Ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Predigt über Hesekiel 34, 1- 16. 31: Die schlechten Hirten und der rechte Hirte

2. Sonntag nach Ostern, Misericordias Domini, 18.4.2021

9.30 und 11 Uhr Luther- und Jakobikirche Kiel

Liebe Gemeinde.

Wir reden zurzeit viel über Vertrauen. So gab es dazu am Sonnabend vor zwei Wochen auch in der Zeitung einen langen Artikel. Und darunter war eine Statistik abgedruckt, „wem die Deutschen vertrauen“. Die Polizei stand mit 84% ganz oben, private Rundfunksender mit 19% ganz unten. Die Bundesregierung lag mit 61% im mittleren Feld. Das Vertrauen in die Politik sei mit Beginn der Pandemie stetig gesunken, hieß es. Dabei sind wir gerade jetzt darauf angewiesen. Doch wem können wir noch vertrauen? Den Zeitungen, der Wirtschaft oder den Gewerkschaften? Sie kommen in der Statistik noch schlechter weg als die Regierung.

Und was ist mit den Kirchen? Sie stehen erschreckender Weise an vorletzter Stelle! Das kann natürlich damit zusammenhängen, dass sowieso nur noch ungefähr die Hälfte aller Bürger und Bürgerinnen zur Kirche gehören, aktiv beteiligen sich sogar noch weniger. Die Mehrheit der Bevölkerung kann schlicht und ergreifend nichts mit uns anfangen. Vielleicht hätte man deshalb eher fragen sollen, wieviel Gottvertrauen die Menschen haben.

Aber das passt wohl nicht in so eine Umfrage, denn es gibt „einen entscheidenden Unterschied zwischen Gottvertrauen und politischem Vertrauen. Gottvertrauen ist bedingungslos. Es ist an keine Erwartungen geknüpft. Politisches Vertrauen dagegen muss man erwerben, rechtfertigen, zurückgeben.“ So stand es in dem Artikel. („Verlass dich darauf!“ von Thorsten Fuchs, Wochenendjournal von Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung, Sonnabend/Sonntag, 3./4. April 2021, S. 1)

Diese Einsicht hatte auch schon der Prophet Hesekiel. Er lebte in einer Zeit, in der es ebenfalls schwer war, den Politikern zu vertrauen, sie hatten es verspielt, und er lädt deshalb dazu ein, sich ganz auf Gott zu verlassen. Das kommt in einem Abschnitt aus Kapitel 34 zum Ausdruck, in dem es um „schlechte Hirten und den rechten Hirten“ geht. Das ist heute unser Predigttext, der folgendermaßen lautet:

Hesekiel 34, 1- 16. 31:

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
3 Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.
4 Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
5 Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten ha
ben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.
6 Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.
7 Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort!
8 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten,
9 darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort!
10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.
13 Ich will sie au
s allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.
14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.
15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.
16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Das ist ein Teil aus der sogenannten „Hirtenrede“ des Propheten Hesekiel. Sie beginnt mit dem Versagen der „Hirten Israels“. Der Prophet hatte viel an den Verantwortlichen für das Volk auszusetzen. Er meint damit die politischen und religiösen Führer, also den König und die Priester, die damals ganz ähnliche Aufgaben und Verantwortungsbereiche mit viel Macht und Einfluss hatten. Heutzutage sind Staat und Kirche getrennt, das kannte das Alte Testament aber noch nicht.

Was Hesekiel nun den „Hirten“ vorwirft, ist ihr Egoismus und ihre Genusssucht, die Vernachlässigung der Schwachen und die Unterdrückung der Starken. Sie führten das Volk nicht, sondern bereicherten sich selber. Anstatt die Menschen zu sammeln und zu vereinen, überließen sie sie der Verwahrlosung.  

Mit all dem spielt der Prophet auf die Katastrophe von 587 vor Christus an, als der König von Babel das Land erobert und den Tempel zerstört hatte. Israel hatte damit seine Eigenstaatlichkeit verloren, und die Menschen waren zerstreut. Hesekiel lebte mit dem Volk Israel bereits im Exil. Sie litten natürlich unter dieser Situation und waren traurig. Deshalb denkt der Prophet darüber nach, und er deutet das Geschehene als ein Versagen der politischen und religiösen Führer. Die „Hirten“ haben in der langen Geschichte Israels versäumt, was eigentlich ihr Amt gewesen wäre. Das ist sein Vorwurf.

Und so enthält seine Rede zuerst ein Scheltwort. Daran schließt sich die Ankündigung des Gerichtes über die treulosen Hirten an. Aber dann folgt das eigentliche Ziel des Textes, die Zusage, dass Gott selbst sich seines Volkes annehmen wird. Damit möchte der Prophet seine Mitmenschen trösten und ihnen eine Perspektive geben: Gott wird eingreifen, und sein Verhalten wird ganz anders sein, als das der menschlichen Führer.

Er wird ihr Leid beenden. Es soll ihnen allen gut gehen, er verspricht ihnen Reichtum und Fülle. „Verlorene wird er finden, Verirrte zurückbringen, Verwundete verbinden und Schwache stärken.“ Er wird immer bei ihnen bleiben und sich um sein Volk kümmern, sie beschützen und bewahren und ihnen den rechten Weg zeigen. Das ist die Verheißung des Propheten Hesekiel an sein Volk, die mit dem Satz zusammengefasst wird: „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.“

Für uns Christen hat sich diese Verheißung erfüllt. Denn wir glauben, dass Gott durch Jesus Christus in dieser Weise bei uns ist. Er ist der „gute Hirte“ , und wir sind seine Herde. (Johannes 10,11.14) Auch die Kirche dürfen wir so verstehen. Eigentlich ist sie der Ort und die Gemeinschaft, an dem das erlebbar wird.

Doch offensichtlich ist das nicht der Fall, sonst würden viel mehr Menschen Vertrauen in die Kirche haben. Und das wäre auch gut, denn das brauchen wir dringend, gerade in dieser Zeit. Was können wir also dazu tun, damit die Kirche ein Ort ist, an dem die Menschen in Berührung mit Gott kommen, sich an seiner Gegenwart erfreuen und neuen Mut schöpfen?

Das müssen wir uns fragen, und dafür gibt uns der Text auch einen Hinweis, indem er nämlich den Kontrast zwischen den menschlichen Hirten und dem „wahren Hirten“ hervorhebt. Das können wir gut auf uns anwenden. Unsere „Hirten“ sind zwar nicht so egoistisch und rücksichtslos, wie Hesekiel es beschreibt, aber mit dem Gottvertrauen hapert es ebenfalls oft. Auch wenn sie die Schwachen nicht vernachlässigen und es nicht böse meinen, vertrauen sie oft doch eher auf ihre eigene Kraft. Die unbegrenzten Möglichkeiten Gottes werden gerne ignoriert. Und dadurch ist alles sehr menschlich und eigenwillig geworden. Pastorinnen und Mitarbeiter, Oberkirchenräte und Theologinnen, sie alle trauen sich selber am ehesten zu, die Menschen zu versammeln und ihnen Gutes zu tun. Professionelle Methoden, Ideen und Strategien stehen im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns.

Aber nicht umsonst hat Luther für ein Priestertum aller Gläubigen plädiert, d.h. es kommt auf alle an, jeden und jede Einzelne. Und sie müssen nicht besonders gut ausgebildet sein, sondern hauptsächlich auf Gott vertrauen. Entscheidend ist der lebendige Glaube, das Wissen um Gottes Gegenwart und sein Handeln. Dem müssen wir Raum geben.

Und das kommt nicht einfach nur so, dafür müssen wir uns Zeit nehmen und es auch einüben. Denn es ist eine andere Art des Vertrauens als das rein menschliche oder politische, es ist „bedingungslos und ohne Erwartungen“. Und das heißt, wir müssen alle Erwartungen an andere oder an das Leben zunächst einmal loslassen, nichts mehr wollen oder selber machen.

Das ist nicht so ganz leicht, weil wir uns eigentlich immer etwas wünschen und uns dafür dann einsetzen. Das Leben ist nie ganz so, wie wir es gern hätten, und das macht uns zu schaffen. Wir wollen etwas dagegen tun, denn wir leiden unter unserer Kümmerlichkeit und Schwäche, an unseren Grenzen, unserer Sehnsucht und vielem mehr. Doch anstatt das unbedingt abschaffen zu wollen, wäre es gut, wenn wir es zunächst einmal aushalten, unsere Unzufriedenheit, die Ängste, die Traurigkeit usw. Das wäre der erste Schritt zu einem lebendigen Gottvertrauen, dass wir all das Schwere im Leben einfach nur wahrnehmen, es anschauen und ertragen.

In einem zweiten Schritt können wir es vor Gott bringen und uns vorstellen, dass er uns auf eine „fette Weide“ führen möchte. Er ist da, und seine Gegenwart ist wie das schöne Land von dem der Prophet spricht. In unserer Phantasie können wir uns die Wirklichkeit Gottes als hohe Berge und lichte Täler vor Augen führen, blühende Wiesen und üppige Felder. Wir können dort verweilen und es uns gut gehen lassen, im Geiste spazieren gehen, uns versorgen lassen und „schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist.“

Dann verschwinden ganz von selber alle „trüben und finsteren“ Gedanken und Gefühle. Wir werden gestärkt und aufgerichtet, „das Verwundete wird verbunden und das Verirrte wird zurückgeführt.“

Und wenn das alle tun, die zur Kirche gehören, dann werden Menschen ganz von alleine Vertrauen in unsere Gemeinschaft fassen. Denn dann können sie bei uns erleben, dass sie gehalten und behütet sind, beschützt und geliebt. Und wer weiß, vielleicht rücken wir dadurch in der Statistik „wem die Deutschen vertrauen“ auch wieder weiter nach oben.

Möge Gott selber uns dazu verhelfen. Amen.

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