Das Ja zum Kreuz Christi

Predigt über Jesaja 52, 13- 15; 53, 1- 12: Das stellvertretende Leiden und die Herrlichkeit des Gottesknechtes

Karfreitag, 2.4.2021, 9.30 Uhr, Lutherkirche

Liebe Gemeinde.

„Wer weiß, wofür das gut ist.“ Das sagen Eltern gerne zu ihren heranwachsenden Kindern, wenn diese bereits Pläne haben und eigene Wege gehen. Sie wünschen sich vieles, haben Träume und malen sich in der Phantasie aus, wie ihr Leben verlaufen soll. Doch das klappt nicht immer so, wie sie es erhoffen: Beziehungen zerbrechen oder kommen gar nicht erst zu Stande, Bewerbungen werden abgelehnt, die Fähigkeiten reichen nicht aus, um die Ziele zu erreichen, Ideen erweisen sich als nicht tragbar usw. Als Erwachsene kennen wir das bereits, haben aber oft auch die Erfahrung gemacht, dass ein Scheitern noch lange nicht das Ende des Lebens bedeutet. Im Gegenteil, es war gut, denn dadurch haben sich andere, bessere Wege eröffnet. Rückblickend stellt sich jedenfalls vieles ganz anders dar, so dass wir manchmal sogar dankbar dafür sind, dass unsere ursprünglichen Vorhaben nicht Wirklichkeit wurden. Oft legen wir uns die Dinge im Nachhinein auch so zurecht, dass alles zusammenpasst und einen Sinn ergibt.

Die ersten Christen taten das ebenso, denn sie mussten ein tragisches Ereignis verarbeiten, das sie tief erschüttert hatte: Es war der Kreuzestod Jesu. Warum musste der, dem sie vertraut und den sie verehrt hatten, der ihnen so viel Gutes gebracht hatte, der sie geliebt und befreit hatte, so schändlich sterben? Warum hat er sich nicht gewehrt, warum hat die Gemeinheit gesiegt, die Bosheit und Ungerechtigkeit? Was war der Sinn für diese katastrophale Niederlage? Das fragten sie sich, und dabei stießen sie auf Texte im Alten Testament. Das hatte Jesus ja selber oft zitiert. Er hatte sich auf die Verheißungen der Propheten berufen, um seine Sendung zu erklären und zu rechtfertigen. So lag es nahe, auch nach seinem Tod die Schrift zu Rate zu ziehen. Und die Apostel fanden etwas, das passte haargenau auf sein Schicksal. Es sind die sogenannten Gottesknechtslieder im Buch des Propheten Jesaja. Es gibt davon vier, und sie handeln alle von einem Mann, der von Gott für einen besonderen Auftrag auserwählt wurde. Seine Aufgabe war es, die Müden aufzurichten, die Gefangenen zu befreien, Israel zu sammeln und den Heiden das Licht zu bringen. Gott gab ihm dafür seinen Geist und verlieh ihm eine besondere innere Kraft. Die brauchte er auch, denn er wurde nicht von allen geliebt. Anfeindungen kamen auf ihn zu, er wurde verfolgt und gedemütigt. Er geriet in schweres Leid. Und weil all das genau das Schicksal Jesu beschreibt, wurden diese Texte als eine Vorhersage verstanden. In dem vierten Lied ergeht es dem Gottesknecht am schlimmsten, denn es beschreibt seinen Tod. Es ist deshalb die alttestamentliche Lesung für Karfreitag und heute unser Predigttext. David liest ihn uns jetzt vor.

Jesaja 52, 13- 15; 53, 1- 12

5213 Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.
14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder,
15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.
53 1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?
2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.
7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.
8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war.
9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.
10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.

11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.
12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“

Das ist der Abschnitt aus dem AltenTestament für den heutigen Tag. Hier ist von einem Menschen die Rede, der vollkommen aus dem Rahmen fällt, der als Gegenbild zu jeglicher Menschengröße und Menschenehre erscheint. Er war keine interessante Figur, keine eindrucksvolle Persönlichkeit, sondern ein Außenseiter, der von seiner Umgebung verachtet und gemieden wurde, weil er Krankheit und Schmerzen erlitt, gebrandmarkt durch Qualen, ausgestoßen aus der menschlichen Gemeinschaft, zerschlagen, gestorben und ehrlos begraben. Doch ausgerechnet er wird von Gott erwählt, erhöht und zum Sieger erklärt. Denn alles Übel, alle Schuld zieht er auf sich, so dass die wirklich Schuldigen wegen seiner Leiden Gesundheit und eine unangefochtene soziale Stellung behalten. 

Das erfahren wir hier. Doch von wem redet der Prophet eigentlich? Das ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es kann sein, dass er sich selber meint, vieles lässt darauf schließen. Seine Worte beschreiben jedenfalls genau das Prophetenamt, denn oft gehörten Anfeindungen und Schmähungen dazu. Das erfuhren die Propheten in Israel nicht selten. Sie erlitten Schläge und Beschimpfungen, Spott und Hohn, wurden gefangen, gefoltert und gelegentlich sogar hingerichtet. Darunter litten sie natürlich und beklagten sich auch oft.

Doch hier liegt nun erstaunlicher Weise keine Klage vor, sondern ein Bekenntnis der Gemeinde. Es wird betont, dass der Prophet trotz allem an Gott festhielt und das Leid annahm. Auch die Wirkung seines Todes wird beschrieben: Sie weist weit über das Geschehen hinaus, in eine andere Zeit, in die Zukunft oder sogar in eine andere Wirklichkeit. „Er wird das Licht Gottes schauen und die Fülle haben.“ So ist das formuliert. Und sein Leiden hat einen Sinn für die Vielen: Er tut es stellvertretend für sie, er nimmt die Sünden der Menschheit auf sich, um ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen. 

Das sind die Worte Jesajas, und es liegt nahe, dass die ersten Christen in dem Geschick dieses Mannes eine Vorhersage für das Leben und Sterben Jesu sahen, denn genauso ist es ihm ergangen.

Aber können wir damit noch etwas anfangen? Jesu Tod als Sühne für unsere Sünden zu verstehen, stößt heutzutage bei vielen Menschen auf Ablehnung. Wir haben keine Opferreligion mehr, wie im alten Israel. Und die Vorstellung, dass Gott seinen Sohn absichtlich hinrichten ließ, ist uns viel zu grausam und zu brutal. Das wollen wir nicht mehr hören, und es fällt uns schwer, das zu glauben.

Doch was machen wir dann mit dem Kreuzestod Jesu? Wir kommen um diese Tatsache, dass er so schmählich gestorben ist, nicht herum. Wir müssen also bedenken, welchen Sinn das ergeben soll. Und wir können in dem Vorgehen der ersten Christen auch eine Möglichkeit der Annäherung entdecken, selbst wenn uns die Vorstellung vom Sühnetod nicht behagt. Denn sie haben „Ja“ zu seinem Sterben gesagt. Sie haben das Kreuz Jesu angenommen und versucht, einen verborgenen Sinn darin zu entdecken. Rückblickend haben sie erkannt, wofür er gut war, und waren dafür dankbar. Und dabei haben sie nicht einfach nur von außen darauf geblickt und eine Theorie entwickelt, sondern sie haben sich in das Geschehen hineinbegeben und ihre eigenen Nöte mitgebracht. Sie haben geglaubt, dass der Tod Jesu ihnen das Heil bringt, und dem Gekreuzigten „ihre Herzen geschenkt“.

So hat Friedrich von Bodelschwingh es 1938 in dem Lied zum Ausdruck gebracht: „Nun gehören unsere Herzen ganz dem Mann von Golgatha“. (EG 93) Er ist davon ausgegangen, dass es das „Geheimnis des Gerichtes über aller Menschen Schuld“ gibt, und dass Jesus darin eingeweiht war. Und das ist auch nicht schwer, denn dass wir Gott nicht gerecht werden, wissen wir alle. Wir haben unzählige Fehler, sind schwache, unvollkommene Menschen und sterben eines Tages. Vieles von dem, was wir im Leben verkehrt machen, bleibt ungeklärt und ungesühnt, wir nehmen es mit ins Grab. Doch wir müssen deshalb nicht verzweifeln. Es ist vielmehr wichtig, dass wir das zugeben und uns gleichzeitig vor dem Kreuz Christi „verneigen“. Dann kann seine geheime Kraft wirken. Wir müssen „mit Jesus sterben“, dann haben wir auch an seinem Sieg Anteil. (Römer 6,5-11)

Denn den hat er auf Golgatha errungen. Er hat nicht nur „das Gericht“ und den Tod gesehen, sondern auch „das Geheimnis des neuen Lichtes“, das ewige Erbarmen Gottes, das bei seinem Sterben bereits aufstrahlte. Und er hat damit die „Hölle“ und die „Lügenmächte“ überwunden: Ihr Triumph ist nur eine Illusion, denn Christus ist durch das „Tor des Sterbens“ hindurch gedrungen, „und die sonst des Todes Kinder, führt zum Leben er empor.“ Mit seinem Sterben bietet Jesus uns die Gnade Gottes an, das Heil und das ewige Lebe, und es tut gut, wenn wir es entgegennehmen. Das will unser Text uns sagen, und auch Bodelschwingh mit seinem Lied.

Er hat auch noch weitere hilfreiche Worte gefunden, die uns zum Kreuz Christi einen Zugang eröffnen. Denn er spricht vom „heilgem Stilleschweigen“ und lädt dazu ein. Wir sollen uns „tief und tiefer vor dem Wunder verneigen, das geschah.“ Und das ist ein guter Ratschlag, denn dann hören wir auf, über all das, was uns zu schaffen macht, zu grübeln. Gerade in einer Krise, wie wir sie z.Zt. erleben, ist das hilfreich. Wir wissen jetzt nicht, wofür sie gut ist. Es ist ein riesengroßes Desaster, und wir sind mit unserem Latein langsam am Ende. Das erleben wir auch in anderen Situationen, denn wir kennen das Scheitern und die Niederlage, das Zerplatzen von Träumen und die Unerfüllbarkeit von Wünschen. Aber gerade dann, wenn es uns so geht, ist es gut, einfach beim Kreuz Christi zu „stehen“, um den „Anblick seiner Gnad“ zu bitten und ihn zu umarmen, wie Paul Gerhard sagt. (EG 85,4.6)

Sein Tod war noch viel unbegreiflicher und ungerechter als alles, was wir erfahren. Trotzdem – oder gerade deshalb – sind wir eingeladen, dazu ja zu sagen und mit Bodelschwingh zu beten: „Ja, wir danken deinen Schmerzen; ja, wir preisen deine Treu; ja, wir dienen dir von Herzen; ja, du machst einst alles neu.“ (EG 93,4)

Dann merken wir selber, „wozu das Kreuz gut war“. Es war kein Scheitern, sondern hat neue Wege eröffnet. So lasst uns rückblickend dafür dankbar sein und uns der geheimen Wirkung des Kreuzestodes Jesu überlassen. Amen.

Nun gehören unsre Herzen
ganz dem Mann von Golgatha,
der in bittern Todesschmerzen
das Geheimnis Gottes sah,
das Geheimnis des Gerichtes
über aller Menschen Schuld,
das Geheimnis neuen Lichtes
aus des Vaters ewger Huld.

Nun in heilgem Stilleschweigen
stehen wir auf Golgatha.
Tief und tiefer wir uns neigen
vor dem Wunder, das geschah,
als der Freie ward zum Knechte
und der Größte ganz gering,
als für Sünder der Gerechte
in des Todes Rachen ging.

Doch ob tausend Todesnächte
liegen über Golgatha,
ob der Hölle Lügenmächte
triumphieren fern und nah,
dennoch dringt als Überwinder
Christus durch des Sterbens Tor;
und die sonst des Todes Kinder,
führt zum Leben er empor.

Schweigen müssen nun die Feinde
vor dem Sieg von Golgatha.
Die begnadigte Gemeinde
sagt zu Christi Wegen: Ja!
Ja, wir danken deinen Schmerzen;
ja, wir preisen deine Treu;
ja, wir dienen dir von Herzen;
ja, du machst einst alles neu.

Friedrich von Bodelschwingh 1938

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