Bleibt gelassen!

Predigt über Philipper 4, 10- 13: Die Selbstgenügsamkeit des Apostels

17. Sonntag nach Trinitatis, 13.10.2019, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel, mit Taufe (Taufspruch: Philipper 4,13)

Philipper 4, 10- 13

10 Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen; ihr wart zwar immer darauf bedacht, aber die Zeit hat’s nicht zugelassen.
11 Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht.
12 Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden;
13 ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

Liebe Gemeinde.

Der Apostel Paulus war ein großer und erfolgreicher Missionar. Er bereiste Syrien, die heutige Türkei und Griechenland und gründete überall christliche Gemeinden. Ohne ihn hätte sich der Glaube an Jesus Christus nicht so schnell ausgebreitet. Und es ist ihm zu verdanken, dass alle Menschen, ganz gleich zu welchem Volk sie gehören, sich Jesus Christus anschließen und zur Kirche gehören können.

Doch natürlich hat Paulus sich damals auch Feinde gemacht, denn die Bekehrten wurden ihrem bisherigen Glauben abtrünnig. Sie verachteten fortan die Tempel ihrer alten Götter. Und diejenigen, die mit der herkömmlichen Religion ihr Geld verdienten oder dadurch eine anerkannte gesellschaftliche Stellung hatten, gerieten in Verruf. In Ephesus gab es aus diesem Grund einmal viel Unruhe. (Apostelgeschichte 19, 23-40) Es entstand ein großer Tumult, so dass am Ende die Ordnungshüter eingriffen und Paulus festnahmen. Auch an anderen Orten ist ihm das widerfahren. Immer wieder wurde er wegen Volksverhetzung und Gotteslästerung angeklagt und gefangen genommen. Seine Gegner wollten der Ausbreitung des Evangeliums damit einen tödlichen Schlag verpassen und dachten, nun hat der Spuk endlich ein Ende.

Doch das war weit gefehlt. Genau das Gegenteil trat ein: Die christliche Mission wurde dadurch sogar gefördert. (Philipper 1,12) Denn die Inhaftierung von Paulus sorgte für Aufsehen, und zwar auch dort, wo er bis dahin noch gar nicht gehört worden war. Außerdem machte das seine Weggefährten „umso kühner, das Wort zu reden ohne Scheu.“ (Philipper 1,14) Das erfahren wir von Paulus selber, denn er nutzte die Zeit im Gefängnis, um Briefe zu schreiben. Auch der Brief an die Philipper ist in der Gefangenschaft entstanden, und da steht am Anfang, dass er seine Fesseln „für Christus trug“. (Philipper 1,13)

Dabei wusste Paulus nicht, wie das alles ausgehen würde. Das Gerichtsurteil stand noch bevor. Darauf wartete er gerade, und das konnte durchaus ein Todesurteil sein. Er hatte also allen Grund zur Sorge und zur Angst, und die Philipper teilten das mit ihm. Sie nahmen Anteil an seinem Schicksal, weil sie ihm viel zu verdanken hatten. Es war eine Gemeinde, mit der er sich ausgesprochen eng verbunden fühlte, seine Lieblingsgemeinde sozusagen. So hatten sie z.B. für ihn gesammelt, denn die offizielle Verpflegungszuteilung für Inhaftierte ließ sehr zu wünschen übrig. Die Gefangenen waren auf die Unterstützung durch Verwandte und Bekannte angewiesen. Die Philipper hatten sich das zu Herzen genommen und eine Kollekte für Paulus organisiert, um ihm zu helfen. (Philipper 4,14-18) Und da er sich mit ihnen besonders verbunden fühlte, nahm er sie auch an. Er war darüber „hoch erfreut“, wie er schreibt.

Damit beginnt der Abschnitt des Philipperbriefes, den wir eben gehört haben. Und mit den Worten, die auf diesen Dank folgen, will Paulus den Philippern dann die Sorge nehmen, die sie sich um ihn machten. Er betont, dass er keinen Mangel leidet, denn er hat gelernt, sich genügen zu lassen. Er ist „autark“, wie es wörtlich heißt, d.h. unabhängig und innerlich frei. Nichts kann ihn erschüttern oder umwerfen, weder die eigenen Emotionen noch das Schicksal. Er ist in die Kunst der Selbstgenügsamkeit eingeweiht. So können weder Hunger noch Sattheit, weder Armut noch Reichtum, weder Gefängnis noch Freiheit seine Existenz im Kern treffen.

Denn die ist von etwas ganz anderem bestimmt: Jesus Christus hat ihn befähigt, allen Anforderungen gewachsen zu sein. Christus ist stark in ihm, er gibt ihm die Kraft zum Verzichten und Entsagen. „Ich vermag alles durch, der mich mächtig macht.“ Das ist sein Bekenntnis. „Sein Glaube war der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1. Johannes 5, 4c) Er war gelassen und getrost.

Und das hat er natürlich nicht einfach nur als Information verstanden. Er wollte damit ein Vorbild sein und den Philippern Mut machen, sich ebenfalls in Gelassenheit zu üben. Auch sie sollten in Jesus Christus ihre Stärke sehen und sich in allen Lebenslagen auf ihn verlassen. Das ist hier die Botschaft.

Und die ist nach wie vor gültig. Am vergangenen Sonntag gab es dazu im Radio auf NDR-Kultur eine sehr schöne Sendung in der Reihe „Glaubenssachen“. Der Publizist Detlef Kühn hat darin viele Aussagen und Gedanken über „die Kunst des Lassens“ zusammengestellt.( Glaubenssachen 6.10.2019) Er beginnt seine Ausführungen mit der Aufforderung, dass „wir gelassen bleiben sollen, uns nicht immer gleich aufregen, uns keine Sorgen machen und keine Ängste haben“. Psychologen sagen, dass wir dadurch gesund bleiben, in der Philosophie gilt sie als Hilfe zu einem richtigen Denken und Handeln, und in der Religion führt sie uns zu Gott. Die „innere Ruhe ist ein kostbares Gut“, darin sind sich alle einig.

Aber lösen wir dadurch eigentlich irgendein Problem? So fragt Detlef Kühn weiter. „Müssen wir unser Leben nicht auf die Reihe kriegen?“ Und wie ist es mit den gesellschaftlichen Verhältnissen? Müssen wir da nicht für Veränderungen sorgen? Wo bleibt das Tun, wo die Verantwortung in der Welt, wenn wir uns nur in Gelassenheit üben? „Widerspricht es nicht dem Gebot der Nächstenliebe“, wenn wir alles nur ertragen? Das fragen auch wir uns, und darüber müssen wir in der Tat nachdenken.

Doch damit sind wir nicht allein, das sind sehr alte Fragen, die schon immer gestellt wurden. Vor ca. 700 Jahren haben Mystiker wie Meister Eckhart und Heinrich Seuse darüber z.B. ebenfalls nachgedacht, und eine Antwort lautet: „Das Tun eines wirklich gelassenen Menschen ist sein Lassen. Sein Wirken ist sein Untätig-Bleiben.“ Das klingt zwar widersprüchlich, ist aber eigentlich ganz leicht zu verstehen, denn die Gelassenheit ist eine Aktivität des Geistes und erfordert unsere Aufmerksamkeit. Sie ist durchaus ein Tun und hat auch eine Wirkung. Eine bewusste Entscheidung für ein ganz anderes Lebenskonzept, als wir es üblicherweise haben, steht dahinter. Denn der natürliche Mensch ist nicht gelassen. Es ist ihm nicht egal, ob er „niedrig oder hoch, satt oder hungrig“, frei oder gefangen ist. Er will nicht beides, sondern immer nur eins: den Wohlstand, den Reichtum, das Heil, das Glück, die Freiheit, die Macht usw. Das ist das Konzept, nach dem wir normalerweise leben. Wir wollen keine Probleme, kein Leid, kein Elend. Es soll alles immer besser werden. Das Leben soll bergauf gehen und schön sein.

Und genau das stellt Paulus in Frage, das galt für ihn so nicht. Er hält uns mit seinem Leben und seinen Worten etwas anderes vor Augen, und das ist gut. Denn das Bedürfnis, dass immer alles nur gut sein soll, ist die Ursache ganz vieler unserer Probleme. Genau diese Einstellung führt zu den Ungerechtigkeiten, unter denen viele Menschen leiden, zu Hunger, Armut, politischer Unterdrückung und immer neuen Kriegen. Es ist deshalb besser, wenn wir da aussteigen. Anstatt immer schöner und reicher werden zu wollen, hilft es viel mehr, wenn wir uns in innerer Ruhe üben. Das ist kein Nichtstun, sondern ein Lebenskonzept, das letzten Endes umwälzender und verändernder als alles andere ist. Wir drücken uns damit nicht vor der Verantwortung, sondern wir werden ihr gerecht. Das ist das erste, was es dazu zu sagen gibt.

Der zweite Gedanke zu der Frage, wie sinnvoll die innere Ruhe ist, stammt ebenfalls von Heinrich Seuse. Er sagt: „Der gelassene Mensch hat Gemeinschaft mit anderen. Er liebt sie, ohne an ihnen zu hängen. Er fühlt mit ihnen, jedoch nicht in Sorge, sondern in rechter Freiheit.“ So war es ja auch bei Paulus: Weil er ruhig war, konnte er theologische Briefe schreiben, die bis heute gelesen werden. Er konnte die Philipper trösten, an der Ausbreitung des Evangeliums weiter mitarbeiten und seinen Auftrag und den Dienst, zu dem Gott ihn berufen hatte, umso besser ausüben.

Helmut Schmidt hat einmal gesagt: „Das Gegenteil von Gelassenheit ist Aufgeregtheit, Nervosität – ein Zustand, in dem man im äußersten Fall nicht mehr Herr seiner selbst ist. Gelassenheit bewahrt einen davor, zu schnell zu entscheiden und dabei Fehler zu begehen. Sie ist eine Hilfe, fast eine Voraussetzung für die Anwendung der Vernunft. Nur wer die innere Gelassenheit mitbringt, kann auf die Stimme der Vernunft hören.“ Wir können an dem Leben von Helmut Schmidt und seiner Frau erkennen, dass das stimmt. Sie haben viele richtige Entscheidungen getroffen und gerade durch die innere Gelassenheit angemessen gehandelt. Sie stand nicht im Gegensatz zu ihrem Anspruch der Pflichterfüllung, sondern hat ihn ergänzt. Das ist der zweite Gedanke.

Und als drittes ist noch wichtig, dass bei Paulus noch mehr eine Rolle spielte, als nur eine bestimmte innere Einstellung. Es ging ihm um Christus. Durch ihn „vermochte er alles.“ Er war durchdrungen und erfüllt von der Gewissheit, dass Jesus Christus lebt, dass das Reich Gottes da ist und wächst. Dem hatte er sein ganzes Leben gewidmet. Christus hatte ihn ergriffen, und von daher lebte Paulus. Er wusste, es gibt ein Reich, das nicht von dieser Welt ist, und wer daran Anteil hat, ist gerettet. Paulus vertrat also keine Philosophie, er verkündete Jesus Christus und sein Reich. Dazu lud er ein.

Auch wir haben diese Botschaft irgendwann gehört, und durch die Taufe wurden wir in das Reich Gottes aufgenommen. Deshalb ist der Vers „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“ auch ein sehr schöner Taufspruch. Er besagt, dass Jesus Christus das Leben prägen und bestimmen soll, dass er uns Kraft verleiht, durch alles, was kommt, sicher hindurchzugehen. Er passt auch gut an den Anfang eines Lebens, wenn wir noch nicht wissen, wie es wird, und uns einen Beistand wünschen.

Aber natürlich ist die Taufe noch nicht alles, sondern dazu gehören zudem eine Entscheidung und ein Handeln. Wir sind eingeladen, diesen Glauben auch zu leben, auf Jesus Christus zu schauen und ihm wirklich zu vertrauen. Das kann im Gebet geschehen und beim Gottesdienst, bei unserem Dienst in der Kirche und an den Nächsten, in allen Lebenslagen. Und dabei geht es durchaus um die Kunst des Lassens. Es gilt, uns nicht so schnell aufzuregen, den Sorgen Einhalt zu gebieten, und uns nicht von unseren Ängsten bestimmen zu lassen. Die Übung der Gelassenheit geht Hand in Hand mit dem Glauben an Jesus Christus.

So war es bei Paulus, und das war letzten Endes das Geheimnis seines missionarischen Erfolges. Die Ausbreitung des Evangeliums war nicht sein Werk, sondern Jesus Christus wirkte durch ihn. Er hatte Paulus berufen und beauftragt. Und was die Menschen überzeugte, waren nicht gekonnte Reden, gutes Aussehen oder sicheres Auftreten. Im Gegenteil, wir wissen von Paulus selber, dass er keine beeindruckende äußere Erscheinung war. Er redete oft „in Schwachheit“, wie er selber sagt. (1.Korinther 2,1-5) Nicht seine menschlichen Fähigkeiten haben ihm genützt, sondern allein die Kraft Jesu Christi, die in ihm wohnte und durch den er „alles vermochte“.

Lasst deshalb auch uns unser Leben ganz auf Jesus Christus gründen.

Amen.

 

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