Die neue Geburt

Predigt über Johannes 21, 1- 14: Der Auferstandene am See von Tiberias

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 23.4.2017
9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

Johannes 21, 1- 14

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 
2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.
3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.
6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.
8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.
10
Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!

11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.
14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.

 

Liebe Gemeinde.

Haben Sie schon „angegrillt“? Es ist ja leider noch etwas zu kalt für dieses Vergnügen. Im Sommer und bei wärmeren Temperaturen machen das viele Menschen sehr gern. Der Schrevenpark wird dann z.B. zu einer regelrechten Grillwiese und es gibt entsprechende Regeln. Im Freien Fleisch oder Fisch zu braten, macht einfach Spaß. Man verlagert das Essen nach draußen, um gleichzeitig die frische Luft und die Landschaft oder den Garten zu genießen.
Wenn so eine gemeinschaftlich im Freien eingenommene Mahlzeit ohne Grillen geschieht, nennen wir das auch Picknick. Als Kinder haben wir das mit unseren Eltern Sonntagnachmittags gelegentlich gemacht. Es war dann immer mit einem Ausflug, z.B. einer Fahrradtour verbunden.
Es gibt dieses Vergnügen schon lange. Besonders populär wurde das Picknick in England im 19. Jahrhundert. Dort ist es bis heute bei den oberen Schichten beliebt und kann den Rang eines gesellschaftlichen Ereignisses haben. Aus Großbritannien stammt auch der Picknickkorb.
Man kannte es bereits in der Antike und auch in der Bibel gibt es diverse Geschichten von Mahlzeiten im Freien. Eine haben wir vorhin gehört.
Das Essen fand am Ufer des Sees Tiberias statt, so wird der See Genezareth im Johannesevangelium genannt. Jesus hatte dort die Idee, seine Jünger zu einem Essen unter freiem Himmel einzuladen.
Es ist eine der sogenannten Offenbarungsgeschichten, d.h. Jesus offenbart sich hier als der Auferstandene, und zwar gegenüber sieben seiner Jünger. Die waren beieinander, um zu fischen, wie sie es gewohnt waren. Sie hatten also nach der Kreuzigung Jesu ihre alte Tätigkeit wieder aufgenommen. Petrus hatte dazu die Initiative ergriffen.
Doch leider „fingen sie in dieser Nacht nichts.“ Das konnte es natürlich geben, ihre Fahrt und ihre Mühe waren vergeblich gewesen. Sie kannten das, und sie hatten auch schon einmal erlebt, dass Jesus ihnen daraufhin einen wunderbaren Fischzug ermöglichte. Das war am Anfang ihrer Jüngerschaft gewesen, als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatten. (Lukas 5, 1- 11)
Doch daran erinnerten sie sich jetzt offensichtlich nicht. Außerdem war Jesus gestorben, und so erkannten sie nicht, dass er es war, der da am Morgen plötzlich am Ufer stand. Er sprach sie zwar mit „Kinder“ an, aber das öffnete ihre Augen noch nicht. Trotzdem gehorchten sie ihm, als er ihnen sagte: „Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“
Und dann geschah das Wunder: Das Netz war so voll, dass sie es wegen der Menge der Fische nicht ziehen konnten. Nun wussten sie, wer es war, der mit ihnen redete. „Der Jünger, den Jesus lieb hatte“, sprach es als erster aus: „Es ist der Herr!“
Kaum hatte Petrus das gehört, zog er die Konsequenz: Nackend, wie er bei der Arbeit im Boot war, warf er sich schnell sein Obergewand über, gürtete es und stürzte sich ins Wasser, um als erster bei Jesus zu sein. Die anderen kamen mit dem Boot nach. Es waren nur etwa 90 Meter bis zum Ufer, aber an dem übervollen Netz hatten sie schwer zu schleppen.
Möglicherweise haben sie dabei schon den wunderbaren Bratgeruch wahrgenommen, der über den See gezogen war: Jesus hatte eine Mahlzeit vorbereitet. Woher er die Fische genommen hatte, wird nicht erzählt. Das gehört zu den erstaunlichen und unerklärlichen Ereignissen, die bei dieser Begegnung stattfanden. Auf sehr schöne Weise verbinden sie sich durch das gemeinsame Essen mit etwas Alltäglichem.
Petrus zog vorher noch das schwere Netz an Land, von dem es heißt: Es war „voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.“ Die Zahl hat sicher eine symbolische Bedeutung. Man vermutet, dass es damals so viele bekannte Völker gab. Dann ist mit der Zahl 153 die Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Völkerwelt gemeint, die durch das Netz des Evangeliums gesammelt und zusammengehalten wird. „Machet zu Jüngern alle Völker“  heißt es am Ende des Matthäusevangeliums im sogenannten Missionsbefehl. (Matthäus 28, 19) Der klingt hier durch.
Nach getaner Arbeit lud Jesus nun zum Mahl. Keiner der Jünger traute sich, ihn direkt zu fragen, ob er der Herr sei, sie waren ihm gegenüber befangen. Sie wussten zwar, dass er es war, aber sie hatten Mühe mit der Situation. Das mussten sie erst einmal verarbeiten, und dazu brauchten sie noch etwas Zeit. Nicht umsonst wird im Neuen Testament erzählt, dass sie erst 50 Tage nach Ostern alle Furcht ablegten und in der Lage waren, ihren Glauben in die Welt zu tragen. (Apostelgeschichte 2, 1- 4)
Aber sie genossen die Gemeinschaft mit Jesus. In der Mahlfeier spürten sie seine wohltuende Nähe. Sie war vertraut und doch in keiner Weise selbstverständlich.
„Das war das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.“ Mit diesem Satz endet unsere Erzählung.
Man hat den Eindruck, dass es eigentlich zwei Geschichten sind, die hier miteinander kombiniert wurden: Das Wunder vom Fischzug und das Wunder eines Mahles mit dem Auferstandenen. Es kann auch tatsächlich sein, dass die Szene aus zwei Begebenheiten zusammengesetzt wurde und sich hier diese beiden Erzählungen miteinander verschmolzen haben. Doch genau dadurch bekommt die Geschichte ihren Reiz und ihren Reichtum: Bei einem alltäglichen Geschehen wie dem Essen offenbart sich Jesus als der Auferstandene, der wunderbar eingreift. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut und gleichzeitig hat er göttliche Kraft und Macht.
Auch zu seinen Lebzeiten hatte Jesus ja öfter mit seinen Jüngern und anderen Menschen gegessen und getrunken. Die Mahlgemeinschaft ist ein häufiges Motiv im Evangelium, wie die Speisung der Fünftausend oder das Essen mit Zöllnern und Sündern. Auch das letzte Abendmahl gehört dazu: Jesus saß gerne mit den Menschen zum Essen zusammen. Das stärkte seine Gemeinschaft mit ihnen und zeigte, dass er ihnen nahe war. Daran knüpft diese Begegnung hier an, und damit gibt Jesus seinen Jüngern ein Erkennungszeichen. So kannten sie ihn, und daran sollten sie sich erinnern. Das gelingt ihnen allerdings erst durch den wunderbaren Fischzug, mit dem sein Auftreten einhergeht. Einerseits ist die Begegnung also vertraut und normal, andererseits wird der Alltag der Jünger durchbrochen und in übernatürlicher Weise verändert.
Darin liegt die Botschaft dieser Geschichte, auch wir dürfen das erleben: Wir können Jesus im normalen, täglichen Leben begegnen, dann wird etwas neu, ohne dass wir ergründen können, wie es geschieht. Es ist traumhaft und wirklich zugleich, geheimnisvoll und doch ganz real. So handelt der Auferstandene immer noch. Daraus speist sich unser Glaube und unsere christliche Lebensführung.
Lassen Sie uns also fragen, wie es dazu kommen kann, dass sich auch in unserem Leben der Auferstandene offenbart und an uns handelt.
Dabei dürfen wir als erstes davon ausgehen, dass er selber zu uns kommt. So wie er hier am Seeufer stand, so kann er plötzlich in unser Leben treten. Er kommt uns entgegen und will selber, dass wir ihn erkennen. Vielleicht hören wir von ihm, lesen etwas, machen eine Erfahrung, die auf ihn hinweist. Er ist auf jeden Fall in dieser Welt gegenwärtig und zeigt sich immer wieder. Wir müssen ihn nicht zu uns ziehen. Es gilt lediglich, ihn zu erkennen, d.h. auf seine Zeichen zu achten. Es ist also gut, wenn wir für Überraschungen offen sind. Wir können die Begegnung mit ihm nicht planen, sie geschieht unvorhergesehen.
Das ist einerseits spannend, andererseits verunsichert uns das aber auch und macht uns Angst. Überraschungen können unwillkommen sein, und genau da liegt das Problem. Das ist der nächste Punkt. Normalerweise bestimmen wir ja selber, was geschieht, oder zumindest wollen wir das gerne. Wir behalten am liebsten die Kontrolle über unser Leben und richten uns nach unserem Willen und unsren Wünschen. Die sollen wahr werden, denn davon versprechen wir uns Glück und Erfolg. In der Familie, im Beruf, in dem, was wir lernen und womit wir uns vergnügen, handeln wir so. Lange Zeit geht das auch gut, wir erreichen etwas und verwirklichen unsere Vorhaben.
Doch meistens kommen wir irgendwann an eine Grenze, durch das Älterwerden z.B. Es kann aber auch schon vorher geschehen, etwa durch eine Krankheit, einen Verlust oder eine Krise. Es gibt unzählige Ereignisse, die uns aus der Bahn werfen und unsere Pläne durchkreuzen können. Dann merken wir, dass unser Leben nicht aufgeht, wenn wir nur auf uns selber vertrauen. Im Gegenteil, oft machen wir uns genau dadurch etwas vor. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir alles im Griff haben. Wir können dabei in die Irre gehen, weil wir letzten Endes Trugbildern nachlaufen. Oft sind es in Wirklichkeit so etwas wie Wahnvorstellungen, die uns anleiten, sie verblenden uns und versperren uns die Sicht.
Und genau das kann und will Jesus durchbrechen. Er will unsere Augen und unseren Geist für seine Gegenwart öffnen. Das, was uns die Sicht versperrt, muss dafür allerdings weichen. Es ist deshalb oft ein schmerzhafter Vorgang, der uns zur Erkenntnis seiner Macht führt. Er geht durch Leiden und Sterben hindurch. Wir müssen etwas loslassen, aufgeben und uns eingestehen, dass wir alleine nicht weiterkommen. Es ist wichtig, dass wir unsere Begrenztheit annehmen und ehrlich sind. Krisen und Niederlagen sind nicht nur schlimm, sie können uns auch weiterführen. Es gilt deshalb, dass wir sie bejahen.
Anders war es bei Jesus auch nicht, wir folgen ihm auf diesem Weg und können genau wie er zu neuem Leben finden. Das ist der letzte Schritt. Es ist dann wie eine zweite Geburt. Nicht umsonst bezeichnen wir es als „Wiedergeburt“, wenn ein Mensch zum Glauben kommt und sich dem Auferstandenen anvertraut. Es gibt seinem Leben einen neuen Sinn und ein neues Ziel. Es entsteht Hoffnung und Zuversicht. Aufbruch und Bewegung kennzeichnen diesen Neuanfang. Die Auferstehung vollzieht sich im eigenen Leben, denn von nun an gibt es keine ausweglosen Situationen mehr. Selbst wenn gar nichts anderes mehr geht, ist Jesus immer noch da. Er ist die neue Mitte, derjenige, der uns einlädt und uns mit seiner göttlichen Kraft in unserem Alltag begleitet.
Mit der Taufe wird dafür eine Grundlage gelegt. Sie erinnert an die Wiedergeburt, dafür ist das Wasser ein Zeichen: Es kann Tod und Leben bedeuten, etwas Altes geht unter und etwas Neues wird lebendig. Außerdem legt sie die Grundlage für die Gegenwart Christi in unserem Leben. Er ist durch die Taufe wirklich bei uns und wird sich immer wieder zeigen.
Er schafft Situationen, an denen wir ihn erkennen können. Wir führen unsren Alltag mit ihm, alles ist wie immer und doch liegt unserem Leben ein Wunder zu Grunde. Die himmlische und ewige Wirklichkeit hat Einzug genommen, ein starker Begleiter und Helfer.
Lassen Sie uns also hinschauen, uns von Jesus einladen lassen und die Nähe und Gemeinschaft mit ihm genießen. Dann wird es immer wieder einen neuen Anfang geben.
Amen.

 

 

Der Herr ist auferstanden

Predigt über Matthäus 28,1-10: Jesu Auferstehung

Ostersonntag, 16.4.2017, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Matthäus 28, 1- 10

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.
4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.
5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;
7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.
8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Liebe Gemeinde.

Kennen Sie das: Plötzlich bewusstlos, doch schnell wieder bei Sinnen? So verläuft eine Ohnmacht. Auslöser sind ein vorübergehender kompletter Durchblutungsmangel im Gehirn und ein kurzes Versagen des Herz-Kreislauf-Systems. Aus dem Stand heraus gleiten die Beine weg, die Muskeln machen schlapp und der oder die Betroffene sinkt in sich zusammen.
Diejenigen, denen es widerfährt, sind danach häufig stark verunsichert: Was ist passiert? Bin ich krank? Stimmt etwas bei mir nicht im Kopf? Kann sich der Vorfall wiederholen?
Die Antworten auf diese Fragen hängen von den Ursachen ab. Das können Herz- und Gefäßerkrankungen sein, die müsste man dann medizinisch behandeln lassen. Es gibt aber auch psychische Gründe für eine Ohnmacht. Heftige Gefühlswahrnehmungen können ebenfalls den Kreislauf dämpfen, wie etwa ein Erschrecken, Angst oder Stress. Dann geht die Ohnmacht meistens schnell vorüber und wiederholt sich auch nicht unbedingt. Eine Medizin gibt es dagegen nicht. Unangenehm ist sie allerdings trotzdem, denn man weiß nicht, was in der Zeit der Bewusstlosigkeit geschehen ist.

So ging es auch den Wächtern des Grabes Jesu. „Sie waren, als wären sie tot“, heißt es in dem Bericht bei Matthäus, und dadurch bekamen sie nichts von den Geschehnissen mit. Die waren so gewaltig, dass die Wächter erschraken und in Ohnmacht fielen. Und das ist auch kein Wunder, denn für das Nervensystem waren es ungewöhnlich starke Reize: „Es geschah ein großes Erdbeben, der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Und seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.“
Das alles passierte am ersten Tag der Woche, nachdem Jesus beerdigt worden war und der Sabbat vorüber war. Da kam am Grab Jesu plötzlich eine Bewegung auf, die die Erde erschütterte. Sie war die Begleiterscheinung für eine himmlische Offenbarung. Die Wirklichkeit Gottes brach ein, der Allmächtige meldete sich zu Wort. Durch das Auftreten eines Engels wurde er sichtbar und hörbar. Außerdem wurden die Naturgesetze für ungültig erklärt: Mit metaphysischen Kräften wälzte der Engel den Stein weg, mit dem das Grab verschlossen war. Und dann kam zu dem Erbeben und der Öffnung des Grabes noch ein helles, blendendes Licht dazu. Es ist kein Wunder, dass die Wächter bei all diesen Ereignisswen in Ohnmacht fielen.
Viel erstaunlicher ist es, dass die Frauen, die gekommen waren, um nach dem Grab zu sehen, dem allen stand hielten. Es waren „Maria von Magdala und die andere Maria“. Sie waren mit Jesus befreundet gewesen und wunderbarer Weise verkrafteten sie diese spektakulären Ereignisse. Mit ihnen sprach der Engel nun. Sicherlich hatten sie sich auch erschrocken, aber der Engel konnte sie beruhigen. Er sagte als erstes: „Fürchtet euch nicht!“ Das ist ein Gruß, der fast immer in der Bibel vorkommt, wenn Gott zu den Menschen spricht. Er soll die Angst vor dem Unbegreiflichen nehmen und Nähe schaffen. Er soll beruhigen und die Angesprochenen zum Zuhören bewegen.
Und das gelang dem Engel auch. Er gab den Frauen zu verstehen, dass er sie kannte und wusste, was sie bewegte und beschäftigte. So vertrauten sie ihm und waren bereit, zuzuhören. Und das war wichtig, denn nun folgte die unglaubliche Botschaft: „Jesus, der Gekreuzigte, ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat“.
Jesus war nicht mehr da, das Grab war leer. Die Frauen konnten sich davon überzeugen.
Und dann bekamen sie von dem Engel einen Auftrag: „Geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten.“ Das taten sie sofort. Sie gehorchten dem Engel und gingen zurück, um diese Botschaft weiter zu sagen.
Vielleicht wachten die Wächter genau danach wieder auf. Das wird hier zwar nicht erzählt, aber wir können es uns gut vorstellen. Ihre Ohnmacht bedeutet jedenfalls, dass sie im Nachhinein nichts bezeugen konnten. Niemand konnte das, auch die Frauen nicht, denn die waren von dem Licht geblendet. Es gibt für die Auferstehung selbst keine Augenzeugen, das wollte der Evangelist klar machen. Wann Jesus wirklich aus dem Grab verschwand, weiß keiner. Es gibt von Anfang an nur die Botschaft seiner Auferstehung, die Verkündigung und den Glauben daran.
Und dafür sind die Frauen ein wunderbares Beispiel. Im Gegensatz zu den Wächtern hatten sie Vertrauen in Gott und in Jesus. Sie waren aus Freundschaft und Liebe gekommen, waren offen für die Rede des Engels und gehorchten ihm.
Deshalb hörte ihr Erleben damit auch nicht auf, sondern auf ihrem Rückweg begegnete ihnen Jesus selber. Sie hatten zwar nicht gesehen, wie er aus dem Grab stieg, aber nun trafen sie ihn auf dem Weg. Plötzlich stand er vor ihnen. Er zeigte sich und sprach selbst zu ihnen. Und sie beteten ihn an, wie es heißt: „Sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.“
Und dann erhielten sie von ihm noch einmal denselben Auftrag, den der Engel ihnen bereits gegeben hatte: „Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.“ Damit endet der Osterbericht des Matthäus.

Und das Christentum beginnt. Ostern ist die Geburtsstunde des christlichen Glaubens, die Entstehung der Kirche. Alles beruht auf dieser Botschaft und darauf, dass sie weitergesagt wurde. Ostern ist deshalb eigentlich auch das zentrale Fest der Christenheit, das als erstes in der Geschichte der Kirche gefeiert wurde. Und das ist kein Wunder: So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben, und auch danach ist nie wieder jemand aufgetreten, der von einem Menschen verkündet hat, dass er von den Toten auferstanden ist. Jesus ist nicht nur ein Lehrer oder Prophet, sondern der lebendige Gott, der den Tod besiegt hat, so lautet das christliche Bekenntnis. Und das wird auch nicht nur zu Ostern gefeiert, ursprünglich erinnert jeder Sonntagsgottesdienst an die Auferstehung. Der Sonntag ist jedenfalls aus diesem Grund unser Feiertag.
In der orthodoxen Kirche ist dies auch lebendig geblieben. Dort wird das Osterfest viel großartiger begangen, als bei uns. Und das zentrale Bild in einer orthodoxen Kirche ist immer der auferstandene und erhöhte Christus.
In unserer westlichen Tradition hat sich das verschoben. Die Kreuzigung Jesu wurde in der katholischen und evangelischen Kirche bedeutender. In den Vordergrund trat das Opfer Christi, sein Leiden, seine Geduld und Hingabe. Und von den Festen rückte Weihnachten stärker in das Bewusstsein der Allgemeinheit, d.h. die Botschaft, dass Jesus überhaupt gekommen ist und Gott Mensch wurde. Heutzutage können damit jedenfalls viel mehr Menschen etwas anfangen als mit Ostern.
Und das ist nachvollziehbar, denn in ein modernes, aufgeklärtes Denken passt der Glaube an die Auferstehung nicht. Die meisten Menschen können sich das nicht vorstellen und halten es für unwahrscheinlich. Selbst viele Christen zweifeln an dieser Botschaft. Vielleicht geht es Ihnen auch so. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns fragen, was wir damit anfangen sollen. Kann diese ungewöhnliche Nachricht überhaupt noch etwas für uns bedeuten? Und wenn ja, wie erschließt sie sich uns?
Über diese Fragen müssen wir nachdenken. Und dafür ist es gut, wenn wir die Osterberichte in den Evangelien nach Antworten absuchen. Wir dürfen sie nicht einfach nur als Geschichten lesen oder hören, sondern müssen tiefer in sie eindringen. Dann entdecken wir durchaus einiges, das für unseren Glauben wichtig ist.
Bei dem Bericht im Matthäusevangelium ist es z.B. aufschlussreich, einmal die beiden Gruppen von Menschen, die hier vorkommen, miteinander zu vergleichen, die Wächter und die Frauen. Die einen fallen in Ohnmacht und merken nichts, die anderen kommen zum Glauben. Warum ist das so? Was ist der Unterschied? Wenn wir das herausstellen, ergeben sich ein paar wichtige Konsequenzen.
Drei Punkte sind mir dazu eingefallen. Zunächst einmal sind es ganz unterschiedliche Motive, die die Menschen zum Grab Jesu führten. Die Soldaten taten es aus Pflicht und aus Misstrauen heraus. Sie standen da, weil die Hohenpriester mit den Pharisäern Pilatus daran erinnert hatten, dass Jesus bereits vor seinem Tod von seiner Auferstehung gesprochen hatte. Pilatus sollte das Grab bewachen lassen, „damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste.“ So steht es im Matthäusevangelium. Pilatus erfüllte ihren Wunsch, das Grab wurde mit der Wache gesichert und der Stein versiegelt. (Mt. 27,62-66)
Es war also auf keinen Fall Freundschaft, die die Wächter mit Jesus verband, sondern im Gegenteil: Sie standen als seine Feinde da.
Die Frauen dagegen liebten Jesus. Sie hatten sich längst auf ihn eingelassen und waren ihm gefolgt. Und das wäre auch für uns eine wichtige Voraussetzung: Wenn wir an die Auferstehung glauben wollen, müssen wir Jesus von vorne herein mit Liebe begegnen, uns ihm zuwenden, ihn aufsuchen und uns für seine Nähe öffnen. Das ist der erste Punkt.
Als zweites können wir uns das Ergehen am Grab vor Augen halten: Die Wächter fielen in Ohnmacht, die Frauen dagegen vernahmen eine wunderbare Botschaft. Und das heißt: Wer ohne positive Grundeinstellung zu Jesus geht, skeptisch und misstrauisch ist, bekommt von seiner Macht nichts mit, er bleibt ihr gegenüber „bewusstlos“, d.h. sie dringt nicht in sein Bewusstsein ein. Es ist, als würde nichts geschehen.
Wer dagegen in Freundschaft mit Jesus lebt, zu dem spricht Gott. Er wird beruhigt und empfängt wunderbare Worte des Trostes und der Hoffnung. Es gilt also, auf die Stimme Gottes, d.h. auf das Evangelium zu hören und ihr zu gehorchen, und zwar trotz unserer Zweifel. Die dürfen wir ruhig haben, wir müssen sie nicht selber abstellen. Allerdings sollten wir sie auch nicht allzu lange pflegen. Es nützt nichts, wenn wir viel grübeln, unseren Verstand bemühen und die Vernunft einschalten. Wir sollten einfach nur stand halten und uns auf die Verkündigung der Auferstehung Jesu einlassen.
Dann kommt es zur Begegnung mit ihm, das ist der dritte Punkt. Die Wächter werden gar nicht mehr erwähnt, sie versinken für den Evangelisten in die Bedeutungslosigkeit und fallen aus der Geschichte raus. Die Frauen dagegen erleben etwas sehr Schönes: Sie treffen Jesus selber. Vielleicht waren auch sie bis dahin noch nicht richtig überzeugt, jetzt sind sie sich ganz sicher. Und das heißt für uns: Die Antwort auf die Frage, ob Jesus denn nun wirklich auferstanden ist, bekommen wir nicht in unserem Kopf, sondern in unsrem Leben. Sie vollzieht sich und verändert uns. Die Kraft der Auferstehung, diese starke Energie, die sich in den geschilderten Ereignissen am Grab widerspiegelt, zieht in unser Leben ein. Und es wird hell in uns. Ohne dass wir viel dazu tun, wird unser Geist klar. Wir fühlen uns sicher, gewinnen Zuversicht und Hoffnung. Die Zweifel lösen sich von alleine auf, sie sind plötzlich verschwunden, ohne dass wir viel dazu getan haben. Und mit ihnen verziehen sich auch andere Probleme, die wir eventuell im Leben hatten. Denn uns wird gleichzeitig eine große Freude geschenkt.
Den Frauen ging es so, dadurch wurden sie die ersten Missionarinnen: Sie gaben die Verkündigung weiter und sagten es den Jüngern. Die wiederum gingen später in die Welt hinaus und predigten das Evangelium. Bis heute ist es lebendig geblieben. Und es ist nicht nur eine gute Nachricht, sondern in ihr ist der Auferstandene gegenwärtig. Er stellt sich immer noch vielen Menschen in den Weg, öffnet ihre Augen und Ohren und macht sie zu seinen Jüngern und Jüngerinnen.
Lassen Sie uns dazu gehören, uns nicht verschließen, sondern ihn lieben und immer wieder aufsuchen. Lassen Sie uns an den Auferstandenen glauben und ihm vertrauen. Dann werden wir ihm auch begegnen und können seine Stimme hören.

Amen.

Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden

Bereits in den letzten beiden Jahren hat die Nordkirche dazu eingeladen, die Gottesdienste am 5. Sonntag der Passionszeit, dem Sonntag Judika, unter das Motto zu stellen: „Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden.“ Diesem Vorschlag haben wir uns heute angeschlossen. Der Gottesdienst hat Raum für Klage und Dank, Bekenntnis und Fürbitte gegeben und sollte uns helfen, unser Engagement für den Frieden nicht aufzugeben. Wir haben uns daran erinnert, dass Gott sich diese Welt friedlich vorgestellt hat. Er will nicht, dass wir Kriege führen. Wir haben deshalb gefragt, wie wir leben können, damit sein Wille geschieht.
Viele Inhalte – auch in der Predigt – sind dem Materialheft entnommen, das das Zentrum für Mission und Ökumene der  Nordkirche für die Gottesdienste an diesem Sonntag zusammengestellt hat.

Predigt über 1. Mose 22, 1- 13: Abrahams Versuchung

Judika, 5. Sonntag in der Passionszeit, 2.4.2017
Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Mose 22, 1- 13

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne
5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.
7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz
10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

Liebe Gemeinde.
„Abraham war bereit, Gott seinen einzigen Sohn zu geben, obwohl ihm Gott doch die Zusage gemacht und gesagt hatte: »Durch Isaak wirst du Nachkommen haben«. Denn Abraham rechnete fest damit, dass Gott auch Tote zum Leben erwecken kann. Darum bekam er auch seinen Sohn lebendig zurück – als bildhaften Hinweis auf die künftige Auferweckung.“ (Hebräer 11,17ff, Übersetzung: Gute Nachricht)
Das ist der Kommentar des Hebräerbriefes zu der Erzählung von „Abrahams Versuchung“. Er steht in einem Kapitel über die Geschichte des Glaubens der Väter. Darin zählt der Verfasser eine lange Reihe von Beispielen hervorragender Glaubenszeugen aus dem Alten Testament auf. Und das war keine neue Idee. Abraham wird bereits im Alten Testament aus verschiedenen Gründen als „Vater des Glaubens“ bezeichnet. Im Hebräerbrief wird hervorgehoben, dass sein Glaube sich in einer extremen Grenzsituation bewährt hat und ihn über die Todesfurcht triumphieren ließ. Die Gewissheit des lebendigen Gottes hat Abraham durch die dunkelsten Stunden seines Lebens getragen.
Aus der Erzählung selbst lässt sich diese Auslegung nicht unbedingt ableiten, denn wir erfahren hier nichts über die Gedanken Abrahams. Im Gegenteil: Es fällt auf, dass er die meiste Zeit schweigt. Was in ihm vorgeht, offenbart er nicht, nicht einmal seinem Sohn.
Aber es ist gut, dass schon der Hebräerbrief eine Interpretation liefert, denn ohne eine solche lässt sich diese Geschichte nicht verstehen und auch nicht ertragen. Sie enthält zu viele Widersprüche und wirkt über weite Strecken böse und abstoßend: Den einzigen Sohn zu opfern, geht bereits gegen die Natur und kann eigentlich nicht von dem Gott gefordert werden, der doch das Leben schuf! Zudem hatte Abraham für seinen Sohn eine besondere Verheißung empfangen. Es muss für ihn völlig unverständlich gewesen sein, dass Gott nun verlangte, ihn zu töten. Gott machte sich dadurch eigentlich unglaubwürdig! Die Verheißung wurde für Null und nichtig erklärt, und das konnte Abraham bestimmt nicht begreifen.
Deshalb herrscht wohl auch dieses bedrückende Schweigen zwischen ihm und seinem Sohn Isaak. Es legt sich fast auf einen selber, wenn man die Geschichte liest. Nur einmal wird es von Isaak unterbrochen, weil der sich wundert: An den Gegenständen, die sie tragen, erkennt er sehr wohl, dass sie ein Opfer bringen wollen. Aber wo war das Tier? Das fragt er seinen Vater. Und um das Kind nicht zu beunruhigen, vielleicht auch weil er in der Tat an die Auferstehung der Toten glaubt, sagt Abraham: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Dann herrscht wieder Schweigen, bis sie am Ziel sind, und auch dort wird nicht mehr gesprochen, sondern nur noch gehandelt. Am Ende streckt Abraham die Hand aus und nimmt das Messer, um seinen Sohn zu töten.
Erst im allerletzten Augenblick wird er von dieser schrecklichen Tat abgehalten. Eine Stimme ruft ihn und daraufhin lässt er die Hand sinken und hört zu. Er soll dem Jungen nichts tun, sondern anstatt des Kindes einen Widder opfern, der plötzlich im Gebüsch auftaucht. Die Geschichte geht also am Ende gut aus.
Das hebt der Hebräerbrief hervor, und auf dieses Ende möchte auch ich heute einmal unsere Aufmerksamkeit lenken. Wir müssen uns wie gesagt sowieso Gedanken machen, wie wir die Geschichte verstehen wollen, sie erschließt sich nicht von allein. Die Menschen, die sie gelesen haben, taten das deshalb auch von Anfang an, und es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen.
Wer humanistisch denkt, verurteilt die Geschichte z.B. einfach: Das kann nicht Gott sein, der hier spricht, denn er verlangt etwas, das jeder Moral entgegensteht. Abraham muss sich getäuscht haben, als er den Auftrag vernahm. Das war nicht die Stimme Gottes. So lautet ein Argument. Es führt dazu, dass man die Geschichte ablehnt, denn an so einen Gott kann und will man nicht glauben.
Das denken sicher auch viele von uns. Unser Glaube gründet auf ganz anderen Grundsätzen. Wir finden sie im Neuen Testament, und da ist Gott nicht mehr so. Wir halten die Geschichte deshalb für einen Irrtum in der Bibel.
Wenn wir allerdings genau hinschauen, ist der Unterschied zwischen Abraham und dem Neuen Testament gar nicht so groß. Nicht umsonst erwähnt der Hebräerbrief ihn als Glaubenszeugen, und auch Paulus stellt ihn mehrere Male als Vorbild hin.
Lassen Sie uns die Geschichte deshalb nicht einfach bei Seite legen. Wir können uns wie gesagt auf das Ende konzentrieren, dann ist sie gar nicht so grausam und unmenschlich. Denn niemand wird umgebracht. Die Geschichte handelt nicht vom Morden und Opfern, sondern von genau dem Gegenteil: Gott hält das Schwert zurück, er will das Leben und den Frieden. Das kommt hier sehr deutlich zum Ausdruck. Die Praxis des Menschenopfers wird eindeutig abgelehnt. Sie war auch bereits ferne Vergangenheit, als die Geschichte entstand, es gab sie schon lange nicht mehr. Darauf gründet sich die Erzählung.
Lassen Sie sie uns deshalb einmal mit diesen Voraussetzungen lesen, dann entdecken wir darin vieles, was für unser Leben und unseren Glauben wichtig ist.
Aufschlussreich und sehr eindrücklich ist wie gesagt der Moment, in dem Gott die Hand Abrahams mit dem Messer zurückhält und ihn am Morden hindert. „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts.“ Das war der Befehl des Engels.
Gott ließ sich vernehmen, und das tut er auch heute noch. Es gilt also, inne zu halten und hinzuhören. Es muss die Bereitschaft geben, auf Gottes Friedensstimme zu achten, auf sein Wort. Denn dafür sind viele Menschen taub. Wie taub sind z.B. die Kriegstreiber gegenüber der Mahnung zum Frieden. Unbeirrt verfolgen sie ihre eigenen Ziele. Abraham kann gut auch als ein Bespiel für religiösen Fanatismus gesehen werden. Er ist von unheilvollen Phantasien erfüllt, die immer noch viele Menschen befallen: Gott verlangt Opfer, er will, dass wir andere töten, er will das Blutvergießen. Wenn solche Gedanken das Handeln bestimmen, entsteht eine Logik des Krieges und der Gewalt. Falsche Gewissheiten machen die Menschen für alles andere blind und taub. Abraham erinnert uns daran, dass es das geben kann, dass das aber nicht der Wille Gottes ist. Er lädt uns ein, genau hinzuhören, und am Ende das zu tun, was dem Frieden dient.
Lassen Sie uns also fragen, wie das geht. Dazu gehört es als erstes, dass wir zugeben: Keiner und keine von ist so, wie Gott das möchte. Wir tragen alle die Keime von Hass und Neid in uns. Wie oft wollen wir z.B. mehr haben, als unser Nachbar oder unsere Nachbarin hat, wollen stärker sein als unsere Geschwister und besser als die Kollegen. Unser Geist verfinstert sich dann, weil wir neidisch sind. Auch gegenüber der Not unserer Mitmenschen verschließen wir uns gern. Wir sehen die Fremden mit Misstrauen, und innerlich ballen sich unsere Hände zu Fäusten. Das müssen wir zugeben. Es ist wichtig, dass wir ehrlich sind und unsere Sünde erkennen. Denn nur dann können wir den nächsten Schritt gehen und Gott um Hilfe bitten. Wir können ihn bitten, auf uns Acht zu geben, uns beizustehen und uns zur Ordnung zu rufen.
Dann hält er unsere Hand mit dem Messer zurück, er gebietet uns Einhalt und öffnet die geballten Fäuste. Er lässt uns teilen. Er macht uns bereit zu geben, was der andere braucht und dankbar anzunehmen, was wir haben. Er kann uns auf den Weg der Gerechtigkeit führen.
Und auf diesem Weg sind wir nicht allein. Denn als Christen haben wir jemanden, der uns hilft, den Weg des Friedens zu gehen. Es ist Jesus Christus selber, der lebt und uns begleitet. Dieser Gedanke bietet eine weitere Möglichkeit, die Geschichte von Abraham und Isaak zu interpretieren: Das geopferte Schaf oder Lamm ist ja ein Symbol für Christus geworden. Nicht umsonst lesen wir die Erzählung in der Passionszeit, in der es um das Leiden und das Opfer geht, das Gott selbst durch den Tod seines Sohnes für uns gebracht hat, damit wir gerettet werden.
All unsere Sünden, unser Unfriede und sogar Kriege können dadurch überwunden werden. Denn wir dürfen daran glauben, dass wir nie allein sind. Gott kennt unsere Not, die Ungerechtigkeit und den Hass. Er hat das selber erlitten und geduldig ertragen. Mit dem Sterben Christi ist er in die tiefsten Tiefen unseres menschlichen Lebens hinabgestiegen, und mit seiner Auferstehung ist er daraus wieder hervorgegangen. Und dadurch haben wir immer und überall eine Quelle des Guten, die Kraft der Liebe und einen Grund zur Hoffnung. Wir müssen nur auf Jesus Christus vertrauen, dann können wir die Erfahrung machen, dass jemand da ist, der uns beisteht und uns zum Frieden führen möchte.
Es gibt dafür auch konkrete Beispiele. So berichtet ein Pastor aus Papua Neuguinea, dass es dort Anfang der 70er Jahre einen erbitterten Krieg zwischen zwei Stämmen gegeben hat, der sechs Jahre lang dauerte. Hunderte von Menschen auf beiden Seiten wurden getötet, Häuser verbrannt und Kaffeebäume vernichtet. Doch es gab einen Funken von Frieden mitten im Krieg, und das war die christliche Botschaft. Die meisten Menschen hatten den christlichen Glauben angenommen, und trotz des herrschenden Hasses wirkte die Botschaft des Friedens tief in den Herzen der Krieger. So kam es eines Tages zu dem lang ersehnten Frieden. Die wenigen Pastoren und Evangelisten beschlossen buchstäblich als Friedensträger mitten in die Kampfzone zu gehen. An einem besonders schlimmen Tag traten die Gottesmänner zwischen die beiden kriegerischen Stämme, bekleidet mit ihren Talaren und bewaffnet mit einem einzigen Kreuz. Das Kreuz war hoch genug, dass beide Seiten es deutlich sehen konnten. An dem Kreuz oben hing ein rotes Tuch, befestigt wie eine Flagge, auf dem ein weißes Abbild vom Lamm zu sehen war, das ebenso ein Kreuz trug. Zunächst passierte nichts, doch dann konnte man wahrnehmen, dass die Krieger tatsächlich aufgehört hatten, aufeinander zu schießen. Die Kreuzträger standen einfach da, ohne etwas zu sagen. Es herrschte eine tiefe und lange Stille, bis einer der Pastoren das Wort ergriff. Er dankte den Kriegern, dass sie aufgehört hatten zu kämpfen, und forderte sie auf, diesen Moment des Waffenstillstandes dauerhaft zu machen. Ein Kämpfer nach dem anderen legte daraufhin die Waffen nieder und verließ das Schlachtfeld. Und damit begann die Friedenszeit, die bis heute anhält. Natürlich waren die Friedensverhandlungen noch einmal sehr intensiv, ein Kompromiss wurde gefunden, der für beide Seiten ein harter Preis war. Doch die Saat des Friedens war aufgegangen. Das Kreuz hat als Symbol des Friedens seine Kraft entfaltet und die Feindseligkeiten beendet. (Erzählt von Pastor Maiyupe Par, Evangelisch-Lutherische Kirche in Papua-Neuguinea, Ökumenischer Mitarbeiter im Zentrum für Mission und Ökumene in der Nordkirche)
Und das ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Jesus Christus lebt. Er ist gegenwärtig und schenkt uns die Kraft des Friedens. Wir müssen nur auf das Kreuz schauen und ihn um Hilfe bitten. Dann sinken in seinem Namen die Schwerter und Leben wird möglich.
Es lohnt sich also, im Glauben an Christus immer wieder für den Frieden einzustehen. Durch seine Gegenwart können wir über den Hass und über die Todesfurcht triumphieren. Die Gewissheit des Auferstandenen führt uns durch die dunkelsten Zeiten. Sie macht uns stark und liebend und hoffnungsvoll.
Und wenn uns trotzdem einmal der Mut verlässt, weil so viele Konflikte nicht gelöst werden, viele Kriege kein Ende finden, dann sollten wir trotzdem nicht aufgeben. Wir können uns das mit dem Frieden so vorstellen, wie Dorothee Sölle es einmal aufgeschrieben hat. Sie sagt:
„Als ich einmal sehr deprimiert war, hat mir ein Freund, ein Pazifist aus Holland, etwas sehr Schönes gesagt: »Die Leute im Mittelalter, welche die Kathedralen gebaut haben, haben sie ja nie fertig gesehen. Zweihundert oder mehr Jahre wurde daran gebaut. Da hat irgendein Steinmetz eine wunderschöne Rose gemacht, nur die hat er gesehen, das war sein Lebenswerk. Aber in die fertige Kathedrale konnte er nie hineingehen. Doch eines Tages gab es sie wirklich. So ähnlich musst du dir das mit dem Frieden vorstellen«. “ (aus: Dorothee Sölle, Gegenwind. Erinnerungen, Freiburg i. Br. 2010, S. 205)
Amen.

Das Zeichen des Propheten Jona

Predigt über Matthäus 12, 38- 42: Zeichenforderung der Pharisäer

2. Sonntag der Passionszeit, Reminszere, 12.3.2017, 9.30 Uhr,
Lutherkirche Kiel

Matthäus 12, 38- 42

38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.
39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.
40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte bim Schoß der Erde sein.
41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.
42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Liebe Gemeinde.
„Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen.“ So betete der Prophet Jona im Bauch des Fisches. (Jona 2, 4.5a) Sie kennen die Geschichte sicher alle:
Jona sollte nach Ninive, einer großen Stadt in Babylonien gehen, um ihr ihren Untergang zu predigen, wenn sie nicht Buße tun würde. Aber er hatte Angst davor und floh auf einem Schiff, das ihn über das Meer bringen sollte. Das verhinderte Gott allerdings, indem er einen Sturm schickte. Das Schiff geriet in Seenot, und Jona war sofort klar, dass das ihm galt. Deshalb schlug er selber den Seeleuten vor, ihn über Bord zu werfen. Menschlich gesehen wäre das sein Ende gewesen, aber Gott wollte es anders. Er schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang und nach drei Tagen wieder ans Land brachte.
Die „Schriftgelehrten und Pharisäer“ zurzeit Jesu kannten diese Geschichte genau, und Jesus natürlich auch. Deshalb erwähnt er sie in einem Gespräch mit ihnen als ein „Zeichen“, das auf ihn hinweist.
Der Abschnitt steht im Matthäusevangelium. Es ist nicht das einzige Gespräch, das Jesus mit den Pharisäer und Schriftgelehrten führte. Sie waren die maßgeblichen Männer der Religion und er stritt sich oft mit ihnen, denn sie forderten ihn immer wieder heraus. Er behauptete, dass er der Messias war, der endzeitliche Retter, den Gott gesandt hatte, und das glaubten sie nicht. Sie nahmen es ihm nicht ab. Sie kannten sich in der Bibel und in den Überlieferungen aus und hatten eine klare Vorstellung davon, wie der Messias sein würde. Auf jeden Fall wird er sich durch ein Zeichen ausweisen müssen, irgendein Wunder, etwas außergewöhnliches, anders kann er sich nicht legitimieren. Das war ihre Auffassung und deshalb zweifelten sie an Jesus. Das steht hinter dem Gespräch, das wir gehört haben. Weil sie Bedenken hatten, forderten sie von Jesus so ein Beglaubigungszeichen: Er soll sich verteidigen.
Doch davon ist Jesus weit entfernt, das tut er nicht. Seine Antwort ist vielmehr zunächst eine Schelte, er geht also seinerseits zum Angriff über und nennt seine Gesprächspartner „böses und abtrünniges Geschlecht“. Das ist ein schwerer Vorwurf, mit dem Jesus sich ganz anders positioniert, als sie das erwartet hätten. Anstatt sich zu rechtfertigen, treibt er sie in die Enge und stellt sie an den Pranger. Dass sie überhaupt ein Zeichen fordern, ist für ihn Ausdruck des Unglaubens und der Gottesferne. Deshalb gibt er es ihnen das Gewünschte nicht, sondern spricht stattdessen vom „Zeichen des Propheten Jona“.
Er vergleicht dessen Schicksal mit dem des „Menschensohnes“, also mit seinem. Beide waren drei Tage und drei Nächte im Bereich des Todes, der eine im Bauch des Fisches, der andere im Schoß der Erde. Damit blickt Jesus auf seinen kommenden Tod und seine Auferstehung. Die wird das von den Pharisäern geforderte Zeichen sein. So wie Jona wird auch er nach drei Tagen aus dem Tod errettet werden. Das ist seine Antwort, und die führt er dann noch weiter: „Siehe, hier ist mehr als Jona“, sagt er. Jesus hat also noch eine viel größere Bedeutung. Jona konnte die Menschen in Ninive zur Umkehr bewegen. Sie taten Buße und wurden daraufhin verschont. Die Sendung und der Auftrag Jesu haben dagegen eine universale Reichweite, sie gelten allen Menschen. Wer an ihn glaubt, wo auch immer er auf der Welt wohnt, wird beim Jüngsten Gericht frei gesprochen und aus dem Tod errettet.
Das ist die Botschaft Jesu, und die ist immer noch aktuell. Sie gilt für uns heute genauso wie für die Pharisäer und Schriftgelehrten. Und das heißt: Auch wir dürfen von ihm keine spektakulären Zeichen erwarten, keine atemberaubenden Machterweise. Was wir haben, um an ihn glauben zu können, ist ebenfalls nur diese Botschaft: Er ist gestorben und nach drei Tagen wieder auferstanden.
Das ist im Grunde genommen ein ungeheures Zeichen, etwas Größeres kann es nicht geben. Aber glauben wir das auch? Reicht uns das? Zweifeln wir nicht genauso wie die Pharisäer und Schriftgelehrten immer wieder an der Macht Jesu? Es gibt ja unzählige Situationen im Leben, da hätten wir ebenfalls gerne ein Zeichen, irgendein Wunder, ein starkes Eingreifen von Seiten Gottes. Viele Menschen sind gegenüber Gott oder Jesus skeptisch. Was hat er denn bewirkt? Und wo ist er, wenn es uns schlecht geht?
Das passiert ja leider immer wieder. Was Jona erlebt hat, ist nicht völlig ungewöhnlich, jedenfalls nicht bis zu dem Zeitpunkt, wo der Fisch ihn aufnahm: Er war in eine Krise geraten und anschließend in Todesgefahr. „Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen. Der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.“ (Jona 2, 6f) So beschreibt er sein Erleben, und das ist ein gutes Bild: Manchmal schlägt das Leben hohe Wellen und wir haben Angst, zu versinken. Ein Abgrund tut sich auf und wir haben das Gefühl, immer tiefer dahinein zu sinken. Wir sehen keinen Ausweg mehr.
Das kann z.B. dann sein, wenn wir eine schwere Krankheit haben. Unser Leben ist bedroht, wir wissen nicht, wie es weitergeht, fühlen uns gefangen und fürchten uns. Auch wenn wir einen anderen, geliebten Menschen verlieren, geht es uns so, sei es durch eine Trennung oder sogar durch den Tod. Dann gerät alles ins Wanken, unser Leben wird erschüttert, der Boden wird uns unter den Füßen weggerissen. Und wenn Menschen sich auf die Flucht begeben müssen, ist das sicher genauso ein Erlebnis: Sie verlieren ihre Heimat und die Zukunft ist ungewiss, ganz abgesehen von all den Gefahren, denen sie auf einer Flucht ausgeliefert sind. Viele sterben dabei und kommen nie an das ersehnte Ziel.
Wo ist Jesus dann? Wenn er der Sohn Gottes wäre, könnte er so etwas doch verhindern. Er könnte helfen und uns davor bewahren. Dann könnten wir auch viel besser an ihn glauben. Denn in solchen Situationen kommen uns wie gesagt Zweifel, ob er wirklich Macht hat. Wir denken ganz ähnlich wie die Pharisäer: Wenn er der Sohn Gottes ist, dann soll er uns das auch zeigen!
Doch das tut er nicht. Im Gegenteil, er gibt uns immer noch dieselbe Antwort wie damals. Wir können seine Rede auch auf uns beziehen, dann schilt er uns sogar für diesen Wunsch. Wir sollen keine Zeichen dieser Art fordern, sondern uns mit dem zufrieden geben, was er getan hat: Er ist für uns gestorben und auferstanden. Er war selber drei Tage in der tiefsten Finsternis und ist daraus wieder hervorgegangen. Daran sollen wir uns halten, darauf sollen wir vertrauen, in jeder Situation. Er dreht also auch uns gegenüber den Spieß um und fragt uns, ob wir das wollen. Und das ist eine große Provokation, denn es bedeutet: Wenn du nicht an Jesus glauben kannst, dann liegt das an dir, dann willst du es auch nicht. Er hat unendlich viel für dich getan, du musst es nur annehmen, seine Hand ergreifen und dich von ihm retten lassen. Das ist die Herausforderung, mit der wir es hier zu tun haben.

Lassen Sie uns also fragen, wie wir zu diesem Glauben kommen können, und was das für unser Leben bedeutet.

Dabei ist es gut, wenn wir uns als erstes klar machen, woher unsere Fragen und Zweifel kommen. Sie hängen nämlich damit zusammen, dass wir das Leid und den Tod ablehnen. Wir wollen es nicht, wir würden es am liebsten ausklammern, und so organisieren wir unser Leben auch. Es soll alles glatt verlaufen, ohne Zwischenfälle, ohne Verluste, ohne Schmerzen und ohne Not. Das hätten wir gerne, davon träumen wir. Deshalb kämpfen wir über weite Strecken dagegen an. Wir versuchen, die Wellen, in denen wir versinken könnten, aufzuhalten, das Bedrohliche abzuwenden oder ihm zu entkommen.

Aber gelingt uns das auch? Das müssen wir uns genauso ehrlich fragen und uns eingestehen: Wir verbrauchen dabei viel Zeit und Kraft, es ist ganz schön anstrengend und zermürbend. Und was noch viel schlimmer ist: Es nützt oft nichts. Am Ende sind wir erschöpft und ausgelaugt, aber der Tod, die Trennung oder die Vertreibung kommen trotzdem. Es ist deshalb gut, wenn wir ehrlich sind und zugeben: So geht es nicht. Wir können Not und Tod nicht aus dem Leben löschen, es muss einen anderen Weg geben, um damit klar zu kommen.
Und worin der bestehen kann, hat Joseph Goldstein, ein amerikanischer Lehrer, einmal so gesagt: „Du kannst die Wellen nicht aufhalten, aber du kannst lernen zu surfen.“ Anders ausgedrückt heißt das: Wir können das Leid nicht abschaffen, aber wir können leidensfähig werden, lernen, damit zu leben und es zu bejahen. Das wäre der erste Schritt, und der ist noch nicht einmal spezifisch christlich. Das lehren auch die Buddhisten. Diese Einsicht kommt aus der Meditation und führt zu einer „Achtsamkeit des Herzens“. Das ist die Übung, die dahinter steht. Als westliche Menschen haben wir diese Möglichkeit weitgehend verdrängt, sie kommt in unserem Lebensstil zunächst nicht vor. Es ist aber gut, wenn wir sie zurückgewinnen und uns auf diesen Weg machen.
Doch wie geht das nun? Wie lernen wir denn, zu „surfen“, auf den Wellen des Lebens zu reiten, anstatt darin unterzugehen? Einfach ist das ja nicht, wir brauchen auf jeden Fall einen Lehrer. Und genau das kann Jesus sein, ja mehr noch: Er hilft uns und schenkt uns die Kraft, die wir brauchen.
Wir müssen nur auf ihn vertrauen, und das können wir am besten, indem wir zu ihm rufen. Das hat Jona auch getan. „Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes und du hörtest meine Stimme. Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir.“ (Jona 2, 1f.8) So beschreibt er es in seinem Danklied. Und das heißt, wir müssen in den Zeiten der Not unsere Blickrichtung ändern. Es nützt nichts, wenn wir uns ständig auf das Übel konzentrieren und uns davon gefangen nehmen lassen. Im Geist sind wir frei, uns ganz anderen Kräften auszusetzen. Wir können auf den schauen, der den Tod besiegt hat, der bei uns ist, und der uns hilft. Dann merken wir, dass eine Kraft von ihm ausgeht, die uns trägt. Wir gehen nicht unter, sondern gleiten auf wunderbare Weise über die Wellen dahin. Jona singt: „Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott! Ich will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem HERRN, der mir geholfen hat.“ (Jona 2, 7b.10)
Das ist die Folge: Wir bekommen Anteil an der Auferstehung, werden aus den Tiefen herausgehoben und in ein neues Leben hineinversetzt. Der Tod kann uns nichts mehr anhaben. Das ist es, was Jesus uns schenkt. In seiner Gegenwart verliert alles Dunkle seine Schrecken, Not und Leid haben keine Macht mehr über uns. Wir gehen gestärkt unseren Weg, bleiben gelassen und zuversichtlich.
Und natürlich hellt sich das Leben irgendwann auch wieder auf. Es bleibt nicht immer alles schlimm. Die Gefahren verziehen sich und etwas Neues kann beginnen. Das ist das Evangelium, die gute Botschaft, die Jesus für uns hat.
Lassen Sie uns darauf vertrauen und daran glauben und wie Jona, unseren „Dank opfern“.
Amen.

Das Reich Gottes ist mitten unter uns

Predigt über Markus 4, 26- 29: Gleichnis vom Wachsen der Saat

2. Sonntag vor der Passionszeit, Sexagesima
19.2.2017, 9.30 und 11 Uhr, Luther und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

In den Gärten sieht man jetzt überall kleine grüne Spitzen und Knospen, die aus der Erde hervor lugen. Es sind die Winterlinge und Schneeglöckchen. Ihre Zwiebeln schlummern im Erdreich und treiben wieder aus. Bald wird alles mit einem grünen und bunten Teppich aus Gras und Blumen überzogen sein. Darüber freuen wir uns, und es ist jedes Jahr wie ein Wunder. Ganz von allein wächst das, was wir ausgesät haben, wir müssen nichts mehr dazu tun.
Eine Freundin von mir findet das so schön, dass sie jedes Jahr im Oktober ungefähr 1000 Blumenzwiebeln in ihrem Garten setzt – die halten sich bei ihr leider nicht länger als ein Jahr. Sie werden kistenweise angeliefert, und dann hat sie ein paar Tage sehr viel Arbeit damit. Aber die Pracht, die nun bald ausbricht, entschädigt natürlich dafür. Es hat auch einen Überraschungseffekt, denn sie merkt sich nicht, wo die Zwiebeln alle vergraben sind. Ich bin schon eingeladen, rechtzeitig zu kommen, um das dann ebenfalls zu sehen und zu bestaunen. Und das will ich auch tun, denn das Geschehen in der Natur – gerade im Frühling – hat immer wieder etwas Faszinierendes.
So ging es auch Jesus, deshalb benutzte er diese wunderbaren Vorgänge gerne für seine Gleichnisse. Eins davon haben wir vorhin gehört, das Gleichnis vom Sämann. (Lukas 8, 4- 15) Jesus beschreibt damit, wie es im Reich Gottes vor sich geht, nämlich genauso wie in der Natur. Im Markusevangelium ergänzt er diese Geschichte noch mit einer weiteren, ganz ähnlichen. Sie lautet folgendermaßen:

Markus 4, 26- 29

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft
27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.
28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.
29 Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Dieses Gleichnis handelt von der „selbstwachsenden Saat“. Sie ist für Jesus ein Bild für das Reich Gottes. Es wächst und gedeiht ebenfalls von selbst. Um das zu veranschaulichen, beschreibt er den Weg und die Entwicklung, die das Samenkorn macht, bis es Frucht bringt: Zuerst wird es auf den Acker geworfen. Dann dauert es eine Weile, bis es in der Erde gekeimt hat und einen Halm hervorbringt. Der stößt alsbald durch die Oberfläche, und an diesem Halm wächst langsam die Ähre. Sie bringt die Körner hervor, die Frucht, die geerntet werden kann.
Und das alles geschieht „von allein“. Der Bauer, der gesät hat, muss nichts dazu tun, damit dieses Wachstum stattfindet. Er muss nur die Tage und Nächte verstreichen lassen, es passiert „automatisch“. Dieses Wort steht im griechischen Text tatsächlich, und es heißt: „selbsttätig, aus eigenem Antrieb, ohne fremdes Zutun“.
Und genau das ist hier der Vergleichspunkt: die unerklärliche Selbstwirksamkeit der ausgestreuten Saat. Genauso wächst auch das Reich Gottes von alleine. Der Mensch kann nichts dazu tun, außer dass er den Samen in die Erde legt und wartet. Dabei ist der Same das Wort Gottes und die Pflanzen sind der Glaube, die Liebe und die Hoffnung, all das, was für die Menschen heilsam und gut ist, wonach sie sich sehnen und was sie sich wünschen. Es wird ihnen von Gott geschenkt. Er sorgt dafür, dass es wächst und gedeiht, das ist die gute Botschaft Jesu.
Und dafür ist die selbstwachsende Saat ein sehr schönes Bild. So wie wir in der Natur auf die wunderbare Kraft des Wachsens und Gedeihens vertrauen können, so können wir in unserem Leben, in der Welt und in der Gemeinde daran glauben, dass Gott etwas wachsen lassen will, dass er im Verborgenen am Werk ist und Früchte hervorbringt.
Dieser Gedanke ist bei Jesus auch nicht neu. Die Schöpfung war für die Menschen seit jeher ein Zeichen für die Macht und Größe Gottes. Das belegen mehrere Psalmen und Geschichten im Alten Testament, und auch in unsrem Gesangbuch gibt es darüber diverse Lieder. „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand: der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn wir heim gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.“ So beginnt z.B. das bekannte Lied von Matthias Claudius zum Erntedankfest aus dem Jahr 1783. Es hat den Refrain: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn.“ Wir singen das gerne jedes Jahr wieder. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 508)
Die Frage ist allerdings, ob so ein Denken überhaupt noch zu unserem Lebensgefühl und in unsere Zeit passt. Matthias Claudius war mit seiner Sicht auf die Welt und die Natur ja ein Kind der Romantik, die begann am Ende des 18. Jahrhunderts, und damit kam eine besondere Wahrnehmung der Beziehung zwischen Mensch und Natur auf. Erkenntnis war für die Romantiker eng mit Gefühlen verbunden. Verstand und Logik standen nicht im Mittelpunkt, sondern das Empfinden, die Liebe und die Sehnsucht nach einem paradiesischen Zustand. Heute werfen wir ihnen vor, dass sie ihre Augen vor der Realität verschlossen haben. Denn typisch für die Romantiker war eine Abwendung vom politischen Geschehen. Weltflucht, das Private und die Hinwendung zur Vergangenheit kennzeichnen ihre Einstellung. Kümmerten sie sich nicht viel zu wenig um die Gestaltung der Gesellschaft, drückten sie sich vor Verantwortung, lebten sie nicht in einer Traumwelt?
An unser Gleichnis oder verwandte Psalmen stellen sich diese Fragen ebenfalls: Stimmt es denn, was Jesus hier sagt? Wächst das Reich Gottes, d.h. das Gute und Schöne, der Glaube und die Kirche ganz von alleine? Ist die Wirklichkeit nicht völlig anders?
Es gibt doch unzählige Probleme, vor denen wir nicht die Augen verschließen dürfen. Auf die Selbststeuerungskräfte der Natur können wir uns nicht in romantischer Weise verlassen. Es gibt überall Ungerechtigkeit, Kriege, Hunger und Tod. Und selbst eine Industriegesellschaft, in der den Menschen eigentlich Wohlstand und Frieden garantiert wird, bedroht das Leben in vielfältiger Weise. Eine Gefahr sind z.B. die Umweltprobleme, die Vernichtung der Natur und die Zerstörung der Lebensmöglichkeiten kommender Generationen. Eine andere Gefahr ist die Oberflächlichkeit und Verflachung im Leben vieler Menschen. Sie sehen keinen tieferen Sinn in ihrem Dasein, wissen nicht, wofür sie wirklich leben und werden psychisch krank. Sie fühlen sich leer und gestresst. Auch Familienbeziehungen lösen sich auf und bieten keinen Halt mehr. Und all das gibt keinen Grund zu Gelassenheit und Zuversicht, denn unsere Lebensweise hat einen zerstörerischen Charakter und löst Ängste aus.
Was soll es da, von der selbstwachsenden Kraft des Reiches Gottes zu reden? Wo ist es denn? Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben in weiten Teilen der Gesellschaft auf der Strecke. Und auch die Kirche schrumpft und unterliegt den gleichen Tendenzen des Verfalls.
Anstatt in romantischer Weise daran zu glauben, dass Gott schon etwas machen wird, wäre es doch viel besser, selber etwas zu tun, Hand anzulegen, Verantwortung zu übernehmen. Wir können nicht einfach nur zugucken, dann geht alles den Bach runter. So denken viele Menschen.
Und das ist natürlich nicht verkehrt. Wir müssen uns schon uns um ein Ende der Kriege in aller Welt bemühen, Hunger und Armut mindern helfen, Gerechtigkeit und Solidarität unter den Menschen fördern usw. Auch persönliches Glück, Zufriedenheit und Wohlstand dürfen wir gern anstreben. Die Frage ist bloß: Wie gelingt das am besten und mit welcher inneren Haltung tun wir das alles?
Wir brauchen dafür ja viel Zuversicht und Energie. Engagement und Eifer, Leistung, Geld und die richtigen Programme reichen oft nicht aus. Im Gegenteil, unsere Bemühungen führen nicht selten zu genau dem Gegenteil. Erstens ist es auf die Dauer ganz schön anstrengend und kräftezehrend, das Gute selber herstellen zu müssen und den Sinn im Leben zu finden. Irgendwann sind wir müde und ausgelaugt. Und zweitens geht nichts ohne die anderen Menschen, bloß die machen leider oft nicht so mit, wie wir uns das wünschen. Immer wieder stehen sie uns im Weg. Konflikte, Auseinandersetzungen, Enttäuschungen und Streit sind an der Tagesordnung.
Je mehr wir also versuchen, das Glück und den Frieden aus eigener Kraft herzustellen, umso weiter entfernen wir uns davon. Ja, dieser Versuch ist oft sogar die Wurzel von allem Übel. Das sollten wir erkennen. Unseren eigenen Möglichkeiten, das „Reich Gottes“ aufzubauen, sind ganz viele Grenzen gesetzt. Wir müssen also noch viel tiefer gehende Fragen stellen, wenn wir den richtigen Weg finden wollen. In Wirklichkeit gedeiht das Gute nämlich ganz anders, und davon handelt unser Gleichnis.
Wenn wir eine bessere Welt oder ein schönes Leben wollen, dann können wir dafür nur die Saat legen, alles andere müssen wir Gott überlassen. Und das ist keine Träumerei, sondern wir sehen mehr, als vor Augen liegt. Das Wirken Gottes ist wie das geheime Leben in der Erde, es geschieht im Verborgenen, aber es ist da. Sein Reich hat längst begonnen und es lugt auch an vielen Stellen in unseren Gesellschaften hervor und zeigt Knospen. Wir müssen nur hinschauen. Es ist eine Fehleinschätzung, zu meinen, Gott tut ja nichts.
Der erste Schritt auf dem richtigen Weg besteht darin, diesen Irrtum abzulegen. Dann kommen wir der Realität viel näher und das ist bereits heilsam und wohltuend. Es tut gut, zu erkennen, wieviel Gott kann und wirkt. Es geschieht ja nicht nur Schlimmes in der Welt, sondern immer wieder genauso viel Gutes. Die Menschheit ist nicht verloren. Und auch die Kirche gibt es immer noch, Menschen, die glauben und auf Gott vertrauen, die ihre Hoffnung nicht verlieren und lieben können. Wir sollten uns das ruhig öfter bewusst machen, dann rücken die Dinge in das rechte Verhältnis.
Als nächstes gilt es dann, der Kraft Gottes zu vertrauen. Das ist keine romantische Phantasie, sondern wir lenken unseren Geist auf das, was gut und stark ist, was wirklich zählt und uns Mut macht. Wenn wir Gott etwas zutrauen, fliehen wir nicht vor der Verantwortung, wir nehmen sie vielmehr wahr. Denn wir sind dafür verantwortlich, die Dinge klar zu sehen, Gott zu erkennen, seine Kraft zuzulassen. Das möchte er. Er möchte, dass wir glauben, hoffen und lieben, denn nur, wenn wir das tun, gewinnen wir die ganze Fülle des Lebens, nur dann kann diese Welt so werden, wie er sie sich vorgestellt hat.
Dazu ist es notwendig, dass wir uns selber relativieren und unser Denken gelegentlich korrigieren. Das wäre der dritte Schritt. Es macht nichts, wenn wir die Grenzen unserer Kraft und unserer Möglichkeiten erkennen, im Gegenteil, das ist entspannend und stärkend. Keiner von uns ist vollkommen, keiner kann alles, und das ist auch nicht schlimm. Schlimm ist nur, wenn wir das nicht zugeben. Denn dann verschwenden wir ganz viel unnötige Energie. Wenn wir unsere Begrenztheit dagegen annehmen, tun wir viel eher das Richtige. Unser Leben ist am fruchtbarsten, wenn wir uns selber immer wieder zurücknehmen.
Das sollte unsere Einstellung sein, dann gewinnen wir eine klare Sicht auf die Welt und das Geschehen um uns herum. Und die macht nicht nur unser eigenes Leben schön und sinnvoll, sie tut auch der Welt gut. Denn wir tragen damit zum Frieden und zur Gerechtigkeit bei. Wir finden das richtige Maß und die nötige Gelassenheit, reden mehr miteinander, werden aufmerksamer und freundlicher. Und wenn das geschieht, dann ist das Reich Gottes da, dann wirken wir daran mit. Wir werden selber zum Samen in dieser Welt. Denn Gott macht etwas mit uns, er kann uns endlich benutzen. Wir erleben, wie etwas wächst und gedeiht.
Die von selber wachsenden Pflanzen sind also doch ein wunderbares Gleichnis für das Leben und das Reich Gottes. Sie können uns zeigen, worauf es ankommt, sie verweisen uns auf Gott, von dem „alle guten Gaben kommen“ und laden uns zu einem angstfreien und sinnvollen Leben ein. Es ist davon geprägt, dass wir geduldig warten, genau hinschauen, annehmen, was Gott uns schenkt, und ihn dafür loben. Amen.

 

Folgende Fürbitten aus dem Evangelischen Tagzeitenbuch der Michaelsbruderschaft passten gut zum Thema der Predigt und wurden deshalb im Gottesdienst vorgetragen:

Fürbitten

Herr, himmlischer Vater. Du läs es Tag werden aus der Nacht. Du führst die Sonne empor und erweckst uns am Morgen. Du gibst unserer Seele neue Kraft. Herr, unser Gott, groß sind Deine Wunder, heilig sind Deine Ordnungen, tief sind Deine Geheimnisse. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

Wir leben von Deiner Gnade. Sende uns in die Welt, erleuchtet mit Deiner Wahrheit, getragen von Deiner Barmherzigkeit, gebunden in Deinen Willen, gestärkt durch Deine Verheißung. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

Segne alle Arbeit auf Deinem Ackerfeld. Segne alle Deine Botinnen und Boten. Segne den Samen Deines Wortes und lass ihn Frucht bringen. Nimm auch unsern Dienst in Gnaden an und segne das Werk dieses Tages für Dein Reich. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

Segne alle Arbeit der Liebe, alle Werke der Barmherzigkeit. Segne alle, die in Dir verbunden sind. Segne Deine Kirche und lass sie zum Segen werden unter den Völkern. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

Du baust Dein Reich unter uns. Du baust Dein Reich in aller Welt. Herr, wir glauben, hilf unserem Unglauben. Dich rufen wir an: Stärke uns den Glauben.

(Aus: Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Evangelische Michaelsbruderschaft, Münsterschwarzach, Göttingen, 4., völlig neu gestaltete Auflage, 1998, S. 169)

Lasst eure „Liebesflammen lodern“

Predigt über 2. Mose 3, 1- 10: Moses Berufung

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 5.2.2017, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

2. Mose 3, 1- 10

1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
2 Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
3 Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
4 Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.
5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr aGeschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.
8 Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.
9 Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen,
10 so geh nun hin, aich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

Liebe Gemeinde.

Wer in Japan in einem traditionellen Hotel übernachtet, einem sogenannten Ryokan, der muss seine Schuhe am Eingang ausziehen und in die bereit stehenden Hausschuhe schlüpfen, sonst würden sich die Gastgeber brüskiert fühlen.
Doch nicht nur dort ist das Ausziehen der Schuhe vor dem Betreten eines Raumes oder Gebäudes üblich. Auch wer in eine Moschee geht, legt die Schuhe am Eingang ab, und zu Hause tun das ebenso viele Menschen.
Es gibt für dieses Ritual verschiedene Begründungen. Hauptsächlich hat es natürlich etwas mit dem Schmutz zu tun, der oft an den Schuhen haftet. Der soll nicht in die Wohnung oder den Raum getragen werden.
In der Religion wird das Ausziehen der Schuhe dagegen noch weitergehend begründet, und zwar ist es immer dann gefordert, wenn der Ort, den ein Mensch betritt, als heilig gilt, d.h. wenn Gott dort gegenwärtig ist. Der Mensch darf sich ihm dann nur in „heiliger Scheu“ nähern. Die Schuhe auszuziehen ist ein Zeichen von Ehrfurcht: Man erscheint so vor Gott, wie man geboren wurde, nämlich barfuß. Auch im Tempel von Jerusalem gingen die Priester deshalb barfuß, und der Tempelberg durfte nicht mit Schuhen betreten werden.

In der Bibel kommt dieses Ritual mehrfach vor, so auch in der Geschichte von Moses Berufung. Wir haben sie vorhin gehört. Sie markiert den Anfang von Moses besonderem Weg, seine Ernennung zum Mann Gottes und Anführer seines Volkes. Vorher war er ein einfacher Hirte und als solcher „hütete er die Schafe seines Schwiegervaters.“ Bei seinen Wanderungen „über die Steppe“ kam er nun eines Tages „an den Berg Gottes, den Horeb“, und dort sah er etwas Sonderbares: Er erblickte einen brennenden Dornbusch, der auf geheimnisvolle Weise von den Flammen nicht verzehrt wurde. Das machte Mose neugierig und er dachte bei sich selbst: „Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.“ Und er näherte sich.
Doch Mose sah nicht nur etwas, gleichzeitig wurde er gesehen, und zwar von Gott. Und der sprach nun zu Mose. Er „rief ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose!“ Er kannte ihn also und hatte offensichtlich etwas mit ihm vor. Zunächst warnte er ihn allerdings, sich der Erscheinung zu nähern. „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!“ Das hörte Mose als erstes und er gehorchte. Daraufhin offenbarte ihm Gott, dass er es war, der zu ihm sprach, der Gott seiner Väter. Mose verhüllte deshalb sein Angesicht, wie er es gelernt hatte, und dann empfing er den Auftrag Gottes: „Geh hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ Gott hatte „das Elend seines Volks in Ägypten gesehen, ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört“ und „ihre Leiden erkannt.“ Mose sollte sie befreien und in ein „gutes und weites Land“ führen, „ein Land, darin Milch und Honig fließt.“

Das ist die Erzählung, und die kennen sicher die meisten von Ihnen. Sie markiert in der Bibel und in der Geschichte Israels ein wichtiges Ereignis, einen Einschnitt, denn hiermit beginnt bereits die Errettung Israels aus der Knechtschaft in Ägypten. Sie wurde mit dem Auszug wahr, führte zum Bundesschluss am Sinai und kam mit der Einnahme des verheißenen Landes zur Vollendung. Die Berufung Moses, die für das alles den Anfang bildete, hatte also eine ausschlaggebende Bedeutung und viele Folgen.
Dabei enthält der Bericht einige typische Elemente einer Gottesbegegnung. So ist es im Alten Testament immer, wenn Gott sich offenbart und einzelne Personen beauftragt: Es geschieht irgendetwas etwas Außergewöhnliches, etwas nicht Alltägliches: Licht spielt eine Rolle, meistens in Form von Feuer oder Flammen, oft kommt auch ein Sturm auf, oder Wind und Wolken, die in übernatürlicher Weise das Erscheinen Gottes begleiten. Und von den Menschen wird immer Ehrfurcht erwartet. Das Ausziehen der Schuhe ist dafür nur ein Zeichen. Dass Mose sein Angesicht verhüllte, war ebenso üblich, auch gingen die Menschen dabei meistens auf die Knie oder fielen zu Boden. Sie hörten eine Stimme und gehorchten. Denn Gott nahm sie in Anspruch.
Das erlebten allerdings nur Personen, die besonders ausgewählt waren, Propheten, Priester oder Könige. Dem allgemeinen Volk blieb die Gegenwart Gottes normaler Weise verborgen. Er begegnete ihnen dann durch diese Menschen, die er dafür beauftragt hatte.
Als Erzählungen sind die sogenannten Theophanien, d.h. Berichte über die Erscheinung Gottes interessant und spannend. In der Theologie des Alten Testamentes sind sie auch ein wesentliches Element. Doch bedeuten sie noch etwas für uns? Haben sie inzwischen nicht eher den Charakter von Legenden oder Märchen? Was sollen wir damit anfangen? Das müssen wir uns fragen.

Dabei hilft es uns, dass diese Geschichte heute, am letzten Sonntag nach Epiphanias, die alttestamentliche Lesung ist. Das ist natürlich kein Zufall. Das Thema ist an diesem Sonntag die „Verklärung Christi“. Auch die Geschichte haben wir vorhin gehört. (Matthäus 17,1-9)  Sie erzählt eine Begebenheit im Leben Jesu, bei der auch er dreien seiner Jünger einmal in einem besonderen Licht erschien. Sie wurden in dieses göttliche Licht hineingenommen, fielen zu Boden und hörten aus einer Wolke die Stimme Gottes. Sie offenbarte ihnen, dass Jesus der Sohn Gottes war. Wenn er von den Toten auferstanden ist, sollten sie das der Welt verkünden.
Es gibt zwischen den beiden Erzählungen von heute also einige Parallelen, und das ist wichtig. Bei der Verklärung Jesu hat Gott sich ein letztes Mal in der Weise offenbart, wie es uns im Alten Testament oft berichtet wird. Seit Jesu Tod und Auferstehung ist das nicht mehr geschehen, denn nun ist es nicht mehr nötig. Jetzt ist er immer da, und jeder und jede kann ihn sehen und zu ihm kommen. Das ist das Evangelium, die gute Botschaft, an die wir als Christen glauben.
Die Frage ist allerdings, wie das vor sich geht und was das für unser Leben bedeutet. Und dabei kann uns die Geschichte von Mose und dem brennenden Dornbusch helfen. Wir können sie auf unseren Glauben übertragen und die einzelnen Ereignisse symbolisch verstehen. Dann gibt sie uns viele schöne Hinweise.
Zunächst einmal ist das Feuer, das den Busch nicht verzehrt, ein gutes Gleichnis für die Gegenwart Christi: Sie ist hell und warm und kraftvoll, aber sie zerstört nichts. Die Flammen sind anders als die eines natürlichen Feuers, denn es sind „Liebesflammen“ (Evangelisches Gesangbuch 251,1), die gut tun und uns erfüllen können. Und im Unterschied zum brennenden Dornbusch lodern sie immer und überall. Wir müssen nur hinzutreten und uns Christus nähern.
Es ist allerdings gut, wenn wir uns dafür auch Zeit nehmen und bildlich gesprochen „unsere Schuhe ausziehen“. Das ist ein schönes Symbol dafür, dass wir Ehrfurcht vor Christus haben und etwas Besonderes von ihm erwarten. Wo er gegenwärtig ist, wandelt sich der Ort, an dem wir sind, in „heiliges Land“.
Und dann dürfen wir damit rechnen, dass auch wir gesehen und gerufen werden. Christus kennt uns bei unserem Namen und er will uns in Anspruch nehmen. Es ist also wichtig, dass wir hören und gehorchen und ihm unser Leben zur Verfügung stellen, unsere Zeit und unsere Kraft, unser Fähigkeiten und unsere Liebe.

Die Frage ist allerdings, ob wir das überhaupt wollen. Möchten wir Christus gehören und so wie Mose einen besonderen Auftrag empfangen? Das klingt einerseits ja ganz schön und einladend, aber andererseits auch herausfordernd. Unser Leben läuft doch auch ohne Glauben und Religion, ohne Christus oder die Bibel ganz gut.
Diesen Einwand hören wir öfter und haben ihn manchmal wohl auch selber. Wir zweifeln gelegentlich daran, ob der Glaube sich lohnt. Lassen Sie uns darüber also noch einmal nachdenken. Dafür können wir den Spieß umdrehen und fragen: Stimmt das überhaupt, dass es uns ohne Christus gut geht? Ein Leben ohne Glauben kann doch genauso zweifelhaft sein. Wie sieht es denn aus? Dafür können wir die Geschichte von Mose ruhig als Beispiel nehmen. Er war vor der Begegnung mit Gott ein einfacher Hirte, hatte eine Frau und einen Schwiegervater und war mit dessen Schafen unterwegs. Er war also nichts besonderes, und das können wir auf uns übertragen: Unser Leben ist normal und alltäglich. Wir bewegen uns in den üblichen Mustern, haben Aufgaben und Kontakte und versuchen irgendwie klar zu kommen. Manchmal gelingt das, manchmal allerdings auch nicht. Es gibt viele Hindernisse für ein ruhiges und zufriedenes Leben.
Ein großes Problemfeld ist z.B. unser Miteinander. Die sozialen Strukturen sind nicht für alle förderlich und heilsam. Im Gegenteil: Wir können auf der Strecke bleiben, denn zum Überleben gehört immer ein Kampf, und oft führt jeder oder jede den für sich allein. Es gibt viel Konkurrenz und Neid, sowohl in Familien, als auch in Betrieben oder Gruppen. Wir arbeiten nicht immer mit den anderen Hand in Hand, sondern sind häufig auf uns gestellt. Denn die Hauptantriebskraft für unser Verhalten ist normaler Weise der Egoismus: Irgendwie will jeder auf seine Kosten kommen. Und daraus entstehen leicht Ungerechtigkeiten. Wir vernachlässigen einander, sind rücksichtslos und unachtsam, enttäuschen oder verletzen uns gegenseitig. Das alltägliche, „normale“ Leben ist gar nicht nur schön und einfach, das sollten wir zugeben. Und Lösungen für die vielen Probleme, die wir so miteinander haben, gibt es auch nicht immer.
Auf diesem Hintergrund ist es durchaus spannend, neugierig auf etwas zu sein, das unseren Alltag sprengt, eine übernatürliche Kraft- und Liebesquelle zu suchen. Und genau die wurde uns durch das Erscheinen Christi geschenkt. Wir müssen also gar nicht weit gehen oder lange forschen. So wie Mose zu dem brennenden Dornbusch geführt wurde und ganz nah da heran kam, können wir einfach auf Christus vertrauen und zu ihm rufen. Er will uns mit seinen Flammen entzünden und uns erfüllen. Er kennt und liebt uns und enttäuscht uns nie. Von ihm werden wir ganz angenommen. Deshalb schmilzt unser Egoismus in seiner Gegenwart, wir werden befreit und erlöst. Wir müssen nur hinzutreten, „unsere Schuhe ausziehen“, hören, gehrochen und uns von ihm in Anspruch nehmen lassen. Dann finden wir Ruhe und unser Leben verändert sich. Ein Feuer wird in unserem Geist entfacht, das uns stärkt und lebendig macht. Es ist das Feuer der Liebe Christi. Mit ihm wird unser Leben viel schöner und heller, als es vorher war. „Liebesflammen“ werden entzündet.
Dieser Ausdruck stammt von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1725) aus dem Lied „Herz und Herz vereint zusammen“ (EG 251). Er hat darin wunderbar beschrieben, wie eine christliche „Liebeskette“ entstehen kann. Sie ist die letzte Folge eines Hinzutretens zum Licht Christi, und auch sie hat eine Parallele in der Geschichte von Moses Berufung: So wie Mose sein Volk aus der Knechtschaft führen durfte, so können auch wir andere anstecken, mitnehmen und befreien. Denn wir sehen sie durch die Nähe Christi mit neuen Augen. Der Mitmensch ist nicht mehr ein Konkurrent oder Gegner, sondern ebenfalls ein Geschöpf, das von Gott geliebt wird. Das erkennen wir, und so entsteht ein ganz neues Miteinander.
Wir können das in jeder Gemeinschaft erleben und praktizieren, in der Familie, im Kollegenkreis und natürlich in der Gemeinde. Sie ist sogar der bevorzugte Ort, um diese neue Verbundenheit einzuüben. Wir können unsre „Herzen vereinen“ und gemeinsam die „Liebesflammen“ brennen lassen. Dann werden alle, die an Christus glauben, zum neuen „Volk Gottes“: Sie sind befreit und gesegnet und werden reich beschenkt.

Amen.

Ein Licht geht auf in der Finsternis

Predigt über Matthäus 4, 12- 17: Der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa

1. Sonntag nach Epiphanias, 8.1.2017, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Es gibt Orte auf der Erde, die liegen so eingekeilt zwischen den Bergen, dass im Winter dort kein Sonnenstrahl hinkommt. Die Menschen wohnen dann mehrere Wochen lang in dem tiefen Schatten, den die Berge werfen. In Viganella in Italien ist das z.B. so, aber auch in Norwegen, Österreich, in der Schweiz und in Kanada gibt es solche schattigen Dörfer. Das schlägt alljährlich auf das Gemüt der Einwohner und erzeugt eine schwermütige und düstere Stimmung. Die Menschen in Viganella und sicher auch in den meisten anderen Dörfern dieser Art wussten sich allerdings zu helfen: Sie bauten auf dem Berg einen riesigen Spiegel, der das Sonnenlicht reflektiert und auf den Dorfplatz lenkt.
Denn im Schatten möchte keiner lange wohnen. Er ist nur in sehr heißen Gegenden und Zeiten begehrt und segensreich, ansonsten verbinden wir mit diesem Phänomen nicht gerade freudige Gefühle. Mit „Schattenseiten“ meinen wir in unserem Sprachgebrauch deshalb auch die Nachteile, die ein Mensch oder ein Vorhaben hat.

Für die alten Griechen hatte das Wort „Schatten“ außerdem eine übertragene Bedeutung und bezeichnete das Unwirkliche eines Gegenstandes, etwas Unbeständiges, Flüchtiges und Nichtiges.
In der Bibel finden wir es ebenfalls an einigen Stellen in dieser Bedeutung, so z.B. in unserem Predigttext, einem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium im vierten Kapitel. Er lautet folgendermaßen:

Matthäus 4, 12- 17

12 Als nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.
13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali,
14 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1):
15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa,
16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«
17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Dieser Abschnitt steht an einer wichtigen Stelle im Matthäusevangelium, und zwar am Anfang der Wirksamkeit Jesu. Vorweg geht die Geschichte, wie Jesus vom Teufel versucht wurde und widerstanden hatte. Damit war die Vorbereitung für seinen Dienst abgeschlossen. Nun kann sein eigentliches Wirken beginnen, und dafür wählt er die Gegend Galiläa mit der Stadt Kapernaum im Norden Palästinas, wie wir hier erfahren. Es sollte der Ausgangspunkt seiner Tätigkeit werden, und die wird im Folgenden zusammenfassend beschrieben. Dafür  zitiert der Evangelist eine Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja. Dort werden diejenigen erwähnt, die „in der Finsternis leben“. Dabei bezieht sich diese Aussage auf eine bestimmte geographische Gegend nämlich „das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa.“ Das klingt zunächst also sehr konkret: Jesus ist gekommen, um den Menschen in diesen Gebieten das Heil zu bringen. Sie zählten zu den sogenannten Heiden, also zu denen, die bis dahin nichts von Gott wussten. Doch die Ortsangaben ergeben bei näherer Betrachtung einige Ungereimtheiten. Wir müssen sie eher symbolisch verstehen, und das wird auch im weiteren Verlauf deutlich. Denn nun wird über „das Volk“, das in dieser Gegend wohnt, eine allgemeine Aussage gemacht: Sie „sitzen in der Finsternis und im Land und Schatten des Todes.“
So haben die Griechen diese Stelle aus dem Alten Testament übersetzt. Dabei haben sie das Wort „Schatten“ sicher ganz bewusst gewählt, im hebräischen Urtext steht es nämlich nicht. Denn im Alten Testament wird der Schatten immer eher positiv verstanden und als Schutz vor der Hitze gesehen. An unserer Stelle steht im Urtext deshalb das Wort „Finsternis“, und das hat einen eindeutig negativen Klang. Es kennzeichnet gegenüber dem Licht das Elend, die Todesgefahr, ja sogar die Todeswelt. Die Griechen haben das zu Recht mit ihrem Wort „Schatten“ übersetzt, oder genauer „Todesschatten“. Denn hier ist tatsächlich die Vergänglichkeit und Nichtigkeit gemeint, die Sphäre der Verdammnis und des Untergangs.
In sie hinein ist ein „großes Licht“ aufgestrahlt, das ist jetzt die eigentliche Aussage. Gottes Gegenwart ist erschienen und sie macht alles neu. Denn Gott schafft Heil und Leben. Und das gilt der ganzen Welt. Jesus ist dieses aufstrahlende Licht, das neue Gestirn. Durch ihn ist die Zeit des Verlorenseins beendet, denn das Licht trifft auf die „Schatten des Todes“ und führt die Menschen aus der „finsteren Gegend“ heraus. Jesus schenkt ihnen eine endzeitliche Rettung.
Das ist hier die Botschaft, und die ist wie eine Zusammenfassung des ganzen Evangeliums. Sie endet mit dem, was wir als Überschrift zur Predigt Jesu verstehen dürfen: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Das heißt: Tretet heraus aus den „Schatten des Todes“ und schaut in das Licht. Nehmt es an, folgt dem, der euch das Heil bringt und lasst euch retten!
Wir werden also noch einmal an die Weihnachtsbotschaft erinnert und aufgefordert, ihr zu glauben. In der Geburt Jesu ist das ewige Licht erschienen, und es gilt der ganzen Welt. Das Heil ist offenbar geworden und wir sollen es annehmen.
Die Frage ist allerdings, wo dieses Licht denn nun scheint. Ist es wirklich da? Ist die Welt nicht genauso finster wie eh und je? Und ist es nicht ziemlich weltfremd, davon zu reden, dass in Jesus ein neues Licht aufgestrahlt ist? So lautete am Heiligabend der Kommentar eines Gottesdienstbesuchers. Ich weiß nicht so genau, warum er überhaupt da war, denn es war ja zu erwarten, dass er so etwas zu hören bekommt. Natürlich predigen wir zu Weihnachten, dass es eine ewige Rettung gibt, dass Gott zu uns gekommen ist und uns Licht schenkt.
Zwischen Tür und Angel konnte ich auf die Frage, wie weltfremd das ist, natürlich nicht eingehen. An dieser Stelle möchte ich das allerdings einmal tun, und zwar mit einer Gegenfrage: Ist es nicht viel weltfremder, das nicht zu glauben? Bereits die Griechen gingen davon aus, dass unser Dasein, so wie wir es kennen, etwas Schattenhaftes an sich hat. Das Reich der Sinne ist von vorne herein nichtig und vergänglich. Wir halten es nur für beständig, in Wirklichkeit verwechseln wir da etwas. Was wir in dieser Welt sehen und hören, schmecken und anfassen, erleben und erfahren, ist dem Tod geweiht und nur ein Abbild. Das Urbild sehen wir nicht, es steht aber hinter allem und hat ewigen Charakter. In Jesus Christus ist es aufgestrahlt, das ist die Botschaft des Neuen Testamentes, und dieses Licht ist viel wirklicher als alles andere.
Um es zu erkennen, müssen wir also aufhören, uns täuschen zu lassen. Und das heißt, wir müssen mit der Welt und unseren Sinnen einmal anders umgehen, als wir es normalerweise tun. Normalerweise versuchen wir, den Tod und das Leid, d.h. die Finsternis zu vertreiben, indem wir uns ablenken und zerstreuen. Unsere Welt ist dunkel, das merken wir alle, und um das auszuhalten, veranstalten wir alle mögliche. Wir geben es nicht wirklich zu, weichen aus, machen einfach die Augen zu und fragen nicht weiter. Meistens sind wir unehrlich und machen uns etwas vor. Wir schalten künstliche Lichter an.
Und dabei merken wir nicht, wie sie uns blenden und uns den Blick für das wahre und ewige Licht verstellen. Wir lassen uns lieber täuschen und tun so, als sei alles in Ordnung. Wir führen ein schattenhaftes, nichtiges und vergängliches Dasein und machen uns keine Gedanken. Unser Lebensstil ist eine einzige riesige Verdrängungsstrategie.
Und dabei geben wir uns mit viel zu wenig zufrieden. Wir lassen uns mit vorläufigen Gütern sozusagen abspeisen. Wir könnten eine Nahrung empfangen, die uns zutiefst sättigt, uns reicht aber das Leichte und wenig Schmackhafte, das, was bald wieder Hunger erzeugt und uns nie zufriedenstellt.
Und genau damit müssten wir einmal aufhören. Das meint Jesus, wenn er sagt: „Tut Buße!“ Es heißt: Wacht auf, seid ehrlich und macht euch nichts vor. Erwartet mehr vom Leben, lasst euch wirklich trösten und empfangt das ewige Heil.
Ganz einfach ist das nicht, denn es heißt, dass wir die Dunkelheit der Welt zunächst ertragen müssen. Es gilt, alles Unvollkommene und Böse, alles Bedrückende und Bedrängende einmal auszuhalten, ohne gleich etwas dagegen zu tun.
Und das heißt, es geht auch nicht um Frömmigkeit oder irgendwelche Glaubenspraktiken. Als Christen müssen wir da aufpassen. In subtiler Weise können wir nämlich doch wieder alles selber machen. Unversehens wird unser Glaube eine selbstgemachte Strategie, ein künstliches Licht, das gar nicht richtig scheint. Das merken wir spätestens dann, wenn er uns in Leid und Anfechtung doch nicht trägt, wenn er in Bedrängnis versagt und durch eine notvolle Situation mit in den Abgrund gerissen wird. So ein Glaube ist nicht gemeint. Wir müssen vielmehr wirklich still halten, geduldig sein und auf uns nehmen, was uns quält. „Radikale Akzeptanz“ ist das Stichwort, das dafür in der Psychologie verwendet wird.
Denn das wahre Licht ist längst da, wir müssen es nicht selber anschalten, weder durch Frömmigkeit noch durch weltliche Veranstaltungen. Im Gegenteil, je weniger wir das versuchen, umso eher können wir es sehen. Es leuchtet hinter allem und kann in die „Schatten des Todes“ hineinfallen.
Wir müssen unsere Seele und unseren Geist nur dem Licht Christi aussetzen. Unser Inneres kann wie ein großer Spiegel sein, der das ewige Licht reflektiert. Es ist so wie in den schattigen Bergdörfern: Das Licht scheint dort im Winter nicht direkt, aber durch die Spiegel wird es in die Täler gelenkt und kann alles erhellen. Genauso kann das ewige Licht, das Christus gebracht hat, durch unsere Seele und unseren Geist in unser Leben hineinscheinen. Das können wir uns so vorstellen, es ist ein schönes Bild für das Licht, das „im Land der Finsternis“ aufgeht.
Das gilt es, zu beherzigen, dann wird es wirklich hell. Die Schatten machen uns keine Angst mehr, der Tod wiegt nicht mehr schwer und wir werden realistisch. Alles Nichtige verflüchtigt sich. Wir kommen mit dem ewigen Licht in Berührung und erkennen darin, wie die Welt wirklich ist.
Amen.

Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben

Predigt über Johannes 14, 1- 6: Jesus, der Weg zum Vater

Neujahr, 1.1.2017, Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Haben Sie schon einmal eine längere Wanderung gemacht? Dann kennen Sie sicher auch die Erfahrung, sich dabei zu verirren. Solche Geschichten kann fast jeder erzählen, der sich darauf einlässt. Obwohl man die richtigen Karten hat, stimmen die plötzlich nicht mehr mit der Realität überein. irgendwo ist man falsch abgebogen, hat etwas übersehen, und dann fängt das Rätselraten an: Wo bin ich? Wo geht es lang? Eine leichte Panik kommt auf, aber irgendwie und irgendwann klärt sich die Situation wieder, manchmal durch Glück, manchmal dadurch, dass man wieder zurückgeht oder einfach etwas ausprobiert. Der Weg ist wieder klar und die Richtung stimmt.
Jesus kannte die Situation des Wanderns gut, er war ja praktisch immer unterwegs. Und so benutzte er diesen Vorgang gerne als ein Bild. In unserem Predigttext beschreibt er damit, worin das Leben besteht, was darin wichtig ist und wo es hinführt. Er steht im 14. Kapitel des Johannesevangeliums und lautet:

Johannes 14, 1- 6

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.
4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.
5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?
6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Jesus sagt das hier zu seinen Jüngern, kurz bevor er sie für immer verlässt, es ist also ein Teil seiner sogenannten Abschiedsreden. Sie enthalten Mahnungen und Verfügungen, theologische Rückblicke und Segensworte. Hier geht es um die Sendung Jesu, um den Glauben und das Ziel des Lebens. Dabei will Jesus seine Jünger hauptsächlich trösten und beruhigen, denn natürlich waren sie erschüttert, dass die Trennung von ihm bevorstand. Das hatte er ihnen gerade angekündigt. Sie hatten Angst, ihn zu verlieren und mit ihm das Leben. Denn das hatte er ihnen in ganz neuer Weise ermöglicht: Sie hatten seine Wunder gesehen und Worte des ewigen Lebens gehört. Sie waren durch ihn Gott nahe gekommen. Sollte das alles nun vorbei sein? Das fragten sie sich, und Jesus wusste das. Deshalb sagt er als erstes: „Euer Herz erschrecke nicht!“ Er richtet sie also auf und ermutigt sie zum Glauben, und zwar zum Glauben an Gott und an ihn: „Glaubt an Gott und glaubt an mich“, sagt er. Der Sohn und der Vater gehören zusammen, es kann den Glauben an den einen nicht ohne den anderen geben, das kommt hier zum Ausdruck.
Und dann folgt das Bild von dem „Haus Gottes mit den verschiedenen Wohnungen“. Das stammt aus der Literatur des späten Judentums. Da haben Propheten ihre Visionen von der himmlischen Welt aufgeschrieben. Sie stellten sie sich wie eine himmlische Wohnstatt Gottes vor, der von seinem Hofstaat umgeben ist. Dort finden auch die Gerechten ihre Heimat. Jesus nennt diesen göttlichen Ort hier das „Haus meines Vaters“, und er verheißt seinen Jüngern, dass sie dort ihre Bleibestätten finden werden. Es ist das Ziel ihres Lebensweges.
Doch wie erreichen sie das? Das fragt Thomas nun.
Und darauf gibt Jesus ihm die berühmte Antwort: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Das ist ein starker Spruch, der bis heute nichts von seiner Strahlkraft verkoren hat. Die beiden Worte „ich bin“ verleihen der Aussage etwas Hoheitliches: Jesus offenbart hier, wer er ist. Wir finden diese Formel an verschiedenen Stellen im Johannesevangelium. Sie ist immer feierlich und würdevoll.
Hier wird dieser Charakter noch dadurch verstärkt, dass Jesus gleich drei Titel nennt, mit denen er beschreibt, wer er ist: „Weg, Wahrheit und Leben“. Aus dem Zusammenhang kann man schließen, dass der Nachdruck auf dem „Weg“ liegt: Jesus ist der Weg zum Vater. Doch das ist schwer zu verstehen, denn für eine Person ist das ein eher ungewöhnliches Bildwort. Deshalb erläutert Jesus es durch die beiden anderen Begriffe: Er ist der Weg zum Vater, weil in ihm die Wahrheit und das Leben liegen. Er hat die „Wahrheit“ Gottes ja offenbart, er hat den Menschen das Heil gezeigt und angeboten, und dadurch hat er ihnen „Leben“ vermittelt. Damit meint Jesus die ganze Fülle des Lebens, das auch nach dem Tod noch weiter geht, d.h. die Befreiung aus dem Todesbereich und die Überwindung der Todesgrenze. Er führt jeden, der an ihn glaubt, in die göttliche Wirklichkeit, er lässt ihn am Leben Gottes teilhaben, des lebendigen Vaters und Ursprungs. Deshalb ist Jesus der „Weg“ zum Vater. Er führt die Gläubigen in die Gemeinschaft mit ihm und damit zum Ziel ihres Lebens.
Das ist hier die Botschaft, und damit kann Jesus die Jünger kurz vor der Trennung tatsächlich gut aufrichten und ermutigen, denn sie ist sehr tröstlich.
Für uns sind das ebenso beruhigende Worte, die uns zeigen, wo es lang geht. Wir müssen sie nur in unser Leben übertragen, und dafür ist das Bild von dem Weg und dem Ziel sehr gut geeignet. Auch unabhängig davon, wie Jesus es hier einsetzt, können wir unser Leben damit beschreiben: Es ist wie eine Wanderung, bei der wir eine Vorstellung davon haben, wo wir hin wollen. Denn unser Leben geht Tag für Tag weiter, und wir haben immer etwas vor Augen, das wir erreichen möchten. Wir haben Wünsche und Träume, Pläne und Vorhaben. Dabei muss es sich gar nicht um irgendetwas Besonderes oder Individuelles handeln. Es gehört zu unserer menschlichen Natur, dass wir uns vorstellen, wie unser Leben am besten sein soll. Das fängt schon damit an, dass wir alle gerne gesund sein wollen. Krankheiten mögen wir nicht, und wir tun viel, um sie zu verhindern und auszukurieren. Aber das ist nicht alles. Auch Erfolg ist ein ganz natürlicher Wunsch, ob im Beruf oder im privaten Bereich: Wir möchten mit dem, was wir können, weiterkommen und Anerkennung finden. Und natürlich will niemand allein sein. Das Streben nach Gemeinschaft ist ein weiteres allgemeines Ziel, das wir alle teilen. Wir wünschen uns Zuwendung und Liebe. Frieden und Wohlstand gehören ebenfalls zu den Dingen, nach denen sich eigentlich alle Menschen sehnen. Krieg und Terror sollen fern bleiben und dort, wo sie toben, doch bitte aufhören.
Solche Gedanken haben wir immer wieder, Gedanken darüber, wie wir uns das Leben vorstellen. Am Anfang eines neuen Jahres bewegen sie uns besonders. Da schauen wir nach vorne und malen uns aus, was wohl alles kommen wird. Einiges haben wir geplant, anderes ist noch offen. Auf jeden Fall soll es uns aber gut gehen, sowohl privat als auch gesellschaftlich.
Doch erreichen wir das auch? Wer zeigt uns den Weg? Wer sorgt dafür, dass wir uns nicht verirren? Der Gedanke an die Zukunft ist immer mit Unsicherheit verbunden, eventuell sogar mit Angst und Sorge. Es ist wie bei einer Wanderung: Wir haben zwar die richtigen Karten, d.h. im Großen und Ganzen wissen wir, was wir tun müssen, aber wir sind nie davor geschützt, den richtigen Weg zu verlieren. Es gibt zu viele Unwägbarkeiten. Das Leben gelingt nicht einfach so, der Druck ist manchmal groß.
Und dahinein ist das Wort Jesu eine wunderbare Botschaft. Um die zu verstehen, ist es gut, wenn wir es von hinten lesen und zunächst auf das Ziel achten, dass Jesus vor Augen hatte: „zum Vater kommen“, darum geht es ihm, das wollte er und das bietet er seinen Jüngern an.
Und das ist ein provozierender Gedanke. Jesus definiert damit nämlich ein ganz anderes Ziel, als wir es tun. Ihm geht es nicht um Gesundheit oder Erfolg, Gemeinschaft und Frieden, also um etwas Innerweltliches, sondern um die ewige Heimat bei Gott, um das Erreichen des Hauses Gottes. Und damit stellt er uns etwas vor, das uns zu denken geben kann, etwas Großes und Wunderbares. Alles andere ist von vorne herein kleiner, denn dieses Ziel weist über die Welt hinaus. Es relativiert unsere irdischen Wünsche, und stellt sie auch in Frage. Das sollten wir jedenfalls einmal zulassen und alles, wonach wir uns sehnen, auf diesem Hintergrund überprüfen. Wir können uns fragen: Ist es wirklich so wichtig, dass wir gesund und erfolgreich sind? Ist es nicht viel entscheidender, dass wir den Himmel nicht versäumen, „dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine“? So ist es in einem Ewigkeitslied aus dem 19. Jahrhundert formuliert. (Evangelisches Kirchengesangbuch, Ausgsbe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, 45. Auflage 1984, Nr. 485,4). Wenn wir uns darauf einlassen, fällt ein ganz großer Teil des Drucks, den wir uns normaler Weise machen, von uns ab. Ängste verschwinden, innere Fesseln lösen sich. Wir können uns entspannen und loslassen, weil wir uns auf etwas besinnen, das unseren Geist weitet und unsere Seele befreit.
Und Jesus malt uns nicht nur dieses schöne Ziel vor Augen, er spricht gleichzeitig von dem Weg, der dorthin führt, und das ist gut, denn wie sollen wir den kennen? Jesus weiß, dass das nicht möglich ist. Ein Ziel, das über die Welt hinausweist und uns in eine ganz andere Dimension führt, können wir von uns aus nicht erreichen. Das wäre viel zu viel verlangt. Das ist Jesus klar. Und er sagt auch nicht nur: Ich helfe euch, steh euch bei und zeig euch den Weg, sondern: „Ich bin der Weg.“ und das heißt, wir müssen nur auf ihn vertrauen.
Es geht im Glauben nicht darum, dass wir aus eigener Kraft zum Vater kommen. Wir müssen uns vielmehr auf Jesus einlassen, an seine Offenbarung glauben uns ihm hingeben. Dann werden wir aus dem Bereich des Todes befreit und in die göttliche Wirklichkeit geführt. Jesus bringt die Gläubigen in die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, und damit zum Ziel ihres Lebens.
Und dabei gibt es auch kein Verirren, das ist praktisch ausgeschlossen. Wer auf Jesus vertraut, ist auf der sicheren Seite, ganz gleich, was sonst alles im Leben geschieht. Selbst wenn wir andere Ziele nicht erreichen, sind wir weiter geborgen. Die Gemeinschaft mit Gott lässt sich durch nichts zerstören, im Gegenteil: Sie gibt uns Halt und Trost, wenn einmal etwas schief geht. Wenn wir krank werden, Niederlagen erleiden und einsam sind, dann bleibt Gott trotzdem bei uns, dann sind wir weiter in seiner Nähe. Im Leben und im Sterben kann uns nichts von ihm trennen.
Das ist der große Trost, den Jesus uns hier gibt. Wenn wir ihn annehmen, sind wir in Ewigkeit geschützt und bewahrt.
Und auf wunderbare Weise gehen auch innerweltliche Wünsche dabei manchmal in Erfüllung. Denn es ist zutiefst heilsam, so zu glauben und zu vertrauen, sich so auf Jesus auszurichten. Es gibt uns Kraft und Zuversicht, wir werden gelassen und hoffnungsvoll, das Leben wird schöner und bunter.
Das wichtigste, was wir am Anfang dieses neuen Jahres bedenken und beherzigen sollten, ist deshalb Jesus, denn er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Wer das Glück sucht, indem er andere Ziele verfolgt, soll das gerne tun, mein Herz allein bedacht soll sein, auf Jesus sich zu gründen“, (Evangelisches Gesangbuch Nr. 346,1) denn das ist heilsamer und befreiender als alles andere.
Amen.

Das Geschenk Gottes

Predigt über Johannes 3, 16: Also hat Gott die Welt geliebt…

Heiligabend, 24.12.2016, 17 und 23 Uhr
Jakobi- und Lutherkirche Kiel

Liebe Gemeinde.
Weihnachten ist das Fest der Geschenke, und das gefällt auch den meisten. Kinder freuen sich besonders auf die Bescherung, aber Erwachsenen macht es auch noch viel Spaß. Entsprechend wird in der Vorweihnachtszeit kräftig eingekauft, gebastelt, gepackt und verschickt.
Dabei bemisst sich der Wert eines Geschenkes nicht nur danach, wieviel Geld es gekostet hat. Zum Schenken gehört es, dass wir uns Gedanken darüber machen, was dem anderen vielleicht gefällt und zu ihm passt. Ein Geschenk ist nur dann gut und sinnvoll, wenn es von Herzen kommt. Dann macht es allen Freude, auch dem Gebenden. Es ist ja schön, einem anderen ein kleines Glück zu bereiten. „Es freut mich, wenn du dich freust“, das sagen viele, die heute ihre Lieben beschenken.
Entsprechend enttäuschend und verletzend ist es, wenn ein Geschenk dann doch nicht passt, wenn es lieblos ausgewählt wurde und nicht zusagt. Dann ist die Stimmung im Eimer. Um das zu vermeiden, haben viele Familien das Schenken zu Weihnachten abgeschafft. „Wir schenken uns nichts mehr“, heißt es dann.
Dabei passt es zu Weihnachten, denn es ist das Fest eines ganz großen Geschenks Gottes an die Menschen. Es ist ebenfalls aus Liebe erfolgt und deckt sich wunderbar mit dem, was wir brauchen. Der Evangelist Johannes hat es so formuliert: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Das ist nur ein Satz, aber er enthält das ganze Evangelium. Nicht umsonst ist er zu einem der bekanntesten Sprüche aus dem Neuen Testament geworden. Wir finden hier drei Aussagen von großer Bedeutung.
Erstens wird uns etwas über Gott gesagt, und zwar wird uns verkündet, dass Gott die Menschen liebt. Wir sind ihm nicht gleichgültig, er hat eine enge Beziehung zu uns, er will nicht ohne die Menschen sein. Die ganze Welt liegt ihm am Herzen, denn sie ist sein Werk und er möchte sie erhalten. Er will hier wohnen und natürlich wartet er auf Gegenliebe. Er möchte erkannt und selber geliebt werden. So jedenfalls redet die Bibel über Gott, so glauben es die Juden und Christen.
Doch genau damit hapert es, denn die Menschen gehen ihre eigenen Wege. Sie fragen nicht nach Gott und wenden sich von ihm ab. Deshalb hat er seinen Sohn geschickt, d.h. er ist selber als Mensch erschienen. Er wurde uns gleich, damit wir ihm endlich nahe sein können. Er wollte unser Bruder sein, unser Helfer und Tröster. Das ist der erste Punkt, der in dem Satz zum Ausdruck kommt: Die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen.
Als zweites wird gesagt, worin unser Part liegt, was geschehen muss, damit wir die Liebe Gottes auch spüren und empfangen: Wir sind zum Glauben eingeladen. Von „allen, die an ihn glauben“, ist hier die Rede, und damit sind die gemeint, die das Geschenk Gotte annehmen, sich darüber freuen und es sich zu eigen machen. Es gilt, dass auch wir Kontakt zu Gott aufbauen, mit ihm rechnen, ihn unsererseits lieben und ehren. Jede Beziehung ist nur dann lebendig und schön, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht, wenn beide Beteiligten sie leben und beachten. Das ist der zweite Punkt.
Und drittens wird gesagt, welche Folgen es hat, an Gott zu glauben und sein Geschenk anzunehmen: Wir sind „nicht verloren, sondern haben das ewige Leben“. Dahinter steht die Vorstellung, dass es eine Gefahr gibt, eben das „Verlorengehen“. Damit meint die Bibel einen Zustand des Unglücks und der Gottesferne, des Gerichts und der Verdammnis. Und das heißt, das Leben kann misslingen. Es gibt zerstörerische Kräfte, die uns verschlingen wollen. Wir stehen immer an einem Abgrund, in den wir hineinstürzen können.
Wer an Jesus Christus glaubt, ist davor bewahrt, er wird gehalten und gerettet, er gewinnt „das ewige Leben“.
Das ist die Botschaft von Weihnachten, und es ist gut, wenn wir sie ernst nehmen.
Gerade was den letzten Punkt betrifft, so stimmen wir da sicherlich überein. Wir haben das Gefühl, in schlimmen Zeiten zu leben. Der Terror ist überall, auch in Deutschland ist er angekommen. Abscheuliche Taten werden begangen, Angst und Schrecken greifen um sich. Viele fürchten sich mehr als sonst und fühlen sich unsicher.
Andere sagen in dieser Situation bewusst: „Jetzt erst recht! Wir lassen uns unsere Freiheit und Offenheit nicht nehmen, wir leben, wie wir wollen und für richtig halten, die Angst soll nicht siegen.“ Und das ist gut, das dürfen wir auf keinen Fall aufgeben. Toleranz und Freiheit, Gleichberechtigung, Sicherheit und Gerechtigkeit sind die großen Errungenschaften einer modernen Gesellschaft. Wir dürfen uns davon nicht abbringen lassen.
Doch wie besiegen wir die Furcht und können fröhlich bleiben? Wie kann das Leben gelingen?
In Berlin sind zwölf Menschen gestorben, als der Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt fuhr. Das beschäftigt uns z.Zt. sehr, es berührt uns macht uns traurig. Wir fühlen und leiden mit den Angehörigen der Verstorbenen und den Verletzten. Und es ist notwendig, dass die Politiker überlegen, was sich in unserem Land ändern muss, damit so etwas nicht geschieht.
Lassen Sie uns jetzt aber einmal noch tiefer nachfragen und über einen grundsätzlichen Zusammenhang nachdenken. Wir sollten nicht vergessen, dass der Terror nicht die einzige Gefahr ist, die es gibt. Auf unseren Straßen im Verkehr ist es z.B. viel gefährlicher. Da sterben in Deutschland täglich ungefähr zwölf Menschen. Makaberer Weise haben wir uns daran irgendwie gewöhnt, es wird nicht viel darüber berichtet. Auch ist es keine Nachricht wert, wenn ein Mensch Selbstmord begeht. Dabei passiert auch das täglich, und dahinter steht jedes Mal eine ganz große Not und ein tiefes Leid, Verzweiflung und das Gefühl der Ausweglosigkeit. In unserer Gesellschaft gibt es das zu Hauf.
Das sind zwei Beispiele dafür, dass unser freizügiger Lebensstil, unser Wohlstand und unser Vergnügen uns lange nicht alle Antworten liefern, die wir brauchen. Die Welt ist unsicher und gefährdet, unzählige Bedürfnisse werden nicht befriedigt, Erwartungen nicht erfüllt. Es gibt Enttäuschungen und Krankheiten, Verletzungen und den Tod. Was gibt uns wirklich Sicherheit und Geborgenheit? Woher nehmen wir unsre Hoffnung? Wie können wir lieben? Was ist der Sinn des Lebens, und was geschieht nach dem Tod? Diese und ähnliche Fragen bleiben offen, wenn wir nur weltlich leben, und im Innersten lassen sie eine Unruhe zurück.
In Wirklichkeit ist die Welt viel zu klein für uns. Das sollten wir uns eingestehen. Es ist gut, wenn wir realistisch und nüchtern werden und auf den Boden der Tatsachen kommen. Stimmen, die das Kaufen und Schenken zu Weihnachten kritisieren, sollten wir ernst nehmen. Denn was wir an Schönem und Beglückendem in dieser Welt unternehmen, ist nur dann sinnvoll, wenn wir vorher von etwas Größerem erfüllt sind und unsere tiefste Sehnsucht bereits gestillt ist. Und das kann nicht in der Welt geschehen, durch kein Geschenk und auch keine menschliche Liebe. Denn Gott hat uns zu sich  „hin geschaffen“, wie es der Kirchenvater Augustin bereits im vierten Jahrhundert gesagt hat. „Und ruhelos ist unser Herz solange, bis es ausruhen kann in Dir.“, so geht sein berühmtes Gebet weiter. (Augustinus, die Bekenntnisse, Übertragung, Einleitung und Anmerkungen von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln, 1994,. S. 31)  Er eröffnet damit das Buch seiner „Bekenntnisse“, die Beschreibung seines inneren Weges, und es ist wie eine Überschrift oder Zusammenfassung: Das hatte er eines Tages erkannt. Es war wie das Erwachen aus einem Traum, und er stellte danach Gott an die erste Stelle seines Suchens und Strebens.
Ernesto Cardenal, ein lateinamerikanischer Priester und Dichter des letzten Jahrhunderts, hat denselben Gedanken in seinem „Buch von der Liebe“ so formuliert:
„Alle Menschen werden mit einem verwundeten Herzen und einem unstillbaren Durst geboren. […] Der Vorgang des Essens und Trinkens wurde vom Schöpfer als materielles Symbol dieses Hungers und Durstes nach Gott eingesetzt.
Dieser Durst nach Gott spiegelt sich als innere Unruhe auf den Gesichtern aller Menschen, welche die Straßen, die Läden, die Kinos und Bars bevölkern. Alle Welt trägt einen Wunsch mit sich, viele Wünsche, eine Unendlichkeit von Wünschen: noch ein Gläschen, noch ein Stück Kuchen, noch ein Blick, noch ein Wort, noch ein Kuss, noch ein Buch, noch eine Reise. Mehr und immer mehr. Alle Gesichter verwundet von Unruhe und Wünschen. […] Es ist, als ob wir uns mit einer Nahrung sattessen wollten, die nichts hergibt, oder uns mit einem Wein betrinken, der nicht trunken macht. Die Nahrung füllt uns zwar, aber unser innerster Hunger wird nicht gestillt, sondern eher angefacht. Wir können überdrüssig werden, aber niemals satt.
Und so, wie wir uns von der Tiefe eines Brunnens überzeugen, wenn wir einen Stein hineinwerfen und seinen Aufprall nicht mehr hören, so können wir uns von der Tiefe unserer Seele überzeugen, wenn die Dinge in sie hineinfallen und einfach verschwinden, ohne dass ein Echo nachklingt, ohne dass wir sie fallen hören. Weil Gott auf dem Grund jeder Seele wohnt, ist die Seele unendlich und kann mit nichts gefüllt werden als mit Gott. […] Unser Sein [aber] ist entworfen worden, um Gott zu lieben, um Ihn zu besitzen und Ihn zu genießen, wie die Makrele entworfen wurde zum Schwimmen und die Möwe zum Fliegen.“ (Ernesto Cardenal, Das Buch von der Liebe, Gütersloh, 1978, S. 35ff) Besser kann man es kaum formulieren.
Wir tun also gut daran, wenn wir das Geschenk Gottes annehmen und bei ihm unser Glück suchen. Es gibt eine Ruhe für die Seele und das geängstete Herz. Sie liegt in dem Geschenk Gottes, das er uns zu Weihnachten macht: bei seinem Sohn Jesus Christus, der uns annimmt und uns das ewige Leben gibt. Gott schenkt sich uns selber und es ist gut, wenn auch wir ihm unser Leben geben.
Zum Schenken gehört Gegenseitigkeit: jeder und jede Schenkende freut sich, wenn er oder sie auch etwas bekommt. Mit Gott ist es nicht anders. Deshalb fragt Paul Gerhardt in seinem Weihnachtslied, was er denn nun Gott schenken kann. Und er kommt nicht auf dies oder das, nicht auf irgendwelche Opfergaben oder fromme Leistungen, sondern er sagt: „Ich komme bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist meine Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut nimm alles hin und lass dir‘s wohlgefallen.“ (Evangelsiches Gesangbuch Nr. 37,1)
Das ist ein Gebet an der Krippe, das auch wir sprechen können. Lassen Sie uns das Lied deshalb jetzt singen und mit der Bitte zu Jesus gehen, dass er uns selber nehmen möge. Wir können unser Leben in seine Hand legen und uns ganz ihm anvertrauen. Dann werden wir glücklich und ruhig, alle Ängste verschwinden, wir fühlen uns sicher und in Ewigkeit geborgen.
Amen.

Die nahende Freude

Predigt über Lukas 1, 26-38: Die Ankündigung der Geburt Jesu

4. Sonntag im Advent, 18.12.2016, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Lukas 1,26-38

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause Da-vid; und die Jungfrau hieß Maria.
28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!

29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?
30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?
35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.
36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Liebe Gemeinde.
Am 25. März feiern die katholische und orthodoxe Kirche das „Fest der Verkündigung des Herrn“. Das ist genau neun Monate vor Weihnachten, denn die Gläubigen stellen sich vor, dass Maria in dem Augenblick schwanger wurde, als der Engel Gabriel zu ihr kam und ihr verkündete, dass sie den Sohn Gottes vom Heiligen Geist empfangen und gebären werde.
In der orthodoxen Kirche gibt es für diesen Tag einen Gesang, der lautet: „Heute ist der Anfang unseres Heils, und das Mysterium von Ewigkeit her wird offenbar. Gottes Sohn wird der Jungfrau Kind, und Gabriel überbringt die Frohbotschaft der Gnade. Mit ihm rufen auch wir der Gottesgebärerin zu: ‚Freue dich, Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir.‘“ Maria wird zur „Gottesmutter“, und ihre Verehrung ist für katholische und orthodoxe Christen selbstverständlich.
Martin Luther bezeichnete das Fest der Verkündigung übrigens auch noch als eins „der fürnehmsten Feste“. (s. wikipedia, „Verkündigung des Herrn“) Er hat die Verehrung Marias keineswegs abgelehnt.
Trotzdem ist sie uns evangelischen Christen mittlerweile fremd geworden. Wozu brauchen wir Maria? Was soll das, zu ihr zu beten? Kann uns die Geschichte von der Verkündigung noch etwas sagen?
Wir haben die Schilderung aus dem Lukasevangelium eben gehört. Sie steht dort in der sogenannten Vorgeschichte. Das sind die ersten beiden Kapitel, die u.a. noch einige schöne Lieder und die Erzählung von der Geburt Jesu im Stall beinhalten. Lukas wollte damit die Geschichte Jesu so genau wie möglich von Anfang an erzählen und gleichzeitig zum Glauben an ihn einladen.
Dabei erinnert unser Bericht an ähnliche Schilderungen aus dem Alten Testament, in denen Gott oder ein Engel erscheint. Sie wollen nicht nur informieren, sondern gleichzeitig Gott loben und seine Macht und Liebe besingen.
Das geschieht auch hier. Der Engel kommt unerwartet zu Maria und verkündet ihr etwas Wunderbares und Unfassbares, einen himmlischen Plan. Er grüßt sie mit den Worten: „Der Herr ist mit dir!“ und sagt ihr, was Gott mit ihr vorhat: Sie hat „Gnade bei Gott gefunden“ und wird schwanger werden. Das Kind, das sie gebären wird, soll „Sohn des Höchsten“ heißen. Und dann folgt die zentrale Botschaft der Geschichte, an der deutlich wird, dass es hier um ein Lob Gottes geht. Der Engel sagt weiter: Er, dein Sohn, wird „groß sein“ denn „Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“
Lukas eröffnet sein Evangelium also mit der klaren Ansage, dass Jesus der Sohn Gottes sein wird. Der Mann, von dem er im Folgenden erzählen wird, ist nicht irgendein Prophet, sondern der von Gott Verheißene und Gesandte. Deshalb ist seine Herkunft übernatürlich. Maria hatte mit noch keinem Mann geschlafen, als sie schwanger wurde, sie war Jungfrau. Josef war zwar ihr Verlobter, aber er hatte sie nicht berührt. Das Kind, das in ihr heranwuchs, war vom Heiligen Geist gezeugt. Die „Kraft des Höchsten hatte sie überschattet“, wie Lukas es formuliert.
Im ersten Moment erschrak Maria, als der Engel zu ihr kam, „und dachte: Welch ein Gruß ist das?“ Aber der Engel beruhigte sie mit den Worten „Fürchte dich nicht“. Und während er weiter sprach, legte sich der Schreck Marias und sie willigte in den göttlichen Plan ein. Am Ende sagte sie: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“
„Und der Engel schied von ihr.“ Das ist der letzte Satz.
Wir kennen diese Szene der Verkündigung an Maria gut, und zwar nicht nur aus der Bibel. In der Kunst wurde sie vielfältig dargestellt. Die Bilder zeigen üblicherweise Maria und den Engel im Innenraum eines Hauses. Zuweilen bringt der Engel Maria eine weiße Lilie, das Symbol der Jungfräulichkeit und Reinheit, während die Gesten des Mädchens Überraschung und Berührtsein ausdrücken. Manchmal wird Maria auch in einem Buch lesend dargestellt. Dadurch wird unterstrichen, dass es eine Verbindung mit der Ankündigung des Messias im Alten Testament gibt. Auf vielen Bildern erscheint außerdem der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. Oder die Empfängnis wird durch einen Maria treffenden Lichtstrahl dargestellt.
Offensichtlich regte diese Szene immer wieder die Phantasie der Menschen an, und das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass hier etwas Übernatürliches erzählt wird. Es ist kein alltägliches Geschehen, sondern geheimnisvoll und wunderbar. Es lädt geradezu dazu ein, es künstlerisch umzusetzen und den Gehalt durch Farben und Gesten, Symbole und Gegenstände bildlich darzustellen.
Denn mit dem Verstand erschließt sich die Botschaft dieser Geschichte nicht. Im Gegenteil: Sie steht ihm entgegen. Wer glaubt das heutzutage noch, dass eine Jungfrau schwanger wurde? Wir wissen, dass so etwas biologisch unmöglich ist. Die Geschichte ist eine Legende, so sehen wir das heute.
Doch auch wenn das wohl wirklich so ist, müssen wir sie nicht beiseiteschieben, denn jede Legende oder jedes Märchen enthält immer auch eine Wahrheit. Hier soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Jesus zwar Mensch geworden ist, gleichzeitig aber eine göttliche Herkunft hatte. Bei seiner Zeugung war Gott selber noch einmal schöpferisch am Werk. Die Vorstellung von der Jungfrauengeburt ist dafür auch ein relativ alter Mythos, den es ebenso im Judentum und bei den Griechen gab und der hier von Lukas aufgegriffen und umgestaltet wurde.
Er wollte damit gar keinen biologischen oder geschichtlichen Vorgang beschreiben. Es ist also völlig unangebracht, die Erzählung unter naturwissenschaftlichen Ge-sichtspunkten zu beurteilen. Wir müssen vielmehr nach ihrer Bedeutung für den Glauben fragen, nach ihrem Symbolgehalt und ihrer geistlichen Aussage. Was hier geschieht, kann ein Bild dafür sein, was Glaube konkret bedeutet, und wie Gott an uns Menschen handelt.
Wir können uns das am besten klarmachen, indem wir die drei Personen, die hier vorkommen, einmal näher betrachten: Das sind der Engel, Maria und das Kind, das geboren werden soll.
Von Engeln ist ja heutzutage viel die Rede, sie haben sozusagen Konjunktur. Wir haben zwar noch keine echten, lebendigen Engel gesehen, aber in der Phantasie und in der Bibel gibt es sie trotzdem. Es sind dort die Boten Gottes, d.h. sie kommen von ihm und verkündigen, was er will und denkt.
Zu Maria kam der Engel unerwartet, plötzlich und er kannte keine räumlichen Hindernisse. Er war mit einem Mal da und hat ihr eine frohe Botschaft verkündet. In unserem Leben kann so etwas auch vorkommen, durch einen andern Menschen z.B., der ein gutes Wort für uns hat. Zu Weihnachten verschicken und bekommen wir ja viele Grüße. Vielleicht steht in dem einen oder anderen etwas, das Sie gerade jetzt brauchen und das sie anrührt. Es verändert ihr Bewusstsein, stimmt Sie freudig und macht Sie hoffnungsvoll. Es ist wie ein Engelswort.
Und so etwas geschieht in noch vielen weiteren Situationen. Gott benutzt Menschen, um zu reden und zu handeln. Wir können einander zu Engeln werden. Auch in einem Gottesdienst oder einer Andacht kann das geschehen, bei einer Begegnung oder einer Lektüre. Wir müssen nur so aufmerksam und wachsam sein wie Maria.
Sie ist die zweite Person in der Geschichte und kann uns zeigen, was Glauben bedeutet. Sie ist die Hörende und Empfangende, sie lässt sich von Gott überraschen, öffnet sich und ist bereit. Geduld und Demut gehören zu ihrem Verhalten. Sie ist zugänglich für das wirkende Schöpferwort Gottes, und willigt in seinen Plan ein. Das Wunder der Gottesgeburt kam zu Stande, weil sie zum Schluss sagte: „Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (V.38) Dieser Satz bringt zum Ausdruck, welche Haltung Maria einnahm, wie sie reagierte und inwiefern sie ein Vorbild für uns ist.
So einfach und so schnell willigen wir ja kaum in etwas ein. Was das Wort Gottes betrifft, so tun wir es lieber, als dass wir es „schöpferisch an uns wirken lassen“. Wir reden und handeln als Christen am liebsten selber, sind aktiv und gestalten Kirche und Gemeinde.
Das ist auch alles schön und gut, aber in erster Linie will Gott etwas anderes. Zunächst sollen wir gar nichts machen, sondern an uns soll etwas geschehen. Gott will auch zu uns kommen, mit uns reden und uns froh machen. Und damit das passiert, müssen wir hören und lauschen. Es wäre also gut, wenn wir uns – anstatt ständig aktiv zu sein und zu reden – einmal hinsetzen, still werden und die Hände buchstäblich in den Schoß legen. Wir müssen nur auf ihn warten und geduldig sein. Dann kann Gott in unser Leben einbrechen, mit seiner Gnade und Kraft. Er ist in einem christlichen Leben das Subjekt, der Handelnde, wir müssen uns nur bereit halten. Dafür ist Maria ein schönes Vorbild.
Und dann wächst etwas in ihr, sie wird schwanger und neues Leben entsteht. Damit sind wir bei der dritten Person in der Geschichte, dem Kind. Es ist das große Geschenk, das Gott uns machen will. Wenn Sie selber Kinder haben, wissen Sie, wie schön es ist, wenn sie geboren werden. Sie sind eine Bereicherung, verändern das Leben und bringen ganz viel Freude mit sich.
Wieviel größer ist es da, dass Gott uns sich selber schenkt, dass der Allerhöchste zu uns kommt. Die ganze Liebe Gottes zu uns Menschen liegt in diesem Geschenk beschlossen. Denn dadurch sind wir nie mehr allein, Gott ist immer bei uns. Wenn wir das annehmen, werden wir innerlich frei und ruhig, Sorgen und Ängste verschwinden. Wir werden heiter und zuversichtlich, es entsteht eine tiefe Freude und Geborgenheit. Und dafür müssen wir keinerlei Vorbedingungen erfüllen, wir müssen uns das nicht verdienen, sondern es ist ein echtes Geschenk, das wir nur entgegennehmen müssen. Und das geschieht am besten, wenn wir uns selber so wenig groß machen wie möglich und stattdessen erkennen, wie groß Gott und seine unendliche Liebe zu uns ist. Unsere Liebe zu den anderen Menschen wächst dadurch ganz von allein, das Handeln folgt von selbst.
Das alles steckt in der Geschichte von der „Verkündigung des Herrn“. Sie ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir die Gegenwart Gottes erleben können und was er an uns tut.
Luther wusste sehr wohl, warum er das Fest der Verkündigung an Maria als eins der „fürnehmsten“ bezeichnete. Auch als evangelische Christen können wir uns an Maria ein Beispiel nehmen und an dem Tag, an dem sie die Botschaft des Engels empfing, singen: „Heute ist der Anfang unseres Heils, und das Mysterium von Ewigkeit her wird offenbar. Gottes Sohn wird der Jungfrau Kind, und Gabriel überbringt die Frohbotschaft der Gnade. Mit ihm rufen auch wir der Gottesgebärerin zu: ‚Freue dich, Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir.‘“
Amen.