Brich mit dem Hungrigen dein Brot

Predigt über Jesaja 58, 7- 12: Die wahre Frömmigkeit

Erntedankfest, 6.10.2019, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Jesaja 58, 7- 12

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,
10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Liebe Gemeinde.

„In der Heilsgeschichte ist das Werk Gottes eine Handlung der ganzheitlichen Befreiung und Förderung des Menschen in seiner vollen Dimension, die als einzigen Beweggrund die Liebe hat.“ Das haben die Bischöfe Lateinamerikas 1968 auf ihrer zweiten Generalversammlung in Medellín in Kolumbien verkündet. Es war die Geburtsstunde der sogenannten „Befreiungstheologie“. Diese Theologie hat seitdem die Kirche verändert, sowohl die katholische als auch die evangelische. Die wichtigste Botschaft lautet dabei: „Gott hat in der Fülle der Zeit seinen Sohn gesandt, der Mensch wurde, um alle Menschen aus aller Knechtschaft zu befreien, in der sie die Sünde, die Unwissenheit, der Hunger, das Elend und die Unterdrückung, mit einem Wort, die Ungerechtigkeit und der Hass gefangen halten.“ Die Kirche nahm also die gesellschaftliche Situation in den Blick und rief zur Solidarität mit den Armen und zum Handeln auf. Und das war bis 1968 nicht immer selbstverständlich gewesen. Zu der Zeit war es neu und provozierend. (Bruno Kern, Theologie der Befreiung, Tübingen und Basel 2013)

Dabei haben bereits die Propheten des Alten Testamentes das gefordert. Wir haben  die Worte Jesajas gehört, die genau dieses Anliegen zum Ausdruck bringen.

Er ermahnt darin die Israeliten zur tätigen Liebe an ihren Mitmenschen. Und zwar geht es um die Liebe an den Entrechteten und Misshandelten, den Sklaven und Gefangenen, den in ihrer wirtschaftlichen Existenz Bedrohten und in Schuldhaft Sitzenden, ebenso an den Hungernden, Heimatlosen und Frierenden. Jesaja ermahnt zur Hilfe für den in Not befindlichen „Nächsten“, der vom gleichen „Fleisch“ ist.

Und an diese Mahnung schließt sich eine sehr schöne Verheißung an. Der Prophet sagt: „Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“ Das heißt, für ein derartiges Leben in Liebe wird Heil, Friede und Wohlergehen kommen. Der Prophet sagt das so: „Deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.“ Es wird sich also etwas ändern, langsam aber sicher. Ein Vorgang wird in Gang gesetzt, der zur Besserung und dann zur Heilung führt. Und dabei ist das Entscheidende: Gott wird auf das Rufen der Menschen antworten. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch wird wieder hergestellt, die Gebete dringen zu ihm vor. Das ist der Segen, den Israel erwarten darf: „Wenn du schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Und er wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken.“ Der Prophet schmückt die Verheißung noch weiter aus und beschreibt das Heil mit schönen Bildern: „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Das heißt, es entsteht neues, fruchtbares Leben.

Und am Ende erfahren wir noch etwas über die Situation, in die hinein der Prophet dies alles sagt. Er spricht ja davon, dass „wieder aufgebaut werden soll, was lange wüst gelegen hat, und wieder aufgerichtet wird, was vorzeiten gegründet ward.“ Das bezieht sich auf die Trümmer, die die Menschen nach der Eroberung Israels, dem jahrelangen Exil und der Rückkehr vorfanden. In dieser Zeit hat der Prophet gesprochen. Seine Landsleute hatten gedacht, dass nach ihrer Heimkehr alles besser wird, aber das dauerte länger als erwartet, und deshalb war die Stimmung schlecht. Der Prophet spricht zu Unzufriedenen und Ungeduldigen, und er will sie ermutigen und aufrichten: Sie sollen nicht aufgeben und nicht ihren Glauben verlieren.

Den hatten sie auch durchaus noch. Das erfahren wir, wenn wir die Verse lesen, die unserem Abschnitt vorangehen. Da ist nämlich von bestimmten jährlichen Fastentagen die Rede, an denen die Menschen alle leiblichen Freuden unterdrückten. Sie beachteten damit bestimmte religiöse Vorschriften und hofften, dass Gott sie dafür belohnen würde. Sie riefen zu ihm und erwarteten Hilfe.

Doch die kam nicht. Und mit dem, was der Prophet in unserem Abschnitt sagt, erklärt er ihnen, woran das lag: Er ermahnte sie nicht nur, er kritisierte sie auch. Und zwar fand er, dass ihre Frömmigkeit viel zu äußerlich war. Es änderte sich dadurch ja nichts in ihrem Zusammenleben, denn es gab weiterhin Ungerechtigkeit, Gewalt, Zank und Streit. Jesaja fand ihre Hinwendung zu Gott deshalb unecht und heuchlerisch. Sie hatte nichts mit dem Leben zu tun und war völlig sinnlos. Erst wenn sie „die mit Unrecht gebundenen losließen, die Bedrückten befreiten, den Hungrigen Brot gäben, die im Elend ohne Obdach sind, ins Haus führten und die Nackten kleideten“, würde es eine Wende geben.

Und genau das hat die sogenannte Befreiungstheologie sich zu Herzen genommen. Sie hat Gottes Heilswillen mit den Zeichen der Zeit in Verbindung gebracht und diese im Licht des Evangeliums neu gedeutet. Die Bischöfe haben damals erkannt, dass die Kirche die Pflicht hat, die Befreiung von Millionen Menschen zu verkünden, und ihnen zu helfen, dass diese Befreiung Wirklichkeit wird.

Aber ist es das eigentlich noch aktuell? Ist es nötig, dass wir das hören? Tun wir das nicht längst? Es gibt mittlerweile doch viele Initiativen, mit denen dieses Anliegen verwirklicht wird. Die beiden großen Organisationen, „Brot für die Welt“ in der evangelischen Kirche und das bischöfliche Hilfswerk Misereor in der katholischen Kirche, zählen z. B. dazu. Sie sorgen dafür, dass Menschen in ärmeren Gegenden der Erde genug zu essen bekommen und dass ihre Lebensverhältnisse sich verändern. Sie thematisieren ebenso die ungerechte Verteilung der Güter, die dem Hunger meistens zu Grunde liegt. Und bei uns gibt es so etwas wie die „Kieler Tafel“, Unterkünfte für Obdachlose werden bereit gestellt, wir sammeln immer wieder Altkleider, damit andere etwas anzuziehen haben usw. Außerdem gibt es überall, wo Menschen leiden und benachteiligt sind, Pfarrstellen: in Gefängnissen, Krankenhäusern und Altenheimen. Das Feld der Diakonie ist sehr weit, es gibt unzählige Helfer, haupt- und ehrenamtliche. Wer Zeit und Kraft hat, engagiert sich irgendwo und praktiziert die Nächstenliebe.

Und das, was der Prophet Jesaja kritisiert, tun wir sowieso nicht, in Sack und Asche herumlaufen und dabei den Kopf hängen lassen. Wir wissen längst, dass das helfende Handeln an unsren Mitmenschen besser ist und zum Evangelium gehört.

Trotzdem steckt in der Ermahnung des Propheten auch für uns noch ein wichtiger Hinweis. Denn es geht ihm nicht einfach nur um Mitmenschlichkeit, Moral oder ein neues Gesetz. Er will vielmehr, dass der Wille und die Gegenwart Gottes das Leben und die Gesellschaft prägen. Und das ist noch viel mehr. Wir sollen nicht nur äußerlich handeln, auch innerlich soll sich etwas verändern. Das wird deutlich an der schönen Formulierung: Wenn du „den Hungrigen dein Herz finden lässt“, und auch an der Ermahnung, auf niemanden „mit dem Finger zu zeigen und nicht schlecht über andere zu reden“. Es heißt, dass echte Liebe sich nicht in äußeren Taten erschöpft, sie muss gelebt werden und von Herzen kommen. Es soll menschliche Nähe geben, Wärme und Mitgefühl. Und wie das entstehen kann, ist durchaus einiger Überlegungen wert. Lasst uns also fragen, wie es zu der rechten inneren Einstellung kommen kann.

Dabei hilft es uns, dass wir diesen Abschnitt heute, am Erntedankfest lesen. An diesem Tag geht es um den Dank für alles, was wir zum Leben haben und brauchen. Das sollen die Früchte und das Gemüse, das hier heute liegt, verdeutlichen. Das sind zwar nur Lebensmittel, die wir essen, aber sie erinnern uns gleichzeitig an alles andere, das zum Leben nötig ist: Gesundheit, Wohnung, Kleidung, Freundschaften und noch viel mehr. Oft denken wir erst darüber nach, wenn etwas davon fehlt, wenn wir krank werden oder etwas verlieren. Aber es ist viel sinnvoller und besser, regelmäßig für all das zu danken. Dazu sind wir heute eingeladen.

Und das ist ein guter Ansatz. Wenn wir dankbar sind, verändern wir uns nämlich in genau die Richtung, in die die Worte des Propheten uns weisen. Lasst uns diesen Zusammenhang noch einmal etwas genauer bedenken und uns bewusst machen, was beim Danken mit uns geschieht. Mit drei Dingen kommen wir dabei nämlich in Berührung: mit Gott, mit uns selber und mit unseren Mitmenschen.

Als erstes ist es Gott, an den wir uns wenden. Er ist der Schöpfer und Erhalter unseres Lebens. Wir haben es bereits gesungen: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn.“ Und „Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ (EG 508,1) Das können wir ruhig öfter mal singen, denn dieses Bewusstsein haben wir weitgehend verloren. Wissenschaft und Technik, weltweiter Handel, Wohlstand und Konsum haben das Gefühl verdrängt, dass das Walten Gottes größer ist als das Handeln und Wissen von uns Menschen. Genau das sollten wir uns aber immer wieder bewusst machen, denn Gott hat sich nicht verabschiedet. Er ist nach wie vor derjenige, der „die Sonne aufgehen und die Winde wehen“ (EG 508,4) lässt. Wenn wir ihm dafür danken und ihm die Ehre geben, erkennen wir, dass wir in Wirklichkeit gar nicht so groß sind, wie wir oft meinen. Dem Egoismus wird Einhalt geboten und auch dem Machtstreben und damit der Sünde. Wir werden demütig und bescheiden. Und das tut gut. Es rückt die Verhältnisse wieder zurecht. Wenn wir mit Gott in Berührung kommen, kann sein „Licht leuchten, und unsere Heilung schnell voranschreiten“. Das ist das erste, das sich durch den Dank gegenüber Gott ergibt.

Als zweites kommen wir durch den Dank auch in Berührung mit uns selber. Wer dankt, ist ehrlich und offen. Wo echte Dankbarkeit ist, ist kein Platz für Heuchelei oder falschen Schein. Und das ist auch für uns ein wichtiger Hinweis, denn ganz frei sind wir davon nicht. Wir pflegen zwar keine Fastenrituale, wie die alten Israeliten, aber unsere Frömmigkeit ist oft ebenfalls mehr äußerlich. Wir haben uns an bestimmte Verhaltensweisen, die wir für gläubig und kirchlich halten, gewöhnt. Unser alltägliches Lebensgefühl ist davon aber nicht geprägt. Wir trennen das Leben oft vom Glauben, beides läuft so nebeneinander her: Das eine spielt sich in der Kirche ab, das andere zu den übrigen Zeiten und an den anderen Orten, an denen wir sind. Doch so ist es nicht gedacht, und der Dank ist ein guter Weg, damit sich das ändert. Durch den Dank entsteht eine Übereinstimmung zwischen Gott und unserem Leben. Beim Danken kommt der Glaube in unseren Alltag hinein. Unser Glaube wird echt und lebendig. Er besteht nicht aus Gewohnheiten, sondern kommt von innen heraus und macht unseren Geist und unsre Seele hell. Wir spüren uns selber. Das ist das zweite, das durch den Dank geschieht.

Und als drittes folgt daraus eine neue Wahrnehmung unserer Mitmenschen. Wir kommen auch mit ihnen in Kontakt, erkennen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Not und Bedürftigkeit, und sorgen ganz von selber dafür, dass wir besser miteinander umgehen. Unsere Umwelt kommt in den Blick, es entsteht eine schonende und umsichtige Grundeinstellung gegenüber dem Leben und unseren Nächsten. Der Ungerechtigkeit und dem Hass wird Einhalt geboten. Die Hilfsbereitschaft wächst, Mildtätigkeit und Güte prägen unser Handeln. Wir werden „wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“

Es lohnt sich also, den Weg des Dankens zu gehen. Durch den Dank öffnet sich etwas in uns, und ganz von selber wird das geschehen, wozu der Prophet Jesaja und die Befreiungstheologen uns ermahnen. Wir werden vor Gleichgültigkeit bewahrt und unsere Schwäche wird überwunden. Es kann sich etwas verändern, in der Kirche, in uns und in der Gesellschaft. Und das kommt dann nicht von uns, sondern von Gott selber. Sein „Licht wird aufgehen in der Finsternis“. Er baut sein Reich, und wir dürfen daran mitwirken.

Amen.

 

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