Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden

Bereits in den letzten beiden Jahren hat die Nordkirche dazu eingeladen, die Gottesdienste am 5. Sonntag der Passionszeit, dem Sonntag Judika, unter das Motto zu stellen: „Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden.“ Diesem Vorschlag haben wir uns heute angeschlossen. Der Gottesdienst hat Raum für Klage und Dank, Bekenntnis und Fürbitte gegeben und sollte uns helfen, unser Engagement für den Frieden nicht aufzugeben. Wir haben uns daran erinnert, dass Gott sich diese Welt friedlich vorgestellt hat. Er will nicht, dass wir Kriege führen. Wir haben deshalb gefragt, wie wir leben können, damit sein Wille geschieht.
Viele Inhalte – auch in der Predigt – sind dem Materialheft entnommen, das das Zentrum für Mission und Ökumene der  Nordkirche für die Gottesdienste an diesem Sonntag zusammengestellt hat.

Predigt über 1. Mose 22, 1- 13: Abrahams Versuchung

Judika, 5. Sonntag in der Passionszeit, 2.4.2017
Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Mose 22, 1- 13

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne
5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.
7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz
10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

Liebe Gemeinde.
„Abraham war bereit, Gott seinen einzigen Sohn zu geben, obwohl ihm Gott doch die Zusage gemacht und gesagt hatte: »Durch Isaak wirst du Nachkommen haben«. Denn Abraham rechnete fest damit, dass Gott auch Tote zum Leben erwecken kann. Darum bekam er auch seinen Sohn lebendig zurück – als bildhaften Hinweis auf die künftige Auferweckung.“ (Hebräer 11,17ff, Übersetzung: Gute Nachricht)
Das ist der Kommentar des Hebräerbriefes zu der Erzählung von „Abrahams Versuchung“. Er steht in einem Kapitel über die Geschichte des Glaubens der Väter. Darin zählt der Verfasser eine lange Reihe von Beispielen hervorragender Glaubenszeugen aus dem Alten Testament auf. Und das war keine neue Idee. Abraham wird bereits im Alten Testament aus verschiedenen Gründen als „Vater des Glaubens“ bezeichnet. Im Hebräerbrief wird hervorgehoben, dass sein Glaube sich in einer extremen Grenzsituation bewährt hat und ihn über die Todesfurcht triumphieren ließ. Die Gewissheit des lebendigen Gottes hat Abraham durch die dunkelsten Stunden seines Lebens getragen.
Aus der Erzählung selbst lässt sich diese Auslegung nicht unbedingt ableiten, denn wir erfahren hier nichts über die Gedanken Abrahams. Im Gegenteil: Es fällt auf, dass er die meiste Zeit schweigt. Was in ihm vorgeht, offenbart er nicht, nicht einmal seinem Sohn.
Aber es ist gut, dass schon der Hebräerbrief eine Interpretation liefert, denn ohne eine solche lässt sich diese Geschichte nicht verstehen und auch nicht ertragen. Sie enthält zu viele Widersprüche und wirkt über weite Strecken böse und abstoßend: Den einzigen Sohn zu opfern, geht bereits gegen die Natur und kann eigentlich nicht von dem Gott gefordert werden, der doch das Leben schuf! Zudem hatte Abraham für seinen Sohn eine besondere Verheißung empfangen. Es muss für ihn völlig unverständlich gewesen sein, dass Gott nun verlangte, ihn zu töten. Gott machte sich dadurch eigentlich unglaubwürdig! Die Verheißung wurde für Null und nichtig erklärt, und das konnte Abraham bestimmt nicht begreifen.
Deshalb herrscht wohl auch dieses bedrückende Schweigen zwischen ihm und seinem Sohn Isaak. Es legt sich fast auf einen selber, wenn man die Geschichte liest. Nur einmal wird es von Isaak unterbrochen, weil der sich wundert: An den Gegenständen, die sie tragen, erkennt er sehr wohl, dass sie ein Opfer bringen wollen. Aber wo war das Tier? Das fragt er seinen Vater. Und um das Kind nicht zu beunruhigen, vielleicht auch weil er in der Tat an die Auferstehung der Toten glaubt, sagt Abraham: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Dann herrscht wieder Schweigen, bis sie am Ziel sind, und auch dort wird nicht mehr gesprochen, sondern nur noch gehandelt. Am Ende streckt Abraham die Hand aus und nimmt das Messer, um seinen Sohn zu töten.
Erst im allerletzten Augenblick wird er von dieser schrecklichen Tat abgehalten. Eine Stimme ruft ihn und daraufhin lässt er die Hand sinken und hört zu. Er soll dem Jungen nichts tun, sondern anstatt des Kindes einen Widder opfern, der plötzlich im Gebüsch auftaucht. Die Geschichte geht also am Ende gut aus.
Das hebt der Hebräerbrief hervor, und auf dieses Ende möchte auch ich heute einmal unsere Aufmerksamkeit lenken. Wir müssen uns wie gesagt sowieso Gedanken machen, wie wir die Geschichte verstehen wollen, sie erschließt sich nicht von allein. Die Menschen, die sie gelesen haben, taten das deshalb auch von Anfang an, und es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen.
Wer humanistisch denkt, verurteilt die Geschichte z.B. einfach: Das kann nicht Gott sein, der hier spricht, denn er verlangt etwas, das jeder Moral entgegensteht. Abraham muss sich getäuscht haben, als er den Auftrag vernahm. Das war nicht die Stimme Gottes. So lautet ein Argument. Es führt dazu, dass man die Geschichte ablehnt, denn an so einen Gott kann und will man nicht glauben.
Das denken sicher auch viele von uns. Unser Glaube gründet auf ganz anderen Grundsätzen. Wir finden sie im Neuen Testament, und da ist Gott nicht mehr so. Wir halten die Geschichte deshalb für einen Irrtum in der Bibel.
Wenn wir allerdings genau hinschauen, ist der Unterschied zwischen Abraham und dem Neuen Testament gar nicht so groß. Nicht umsonst erwähnt der Hebräerbrief ihn als Glaubenszeugen, und auch Paulus stellt ihn mehrere Male als Vorbild hin.
Lassen Sie uns die Geschichte deshalb nicht einfach bei Seite legen. Wir können uns wie gesagt auf das Ende konzentrieren, dann ist sie gar nicht so grausam und unmenschlich. Denn niemand wird umgebracht. Die Geschichte handelt nicht vom Morden und Opfern, sondern von genau dem Gegenteil: Gott hält das Schwert zurück, er will das Leben und den Frieden. Das kommt hier sehr deutlich zum Ausdruck. Die Praxis des Menschenopfers wird eindeutig abgelehnt. Sie war auch bereits ferne Vergangenheit, als die Geschichte entstand, es gab sie schon lange nicht mehr. Darauf gründet sich die Erzählung.
Lassen Sie sie uns deshalb einmal mit diesen Voraussetzungen lesen, dann entdecken wir darin vieles, was für unser Leben und unseren Glauben wichtig ist.
Aufschlussreich und sehr eindrücklich ist wie gesagt der Moment, in dem Gott die Hand Abrahams mit dem Messer zurückhält und ihn am Morden hindert. „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts.“ Das war der Befehl des Engels.
Gott ließ sich vernehmen, und das tut er auch heute noch. Es gilt also, inne zu halten und hinzuhören. Es muss die Bereitschaft geben, auf Gottes Friedensstimme zu achten, auf sein Wort. Denn dafür sind viele Menschen taub. Wie taub sind z.B. die Kriegstreiber gegenüber der Mahnung zum Frieden. Unbeirrt verfolgen sie ihre eigenen Ziele. Abraham kann gut auch als ein Bespiel für religiösen Fanatismus gesehen werden. Er ist von unheilvollen Phantasien erfüllt, die immer noch viele Menschen befallen: Gott verlangt Opfer, er will, dass wir andere töten, er will das Blutvergießen. Wenn solche Gedanken das Handeln bestimmen, entsteht eine Logik des Krieges und der Gewalt. Falsche Gewissheiten machen die Menschen für alles andere blind und taub. Abraham erinnert uns daran, dass es das geben kann, dass das aber nicht der Wille Gottes ist. Er lädt uns ein, genau hinzuhören, und am Ende das zu tun, was dem Frieden dient.
Lassen Sie uns also fragen, wie das geht. Dazu gehört es als erstes, dass wir zugeben: Keiner und keine von ist so, wie Gott das möchte. Wir tragen alle die Keime von Hass und Neid in uns. Wie oft wollen wir z.B. mehr haben, als unser Nachbar oder unsere Nachbarin hat, wollen stärker sein als unsere Geschwister und besser als die Kollegen. Unser Geist verfinstert sich dann, weil wir neidisch sind. Auch gegenüber der Not unserer Mitmenschen verschließen wir uns gern. Wir sehen die Fremden mit Misstrauen, und innerlich ballen sich unsere Hände zu Fäusten. Das müssen wir zugeben. Es ist wichtig, dass wir ehrlich sind und unsere Sünde erkennen. Denn nur dann können wir den nächsten Schritt gehen und Gott um Hilfe bitten. Wir können ihn bitten, auf uns Acht zu geben, uns beizustehen und uns zur Ordnung zu rufen.
Dann hält er unsere Hand mit dem Messer zurück, er gebietet uns Einhalt und öffnet die geballten Fäuste. Er lässt uns teilen. Er macht uns bereit zu geben, was der andere braucht und dankbar anzunehmen, was wir haben. Er kann uns auf den Weg der Gerechtigkeit führen.
Und auf diesem Weg sind wir nicht allein. Denn als Christen haben wir jemanden, der uns hilft, den Weg des Friedens zu gehen. Es ist Jesus Christus selber, der lebt und uns begleitet. Dieser Gedanke bietet eine weitere Möglichkeit, die Geschichte von Abraham und Isaak zu interpretieren: Das geopferte Schaf oder Lamm ist ja ein Symbol für Christus geworden. Nicht umsonst lesen wir die Erzählung in der Passionszeit, in der es um das Leiden und das Opfer geht, das Gott selbst durch den Tod seines Sohnes für uns gebracht hat, damit wir gerettet werden.
All unsere Sünden, unser Unfriede und sogar Kriege können dadurch überwunden werden. Denn wir dürfen daran glauben, dass wir nie allein sind. Gott kennt unsere Not, die Ungerechtigkeit und den Hass. Er hat das selber erlitten und geduldig ertragen. Mit dem Sterben Christi ist er in die tiefsten Tiefen unseres menschlichen Lebens hinabgestiegen, und mit seiner Auferstehung ist er daraus wieder hervorgegangen. Und dadurch haben wir immer und überall eine Quelle des Guten, die Kraft der Liebe und einen Grund zur Hoffnung. Wir müssen nur auf Jesus Christus vertrauen, dann können wir die Erfahrung machen, dass jemand da ist, der uns beisteht und uns zum Frieden führen möchte.
Es gibt dafür auch konkrete Beispiele. So berichtet ein Pastor aus Papua Neuguinea, dass es dort Anfang der 70er Jahre einen erbitterten Krieg zwischen zwei Stämmen gegeben hat, der sechs Jahre lang dauerte. Hunderte von Menschen auf beiden Seiten wurden getötet, Häuser verbrannt und Kaffeebäume vernichtet. Doch es gab einen Funken von Frieden mitten im Krieg, und das war die christliche Botschaft. Die meisten Menschen hatten den christlichen Glauben angenommen, und trotz des herrschenden Hasses wirkte die Botschaft des Friedens tief in den Herzen der Krieger. So kam es eines Tages zu dem lang ersehnten Frieden. Die wenigen Pastoren und Evangelisten beschlossen buchstäblich als Friedensträger mitten in die Kampfzone zu gehen. An einem besonders schlimmen Tag traten die Gottesmänner zwischen die beiden kriegerischen Stämme, bekleidet mit ihren Talaren und bewaffnet mit einem einzigen Kreuz. Das Kreuz war hoch genug, dass beide Seiten es deutlich sehen konnten. An dem Kreuz oben hing ein rotes Tuch, befestigt wie eine Flagge, auf dem ein weißes Abbild vom Lamm zu sehen war, das ebenso ein Kreuz trug. Zunächst passierte nichts, doch dann konnte man wahrnehmen, dass die Krieger tatsächlich aufgehört hatten, aufeinander zu schießen. Die Kreuzträger standen einfach da, ohne etwas zu sagen. Es herrschte eine tiefe und lange Stille, bis einer der Pastoren das Wort ergriff. Er dankte den Kriegern, dass sie aufgehört hatten zu kämpfen, und forderte sie auf, diesen Moment des Waffenstillstandes dauerhaft zu machen. Ein Kämpfer nach dem anderen legte daraufhin die Waffen nieder und verließ das Schlachtfeld. Und damit begann die Friedenszeit, die bis heute anhält. Natürlich waren die Friedensverhandlungen noch einmal sehr intensiv, ein Kompromiss wurde gefunden, der für beide Seiten ein harter Preis war. Doch die Saat des Friedens war aufgegangen. Das Kreuz hat als Symbol des Friedens seine Kraft entfaltet und die Feindseligkeiten beendet. (Erzählt von Pastor Maiyupe Par, Evangelisch-Lutherische Kirche in Papua-Neuguinea, Ökumenischer Mitarbeiter im Zentrum für Mission und Ökumene in der Nordkirche)
Und das ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Jesus Christus lebt. Er ist gegenwärtig und schenkt uns die Kraft des Friedens. Wir müssen nur auf das Kreuz schauen und ihn um Hilfe bitten. Dann sinken in seinem Namen die Schwerter und Leben wird möglich.
Es lohnt sich also, im Glauben an Christus immer wieder für den Frieden einzustehen. Durch seine Gegenwart können wir über den Hass und über die Todesfurcht triumphieren. Die Gewissheit des Auferstandenen führt uns durch die dunkelsten Zeiten. Sie macht uns stark und liebend und hoffnungsvoll.
Und wenn uns trotzdem einmal der Mut verlässt, weil so viele Konflikte nicht gelöst werden, viele Kriege kein Ende finden, dann sollten wir trotzdem nicht aufgeben. Wir können uns das mit dem Frieden so vorstellen, wie Dorothee Sölle es einmal aufgeschrieben hat. Sie sagt:
„Als ich einmal sehr deprimiert war, hat mir ein Freund, ein Pazifist aus Holland, etwas sehr Schönes gesagt: »Die Leute im Mittelalter, welche die Kathedralen gebaut haben, haben sie ja nie fertig gesehen. Zweihundert oder mehr Jahre wurde daran gebaut. Da hat irgendein Steinmetz eine wunderschöne Rose gemacht, nur die hat er gesehen, das war sein Lebenswerk. Aber in die fertige Kathedrale konnte er nie hineingehen. Doch eines Tages gab es sie wirklich. So ähnlich musst du dir das mit dem Frieden vorstellen«. “ (aus: Dorothee Sölle, Gegenwind. Erinnerungen, Freiburg i. Br. 2010, S. 205)
Amen.

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