Jesus handelt nach dem Gesetz der Liebe

Predigt über Lukas 7, 36- 50: Jesu Salbung durch eine Sünderin

11. Sonntag nach Trinitatis, 1.9.2019
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Lukas 7, 36- 50

36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.
37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl.
38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl.
39 Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.
40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!
41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig.
42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?
43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.
44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.
45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen.
46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.
47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.
48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.
49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, ader auch die Sünden vergibt
50 Er aber sprach zu der Frau:
Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Liebe Gemeinde.

In der Mathematik gibt es klare Regeln und Gesetze, nach denen Zahlen errechnet, Schlussfolgerungen gezogen und Beweise geführt werden. Die Mathematik basiert auf der Logik, alles ist durchschaubar, vernünftig und nachvollziehbar.

Auch in der Natur gibt es Gesetze, die wir kennen oder erforschen können. Sie zeigen, wie alles miteinander zusammenhängt, welche Ursachen für welche Wirkungen verantwortlich sind, und wie bestimmte Vorgänge ablaufen. Die Naturgesetze helfen uns, die Ordnung hinter allem zu erkennen, und es ist gut, dass es sie gibt

Für das Zusammenleben haben wir Menschen uns deshalb auch Gesetze gegeben. Sie regeln das Miteinander und geben uns Orientierung. Durch die Gesetze lässt sich vieles vorhersagen, wir wissen, wie es uns durch unser Tun ergehen wird, welche Konsequenzen unser Handeln hat.

Und schließlich gibt es noch religiöse Gesetze. In der Bibel wird erzählt, dass Gott sie den Menschen gegeben hat. Sie dienen ebenfalls dem Gelingen des Lebens und offenbaren uns den Willen Gottes. Zudem erfahren wir durch das Gesetz Gottes, wie sich unsere Beziehung zu ihm gestalten soll.

Zurzeit Jesu gab es eine Gruppe von Menschen, denen das besonders wichtig war, es waren die Pharisäer. Sie hielten das Erbe Israels und die Überlieferungen der Väter in Ehren und kämpften mit leidenschaftlichem Eifer für die genaue Einhaltung der Vorschriften. Dabei galt für sie nicht nur das Gesetz des Mose, sondern auch mündlich überlieferte genaue und strenge Anwendungsregeln für das tägliche Leben. Sie meinten es ernst mit Gott und der Religion, und das ist ja eigentlich nicht schlecht.

Trotzdem geriet Jesus immer wieder in Konflikt mit ihnen. So war es auch, als er einmal bei einem von ihnen zu Gast war. Wir haben die Geschichte vorhin gehört. Sie spielt im Haus eines Pharisäers namens Simon, der offensichtlich Interesse an einem engeren Kontakt zu Jesus hatte. Er hatte ihn jedenfalls zum Abendessen eingeladen. Die Teilnehmer lagen dafür auf Kissen um eine Schüssel, die Füße waren nach außen gerichtet.

Nun war es im Orient nicht unüblich, dass Fremde in ein Haus eintraten, während dort gegessen wurde. Doch was hier geschah, war ein Ärgernis: Eine Frau verschaffte sich den Zugang, üblicher Weise nahmen nur Männer an so einem Essen teil. Obendrein ging diese Frau einem Gewerbe nach, durch das sie in den Augen der Pharisäer auf jeden Fall als Sünderin galt: Sie war eine stadtbekannte Prostituierte. Sie wollte zu Jesus, das hatte sie sich vorgenommen, denn sie kam mit einem Geschenk für ihn: In einem Alabasterfläschchen befand sich ein kostbares Salböl für seine Füße. „Sie trat [damit] von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit [diesem] Salböl.“ Wahrscheinlich liebte sie Jesus, und der ließ sich ihre Liebkosung auch gefallen.

Der Gastgeber war dagegen empört. Nach den Reinheitsvorschriften hätte Jesus diese Frau auf keinen Fall an sich herankommen lassen dürfen. Das sagte er zwar nicht, aber Jesus kannte seine Gedanken, und es kam es zu einem Gespräch. Zunächst erzählte Jesus ein Gleichnis, das im damaligen Kreditgeschäft spielte. Es handelt von zwei Schuldnern, die beide ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten. Die Schulden des einen entsprachen 50 Tageslöhnen, also ca. zwei Monatsgehältern, der andere schuldete das Zehnfache. Weil keine Aussicht auf Rückzahlung bestand, schenkte der Gläubiger beiden das geliehene Geld.

Der Pharisäer sollte nun sagen, wer von beiden wohl dankbarer war, und er antwortete richtig: natürlich der mit den größeren Schulden. Und damit musste er zugeben, dass auch die Frau für Vergebung und einen Schuldenerlass sehr dankbar sein würde. Und es scheint so, als geschähe das hier im Vollzug, während sie Jesus die Füße salbte. Denn Jesus lobte ihr Verhalten und stellte es sogar als vorbildlich hin. Er verglich sie mit dem Gastgeber und gab ihr den Vorzug. Denn Simon hatte einiges versäumt, was eigentlich gegenüber seinem Gast üblich gewesen wäre: Er hätte ihm beim Eintritt Wasser für die Füße bereitstellen, ihn mit einem Kuss begrüßen und Öl zum Salben des Hauptes reichen sollen. All das war nun durch die Frau geschehen, und deshalb stand sie besser da. Vor allem zeigte ihr Handeln, dass sie Jesus liebte.

Und diese große Liebe zu Jesus ermöglichte große Vergebung. Das kommt hier zum Ausdruck. Um diese Botschaft zu unterstreichen, erklärte Jesus anschließend öffentlich die Sünden der Frau für vergeben. Die Teilnehmenden bezweifelten zwar, ob er dazu überhaupt die Vollmacht hatte, aber davon ließ er sich nicht beirren. Er segnete die Frau und entließ sie mit dem Zuspruch, dass ihr Glaube sie gerettet hatte.

Jesus kannte also noch ein ganz anderes Gesetz, als das der logischen Folgerung. Er bestand nicht auf einem vernünftigen Zusammenhang zwischen dem Tun und dem Ergehen, sondern handelte nach dem Gesetz der Liebe. Und das sprengt hier die üblichen Regeln. Beide, sowohl die Frau als auch er selber, handelten anders, als es üblich war: Sie fragte nicht nach den Folgen ihres Handelns, verschwendete ihr Geld, gab sich einfach hin und vertraute auf die Liebe Jesu. Und er nahm das an, verteidigte sie, vergab ihr und schenkte ihr eine neue Perspektive.

Und das ist für uns genauso eine Herausforderung, wie für den Pharisäer. Es stellt auch uns in Frage und hält uns vor Augen, welches Gesetz das wichtigste ist. Es ist das Gesetz der Liebe. Lasst uns also fragen, was das für unser Leben bedeutet.

Und dabei hilft es uns, wenn wir uns den Unterschied zwischen dem Verhalten des Pharisäers und der Frau klar machen. Wir haben nämlich alle so einen Pharisäer in uns, und was die Frau tut und erlebt, kann auch für uns rettend und befreiend sein.

Der Pharisäer verkörpert unser Handeln nach Regeln und Gesetzen. Das ist tief in uns angelegt, denn es gibt uns Sicherheit und Orientierung. Unsere Eltern bringen uns das bei, und wir lernen es ebenfalls in der Schule: Nur wer sich richtig verhält, kommt klar. Mit diesem Gesetz wachsen wir auf. Und wir lassen uns von klein an darauf ein, weil es unserer menschlichen Vernunft entspricht. Vorgänge werden durchschaubar und nachvollziehbar. Wir wissen, was gut und was böse ist, setzen unsere Willenskraft ein und gewinnen Kontrolle über das Leben, denn vieles ist vorhersehbar. Wer schuldig geworden ist, wird bestraft, es wird ihm angerechnet, was er getan hat, und er kann dafür sühnen. Und das ist auch gut und wichtig für das Zusammensein, wir ordnen oder verhindern damit das Chaos und schützen uns gegen die Sünde. So lässt sich das Leben bewältigen, es kann gelingen.

Deshalb merken wir auch nicht, dass sich dieses Denken immer wieder auch in unsre Frömmigkeit einschleicht. Wir regeln unser Verhalten auch gegenüber Gott, versuchen die Wirkungen unseres Glaubens zu steuern, wollen ihn beeindrucken und insgeheim lenken. Wir sind wie die Pharisäer.

Und das ist nicht nur hilfreich, es hat auch Schattenseiten. Z.B. besteht die Gefahr, dass unser Verhalten starr und unbeweglich wird. Für Spontaneität ist nicht viel Raum. Außerdem verzehrt es Kraft. Wer immer alles richtig machen will, muss sich anstrengen. Wir sammeln Erfolge, und das führt dann wiederum dazu, dass unser Ich dabei groß wird. Wir werden selbstgefällig, halten uns für fehlerfrei und tadellos, und es entstehen Konflikte mit anderen. Denn möglicherweise erheben wir uns über sie, beurteilen oder verachten sie sogar. Denn natürlich sehen wir, wer alles in unseren Augen etwas verkehrt macht, sich unangemessen verhält und unausgesprochene Vorschriften übergeht. Die Gesetzlichkeit macht egoistisch und kleinlich, und genau das kritisiert Jesus in unserer Geschichte. Deshalb prangerte er das Pharisäertum an.

Er sah die vielen Menschen, die ihren Idealen nicht gerecht wurden, und er sah sie mit den Augen Gottes. Er wollte, dass alle gerettet werden, auch die Unvollkommenen und Schwachen, die Erfolglosen und Niedergeschlagenen. Zu ihnen gehörte die Frau. Ihr Verhalten war deshalb ganz anders, aber es war so, dass Jesus etwas mit ihr anfangen konnte und sie zum Vorbild machte.

Denn sie vertraute ihm und öffnete ihm ihr Herz. Dabei war sie ehrlich zu sich selber. Sie wusste, wie es um sie stand, und verschloss davor nicht die Augen. Sie brauchte Hilfe, und hatte sie bei Jesus erfahren. Deshalb fühlte sie sich zu ihm hingezogen und suchte den Kontakt. Sie liebte ihn. Das kommt in ihren Handlungen zum Ausdruck.

Und das ist auch für unsere Frömmigkeit das Entscheidende: Wir sollen nichts machen, sondern lieben. Dabei ist die Liebe eine Kraft, die uns ergreift und durchströmt. Wir vergessen uns selbst, wenn wir mit Liebe erfüllt sind, und rechnen nichts mehr auf. Die Liebe übersteigt die Vernunft und auch den Willen, sie ist inkonsequent und unergründlich und manchmal auch schwer nachvollziehbar. Man muss sie leben und empfangen und sich ihr hingeben.

Und bei all dem hilft Jesus uns, genau das hat er gebracht und uns geschenkt. Wir müssen es nur annehmen und uns darüber freuen: Uns werden unsere Sünden vergeben, d.h. alle unsere Unvollkommenheiten, unser Versagen, unsere Angst und unser Kleinmut darf und soll vorkommen. Jesus will nicht unsere Tadellosigkeit, sondern unsere Nöte und unser Leid. Er lädt uns ein, damit zu ihm zu gehen, es ihm anzuvertrauen und uns von ihm lieben zu lassen. Wir sollen keine Vorschriften beachten, sondern an ihn glauben, ihn lieben und uns ihm hingeben.

Nur dann werden wir gerettet und befreit. Denn im Mittelpunkt steht dabei nicht unser Ich, unsere Vernunft oder unser Wille, sondern Jesus und seine Kraft. Seine Liebe ergreift uns, und wir werden von seinem Geist erfüllt. In seiner Gegenwart können wir aufatmen und frei werden, weil wir uns selber und unsere Ideale und Wünsche loslassen. Unser Glaube rettet uns, weil er an uns handelt, wir werden zufrieden und glücklich.

Und das wirkt sich auch auf unser Miteinander aus, unser Verhalten ändert sich, denn wir wollen niemand anderem mehr etwas Schlechtes antun. Das ist die Perspektive, die Jesus der Frau gibt und die er auch uns verheißt. Der Kirchenvater Augustin hat das einmal sehr klar mit dem kurzen Satz zum Ausdruck gebracht: „Liebe, und dann tu, was du willst.“ Er steht in seinem Kommentar zum Johannesbrief und klingt fast zu einfach, um wahr zu sein. Aber ein von Liebe erfüllter Mensch braucht tatsächlich weniger Regeln und Gesetze. Er lebt auch so im Sinne Gottes und erfüllt seinen Willen. Denn natürlich achtet er bei seinen Entscheidungen darauf, ob er sich selbst und anderen schadet oder gut tut. Er kann gar nicht mehr egoistisch, aggressiv oder bösartig handeln. Seine Selbstherrlichkeit verschwindet, er sieht die anderen und setzt sich für sie ein.

Das „Gesetz der Liebe“ ist demnach wichtiger und wirksamer als alle anderen, und wir sind eingeladen, uns daran zu halten. Dann gelingt das Leben ganz von selber.

Amen.

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