Jeder bekommt eine zweite Chance

Predigt über Hesekiel 18, 1-4.21-24.30-32:
Gott richtet jeden nach seinem Tun

3. Sonntag nach Trinitatis, 6.Juni 2014, 11.00 Uhr
Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
„Jeder Mensch bekommt eine zweite, dritte oder vierte Chance“. Das ist ein weit verbreiteter Satz und Gedanke, den man immer wieder hören kann. Er kommt in Geschichten und Filmen vor, in Liedern und öffentlichen Diskussionen. Einige glauben daran und finden ihn gut, andere nicht. Dabei ist er längst gängiges Muster bei vielen Vorgängen in unsrer Gesellschaft und in unsrem Leben:
Wer durch eine Prüfung fällt, darf die z.B. normalerweise wiederholen. Er bekommt eine zweite Chance. Oder wenn eine Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, dann steht dahinter derselbe Gedanke: Dem Täter oder der Täterin wird die Chance gegeben, sich zu bewähren, d.h. sich zu ändern und nicht noch einmal straffällig zu werden. „Versuch’s doch noch einmal!“, das raten wir uns auch gegenseitig, wenn irgendetwas schief gelaufen ist.
Ich glaube auch an diesen Satz. Er ist eine wunderbare Aussage von Hoffnung und die Feststellung, dass das Leben niemals still steht. Es gibt kein endgültiges Scheitern, und wir dürfen niemanden für alle Zeiten verurteilen und auf seine früheren Taten festlegen. Auch uns selber nicht. Der Satz will jeden davor schützen, sich aufzugeben und zu resignieren.
Und das ist zutiefst biblisch. Überall in der Bibel wird diese Hoffnung bezeugt, so auch bei dem Propheten Hesekiel im 18. Kapitel. Verse daraus sind heute unser Predigttext. Sie lauten folgender Maßen:
Hesekiel 18, 1-4.21-24.30-32
1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«?
3 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.
4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben.
21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat.
23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?
24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern in seiner Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben.
30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt.
31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?
32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.
„Die Befreiung aus der Schuldverhaftung“, so kann die Überschrift über dieses Kapitel lauten, oder auch „die Lehre von der individuellen Schuldhaftung“. Und die war dem Propheten Hesekiel wichtig, denn er hatte es mit Menschen zu tun, die fest daran glaubten, dass sie für die Sünden ihrer Väter büßen mussten. Sie sahen deshalb keinen Weg aus ihrer Misere, sie hatten resigniert. Die Situation, die dahinter steht, war die Unterwerfung Jerusalems durch die Babylonier und das Exil. Da schien für Israel alles aus zu sein, es war der totale Zusammenbruch gewesen, eine Katastrophe, die alles in Frage stellte, was sie bis dahin geglaubt hatten. Eine andere Erklärung, als dass Gott damit die Sünden von Generationen bestrafte, hatten sie nicht. Deshalb ging das Sprichwort um: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“. Es ist die zynische und verbitterte Variante des Wissens um die Erbschuld, die bereits im Buch Mose festgeschrieben war. In den zehn Geboten heißt es: „Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen.“ Und da das so ist, kann man gar nichts machen, so meinten die Verbannten. Sie sahen deshalb keinerlei Perspektive, an ihrem Schicksal etwas zu ändern. Sie hatten angesichts der eigenen Misere resigniert.
Und dagegen wendet sich Hesekiel hier. Eigentlich macht das Sprichwort ja schon deutlich, wie absurd diese Einstellung ist, und das legt er sehr ausführlich dar. Er zerreißt die Fesseln der kollektiven Schuld und ruft jeden Einzelnen in die Verantwortung: Es hat nichts mit dem Verhalten des Vaters oder des Großvaters zu tun, wie es einem Menschen geht, sondern mit ihm selbst. Hesekiel zerschlägt den Bann der Belastungen durch die vorhergehenden Generationen. Jeder hat die Möglichkeit, sich zu entscheiden, wie er handeln will, welches Leben er führen möchte und wie seine Perspektiven sind. Gott beurteilt nicht nach festgelegten Mustern oder nach der Abstammung, sondern er beurteilt jeden und jede nach ihrem individuellen Weg. Nicht Gesetzmäßigkeiten bestimmen das Schicksal, sondern das eigene Herz und der Geist. Da entscheidet sich, wie es einem Menschen ergeht. Und das kann jederzeit erneuert werden. Jeder Mensch kann sich ändern, sowohl zum Guten als zum Schlechten. Es gibt ein freies Spiel der Kräfte.
Und das ist dem Propheten sehr ernst, denn es geht nicht nur um eventuelles Wohlbefinden oder einige Misslichkeiten, es geht in seinen Augen um Leben und Tod. Wer umkehrt, findet Leben, wer dagegen beim Unrecht verharrt, wird sterben. Leben beginnt für den einzelnen in dem Maß, wie Herz und Geist neu werden. Deshalb mündet die Rede des Propheten in den Ruf zur Umkehr: „Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.“ Damit fasst er seine Rede sozusagen zusammen.
Und das ist für das Alte Testament eine ungewöhnliche Aussage, wir würden sie eher im Neuen Testament vermuten. So haben auch Johannes der Täufer und Jesus gepredigt. Jesus hat das sogar gelebt, denn er hat bewusst niemanden auf irgendetwas festgelegt, weder auf seinen Stand noch auf sein früheres Verhalten. Er hat sich bewusst den Sündern zugewandt, die von anderen längst aufgegeben worden waren, und hat ihnen eine neue Chance gegeben. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn hat er dieses Verhalten mit einer wunderbaren Geschichte beschrieben.
Lassen Sie uns also darüber nachdenken, was das für uns bedeutet. Im ersten Moment denken wir wahrscheinlich, das ist doch alles sonnenklar, so handeln wir längst. Es ist wie gesagt eine weit verbreitete Meinung, dass jeder mindestens eine zweite Chance verdient hat.
Trotzdem verlassen wir diese Überzeugung oft, oder genauer gesagt, wir achten nicht darauf und handeln nicht danach. Diese Lebensanschauung rutscht in den Hintergrund und andere Gedanken bestimmen unser Bewusstsein. Und zwar geschieht das an zwei Fronten: Wir beurteilen unser eigenes Leben nicht mehr so und andere Menschen auch nicht.
Was uns selber betrifft, so denken wir oft: Da kann ich nichts für, das ist Schicksal, daran haben meine Eltern schuld, meine Herkunft, auf jeden Fall andere Personen und Umstände. Ich selber habe dazu nichts beigetragen. Besonders wenn etwas schief läuft, sind das unsere ersten Gedanken. Wir suchen nach dem Sündenbock. Fallen wir durch eine Prüfung, waren die Fragen zu schwer oder die Prüfer ungerecht. Wird unser Partner oder unsere Partnerin untreu, ist sie auf jeden Fall die Böse. Gerät einer auf den sozialen Abstieg, ist es die Gesellschaft, die brutal und rücksichtslos gegenüber den Schwächeren ist. Die Liste dieser Entschuldigungen ist endlos, wir kennen sie alle und benutzen sie gern.
Oft ist sicher auch etwas daran, aber weiter führen uns diese Gedanken nicht. Im Gegenteil, dahinter steht oft Resignation. Wir geben auf und es ändert sich nichts. Unser Leben kommt zum Stillstand, oder die Not wird sogar noch größer. Wir verhalten uns genauso wie die Israeliten, die keine Chance auf Änderung sahen.
Und dagegen zieht der Prophet zu Felde, das will er nicht gelten lassen. Er fordert zu einer neuen Sichtweise auf: Jeder und jede hat in jeder Situation die Möglichkeit, etwas zu tun. Es beginnt mit der Sicht nach innen, in das eigene Herz. Was ist da eigentlich los? Das sollen wir uns fragen. Wir sollen uns eine Innenansicht angewöhnen, ein „In-sich-Gehen“, dann entdecken wir Wahrheiten, die uns vorher verborgen blieben. Vor allen Dingen entdecken wir den eigenen Anteil an der Misere.
Vielleicht waren wir einfach nicht gut genug, um eine bestimmte Prüfung zu bestehen, hatten das falsche Studienfach gewählt; wir sind irgendwelchen Träumen hinterher gelaufen, aus denen es zu erwachen gilt. Und wenn der Partner oder die Partnerin untreu wird, dann haben wir sie vielleicht nicht genug beachtet, waren zu sehr mit uns selbst oder anderen Dingen und Menschen beschäftigt. Und selbst die Sozial Schwachen tragen zu ihrer Situation bei. Niemand muss obdachlos werden oder Drogen nehmen, das ist eine Entscheidung, die die Einzelnen selbst zu verantworten haben.
Und weil das so ist, gibt es eben immer eine zweite oder dritte oder vierte Chance, wir müssen sie nur ergreifen.
Man kann z.B. eine Umschulung machen, es nach einer Ehekrise es noch einmal versuchen, und wenn das misslingt, mit jemand anderem noch einmal von vorne beginnen, oder sein Leben endlich auf die Reihe bringen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, dem Leben eine Wende zu geben. Wir müssen nur „Herz und den Geist erneuern“.
Natürlich ist das oft ein langer Weg und der ist nicht ganz einfach. Doch das behauptet der Prophet auch nicht, und Jesus schon gar nicht. Im Gegenteil, er ist gerade deswegen gekommen, „um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lukas 19,10b) Im Glauben an Jesus Christus können wir diese Umkehr also vollziehen, denn er kennt jeden und jede Einzelne von uns. Er verurteilt niemanden und er vergibt jede Sünde. Wir müssen uns vor ihm für nichts schämen. Kein noch so dunkler Winkel unserer Seele veranlasst ihn dazu, uns zu verurteilen. Im Gegenteil, er will uns heilen. Er will uns herausführen aus dem Elend und uns neues Leben schenken. Wir können uns ihm anvertrauen und von ihm die Kraft erwarten, die wir brauchen. Es ist die Kraft der unendlichen Liebe Gottes. Jesus vertraut auch auf uns, er traut uns etwas zu und gibt uns immer wieder eine neue Chance. Wir müssen sie nur entdecken und ergreifen. Dann kann unser Leben neu werden.
Und nicht nur das, wir können auch dazu beitragen, dass andere Menschen sich ändern. Dass ist die zweite Front, an der die Rede des Propheten aktuell wird. Denn wenn wir so denken und mit uns selber umgehen, dann sehen wir auch andere Menschen in einem anderen Licht. Unser starres Denken löst sich auf, wir können Vorurteile abbauen und werden offener. Auch bei anderen sehen wir von innen, was los ist, und können ihnen vielleicht helfen. Wir reichen jemandem die Hand, gehen auf ihn zu, weil wir ein Potenzial in ihm entdecken, das uns vorher verborgen war. Und so leisten wir einen Beitrag dazu, dass auch er sein Leben in einem anderen Licht sieht und „umkehrt“.
Es ist also eine wunderbare Botschaft, die uns heute verkündet wird, die Botschaft von der unendlichen Gnade und Kraft Gottes, die immer und überall etwas verändern und neues Leben schaffen kann.
Im Geist höre ich nun allerdings einen Einwand, und das ist die Frage nach dem Tod, nach einer unheilbaren Krankheit oder einer Naturkatastrophe. Gibt es nicht doch Situationen und Ereignisse, die durch Umkehr nicht zu ändern sind, die tatsächlich ausweglos sind? Von außen betrachtet ist das sicher so, denn – um einmal die größte Katastrophe zu nehmen, die uns treffen kann, den eigenen Tod – um den kommt natürlich niemand von uns herum. Der wartet unerbittlich auf jeden und jede von uns. Äußerlich wird sich auch nichts ändern, wenn es so weit ist. Doch gerade deshalb macht das Evangelium davor keinen Halt. Es verkündet uns vielmehr, dass auch in das Dunkel des Todes die Liebe Gottes durchdringt, ja, er ist sogar die letzte große Chance, die jeder und jede von bekommt: Denn wir sind eingeladen zu dem Glauben, dass wir durch den Tod in die Ewigkeit eingehen, dass auch er uns „nicht scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn.“   (Römer8, 30b)

Amen.

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