Das Licht in der Finsternis

Predigt über Jesaja 9, 1- 6: Der Friedefürst wird verheißen

Heiligabend, 24.12.2018, 17 und 23 Uhr, Jakobi- und Lutherkirche Kiel

Jesaja 9, 1- 6

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.
4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

 Liebe Gemeinde.

Besitzen Sie eine Lichtdusche? Vielleicht haben Sie heute ja eine geschenkt bekommen. Es ist eine Lampe, die das Sonnenlicht simuliert. Mit einer Stärke von 2500 bis 10000 Lux entspricht sie dem natürlichen Tageslicht, und es ist notwendig, sich dem täglich auszusetzen, gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit. Denn es ist erwiesen, dass sich das Licht auf den Körper und die Seele auswirkt. Man nennt das „Lichttherapie“. Dabei wird die Bestrahlung mit hellem Licht genutzt, um psychische Erkrankungen zu heilen, insbesondere die winterliche Depression. Schon eine halbe Stunde Aufenthalt im Wirkungskreis einer Lichtdusche kann für eine deutliche Verbesserung der Symptome sorgen, sagen die Anbieter. Das Licht vertreibt die Dunkelheit, es weckt Freude und neue Energie.

Deshalb ist es auch ein Symbol für Jesus Christus, von dem wir glauben, dass er der Sohn Gottes ist, und damit der wahre Lebensspender. Jesus sagt selber: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Johannes 8, 12)  Und im Alten Testament gibt es diese Symbolik ebenfalls, wie z.B. in der Verheißung des Propheten Jesaja, die wir vorhin gehört haben. Da wird ein großes Licht angekündigt, das von Gott kommt, und alle Finsternis vertreibt. Die Botschaft beginnt mit den Worten: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Das ist eine sehr schöne Prophezeiung, und die Christen haben sie von Anfang an auf Jesus Christus übertragen. Für uns ist sie durch seine Geburt in Erfüllung gegangen.

Aber was heißt das nun, und ist das berechtigt? Scheint das göttliche Licht in Jesus Christus wirklich auf? Diese Fragen haben wir, denn offensichtlich ist das nicht. Lassen Sie uns deshalb darüber nachdenken, und uns zunächst klar machen, was der Prophet Jesaja selber mit seiner Verheißung meinte.

Er ist einer der großen alttestamentlichen Schriftpropheten und wirkte in einer Zeit, als Juda durch die Großmacht Assyrien bedroht wurde. Das Volk hatte also Angst und verlor langsam die Hoffnung, das ist der Hintergrund. Jesaja wollte den Menschen Mut machen. Deshalb verkündete er eine gewaltige Wende, und versprach den Israeliten im Namen Gottes einen universalen Frieden, Gerechtigkeit und Heil. Er verhieß ihnen den zukünftigen Messias: Der wird ein gerechter Richter und Retter der Armen sein, so lautet seine Botschaft.

Dabei ist der Abschnitt, den wir gehört haben, so etwas wie ein Auftragsgedicht für seine Thronbesteigungsfeier. Jesaja erinnert darin unter anderem an einen Tag in der Vergangenheit des Volkes, an dem die Israeliten mit Gottes Kraft einen herrlichen Sieg über ihre Feinde errungen hatten, mit nur ganz geringer menschlicher Macht. So etwas wird wieder geschehen, sagt Jesaja. Denn Gott wird ihnen einen Retter „geben“, wie es heißt. Dahinter steht die Vorstellung, dass ein König von der Gottheit gezeugt wurde. Und er erhält besondere Namen, auch das gehörte zu einer Thronbesteigungsfeier. Sie lauten: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“.

Zum Schluss sagt der Prophet: „Auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“

Das ist die Verheißung Jesajas, und die haben die Christen wie gesagt auf Jesus bezogen. Sie sehen in ihm diesen Retter, der die Finsternis vertreibt und eine ewige Herrschaft des Friedens aufrichtet.

Aber tun sie das eigentlich zu Recht, das hatten wir gefragt. Und was bedeutet das? Wo und wann erleben wir davon denn etwas? Die Welt hat sich in den letzten 2000 Jahren, seit Christus erschienen ist, doch so gut wie gar nicht geändert! Es gibt keinen Frieden und keine Gerechtigkeit, und schon gar keine Wunder. Was soll das also, dass wir so etwas alles in Jesus sehen? Er scheint machtlos zu sein, sein Licht leuchtet gar nicht. Das denken viele, und deshalb helfen sie sich lieber selber.

Wenn wir in die Welt schauen und auf unsere Erfahrungen vertrauen, ist das auch verständlich, denn es gibt viel Dunkelheit, die niemand vertreibt. Wir hören von Kriegen und Katastrophen, Menschen hungern und leiden, sie werden ausgebeutet, gefoltert und ermordet. Das war schon immer so und ist heutzutage nicht anders. Wir wissen, dass es sogar in unserem Land viel Ungerechtigkeit und Armut gibt. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen. Ebenso wichtig ist es, dass wir tun, was wir können, damit all das aufhört. Die Vision des Propheten bzw. die Weihnachtsbotschaft entlassen uns nicht aus unserer Verantwortung für die Welt, geschweige denn, dass sie uns zum Nichtstun einladen.

Das Ziel ist ein ganz anderes, und um das zu verstehen, ist es gut, wenn wir zunächst in unser persönliches Leben schauen und sie darauf anwenden. Da gibt es ja auch viel Leid und Dunkelheit. Oft sind wir selber schwach und traurig, nicht nur durch diese kalte und trübe Jahreszeit. Vielleicht ist kürzlich in Ihrer Familie etwas geschehen, das das Leben verdüstert hat: Eine Trennung, ein Unfall, ein Jobverlust, eine Krankheit. Das Gefühl der Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit dominiert dann, Enttäuschung, Angst und Zweifel.

Doch auch wenn hoffentlich zurzeit alles ruhig ist, kennen wir diese Gefühle alle. Kein Leben ist frei von Leid, es gehört dazu. Das müssen wir zugeben und uns eingestehen, denn darauf bezieht sich die Verheißung der Bibel. Der Prophet spricht in eine Zeit der Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit hinein, und er lädt uns zu einem ganz bestimmten Umgang damit ein.

Normalerweise helfen wir uns ja irgendwie selber, wenn es uns schlecht geht. Wir suchen Rat bei anderen Menschen, strengen uns an oder lenken uns ab. Auch eine Lichttherapie oder andere medizinische und psychologische Maßnahmen können die Dunkelheit vertreiben. Aber reicht das? Und ist der Effekt von Dauer? Oft bleiben unsere Versuche, uns selber zu retten, unzureichend. Es gelingt uns nicht richtig, denn viele Nöte lassen sich gar nicht therapieren.

Und das liegt nicht an den falschen Maßnahmen, sondern daran, dass die Ursachen viel weitreichender sind, als wir ahnen. Sie hängen damit zusammen, dass wir letzten Endes alle dem Tod und der Sünde verfallen sind. Das Leben ist vergänglich, und niemand bleibt im Laufe seines Lebens frei von Schuld. Die Dunkelheit ist eine Tatsache, die wir nicht vertreiben können. Sie gehört zu der Wirklichkeit unseres Daseins, und das lässt sich auch nicht ändern, wir müssen das aushalten. Und genau das ist der erste Schritt, der sich aus der biblischen Verheißung ergibt: Uns wird nahe gelegt, nicht mehr aus eigener Kraft gegen das Leid anzukämpfen, sondern es anzunehmen, d.h. still zu werden und erst einmal auszuharren.

Wir können das, weil es ein viel größeres Licht gibt, als wir ahnen: Es kommt von Gott, denn sein Jesus Christus ist in dieser Welt erschienen, und wir sind eingeladen, uns seinem Licht auszusetzen. Das ist der zweite Schritt. Wir müssen nur zu ihm gehen, uns ihm öffnen und ihn in unser Leben hineinlassen. Ohne an ihn zu glauben, entdecken wir ihn nicht. Wenn wir ihm aber vertrauen, kann er in uns und an uns wirken. Und das geht viel tiefer als jede Therapie. Denn sein Licht scheint uns nicht nur an, wie eine Lichtdusche das tut, es umfängt uns ganz, es ergreift den Geist und die Seele. Wir werden mit allem, was uns belastet, aufgefangen, mit Licht umhüllt und durchflutet. Uns wird eine tiefe Ruhe geschenkt, unsere Seele wird friedlich.

Das machen die Namen deutlich, die ihm von dem Propheten gegeben sind. Sie enthalten die Wörter „wunderbar“, „göttlich.“ und „ewig“. Das besagt, dass Jesus Geheimnisse enthüllen kann, die nicht mit der Vernunft zu fassen sind. Er ist größer als die Welt und hat ungeahnte Möglichkeiten. Er kann das Böse überwinden und uns innerlich stark machen. Er beschützt und trägt, er rettet und befreit. Und er bleibt immer da. Seine Gegenwart wird bis in eine unbegrenzte Zukunft hinein weitergehen.

All das können wir erfahren, wenn wir uns Christus zuwenden. Seine Macht zieht dann in unser Leben ein, sein Licht leuchtet auf und verändert alles. Jesus hat nicht mit Gewalt in diese Welt eingegriffen, aber eine neue, göttliche Wirklichkeit ist durch ihn in diese Welt gekommen, und wir entdecken sie, wenn wir uns darauf einlassen.

Es ist deshalb auch nicht nur unsere Privatsache, wenn wir das Licht Christi suchen und finden. Das ist kein ausschließlich innerlicher oder individualistischer Vorgang. Wenn Christus in ein Leben einzieht und es verändert, scheint das göttliche Licht vielmehr auch in dieser Welt, denn unser Handeln verändert sich dadurch, das, was wir sagen und wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Wann immer Menschen sich zu Christus bekehren, kommt sein Friede in die Welt und das Böse wird überwunden. Denn die Anderen spüren das große und helle Licht und werden davon angesteckt.

Deshalb lautet sein letzter Name „Friedefürst“, man kann auch sagen „Befehlshaber des Friedens“. D.h. er wacht darüber, dass Frieden in den Menschen ist und passt darauf auf, dass er erhalten bleibt. Er garantiert ihn, d.h. er sorgt für Stabilität und Ruhe, Wohlergehen und Heil.

Die Verheißung des Propheten und die Weihnachtsbotschaft entlassen uns also nicht aus der Verantwortung oder dem Handeln, sondern fordern uns dazu auf, dass Christus in unserem Leben und damit in der Welt vorkommt, dass sein Licht leuchtet und die Menschen es sehen. Wir müssen zwar nicht selber diese Welt verändern, aber wir können zeigen, dass sich etwas verändert hat. Wir können und sollen Zeichen setzen, Hinweise geben und Botschafter des Friedens sein.

Zum Glück tun das auch viele Christen, und wer weiß, vielleicht sähe diese Welt noch viel düsterer aus, wenn es sie nicht gäbe. Heute sind wir alle dazu eingeladen, die Verheißung Gottes anzunehmen, uns auf ihn zu verlassen, das Wunder der Geburt seines Sohnes zu bestaunen und uns von ihm lieben zu lassen.

Das Licht, das wir anzünden, kann dafür ein schönes Symbol sein. Es liegt nahe, dass wir in der Weihnachtszeit Kerzen brennen lassen. Verglichen mit anderen Lichtquellen sind sie zwar nicht besonders hell – eine Kerze hat die Stärke von gerade mal einem Lux – aber sie vertreibt die Dunkelheit im Raum und erzählt uns etwas von dem großen Licht, das Gott zu Weihnachten aufscheinen lässt.

Amen.

2 Gedanken zu “Das Licht in der Finsternis

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