist es vielmehr angemessen, sich selber loszulassen und hinzugeben, Liebe zu üben und das Wohl der anderen zu fördern.
Ebenso wäre es Zeitverschwendung, die Sünden und Fehler der Mitmenschen aufzurechnen oder zu verfolgen. Es ist viel sinnvoller, sie „zuzudecken“, d.h. sie vergebend zu übersehen. Auch die Mahnung zur Gastfreundschaft gehört dazu, denn wer sich in dieser Welt fremd weiß, der öffnet dem anderen, dem es ja genauso geht,  gern die Tür.
Es geht Petrus also um eine dienende Grundhaltung. Und er erinnert daran, dass alles, was wir sind und haben, sowieso nicht uns selber gehört oder unser Verdienst ist. Gott hat es geschenkt, ihm verdanken wir unser Leben und unser ganzes Sein. Es ist deshalb angemessen, sich nicht als Besitzer oder Eigentümer des Lebens zu verstehen, sondern als „Haushalter“, als Leute, denen etwas anvertraut wurde. Dabei soll der wahre Eigentümer in allem vorkommen, was wir tun. Gottes Gnade und Kraft soll lebendig werden. Und dafür kann jeder und jede sorgen, ganz gleich, mit welcher Gabe er oder sie betraut wurde.
Davon gibt es viele, Paulus hat darüber auch geschrieben und gelehrt, über die sogenannten Charismen, die Gnadengaben. Petrus erwähnt hier zwei, das Predigen und das Dienen. Er denkt also an Propheten, Evangelisten, Katecheten usw. Ihr Wort soll Gott und nicht sie selber zur Sprache bringen. Im Wort will Gott der Gemeinde begegnen. Und auch das helfende Tun, das Petrus als zweites erwähnt, beruht nicht auf eigener Kraft, sondern auf derjenigen, die Gott schenkt. In allem Reden und Tun der Seinen soll Gott wirken und verherrlicht werden. Es gebührt sich nicht, dabei den eigenen Ruhm oder die eigene Ehre zu suchen und heimlich auf Anerkennung aus zu sein. Das Ziel ist vielmehr, dass „in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Sein ist die Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ Mit diesem Lobpreis endet der Abschnitt, und damit wird noch einmal unmissverständlich deutlich, dass der tiefste Sinn aller Worte und Taten darin liegt, dass Gott in allem geachtet wird.
Aber ist diese Aufforderung eigentlich gesund, und wollen wir sie befolgen? Dient es dem Leben, wenn wir nur noch an Gott denken? Damit wird doch ganz viel Schönes, was uns begegnen kann, was wir erleben und schaffen können, von vorne herein abgelehnt. Und das ist uns zu negativ. Schon der Eingangsgedanke klingt doch lebensfeindlich: Wenn alles angeblich bald zu Ende ist, dann muss man sich ja um nichts mehr kümmern. Man kann gleich aufhören, sich zu engagieren oder irgendwelche Ziele zu verfolgen. Eine solche Grundeinstellung bewirkt Interesselosigkeit und Untätigkeit. Das meinen viele, wenn sie von dem Ende der Welt etwas hören.
Doch so ist es hier ganz und gar nicht gemeint. Im Gegenteil, Petrus will uns gerade aufwecken, uns wachrütteln und zum Aufbruch motivieren. Er will, dass das Leben reich wird, dass wir Kraft empfangen und Gemeinschaft erfahren. All das liegt in seinen Mahnungen beschlossen, wir müssen sie nur richtig hören und einmal auf unser Leben anwenden.
Ich sagte am Anfang ja, dass wir alle heimlich von einer gewissen Eigenliebe befallen sind. Es geht uns ganz oft um uns selber. Um das auszuleben, muss man auch nicht bei Facebook registriert sein. Den Wunsch nach Anerkennung gab es schon immer. In England ist es z.B. üblich, alle Weihnachtskarten, die man bekommt, in der Wohnung aufzuhängen, so dass jeder sehen kann, wie viele es sind. Und es lässt sich gar nicht ermitteln, wer alles Bücher schreibt, die nie veröffentlicht werden, Bilder malt, die kaum jemand sieht, Musik aufführt oder Vorträge hält, zu denen nur eine Handvoll Menschen kommen usw. All diese Poeten, Künstler, Musiker und Philosophen wünschen sich in Wirklichkeit mehr Beachtung und freuen sich über jeden Erfolg. Auch uns Pastoren und Pastorinnen geht es natürlich nicht anders. Je voller die Kirchen sind, umso besser fühlen wir uns.
Es wird uns von der Psychologie ja auch ans Herz gelegt, uns selber zu verwirklichen. Wir sollen unser Ich stärken und unsere Gaben und Fähigkeiten ausbauen. Wer nicht wahrgenommen und geliebt wird, dessen Seele verkümmert. Zu einem gesunden Leben gehören der Erfolg und der Zuspruch. Ohne das sind wir arm dran. Dieses Denken ist inzwischen Allgemeingut geworden, jeder kennt es und richtet sich danach.
Es sind auch wertvolle Einsichten, die wir berücksichtigen müssen, aber sie allein reichen nicht, damit das Leben wirklich gelingt. Denn das Streben danach hat auch Schattenseiten, und die sollten wir uns ebenfalls klar machen.
Zunächst einmal ist es anstrengend, sich immer um ausreichend Anerkennung kümmern zu müssen. Wir verbrauchen viel Kraft und Zeit, um dieses Ziel zu erreichen. Es ist nicht einfach.
Und oft machen wir uns dann auch etwas vor. Gerade viele von den sogenannten „Freunden“ im Internet sind ja nicht wirklich da. Wir stellen sie uns nur vor. Das meiste spielt sich in unserer Phantasie ab. Wir denken, dass wir geliebt werden, aber ob das wirklich so ist, wissen wir nicht. Es bleibt irreal und reicht auch nie ganz aus.
Das ist das nächste Problem: Selbst wenn einigermaßen viele Menschen uns mögen, so ganz befriedigt ist unsere Seele nie. Sie braucht immer noch mehr Zuspruch, denn in die tiefsten Schichten dringt kaum ein Mensch mit seiner Anerkennung vor.
Und schließlich kann es ganz leicht sein, dass wir scheitern. Der Misserfolg lauert immer um die Ecke, wir sind ständig bedroht. Wenn wir älter werden, sind es z.B. automatisch weniger Leute, die uns kennen, und es werden auch immer weniger. Viele Menschen leiden darunter. Sie fühlen sich allein oder isoliert, und wenn es noch schlimmer kommt, werden sie von anderen sogar misshandelt oder gemobbt. Auch dafür öffnet das Internet Tor und Tür. Was man dort über sich selbst erzählt oder zeigt, kann ganz schnell von anderen in den Dreck gezogen werden. Verunglimpfung und Verleumdung ist genauso weit verbreitet wie Freundschaft und Zuneigung.
Die Eigenliebe hat also ihre ganz erheblichen Schattenseiten, und das wusste auch der Schreiber des Petrusbriefes. Für ein gelingendes Leben und Miteinander reicht es nicht, wenn jeder und jede nur versucht, sich selber zu verwirklichen. Wir brauchen zum Glücklichsein noch viel mehr.
Und darum geht es hier letzten Endes. Petrus will uns das Leben nicht vermiesen, er will vielmehr zeigen, wie es schön und reich werden kann. Wenn er an das Ende alles Irdischen erinnert, dann tut er das nicht, weil er depressiv ist. Er will vielmehr die Aufmerksamkeit auf die tiefere Wahrheit lenken, auf den, der immer schon da war, der bleibt und uns so tief liebt, wie kein Mensch das jemals kann: auf Jesus Christus, der von Gott zu uns kam, um uns alles zu schenken, was wir zum Leben brauchen.
Wir sind eingeladen, uns ihm hinzugeben und uns von ihm lieben zu lassen. Bei ihm finden wir, wonach wir uns sehnen. Wir brauchen gar nicht so viele „Freunde“, denn der beste Freund ist längst da. Und seine Aufmerksamkeit kann niemand übertreffen.
Es ist deshalb gut, wenn wir uns zu allererst an ihn hängen, uns ihm anvertrauen und uns von seiner Liebe anrühren lassen. Dann verändert sich etwas, es entsteht ein ganz neues Lebensgefühl. Denn wir können uns mit einem Mal selber loslassen. Wir stehen nicht mehr im Mittelpunkt, und das ist nicht schlimm, sondern wohltuend. Es geht nicht mehr um uns, und das ist sehr entspannend. Alle Anstrengung und Mühe fällt von uns ab, denn unsere tiefsten Wünsche werden erfüllt. Unsere Sehnsucht wird gestillt, ohne dass wir dafür Kraft einsetzen müssen. Im Gegenteil, wir bekommen neue Energie geschenkt, die uns belebt und aufrichtet. Wir sind befreit von dem Zwang, geliebt zu werden, denn wir wissen uns unendlich von Gott geliebt.
Und das ist keine irreale Liebe, sondern sie ist wirklicher als alles andere. Deshalb wirkt sie sich auch auf unser ganz konkretes Miteinander aus: Wir können selber lieben. Wir sehen plötzlich, wer uns alles braucht, was wir tun und wo wir „dienen“ können. Menschen, mit denen wir in Liebe verbunden werden, finden sich ganz von alleine ein. Es sind diejenigen, die uns wirklich begegnen. Wir müssen nicht nur an sie denken und unsere Phantasie bemühen, wir treffen sie im Alltag. Es können unsere Nachbarn sein, Kollegen, Familienangehörige, Personen in der Gemeinde usw. Niemand ist allein, wir sind längst umgeben von anderen Menschen, und mit ihnen allen kann Christus uns verbinden. Wir müssen nur hinschauen und seine Liebe weitergeben.
Konkret kann das ganz viel heißen. Einiges wird hier ja genannt, die Vergebung z.B.: Wir sind eingeladen, die Sünden und Fehler unserer Mitmenschen barmherzig „zuzudecken“ und liebevoll zu übersehen. Auch die Mahnung zur Gastfreundschaft gehört dazu, dass wir uns nicht verschließen und absondern, sondern offen für die Menschen sind, die zu uns kommen.
Und diese Liste lässt sich beliebig erweitern. Wenn wir erst einmal anfangen, „dienen“ zu wollen, fällt jedem und jeder von uns bestimmt unendlich viel ein. Es ergibt sich aus den Situationen, in die wir hineinkommen. Wir müssen uns nur von dem Wunsch leiten lassen, dass in allem die Kraft und Liebe Christi gegenwärtig sein möge. Dann ist unser Leben gesegnet und unser Miteinander lebendig.
Amen.

Was geschieht beim Abendmahl?

Betrachtungsgottesdienst: „Am Tisch des Herrn“
10.8.2014, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

mit Predigt über Psalm 111, 4:
Der Herr hat ein Gedächtnis gestiftet

Wir haben heute einen Abendmahlsgottesdienst gefeiert, und das haben wir zum Anlass genommen, einmal das Fenster unserer Kirche, das dieses Thema darstellt, zu betrachten. Was hat der Künstler sich dabei gedacht? Darüber hat Binia Kempe sich Gedanken gemacht.

Und wie könnte man das Abendmahl noch darstellen? Das haben wir uns auf einem weiteren Bild vergegenwärtigt, dem „Abendmahl“ von Emil Nolde, das Christa Lehmann mit uns betrachtet hat.

Die Betrachtungen sollten uns an das  Geheimnis des Abendmahls heranführen und uns auf die Feier vorbereiten. In der Predigt wurden einige allgemeine Gedanken zu der Frage behandelt, was beim Abedmahl überhaupt geschieht.

Betrachtung des Abendmahlsfensters in der Lutherkirche
von Binia Kempe

Abendmahl

Das Thema Abendmahl steht heute im Mittelpunkt in diesem Gottesdienst. Wir wollen in Abständen die Buntglasfenster hier in der Kirche genauer betrachten und sie so würdigen. Sie wurden 1963 eingeweiht.
Wir beginnen heute mit dem vierten Fenster von vorn gesehen.
Zur genaueren Betrachtung und wenn Sie nicht so günstig sitzen, haben wir Ihnen eine Karte mit der Abbildung des Fensters beim Eintritt in die Kirche gegeben.
Die Epistellesung zum Thema Abendmahl steht im 1. Brief des Paulus an die Korinther.
Ich lese aus der Bibel in gerechter Sprache:

1.Korinther 10,16+17

„Der Becher des Segens, den wir segnen,bringt er uns nicht in die Gemeinschaft mit dem Blut Christi? Das Brot, das wir brechen, bringt es uns nicht in die Gemeinschaft mit dem Leib Christi? Wir vielen sind ein Brot, ein Leib, denn wir haben alle Anteil an dem einen Brot.“

Als erstes fällt der schöne eiförmige Becher auf breitem Stiel auf. Die Farben rot und gold deuten auf das Metall, aus dem der Becher gemacht ist: Bronze und Gold.
Das Rot deutet aber auch auf den Inhalt des Bechers, den roten Wein, symbolisch das Blut Christi. Und die goldenen Farbe auf die Kostbarkeit des Bechers.
Jesus sagt in der Nacht im Garten Gethsemane, als er verraten wird: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich, nimm diesen Kelch von mir “ – oder in anderer Übersetzung: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen – Und weiter sagt Jesus: Doch es geschehe nicht, was ich will, sondern was du willst.“ (Markus 14,36)
Dadurch ist der Kelch zum Symbol für die Gnade Gottes geworden.
In der späteren christlichen Kunst fängt ein römischer Soldat das Blut und das Wasser, das aus der Seitenwunde Jesu fließen, mit einem Kelch auf: das ist sozusagen das Urbild des Abendmahlskelches.
Hier in unserem Buntglasfenster neben dem Becher, etwas schwer zu identifizieren, ein flaches halbrundes Brot, das bedeckt wird von einem Bedeckungsgefäß, einem sog. Ziborium.
Das Brot ist ebenso ein Symbol für Christus als das Brot des Lebens.
Jesus sagte zu seinen Jüngern:
Ich bin das Brot des Lebens, alle die zu mir kommen, werden nie mehr hungrig sein, und alle, die an mich glauben, werden nie mehr durstig sein.
Jesus Christus ist der Gastgeber des Abendmahls. Er wird uns den Gästen durch
Brot und Wein gegenwärtig.
Wenn wir nachher das Abendmahl feiern, erinnern Sie sich vielleicht an den Kelch und das Brot, das hier im Fenster dargestellt ist.

Bildbetrachtung „Abendmahl“ von Emil Nolde
von Chista Lemann

KMS6202Markus 14, 17 – 26

17 Und am Abend kam er mit den Zwölfen.
18 Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.
19 Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich’s?
20 Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht.
21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.
22 aUnd als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib.
23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus.
24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein aBlut des Bundes, das für viele vergossen wird.
25 Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.
26 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Im Jahr 1909 malte Emil Nolde sein „Abendmahl“.
So ein „Abendmahl“ ist nie zuvor gemalt worden – und es löste damals einen wahren Sturm der Entrüstung aus, gipfelnd im Vorwurf der „Gotteslästerung“! Ein bis dahin einmaliger Kunststreit entbrannte um das Bild.
Was sehen wir?
FARBEN – glühend, leuchtend! Fast, wie wir sie von alten Kirchenfenstern kennen.
Orange und rot, gelbgrüne Gesichter und Hände…
Männer drängen sich um einen Tisch. Im Zentrum die einzige Figur, die frontal zu sehen ist: Christus – in einem hellen Licht, das auch die Gesichter der Jünger erhellt.
Jesus hat die Augen geschlossen. Sein Gesicht, seine Gestalt leuchten von innen heraus.
Seine Hände halten den Kelch: „Er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen den.“ Davor hat er mit diesen Händen das Brot gebrochen und es den Jüngern weitergegeben: „Nehmet…“
Nur mit Farben und Licht hat Nolde dem Geschehen einen überwältigenden Ausdruck gegeben. FARBE ist seine Sprache – mehr als die Form.
Als Emil Nolde dieses Bild malte, war er nach einer Trinkwasservergiftung nur knapp dem Tod entronnen. Wie in einem inneren Kampf entstand es in ihm und er schreibt selbst darüber so:

„Einem unwiderstehlichen Verlangen nach Darstellung von tiefer Geistigkeit, Religion und Innigkeit war ich gefolgt, doch ohne viel Wollen, Wissen und Überlegung. Fast erschrocken stand ich vor dem aufgezeichneten Entwurf; nun sollte ich malen das geheimnisvollste, tiefinnerlichste Geschehnis der christlichen Religion! … Ich malte und malte, kaum wissend, ob es Tag oder Nacht war, ob ich Mensch oder nur Maler war. Falls ich am Bibelbuchstaben und am erstarrten Dogma gebunden gewesen wäre – ich habe den Glauben, dass ich dann dieses tiefsinnige Bild „Abendmahl“ nicht hätte so stark malen können. Ich musste künstlerisch frei sein, spürte Gott in mir, heiß und heilig wie die Liebe Christi.“

(zitiert aus: Emil Nolde, Mein Leben, Dumont, 11. Aufl. 2000)

Predigt über Psalm 111,4
von Gesa Bartholomae

Liebe Gemeinde.
Wir haben heute zwei Bilder über das Abendmahl gesehen, die in Farbe und Form, Inhalt und Aussage sehr voneinander abwichen. Sicher kennen Sie auch noch unzählige andere und wissen, wie verschieden man diese Szene darstellen kann. Jedem Maler, jeder Künstlerin ist etwas anderes eingefallen und wichtig, und daran erkennen wir, dass jeder Mensch das Abendmahl auf seine Weise versteht und etwas anderes dabei erlebt.
In der Theologie und der kirchlichen Tradition ist das nicht anders. Auch da gibt es viele Möglichkeiten, das Abendmahl zu deuten und zu vollziehen. Für die einen sind Brot und Wein wirklich Leib und Blut Christi, die anderen verstehen diese Elemente nur als Symbole. Viele gehen unvorbereitet dahin, etliche meinen, dass sie zunächst beichten müssen. In Klöstern wird es täglich gefeiert, in unzähligen Gemeinden jeden Sonntag. Wir laden einmal im Monat ein, einige Christen gehen nur einmal im Jahr.
Und es gibt auch Streit darüber. Die Trennung der Kirchen entzündet sich oft an diesem Thema, und es gibt bis heute unversöhnliche Gegensätze.
Das ist schade, denn so hat Jesus sich das bestimmt nicht vorgestellt. Und ich denke auch, dass es ein paar Dinge gibt, die uns doch alle vereinen. Sie kommen in dem Bibelwort zum Ausdruck, unter das wir diesen Gottesdienst gestellt haben. Es steht in Psalm 111,4 und lautet:
„Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige Herr.“
Der Psalm ist insgesamt das Dankgebet eines Einzelnen für Gottes große Taten. Der Beter bekennt, was Gott ihm bedeutet und was er mit ihm erlebt hat. Er freut sich darüber, dass Gott sein Heil dem Volk offenbart hat, dass er wirkt und handelt. Dabei denkt er zum einen an die Geschichtstaten Gottes, an alles, was Israel im Laufe der Zeit mit Gott erfahren hat, und zum anderen an die kultischen Traditionen, die es in Israel gibt, die regelmäßigen Rituale und Feiern. Gott hat sie eingesetzt, darüber freut sich der Beter, und damit erinnert er daran, dass sie dem Willen Gottes entspringen. Gott möchte, dass sie immer wieder vollzogen werden. Die Gemeinde soll Gottesdienste feiern, damit sie an ihn denken und sein Wirken spüren kann. Die Rituale weisen auf Gott hin und machen seine Gegenwart erlebbar.
Und das trifft auch auf unsere christlichen Traditionen zu. Wir können die Aussagen des Psalms genauso gut auf unsere Überlieferungen und Bräuche anwenden, also auch auf das Abendmahl. Wenn wir das tun, finden wir drei Aussagen, die wahrscheinlich sogar alle Christen teilen.
Die erste Botschaft lautet: „Gott hat ein Gedächtnis gestiftet“. Das bedeutet, die Initiative für das Abendmahl ging von Gott aus, und zwar erinnert Gott uns damit an sich selber. Er lädt uns ein, er kommt in unsere Wirklichkeit, in unser Leben hinein. Mit Erinnerungen wird das, woran wir uns erinnern, ja immer ein Stück lebendig, es wird gegenwärtig und erfahrbar. Und so ist es mit dem Abendmahl: Wir kommen mit Gott in Kontakt.
Es ist also nicht unsre Idee, und entscheidend daran sind auch nicht unsere Ansichten und Meinungen darüber. Wir reden und denken nicht nur, sondern vollziehen etwas: Wir essen und trinken und haben Gemeinschaft. Wir werden leibhaftig in ein Geschehen einbezogen. Gott berührt unseren Leib und unsere Seele und kommt uns ganz nahe.
Das ist der erste Punkt, der in unserem Psalmvers zum Ausdruck kommt.
Als zweites ist das Stichwort „Wunder“ entscheidend. Als Wunder gilt ein Ereignis, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann, so dass es Erstaunen auslöst. Es bezeichnet etwas Außergewöhnliches, ein Ereignis, das sich zwar in Raum und Zeit abspielt, das man mit menschlicher Vernunft aber nicht begreiflich machen kann. Denn es widerspricht unseren normalen Erfahrungen und sprengt die Gesetzlichkeiten von Natur und Geschichte.
Das Abendmahl ist so ein Wunder, denn natürlicherweise ist Gott beim bloßen Essen und Trinken von Brot und Wein nicht anders gegenwärtig, als sonst auch. Und wie sollen sich diese Elemente in Leib und Blut Christi verwandeln? Das bleibt unfassbar und unverfügbar.
Zum Abendmahl gehören also die Ankündigung und der Glaube, dass hier etwas Göttliches geschieht, etwas, das unser Denken überschreitet. Insofern hat Luther Recht, wenn er im Kleinen Katechismus erklärt: „Die Worte sind neben dem leiblichen Essen und Trinken das Hauptstück im Sakrament. Und wer diesen Worten glaubt, der hat, was sie sagen und wie sie lauten.“ Das Aussprechen und Hören des Wortes Gottes und der Glaube des Einzelnen sind unverzichtbar, wenn das Abendmahl wirken soll. Nur dann, wenn die Heilige Schrift laut wird und die Empfangenden darauf vertrauen, dass Gott sie einlädt, ereignet sich das Wunder, um das es geht: Dann ist Gott in dieser Feier wirklich gegenwärtig und zieht in Leib und Seele ein. Das ist der zweite Punkt.
Und als Drittes wird in dem Psalmvers Gottes „Gnade und Barmherzigkeit“ erwähnt. Und damit wird sowohl der Ursprung als auch das Ziel des Abendmahls angedeutet. Warum gibt es diese Feier überhaupt? Warum hat Gott dieses „Gedächtnis“ gestiftet und was will er uns damit schenken? Die Antwort lautet: Er hat es eingesetzt, weil er gnädig ist und weil er uns vergeben will. Auch das kommt im Kleinen Katechismus zum Ausdruck. Luther fragt im zweiten Absatz: „Was nützt denn solch Essen und Trinken? Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; nämlich, dass uns im Sakrament Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.“
Das Abendmahl ist also eine Feier der Befreiung und der Liebe. Wir dürfen kommen, wie wir sind, jeder und jede ist eingeladen. Wir müssen uns nicht vorher reinigen und alle unsere Sünden ablegen. Was uns an uns selber nicht gefällt, dürfen wir mitbringen. Wir dürfen sein, wer wir sind, denn Gott sagt ja zu uns. An seinem Tisch wird uns abgenommen, was uns eventuell von ihm trennt. Wir haben ungehinderte Gemeinschaft mit Gott und empfangen seine Liebe. Deshalb bewirkt das Abendmahl „Leben und Seligkeit“, wie Luther sagt, d.h. Erlösung und Heil, Glück und Freiheit.
Und natürlich entsteht dadurch auch Einigkeit untereinander. Die Liebe, die wir empfangen, wirkt sich auf unsere menschliche Gemeinschaft aus. Wir können uns gegenseitig genauso vergeben, wie Gott uns vergibt. Trennendes wird aufgehoben, wir werden miteinander verbunden.
So hat Gott sich das jedenfalls vorgestellt, als sein Sohn das Abendmahl eingesetzt hat. Gerade diese Feier sollte dazu dienen, dass seine Jünger eins sind. Auch wenn wir unterschiedliche Menschen sind, mit vielfältigen Meinungen und Ansichten, beim Abendmahl sind wir alle vereint im Glauben und Schauen der Gegenwart Gottes.
Amen.

Es ist genug für alle da

Predigt über 2. Mose 16, 2- 3. 11- 18:
Speisung mit Wachteln und Manna

7. Sonntag nach Trinitatis, 9.30 und 11.00 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

2.Mose 16,2-3.11-18

2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. 3 Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.
11 Und der HERR sprach zu Mose: 12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin. 13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. 14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. 15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. 16 Das ist’s aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. 17 Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig. 18 Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Liebe Gemeinde.
Sie haben sicher alle eine Tiefkühltruhe oder zumindest ein Tiefkühlfach in Ihrem Haushalt. Das ist ja sehr praktisch, denn wir können darin problemlos Lebensmittel über einen längeren Zeitraum aufbewahren, ohne dass sie verderben. Indem wir sie einfrieren, machen wir sie haltbar
Dafür gibt es auch noch andere Methoden. Das Einmachen ist ja gerade wieder modern geworden. Ich kenne es noch aus meiner Kindheit. Die Gläser mit Früchten und Gemüse aus dem Garten standen dann im Kellerregal, und wir konnten sie im Winter verbrauchen. Konservendosen funktionieren ähnlich: Durch Erhitzen und luftdichten Verschluss wird der Verfall der Nahrungsmittel gestoppt.
Zucker, Essig, Alkohol oder irgendwelche anderen chemischen Substanzen bewirken dasselbe, wie bei Marmelade, Heringen, Milch usw. Auch das Trocknen von Früchten ist eine altbewährte Methode.
Seit jeher tun Menschen das: Sie machen Lebensmittel haltbar und legen einen Vorrat an. Es ist dann immer etwas im Haus, für alle Fälle, und das beruhigt. Man weiß ja nie, was passiert.
So ist es kein Wunder, dass auch die Israeliten das versuchten, als sie von Gott in der Wüste mit Manna versorgt wurden.
Es war nicht lange nach dem Auszug aus Ägypten und der glücklichen Rettung vor ihren Verfolgern, da „murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron.“ Sie erinnerten sich an die „Fleischtöpfe“ und das „Brot , das sie dort in Hülle und Fülle gehabt hatten. In Wirklichkeit war es in Ägypten sicher nicht so rosig gewesen, aber im Nachhinein und angesichts der Nahrungsknappheit in der Wüste stellte es sich für sie so dar. Denn sie waren hungrig und hatten Angst, dass sie sterben würden.
Doch das war natürlich unberechtigt, das wollte Gott auf keinen Fall. Er hörte ihr Murren und antwortete auf ihre Klage. In wunderbarer Weise sorgte er dafür, dass sie „gegen Abend Fleisch zu essen hatten und am Morgen von Brot satt wurden.“ Er schickte am Ende des Tages Wachteln herauf und am Morgen „lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.“ Die Israeliten wussten nicht, was es war, denn das hatten sie noch nie gesehen. „Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.“ Davon sollte jeder so viel sammeln, wie er für seine Familie brauchte. Das taten die Israeliten, und wie durch ein Wunder bekam jeder genau die richtige Menge: Wer viel gesammelt hatte, behielt nichts übrig, und wer wenig gesammelt hatte, verfügte trotzdem über genug. Es war also nicht nötig, sich irgendwelche Sorgen zu machen und etwas davon bis zum nächsten Morgen aufzubewahren. Das erklärte Mose ihnen auch. Aber wie der Mensch so ist: „Sie gehorchten ihm nicht, und etliche ließen davon übrig bis zum nächsten Morgen.“ Doch was geschah? „Es wurde voller Würmer und stinkend.“ Mose hatte das vorher gewusst, deshalb wurde er zornig: Das „Manna“, wie sie es nannten, ließ sich nicht aufbewahren, man konnte es nicht haltbar machen. „Wenn die Sonne heiß schien, zerschmolz es.“
So mussten die Israeliten darauf vertrauen, dass Gott es ihnen jeden Morgen neu geben würde, und das war auch der Sinn der Sache, das sollten sie lernen: „Sie sollten innewerden, dass er, der HERR, ihr Gott war.“
Natürlich haben Wissenschaftler sich gefragt, was die Israeliten denn da nun jeden Morgen fanden, und es lässt sich in der Tat mit einem Phänomen auf der Sinaihalbinsel erklären. Das sogenannte Manna entsteht durch das Zusammenwirken eines Insektes und eines Baumes: Wenn die Schildlaus in das Blatt einer bestimmten Tamariskenart sticht, die in der Wüste wächst, dann entsteht ein Sekret, das von den Blättern auf den Boden fällt. Es hat die Form eines Tropfens und ist weiß. In der Nacht wird es hart, so dass man es am Morgen auflesen kann. Tagsüber schmilzt es dann wieder. Aber es ist essbar, hat einen süßlichen Geschmack und wird noch heute von den Leuten in der Wüste an Ort und Stelle gern gegessen.
Für die Israeliten war es neu, und das ist für die Erzählung auch entscheidend, denn es geht hier nicht in erster Linie um die Lebensmittel, die es in der Wüste gibt. Das Manna wird vielmehr bewusst als Gottesgabe ausgewiesen, und die Botschaft lautet: Gott ist treu, er hält seine Zusagen und sorgt für die Menschen. Er gibt immer das für den augenblicklichen Bedarf Erforderliche, das „tägliche Brot“, nicht mehr und nicht weniger. Denn er ist groß und wunderbar. Die erste Pflicht der Israeliten ist deshalb unbedingtes Gottvertrauen.
Und das wird auch uns mit dieser Geschichte ans Herz gelegt. Auch wir sollen etwas über die Größe und Kraft Gottes erfahren, über seine Liebe und Fürsorge. Er hat uns das Leben geschenkt, er steht uns bei und führt uns durch alle Krisen und Engpässe. Wir müssen deshalb keine Angst haben, dass wir zu kurz kommen oder verhungern. Wir können jeden Tag mit seiner Liebe rechnen und uns mit dem Nötigsten beschenken lassen.
Es geht also darum, dass wir gegenwärtig leben und Maß halten. Neid oder Gier sind nicht nur unnötig, sondern auch schädlich. Sie führen zu nichts. Denn das Leben lässt sich nicht festhalten. Es gehört uns noch nicht einmal. Alles was wir sind und haben, ist eine Gabe Gottes.
Und es ist genug für alle da. Niemand muss hungern, niemand kommt zu kurz oder wird vernachlässigt. Gott hat die Erde so eingerichtet, dass jeder satt werden kann.
Das ist hier Botschaft, und die ist eigentlich ganz wunderbar. Aber entspricht sie auch der Realität? Ist das nicht nur ein schöner Traum? In Wirklichkeit ist doch alles ganz anders: Die Güter der Erde sind ungerecht verteilt. In unseren Ländern haben wir zwar mehr als genug, aber wo anders hungern die Menschen. Es wird beileibe nicht jeder auf dieser Welt satt. Es herrscht an vielen Orten Ausbeutung und Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Armut und Hunger.
Viele Menschen glauben deshalb nicht an Gott. Im Gegenteil, sie werfen ihm sogar vor, dass er sich nicht genug kümmert, dass er nicht eingreift und für mehr Gleichheit sorgt.
Aber liegt es wirklich an ihm? Ist der Hunger nicht zum allergrößten Teil menschengemacht? Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir sehr wohl, dass überall dort, wo Hunger herrscht, Gier und Macht die Ursache sind, Rücksichtslosigkeit und Egoismus von Regierenden, Profitstreben einiger riesiger Konzerne, Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit Einzelner, die Einfluss haben, Bosheit und Neid.
Und das sind nicht die Fehler Gottes, sondern die Grundübel der Menschheit. Die Israeliten waren davon auch nicht frei, deshalb bekommen sie hier eine Lektion: Sie sollten Angst und Gier ablegen und stattdessen auf Gott vertrauen. Mit dem Manna in der Wüste gab Gott ihnen die Möglichkeit, ein ganz neues Lebensgefühl einzuüben, und das können auch wir uns aneignen.
Dafür ist es gut, wenn wir in unser eigenes Leben schauen. Wir sind ja keineswegs frei von den Lastern, die ich aufgezählt habe. Wir sorgen uns schon um unser tägliches Leben und setzen uns gerne durch. Und dabei nehmen wir nicht immer Rücksicht auf die anderen.
Das ist einerseits zu entschuldigen, denn dahinter steht ein ganz natürlicher Trieb, nämlich die Angst ums Überleben. Sie ist uns in die Wiege gelegt, und sie ist auch nicht nur schlecht. Sie sorgt immerhin dafür, dass wir uns anstrengen und kämpfen, dass wir unser Leben in die Hand nehmen und bestehen.
Doch andererseits übertreiben wir das leider oft. Der Überlebenswille verselbständigt sich gerne und wird leicht zur Gier. Wir häufen mehr an, als wir brauchen, nehmen die Dinge in die Hand und versuchen, das Schicksal zu lenken.
Und dadurch entstehen die Probleme. Es kommt automatisch zu Ungerechtigkeiten, weil der Stärkere gewinnt. Wir werden neidisch auf diejenigen, die mehr haben, und verschließen uns gegenüber den Mitmenschen. Außerdem entsteht Stress. Das Leben wird anstrengend und ermüdend. Wir reiben uns auf und verbrauchen unsere Kraft.
Es täte uns allen deshalb gut, wenn wir uns ein anderes Bewusstsein angewöhnen, eine andere Grundeinstellung, und genau da will die Geschichte uns hinführen. Sie will uns die Angst nehmen, dass wir eventuell nicht genug bekommen. Auch wir sollen auf Gott vertrauen. Unsere erste Sorge sollte nicht dem Überlebenskampf gewidmet sein, sondern der Gewissheit, dass Gott da ist. Damit gilt es, den Tag zu beginnen. Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen, dass diese Welt nicht uns gehört. Gott hat sie uns zur Verfügung gestellt, und nur er kann uns die Sicherheit geben, die wir suchen.
Es ist natürlich nicht ganz einfach, das wirklich zu verinnerlichen, denn die Lebensangst steckt tief in jedem von uns. Es ist ein langer Prozess, sie abzulegen, mit dem wir auch nie ganz fertig werden. Aber es lohnt sich, damit zu beginnen, und wir müssen diesen Weg auch nicht alleine gehen.
Jesus hat uns das Gottvertrauen vorgelebt. Er führte ein ungesichertes Dasein und vertraute jeden Tag darauf, dass er und seine Jünger das Nötige zum Leben bekamen. Er lehrte sie deshalb zu beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Und in der Bergpredigt spricht er an einer Stelle über genau dieses Thema. Er sagt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ Er wollte seine Jünger zu einem sorgenfreien Leben einladen und hinführen. Und mit seiner Hilfe kann das auch uns gelingen. Wenn wir uns sein Leben vor Augen halten, werden wir davon angesteckt. Er hilft uns, unser Bewusstsein zu verändern.
Dazu gehört es, dass wir immer wieder unsere Hände und Herzen öffnen, und sie von ihm füllen lassen. Wir üben uns in eine empfangende Haltung ein. Anstatt Dinge an uns zu raffen und sie festzuhalten, sind wir dankbar für das, was uns geschenkt wird. Anstatt sorgenvoll an das Morgen zu denken, konzentrieren wir uns auf das Jetzt. Und das tun wir, so oft wie möglich, als regelmäßige Übung am Anfang des Tages und immer, wenn es sich anbietet.
Leider ist die Sitte des Tischgebetes so gut wie verloren gegangen. Dabei ist auch das ein gutes Mittel, um immer wieder daran zu denken, von wem wir alles haben. Wenn wir am Tisch vor den gedeckten Speisen sitzen, greifen wir nicht einfach zu, sondern besinnen uns auf den Geber und bedanken uns zunächst bei ihm. „Alle guten Gaben und alles, was wir haben, kommt o Gott von dir, wir danken dir dafür.“ Das Gebet kennen wir alle, und es ist gar nicht schlecht, es zumindest in Gedanken immer wieder zu beten.
Dann verändert sich etwas. Wir werden freier von Ängsten und Zwängen, zufriedener und gelassener. Und wir können viel besser teilen. Es ist nicht nötig, dass wir neidisch sind und anderen etwas wegnehmen. Wir können loslassen und darauf achten, dass alle genug abbekommen.
Und damit beginnt der Weg zu mehr Gerechtigkeit und Frieden. Auf jeden Fall liegt darauf eine Verheißung, es führt in die Zukunft und in die Weite. Die Vision von einer besseren Welt entsteht vor unserem inneren Auge und wir gehen in diese Richtung.
Wir haben uns kürzlich in einem Zusammensein darüber unterhalten, dass es auch gehörig schief gehen kann, wenn wir Lebensmittel haltbar machen wollen. Eine Gesprächsteilnehmerin erzählte z.B., wie ihr einmal eine ganze Palette mit Gläsern, in die sie Apfelmus gefüllt hatte, verschimmelt war. Irgendetwas hatte sie wohl nicht beachtet. Und wenn der Strom ausfällt, kann alles, was in der Tiefkühltruhe gelagert ist, ganz schnell unbrauchbar werden. Das sind zwar harmlose Beispiele, aber sie zeigen an, dass angelegte Vorräte uns keine letzte Sicherheit verschaffen können.
Und was wir so im Kleinen und Alltäglichen erfahren, gilt auch für das Große und Ganze: Ob und wie es mit die Welt und unserem Leben weiter geht, können wir nicht selber steuern, es liegt in Gottes Hand. Doch gerade deshalb ist es entscheidend, dass wir auf ihn vertrauen und ihn zum Zuge kommen lassen. Dann kann er wenigstens dort, wo wir sind, dafür sorgen, dass die Welt besser wird. Sein Reich wird sichtbar und erlebbar, seine Liebe kann wirken, und Menschen können erfahren, dass für alle genug zum Leben da ist.
Amen.

Mission heute

Predigt über 2. Thessalonicher 3, 1- 5:
Wünsche de Apostels

5. Sonntag nach Trinitatis, 20.7.2014, 9.30 und 11.00 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

 

Liebe Gemeinde.

„Es ist kein Geheimnis, dass ich Jesus liebe.“ Dieser Satz stand auf Englisch als kleines Logo auf dem Pullunder von Pastor Calvin Koola aus Tansania. Wir haben ihn am Mittwoch vor einer Woche bei einem „Abend der Begegnung“ getroffen. Sechs Mitglieder des Kirchenkreises Ostkilimanjaro sind gerade zu Besuch in Kiel, um zu erfahren, wie wir hier leben. Die Einladung erfolgte im Rahmen des Projektes unseres Kirchenkreises Altholstein zu Gunsten der Aidswaisen.
Ich fand die Begegnung mit Pastor Koola sehr bewegend. Nicht nur der Satz auf seinem Pullunder, auch seine ganze Haltung waren für uns ungewohnt: Er ist Pastor, weil er sich dazu berufen fühlt, und er möchte gerne Menschen retten. Dafür nimmt er es in Kauf, relativ wenig Geld zu verdienen. Und es ist für ihn auch völlig abwegig, nebenbei noch etwas anderes für seinen Broterwerb zu tun. Er hat sein Leben dem Evangelium gewidmet. Er steht Jesus ganz zur Verfügung und vertraut darauf, dass er immer genug zum Leben haben wird. Er ist mit Leib und Seele nicht nur Pastor, sondern auch Missionar.
Und damit ist er den biblischen Gegebenheiten sehr nahe, genauso ging es Paulus und den ersten Aposteln. Für sie war nichts wichtiger, als dass das Wort des Herrn sich ausbreitete. Ihr Leben war unauflöslich mit der missionarischen Verkündigung verbunden. Sie freuten sich über die Gemeinden, die sie geründet hatten, baten sie um Unterstützung bei ihrem Auftrag und ermutigten sie, sich ebenfalls für die Weitergabe des Evangeliums einzusetzen. Das kommt an vielen Stellen in den Briefen von Paulus zum Ausdruck, so auch in einem Abschnitt im zweiten Brief an die Thessalonicher, der heute unser Predigttext ist. In Kapitel drei schreibt Paulus in Vers eins bis fünf:

2. Thessalonicher 3, 1- 5
1 Weiter, liebe Brüder, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch
2 und dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding.
3 Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.
4 Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, dass ihr tut und tun werdet, was wir gebieten.
5 Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes
und auf die Geduld Christi.

Das sind Wünsche des Apostels für sich selbst und die Gemeinde. Er ist auf ihre Hilfe bei seinem Dienst angewiesen, deshalb sollen sie für ihn im Gebet eintreten. Er möchte gerne, dass „das Wort des Herrn“ von einem Menschen zum anderen, von einer Stadt zur anderen „laufe“ und so zu allen Völkern dringt, damit die ganze Welt für Christus gewonnen wird. In Thessalonich war es bereits angekommen, dort wurde Christus „verherrlicht und gepriesen“, und das soll sich überall ereignen. Keine feindlich gesinnten Menschen sollen es hindern. Paulus wusste sehr wohl, dass der Glaube an Christus nicht bei jedem ankommt, aber wer dafür offen ist, der soll auch erreicht werden. Dabei vertraut er hauptsächlich auf Gott und seine Treue. Gott selber wird dafür sorgen, dass die Menschen von Jesus Christus hören und gerettet werden. Das war ja auch in Thessalonich geschehen, daran erinnert er noch einmal: Die Menschen dort haben dem Wort geglaubt. Deshalb wird Christus, der Herr, sie auch nicht verlassen, sondern stärken und vor den feindlichen Mächten beschützen. Das verheißt Paulus ihnen. Und er bittet Gott am Ende seinerseits für die Thessalonicher: Er möge „ihre Herzen auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi lenken“. Paulus weiß, dass es nicht in des Menschen Hand liegt, ob jemand durchhält. Er bittet also um eine bestimmte innere Ausrichtung, um geistliche Führung und Lenkung der Herzen. Gott möge dafür sorgen, dass die Thessalonicher immer seine Liebe spüren und daraus leben. Gleichzeitig wünscht er ihnen Ausdauer und Standhaftigkeit, dass sie in der Lage sind, geduldig auf Christus zu warten und an seiner Gegenwart festzuhalten.
Und diese Wünsche gelten auch uns. So könnte Paulus zu allen Christen reden, das ist auch unser Auftrag und unsere Verheißung: Es lohnt sich, wenn wir zu unserm Glauben stehen und ihn gegenüber feindlichen Mächten verteidigen. Gott möchte, dass wir uns unbeirrt zu Christus bekennen. Wir müssen uns für ihn nicht schämen, es muss kein Geheimnis bleiben, dass wir an ihm vertrauen. Und auch uns wird verheißen, dass Christus uns dabei hilft, dass er uns Kraft und Ausdauer verleiht, und wir immer in seiner Liebe bleiben. Und wenn das geschieht, wenn wir unser Leben in seiner Gegenwart führen und daraus kein Geheimnis machen, tragen wir auch heute noch dazu bei, dass das Evangelium sich ausbreitet, dass Menschen den rettenden Ruf vernehmen und sich Christus anvertrauen.
Aber wollen wir das überhaupt? Sind Mission und Verkündigung eine wichtige Angelegenheit für uns? In dem Gespräch mit Pastor Koola wurde deutlich, dass diese Themen bei uns in den Hintergrund geraten sind, und wir hier in Deutschland in unseren Landeskirchen inzwischen ein anderes Bewusstsein haben. Für einige Gesprächsteilnehmer war es schwer nachzuvollziehen, was Pastor Koola bewegte. Denn wir halten es nicht mehr für zeitgemäß, Mission zu treiben, andere Menschen überzeugen und gewinnen zu wollen und dafür Opfer zu bringen.
Im Unterschied zu ihm haben wir uns in unseren Gemeinden häuslich eingerichtet und leben so eine Art „bürgerlichen Protestantismus“. Und dazu gehört es, dass noch viele andere Dinge das Leben ausmachen, die mindestens genauso wichtig sind, wie der Glaube: Unsere Arbeit und unser Wohlstand, unsere Familien und Freunde, Reisen und Kultur und vieles mehr. Die Prioritäten setzen wir dabei nach Interessen und Neigungen. Für den einen ist es wichtiger, den Garten zu pflegen, andere gehen lieber Segeln usw. Auf jeden Fall ist der Glaube und die Kirche dabei eine von vielen Möglichkeiten, das Leben anzureichern.
Und dabei sind wir natürlich auch tolerant gegenüber anders Denkenden. Wir unterstützen den Pluralismus und begrüßen es, dass jeder und jede in unserer Gesellschaft nach ihrer Überzeugung glücklich werden darf. Manchmal ist es uns vielleicht sogar peinlich, uns zu unserem Glauben zu bekennen. Wir behalten ihn am liebsten für uns selbst, betrachten ihn als etwas sehr Intimes und als eine Privatsache.
Deshalb fänden wir es auch ganz normal, wenn ein Pastor, der durch seinen kirchlichen Dienst nicht genug zum Leben hätte, noch andere Geldquellen auftut. Die Verkündigung kann ja auch so eine Art Hobby sein, wichtig ist, dass der Mensch seinen Lebensunterhalt verdient, das hat auf jeden Fall in unserem Denken Vorrang. In dem Gespräch mit Pastor Koola wurde das deutlich.
Dieses Bewusstsein schlägt sich auch in unserem Gesangbuch nieder. In der früheren Ausgabe vor 1995 gab es im Inhaltsverzeichnis noch die Stichworte „Mission“ und „Evangelisation“, die tauchen nun nicht mehr auf. Und insgesamt sind neun Lieder zu diesem Thema nicht wieder aufgenommen worden. Sie enthalten eine Theologie und auch Begriffe, die uns fremd geworden sind. Da wird Jesus oft als „König“ bezeichnet, sein „Reich“ soll sich ausbreiten, er soll uns „ausrüsten“ mit „Waffen aus der Höhe“. Es geht um „Kampf“ und „Streit“, um Einsatz und Opferbereitschaft. Und das klingt uns viel zu militärisch und imperialistisch. Vor 150 Jahren war das Denken in unseren Kirchen vielleicht so, inzwischen haben wir es abgelegt. Heute singen wir lieber von den „vielen Strahlen, die alle aus einem Licht brechen“ (EG 268), und in unserem Anhang fehlt die Rubrik „Sammlung und Sendung“ ganz.
Einerseits ist das natürlich ein Fortschritt. Vielleicht waren die Missionare wirklich vom Eroberungsgeist infiziert, der um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert die Politik bestimmte. Vieles war in den damaligen Missionsbewegungen sicher nicht gut. Wir sind inzwischen mit unseren Erkenntnissen weiter gekommen, nehmen Rücksicht auf die Andersartigkeit fremder Kulturen und Denkweisen und respektieren das Lebensgefühl unserer Mitmenschen nah und fern.
Aber müssen wir uns deshalb mit unserem Glauben verstecken? Kann es nicht sein, dass es Menschen gibt, die sehnsüchtig auf Antworten warten, die wir ihnen geben könnten? Was kommt denn dabei heraus, wenn wir unsere Prioritäten so verteilen, wie ich es beschrieben habe, wenn Geld und Unterhaltung, Geselligkeit und Gesundheit die wichtigsten Themen sind? Unzählige Bereiche der Seele und des Lebens gehen auf diese Weise leer aus.
Denn es gibt in jedem und jeder von uns eine Sehnsucht, die weit über das alles hinausgeht, die sich nicht so leicht befriedigen lässt. Ebenso gibt es Ängste und Sorgen, die wir nicht so schnell loswerden. Sie entstehen z.B., wenn uns eine Krankheit befällt, für die die Medizin keine Lösung hat, oder wenn die Arbeitsstelle unsicher wird. Das Scheitern und die Niederlage sind immer um die Ecke und lauern darauf, uns aus der Bahn zu werfen. Auch Schuld, Traurigkeit und Sinnlosigkeit können uns heimsuchen, und vieles mehr. Die Liste der Nöte, die auch in einer Wohlstandsgesellschaft auftauchen, ist lang, und das Leid, das bei uns vorhanden ist, oft groß. Wir verdrängen das bloß ganz gerne und lenken uns, so lange es geht, von all diesen Problemen ab.
Doch letzten Endes reicht diese Strategie natürlich nicht, und das wissen wir zutiefst auch. Unser Wohlstand ist brüchig und gefährdet, und wir täuschen uns, wenn wir ihn zur Priorität machen. Es ist eine Illusion, wenn wir das Heil von der Welt erwarten, das ahnen wir alle. Tief in uns spüren wir, dass es noch mehr geben muss, etwas Größeres, einen Sinn und eine Hoffnung, die über diese Welt hinausweisen.
Und genau das hat Jesus uns gebracht. Er ist in die Welt gekommen, um uns eine Tür zur Ewigkeit zu öffnen. Er möchte uns mit Gott in Verbindung bringen und mit seiner Liebe. Er möchte uns einen Grund und eine Freude geben, die nicht vergehen, auch wenn alles andere sich verdunkelt. Und es ist gut, wenn wir das zu unserer Priorität machen, wenn auch bei uns das Evangelium wieder Thema Nummer eins wird.
Das muss nicht heißen, dass wir nun den ganzen Tag beten und jeden Menschen in ein Gespräch über den Glauben verwickeln. Es reicht, wenn auch wir „kein Geheimnis daraus machen, dass wir Jesus lieben“ und ihn in unserem Denken und Fühlen an erste Stelle setzen. Die Frage, die uns heute gestellt wird, ist hauptsächlich die nach unserem Bewusstsein und unserer inneren Ausrichtung.
Um die geht es auch Paulus gegenüber den Thessalonichern. Er bittet sie ja nicht darum, nun zu Aktivisten zu werden, sondern sie sollen „für ihn und für das Evangelium beten“. Das ist sein Hauptanliegen, und das können auch wir tun. Wir können uns an Gott wenden und ihm etwas zutrauen. Beim Beten stellen wir uns bewusst in seine Gegenwart und halten an ihm fest. Wir glauben an seine „Treue“ und an seine „Liebe“.
Es gilt zu erkennen, dass nicht Gott ein Teil unseres Lebens und Denkens ist, ein Thema unter vielen, sondern wir sind ein Teil von ihm. Unser Leben und das vieler anderer Menschen liegt in seiner Hand. Denn er ist der Eine, die Mitte und das Ziel, auf das alles hinausläuft. Im Gebet erkennen wir das an und leben danach.
Und das ist ein wunderbares Heilmittel: Wann immer uns Traurigkeit überfällt oder das Gefühl der Sinnlosigkeit, Angst oder Verzweiflung, können wir uns an Gott wenden und uns seiner Liebe hingeben. Wir halten ihm unser Herz hin, damit die „Geduld Christi“ auf uns übergeht. Wir werden dann ruhig und getröstet, wir erleben die Gegenwart Gottes und schöpfen neue Kraft und Hoffnung.
Und die ist nicht nur für uns wichtig, sondern für die ganze Welt. In Wirklichkeit warten alle Menschen auf diese Erlösung, auf eine bedingungslose Liebe und unbeirrbare Hoffnung. Wir dürfen ihnen das deshalb nicht vorenthalten. Wer weiß, wen wir alles retten können, wenn wir unseren Glauben öfter bekennen und nicht mehr als Privatsache betrachten. Es ist nicht beliebig, ob wir Christus vertrauen, sondern für uns und für die Welt von großer Bedeutung. Wir tragen zu ihrer Rettung bei, wenn wir unsere „Herzen auf die Liebe Gottes ausrichten“ und auf die „Geduld Christi“. Denn damit eröffnen wir einen Raum, in dem andere aufatmen können, der Licht und Erlösung in die Welt bringt. Es ist ein unsichtbarer Widerstand gegen das Böse und die zerstörerischen Mächte, und es lohnt sich, dem unser Leben zu widmen.
In der Mission wird längst davon geredet, dass die sogenannten jungen Kirchen in Übersee nicht mehr unsere Mündel sind, sondern unsere Partner. Deshalb laden wir sie auch zu uns ein, damit sie uns nun etwas sagen und ihren Glauben bezeugen können. Und vielleicht hat sich das Gefälle inzwischen ja sogar umgedreht. Pastor Koola aus Tansania hat mich jedenfalls beeindruckt und inspiriert. Sein Glaube und seine Hingabebereitschaft waren ein wunderbares Zeugnis dafür, dass Jesus uns retten kann, dass die Liebe Gottes die ganze Welt umfängt und dass es gut und heilsam ist, wenn das Evangelium „läuft und gepriesen wird“. Amen.

Jeder bekommt eine zweite Chance

Predigt über Hesekiel 18, 1-4.21-24.30-32:
Gott richtet jeden nach seinem Tun

3. Sonntag nach Trinitatis, 6.Juni 2014, 11.00 Uhr
Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
„Jeder Mensch bekommt eine zweite, dritte oder vierte Chance“. Das ist ein weit verbreiteter Satz und Gedanke, den man immer wieder hören kann. Er kommt in Geschichten und Filmen vor, in Liedern und öffentlichen Diskussionen. Einige glauben daran und finden ihn gut, andere nicht. Dabei ist er längst gängiges Muster bei vielen Vorgängen in unsrer Gesellschaft und in unsrem Leben:
Wer durch eine Prüfung fällt, darf die z.B. normalerweise wiederholen. Er bekommt eine zweite Chance. Oder wenn eine Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, dann steht dahinter derselbe Gedanke: Dem Täter oder der Täterin wird die Chance gegeben, sich zu bewähren, d.h. sich zu ändern und nicht noch einmal straffällig zu werden. „Versuch’s doch noch einmal!“, das raten wir uns auch gegenseitig, wenn irgendetwas schief gelaufen ist.
Ich glaube auch an diesen Satz. Er ist eine wunderbare Aussage von Hoffnung und die Feststellung, dass das Leben niemals still steht. Es gibt kein endgültiges Scheitern, und wir dürfen niemanden für alle Zeiten verurteilen und auf seine früheren Taten festlegen. Auch uns selber nicht. Der Satz will jeden davor schützen, sich aufzugeben und zu resignieren.
Und das ist zutiefst biblisch. Überall in der Bibel wird diese Hoffnung bezeugt, so auch bei dem Propheten Hesekiel im 18. Kapitel. Verse daraus sind heute unser Predigttext. Sie lauten folgender Maßen:
Hesekiel 18, 1-4.21-24.30-32
1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«?
3 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.
4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben.
21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat.
23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?
24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern in seiner Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben.
30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt.
31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?
32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.
„Die Befreiung aus der Schuldverhaftung“, so kann die Überschrift über dieses Kapitel lauten, oder auch „die Lehre von der individuellen Schuldhaftung“. Und die war dem Propheten Hesekiel wichtig, denn er hatte es mit Menschen zu tun, die fest daran glaubten, dass sie für die Sünden ihrer Väter büßen mussten. Sie sahen deshalb keinen Weg aus ihrer Misere, sie hatten resigniert. Die Situation, die dahinter steht, war die Unterwerfung Jerusalems durch die Babylonier und das Exil. Da schien für Israel alles aus zu sein, es war der totale Zusammenbruch gewesen, eine Katastrophe, die alles in Frage stellte, was sie bis dahin geglaubt hatten. Eine andere Erklärung, als dass Gott damit die Sünden von Generationen bestrafte, hatten sie nicht. Deshalb ging das Sprichwort um: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“. Es ist die zynische und verbitterte Variante des Wissens um die Erbschuld, die bereits im Buch Mose festgeschrieben war. In den zehn Geboten heißt es: „Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen.“ Und da das so ist, kann man gar nichts machen, so meinten die Verbannten. Sie sahen deshalb keinerlei Perspektive, an ihrem Schicksal etwas zu ändern. Sie hatten angesichts der eigenen Misere resigniert.
Und dagegen wendet sich Hesekiel hier. Eigentlich macht das Sprichwort ja schon deutlich, wie absurd diese Einstellung ist, und das legt er sehr ausführlich dar. Er zerreißt die Fesseln der kollektiven Schuld und ruft jeden Einzelnen in die Verantwortung: Es hat nichts mit dem Verhalten des Vaters oder des Großvaters zu tun, wie es einem Menschen geht, sondern mit ihm selbst. Hesekiel zerschlägt den Bann der Belastungen durch die vorhergehenden Generationen. Jeder hat die Möglichkeit, sich zu entscheiden, wie er handeln will, welches Leben er führen möchte und wie seine Perspektiven sind. Gott beurteilt nicht nach festgelegten Mustern oder nach der Abstammung, sondern er beurteilt jeden und jede nach ihrem individuellen Weg. Nicht Gesetzmäßigkeiten bestimmen das Schicksal, sondern das eigene Herz und der Geist. Da entscheidet sich, wie es einem Menschen ergeht. Und das kann jederzeit erneuert werden. Jeder Mensch kann sich ändern, sowohl zum Guten als zum Schlechten. Es gibt ein freies Spiel der Kräfte.
Und das ist dem Propheten sehr ernst, denn es geht nicht nur um eventuelles Wohlbefinden oder einige Misslichkeiten, es geht in seinen Augen um Leben und Tod. Wer umkehrt, findet Leben, wer dagegen beim Unrecht verharrt, wird sterben. Leben beginnt für den einzelnen in dem Maß, wie Herz und Geist neu werden. Deshalb mündet die Rede des Propheten in den Ruf zur Umkehr: „Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.“ Damit fasst er seine Rede sozusagen zusammen.
Und das ist für das Alte Testament eine ungewöhnliche Aussage, wir würden sie eher im Neuen Testament vermuten. So haben auch Johannes der Täufer und Jesus gepredigt. Jesus hat das sogar gelebt, denn er hat bewusst niemanden auf irgendetwas festgelegt, weder auf seinen Stand noch auf sein früheres Verhalten. Er hat sich bewusst den Sündern zugewandt, die von anderen längst aufgegeben worden waren, und hat ihnen eine neue Chance gegeben. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn hat er dieses Verhalten mit einer wunderbaren Geschichte beschrieben.
Lassen Sie uns also darüber nachdenken, was das für uns bedeutet. Im ersten Moment denken wir wahrscheinlich, das ist doch alles sonnenklar, so handeln wir längst. Es ist wie gesagt eine weit verbreitete Meinung, dass jeder mindestens eine zweite Chance verdient hat.
Trotzdem verlassen wir diese Überzeugung oft, oder genauer gesagt, wir achten nicht darauf und handeln nicht danach. Diese Lebensanschauung rutscht in den Hintergrund und andere Gedanken bestimmen unser Bewusstsein. Und zwar geschieht das an zwei Fronten: Wir beurteilen unser eigenes Leben nicht mehr so und andere Menschen auch nicht.
Was uns selber betrifft, so denken wir oft: Da kann ich nichts für, das ist Schicksal, daran haben meine Eltern schuld, meine Herkunft, auf jeden Fall andere Personen und Umstände. Ich selber habe dazu nichts beigetragen. Besonders wenn etwas schief läuft, sind das unsere ersten Gedanken. Wir suchen nach dem Sündenbock. Fallen wir durch eine Prüfung, waren die Fragen zu schwer oder die Prüfer ungerecht. Wird unser Partner oder unsere Partnerin untreu, ist sie auf jeden Fall die Böse. Gerät einer auf den sozialen Abstieg, ist es die Gesellschaft, die brutal und rücksichtslos gegenüber den Schwächeren ist. Die Liste dieser Entschuldigungen ist endlos, wir kennen sie alle und benutzen sie gern.
Oft ist sicher auch etwas daran, aber weiter führen uns diese Gedanken nicht. Im Gegenteil, dahinter steht oft Resignation. Wir geben auf und es ändert sich nichts. Unser Leben kommt zum Stillstand, oder die Not wird sogar noch größer. Wir verhalten uns genauso wie die Israeliten, die keine Chance auf Änderung sahen.
Und dagegen zieht der Prophet zu Felde, das will er nicht gelten lassen. Er fordert zu einer neuen Sichtweise auf: Jeder und jede hat in jeder Situation die Möglichkeit, etwas zu tun. Es beginnt mit der Sicht nach innen, in das eigene Herz. Was ist da eigentlich los? Das sollen wir uns fragen. Wir sollen uns eine Innenansicht angewöhnen, ein „In-sich-Gehen“, dann entdecken wir Wahrheiten, die uns vorher verborgen blieben. Vor allen Dingen entdecken wir den eigenen Anteil an der Misere.
Vielleicht waren wir einfach nicht gut genug, um eine bestimmte Prüfung zu bestehen, hatten das falsche Studienfach gewählt; wir sind irgendwelchen Träumen hinterher gelaufen, aus denen es zu erwachen gilt. Und wenn der Partner oder die Partnerin untreu wird, dann haben wir sie vielleicht nicht genug beachtet, waren zu sehr mit uns selbst oder anderen Dingen und Menschen beschäftigt. Und selbst die Sozial Schwachen tragen zu ihrer Situation bei. Niemand muss obdachlos werden oder Drogen nehmen, das ist eine Entscheidung, die die Einzelnen selbst zu verantworten haben.
Und weil das so ist, gibt es eben immer eine zweite oder dritte oder vierte Chance, wir müssen sie nur ergreifen.
Man kann z.B. eine Umschulung machen, es nach einer Ehekrise es noch einmal versuchen, und wenn das misslingt, mit jemand anderem noch einmal von vorne beginnen, oder sein Leben endlich auf die Reihe bringen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, dem Leben eine Wende zu geben. Wir müssen nur „Herz und den Geist erneuern“.
Natürlich ist das oft ein langer Weg und der ist nicht ganz einfach. Doch das behauptet der Prophet auch nicht, und Jesus schon gar nicht. Im Gegenteil, er ist gerade deswegen gekommen, „um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lukas 19,10b) Im Glauben an Jesus Christus können wir diese Umkehr also vollziehen, denn er kennt jeden und jede Einzelne von uns. Er verurteilt niemanden und er vergibt jede Sünde. Wir müssen uns vor ihm für nichts schämen. Kein noch so dunkler Winkel unserer Seele veranlasst ihn dazu, uns zu verurteilen. Im Gegenteil, er will uns heilen. Er will uns herausführen aus dem Elend und uns neues Leben schenken. Wir können uns ihm anvertrauen und von ihm die Kraft erwarten, die wir brauchen. Es ist die Kraft der unendlichen Liebe Gottes. Jesus vertraut auch auf uns, er traut uns etwas zu und gibt uns immer wieder eine neue Chance. Wir müssen sie nur entdecken und ergreifen. Dann kann unser Leben neu werden.
Und nicht nur das, wir können auch dazu beitragen, dass andere Menschen sich ändern. Dass ist die zweite Front, an der die Rede des Propheten aktuell wird. Denn wenn wir so denken und mit uns selber umgehen, dann sehen wir auch andere Menschen in einem anderen Licht. Unser starres Denken löst sich auf, wir können Vorurteile abbauen und werden offener. Auch bei anderen sehen wir von innen, was los ist, und können ihnen vielleicht helfen. Wir reichen jemandem die Hand, gehen auf ihn zu, weil wir ein Potenzial in ihm entdecken, das uns vorher verborgen war. Und so leisten wir einen Beitrag dazu, dass auch er sein Leben in einem anderen Licht sieht und „umkehrt“.
Es ist also eine wunderbare Botschaft, die uns heute verkündet wird, die Botschaft von der unendlichen Gnade und Kraft Gottes, die immer und überall etwas verändern und neues Leben schaffen kann.
Im Geist höre ich nun allerdings einen Einwand, und das ist die Frage nach dem Tod, nach einer unheilbaren Krankheit oder einer Naturkatastrophe. Gibt es nicht doch Situationen und Ereignisse, die durch Umkehr nicht zu ändern sind, die tatsächlich ausweglos sind? Von außen betrachtet ist das sicher so, denn – um einmal die größte Katastrophe zu nehmen, die uns treffen kann, den eigenen Tod – um den kommt natürlich niemand von uns herum. Der wartet unerbittlich auf jeden und jede von uns. Äußerlich wird sich auch nichts ändern, wenn es so weit ist. Doch gerade deshalb macht das Evangelium davor keinen Halt. Es verkündet uns vielmehr, dass auch in das Dunkel des Todes die Liebe Gottes durchdringt, ja, er ist sogar die letzte große Chance, die jeder und jede von bekommt: Denn wir sind eingeladen zu dem Glauben, dass wir durch den Tod in die Ewigkeit eingehen, dass auch er uns „nicht scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn.“   (Römer8, 30b)

Amen.

Die Einheit der verschiedenen Kirchen

Predigt über Apostelgeschichte 2, 22- 23. 32- 33. 36- 39:
Aus der Pfingstpredigt des Petrus

Pfingstmontag, 11.00 Uhr, St. Nikolaus
Ökumenischer Gottesdienst

Liebe Gemeinde.

Wenn Sie sich die Liste der christlichen Konfessionen ausdrucken, die bei Wikipedia im Internet zusammengestellt ist, kommen Sie auf 16 DinA-4 Seiten, und Sie können ungefähr 350 verschiedene Kirchen oder Gruppen zählen. Sie sind in neun große Traditionen eingeteilt, davon sind die ersten drei die Ostkirche, die katholische Kirche und die evangelische Kirche. Aber jede dieser großen Konfessionen hat jeweils viele Untergruppen.
Sie haben sich alle irgendwann durch Abspaltungen gebildet, denn es gab immer und überall Auseinandersetzungen über die Bräuche im Gottesdienst, die Kirchenordnung, Theologie und Frömmigkeit. Einige Kirchen sind auch durch geographische oder politische Entwicklungen entstanden. Dadurch ist die Vielfalt der christlichen Konfessionen so groß.
Als Gegenbewegung gibt es die Ökumene. Darunter versteht man die Bemühungen vieler Christen und Kirchen, die verschiedenen Konfessionen wenigstens wieder zum gemeinsamen Handeln zu führen. Man will von den Spaltungen absehen und die Einheit aller Christen betonen. Denn aus Liebe zu Jesus darf die Kirche niemals aufhören, sich um Versöhnung zu bemühen und für die Vergebung der Schuld ihrer Kinder und die der anderen zu beten. So hat es das Zweite vatikanische Konzil formuliert. Es heißt dort: „Miteinander können wir alle nur dem Herrn danken für die Wege der Einheit, die er uns geführt hat, und in demütigem Vertrauen einstimmen in sein Gebet: Lass uns eins werden, wie du mit dem Vater eins bist, damit die Welt glaube, dass er dich gesandt hat“.
Unser Gottesdienst heute ist dazu ein kleiner Beitrag, und es passt gut, dass wir ihn zu Pfingsten feiern. Denn das ist das Fest, an dem wir uns an die Anfänge der Kirche erinnern, an den Ursprung unseres Glaubens und damit an das, was uns bis heute vereint. Es ist der Geist Jesu Christi, der uns allen in gleicher Weise geschenkt wurde und unsere Kirchen und Gemeinden lebendig macht.
Der Bericht darüber steht am Anfang der Apostelgeschichte, und ein Teil daraus ist heute unser Predigttext. Er lautet folgender maßen:

Apostelgeschichte 2, 22- 23. 32- 33. 36- 39

22 Israeliten, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, den Gott vor euch beglaubigt hat durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst –
23 ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht.
32 Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen.
33 Nachdem er durch die rechte Hand Gottes erhöht worden war und vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen hatte, hat er ihn ausgegossen, wie ihr seht und hört.
36 Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.
37 Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?
38 Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.
39 Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird.

Das sind Verse aus der Pfingstpredigt des Petrus. Nachdem er und die anderen Jünger den heiligen Geist empfangen hatten, „trat er auf und erhob seine Stimme“. Viele Menschen hörten ihn, vor allen Dingen natürlich Israeliten, denn sie waren in Jerusalem zum Pfingstfest zusammen gekommen. Ihnen galt die Predigt auch, das wird an der Anrede deutlich, mit der Petrus hier erneut einsetzt. Er hält ihnen vor, dass sie Jesus verworfen haben. Er war aber von Gott auserwählt, das konnte man an den Zeichen und Wundern erkennen, durch die Gott ihn ausgewiesen hatte. Sie hätten das Handeln Gottes durch Jesus also erkennen und an ihn glauben können. Stattdessen haben sie ihn dem Tod ausgeliefert. Das war zwar im Ratschluss Gottes auf geheimnisvolle Weise begründet, aber dadurch sind sie nicht freigesprochen. Sie haben ihre Augen vor der Gegenwart Gottes in Jesus verschlossen und sich damit dem Heil widersetzt. Das ist der erste Gedanke, den Petrus hier formuliert.
Doch er bleibt nicht bei diesem Vorwurf gegen das heillose Handeln, das sich gegen Gott gerichtet hat. Als zweites stellt das er das schöpferische Eingreifen Gottes dar, das sich als übermächtig erwiesen hat. Der Tod musste weichen. Er konnte Jesus nicht festhalten, sondern war gezwungen, ihn zum Leben freizugeben. Gott hat den Sieg über den Tod herbeigeführt, indem er „diesen Jesus auferweckt hat“. Das ist die zweite triumphierende Aussage, die Petrus hier macht.
Als drittes beschreibt er dann, wie Jesus anschließend von Gott erhöht wurde und den Geist ausgesandt hat. Jesus hat Anteil bekommen an der Herrschaft Gottes. Er ist Träger göttlicher Macht, und deshalb konnte er den Geist senden. Die Menschen empfangen ihn durch die Vermittlung Jesu.
Darum folgt als viertes der Ruf zur Umkehr: Wer gerettet werden will, muss an Jesus Christus glauben und sich das Geschehen seines Todes, seiner Auferstehung und Erhöhung aneignen.
Das ist der Inhalt der Pfingstpredigt des Petrus, und die traf die Zuhörer „mitten ins Herz“. Es war wie ein Stich, der durch ihr Innerstes hindurchging. Sie fragten deshalb gleich, was sie tun sollten, und Petrus erklärte es ihnen: Das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus, dem Sohn Gottes, kann durch Buße und den Vollzug der Taufe auf den Namen Jesu erfolgen. Dadurch entsteht eine heilbringende Beziehung zwischen Jesus und dem Glaubenden. Sie wirkt Vergebung und Empfang des Heiligen Geistes.
Die Geschichte geht dann so weiter, dass sich wirklich sehr viele taufen ließen, an die 3000 Menschen. Damit war die erste Gemeinde gegründet, die den Grundstein der Kirche bildet.
Und es ist gut, dass wir uns daran heute erinnern, denn das verlieren wir oft aus dem Blick. Wir gehören alle zur Kirche dazu, zu verschiedenen Konfessionen und Gemeinden, d.h. wir glauben an Jesus Christus und leben das auch. Doch was das im Innersten bedeutet, vergessen wir manchmal. Denn wir gehen oft in all den Dingen und Ereignissen auf, die es in unsren Gemeinden gibt. Wir besuchen Gottesdienste und Veranstaltungen, engagieren uns und bringen uns ein, treiben Theologie und Religionswissenschaft. Und häufig halten wir das alles für das Wesentliche, darin erschöpft sich unser Christsein.
Und deshalb kommt es zwangsläufig zu Unterscheidungen. Kein Mensch ist wie der andere, und so ist es auch verschiedenartig, wie wir unseren Glauben leben. Denn jeder und jede hat ihre Geschichte, ihre Prägung und ihre Theologie, und das betonen wir auch gerne. Die Unterschiede gewinnen an Bedeutung, wenn wir darin aufgehen, was wir als Christen alles so denken und veranstalten. Und so kommt es zwangsläufig zu Trennungen und Abspaltungen, denn so viele Menschen können sich unmöglich auf eine Form oder eine Denkweise einigen. Der Weg zur Einheit der Kirche kann deshalb auch nicht darin bestehen, dass wir darüber diskutieren, wie wir am besten den Gottesdienst feiern, die Kirche verstehen usw.
Wir müssen uns vielmehr auf den Ursprung besinnen und immer wieder den Geist Christi empfangen. Christus ist auferstanden, er sitzt zur Rechten Gottes und das heißt, er ist mitten unter uns. Er ruft uns jeden Tag zur Umkehr, d.h. zum Blick auf ihn. Er möchte, dass wir ihn erkennen und seine große Macht, dass wir Hoffnung haben angesichts des Todes und Mut zum Leben. Auch unser Herz muss immer wieder durchdrungen werden von seinem Geist, wir müssen uns im Innersten treffen und „verwunden“ lassen. Das ist das Entscheidende an unserem Glauben, da beginnt die Kirche und Einheit, nach der wir uns sehnen. Denn der Geist und die Kraft Christi ist einer. Es gilt, dass wir uns in der Mannigfaltigkeit des Lebens immer wieder auf diesen Einen gründen, ihn erfassen und in uns hineinlassen.
Damit beginnt die Ökumene, denn dann spielt es keine Rolle mehr, ob es drei oder 350 verschiedene Kirchen gibt, entscheidend ist etwas ganz anderes: Es ist die lebendige Gegenwart des Geistes Christi, der uns alle durchdringt und eint.

Wir wollen uns für den Heiligen Geist Christi deshalb jetzt öffnen und ihn in unser Herz einziehen lassen. Wir werden still, und jeder und jede hat Zeit für sich selber.
Sie sind eingeladen, sich daran zu erinnern, wie es in Ihrem Leben war, als Sie zum Glauben kamen. Und wie haben Sie den Weg in die Gemeinde gefunden?
Sie können an diese Erfahrungen anknüpfen, um neu zu spüren, dass der Geist Christi immer noch lebendig ist und uns alle in Bewegung setzt.
Amen.


Nach der Predigt bestand die Möglichkeit, über die Fragen nachzudenken.

Dann haben wir uns  gegenseitig Anteil an unseren Gedanken gegeben. Vier Teilnehmende hatten ein persönliches Bekenntnis vorbereitet. Es waren Antworten auf folgende Fragen:
1. Wie der Glaube in mir erwachte
2. Wie ich zur Gemeinde kam
3. Was ich in der Gemeinde tue
4. Was ich in der Ökumene tue

Anschließend wurden alle eingeladen, zu einer oder mehrerer der vier Fragen ebenfalls ein persönliches Bekenntnis zu formulieren und es auf eine Karte zu schreiben. Die Karten hatten bewusst die Farbe und Form eines Ziegelsteins und wurden in den Umriss einer Kirche eingefügt.  Auf diese Weise wurde versinnbildlicht, dass sich die Kirche aus uns allen mit unseren verschiedenen Wegen und Erfahrungen zusammensetzt.

Über die Vorherbestimmung

Predigt über Römer 8, 26- 30:
Die Gewissheit des Heils

6. Sonntag nach Ostern, Exaudi, 1.6.2014, 11.00 Uhr
Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Schwache Schüler bleiben im Unterricht zurück, es sei denn sie bekommen Nachhilfe. In Mathematik ist das oft so. Das ist für viele ein schweres und fremdes Fach. Sie brauchen einen privaten Lehrer, der ihnen zusätzlichen Unterricht gibt, damit sie den Stoff wirklich verstehen und in der Schule folgen können. Meistens sind die Eltern dahinterher, weil sie ein Interesse daran haben, dass ihre Kinder gut sind. Es ist ihnen auch etwas wert: Sie müssen die Nachhilfestunden normalerweise ja bezahlen. Unmittelbar vor einer Klassenarbeit werden sie oft besonders intensiv, denn dann wird alles noch einmal durchgegangen und geübt. Viele schaffen es deshalb auch, einigermaßen gute Zensuren zu erzielen.
Einfacher wäre es natürlich, wenn die Schüler sich von ihrem Nachhilfelehrer vertreten lassen könnten, und so manche wünschen sich das sicher auch heimlich. Doch das geht nicht, sie sollen schließlich selber zeigen, was sie können, und müssen ihre Leistungen eigenständig erbringen. Sich vertreten zu lassen, wäre in diesem Fall völlig unsinnig.
Beim Gebet ist das anders, jedenfalls behauptet Paulus das. Wenn wir dazu selber zu schwach sind, bekommen wir ebenfalls Nachhilfe, im Unterschied zur Schule kostet sie allerdings nichts, und wir werden im Ernstfall vertreten. Es ist der „Geist Christi, der unserer Schwachheit aufhilft und vor Gott für uns einspringt“. So steht es im Römerbrief im achten Kapitel. Ein Abschnitt daraus ist heute unser Predigttext, es sind die Verse 26 bis 30. Sie lauten folgendermaßen:

Römer 8, 26- 30

26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.
27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.
28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.
29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.
30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Lassen Sie uns zunächst versuchen, diesen Text zu verstehen. Es ist wie gesagt ein Abschnitt aus dem achten Kapitel des Römerbriefes, und das handelt vom „Leben im Geist“ und der „Gewissheit des Heils“. Paulus beschreibt das hier sehr ausführlich, weil er die Christen trösten will.
Der Hintergrund seiner Ausführungen ist nämlich das Leid und der Tod, unter dem alle Menschen, ja die ganze Schöpfung, gefangen ist. Sie sehnt sich nach ihrer Erlösung, „seufzt und ängstigt sich“, und mit ihr zusammen alle Christen. Sie sind längst noch nicht endgültig frei von der Vergänglichkeit und damit von Angst und Unsicherheit. Sie fühlen sich genauso schwach und beladen wie alle anderen. Oft wissen sie noch nicht einmal, was und wie sie beten sollen. Sie erkennen nicht, was wahr und richtig ist, was Gott hören will und von ihnen möchte. Sie verfallen immer wieder in Sünde und Schuld und werden Gott nicht gerecht. Das erwähnt Paulus in den vorhergehenden Versen.
Trotzdem dürfen sie sich des Heils gewiss sein, das ist hier die Botschaft. Denn es gibt jemanden, der für sie da ist: Der Geist kommt den Glaubenden in ihrer Schwachheit zu Hilfe. Damit meint Paulus den Geist Christi. Er wirkt in allen, die an ihn glauben, gibt ihnen Kraft und hilft ihnen auf, und zwar umsonst, sie müssen nichts dafür bezahlen. Und dann vertritt er sie sogar noch vor Gott. Er kennt die rechten Gebete und kann aussprechen, was keinem Menschen möglich ist. Deshalb dürfen die Glaubenden gewiss sein, dass Gott sie versteht. Durch den Geist Christi dringen ihre Gebete an Gottes Ohr, sie können darauf vertrauen, dass er sich ihnen zuwendet, sie befreit und rettet.
Paulus begründet das – wie gesagt – mit dem Beistand des Geistes Christi, doch dann setzt er noch ein Argument und einen Gedanken oben drauf, und zwar spricht er von dem „Ratschluss Gottes“, nach dem die Glaubenden zum Heil „berufen“ sind. Sie sind von vorne herein „ausersehen“ und „vorherbestimmt“, „gerecht gemacht“ und „verherrlicht“. Gott hat vor aller Zeit und Welt bereits seine Gnadenwahl getroffen. Und das ist der tiefste und sicherste Grund der Heilsgewissheit: Noch ehe sie zum Glauben fähig waren, hat Gott die Glaubenden aus freier Gnade heraus ausgesucht und dazu prädestiniert, „dem Bild seines Sohnes gleich zu werden“, d.h. mit ihm aufzuerstehen und ewig zu leben.
Den Christen kann also nichts mehr passieren, sie können bei keiner Prüfung, die ihnen auferlegt wird, durchfallen. Selbst der Tod hat für sie seine Schrecken verloren, denn sie gehen darin nicht unter. Sie werden von der Hand Gottes immer und überall aufgefangen.
Und das dürfen wir ruhig auf uns anwenden. Wir gehören zu den Auserwählten dazu, das will Paulus all seinen Lesern und Leserinnen sagen. Wir müssen uns keine Sorgen machen, brauchen keine Angst zu haben, dass Gott uns eventuell abweist. Denn er hat selber ein Interesse an uns. Bevor wir zu ihm beten, hat er längst die Initiative ergriffen und uns zu seinem Eigentum gemacht. Er will uns, er ist uns ganz nah, und wir dürfen mit ihm zusammen sein. Wir gehören zu den Heiligen, die er im Leben hier auf der Erde begleitet, die nach dem Tod auferstehen und am Ende der Welt in seine Herrlichkeit eingehen. Nichts kann uns von ihm trennen, weder Angst noch Schuld, weder Schwachheit noch Sünde.
Das ist der Gedanke, mit dem Paulus uns endgültig Gewissheit verschaffen möchte, dass wir gerettet sind. Es ist die sogenannte Prädestinationslehre, die er hier formuliert, die Lehre von der Vorherbestimmung. Wir finden sie an mehreren Stellen in seinen Briefen.
Aber gefällt sie uns auch? Theologen aller Zeiten haben sich darüber unendlich viele Gedanken gemacht. Denn sowie wir das hören, tauchen unsere Fragen auf. Die erste ist die nach den nicht Auserwählten, die muss es dann ja auch geben, und wir fangen an zu spekulieren, wer das wohl ist, und warum sie nicht dazu gehören. Und wie sollen die leben? Sie haben nie eine Chance! Sie können nichts dafür, und werden einfach so von Gott missachtet und fallen gelassen. Das ist doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die wir auf keinen Fall akzeptieren. An so einen Gott wollen wir nicht glauben. Das ist das erste Problem, das hier auftaucht.
Und es gibt noch eine Frage. Selbst wenn wir die Auserwählung trotzdem anerkennen, besteht ein anderer Einwand darin, dass wir uns dann ja nicht mehr anstrengen müssen, um im Leben und vor Gott zu bestehen. Wenn wir gar nicht selber dafür verantwortlich sind, ob wir nun gerettet werden oder nicht, dann müssen wir uns auch um nichts mehr bemühen. Alles ist Schicksal, und damit ist es ganz egal, was wir tun. Jede Moral ist sinnlos. Wir können leben, wie wir wollen. Das klingt im ersten Moment vielleicht ganz attraktiv, aber auch der Gedanke entspricht nicht unseren Vorstellungen.
Viele Leute lehnen die Lehre von der Vorherbestimmung deshalb ab. Und weil Paulus sie formuliert hat, schließen sie ihn in ihre Aversion gleich mit ein. Sie wollen mit Paulus nichts zu tun haben, seine Gedanken sind zu schrecklich und zu fremd.
Aber ist es eine Lösung, Paulus zur Seite zu legen und seine Briefe einfach nicht mehr zu lesen? Wenn wir das tun, könnten wir die ganze christliche Theologie eigentlich gleich mit beerdigen. Alles, worüber sich die Christen jemals Gedanken gemacht haben, gehört dann in den Papierkorb, denn ohne Paulus gäbe es nichts davon. Er ist der Begründer unserer Lehre, weil er sich als erster mit allen Fragen auseinandergesetzt hat, die der christliche Glaube aufwirft: mit der jüdischen und der griechischen Tradition, mit Fragen des Gottesdienstes und der Sakramente. Wir finden bei ihm Überlegungen zur rechten Lebensführung, zum Grund unserer Hoffnung und zum Ursprung der Liebe. Er hat über Vergebung und Auferstehung nachgedacht, über Tod und Leben.
Es wäre demnach dumm, ihn einfach bei Seite zu schieben. Wir sollten ihn ernst nehmen und damit auch seine Aussagen zur Prädestination. Es lohnt es sich durchaus, ihm einmal zuzuhören und seinen Gedankengang nachzuvollziehen.
Was die erste Frage betrifft, die nach den nicht Auserwählten, so geht sie z.B. völlig an seiner Absicht vorbei. An die denkt er hier nicht und deshalb sagt er dazu nichts. Er weiß, dass das nicht geht. Wir finden dazu keine Lösung. Natürlich können wir darüber spekulieren, wer nun dazu gehört und warum, aber es ist müßig. Gott allein kennt die Antwort, doch er behält sie für sich. Das einzige Ergebnis unseres Fragens ist ein unsinniges Kopfzerbrechen. Es ist wie eine Falle, in die wir tappen, denn wir landen in einer gedanklichen Sackgasse, wir geraten in düsteres Grübeln. Das können wir natürlich wählen, aber die Botschaft, die Paulus hier formuliert, verfehlen wir dadurch.
Wir müssen uns also entscheiden, welchen Gedankengängen wir folgen, in welche Richtung wir unser Bewusstsein lenken wollen.
Lassen Sie uns deshalb einmal die andere Möglichkeit ausprobieren und der Absicht von Paulus nachgehen. Vielleicht lohnt es sich ja. Auf jeden Fall will er uns allen die Gewissheit geben, dass wir gerettet sind, dass Gott uns längst zuvor gekommen ist, wenn wir an ihn glauben. Und das ist ja eine sehr Mut machende Botschaft.
Für Paulus heißt das auch mitnichten, dass wir damit aller Verantwortung entledigt werden. Das war der zweite kritische Einwand, über den wir nachdenken müssen, dass es völlig egal ist, wie wir leben, wenn sowieso alles vorherbestimmt ist. Das ist es nämlich keineswegs. Denn mit dem Hören dieser Botschaft geht die Aufforderung einher, unsere Bestimmung auch zu erkennen, zu begreifen, dass Gott uns wirklich will, und dem gemäß zu leben.
Das ist gar nicht so einfach und schon gar nicht selbstverständlich, denn normaler Weise sind wir weit von diesem Bewusstsein entfernt. Es ist ja eine Anfrage an unsere Autonomie. Am liebsten wollen wir doch selber bestimmen, wo es lang geht, uns selber retten und unseren eigenen Ideen folgen. Wir denken uns gerne allein aus, wer wir sein und was wir aus unserem Leben machen wollen. Das soll niemand anders für uns tun. Wir sind lieber selbstbestimmt als vorherbestimmt.
Und genau das wird hier in Frage gestellt, an dem Punkt werden wir herausgefordert und in die Verantwortung gerufen: Wir sollen erkennen, das Gott uns zuvor berufen hat und wir seine Kinder sind. Wir würden damit viel vergebliche Mühe und Unruhe abstreifen. Die machen wir uns nämlich mit unserer Autonomie. Wir können es erheblich einfacher haben, wenn wir nur begreifen, dass der Allmächtige unser Leben von vorneherein in der Hand hat. Das ist eine unerhörte und befreiende Botschaft: Wir kommen bei Gott vor, gehören in seinen Plan, und sind eingeladen, unser Leben dieser großartigen Zusage zu widmen, sie zu verstehen und unsere Bestimmung zu entdecken.
Darin liegt die Verantwortung, die wir als Christen haben, und die bedeutet ganz viel. Sie hat eine starke Wirkung. Denn wenn wir das versuchen, verändert sich unser Bewusstsein und damit unser ganzes Leben. Wir fragen ja viel weiter und suchen tiefer, als wenn wir nur unseren eigenen Ideen folgen. Wir werden aus der Enge unser Gedanken herausgeführt und in den Plan Gottes eingeweiht. Wir merken, wir müssen uns nicht selber erfinden und schon gar nicht retten. Wir müssen weder groß noch stark sein, weil Gott uns zu sich emporhebt. Der Geist Christi zieht in uns ein und vertritt uns, und dadurch gewinnen wir eine große Freiheit und Gelassenheit. Das Leben wird leichter und schöner, heiterer und freudiger. Es ist so, als wenn Nachhilfeunterricht nichts kostet und wir auch noch von unserem Nachhilfelehrer in der entscheidenden Situation vertreten werden.
Und natürlich wirkt sich das auch auf unseren Alltag und unser Miteinander aus, es verändert unsere Moral, die geht mitnichten verloren. Denn weil uns umsonst geholfen wird, können wir das auch tun. Es gibt viele Situationen, in denen wir aus der christlichen Freiheit und Liebe heraus anderen unseren Dienst anbieten können.
Zum Glück geschieht das ja auch. Nicht jede Dienstleistung kostet Geld, weil es Menschen gibt, die sie ehrenamtlich verrichten. Dazu gehört z.B. auch unentgeltliche Nachhilfe. Die wird durchaus in unserer Stadt für benachteiligte Kinder von Freiwilligen organisiert und angeboten. Und das ist gut, so wie jeder ehrenamtliche Einsatz. Er kann widerspiegeln, was wir von Gott empfangen haben.
Es ist also entscheidend und folgenschwer, dass wir immer wieder den Geist Christi empfangen, ihn in uns beten lassen und unserer Bestimmung gemäß leben, dass wir von Gott geliebt und in alle Ewigkeit gerettet sind.
Amen.