Der Ursprung der Kirche

Predigt über Apostelgeschichte 2, 1- 18: Das Pfingstwunder

Pfingstsonntag, 15.5.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Apostelgeschichte 2, 1- 18

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?
8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,
11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!
15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;
16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):
17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;
18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.«

Liebe Gemeinde.
Es gibt viele Methoden und Mittel, mit denen Menschen versuchen, ihre Meinung durchzusetzen und ihre Ideen zu verwirklichen. Einige sind gut, andere weniger, einige sind lauter, andere hinterhältig oder sogar kriminell. Am ehrlichsten ist es, einfach durch die Rede zu überzeugen, mit Argumenten und klaren Gedanken. Doch leider klappt das nicht oft. Deshalb haben die Menschen weitere Praktiken erfunden, Versprechungen z.B. Mit ihnen kann man die anderen locken und beeinflussen, dann machen sie ja eventuell mit. Wer einen Schritt weitergeht, schenkt ihnen sogar etwas. Damit wird die Sache zwar heikel, denn das ist bereits Bestechung, aber immerhin kann der andere noch entscheiden, ob er sie annimmt. Das muss er ja nicht, er ist ein freier Mensch.
Schlimm wird es erst, wenn wir das einander streitig machen, dann wird es kriminell. Leider hören wir davon täglich in den Nachrichten: dass Gewalt angewendet wird, damit andere in das eigene Schema passen. Diktaturen, Kriege, Terror, all das sind die furchtbaren Methoden, mit denen Menschen Macht ausüben. Mord und Totschlag gehören dazu. Wer nicht mitmacht wird ausgelöscht. Das ist die traurige Endlösung.
Leider haben sich immer auch gläubige Menschen so verhalten und tun es bis heute. Ich vermute sogar, dass die meisten Kriege religiöse Gründe haben, oder ideologische – das liegt ja nahe beieinander. Phantasien über die eigene Großartigkeit, die reine Rasse, den edlen Menschen sind ja letzten Endes Glaubensinhalte.
Trauriger Weise ist die christliche Kirche in ihrer Geschichte ebenfalls viele solcher Irrwege gegangen. Sie kann sich davon nicht freisprechen. Sie hat bei ihrer Missionierung oft Gewalt angewendet und andere Völker unterdrückt.
Ins Leben gerufen wurde sie so allerdings nicht. Ihre Geburtsstunde war frei von Zwang oder Manipulation. Die hatte einen gänzlich anderen Charakter. Und es ist gut, wenn wir uns daran immer wieder erinnern. Einmal im Jahr tun wir es planmäßig, da feiern wir das sogar, und zwar heute, am Pfingstfest. Wir besinnen uns darauf, wie der christliche Glaube in die Welt kam, wie die ersten Menschen überzeugt wurden, dass Jesus Christus lebt, und wie dann die Urgemeinde entstand.
Wir haben die Geschichte vorhin gehört. Lassen Sie sie uns also betrachten und bedenken. Sie beginnt mit der Feststellung, dass die Jünger seit genau 50 Tagen alle in einem Haus zusammen waren, und zwar in Jerusalem. Sie hielten sich versteckt, denn sie hatten Angst. Sie glaubten zwar an die Auferstehung Jesu und hatten sich auch nicht getrennt, aber sie waren unsicher und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Auf jeden Fall trauten sie sich mit ihrem Glauben nicht an die Öffentlichkeit. Sie fürchteten sich vor den Juden und den Römern, die ja schließlich dafür gesorgt hatten, dass Jesus hingerichtet worden war. Wenn sie sich öffentlich zu ihm bekennen würden, dann würde es ihnen nicht viel anders ergehen als ihm, das war ihre Sorge, und deshalb zogen sie sich lieber zurück. Sie behielten das, was sie glaubten, für sich.
Doch dann, am Pfingstfest der Juden, geschah ein Wunder: Der Heilige Geist kam auf sie herab. Sie waren versammelt und „plötzlich geschah ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“ So berichtet Lukas es in der Apostelgeschichte. Weiter heißt es: „Es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen.“
Wind und Feuer waren mit einem Mal da, und beides sind ja Energien: Der Wind bewegt alles, was ihm begegnet. Wo vorher Stillstand war, ist plötzlich was los. Er kann auch so stark werden, dass er zerstört: Er hat also außerdem Macht und Gewalt. Und so ähnlich ist es mit dem Feuer: Das ist ebenfalls eine Kraft, die nützen und zerstören kann. Es wärmt und erhellt, und kann gleichzeitig sehr gefährlich werden und alles verwüsten. Trotzdem sind beides, der Wind und das Feuer sehr gute Bil¬der für den Heiligen Geist: Auch er ist Energie und Kraft, er setzt in Bewegung, er erwärmt und erleuchtet.
Und mit dieser Energie ist die Kirche entstanden, sie ist ihr Ursprung. Das erkennt man in der Geschichte an den Folgen dieses Wunders. Im Anschluss an die Ausgießung des Heiligen Geistes verließen die Jünger nämlich ihr Versteck, sie gingen auf die Straße und fingen an, von Jesus Christus zu reden. Sie waren plötzlich so begeistert, dass sie sich nicht mehr zurückhalten wollten. Und jeder verstand sie, „denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“
Dieses Ereignis wird als das „Sprachenwunder“ bezeichnet. Gott löste damit alle Hindernisse zwischen den Menschen auf. Er öffnete die Lippen der Apostel und die Ohren der Hörenden. Eine wunderbare Verständigung trat ein, der Geist steckte alle an, und viele wollten sich später taufen lassen.
Der Heilige Geist ist also die Kraft, durch die die Kirche entstand. Er kann Menschen bewegen und ihr Denken erhellen. Er bewirkt neue Einsichten, Mut und Zuversicht. Ängste verschwinden. Wen er ergreift, der kann reden und andere verstehen. Barrieren fallen, es entsteht Gemeinschaft und Liebe. Und das ist mit Sicherheit der schönste Weg, durch den eine Botschaft lebendig wird und Menschen zueinander finden. Er unterscheidet sich von allen menschlichen Methoden, denn es ist der Weg Gottes und sein eigenes Handeln.
Und das muss auch heute geschehen, wenn die Kirche lebendig bleiben soll. Das wünschen wir uns ja. Wir wollen, dass Menschen an Jesus Christus glauben und bei uns mitmachen. Und dafür ist es entscheidend, dass der Heilige Geist in unseren Gemeinden weht und wirkt. Alle anderen Methoden taugen dagegen nichts.
Lassen Sie uns deshalb fragen, wie der Heilige Geist auch zu uns kommen kann. Und dafür ist es gut, wenn wir uns noch einmal vergegenwärtigen, was die Jünger getan haben, bzw. wie ihre Situation war, bevor er kam. In unserer Geschichte steht das nicht, aber wir können es in den vorausgehenden Schilderungen lesen.
Am Ende seines Evangeliums erzählt Lukas nämlich, wie Jesus vor seiner Himmelfahrt zu den Jüngern sagte: „Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.“ (Lk. 24, 49) Und im ersten Kapitel der Apostelgeschichte heißt es in Vers 13 und 14: „Und als sie hineinkamen, stiegen sie hinauf in das Obergemach des Hauses, wo sie sich aufzuhalten pflegten, und waren stets beieinander einmütig im Gebet.“ Das klingt nicht besonders spektakulär, ist aber bedeutungsvoll, denn darin sind drei Dinge enthalten.
Das erste, was die Jünger praktizierten, war Gehorsam und Vertrauen in Jesus. Sie taten, was er ihnen aufgetragen hatte, obwohl sie es wahrscheinlich nicht verstanden. Warum sollten sie in Jerusalem bleiben? Eigentlich war doch alles zu Ende! Doch obwohl sie die Weisung Jesu sicher nicht ganz begriffen, gehorchten sie ihr und vertrauten auf seine Zusage, gegen die Vernunft und besseres Wissen. Das ist das erste.
Als zweites wird erwähnt, dass sie warteten und beteten. Sie gingen auch täglich in den Tempel, wie Lukas erzählt: „Sie waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“ (Lk. 24, 53) So lautet der letzte Satz seines Evangeliums. D.h. die Jünger blieben mit Gott in Verbindung. Sie lebten ihren Glauben und übten ihre Frömmigkeit aus. Sie gaben nicht einfach auf und saßen tatenlos da. Sie hielten ihre Überzeugung lebendig und fanden im Gebet Trost und Zuversicht. Es gab ihnen sicher auch die Geduld, die nötig war, Hoffnung und Freude. Das ist das Zweite.
Und drittens ist wichtig, dass sie zusammenblieben. Auch dafür gab es eigentlich keinen vernünftigen Grund. Realistisch wäre es gewesen, wenn alle in ihr altes Leben zurückgekehrt wären. Aber das taten sie nicht. Sie bildeten eine verschworene Gemeinschaft und hielten sich aneinander fest. Dazu gehörten übrigens auch nicht nur die Jünger, sondern außerdem Frauen, die Jesus nachgefolgt waren. Seine Mutter Maria wird z.B. namentlich erwähnt. (Apg.1,14)
Und all das waren die Voraussetzungen dafür, dass die Kraft des Heiligen Geistes sie ergreifen konnte.
Lassen Sie uns also fragen, was das für unser Leben und für die Kirche bedeutet. Vielleicht kommt es uns beim ersten Hören zu passiv und nichtssagend vor. Gehorchen und Vertrauen, Warten und Beten, zusammenbleiben und sich aneinander festhalten, das tun auch Menschen, denen nichts mehr einfällt. Wir wittern darin schnell eine Verweigerungshalteng: So handeln die Schicksalsergebenen, die, die nichts mehr wollen, keine Ziele und keine Ideen mehr haben. Wer aktiv das Leben gestaltet, muss mehr tun, und wer andere überzeugen und gewinnen will, erst recht. Das ist die übliche Denkweise, der auch wir gern folgen. Deshalb ziehen wir es vor, etwas Konkretes zu unternehmen. Das liegt uns näher. Wir halten nicht viel von Tatenlosigkeit, und so klingt das hier.
Das ist allerdings ein Missverständnis, denn die Jünger waren nicht tatenlos, sie haben sich nur anders verhalten, als wir das natürlicherweise tun. Und damit unterschieden sie sich in wohltuender Weise vom üblichen Muster.
Genau das führt nämlich letzten Endes zu all den Methoden, die ich vorhin aufgezählt habe. Ganz schnell landen wir mit unserem Aktivismus bei Manipulation und Unterdrückung. Wir werden eigenmächtig und sind irgendwann gewaltbereit. Und das entspricht nicht dem, was die Kirche oder das Evangelium im Innersten ausmacht.
Denn unsre Religion ist kein Gedankengebäude, das man übernehmen muss, wenn man Christ sein will. Wir haben auch nicht bloß Gesetze und Moralvorschriften, denen man folgen muss. Jesus ist nicht in erster Linie ein Lehrer oder unser Vorbild. Wenn das so wäre, wären wir in der Tat selber gefordert, seine Ideale zu verwirklichen und andere davon zu überzeugen. Unser Glaube wäre dann eine Ideologie, der wir uns anpassen müssten. Und dann reichte es tatsächlich nicht, einfach nur zu warten und zu beten, bis sie andere ansteckt. Aber all das ist eben nicht der Fall, sondern uns wurde der Geist Jesu Christi geschenkt, und der kann uns in ganz anderer Weise bewegen, als alle eigenen Aktivitäten.
Wir empfangen ihn, wenn wir an Jesus Christus glauben und ihm vertrauen. Er will, dass auch wir auf sein Kommen warten, und das gilt es geduldig zu tun. Christ sein heißt nicht, ich bewege und leiste jetzt etwas, sondern: Ich werde bewegt. Ich lasse Christus in mich hinein. Anstatt selber Macht auszuüben, lass ich eine andere Macht über mein Leben zu.
Und dazu gehört gerade der Verzicht auf alle anderen Methoden. Wir müssen die Vernunft tatsächlich einmal pausieren lassen, unsre Gedanken loslassen und unser Fragen einstellen. Das ist keine Faulheit, sondern eine starke innere Aktivität. Wir widerstehen den natürlichen Antrieben in uns, halten Unsicherheit und Angst aus und erwarten etwas von Gott. Gehorchen und Vertrauen, Beten und zusammen halten, das ist nicht nichts! Es ist ein ganz klares Handeln, zu dem wir uns entscheiden können.
Und es ist ein besonderes Verhalten, weil das nur Menschen tun, die an etwas Großes glauben. Und genau dazu haben wir als Christen einen Grund, denn uns wurde etwas Großartiges geschenkt: Jesus selber ist bei uns durch seinen Heiligen Geist. Er will in uns einziehen und er kann etwas bewirken. Wir müssen ihn nur gewähren lassen.
Möglicherweise ist sein Handeln nicht besonders aufsehenerregend, und es geht auch nicht laut zu. Trotzdem ist es ganz viel, wenn Christus uns seinen Geist schenkt und uns Mut macht. Er erfüllt und befreit uns. Wir werden innerlich warm und ruhig. Und es entsteht Gemeinschaft. Denn wir werden geduldiger miteinander, können zuhören und mitfühlen, uns gegenseitig annehmen und füreinander da sein.
Und das ist der beste Weg, wie wir als Christen in der Welt wirken und auf uns aufmerksam machen können. Lassen Sie uns den deshalb immer wieder beschreiten.
Amen.

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