ARTIKEL

Die Werke Gottes sehen

für die Kieler Nachrichten am 28.1.2017
„Gott und die Welt“

In den letzten Wochen und Monaten häuften sich die beunruhigenden Nachrichten. Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Welt sich zum Schlechten ändert, das nichts bleibt, wie es ist, und wir bald kein ruhiges Leben mehr führen können. Sie fühlen sich bedroht und haben Angst.
Wie sollen wir damit umgehen? Der Wochenspruch des kommenden Sonntags, dem vierten nach Epiphanias, gibt uns einen Tipp. Er lautet: „Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.“ (Psalm 66,5) Ein Psalmbeter lädt uns ein, die Werke Gottes zu sehen und zu bewundern, sich über die Schönheit der Schöpfung zu freuen, dankbar zu sein für alles, was wir an Gutem erleben. Es lohnt sich, dieser Aufforderung zu folgen und bewusst eine positive Sichtweise auf die Welt einzuüben. Es geschieht ja lange nicht nur das, was uns in den Medien erzählt wird. Täglich können wir Zeugen davon werden, dass die Sonne aufgeht, dass die Natur hervorbringt, was wir zum Leben brauchen, dass wir wie von einer unsichtbaren Hand beschützt werden und vieles Gute mehr. Nur wenn wir uns darauf immer wieder besinnen, werden wir der ganzen Realität gerecht. Wir verschließen nicht die Augen vor den Problemen, aber wir sehen mehr als das Unheil und die Zerstörung. Unsere Wahrnehmung wird ausgewogen, sie bekommt das richtige Maß, wir werden ruhiger und zuversichtlicher.
Möge Gott uns deshalb zum Sehen seines wunderbaren Tuns verhelfen.

 


Neues Herz und neuer Geist

Geistliche Einordnung der Jahreslosung 2017:
„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36, 26)

für das Kirchenmagazin der Gemeinden Jakobi und Luther in Kiel, „mitten&drin“, Dezmber 2016 bis Februar 2017

„Ein Herz, hart und kalt wie Stein“ – mit diesem Bild beschreibt der Prophet Hesekiel die Beschaffenheit der Menschen seines Volkes. Sie kümmerten sich nicht um den Willen Gottes, und er klagte sie wegen ihrer Untreue Gott gegenüber an. Sie hatten Gott entehrt und „seinen Namen entheiligt“. Doch das wird Gott sich nicht mehr lange gefallen lassen, er wird die Initiative ergreifen und einen grundlegenden Neuanfang machen. Das war gleichzeitig seine Verheißung. Ganz tief wird er ansetzen und die Menschen von innen her verändern. Gott spricht: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36,26).
Dieses Prophetenwort ist 2017 unsere Jahreslosung.
Mit „Herz“ und „Geist“ ist im Hebräischen immer das Innerste gemeint, der Wille des Menschen und seine ganze Gefühlswelt, der Sitz seiner Empfindungen und Gedanken, die Mitte, in der auch die göttliche Weisheit wohnt, wenn sie eingezogen ist. Diese Mitte wird Gott erneuern, d.h. frisch und lebendig machen. Das alte, steinerne Herz wird er entfernen, und seine eigene Wesensart in die Mitte des Menschen einsenken.
Im Neuen Testament wird verkündet, dass sich diese Verheißung in Jesus Christus erfüllt hat. Er selber hat das gelebt, denn er war ganz eins mit Gott. Wer sich auf ihn einlässt, an ihn glaubt und ihm nachfolgt, wird genauso, wie der Prophet es hier beschreibt, von innen her erneuert. Denn er empfängt dabei den Geist Christi, den Heiligen Geist, den er uns hinterlassen hat.
Der Glaube an Christus kann in der Tiefe wirken, das ist sein Hauptmerkmal. Christus möchte in der Mitte unsres Wesens wohnen und uns von innen her lebendig machen.
Und das ist auch für uns eine wichtige Botschaft, denn unser Herz ist ebenfalls oft wie Stein: Viele Situationen führen uns in Angst und Verzweiflung, innere Leere und Leblosigkeit.
Wenn wir darunter leiden, meinen wir meistens, dass sich äußerlich etwas verändern muss: Vielleicht fehlt uns menschliche Wärme, Verständnis und Liebe oder auch Erfolg und Anerkennung. So denken wir und suchen die Antwort in unsrer Umgebung, bei anderen Menschen oder Ereignissen. Doch in Wirklichkeit brauchen auch wir eine viel tiefer greifende Maßnahme.
Um den „Stein“ in unserem Inneren loszuwerden, muss eine wirkliche Erneuerung und innere Verwandlung eintreten. Vom Geist Christi geht diese Kraft der Heilung aus, die in der Tiefe wirkt. Er lädt uns ein, ihm unser Herz zu öffnen und ihm ganz und gar zu vertrauen. Dabei können wir zu ihm kommen, wie wir sind, mit leeren Händen und „steinernem Herzen“. Dann kann er uns mit seiner erneuernden Kraft erfüllen, denn wir werden eins mit ihm und mit seinem Willen. Deshalb ist es gut, wenn wir ihn immer wieder in unser Herz einziehen lassen. Wir werden dann getrost und zuversichtlich, warm und lebendig.
Das wünscht Ihnen Ihre Pastorin Gesa Bartholomae.

 


Die Einheit in der Vielfalt

Geistliche Einordnung zum Thema: „Bunt is beautiful”

für das Kirchenmagazin der Gemeinden Jakobi und Luther in Kiel, „mitten&drin“, Mai- August 2016

Paul Gerhardt hat gedichtet: „Schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.“ (EG 503,1) Er war begeistert von der Buntheit und Vielfalt in der Natur. Die ganze Welt ist davon geprägt: Menschen, Pflanzen und Tiere, Landschaften, Länder und Sprachen, Bilder, Lieder und Ideen – wo wir hinschauen, sehen wir den Reichtum und die Fülle des Lebens und freuen uns daran.
Trotzdem sehnen wir uns immer wieder nach Einheit und Gleichheit, denn manchmal ist die Mannigfaltigkeit nur schwer auszuhalten. So tun wir uns gerne mit unsresgleichen zusammen. Interessengemeinschaften, Vereine und Parteien entstehen, Religionen und Weltanschauungen. Oft demonstrieren Uniformen, dass Menschen zu einer Gruppe gehören und dass sie sich einig sind.
Doch dieses Bedürfnis ist gefährlich. Diktaturen und Kriege sind nicht selten die Folgen, unsere eigene Geschichte liefert uns dafür ein trauriges und furchtbares Beispiel. Sie zeigt uns auch, dass alle Versuche, die Einheit mit Gewalt herzustellen, zum Scheitern verurteilt sind. Selbst wenn sie eine Zeit lang mit Zwang durchgesetzt wird, am Ende wird immer das Viele und Bunte siegen.
Es muss deshalb einen anderen Weg geben, der uns zusammenführt: eine „Einheit in der Vielfalt“, und genau davon berichtet die Pfingstgeschichte. (Apostelgeschichte 2,1-13) Sie erzählt, wie die Apostel fünfzig Tage nach Ostern in Jerusalem „vom Heiligen Geist erfüllt wurden und anfingen zu predigen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ Viele Menschen „aus allen Völkern unter dem Himmel“ hörten sie und zwar „ein jeder in seiner eigenen Sprache“. Das „Sprachenwunder“ geschah, wie dieses Ereignis seitdem in der christlichen Tradition bezeichnet wird. Dahinter steht die Überzeugung: Einheit schafft nur der Heilige Geist. Er bewirkt Verständigung über alle Hindernisse hinweg, beseitigt Sprachbarrieren und führt uns zusammen. Die Vielfalt bleibt, aber es gibt darin eine Mitte, den Einen in der Mannigfaltigkeit, und der ist der Geist Jesu Christi.
Wer die Einheit möchte, muss sich dafür öffnen. Dann werden Geist und Seele „einfach“, klar und ruhig. Die äußere Vielfalt stört nicht mehr, und das Bedürfnis, andere Menschen sich selbst gleichzuschalten, verschwindet. Sie müssen nicht unter die eigenen Ideen gezwungen und in eine Uniform gesteckt werden. Der Geist Christi weitet Herz und Seele, er macht stark und lebendig. Wer ihn in sich trägt, hält die Vielfalt des Lebens nicht nur aus, er freut sich sogar daran und lässt sich immer wieder von anderen Kulturen, Gedanken und Gesängen bereichern.
Lassen Sie sich in diesem Sinne von der Buntheit des Lebens begeistern!

Das wünscht Ihnen Ihre Pastorin Gesa Bartholomae.

 


Nachfolge

für die Kieler Nachrichten am 6.2.2016
„Gott und die Welt“

„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ (Lukas 18,31) So beginnt die dritte Ankündigung von Jesu Leiden und Auferstehung. Er sagt das zu seinen Jüngern, die ihm auf seinem Weg von Galiläa im Norden Palästinas gen Süden gefolgt waren. Jerusalem war das Ziel.
Das war zwar die heilige Stadt, aber für Jesus verhieß sie nichts Gutes. Denn dort wohnten die religiösen Entscheidungsträger und sie wollten ihn loswerden. Er hatte sie mit seiner Kritik provoziert und zu viele Menschen für sich gewonnen. So planten sie, ihn wegen Gotteslästerung anzuklagen, auf die nach ihrem Gesetz die Todesstrafe stand.
Jesus wusste das. Warum ist er ihnen nicht ausgewichen oder gegen sie in den Krieg gezogen? Weil er ebenso wusste: Es gibt noch eine viel stärkere Kraft. Er wählte als Ausweg nicht die Flucht oder das Heer, sondern Leidensbereitschaft und Hingabe, Geduld bis zum Tod, Sanftmut und Demut. Er hielt sein Leben nicht fest, weil er es in der Hand Gottes wusste. Und so wurde aus seiner Hingabe ein Sieg der Liebe und der Gegenwart Gottes. Bis heute lebt er in denjenigen, die ihm auf diesem Weg nachfolgen. Dazu lädt er uns ein. Unser Glaube besteht deshalb nicht in erster Linie aus Regeln oder Ideen, sondern er wird dort lebendig, wo auch wir uns hingeben, auf Jesus vertrauen und uns von seiner Liebe entzünden lassen.

 


 

Das Herzensgebet

für das Kirchenmagazin der Gemeinden Jakobi und Luther in Kiel, „mitten&drin“, Februar bis Mai 2016

„Herr, komm in mir wohnen, lass mein‘ Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden; komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 166,8)
So dichtete Gerhard Tersteegen 1729. Er lebte in Mühlheim an der Ruhr, von der Ostkirche war er geografisch also weit entfernt. Und doch hat er mit dieser Strophe etwas zum Ausdruck gebracht, wofür es in der orthodoxen Spiritualität seit eineinhalb Jahrtausenden eine Tradition gibt: Das so genannte Herzensgebet.
Mönche haben es aus dem Wunsch heraus entwickelt, „ohne Unterlass zu beten“. (1. Thessalonicher 5,17) Sie nahmen diese Aufforderung des Apostels Paulus ernst und wollten „ununterbrochen vor Gott stehen mit dem Geist im Herzen und immerfort, Tag und Nacht, bis zum Lebensende.“ (Kallistos Ware, Emmanuel Jungclausen, Hinführung zum Herzensgebet, 1982, S. 10) So lag es nahe, eine Gebetsform zu schaffen, die sich mit dem Atem oder dem Herzschlag verbindet. Viele Worte durften es nicht sein. Aber die waren auch nicht nötig, denn die Mönche waren mit Gott vertraut. Er war für sie „alles in allem.“ (1.Korinther 15, 22c) Und so wählten sie die Formel: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Beim Einatmen erfolgte die Anrufung des Namens Jesu, beim Ausatmen die Bitte um Erbarmen. Dieses Gebet ließ sich im Geist überall sprechen, beim Sitzen, Stehen und Gehen, zu den festen Gebetszeiten und bei den Tätigkeiten des Alltags. Die ständige Wiederholung wurde zur Gewohnheit und führte so zum „immerwährenden Gebet“.
Inzwischen ist diese Methode auch in der westlichen Kirche bekannt und wird in vielen Klöstern und spirituellen Zentren gelehrt und praktiziert. Und das ist gut, denn sie kann uns moderne Menschen aus der Mannigfaltigkeit und Unruhe der Welt herausführen. Wir finden durch sie einen Weg zu uns selber und zu Gott.
Wichtig ist dabei allerdings, dass wir das Herzensgebet nicht  nur als eine Methode oder Technik verstehen, sondern als einen Weg, auf den wir uns einlassen. Es gehört dazu, dass wir unser eigenes Ich zurücknehmen, ehrlich mit uns selber und bereit zur Selbstkritik sind. Wir müssen unsere Schwächen zugeben und unsere Hilfsbedürftigkeit erkennen. Mit ihr treten wir vor Gott, sprechen das Gebet und empfangen seine Gnade.
Es hilft, wenn wir uns dafür regelmäßige Übungszeiten vornehmen, am besten täglich. Dabei dürfen wir nicht erwarten, immer etwas Außergewöhnliches zu empfinden, es gibt Durststrecken. Wenn wir dennoch dabei bleiben, werden uns oft genug dichte Augenblicke geschenkt, in denen das Erbarmen Gottes uns ergreift. Sie weiten das Herz, ordnen unseren Geist und unsere Seele und schenken uns einen tiefen Frieden. Entspannung, Gelassenheit und Heiterkeit sind die Folgen, die noch lange nachwirken. So ist das Herzensgebet ein guter Weg, um nicht nur für sieben Wochen, sondern ein Leben lang immer wieder „aus der Enge“ herausgeführt zu werden und ein „großes Herz“ zu bekommen.

Sie sind eingeladen, das Herzensgebet jeden Montagabend um 19 Uhr in der Lutherkirche in Kiel zusammen mit anderen in einer einstündigen „Zeit der Stille“ kennenzulernen und zu praktizieren. Mit einfachen Atem- und Sitzübungen bereiten wir uns drauf vor. Weitere Elemente des Zusammenseins sind Lieder und die Auslegung eines Psalmverses.

 


Gottesdienst als Heimat

für das Kirchenmagazin der Gemeinden Jakobi und Luther in Kiel, „mitten&drin“, Dezember 2015 bis Februar 2016

Von 1995 bis 2000 war ich vom Pfarramt beurlaubt und habe in England gelebt, und gleich am ersten Sonntag meines dortigen Aufenthaltes habe ich nach einer Kirche und einem Gottesdienst gesucht, in dem ich mich zu Hause fühlen würde. Am zweiten Sonntag war ich erfolgreich, die Ortsgemeinde der „United Reformed Church“ wurde meine gottesdienstliche Heimat, denn dort war es dem, was ich aus meiner Kirche kannte, am ähnlichsten: Der Pastor trug einen schwarzen Talar, er hielt eine wunderbare Predigt, und einige Melodien waren mir vertraut. Ich bin jeden Sonntag dort gewesen, denn die Gottesdienste gaben mir ein tiefes Gefühl der Geborgenheit in der Fremde.
Und so ist es mit unseren Gottesdiensten weltweit. Sie können uns Obhut und Sicherheit schenken, denn die Formen sind Jahrhunderte alt, sie haben sich bewährt und transportieren mehr als ein subjektives Empfinden. In ihnen kommt eine Wahrheit zur Sprache, die Zeit und Raum überspannt, die die Kraft aller Betenden in sich trägt, die vorher da waren und die nach uns kommen werden. Nicht der oder die Einzelne ist Träger des Geschehens, sondern die Gesamtheit der Gläubigen. Von ihnen werde ich ein Teil, ich kann mich in vorgegebene Formen hineinfallen lassen, die mir Halt bieten und Gemeinschaft stiften.
Außerdem sind es „lebendige Gedanken“ (s.u.), die einen Gottesdienst erfüllen. Sie kommen aus ergriffenen Herzen und gehen deshalb zu Herzen. Die Seele wird angerührt, ohne dass das Ich dabei im Mittelpunkt steht.
Und das tiefste Geheimnis jedes Gottesdienstes ist die Gegenwart Christi. Er hat die Kirche gegründet (vgl. Mt.16,18), es ist sein Wille, dass wir betend zusammenkommen und Gott loben. Auf verborgene Weise werden wir dadurch „Leib Christi“ (1.Kor. 12,27) und bilden die „Gemeinschaft der Heiligen“ (Epheser 2,19). Das Evangelium wird lebendig, Seele und Geist können aufatmen und heilende Kräfte empfangen.

Vgl. Romano Guardini, Vom Geist der Liturgie, Freiburg im Breisgau, 1983, S. 27 (Das Buch ist erstmals 1918 erschienen, in einer Neuauflage von 2007 erhältlich und sehr lesenswert!)

 


Erntedank in der Stadt

für das Kirchenmagazin der Gemeinden Jakobi und Luther in Kiel, „mitten&drin“, September bis November 2015

Es ist erstaunlich und traurig, aber Stadtmenschen, besonders Kinder und junge Erwachsene, wissen heutzutage oft nicht mehr, woher die Milch kommt. Denn sie erleben nicht, wie die Kuh gemolken wird, ihre Milch in die Molkerei gelangt, verarbeitet wird und schließlich im Supermarkt im Regal landet. Von dort kommen die Lebensmittel, das ist unsere Erfahrung, wenn wir nicht auf dem Land wohnen. Wir kaufen sie einfach, und es gibt das ganze Jahr über alles, was wir gern essen wollen. Was bei uns nicht angebaut wird, führen wir eben aus anderen Ländern ein.
So ganz passt es deshalb nicht, wenn wir in der Stadt Erntedank feiern. Es ist ein Fest aus dem bäuerlichen Leben, das schon in vorchristlicher Zeit nach der Ernte im Herbst gefeiert wurde, und es bringt die Freude darüber zum Ausdruck, dass beim Ackerbau und bei der Viehzucht alles gut gegangen ist, und es genug zu essen gab.
Möglicherweise sehnen wir uns als Stadtmenschen manchmal nach dieser Naturnähe und Erdverbundenheit. Auch die Abgeschiedenheit und Stille des Landlebens ist etwas, wovon wir gelegentlich träumen. Wir stellen es uns beschaulich und friedlich vor.
Aber ist das wirklich so? Und haben wir als Stadtmenschen nicht genügend anderes, wofür wir Gott danken können? Es hat viele Vorzüge, in der Stadt zu wohnen. Menschen haben sich schon immer dahin gezogen gefühlt, wo bereits andere wohnten, denn dadurch wird das Leben einfacher.
So können wir uns über die reichhaltige Infrastruktur freuen: Jedes Kind kann die Schule wählen, die am besten passt. Der Weg zum nächsten Supermarkt ist nie lang. In vielen Städten ist eine Universität angesiedelt, von der auch die Bevölkerung profitiert. Ärzte und Krankenhäuser, Kindergärten und Seniorenzenteren fangen die Menschen auf. Dazu kommt der öffentliche Nahverkehr, Busse fahren mindestens im 30-Minutentakt. Straßen und Fahrradwege unterstützen die Mobilität. Und im sozialen Leben gibt es viele Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Es kennt zwar nicht jeder jeden, aber die Freiheit der Einzelnen ist gerade dadurch viel größer. Die Menschen können ihre Unterschiedlichkeit ausleben, Vielfalt und Buntheit bestimmen das Bild. All das trägt zum Wohlbefinden bei. Und auch das kulturelle Angebot dient dem Leben, wie Theater, Oper und Konzerthaus. Dazu kommen die Kinos, und nicht zu vergessen die vielen Restaurants, Kneipen und Discotheken. Menschen auf dem Land müssen vieles davon entbehren. Wahrscheinlich wohnen wir deshalb auch hier. Das Stadtleben liegt uns und hat für uns einen hohen Wert. Dafür können wir dankbar sein, denn es ist nicht selbstverständlich.
Beim Erntedankfest wird auch auf unseren Altären wieder Gemüse und Obst liegen, und es ist gut, wenn wir nie vergessen, wo es herkommt, aber die Dankbarkeit, die wir zum Ausdruck bringen, darf ruhig alles umfassen, was wir genießen, und was unser Leben erfüllt und schön macht.

 


 

Unterwegs zur Ewigkeit

für das Kirchenmagazin der Gemeinden Jakobi und Luther in Kiel, „mitten&drin“,  Juni, Juli, August 2015

„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“ So dichtete Gerhard Tersteegen 1745 (EG 481,5). Sein Lebensgefühl war vom Unterwegs-Sein gekennzeichnet. Er hatte nicht das Bedürfnis, sich bürgerlich einzurichten, er wollte sich lieber an das gewöhnen, was für ihn größer und lohnender war, an die himmlische Heimat. Denn ihm war bewusst, dass er eines Tages sterben würde, und er stellte sich ganz auf die Vergänglichkeit des Lebens ein.
Er befand sich damit in guter biblischer Gesellschaft, denn dort begegnen wir vielen Menschen, die keine bleibende Stätte hier auf Erden hatten: Abraham machte sich auf den Befehl Gottes hin auf den Weg in ein ihm unbekanntes Land (1. Mose 12,1-9). Mose zog mit dem Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste (2. Mose 12,37ff). Jesus hat von sich selber gesagt hat: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ (Mt.8,20) Auch Paulus wurde zu einem Wanderer, um das Evangelium in die Welt zu tragen. Im Hebräerbrief gibt es deshalb den schönen Satz: „Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die Zukünftige suchen wir.“ (Hebr.13,14)
Wer die Bibel kennt, weiß um diesen Lebensentwurf. Deshalb hat es im Laufe der Christenheit immer wieder Nachahmer und Nachahmerinnen gegeben, Menschen, die bewusst auf ein bequemes Leben verzichtet haben und sich auf den Weg machten: Pilgerinnen und Missionare, Mönche und Nonnen. Das war allerdings die Minderheit. Die Mehrheit der Christen blieb sesshaft, richtete sich häuslich ein und schaffte sich Wohlstand. Dazu gehören sicher auch die meisten von uns. Wir wollen an einem bestimmten Ort bleiben, bauen am liebsten Häuser, sammeln Eigentum und halten Dinge und Menschen gerne fest. Unterwegs sind wir nur vorübergehend, das ist jedenfalls unser Wunsch.
Aber wird er erfüllt? Werden wir bei dieser Lebensführung glücklich? Bleiben wir zuversichtlich, und ist es sinnvoll und realistisch, sich dauerhaft einzurichten? Verlust gibt es immer, Enttäuschungen und Misserfolge, Krankheit, Alter und schließlich der Tod lassen sich nicht vermeiden. Viele Menschen stimmen darüber in eine Klage ein, sie werden bitter und verdrießlich, traurig und hoffnungslos.
Es ist deshalb ratsam, das Bleiben-Wollen einmal zu hinterfragen: Ist es dem Leben nicht angemessener, wenn wir es von vornherein als Weg verstehen und die Veränderungen, die es mit sich führt, bejahen? Wir sind ein Leben lang unterwegs, das gilt es zu erkennen und anzunehmen, denn dann gewinnen wir eine ganz andere Lebensqualität. Wir denken nicht mehr nur an das, was wir erreichen wollen oder was wir verloren haben, wir gewinnen vielmehr die Gegenwart, das Jetzt wird entscheidend, denn da ereignet sich das Wesentliche. Das Verrinnen der Zeit ängstigt uns nicht mehr, weil es dazu gehört. Und mit diesem Bewusstsein öffnet sich auch die Ewigkeit, denn in ihr gibt es keine Zeit. Unser Leben gewinnt an Tiefe und Intensität. Sogar der Tod verliert seine Schrecken, denn er erscheint nicht mehr nur als das Ende des irdischen Weges, sondern wird zu einem Ankommen am Ziel.
Und damit werden wir leidensfähiger und gelassener, zuversichtlich und hoffnungsvoll. Auch Mitmenschen gegenüber, die fliehen mussten und keine „bleibende Statt“ mehr haben, werden wir offener. Wir fühlen mit und sind viel eher bereit, ihnen zu helfen.
Und mit all dem sind wir den biblischen Zeugen ganz nahe. Sie umgeben uns und ermutigen uns auf unsrem Weg, sie helfen und bestärken uns zu begreifen, dass das Leben ein Unterwegs-Sein ist. Allen voran ist es Christus selber, der mit uns geht und uns durch seine Nähe immer wieder Kraft gibt. Und das ist das Größte, das es gibt. Besser und sicherer als geborgen in der Gegenwart Christi, kann es nirgends sein. So können wir aus vollem Herzen in das Nachfolgelied von Johann Peter Schück (1811- 1892) einstimmen, das mit der Strophe beginnt: „Nur mit Jesus will ich, Pilger, wandern, nur mit ihm geh froh ich ein und aus. Weg und Ziel find ich bei keinem andern. Er allein bringt Heil in Herz und Haus.“

 


Kampfansage an den Teufel

für die  Kieler Nachrichten am 21.2.2015
„Gott und die Welt“

„Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ So lautet der Bibelspruch für die kommende Woche. (1. Johannes 3, 8b) Wenn wir das lesen, sind wir uns schnell einig, dass es die „Werke des Teufels“ wirklich gibt, wir müssen nur die Nachrichten aus den Terror- und Kriegsgebieten hören. Das Böse bricht sich dort Bahn, und wir wünschen uns alle, dass dieses unerträgliche, teuflische Treiben endlich „zerstört“ wird.
Der „Sohn Gottes“ scheint es allerdings nicht zu tun. Wozu ist er also „erschienen“? Das fragen sich viele, denn wir hätten gerne einen Gott, der am besten senkrecht aus dem Himmel mit eigener, starker Hand eingreift.
Doch der Sohn Gottes hat sich eine ganz andere Weise des Wirkens und einen anderen Ort gesucht, und das ist das menschliche Herz, dort will er regieren und „die Werke des Teufels zerstören“, denn sie haben im Innersten des Menschen ihren Ursprung. Wenn der Sohn Gottes handeln soll, müssen wir uns deshalb für ihn entscheiden und unser Innerstes für ihn öffnen. Dann kann er dort regieren und dem Wirken des Teufels Einhalt gebieten. Gerade in einer Zeit, in der uns schreckliche Nachrichten erschüttern, sind wir deshalb aufgefordert, am Glauben festzuhalten und uns von innen her verwandeln zu lassen. Nur dann kann sich auch die Welt verändern. Denn Christus braucht Menschen, um in dieser Welt seine Kampfansage an den Teufel durchzusetzen.


 

Frieden ist möglich

für das Kirchenmagazin der Gemeinden Jakobi und Luther in Kiel, „mitten&drin“,  September, Oktober, November 2014

„Befreit zum Widerstehen“, so lautet das neue Motto der 35. Ökumenischen Friedensdekade, die vom 9. bis 19. November 2014 bundesweit durchgeführt wird.
Und das ist nach wie vor aktuell. Denn in vielen Ländern der Welt werden Kriege geführt oder Kriegseinsätze vorbereitet, Rüstung exportiert, und die Tötungsmaschinerie technologisch weiterentwickelt.
Dabei waren sich die Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg einig, dass „Krieg nach Gottes Willen nicht mehr sein darf“. „Von deutschem Boden dürfe nie wieder Krieg ausgehen“, das war nach dem millionenfachen Morden und Sterben in beiden Weltkriegen einmal Konsens. Viele Christen erinnern sich bis heute daran und versuchen, das zu leben. Die Kirchen stehen zu dieser Überzeugung.
Doch, wo bekommen wir dazu den Mut und die Kraft her? Die Antwort gibt uns die Bibel. Denn auch schon in biblischen Zeiten brauchten die Menschen „ die Freiheit zum Widerstehen“. So schreibt Paulus seinem Schüler Timotheus: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7)
Paulus will Timotheus damit Mut machen. Er erinnert ihn deshalb daran, welchen Geist er durch den Glauben an Jesus Christus empfangen hatte, welche Gesinnung ihn auszeichnet. Und er nennt drei Dinge, die Luther mit „Kraft, Liebe und Besonnenheit“ übersetzt. Timotheus ist also mit „Kraft“ und innerer Stärke ausgerüstet, er kann etwas und ist leistungsfähig. Außerdem hat er die „Liebe“ empfangen, d.h. er ist freundlich und den Menschen zugewandt. Er kann mitfühlen, ist offen und wertschätzend. Und als Drittes hat er „Besonnenheit“, das bedeutet, er hat einen gesunden Verstand und die richtige Erkenntnis. Er ist klug, kann sich selbst beherrschen, ist nüchtern, maßvoll und bescheiden. All das hat Gott Timotheus gegeben, das spricht Paulus ihm sozusagen zu. Gleichzeitig ermahnt er ihn damit, all das auch zu bewahren und zu pflegen, es wirklich zu leben und sich davon immer wieder bestimmen zu lassen.
Und das gilt für jeden Christen und jede Christin. Wir bekommen die „Freiheit zum Widerstehen“ nicht, wenn wir über die Kriege und die Rüstungsindustrie nachgrübeln und uns davon beeindrucken und einschüchtern lassen. Wir müssen uns vielmehr der Kraft und Liebe Christi aussetzen und seinen Geist empfangen. Er ist die Quelle des Friedens, aus der wir schöpfen können. Von ihm gilt es, sich bestimmen und prägen zu lassen. Dann entsteht ein geistiger Raum, in dem er gegenwärtig ist, eine unsichtbare Wirklichkeit des Friedens und ein Kraftfeld der Liebe. Sie sind der stärkste Widerstand gegen Krieg und Tod, den es geben kann, eine unsichtbare Gegenwelt zu der alten Realität des Mordens und der Zerstörung, der Ungerechtigkeit und Gewalt. Wir können in diese Wirklichkeit eintreten und sie erleben, wenn wir uns auf Jesus Christus einlassen, ihm vertrauen und folgen. Dann „befreit“ er selber uns „zu widerstehen“, wann immer es gefordert ist.

 



Die Gemeinde als unsichtbares Netz

für das Kirchenmagazin der Gemeinden Jakobi und Luther in Kiel, „mitten&drin“,  Juni, Juli, August 2014

„Wo ist denn die Gemeinde?“ Das fragt sich vielleicht so mancher, der zu uns in den Gottesdienst am Sonntag kommt. Viele Kirchenbänke sind leer, die Besucher sitzen verstreut. Wenn es hoch kommt, sind es dreißig. Sieht so eine lebendige Gemeinde aus?
Das habe ich mich auch gefragt, als ich vor sieben Jahren als Pastorin in der Luther- und Jakobikirche anfing. Mir war nicht klar, wer überhaupt dazugehört, und wo die Menschen sind, für die ich zuständig sein sollte.
Inzwischen ist das anders, und das liegt hauptsächlich an meiner Rolle als Pastorin. Denn ich treffe die Menschen, die zur Gemeinde gehören, nicht nur im Gottesdienst, sondern in vielen anderen Situationen: Bei Amtshandlungen lerne ich Familien kennen, im Seniorenwohnheim komme ich zu der älteren Generation, in der „Zeit der Stille“ begegne ich Suchenden usw. Viele Menschen gehören zur Gemeinde, wählen aber nicht den Sonntagsgottesdienst, um das zu praktizieren. So gibt es die Chöre, die Kindergärten, Gesprächskreise, Taizé-Andachten und vieles mehr. Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen sowie haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende tragen ebenfalls wesentlich zum Leben der Gemeinde bei. Unzählige Beziehungen bilden so das „Netz Gemeinde“, auch wenn nicht alle voneinander wissen.
Die Gemeinde ist in ihrer Gesamtheit deshalb so gut wie nie sichtbar. Sie ist vielmehr ein „unsichtbares Netz“, das aber dadurch nicht unwirklich ist. Wir Pastoren und Pastorinnen haben sicher am meisten Einsicht in seine vielen „Maschen“ und „Fäden“, aber auch andere können das Netz immer wieder entdecken und erleben, wenn sie nämlich hören und erfahren, dass es die Gemeinde gibt, und sich irgendwo einbringen. Und selbst die, die „unsichtbar“ bleiben, nehmen daran teil.
Das geschieht zum Beispiel beim Läuten der Glocken zum Gottesdienst oder zum Vaterunser. Keiner weiß, wie viele im Geist dann mitfeiern und beten, weil sie sich angesprochen und zugehörig fühlen. Und jedes Gebet in der Kirche bezieht auch die mit ein, die zu Hause bleiben.
Denn unsere Mitte ist nicht der Gottesdienst, sondern Gott selbst, und was uns verbindet, ist nicht die körperliche Anwesenheit zu allen Ereignissen, sondern unser Glaube an Jesus Christus. Wer sein Leben mit ihm führt und sich ihm anvertraut, gehört zur Gemeinde Christi und knüpft mit an ihrem Netz.
Und das durchzieht nicht nur unseren Stadtteil, sondern umfängt die ganze Welt. „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht. Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben den Menschen überm Meer das Licht: und immer wird ein Mund sich üben, der Dank für deine Taten spricht.“ (Gerhard Valentin, EG 266,3.4)
Lassen Sie uns deshalb getrost unseren Glauben leben und uns an dem unsichtbaren Netz der Gemeinde freuen, zu dem wir alle beitragen.

 


 

Den Glauben weitersagen

für das Kirchenmagazin der Gemeinden Jakobi und Luther in Kiel, „mitten&drin“,  März, April, Mai 2014

Viele Nachrichten verbreiten sich in Windeseile, weil jeder und jede sie weitersagt. Das liegt in unserer menschlichen Natur: Eine Neuigkeit, die uns interessiert oder fasziniert, erschrickt oder entsetzt, müssen wir sofort mit anderen teilen. Wir können sie nicht für uns behalten, und so erfahren immer mehr Menschen, was geschehen ist.
Das war schon zur Zeit Jesu so, und zwar besonders nach seinem Tod. Drei Tage später machte die Nachricht von seiner Auferstehung die Runde. Die ersten Botinnen waren zwei Frauen, die zu seinem Grab gegangen waren. Sie hatten Jesus dort nicht gefunden, aber ein Engel war ihnen begegnet, der ihnen den Auftrag gab: „Geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten.“ (Mt.28, 7)
Auf dem Weg geschah dann das Unglaubliche: Jesus erschien ihnen wirklich und wiederholte den Auftrag, dieses Ereignis weiterzusagen. „Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.“ (Mt. 28, 10) waren Worten. Sie gehorchten ihm, und als Jesus seine Jünger dann traf, erfolgte der Auftrag zur Verkündigung zum dritten Mal. Es ist der sogenannte Missionsbefehl, der lautet: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ (Mt. 28,19)
Das Weitersagen des Auferstehungsglaubens spielte also von Anfang an eine große Rolle, und das ist auch gut so. Ohne diese Botschaft gäbe es die Christenheit gar nicht. Denn was wirklich am Grab geschah, wissen wir nicht. Die geschichtlichen Ereignisse der Auferstehung sind undurchsichtig und schwer nachweisbar. Wo war der Leichnam Jesu wirklich? Was war den Soldaten widerfahren, die das Grab bewachten? Wen haben die Frauen dort getroffen? Was bedeuten seine Erscheinungen? Diese Fragen sind bis heute ungeklärt. Auf den Antworten dazu basiert unser Glaube deshalb nicht. Wir können uns die Auferstehung Jesu auch nicht vorstellen, halten sie für höchst unwahrscheinlich und haben viele Zweifel und Einwände dagegen.
Fest steht nur, dass die Auferstehungsbotschaft sich bis heute gehalten hat. Und das ist das beste Zeichen dafür, dass Jesus lebt. Es ist eine Tatsache, die eigentlich alles beweist. Denn seine Auferstehung bedeutete nie, dass eine Leiche wieder lebendig wurde. Er ist vielmehr da gegenwärtig, wo er verkündigt wird und wo diese Verkündigung auf offene Ohren und Herzen trifft. Jesus lebt in denjenigen, die an ihn glauben, sich ihm anschließen und ihren Glauben weitersagen. Die Auferstehung ist kein historisches Ereignis, sondern ein Geschehen, dass sich im Leben eines Menschen ereignet. Sie lässt sich nicht wie ein geschichtlicher Vorgang erforschen und dokumentieren, wir müssen vielmehr davon hören und sie erfahren. Und das geschieht dann, wenn wir uns auf die Nachricht von seiner Auferstehung einlassen. und selber zu Jüngern und Jüngerinnen werden, die seine Botschaft weitersagen.
Unter den vielen Nachrichten, die ständig um die Welt gehen, ist sie bis heute die aufregendste und faszinierendste.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen lebendige und spannende Ostern,
Ihre Pastorin Gesa Bartholomae.


 

Der Kreuzestod Jesu

Für die Kieler Nachrichten am 12.4.2014, Palmsonntag
„Gott und Welt“

„Gott hat seinen eigenen Sohn in den Tod geschickt.“ Diesen Teil unseres christlichen Glaubens lehnen nicht nur Außenstehende, sondern inzwischen auch viele Christen ab. Der Tod kommt in unserer Vorstellung von einem liebenden Gott nicht vor. Er soll dem Leid vielmehr ein Ende setzen und uns ununterbrochenes Glück schenken.
Doch so einfach hat Gott es sich nicht gemacht. Er hat das Leben auf der Erde vielmehr dem Werden und Vergehen unterworfen. Tag und Nacht lösen sich ab, wir atmen ein und aus. Diesen Rhythmus hebt Gott nicht auf, sondern er will, dass wir darin einstimmen.
Und genau das hat Jesus am Kreuz getan. Obwohl auch er das Handeln Gottes nicht mehr verstand, als er ausgeliefert wurde, hat er sich seinem Willen gebeugt und darin eingewilligt. Und gerade damit hat er die Auferstehung vorbereitet und uns das ewige Heil geschenkt. Er ist am Kreuz nicht nur gestorben, sondern wurde dort auch emporgehoben, wie es der Evangelist Johannes ausdrückt: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh. 3,14b.15) Wir müssen ihm also vertrauen und folgen, und das heißt uns auf den Rhythmus von Tod und Auferstehung einzulassen, Ein- und Ausatmen zu bejahen und dabei auf Christus zu schauen. Dann empfangen wir das ewige Erbarmen Gottes, nach dem wir uns sehnen, und erleben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

 

 

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