Sieghafter Glaube

Predigt über Matthäus 15, 21- 28: Die kanaanäische Frau

17. Sonntag nach Trinitatis, 27.9.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Matthäus 15, 21- 28

21 Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
23 Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Stell sie zufrieden, denn sie schreit uns nach.
24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.
Liebe Gemeinde.
Lorbeerkranz, Goldmedaille oder Triumphbogen sind Zeichen eines Sieges. Sie sollen dauerhaft an den abschließenden Erfolg im Kampf oder Wettkampf erinnern. Gefeiert wird ein Sieg mit entsprechenden Posen, dem Hissen von Fahnen, dem Victory-Zeichen oder einer Siegerparade. Denn es ist ein tolles Gefühl und ein großartiges Ereignis, wenn man den Sieg über einen Gegner errungen hat. Es geschieht im militärischen oder sportlichen Kampf, sowie im politischen oder künstlerischen Wettbewerb. Preise, Belohnungen, erobertes Gut und Ähnliches machen den Sieger darüber hinaus zum Gewinner.
Der Gegner erfährt eine Niederlage und oft einen Verlust, er ist der Verlierer. Und die gibt es bei jedem Sieg genauso. Den Sieger stört das meistens nicht, das gehört dazu und wird von allen akzeptiert. Trotzdem ist das natürlich eine Schattenseite jedes Sieges, er hat immer zwei Seiten, eine gute aber auch eine zerstörerische.
Ist es deshalb sinnvoll, ihn in Zusammenhang mit dem Glauben zu bringen? Unser Thema heute lautet: „Sieghafter Glaube“, und das klingt kämpferisch und ungemütlich. Irgendetwas wird beim Glauben offensichtlich überwunden und vernichtet. Was ist das? Und wollen wir das überhaupt? Das müssen wir uns fragen, und dabei hilft uns das Evangelium von heute. Es handelt von Jesus und einer Frau. Sie haben eine Auseinandersetzung, es ist so eine Art Kampf, und aus dem geht die Frau eindeutig als Siegerin hervor. Was ist geschehen, und wie kam es dazu?
Jesus befand sich „in der Gegend von Tyrus und Sidon“, damit beginnt die Erzählung, und das ist nicht unwichtig, denn das waren zwei Küstenstädte auf heidnischem Gebiet. Sie zeichneten sich durch blühenden Handel und großen Reichtum, aber auch durch Gottlosigkeit und Feindschaft gegen Israel aus. Mehrfach haben die Propheten des Alten Testamentes ihnen das Gericht Gottes angedroht. Hier nun begegnet Jesus einer Frau, und es ist klar, dass er nicht besonders gut auf sie zu sprechen ist.
Schreiend kommt sie zu ihm, verzweifelt und aufdringlich. Sie ruft um Erbarmen und benutzt zwei Anreden für Jesus: „Herr“ und „Sohn Davids“. Das heißt, sie erkennt an, dass er der Messias ist. Sie glaubt an ihn und traut ihm Großes zu. Der Grund für ihre Not ist ihre Tochter, die „von einem bösen Geist übel geplagt“ wird. Heute würde man sagen, sie leidet an einer schweren psychischen Krankheit. Die Frau erwartet von Jesus ein Heilungswunder.
Doch das geschieht zunächst nicht, im Gegenteil, dreimal weist Jesus die Frau zurück. Zunächst „antwortet er ihr kein Wort“, er schweigt und ignoriert sie. Auch auf das Eingreifen der Jünger hin, er möge sie doch zufrieden stellen, tut er nichts, sondern sagt: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Er ist für die Frau nicht zuständig, seine Sendung bezieht sich nur auf Israel. Das beides war vielleicht gerade noch zu ertragen. Die dritte Zurückweisung ist dagegen wirklich erniedrigend. Nachdem die Frau trotzdem „kommt, vor ihm niederfällt“ und ihr Bitte wiederholt, „antwortet er: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ „Hund“ war ein schlimmes Schimpfwort, selbst wenn in diesem Bildwort wahrscheinlich Stubenhunde gemeint sind, die unter dem Tisch herumlungern. Mit ihnen vergleicht Jesus die Frau, und das ist eine schlimme Demütigung. Doch auch das beeindruckt sie nicht. Sie unterläuft die Zurückweisung vielmehr, indem sie das Bild aufgreift und fortsetzt: „Die Hunde fressen aber ja von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ So lautet ihre erneute Antwort. Und damit hat sie die Ablehnung Jesu endlich überwunden. Er staunt sich über ihre Beharrlichkeit und würdigt sie mit den Worten: „Frau, dein Glaube ist groß.“ Er erkennt ihre innere Stärke und auf Grund dessen gewährt er ihr Hilfe. „Ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“ Damit endet die Geschichte: Die Frau hat gesiegt und alles gewonnen, was sie sich gewünscht hat.
Und das kann auch uns so gehen. Dazu müssen wir die Geschichte in unser Leben übertragen. Wir gehen heutzutage mit dem Wunsch nach Heilung einer Krankheit zwar anders um und erwarten keine Wunder, trotzdem kann die Frau uns viel für unsere Glaubenspraxis zeigen. Um zu erkennen, was das ist, müssen wir uns auf das konzentrieren, was sich zwischen ihr und Jesus abspielt. Daraus können wir hier etwas lernen.
Seine dreifache Zurückweisung ist von Bedeutung. Darin spiegelt sich eine leidvolle Erfahrung, die wahrscheinlich jeder und jede irgendwann im Glauben einmal macht: Es ist das Schweigen Gottes, die vergebliche Fürbitte und das Gefühl, vor Gott unwürdig zu sein. Diese drei Anfechtungen hat bereits Luther in seiner Auslegung der Geschichte entfaltet, und die kennen wir. Der Glaube funktioniert nicht einfach so als Heilmittel für alles. Viele Gebete bleiben ungehört. Gott tut nichts, auch wenn wir ihn noch sehr bitten. Er scheint sich von uns getrennt zu haben.
Glaubenszweifel und Mutlosigkeit sind dann meistens die Folgen, und davon sind viele Menschen befallen. „Wie kann Gott so etwas zulassen?“ diesen Satz hört man häufig, wenn wieder einmal etwas Schlimmes geschehen ist. Ein Kind wurde ermordet, ein Unfall oder eine Naturkatastrophe hat viele Menschenleben gefordert. Zwischen den Blumen und Kerzen, die am Ort des Geschehens niedergelegt werden, finden sich immer auch Schilder mit dem einen Wort: „Warum?“. Es drückt Ratlosigkeit und Verlassenheit aus, Entsetzen und Unverständnis für das, was geschehen ist. Auch Auflehnung spricht aus diesem Wort: Gott hätte das doch verhindern können! Wo war er? Er soll sich rechtfertigen.
Und diese Gefühle und Gedanken kennen wir alle auch aus unserem persönlichen Leben. Nicht nur einmal geraten wir in eine leidvolle Situation, die wir kaum verstehen: Schwere Konflikte mit unseren Mitmenschen, Krankheiten, die sich nicht heilen lassen, Todesfälle, die uns in tiefe Trauer stürzen. Sie lassen uns fragen: Warum trifft das ausgerechnet mich? Und warum schweigt Gott und tut nichts?
Mit dieser Situation befasst sich die Geschichte, denn so ähn-lich muss es der kanaanäischen Frau gegangen sein. Sie zeigt uns also, was wir tun können, wenn Gott stumm bleibt und uns zurückzuweisen scheint.
Dabei müssen wir allerdings als erstes einsehen, dass es auf die Frage, warum Gott Leid zulässt, keine direkte oder eindeutige Antwort gibt. Die bekommen wir hier auch nicht. Gott rechtfertigt sich hier nicht. Wir werden vielmehr eingeladen, anders mit einer schlimmen Situation umzugehen, als diese Frage zu stellen. Und das ist gut, denn wo führt es hin, wenn wir versuchen, Gott für das Leid verantwortlich zu machen? Was bringt uns das? Der Versuch führt ins Leere und verstärkt unsren Schmerz nur.
Wir sollten diese Frage deshalb einmal unter die Lupe nehmen und eine Gegenfrage stellen. Sie lautet: Wo kommt es eigentlich her, dass wir von Gott verlangen, er möge sich rechtfertigen? Hat das überhaupt etwas mit ihm zu tun? Offenbaren wir damit nicht viel eher, was in uns selber vorgeht? Wir suchen damit ja einen Schuldigen. Wenn etwas Schlimmes passiert, muss doch irgendjemand verantwortlich sein! Sonst halten wir es nicht aus. Und so erfinden wir eine höhere Macht, in die wir unsere Ratlosigkeit und Verzweiflung hinein projizieren. Wir stellen uns so eine nebulöse Instanz vor, und an sie richten wir unsere Wut und unsere Traurigkeit. Denn die muss ja irgendwo hin. Wir suchen Entlastung, und dafür schaffen wir in unserer Phantasie eine Adresse, die wir Gott nennen.
Doch das funktioniert nicht, denn dieses Verhalten kommt aus unserer Auflehnung. Es hat negative Wurzeln und kann uns deshalb nicht befreien. Es hat auch nichts mit dem Gott zu tun, den die Bibel uns verkündet. Deshalb kann dieser Weg uns nicht helfen. Die Lösung liegt ganz wo anders.
Anstatt uns einen Gott auszudenken, dem wir die Schuld für das Leid geben, können wir uns an den wenden, der wirklich da ist. Es gibt einen lebendigen und wahren Gott, und der hat sich auch gezeigt. Er ist nicht im Nebel geblieben und auch nicht weit weg, sondern er ist uns ganz nah gekommen, in seinem Sohn Jesus Christus. In ihm sehen wir, wer Gott wirklich ist, und an ihn können wir uns wenden, allerdings nicht mit der Frage, warum er das Leid zulässt, sondern mit der Bitte um Hilfe. Das ist das erste, was die Frau tut, und wir können es ihr nachmachen: Wir müssen mit ihr zu Jesus laufen, zu ihm rufen und um Erbarmen bitten. Wir können das ruhig laut tun und all unsere Not hinausschreien. Unser Ärger, unsere Wut und unsere Traurigkeit müssen sich Luft machen, aber es ist ratsam, dafür gleich die Adresse zu wählen, die es wirklich gibt: Jesus Christus, der uns auf jeden Fall hört, und der das Leid und den Tod kennt. An ihn müssen wir glauben, ihm vertrauen und zu ihm beten. Das ist das erste, was die Frau uns zeigt.
Als zweites ist es wichtig, dass wir beharrlich bleiben. Ich sagte, Jesus Christus hört uns, aber es kann eine Weile dauern, bis wir das auch spüren. Wir brauchen Geduld und Hartnäckigkeit. Die fehlt uns leider oft. Denn keiner möchte gerne leiden, wir lehnen es ab, wollen es so schnell es geht los werden. Doch Ungeduld führt uns nicht aus dem Leid heraus. Es wird sogar noch schlimmer, weil die Auflehnung den Schmerz verstärkt. Wenn wir den Weg des Glaubens gehen, gehört dazu immer, dass wir das Leid, Angst und Verlassenheit zunächst aushalten, keine schnelle Lösung erwarten und auch das Schweigen Gottes ertragen. Jesus mutet uns das zu, und wir dürfen uns davon nicht beirren lassen. Er verlangt manchmal, dass wir warten und uns ihm ausliefern.
Der Glaube, den die Frau uns zeigt, ist so etwas wie reiner Glaube, gegen alle Vernunft, gegen den Augenschein. Sie war eine Heidin, d.h. sie kannte sich im Glauben Israels nicht aus. Sie wusste nicht viel über die Heiligen Schriften und Vorschriften, aber das war auch nicht entscheidend. Ihr Glaube wird am Ende trotzdem „groß“ genannt, weil er nicht aus Inhalten bestand, sondern aus einer starken Haltung. Er war in sich selber sinnvoll. Er stütze sich auf nichts, und hatte gerade dadurch tragende und überwindende Kraft. Das ist das zweite.
Und als drittes hat die Frau sich demütigen lassen. Sie hat ihre eigene Niedrigkeit erkannt und sich sozusagen hinten angestellt. Falls sie vorher selbstherrlich gewesen ist, so hat sie das in der Begegnung mit Jesus abgelegt. Sie ist niedergefallen und hat sich ihre Abhängigkeit und Hilflosigkeit eingestanden. Und das müssen auch wir tun.
Das ist wahrscheinlich der schwerste Schritt, aber er führt zu einer Lösung. Wir sollen unseren Stolz ablegen, uns selber loslassen und uns hingeben. Das klingt im ersten Moment vielleicht negativ, aber in Wirklichkeit liegt darin eine ganz große Befreiung.
Wir versprechen uns zwar immer sehr viel davon, wenn wir uns selber behaupten. Wir versuchen damit, zu siegen, aber viel gewinnen wir in Wirklichkeit nicht. Das müssen wir zuge-ben. Wenn wir ehrlich sind, ist es sogar sehr anstrengend. Am Ende sind wir meistens müde und erschöpft. Viel heilsamer und wohltuender ist es, aufzugeben und vor Jesus niederzufallen, denn damit fällt auch alle Anstrengung von uns ab. Das ist der dritte Schritt, und der führt schließlich zu einem Sieg. Es geschieht zwar kein Wunder, wie in der Geschichte, aber wir empfangen eine wunderbare Kraft, die uns frei macht. Wir bekommen Freude und neue Zuversicht. Das sind die Zeichen unseres Sieges.
Ihnen ging ein Kampf voraus, denn es ist nicht selbstverständlich, gegen die Leere anzutreten, geduldig zu warten und sich selber loszulassen. Aber wir können diesen Kampf gewinnen und dürfen am Ende unseren Sieg feiern. Es ist ein innerer Kampf, den wir führen müssen, und der Preis den wir bekommen, ist ebenfalls ein inneres Gut: Es ist die Gegenwart und Liebe Christi, die uns erfüllt und aufrichtet. Unser Glaube wird zur festen Grundlage für das ganze Leben. Wir werden mit großer Kraft und Zuversicht belohnt. Und was wir dabei überwinden, ist nichts weniger als diese Welt. Aus ihren Gesetzmäßigkeiten werden wir befreit. Wir gewinnen eine heilsame Unabhängigkeit von den irdischen Gegebenheiten. Leid und Tod sind die Verlierer, sie werden überwunden und vernichtet Aber anders als bei militärischen oder sportlichen Wettkämpfen, muss ihre Niederlage uns nicht leid tun.
Amen.

Sorget nicht!

Predigt über Matthäus 6, 25- 34: Vom Schätzesammeln und Sorgen

15. Sonntag nach Trinitatis, 13.9.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Matthäus 6, 25- 34

25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, bso wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Liebe Gemeinde.
„Einmal einfach loszusingen, loszuschreien, loszuspringen, in das volle Leben greifen, zu umarmen, was gefällt. Versinkt das Gestern, versinkt das Morgen, es bleibt der Sorgen noch genug auf dieser Welt.“
So beginnt ein Lied, das den Titel „Freude“ trägt. Alexej Stachowitsch dichtete es 1963. Das war ein österreichisch-russischer Autor, Pädagoge, Liedermacher, Techniker, Pfadfinder und Wandervogel. Vor zwei Jahren starb er 95-järig in Limburg an der Lahn. Axi, so lautet sein Fahrtenname, war eine beeindruckende Persönlichkeit, ein „Wandervogel“ durch und durch.
1896 war diese Bewegung in Steglitz bei Berlin entstanden. Schüler und Studenten bürgerlicher Herkunft lösten sich darin von den engen Vorgaben des schulischen und gesellschaftlichen Umfelds. In den Städten schritt die Industrialisierung fort, und dagegen entwickelten sie in der freien Natur eine eigene Lebensart. Der „Wandervogel“ stellte den Beginn der sogenannten Jugendbewegung dar. In seinen Liedern hat Axi das Lebensgefühl der Wandervögel wunderbar zum Ausdruck gebracht.
Langsam, betont und fast hymnisch ist das Lied über die Freude, und es bringt die große Sehnsucht nach einem sorgenfreien, unverstellten und ursprünglichen Dasein zum Ausdruck: „Einmal einfach sich verschenken, in die Freude sich versenken, aufzuwachen, aufzulachen, aufzuatmen du und ich.“ So lautet die zweite Strophe.
Das Lied beschreibt, was auch Jesus seinen Jüngern wünschte: Ein Leben ohne Sorgen, frei wie das der „Vögel unter dem Himmel“ und der „Lilien auf dem Felde“. Wir haben diesen Teil aus der Bergpredigt vorhin gehört.
Jesus macht darin seine Jünger auf die Vögel und Blumen aufmerksam, sie sollen sie betrachten und durch sie etwas lernen. Denn sie sind anders als wir, führen eine andere Art von Dasein. Bestimmte Dinge tun sie im Unterschied zu uns nicht: Die Vögel „säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen“, und die Blumen „arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht“. Sie sorgen sich um nichts. Wenn die Vögel sich in ihrem Element, der Luft bewegen, sind sie frei, freuen sich am Dasein und sind voller Lebenslust. Denn immer und überall finden sie, was sie als Nahrung brauchen. Es liegt herum, wird ihnen gegeben, sie müssen es nur aufsammeln.
Und genauso ist es mit den Blumen. Sie sind schön, ohne dafür etwas tun zu müssen, ohne eitel zu sein, ohne sich mit anderen zu vergleichen. Ihre Pracht ist einfach da und wurde ihnen geschenkt. Wie die Vögel führen sie ein absichtsloses Dasein.
Darauf macht Jesus seine Jünger aufmerksam, denn das sollen sie von ihnen lernen. Sie sollen sich an den Vögeln und Blumen ein Bespiel nehmen und sich nicht zu viele Gedanken um Essen und Kleidung machen, und wo das alles herkommt. Besser ist es, darauf zu vertrauen, dass ihr himmlischer Vater für sie sorgen wird.
Dabei muss man wissen, dass das Sorgen für Jesus und seine Jünger nicht ganz unberechtigt war, denn sie führten ein ungesichertes Dasein. Sie hatten ihre Berufe zum großen Teil aufgegeben und hatten kein festes Einkommen. Oft wussten sie nicht, wo das Essen für den nächsten Tag herkommen würde. Aber gerade deshalb ermahnt Jesus sie zur Sorglosigkeit. Die Frage nach Essen und Kleidung soll nicht an erster Stelle stehen, sondern sie sollen zuerst auf Gott vertrauen, sein Reich suchen und seinen Willen tun: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch solches alles zufallen.“ So lautet der abschließende Satz.
Das alles sagt Jesus auch zu uns, und das ist gut, denn natürlich machen wir uns immer wieder Sorgen. Im Moment beschäftigt uns z.B. alle der Strom von Flüchtlingen, der nach Europa und nach Deutschland kommt. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist groß, aber es gibt auch Ängste und Sorgen: Wo führt das hin? Die Folgen dieser Zuwanderung sind im Moment unübersehbar. Wo sollen all die Menschen auf die Dauer wohnen? Wovon sollen sie leben? Welche Kultur bringen sie mit? Wird es in unserer Gesellschaft so friedlich bleiben? Was müssen wir abgeben? Worauf müssen wir eventuell verzichten? Menschen am unteren Rand der Gesellschaft machen sich Sorgen, dass sie vergessen werden und nun noch ärmer und einsamer werden.
Und auch auf politischer Ebene tauchen Probleme auf: Europa droht sich zu spalten, es gibt keine einheitlichen Wertvorstellungen mehr, Grenzen werden geschlossen, Menschenrechte werden übergangen. Trotz aller Hilfseuphorie gibt es viele ungeklärte Fragen und Ängste, und die müssen wir auch ernst nehmen. Es ist bei uns Menschen leider alles etwas komplizierter, als bei den Vögeln und Blumen. Der Aufruf Jesu „sorget nicht“ hilft im ersten Moment nicht.
Was sollen wir damit anfangen? Ist es ein guter Rat? Können wir danach leben? Es gibt ja auch noch andere Zusammenhänge, in die hinein Jesus das sagt: Wir machen uns genauso Sorgen in unserem privaten Leben, um unsre Kinder z.B., wenn sie heranwachsen. Was wird aus ihnen? Wir können keinen Einfluss mehr ausüben und müssen sie sich selbst überlassen. Wir wissen nicht, ob ihnen gelingt, was sie vorhaben.
Und diese Liste könnten wir unendlich fortsetzen: Wir sorgen uns um unsere Gesundheit, um unser Wohlergehen, um unser Geld oder unseren Arbeitsplatz. Auf Reisen machen wir uns Sorgen, ob wir ankommen, zu Hause machen wir uns Gedanken, ob alles stehen bleibt. Unser ganzes Leben ist davon durchzogen, und die Inhalte sind sehr unterschiedlich.
Doch eins haben sie alle gemeinsam: Wir halten unsere Sorgen für realistisch und meinen, dass wir sie brauchen. Wir nehmen damit die Herausforderungen des Lebens ernst, machen uns nichts vor und verschließen uns nicht vor allen möglichen Gefahren. Wir wägen ab und berechnen, und denken, dass das sein muss.
Der Aufruf Jesu, uns keine Sorgen zu machen, klingt deshalb beim ersten Hören reichlich unrealistisch. Sollen wir einfach die Augen verschließen, uns schönen Illusionen hingeben und Träumen nachgehen? So könnte man seine Einladung, die „Vögel unter dem Himmel“ und die „Lilien auf dem Felde“ zu betrachten, ja hören. Sie wirkt etwas weltfremd. So reden eigentlich nur Aussteiger, Menschen wie die Wandervögel. Im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation ist uns Deutschen das auch bereits zum Vorwurf gemacht worden. In England war vom „Hippie-Deutschland“ die Rede, das nur nach dem Herzen handelt und den Kopf ausgeschaltet hat.
Doch so ist der Aufruf Jesu nicht gemeint. Es gibt einen Vers in unserem Abschnitt, von dem her wir ihn am besten verstehen. Er lautet: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch solches alles zufallen.“ Das „Reich Gottes“ erwähnt Jesus hier, und das ist der Schlüssel für seine Rede. Davon war sein Lebensgefühl bestimmt, von einem Reich, das nicht von dieser Welt ist. Jesus Christus kam in seinem Auftrag, er hat es für uns geöffnet. Es ist wie ein unsichtbarer Raum, in dem wir in Kontakt mit unserem Schöpfer kommen. Durch Jesus können wir in das Reich Gottes eintreten, denn in ihm ist Gott gegenwärtig. Wir müssen uns nur ihm anvertrauen und uns ganz auf ihn verlassen.
Jesus war also mitnichten unrealistisch, er war vielmehr von einer anderen Realität erfüllt als die meisten Menschen. Für ihn gab es noch mehr als diese Welt, mehr als das, was vor Augen liegt, und er wollte seinen Jüngern dafür die Augen öffnen. Sie sollten die ganze Realität erkennen. Und zu der gehört die Macht und Gegenwart Gottes: Gott ist da und er steht hinter allem, was geschieht.
Das war seine Botschaft, und die gilt auch uns. Jesus fordert uns auf, unseren Blick für das Reich Gottes zu öffnen, unser Bewusstsein auf ihn zu lenken und seine Gegenwart zu suchen, „dann wird uns alles andere zufallen.“
Jesus ruft uns also in die Entscheidung. Er fragt uns: Wie willst du denken und leben? Was soll dich bestimmen? Was soll in deinem Bewusstsein Vorrang haben? Er wusste: Ängste entstehen nicht nur dadurch, dass etwas Bestimmtes geschieht. Sie kommen nicht nur von außen, sondern hauptsächlich von innen und haben etwas mit dem Menschen zu tun, der sie hat. Sie bringen zum Ausdruck, wie er mit der Ungewissheit des Lebens umgeht.
Die ist ja da. Unserem Erkennen sind Grenzen gesetzt. Wir können nicht in die Zukunft schauen. Wir wissen nicht, wie es Menschen geht, mit denen wir gerade keinen Kontakt haben, über die wir keinen Einfluss haben. Unsere Möglichkeiten sind erheblich eingeschränkt, in jeder Hinsicht. Gedanken, die wir uns trotzdem über all das machen, was wir nicht kontrollieren können, bleiben Spekulationen, Vermutungen, Phantasien. Sie sind irreal.
Es ist deshalb eigentlich sinnlos und überflüssig, wenn wir uns zu viel damit beschäftigen. Denn sie lösen unnötige Sorgen aus. Das müssen wir erkennen. Unsere Sorgen führen uns nicht an die Realität heran, im Gegenteil, sie leiten uns oft in die Irre und trüben den Blick. Und ob das geschehen soll, können wir entscheiden. Wollen wir uns die Zukunft dunkel oder hell ausmalen?
Das ist die Frage, die Jesus uns stellt, und natürlich ist sie als Einladung gemeint, uns nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, was alles geschehen könnte. Es ist besser, gegenwärtig zu leben, uns selber zu spüren, und Ängste als irreal zu entlarven. Denn dann werden wir offen für das, was jetzt gerade geschieht. Wir wachen auf und werden frei für die Liebe Gottes. Sie ist da, und wenn wir auf Jesus vertrauen, empfangen wir sie.
Und dadurch wird ein ganz anderer Umgang mit der Welt möglich. Die Probleme verschwinden zwar nicht, Gefahren und Unsicherheiten bleiben bestehen, aber die Sorgen lösen sich auf. Wir haben keine Angst mehr, denn wir lassen uns von etwas anderem leiten, als von trübenden Gedanken. Das Vertrauen auf Jesus verändert uns, und dazu lädt er uns hier ein.
Die Art und Weise, wie die Mehrheit der Deutschen jetzt mit den Flüchtlingen umgeht, ist dafür ein wunderbares Bespiel. Sie lassen sich nicht von Ängsten leiten, sondern von Mitmenschlichkeit und Mitgefühl. Und das kann gar nicht verkehrt sein. Es ist das oberste Gebot der Stunde. Gewalt oder Abschottung kann weder die Antwort an die Flüchtlinge noch die Reaktion auf unsere Ängste sein. Wenn es eine Lösung gibt, dann kann sie nur im Vertrauen, in der Hoffnung und in der Liebe liegen. Wahrscheinlich ist es auch die Sehnsucht danach, die hinter der Welle der Hilfsbereitschaft steht. Menschen wollen nicht nur etwas Gutes tun, sie sehnen sich nach einer humanen Gesellschaft, nach Frieden und Gerechtigkeit. Und im Moment tragen viele dazu bei, dass sie bei uns wahr wird.
Und das ist gut. Die sogenannte Willkommenskultur ist wie ein Kraftstrom, mit dem wir den Strom der Flüchtlinge begleiten können. Er sollte genauso unaufhaltsam sein. Wenn alle zusammenhalten, wenn die Politik, die Medien und Organisationen an einem Strang ziehen, dann kann daraus etwas Großartiges werden. Ich bin mir sicher, dass es in unserer Gesellschaft noch viel Spielraum nach oben gibt, dass wir noch lange nicht alles getan haben, was möglich ist.
In dem Lied, das ich am Anfang erwähnte, heißt es weiter: „Seht die Masken, wie sie schwinden, Augen, wie sie Augen finden; herrlich steigt und neugeboren aus den Fesseln eine Welt.“
Das ist die Vision, die wir vor Augen behalten sollten Es war die Ideologie der Wandervögel, und sie deckt sich mit dem Evangelium. Dort ist sie Wirklichkeit geworden. Das hat Jesus bewirkt, er hat diese „neue Welt“ heraufgeführt. Wenn wir ihm folgen, wird sie wahr, denn wir werden von allen Ängsten und Sorgen befreit. Im Glauben und Vertrauen auf Jesus brauchen wir sie nicht. Wir können uns verändern und neu werden. Denn was uns trägt und hält, ist die Gegenwart des Reiches Gottes, seine Liebe und Kraft. Wenn wir uns darauf ausrichten, geschieht etwas. Wunder werden wahr, und eine unbeschreiblich große Freude kommt auf.
„Freude, Freude, lasst sie wehen, über Tiefen über Höhen, bis die Fülle uns durchflutet, trinken wir des Lebens Quell.“
So lautet die letzte Strophe des Liedes von Axi. Und dann kommt noch einmal der Refrain: „Versinkt das Gestern, versinkt das Morgen, es bleibt der Sorgen noch genug auf dieser Welt.“
Lassen Sie uns danach leben und nicht den Sorgen, sondern der Freude Raum geben. Amen.

Macht zu Jüngern alle Völker

Predigt über Mt. 28, 16- 20: Der Missionsbefehl

11. Sonntag nach Trinitatis, 16.8.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

In dem Gottesdienst wurde ein Kleinkind getauft.

Matthäus 28, 16- 20

16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. 18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Liebe Gemeinde.
„Wie viel Erde braucht der Mensch?“ Diese bedeutungsschwere Frage ist zu einem geflügelten Wort geworden. Die Gier nach Eigentum wird damit hinterfragt. Das hat Leo Tolstoi mit der gleichnamigen Erzählung sehr schön veranschaulicht. Sie handelt von dem Bauern Pachom. Der hört von einem durchreisenden Kaufmann, man könne billig gutes Steppenland weiter im Osten kaufen. Pachom reist mit seinem Knecht dorthin. Er wird von den Steppenbewohnern in ihrem Zeltlager freundlich aufgenommen und darf so viel Land kaufen, wie er von Sonnenaufgang bis -untergang zu Fuß umrunden kann. So läuft er los und misst im Geist seinen zukünftigen Besitz ab. Doch dabei überschätzt er seine Kräfte. Nachdem er endlich ein sehr großes Stück Land umschritten hat, bricht er vor Erschöpfung tot zusammen, denn zuletzt, bei sinkender Sonne, war er verzweifelt gerannt. „Der Knecht aber nahm die Hacke auf, grub ein Grab für Pachom, gerade so lang, wie er von Kopf bis zu den Füßen maß – sechs Ellen –, und scharrte ihn ein.“ (Leo Tolstoi, Meistererzählungen, Diogenes-Verlag Zürich, 1989, S. 240)  Das ist der letzte Satz, und damit sagt Tolstoi: Mehr Erde braucht der Mensch letzten Endes nicht.
Sehr drastisch hat er damit die Sinnlosigkeit der Gier nach Reichtum aufgedeckt. Sie ist einseitig und vergebens. Der Bauer war durchaus mit anderen Werten in Berührung gekommen, wie Bescheidenheit, Genügsamkeit, Nächstenliebe oder das richtige Gespür für die eigenen Grenzen. Doch das interessierte ihn alles nicht, und damit wurde er zur tragischen Figur.
Die Erzählung ist eine eindringliche Ermahnung, auf das zu achten, was im Leben wirklich zählt. Dabei müssen wir ernst nehmen, dass Tolstoi ein überzeugter Christ und tief gläubig war. Seine Erkenntnisse decken sich mit dem, was Jesus verkündete. Auch Jesus warnte seine Jünger vor Gier und Machtstreben, vor Angst und Sorgen um weltliche Güter. Er hatte sie etwas anderes gelehrt, und am Ende gibt er ihnen den Auftrag, diese Inhalte weiterzugeben. Es ist der sogenannte Missions- und Taufbefehl, den wir ihn vorhin gehört haben. Tolstoi hat ihn mit seinen Erzählungen befolgt.
Der Befehl bildet den Schluss des Matthäusevangeliums, d.h. Jesus begegnet hier ein letztes Mal seinen Jüngern. Er offenbart sich ihnen erneut als der Auferstandene, und die Jünger fallen vor ihm nieder
Dann spricht er mit ihnen, und seine Rede besteht aus drei Teilen. Zunächst sagt er ein Vollmachtswort: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Er hat also eine universale Macht, die keine Grenzen mehr kennt. Jesus hat seine irdische Existenz beendet und bekommt nun Anteil an der unumschränkten Macht Gottes des Schöpfers. Und das ist eine dienende und helfende Macht. Jesus tritt eine heilbringende Herrschaft an, die nicht mehr von den Unheilmächten überwunden werden kann. Das ist der erste Teil seiner Rede.
Und aus diesem Vollmachtswort folgt nun sein Auftrag an die Jünger. Er umfasst vier Betätigungen: Gehen, Zum-Jünger-Machen, Taufen und Lehren. Die Jünger sollen also alle Nichtglaubenden in den Heilsbereich Jesu hineinrufen, ganz gleich, ob sie in der Ferne oder in der allernächsten Nachbarschaft wohnen, und sie taufen, d.h. sie in den Glauben einweihen und in die Gemeinde aufnehmen. Das bedeutet eine Veränderung des ganzen Lebens. Denn wer an Jesus glaubt und sich zu ihm bekennt, gehorcht seiner Lehre. Damit ist hauptsächlich die Bergpredigt gemeint, die von einem friedlichen Miteinander, Sorgenfreiheit und Einfachheit spricht, von einem veränderten Bewusstsein also, das vom Willen Gottes bestimmt ist. Das Leben wird durch den Glauben an Jesus und die Taufe von neuen Maßstäben geprägt. Darauf sollen die Jünger die Menschen aufmerksam machen.
Und als drittes schenkt Jesus ihnen eine Verheißung, er sagt: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Er wird also mit ihnen sein. Er lässt sie in Wirklichkeit gar nicht allein. Er wird ihnen helfen, sie trösten und aufrichten, wann immer sie in Auseinandersetzungen, Härten und Entbehrungen geraten. Sie werden dann seine Kraft spüren. Das ist die gute Nachricht, an die sie sich immer erinnern dürfen und sollen.
Und diese Worte Jesu ergehen auch an uns. Als Christen haben wir ebenfalls den Auftrag, die Menschen „zu Jüngern Jesu“ zu machen, d.h. ihnen zu zeigen, dass er lebt und uns das Heil gebracht hat. Wir sollen die Menschen taufen und seine Lehre weitergeben.
Doch wie gehen wir da am besten vor? Das müssen wir uns fragen, denn so gute Schriftsteller wie Tolstoi sind wir nicht, und von den hergebrachten Missionsmethoden sind wir inzwischen abgerückt. Wir wollen niemanden belästigen oder manipulieren. Wir sind tolerant geworden und akzeptieren Andersgläubige. Und das ist auch gut so. Wir müssen den Menschen nichts überstülpen. Entscheidend ist vielmehr, dass wir selber die Lehre Jesu beachten. Wir müssen bei uns anfangen und das umsetzen, was er verkündet hat.
Dazu gehört als erstes, dass wir überprüfen und aufdecken, was uns innerlich eigentlich steuert. Wovon sind wir getrieben, was leitet uns an? Der Bauer Pachom war von der Gier nach Reichtum durchdrungen, und möglicherweise liegt uns das gar nicht so fern. Wir lassen uns jedenfalls gern von Leidenschaften hinreißen, von niederen Trieben, selbst wenn wir das eigentlich nicht wollen. Sie haben eine starke Macht. Wir müssen uns nur bewusst machen, wie oft wir von Angst oder Misstrauen erfüllt sind, Wut oder Zorn uns leiten, Lüge oder Heuchelei die Oberhand gewinnen. All diese Laster gehören zu unserem Alltag, und meistens sind sie so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht richtig merken.
Doch sie sind gefährlich und können vieles zerstören. Der Bauer Pachom ist dafür ein eindringliches Beispiel. Und selbst wenn es nicht ganz so schlimm kommt, andere negative Folgen sind genauso zersetzend. Denn unser Verhalten führt oft zu Konflikten und Trennungen, Streit und Zwietracht. Auch Einsamkeit und Sinnlosigkeitsgefühle, Erschöpfung und Missmut gehören zu den Folgen. Und das dürfen wir nicht verharmlosen. Wir werden davon manchmal weggespült und gehen unter. Denn es sind dabei böse Kräfte im Spiel, die uns in die Irre führen und vernichten wollen.
Das gilt es zu erkennen und gegebenenfalls die Richtung zu ändern. Wir müssen nicht so leben, wie wir es oft tun. Wir können das Böse vielmehr überwinden, und zwar indem wir uns „guten Kräften“ aussetzen. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Rm.12,21) So lautet der Taufspruch für Paul, und damit ist die Mahnung gemeint, auf die Lehre Jesu zu achten. Sie kann im Glauben an ihn lebendig werden, denn er will uns aus all unseren inneren und äußeren Verstrickungen befreien. Er hat Macht, er ist immer da, und er lädt uns ein, ihm zu vertrauen. Wir können uns seinem Heil aussetzen und uns von seiner Liebe durchdringen lassen. Dann verändern sich unser Lebensgefühl und unser Handeln. Die Leidenschaften verlieren ihre Macht, wir fühlen uns frei und sehen klarer, was wirklich zählt. Die Oberflächlichkeit, der wir oft erliegen, verliert ihren Reiz. Wir werden gelassen und zuversichtlich. „Wir überwinden das Böse mit Gutem.“
Und damit bringen wir den Menschen genau das, was Jesus möchte und was sie auch brauchen. Wir erfüllen seinen Auftrag besser als auf irgendeinem anderen Weg. Denn wir reden nicht über seine Lehre, wir leben sie vielmehr und dadurch ereignet sie sich. Wir werden frei und gelassen, bescheiden und genügsam, verständnisvoll und aufrichtig. Unseren Mitmenschen gegenüber sind wir viel zugewandter und verweisen auf das Wesentliche. Sie können uns vertrauen und sich auf uns verlassen. Und in all dem schwingt mit, was ihnen wahrscheinlich am meisten fehlt: Möglicherweise wissen sie es gar nicht, aber tief in jeder menschlichen Seele liegt die Sehnsucht nach der Ewigkeit verborgen, nach einem Sinn, der größer ist, nach einer Liebe, die nie aufhört. Jesus hat uns das gebracht, und durch unseren Glauben an ihn bringen wir es zu den Menschen.
Auch für unsre Kinder ist das der entscheidende Wert im Leben. Es ist deshalb gut, wenn wir sie auf den Namen Jesu taufen. Wir legen damit eine Grundlage für „das Gute“, wir setzen einen Anfang und verbinden das Leben eines Menschen mit der Macht und Gegenwart Christi. Das geschieht mit Paul heute: Ihm wird die Liebe Jesu zugesagt, er wird in seine heilende Macht hineingenommen. Wenn er sich darauf verlässt, kann er immer wieder alles Böse überwinden.
Doch damit das geschieht, ist es wichtig, dass er die Liebe und Macht Christi auch kennen lernt, dass er davon erfährt und sie schon früh in sein Herz hineinkommt. Und das kann nur geschehen, wenn Sie, seine Eltern und Paten sie ihm geben, wenn Sie sich in Liebe ihm zuwenden und dabei selber auf Gott und sein Heil vertrauen. Paul braucht das genauso, wie alles andere, was Sie ihm geben, ja vielleicht braucht er es sogar am meisten. Wenn er lernen soll, das „das Böse mit Gutem zu überwinden“, muss er die Kraft des Guten erfahren und erleben.
Das ist der Sinn des Missionsbefehls und unser aller Auftrag. In einem Gedicht von der Schriftstellerin Maria Nels ist das sehr schön ausgedrückt. Ich habe es einmal in einem Kloster gefunden. Dort gab es einen Ständer mit Zetteln, auf denen verschiedene Zitate standen. Sie waren zum Mitnehmen gedacht. Ich habe das mit diesem Gedicht getan, denn es ist für mich wie ein Leitfaden, an den ich mich immer wieder erinnern möchte. Es lautet:

Glaub mir, sie brauchen dich,
die Menschen, die mit dir gehen!
Sie brauchen dein Gutsein und dein Verstehen,
deinen blanken geraden Sinn,
der sich freihält von raschem Gericht,
der Treue kennt
und Wahrheit verspricht.
Sie brauchen die Reinheit in deiner Gestalt
und deines Wortes klare Gewalt,
und das, was ihnen am meisten gebricht:
Dein Wissen um das ewige Licht.

Amen.

Anvertraute Gaben

Predigt über Matthäus 25, 14- 30: Von den anvertrauten Zentern

9. Sonntag nach Trinitatis, 2.8.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Matthäus 25, 14- 30

14 Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;
15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.
16 Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.
17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.
18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.
20 Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.
21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.
23 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast;
25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.
26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?
27 Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.
29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Liebe Gemeinde.
„Kleider machen Leute“. So lautet der Titel einer bekannten Erzählung des Schweizer Dichters Gottfried Keller aus dem Jahr 1874. Die Geschichte handelt von dem Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der sich trotz Armut gut kleidet. Er gelangt in eine fremde Stadt und wird dort wegen seines Äußeren für einen polnischen Grafen gehalten. Nachdem er aus Schüchternheit versäumt, die Verwechslung aufzuklären, versucht er sich davonzumachen. Doch da betritt eine junge Dame, Tochter eines angesehenen Bürgers, den Schauplatz. Die beiden verlieben sich ineinander, worauf der Schneider die ihm aufgedrängte Grafenrolle weiterspielt.
Natürlich dauert es nicht lange, und er wird entlarvt. Fluchtartig verlässt er daraufhin die Stadt. Doch glücklicherweise ist die Liebe zwischen ihm und seiner Braut echt. Sie hält zu ihm, und so kommt es zum Schluss zum Happy End: Er gründet mit ihrem Vermögen ein Atelier und bringt es zu Wohlstand und Ansehen. Das Sprichwort „Kleider machen Leute“ hat sich in diesem Fall also bewährt.
Das tut es allerdings mitnichten immer, schön wär’s, denn wir führen unser Leben gern nach dieser Devise: Wir halten Schein und Sein oft nur schwer auseinander. Wir lassen uns leicht täuschen und spielen eher eine Rolle, als dass wir wir selber sind.
Und das ist schade, denn tief in uns tragen wir alle ein Bild, das der Schöpfer von uns hat, einen Kern, der uns von Gott mit unserer Geburt gegeben wurde. Aus ihm soll sich unser Leben entwickeln. Es ist etwas Wertvolles und Schönes in uns angelegt, das sich entfalten soll. Und wir sind dafür verantwortlich, dass es wächst und gedeiht.
Davon handelt das Gleichnis, das wir vorhin gehört haben. Vier Personen kommen darin vor: Ein Herr und drei Sklaven. Sie bekommen von ihm viel Geld anvertraut und sollen daraus etwas machen.
Folgendermaßen verläuft die Erzählung: Ein Großkaufmann verreist und überträgt Dreien seiner Knechte sein Vermögen. Er überlässt es ihnen, wie sie damit umgehen. Es sind beträchtliche Geldsummen, aber nicht jeder erhält gleichviel. Der Herr kennt seine Sklaven und kann ihre Tüchtigkeit einschätzen.
Und die ersten beiden werden auch gleich nach seiner Abreise tätig. Sie legen das Geld bei der Bank an, so dass es sich vermehrt. Das Bankwesen gab es damals schon so ähnlich wie heute. Nur der Dritte handelt anders, und der steht deshalb im Mittelpunkt: Er vergräbt die 6000 Denare in der Erde. Warum er so handelt, wird zunächst nicht gesagt.
Denn erstmal kehrt der Herr zurück und belohnt die beiden zuverlässigen Knechte für ihre Treue. Für den dritten sieht es dagegen schlecht aus. Jetzt erfährt man auch die Motivation für sein Handeln: Ihm fehlte der Mut zum Einsatz, er hatte Angst vor dem Herrn und dachte, genug getan zu haben, wenn er das Anvertraute einfach nur aufbewahrte.
Doch selbst mit dieser Sorge hätte es noch bessere Möglichkeiten gegeben, darüber belehrt ihn sein Herr, dem das Verhalten gar nicht gefällt. Der Knecht wird deshalb sozusagen entlassen. Er sinkt in die Bedeutungslosigkeit. Die anderen beiden dagegen „gehen ein zu ihres Herrn Freude“. Im übertragenen Sinn ist das das Freudenmahl Gottes, die Gemeinschaft mit ihm in seinem Reich. Dazu passt es, dass das Schicksal des dritten Knechtes der Hinauswurf in die „Finsternis“ ist, in der „Heulen und Zähneklappern“ sein wird. Damit ist die „Hölle“ gemeint.
Das ist das Gleichnis, und damit will Jesus uns daran erinnern, dass wir eines Tages – spätestens beim Jüngsten Gericht – vor Gott Rechenschaft über unser Leben ablegen müssen. Es geht um die Frage, wie es sich in der Zeit hier auf der Erde gestaltet. Jesus sagt uns mit dem Gleichnis, worauf es dabei ankommt.
Dabei ist uns das Ende sicher zu gruselig. So etwas hören wir nicht gern, dass der dritte Knecht als „unnütz“ bezeichnet und in Ewigkeit verdammt wird. Es passt nicht in unser Denken, wir haben die Vorstellung von der Hölle abgelegt.
Trotzdem ist es gut, wenn wir den Ernst der Botschaft erkennen und uns auf die Ermahnung zur Verantwortung einlassen. Denn oft leben wir ganz anders, als Gott es von uns möchte, und das hat durchaus verheerende Folgen. Das sollten wir uns als erstes bewusst machen.
Dafür ist es gut, wenn wir das Verstecken des Geldes, zu dem sich der dritte Knecht hier entschieden hat, einmal auf unser Leben übertragen. Es bedeutet ja, dass wir aus dem, was uns anvertraut wurde, nichts machen. Wir vergraben es und lassen es vermodern. Und das kann sich auf ganz unterschiedliche Weise ereignen.
Meistens beginnt dieser Fehler schon damit, dass wir gar nicht richtig erkennen, was Gott uns überhaupt gegeben hat und was er von uns will. Bei vielen Entscheidungen im Leben folgen wir nicht dem, was in uns liegt, sondern äußeren Einflüssen, Erwartungen anderer, Bildern aus der Werbung oder Rollen, die die Gesellschaft uns auferlegt. Und davon gibt es ganz viele.
Zu einem gelungenen Leben gehört es nach gängiger Meinung z.B., dass wir eine vernünftige Ausbildung und einen anständigen Beruf haben. Außerdem wird erwartet, dass wir irgendwann heiraten und eine eigene Familie gründen. Schönheit und Erfolg, Gesundheit und Klugheit, Kontaktfreudigkeit und Selbstsicherheit, das sind die Dinge, die wir alle irgendwie anstreben. Wenn sich diese Elemente in guter Weise mischen, entsprechen wir dem üblichen Bild.
Wer dagegen keine vernünftige Ausbildung und kein gutes Einkommen hat, wird sofort beargwöhnt. Genauso geht es sogenannten Muttersöhnchen, die nie bei ihren Eltern ausziehen. Auch Einzelgänger sind uns suspekt. Kleine, dicke oder hässliche Menschen werden oft nicht ganz ernst genommen, und kinderlose Paare tun uns leid.
Denn unausgesprochen haben wir uns auf bestimmte Werte geeinigt, und danach beurteilen wir andere und uns selbst. In der Novelle von Gottfried Keller ist das sehr schön dargestellt: Da reichen bereits die schönen Kleider eines Menschen, damit er ins Bild passt und von allen anerkannt wird. Was dahinter steckt, interessiert sie zunächst gar nicht, denn sie haben sich an den schönen Schein längst gewöhnt.
Doch so kann das Leben nicht gelingen. Das wird trotz des guten Ausgangs auch in der Novelle deutlich. Denn durch die Demaskierung tut sich hinter der vergoldeten Welt ein bodenloses Loch auf. Eisig und grauenhaft wird dieser Moment dargestellt, und er führt den Schneider in die persönliche Katastrophe. Es ist dem Höllengrund durchaus vergleichbar. Das macht der Dichter dadurch deutlich, dass die Entlarvung bei einem maskierten Toten- und Gespenstertanz erfolgt. Der Schneider wird fallen gelassen, und das ist wie eine Strafe und Folter. Der Dichter warnt uns mit der Geschichte also davor, uns so von Äußerlichkeiten steuern zu lassen.
Denn auch für uns hat das oft schlimme Folgen, die wir durchaus mit der Hölle vergleichen können, in die der dritte Knecht gestoßen wird. Wir müssen dafür gar nicht die Bibel bemühen. Das Leben selber bereitet uns die Qualen, denen er ausgesetzt wird.
Dazu gehört z.B. der permanente Leistungsdruck, unter den wir geraten. Wir müssen dauernd etwas tun, Ziele erreichen, Wünsche erfüllen, Aufgaben erledigen, usw. Das kann auf die Dauer ermüden. Irgendwann sind wir erschöpft und können nicht mehr. Und was geschieht dann? Auch vor uns tut sich ein Loch auf. Wir bekommen Angst und machen uns Sorgen, zweifeln an uns selber und wissen nicht weiter.
Und das kann auch schon viel früher einsetzen. Denn oft passen wir von vorne herein nicht in das Bild, das wir selber und andere uns auferlegen. Viele Menschen leiden an Minderwertigkeitskomplexen. Sie vergleichen sich mit anderen, sind neidisch und schließen sich selber aus. Sie leben am Rand der Gesellschaft und sind dort traurig und unglücklich. Die seelische Not und das Elend vieler Menschen sind oft größer, als wir ahnen. Die Strafe für ein Leben, das sich nur in diesen Bahnen bewegt, erfolgt also ganz von selber, und sie ist oft grausam und hart.
Es ist demnach ratsam, dass wir uns ein ganz anderes Verhalten und Denken angewöhnen, als nur den Erwartungen und Bildern zu folgen, die angeblich gelten. Das Gleichnis legt es uns nahe, und es lohnt sich wie gesagt, wenn wir es ernst nehmen.
Dabei ist es hilfreich, wenn wir in drei Schritten vorgehen. Zunächst einmal ist es wichtig, dass die drei Knechte nicht die gleiche Summe Geld anvertraut bekommen. Wenn wir das übertragen, heißt es, dass alle Menschen eine unterschiedliche Bedeutung und Aufgabe haben. Wir sind nicht alle gleich und müssen es von daher auch nicht sein. Die Unterschiede sind hier unbedeutend, sie werden einfach nur erwähnt und ganz selbstverständlich vorausgesetzt. Und das heißt, es gibt kein Raster, in das wir alle hineinpassen, keinen Maßstab, der für alle gilt. Entscheidend ist nicht, was wir darstellen, sondern dass wir überhaupt etwas geschenkt bekommen haben.
Und was das ist, müssen wir als erstes erkennen. In Wesen Gottes ist jeder und jede von uns klar und deutlich abgebildet. Gott hat von uns ein Bild, das bei allen ein anderes ist. Unsere erste Aufgabe ist es, das zu entdecken. Wir werden hier gefragt, womit wir eigentlich wuchern können. Und dazu sollen wir uns nicht mit anderen vergleichen, sondern in uns gehen, uns selber spüren und nachlesen, was Gott in unserem Innersten geschrieben hat. Das wäre der erste Schritt zu einem gelingenden Leben.
Die spanische Mystikerin Theresa von Avila hat dazu einmal ein sehr schönes Gedicht geschrieben. Sie hat sich vorgestellt und innerlich gehört, was Gott zu ihrer Seele sagt. An einer Stelle heißt es in diesem Gedicht: „Gott spricht: In meines Herzens Tiefe trage ich dein Porträt, so echt gemalt; sähst du, wie es vor Leben strahlt, verstummte jede bange Frage.“ * Das dürfen wir uns von Gott sagen lassen.
Und damit sind wir bei dem nächsten Schritt. Er kommt zwar nicht direkt in dem Gleichnis vor, aber wir können ihn durchaus dahinter entdecken. Es ist die Tatsache, dass der Herr seinen Knechten zugetan ist. Er kennt sie und vertraut ihnen. Die Beziehung zwischen ihm und ihnen ist von Nähe und Liebe gekennzeichnet. Sonst wäre die Freude über die ersten beiden Knechte und die Enttäuschung über den Dritten nicht so groß.
Und das heißt auf unser Leben übertragen: Gott kennt uns und er liebt uns so, wie wir sind. Er glaubt an uns, er nimmt uns an und hat sich uns zum Eigentum auserwählt. Wir dürfen uns bei ihm geborgen wissen, ganz gleich, wie und wer wir sind. Ob wir klein oder groß sind, gesellig oder zurückgezogen, verheiratet oder allein, wir dürfen genauso sein, denn so werden wir geliebt. Wir dürfen unsere Fehler und Schwächen annehmen, und unsere Stärken und Gaben gleichermaßen. Denn das tut Gott ebenso. Er ist uns immer ganz nah und will an uns wirken, das gilt es zu spüren. Wir dürfen in seiner Liebe zu Hause sein.
Denn dann geschieht das Dritte ganz von alleine: Unser Leben und unsere Seele können sich entfalten. Wir kommen innerlich in Bewegung und werden offen für das, was wir sein sollen. Wir treten nicht auf der Stelle und verfehlen auch nicht unsere Bestimmung. Neid und Minderwertigkeitsgefühle verschwinden, die Traurigkeit weicht, es kommt Freude auf, und wir werden glücklich. Und das geschieht nicht, weil wir etwas Großartiges leisten oder eine tolle Rolle in der Gesellschaft spielen, sondern durch die lebendige Kraft der Liebe Gottes. Sie kann uns zutiefst heil und froh machen, und genau das ist unsere eigentliche Bestimmung.
Die Novelle, die ich erwähnte, geht gut aus. Aller Schein und alle Lüge werden aufgedeckt, das Theater ist zum Schluss vorbei, und die Liebe siegt. Durch sie wird der Schneider Wenzel Strapinski gerettet. Er darf wieder er selber sein und tut am Ende das, was er am besten kann.
Und auch unser Leben gelingt am ehesten, wenn die Liebe darin wirkt. Das verkündet Jesus uns. Gleichzeitig bietet er uns seine Liebe an, und die ist noch viel mehr, als menschliche Zuneigung: Denn damit lädt er uns zu Gott ein und ruft uns in sein Reich. Wir müssen uns nur auf den Willen Gottes und seine liebende Kraft einlassen. Dann steht unser Leben unter seiner Verheißung und kann gelingen.
Amen.

* Teresa von Avila, „Ich bin ein Weib – und obendrein kein Gutes“; ein Porträt der Heiligen in ihren -Texten; ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Erika Lorenz; Freiburg 1989; S. 41

Wandelt als Kinder des Lichtes

Betrachtungsgottesdienst Kinder des  Lichtes“,  26.7.2015, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

8. Sonntag nach Trinitatis
Predigt über Johannes 12, 35f: Werdet Kinder des Lichtes

Wir haben im Gottesdienst wieder zwei Kunstwerke betrachtet. Das war einmal das  Buntglasfenster unserer Kirche, auf denen Feuerflammen zu sehen sind, und ein Gemälde von der Künstlerin Cornelia Patschorke, das den Titel trägt: „Er kam als Licht in die Welt“.
Mit den Betrachtungen wurden wir an den Heiligen Geist und das Licht Christi erinnert. Wir sollen es empfangen. Der Wochenspruch dazu lautet: „Wandelt als Kinder des Lichtes. Die Frucht des Lichtes ist lauter Gütigkeit und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Epheser 5,9) Es ging also darum, dass unser Lebenswandel vom Licht und vom Geist Christi geprägt sein möge.

 

Betrachtung des Buntglasfensters Flammen
von Binia Kempe

Ausgangspunkt unseres Gottesdienstes heute ist einPfingstenes der Buntglasfenster. Sie haben alle am Eingang eine Karte mit der Abbildung des Fensters bekommen. Wenn Sie das Fenster im Original genauer betrachten möchten und dafür einen ungünstigen Platz haben, setzen Sie sich doch bitte gern jetzt auf einen anderen Platz.

Die Epistellesung für den heutigen Sonntag steht im Brief des Paulus an die Epheser im 5. Kapitel und ist überschrieben mit: Kinder des Lichtes.

Epheser 5, 8b- 13

8b Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.
9 Wandelt wie die Kinder des Lichtes – die Frucht des Lichtes ist lauter Gütigkeit und Gerechtigkeit und Wahrheit –
10 und prüfet, was da sei wohlgefällig dem Herrn.
11 Und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, strafet sie vielmehr.
12 Denn was heimlich von ihnen geschieht, das ist schändlich auch nur zu sagen.
13 Das alles aber wird offenbar, wenn´s vom
Licht gestraft wird; denn alles was offenbar wird, das ist Licht.
14 Darum heißt es: Wache auf, der du schläfst,

und stehe auf von den Toten,
so wird dich Christus erleuchten.

Was sehen wir nun in unserem Fensterbild?
Der Künstler, der die Fenster geschaffen hat – das war im Jahre 1963 Gerhard Hurte aus Eutin – hat wohl, das dürfen wir sicher annehmen, an das Pfingstfest gedacht. In der Apostelgeschichte wird das Pfingstgeschehen so erzählt:
„Und es erschienen ihnen Zungen, wie von Feuer, die sich verteilten und sich auf jeden von ihnen setzten, und sie wurden alle mit dem heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu predigen, wie der Geist es ihnen eingab.“ (Apg. 2, 3f)
Wir sehen Zungen, man spricht auch von Feuerzungen, gelb und heiß. Feuerzungen die in den blauen Himmel lodern und Licht geben.
Das Feuer war in der damaligen Welt des Alten und Neuen Testaments eines der vier Elemente, aus denen die Welt besteht: Wasser, Erde, Luft und Feuer.
Im Alten Testament ist das Feuer meist Bild und Symbol für den Zorn Gottes.
Im Neuen Testament ist es dann Symbol der Herrlichkeit und Heiligkeit Gottes, zum einen brennend und verzehrend und zum anderen leuchtend und Wärme spendend.
Es ist aber auch Symbol des Heiligen Geistes, zum einen wegen der Pfingstgeschichte und zum anderen wegen der Worte Johannes des Täufers:
Ich taufe euch mit dem Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.  (Mt. 3,11)
Das Feuer – zum einen beängstigend, verzehrend und heiß, zum anderen reinigend und Helligkeit, Wärme und Licht gebend: so viele verschiedene Möglichkeiten sind in dem Feuer.
Wie hatte Luther übersetzt im Epheserbrief:
„Wache auf, der du schläfst,
und stehe auf von den Toten,
so wird dich Christus erleuchten. (5,14)
Erleuchtung – ja, auch darin ist das Bild vom Feuer.
Der heilige Geist kann uns auf so viele verschiedene Arten erleuchten.

 

Betrachtung des Gemäldes Er kam als Licht in die Welt von Cornelia Patschorke (2003)
von Christa LehmannLicht

Ein zweites Bild, ein zweiter Zugang zum Thema „Licht“ – Sie halten die Karte in der Hand. Geschaffen
wurde das Werk von Cornelia Patschorke, einer zeitgenössischen Künstlerin, im Jahr 2003. Sie hat dazu Acrylfarbe und Sand auf eine 90 x 90 cm große Leinwand  aufgebracht.
„Er kam als Licht in die Welt“ nennt sie diese Darstellung. Ein dunkles Blau in verschiedenen Abstufungen und leuchtendes Gelb bestimmen das Bild, wobei das Gelb wie eine Säule die blauen Flächen von einander trennt. Es wirkt wie ein Lichteinbruch in den quadratischen Raum, der – wie die Zahl vier – als Symbol für die Welt verstanden werden kann. Wir erinnern uns an die Schöpfungsgeschichte:
„… es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ (1. Mose 1, 2-5a)
Die Kraft des Lichts drängt die Dunkelheit zurück. Das ist die Aussage dieser Darstellung. So kommt uns als zweites Jesus in den Sinn, der von sich selbst sagte: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh 8,14) Aus dem Bild ist zu spüren, was Johannes am Anfang
seines Evangeliums schreibt: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (1,5) Und etwas weiter spricht er das an, was die Künstlerin auch mit dem quadratischen Format ausdrückte: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ (1,9)
In der Lesung aus dem Matthäusevangelium haben wir eben gehört: „Ihr seid das Licht der Welt“ (5, 14a) Oder, wie es bei Johannes heißt: „Wer mir nachfolgt,…wird das Licht des Lebens haben“ (8,14) Das bedeutet doch, dass wir als Christen am Licht Jesu Christi teilhaben, wenn wir uns auf ihn einlassen, ihn in unser Leben hineinlassen. Sein Feuer will in uns brennen. Durch jeden und jede von uns – trotz all unserer  Unvollkommenheit – will Jesus seinem Licht Raum schaffen in dieser so oft dunklen und kaltherzigen Welt: „damit sie eure guten Werke sehen und – darum geht es! –  euren
Vater im Himmel preisen.“ (Mt. 5,16)

 

Predigt über Johannes 12, 35f

Johannes 12, 35.36:

35 Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.
36 Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.

Liebe Gemeinde.
Wir haben zwei Bilder betrachtet, die das Licht zum Thema hatten, unser Pfingstfenster und ein modernes Gemälde. Es sind zwei geistliche Bilder, d.h. sie wollen die biblische Botschaft veranschaulichen, und das ist ihnen auch sehr gut gelungen.
Vom Licht ist ja an vielen Stellen in der Bibel die Rede, und es steht immer im Zusammenhang mit der göttlichen Kraft und Gegenwart. Sie ist wie Feuer und Wärme, sie verdrängt die Finsternis und bringt Licht und Klarheit. Das zeigen die Bilder sehr schön.
Dabei sollen wir das nicht nur hören und betrachten. Das Ziel der biblischen Aussagen und der Bilder ist vielmehr, dass wir das Licht empfangen und selber darin wandeln. Es kann die Dunkelheit aus unserem Fühlen und Denken vertreiben, und darauf sollen wir uns einlassen. Christus möchte, dass sein Feuer in uns brennt, wie wir gehört haben. Er lädt uns ein, „Kinder des Lichtes“ zu werden.
Dazu gibt es viele Stellen im Neuen Testament. Einige haben wir bereits gehört. Im Johannesevangelium finden wir diese Aussagen in einem Gespräch, das Jesus mit seinen Jüngern führt. Sie waren bereits in Jerusalem, um am Passafest teilzunehmen. Die Stadt war also voll von Menschen, und Jesus hatte bei seinem Einzug auch Aufsehen erregt. Deshalb war er mit seinen Jüngern jetzt nicht allein, sondern viel Volk stand um ihn herum und hörte zu. An diese Menschen sind seine Worte ebenso gerichtet, wie an die Jünger.
Er thematisiert darin seinen nahe bevorstehenden Tod und will erklären, warum der geschehen muss: Er wird nicht sinnlos sein, sondern Frucht tragen und neues Leben schaffen. Er wird den Menschen das Heil bringen. Das ist seine Botschaft, und er fordert die Zuhörer dringend auf, daran zu glauben. Besonders in seinen abschließenden Worten kommt dieser Ruf in die Nachfolge zum Ausdruck. Sie lauten:
35 Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.
36 Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.
Er wusste, dass sein Tod eine Verheißung hatte, dass er Heil bewirkt und ewiges Leben. Doch das geht nur dem auf, der an Jesus glaubt. Das betont er hier. Er bietet den Umstehenden eine letzte Chance an, diesen Glauben anzunehmen. Das Dunkel der Nacht wird kommen, davon war er überzeugt, und dann brauchen sie das Licht, das von ihm ausgeht. Wenn sie es jetzt annehmen, werden sie als „Kinder des Lichtes“ zu ihm gehören und durch seine Erhöhung am Kreuz zum ewigen Leben gerettet werden. Das ist hier die Botschaft, und die gilt auch uns.
Doch wie geht das nun, und wollen wir das überhaupt? Akzeptieren wir diesen krassen Gegensatz, der auch auf den Bildern dargestellt ist? Sehen wir es genauso, dass wir mit Jesus das Licht haben, ohne ihn aber in der Finsternis wandeln?
Die Aussagen sind uns wahrscheinlich etwas zu dringlich und zu radikal. So dunkel ist es doch in unserem Leben gar nicht, selbst wenn wir nicht an Jesus glauben. Und wenn wir es tun, dann müssen wir trotzdem nicht gleich so kompromisslos sein, denn in vielen Bereichen des Lebens brauchen wir Jesus nicht. Da zünden wir lieber selber Lichter an, und dann wird es auch ohne ihn hell und klar.
Denn wir haben vieles, worüber wir uns freuen, und können unseren Verstand gebrauchen, um zu erkennen, wo es lang geht. Unser Fühlen und Denken geben uns die Richtung an, wir handeln aus eigener Kraft, und das meiste gelingt uns auch ganz gut. Das ist unsere gängige Meinung.
Aber stimmt die eigentlich? Ist es wirklich so, dass wir immer klar kommen, auch ohne Glauben und ohne die Kraft Gottes? Lassen Sie uns diese Meinung einmal überprüfen. Unser Fühlen und Denken haben ja ihre Grenzen, das sollten wir uns klar machen. Wir sollten einmal ehrlich sein und zugeben, dass es mitnichten heilsam ist, wenn wir nur unserem eigenen Willen folgen. Im Gegenteil, viele Probleme entstehen genau dadurch, dass uns unsere Ideen und Einsichten oft so wichtig sind.
Das erste Problem ist, dass wir uns durch unser eigenes Den-ken oft unter Leistungsdruck setzen. Es verursacht Unruhe und Hektik, ist anstrengend und macht uns müde. Irgendwann sind wir erschöpft und haben keine Kraft mehr. Das ist die eine Grenze, an die wir früher oder später geraten.
Dazu kommt, dass sich in unser Denken immer auch trübende Elemente mischen. Das sind unsere z.B. unsere Wünsche und Phantasien, Erwartungen und Illusionen. Wir sind ja nie ganz frei davon, und dadurch werden wir unseren Mitmenschen gegenüber leicht einmal ungerecht. Wir überschätzen unsere Möglichkeiten, werden laut und machen uns und andere scheu. Wir verlieren viele unnötige Worte, verschwenden Energie und verletzen uns gegenseitig. Oft entstehen mehr Probleme, als dass welche gelöst werden, denn viele Beziehungen werden belastet und möglicher weise sogar zerstört. Oft spielt Gewalt in unser Handeln mit hinein, denn sie äußert sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Konflikte und Spaltungen sind die Folgen, und im schlimmsten Fall Mord und Totschlag.
Die schrecklichsten Beispiele dafür sind die Fanatiker, Terro-risten oder die Nationalsozialisten. An ihnen erkennen wir, wie schnell wir in die Irre geleitet werden können, und wo uns das hinführt. Da ist es dann wirklich finster, denn es herrschen Bosheit und Lüge. Die Dunkelheit bricht herein, Unfrieden, Krieg und Zerstörung breiten sich aus.
Das meint Jesus mit der „Finsternis“, und wir sollten seine Aussagen doch ernst nehmen. Denn die Finsternis ist für uns eine Gefahr. Selbst wenn wir nicht gänzlich darin gefangen sind, es ist schon schlimm, wenn wir uns überhaupt in diese Richtung bewegen. So weit sind wir von der Dunkelheit, die uns verschlingen kann, dann nicht mehr entfernt, und es ist gut, wenn wir auf die Worte Jesu hören.
Sie können uns retten und bewahren, denn er bringt uns ein Licht, das größer und heller ist, als all unsere Gedanken und Gefühle. Es hat eine ganz andere Qualität, denn es ist nicht von dieser Welt. Es kann deshalb alles durchdringen und leuchtet tiefer in unsere Wirklichkeit hinein, als unsere eigenen Lichter es jemals können. Sie verblassen dagegen geradezu. Jesus kann uns eine Klarheit schenken, die unser eigenes Fühlen und Nachdenken bedeutungslos macht.
Und zu diesem Licht und dieser Klarheit sind wir heute einge-laden. Wir sollen seinen Geist empfangen, sein Feuer soll in uns brennen und sein Licht in uns leuchten. Wenn wir es gewinnen wollen, ist es deshalb gut, wenn wir zunächst einmal inne halten und ruhig werden, unsere eigenen Gedanken loslassen, egal, wie gut wir sie finden. Anstatt etwas zu tun, müssen wir ins Licht Christi schauen, auf ihn, und uns von ihm erfüllen lassen. Er möchte uns sein Licht und seine Klarheit schenken, uns reinigen und erleuchten. Er verkündet uns, dass die Lösung unserer Probleme längst da ist. Wir müssen gar nicht so viel machen, nicht die Welt verbessern oder andere Menschen belehren, niemanden retten oder heilen. Das kann Jesus viel besser und er will es auch. Denn mit ihm ist Gott in diese Welt gekommen. Er ist für uns gestorben und auferstanden, und die Ewigkeit steht offen. Wir haben keine andere Aufgabe, als seinen Geist zu empfangen und in seinem Licht zu wandeln. Das reicht schon aus, wenn wir etwas Gutes tun wollen. Denn das hat Folgen.
Wir werden ruhig und fest, Freude und Gelassenheit ziehen in unseren Geist ein. In unserer Seele entsteht Frieden. Und wenn das so ist, bringen wir mehr in die Welt, als alle anderen, denn wir bringen „Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“, wie es im Epheserbrief heißt. Es herrschen also nicht mehr Rechthaberei und Gewalt, sondern Freundlichkeit und Erbarmen. Fairness und Redlichkeit bestimmt unser Handeln, wir erlangen Sicherheit und Gewissheit. Und das wichtigste, das wir den Menschen geben können, was ihnen am meisten fehlt, ist das ewige Licht. Es kann sich durch uns ausbreiten und vermehren und diese Welt heller und wärmer machen.
Lassen Sie uns deshalb dem Aufruf Jesu folgen und „Kinder des Lichtes“ werden.
Amen.
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Seid barmherzig!

Predigt über Lukas 6, 36- 42

4. Sonntag nach Trinitatis, 28.6.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

In dem Gottesdienst wurden zwei Babys getauft.

Lukas 6, 36- 42

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn aeben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.
39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?
40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.
41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?
42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Liebe Gemeinde.
„Zu ihrem Sohn hatte sie keinen Kontakt mehr.“ Diesen traurigen Satz höre ich manchmal bei Beerdigungsgesprächen: Eltern und Kinder haben sich aus irgendeinem Grund entzweit. Leider gibt es so etwas in vielen Familien. Ursachen sind Meinungsverschiedenheiten und Konflikte, Enttäuschungen oder Verletzungen. Auch im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde oder im Verein ereignet sich so etwas.
Denn so sind wir Menschen: Wir denken alle unterschiedlich, haben gegensätzliche Bedürfnisse und können die Meinung und das Handeln der anderen manchmal nicht ertragen. Dazu kommt das Bestreben, Recht zu behalten und sich durchzusetzen. Und so kommt es zu Spaltungen und Zerwürfnissen.
Die Zeitung besteht eigentlich nur aus solchen Nachrichten: Überall in der Welt gibt es Streit und Konflikte, einige sind harmlos, andere wiegen schwer. Politische, weltanschauliche oder religiöse Auseinandersetzungen führen zu Beschuldigungen, Verleumdungen und leider oft zu Kriegen.
Und das war schon immer so, seit es die Menschheit gibt. Auch Jesus kannte dieses Phänomen und er hat darunter gelitten. Er sah, wie destruktiv die Menschen oft miteinander umgehen, und er hat etwas dagegen gesetzt. Wir haben es in der Lesung vorhin gehört. Sie ist ein Teil aus der sogenannten „Predigt auf dem Felde“, die wir im Lukasevangelium finden, der Parallele zur Bergpredigt bei Matthäus. Von daher kennen wir die Aussagen auch. Sie handeln von der „Stellung zum Nächsten“ und werden mit dem Aufruf zur Barmherzigkeit eingeleitet. Es geht um Verständnis füreinander und um die Annahme von Mitchristen und Mitchristinnen als Geschwister innerhalb der Gemeinschaft. Der Grund zu dieser Aufforderung, liegt in der Barmherzigkeit Gottes.
Konkret bedeutet das: Nicht richten und nicht verurteilen. Oft führen die Maßstäbe, die jemand durch den Glauben gewonnen hat, zu rigorosen Verdammungen. Davor sollen die Christen sich hüten. Jesus weist dafür auf das Gericht Gottes am Ende der Zeiten hin: Da entscheidet sich alles, vorher sollen die eigenen, menschlichen Normen nicht die Barmherzigkeit verdrängen. Das wird durch zwei praktische Forderungen ergänzt: Einmal sollen wir Gnade walten lassen, einander vergeben und uns von unserer Schuld befreien. Und zum anderen sollen wir geben, d.h. einander beschenken, mit den irdischen Gütern also nicht geizen, sondern freizügig sein.
Und dann folgt das bekannte Bild vom „Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen Auge.“ Wenn wir uns das konkret vorstellen, ist klar, dass ein Balken im eigenen Auge blind macht. Das Fatale ist, dass wir genau das Gegenteil denken: Wir meinen, wir sehen klar und spielen uns als „Blindenführer“ auf. Dabei merken wir nicht, dass wir selber gar nichts sehen, und so „fallen beide in die Grube“. Wer seine Mitchristen unbedingt ändern und bessern will und nicht mehr merkt, was er selber alles falsch macht, führt sich und die anderen ins Verderben.
Mit diesem harten Bild warnt Jesus seine Jünger eindringlich vor dem gegenseiteigen Richten. Und diese Mahnung sollen sie auch nicht dadurch außer Kraft setzen, dass sie als Jesusjünger denken, vielleicht etwas Besseres oder sogar „über dem Meister“ zu sein. Sie sollen vielmehr ganz auf die Kritik innerhalb der Gemeinde verzichten. Jeder soll zuerst seine eigenen Fehler beseitigen, bevor er sich anderen als Helfer anbietet. Alles andere ist Heuchelei.
Das ist der Predigttext von heute, und der ist auf dem Hintergrund unsres üblichen Umgangs miteinander geradezu revolutionär. Bei einem Streit sehen wir normalerweise nur die Fehler der anderen, „die Splitter in ihren Augen“. Wir geben ihnen die Schuld, finden sie gemein und ungerecht, egoistisch und herrschsüchtig. Dagegen stellt Jesus seine Aussagen. Er entwirft hier ein völlig neues Bild vom menschlichen Zusammensein, er schlägt etwas vor, was alle herkömmlichen Muster umkrempelt. Und das ist gut, denn er öffnet damit ganz neue Möglichkeiten, aus vertrackten und verfahrenen Situationen herauszukommen.
Das wünschen wir uns ja eigentlich. Keiner will einen Konflikt wirklich. Im Grunde wollen wir Ruhe haben. Und wir denken, sie tritt ein, wenn der andere sich endlich fügt, endlich tut, was wir wollen, oder noch besser, verschwindet. Wir wollen „den Splitter entfernen“, d.h. die Störung beseitigen, sie loswerden, und schlagen dafür manchmal wild um uns. Zu einer Lösung führt das allerdings nicht, im Gegenteil, normalerweise wird der Streit dadurch nur noch schlimmer. Die Situation eskaliert und alles geht kaputt.
Ein Ausweg öffnet sich nur dann, wenn jeder und jede bei sich selber anfängt, vom anderen ablässt und sich selbst erforscht. Doch das scheint ganz schwierig zu sein. Warum tun wir das so selten? Es fällt uns unwahrscheinlich schwer. Und das liegt wahrscheinlich daran, dass wir Angst davor haben. Was bekommen wir denn zu sehen, wenn wir in uns blicken? Es können unangenehme Dinge sein, auf jeden Fall entdecken wir dabei nicht nur Schönes. Es sind „die Balken im eigenen Auge“, d.h. Fehler und Schwächen treten zu Tage, und die beunruhigen uns. Führt es nicht in die Niederlage, wenn wir sie zugeben? Wir fürchten uns vor den negativen Seiten in unsrer Seele und unserem Verhalten, weil wir uns dabei zu verlieren drohen. Es fühlt sich an, als würden wir untergehen. Es hat etwas Selbstzerstörerisches an sich, das ist jedenfalls unser spontanes Empfinden.
Doch so sind die Mahnungen Jesu nicht gemeint. Von einer krampfhaften Selbstzerknirschung ist hier nicht die Rede. Es geht in einem ersten Schritt vielmehr darum, dass wir uns selber überhaupt spüren. Anstatt in einem Konflikt nur auf den anderen zu starren und ihn ändern zu wollen, sollen wir uns fragen: Was ist eigentlich mit mir los? Was bewegt mich denn? Was erfüllt mich gerade? Dabei stellen wir zunächst fest, dass es wahrscheinlich Wut und Angst ist, Misstrauen und Sorge, und das sind lauter negative Kräfte. Die tun uns gar nicht gut. Trotzdem lassen wir sie ungehemmt zu und versinken darin manchmal. Das gilt es zunächst einmal zu erkennen. Wir müssen es nicht verurteilen oder abschalten, sondern anschauen und wahrnehmen, denn dadurch tauchen wir daraus bereits auf. Wir steigen aus der zerstörerischen Dynamik eines Konfliktes aus und machen uns von unseren Festlegungen frei. Und das ist in Wirklichkeit gar nicht so schwer, wir müssen nur darauf kommen und dazu bereit sein.
Dann verändert sich auch unser Verhalten. Das ist der nächste Schritt. Es gibt dazu in der Gesprächsführung sogar eine Methode. Erfahrene Gesprächsleiter oder Gesprächsleiterinnen laden die Kontrahenten z.B. gerne dazu ein, dem anderen keine Vorwürfe mehr zu machen, sondern von sich selber zu reden, sogenannte Ich-Botschaften zu senden. Der oder die andere wird eingeladen, dabei einmal nur zuzuhören. So wird eine positive Energie freigesetzt, die oft schon zu einer Lösung des Konfliktes führt. Wir können uns entspannen, sehen klarer und erkennen, was den anderen wirklich bewegt. Menschen, die sich streiten, finden wieder zueinander, wenn sie sich ernsthaft darum bemühen.
Und als Christen sollte uns das erst recht möglich sein, denn wir haben immer jemand Drittes in unserer Mitte: Es ist Jesus Christus, der uns mit der positiven Kraft versorgt, die wir brauchen. Wir müssen nur auf ihn blicken, ihm vertrauen und uns für seine Gegenwart öffnen. Dann empfangen wir Barmherzigkeit, und die setzt sich durch. Das ist das Dritte. Im Glauben an Jesus Christus kann uns gar nichts passieren, selbst wenn wir Fehler und Schwächen haben, denn er nimmt uns persönlich auf jeden Fall so an, wie wir sind. Er liebt uns alle und schenkt uns seine Kraft. Es ist die Kraft der Gnade, des Vertrauens und Wohlwollens. Damit erfüllt er uns, und das kann alles heilen. Unsere Seele kommt zur Ruhe. Ärger, Angst und Enttäuschung weichen. Das Negative löst sich ins Nichts auf. Wir legen Lasten ab, und es wird etwas neu. Die Dinge rücken sich zurecht. Das Kleine wird klein, und das Große wird groß. Wir werden fähig, zuzugeben, dass der oder die andere doch nicht so ganz verkehrt liegt, dass wir selber auch Fehler gemacht haben. Wir können über unsren eigenen Schatten springen und uns entschuldigen.
Und das wünsche ich der Welt und unserem Land, jeder Familie, jedem Freundeskreis und jeder Gemeinde, dass die Kraft der Liebe Christi uns Frieden ermöglicht.
Besonders wünsche ich es den Familien, deren Kinder heute getauft werden. Sie haben beide gerade damit angefangen, eine Familie zu sein: Christian Erichsen ist letztes Jahr im August geboren, Max Ehlers kam im Februar zur Welt, und sie sind beide der jeweils erste Sohn. Durch die Taufe werden sie mit Jesus Christus verbunden. Er nimmt sie an, er schenkt ihnen seine Liebe, und darauf dürfen auch ihre Eltern und Großeltern, Paten und Verwandten vertrauen. Dann haben Sie immer jemanden in der Mitte Ihrer Familie, von dem eine positive Kraft ausgeht. Wenn Sie an ihn glauben, dann wird es nie dazu kommen, dass der Kontakt zu Ihrem Sohn aus irgendeinem Grund einmal abbricht. Dann wird die Liebe und die Barmherzigkeit Sie immer wieder auffangen und erfüllen und Sie durch alle Höhen und Tiefen Ihres gemeinsamen Lebens begleiten.
Amen.

Die große Einladung

Predigt über Lukas 14, 15- 24: Das große Abendmahl

2. Sonntag nach Trinitatis, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Lukas 14, 15- 24:

15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!
16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.
17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!
18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.
21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.
22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.
24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Liebe Gemeinde.
„Komm her!“ Diesen Befehl hören und gebrauchen wir alle ganz oft. Ich selber sage ihn wahrscheinlich am meisten zu unserer Hündin, und wir haben gleich am Anfang gelernt: Wenn sie gehorchen soll, muss es sich für sie lohnen, zu uns zu kommen. Das muss schöner und spannender sein, als alles andere, was sie gerade tut. So einigermaßen hat sie das auch gespeichert, sie befolgt den Befehl ganz gut.
Bei Menschen ist es etwas einfacher, denn die verstehen ja, was die Worte bedeuten. Sie wissen, „kommen“ heißt, sich in Bewegung zu setzen und zu der Person hinzugehen, die ruft.
Die Gründe, warum wir als Menschen zu jemandem kommen, sind deshalb vielschichtiger. Wenn ein Lehrer z.B. „Komm her“ sagt, weil ein Schüler etwas ausgefressen hat, geschieht es aus Angst. Bei Erwachsenen kann Höflichkeit ein Grund sein, Pflichtbewusstsein oder ein hierarchisches Gefälle. Es muss sich nicht immer lohnen, sondern gehört sich eben.
Auf jeden Fall entscheiden wir, ob wir dem Befehl bzw. der Einladung folgen. Wir können sie auch ausschlagen und nicht kommen.
So etwas geschieht in dem Gleichnis, das wir vorhin gehört haben. Es handelt vom „Großen Abendmahl“, oder von der „großen Einladung“. Sie kennen es sicher alle, denn es ist eine der bekanntesten und schönsten Geschichten im Neuen Testament. Jesus erzählt es an einem Sabbat im Haus eines oberen Pharisäers. Er war dort zu Gast und saß mit anderen an einem Tisch. Er hatte mit ihnen bereits über Fragen der Frömmigkeit gesprochen. Ein Mann spricht nun ein weiteres Thema an, und zwar die Teilhabe am Reich Gottes nach der Auferstehung. Er stellt es sich wie ein Festmahl vor, und preist diejenigen „selig“, die daran teilnehmen. Damit ist das Gleichnis gut eingeleitet, denn nun will Jesus erklären, wer an diesem Tisch Gottes sitzt und sich „selig preisen“ darf.
Die Hauptperson ist ein Hausherr, „ein Mensch“, wie es wörtlich heißt. Näheres wird über ihn nicht gesagt. Und es gibt auch keinen offensichtlichen Anlass, warum er zu einem „Abendessen“ einlädt. Der Grund für das Fest ist einfach nur die Freude am Leben und am Zusammensein. Essen und Trinken sind dafür ja auch immer ein sehr gutes Mittel. Bei einem festlichen Mahl erfahren wir Gemeinschaft und Nähe, wir sind fröhlich und gut gestimmt. Und das wollte „der Mensch“ hier mit seinen Freunden einfach einmal erleben. Sie hatten deshalb auch alle rechtzeitig Bescheid gekriegt, sie waren lange vorher eingeladen worden.
Aber dann passiert das Ärgerliche: Einer nach dem anderen sagt ab. Die ersten beiden, weil sie gerade Neuanschaffungen getätigt haben: Der eine hat einen Acker erworben, der andere ein Gespann Ochsen. Und sie müssen sich das jetzt erst mal angucken. Der dritte sagt ab, weil er gerade geheiratet hat, er will wohl mit seiner Frau zusammen sein. Das kann man zwar verstehen, aber so ganz plausibel sind die Entschuldigungen nicht. Dabei ist klar, dass das nur Beispiele sind. Sie stehen für alle Geladenen, die auf das Kommen aus verschiedenen Gründen verzichten. Nichts von dem, was sie vorbringen, hätte sie von der Teilnahme an dem Fest abzuhalten brauchen. Sie reden sich heraus. Es liegt also eine offensichtliche Geringschätzung der Einladung vor, eine Missachtung und Beleidigung des Gastgebers.
Der wurde darüber auch zu Recht wütend. Was sollte er tun? Das Fest einfach ausfallen lassen oder verschieben? Das passiert hier nicht.
Er lädt vielmehr kurz entschlossen andere Gäste ein. Zweimal schickt er seine Knechte los, um die Menschen hereinzuholen, die sonst nie eingeladen werden, die von anderen verachtet werden, die man deshalb auch auf den „Straßen und Gassen der Stadt“ findet: „die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen“. Die galten in der damaligen Gesellschaft als Ausgestoßene, keiner beachtete sie, weil sie als minderwertig galten. Mit Sicherheit freuen sie sich jetzt, sind bestimmt überrascht und überwältigt und kommen sofort mit. Die zweite Gruppe ist dann nicht viel anders. Es sind die, die außerhalb der Stadt, „auf den Landstraßen und an den Zäunen“ stehen, also Fremde und Reisende. Auch sie kommen sicher gerne.
Und so kann das Fest stattfinden. Das Haus ist gefüllt und alle freuen sich. Nur die Zuerst Geladenen, die kommen jetzt nicht mehr hinein, der Hausherr will nichts mehr von ihnen wissen, es kommt zum Bruch mit ihnen.
Das ist das Gleichnis, das Jesus hier erzählt, und es soll – wie gesagt – ein Sinnbild für das Reich Gottes sein: Es ist wie ein Fest, zu dem Gott einlädt. Dabei ruft er nicht nur die Frommen aus dem Volk Israel. Die sind hier nämlich mit den zuerst Geladenen gemeint. Er sucht vielmehr alle, besonders aber die Notleidenden und Hilfesuchenden, die Fremden und Ausgestoßenen. Sie brauchen keinerlei Voraussetzung, sie müssen einfach nur kommen.
Damit beschreibt das Gleichnis den Kern der christlichen Verkündigung: Gott lädt alle zu sich ein. Das Gleichnis enthält die Botschaft, dass christlicher Glaube wie die Teilnahme an einem Fest ist, zu dem jeder kommen kann. Jesus hat das nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt. Wenn man die Evangelien liest, entdeckt man, dass er selber offensichtlich gerne gefeiert hat. Er liebte Feste, ließ sich von allen möglichen Leuten einladen und veranstaltete selbst offene Mahle. Dabei war er heiter und ließ die Menschen etwas von der Güte Gottes erfahren. Deshalb steht in der Mitte seiner Verkündigung immer wieder dieses Bild einer fröhlichen Mahlgemeinschaft. Die Türen dazu stehen jedem offen, und das Gleichnis will uns dazu ermahnen, auch hineinzugehen in diesen Festsaal.
Die Frage, ist bloß, ob wir das überhaupt möchten und können. Wollen wir zu so einer Festgemeinschaft dazugehören? Jesus sagt zu uns: „Kommt her!“, aber lohnt sich das auch für uns? Ich sagte ja, dass wir uns letzten Endes immer entscheiden, ob wir so einer Einladung folgen.
Wenn ich mir die Menschen vorstelle, die an dem Mahl in dem Gleichnis teilnehmen, dann muss ich z.B. an den Geruch denken, mit dem dieser Saal gefüllt wird, an den Dreck und die Lumpen, auch an das Elend, das diese Menschen ja mitbringen, das Leid und die Traurigkeit. Kann da überhaupt Feststimmung aufkommen? Außerdem hat es etwas Demütigendes an sich, zu dieser Gruppe der Eingeladenen zu gehören. Wir sehen uns selber doch ganz anders.
Es liegt uns nicht fern, genauso zu handeln, wie die Erstgeladenen. Sie hatten alle etwas Interessanteres zu tun. Sie wollten sich mit Dingen beschäftigen, die ihnen Spaß machten. Und das ist auch für uns meistens ein entscheidendes Kriterium, nach dem wir uns entscheiden. Wir tun, was uns Freude verspricht, und sind dabei auf alle möglichen weltlichen Dinge fixiert: Unseren Wohlstand, zu dem die Wohnung oder das Haus gehören, Kleidung, Essen und Trinken. Abwechslung, Spaß und Vergnügen locken uns am ehesten. Wenn jemand uns dazu einlädt, kommen wir gern. Auch die Familie ist uns wichtig, die Ehefrau oder der Ehemann, wie in unsrem Gleichnis, Kinder und Enkel, Verwandte und Bekannte.
Das ist zwar alles ganz natürlich, aber genau deshalb erzählt Jesus das Gleichnis. Er will uns ermahnen, all das nicht als Ausrede zu benutzen, seiner Einladung zu folgen. Und es ist gut, wenn wir darauf einmal hören, denn leider schlagen auch wir sie oft aus. Es ist irgendwie unattraktiv und langweilig, sich zu viel mit dem Glauben zu beschäftigen. Was heißt das auch schon? Sollen wir immer in die Kirche gehen, in der Bibel lesen und beten? Die anderen Dinge sind faszinierender. Sie scheinen mehr Glück und Freude zu versprechen.
Aber ist das eigentlich wirklich so? Lassen Sie uns einmal genau hinschauen, was passiert, wenn wir uns tatsächlich nur auf die Welt festlegen. Macht uns das glücklich? All die schönen Dinge können uns ja auch verloren gehen. Sie haben keinen Ewigkeitswert und nützen uns oft gar nichts. Es muss z.B. nur eine Krankheit kommen, die uns zu schaffen macht, schon ist die Ruhe dahin. Und die Familie ist auch nicht immer so, wie wir sie uns wünschen. Viele Ehen gehen auseinander, es gibt überall Konflikte und immer wieder Ärger.
Und das können wir auch nicht schönreden. Natürlich versuchen wir, unser Leben immer so glänzend wie möglich zu sehen. Wir bemühen uns, die Unvollkommenheit zu vertuschen und etwas anderes darzustellen. Wir schämen uns für unsere Fehler und Schwächen, allerdings nur heimlich, es soll am liebsten niemand merken. Und genau das ist anstrengend und funktioniert irgendwann nicht mehr. Da bricht doch alles zusammen.
Es ist deshalb gut, wenn wir uns eingestehen: So einfach ist es gar nicht, das Glück in der Welt zu finden, so leicht gelingt unser Leben nicht. Unsre Wünsche stimmen in weiten Strecken nicht mit der Wirklichkeit überein. Es gibt viel mehr Enttäuschung, Elend und Not, als uns lieb ist.
Und genau dahinein verkündet uns Jesus: Lasst das einfach zu, seid ehrlich zu euch selbst. Es macht nichts, wenn ihr zu den „Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen“ gehört. Um am Leben teilzuhaben, müsst ihr das nicht abschaffen, im Gegenteil: Ich heiße euch so willkommen, wie ihr seid. Wir müssen bei ihm keine Rolle spielen, keine Fassade aufbauen. Es ist keiner besser oder schlechter, sondern letzten Endes ist jeder bedürftig: Wir sind oft „arm“ an Liebe, „verkrüppelt“ in unserer Seele, „blind“ für die Wahrheit und „geistig“ gelähmt. Das ist das Eine, was wir hier erkennen sollen.
Das Zweite besteht darin, endlich zu Jesus zu gehen, bei ihm unsre Zuflucht zu suchen. Und das kann durchaus heißen, alles andere einmal zu lassen, Abstand zu nehmen von den Dingen, die uns normaler Weise faszinieren, und uns ganz auf ihn auszurichten. Dafür ist es gut, wenn wir unsre Lebensführung immer wieder überdenken und gegebenenfalls korrigieren. Wir müssen uns frei machen, auch einmal auf die Erfüllung unsrer Wünsche verzichten und unsre Gedanken an die Welt, uns selbst und andere Menschen ablegen. Es ist nicht sinnvoll, sie immer zur Anleitung für unser Handeln zu machen. Besser ist es, sie gelegentlich vorbeiziehen zu lassen, gegenwärtig zu sein, zur Ruhe zu kommen, und auf die Stimme Jesu zu achten, der sagt: „Kommt her!“ Auf sie gilt es zu hören und ihr zu folgen. Wir sollen an Jesus glauben, ihm vertrauen und uns von ihm lieben und beschenken lassen.
Ein schönes, konkretes Zeichen ist dafür das Abendmahl. Es ist eine Handlung, in der die Einladung Jesu an uns jedes Mal lebendig wird. Wenn wir ihr folgen, können wir die Erfahrung machen, dass er uns liebt und annimmt. Er selber ist im Abendmahl gegenwärtig, wir erfahren dabei seine Nähe, und es entsteht neue Gemeinschaft untereinander.
Und das ist das Dritte: Durch die Einladung Jesu und unsre Bereitschaft, ihr zu folgen, verändert sich etwas. Wenn wir uns noch einmal die Menschen in dem Gleichnis vorstellen, dann kann man sagen, dass der Schmutz von ihnen abfällt. Die Traurigkeit weicht, das Elend hat ein Ende. Sie werden hineingenommen in etwas Neues und Schönes. Die Atmosphäre ist nicht durch ihr Leid geprägt, sondern im Gegenteil: Durch das Fest verschwindet die Not. Es kommt Freude auf, weil sie dabei sein dürfen. Nicht der Raum, in den sie eintreten, verändert sich durch ihr Auftauchen, sondern dieser neue Raum verändert sie, weil sie eine ganz neue Erfahrung machen: Sie können kommen, wie sie sind, ohne irgendeine Voraussetzung.
Und das gilt auch für uns. Auch uns bietet Jesus einen Raum an, in dem wir so sein können, wie wir sind. Der Glaube fordert nur unsere Einwilligung, unsere Bereitschaft, seiner Einladung zu folgen.
Und wenn wir das tun, dann können auch wir merken, wie sich bei uns etwas verändert. Es tut in Wirklichkeit gut, einmal einfach nur da zu sein, ohne etwas vertuschen oder darstellen zu müssen. Alles, was wir eventuell verkehrt gemacht haben, wird uns vergeben, wir müssen uns für nichts schämen. Das Leben darf unvollkommen sein. Wenn wir das erkennen, wird es viel einfacher und erhält eine ganz neue Qualität. Wir empfangen Heilung an Leib und Seele, werden aufgerichtet und leicht, wir sehen klar und bekommen neue Kraft. Was unter uns zerrissen war, wird wieder hergestellt, wo Spaltungen waren, zieht neues Vertrauen ein. Wir werden lebendig und fühlen uns frei, es entstehen Glück und Dankbarkeit.
Es lohnt sich also, der Einladung Jesu zu folgen, auf seinen Ruf zu hören: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, 28)
Amen.

Himmlisch leben

Predigt über Lukas 24, 50- 53: Jesu Himmelfahrt

Himmelfahrt, 14.5.2015, 19 Uhr, Jakobikirche Kiel

Lukas 24, 50- 53

50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.
51 Und es geschah, als er sie segnete,
schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Himmelfahrt001

Liebe Gemeinde.

Es gibt viele Darstellungen der Himmelfahrt Christi. Alle Maler haben sich dabei an die biblische Erzählung gehalten. Trotzdem haben sie dieses Motiv ganz unterschiedlich umgesetzt. Auf den Bildern aus der Romantik sind z.B. Wolken zu sehen, in die Christus entschwebt, Engel, die ihn umgeben, dazu manchmal Mose und der Prophet Elia, der Himmel, der sich öffnet und ein Lichtstrahl, der von dortauf die Erde fällt. Unten sieht man die Jünger und andereMenschen, die nach oben blicken oder ratlos einander anschauen.
Ältere Darstellungen sind anders. Sie verzichten auf das ganze himmlische Spektakel und zeigen von Christus nur die Füße am oberen Bildrand in einer Wolke. So ist es auch auf dem Holzschnitt von Albrecht Dürer, den ich auf dem Zettel kopiert habe. Auf einem romanischen Türrelief aus dem 13. Jahrhundert und vielen anderen Bildern gibt es ebenfalls so eine Darstellung. Auch Cranach hat das noch übernommen.
Das finden wir inzwischen natürlich eher lustig, denn so naturalistisch und naiv stellen wir uns die Himmelfahrt nicht vor. Diese Ausführung sagt ja auch nicht viel aus. Sie zeigt eigentlich nur, dass Christus jetzt verschwindet, dass von ihm bald nichts mehr zu sehen sein wird, und dass die Jünger ohne ihn weiterleben müssen. Meistens schauen sie deshalb etwas ängstlich drein, sie wirken unsicher und verloren.
Und das ist in der Tat nicht alles, was es an der Himmelfahrtsgeschichte zu illustrieren gibt. Die späteren Maler haben recht, wenn sie das Ereignis großartiger ausgestalten, denn in der Bibel wird ebenfalls noch mehr erzählt.
Wir finden die Geschichte bei dem Evangelisten Lukas, und zwar zweimal. Er hat ja auch die Apostelgeschichte geschrieben, und die beginnt mit der Himmelfahrt Christi. Sein Evangelium endet damit. Sie ist also das Bindeglied zwischen der Zeit Jesu auf Erden und dem anschließenden Wirken der Jüngerl. Jesus verabschiedet sich von ihnen, aber das tut er nicht einfach nur so. Die zentrale Handlung ist dabei vielmehr die Segnung der Jünger.
Ein letztes Mal war er mit ihnen an einen Ort in der Nähe von Jerusalem gegangen, den sie bereits kannten, nach Betanien. „Dort hob er die Hände auf und segnete sie“, wie Priester das am Ende eines Gottesdienstes tun. Und dabei entschwindet er. Es gab so eine Entrückung in den Himmel schon einmal in der jüdischen Geschichte. Der Prophet Elia verließ auf dieselbe Weise die Erde. Hier fährt nun allerdings kein sterblicher Mensch in den Himmel, sondern der Auferstandene. Die Anwesenden fallen vor ihm nieder und „beteten ihn an“, wie es weiter heißt. Das hatten sie in dieser Form noch nie getan. Bis dahin hatten sie nur Gott angebetet. Nun gebührt auch seinem Sohn diese Ehre, denn mit seiner Aufnahme in den Himmel wird er vergöttlicht. Die Jünger werden zu Empfängern seines Segens, und darum sind sie auch nicht traurig. Im Gegenteil, große Freude beherrscht sie, und sie tragen den Segen mit sich. Sie wissen jetzt, was sie tun sollen, weil er es ihnen gesagt hat, und können seinem Willen entsprechen: Sie bleiben in Jerusalem und warten, bis sie mit dem Heiligen Geist ausgerüstet werden. Dieses Warten wird mit anhaltendem Lob Gottes im Tempel positiv gefüllt.
Es geschieht also wirklich weit mehr, als dass Jesus verschwindet. Das tut er in Wahrheit gar nicht. Seine Aufnahme in den Himmel bedeutet vielmehr, dass sein Machtbereich ausgedehnt wird. Er ist nicht weg, sondern nun ist er überall. Seine Gegenwart wird universal, sie umfasst Himmel und Erde.
Deshalb heißt es in dem Himmelfahrtslied von Bartholomäus Gesius, das wir vorhin gesungen haben, z.B.: „Gen Himmel aufgefahren ist der Ehrenkönig Jesus Christ. Er sitzt zu Gottes rechter Hand, herrscht über Himmel und alles Land.“ (EG 119,1) Und Philipp Hiller hat gedichtet: „Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen, Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.“ (EG 123,1) Himmelfahrt handelt von der Thronbesteigung Jesu, von seinem Antritt als Weltherrscher. Und diese Weltherrschaft hat er bis heute. Sie dauert bis in alle Ewigkeit, so ist unser Glaube. Wir bekennen ihn jedes Mal, wenn wir sprechen: „Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“
Aber sind wir davon auch überzeugt? Merken wir davon eigentlich etwas? Wie regiert er denn nun? Es scheint sich seitdem ja nichts in der Welt geändert zu haben. Wir erleben niemanden, der endlich einen weltweiten Frieden einführt, der allem Leid ein Ende setzt, der dem Morden Einhalt gebietet, den Hunger bekämpft oder Krankheiten abschafft. Schön wär’s, aber dem ist nicht so. Das denken wir und fragen uns: Wozu feiern wir dieses Fest eigentlich? Beinhaltet es nicht nur eine Phantasievorstellung, die im Grunde genommen völlig unrealistisch ist? Wir zweifeln oft an der Weltherrschaft Christi.
Und natürlich ist das berechtigt, wir müssen uns schon Gedanken darüber machen, was Christus denn nun tut und kann. Doch dabei sollten wir nicht nur die Glaubensaussagen unter die Lupe nehmen und die biblische Geschichte analysieren, sondern auch unsere Fragen, und uns klar machen, warum sie entstehen. Sie entspringen nämlich einem bestimmen Bewusstsein, einer geistigen Voraussetzung, die wir eingestehen müssen. Und zwar stellen wir sie dann, wenn wir nur in diese Welt schauen.
Unser Blick kann ja in ganz verschiedene Richtungen gehen, nach vorne oder nach hinten, nach links oder nach rechts, nach unten oder nach oben. Und um diese letzte Richtung geht es heute, um den Blick nach oben, den vergessen wir nämlich oft. Wir bleiben am liebsten horizontal ausgerichtet, schauen um uns herum, gucken uns die Welt an, und sehen, was vor Augen liegt. Von daher kommen wir dann zu unseren Schlussfolgerungen und Ergebnissen.
Der Glaube beinhaltet aber noch mehr, und daran werden wir am Himmelfahrtstag erinnert: Er erschöpft sich nicht in der Welt, sondern ist zuerst etwas Vertikales. Glauben heißt, nach oben zu schauen, zu Gott in Beziehung zu treten, sich von ihm anrühren und innerlich empor ziehen zu lassen. Dann sehen und erleben wir noch viel mehr, als nur diese Welt mit all ihren Nöten. Wir merken, es gibt eine Kraft, die vom Himmel kommt, die ordnet und Klarheit schafft, die Ruhe und Frieden schenkt. Wir werden heute dazu eingeladen, diesen Blick nach oben zu wagen, uns der Herrschaft Christi zu unterstellen und „himmlisch zu leben“.
Lassen Sie uns deshalb fragen, was das bedeutet und wie wir vorgehen müssen, damit das auch geschieht. In drei Schritten können wir es uns klar machen.
Der erste Schritt besteht darin, dass wir das irdische Leben relativieren, d.h. ihm seine absolute Bedeutung nehmen. Das tun wir normalerweise nämlich nicht. Wir sind vielmehr sehr stark auf das fixiert, was wir hier vorfinden, was wir sehen, hören und erleben. Es hält uns in Atem und beherrscht unser Denken und Fühlen. Wir sind erfüllt von unseren Sorgen und Nöten, von Vorgängen in der Familie oder im Freundeskreis, von der Politik und dem Weltgeschehen. Über irgendetwas machen wir uns immer Gedanken. Es kann etwas Schönes oder auch etwas Schweres sein. Die Geburt eines Kindes oder eine Krankheit, ein Geschenk oder ein Verlust, ein Erfolg oder eine Niederlage. Das ist bei jedem und jeder von uns anders. Ähnlich ist nur, dass uns diese Ereignisse besetzen, und wir sie für die ganze Wirklichkeit halten.
Und das gilt es, zu durchbrechen. Wir müssen unsere Erlebnisse wie gesagt relativieren, d.h. einmal loslassen. Ganz gleich, was uns gerade beschäftigt, es ist nicht die ganze Wirklichkeit. Wir können getrost einmal aufhören, darüber dauernd nachzudenken. Es gilt, eine Pause einzulegen, Abstand zu dem nehmen, was uns umtreibt, und ruhig zu werden.
Es gibt dazu ein schönes Lied von August Herman Franke, einem deutschen evangelischen Theologen und Kirchenliederdichter aus dem 19. Jahrhundert, das wir nachher noch singen werden. Es beginnt mit der Aufforderung: „Nun aufwärts froh den Blick gewandt.“ (EG 394) Und in der zweiten Strophe braucht der Dichter für das, was ich eben beschrieben habe, den schönen Ausdruck: „Vergesset, was dahinten liegt“, d.h., lasst es hinter euch, legt es ab, ignoriert es und beachtet es nicht mehr. Denn es „beschwert nur euren Weg“, wie der Dichter sagt. Es lohnt sich mehr, sich an ganz andere Dinge zu erinnern, nämlich an „das, was ewig euer Herz vergnügt“. Es bedeutet zwar ein „Opfer“ zu bringen, d.h. zu verzichten, aber dadurch werden wir frei. Denn die Welt „hält uns nur gefangen“, und es gilt, sie „abzuwerfen“, wie der Dichter weiter formuliert. Und das ist der erste Schritt zu einem „himmlischen Leben“.
Der zweite Schritt besteht darin, dass wir unseren inneren Blick nach oben lenken und den Segen Christi annehmen. Wir müssen den Himmel zulassen, uns auf ihn einlassen und von dort göttliche Kraft empfangen. Christus möchte unser Fühlen und Denken durchdringen, er möchte uns Freude schenken, und uns in seine Gegenwart hineinziehen. Wir sind eingeladen, „immerfort zum Himmel zu reisen“. Noch sind wir zwar „irdisch“, wir sollen aber hier bereits „himmlisch sein“, wie es in einem weiteren Lied heißt. Es beginnt mit der Zeile „Lasset uns mit Jesus ziehen.“ (EG 384). Dort steht an einer Stelle: „So wird er uns aus dem Grab in das Himmelsleben heben.“ August Herrmann Franke, dessen Lied wir eben schon bedacht haben, drückt denselben Gedanken so aus: „So steigt ihr frei mit ihm hinan zu lichten Himmelshöhn. Er uns vorauf, er bricht uns Bahn – wer will ihm widerstehn?“ Das ist der zweite Schritt.
Und als drittes ordnet sich das Leben dadurch neu. In uns und um uns verändert sich etwas. Verkrustungen in der Seele werden gelockert, Müdigkeit verschwindet, die Angst weicht, Trauer klingt ab und Unruhe legt sich. Denn nun ist jemand bei uns, dessen Gegenwart stärker ist, als all die anderen Gefühle. Er nimmt uns an die Hand und führt uns innerlich ins Weite. Dadurch werden wir heil und froh, und auch Konflikte können sich lösen, Stress, den wir mit anderen haben, Unzufriedenheit und Ärger. Denn wir sehen die Menschen um uns herum plötzlich in einem anderen Licht. Wir werden frei von Vorurteilen und ändern möglicher Weise unsere Meinung über sie. Wir bauen einseitige Standpunkte ab, Verblendungen lösen sich auf, und wir können neu vertrauen. Es kommt Bewegung in unser Leben und unsere Beziehungen und damit auch in die Welt.
Es ist also keineswegs so, dass die Herrschaft Christi folgenlos bleibt, geschweige denn gar nicht existiert. Sie wirkt vielmehr in jedem und jeder Einzelnen von uns, und sie geht von innen nach außen. Christus greift nicht ohne uns in diese Welt ein. Er braucht Menschen, die „himmlisch leben“, damit seine Macht und Gegenwart sich auswirken kann.
Vieles von dem, was er tut, geschieht demnach zunächst im Verborgenen, es bleibt unsichtbar und ist nicht besonders spektakulär. Auffallende Zeichen und Wunder dürfen wir nicht erwarten. Insofern sind die Bilder, auf denen nur noch seine Füße zu sehen sind, gar nicht nur verkehrt. Er ist nicht mehr so auf dieser Erde, wie er es zu Lebzeiten war. Seine leibliche Gegenwart ist vorbei. Wir können ihn nicht mehr anfassen.
Wenn wir allerdings den Segen empfangen, den er uns immer wieder gibt, dann geschieht trotzdem ganz viel: Wir merken, dass seine Herrschaft keine Grenzen kennt, dass der Himmel allen Menschen offen steht und dass Licht von oben in diese Welt herein fällt. Wir müssen nur bereit sein, „himmlisch zu leben“.
„Drum aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt. Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.“
Amen.

Gute Gründe, in der Kirche zu sein

Predigt über Johannes 15, 1- 8: Der wahre Weinstock

3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, 26.4.2015, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Johannes 15, 1- 8

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.
2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.
3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Liebe Gemeinde.
„Ich bete regelmäßig, tue dies aber nicht in der Kirche. Ich gehe dafür lieber in die Natur. Bei einem Spaziergang im Wald oder durch die Wiesen fühle ich mich Gott ganz nah. Ich brauch den Gottesdienst nicht, deshalb bin ich aus der Kirche ausgetreten.“
Solche Erklärungen haben Sie sicher schon gehört. Viele Menschen erzählen uns das. Sie sind religiös und glauben an Gott, mit der Kirche wollen sie aber nichts zu tun haben. Sie sehen darin keinen Nutzen, und so ist die Zahl der Kirchenaustritte tatsächlich beunruhigend.
Dafür gibt es ja viele Gründe. Den einen ist die Kirche zu links, den anderen zu rechts, einige finden sie zu einseitig, andere zu tolerant, sie tut zu viel, sie tut zu wenig, usw. Außerdem ist es teuer, in der Kirche zu sein, und niemand weiß genau, was mit dem Geld geschieht. Das ist meistens der Hauptgrund für einen Kirchenaustritt.
Auch wir, die wir dazu gehören, haben sicher einiges an der Kirche auszusetzen: Der wahre Glaube fehlt, es gibt zu viel Streit in den Gemeinden, die Verwaltung ist zu umfangreich usw. Das Leiden an der Kirche ist manchmal groß.
Möglicher Weise haben wir deshalb auch nicht sofort die passenden Argumente parat, wenn es einmal zu einem Gespräch über die Kirche kommt. Das Amt für Öffentlichkeitsarbeit der Nordkirche hat deshalb vor einiger Zeit einen Prospekt herausgegeben, in dem „zwölf gute Gründe“ aufgezählt werden, in der Kirche zu sein. Den können wir Menschen mit der oben zitierten Meinung geben. Dort steht, dass die Kirche eine Wahrheit bewahrt, die Menschen sich nicht selber sagen können. Sie stillt die Sehnsucht nach Segen, begleitet Menschen bis zum Tod, bietet Ruhe und Besinnung an, verkündet Hoffnung auf die Ewigkeit, hält Fürbitte, prägt das gesellschaftliche Leben mit Feiertagen und kulturellen Veranstaltungen, nimmt Menschen ernst, sorgt in sozialen Einrichtungen für ein menschenfreundliches Klima, übt Solidarität mit den Schwachen und bildet eine weltweite Gemeinschaft.
Das ist eine beachtliche Aufzählung, die überzeugend und einladend wirkt. Der Ursprung und der Kern des Ganzen liegen allerdings noch auf einer anderen Ebene. Er steht im Evangelium und wurde von Jesus Christus selber formuliert. In der heutigen Lesung benennt Jesus deutlich, warum es die Kirche gibt, und zwar mit dem Satz „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Das ist ein Bild, mit dem Jesus kurz und klar beschreibt, was die Kirche ist, und warum wir dazugehören: Sie lebt, weil er da ist, weil er die Grundlage ist, und wir alle von ihm unsere Kraft bekommen. Wir hängen an ihm wie die Reben am Weinstock, und ohne ihn sind wir nichts. Das sollten wir als erstes bedenken, wenn wir nach Gründen für eine Zugehörigkeit zur Kirche fragen.
Jesus sagt es zu seinen Jüngern innerhalb der sogenannten „Abschiedsreden“. Die stehen zwischen dem Ende seiner öffentlichen Wirksamkeit und dem Beginn seines Leidens. Und er will damit seine Jünger auf die Zeit vorbereiten, in der er nicht mehr da sein wird. Er erklärt ihnen, wie sie dann leben werden, was er ihnen hinterlässt. Er sagt ihnen, in welcher Gestalt er weiter bei ihnen ist, und wie sie mit ihm verbunden bleiben können.
Und dafür ist das Bild von dem Weinstock und den Reben sehr anschaulich. Jesus sagt: So wie das mit dem Weinstock ist, so ist es mit mir und mit euch, die ihr an mich glaubt: Ich bin der Weinstock, d.h. von mir und aus mir kommt die Kraft und das Leben. Und ihr seid die Reben. Nur wenn ihr an mir bleibt, werdet ihr leben und Kraft haben und „Frucht bringen“.
Und das sagt Jesus als Warnung und als Aufforderung: Seine Jünger sollen auch an ihm bleiben, sie sollen treu durchhalten, ihren Glauben an ihn nicht aufgeben. Wer sich einmal für ihn entschieden hat, soll darauf achten, dass die Verbindung zu Christus auch lebendig bleibt. Denn nur dann wird sein Leben „Frucht bringen“. Das klingt schön und vielversprechend, aber damit ist auch eine Drohung verbunden. Wer nämlich nicht an ihm bleibt, geht unter. Er wird wie eine verdorrte Rebe weggeworfen und verbrannt.
Das ist das Bild, mit dem Jesus unser Leben als Christen beschreibt, und darin steckt der zentrale Grund, in der Kirche zu bleiben: Christus ist ihre Mitte, und wer an ihn glaubt, gehört zu einem lebendigen Ganzen. Christsein erschöpft sich nicht in einem individuellen Glauben, nicht in schönen Gefühlen und privaten Gebeten. Wir gehören als Christen vielmehr zu etwas Größerem, als wir selbst. Durch die Auferstehung Jesu Christi gibt es eine neue Wirklichkeit. Seine Gegenwart hat eine weltweite Dimension. Es gibt mitten in dieser alten Welt des Sterbens und Vergehens eine neue Schöpfung. Als Christen gehören wir dazu, und das heißt, wir gehören zu einer großen Gemeinschaft. Alle Gläubigen bilden zusammen eine wesenhafte Einheit, ein lebendiges Gefüge.
So wird es uns mit dem Bild vom Weinstock hier vorgestellt, und das heißt, ohne den Kontakt zu anderen Christen sind wir verlorene Einzelwesen ohne große Bedeutung. Auf jeden Fall haben wir nicht Teil an der Wirklichkeit, die Christus geschaffen hat, und „bringen keine Frucht.“ Ein Mensch, der nur auf einsamen Spaziergängen seine Religiosität praktiziert, ist kein ganzer Christ im Sinne des Neuen Testamentes. Denn dazu gehört noch mehr.
Es gehört das Erleben dazu, dass wir ganz und gar von Christus abhängen und ohne ihn nichts sind. Wir müssen von Christus überzeugt sein, uns für ihn entscheiden und uns ganz ihm hingeben. Denn er ist die Mitte und der Ursprung. Und um das zu erfahren, brauchen wir die anderen. Ohne sie kann es zu diesem Bewusstsein nicht kommen. Denn ein wesentlicher Schritt im Glauben besteht darin, dass jeder und jede Einzelne ihr Ich zurücknimmt, sich unter Christus stellt und sich einfügt. Und das geht nur im Miteinander. Nur durch andere Menschen kann unser normales Lebensgefühl sich ändern.
Und das ist notwendig, denn natürlicher Weise erleben wir uns selber als Mittelpunkt: Die Welt und die Menschen drehen sich um uns und unsere Belange, alles kreist um unser Wollen und Trachten. Wir sind von Natur aus egozentrisch, d.h. unser Ich steht im Zentrum. Bei einer bloß individuellen Religiosität wird dieses Lebensgefühl nie durchbrochen, im Gegenteil, wir pflegen unsere Egozentrik damit sogar. Wir gehen Konflikten aus dem Weg, ziehen uns zurück und suchen unsre private Ruhe. Natürlich brauchen wir die auch immer mal wieder, aber das allein reicht nicht. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass wir irgendwann im eigenen Saft schmoren und nicht wirklich frei werden. Unser Glaube stagniert, unsere Seele verkümmert. Wir werden zu „verdorrten Reben“. Es kann auch zu Selbstüberschätzung kommen, zu einer völlig verzerrten Selbstwahrnehmung. Es entsteht religiöser Wildwuchs, Aberglaube und Esoterik sind nicht fern. Demnach gibt es genauso viele gute Gründe, eine nur private Frömmigkeit aufzugeben.
Natürlich ist die bequemer, wir werden dabei nicht gestört und müssen uns mit niemandem auseinandersetzen. In jeder Gemeinschaft gibt es ja Konflikte und Unstimmigkeiten. Andere Menschen bereiten uns Schwierigkeiten und behindern unser Handeln. Das vermeiden wir am liebsten, weil wir meinen, dadurch am ehesten frei zu bleiben.
Doch genau da liegt der Irrtum. Auch wenn es ungemütlich ist, sich mit anderen Menschen abgeben zu müssen, gerade darin liegt die große Chance. Denn für ein ausgewogenes Seelenleben und einen gesunden Glauben brauchen wir immer die Korrektur von Seiten anderer Menschen, Inspiration, Stärkung und Hilfe. Wir brauchen die Worte der anderen, das Gespräch und die Herausforderung. Christus soll groß werden in unserem Leben, er soll die Mitte sein, und dafür muss unser Ich kleiner werden. Das jedoch geschieht nicht ohne die Reibungen mit anderen. Wir brauchen sie, um lebendig zu bleiben und zu reifen. Auch die wahre Freiheit tritt erst dann ein, wenn wir fei von uns selber werden.
Und das können wir nur im Miteinander üben, denn da lernen wir, uns auch einmal zurückzunehmen, Vorstellungen loszulassen und uns zu öffnen. In der Auseinandersetzung mit anderen können wir demütig werden und uns einfügen. Das ist die Grundübung im Glauben an Jesus Christus, und die wird gerade durch das Leiden an der Kirche gefördert. Wenn wir die lebendige Kraft und Gegenwart Christi spüren wollen, müssen wir selber kleiner werden und uns ganz an ihn hängen, so wie die Rebe am Weinstock hängt. Und dazu brauchen wir die Gemeinschaft.
Das ist der Hauptgrund für die Mitgliedschaft in der Kirche, und darin liegt auch der Sinn der Taufe. Das Kind, Fiete Baumbach wird durch sie heute in die Kirche aufgenommen. Er wird zu einer Rebe am Weinstock, der Christus ist. Wir bringen ihn mit ihm zusammen und mit allen anderen Christen. Er wird eingegliedert, um an der neuen Schöpfung teilzuhaben.
Und das hat Folgen, er und wir „bringen dadurch Frucht“, wie es im Evangelium heißt. Mit den „zwölf guten Gründen, in der Kirche zu sein“, die in unserem Prospekt stehen, werden die Früchte auch ganz schön benannt. Denn wenn wir uns auf Christus gründen und die Gemeinschaft mit anderen suchen, empfangen wir Segen. Unsere Sehnsucht nach gelingendem Leben wird beantwortet. Wir werden auf unserem Lebensweg begleitet und auf geheimnisvolle Weise immer wieder gestärkt. Wir haben teil an der Hoffnung, die über den Tod hinausweist. Wir finden Ruhe und Besinnung. Andere beten für uns und wir beten für sie. Wir werden ernst genommen, und es kehrt mehr Menschlichkeit in unser Leben ein. Die Schwachen werden nicht ausgestoßen, sondern solidarisch behandelt. Und das gibt es überall, auf der ganzen Welt. Wo wir auch hinkommen, finden wir Christen, die so leben. Wenn wir in der Kirche sind, können wir uns dadurch geborgen fühlen. Sie bietet uns Heimat, wo immer wir sind.
Es ist deshalb gut, dass wir zu ihr gehören. Wir „bleiben dadurch in Christus und er in uns. Wir bringen Frucht und werden Jünger Jesu, damit der Vater verherrlicht, wird.“
Amen.

Der gute Hirte

Predigt über Psalm 23: Der gute Hirte

2. Sonntag nach Ostern, 19.4.2015, 9.30 und 11.00 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Psalm 23

1 Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Liebe Gemeinde.
Vertrieben werden – aufbrechen – fliehen – ausgesetzt sein – sich aus Lebensgefahr retten – einen Hort der Sicherheit suchen: So beginnt jede Flucht. Zurzeit erleben wir das in großem Umfang: Die Menschen kommen aus Afrika in Booten über das Mittelmeer; aus Afghanistan über die Berge, durch den Iran und die Türkei; aus Syrien über den Libanon und Jordanien, von Algerien nach Marokko und von dort nach Europa; usw. Alle haben lange und beschwerliche Wege hinter sich, und viele sind traumatisiert. Abreißen wird der Flüchtlingsstrom nach Deutschland auch in diesem Jahr nicht.
Einige von uns Sesshaften beobachten das mit Angst und Sorge, andere mit Offenheit und Zuwendung. Viele versuchen zu helfen, viele wehren sich.
Dabei war es schon immer so, dass Menschen fliehen mussten: Es gab die Flüchtlinge des Zweiten Weltkrieges, Juden, die Nazi-Deutschland entkamen, die Iren, die vor Hunger nach Amerika auswanderten, die Israeliten auf der Flucht aus Ägypten, usw. Sie alle versuchten zu überleben.
Und für all diese Situationen, die die Menschheitsgeschichte in unzähligen Varianten durchziehen, haben die Psalmen des Alten Testaments Worte. Sie drücken Not und Bedrängnis, aber auch Sicherheit und Vertrauen aus: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“
Das ist ein Vers aus Psalm 23, dem wohl bekanntesten Psalm überhaupt. Der Mensch, der ihn betet, Mann oder Frau, ist unterwegs. Er oder sie könnte auf der Flucht sein. Auf jeden Fall bietet der Psalm all denjenigen ein Gebet, die es nicht leicht haben, die aufbrechen mussten, in Ungewissheit leben, und in einer neuen, unbekannten Umgebung zu recht kommen müssen. Denn er spricht von dem Schutz und dem Beistand Gottes in allen Situationen. Dafür malt er anschauliche und aussagekräftige Bilder. Das erste ist das vom „guten Hirten“. Es bringt zum Ausdruck, dass wir immer jemanden haben, der uns behütet, der bei uns ist und uns aufrichtet, wenn wir darnieder liegen, und das ist Gott. Wir gehen nicht ohne seine Begleitung durch das Leben, er hilft und rettet uns.
Gleichzeitig wird mit diesem Bild gesagt, dass unser Leben ein Weg ist, dass wir durch das Leben gehen, bildlich gesprochen von einem Weideplatz zum anderen, d.h. von einer Station zur nächsten. Es gibt keinen Stillstand und es gibt letzten Endes auch kein Bleiben. Wir sind unterwegs und müssen immer weiter. Doch für den Beter ist das kein Grund zur Klage. Die Bewegung ist vielmehr mit Hoffnung verbunden: Es gibt den guten Hirten, der uns zu „grünen Auen und frischem Wasser“ führt. Wir können uns ganz auf ihn verlassen. Er verändert sich nicht. In allem Wandel bleibt er treu und fest.
Das heißt allerdings nicht, dass unser Leben immer glatt und glücklich verläuft. Der Psalm klammert das Leid und das Schwere nicht aus, sondern erwähnt es, und zwar mit dem Bild vom „finstern Tal“. Es kann tiefe Dunkelheit geben, Elend und Not. Das Leben ist keine Idylle, es gibt unzählige Widrigkeiten. Der Beter hat den Psalm möglicherweise sogar aus dem Leid heraus formuliert. Und damit zeigt er uns einen Weg, wie wir damit leben können: Wir dürfen davon ausgehen, dass Gott uns trotz allem an seinen Tisch lädt. Auch bei Verfolgung, Verachtung und Misshandlung von Seiten anderer Menschen bereitet Gott uns ein Festmahl. Davon ist der Beter überzeugt und fasziniert. Dabei ist Gott großzügig. Er spart weder an wohlriechenden Ölen noch an Wein. Alles, was ein Gastgeber damals seinen Gästen an Wohltaten reichte, ist in Hülle und Fülle vorhanden. Gott macht die Verfolgten, Angefochtenen und Armen zu seinen Tischgenossen und lässt die Verfolger leer ausgehen.
So kann der Beter getrost seinen Weg gehen. Er findet bei Gott immer wieder Zuflucht, Ruhe und Stärkung. Gott schenkt ihm das Glück, von ihm anerkannt und geliebt zu sein. Er macht die Erfahrung, dass Gott in seiner unendlichen Güte alles teilt: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Das sind die tröstlichen Worte, mit denen das Gebet der Zuversicht und des Vertrauens dieses Menschen endet.
Er lädt uns ein, dasselbe zu tun. Aber ist es wirklich sinnvoll, so etwas zu glauben und zu beten? Machen wir uns damit nicht etwas vor? Es klingt ja etwas realitätsfern, nach einer Idylle, die es so gar nicht gibt. Wer wirklich leidet, auf der Flucht ist und nichts mehr hat, den kann das doch nicht wirklich trösten. Er fügt sich vielleicht in sein Schicksal, wenn er an den guten Hirten glaubt, aber wird es dadurch besser? Ist es nicht eine Scheinlösung, wenn wir auf Gott vertrauen? Es kann zynisch wirken, Flüchtlingen zu sagen, dass sie von Gott begleitet werden. Außerdem besteht dann die Gefahr, dass wir nichts für sie tun. Sie haben ja Gott, und das reicht doch. Marx sagte einmal: „Die Religion ist Opium für das Volk.“ D.h., sie berauscht nur, benebelt den Geist und macht die Menschen unfähig, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, zu handeln und zu überleben.
Das könnte ein Einwand gegen den Psalm und alle tröstlichen Worte sein, die wir in der Bibel finden. Sie bewegen und verändern nichts, sie leiten zur Passivität an und lähmen Geist und Seele.
Eine Gefahr kann das durchaus sein, doch wenn solches geschieht, ist etwas schief gelaufen im Glauben. Natürlich müssen wir den Flüchtlingen und anderen leidenden Menschen helfen, sie aufnehmen und in Sicherheit bringen, ihnen Zuflucht gewähren und für sie da sein. Das stellt der Psalm an keiner Stelle in Frage. Er dreht nur den Spieß um und fragt: Reicht die menschliche Hilfe denn? Machst du dir nicht etwas vor, wenn du auf den Glauben verzichtest, wenn du nur handelst und versuchst, so gut wie möglich zu sein?
Es gibt Menschen, die sind aus ihrer Heimat z.B. in Afrika geflohen und leben seit vielen Jahren in Deutschland. Sie haben inzwischen alles, was wir ihnen bieten können, ein Zuhause, eine Arbeit und ein soziales Umfeld. Trotzdem sind sie nicht glücklich und fragen sich oft, wozu sie überhaupt gekommen sind. Die schrecklichen Bilder der Flucht lassen sie auch nach Jahren nicht los, und sie denken: „Was habe ich hier denn?“
Und das tun unzählige andere Menschen auch. Ein sicheres Zuhause ist nicht die Lösung aller Probleme. So einfach ist unser Leben nun mal nicht. Auch in einer Wohlstandsgesellschaft gibt es viel Leid, Menschen, die nicht weiter wissen und verzweifeln. Im Laufe unseres Lebens erleiden wir alle irgendwelche Verluste. Angehörige verlassen uns oder sterben, Familien brechen auseinander, Ideale entpuppen sich als irreal und zerschellen an der Wirklichkeit, Pläne zerplatzen, Träume lösen sich in nichts auf, Wünsche bleiben ein Leben lang unerfüllt. Oft wissen Menschen deshalb nicht, wofür sie leben, sie haben kein Ziel mehr. Depressionen, Krankheit und Burnout, all das sind Symptome, die zeigen, dass unsere moderne Gesellschaft lange nicht auf alle Fragen eine Antwort hat. Im Gegenteil, sie kann uns in eine große innere Leere und Sinnlosigkeit führen.
Wir brauchen noch mehr, als den Wohlstand, mehr als ein sicheres Zuhause, mehr als uns selbst und unser Können. Unser Leben geht ohne die Dimension des Glaubens nicht auf. Wir brauchen den Bezug zur Ewigkeit, zu Gott und seinem Beistand. Wir irren uns, wenn wir meinen, die Religion sei unrealistisch und wirkt wie ein Gift. Es ist genau anders herum: Wenn wir Gottes Gegenwart verleugnen, leben wir an der Wirklichkeit vorbei und gehen langsam zu Grunde.
Und es ist auch ein Irrtum zu glauben, dass wir jemals irgendwo ankommen, wo wir für immer bleiben können. Selbst wenn wir ein festes Haus haben, sind wir weiter unterwegs. Unser ganzes Leben ist eine Wanderung. Unser Schicksal bewegt sich immer zwischen Aufbruch, Ungewissheit und Ankunft, selbst in einem vermeintlich sicheren Alltag
Deshalb sind Flüchtlinge nicht nur diejenigen, denen wir helfen müssen. Wir können von ihren Erfahrungen auch lernen. Sie haben viel zu erzählen, und es ist gut, wenn wir ihnen zuhören. Auch über den Glauben können sie uns etwas sagen, denn er hat vielen von ihnen geholfen.
In der Sendung „Glaubenssachen“ am letzten Sonntag berichtete die Autorin Irene Dänzer-Vanotti, „was Flüchtlinge stützt und bedroht“. Sie erzählte an einer Stelle von Sajed Al Matroud: „Sie ist 30 Jahre alt, war Englischlehrerin in Qamishli im Nordosten Syriens. Eine fromme Muslimin. Ihr Mann, der Schriftsteller Mohammad Al Matroud, musste vor den Truppen des Präsidenten Assad aus seiner Heimat fliehen – aber das ist eigentlich unerheblich, denn hätte er nicht vor Assads Leuten fliehen müssen, hätten ihn dessen Gegner verjagt. Ein Land im Ausnahmezustand. Mohammad hatte Glück: er konnte nach Deutschland ausreisen, ins Heinrich Böll Haus in der Eifel. Seit dem Tod des Schriftstellers Heinrich Böll bietet dessen Ferienhaus verfolgten Künstlern eine Zeitlang Sicherheit und Arbeitsruhe. Seine Frau Sajed sitzt zu diesem Zeitpunkt aber noch fest in Qamishli. Ihre Tochter ist zwei Jahre alt, ihr Sohn gerade erst geboren. Auch sie fühlt sich bedroht. Allein weggehen, ohne Begleitung eines Mannes? Das ist eigentlich unmöglich für eine muslimische Frau. Aber ihre Brüder und der Schwager können nicht mit, sie würden auf dem Weg in die Türkei vom Militär aufgegriffen, von der einen oder der anderen Seite im Bürgerkrieg. Sajed wagt es also. Vier Tage lang geht sie mit ihren beiden kleinen Kindern durch Nordsyrien, bis sie sich in der Türkei in Sicherheit bringen kann. Sie fühlt sich, erzählt sie später in Deutschland, von Gottes Schutz eingehüllt. Ganz und gar glaube sie an ihn, unabhängig davon, welche Herausforderungen er für sie bereithalte. Oder für ihr Land. Dass Syrien im Bürgerkrieg zerstört wird, dass 200.000 Syrer gestorben, weit mehr auf der Flucht sind, das ist für die Muslimin der manchmal brutalen Unzulänglichkeit des Lebens geschuldet. ,Wir sind nicht im Paradies‘, sagt sie. Auf Erden herrsche Ungerechtigkeit und jedes Land habe im Lauf seiner Geschichte Kriege und Zerstörung, von Menschen geschaffen, erlebt. Jetzt eben Syrien. Von ihrem Glauben könne diese Katastrophe sie nicht abbringen.“
Das ist ein wunderbares Bekenntnis von innerer Freiheit. Durch ihren Glauben kann diese Frau das Leid annehmen und es dadurch überwinden. Und mit dieser Fähigkeit ist sie nicht allein. Mascha Kaléko, eine Dichterin, die als Jüdin von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurde, hat dieselbe Einstellung einmal so ausgedrückt:
„Ausgesetzt in einer Barke von Nacht
Trieb ich und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen,
An Sandhügeln gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlass.
Nur auf Wunder.“
Solche unübertrefflichen Zeugnisse können uns ermutigen, ebenfalls ganz auf Gott und seine Wunder zu vertrauen. Als Christen haben wir dazu alle Mal einen Grund, denn wir haben nicht nur die Psalmen und das Alte Testament. Wir glauben daran, dass der „gute Hirte“ Mensch geworden ist. Denn Jesus Christus sagt, „ich bin der gute Hirte“ (Joh.10, 11), und Jesus Christus lebt, das ist unser Glaube. Er hat den Tod besiegt und ist da. Er ist jetzt mitten unter uns und schenkt uns seine Gegenwart.
Daran dürfen und sollen wir uns gewöhnen, und das geht am besten, indem wir seine Worte bei uns tragen, sie zu unsrem geistigen Eigentum machen und uns in allen Lebenslagen daran erinnern.
So haben Menschen es immer getan. Es ist kein Wunder, dass der Psalm 23 so oft in Lied- bzw. Gedichtform gebracht wurde. Auf diese Weise konnten die Verfasser und Verfasserinnen ihn besser behalten. Und genau das ist eine gute Methode, wie wir den Trost der Bibel immer abrufen können: Indem wir Teile daraus auswendig lernen. Ihre Worte haben sich tausendfach bewährt, denn sie transportieren die Wahrheit. Viele sind in der Not entstanden, und entfalten deshalb gerade in der Not ihre Wirkung.
Wenn ich im Altenzentrum St. Nikolai Gottesdienst halte, dann beten wir immer zusammen den Psalm 23. Das hat meine Vorgängerin Monika Kiethe so eingeführt, und ich habe es beibehalten. Manchmal fände ich es schön, auch einmal einen anderen Psalm zu nehmen, aber dann bleibe ich doch bei dieser Tradition, denn es können ihn wirklich alle mit beten. Er ist wie eine eiserne Ration, die die Menschen auch im hohen Alter noch parat haben. Viele sind von Krankheit, Einsamkeit oder geistigen Verfall betroffen. Sie haben nicht mehr viel vom Leben, alles hat sich auf ein Minimum reduziert, und das ist traurig. Aber gerade dann ist es gut, wenn sich Gebete wie der Psalm 23 ins Gedächtnis eingegraben haben. Sie können bis zum Lebensende Trost spenden. Denn das ist das Entscheidende daran: Sie weisen über das Leben hinaus. Gott ist auch im Tod noch für uns da und führt uns hindurch. Er wird uns ganz zu sich holen, und dann wird es uns tatsächlich für immer gut gehen. Wir müssen nie mehr dürsten, sondern finden ewige Ruhe und Frieden. Denn wir „werden bleiben im Hause des Herrn immerdar.“
Amen.

Zu der Predigt wurde ich von der Radiosendung von Irene Dänzer-Vanotti, „Was Flüchtlinge stützt und bedroht“ in der Reihe Glaubenssachen am 12.4.2015 auf NDR-Kultur inspiriert. Die Geschichten und auch einige Formulierungen sind dem Manuskript entnommen.