Die große Einladung

Predigt über Epheser 2, 17- 22: Die Einheit der Kirche

2. Sonntag nach Trinitatis, 5.6.2016, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Epheser 2, 17- 22

17 Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
18 Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus  Christus der Eckstein ist,
21 auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Liebe Gemeinde.
„Heute geschlossene Gesellschaft“, das steht immer mal wieder an der Eingangstür eines Restaurants oder einer Gaststätte. Dann hat die Öffentlichkeit keinen Zutritt. Alle Tische sind für eine bestimmte Feier belegt, eine Hochzeit, eine Konfirmation, ein Geburtstag oder ähnliches. Für Gäste, die spontan dort einkehren wollen, ist kein Platz, und das ist immer etwas ärgerlich.
Für die Geladenen ist es dagegen sehr schön. Man freut sich sowieso, eingeladen zu werden. Es ist ein Privileg, dass man ausgewählt und für würdig befunden wurde. Man steht in der Gunst des Gastgebers oder der Gastgeberin, und das ist nett. Meistens passen die Gäste dann auch zusammen. Sie teilen ähnliche Werte und fühlen sich miteinander wohl.
Auf diesem Hintergrund ist es nun interessant, wie die Auswahl der Gäste im Evangelium erfolgt. Da geht es nämlich ebenfalls um eine Einladung, Jesus selber spricht sie aus, Doch anders als bei unseren Feiern, findet bei ihm keine Vorentscheidung statt. Jesus fragt nicht danach, wie wertvoll ein Mensch ist, ob er zu ihm passt und seine Vorstellungen teilt, er lädt vielmehr „alle“ ein, „die mühselig und beladen sind, er will sie erquicken.“ (Mt.11,28).
So lautet sein „Heilandsruf“, wie diese Stelle im Matthäusevangelium genannt wird, und der ist bemerkenswert. Es gibt bei Jesus keine Bevorzugung, keine Sonderrechte und keine Privilegien. Alle, die möchten, dürfen kommen. Man muss nicht besonders fromm oder klug sein, kein Apostel oder Prophet, keine heilige oder göttliche Person. Der Glaube an Jesus Christus macht alle zu „Mitbürgern und Hausgenossen Gottes“, wie Paulus es in unserer Epistel formuliert.
Sie steht im Epheserbrief, Kapitel zwei und ist heute unser Predigttext. Wir wollen den Abschnitt deshalb jetzt genauer betrachten:
Paulus schreibt hier etwas über die Kirche oder die Gemeinde Jesu, und dafür benutzt er das schöne Bild eines Gebäudes, bzw. einer Wohnung. Es hat ein Fundament, das sind die „Apostel und Propheten“. Auf ihm ruhen die Steine, das sind alle, die das Evangelium gehört und angenommen haben. Durch sie wird „der ganze Bau ineinander gefügt“. In der Spitze des Portals befindet sich ein „Eckstein“ oder auch Schlussstein. Er schließt beide Bögen zusammen und sorgt für den entscheidenden Halt. Das ist Jesus Christus.
So ist die Funktion des Ecksteins an dieser Stelle wahrscheinlich zu verstehen. Das griechische Wort, das hier steht, kann auch einen Quaderstein im Fundament bezeichnen, aber es ist zu vermuten, dass Paulus die Spitze meint. Denn man muss diesen Vergleich parallel zu dem Bild der Gemeinde als „Leib Christi“ betrachten. Das finden wir ebenfalls bei Paulus, und darin ist Christus das Haupt. (Röm. 12,3ff; 1.Kor.12,12ff) Auf jeden Fall sagen beide Bilder aus, dass das ganze Leben der Kirche „in Christus“ geschieht, er ist ihr Ursprung und ihr Ziel zugleich.
Und alle Menschen haben einen Zugang zu diesem Gebäude, Juden und Heiden, „die fern und die nahe waren“. Keiner ist mehr „Gast oder Fremdling“, sondern alle werden zu „Mitbürgern der Heiligen und Gottes Hausgenossen“.
„Sie wachsen zu einem heiligen Tempel in dem Herrn“, wie es am Ende heißt. Wahrscheinlich verschmilzt das Bild hier mit der Vorstellung vom „Leib Christi“. Die Gemeinde „wächst“ von seiner Spitze her und zugleich zu dieser hin. Alle Christen werden zusammen „erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“
Das ist hier die Botschaft, und die ist wohltuend. Sie bedeutet, dass die Einladung Christi an alle ergeht. Wer ihm vertraut, gehört dazu, jederzeit und überall. Er muss nichts vorweisen, nichts leisten und keine besonderen Kriterien erfüllen. Alle können kommen und bilden zusammen die christliche Gemeinde.
Doch was sollen wir nun damit anfangen? Hat eine Einladung überhaupt einen Wert, wenn sie ausnahmslos an alle ergeht? Ist es attraktiv, wenn kein Geladener sich durch eine besondere Qualität oder Stellung ausweist? Wir gehören doch gerne zu den Auserwählten und Privilegierten. Wenn eine spezielle Auszeichnung fehlt, ist eine Einladung langweilig.
Außerdem stößt es uns möglicher Weise sogar ab, zu den Gästen Jesu zu gehören, denn er lädt die „Mühseligen und Beladenen“ ein, und die bilden normaler Weise keine besonders angenehme Gesellschaft. Wir zählen uns nur ungern dazu.
Wir wollen viel lieber stark und gesund sein. Auch in die Kirche bringen wir uns am liebsten mit unseren Fähigkeiten und Ideen ein. Wir wollen etwas tun und leisten, damit sie lebt. Sie soll sich schließlich von anderen Organisationen unterscheiden und am besten auffallen. Sie soll glänzen und strahlen, und das kann nur geschehen, wenn wir selber dafür sorgen. Sonst bleibt sie armselig und unbedeutend. So denken wir meistens.
Es ist ein natürliches Denken, das nahe liegt, und insofern ist es zunächst legitim. Wir müssen uns allerdings fragen, was dabei herauskommt. Erzielen wir die gewünschten Ergebnisse? Gelingt es uns, eine lebendige Kirche zu bauen? Und ist die Kirche durch unsere Anstrengungen etwas Besonderes?
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass das kaum der Fall ist. Eigentlich unterscheidet sie sich gerade dadurch kaum noch von weltlichen Organisationen. Denn wo wir uns abstrampeln, setzen dieselben Mechanismen ein, wie überall: Wir stehen unter Leistungsdruck und spielen ganz viel Theater. Wir nehmen die Rolle eines Christen oder einer Christin ein. Dafür gibt es bestimmte Vorgaben, die wir einstudieren: Wir sind freundlich und hilfsbereit, offen und zugewandt. Wir packen an, kümmern und engagieren uns, sind kreativ und fröhlich bei der Sache. Aber ist das alles echt? Das müssen wir uns fragen. Es kann auch künstlich und gewollt wirken.
Und halten wir es durch? Wahrscheinlich nicht, denn irgendwann geht uns die Kraft aus. Wir sind erschöpft und ausgelaugt, werden aggressiv oder missmutig.
Und wir vertragen uns auch nicht immer. Es gibt ja verschiedene Konzepte für eine lebendige Kirche. Welche Schwerpunkte und Prioritäten wir setzen, kann voneinander abweichen. Die einen betonen das Handeln am Nächsten, die anderen das Gebet und die Frömmigkeit. Es gibt auch unterschiedliche Ansichten darüber, ob z.B. lieber die Jugendarbeit oder die Musik gefördert werden soll, wieviel Geld für die Gebäude ausgegeben wird, ob man besser mit der Gemeinde verreist usw. Und da sind wir uns nie alle einig, jeder und jede findet eine andere Idee, ein anderes Projekt am wichtigsten oder interessantesten.
Und verlassen kann man sich auch nicht auf jeden. Das Maß des Engagements ist ebenfalls unterschiedlich. Und das alles führt zu vielen Konflikten und manchmal zum Streit.
So bleibt die Kirche auf Dauer unvollkommen und brüchig. Sie ist kein „heiliger Tempel in dem Herrn“, der schön „zusammengefügt wächst“. Das können wir deutlich an der Realität erkennen. Trotz aller Mühen ist sie armselig, uneins und relativ unbedeutend.
Wir müssen also einen ganz anderen Weg beschreiten, wenn wir eine attraktive Kirche sein wollen, und genau der wird in unsrer Epistel beschrieben.
Entscheidend ist nämlich nicht, was wir einbringen und leisten, entscheidend ist vielmehr die Gegenwart Christi. Er ist der Eckstein, der Grund und das Ziel der Kirche. Durch ihn erhält sie ihren Glanz und ihre Schönheit. Er ist das Merkmal, durch das sie sich von allen anderen Organisationen unterscheidet. Seine Nähe und Liebe sind ihr Inhalt, von ihm bekommt sie ihre Kraft und ihr Leben.
Wir müssen uns also zu allererst und immer wieder in seine Gegenwart begeben. Dazu werden wir aufgefordert. Jesus Christus möchte, dass wir zu ihm zu kommen und an seiner Feier teilnehmen. Es ist ein Fest der Liebe und der Gnade. Und dazu lädt er alle ein, die gerne dabei sein wollen. Er macht keine Unterschiede und er trifft keine Vorauswahl. Jeder, der seinen Ruf hört, darf kommen.
Das wäre demnach das ausschlaggebende: Dass wir seine Einladung annehmen, uns für ihn entscheiden und ihm vertrauen. Und dazu gehört es nicht, dass wir irgendetwas Großartiges leisten, wir sollen vielmehr wir selber sein. Wir müssen nicht vorher glänzen und uns irgendwie ausweisen, wir dürfen mit all unserer Mühsal kommen, mit allem, was auf uns lastet. Die Steine, aus denen die Kirche besteht, sind nicht irgendwelche Projekte und menschliche Taten. Wir müssen keine Steine herstellen. Wir selber sind die Steine. Es geht nicht um das, was wir tun, sondern um das, was wir sind. Wir sollen uns nicht nur mit unseren Ideen einbringen, sondern mit unserem ganzen Leben.
Es gilt, an Jesus Christus zu glauben, sich auf ihn zu gründen, ihn die Grundlage für alles weitere sein zu lassen. Dadurch werden wir zu „Gottes Hausgenossen“, wunderbar „zusammengefügt zu einem heiligen Tempel in dem Herrn“. Das ist das besondere an der Kirche, dadurch strahlt und glänzt sie in wunderbarer Schönheit.
Und das ist keineswegs langweilig oder bedeutungslos. Denn wo gibt es das sonst, dass nicht die Herkunft, Sympathie oder die Fähigkeiten zählen? Wenn eine Einladung an alle ergeht, dann wird sie dadurch nicht wertloser. Im Gegenteil, es ist ganz einmalig, dass niemand ausgeschlossen wird. Es ist eine unerhörte Botschaft, dass allein das Vertrauen entscheidet, ob wir dazu gehören. Anstatt daran zu zweifeln, ob das reicht, sollten wir uns darüber freuen und uns darin üben.
Und das ist immer und überall möglich. Wo wir sind, können wir uns auf Christus gründen, in jeder Lebenslage, morgens, mittags und abends, bei der Arbeit und auf Reisen, zu Hause und in der Natur. Wann immer es uns einfällt, können wir unsren Leistungsdruck ablegen, aus unsrem Rollenverhalten aussteigen und ganz wir selber sein. Denn Christus ist überall und immer da. Es gibt bei ihm keine Grenzen, die Türen zu seiner Gegenwart stehen immer offen. Wir müssen nur hineingehen.
Dann werden wir zu neuen Menschen. Freiheit und Gelassenheit prägen unser Lebensgefühl. Eine ungeahnte Freude erwacht, Zuversicht und Liebe.
Und wenn das so ist, entsteht wunderbarer Weise auch eine ganz neue Einheit. Die Unterschiede werden zweitrangig, es macht nichts, wenn wir verschiedene Prioritäten setzen, denn natürlich gehört alles dazu, was die Menschen einbringen. Anstatt gegeneinander zu konkurrieren oder miteinander zu streiten, achten wir die Ideen der anderen. Wir lassen sie gewähren und freuen uns möglicher Weise sogar daran. Denn was uns eint, sind nicht die Denkansätze und Schwerpunkte im Glauben, sondern die Gegenwart Christi, in die wir alle hineingenommen werden. Sie macht uns gelassen und liebevoll. Und das sind die wichtigsten Merkmale der Kirche, aus solchen Menschen setzt sie sich zusammen.
Denn „wo auch nur zwei zusammenstehn, warten auf sein Vorübergehn, kommt Jesus in ihre Mitte“. Er „kehrt in die ärmste Hütte ein“ und „heiligt“ jedes Haus und jeden Ort „zum Tempel“. So dichtete Otto Riethmüller 1935. (Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe füe die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 576, 3. 4) Und an dem Eingang dieses Tempels hängt kein Schild mit der Aufschrift „geschlossene Gesellschaft“, sondern: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“
Amen.

Vor allem Liebe

Predigt über 1. Johannes 4, 16b- 21: Die Liebe Gottes und die Liebe zum Bruder

1. Sonntag nach Trinitatis, 29.5.2016, 11 Uhr
 Jakobikirche Kiel

In dem Gottesdienst wurde ein kleines Kind getauft.

1. Johannes 4, 16b- 21

16b Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.
18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.
20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.
21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

Liebe Gemeinde.
Wofür leben Sie? Oder: Was ist für Sie das wichtigste im Leben? Auf diese Frage gibt bestimmt jeder und jede von uns eine andere Antwort. Bei dem einen stehen der Beruf an erster Stelle, und der damit zusammenhängende Erfolg. Bei der anderen ist es die Ehe und die Familie, Kinder und Enkelkinder. Es kann aber auch das Haus und der Garten sein, die Gemeinde, ein Hobby, Sport, Haustiere, Musik usw. Oder es dreht sich alles um die Gesundheit: Thema Nummer eins sind das eigene Wohlbefinden, Erholung und Urlaub. Vielleicht setzt sich ihr Lebensinhalt aber auch einfach nur aus den Terminen zusammen, die in Ihrem Kalender stehen. Verabredungen und Verpflichtungen sind dann das wichtigste, dem sich alles andere unterordnet.
Auf jeden Fall haben wir alle etwas, womit wir uns in erster Linie identifizieren, was uns ausmacht und unser Lebensgefühl bestimmt.
Und von so etwas handelt auch unsere Epistel von heute. Hier wird ebenfalls etwas genannt, das an erster Stelle stehen kann, und es wird uns empfohlen, das zu übernehmen. Allerdings ist das, worüber Johannes hier schreibt, anderer Natur, als die Dinge, die ich eben aufgezählt habe. Denn er redet nicht über irgendeine Sache, ein Vorhaben, einen Menschen oder eine Fähigkeit, er nennt schlicht und ergreifend die Liebe. Und die hat eine ganz andere Qualität als alle unsere Beziehungen, Hobbys oder Verpflichtungen.
Lassen Sie uns das zunächst verstehen und den Text dafür genauer betrachten. Es klingt beim ersten Hören vielleicht etwas verwegen oder anrüchig, wenn wir hören, die Liebe soll das wichtigste sein, aber natürlich ist hier nicht die erotische Liebe gemeint, ein ständiges Verliebt sein in einen anderen Menschen oder die sexuelle Anziehungskraft. Johannes meint vielmehr die Liebe, die von Gott kommt. „Gott hat uns zuerst geliebt.“ Das ist hier der entscheidende Satz, und d.h. die Liebe ist zunächst etwas, das uns verkündet und zugesagt wird, sie wird uns geschenkt. Wir müssen erst einmal also gar nichts tun oder verwirklichen. Wir werden geliebt, das sollen wir einfach nur annehmen, daran glauben und darauf vertrauen. Dazu werden wir eingeladen. Dann sind wir mit Gott verbunden, so wie er das will, dann ist unser Leben sinnvoll und erfüllt. So ist der Satz gemeint: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“
Dieses Lebenskonzept wird uns hier empfohlen, und es ist nicht schwer, dem zu folgen, denn Gott hat seine Liebe offenbart, und zwar in seinem Sohn Jesus Christus. Durch ihn haben wir die Liebe Gottes empfangen. Wir könnten das Wort „Liebe“ durch den Namen Jesus Christus ersetzen, dann wird uns hier gesagt: „Wer in Jesus Christus bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Wir haben durch den Glauben an Jesus Christus Gemeinschaft mit Gott, und das ist wie ein Sprung in die Liebe hinein. Sie wird in uns eingesenkt, sie findet im Glauben ihr Ziel und kann sich ausbreiten.
Und das ist wunderbar, denn sie rettet uns. Sie ist eine starke Kraft, die alle bösen und störenden Einflüsse vertreibt, wie z.B. die Furcht. Johannes sagt: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ Die Liebe, die wir durch Jesus Christus haben, verschafft uns also eine ganz neue Grundlage und ein neues Lebensgefühl. Nöte und Konflikte lösen sich auf, sie mildert das Leid und nimmt den Druck aus unserem Leben.
Und das ist eine sehr schöne Botschaft, denn von all dem ist unser Dasein normaler Weise angefüllt. Wir denken zwar, alles ist gut, wenn das, wofür wir leben, uns gelingt, und wenn es erhalten bleibt, aber das ist ein Trugschluss. Denn gerade dadurch entstehen unsere Probleme.
Wenn unser Beruf z.B. an erster Stelle steht oder der Erfolg, dann sind wir immer unter Druck. Angst und Sorge gehen damit einher. Wir fühlen uns oft gestresst und überfordert. Ein Scheitern stürzt uns in eine tiefe Krise, Niederlagen verdüstern alles.
Sind es die Menschen in der Familie oder in der Gemeinde, um die sich alles dreht, dann lauern überall Konflikte und Spannungen. Denn unsere Partner, Kinder oder Freunde sind nicht immer so, wie wir sie gerne hätten. Sie haben ihre eigenen Ideen, behandeln uns manchmal ungerecht, sind gelegentlich rücksichtslos und egoistisch. Es kommt oft zum Streit und damit auch zu Trennungen. Und dann ist ebenfalls alles aus.
Und wenn die Gesundheit unser oberstes Ziel ist, dann sind das Leid und der Schmerz auch nie weit entfernt. Denn das Wohlbefinden lässt sich nicht durchgehend aufrecht erhalten. Vieles kann uns heimsuchen, und etliche Krankheiten sind unheilbar. Sie stürzen uns in die Verzweiflung, und lassen alles ausweglos erscheinen.
Das sind drei Beispiele für die Probleme, die das Leben mit sich bringt. Es gibt noch unzählige andere mehr, und sie entstehen alle dadurch, dass etwas zeitlich Begrenztes und menschliches an oberster Stelle in unserem Leben steht, etwas Unvollkommenes und Vorübergehendes. Wir entscheiden uns am liebsten für Inhalte, die in Wirklichkeit brüchig und vergänglich sind. Wenn wir gerettet werden wollen, müssten wir das also erkennen und ändern, und genau da kann die Liebe uns hinführen. Sie hat eine heilende und erlösende Kraft, die das Leid mildert und den Schmerz erträglich macht. Wir müssen sie nur an oberste Stelle setzen, und das heißt, vor allem anderen nach Gott suchen und uns Jesus Christus anvertrauen.
Die Frage ist allerdings, ob wir das wollen. Das klingt ja eventuell so, als ob wir nun auf alles andere verzichten müssen. Sollen wir nur noch an Gott denken und ganz religiös werden? Das ist für die meisten von uns wahrscheinlich keine besonders attraktive Vorstellung.
Aber so ist das auch nicht gemeint. Es geht hier nicht um eine radikale Frömmigkeit, geschweige denn um Weltabwendung oder irgendeinen Verzicht. Es geht vielmehr darum, dass wir unsere Prioritäten neu ordnen. Wir müssen unsere Lebensinhalte nicht abschaffen, aber es ist ratsam, sie zu relativieren, ihnen ihre alles überragende Bedeutung zu nehmen und sie immer wieder innerlich loszulassen. Wir müssen nicht allem absagen, was die Welt uns bietet, aber es gilt, die Wichtigkeit der Dinge anders einzustufen: Ganz oben auf der Liste unserer Lebensinhalte sollte nicht irgendetwas Menschliches oder vergängliches stehen, sondern etwas dauerhaftes, eine bleibende und rettende Kraft. Und genau das ist die Liebe, und zwar die Liebe, die Gott uns schenkt, mit der er uns begegnet. Auf sie können wir uns immer verlassen, sie ist immer da. Und sie verhilft uns zu einem ganz anderen Lebensgefühl. Sie verändert unser Bewusstsein und kann uns retten und befreien.
Wir müssen uns das nur einmal in den Bereichen vorstellen, deren problematische Seite wir uns bewusst gemacht haben. Das waren als erstes der Beruf und unsre Aufgaben. Wenn wir ihn mit Liebe ausfüllen, verschwinden der Erfolgsdruck, die Angst und die Sorgen, denn wir fühlen uns auf jeden Fall geliebt und anerkannt. Durch ein Scheitern bricht nicht gleich unser ganzes Leben zusammen. Wir erkennen immer einen Weg, auf dem es weiter gehen kann. Wenn eine Veränderung nötig ist, dann macht uns das nichts aus.
Und auch bei Konflikten in der Familie kann die Liebe uns helfen. Sie befreit uns von unsren Erwartungen. Es stört uns nicht, wenn unsere Mitmenschen anders denken als wir. Selbst wenn sie einmal unfair sind, verletzen sie uns damit nicht so schnell. Es kommt nicht sofort zum Streit, geschweige denn zur Trennung. Durch die Liebe versuchen wir vielmehr, die anderen zu verstehen. Es kann uns gelingen, uns in sie hineinzuversetzen, sie anzunehmen und sie so zu lieben, wie sie sind.
Und das dritte Beispiel war die Gesundheit. Sie kann uns wie gesagt abhandenkommen, aber wenn wir die Liebe haben, fallen wir dadurch nicht gleich in die Verzweiflung. Wir werden fähig zum Leiden, denn es bleibt immer etwas da, das uns trägt und tröstet. Das Wohlbefinden hängt nicht davon ab, wie lange wir noch leben und was wir alles können. Denn wir wissen von der ewigen Liebe Gottes, die selbst im Sterben noch bei uns ist.
So vertreibt die Liebe tatsächlich alles, was unser Leben belastet, wir müssen uns nur für sie entscheiden.
Und dafür ist eine Taufe eine wunderbare Gelegenheit. Jakob wird sich heute zwar noch nicht selber zum Glauben an Jesus Christus bekennen, denn er ist noch lange nicht „religionsmündig“, aber seine Eltern wollen ihm eine Grundlage geben, auf die er später aufbauen kann. Sie wollen ihn mit Jesus Christus verbinden und ihn unter den Segen Gottes stellen. Und Sie haben bewusst den christlichen Glauben gewählt, damit die Liebe das Vorzeichen in seinem Leben wird.
Wo es lang gehen wird, wissen wir jetzt noch nicht. Natürlich wird auch Jakob Hobbys und Fähigkeiten entwickeln, die ihm wichtig sind, aber was alles kommen wird, ist unklar. Auf jeden Fall wünschen Sie ihm ein zufriedenes und erfülltes Leben, es soll sinnvoll und schön sein.
Und genau dafür ist es gut, wenn Sie immer wieder die Liebe an erste Stelle stellen, die Liebe, die Gott Ihnen durch Jesus Christus schenkt. Durch Sie kann Jakob diese Liebe selber entdecken, und dann ist er gut ausgerüstet. Selbst wenn einmal etwas schief geht, bleibt er zuversichtlich und gelassen. Denn er bekommt damit eine Kraft, mit der das Leben gelingen kann. Dazu will Jesus Christus ihn befreien. Es ist deshalb gut, wenn Sie ihn ihm heute anvertrauen und sein Leben ganz in seine liebende Hand legen.
Amen.

Der Ursprung der Kirche

Predigt über Apostelgeschichte 2, 1- 18: Das Pfingstwunder

Pfingstsonntag, 15.5.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Apostelgeschichte 2, 1- 18

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?
8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,
11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!
15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;
16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):
17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;
18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.«

Liebe Gemeinde.
Es gibt viele Methoden und Mittel, mit denen Menschen versuchen, ihre Meinung durchzusetzen und ihre Ideen zu verwirklichen. Einige sind gut, andere weniger, einige sind lauter, andere hinterhältig oder sogar kriminell. Am ehrlichsten ist es, einfach durch die Rede zu überzeugen, mit Argumenten und klaren Gedanken. Doch leider klappt das nicht oft. Deshalb haben die Menschen weitere Praktiken erfunden, Versprechungen z.B. Mit ihnen kann man die anderen locken und beeinflussen, dann machen sie ja eventuell mit. Wer einen Schritt weitergeht, schenkt ihnen sogar etwas. Damit wird die Sache zwar heikel, denn das ist bereits Bestechung, aber immerhin kann der andere noch entscheiden, ob er sie annimmt. Das muss er ja nicht, er ist ein freier Mensch.
Schlimm wird es erst, wenn wir das einander streitig machen, dann wird es kriminell. Leider hören wir davon täglich in den Nachrichten: dass Gewalt angewendet wird, damit andere in das eigene Schema passen. Diktaturen, Kriege, Terror, all das sind die furchtbaren Methoden, mit denen Menschen Macht ausüben. Mord und Totschlag gehören dazu. Wer nicht mitmacht wird ausgelöscht. Das ist die traurige Endlösung.
Leider haben sich immer auch gläubige Menschen so verhalten und tun es bis heute. Ich vermute sogar, dass die meisten Kriege religiöse Gründe haben, oder ideologische – das liegt ja nahe beieinander. Phantasien über die eigene Großartigkeit, die reine Rasse, den edlen Menschen sind ja letzten Endes Glaubensinhalte.
Trauriger Weise ist die christliche Kirche in ihrer Geschichte ebenfalls viele solcher Irrwege gegangen. Sie kann sich davon nicht freisprechen. Sie hat bei ihrer Missionierung oft Gewalt angewendet und andere Völker unterdrückt.
Ins Leben gerufen wurde sie so allerdings nicht. Ihre Geburtsstunde war frei von Zwang oder Manipulation. Die hatte einen gänzlich anderen Charakter. Und es ist gut, wenn wir uns daran immer wieder erinnern. Einmal im Jahr tun wir es planmäßig, da feiern wir das sogar, und zwar heute, am Pfingstfest. Wir besinnen uns darauf, wie der christliche Glaube in die Welt kam, wie die ersten Menschen überzeugt wurden, dass Jesus Christus lebt, und wie dann die Urgemeinde entstand.
Wir haben die Geschichte vorhin gehört. Lassen Sie sie uns also betrachten und bedenken. Sie beginnt mit der Feststellung, dass die Jünger seit genau 50 Tagen alle in einem Haus zusammen waren, und zwar in Jerusalem. Sie hielten sich versteckt, denn sie hatten Angst. Sie glaubten zwar an die Auferstehung Jesu und hatten sich auch nicht getrennt, aber sie waren unsicher und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Auf jeden Fall trauten sie sich mit ihrem Glauben nicht an die Öffentlichkeit. Sie fürchteten sich vor den Juden und den Römern, die ja schließlich dafür gesorgt hatten, dass Jesus hingerichtet worden war. Wenn sie sich öffentlich zu ihm bekennen würden, dann würde es ihnen nicht viel anders ergehen als ihm, das war ihre Sorge, und deshalb zogen sie sich lieber zurück. Sie behielten das, was sie glaubten, für sich.
Doch dann, am Pfingstfest der Juden, geschah ein Wunder: Der Heilige Geist kam auf sie herab. Sie waren versammelt und „plötzlich geschah ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“ So berichtet Lukas es in der Apostelgeschichte. Weiter heißt es: „Es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen.“
Wind und Feuer waren mit einem Mal da, und beides sind ja Energien: Der Wind bewegt alles, was ihm begegnet. Wo vorher Stillstand war, ist plötzlich was los. Er kann auch so stark werden, dass er zerstört: Er hat also außerdem Macht und Gewalt. Und so ähnlich ist es mit dem Feuer: Das ist ebenfalls eine Kraft, die nützen und zerstören kann. Es wärmt und erhellt, und kann gleichzeitig sehr gefährlich werden und alles verwüsten. Trotzdem sind beides, der Wind und das Feuer sehr gute Bil¬der für den Heiligen Geist: Auch er ist Energie und Kraft, er setzt in Bewegung, er erwärmt und erleuchtet.
Und mit dieser Energie ist die Kirche entstanden, sie ist ihr Ursprung. Das erkennt man in der Geschichte an den Folgen dieses Wunders. Im Anschluss an die Ausgießung des Heiligen Geistes verließen die Jünger nämlich ihr Versteck, sie gingen auf die Straße und fingen an, von Jesus Christus zu reden. Sie waren plötzlich so begeistert, dass sie sich nicht mehr zurückhalten wollten. Und jeder verstand sie, „denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“
Dieses Ereignis wird als das „Sprachenwunder“ bezeichnet. Gott löste damit alle Hindernisse zwischen den Menschen auf. Er öffnete die Lippen der Apostel und die Ohren der Hörenden. Eine wunderbare Verständigung trat ein, der Geist steckte alle an, und viele wollten sich später taufen lassen.
Der Heilige Geist ist also die Kraft, durch die die Kirche entstand. Er kann Menschen bewegen und ihr Denken erhellen. Er bewirkt neue Einsichten, Mut und Zuversicht. Ängste verschwinden. Wen er ergreift, der kann reden und andere verstehen. Barrieren fallen, es entsteht Gemeinschaft und Liebe. Und das ist mit Sicherheit der schönste Weg, durch den eine Botschaft lebendig wird und Menschen zueinander finden. Er unterscheidet sich von allen menschlichen Methoden, denn es ist der Weg Gottes und sein eigenes Handeln.
Und das muss auch heute geschehen, wenn die Kirche lebendig bleiben soll. Das wünschen wir uns ja. Wir wollen, dass Menschen an Jesus Christus glauben und bei uns mitmachen. Und dafür ist es entscheidend, dass der Heilige Geist in unseren Gemeinden weht und wirkt. Alle anderen Methoden taugen dagegen nichts.
Lassen Sie uns deshalb fragen, wie der Heilige Geist auch zu uns kommen kann. Und dafür ist es gut, wenn wir uns noch einmal vergegenwärtigen, was die Jünger getan haben, bzw. wie ihre Situation war, bevor er kam. In unserer Geschichte steht das nicht, aber wir können es in den vorausgehenden Schilderungen lesen.
Am Ende seines Evangeliums erzählt Lukas nämlich, wie Jesus vor seiner Himmelfahrt zu den Jüngern sagte: „Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.“ (Lk. 24, 49) Und im ersten Kapitel der Apostelgeschichte heißt es in Vers 13 und 14: „Und als sie hineinkamen, stiegen sie hinauf in das Obergemach des Hauses, wo sie sich aufzuhalten pflegten, und waren stets beieinander einmütig im Gebet.“ Das klingt nicht besonders spektakulär, ist aber bedeutungsvoll, denn darin sind drei Dinge enthalten.
Das erste, was die Jünger praktizierten, war Gehorsam und Vertrauen in Jesus. Sie taten, was er ihnen aufgetragen hatte, obwohl sie es wahrscheinlich nicht verstanden. Warum sollten sie in Jerusalem bleiben? Eigentlich war doch alles zu Ende! Doch obwohl sie die Weisung Jesu sicher nicht ganz begriffen, gehorchten sie ihr und vertrauten auf seine Zusage, gegen die Vernunft und besseres Wissen. Das ist das erste.
Als zweites wird erwähnt, dass sie warteten und beteten. Sie gingen auch täglich in den Tempel, wie Lukas erzählt: „Sie waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“ (Lk. 24, 53) So lautet der letzte Satz seines Evangeliums. D.h. die Jünger blieben mit Gott in Verbindung. Sie lebten ihren Glauben und übten ihre Frömmigkeit aus. Sie gaben nicht einfach auf und saßen tatenlos da. Sie hielten ihre Überzeugung lebendig und fanden im Gebet Trost und Zuversicht. Es gab ihnen sicher auch die Geduld, die nötig war, Hoffnung und Freude. Das ist das Zweite.
Und drittens ist wichtig, dass sie zusammenblieben. Auch dafür gab es eigentlich keinen vernünftigen Grund. Realistisch wäre es gewesen, wenn alle in ihr altes Leben zurückgekehrt wären. Aber das taten sie nicht. Sie bildeten eine verschworene Gemeinschaft und hielten sich aneinander fest. Dazu gehörten übrigens auch nicht nur die Jünger, sondern außerdem Frauen, die Jesus nachgefolgt waren. Seine Mutter Maria wird z.B. namentlich erwähnt. (Apg.1,14)
Und all das waren die Voraussetzungen dafür, dass die Kraft des Heiligen Geistes sie ergreifen konnte.
Lassen Sie uns also fragen, was das für unser Leben und für die Kirche bedeutet. Vielleicht kommt es uns beim ersten Hören zu passiv und nichtssagend vor. Gehorchen und Vertrauen, Warten und Beten, zusammenbleiben und sich aneinander festhalten, das tun auch Menschen, denen nichts mehr einfällt. Wir wittern darin schnell eine Verweigerungshalteng: So handeln die Schicksalsergebenen, die, die nichts mehr wollen, keine Ziele und keine Ideen mehr haben. Wer aktiv das Leben gestaltet, muss mehr tun, und wer andere überzeugen und gewinnen will, erst recht. Das ist die übliche Denkweise, der auch wir gern folgen. Deshalb ziehen wir es vor, etwas Konkretes zu unternehmen. Das liegt uns näher. Wir halten nicht viel von Tatenlosigkeit, und so klingt das hier.
Das ist allerdings ein Missverständnis, denn die Jünger waren nicht tatenlos, sie haben sich nur anders verhalten, als wir das natürlicherweise tun. Und damit unterschieden sie sich in wohltuender Weise vom üblichen Muster.
Genau das führt nämlich letzten Endes zu all den Methoden, die ich vorhin aufgezählt habe. Ganz schnell landen wir mit unserem Aktivismus bei Manipulation und Unterdrückung. Wir werden eigenmächtig und sind irgendwann gewaltbereit. Und das entspricht nicht dem, was die Kirche oder das Evangelium im Innersten ausmacht.
Denn unsre Religion ist kein Gedankengebäude, das man übernehmen muss, wenn man Christ sein will. Wir haben auch nicht bloß Gesetze und Moralvorschriften, denen man folgen muss. Jesus ist nicht in erster Linie ein Lehrer oder unser Vorbild. Wenn das so wäre, wären wir in der Tat selber gefordert, seine Ideale zu verwirklichen und andere davon zu überzeugen. Unser Glaube wäre dann eine Ideologie, der wir uns anpassen müssten. Und dann reichte es tatsächlich nicht, einfach nur zu warten und zu beten, bis sie andere ansteckt. Aber all das ist eben nicht der Fall, sondern uns wurde der Geist Jesu Christi geschenkt, und der kann uns in ganz anderer Weise bewegen, als alle eigenen Aktivitäten.
Wir empfangen ihn, wenn wir an Jesus Christus glauben und ihm vertrauen. Er will, dass auch wir auf sein Kommen warten, und das gilt es geduldig zu tun. Christ sein heißt nicht, ich bewege und leiste jetzt etwas, sondern: Ich werde bewegt. Ich lasse Christus in mich hinein. Anstatt selber Macht auszuüben, lass ich eine andere Macht über mein Leben zu.
Und dazu gehört gerade der Verzicht auf alle anderen Methoden. Wir müssen die Vernunft tatsächlich einmal pausieren lassen, unsre Gedanken loslassen und unser Fragen einstellen. Das ist keine Faulheit, sondern eine starke innere Aktivität. Wir widerstehen den natürlichen Antrieben in uns, halten Unsicherheit und Angst aus und erwarten etwas von Gott. Gehorchen und Vertrauen, Beten und zusammen halten, das ist nicht nichts! Es ist ein ganz klares Handeln, zu dem wir uns entscheiden können.
Und es ist ein besonderes Verhalten, weil das nur Menschen tun, die an etwas Großes glauben. Und genau dazu haben wir als Christen einen Grund, denn uns wurde etwas Großartiges geschenkt: Jesus selber ist bei uns durch seinen Heiligen Geist. Er will in uns einziehen und er kann etwas bewirken. Wir müssen ihn nur gewähren lassen.
Möglicherweise ist sein Handeln nicht besonders aufsehenerregend, und es geht auch nicht laut zu. Trotzdem ist es ganz viel, wenn Christus uns seinen Geist schenkt und uns Mut macht. Er erfüllt und befreit uns. Wir werden innerlich warm und ruhig. Und es entsteht Gemeinschaft. Denn wir werden geduldiger miteinander, können zuhören und mitfühlen, uns gegenseitig annehmen und füreinander da sein.
Und das ist der beste Weg, wie wir als Christen in der Welt wirken und auf uns aufmerksam machen können. Lassen Sie uns den deshalb immer wieder beschreiten.
Amen.

Christus wohne in euren Herzen

Predigt über Epheser 3, 14- 21: Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde

6. Sonntag nach Ostern, Exaudi, 11 Uhr Jakobikirche

Epheser 3, 14- 21

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, bstark zu werden durch seinen Geist an dem cinwendigen Menschen,
17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe beingewurzelt und gegründet seid.
18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Die Predigt wurde während des Gottesdienstes auf Farsi übersetzt. sie ist deshalb kürzer als sonst.

Liebe Gemeinde.
Irgendetwas wünschen wir uns immer und oft beten wir dann dafür. Wir bitten Gott z.B. um Frieden und Gesundheit, Erfolg und Wohlstand, Harmonie in der Famlie oder im Arbeitskollegium. Und dabei denken wir auch nicht nur an uns selbst, sondern ebenso an andere. Wir schließen sie in unsere Fürbitte ein und bitten für sie um Gutes.
So tat es auch der Apostel Paulus. In unserer Lesung von heute haben wir seine Fürbitte für die Epheser gehört, denn das gehörte zu seiner Glaubenspraxis. Um  genau zu verstehen, was er hier meint und den Ephesern wünscht, ist es gut, wenn wir uns kurz die Geschichte vor Augen halten, die dahinter steht, die ihn mit den Ephesern verbindet.
Paulus hatte die Gemeinde in Ephesus, einer Stadt in der heutigen Türkei,  gegründet und sie lag ihm am Herzen. Ungefähr zwei Jahre lang war er als Missionar dort gewesen und hatte das Evangelium verkündigt. Es war alles sehr erfreulich verlaufen. Paulus hatte Juden und Griechen überzeugt und zur Umkehr zu Gott und zum Glauben an Jesus Christus bewogen. Eine wunderbare christliche Gemeinde war entstanden. (Apg.19,10-18)
Er selber musste sie dann wieder verlassen und weiterreisen. Das fiel ihm nicht leicht, denn er wusste um die Gefahren für so eine junge Kirche. Er hatte ihnen beim Abschied bereits vorausgesagt, dass Männer aus ihrer eigenen Mitte aufstehen und Verkehrtes lehren würden, um die Jünger an sich zu binden. (Apg.20,29-30) Das passierte fast überall in den Gemeinden, die Paulus gegründet hatte: Dass Gegner der christlichen Lehre die neuen Gemeinden durcheinanderbrachten.
Er selber konnte nicht mehr viel für sie tun, denn Gott hatte ihm befohlen, nach Jerusalem zurückzukehren. (Apg.20,22)  Er ahnte schon, dass dort nichts Gutes auf ihn wartete (Apg.20,23), aber er war gehorsam. Es geschah dann auch wirklich, dass er in Jerusalem von den Juden wegen Volksverhetzung gefangen genommen und ins Gefängnis geworfen wurde. (Apg.21,27-33) Es stand schlecht um ihn, aber er hörte nicht auf, das Evangelium zu verkündigen. Er konnte nun zwar nicht mehr reisen und predigen, aber er hat Briefe geschrieben und für seine Gemeinden gebetet. Der Brief an die Epheser stammt also aus dem Gefängnis (Eph.6.20). Aber er enthält kein Wort der Bitterkeit, sondern Paulus hat darin aufgeschrieben, was für den Glauben an Jesus Christus das Entscheidende war.
Das ist die Geschichte hinter unserer Lesung aus seinem Brief an die Epheser. Er hat hier wunderbar formuliert, was er Christen in Ephesus wünschte und wofür er betete. Der wichtigste Satz lautet: „Gott gebe euch Kraft, stark zu werden an dem inwendigen Menschen, dass Christus in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“
Paulus wünschte den Ephesern also weder Gesundheit noch Wohlstand. Er betete nicht dafür, dass sie vor allen Kämpfen bewahrt blieben, dass sie nicht leiden müssen und immer Frieden haben. Er wünschte ihnen also nichts Äußerliches, sondern etwas ganz Innerliches: Dass sie Kraft von Gott bekommen mögen, und dass Christus in ihnen wohnen möge.
Daran erkennen wir, was für Paulus auch in seinem Glauben das Entscheidende war. Christus war für ihn nicht nur eine geschichtliche Person, nicht nur ein Meister mit einer guten Lehre, sondern jemand, der mit seinem Geist im Menschen „wohnen“ möchte. Christus lebt, das war seine Botschaft, er wirkt im Inneren der Menschen und kann sie von allen Zwängen befreien. Es gilt also, ihn durch den Glauben ins Herz einziehen zu lassen. Dann kann er dort lebendig werden. Er verleiht innere Stärke und Kraft und vor allen Dingen die Liebe. Und das ist wunderbar, denn durch sie lässt sich auch alles Schwere ertragen. Sie ist die Kraft, die das Zusammenleben ordnet und heilt. Das war die Botschaft von Paulus, die er den Ephesern hier noch einmal geschrieben hat, und worum er Gott gebeten hat.
Und das ist auch für uns wichtig. Wenn wir an Jesus Christus glauben, dann denken wir ja oft, es geht um eine bestimmte Lehre, der wir folgen müssen. Die Ideen sind das Entschei-dende. Oder wir meinen, Gesetze spielen eine Rolle. Aber das steht alles gar nicht im Vordergrund des Evangeliums. Bedeutend ist vielmehr, dass „Christus in unseren Herzen wohnt“ und wir innerlich stark werden. Das sollten auch unser Wunsch und unser Ziel des Glaubens sein. Wir können uns vorstellen, das Paulus das auch für uns erbittet.
Doch wie erreichen wir das nun, und was bedeutet das für unsere Lebensführung? Die Antwort darauf finden wir ebenfalls in unserem Textabschnitt, und zwar in dem ersten Satz, der lautet: „Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“ Das sagt Paulus ja über sich selbst, es ist ein Bekenntnis. Und er bringt damit zum Ausdruck, dass er sich Gott unterworfen hat, er hat ihn geehrt und angebetet, sich vor ihm „gebeugt“. Er war gehorsam und ist seinen Willen gefolgt.
Und das müssen auch wir tun. Das klingt im ersten Moment zwar etwas unbequem, und wir vergessen das auch oft. Wir leben lieber so, als wären wir selber diejenigen, die alles bestimmen. Wir sind autonom, entscheiden selber, was gut für uns ist, und folgen unseren eigenen Wünschen und Plänen.
Das ist zwar nicht verkehrt, oft müssen wir das sogar, weil uns niemand etwas anderes sagt, aber diese Einstellung reicht nicht, damit das Leben gelingt. Denn unser eigener Wille führt uns manchmal auch in eine Sackgasse. Wir erreichen nicht alle unsere Ziele. Häufig irren wir uns und erleben, dass das, was wir gewollt haben, doch nicht gut für uns war. Es gibt viele Enttäuschungen und Niederlagen, Konflikte und Probleme. Auch Krankheiten kommen uns in die Quere, und dann wissen wir nicht weiter.
Es ist deshalb gut, wenn auch wir uns von vorne herein vor dem beugen, der der rechte Vater ist, d.h. nach Gottes Willen fragen und ihn anerkennen. Bei jeder Entscheidung, sollten wir seine Gegenwart suchen und uns von ihm führen lassen. Und dazu gehört es, dass wir unsere eigenen Wünsche immer wieder loslassen, sie nicht an oberste Stelle stellen, sondern uns zuerst Gott hingeben. Unser größter Wunsch sollte der sein, dass „Christus in unseren Herzen wohne“, dann werden wir ganz von alleine ruhig und stark. Wir bekommen Klarheit und wissen viel besser, was gut für uns ist.
Und dafür ist das Gebet wichtig. Wir können Gott bitten, in uns einzuziehen, so wie Paulus das getan hat. Dann tut er das auch, er erhört diese Bitte gerne. Wir bekommen Kraft von innen, werden erfüllt mit seinem Geist und gehen freudig durch das Leben. Wir werden außerdem viel leidensfähiger. Es macht dann nicht so viel, wenn nicht alles nach unseren Plänen verläuft. Denn wir wissen uns bei dem „rechten Vater“ geborgen.
So ist es auch Paulus ergangen. Er wurde nach seiner Gefangennahme nicht wieder frei gelassen, am Ende wurde er hingerichtet. Das war eine große Ungerechtigkeit, und er hätte darüber klagen können. Aber die Gefangenschaft und die äußere Ausweglosigkeit seiner Situation haben ihn nicht zermürbt. Er hat an seinem Glauben festgehalten und bis zum Schluss frei darüber geredet. Denn er war geborgen in der Liebe Gottes. Diese Liebe hat ihn sogar angesichts des Todes noch erfüllt und froh gemacht.
Und das ist das Größte, was einem Menschen geschenkt werden kann. Lassen Sie uns deshalb darum Gott immer wieder bitten, für uns selber und auch für die Menschen, die uns wichtig sind. Amen.

Erneuerung an Seele und Geist

Predigt über 1. Johannes 5, 1- 4: Die Kraft des Glaubens

3. Sonntag nach Ostern, Jubilate,17.4.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

1. Johannes 5, 1- 4

1 Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.
2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.
3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.
4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Liebe Gemeinde.
Seit einigen Wochen ist die Erde wieder mit einem grünen und bunten Teppich bedeckt: Es begann mit den Schneeglöckchen, Winterlingen, Märzbechern und Krokussen. Die sind jetzt bereits verblüht. Narzissen, Hyazinthen und Tulpen haben sie abgelöst. Außerdem verzaubern Schleier von Forsythien-, Mandel- und Magnolienblüten unsere Gärten und Straßen. Es ist Frühling geworden, das lässt sich nicht mehr übersehen, und das ist schön. Die Erde bricht auf, Büsche schlagen aus, Tiere wollen sich paaren. Überall sprießt neues Leben.
Es ist eine Zeit, in der auch wir aufblühen. Der Gesang der Vögel und die Helligkeit, alles weckt unsere Lebensgeister. Wir können darin auch die Macht des Schöpfers erkennen. In keiner Jahreszeit wird uns bewusster, dass Gott Leben schafft. Wir spüren seine Gegenwart.
Und das passt zu Ostern und zur österlichen Freudenzeit, denn da geht es um genau dasselbe: Neues Leben entsteht, das Alte wird überwunden, und wir sollen daran Anteil haben. Wir werden zu dem Glauben eingeladen, dass Gott der Schöpfer ist, der in seiner Allmacht sogar den Tod vernichtet hat. Im Vertrauen auf ihn können wir die Welt besiegen und neu geschaffen werden.
Das beschreibt auch die Epistel von heute, ein Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief, der zugleich unser Predigttext ist. Es heißt dort am Ende: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“
Dabei hat der Schreiber die Vorstellung, dass hinter dieser Welt eine gottwidrige Macht steht. Die ist böse und kommt überall dort zum Zug, wo die Liebe mit Füßen getreten wird. Deshalb ermahnt er in seinem Brief an vielen Stellen zur brüderlichen Liebe. Sie steht im direkten Zusammenhang mit der österlichen Freudenbotschaft. Und das war für die Gemeinde, an die er schrieb, auch wichtig, denn es gab dort Stimmen und Meinungen, die das Evangelium veränderten und verzerrten. Dagegen wehrt Johannes sich und er setzt als klares Zeichen für das Leben, das Gott in Jesus Christus gebracht hat, die Liebe. Mit ihr hat Gott die bösen Mächte in dieser Welt überwunden. Deshalb war es Johannes besonders wichtig, darauf hinzuweisen. Der Christusglaube besiegt die negativen Kräfte in der Welt, weil er von Liebe geprägt ist, und zwar von der Liebe zu Gott und den Brüdern. Wer diese Liebesgemeinschaft verlässt, fällt in die bereits überwundene Welt zurück, das ist seine Warnung.
Auch in unserem Textabschnitt kommen diese Gedanken vor. Da betont Johannes zuerst den Zusammenhang zwischen der Liebe zu Gott und Christus, sie weisen aufeinander hin: Wer Gott liebt, liebt auch Christus und umgekehrt. Das eine geht aus dem anderen hervor.
Und er sagt außerdem, dass daraus die Liebe zwischen den Brüdern entsteht. Sie ist das Gebot Gottes, das es zu halten gilt, das aber auch nicht schwer ist, weil Gott uns dazu die Möglichkeit geschenkt hat. Wenn wir ihm gehorchen, ist das der Sieg, mit dem wir die Welt überwinden, denn auch Christus hat mit der Liebe über die Welt triumphiert. Sie ist die Kraft, die Altes zerstört und Neues schafft. Wir empfangen sie, wenn wir an Jesus Christus glauben. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Das ist hier die Botschaft, und die ergeht auch an uns.
Die Frage ist allerdings, ob sie überhaupt interessant für uns ist. Ist das noch relevant? Wir sind ja immer so ein bisschen allergisch gegen Formulierungen, mit denen angedeutet wird, dass diese Welt besiegt werden muss. Denn das klingt nach einer Ablehnung der Welt, einer Verneinung irdischer Genüsse. Und das gefällt uns nicht, denn unsre Freude an der Welt und am Leben wollen wir uns nicht nehmen lassen. Es ist doch schön! Gerade jetzt im Frühling genießen wir das Erwachen und die Vielfalt der Natur. Und das muss doch nicht überwunden werden! Auch das Glück in unseren Familien und Freundschaften ist uns wichtig, Wünsche und Träume halten uns lebendig, Ideen bringen uns weiter. Sollen wir das alles verneinen? Diese Frage stellen viele sofort, wenn sie die Botschaft vom „Sieg über die Welt“ vernehmen.
Doch so ist sie auch nicht gemeint. Es geht hier nicht um eine lebensverneinende Enthaltsamkeit. Der Schreiber des Johannesbriefes sieht vielmehr, dass die Freude am Leben brüchig ist. Es gibt überall Gefahren, sowohl von innen als von außen. Unser Leben und alles in der Welt ist vom Verfall bedroht, von Lieblosigkeit und Verhärtung.
Wenn wir nicht aufpassen, geht z.B. die Lebendigkeit unserer Beziehungen verloren. In Ehen und Freundschaften besteht die Gefahr, dass wir uns festfahren. Oft verschwindet nach vielen Jahren des Zusammenseins die Faszination aneinander, die am Anfang da war. In unzähligen Ehen macht sich im Laufe der Jahre eine gewisse Langeweile breit. Mühsal und Freudlosigkeit können einkehren. Auch Konflikte bleiben nicht aus. Sie führen dann zum Streit und nicht selten zur Trennung. Wir erleben, was es heißt, wenn die Liebe verschwindet. Auch zwischen Eltern und Kindern kann das eintreten. Das Verhältnis kühlt sich ab, und die Freude aneinander stirbt.
Und dieser Gefahr sind ebenso unsre Ideen und Wünsche ausgesetzt, unser Denken und unsere Meinungen. Auch die können sich verhärten und langsam leblos werden. Wenn wir unachtsam sind, werden wir geistig unbeweglich, erstarren in althergebrachten Vorstellungen, handeln nach eingefahrenen Mustern und reagieren dadurch oft unangemessen. Wir schotten uns gegen andere Meinungen ab, isolieren uns und werden letzten Endes einsam.
Das Leben ist also mitnichten immer nur schön. Das Gute ist – wie gesagt – ständig von innen und außen bedroht. Trotzdem verfallen wir diesen Gefahren sehr leicht. Wir wehren uns nicht dagegen, lassen es zu. Die negativen Kräfte gewinnen an Macht, und wir widerstehen ihnen nicht. Warum ist das so? Das müssen wir uns fragen. Dann kommen wir am ehesten darauf, warum es doch eine gute Botschaft ist, dass unser Glaube der Sieg über die Welt ist.
Unser lieb- und lebloses Verhalten hat nämlich etwas damit zu tun, dass wir vor dem Neuen eventuell Angst haben und es auch anstrengend finden. Alte Denkmuster, vertraute Reaktionen und Anschauungen, all das schafft uns Sicherheit. Wir fühlen uns in unseren Gewohnheiten zu Hause, richten uns darin ein, weil das am bequemsten zu sein scheint.
Genauso ist es mit den Beziehungen. Wir meinen, wir kennen die Menschen, mit denen wir befreundet sind oder die zu unseren Familien gehören. Und so haben wir immer irgendwelche Bilder voneinander. Das scheint das Zusammenleben zu erleichtern. Wir haben Angst, uns selber zu verlieren, wenn wir daran etwas ändern.
Und genau da setzt das Evangelium ein. Uns wird verkündet, dass es noch eine ganz andere Kraft gib, die uns Sicherheit verschafft und uns leben lässt. Wir müssen nicht in unseren Gewohnheiten bleiben. Wir können Christus vertrauen, der immer wieder alles neu machen kann. Seine Liebe ist stark, in ihr kommen wir in Berührung mit der Kraft Gottes des Schöpfers, und es ist gut, wenn wir die empfangen. Das hebt uns heraus und lässt uns die Welt überwinden. Es ist wie eine neue Geburt, wie ein Sieg, der uns befreit und erlöst.
Wir müssen dabei nur drei Dinge beachten. Zunächst einmal ist es wie mit dem Frühling. Der folgt ja dem Winter, d.h. ihm geht ein Sterben vorweg. Und dieses Prinzip durchzieht die ganze Schöpfung. Saat und Ernte, Geburt und Tod, überall ereignet sich derselbe Rhythmus. Freude und Trauer lösen sich ab, wir werden krank und wieder gesund, atmen ein und aus. Und so ist es auch mit Geist und Seele. Ihre Erneuerung geschieht nicht ohne eine Krise, die vorweg geht. Das Leiden an uns selbst, an den anderen und an der Welt gehört dazu. Erst wenn wir nicht mehr weiterwissen, fangen wir an, umzudenken.
Das müssen wir einsehen und bejahen, und das ist nicht ganz einfach. Doch wenn wir es tun, ist das der erste Schritt zu einem neuen Leben. Wir lösen uns damit aus der Erstarrung, lassen los und öffnen uns für das neue, das kommen will. Und ohne dieses Loslassen geht es nicht. So wie Christus gestorben und auferstanden ist, müssen auch wir Krisen durchleben.
Das ist der erste Punkt.
Und als zweites ist es wichtig zu wissen, dass wir dazu Geduld brauchen. Die Erneuerung unserer Beziehungen oder unseres Denkens geschieht nicht in einem Augenblick. Wir müssen uns dafür Zeit nehmen und uns von Christus und seiner Liebe prägen lassen. Seine „Informationen“ müssen unsere Seele erreichen und uns innerlich „aktualisieren“.
Wenn Sie einen Computer haben, kennen Sie das, denn da geschieht etwas Ähnliches. In regelmäßigen Abständen empfängt er neue Updates. Das sind Zusätze zur Software, die dazu beitragen, Probleme zu vermeiden oder zu beheben. Die Leistung und die Sicherheit des Computers werden verbessert, so dass die Arbeit damit leichter wird. Meistens beginnt das Herunterladen dieser Updates, wenn man den Computer ausschaltet. Wenn man ihn wieder anschaltet, werden die neuen Informationen installiert. Das dauert oft lange. Man kann nicht sofort wieder damit arbeiten und braucht Geduld.
So ist es auch mit dem Glauben und der Erneuerung des Lebens. Wir müssen uns geduldig der Liebe Christi aussetzen, damit sie Geist und Seele auf den neuesten Stand bringen kann. Die Aktualisierung braucht Zeit und Ausdauer. Das ist das Zweite, was wir beachten müssen.
Und als drittes ist noch wichtig, dass dieser Prozess nie zu Ende ist. Ich habe gerade einen Artikel über das Freiburger Münster gelesen. Das ist seit ca. 800 Jahren eine Dauerbaustelle. Wenn es die Steinmetze der Münsterbauhütte nicht gäbe, wäre diese „schönste Kirche Deutschlands“ – wie sie in dem Artikel genannt wird – längst eine Ruine. „Rissige Giebel, moosige Pfeiler und verwitterte Türmchen werden abgeworfen, damit bald wieder neue Giebel wachsen, Pfeiler sprießen, Kreuzblumen blühen und Maßwerk sich rankt.“ So ist es dort formuliert. Das Münster kommt dem Journalisten wie „ein riesiger, verästelter Organismus“ vor, „der sich erneuert, von Jahr zu Jahr“. (Oliver Fischer, Die Steinflüsterer, in: MERIAN 07/66, 2015, S. 50). Und das wird weitergehen, solange es Menschen gibt. Es hört nie auf.
Ich fand den Bericht faszinierend, denn genauso ist es mit unserem Leben: Es ist nie fertig. Wir können nie sagen, nun habe ich das mit der Liebe und der Offenheit verstanden, meine Beziehung ist gerettet, ich weiß, wo es lang geht. Wir müssen in Bewegung bleiben, uns immer wieder hinterfragen, Krisen durchleben und Gottes Liebe empfangen.
Die drei Beispiele – vom Frühling, vom Computer und dem Freiburger Münster – zeigen, dass die ganze Welt ständig auf Erneuerung angewiesen ist. In der Natur, in der Technik und in der Kultur, überall herrscht derselbe Grundsatz von Werden und Vergehen. Wir müssen unser Leben deshalb so anlegen und es von vorne herein so verstehen: Altes muss immer wieder erneuert und überwunden werden.
Und was ist daran eigentlich schlimm? Wir sollten da nicht so empfindlich sein, denn es geht um etwas zutiefst Positives. Wir haben in all dem die Verheißung, dass wir das Heil empfangen. Die Liebe ist da, sie ist in Jesus Christus erschienen und durch ihre Kraft können wir die Welt besiegen.
Und das ist eine wunderbare Botschaft. Das Vertrauen auf diese Kraft macht uns lebendig und stark wie der Frühling, wir bleiben seelisch und geistig immer auf dem neuesten Stand, und unser Leben wird wie eine Kirche, die von Licht durchflutet ist.
Amen.

Jesus lebt, mit ihm auch ich!

Predigt über 1. Petrus 1, 3- 9: Lebendige Hoffnung

1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti
3.4.2016, 9.30 und 11 Uhr, Luther- und Jakobikirche Kiel

1. Peterus 1, 3- 9

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe,
das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,
7 damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

Liebe Gemeinde.
In vielen Kirchen weltweit – wie auch in der Jakobikirche hier bei uns – werden in der Osternacht Menschen getauft, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben. Diese Tradition. stammt schon aus der frühen Christenheit. Da fanden außerdem in der Osterwoche täglich Gottesdienste statt. Die Neu-Getauften nahmen daran in ihren weißen Taufkleidern teil und wurden in ein tieferes Verständnis der Sakramente eingeführt. Am Sonntag nach Ostern – den wir heute feiern – legten sie die weißen Gewänder dann feierlich ab. Deshalb heißt dieser Sonntag von alters her auch „Weißer Sonntag“.
Und das ist sehr passend, denn in unserem Kulturkreis wird die Farbe Weiß gerne mit Freude in Zusammenhang gebracht. Sie steht außerdem für Unschuld und Reinheit, ebenso für Unsterblichkeit und Unendlichkeit. Und das alles entspricht der Bedeutung der Taufe durchaus, denn sie ist ein freudiges Ereignis und wie eine neue Geburt, nach der der Mensch noch unschuldig und rein ist. Auch das ewige Leben wird ihm in der Taufe geschenkt.
In unserer Epistel von heute kommt das alles zum Ausdruck. Sie ist ein Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der mit den Worten beginnt: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch.“
Das ist ein hymnischer Dank, in dem Gott für seine „große Barmherzigkeit“ gelobt wird. Durch Jesus Christus hat er eine neue Lebenswirklichkeit geschaffen. Der Eintritt dahinein ist wie eine neue Geburt, die eine lebendige Hoffnung begründet. Und das alles ist durch die Auferstehung Jesu Christi verbürgt.
Es war in neutestamentlicher Zeit üblich, Briefe mit so einem Dank zu beginnen. Der Schreiber, der sich Petrus nennt, wahrte also die Form. Doch das war nicht der einzige Grund für diesen Briefanfang. Seine Worte haben noch einen tieferen Sinn, der im weiteren Verlauf des Textes auch deutlich wird.
Klar ist, dass er an Christen der sogenannten zweiten Generation schrieb. Sie waren Jesus Christus nicht persönlich begegnet, sondern durch die Predigt der Apostel zum Glauben an ihn gekommen. Sie hatten „ihn lieb und glaubten an ihn, obwohl sie ihn nicht gesehen haben“, wie es in unserem Textabschnitt heißt. Sie hatten sich also für Christus entschieden, und das war am Anfang mit viel Freude verbunden.
Wir wissen aber, dass das Glücksgefühl dieser Menschen nicht lange dauerte, denn sie gerieten bald in Bedrängnis. Von vielen Außenstehenden wurden sie verdächtigt, geschmäht, angeklagt und sogar vor Gericht gestellt, und so waren sie „traurig in mancherlei Anfechtungen“.
Das hat der Schreiber des Petrusbriefes vor Augen, und er will den Christen Mut machen. Sie sollen sich von ihrem neuen Bekenntnis nicht abbringen lassen, auch wenn sie deswegen verfolgt werden. Dazu erinnert er sie an Gottes Heilshandeln in Jesus Christus. Es war gut, dass sie sich darauf eingelassen hatten, denn sie haben dadurch einen neuen Daseinsgrund. Das Wesensmerkmal ihrer Existenz ist nicht mehr die Angst vor dem Tod, sondern „das Ziel ihres Glaubens“, und das ist „der Seelen Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.“
Der Verfasser stellt ihnen also die Ewigkeit vor. Er lässt die himmlische Zukunft vor ihrem inneren Auge lebendig werden, und damit will er sie zum Durchhalten motivieren. Die Anfechtungen sind eine Prüfung, durch die ihr „Glaube als echt und viel kostbarer befunden wird als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird“. Das Leid ist kein Grund, vom Glauben wieder abzufallen. Es ist vielmehr eine Bewährungsprobe, mit der seine Echtheit festgestellt wird. Es dauert auch nur „eine kleine Zeit“ im Vergleich zur Ewigkeit, die auf sie wartet. Gott wird sie durch seine „Macht bewahren“ und „dann werden sie sich freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude“. Sie werden dabei sein, wenn „Jesus Christus offenbart wird“.
Der Briefschreiber will mit diesem Textabschnitt also Hoffnung und Freude wecken, auch wenn Verfolgung und Unterdrückung das Leben prägen. Er stellt in kunstvollem Stil die Gewissheit des Heils dar und spielt das Bedrückende der Situation herunter. Seine Botschaft lautet: Durch die Auferstehung Jesu Christi haben alle, die auf seinen Namen getauft sind, eine ewige Hoffnung. Das neue Dasein, das durch den Glauben geschenkt wird, hört im Tod nicht auf, es geht weiter. Die Freude des Heils ist zeitlos und weist über alles Irdische hinaus.
Das ist eine schöne Verheißung, die allen Gläubigen bis heute gilt, sie ist also auch an uns gerichtet. Wir werden mit Christus auferstehen, weil wir – wie alle Getauften – durch die Barmherzigkeit Gottes zu einem neuen Leben wiedergeboren wurden, und darüber können wir uns freuen. In vielen Osterliedern kommt das sehr schön zum Ausdruck. „Jesus lebt!“ Mit diesem Ruf beginnt z.B. jede Strophe eines Liedes von Christian Fürchtegott Gellert von 1757. (EG 115) Fortsetzungen sind dann „mit ihm auch ich!“, „Sein Heil ist mein.“ oder „Ich bin gewiss.“  Darin klingt sehr schön die Hochstimmung an, in die ihn der Glaube an die Auferstehung versetzt,
Die Frage ist allerdings, ob uns das genauso geht. Zweifel melden sich, wenn wir das hören oder lesen. Wir fragen uns: Stimmt das auch? Sind das nicht nur schöne Worte? Welche Wirkung haben sie denn angesichts des Todes? Und wie sollen wir das leben? Es geht doch gar nicht, dass wir in allen Situationen, selbst im Sterben noch unsere Hoffnung behalten, dafür ist es zu schlimm und zu bedrückend. Vieles, was wir an Not und Leid erfahren, lässt sich durch den Glauben nicht herunterspielen. Es behält seine Macht und stellt solche Verheißungen, wie wir sie hier hören, in den Schatten.
Mit diesem Problem müssen wir uns beschäftigen, und dafür ist es gut, wenn wir zunächst einmal bei unserem eigenen Denken und Fühlen anfangen und uns fragen: Von woher definieren wir uns eigentlich. Was ist unser Selbstverständnis? Was macht unsere Identität aus? Normaler Weise ist das alles Mögliche: Unsere Gaben und Fähigkeiten sind z.B. wichtig. Auch der Besitz spielt eine Rolle, ebenso Beziehungen, Familie und Freunde. Wir sind in großen Teilen unseres Lebens damit beschäftigt, etwas zu lernen und zu leisten, Geld zu verdienen, Erfolg und Anerkennung zu bekommen, zu lieben und geliebt zu werden. Das macht unser Leben aus, darüber definieren wir uns.
Dabei merken wir oft nicht, dass wir genau dadurch immer wieder in Leid geraten. Denn all das, was wir erreichen und aufbauen, kann aufhören, es ist vergänglich und brüchig. Unsere Leistungsfähigkeit lässt im Laufe des Lebens nach. Wir werden oft enttäuscht, verlassen, betrogen oder hintergangen. Andere Menschen tun uns Leid an, und so sind wir über weite Strecken des Lebens gar nicht freudig oder glücklich, sondern traurig, ärgerlich oder wütend. Auch Angst und Sorge sind ständige Begleiter. Und am Ende macht uns das Sterben zu schaffen. So lange es geht, verdrängen wir es, aber es kommt, und es ist unausweichlich. Da liegen wir dann und müssen erleben, wie unsere Kräfte schwinden und der Körper zerfällt. Und das ist eine große Not, auf die es keine Antwort gibt.
Auch für viele andere Probleme gibt es oft keine rechte Lösung. Natürlich suchen wir immer wieder danach. Die Psychologie und die Medizin unterstützen uns dabei, auch die Politik oder die Wirschaft. Aber viel Leid bleibt trotzdem bestehen, es gibt daraus kein Entrinnen.
Unser Elend hat also etwas damit zu tun, dass wir uns oft nur vom Diesseits her definieren, dass unsere Lebensinhalte weltlich und irdisch sind und damit ein Verfallsdatum haben. Ihre minderwertige Qualität ist die Ursache für unsere Trauer und unsere Angst, für Wut und Sorge.
Es ist deshalb gut, dass es noch eine ganz andere Ebene des Daseins gibt, und das ist die Ebene des Glaubens. In unserem Briefabschnitt werden wir auf unsere Beziehung zu Gott verwiesen. Uns wird eine religiöse Lösung angeboten. Durch die Barmherzigkeit Gottes gibt es einen neuen Daseinsgrund, den wir durch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi gewinnen können. Er hat ewigen Bestand, denn er ist nicht von dieser Welt. Nichts Irdisches haftet an ihm. Der Vergänglichkeit ist er nicht unterworfen.
Wenn wir uns damit identifizieren, drehen sich die Verhältnisse um: Nicht mehr die irdischen Nöte stellen die Verheißung in den Schatten, sondern diese großartige Perspektive relativiert alles andere. Unsere Zweifel verschwinden, und alle Fragen verstummen
Und das Wunderbare ist: Wir müssen gar nicht viel tun, um an diesem neuen Daseinsgrund teilzuhaben. Durch die Taufe sind wir bereits mit ihm verbunden. Unser Leben besteht dadurch aus noch viel mehr als aus unseren Gaben und Erfolgen. Auch unsere Beziehungen oder unser Besitz müssen uns letzten Endes nicht bestimmen, denn wir wurden von Gott her neu geboren. Durch die Taufe wurden wir in eine neue Wirklichkeit aufgenommen, und es gilt, dass wir uns von daher definieren. Wir sind eingeladen, uns die himmlische Zukunft vor unserem inneren Auge vorzustellen und uns davon prägen zu lassen. Das Leid und selbst das Sterben verlieren dann ihre Macht.
In unserem Briefabschnitt wird das Leid als „Prüfung für die Echtheit des Glaubens“ bezeichnet. Und das heißt, es ist keine absolute Gegebenheit, sondern es ist einem Zweck untergeordnet. Und zwar kann es uns auf das Heil hinweisen, das bei unserer Taufe in unser Inneres eingesenkt wurde. Es lässt mich fragen: Lebe ich wirklich aus dem Glauben oder lebe ich aus den äußeren Verhältnissen? Und die Antwort sollte sein: Mein Leben ist in Jesus Christus begründet, in seiner Auferstehung und in der Ewigkeit. Das Leid kann uns immer wieder dahinführen, uns von Gott her zu definieren, und nicht vom Gelingen des irdischen Lebens.
Wer das beizeiten beherzigt und sich darin übt, hat auch im Sterben noch eine Hoffnung. Die Verheißung des Evangeliums ist nicht bloß ein Wort, sie erweist sich vielmehr gerade dann als echt und tragfähig. Sie schafft Zuversicht und Trost. Eine gute Praxis ist dafür das regelmäßige Wiederholen des christlichen Bekenntnisses. Es ist gut, wenn auch wir immer wieder Gott loben und ihm für „seine große Barmherzigkeit“ danken. Dann wird die Hoffnung lebendig, und die „Auferstehung Jesu Christi“ bleibt aktuell.
Möglicherweise ist das nicht jedem Christen oder jeder Christin in ihrer Sterbestunde gegenwärtig, denn am Ende versagt oft auch der Geist. Aber dann können andere für sie einspringen. Wenn wir Sterbende begleiten, können wir für sie an das „unvergängliche und unbefleckte und unverwelkliche Erbe“ glauben, es ihnen wünschen und an der Überzeugung festhalten, dass es „im Himmel für sie aufbewahrt wird.“ Denn wir können uns darauf verlassen, dass es ihnen bereits bei ihrer Taufe versprochen wurde.
Es ist eine alte und sehr sinnvolle Tradition, dass der Taufsegen die Zusage des ewigen Lebens enthält. Die klassische Formulierung lautet: „Der allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der dich von neuem geboren hat durch das Wasser und den heiligen Geist und dir alle deine Sünde vergibt, der stärke dich mit seiner Gnade zum ewigen Leben.“ Auch Säuglingen wird dieser Segen gegeben, d.h. sie werden bereits bei der Taufe in die Wirklichkeit hineingenommen, die auch nach dem Tod noch da ist. Durch ihre Taufe legen wir den neuen, ewigen Daseinsgrund, und der trägt bis zum Ende. Deshalb gilt auch das Umgekehrte: Bei der Grablegung erinnern wir an die Taufe mit folgenden Worten: „Gott vollende an dir, was er dir in der Taufe geschenkt hat und gebe dir Anteil an seiner Herrlichkeit“.
Nicht umsonst ist auch das Totenhemd in der Regel weiß. Es bekleidet den Leichnam nach Eintritt des Todes bis zu seiner Bestattung. Und wenn die Angehörigen es nicht anders wünschen, wird damit bewusst eine symbolische Verbindung zum Taufkleid hergestellt. So kommt zum Ausdruck, dass das ganze Leben von der Taufe bis zum Tod wie ein großer Bogen ist, der sich unter der Barmherzigkeit Gottes auspannt. Alle Christen können mit Freude in die Osterlieder einstimmen und überschwänglich mitsingen:
„Jesus lebt! Nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben. Welchen Trost in Todesnot wird er meiner Seele geben, wenn sie gläubig zu ihm spricht: ,Herr, Herr, meine Zuversicht!‘“
Amen.

Der Predigt liegt eine Meditation von Anselm Grün zu Grunde
in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttext-Reihe II,1, Advent bis Kantate, Göttingen, 1982, S. 153ff

Lasst euch versöhnen mit Gott

Predigt über 2. Korinther 5, 19- 21: Das Wort von der Versöhnung

Karfreitag, 25.3.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

2. Korinther 5, 19- 21

19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott er-mahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Liebe Gemeinde.
Seit Jahrtausenden werden Personen hingerichtet, deren Taten als besonders schwere Verbrechen gelten. In 56 von insgesamt 198 Staaten – so viele werden z.Zt. offiziell weltweit gezählt – gibt es die Todesstrafe noch. Ihre allgemeine Abschaffung wurde erstmals 1795 in Frankreich gefordert, aber erst 1945 begann dieser Trend, dem sich auch die Bundesrepublik Deutschland anschloss. Mittlerweile gibt es sie in 102 Staaten nicht mehr. In den restlichen existiert sie nur in Sonderstrafverfahren, wie z.B. dem Kriegsrecht, oder es wurde ein Hinrichtungsstopp verhängt.
Denn sie ist ethisch, strafrechtlich und praktisch umstritten und gilt vielfach als unvereinbar mit den Menschenrechten. So fordert z.B. die UNO seit 2007, die Hinrichtung weltweit auszusetzen. Sie sei ein staatlich legitimierter Mord und habe keinerlei abschreckenden Zweck – mit diesem Argument wird sie gerne befürwortet. Ihre Gegner sprechen außerdem davon, dass sie das Recht untergrabe und so das Gewaltpotential der Gesellschaft erhöhe. Außerdem gebe sie dem Täter keine Chance zu Einsicht und Besserung, und Justizirrtum und Missbrauch seien nie auszuschließen.
Für dieses letzte Argument gibt es viele Beispiele, das berühmteste ist sicher der Kreuzestod von Jesus von Nazareth. Seine Hinrichtung erfolgte gemäß dem Rechtswesen im anti-ken Rom. Danach besaßen Statthalter römischer Provinzen das Recht, Todesstrafen zu vollziehen. Handelte es sich um Staatsfeinde, Sklaven oder Nichtrömer war die Kreuzigung dafür die übliche Form. Zu den Vergehen, die mit dem Tod bestraft wurden, gehörte u.a. die Verhöhnung der Götter.
Darauf beriefen sich die Feinde Jesu, und sie waren erfolgreich. Mit seiner Kreuzigung hatten sie ihr lange geplantes Ziel erreicht, ihn zu beseitigen. Doch das war ein schwerer Missbrauch der Todesstrafe und für seine Anhänger eine Katastrophe, die sie in äußerstes Entsetzen stürzte. Denn sie waren von seiner Unschuld überzeugt. Jesus von Nazareth hat „von keiner Sünde gewusst“, das wurde später vielfach im Neuen Testament bezeugt.
So auch in unserer Epistel von heute, einem Abschnitt aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther, der gleichzeitig unser Predigttext ist. Es ist eine der vielen Stellen im Neuen Testament, die sich damit befasst, warum das Unerklärliche und Unfassbare geschehen konnte. Wozu musste Jesus sterben? Es musste dafür einen tieferen Grund geben, anders war dieses Ereignis für die Anhänger Jesu nicht zu verstehen gewesen.
Und so verbanden sie von Anfang an seinen Kreuzestod mit der Opfertheologie Israels: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ Das ist einer der Sätze, die sofort in das Gedankengut der Christenheit Eingang gefunden haben: Es war ein Sühnetod. Wie in Israel unschuldige Tiere geschlachtet wurden, um Gott zu versöhnen, so hat Gott seinen eigenen Sohn geopfert. Ein für alle Mal hat er die Sünden der ganzen Menschheit auf sich genommen, um die Welt „mit Gott zu versöhnen“. Und das hatte deshalb eine Wirkung, weil „Gott in Christus war.“ Gott selber ist am Kreuz gestorben und so „versöhnte er die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ So formuliert Paulus es in unserem Briefabschnitt.
Wir werden „ohne eigenes Verdienst gerecht“, wie er an anderen Stellen sagt, allein „aus der Gnade Gottes“. Jesus Christus hat für uns die Erlösung bewirkt, denn ihn „hat Gott hingestellt als Sühne in seinem Blut“. Durch ihn ist uns die Sünde vergeben. „Gerecht vor Gott ist, wer an Jesus Christus glaubt.“ (Röm. 3,24-26)
Das ist die Botschaft, die Paulus „an Christi statt“ in die Welt getragen hat. Unermüdlich hat er das gepredigt und geschrieben. Er hat zum Glauben an Jesus Christus ermahnt und eingeladen. Das verstand er als seinen Auftrag, den Gott ihm gegeben hatte. „Gott ermahnt durch uns.“ So lautete sein Selbstverständnis, und deshalb rief er eindringlich und unnachgiebig: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“
Bis heute geht dieser Ruf in die Welt. Unzählige Male wurde er seit den Zeiten von Paulus wiederholt, und Menschen aller Jahrhunderte haben sich darauf eingelassen. Auch an uns ergeht das „Wort von der Versöhnung“, besonders heute, am Karfreitag, wo wir an den Tod Jesu denken und ihn feierlich nachvollziehen.
Aber wollen wir das eigentlich hören? Und glauben wir das noch? Es gibt längst Stimmen in der Theologie, die die Kreuzigung Jesu als Sühne für unsre Sünden ablehnen. Sie halten diese Theorie für einen Irrtum. Und damit kommen sie vielen Gläubigen entgegen. Denn der Gedanke, dass Gott seinen eigenen Sohn geopfert hat, ist nur schwer auszuhalten. Es empört viele, dass unsere Erlösung auf einem Menschenopfer beruhen soll. So grausam kann Gott doch nicht sein! Außerdem kann sich kaum noch jemand vorstellen, dass durch einen Kreuzestod vor über 2000 Jahren die Sünde in der Welt für alle Zeiten besiegt sein soll.
Und was ist das überhaupt, Sünde? Viele haben dafür kein richtiges Bewusstsein mehr. Sie wollen sich auch nicht sündig fühlen. Das Menschenbild, das dahinter steht, passt nicht in ihr Lebensgefühl. Heutzutage zählen die Stärken und guten Eigenschaften der Menschen. Man muss sie betonen und hervorheben, wenn man frei und gesund sein will. Wer zu viel über Sünde nachdenkt, ist negativ und lebensverneinend.
Das sind die Argumente gegen das Sühneverständnis des Kreuzestodes Jesu. Ich kann das alles gut verstehen und will diese Einwände auch nicht vom Tisch wischen. Sie stehen im Raum und wir müssen uns damit beschäftigen.
Die Frage ist allerdings, wie wir das tun. Und da denke ich als erstes, dass es nicht mit dem bloßen Verstand gehen kann. Es hilft nicht, wenn wir nur Theologie betreiben, Artikel darüber lesen oder Juristen und Anthropologen befragen. Debatten und Diskussionen führen nicht weiter, im Gegenteil, sie halten uns von dem ab, was nötig ist, und das ist der Glaube. Wir müssen die Bücher einmal bei Seite legen, denn von Anfang an war klar, dass es sich bei dem Bekenntnis zum Sühnetod Jesu um ein „Geheimnis des Glaubens“ handelte, auf Latein „mysterium fidei“.
Das ist eine bedeutsame Wortfügung aus der Liturgie der römisch-katholischen Messfeier, die auch in unsere lutherische Gottesdienstordnung übernommen wurde. Es ist möglich, sie als Gestaltungselement in die Abendmahlsfeier einzureihen. Der Liturg oder die Liturgin sagt dann unmittelbar nach den Einsetzungsworten: „Groß ist das Geheimnis des Glaubens“, und die versammelte Gemeinde antwortet darauf mit der Zustimmung: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Das wurde in Anlehnung an den Satz aus dem ersten Korintherbrief formuliert, der lautet: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ (1.Kor.11,26).
Diese Einfügung in die Liturgie nimmt also älteste Glaubensformulierungen auf. Der Gedanke, der dahinter steht, kommt aus dem Griechischen: Ein „religiöses Geheimnis“ – „mysterion“ – war in der Antike nicht einfach nur eine zurückgehaltene Information, sondern galt als eine Vergegenwärtigung der Gottheit, die tiefer und höher reicht als Worte ausdrücken können. Eine geistige Wirklichkeit wurde damit angesprochen. Deshalb nahm die Alte Kirche den Begriff gerne auf und wandte ihn auf die Erlösung durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi an. Die Feiernden werden in das „Geheimnis des Glaubens“ hineingenommen, das war die Vorstellung.
Und das ist eine Möglichkeit, sich der Wirkung des Kreuzestodes Jesu zu nähern, indem wir betend diesem „Geheimnis des Glaubens“ zustimmen. Wir wollen das deshalb heute so handhaben, darum habe ich Ihnen den Text mitgebracht.
Auf der Karte sehen Sie außerdem ein Bild des Gekreuzigten, das viele von Ihnen sicher kennen.

Kreuz

Es gehört zum Isenheimer Altar, der um 1500 von Mathis Grünewald geschaffen wurde. Wir damit haben eine weitere Möglichkeit der Annäherung an die erlösende Wirkung des Todes Jesu. Ein Bild sagt ja oft mehr als tausend Worte oder Gedanken, und so war dieses Gemälde auch gedacht. Der Antoniterkonvent in Isenheim im Elsass hat es für seine Kirche in Auftrag gegeben. Die Antoniter waren ein Orden, der sich der Krankenpflege verpflichtet sah. Er betrieb in Isenheim ein Hospital, und der Altar diente als sein charismatischer Mittelpunkt. Die meiste Zeit des Jahres war die Kreuzigungsszene aufgeklappt, und die Kranken wurden davor gelegt. Sie sollten auf das größere Leiden Christi verwiesen werden und auf die Rettung zum ewigen Leben. Deshalb hat Grünewald bewusst den Opfertod des Gottessohnes dargestellt. Der Betrachter sieht nicht die historische Szene der Hinrichtung auf Golgatha, sondern ein heilsgeschichtliches, zeitlos gültiges Ereignis. Die provozierende Drastik des Bildes ist also beabsichtigt.
Sie beginnt schon mit seiner Größe, das Gemälde ist 2,69 Meter hoch. Übermächtig hängt der geschundene Körper an dem roh behauenen Kreuz. Er ist von Wunden über und über bedeckt. Das Haupt ist nach vorne geneigt, umgeben von einem Dornengestrüpp, das tief in die Stirn gedrückt ist. Der Mund ist weit zum Stöhnen geöffnet, die schmerzgespreizten Finger, die durchbohrten Hände, die entstellen Füße, alle Gebärden und Gesten sind bewusst übersteigert. Die ganze Qual des Sterbens hat einen monumentalen Ausdruck gefunden.
Dahinein soll der Betrachter sich versenken. Er kann dann gar nicht anders, als das Leiden mitzufühlen und es nachzuvollziehen. Das Ziel ist dabei, dass er das eigene Leid auf sich nimmt. (s. Max Seidel, Mathis Gothart Grünewald, Der Isenheimer Altar, Stuttgart 1980, S. 45ff) Und es wird berichtet, dass viele Kranke sich dadurch wirklich getröstet fühlten. Sie wussten, dass die körperliche Heilung mit dem seelischen Heil der Seele zusammengehört, und wurden beim Anblick dieses Gemäldes in eine große Ruhe und Zuversicht hinübergeführt.
Und das ist ein zweiter Schritt, der uns an die heilende Wirkung des Kreuzestodes Jesu heranführt: Wir müssen zum Kreuz gehen, uns davor stellen und es aushalten. Was wir sehen, ist unsere eigene Schuld und Krankheit, denn keiner und keine von uns ist ohne Sünde: Gott möchte, dass wir ihn lieben und ihm vertrauen, ihm dienen und für unsere Mitmenschen da sind. Doch davon sind wir oft weit entfernt. Unsere Gedanken, Worte und Werke drehen sich um unsere eigenen Belange und Wünsche, um unsere Ängste und Sorgen. Wir vertun die Zeit, die Gott uns anvertraut hat, und versagen immer wieder. Unsere Herzen sind träge, wir sind selbstsüchtig und eigenwillig. (vgl. Ev. Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Ev.-Luth. Kirche, 1994, Nr. 800)
Das sollten wir erkennen und zugeben, es bereuen und beichten. Das schadet niemandem, und es steht auch nicht im Gegensatz zur Selbstannahme, die natürlich nötig ist, um gesund zu sein. Denn wir bereuen unsere Sünden nicht, um uns künstlich klein zu machen, sondern um realistisch zu sein. Und wir tun es im Angesicht des Kreuzes, vor Jesus Christus, um in seinem unergründlichen Erbarmen Zuflucht zu suchen. Wir wollen deshalb nachher vor der Einsetzung des Abendmahls unsere Schuld bekennen und um Vergebung bitten.
Wenn wir so handeln, merken wir von selber, dass von dem Kreuz Jesu eine wunderbare Wirkung ausgeht: Er vergibt uns, er schenkt uns neues Leben und richtet uns auf. Wir müssen nicht von uns aus vor Gott bestehen, wir dürfen mit allem, was uns belastet, kommen. Er versöhnt uns mit Gott und macht uns gerecht.
Das ist die Botschaft des Karfreitags und es ist gut, wenn wir sie so stehen lassen, selbst wenn sie ein Ärgernis ist. Nicht zuletzt ist das „Wort von der Versöhnung“ ein Grund, die Todesstrafe wirklich abzuschaffen. Denn natürlich gilt es auch für jeden Schwerverbrecher. Kein Gesetz sollte ihm diesen Weg versperren. Die Chance zur Reue und zur Umkehr muss offen bleiben. Jeder und jede kann zur Einsicht kommen und Besserung erfahren. Das Kreuz ist ein Mahnmal gegen jede Form der Gewalt, gegen das Morden und Töten, und sei es aus juristischen Gründen.
Das Kreuz Christ war der bedeutendste Justizirrtum in der Geschichte der Menschheit. Ohne es zu wissen, wurde der schwerwiegendste Missbrauch, den es jemals bei der Anwendung der Todesstrafe gab, zum Heil für alle. Doch das entlastet die Entscheidungsträger nicht, es bleibt ein großes Geheimnis. Wir können da hineingenommen, wenn wir uns dem Kreuz Jesu immer wieder im Vertrauen nähern und uns dabei mit Gott versöhnen lassen. Amen.

Gehorsam lernen

Predigt über Hebräer 5, 7- 9: Das Bitten und Flehen Jesu in Gethsemane

5. Sonntag der Passionszeit, Judika, 13.3.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Hebräer 5, 7- 9

7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.
8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Liebe Gemeinde.
Menschen, die weinen, sehen wir z.Zt. oft im Fernsehen, z.B. wenn uns gezeigt wird, was sich gerade an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien ereignet: Da warten Flüchtlinge voller Verzweiflung auf den Durchlass. Sie kommen nicht weiter und wissen buchstäblich nicht mehr ein noch aus. Vielen stehen deshalb Tränen in den Augen.
Doch auch andere Situationen führen zum Weinen. Jeder und jede von uns kennt es. Die Gründe können Trauer um einen Menschen sein, ein Misserfolg im Job oder ein Streit mit dem Partner. Tränen fließen, wenn wir uns hilflos, überfordert oder ungerecht behandelt fühlen, wenn wir wütend sind, Schmerzen oder Mitleid haben.
Es gibt auch Freudentränen, die uns bei Rührung, Glück oder Begeisterung in die Augen steigen.
Welchem biologischen Zweck das Weinen dient, ist bis heute nicht vollständig geklärt und wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Forschern geben die Tränen, denen Emotionen zu Grunde liegen, ein Rätsel auf.
In der Psychologie wird uns allerdings geraten, sie zuzulassen, wir müssen uns dafür nicht schämen.
Jesus hat das auch nicht getan, das haben wir vorhin in der Epistel gehört. Sie ist ein Abschnitt aus dem Hebräerbrief, und da heißt es am Anfang: „Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte.“
Wir haben die Szene vor Augen, die damit angedeutet ist: Es ist das Gebet Jesu in Gethsemane in der Nacht seiner Gefangennahme, ein paar Stunden vor seinem Tod. (Mt.26,36-46) Er hatte Angst und war traurig, weil er wusste, was auf ihn zukam. Von dem, was ihm zugemutet wurde, fühlte er sich überfordert und ungerecht behandelt. Doch ein Entkommen gab es für ihn nicht mehr, er musste sich letzten Endes fügen, und darum geht es in dieser Geschichte.
Was geschah dort? Jesus weinte, aber die Tränen waren nicht seine einzige Regung. Er warf sich vielmehr nieder und betete dreimal zu Gott. Er sprach ihn mit „Vater“ an, wie er es wohl immer getan hat, und bat ihn, „den Kelch vorübergehen zu lassen“, d.h. er wollte vor dem Tod verschont bleiben. Doch im Laufe der Nacht kam es zu einer Veränderung im Geist Jesu, er hat etwas „gelernt“. Denn er hat nicht nur „geschrien“, geklagt und geweint, er konnte außerdem sagen: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt.26, 39) Er unterwarf sich ganz dem Willen des Vaters, und damit ist er am Ende zu einem „Ja“ durchgestoßen.
An diese Szene erinnert der Hebräerbrief, und dort heißt es als nächstes: „Und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.“ Der Gebetskampf Jesu hatte eine Wirkung. Jesus ging anders aus dieser Nacht hervor, als er hineingegangen war: Sein Gebet führte ihn zu einer völligen Gefasstheit. Er sah den kommenden Ereignissen jetzt ruhig entgegen. In dem Briefabschnitt wird das so ausgedrückt: „So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“
Jesus „lernte durch Leiden den Gehorsam“ und hat im Wachen und Beten Klarheit über seinen weiteren Weg gefunden. Er hat sich in den Willen Gottes hineingebetet, und deshalb wusste er sich von dieser Stunde an darin geborgen.
Und das hat eine ganz wichtige Bedeutung. Jesus hat in Gethsemane den Todesampf für sich entschieden. Wenn man das Evangelium als Ganzes betrachtet, ist das bereits die Wende und damit der Höhepunkt, denn im Geist nahm Jesus dort sein Sterben und Auferstehen vorweg. Der Wille Gottes ereignete sich in ihm, und nur deshalb konnte das Nachfolgende geschehen. Der Hebräerbrief sagt das so: „Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.“
Jesus hat einen Weg gebahnt, den auch wir gehen können. Er ist ein Vorbild für uns. Wir sollen ihm nach Gethsemane folgen. Der Weg des Glaubens führt uns praktisch dorthin, denn nur dann kann sich das Heil, das er für uns bewirkt hat, auch in unserem Leben ereignen.
Und das heißt, dass auch wir den „Gehorsam lernen“ müssen. Es gilt, genauso wie Jesus zum Willen Gottes „Ja“ zu sagen, selbst wenn er schwer ist, das Leiden und den Tod anzunehmen, uns zu fügen und hinzugeben.
Aber wollen wir das, und können wir diese Einstellung Menschen zumuten, die gerade leiden? Ist das nicht reichlich zynisch? Was kommt denn dabei heraus, wenn wir unser Schicksal hinnehmen, das Sterben zulassen und gehorsam sind? Dann ändert sich doch nichts! Diese Ergebenheit erscheint uns lebensverneinend und depressiv. Niemandem ist damit geholfen, es ist viel zu passiv, sich so zu verhalten. Das ist unser Einwand.
Wir müssen uns also noch etwas genauere Gedanken machen, und dabei hilft es, wenn wir einmal beachten, was in der Gethsemanegeschichte noch erwähnt wird. Jesus ist darin nämlich nicht allein. Er hatte drei seiner Jünger mitgenommen, Petrus, Jakobus und Johannes. (Mt.26,37) Sie sollten ihm beistehen, doch sie haben kläglich versagt. Sie sind eingeschlafen. Dreimal hat er sie geweckt, aber das nützte nichts. Sie konnten ihre Müdigkeit nicht überwinden und fielen immer wieder zurück. Aktiv war in dieser Situation also nur Jesus, er allein hat gewacht. Und das ist wichtig: Sein Gebet war kein Ausdruck von Lethargie oder Schicksalsergebenheit, es war vielmehr ein innerer Kampf. Äußerste Konzentration gehörte dazu. Jesus vollbrachte in Gethsemane eine ungeheure geistige Leistung.
Die Jünger haben das verschlafen, und genauso ist auch unser Verhalten oft. Der Schlaf der Jünger ist ein Bild für unsere Ignoranz gegenüber dem Willen Gottes. Denn der ist keine dunkle Macht, kein undurchdringliches Schicksal, sondern Kraft und Leben. An der Schöpfung können wir erkennen, was Gott will, an der Sendung seines Sohnes und an seinem Handeln an ihm: Gott will diese Welt und er will die Rettung der Menschen. Er will sie aus dem Tod befreien, ihnen Überwindung und Heil schenken.
Es geht darum, dass wir dafür wach werden und uns diesem seinem Willen auch hingeben. Wir müssen uns auf ihn einlassen, und dazu gehört es, dass wir uns selber loslassen und uns ergeben. Wir müssen im Leiden und im Sterben „Gehorsam lernen“. Diese Ermahnung ergeht an uns und sie ist auch wichtig, denn genau das tun wir normaler Weise nicht.
Wir geben uns lieber unseren natürlichen Antrieben hin, ohne uns viele Gedanken zu machen. Wir sind nicht wach und aufmerksam für Gott. Es liegt uns viel näher, uns aufzulehnen und an unserem Leben festzuhalten. Das müssen wir uns eingestehen. Lassen Sie uns ehrlich sein: Wir kennen das Leid alle aus eigener Erfahrung, und keiner von uns will es. Darin sind wir uns einig. Doch welche Methoden wenden wir an, um es los zu werden?
Eine Möglichkeit besteht z.B. darin, dass wir es verdrängen. Wir lenken uns ab, suchen die Abwechslung und zerstreuen uns. Wir denken eben nicht daran und leben so, als ob es das Schwere nicht gäbe. Sinnbildlich gesprochen schlafen wir einfach, so wie die Jünger es taten.
Eine andere Methode ist Aktionismus: Dann veranstalten wir alle Mögliche, damit es uns wieder besser geht. Wir reden mit anderen, gehen zum Arzt, verändern unsere Beziehungen, suchen eine neue Arbeit, ziehen um oder ähnliches.
Das ist ja alles auch ganz schön und gut, es ist normal. Doch leider hilft es oft nicht. Es gibt Situationen im Leben, die sind dunkel und nichts führt uns da heraus. Es gibt Leid, das wir weder verdrängen noch abschaffen können, es ist da und es ist hartnäckig. Es gibt keine einfache Lösung, keine Hilfe von außen. Ratschläge helfen nicht, eine Heilung oder eine Rettung ist nicht in Sicht. Die Tränen fließen, ohne dass wir sie stoppen können. Wir finden keinen Trost.
Und dann ist es wichtig, dass wir die Rettung nicht „verschlafen“ sondern endlich aufwachen. Wir müssen einen ganz anderen Weg beschreiten, als wir ihn normaler Weise wählen, und den zeigt Jesus uns. Er hat sich nicht selber aufgegeben und ist in keine Depression versunken. Er hat vielmehr gewacht und gebetet und sich aktiv in den Willen Gottes gefügt. Hingabe und Überwindung prägen sein Verhalten. Und dadurch hat sich für ihn etwas verändert. Er ist nicht nur seine Angst losgeworden, er war danach auch ruhig und gefasst und klar. Er hat sich aus der leidvollen Situation im Geist hinauskatapultiert, weil er sich in einer anderen Wirklichkeit verwurzelt hat, in der Wirklichkeit des Willens Gottes nämlich, der ihn zum Sieg verholfen hat. Er ist durch sein „Bitten und lautes Schreien“ zur Freiheit und zur Freude durchgestoßen.
Und das kann auch uns so gehen, wenn wir mit Jesus „wachen und beten“. Es ist ein Sieg über das Fleisch, d.h. über die natürlichen Kräfte, die uns von Gott und vom Glauben abhalten können.
Das klingt natürlich reichlich unbequem. Überhaupt ist die Gethsemanegeschichte eine eher ungemütliche Angelegenheit. Sie ist von Angst und Entsagung geprägt, und das wirkt dunkel und anstrengend. Aber wir sollten uns ihr trotzdem stellen, gerade in der Passionszeit. In einer Situation, die uns nicht gefällt, die uns zu schaffen macht und die wir nicht ändern können, sollten wir mit Jesus beten: „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Es ist das Gebet der Hingabe und des Loslassens, das uns weiterführen kann. Wir bejahen damit das Leid, und dadurch bejahen wir mit diesem Gebet das Leben, denn das Leid gehört zum Leben dazu. Im Gethsemanegebet wird es einbezogen und gerade dadurch überwunden.
Das ist kein einfacher Weg, er geht durchaus gegen unsere Natur. Es ist wie ein Sterben, denn wir nehmen im Geiste den Tod vorweg. Aber das ist eben nicht das Einzige, sondern wir nehmen auch das ewige Leben vorweg, die Überwindung der Vergänglichkeit, die Auferstehung. Wir werden mit übernatürlichen Kräften erfüllt und auf wunderbare Weise getragen.
Denn im Unterschied zu den Jüngern können wir dieses Gebet mit Jesus beten, in dem Glauben an seine Auferstehung. Es hat auch nur dann Sinn, wenn wir davon ausgehen, dass er für uns den Sieg errungen hat. An diesem Sieg können wir Anteil haben. Beim Gethsemanegebet spricht Jesus selbst in uns die Worte „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Er leidet mit uns und betet in uns. Wir werden eins mit ihm und tauchen in ein neues Leben ein. Das ist die Verheißung, die hinter der Ermahnung zum Wachen steht. Der Gehorsam gegenüber Gott setzt ungeahnte neue Kräfte frei. Wir finden Ruhe und Trost, wir werden gelassen und klar.
Und das führt noch weiter. Dieses neue Leben, die Gelassenheit und Ruhe kommen auch anderen zu Gute. Sie führen uns zu den Menschen, besonders zu denen, die weinen. Oft ist es ja so, dass auch wir ihnen nicht helfen können. Gerade den Flüchtlingen gegenüber, die nicht mehr zu uns kommen können, sind wir machtlos. Aber das muss uns nicht davon abhalten, zu denen zu gehen, die bereits hier sind, uns an ihre Seite zu stellen, ihnen die Hand zu reichen, ihnen zuzuhören, sie zu beachten und freundlich zu ihnen zu sein.
Auch in vielen anderen Situationen, in denen Menschen ein schweres Schicksal getroffen hat, ist das schon ganz viel, denn sie sind dann nicht mehr allein. Jemand hält ihre Hilflosigkeit mit ihnen zusammen aus.
Unsere Welt wird nie frei von Krieg und Terror sein, von Ungerechtigkeit, Schmerz und Leid. Menschen nutzen andere aus, unterdrücken und betrügen sie, schotten sich ab und sind unglaublich rücksichtslos. Viele denken nur an sich, wollen reich werden oder Macht haben und setzen sich brutal durch. Wir leben in einer Welt, in der die Liebe oft mit Füßen getreten wird. Und dem Tod sind wir alle geweiht, da gibt es kein Entrinnen und kein Erbarmen.
Doch das muss uns nicht entmutigen, denn als Christen können wir dazu ein Gegengewicht bilden. Wir empfangen durch unseren Glauben die Kraft der Liebe Gottes und die Kraft der Auferstehung, und die kann keine Macht der Welt auslöschen. Sie vergeht nie, und überall, wo wir sie leben, gibt es einen Hoffnungsschimmer. Denn wir bezeugen damit ein Heil, das nicht von dieser Welt ist und weit über alle Tränen, alles Leiden und Sterben hinausweist.
Amen.

Das Erkennungszeichen der Christen

Betrachtungsgottesdienst Fisch

3. Sonntag der Passionszeit, 28.2.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Der 3. Sonntag der Passionszeit handelt vom „Ernst der Nachfolge“. Der Wochenspruch  lautet: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk. 9, 62)
Jesus macht damit deutlich, dass Jüngerschaft und Nachfolge eine Lebensentscheidung fordern. In der Urchristenheit war das ein wichtiges Thema, denn da wurden Christen verfolgt.
In unserer Kirche erinnert eins der Buntglasfenster an diese Zeit, es ist das mit dem Fisch. Der galt von alters her als ein Erkennungszeichen für diejenigen, die es mit der Nachfolge ernst meinten. Wir haben es betrachtet, um uns für Christus zu öffnen.  Der Gottesdienst sollte uns neu zur Nachfolge anspornen.

Betrachtung des Buntglasfensters Fisch
von Binia Kempe

Heute wollen wir das letzte der fünf Buntglasfenster genauer betrachten. Die vier übrigen stellen ja Szenen bzw. Texte aus der Bibel dar:
Da ist das Fenster mit den 10 Gesetzestafeln,
dann das Fenster mit der Krippe und dem Stern,
das Fenster mit dem Kelch und dem Brot,
das Fenster mit den züngelnden Flammen
und schließlich das Fenster mit dem Kreuz und den Buchstaben Alpha und Omega.
Dazu haben wir, denke ich, alle eine Geschichte aus der Bibel vor Augen und könnten sie erzählen.
Mit dem Fisch ist das nicht ganz so einfach.
Wir kennen schon Geschichten aus der Bibel, die von einem Fisch handeln und die wichtig für unseren Glauben sind, aber mit diesen Geschichte ist es doch anders als mit den übrigen vier Darstellungen in unseren Fenstern.
Und ich traue mich, etwas zu gestehen, und das traue ich mich nur, weil ich von anderen weiß, dass es ihnen genauso ergangen ist:
Bevor ich mich intensiver mit den Fenstern beschäftigt hFischabe und mehr oder weniger nur die Farben habe auf mich wirken lassen, da sah ich eine Glocke und fand das gar nicht so unpassend in der Kirche. Den Schriftzug in dieser vermeintlichen Glocke nahm ich gar nicht wahr, denn ich kann ja nicht griechisch lesen…..

Aber gucken wir doch erst einmal genauer hin, was der Künstler, das war Gerhard Hurte aus Eutin im Jahre 1963, dargestellt hat.

Wir sehen einen kapitalen Fisch, auffallend hell und deshalb ins Auge stechend, senkrecht im Bild stehend, so als wäre er aus dem Wasser geschnellt, dem Himmel entgegen. Blaue Wellen umspielen ihn, aber er ist nicht in die Wellen eingetaucht. Durch sein offenes Maul, so scheint es mir, lässt er einen goldenen Lichtstrahl in seinen Körper hinein. Der Himmel, dem er entgegenstrebt, ist wie aus feurigem Licht und sendet seine Strahlen von links oben nach rechts unten.
Auf dem Körper des Fisches steht das griechische Wort ICHTYS, auf deutsch FISCH. Was es damit auf sich hat und wie das Wort und das Bild des Fisches zum Symbol der Christen geworden ist, das hören wir gleich.

 

Der Fisch als Erkennungzeichen der Christen
von Christa Lehmann

Alle haben Sie einen Aufkleber bekommen, auf dem ein stilisierter Fisch zu sehen ist. Sie kennen ihn fisch bunt– man sieht dieses Zeichen heute häufig auf den Straßen, denn es klebt am Heck so mancher Autos. Was signalisieren die Inhaber der Autos mit diesem Zeichen?
Sie wollen sich zu erkennen geben: ICH BIN EIN CHRIST, d.h. ich bekenne mich zu Jesus als dem Inhalt aller christlicher Hoffnungen.
Seit der Urchristenheit ist der Fisch das Erkennungszeichen der Christen. Vor allem unter der römischen Verfolgung, so nimmt man an, wurde er zu so etwas wie einem geheimen Erkennungszeichen für die verfolgten Christen. Denn ein offenes Bekenntnis zum christlichen Glauben war lebensgefährlich! Fischdarstellungen findet man z. B. in den römischen Katakomben des 2. und 3. Jhdts.
Heute bekennen sich Christen mit dem stilisierten Fisch freiwillig zu Jesus Christus, eben, indem sie entsprechende Aufkleber auf ihren fahrbaren Untersätzen anbringen.

Warum eignete sich gerade der Fisch als so ein Erkennungszeichen?
Der Grund liegt in den einzelnen Buchstaben des griechischen Wortes „ichthys“:
I  steht für Iēsoũs (Ιησούς) = Jesus
Χ (CH)  steht für Christòs (Χριστός) = Christus
Θ (T)  steht für Theoũ (Θεού) = Gottes
Υ  steht für Hyiòs (Υιός ) = Sohn
Σ (S)  steht für Sōtér (Σωτήρ) = Erlöser, Retter

In der Bibel wird der Fisch des öfteren erwähnt. Und wir wissen: die ersten Jünger und Nachfolger Jesu von Nazareth waren Fischer vom See Genezareth. Jesus holte sie weg aus ihrem Beruf und machte sie zu „Menschenfischern“. (Lk. 5,1- 11) Das haben wir eben am Schluss des Evangeliums gehört. So steht der Fisch für den Ruf in die Nachfolge Christi zur Ausbreitung des Evangeliums.
Der Fisch ist auch Zeichen der Abendmahlsgemeinschaft. Jesus speiste fünftausend Menschen mit Brot und Fisch. (Mt. 14,13-21) Und Johannes, der Evangelist, erzählt, wie der auferstandene Christus sich seinen Jüngern am See Genezareth zu erkennen gab, indem er ihnen den Fisch brach und austeilte. (Joh. 21,1-14)
Außerdem ist der Fisch auch Zeichen der Auferstehung Christi. Wir kennen die Geschichte von Jona im Alten Testament: drei Tage und drei Nächte musste der ungehorsame Prophet im „Bauch des Fisches“ bleiben, bis dieser ihn dort ausspuckte, wo Gott ihn als Boten haben wollte. (Jona 2,11.1) Jesus selber nimmt diese Geschichte als Hinweis auf seinen Tod und seine Auferstehung nach drei Tagen. (Mt. 12,40)

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass sich in unserer IMG_0222Lutherkirche noch ein Fisch „versteckt“ hat? Sehen Sie sich den Leuchter an, der die Oster- bzw. Taufkerze trägt: Er ist gestaltet wie ein stilisierter Fisch, steht also für das Bekenntnis der Getauften zum auferstandenen Jesus Christus.
Und so gibt also ebenso derjenige, der den Fisch an sein Auto klebt, für alle zu erkennen: Ich gehöre zu Christus!

 

Predigt über Epheser 5, 1- 8a
von Gesa Bartholomae

Epheser 5, 1- 8a

1 So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder
2 und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört.
4 Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung.
5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.

Liebe Gemeinde.
Unternehmen, Organisationen oder Privatpersonen geben sich gerne ein Logo, das ist eine kleine Grafik, ein Erkennungszeichen. Es wird aus einem Bild, einem Wort oder beidem gestaltet und hat immer etwas mit der Identität des Inhabers zu tun. Ein Gedanke, eine Idee, die Geschichte oder das Programm der jeweiligen Gruppe werden damit angedeutet. Es erscheint dann auf den Prospekten, der Homepage, den Visitenkarten, dem Briefpapier usw. Oft gibt es auch Aufkleber oder Anstecknadeln.
Manchmal ist es ein Geheimzeichen, das nur die Mitglieder kennen. Außenstehende geht ihre Organisation nichts an. Wenn sie es sehen, wissen sie, dass sie zusammengehören ohne es sagen zu müssen. Eine ähnliche Funktion können dann auch Gesten oder Passwörter haben.
Und so etwas war für die Christen schon seit alters her der Fisch. Wir haben die Geschichte und die Bedeutung dieses Zeichens eben gehört. Es besagt, dass das Merkmal der Christen Jesus Christus selber ist, der Sohn Gottes, der uns gerettet hat. Er verbindet uns, durch ihn zeichnen wir uns aus.
Aber was heißt das nun? Was bedeutet es für unser Leben, dass wir uns an der Gegenwart Jesu Christi gegenseitig erkennen können?
In der Epistel von heute wird diese Frage sehr klar beantwortet. Sie ist ein Abschnitt aus dem Epheserbrief. Der Apostel Paulus beschreibt hier das Leben der Christen, und gleich mit dem ersten Satz wird deutlich, was das Entscheidende ist. Er lautet: „So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“ Ein Erkennungszeichen der Christen ist also die gegenseitige Liebe.
Das klingt sehr einladend und scheint uns entgegen zu kommen, doch wichtig ist, dass damit nicht die erotische Liebe gemeint ist, durch die die Einzelnen ihre Lust und ihr Verlangen nach Aufmerksamkeit befriedigen, sondern die Liebe, die sich aufopfert und bereit zum Leiden ist. Denn das hat Christus auch getan, wie es weiter heißt: „Er hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.“ Es wird sogar ausdrücklich erwähnt, dass es nicht um „Unzucht“ geht. Vor „jeder Art Unreinheit oder Habsucht“ wird vielmehr ausdrücklich gewarnt. Es fällt stattdessen das Stichwort von der „Heiligung“: „Für die Heiligen gehört es sich nicht“, sich diesen Trieben hinzugeben. „Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an“, heißt es weiter, „sondern vielmehr Danksagung.“
Das ist ein weiteres Erkennungszeichen: Christen sind dankbar. Sie wissen, das Leben wurde ihnen geschenkt. Sie haben kein Recht darauf, sondern haben es aus Gnade empfangen. Wer es eigenmächtig an sich reißen will, „hat kein Erbteil im Reich Christi und Gottes.“ Denn er dient einem Götzen.
Das sind die Ermahnungen des Paulus für einen christlichen Lebenswandel, und er weiß dabei sehr wohl, dass es nicht leicht ist, sie zu befolgen. Wir lassen uns gerne „mit leeren Worten verführen“, d.h. wir folgen lieber unseren niederen Trieben. Doch davor warnt Paulus seine Leser, indem er sagt: „Um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.“ Es hat Folgen, wie wir leben, und Gott ist daran nicht unbeteiligt. Deshalb ist es besser, wenn wir gar nicht erst „Mitgenossen“ derer werden, die einen ungeordneten Lebenswandel führen und den Willen Gott dabei ignorieren.
Was die Christen auszeichnet, ist also ein gelingendes Leben, das von Dank und Freiheit geprägt ist. Wir sollen wie Kinder leben, die von ihrem Vater geliebt werden. Zum Schluss wird das noch mit einem sehr schönen Bild beschrieben. Paulus sagt am Ende: „Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“ Christen kann man also an ihrer inneren Kraft erkennen, an einem Licht, das von ihnen ausgeht.
Auf dem Fenster mit dem Fisch ist das sehr schön dargestellt. Nicht umsonst steht der Fisch aufrecht. Er ist nach oben ausgerichtet, gen Himmel. Die Wellen halten ihn nicht fest, und er empfängt einen Lichtstrahl. Oder geht dieses Licht von ihm aus? Beides ist möglich und gehört zu einem christlichen Leben.
Doch wie kann das nun gelingen, und wollen wir das überhaupt? Wie so viele Texte von Paulus klingt auch dieser sehr radikal und streng. Wir sind zwar nicht in unbedingt für „Unzucht, Unreinheit und Habsucht“, aber so ein bisschen lustvoll und weltlich wollen wir schon bleiben, auch als Christen. Die Nachfolge, zu der auch Jesus aufruft, ist uns viel zu kompromisslos. Das passt nicht zu unserem Lebensgefühl, so meinen wir. Seine Leidensbereitschaft und sein Opfer sind keine besonders attraktiven Vorbilder. Wir wollen das gar nicht als Erkennungszeichen, sondern fühlen uns davon unter Druck gesetzt. Wir sehen hier den erhobenen Zeigefinger, und der gefällt uns nicht.
Doch so ist das, was Paulus hier sagt, nicht gemeint. Es geht nicht um eine moralische Einengung, sondern um Befreiung. Und um das zu verstehen, ist es gut, wenn wir uns einmal ehrlich klar machen, wie ein Leben nach dem Lustprinzip in Wirklichkeit aussieht. So befreiend oder hell ist das nämlich gar nicht, im Gegenteil, wir handeln uns damit oft viel mehr Elend ein, als uns lieb ist.
Es geht dabei ja um unser Ich, das ist der entscheidende Punkt. Hinter „Unzucht und Habgier“ verbirgt sich eine egoistische Lebenseinstellung, und davon sind wir alle nicht weit entfernt. Denn wir stellen gern unsere eigenen Belange in den Mittelpunkt, möchten zufrieden gestellt werden und auf unsere Kosten kommen.
Das ist an unserem Miteinander zu erkennen. Jeder und jede von uns steht in vielen Beziehungen. Durch die Familie, den Beruf, die Nachbarschaft, die Gemeinde und die Gesellschaft sind wir in einem sozialen Netz. Das ist auch gut, denn wir brauchen einander. Keiner und keine kann alleine leben. Deshalb ist es auch ganz normal, dass wir von den anderen Menschen bestimmte Dinge erwarten. Sie sollen in irgendeiner Form für uns da sein, mitspielen und funktionieren.
Doch genau dadurch entstehen die Probleme, denn der oder die andere passt oft nicht in unser Konzept. Die Menschen, mit denen wir zusammen leben oder arbeiten, mit denen wir befreundet oder auf die wir angewiesen sind, handeln nicht immer, wie wir es wollen. Sie haben andere Werte und Ideen, machen andere Erfahrungen, haben andere Wünsche und Pläne. Und das stört uns oft. Es kommt zu Konflikten und Spannungen. Überall gibt es viel Unmut und Ärger, Zorn und Streit. Wenn es schlimm wird, gehen wir aufeinander los oder wir trennen uns. Unser Leben ist gar nicht so schön, wie wir oft meinen. Es gibt in unserem Miteinander viel Dunkelheit und Not, und die haben meistens etwas damit zu tun, dass wir zu sehr auf unsere Ziele und Wünsche, unser Ich und unser eigenes Wohlbefinden fixiert sind.
Die Anleitung für unser Handeln muss deshalb noch tiefer gehen, als dass wir nur unseren Wünschen und Erwartungen folgen. Wir brauchen einen Weg, der uns davon befreit. Es kann nur dann hell werden, wenn wir von unseren Vorstellungen Abstand nehmen. Denn nur dann können wir zueinander finden. Und das hat Jesus uns vorgelebt und gezeigt. Er hat diesen Weg für uns vorbereitet und eröffnet. Denn er suchte nicht seinen eigenen Vorteil, sondern war bereit zum Leiden. Er hat sich hingegeben und ist sogar für uns gestorben.
Darauf dürfen wir vertrauen, und das ist unser Vorbild. Wir werden hier nicht zu moralischen Höchstleistungen aufgefordert, sondern zu einem Leben im Licht und in der Liebe Christi. So wie der Fisch auf dem Fenster es von oben empfängt, so kann es auch in unser Leben hineinfallen. Wir müssen uns nur selber einmal loslassen und uns dem Licht Christi aussetzen, uns ihm überlassen und ihm danken. Wenn es uns gut gehen soll, kommt es gar nicht darauf an, dass alles, was wir wollen, auch eintritt, dass alle Wünsche erfüllt werden und die Menschen in unserer Nähe total zu uns passen. Viel entscheidender ist, dass wir die Gegenwart Christi erleben und uns davon prägen lassen.
Denn dann kann er mit seiner Liebe in uns und an uns wirken. Er erfüllt uns mit seiner Kraft und dadurch kommt ganz vieles in Ordnung. Probleme verschwinden, Spannungen und Konflikte lösen sich auf, denn wir wollen und erwarten nichts mehr von den anderen Menschen. Wir können sie vielmehr annehmen, wie sie sind, ihnen vergeben, sie lieben und ihnen helfen. Der Himmel sendet seine Strahlen und taucht uns in sein Licht.
Das alles geschieht, wenn wir Christus nachfolgen und ihn zu unserem Erkennungszeichen machen. Liebe, Dankbarkeit und Freude prägen dann unser Leben.
Mit dem Fisch, der für Christus steht, haben wir also noch viel mehr als ein Logo. Er verweist uns auf eine neue Lebensweise, er symbolisiert eine Kraft und eine Wirklichkeit, die uns aus den engen Grenzen unseres Ichs hinausführt und uns ein Leben in Freiheit und Liebe schenkt.
Amen.

Den Versuchungen widerstehen

Predigt über Hebräer 4, 14- 16: Christus der wahre Hohepriester

1. Sonntag der Passionszeit, 14.2.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Hebräer 4, 14- 16

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Liebe Gemeinde.
Der Tempel in Jerusalem hatte in den Tagen Jesu noch nichts von der Bedeutung verloren, die ihm in der Geschichte Israels von jeher zugekommen war. Er bot sich seinen Betrachtern eindrucksvoll dar. Wer nach Jerusalem hinaufzog, konnte schon von weitem den hochgelegenen Bau sehen.
Hatte man die Tore der Stadt durchschritten und kam zum Tempelbezirk, so gelangte man zunächst in den äußeren Vorhof. Schranken versperrten den freien Zutritt zum inneren Vorhof, in den kein Fremdstämmiger hinein durfte. Kam man in die Halle, sah man den goldenen Räucheraltar, den unablässig brennenden siebenarmigen Leuchter und den Schaubrottisch. Und dahinter lag noch ein besonderer Raum, das Allerheiligste, das durch dichte Vorhänge vom übrigen Tempel abgetrennt war. Früher befand sich da die Bundeslade mit den Gesetzestafeln, später stellte man sich vor, dass dort der Thron Gottes stand. Es durfte nur vom Hohenpriester betreten werden, wenn er am großen Versöhnungstag die Sühnehandlung für ganz Israel zu vollziehen hatte. Er empfing dort stellvertretend für das Volk die Vergebung Gottes.
Natürlich wussten die Menschen, dass ein kleiner Raum wie das Allerheiligste im Tempel Gott nicht fassen kann, aber es war ein Sinnbild. Es versicherte den Menschen: Unser Gott ist bei uns. Nur nähern durfte man sich ihm nicht. Nichts Unheiliges oder Unreines sollte Gott beleidigen. Gottes Herrlichkeit war zu furchtbar, zu groß, zu verzehrend, als dass ein normal Sterblicher sie aushalten würde. Das war der Glaube. Nur der Hohepriester vertrat die Menschen dort vor Gott.
Er war sozusagen der geistliche Spitzenmann und genoss großes Ansehen. In allen Fragen der Religion, der Priesterschaft und des Gottesdienstes hatte er die oberste Aufsicht und Weisung. Seit ca. 150 v. Chr. war er als Vorsitzender des Hohen Rates gleichzeitig der oberste politische Führer, denn der Hohe Rat war der höchste jüdische Gerichtshof und damit die wichtigste politische Institution. Selbst unter der Herrschaft der Römer verfügte er noch über erhebliche Autonomie. Für die Besatzungsmacht war der Hohepriester damit der zentrale Ansprechpartner.
Wie alle Priester musste er einen untadeligen Lebenswandel führen, ohne körperliche Fehler sein und alle Reinheitsvorschriften genau einhalten.
Er hatte sein Amt bis ans Lebensende inne.
(vgl. Edurard Lohse, Umwelt des Neuen Testamentes, Göttingen, 1980, S. 109ff)
Das alles wusste der Schreiber des Hebräerbriefes und er war damit offensichtlich vertraut. Denn er benutzt dieses Geschehen in seinem Brief an einigen Stellen als ein Bild. In dem Abschnitt, der heute unsere Epistellesung ist, stellt er sich vor, wie der Hohepriester durch die Vorhöfe und Hallen des Tempels in das Allerheiligste geht, und er sagt: So schreitet Jesus durch die Himmel und tritt für uns vor den Thron Gottes. Und auch wir dürfen in das Allerheiligste hineingehen.
Der Verfasser macht also die unglaubliche Feststellung, dass der Zutritt zu Gott nun frei für jedermann ist. Man kann Gott ohne Angst und Schrecken begegnen, uns wird nichts passieren. Er sagt deshalb: „Lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade.“ Wir dürfen damit rechnen, dass wir angenommen werden. Die Gemeinde darf sich des göttlichen Wohlwollens sicher sein und sich trösten, denn jedem wird geholfen.
Und das ist durch Jesus Christus möglich geworden, dem „neuen Hohenpriester“. Er hat ein für alle Mal Versöhnung zwischen Gott und Mensch bewirkt. Denn in ihm ist Gott selber Mensch geworden. Dabei wird hier sehr schön beschrieben, was das heißt: „Jesus leidet mit unserer Schwachheit mit und wurde versucht wie wir.“ D.h. er war ein Mensch aus Fleisch und Blut, er fühlte und kannte Angst und Not, wie sie jeder in dieser Welt schmerzlich erfahren muss. Persönliche innere Kämpfe sind ihm nicht erspart geblieben, er musste wie jeder Mensch den vielfältigen Versuchungen widerstehen.
Doch genau das ist ihm gelungen wie keinem anderen. Er blieb in all dem „ohne Sünde“ und ist Gott bis zum Tod am Kreuz gehorsam gewesen. Selbst in dieser radikalen Grenzsituation hat er dem Willen Gottes entsprochen.
Deshalb hat Gott ihn erhöht und ihn selber auf den „Thron der Gnade“ gesetzt. Wenn wir vor Jesus treten, stehen wir vor Gott und „empfangen Barmherzigkeit und finden Gnade.“ Die Einladung lautet: „Komm herein, die Tür steht offen. Du brauchst dich nicht mehr zu fürchten, Gott erwartet dich vielmehr und sieht dich freundlich an.“
Das ist eine frohe Botschaft, „darum lasst uns [wirklich] hinzutreten mit Zuversicht“. Lassen Sie uns der Einladung folgen, denn wir brauchen die Hilfe, die uns hier zugesagt wird. Wir sind ja nicht sündlos, sondern erliegen immer wieder allen möglichen Versuchungen. Diese Tatsache steht hinter der Sendung Jesu. Unsere „Schwachheit“ ist der Grund für sein Kommen und sein „Mitleiden“. Wir müssen uns das also eingestehen und bewusst machen, wenn wir seine Gnade empfangen wollen. Lassen Sie uns deshalb fragen, was unsere „Schwachheiten“ sind, welche inneren Kämpfe wir auszustehen haben, und wie Jesus uns da hindurch führen kann.
Dabei hilft es, wenn wir ins Evangelium schauen und nachlesen, womit der Teufel Jesus locken wollte. Die Situationen sind gute Beispiele für das, was uns alle in Gefahr bringt. Wir haben die Erzählung vorhin gehört. (Mt. 4, 1- 11) Der Versucher forderte Jesus zu drei Dingen auf: Er sollte aus Steinen Brot machen, von der Zinne des Tempels springen und sich von den Engeln auffangen lassen und schließlich den Teufel anbeten, um die Weltherrschaft zu erlangen.
In der ersten Versuchung steckt die Verlockung des Materialismus, und die betrifft uns alle. Wir essen und trinken gerne, nehmen, was wir bekommen können, wollen satt und reich sein.
Bei der zweiten Versuchung ging es um ein spektakuläres Eingreifen Gottes, um ein Wunder. Das wünschen wir uns auch manchmal, denn dann bräuchten wir keine Verantwortung mehr für das zu übernehmen, was in der Welt und in unserem Leben geschieht. Gott würde ja alles lenken. Wir reden uns gerne damit heraus, dass er das ja nicht tut, und drücken uns damit vor der Herausforderung des Lebens. Es ist die Versuchung zur Bequemlichkeit.
Und die dritte Situation beinhaltet die Versuchung zur Macht. Viele Menschen sind davon befallen. Sie wollen andere beherrschen und schrecken dabei vor nichts zurück.
Und das alles sehen und erleben wir überall. Ständig erliegen Menschen diesen Versuchungen. An persönlichen aber auch an gesellschaftlichen Entwicklungen ist das zu erkennen, im Kleinen wie im Großen. Möglicherweise hat sich der eine oder die andere von uns jetzt am Beginn der Fastenzeit vorgenommen, daran etwas zu ändern, den Versuchungen zu widerstehen. Wir wünschen uns oft ein besseres Leben und eine bessere Welt. Denn wir erleben immer wieder, wie zerstörerisch es ist, wenn wir den Versuchungen erliegen:
Das erste, der Materialismus führt uns in die Unzufriedenheit, weil er nicht für ein erfülltes Leben reicht. Wenn wir zu sehr auf die Dinge dieser Welt fixiert sind, brauchen wir immer mehr, und am Ende bleibt unsere Seele trotzdem leer. Das Leben fühlt sich sinnlos an, denn innere Werte bleiben dabei oft auf der Strecke. Wir vernachlässigen unsere Seele. Das zweite Beispiel, die Bequemlichkeit, macht uns träge und müde, unausgeglichen und vielleicht sogar krank. Auch die Sorge für die anderen verlieren wir aus dem Blick, und es entstehen Neid und Rücksichtslosigkeit. Und das letzte, die Machtausübung, läuft immer auf Hass und Zerstörung hinaus. Feindschaft und Krieg sind die Folgen, Ungerechtigkeit und Unterdrückung
Das alles spielt sich wie gesagt in jedem Leben und in jeder Gesellschaft ab. Vieles läuft da schief, und oft ist unsere Verstrickung in diese Gefahren wie ein Teufelskreis:
Wenn wir zu viel essen, trinken oder kaufen, schämen wir uns irgendwann und haben Schuldgefühle. Wir verurteilen uns selber, und das führt dazu, dass wir erst recht essen, trinken und einkaufen. Die Bequemlichkeit macht uns gleichgültig und müde und kann deshalb ebenso schwer aufgehoben werden. Wir leiden vielleicht unter unseren Mängeln, aber wir kommen nicht dagegen an. Und wer zu viel Macht ausübt, bringt die anderen gegen sich auf. Er wird einsam und bekommt Angst vor dem eventuellen Aufstand der Unterdrückten. Vielleicht würde er gerne einiges ungeschehen machen, aber das geht nicht, und so übt er weiter Macht aus. Die Situationen, in die wir durch unsere „Schwachheit“ geraten, sind oft verhängnisvoll. Aus eigener Kraft können wir ihnen kaum entkommen. Wir brauchen Hilfe von außen, eine Stelle, an die wir uns wenden können, einen Anstoß, der diese Teufelskreise durchbricht und uns da heraus führt.
Und genau das wird uns in unserem Abschnitt aus dem Hebräerbrief verheißen. Wir dürfen „hinzutreten dürfen mit Zuversicht zum Thron der Gnade“. Das ist die frohe Botschaft. Es gibt eine Rettung, und die liegt bei Gott selber. Er hat Jesus Christus gesandt und ihn all die inneren Kämpfe durchmachen lassen, die wir Menschen bestehen müssen. Doch im Unterschied zu uns blieb er darin „ohne Sünde“. Er hat den Willen Gottes ganz und gar erfüllt, er war ein vollkommener Mensch und er steht uns zur Seite. Wir dürfen auf ihn vertrauen, uns an ihn wenden und uns auf ihn verlassen, wenn wir gerettet werden wollen.
Dazu gehört als erstes, dass wir uns selber annehmen und unsere Scham ablegen. Wir müssen unsere Schuldgefühle nicht unterdrücken oder verstecken, wir dürfen unser Versagen zugeben und uns auch die Angst eingestehen. Gott verurteilt uns für all das nicht. Im Gegenteil, wir haben durch Jesus jemanden, der mit uns leidet, der uns kennt und sich um uns kümmert.
Er sitzt selber auf dem „Thron“ und schenkt uns seine Gnade. Wir empfangen durch ihn Barmherzigkeit und Hilfe. Wir müssen sie nur annehmen und uns dieses Geschenk gefallen lassen.
Dann werden wir frei, der Teufelskreis wird durchbrochen und wir werden erlöst: Wir können die Dinge der Welt plötzlich lassen, wir hören auf, zu viel davon zu erwarten. Wir sind in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, und auch von der Macht können wir uns verabschieden, denn die Angst vor einer Niederlage verschwindet. Wir können getrost zurücktreten und ein neues Leben beginnen. Wenn wir Christi „Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden“, haben wir nichts mehr zu verlieren, denn es ist alles da, was wir uns wünschen.
Und dafür ist die Fastenzeit da. Oft denken wir ja, diese Zeit dient der Selbstüberwindung und dem Verzicht. Wir müssen es endlich einmal hinbekommen, diese Welt und unser Leben besser zu machen. Doch das ist gar nicht der Schwerpunkt. Viel entscheidender ist, dass es eine Zeit der besonderen Nähe Jesu wird. Wenn wir etwas verstärkt suchen, dann sollte es die Gemeinschaft mit ihm sein. Gerade in dieser Zeit geht es um seine menschlichste Seite, um sein Versucht-werden, sein Leiden und Sterben. Es geschah bei ihm „ohne Sünde“, und damit hat er uns das Heil geschenkt. Das bedenken wir in der Passionszeit, und deshalb ist sie eine besondere Heilszeit, eine Zeit der Gnade und Barmherzigkeit, der Hilfe und der Freude. Sie dient der Erneuerung und Veränderung, dem Frieden und der Gerechtigkeit.
Denn uns wird verkündet: Unser Gott ist bei uns, und wir dürfen uns ihm nähern, auch wenn wir unheilig oder unrein sind. Wir können Gott damit nicht beleidigen. Wir müssen uns vor ihm nicht fürchten. Er ist nicht zu groß für uns, kein Sterblicher wird durch seine Nähe verzehrt. Denn wir haben den wahren Hohenpriester, der alle Menschen vor Gott vertritt, „Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat.“
Lassen Sie uns mit ihm zusammen sein.
Amen.