Es kommt „der Herr, unsere Gerechtigkeit“

Predigt über Jeremia 23, 5- 8: Verheißung eines gerechten Königs

1. Sonntag im Advent, 27.12.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Jeremia 23, 5- 8

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll bein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Liebe Gemeinde.
„Die Populisten sind auf dem Vormarsch!“ das hört man zurzeit immer und überall. Medien und Politiker sind sich darin einig, und sie betrachten dieses Phänomen mit Sorge.
Worum handelt es sich? Der Duden erklärt, dass Populismus eine Politik ist, die sich an die gegebene Lage anpasst, sie dann aber dramatisiert, um die Gunst der Massen zu gewinnen. Sie gibt einfache Antworten auf schwierige Fragen, verhält sich volksnah und leider oft demagogisch. D.h. der Populismus verführt die Menschen mit Hilfe von Versprechungen oder politischer Hetze. Das Volk wird aufgewiegelt, und meist geschieht das im Hinblick auf Wahlen, wie wir es gerade in Amerika verfolgen konnten. Dabei können die Populisten natürlich lange nicht alle ihre Verheißungen hinterher auch erfüllen. Wie der neu gewählte Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump das machen will, darauf sind wir alle gespannt. Es wird nicht leicht für ihn sein, seine Lügen aus dem Wahlkampf nun in seriöse Politik umzusetzen.
In diesem Zusammenhang wird neuerdings gerne auch vom „postfaktischen Zeitalter“ geredet: Die Menschen wählen nicht auf Grund von Fakten, sondern von Gefühlen und Emotionen.
So gesehen, ist auch der Prophet Jeremia ein guter Populist, und er würde die nächsten Wahlen möglicherweise gewinnen.
Wir haben gehört, was er seinem Volk versprochen hat: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“
Das hörten die Juden sicher gerne, denn als Jeremia das sagte, regierte gerade der König Jojakim, und der war alles andere als „gerecht“. „Er tat, was dem Herrn missfiel“, wie es im Buch der Könige über ihn heißt (2. Könige 23,32). Bei Jeremia lesen wir, dass er prunksüchtig war, unschuldiges Blut vergoss, das Volk unterdrückte und Gott verhöhnte. Die Menschen litten unter ihm. (Jer. 22,13-19)
Und es gab noch etwas, das der Bevölkerung Angst machte: Der Feind von Norden, der babylonische König Nebukadnezar war im Anmarsch, um Juda einzunehmen. Es war also eine schlimme Zeit, und die Menschen sehnten sich nach besseren Zuständen, nach Befreiung und Rettung.
Jeremia verspricht sie ihnen. „Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.“ Das sind seine Worte. D.h. die Hilfe ist nahe, bald wird wieder Ordnung und Sicherheit einkehren.
Jeremia nennt auch einen Namen für den, der das bewerkstelligen wird: „Der HERR unsere Gerechtigkeit“, so wird der neue König heißen, und dieser Name ist wie ein Programm: Der Retter wird klug und einsichtig regieren, so dass die Menschen in Frieden leben können. Es wird den Bewohnern des Landes gut gehen, denn dieser König ist treu und ohne dunkle Vorgeschichte. Mit einem Wort: Jeremia verspricht dem Volk ein umfassendes Heil. Er gibt eine einfache Antwort auf schwierige Fragen, und das klingt nach Verführung.
Wenn wir dann noch den Kontext beachten, in dem diese Worte stehen, liegt der Verdacht des Populismus erst recht nahe. Denn vorher und hinterher klagt Jeremia in demselben Kapitel die „falschen Hirten“ an. (Jer.23,1-2.9-40) Damit meint er andere Propheten, die gegen ihn agierten. Er hetzt also auch noch gegen seine Widersacher.
Was sollen wir daher von seinen Versprechungen halten? Sind sie nicht hohl und leer, zumal wir beachten müssen, dass zu seiner Zeit nichts davon wahr geworden ist? Nicht lange nach seinem Auftreten wurde Jerusalem zerstört und Juda erobert. Bis heute warten die Juden auf die Erfüllung. Auf Fakten gründen sie sich dabei nicht. Sie folgen einfach ihrer Sehnsucht und ihren Wünschen. Wenn man so will, akzeptieren sie also den Populismus der Bibel. Warum auch nicht? Sie behalten dadurch ihre Zuversicht und ihre Hoffnung.
Die Christen sind mit diesem und ähnlichen Prophetenworten anders umgegangen. Wir glauben, dass Jesus Christus dieser „gerechte König“ ist. Er ist der Messias, den die Propheten des Alten Testamentes angekündigt haben, in ihm erfüllt sich die Schrift. Das wird an vielen Stellen im Neuen Testament so gesagt. Es ist durchzogen mit sogenannten „Schriftbeweisen“. Das sind Zitate aus der Bibel, die zeigen, dass Jesus genau der Heilsbringer ist, auf den die Menschen warteten.
In der Adventszeit steht dieses Thema im Vordergrund. Da bereiten wir uns auf Weihnachten vor, den Tag der Geburt Jesu, das Fest seines Erscheinens. Die vier vorangehenden Wochen sind also eine Zeit der Vorfreude und der Zuversicht. Denn wir gehen von vorne herein davon aus, dass unsere Hoffnungen erfüllt werden, dass Jesus unser Retter ist.
Doch wie kommen wir eigentlich dazu, das zu glauben? Hat sich durch Jesus denn irgendetwas in der Welt verändert? Wie können wir als Christen diese Auffassung vertreten? Und sehen wir das wirklich alle so? Zweifel sind angebracht, denn durchgegriffen hat Jesus bis heute nicht. Wenn wir wollen, können wir die Verheißungen der Propheten nach wie vor für leere Versprechungen halten.
Wir müssen uns also Gedanken machen und fragen, wie denn das Heil zu verstehen ist, das Jesus angeblich gebracht hat. Das können wir gut in drei Schritten tun.
Zunächst einmal müssen wir beachten, dass das Reich Jesu „nicht von dieser Welt ist“ (Johannes 18,36a). Das hat Jesus selber mehrfach so zum Ausdruck gebracht. Er war schon mit denselben Fragen konfrontiert. Als Pilatus ihn verhörte, wollte der z.B. wissen, ob Jesus denn nun „der König der Juden“ sei. (Johannes 18,33) Und darauf gab Jesus ihm diese Antwort. „Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich nicht den Juden überantwortet würde.“ (Johannes 18,36b) Das ist seine Erklärung, und damit betont er, dass er etwas ganz anderes vertritt, als einen irdischen Frieden oder ein weltliches Heil. Gott hat durch ihn nicht die Welt verändert, sondern er ist in die Welt gekommen. Er hat den Menschen nicht neu erschaffen, seine Freiheit hat er ihm gelassen, wie von Beginn an. Die Menschen sind also weiter verantwortlich für ihr Handeln. Ihre Selbstbestimmung hat Gott ihnen nicht genommen. Es liegt immer noch in ihrer Hand, wie sie leben wollen. Durch Jesus gibt es nur einen neuen Weg, eine andere Möglichkeit zu leben. Wir können durch ihn die Kräfte besiegen, die uns gefangen halten. Das Erscheinen Jesu ist ein neues Angebot Gottes. Er hat mit der Sendung seines Sohnes seine Hand ausgestreckt, um uns bei der Überwindung der Welt zu helfen. Er will aber weiterhin, dass wir mit ihm zusammen wirken. Wir sollen frei bleiben und ihm ähnlich, wie schon von Anfang der Schöpfung an. Wir sind nach wie vor seine „Ebenbilder“. (1. Mose 1,27) Das wirkliche Ende dieser Welt, wie wir sie kennen, und eine vollständige Neuschaffung stehen noch aus.
Das müssen wir als erstes beachten. Wenn sich die politischen und sozialen Verhältnisse durch Jesus also nicht geändert haben, heißt das noch lange nicht, dass er keine Macht hat, sondern diese Macht wollte er gar nicht.
Er wollte stattdessen Glauben wecken, das ist der zweite Punkt. Wer das Heil empfangen möchte, das Jesus gebracht hat, muss sich für ihn entscheiden. Ein Angebot wird nur dann wirksam, wenn wir es auch annehmen, und dazu lädt er uns ein. Wir müssen uns also auf ihn einlassen, und das heißt, dass wir unsere alten Wege verlassen.
Das meiste Unheil in dieser Welt kommt ja von uns Menschen selbst. Machstreben, Prunksucht und Gier führen zu der Ungerechtigkeit, unter der so viel Menschen leiden. Kriege und Zerstörung sind von Menschen gemacht und haben ihre Wurzel in der menschlichen Natur. Die ist leider zum großen Teil verdorben, und davon ist niemand ganz frei. Was sich im Großen abspielt, ereignet sich immer auch im Kleinen, in Familien und Betrieben. Auch wir suchen oft unseren Vorteil, sind neidisch oder eifersüchtig, wollen etwas gelten und auf unsere Kosten kommen. Wir sind auf die weltliche Befriedigung unsrer Bedürfnisse aus, und können nur selten davon Abstand nehmen.
Genau das aber wäre nötig, wenn sich etwas ändern soll, und dazu lädt Jesus uns ein. Er hilft uns auch dabei, denn durch ihn haben wir eine ganz neue Perspektive. Er vertritt ein „Reich, das nicht von dieser Welt ist“, so dass wir in seiner Gegenwart von dieser Welt lassen können. Wenn wir uns auf ihn einlassen, haben wir vieles nicht mehr nötig. Was wir meinten, unbedingt zu brauchen, entpuppt sich als oberflächlich und überflüssig. Wir können mit wenig zufrieden sein, denn seine Gegenwart wirkt in der Tiefe unserer Seele. Dort verändert sich auch etwas durch den Glauben an ihn.
Und diesen Vorgang sollten wir nicht unterschätzen. Es ist ein Prozess, bei dem sich ein echter Machtkampf abspielt. „Der Teufel brächt uns gern zu Fall und wollt uns gern verschlingen all; er tracht‘ nach Leib, Seel Gut und Ehr.“ So drückt der Schüler Luthers, Erasmus Alber es in seinem Adventslied aus. (EG 6,4) Er formuliert deshalb die Bitte: „Herr Christ, dem alten Drachen wehr.“ Er geht davon aus, dass Christus stärker ist, als die Seelenkräfte, die an uns zerren und uns zerstören wollen. Er hat Macht, die Sünde zu besiegen, wir müssen ihn nur walten lassen. Er heilt uns von innen her: Wir werden freier und gelassener, fester und sicherer.
Und damit sind wir bei dem dritten Aspekt, den das Heil Jesu beinhaltet: Es verändert unsere Seele und unser Bewusstsein und damit auch unseren Blick auf diese Welt. Wir gehen anders mit ihr und den Menschen um, die uns begegnen. Wir werden leidens- und widerstandsfähiger, kritischer und klarer. Wir bleiben auch angesichts von Schwierigkeiten zuversichtlich. Wir erwarten unser Glück nicht mehr von dieser Welt, weil wir innerlich alles haben, was wir zum Leben brauchen. Und damit sind wir gut gerüstet. Auf irgendwelche Populisten fallen wir bestimmt nicht mehr herein, weil wir gar nicht darauf angewiesen sind, ihren Versprechungen zu glauben. Sie können uns nicht verführen, weil wir geschützt sind. Wir handeln verantwortlich und brauchen keine Lügen. Und das ist ein ganz großer Beitrag zum Frieden in der Welt. In unsern Herzen beginnt das „Reich der Gerechtigkeit Gottes“ Gestalt anzunehmen, und es kann sich von da ausbreiten.
Und dazu ist die Adventszeit da, dass wir der Macht Jesu den Weg bahnen, in uns und um uns. Konkret heißt das, dass wir uns bewusst vornehmen, gerade in dieser Zeit uns innerlich für die Gegenwart Jesu zu öffnen. Das scheint mit all dem, was wir normalerweise in diesen Wochen so veranstalten, nicht ganz zusammen zu passen, mit unseren Adventsfeiern, Weihnachtsmärkten, Einkäufen usw. Verhindern diese Aktivitäten es nicht, dass wir zu uns kommen, in die Tiefe gehen und uns innerlich neu ausrichten? Auf den ersten Blick sieht das so aus, aber ich glaube, wir müssen uns da keine Sorgen machen. Denn kein Becher Glühwein, kein Lebkuchen und keine Lichterkette kann uns das Heil schenken, nach dem wir uns letzten Endes alle sehnen. Das merken wir auch immer und überall, wir müssen es nur zugeben: dadurch verändert sich in der Tat nichts. Wir brauchen viel mehr, um froh und glücklich zu sein, und mit dieser Sehnsucht können wir jederzeit zu Jesus gehen, und aus jeder Situation heraus uns für ihn entscheiden.
Lassen Sie uns das also tun und es nicht versäumen, dem „Herrn, der unsere Gerechtigkeit ist“, die Türen unseres Herzens zu öffnen.
Amen.

Jetzt ist die Zeit der Gnade

Predigt über Römer 14, 7- 9: Keiner lebt sich selber

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 6.11.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Römer 14, 7- 9

7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Liebe Gemeinde.
„Kehrt um und tut Buße, wenn ihr gerettet werden wollt. Bald geht die Welt unter!“ Solche und ähnliche Sätze hören wir gelegentlich aus dem Mund von selbsternannten Missionaren oder Predigern. Sie stehen an belebten Plätzen und halten leidenschaftliche Reden. Denn sie sind erfüllt von einer Idee oder einer Vision, die sie für absolut wahr halten, und fühlen sich beauftragt, das der Menschheit zu verkünden.
Meistens sind sie davon überzeugt, dass die Endzeit bald heranbricht. Sie wollen die Vorübergehenden wach rütteln und drohen mit schlimmen Strafen, wenn die sich nicht auf die kommenden Ereignisse einstellen. Sie versuchen, Angst und Schrecken zu verbreiten, wollen den Leuten ein schlechtes Gewissen machen und sie einschüchtern. Oft zitieren sie dabei Stellen aus der Bibel und sind angeblich von Jesus Christus ergriffen
Doch meistens hört kaum jemand auf sie. Die Passanten nehmen sie nicht ernst, sondern halten sie eher für leicht verrückt. Wenn sie sich zu ungebührlich verhalten, werden sie sogar von der Polizei abgeführt.
Und mit dem Evangelium haben solche Droh- und Mahnpredigten auch in der Tat nichts zu tun.
Die Menschen, die zur Zeit Jesu und in den ersten Jahrzehnten nach ihm lebten, glaubten zwar ebenfalls an das nahe Ende der Welt, aber sie brachten ihre Botschaft ganz anders zur Sprache. Der Apostel Paulus war einer von ihnen, und in unserem Briefabschnitt für heute kommt sehr schön zum Ausdruck, wie er mit dem Thema umging.
Der Text steht im Römerbrief, und die Sätze sind eingebettet in seine Antwort auf einen Streit zwischen „Starken und Schwachen“ im Glauben (Kap. 14). Die gab es in Rom, und sie verurteilten sich gegenseitig. Paulus ermahnt sie dazu, damit aufzuhören und einander nicht zu richten. Mit den Sätzen, die wir gehört haben, gibt er ihnen dafür einen Grund: Was sie tun, tun sie alles „im Blick auf den Herrn“ (V.6). Ihr ganzes Leben steht unter und in der Gegenwart Christi, dessen Reich bald ganz anbrechen wird. Streitereien um Vorläufiges sind deshalb völlig sinnlos und nichtig. Das ist seine Botschaft, und die weitet er sogar noch auf das Sterben aus. Paulus sagt: „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ Christen leben und sterben nicht im Blick auf sich selbst, sie sind nicht losgelöst und autonom, sondern gehören Jesus Christus. „Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“, sagt Paulus. Mit einem Zusatz erläutert er seine Aussage noch. Er wiederholt den Grund dafür, dass Jesus Christus unsre Bestimmung ist. In seinem ganzen Brief hatte er die Nachricht entfaltet: Christus ist der Herr über Lebende und Tote, er ist die Mitte der Welt und der Sinn des Lebens. Die alte Welt ist im Vergehen, denn mit Jesus Christus hat bereits eine neue Zeit angefangen, und dadurch relativieren sich alle irdischen Vorgänge. Sein Sterben und Auferstehen haben ihr Ziel und ihren Zweck darin, die Menschen zu Gott zurückzuführen. Paulus sagt das so: „Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“
Damit endet unser Textabschnitt und Paulus bringt damit zur Sprache, was ihn bei dem Gedanken an das Ende der Welt erfüllt: Es ist der Blick auf Jesus Christus, der rettet und befreit. Paulus ging also positiv und konstruktiv mit dem Thema um. Er hält auch keine lange Rede, sondern kommt mit wenigen Worten auf das Wesentliche. Und das ist von großer Bedeutung.
Zunächst einmal lädt er alle, die das lesen, dazu ein, an Jesus Christus zu glauben. Sie sollen ihm vertrauen, seine Macht anerkennen, und sich ihm zu eigen geben. Wenn seine große Heilstat, sein Sterben und Auferstehen wirksam werden soll, müssen Menschen sich darauf einlassen und daran glauben. Auch wir werden dazu aufgefordert. Die Sätze enthalten also durchaus eine Mahnung. Doch die ist nicht angstmachend oder bedrohlich, sondern zutiefst befreiend.
Lassen Sie uns deshalb genau nachfragen: Was geschieht, wenn wir diese Botschaft anerkennen und annehmen? Mir sind dazu drei Punkte eingefallen.
Zunächst einmal stiftet dieser Glaube einen tiefen Lebenssinn, und den brauchen wir alle, um im Leben klar zu kommen. Wer keinen Sinn in seinem Leben findet, wird depressiv. Er leidet unter innerer Leere, wird schwermütig und antriebsschwach und ist irgendwann möglicherweise sogar selbstmordgefährdet. Es gibt deshalb auch eine Therapieform, die nach dem Sinn des Lebens fragt, die sogenannte „Logotherapie“. Der österreichische Neurologe, Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor E. Frankl hat sie in den späten 1920er Jahren gegründet. Das Streben nach Sinn ist für ihn die Kraft, die heilen und motivieren kann, die uns zu unsren Handlungen führt und uns ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht. Wenn der Sinn verloren geht, geht der Mensch ein.
Leider geschieht das heutzutage oft. Selbst Menschen, die Arbeit, Familie und Geld haben, können von Sinnlosigkeitsgefühlen befallen werden. Ihnen wird bewusst, dass irgendwann alles vergeht. Sie wissen nicht, wozu sie letzten Endes tun, was sie tun. Und so ganz unrealistisch ist das gar nicht. Denn natürlich können diese Fragen aufbrechen. Unserem Leben fehlt oft die Tiefe, wir sind autonom und damit losgelöst von einem übergreifenden Zusammenhang. Der Boden kann uns entrissen werden und alles gerät ins Wanken.
Und genau da setzt das Evangelium an: Es verkündet uns einen Sinn und eine Grundlage, die weit über unser persönliches Dasein hinausgehen. Es gibt noch etwas viel größeres, als unsere eigenen Ideen. Wir müssen uns gar nicht selber den Sinn unsres Lebens ausdenken, er wird uns vielmehr geschenkt, oder noch anders: Er ist bereits vor uns da und weist deshalb auch über das Sterben hinaus. Wenn wir auf Jesus Christus schauen, bleibt der Sinn unseres Lebens selbst angesichts des Todes erhalten. „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.“
Im Konzentrationslager, am tiefsten Punkt seines Lebens, hat Viktor Frankl diese tiefe Erfahrung gemacht, und in ihr liegt die Wurzel seiner Anthropologie. Er bezieht die geistige Dimension in seine Heilmethode ein, die dadurch die tiefsten und letzten Fragen der menschlichen Existenz berührt.
Das ist der erste Punkt, der sich aus dem Glauben an Jesus Christus ergibt.
Und das bedeutet als Zweites tatsächlich Heilung und Befreiung. Wer das glaubt, dass sein Leben Jesus Christus gehört, der kann immer gelassen und ruhig bleiben. Alles, was sonst zu unsrem Leben gehört, relativiert sich, und dadurch schwinden auch Ängste und Sorgen.
Davon werden wir ja oft heimgesucht. Wir fürchten uns davor, etwas Schönes und Vertrautes zu verlieren, unser Glück oder unsre Heimat. Wir haben Angst, dass wir nicht zum Zuge kommen, krank werden oder erfolglos bleiben, und wir fühlen uns unter Druck. Auch um die Liebe bangen wir oft, dass wir allein bleiben und keiner sich um uns kümmert. Das Gefühl der Einsamkeit nagt an unsrer Seele. Und all das hat eine zerstörerische Macht, es bringt uns an einen Abgrund, in den wir hineinstürzen können. Doch genau davor kann Jesus Christus uns bewahren. Im „Blick auf ihn“ verlieren all diese Bedrängnisse ihren Einfluss. Sie verblassen und verziehen sich, „denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden“. Er ist über alle und alles der Herr. In seiner Gegenwart können wir loslassen, was uns ängstet, und müssen selbst den Tod nicht mehr fürchten. Denn er fängt uns auch im Sterben noch auf. Das ist der zweite Punkt.
Und als drittes überwindet der Glaube an ihn alles Trennende. Wir leiden ja oft unter der Andersartigkeit unserer Mitmenschen, auch die unserer nächsten Familienangehörigen und Verwandten. Sie denken anders als wir, ärgern uns und beengen unseren Spielraum. Es kommt oft zu Konflikten und zum Streit, zu Verwerfungen und Trennungen. Für Paulus war genau das der Hintergrund seiner Aussagen und er wollte die Römer wieder zusammenführen. Er ermahnte sie dazu, nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu beachten. Es spielte keine Rolle, ob jemand schwach oder stark war, alt oder jung, begabt oder unbegabt. Alle „leben dem Herrn“. Wenn sie das beachten und beherzigen, werden die Unterschiede bedeutungslos. Anstatt richtender oder verurteilender Gedanken, regieren im Geist und in der Seele Sanftmut und Geduld.
Das ist die dritte Folge aus dem, was Paulus uns hier mit seinen Sätzen sagt. Seine Botschaft rettet und heilt und verbindet. Er will uns mit dem Glauben an das Ende der Welt keine Angst machen, sondern uns von unsrer inneren Leere, von unseren Ängsten und Konflikten befreien.
Nicht umsonst ist der Textabschnitt in unserer „lutherischen Agende für die Bestattung“ als biblisches Votum am Ende einer Trauerfeier vorgeschlagen, und ich sage das dort am Sarg eines Menschen auch sehr gerne. Selbst wenn bei einem Abschied die Verstorbenen im Großen und Ganzen positiv dargestellt werden, so überschatten immer auch belastende Erinnerungen eine Trauerfeier. Kein Mensch ist vollkommen, und jeder und jede Verstorbene hat in ihrem Leben Fehler gemacht. Auch die Angehörigen sind oft nicht frei von Versagen und Schuld im Miteinander. Dadurch sind in der Stunde des Abschieds ganz verschiedene Gefühle vorhanden. Es gibt kein eindeutiges Empfinden. Das Gedenken ist vielschichtig und manchmal kompliziert.
Und dann ist es gut, am Ende darauf zu vertrauen, dass „unser keiner sich selber lebt und keiner sich selber stirbt.“ Wir erinnern uns nicht nur an den Verstorbenen und an unsere Geschichte mit ihm, sondern besinnen uns auf den, der uns unsere Sünden vergibt, der uns einen festen Grund gibt und unsere Wunden heilt. Alles relativiert sich in seiner Gegenwart. Das hat etwas Tröstendes und Versöhnendes. Dank und Liebe können die Seele erfüllen, Vergebung und Frieden.
Dazu sind wir heute eingeladen, zu einem Leben, das auch angesichts des Endes geborgen bleibt. Wir müssen uns vor nichts fürchten, und niemand muss öffentliche Drohpredigten halten. Denn das Reich Gottes ist nicht etwas Zukünftiges, sondern es ist bereits da. Es ist gegenwärtig und kann uns jetzt erfüllen. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“, wie Jesus in seiner Endzeitrede im Lukasevangelium sagt (Lukas 17,21b). Und auch der Wochenspruch aus dem zweiten Korintherbrief betont das: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.“ (2.Korinther 6,2b) Es gilt also, jetzt für Christus zu leben. Das ist wichtiger als jede Predigt, denn dann wohnt er in uns und verkündet selber: Ich bin da und ich bin über „Tote und Lebende Herr“.
Amen.

Ent-Schuldigung

Predigt über Philipper 1, 3-11: Dank und Fürbitte für die Gemeinde

22. Sonntag nach Trinitatis, 23.10.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Philipper 1, 3- 11

3 Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke –
4 was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden –,
5 für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute;
6 und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.
7 Wie es denn recht und billig ist, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige.
8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund in Christus Jesus.
9 Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung,
10 sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi,
11 erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.

Liebe Gemeinde.
Wann haben Sie das letzte Mal „Entschuldigung“ gesagt? Wir benutzen das Wort ja in ganz verschiedenen Situationen. Oft gehört es zur Höflichkeit. Wenn wir z.B. jemanden nach dem Weg fragen und ihn unerwartet ansprechen, leiten wir das meistens mit „entschuldigen Sie bitte“ ein.
Der eigentlichen Bedeutung des Wortes entspricht das aber gar nicht. Denn die Vorsilbe „ent“ bezeichnet im Deutschen fast immer, dass etwas weggenommen wird, und zwar endgültig. Wenn wir z.B. jemanden „entwaffnen“, nehmen wir ihm alle Waffen ab, wenn wir uns entspannen, löst sich die Spannung, beim „Entlüften“ strömt die Luft aus usw. „Entschuldigen“ bedeutet also, dass eine Schuld von uns genommen wird. Sie war da und wird ausgelöscht. Und darum bitten wir unser Gegenüber, wenn wir „Entschuldigung“ sagen. Wir wollen von unsrer Schuld befreit werden.
Und das hat nicht nur etwas mit Höflichkeit zu tun, sondern dafür kann es sehr gravierende Gründe geben. Oft laden wir ja wirklich Schuld auf uns, wir machen Fehler, enttäuschen und verletzen andere. Ob es absichtlich oder unabsichtlich geschieht, spielt für die Beziehung keine so große Rolle, sie wird auf jeden Fall belastet und gestört. Wir sind auf im Unrecht.
Und das passiert jedem und jeder von uns immer wieder, wenn wir z.B. ein Versprechen nicht einhalten, aus eigenem Interesse den anderen übergehen, unkontrolliert schimpfen, falsche Entscheidungen treffen usw. Das Fehlverhalten steht dann zwischen uns und dem anderen und alle leiden darunter. Es bedarf einer echten Entschuldigung, damit die Dinge wieder ins Reine kommen und wir neu zueinander finden. Die Schuld muss wirklich verschwinden und getilgt werden.
Und genau davon handelt das Evangelium. Sein Hauptinhalt ist die große „Entschuldigung“, die Jesus Christus für uns bewirkt hat. Es enthält die Botschaft von der Gnade Gottes, der uns alle unsre Schuld vergibt und sie von uns nimmt.
Die Menschen in der Gemeinde in Philippi, an die Paulus den Philipperbrief schrieb, haben das verstanden. Die gute Nachricht von der Vergebung Gottes war bei ihnen angekommen, sie hatten „Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute“, wie Paulus sagt. Und dafür bedankt er sich am Anfang seines Briefes. „Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke.“, schreibt er. Das war als Briefanfang damals üblich, aber es ist für Paulus nicht nur eine Floskel. Er freut sich wirklich über die Gemeinde in Philippi. Es war sozusagen seine Lieblingsgemeinde, denn die Menschen dort hatten seiner Verkündigung geglaubt und lebten seitdem in der Liebe, die Jesus Christus ihnen geschenkt hat. Sie waren „erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus.“ Paulus „hatte sie deshalb in seinem Herzen“ und „betete mit Freuden für sie“. Er war „darin guter Zuversicht, dass der in ihnen angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“
Für Paulus war das, was in der Gemeinde in Philippi geschah, also Gottes Werk. Er sah darin seine rettende Macht und seine Treue. Wenn er an die Philipper dachte, setzte er deshalb sein Vertrauen ganz auf Gott, der den Anfang und das Ende „des guten Werkes“ in seinen Händen hat.
Damit deutet Paulus an, dass mit dem Empfang des Evangeliums nicht endgültig alles gut und abgeschlossen ist. Es beginnt vielmehr ein Weg, den die einzelnen nun gehen. Und Paulus war zuversichtlich, dass die Philipper sich auf diesem guten Weg befanden, dass sie im Glauben und in der Liebe wachsen würden. Auch dafür betete er, dass „ihre Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.“ Sie sollten lernen, „was das Beste sei, damit sie lauter und unanstößig sind für den Tag Christi, zur Ehre und zum Lobe Gottes.“
Paulus selber befand sich in Gefangenschaft, als er das schrieb. Sein Leben war bedroht und der Ausgang war ungewiss. Ungerechtigkeit war ihm widerfahren, er litt um des Evangeliums willen. Er hatte es also nicht leicht, aber es tröstete ihn, dass in Philippi Menschen waren, die „an der Gnade teilhatten.“ Er wusste sich mit ihnen verbunden, sie standen zu ihm und beteten ihrerseits auch für ihn. Er hatte also viele ehrliche Gründe Gott zu danken und ihn zu loben. Seine Freude hatte ein tiefes und wesentliches Motiv.
Und damit ist sie eine Einladung an alle, die das lesen, „am Evangelium teilzuhaben“, es ernst zu nehmen und danach zu leben. Christus ist gekommen, um uns zu entschuldigen. Seine Vergebung kann uns heilen und befreien. Gott will uns seine Gnade schenken. Das ist auch für uns eine gute Nachricht.
Doch wie geschieht das nun und wollen wir das überhaupt? Mit der Gnade, der Vergebung und der Entschuldigung ist das ja so eine Sache, denn das kann alles sehr leicht missbraucht werden, und zwar von beiden Seiten, sowohl von demjenigen, der entschuldigt, als auch von denen, die darum bitten.
Viele Menschen wollen gar keinen gnädigen Gott, denn das heißt für sie, dass sie von seiner Gunst abhängig sind. Wer sagt denn, dass Gott nicht willkürlich vorgeht? Wer Gnade walten lässt, hat auf jeden Fall Macht. Er entscheidet, was er tun will. Der Mensch wird klein gemacht durch die Gnade Gottes, er muss sich unterwerfen und wird gedemütigt. Das ist ein Einwand, den wir häufig hören, wenn wir von der Vergebung und der Gnade Gottes reden.
Und umgekehrt kann die Sache mit der Entschuldigung genauso missbraucht werden. Sie ist dann dünn und fadenscheinig. Denn der Mensch, der sich entschuldigt, kann es sich damit auch leicht machen. Wer einen Fehler begangen hat, bittet einfach darum, dass er ihm vergeben wird, dann muss er nicht mehr darüber nachdenken. Er ist höflich und gibt die Verantwortung für seine Taten ab. Er kümmert sich nicht mehr um die Folgen, sondern lässt sich einfach alles verzeihen.
Aber ist das wirklich eine Lösung? Das Wort „Entschuldigung“ ist dann doch nur eine Floskel und wird missbraucht. Wir sagen es aus Bequemlichkeit. Eine tiefere Bedeutung hat es nicht, geschweige denn eine verändernde und heilende Wirkung.
Aber damit werden wir dem Wort wie gesagt nicht gerecht, und so ist das mit der Gnade und der Vergebung im Evangelium auch nicht gemeint. Es geht dort um eine echte Wegnahme der Schuld, und dazu gehört eine ehrliche Bitte.
Das hat Franz von Sales z.B. sehr schön deutlich gemacht, von dem ich gerade ein Buch lese. Er lebte im 16. Jahrhundert und war Bischof von Gent. Seine große Gabe war es, den Glauben so zu vermitteln, dass er im Lebensalltag verwirklicht werden konnte. Dazu gab er viele Anleitungen. Sie sind in seinem Buch „Philothea“ zusammengestellt. Es enthält Briefe an eine verwandte Dame, die ihn fragte, wie sie ein religiöses Leben führen könnte. Seine Antworten gehören neben der Bibel zu den meistgelesenen Büchern des Christentums, denn sie sind an alle gerichtet. Er predigt darin Buße, Demut, Gottvertrauen und Liebe, und er kannte sich seelsorgerlich sehr gut aus. Er wusste, was die Seele alles anstellt, um nicht wirklich in die Tiefe gehen zu müssen. So sagt er an einer Stelle:
„Ich meine deshalb, Philothea, wir sollen entweder überhaupt keine demütigen Worte von uns in den Mund nehmen, oder wenn wir es tun, so tun wir es aus echter innerer Empfindung, so dass aus unsrem Herzen kommt, was wir sagen. Schlage nur nicht die Augen nieder, wenn nicht auch dein Herz sich erniedrigt! Such dir nie den Anschein zu geben, als möchtest du die letzte sein, wenn es nicht so gemeint ist, wenn du dich nicht als die letzte fühlst! Unsere Worte sollen in allem, soweit nur möglich, der Ausdruck unsres Empfindens sein, damit wir lautere, wahrhafte Menschen seien.“ (Franz vonSales, Philothea, Anleitung um religiösen Leben, übersetzt und herausgegeben von Otto Karrer, Verlagsgemeinschaft topos plus, 3. Aufl. 2011, S. 101)
Damit hat Franz von Sales sehr schön und deutlich formuliert: Eine Entschuldigung, die nicht von Herzen kommt, ist nichts wert. Wir müssen also zu allererst wirklich in uns gehen, wenn wir uns entschuldigen. Selbsterkenntnis und Selbstkritik gehören dazu und echte Reue. Wenn wir es nicht fühlen, dass wir etwas falsch gemacht haben, ist es sinnlos, dass wir es thematisieren. Wir müssen zunächst ganz nah bei uns selber sein, uns selber spüren und Schmerz über unser Verhalten empfinden. Erst dann lohnt es sich, etwas zu sagen.
Und genau das ist der Knackpunkt, das fällt uns unendlich schwer. Kaum jemand kann das, und es geht auch nicht einfach so von alleine. Wir brauchen eine Vorgabe, eine positive Motivation, und die wird uns im Evangelium angeboten.
Bevor wir uns nämlich an die Menschen wenden, gegenüber denen wir etwas falsch gemacht haben, können wir zu Gott gehen und uns bei ihm entschuldigen. Denn alles, was wir unseren Mitmenschen antun, tun wir auch ihm an. Mit jeder Schuld werden auch vor ihm schuldig. Doch er wird uns deshalb nicht verurteilen und uns auch nicht klein machen. Im Evangelium wird uns vielmehr ein Gott verkündet, der uns unendlich liebt. Wir sind ihm wichtig, er möchte Frieden mit uns haben und mit uns einig sein. Er hat uns geschaffen, weil er nicht allein sein wollte, und so will er uns auch erhalten. Das hat Johann Jakob Schütz sehr schön in seinem Lied „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ zum Ausdruck gebracht. (Evangelisches Gesangbuch Nr. 326) Er lobt Gott darin als den „Vater aller Güte“. Gott will mit den Menschen gehen, sie in seine Gegenwart hineinziehen und ihnen das Heil schenken. Deshalb vergibt er uns alle unsere Schuld, deshalb ist er gnädig. Seine Güte ist keine Machtausübung, sondern eine Liebeserklärung und ein Gemeinschaftsangebot.
Denn Gott weiß um unsere Unvollkommenheit. Er weiß, dass wir ihm von uns aus nicht gerecht werden können, deshalb fordert er das nicht. In Jesus Christus hat er uns den Zugang zu seiner Wirklichkeit eröffnet, ohne dass wir irgendwelche Bedingungen erfüllen sollen. Wir dürfen hinzutreten und müssen nur an ihn glauben, ihm vertrauen und uns auf sein Gnadenangebot einlassen. Dann entsteht eine lebendige Beziehung zwischen Gott und uns, die unabhängig von unserem Verhalten ist. Wir werden nicht bewertet und nicht verurteilt. Gott können wir alles sagen, was uns belastet, ihm alles bringen, was in unserem Leben nicht stimmt. Er nimmt es von uns und macht uns heil.
Das ist die Botschaft des Evangeliums, und die kann uns motivieren, uns wirklich mit allem zu beschäftigen, was uns an uns selber nicht gefällt, was zwischen uns und einem anderen Menschen steht. Im Glauben an Jesus Christus werden wir fähig, uns selber zu erkennen, unsere Fehler und Schwächen zuzugeben, und das tut in Wirklichkeit unendlich gut. Es tröstet die Seele, „stillt allen Jammer“, wie es in dem Lied von Johann Jakob Schütz heißt. Die Schuld wird wirklich von uns genommen, sie wird ausgelöscht und wir können neu anfangen. Wir werden befreit und selber zur Liebe befähigt. Die Beziehung zu Gott wird wieder hergestellt und so können auch Beziehungen untereinander heilen. Neues Leben wird möglich.
So war es bei den Philippern und nicht umsonst bedankt Paulus sich dafür bei Gott. Es ist ein Grund zum Loben und Preisen, wenn seine Schöpfermacht auf diese Weise unter den Menschen wirkt.
Auch wir können in dieses Lob einstimmen, uns bei Gott bedanken und ihn unser „Leben lang ehren“. So wünscht es sich der Dichter Johann Jakob Schütz. Lassen Sie uns sein Lied deshalb jetzt singen und den Lobgesang an „allen Orten“  hörbar machen.
Amen.

Das Gebot der Bruderliebe

Predigt über Römer 14, 17- 19: Strebt nach dem Frieden

18. Sonntag nach Trinitatis, 25.9.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Römer 14, 17- 19

17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.
18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.
19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Liebe Gemeinde.
Terror und schreckliche Kriege erschüttern zurzeit die islamische Welt. Das ist gar nicht so weit weg, und Menschen aus den zerstörten und bedrohten Regionen fliehen zu uns. So können auch wir uns dem Geschehen nicht entziehen. Dabei macht es uns hier in Europa fassungslos, wie im Namen der Religion und Gottes so viel Blut fließen kann.
Dabei dürfen wir allerdings nicht vergessen, dass es das auch im Christentum immer wieder gegeben hat. Erst 1998 wurde der bewaffnete Konflikt in Nordirland beendet. Er dauerte ungefähr 30 Jahre, also ungefähr genauso lange wie der dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert. Durch ihn wurden ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Und in Teilen Süddeutschlands überlebte etwa nur ein Drittel der Bevölkerung. Einige Regionen brauchten mehr als ein Jahrhundert, um sich von den Folgen zu erholen. Das waren ebenfalls Religionskriege.
Sie sind zwar zum Glück vorüber, aber gespalten ist die Christenheit immer noch. Es gibt heute 350 verschiedene Kirchen oder Gruppen. Und auch wenn sie sich keine blutigen Auseinandersetzungen mehr liefern, von Einigkeit kann keine Rede sein.
Und das gab es bereits zu Lebzeiten von Paulus. Im Grunde genommen schrieb er sogar alle seine Briefe, um irgendwelche Streitigkeiten und Konflikte beizulegen. Es gab viele Irrlehren und entsprechende Auseinandersetzungen. Juden und Griechen vertraten z.B. verschiedene Auffassungen über den Glauben und brachten ihre Sicht der Dinge dann jeweils in die Gemeinden ein.
Hinter dem kurzen Abschnitt aus dem Römerbrief, den wir eben gehört haben, steht ebenfalls ein Streit. Und zwar ging es um das Essen bestimmter Speisen, hauptsächlich um den Verzehr von Fleisch. Es gab verschiedene antike Gemeinschaften, die kein Fleisch aßen und keinen Wein tranken. In Rom gehörte auch eine Gruppe jüdischer Priester dazu. Aus Respekt vor ihrem Ritualgesetz ernährten sie sich vegetarisch, denn sie wollten sich nicht verunreinigen. Ihre Ansichten hatten sich unter den Juden in Rom durchgesetzt und sie waren somit auch in den neuen christlichen Gemeinden gegenwärtig. Die setzten sich ja aus ehemaligen Juden und Heiden zusammen, und damit war der Konflikt vorprogrammiert: Den Heiden, also den Römern, war es fremd, sich bestimmter Speisen zu enthalten, die Juden verachteten dagegen diejenigen, die ohne Bedenken alles verzehrten, was sie gewohnt waren und mochten.
Auf diesen Konflikt geht Paulus mit dem ganzen vierzehnten Kapitel im Römerbrief ein, und er bittet um gegenseitige Toleranz. Diejenigen, die freizügig lebten, ermahnte er, sich nicht für besser oder stärker zu halten. Und diejenigen, die die alten Vorschriften einhalten wollten, sollten die anderen nicht richten. Das führt er in den vorhergehenden Versen aus, und dann schreibt er den entscheidenden Satz:
„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“
Paulus sagt damit, dass es im christlichen Glauben um viel mehr geht, als um „Essen und Trinken“, d.h. verschiedene Speisevorschriften oder Gewohnheiten. Meinungen und Ideen, Überzeugungen und Einstellungen sind zweitrangig. Viel entscheidender ist das „Reich Gottes“. Damit führt Paulus einen Begriff aus den Predigten Jesu an. Jesus verkündete die „Gottesherrschaft“, und damit meinte er eine neue Wirklichkeit. Durch sein Erscheinen und seine Erlösungstat sind die Glaubenden der Macht der Finsternis entrissen und unter die Herrschaft des gekreuzigten und auferstandenen Gottessohnes gestellt. Sie sehen einem völlig neuen Zeitalter entgegen, an dem sie Anteil haben werden. Und dafür gibt es Kennzeichen. Die sind allerdings nicht demonstrativ freimütiges Essen und Trinken, sondern die Herrschaft Christi äußert sich in „Gerechtigkeit, Friede und Freude“. Das sind die Früchte des Heiligen Geistes und gleichzeitig die Ziele eines christlichen Lebens, auf die jeder und jede sich besinnen sollte.
„Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.“, sagt Paulus weiter. D.h. wo diese Tugenden gelebt werden, ist der allmächtige Gott in der Gemeinde gegenwärtig. Es kommt dem Apostel sehr darauf an, dass die Christen ein Beispiel abgeben, das auf die Ungläubigen nicht abschreckend, sondern einladend und einleuchtend wirkt.
Entsprechend fährt er fort, dass die Christen dem „Frieden nachstreben“ sollen, d.h. sich nach Kräften darum bemühen. Gleichermaßen sollen sie sich gegenseitig „erbauen“. Dieses Wort benutzen wir kaum noch. Es steht im Urtext aber da und es ist auch sehr aussagekräftig. Wörtlich heißt es, „ein Haus bauen“, und damit ist überhaupt „errichten, aufbauen, befestigen“ oder „wiederherstellen“ gemeint. Und das ist ein schönes Bild. Die Gemeinde ist wie ein Haus, an dem alle gemeinsam bauen. Wenn sie sich streiten, kann es nicht gelingen, es bekommt keine Festigkeit und stürzt möglicher Weise ein. Nur wo jeder und jede seinen und ihren Platz einnimmt, ihre Aufgaben erfüllt und alle sich gegenseitig anerkennen, respektieren und wertschätzen, kann das Haus Bestand haben. „Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“ So lautet der letzte Satz aus unserer Epistel.
Und das sind sehr schöne Ermahnungen die auch uns guttun. Lassen Sie uns also fragen, wie wir sie umsetzen können. Dabei ist es gut, wenn wir zunächst zugeben, dass wir keineswegs frei davon sind, unsere eigene Meinung für die beste zu halten. Das durchzieht unser ganzes Denken und Handeln. Es ereignet sich nicht nur in der Weltpolitik und den großen Zusammenhängen, sondern in unseren Familien, Betrieben und Gemeinden, überall wo Menschen zusammen kommen und eigentlich gemeinsam etwas aufbauen wollen. Wie oft scheitert das an den verschiedenen Auffassungen, daran, dass einzelne sich zu wichtig nehmen, die anderen unter Druck setzen, sie abschrecken, ärgern und letzten Endes vertreiben. Sicher meint jeder Einzelne es gut, er oder sie möchte etwas verändern, etwas erreichen, und meint, dafür muss er den anderen zurechtweisen, ihn überzeugen und dazu bewegen, dasselbe zu tun. Was er für gut hält, gilt für alle und wird an sie herangetragen. So läuft es wie gesagt fast überall.
Doch so geht es nicht, sondern genau da liegt die Wurzel für alle Streitereien und Zerwürfnisse, für Kriege und blutige Auseinandersetzungen. Ob sie sich im Großen oder im Kleinen ereignen, in Familien oder Gemeinden, unter Religionen oder Völkern, alle haben sie ihren Ursprung darin, dass ein Mensch oder ein Gruppe die anderen verändern möchten. Wie kommen wir darüber also hinweg?
Das müssen wir uns fragen, und dazu habe ich in der Zeitung vom letzten Wochenende eine schöne Bemerkung gelesen. Sie stand in einem Artikel von Lamya Kaddor, einer Deutschen mit syrischer Herkunft. Sie ist muslimische Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin und sie zitierte ein islamisches Sprichwort, das lautet. „Willst du dein Land verändern, verändere deine Stadt. Willst du deine Stadt verändern, verändere deine Straße. Willst du deine Straße verändern, verändere dein Haus. Willst du dein Haus verändern, verändere dich selbst.“ Wir müssen also bei uns selbst anfangen, bei unserem eigenen Denken und Verhalten, in unserem Geist und unserer Seele.
Und dabei sind wir auch nicht auf uns allein gestellt. Das ist die frohe Botschaft, die Paulus für uns hat. Wir haben den Geist Christi empfangen. Christus ist auferstanden, er sitzt zur Rechten Gottes und das heißt, sein Reich ist da und es ist mitten unter uns. Er möchte, dass wir da eintreten, ihn erkennen und seine große Macht spüren, dass wir ihm „dienen“ und an seiner Herrschaft Anteil haben. Dann kann er mit seinem Geist unser Herz und unser Denken durchdringen. Das ist das große Geschenk, das wir bekommen haben, daraus folgt alles Weitere. Durch Christus werden wir von uns selber befreit und fähig, die anderen anzunehmen, sie so zu lassen, wie sie sind, sie gewähren zu lassen und zu respektieren. Es entstehen „Gerechtigkeit, Friede und Freude“.
Und wie das vor sich geht, wird deutlich, wenn wir diese drei Begriffe näher betrachten. Lassen Sie uns das deshalb zum Schluss tun:
Zur „Gerechtigkeit“ gehören Klarsicht und eine innere Freiheit. Wir halten uns fern von vorschnellem Richten, denn wir gehen davon aus, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Wenn sie etwas tun, das uns fremd ist, fragen wir zunächst einmal gründlich nach, versuchen, sie zu verstehen und versetzen uns in sie hinein. Wir wägen ab, anstatt zu bewerten. Wir fühlen uns mehr der Gemeinschaft verbunden und verpflichtet, als unseren eigenen Ideen. Das ist die erste Frucht, auf die wir immer aus sein sollten. Sie überwindet Gräben und Konflikte, schlichtet und führt zum „Frieden“.
Das ist das zweite Stichwort von Paulus. Es bedeutet, dass alle Zwietracht zum Erliegen kommt. Die unterschiedlichen Positionen und Denkmuster verblassen, wir finden ganz neu zueinander. Es entsteht so etwas wie ein neues Haus, denn nun bauen wir an einer Sache. Das Miteinander und die Gemeinschaft werden gestärkt. Und wenn wir uns lange genug darin üben, kommt es sogar zur Harmonie, zu einem „Wohlgefallen vor Gott und zur Achtung bei den Menschen“.
Und das führt „Freude“ mit sich, das ist das dritte Stichwort, das Paulus hier erwähnt. Darin schwingt eine heitere Gelassenheit mit, Dankbarkeit und Lebendigkeit. Schwere Auseinandersetzungen haben neben der Freude keinen Platz mehr. Sie werden verdrängt und weichen einer stärkeren Aussage. Wo Freude ist, ist Leben und Kraft. Wir lachen und singen, sind glücklich und jubeln.
Diese drei Lebensäußerungen sind das Entscheidende an unserem Glauben: Er führt uns zur „Gerechtigkeit“, zum „Frieden“ und zur „Freude“. Unsere Sehnsucht danach kann gestillt werden.
Und die haben wir alle. In seinem Innersten verabscheut denke ich jeder Mensch den Krieg und den Streit, denn er führt unsägliches Leiden und Sterben mit sich. Wir wollen viel lieber Eintracht und Frieden. Es gilt deshalb, uns auf den zu besinnen, der allein uns einen kann, auf Jesus Christus und seinen Heiligen Geist. Ihn können wir in uns hineinlassen und uns von ihm ergreifen lassen. Er kann uns von innen her verändern, so dass sich dadurch unser Haus, unsere Straße, unsere Stadt und letzten Endes auch die Welt verändert. Amen.

Sieghafter Glaube

Predigt über Römer 10, 9- 17: Gerechtigkeit kommt allein durch den Glauben

17. Sonntag nach Trinitatis, 18.9.2016, 9.30 Uhr
Lutherkirche Kiel

Im Gottesdienst wurde ein Kind getauft. Der Vater, den ich persönlich kenne, hatte im Vorgespräch die philosophisch-theologischen Fragen gestellt, auf die ich mit der Predigt versucht habe, zu antworten.

Römer 10, 9- 17

9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.
10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.
11 Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.«
12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.
13 Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!«
16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?«
17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Liebe Gemeinde.
„War die Henne zuerst? oder war das Ei vor der Henne?“ So sinnierte Goethe über das sogenannte „Henne-Ei-Problem“. Bereits in philosophischen Erörterungen in der Antike spielte es eine Rolle und wurde im Laufe der Zeit eine Redefigur. Sie steht für die Frage nach der Ursache einer Wirkung. Oft hängen die ja voneinander ab, sie sind wechselseitig, und dann lässt sich der ursprüngliche Auslöser vermeintlich nicht ermitteln. Philosophen und Theologen denken trotzdem immer wieder über dieses Problem nach. Es ist die Frage nach einem „letzten Grund“ für alles.
Man kann sie auch auf den Glauben an Gott anwenden, dann lautet sie: Was war zuerst da, der Glaube oder Gott? Wo liegt die Ursache für unseren Glauben, in uns selber oder bei ihm? Könnten wir überhaupt an ihn glauben, wenn es ihn nicht zuerst gäbe? Oder gibt es Gott nicht mehr, wenn keiner mehr an ihn glaubt?
Man kann darüber ins Grübeln und Zweifeln geraten, denn eine befriedigende Antwort findet man wahrscheinlich nicht, und es wird wohl auch immer beide Positionen geben: Die einen sagen, es gibt im Menschen einen göttlichen Funken, der sich zu ihm hinwendet, und der ist der Ursprung des Glaubens. Die andern sagen, es hängt allein von Gott ab, wenn der Mensch an ihn glaubt, er offenbart sich ohne menschliches Zutun und bleibt deshalb auch ohne die Menschen weiter anwesend.
In unserer Epistel von heute geht Paulus mit dieser Frage um und er zeichnet eine eindeutige Kausalkette. Für ihn war die Sache klar: Der letzte Grund für alles ist Gott.
Der Abschnitt gehört zum zehnten Kapitel im Römerbrief. Paulus setzt sich darin mit seinen jüdischen Glaubensbrüdern auseinander, und zwar geht es um die „Gerechtigkeit vor Gott“. Das ist ein wichtiger Begriff im Alten Testament und bedeutet, dass ein Mensch von Gott als gerecht angesehen wird. Und das war die Voraussetzung für seine Rettung. Die Gerechtigkeit war notwendig, um das Heil zu empfangen, das von Gott kommt, um von ihm geliebt und gesegnet zu werden. Nur der Gerechte wird leben, das war die jüdische Überzeugung. Und die Gerechtigkeit kam aus dem Gesetz. Wer das einhält, wird von Gott gerecht gesprochen.
Das Tun des Menschen ist also die Ursache, Gottes Handeln die Wirkung. So sahen es seiner Meinung nach die Juden. Sie fühlten sich auch bevorzugt, denn nur ihnen war das Gesetz gegeben worden. Alle die es nicht kannten, waren ausgeschlossen. Paulus erwähnt in unserem Abschnitt ja die Griechen. Sie galten aus der Sicht des Alten Testamentes als Heiden, die das Heil nicht empfangen.
Und dagegen setzt er seine Überzeugung: Er nennt als Wirkung ebenfalls die „Gerechtigkeit vor Gott“, aber die Ursachen verfolgt er rückwärts bis zu einem Grund, der eindeutig nicht menschlich, sondern göttlich ist: Es ist „das Wort Christi“. Christus spricht und so gibt es diejenigen, die an ihn glauben. Sie predigen sein Wort, tragen es in die Welt und andere können es hören. Aus dem Hören entsteht dann neuer Glaube, der Glauben bewirkt das Bekenntnis und die Anrufung Gottes, und dadurch wird der Mensch gerecht und gerettet. Vor allem menschlichen Tun stehen also der Ruf Christi und seine Gegenwart. Durch die Auferstehung lebt und regiert er in Ewigkeit, und das ist der letzte Grund, aus dem alles andere hervorgeht. Der Unterschied zwischen Griechen und Juden wird damit hinfällig, genauso wie alle anderen menschlichen Voraussetzungen. Denn „es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.“ Christus ist für alle da und das wird immer so bleiben, ob mit oder ohne die Menschen.
In unserer liturgischen Tradition bekennen wir das mit dem Satz, „wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit.“ Er taucht am Ende vieler Gebete auf. Und damit verwandt ist die Formulierung: „Jesus Christus ist der Anfänger und Vollender des Glaubens.“ Das ist das Evangelium, die „frohe Botschaft“: Es gibt einen unverfügbaren Grund für unseren Glauben, auf den wir keinen Zugriff haben. Er ist völlig unabhängig von unserem Denken und Tun, frei und souverän. Und das ist eine „gute Nachricht“, denn sie bedeutet, dass es etwas gibt, das diese Welt und unser Dasein überwindet, einen Sieg über alles Vorläufige und Vergängliche. Durch den Glauben kommen wir damit in Berührung und gewinnen an diesem Sieg Anteil. Er hebt uns heraus aus der Welt und gibt uns einen tragfähigen Grund.
Das ist die Antwort des Paulus auf die Frage, ob wohl zuerst Gott oder unser Glaube da war. Für ihn ist es ganz eindeutig Gott. Und es lohnt sich, wenn wir uns seiner Sicht der Dinge anschließen und tun, was er sagt: „Mit unserem Munde bekennen, dass Jesus der Herr ist, und in unserem Herzen glauben, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat. Dann werden wir gerettet.“
Lassen Sie uns also fragen, was das für unsere Lebensführung bedeutet. Wie kommen wir dazu und wie wirkt es sich aus?
Bei Paulus steht als erste Regung des menschlichen Geistes das „Hören“ auf das Wort: Christus spricht und wir müssen hinhören. Doch wo tut er das und wie vernehmen wir sein Wort? Paulus erwähnt die Predigt, also andere Menschen, die bereits glauben und darüber reden. Doch das allein reicht nicht. Ihre Worte können verhallen, diese Möglichkeit erwähnt Paulus auch. Zum Hören gehört immer das Aufmerken, eine Wachsamkeit und ein Sich-öffnen. Wir müssen damit rechnen, dass Christus spricht, und uns darauf einstellen. Sein Wort kommt auf noch vielen anderen Wegen an unser Ohr und unseren Geist, überall und immer wieder kann es erklingen: beim Lesen in der Bibel, bei der Meditation und beim Gebet, beim Spazierengehen oder einem schönen Erlebnis. Möglicherweise hören wir seine Stimme eher selten, das ist wahrscheinlich unsere Erfahrung. Doch das liegt nicht daran, dass er nicht spricht, sondern daran, dass andere Stimmen lauter sind. Wir müssen den Lärm einmal abstellen, auch den Lärm in unseren Gedanken, uns Zeit nehmen und geduldig sein. Zum Hören gehören Ruhe und die Fähigkeit, abzuwarten.
Doch wenn wir die aufbringen, können wir das Wort Christi vernehmen und es lädt uns zum Glauben ein. Das ist der zweite Schritt, den Paulus erwähnt. „Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.“ Diesen Satz zitiert er dafür aus dem Buch des Propheten Jesaja.
Und das heißt, wir müssen uns auf Christus einlassen, eine Beziehung zu ihm herstellen, die hauptsächlich aus Vertrauen und Hingabe besteht. Dazu gehört Loslassen und sich selber zurücknehmen.
Der Gedanke, dass Gott möglicherweise nicht mehr existiert, wenn keiner mehr an ihn glaubt, kommt aus unserem autonomen Denken. Wenn es so wäre, hieße das, dass wir über Gott verfügen, dass wir die Kontrolle behalten und alles bestimmen. Das tun wir gerne, so ist unser Leben heutzutage angelegt, es ist Ausdruck des modernen Zeitgeistes. Doch anstatt da heraus an Gott zu zweifeln, können wir auch unser Denken und Grübeln einmal anzweifeln. Lohnt es sich überhaupt? Ist es wirklich sinnvoll? Beim Glauben geben wir es ansatzweise auf, lassen es los und wagen etwas. Der Glaube ist wie ein Sprung ins Ungewisse, bei dem wir uns darauf verlassen, dass wir getragen werden, ohne es vorher zu wissen. Nicht der Kopf entscheidet sich dafür, sondern das Herz oder die Seele. Und er ist auch kein Gedanke und keine Ideologie, sondern ein Lebensvollzug.
Konkret äußert er sich in der Anrufung Christi: „Wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden“, sagt Paulus. Glaube und Gebet gehören zusammen, denn das Gebet ist ein Ausdruck dafür, dass wir uns auf Gott verlassen und mit ihm rechnen.
Und das ist wohltuend und heilsam. Es entspannt und befreit, wenn wir uns das trauen. Die Hingabe und das Loslassen sind nicht nur ein Verzicht, sondern auch eine Erleichterung. Und obwohl sie nicht in erster Linie eine Verstandesleistung sind, so wird unser Verstand doch davon angerührt: Klarheit und Licht ziehen ein. Wir merken, wie überflüssig viele Grübeleien sind. Wir werden einfach und froh. Darin besteht das Heil das Paulus meint. Das ist .„der Sieg, der die Welt überwindet“ (1. Johannes 5, 4c)
Wer ihn erlebt, kann gar nicht anders, als selber zu „predigen“. Das ist der dritte Schritt. Ein solcher Glaube führt zum Bekennen, zur Einladung an andere, denselben Weg zu gehen. Paulus sagt: „Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“ Es gehört zu unserem Glauben, dass wir ihn weitersagen und allen Menschen die Freude gönnen, die wir gefunden haben. Wir werden sogar zu ihnen gesandt, und das ist schön. Paulus erinnert daran mit den Worten: „Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!“
Und damit sind wir nun auch bei der Taufe von Jan. Ihr beide, Janusz und Kerrin, seine Eltern, habt euch dafür entschieden, und damit tut ihr genau das, was Paulus meint: Ihr legt einen unverfügbaren Grund in sein Leben, der ihn retten kann. Jan ist ja noch ganz klein, d.h. er selber trägt jetzt nichts dazu bei, dass Christus in sein Leben kommt und sich mit ihm verbindet. Die Taufe geht seinem Glauben vorweg und ist somit ein Ausdruck für die gute Nachricht, dass Christus der Anfänger seines Glaubens ist.
Und mit dem Taufspruch von Jan sagt ihr ihm, was dann folgt. Er ist ebenfalls ein Wort aus einem Paulusbrief, nämlich aus Epheser fünf. Es heißt dort: „Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Epheser 5,8b.9) Jan bekommt heute die Zusage, dass er in das Licht Christi hineingestellt wird. Ob er danach leben will, muss er selber irgendwann entscheiden. Ihr könnt ihn aber durch euer „Bekennen“ und „Predigen“ dahin führen. Dann wird er selber eines Tages daran glauben und die Früchte ernten: „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“. D.h. er wird gerettet und empfängt das Heil Gottes.
Die Frage, ob es Gott noch gibt, wenn keiner mehr an ihn glaubt, wird im Neuen Testament nicht gestellt. In der ganzen Bibel gilt vielmehr das Gegenteil: Wenn Gott nicht wäre, gäbe es auch kein Leben auf der Erde, keine Menschen und keinen Glauben. Nicht wir müssen ihn ergreifen und am Leben erhalten, sondern er ergreift uns und schenkt uns alles, was unser Dasein ausmacht. Er ist der Grund, aus dem alles andere hervorgeht, und es ist der Glaube daran, der uns rettet.
Amen.

Wir sind Kinder Gottes

Predigt über Römer 8, 14- 17: Das Leben im Geist

14. Sonntag nach Trinitatis, 28.8.2016, 11 Uhr, Jakobikirche Kiel

Im Gottesdienst wurden Artur und Stefanie, ein zweijähriges Kind und seine Mutter getauft.

Römer 8, 14- 17

14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden,
damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

 

Liebe Gemeinde.
Ein Kind wird normalerweise von seinen Eltern angenommen und geliebt. Bei Artur ist das auf jeden Fall so, er ist ja auch ein Wunschkind und Sie freuen sich jeden Tag an ihm. Er ist das Wertvollste, was Sie haben, aber er muss das nicht beweisen. Sie haben ihn einfach sehr gern. Seine Daseinsberechtigung ist an keinerlei Bedingungen geknüpft, er muss nichts leisten, um von ihnen ins Herz geschlossen zu werden. Er muss noch nicht einmal besonders brav sein. Sie mögen auch seine Eigenwilligkeiten und wenn er sich mal durchsetzen möchte. Denn das zeigt, dass er gesund und munter ist und bereits jetzt eine kleine Persönlichkeit. Sie verbieten ihm nicht seine eigene Meinung, er soll sich Ihnen nicht völlig anpassen. Im Gegenteil, je selbständiger er sich verhält, umso mehr Freude bereitet er Ihnen.
So ist das mit Kindern immer, wenn das Verhältnis zu ihren Eltern ungestört und schön ist, wenn sie gewollt sind und in Frieden aufwachsen.
Das hatte auch schon Paulus vor Augen. Er benutzt die Kindschaft deshalb als ein Bild, mit dem er unser Verhältnis zu Gott beschreibt. Er sagt: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“
Mit diesem Vers beginnt unsere Epistel von heute. Sie ist ein Teil aus Römer acht, dem Kapitel, in dem Paulus das „Leben im Geist“, d.h. das Leben als Christ oder Christin beschreibt. Dabei greift er auf biblische und frühjüdische Überlieferungen zurück, und zwar denkt er an die Zusage für den Messias. Er wird „Sohn Gottes“ (2. Samuel 7, 1-14) genannt werden, d.h. Gott wird für ihn wie ein Vater sein. In Christus hat sich diese Zusage erfüllt, davon ist Paulus überzeugt. Und alle, die an ihn glauben, werden dadurch ebenfalls zu „Söhnen“, bzw. „Kindern Gottes“. Durch Tod und Auferstehung Christi hat Gott seinen Geist auf alle Christen ausgegossen. Jetzt können sie gemeinsam mit Jesus Christus Gott mit „Abba“ anreden, das heißt „lieber Vater“, oder sogar „Papa“. Jesus hat das als erster getan, so vertraut und persönlich war sein Verhältnis zu Gott. Wer an ihn glaubt, darf das ebenfalls, denn er hat Anteil an der Gottessohnschaft Jesu.
Und das heißt weiter, dass er frei ist. Er muss vor Gott keine Angst haben, wie etwa ein Sklave vor seinem Herrn. Paulus sagt das so: „Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: „Abba, lieber Vater!“
Uns wird hier also zugesagt, dass wir als Christen vom Geist Gottes erfüllt sind und das Erbe empfangen, das Gott den Vätern des alten Bundes versprochen hat. Allerdings heißt das nun nicht, dass wir frei von allem Leid sein werden. Es geht Paulus nicht um ein innerweltliches Heil oder ein materielles Erbe. Das wünschen wir uns zwar oft, aber so ist es leider nicht. Im Gegenteil, die „Miterben Christi“ werden auch „mit ihm leiden“. Das fügt Paulus noch an. Der Weg Christi führte durch den Tod in die Auferstehung. Denn was er uns schenkt, ist ein ewiges Erbe, d.h. eine kommende Erlösung, die wir durch die Leidensgemeinschaft mit Christus erlangen. Wir leiden und sterben mit Christus, damit „wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden“.
Und das alles geschieht bei der Taufe. Da wird ein Mensch mit Christus verbunden und zu seinem Kind, er wird Erbe der ewigen Verheißung. Das gilt also auch für Sie beide, Stefanie und Artur Vullriede. Lassen Sie uns deshalb fragen, was das bedeutet und wie sich Ihr Leben dadurch gestaltet bzw. verändert. Wir können uns das gut in drei Schritten klar machen.
Zunächst betonen wir, dass wir Kinder Gottes sind, d.h. für Christen gilt dasselbe wie für alle Kinder: Wir müssen Gott nichts beweisen. Oft denken wir ja, dass wir nur dann gute Christen sind, wenn wir Gott auch entsprechend dienen. Paulus benutzt nicht umsonst das Bild vom „Knecht“ oder „Sklaven“ als Gegenbeispiel. Er kennt die Gefahr, dass sich in den Glauben immer wieder ganz leicht die Vorstellung mischt, dass Gott uns als seine Knechte sieht: Er will, dass wir seinen Willen tun, er ist streng und fordernd, wir haben Angst vor ihm und fühlen uns unter Druck. In vielen anderen Bezügen unsres Lebens ist das ja so, es ist von Leistungsdruck und Furcht durchzogen. Und so übertragen wir dieses Gefühl auch auf Gott.
Doch so ist es bei ihm nicht. Wir sind nicht seine „Sklaven“, sondern seine „Kinder“, und das heißt, dass wir sein dürfen, wie wir sind, dass wir so geliebt werden, wie wir sind, dass wir ohne Bedingungen angenommen werden. Gott möchte, dass unser Leben gelingt, so wie Eltern das ihren Kindern wünschen. Er hat ein Bild von uns, das sich entfalten soll, und dafür ist die absolute Daseinsberechtigung der Wurzelboden. Und die schenkt Gott uns durch seinen Sohn Jesus Christus und die Taufe.
Es ist also vor allen Dingen die Liebe, die Gott wichtig ist. Sie bestimmt unser Verhältnis zu ihm. Das bringt auch Ihr Taufspruch zum Ausdruck, Stefanie. Er steht im ersten Brief des Paulus an die Korinther im 13. Kapitel und lautet: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor.13,13) Das ist das erste, was in einem christlichen Leben wichtig ist: die Liebe Gottes zu uns und unsere Liebe zu ihm. Und natürlich wirkt die sich auf unser Miteinander aus: Auch unser Zusammenleben kann frei von Angst und Unterdrückung sein, wenn wir uns Christus anvertrauen.
Doch dass wir Kinder Gottes sind, bedeutet noch mehr. Das wird klar, wenn wir die Betonung auf Gott legen, denn das heißt, dass wir nicht nur Kinder von Menschen sind. Jeder von uns ist ein Traum Gottes. Gott wollte uns, wir sind seine Wunschkinder. Wir können uns vorstellen, dass wir ein Wort von ihm sind. D.h. es gibt etwas, das er nur in uns spricht, wir sind unverwechselbar und einzigartig, und unsere Aufgabe ist es, dieses unverwechselbare Wort Gottes in uns zu entdecken. Das gibt uns eine unantastbare Würde und zugleich eine große Freiheit, die Freiheit von den Erwartungen und Ansprüchen anderer Menschen, die Freiheit von Bildern, die wir und andere uns gerne überstülpen möchten. Auch der Sinn unsres Lebens ist frei von jedem Zwang. Wir müssen die Frage, wer wir sind und sein wollen, nicht immer wieder neu stellen und Antworten darauf finden. Wir haben eine bleibende Bestimmung, denn wir sind Kinder des Himmels und nicht nur Kinder dieser Erde. Wir haben in uns einen göttlichen Kern. Paulus sagt: „Der Geist Gottes treibt uns“, d.h. wir sind von Gottes Geist durchatmet, oder anders ausgedrückt: Wir atmen die Weite des Himmels trotz der Erdenschwere, die uns manchmal festzuhalten droht. Wir haben eine Bestimmung, die unser Tagesgeschäfte übersteigt. Wir lassen uns nicht einfach einspannen, denn in uns ist etwas, das keiner menschlichen Herrschaft unterliegt. Als Kinder Gottes sind wir frei wie die Vögel des Himmels. Keiner kann uns festhalten. Und das heißt, wir sind vor Traurigkeit und Angst geschützt, wir finden immer wieder den Mut und das Vertrauen zum Leben, das wir brauchen.
Paulus verbindet diese Botschaft mit der Einladung, zu Gott „Abba, lieber Vater“ zu sagen. Das hatte für ihn einen positiven Klang. Heutzutage ist das leider nicht mehr selbstverständlich. Oft entziehen sich die Väter ihrer Verantwortung oder sie sind nicht gut zu Ihren Kindern. Doch so soll es nicht sein, das wissen wir alle, und wir freuen uns, wenn ein Vater mit seinem Kind zusammenlebt und es liebt. Bei Artur ist das zum Glück so. Er hat einen Vater, der für ihn da ist, der ihm Vertrauen ins Leben schenkt, ihm Mut macht, etwas zu wagen. Artur kann sich bei ihm anlehnen und Halt finden. Das gilt natürlich genauso für eine Mutter. Wir können uns hier auch die Eltern vorstellen.
Und selbst wenn wir nicht alle die Erfahrung gemacht haben oder machen, dass sie uns lieben, so steckt doch in jedem von uns eine Ahnung von dem positiven Vater- oder Mutterbild. Es ist dem menschlichen Herzen als Urbild eingeschrieben. Jeder und jede hat eine Sehnsucht nach dem Vater und der Mutter, von der er oder sie sich verstanden fühlt, in deren Nähe er sein Leben anpacken und wagen kann. Jesus lädt uns ein, Gott so zu sehen, dieses Bild auf ihn zu übertragen und ihn „lieber Vater“ zu nennen. Vor Gott können wir unsere Sehnsucht zulassen. Sie bleibt keine Illusion, kein Wunschbild, sondern wird wahrhaftig erfüllt. Gott ist unser Vater, der uns zutiefst versteht, der uns herausfordert, der uns etwas zutraut, der uns Lust am Leben schenkt. Wir müssen ihn im Heiligen Geist nur „lieber Vater“ nennen und zu ihm beten, dann können wir etwas erahnen von der tiefen Geborgenheit, die er uns schenkt, von dem Gefühl, zu Hause zu sein. Wir finden zu einer vertrauensvollen Zustimmung zu allem, was ist. Das ist der zweite Punkt.
Und als drittes ist wichtig, dass wir mit der Gotteskindschaft „Erben“ der ewigen Verheißung werden. Unsere Bestimmung und der Sinn unseres Lebens gehen weit über diese Zeit hinaus. Sie umfangen nicht nur die Lebensspanne, die wir hier auf der Erde haben, sondern sind in eine unbegrenzte Zukunft gerichtet. Denn wir haben Teil am Tod und an der Auferstehung Christi.
Und das ist wichtig, denn wir werden – wie gesagt – nicht automatisch vor allem Leid bewahrt, wenn wir „Kinder Gottes“ sind. Auch dem leiblichen Tod kann am Ende niemand entkommen. Wir werden wie Christus leiden und sterben. Aber wenn wir es mit ihm tun, werden wir auch mit ihm auferstehen, und das heißt, wir gewinnen etwas, das durch nichts ausgelöscht werden kann: Wir gewinnen die Ewigkeit.
In dem Taufspruch, den Sie für Artur ausgesucht haben, kommt dieser letzte Gedanke sehr schön zum Ausdruck. Er steht in Psalm 23 und lautet: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“ (Psalm 23,6) Dieses Wort stammt aus dem Psalm über den guten Hirten. Mit ihm bekennt ein Beter sein Vertrauen zu Gott. Er weiß, dass er das braucht, denn sein Weg führt ihn nicht nur durch helle Landschaften. Es wird auch dunkle Täler geben, Feinde, die ihm das Leben schwer machen. Doch selbst wenn das passiert, wird das „Gute ihm folgen“. Die „Barmherzigkeit“ Gottes wird nie weit entfernt sein, denn Gott geht ihm nach und verliert ihn nicht aus den Augen. Das Leid wiegt deshalb nie so schwer, dass es ihn erdrückt oder auslöscht. Er geht da hindurch wie durch „ein finsteres Tal“ (Psalm 23,4), an dessen Ausgang wieder das Licht steht. Und am Ende des Lebens wird er für alle Zeiten bei Gott sein. Das „Bleiben im Haus Gottes“ ist ein schönes Bild für die Ewigkeit, die den Gläubigen und Getauften versprochen wird.
Und das ist eine großartige Perspektive. Selbst der Tod kann den Christen nichts anhaben, wir sind „Kinder Gottes“ in Ewigkeit. Durch den Tod und Auferstehung Christi haben wir den Geist empfangen, der uns lebendig macht. Wir müssen nur immer wieder zu Gott rufen und dürfen ihn dabei ihn „lieber Vater“ nennen.
Amen.

Bei der Vorbereitung habe ich mich von Anselm Grün inspirieren lassen und ihn teilweise sogar zitiert. Er hat eine wunderbare Predigtmeditation zu dem Text geschrieben, zu finden in: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigtreihe II,2, Rogate bis Ewigkeitssonntag, Göttingen, 1992, S. 264ff

 

Nicht resignieren!

Predigt über Markus 10, 46- 52: Die Heilung eines Blinden bei Jericho

4.8.2016, 9.30 Uhr, Lutherkirche Kiel

Es ging heute um den blinden Bartimäus aus dem Markusevangelium. Es wurde Jesus nicht „zu bunt“ mit ihm, wie man so sagt. Unter dieser Überschrift stehen in diesem Sommer  fünf Gottesdienste in der Luther- und Jakobikirche. Heute war es der vierte.

Markus 10, 46- 52

46 Und sie kamen nach Jericho. Und als er aus Jericho wegging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
47 Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
48 Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
49 Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!
50 Da warf er seinen Mantel von sich, sprang auf und kam zu Jesus.
51 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde.
52 Jesus aber sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

Liebe Gemeinde
„Resignation“ – mit diesem Wort bezeichnen wir eine bestimmte menschliche Haltung. Sie entsteht, wenn eine Situation sich aussichtlos anfühlt. Dann fügt man sich und findet sich mit seinem Schicksal ab, denn es scheint unausweichlich zu sein. Man sieht ein, dass man ein Ziel nicht mehr erreichen kann, und gibt auf. Es fehlen die Mittel und die Wege, es zu verwirklichen.
Resignation kann außerdem verursacht werden, weil man erkennt, dass das, was man angestrebt hat, zu viel Einsatz kostet. Man fühlt sich den Folgen nicht gewachsen und verzichtet lieber auf die Umsetzung.
Spontan finden wir Resignation eher negativ, denn meistens dämpft sie die Gefühle. Entmutigung und Antriebsschwäche sind die Folgen. Aktivitäten werden gemindert oder ganz eingestellt.
Bei einer Überforderung ist das so, wenn man z.B. weiß, dass die Prüfungen für ein Studium zu schwer sind. Ebenso kann man in der Erziehung resignieren, wenn Kinder sich einfach nicht so verhalten, wie wir es gut für sie finden. Auch im Beruf, in der Politik oder in einer persönlichen Leidsituation ist Resignation manchmal das einzige, was zu bleiben scheint.
In unserem Evangelium von heute kommt ein Mensch vor, der dazu ebenfalls viele Gründe gehabt hätte, Bartimäus. Er war blind, und das bedeutete in der damaligen Gesellschaft, dass er keinerlei Chance auf ein normales Leben hatte. Er konnte keine Arbeit verrichten und war für die anderen Menschen nur eine Last. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu betteln und darauf zu hoffen, dass sich ab und zu jemand über ihn erbarmte. Doch das taten nur die wenigsten, die meisten wären ihn am liebsten los geworden. Das wird in unserer Geschichte zwar nicht direkt erzählt, das Verhalten der Umstehenden macht es aber deutlich.
Die Begebenheit spielte in Jericho, einer Stadt, durch die Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem kam. Seine Jünger waren bei ihm und zusätzlich viele andere Menschen, die bereits von ihm gehört hatten und ihn nun begleiteten. Sie kamen an der Stelle vorbei, an der Bartimäus saß. Und nun geschah das, woran deutlich wird, dass er ihnen peinlich war:
Als er nämlich hörte, dass Jesus vorbei kam – und das war wohl nicht zu überhören – rief er laut, er schrie sogar, und bat Jesus um Hilfe. Die anderen wollten ihn daran hindern, mit Jesus in Kontakt zu kommen. Er sollte sich in sein Schicksal fügen. Doch er ließ sich nicht beirren. Er wurde stattdessen nur noch lauter. Er resignierte nicht, sondern wurde sehr aktiv.
Er muss von Jesus gehört haben, und nun hoffte er, dass Jesus die Kraft hatte, ihn zu heilen. Er nannte ihn auch mit einem Titel: „Jesus, du Sohn Davids“, sagte er. Er glaubte also daran, dass Jesus der Königssohn war, auf dem die göttliche Verheißung lag, denn das beinhaltete diese Anrede. Das wusste er offensichtlich, und er war davon überzeugt, dass Jesus der göttliche Heilsbringer war, den die Propheten angekündigt hatten.
Das alles gehörte zu dem Handeln des Blinden, und das ist auffällig und wichtig für die Geschichte, denn Jesus ging darauf ein. Er reagierte auf sein Rufen und wollte, dass die Menschen ihn zu ihm brachten, d.h. er wollte sich um ihn kümmern. Am meisten interessierte ihn sein Glaube. Den lobte er ausdrücklich, indem er sagte: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Das Vertrauen, das Bartimäus zu Jesus hatte, war also ausschlaggebend für die Heilung. Ihm wurden die Augen aufgetan, er konnte wieder sehen.
Das Ende der Geschichte besteht dann darin, dass er Jesus nachfolgte. Er wollte nicht einfach ein Leben führen wie alle anderen, sondern mit Jesus zusammen bleiben, ganz gleich, was das hieß. Die Folgen waren ihm nicht zu groß oder unübersehbar, er ließ sich darauf ein.
Und mit all dem ist Bartimäus ein wunderbares Beispiel für einen Menschen, der nicht resigniert hat, obwohl er dafür viele Gründe gehabt hätte. Lassen Sie uns die Geschichte unter diesem Gesichtspunkt betrachten, dann verstehen wir sie am ehesten.
Denn mit den Wundern Jesu haben wir ja oft ein Problem. Wir glauben nicht daran, dass sie auch heute noch geschehen. Kaum ein Blinder erwartet, dass er auf wunderbare Weise eines Tages wieder sehend wird.
Doch das ist hier auch nicht die Hauptbotschaft. Neben dem Wunder kommen viele weitere Einzelheiten vor, die im Glauben an Jesus wichtig sind. Die Geschichte ist – wie gesagt –ein Manifest gegen die Resignation: Niemand muss sich willenlos in sein Schicksal fügen, es gibt immer einen Ausweg. Mit Jesus ist die Hilfe ist da, wir müssen damit nur rechnen, auf ihn vertrauen und zu ihm rufen. Das ist hier die Botschaft. Lassen Sie uns die also einmal bedenken.
Dabei müssen wir zunächst ein Missverständnis klären, das auftauchen kann, und dem die Umstehenden in der Geschichte möglicherweise erlagen. Sie waren empört über das Verhalten von Bartimäus, weil sie wohl fanden, dass er sich einfach nur gegen sein Schicksal aufbäumte. Er sollte es annehmen. Sie wollten seine Schreie nicht hören. Und das könnte man verstehen, wenn es Schreie ins Leere gewesen wären, wenn Bartimäus vor sich hin gestöhnt und geklagt hätte. Doch so war es nicht. Bartimäus wollte nicht einfach nur Aufmerksamkeit oder Mitleid. Wenn wir ihn so sehen, würden wir ihn missverstehen.
Möglicherweise hatte er sich sogar in positiver Weise in sein Schicksal gefügt. Das gibt es ja genauso, und es wäre das Gegenstück zu einem sinnlosen sich Aufbäumen: ein weises Resignieren, das hilft. Denn es kann auch klug sein, sich zu bescheiden und zu verzichten. Das führt nicht zwangsläufig in die Passivität und Mutlosigkeit, sondern unter Umständen in eine gesunde Gelassenheit. Man meidet Zorn und Eifer und empfängt eine heitere Ruhe, die sogar mit einem Gefühl der Überlegenheit einhergeht. Philosophen, Lebenskünstler und spirituelle Menschen pflegen diese Art der Resignation, zu der Demut und Leidensbreitschaft gehören. Und das sind ja durchaus positive Eigenschaften.
Ob Bartimäus sie sich angewöhnt hatte, wissen wir nicht, aber sie wären eine gute Vorbereitung für das, was er in unserer Geschichte praktiziert, denn sie machen den Menschen offen und wach. Und das ist eine wichtige Voraussetzung für den Glauben an die Kraft Jesu und das Gebet zu ihm. Darum geht es hier, das wird uns vorgestellt. Bartimäus wurde lebendig und aktiv, als Jesus vorbei kam, d.h. er schrie nicht vor sich hin. Er hatte vielmehr eine Ahnung, dass Hilfe nahe war, und eine ganz klare Adresse. Es handelt sich hier also nicht um ein unbeherrschtes oder unkontrolliertes Aufbegehren, sondern um den Glauben und das Gebet zu Jesus. Das sollen wir lernen und selber vollziehen. Lassen Sie uns also fragen, wie das geht.
Dabei ist es gut, wenn wir uns vorstellen, dass Jesus auch bei uns vorbei kommt. Er lebt und kreuzt häufig unseren Weg, und zwar immer dann, wenn wir von ihm hören, über ihn lesen oder sprechen oder an ihn denken. Dann ist er da. Denn Jesus ist nicht nur ein Gedanke oder eine historische Person, er ist unter uns gegenwärtig und will auch heute noch Menschen anrühren und ihnen helfen. Das dürfen wir glauben, darauf können wir vertrauen. Jesus ist der Herr, der Kyrios, der Macht hat und etwas kann. Wir sehen ihn zwar nicht, genauso wie Bartimäus ihn nicht sehen konnte, aber wir können ihm blind vertrauen.
Das ist ja ein sehr schöner Ausdruck. Er besagt, dass man einfach einmal etwas voraussetzt und danach handelt, selbst wenn man die Folgen nicht genau kennt. Blindes Vertrauen läuft nicht über den Verstand und ist vielleicht auch unvernünftig, aber das Herz und der Bauch sind darin involviert, und die sind manchmal viel bessere Ratgeber.
Wenn es um den Glauben an Jesus geht, ist das auf jeden Fall so, denn er reagiert auf unser Rufen, und das merken wir. Schleier fallen von unseren Augen, wir sehen die Dinge plötzlich anders. Wir werden von innen her verändert und die negative Grundstimmung verschwindet. Eine positive Kraft zieht in uns ein, und das hat weitreichende Folgen
Wenn wir uns z.B. von einem Studium überfordert fühlen, halten wir nach anderen Möglichkeiten Ausschau und fangen noch einmal von vorne an. Warum nicht? So tragisch ist das nicht. In der Erziehung haben wir die Freiheit, unsere Kinder loszulassen und sie eventuell anderen Menschen anzuvertrauen. Im Beruf sprechen wir mit den Vorgesetzten oder den Kollegen und suchen nach konstruktiven Wegen, um Konflikte zu lösen. Die gibt es ja in Hülle und Fülle, wir müssen uns nur darauf einlassen. In der Politik sehen wir die Dinge gelassener. Und in einer persönlichen Leidsituation werden wir fähig, das Schwere zu tragen.
Auf jeden Fall lassen wir alte Muster und Verhaltensweisen hinter uns. So wie Bartimäus „seinen Mantel von sich warf“, streifen wir sie ab. Das ist eine weitere sehr schöne Einzelheit in unserer Geschichte. Bartimäus brauchte seine alten Kleider nicht mehr, als Jesus ihn zu sich rief. Und so geht es auch uns: Wir stehen auf wie er, werfen das Alte ab und gehen neue Wege. Wir lassen uns führen, denn wir haben einen neuen Meister, Jesus. An seiner Hand gewinnen wir Mut und Hoffnung, wir werden zuversichtlich und stark.
Das Gebet des Bartimäus war nicht lang. Es bestand nur aus dem einen Satz: „Kyrie eleison“, auf Deutsch: „Herr, erbarme dich.“ Doch nicht umsonst ist genau dieser Satz zum populärsten Gebet der Christenheit geworden. In knapper Form beinhaltet es das ganze Evangelium, denn es ist eine Huldigung und ein Hilferuf zugleich. Die Macht und Gegenwart Jesu wird damit bekannt, seine Göttlichkeit und Überlegenheit. Und gleichzeitig werden sein Erbarmen und seine Liebe herbeigerufen, so dass sie in Geist und Seele Eingang finden.
Im Gottesdienst spielt es deshalb eine entscheidende Rolle. Zur Zeit der frühen Christenheit wurde damit die Feier eröffnet, es war das erste, was der Priester sprach. An den vertonten Messen von Bach oder Mozart können wir das noch erkennen. Sie beginnen alle mit dem Kyrie, das manchmal eindringlich und ergreifend ist, wie z.B. in der h-moll-Messe. Später fand es auch als kurzer Ruf zwischen den Fürbitten einen Platz. Bis heute ist das in unseren Gottesdiensten und Andachten so geblieben, in jeder Konfession. Außerdem ist es die traditionelle Formel für das sogenannte Herzensgebet. Bei dieser Gebetsweise aus der Ostkirche wird der Satz „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ mit jedem Atemzug oder Herzschlag wiederholt.
Und er reicht wirklich. Gerade dann, wenn man droht zu resignieren, fehlen einem ja oft die Worte. Dann hilft es, dieses Gebet innerlich unaufhörlich zu „schreien“. Jesus bleibt daraufhin stehen und ruft uns zu sich. Er spricht mit uns und geht auf unser Vertrauen ein. Er öffnet unsere Augen für seine Gegenwart, und etwas Neues kann beginnen: Wir stehen auf, werfen unsere alten Kleider ab und „folgen ihm auf dem Weg“.
Amen.

Lebt als Kinder des Lichts

Predigt über Epheser 5, 8b- 14: Das Leben im Licht

8. Sonntag nach Trinitatis, 17.7.2016, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Epheser 5, 8b- 14

8b Lebt als Kinder des Lichts;
9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,
11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.
13 Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird;
14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

Liebe Gemeinde.
Wie wachen Sie auf? Viele Menschen haben ja eine sogenannte innere Uhr, nach der sie immer um die gleiche Zeit wach werden. Andere brauchen die Helligkeit, um den Schlaf zu beenden. Und wenn das alles nicht hilft, benutzt man eben einen Wecker. Das ist zwar brutal, aber für viele die sicherste Methode.
Dabei ist das Aufwachen nicht unbedingt mit dem Morgen und dem beginnenden Tag verbunden. Viele Menschen müssen oder wollen nachts arbeiten, sie schlafen dann tagsüber und stehen abends auf.
Das müssen wir freilich alle irgendwann. Aufgaben und Pflichten rufen uns, Freuden und Vergnügungen. Normalerweise tun wir es auch gern. Im Bett bleiben wir höchstens am Wochenende, an freien Tagen oder im Urlaub, wenn wir müde sind und uns einmal richtig erholen wollen. Auch eine Krankheit kann der Grund sein, liegen zu bleiben, fehlende Lebenslust oder Trägheit. Zu einem gesunden Lebenswandel gehört aber das Aufstehen.
Und es ist ein schönes Bild für das, was im Glauben geschieht und die christliche Daseinsweise prägt. Paulus gebraucht es in dem Abschnitt, der heute unsere Epistel ist. Sie endet mit dem Satz: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Das ist wahrscheinlich ein Stück aus einem alten Tauflied, das Paulus hier zitiert. Die Taufe bedeutete Erweckung und Erleuchtung. Für Paulus gehören das Licht und das Aufwachen also zusammen: Christus ist das Licht, aber um dieses erblicken zu können, muss man wach werden und hoch kommen.
Mit diesem Bild sagt Paulus, dass das Leben vor der Begegnung mit Christus wie ein Schlaf ist, eine Trunkenheit oder ein Totsein. Er beschreibt damit den nicht-erweckten oder „alten“ Menschen, der verloren ist und der Rettung bedarf. Die erfährt er im Augenblick des Erwachens. Er begreift auch erst dann, dass er bisher im Schlaf versunken war, und erkennt seine Sünde. Denn jetzt steht er in einem hellen Licht, durch das alles offenbar wird, was vorher verborgen war.
Paulus deshalb spricht von dem „Licht, das die unfruchtbaren Werke der Finsternis aufdeckt“. „Alles, was heimlich getan wird, wird offenbar“, wenn dieses Licht dahinein scheint. Paulus meint damit böse Gedanken und schlechte Taten. Am liebsten will er noch nicht einmal darüber reden, denn das ist bereits „schändlich“. Christen sollen an ihnen keinen Anteil haben, sondern von vorne herein als „Kinder des Lichts“ leben. Und das schließt alles böse Treiben aus.
Paulus sagt das am Ende des Epheserbriefes und er fordert uns mit diesem Bild zu einer ordentlichen Lebensführung auf. Solche und ähnliche Ermahnungen stehen immer am Ende seiner Briefe. Nach den theologischen Erörterungen folgen Anweisungen für das Handeln. Hier gebraucht er dafür die Vorstellung von dem Licht, das unser Leben durchfluten und prägen soll. Es ist ein Symbol für Christus und das neue Leben, das uns möglich wird, wenn wir an ihn glauben. Wir werden „Kinder des Lichts“.
Das klingt zunächst sehr allgemein, aber Paulus zählt auch noch auf, was das konkret beinhaltet. Er benennt die „Frucht des Lichtes“: Sie ist „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“, und das sind ja sehr konkrete Tugenden. Als erstes ist die „Güte“ erwähnt. Das Wort „gut“ kommt darin vor, d.h. hier ist das Gegenteil von böse und schlecht gemeint. Unser Handeln ist so, dass es uns und den anderen „gut tut“. Die zweite Tugend, die Paulus erwähnt, ist die „Gerechtigkeit“: Sie dient dem Frieden unter den Menschen und fördert das gegenseitige Verstehen und Achten. Und als drittes erwähnt Paulus die „Wahrheit“. Das ist keine Tugend in dem Sinn, sondern etwas, was wir finden und erkennen müssen. Dann wird unser Leben hell und klar. Paulus nennt also lauter positive Vorgänge, die einsetzen, wenn wir „Kinder des Lichts“ sind.
Aber motiviert er uns damit auch? Wollen wir das hören und uns zu Herzen nehmen? Es gibt dagegen mehrere Einwände. Zum einen klingt es nach reichlich viel Moral, nach religiöser Leistung und Selbsterlösung. Wir kennen das Stichwort von der Erleuchtung aus der Esoterik, d.h. von verschiedenen religiösen Aktivitäten und Methoden her. Gemeinsam ist ihnen immer das Ziel, innerlich weiter zu kommen, das Ich zu entfalten und zu höheren Sphären vorzudringen. Die Erleuchtung wäre dabei der Höhepunkt. Als lutherische Christen stehen wir solchen Vorgängen skeptisch gegenüber, denn wir haben gelernt, dass kein Mensch sich selber erlösen kann. Was sollen diese Ausführungen also bei Paulus? Das ist die eine Frage.
Ein weiterer Einwand ist der, dass es übertrieben wirkt, das Gegenteil gleich als ein Totsein zu bezeichnen. Das klingt viel zu bedrohlich und düster. So schlimm ist es doch gar nicht, wenn wir bildlich gesprochen einmal nicht aufstehen, sondern uns gehen lassen und das Licht nicht beachten.
Auf jeden Fall reagieren wir empfindlich auf solche Ermahnungen. Wir fühlen uns unter Druck gesetzt und gegängelt.
Doch so ist das, was Paulus hier sagt, auch gar nicht gemeint. Er will uns keine Moralvorschriften machen, es geht ihm vielmehr um eine neue Daseinsform. Alles beginnt damit, dass es das Licht gibt. Christus ist da, er ist auferstanden. Das ist für Paulus die frohe Botschaft, die allem zu Grunde liegt, und der unbedingte Ausgangspunkt für alles Folgende. Wer das glaubt, ist ein Kind des Lichtes. Sein Leben ist neu, es ist hell und positiv. Paulus ermahnt seine Leser und Leserinnen also nur dazu, das auch zu sein, was sie bereits sind. Wer etwas geschenkt bekommen hat, ist damit nicht jeglicher Verantwortung entbunden. Er oder sie ist vielmehr aufgefordert, diesem Geschenk gemäß zu leben, es wirken zu lassen und zur Entfaltung zu bringen.
Und darauf müssen wir tatsächlich achten, das geschieht nicht einfach so von allein. Es bedarf immer wieder einer bewussten Entscheidung. Lassen Sie uns also fragen, wie das am besten geht, und dafür sind das Symbol des Lichtes und das Bild des Aufwachens und Aufstehens sehr gut geeignet.
In der Natur hat das Licht eine wichtige Bedeutung. Ein großer Teil des Lebens auf der Erde ist davon abhängig. Ohne Sonnenstrahlen sähe es auf diesem Planeten ganz anders aus. Viele Lebewesen brauchen das Licht, so auch die Menschen, und die meisten lieben es sogar.
Nicht umsonst wird in unzähligen Liedern, Gedichten und Geschichten der Morgen und der Sonnenaufgang gelobt. Das Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ oder das Lied „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“ sind nur zwei Beispiele. Seit jeher faszinieren das Licht und der Morgen die Menschen. Ein weiteres Zeichen sind dafür die Mittsommerfeiern in den nordischen Ländern, wenn die Sonne im Laufe des Jahres ihren Höhepunkt erreicht hat und die Tage am längsten sind. Die Menschen fühlen sich befreit nach den vielen Monaten der Dunkelheit. Nicht umsonst fahren gerade jetzt viele Touristen dorthin, in der Zeit der sogenannten „weißen Nächte“.
Auch der Gesang der Vögel, wenn der Tag anbricht, ist wunderschön, ebenso die Färbung des Himmels, die Stille, die Frische usw. Die Liste mit dem, was am Morgen bezaubert und lockt, könnte man noch lange fortsetzen.
Gläubige Menschen erleben am Morgen und beim Aufgang der Sonne nun zudem die Größe Gottes. So beginnt ein altchristlicher Hymnus mit den Worten: „Du Licht des Himmels, großer Gott, der ausgespannt das Sternenzelt und der es hält mit starker Hand, du sendest Licht in unsre Welt.“ (Evangelisches Tagzeitenbuch, Hrg. Evangelische Michaelsbruderschaft,  Münsterschwarzach/Göttingen, 1998, S. 418)  Gott wird als derjenige besungen, der das Licht geschaffen hat und es jeden Tag von neuem zu uns schickt. So ist der Morgen nicht nur der Zeitpunkt des Aufstehens, sondern gleichzeitig des Gebetes und Lobpreises. In Klöstern und christlichen Gemeinschaften gibt es dafür die Morgenandacht. Sie beginnt mit den Worten: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen. Lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht, lasst uns laufen  in dem Kampf, der uns bestimmt ist und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (a.a.O., S. 290)
Und bei dem Morgenlob bleibt es dann auch nicht, es gibt noch weitere Tagzeitengebete. Sie dienen dazu, den Verlauf des Tages mit seinen Veränderungen und seinen Geschehnissen mit dem Glauben in Beziehung zu setzen, ihn mit Gebet zu durchziehen. Und das ist eine sehr gute Möglichkeit, den Ermahnungen des Paulus nachzukommen. Wir können das Licht Christi tanken, es in uns hineinlassen, indem wir uns morgens danach ausstrecken, es mittags wirken lassen und uns abends dafür bedanken. Auch Luther hat das mit seinem Morgen- und Abendsegen empfohlen und schöne Gebete dafür formuliert.
Wenn wir das tun, ist der Tag anders, heller und kraftvoller, von viel mehr „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“ durchzogen, denn all das wird uns geschenkt. Es sind keine moralischen Leistungen, sondern „Früchte des Lichts“, wie Paulus sagt.
Und wir sollten ehrlich sein: Ohne eine bewusste Ausrichtung auf Gott und seine schöpferische Kraft ist vieles in unserem Leben tatsächlich wie ein Schlaf oder ein Totsein. Wir müssen uns das nur klar machen. Und dafür ist es gut, wenn wir den Einwand einmal unter die Lupe nehmen, das sei hier alles nur Moral und die Alternative ist viel zu düster gemalt. Er entspringt ja einem bestimmten Denken, das u.a. beinhaltet, dass die Welt doch gar nicht so schlecht ist. Wir können sie ruhig genießen, müssen nicht dauernd aufpassen und dürfen uns auch mal gehen lassen. Warum sollen wir immer an Gott denken? Es gibt doch so viele schöne Aufgaben oder Hobbys, die uns erfüllen, Menschen, die uns Halt geben, Pläne, die uns ein Ziel setzen, Ideen, mit denen wir uns identifizieren.
Das sind die Argumente, und die sind natürlich nicht verkehrt. Das stimmt alles, aber trotzdem wird dadurch eine Frage nicht beantwortet, und das ist die des Leids, der Vergänglichkeit und des Todes. Natürlich kann uns die Welt mit allem, was sie bietet, erfüllen und halten, aber irgendwann vergeht es. Daraus gibt es kein Entrinnen. Auch schon vor dem wirklichen Tod ist das, was wir in der Welt finden, bedroht und brüchig. Wir verwirklichen nie alles, was wir uns wünschen, Aufgaben können uns überfordern, Menschen können uns enttäuschen, und Ideen erweisen sich als Trug. So gibt es vieles, was unser Leben überschattet. Probleme und Schwierigkeiten, Angst und Trauer lauern überall. Denn die Welt liegt letzten Endes im Finsteren, sie kann uns nicht erlösen. Das müssen wir erkennen und zugeben, dann verstehen wir, warum es sich lohnt, den Tag mit Gott zu beginnen und ihn auch im weiteren Verlauf immer wieder anzurufen. Nur er kann die Schatten des Todes vertreiben und uns eine Kraft und Freude schenken, die nicht vergeht.
Und um das zu erleben, ist der Morgen ein guter Zeitpunkt, und das Aufwachen und Aufstehen tatsächlich ein sehr schönes Sinnbild. In dem Hymnus, den ich schon zitiert habe, kommt das zum Ausdruck. Es heißt dort weiter: „Das Reich der Schatten weicht zurück, das Tageslicht nimmt seinen Lauf, und strahlend, gleich dem Morgenstern, weckt Christus uns vom Schlafe auf.“ Nicht nur die Sonne geht am Morgen auf, auch Christus ist da und will uns mit seinem Licht erfüllen.
Wir verpassen also etwas, wenn wir uns nicht nach ihm ausstrecken. Die Welt mit all ihren Möglichkeiten deckt nicht die ganze Wirklichkeit ab, es gibt noch viel mehr, und das gilt es, zu entdecken und zu erfassen. Ohne die Ausrichtung auf Gott ist unser Leben tatsächlich wie ein Schlaf: Wir verschlafen das Eigentliche. Ganz vieles geschieht um uns herum, von dem wir nichts merken. Wir leben in einer Welt der Träume. Und auch die Vorstellung der Trunkenheit ist nicht abwegig. Die Welt kann uns berauschen, sie vernebelt uns den Blick, wir torkeln durchs Leben und fallen irgendwann hin.
Es lohnt sich also, wenn wir das beenden und die Tage, die wir haben, aus Gottes Hand nehmen und uns von seiner Wahrheit erleuchten lassen. Er trägt uns mit seinem Erbarmen, bindet uns in seinen Willen und segnet uns mit der Verheißung eines gelingenden Lebens.
Amen.

Die Bedeutung des Wassers bei der Taufe

Predigt über Röm. 6, 3- 8: Taufe und neues Leben

6. Sonntag nach Trinitatis, 3.7.2016, 9.30 und 11 Uhr
Luther- und Jakobikirche Kiel

Der sechste Sonntag nach Trinitatis ist dem Taufgedächtnis gewidmet. 

Römer 6, 3- 8

3 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir,
dass wir auch mit ihm leben werden.

Liebe Gemeinde.
Der Sommer ist da, und damit ist auch die Freibadesaison eröffnet. Viele Menschen gehen jetzt gerne irgendwo ins Wasser, in der Förde, einem See, einem Fluss oder einem Freibad. Denn das macht den meisten Spaß und es kühlt schön, wenn es zu heiß wird. Das Wasser ist sowieso ein beliebtes Element, um sich darin zu bewegen. Nicht umsonst gibt es für kältere Jahreszeiten Hallenbäder.
Doch es ist auch gefährlich, ins Wasser zu gehen. Wer nicht schwimmen kann, muss aufpassen. Badeunfälle enden meistens tragisch, denn wir Menschen sind keine Wasserlebewesen. Wir brauchen die Luft, um zu atmen. Im Wasser können wir untergehen und ertrinken.
Das ist allerdings die einzige negative Seite des Wassers. Es hat ansonsten noch weitere Vorzüge, wie z.B. seine reinigende Eigenschaft. Man kann sich damit waschen und sauber werden.
Und das wichtigste am Wasser ist, dass wir es alle zum Leben brauchen. Wir trinken es und würden ohne Wasser verdursten. Der Regen befruchtet die Erde und verhilft allen Pflanzen und Tieren zu Wachstum und Gedeihen.
Das Wasser hat deshalb auch eine vielschichtige Symbolkraft, und bei der Taufe spielt das alles eine Rolle.
Da ist es zum Einen das Zeichen des Todes und der Rettung. Wir stellen uns bei der Taufe vor, dass unsere Sünden ersäuft werden. Das Böse geht unter. Davon handelt unsre Epistel von heute. Paulus sagt dort am Anfang: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“
Dabei spielt auch die reinigende Kraft des Wassers eine Rolle: Unsere Sünden werden symbolisch abgewaschen und vergeben. Die Taufe ist wie ein „Bad“, in dem wir erneuert und frei werden.
Und schließlich ist das Wasser auch bei der Taufe das Zeichen des Lebens. Wir werden dabei mit Christus verbunden, und bekommen neue Lebenskraft. Er löscht unsren Durst nach der Ewigkeit, denn uns wird bei der Taufe das ewige Leben geschenkt.
An dem Symbol des Wassers wird also deutlich, dass die Taufe eine tiefe und ernste Bedeutung hat. Sie wird vollzogen, weil wir ohne sie der Sünde verfallen sind, und wir thematisieren dabei den Tod und das ewige Leben.
Nun werden bei uns ja hauptsächlich kleine Kinder getauft, und dabei ist uns das alles nie richtig bewusst. Wir wollen es eigentlich auch nicht so gerne hören. Es klingt zu düster und passt nicht zu dem fröhlichen Charakter einer Kindertaufe. Wir gestalten das Fest gerne heiter und hell, mit Farben und Licht. Denn eine Kindertaufe ist ein freudiges Ereignis. Wir feiern damit das neue Leben und die Schöpfung, wir denken an den Schutz und die Liebe Gottes. So hat es sich im Laufe der Zeit entwickelt.
In den Anfängen der Christenheit war das anders, denn entstanden ist die Kindertaufe, weil die Menschen der alten Kirche an die sogenannte „Erbsünde“ und die Hölle glaubten. Auf der 4. Synode von Karthago im Jahr 418 wurde die Taufe von Kindern christlichen Eltern bald nach der Geburt empfohlen, „um sie der Gefahr der Verdammnis zu entreißen, die ihnen droht, falls sie ungetauft sterben.“ (wikipedia-Kindertaufe) Auch Säuglinge sind bereits mit der Sünde infiziert, das war die Vorstellung. Sie haben sie von ihren Eltern geerbt. Es war deshalb ratsam, sie gleich nach der Geburt der Macht der Sünde zu entreißen, und das geschah durch die Taufe. Sie wurde als ein Heilswerk gesehen, das vollzogen werden musste, damit das Kind an der göttlichen Sphäre Anteil bekam. Luther sah das auch so. Er war ebenfalls für die Kindertaufe und schloss sich der Praxis, die seit dem 5. Jahrhundert üblich war, an. Deshalb ist es in unserer Kirche bis heute so geblieben.
Es gibt allerdings auch Gegner der Kindertaufe. Viele sagen, dass ein Säugling doch gar nicht sündigen kann. Er macht noch keine Fehler, oder zumindest kann er nichts dafür. Außerdem wird die Babytaufe in der Bibel nicht ausdrücklich erwähnt. Im Neuen Testament fehlt insgesamt eine ausgeführte Lehre von der Taufe. Deshalb wird auch nirgendwo die Frage erörtert, ob Kinder getauft werden sollen oder nicht. Berichte über den Vollzug der Kindertaufe liegen also nicht vor.
Deshalb gibt es viele Kirchengemeinschaften, die sie nicht anerkennen. Sie sagen: Die Bekehrung zu Jesus Christus und der Glaube an ihn müssen vorweg gehen. Erst wenn ein Mensch merkt, dass er das Heil braucht, wenn er gesündigt hat und darunter leidet, wenn er gerettet werden möchte und sich deshalb an Jesus Christus wendet, ist die Taufe sinnvoll. Sie ist dann ein Ausdruck dafür, dass ein Mensch sich für Jesus Christus entschieden hat. Sie ist ein öffentliches Bekenntnis und die Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen. Das ist die Praxis der sogenannten Gläubigentaufe, die erst im religionsmündigen Alter erfolgt, also nach dem 14. Lebensjahr.
Aber ist das eigentlich wirklich ein Gegensatz? Lohnt sich der Streit darüber? Jörg Zink, ein Theologe und Schriftsteller, der viele Fragen unseres Glaubens sehr schön und verständlich ausdrücken kann, hat dazu einmal folgendes gesagt: „Wir taufen Kinder, das ist gut. Denn Gottes Liebe zu uns hängt nicht von unserer Einsicht, unserer Mühe und unserem Glauben ab.
Wir taufen Erwachsene, das ist gut. Denn ohne unseren Willen, unseren Entschluss, unsere Hingabe, unsere Liebe und Dankbarkeit kann sich nicht erfüllen, was Gott mit uns vorhat.“
Die Taufe ist also beides: Sie gewährt uns die Gnade und sie ruft uns gleichzeitig in eine bewusste Glaubenspraxis. Eine Kindertaufe befreit uns nicht davon, uns auch zu Jesus Christus zu bekehren, mit ihm zu leben und sich von dem Heil, das er uns schenkt, prägen zu lassen. Luther hat das im Kleinen Katechismus so ausgedrückt: „Das Taufen mit Wasser bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ Es ist deshalb gut, dass wir immer wieder an unsre Taufe denken und uns klar machen, was sie für unsere Lebensführung bedeutet.
Und dafür ist das Symbol des Wassers sehr gut geeignet. Lassen Sie uns dieses Bild deshalb einmal betrachten. Dabei müssen wir uns klar machen, dass früher ganz anders getauft wurde. Da besprengte man den Kopf des Täuflings nicht nur mit ein paar Wassertropfen, er wurde vielmehr ganz untergetaucht. Viele Freikirchen machen das auch heute noch so. Denn das Untertauchen macht sehr schön deutlich, was bei der Taufe passiert, und was dann das Leben eines Christen prägen soll.
Das Baden und Tauchen ist ja – wie gesagt – nicht ganz ungefährlich, weil wir unter Wasser nicht atmen, oder genauer gesagt, nur ausatmen können, so wie beim Schwimmen. Da tauchen wir bei jedem Zug unter und atmen dabei aus. Ich mach das jedenfalls so, und dabei stelle ich mir manchmal vor, dass ich gleichzeitig alles, was mich belastet, ausatme. Ich lasse es im Wasser untergehen. Das ist so ein bisschen wie eine Meditation beim Schwimmen, die aber sehr gut wirkt. Ich ersäufe das Alte, das ich nicht mehr haben will, und atme bei jedem Auftauchen neues Leben ein. Ich bin dann hinterher nicht nur körperlich gestärkt, sondern fühle mich auch seelisch gereinigt.
Das können wir uns vorstellen, dann wird klar, was die Taufe bedeutet und nach sich zieht: Sie ist ein geistig-seelischer Vorgang, bei dem der Glaube an Gott lebendig und wirksam wird. Und der soll sich immer wieder in unserem Leben ereignen. Das bewusste Ein- und Ausatmen – auch im Trockenen – hilft dabei: Wir können daraus eine ganz konkrete Glaubensübung machen: Wir geben beim Ausatmen etwas Altes ab und lassen beim Einatmen die Kraft Gottes neu in uns hinein. Es ist wie ein Untertauchen, bei dem die Macht der Sünde untergeht, und das wirkt tatsächlich befreiend und belebend.
Wir können uns das noch deutlicher machen, wenn wir dabei an konkrete Dinge denken, an alle negativen Kräfte, die unser Leben bedrohen und überschatten In der Bibel werden sie „Sünde“ genannt. Dieses Wort hören wir heutzutage nicht mehr so gerne, denn wir denken dabei an Fehltritte und bekommen ein schlechtes Gewissen. Aber das ist lange nicht alles, was damit angesprochen wird. „Sünde“ sind vielmehr die zerstörerischen Mächte, die überall am Werk sind. Angst und Misstrauen gehören dazu, Hass und Feindschaft, Neid und Zorn. Davon sind übrigens auch Kinder nicht frei. Im Gegenteil, wenn wir sie nicht davon abhalten, leben sie die negativen Triebe manchmal viel erbitterter aus, als wir. Sie sind keine Engel, sondern können genauso brutal sein, wie Erwachsene. Denn die Sünde schlummert von Anfang an in unsrem Herzen und unserem Denken. Wenn wir sie zulassen, kann sie ihr zerstörerisches Werk beginnen. Sorgen und Wut, Trauer und Missgunst und andere negative Kräfte nagen an uns, vergiften unsere Seele und zerfressen unsren Geist. Wenn wir ein schönes und helles Leben führen wollen, müssen wir diesen Kräften also etwas entgegensetzen. Wir müssen üble Gedanken und Gefühle immer wieder „ersäufen“. Und das geht tatsächlich gut mit dem Ausatmen: Wir können uns vorstellen, dass nicht nur die alte Luft aus uns herausströmt, sondern auch unser Neid und unsere Angst, unsere Versäumnisse und Fehler. Das fällt dann tatsächlich alles von uns ab und geht unter. Wir „sterben und werden neu geboren“.
Denn wir tun es „mit Christus“, so wie Paulus es im Römerbrief sagt. Es heißt dort zum Schluss: „Denn wer [so] gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ Wir tun es im Vertrauen auf Gott. Wir denken an seine schöpferische Kraft, an die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus und lassen die an uns wirken. Gott ist voller Liebe und Erbarmen gegenüber uns. Er will uns befreien und neu schaffen, immer wieder. Wir können uns vorstellen, dass wir die göttliche Liebe einatmen. Dann erleben wir ihre Kraft auch.
Es gibt im Gesangbuch ein Lied, in dem die Liebe mit einem Meer verglichen wird. Der Text ist von Gerhard Tersteegen, einem Mystiker aus dem 18. Jahrhundert, von dem wir viele Lieder haben. Von ihm stammen die Zeilen: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart; ich geb mich hin dem freien Triebe, wodurch auch ich geliebet ward; ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.“ (Ev. Gesangbuch, Ausgabe für die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Nr. 615,1) Das ist eine schönes und anschauliches Bild: Durch den Glauben versinken wir in einem „Meer der Liebe“. Wir verlieren alles Schwere, werden getragen und gehen ganz in der Liebe Gottes auf.
Etwas später kommt das Bild vom Wasser in diesem Lied noch einmal vor. In Strophe vier heißt es: „Ehr sei dem hohen Jesusnamen, in dem der Liebe Quell entspringt, von dem hier alle Bächlein kamen, aus dem der Sel‘gen Schar dort trinkt.“ Das Trinken des Wassers wird ebenfalls auf den Glauben übertragen, und mit diesem zweiten Bild wird deutlich, dass Jesus Christus durch den Glauben außerdem in uns einzieht und uns neue Kraft schenkt.
Die Taufe und das Symbol des Wassers sind also sehr schön geeignet, das Leben mit Jesus Christus zu veranschaulichen. Unser ganzes Dasein wird dadurch kraftvoll und leicht. Wir werden frei und unbeschwert. Denn wir sind nicht mehr von den dunklen Mächten bestimmt, sondern die Liebe und das Erbarmen Gottes umgeben und erfüllen uns.
Deshalb ist es durchaus sinnvoll, eine Taufe so zu feiern, wie wir es bei Kindern tun. Sie muss nicht ernst und düster sein, denn sie ist ein Fest des Lebens und der Liebe, über das wir uns von Herzen freuen dürfen.
Amen.

Das Wort vom Kreuz

Predigt über 1. Korinther 1, 18- 25: Die Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott

5. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juni 2016, 11 Uhr
Jakobikirche Kiel

Der Gottesdienst fand mit und für die Evangelische Jugend Kiel-Mitte statt, d.h. die Lieder, die Übersetzung der Bibeltexte, Gebete und auch die Predigt waren auf jüngere Menschen ausgerichtet.

1. Korinther 1, 18- 25

18 Die Botschaft vom Kreuz erscheint denen, die verloren gehen, als eine Dummheit. Aber wir, die gerettet werden, erfahren sie als Kraft Gottes.
19 Denn in der Heiligen Schrift steht: »Ich will die Weisheit der Weisen auslöschen und von der Klugheit der Klugen nichts mehr übrig lassen.«
20 Wo sind jetzt die Weisen? Wo die Schriftgelehrten? Wo die wortgewaltigen Redner unserer Zeit? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt als Dummheit entlarvt?
21 Obwohl sich die Weisheit Gottes in dieser Welt zeigt, hat die Welt mithilfe ihrer eigenen Weisheit Gott nicht erkannt. Deshalb hat Gott beschlossen, mithilfe einer Verkündigung, die als Dummheit erscheint, alle Glaubenden zu retten.
22 Die Juden wollen Zeichen sehen. Die Griechen streben nach Weisheit.
23 Wir dagegen verkünden Christus als Gekreuzigten: Das erregt bei den Juden Anstoß und für die Heiden ist es reine Dummheit.
24 Doch für alle, die Gott berufen hat – ob es Juden sind oder Griechen –, ist Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25 Denn was an Gott als dumm erscheint, ist weiser als die Menschen. Und was an Gott schwach erscheint, ist stärker als die Menschen.

(Basisbibel)

Liebe Gemeinde.
Wir müssen ständig Entscheidungen treffen, große und kleine, wichtige und unwichtige. An den Wendepunkten unseres Lebensweges geht es um viel, wenn wir z.B. einen Beruf und einen Lebenspartner oder eine Lebenspartnerin wählen. Aber auch im Alltag gibt es dauernd mehrere Möglichkeiten: Was wir essen, was wir kaufen, wo wir Urlaub machen, wie fleißig wir sind, mit wem wir uns verabreden usw., all das müssen wir uns fragen. Und um die richtige Entscheidung zu treffen, müssen wir „unterscheiden“ – nicht umsonst ist dieses Wort eng mit dem Wort „entscheiden“ verwandt – und uns eventuell von etwas „verabschieden“, auch das steckt in dem Wort. Und das ist nicht so leicht. Wie gehen wir also vor? Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten:
Die einen benutzen ihren Verstand und ihre Klugheit. Sie lesen Bücher, denken nach und beraten sich mit anderen. Das ist der schwere und gründliche Weg. Oft machen wir es uns aber auch leichter und tun das, was alle anderen auch machen. Wir folgen den Traditionen und guten Sitten, den Gesetzen und Gewohnheiten. Und am einfachsten machen wir es uns dann, wenn wir der Lust und unseren Gefühlen nachgeben und spontan das tun, was uns gerade gefällt.
Zwei von diesen Möglichkeiten kommen auch in unserer Epistel von heute vor, denn Paulus nennt hier zwei Menschengruppen, die Griechen und die Juden. Die Griechen sind für ihn ein Beispiel für die, die aus Weisheit und Klugheit heraus handeln. Die Juden vertreten diejenigen, die sich an Gebote und Traditionen halten. Beide wissen, wie sie leben wollen, was sie glauben und wonach sie sich richten. Paulus kann das gut nachvollziehen, denn er kennt beide Wege aus eigener Erfahrung.
Allerdings hat er sich sowohl von der griechischen Lebensweise als auch von der jüdischen verbschiedet. Er beschreibt hier, dass er sich jetzt von keinem dieser Denkmodelle mehr leiten lässt, sondern einen neuen Weg beschritten hat. Er hat sich für Jesus Christus entschieden, und dafür hatte er ganz andere Gründe. Diese Entscheidung war unüblich, und zwar so, dass die Griechen sie für dumm und töricht hielten und die Juden für ärgerlich und anstößig. Sie entsprach keinem der bekannten Verhaltensmuster, denn dahinter stand weder eine kluge Lehre noch eine Tradition oder eine Gewohnheit. Sie hatte auch nichts mit Spaß und Lust zu tun.
Im Gegenteil: Paulus folgte dem Gekreuzigten! Auch seine Predigt war die Botschaft vom Kreuz, und das fiel auf und erregte Anstoß. Die Juden fanden das schrecklich und armselig. Denn sie glaubten an die Macht und Größe Gottes. Sie stellten sich einen herrlichen Gott vor, der schön und gewaltig ist, der die Welt fest und sicher in der Hand hält und irgendwann alle Feinde besiegt. Darauf vertrauten die Juden, und dem entsprach der gekreuzigte Jesus in ihren Augen ganz und gar nicht.
Und so ähnlich ging es auch den Griechen. Sie setzten alles auf die Weisheit, schulten ihre Urteilskraft und ihre Einsicht. Sie strebten nach Erkenntnis und Klugheit und versuchten, damit die Welt zu verstehen und die Wahrheit zu erfahren. Deshalb war die Botschaft vom Kreuz für sie nichts anderes als eine große Torheit, ein albernes und unvernünftiges Gerede. Sie hielten die Christen für dumm oder sogar verrückt.
Beide Gruppen konnten mit dem Kreuz Jesu nichts anfangen, denn es stand im krassen Gegensatz zu dem, woran sie glaubten und worauf sie setzten.
Und so geht es bis heute vielen Menschen. Sie möchten sich das Sterben Jesu nicht vorstellen, denn sein ausgezehrter und hässlicher Körper stößt sie ab. Sie können nicht verstehen, warum gerade die Hinrichtung Jesu so wichtig für uns ist und wir ausgerechnet dieses Bild in vielen Kirchen aufhängen. Und auch wenn wir nur das Symbol des Kreuzes ohne den Körper Jesu betonen, lehnen sie das ab.
Möglicher weise geht es euch und Ihnen auch so: Was soll das? Warum ist das Kreuz so zentral für unseren Glauben? Und wie kann es sein, dass Menschen darin Trost finden und Jesus nachfolgen?
In unserer Epistel von heute gibt Paulus darauf eine Antwort, indem er sagt: Jesus nachzufolgen, ist zwar ein ungewöhnlicher Weg, aber wer ihn geht, findet dabei etwas ganz Neues, etwas, das man sonst nirgends findet. Man kann das nicht mit dem Verstand nachvollziehen, und es wird auch niemandem vorgeschrieben, aber das alles zählt bei Jesus auch nicht, und das ist bemerkenswert und wohltuend:
Man muss weder klug noch gut sein. Jesus schreibt uns keine Gebote oder Verhaltensregeln vor. Er liebt uns, so wie wir sind. Er lässt uns nie allein und schenkt uns das, was wir alle suchen umsonst, ohne dass wir darüber nachgrübeln oder uns anstrengen müssen: Rettung und Heil, Erkenntnis und Wahrheit. Wir müssen uns nur für ihn entscheiden, auf seine Stimme hören und ihr folgen. Und da führen uns nicht unsere Klugheit hin, auch kein Gebot und keine Lust, sondern allein das Vertrauen und die Liebe.
Lasst uns also fragen, wie wir Jesus finden und an ihn glauben können. Wie und wo hören wir seine Stimme? Vielleicht folgen wir ihr auch deshalb nicht, weil sie oft so leise ist. Die anderen Stimmen sind lauter und überzeugender.
Deshalb ist es wichtig, dass wir als erstes selber leise werden und in uns hineinhorchen. Jesus spricht nämlich in unserem Inneren zu uns. Das merken wir, wenn wir zu ihm beten, ihn loben und ihm danken. Dann wird er in uns lebendig.
Es ist deshalb wichtig, dass wir das immer wieder tun: In uns gehen, uns nicht ablenken lassen, unbeirrt und wachsam bleiben. Um die Stimme Jesu zu hören und ihr zu folgen, müssen wir mit allem anderen vorübergehend aufhören. Diejenigen, die am liebsten nachdenken, müssen einmal eine Denkpause einlegen. Anstatt nach ihren Gedanken zu handeln, müssten sie sie vorbeiziehen lassen. Sie dürfen ihren Kopf ausruhen. Die anderen, die am liebsten den Traditionen und Gewohnheiten folgen, sollten alles, was sie wichtig finden, einmal hinterfragen und sich für neues öffnen. Sie müssen sich bewegen und etwas wagen. Und für den Fall, dass wir am liebsten unserer Lust folgen, gilt es, das einmal zu kontrollieren und sich in Selbstdisziplin und Zurückhaltung zu üben
Das ist alles natürlich nicht ganz einfach, denn wir handeln so, wie wir es sonst tun, damit es uns gut geht. Egal, wodurch unsere Entscheidungen zu Stande kommen, wir wollen damit das Leid vermeiden, glücklich und gesund sein. Wir suchen Geborgenheit und Sicherheit. Deshalb denken wir nach, folgen dem allgemeinen Trend oder tun, was Spaß macht. Wenn wir diese Verhaltensweisen ändern oder lassen, haben wir zunächst das Gefühl, jetzt geht gar nichts mehr. Vielleicht haben wir auch Angst davor, denn wir sehen das Ergebnis nicht.
Doch das ist tatsächlich nur ein Gefühl. Und wir sollten ehrlich sein: Es gelingt doch sowieso lange nicht immer, dass wir das Glück finden und ein gutes Leben haben. Im Gegenteil, oft werden wir in die Irre geführt. Auch wenn wir noch so klug sind, wir erkennen nie die ganze Wahrheit. Ein Gelehrter weiß noch lange nicht alles über das Leben. Gewohnheiten machen uns unbeweglich und Gesetze starr. Und die Gefühle täuschen uns am ehesten. Es ist auch egoistisch, wenn wir die Lust zu sehr betonen. Letzten Endes macht sie uns einsam, wir bleiben in uns selbst gefangen. Oft verlieren wir also mehr, als wir gewinnen, wir müssen das nur zugeben und klar sehen. Dann sind wir schon viel bereiter, einmal all das loszulassen und stattdessen auf Jesus zu vertrauen.
Wir müssen davor keine Angst haben, auch wenn der Ausgang zunächst ungewiss ist. Denn er enttäuscht uns nicht. Er verspricht uns zwar nicht, dass wir vor dem Leiden verschont werden, und das Leben nur noch schön ist. Aber er hilft uns, auch das Schwere zu tragen. Wenn wir ihm folgen, lernen wir, die Trübsal und die Not in unsrem Leben auszuhalten und sie sogar anzunehmen. Er lehrt uns, zu „unterscheiden“ zwischen dem, was gut und dem was schlecht für uns ist, klarer zu sehen und uns gegebenenfalls auch einmal von etwas zu „verabschieden“, das uns schadet. Durch seine Liebe können wir loslassen, denn Jesus hält uns fest und macht uns stark. An seiner Hand gehen wir sicher, er führt uns den Weg durch das Schwere hindurch, wir müssen ihm nur treu bleiben.
Das ist kein gewöhnlicher Weg, denn normalerweise zählen in unserer Gesellschaft Klugheit und Stärke. Wer etwas leistet, kommt weiter, wer sich anpasst, findet Anerkennung. Wer dagegen schwach oder arm ist, wird schnell an den Rand gedrängt. Wir finden uns ja auch selber schlecht, wenn wir leiden und unser Leben mal nicht glänzt. Aber Jesus will uns genau in diesen Stunden oder Tagen. Dann beachtet er uns mehr, als zu jeder anderen Zeit. Denn er fragt nicht nach unserer Stärke oder Klugheit, sondern nach unserer Schwäche, nach unseren Fehlern und Niederlagen. Er will uns auffangen und mit seiner Gnade und Liebe an uns handeln. Wir müssen ihm das nur zutrauen.
Dann finden wir die Geborgenheit, die wir suchen, alles, wonach wir uns sehnen. Das Leben mit Jesus ist wie eine große Umarmung: Jesus breitet seine Arme aus und nimmt uns an, denn er hat uns unendlich lieb.
Amen.